Gesamttext überarbeitet 17. Juni - Geschichtswerkstatt Jena eV

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Gesamttext überarbeitet 17. Juni - Geschichtswerkstatt Jena eV

Der 17. Juni und seine Folgen

Von Henning Pietzsch

Am 16. und 17. Juni 1953 1 erhoben sich in über 700 Orten der DDR mehr als eine Million

Menschen, um gegen die SED-Diktatur zu demonstrieren.

Was als Streik gegen Normenerhöhungen begann, entwickelte sich zum Volksaufstand gegen

die kommunistischen Machthaber. Das Volk forderte freie Wahlen und Demokratie,

verbesserte Lebens- und Arbeitsbedingungen sowie die deutsche Einheit. Der Aufstand wurde

von sowjetischen Panzern blutig niedergeschlagen, mehr als 50 Todesopfer waren zu

beklagen, die Anführer der Streikbewegung wurden verhaftet. Während der Aufstand in der

Bundesrepublik als mutiges Signal gegen die Diktatur in der DDR verstanden und nur wenige

Wochen danach der 17. Juni zum Tag der Deutschen Einheit 2 erklärt wurde, verfolgte und

brandmarkte die DDR-Regierung die Demonstranten, den Aufstand selbst diffamierte die

SED als faschistischen Putsch.

Vorgeschichte des 17. Juni

1952 erklärte die SED-Führung den „planmäßigen Aufbau des Sozialismus“ 3 zur

grundlegenden Aufgabe des Staates. Gleichzeitig trieb sie den Prozess der 'Sowjetisierung' 4

1 Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Siebzehnter_Juni_1953; http://www.17juni53.de/home/index.html; Der 17.

Juni in Thüringen, Vorgeschichte, Ereignisse, Folgen, In: Gerbergasse 18, Sonderheft 29 II/2003. Hg.

Geschichtswerkstatt Jena und der Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der

ehemaligen DDR in Thüringen, Erfurt; Andreas Karmrodt: Der 17. Juni 1953 in Jena, Volk – Polizei – Partei,

Hg. Der Landesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR in Thüringen,

Erfurt 1997.

2 Von 1954 bis 1990 war der 17. Juni in der Bundesrepublik Deutschland im Gedenken an den Volksaufstand in

der DDR als Siebzehnter Juni 1953 gesetzlicher Feiertag, ebenfalls bekannt unter dem Namen „Tag der

deutschen Einheit“ (mit kleinem „d“). Seit 1963 ist er durch Proklamation des Bundespräsidenten „Nationaler

Gedenktag des Deutschen Volkes“. Der Tag der Deutschen Einheit am 3. Oktober ist laut Einigungsvertrag seit

1990 Deutschlands Nationalfeiertag, da an diesem Datum die Deutsche Wiedervereinigung vollzogen wurde.

Der 3. Oktober ist seither gesetzlicher Feiertag der Bundesrepublik Deutschland. vgl.

http://de.wikipedia.org/wiki/Tag_der_Deutschen_Einheit.

3 „Die politischen und die ökonomischen Bedingungen der Arbeiterklasse und der Mehrheit der Werktätigen

sind soweit entwickelt, daß der Aufbau des Sozialismus zur grundlegenden Aufgabe in der Deutschen

Demokratischen Republik geworden ist. Das deutsche Volk, aus dem die bedeutendsten deutschen

Wissenschaftler Karl Marx und Friedrich Engels, die Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus

hervorgegangen sind, wird unter Führung der Arbeiterklasse die großen Ideen des Sozialismus verwirklichen.

[...]“, vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Aufbau_des_Sozialismus.

4 Die Sowjetisierung der sowjetischen Besatzungszone lässt sich an folgenden Beispielen belegen:

- Besetzung der politischen Schlüsselpositionen durch linientreue kommunistische Funktionäre der

Gruppe Ulbricht, die bereits kurz vor Kriegsende aus Moskau nach Deutschland eingeflogen worden

war; - Zulassung politischer Parteien bereits am 10.Juni 1945 (Befehl Nr. 2 der SMAD), damit Vorgriff


der Gesellschaft voran und teilte die bisherigen 5 Länder in 14 Bezirke und 217 Kreise auf 5 .

Außerdem stellte sie die verbliebenen Privatunternehmen in Frage: Insbesondere Bauern und

kleine Handels- und Gewerbebetriebe sollten durch erhöhte Steuerabgaben zur Aufgabe ihrer

Selbstständigkeit gezwungen werden. Auch der Kurs gegenüber den Kirchen verschärfte

sich. 6 Fast ein Jahr später, am 28. Mai 1953 beschloss das Zentralkomitee 7 der SED eine

Erhöhung der Arbeitsnormen um 10,3 %. Das Politbüro der KPdSU 8 warnte die SED-

Führung daraufhin vor einem zu starren und harten Kurs beim Aufbau des Sozialismus. Die

Genossen der SED-Führung beschlossen am 11. Juni 1953 den gegensätzlich zur

ursprünglichen Politik gerichteten „Neuen Kurs“ 9 . Dieser beinhaltete nun zahlreiche

auf die erst in Potsdam geschlossene Vereinbarung über das gemeinsame Vorgehen; - Neugründung der KPD am

11. Juni 1945 als erste Partei der SBZ, was ihr einen erheblichen Vorteil gegenüber den anderen Parteien

verschaffte; - Zusammenschluss der Parteien im Juli 1945 zur „Einheitsfront der antifaschistisch-demokratischen

Parteien“ (Antifa-Block) unter ideologischer Führung der KPD, um deren Führungsrolle festzuschreiben; -

Zwangsvereinigung der SPD und der KPD zur Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) im Juni 1946,

mit dem Ziel, der im Grunde nicht konkurrenzfähigen KPD die Massenbasis der SPD zu verschaffen; -

großflächige Demontage der Industrie und Überführung der 200 wichtigsten und größten Betriebe als

„Sowjetische Aktiengesellschaften“ in den Besitz der Sowjetunion; - Verstaatlichung der Schwerindustrie; -

Enteignung von 35% der landwirtschaftlichen Nutzfläche („Bodenreform“), unter dem ideologischen Vorwand

der Enteignung der „Junker“ betrieben, sollte aber das selbständige Bauerntum als politischen Faktor

ausschalten; - weitere Maßnahmen zur totalitären Durchdringung des gesellschaftlichen Lebens wie

Justizreform, Kulturreform, Bildungs- und Schulreform, sowie die Gründung von Massenorganisationen (FDGB,

FDJ), um die Gesellschaft in allen ihren Teilen ideologisch zu erfassen.

5 Mecklenburg-Vorpommern, Bandenburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen = 15 Bezirke (Rostock,

Schwerin, Neubrandenburg, Cottbus, Potsdam, Frankfurt/Oder, Magdeburg, Halle, Leipzig, Dresden, Karl-

Marx-Stadt (Chemnitz), Gera, Erfurt und Suhl).

6 Otto Dibelius (Bischof Berlin-Brandenburg) schildert in seiner Autobiographie die Verhältnisse: “Am 17. Juni

erfolgte der Aufstand der Arbeiterschaft in Berlin und dann überall in der russischen Besatzungszone. Er wurde

vom russischen Militär schnell erstickt. Aber er gab den radikalen Elementen, Walter Ulbricht an der Spitze,

sofort wieder Oberwasser. Das wirkte sich auch auf die Kirche aus. Die einmal gemachten Zusagen wurden

gehalten. Aber dann sackte das Verhältnis zwischen kommunistischer Staatsmacht und christlicher Kirche

langsam wieder in den Zustand des Kalten Krieges ab.“ Vgl. Otto Dibelius: Ein Christ ist immer im Dienst,

Stuttgart 1961, S.235.

7 Zentralkomitee der SED, in kommunistischen Parteien ist das Zentralkomitee (ZK) das nominelle

Führungsgremium zwischen den Parteitagen. Es wählt aus seinen Mitgliedern das Politbüro und das Sekretariat,

die eigentlichen Führungs- und Machtinstanzen der Partei. Das ZK der SED wurde zum ersten Mal beim III.

Parteitag der SED im Juli 1950 gewählt (bisher hatte es einen Parteivorstand wie bei anderen Parteien auch

gegeben). Es setzte sich aus Mitgliedern mit vollem Stimmrecht und aus Kandidaten mit beratender Stimme

zusammen. 1950 waren es 51 Mitglieder und 30 Kandidaten. Im Laufe der Jahre vergrößerte sich das ZK; 1986

hatte es 165 Mitglieder und 57 Kandidaten. Teils lag das an der Zunahme der Aufgabenbereiche, teils daran, daß

man besonders verdienstvolle Genossen im ZK beließ, obwohl ihre Arbeit längst von Jüngeren gemacht wurde.

Protokollarisch stand das ZK über dem Ministerrat, wichtige Entscheidungen der Minister wurden stets vorher

mit den Abteilungsleitern im ZK abgestimmt. Das ZK war der 'Kreis der Auserwählten', er verkörperte die

politische Elite des SED-Staates, in ihm herrschte unbedingte Disziplin und absolute Treue zu einmal gefaßten

Beschlüssen. Offene Diskussionen gab es spätestens seit Honeckers Machtantritt nicht mehr.

8 KPDSU = Kommunistische Partei der Sowjetunion

9 Am 11. Juni wurde der „Neue Kurs“ des Politbüros schließlich im Neuen Deutschland verkündet: darin war

durchaus Selbstkritik enthalten. Einige Maßnahmen zum „Aufbau des Sozialismus“ wurden zurückgenommen.

So sollten Steuer- und Preiserhöhungen aufgehoben werden. Handwerker, Einzelhändler und private

Industriebetriebe konnten die Rückgabe ihrer Geschäfte und Betriebe beantragen. Mittelbauern bekamen ihre

zuvor konfiszierten Landmaschinen zurück. Alle Verhaftungen und Urteile sollten überprüft werden.

Abschaltungen des elektrischen Stromes erfolgten nicht mehr. Der Kampf gegen die Junge Gemeinde wurde

eingestellt. Pastoren und kirchliche Mitarbeiter wurden aus der Haft entlassen, konfiszierte Gebäude

zurückgegeben. Wegen kirchlichen Bekenntnisses von der Oberschule verwiesene Schüler mussten wieder


Erleichterungen insbesondere für den verbliebenen bürgerlichen Mittelstand, die Bauern und

kirchliche Gemeinden. Etliche Maßnahmen der letzten Monate wurden zurück genommen.

Die Normerhöhung blieb jedoch bestehen. Am 16. Juni kam es daraufhin zu Streiks auf zwei

Berliner Großbaustellen und einem Protestzug zum DDR-Regierungssitz. Am 17. Juni 1953

folgten flächendeckende Protest. Die SED-Führung bezeichnete den Aufstand ihrerseits als

ein Werk „faschistischer Agenten ausländischer Mächte“.

Ereignisse des 17. Juni

Am Morgen des 17. Juni brach im gesamten Gebiet der DDR etwas aus, was später als

Arbeiteraufstand des 17. Juni in die Geschichtsbücher eingehen sollte. Die Belegschaften vor

allem großer Betriebe traten mit Beginn der Frühschicht in Streik und formierten sich zu

Demonstrationszügen, die sich in die Zentren der größeren Städte richteten. In den Tagen des

Aufstandes war den westlichen Medien und wahrscheinlich auch den meisten Protestierenden

die Dimension der Proteste nicht bewusst. Der RIAS 10 etwa berichtete fast ausschließlich aus

Berlin. Tatsächlich kam es neueren Forschungen zufolge in weit über 700 Orten in der DDR

zu Streiks, Kundgebungen oder Gewalttätigkeiten gegen offizielle Personen oder

Einrichtungen. Die territorialen Schwerpunkte lagen in Berlin und den traditionellen

Industrieregionen, etwa dem 'Chemiedreieck' um Halle-Leipzig. Die Zahl der am Protest

Beteiligten lässt sich dagegen im Nachhinein nicht mehr genau bestimmen. Die Angaben

schwanken zwischen 400.000 und 1,5 Millionen Menschen. Die vielfältigen Proteste fanden

aber durchgehend sehr spontan statt, es gab praktisch weder eine über den Tag hinausgehende

politische Zielplanung, noch Führungskräfte, die den Aufstand überregional organisiert

hätten. Neben Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen kam es an mehreren Orten auch

zu Erstürmungen von Haftanstalten und Befreiung von Häftlingen. Vereinzelt kam es auch zu

Brandstiftungen. Am spektakulärsten war dabei der Brand des Vorzeige-HO-Kaufhauses

aufgenommen und zum Abitur zugelassen werden. Unter dem Strich profitierten vor allem die verbliebenen

bürgerlichen Mittelschichten sowie die Bauern vom „Neuen Kurs“, während die Arbeiter von Vergünstigungen

weitgehend ausgenommen blieben. So blieb die umstrittene Arbeitsnormenerhöhung bestehen, was zu ersten

Unmutsäußerungen bei den Arbeitern führte. Der Kurswechsel der Regierung wurde in allen Teilen der

Bevölkerung mit großem Interesse und teilweise durchaus positiv aufgenommen. Vielfach wurde der Neue Kurs

in der Bevölkerung aber auch als „Bankrotterklärung der SED-Diktatur“ gedeutet. In den folgenden Tagen kam

es zu ersten kleineren Protestversammlungen und Demonstrationen. Am 14. Juni erschien im Neuen

Deutschland, dem Zentralorgan der SED, der Artikel Es ist Zeit, den Holzhammer beiseite zu legen, der die

Durchsetzung der Normenerhöhung anhand einer Reportage über das Baugewerbe kritisch beleuchtete, ohne sie

dabei allerdings generell in Frage zu stellen. Dieser Artikel wurde sehr stark beachtet und wirkte in Verbindung

mit einem zwei Tage später in der Gewerkschaftszeitung Tribüne erschienenen Artikel, der die zehnprozentige

Normenerhöhung als „in vollem Umfang richtig“ rechtfertigte, als Auslöser von Protesten.

10 RIAS = Radio im Amerikanischen Sektor in West-Berlin


Columbus in Berlin 11 . Die meisten Protestierenden waren Arbeiter. Bis 1989 wurde der

Aufstand in der westdeutschen DDR-Forschung dementsprechend primär als Arbeiteraufstand

bezeichnet. Inzwischen ist die Literatur aber vom Begriff des Arbeiteraufstandes abgegangen,

weil am 17. Juni das Widerstandspotential der ganzen Gesellschaft gegen die kommunistische

Diktatur aktiviert wurde. Der Berliner Arbeiterprotest gegen die Normenerhöhung wirkte als

Auslöser für eine regelrechte Volkserhebung, die in der schlechten Stimmung der gesamten

Bevölkerung – noch verstärkt nach dem überraschenden Kurswechsel vom 11. Juni – ihren

Nährboden fand. Beteiligt an den Demonstrationen waren auch solche Schichten und

Berufsgruppen und deren Angehörige, die in der SBZ und DDR ihre Privilegien oder Teile

ihrer Besitztümer verloren hatten. Daneben stießen in Berlin auch Westberliner dazu. Die

Polizei war mit der Entwicklung der Ereignisse letztlich hoffnungslos überfordert, teilweise

liefen Volkspolizisten sogar zu den Demonstranten über. Es kam aber, vor allem in Ost-

Berlin, auch zu blutigen Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei. Die

DDR-Regierung flüchtete sich ihrerseits nach Berlin-Karlshorst unter den Schutz der

sowjetischen Militär-Behörde.

Um 14 Uhr wurde eine Erklärung des Ministerpräsidenten Otto Grotewohl im DDR-

Rundfunk ausgestrahlt: Darin wurde ausdrücklich noch einmal die Rücknahme der

Normenerhöhungen erklärt. Der Aufstand jedoch sei „das Werk von Provokateuren und

faschistischen Agenten ausländischer Mächte und ihrer Helfershelfer aus deutschen

kapitalistischen Monopolen“. Alle „Arbeiter und ehrlichen Bürger“ forderte er auf,

mitzuhelfen, „die Provokateure zu ergreifen und den Staatsorganen zu übergeben“. Diese

Darstellung der Ereignisse als von außen inszenierten, konterrevolutionären Putschversuch

entsprach schon der späteren offiziellen Lesart des 17. Juni in der DDR.

Die heutige Forschung geht davon aus, dass ohne sowjetische Truppen der Aufstand wohl

nicht niedergeschlagen worden wäre. Was dann geschehen wäre, darüber läst sich allerdings

nur spekulieren. Der Vergleich zum Sturz der SED-Herrschaft im Jahr 1989 liegt aber nahe.

Denn 1989 kamen die Sowjets nicht zu Hilfe und der Wille des Volkes setzte sich durch.

11 Der Unmut über Preiserhöhungen, Mängel im Angebot und lange Warteschlangen trieb viele Leipziger in den

Vormittagsstunden des 17. Juni vor das HO-Kaufhaus in der Petersstraße. Sie vereinten sich mit den Arbeitern

der dortigen Baustelle. Die Versammelten verlangten die sofortige Schließung des HO-Kaufhauses. Der

Betriebsschutz sicherte die Eingänge. Zwischen 15.00 und 16.00 Uhr stürmten die Aufständischen das Kaufhaus,

worauf die Volkspolizei auf die Demonstranten schoss. Verletzte und eine Tote waren zu beklagen. Die

Rentnerin Elisabeth Bröcker, eine unbeteiligte Passantin, wurde von einer Kugel tödlich getroffen.

Am Konsument-Warenhaus am Brühl dagegen zogen die Demonstranten friedlich vorbei.


Was geschah am 17. Juni in Jena?

Am Morgen des 17. Juni 1953 setzten sich in Jena fast gleichzeitig mehrere

Demonstrationszüge in Richtung Holzmarkt in Bewegung, darunter viele Arbeiter der großen

Firmen Zeiss, Schott und Jenapharm. Unterwegs attackierten oder erstürmten

Demonstrierende Gebäude politischer Organisationen, so das Gebäude der Nationalen Front, 12

des FDGB´s, 13 der FDJ, 14 des MfS 15 und die Untersuchungshaftanstalt in Jena. Etwa 20.000

bis 30.000 Jenaer Demonstranten fanden sich nach und nach auf dem Holzmarkt gegenüber

der SED-Kreisleitung ein. Sie protestierten gegen die SED-Regierung, forderten freie Wahlen,

die Einheit Deutschlands und den Rücktritt der Regierung.

Gegen 9.00 Uhr versammelten sich Kollegen des Hauptwerkes des VEB Carl-Zeiss-Jena auf

dem Hof, heute Ernst-Abbe-Platz, um den Protestierenden in Berlin ihre Solidarität zu

bekunden. 16 Trotz anfänglicher Angst der ersten Kollegen füllte sich der Platz in wenigen

Minuten. Etwa 3.000 Arbeiter hatten sich hier versammelt. In Sprechchören forderten sie

12 Die Nationale Front der Deutschen Demokratischen Republik (bis 1973 Nationale Front des Demokratischen

Deutschlands) war ein Zusammenschluss der Parteien und Massenorganisationen in der DDR. Durch die

Nationale Front sollten dem Anspruch nach alle gesellschaftlichen Gruppen Einfluss auf gesellschaftspolitische

Prozesse nehmen können. Faktisch war die Nationale Front jedoch ein Mittel, um die Blockparteien und

Massenorganisationen zu disziplinieren und die Vormachtstellung der SED im Staat zu festigen.

13 Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (abgekürzt FDGB) war der Dachverband der etwa 15

Einzelgewerkschaften in der DDR. Der FDGB war Mitglied des Weltgewerkschaftsbunds. 1986 waren die

größten Einzelgewerkschaften die IG Metall (1,8 Mio. Mitglieder), die Gewerkschaft Handel, Nahrung und

Genuss (1,1 Mio.), die IG Bau-Holz (950.000) und die Gewerkschaft der Mitarbeiter der Staatsorgane und

Kommunalwirtschaft (840.000). Organ des FDGB war die Tageszeitung „Tribüne“. Der Gewerkschaftsapparat

war Bestandteil und Instrument des politisch-ideologischen Machtgefüges der SED und wie alle anderen

Massenorganisationen der DDR zentralistisch und hierarchisch organisiert. Die kleinste Einheit war das

„Kollektiv“, dem die Mitarbeiter, staatlichen Leiter und Parteifunktionäre eines Arbeitsbereichs angehörten. Aus

diesem Kollektiv wurden die Vertrauensleute – ideologisch verlässliche Kollegen – als unterste FDGB-

Funktionäre nominiert und in offener Abstimmung gewählt.

14 Die Freie Deutsche Jugend (FDJ) ist ein sozialistischer Jugendverband. In der DDR war sie die einzige

staatlich anerkannte und geförderte Jugendorganisation. Sie war als bedeutende Massenorganisation Teil eines

parallelen Erziehungssystems zur Schule. Die FDJ in der DDR war Mitglied im WBDJ und im ISB. In der

Bundesrepublik Deutschland ist die ehemals organisatorisch selbständige „FDJ in Westdeutschland“ seit 1951

wegen Verfassungsfeindlichkeit verboten.

15 Das Ministerium für Staatssicherheit (Abkürzung: MfS, umgangssprachlich „Stasi“) war der Inlands- und

Auslandsgeheimdienst der DDR und zugleich Ermittlungsbehörde (Untersuchungsorgan) für „politische

Straftaten“. Eine innerhalb und außerhalb der DDR gebräuchliche Bezeichnung für das Ministerium war auch

„Staatssicherheit“. Das MfS war vor allem ein Unterdrückungs- und Überwachungsinstrument der SED gegen

die Bevölkerung der DDR zur Sicherung ihrer Macht. Dabei setzte es neben massiver Überwachung und

Einschüchterung auch Terror und Folter von Oppositionellen und Regimekritikern als Mittel ein. Das MfS wurde

am 8. Februar 1950 gegründet. Der Sprachgebrauch der SED, der das MfS als „Schild und Schwert der Partei“

bezeichnete, beschreibt die ihm zugedachte Funktion im politisch-ideologischen System der DDR.

16 Der heutige Ernst-Abbe-Platz ist nach Aussage von Werner Bunke der Ausgangsort des Aufstandes in Jena.

Aus offenem Brief an Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter vom 13. August 2007. Archiv

Geschichtswerkstatt Jena.


politische Veränderungen. Der Feinmechaniker Eckard Norkus 17 kletterte mit Hilfe von

Kollegen auf eine Baubude. Von hier aus rief er „Es hört uns ja hier keiner zu. Demonstrieren

wir weiter in der Stadt und denken wir dabei an unsere politischen Gefangenen.“ 18 Am

Werkstor riefen andere Kollegen „Im Südwerk werden die Kollegen festgehalten, die mit

streiken wollen und kommt mal mit, wir holen sie ab.“ 19 Der Zug der Demonstranten ging

darauf hin mit dem Ziel Spittelplatz in Jena-Nord los. Schon am Teichgraben schlossen sich

viele Bürger und Mitarbeiter anderer Betriebe und Verkaufseinrichtungen an. Auf Höhe des

Hotels Schwarzer Bär kamen auch die Mitarbeiter des Kohlehandels hinzu, unter ihnen

Walter Scheeler. Auf dem Spittelplatz angelangt, ertönten verschiedene Lautsprecher. Durch

sie vernahmen die Demonstranten die Aufforderung, sich wieder an den Arbeitsplatz zu

begeben. Sie, die Demonstranten, wären von den Faschisten der Bonner Ultras aufgehetzt

worden. Aufgebrachte Arbeiter zerstörten daraufhin die Lautsprecher, und der

Demonstrationszug bewegte sich zurück in Richtung Stalinallee, heute Am Planetarium, und

weiter in Richtung Fürstengraben, wo er sich teilte. Ein Teil lief weiter Richtung Holzmarkt,

ein anderer Richtung Gefängnis Am Steiger. Nach der Befreiung der Gefangenen begab sich

der Demonstrationszug zum Holzmarkt. Gegen 10.00 Uhr hatten sich hier bereits Tausende

Demonstranten versammelt. „Ungeheurer Jubel in der ganzen Stadt, und als wir auf dem

Markt waren, da wurde plötzlich das Deutschlandlied gesungen. Die Glocken der alten

Stadtkirche fingen an zu läuten. Uns standen die Tränen in den Augen. Wir waren frei. […]

Überall waren die Spruchbänder der SED entfernt worden, und als einige Funktionäre die

Menge beschimpften, da wurde die Parteidienststelle gestürmt.“ 20

Unter den aufgebrachten Arbeitern, die die Parteizentrale stürmten, waren Walter Scheeler,

Herbert Bähnisch und andere Akteure, die sich als Delegierte der Kohlearbeiter auswiesen.

Dem Ersten Sekretär der SED trugen sie nun die Forderungen der Demonstranten vor. Einer

der Beteiligten, Alfred Diener, forderte seinerseits den SED-Funktionär auf, sich am offenen

Fenster zu zeigen und vor den versammelten Massen Rechenschaft abzulegen, was der jedoch

verweigerte. 21

17 Eckard Norkus war durch seine Auszeichnung als Aktivist am 1. Mai 1953 bekannt. Vgl. Saskia Gerber:

Denkt an die politischen Gefangenen. Eckard Norkus und seine Rede vor den Zeissianern. In: Gerbergasse 18,

Sonderheft zum 17. Juni 1953, Heft 29/2/2003, S. 51 ff.

18 Wörtliches Zitat nach Werner Bunke, Jena, aus offenem Brief an Oberbürgermeister Dr. Albrecht Schröter

vom 13. August 2007, Archiv Geschichtswerkstatt Jena.

19 Ebenda.

20 Vgl. Saskia Gerber: Denkt an die politischen Gefangenen. Eckard Norkus und seine Rede vor den Zeissianern.

In: Gerbergasse 18, Sonderheft zum 17. Juni 1953, Heft 29/2/2003, S. 54.

21 Vgl. Heinz Voigt: „Haltet Dicht, ich nehme alles auf mich“. Am 18. Juni ermordet. In: Gerbergasse 18,

Sonderheft zum 17. Juni 1953, Heft 29/2/2003, S. 51.


Gegen Mittag waren in der Innenstadt und auf dem Holzmarkt sowjetische LKW´s mit

Soldaten und Panzer aufgefahren. Gegen 14.00 wurden Walter Scheeler, Herbert Bähnisch,

Alfred Diener und ca. 50 weitere Personen von sowjetischen Soldaten ergriffen, verhaftet und

anschließend in die Kaserne Jena-Löbstedt gefahren. Dort folgten Verhöre und

Mißhandlungen. 22

Am nächsten Morgen transportierte man einen Teil der Festgenommenen ins

Gerichtsgefängnis von Weimar, in dem seit Juli 1945 der sowjetische Geheimdienst NKWD 23

residierte. Walter Scheeler berichtet später, dass es den Gefangenen fast unmöglich war,

während der Fahrt miteinander zu sprechen. "Ich weiß nur noch, dass Alfred sagte: 'Haltet

dicht, ich nehme alles auf mich.' Die Konsequenzen konnten wir alle nicht einmal erahnen.“ 24

Alfred Diener wurde nach einem kurzen Standgericht noch am Abend des 18. Juni durch ein

sowjetisches Militärtribunal zum Tode verurteilt und anschließend im Gebäude der

Sowjetischen Kommandantur in Weimar hingerichtet. Scheeler und Bähnisch erhielten

ihrerseits langjährige Zuchthausstrafen. Am 19.Juni 1953 wollte Diener eigentlich heiraten,

die Gäste waren bereits eingeladen. Alfred Diener hinterließ nicht nur seine zukünftige Frau,

sondern auch einen kleinen Sohn, der zu diesem Zeitpunkt ein halbes Jahr alt war.

Das Urteil gegen Diener, so Walter Scheeler in seiner Nachsicht, gründete sich im

Wesentlichen auf Artikel 58 Absatz 2 des Strafgesetzbuches der RSFSR, 25 der den Tatbestand

des bewaffneten Aufstandes und des Eindringens von bewaffneten Banden in das

Sowjetgebiet in konterrevolutionärer Absicht unter Strafe stellte. 26 Sein Kommentar dazu:

„dies dokumentiere insoweit die absurd verfehlte Anwendung der sowjetischen Militärgesetze

in der DDR.“ 27

22 Ebenda, S. 51.

23 NKWD = Narodny Kommissariat Wnutrennich Djel (russ. НКВД = Народный комиссариат внутренних

дел) Als Bezeichnung setzte sich die Abkürzung NKWD durch, die von 1934 bis 1946 gebräuchlich war.

24 Vgl. Heinz Voigt: „Haltet Dicht, ich nehme alles auf mich“. Am 18. Juni ermordet. In: Gerbergasse 18,

Sonderheft zum 17. Juni 1953, Heft 29/2/2003, S. 51.

25 Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik. Sie wurde kurz nach der Oktoberrevolution am 07.

November 1917 gegründet und gehörte 1922 zu den Gründungsmitgliedern der neu gegründeten Sowjetunion.

26 Vgl. Heinz Voigt: „Haltet Dicht, ich nehme alles auf mich“. Am 18. Juni ermordet. In: Gerbergasse 18,

Sonderheft zum 17. Juni 1953, Heft 29/2/2003, S. 52.

27 Ebenda.


Wie und wo genau Alfred Diener hingerichtet wurde, was mit dem Leichnam geschah, ist bis

heute ungeklärt. Die Angehörigen und Freunde erfuhren aber noch am 18. Juni von der

Hinrichtung. In ihrer Erinnerung beschreiben sie die Tage danach wie folgt: „Überall in der

Stadt hingen entsprechende Plakate, Lautsprecherwagen verkündeten in allen Stadtteilen das

Urteil. Am 19. und 20. Juni wird die knappe Mitteilung des sowjetischen Stadtkommandanten

dann schließlich auch in den drei Lokalzeitungen abgedruckt.“ 28

Der damalige Hohe Kommissar der UdSSR für Deutschland, Wladimir S. Semjonow,

erinnerte sich dagegen folgendermaßen an den 17. Juni 1953: „Um 11.00 Uhr erhielten wir

die Weisung aus Moskau, das Feuer auf die Aufrührer zu eröffnen, militärische Standgerichte

einzurichten und zwölf Rädelsführer zu erschießen. Die Mitteilung über die Exekutionen

sollten in der Stadt ausgehängt werden. […] Die Plakate an den Litfasssäulen hatten

einschüchternde Wirkung. Es gelang uns, die Flamme zu löschen, bevor sie sich ausbreitete.

Der "Tag X" fand nicht statt.“ 29

Alfred Diener war einer derjenigen, der diesem Befehl zufolge - relativ zufällig - als

abschreckendes Beispiel standrechtlich erschossen wurde. Nach dem 18. Juni 1953 schien es

dann so, als hätte es einen Alfred Diener in Jena nie gegeben: Kein Hinweis auf seinen

Namen in der Kreismeldekartei, keine Sterbeurkunde, kein Grab. Ein Angehöriger bekannte

später, „Aus Angst vor Repressalien habe zu DDR-Zeiten niemand gewagt, Nachforschungen

anzustellen.“ 30

Nach dem Fall der Mauer in Berlin und der Friedlichen Revolution wurde die Erinnerung an

Alfred Diener und die vielen anderen Opfer der Gewaltherrschaft des Kommunismus wieder

lebendig. Seit 1993 gibt es in Jena eine Alfred-Diener-Straße. 1995 erklärte der

Generalstaatsanwalt der Russischen Föderation 31 das Urteil in allen Teilen für null und

nichtig, 32 Alfred Diener wurde rehabilitiert. Am 18. Juni 1996 enthüllte der Weimarer

Oberbürgermeister an der Fassade des Hinrichtungsortes in Weimar, der heutigen

Polizeiinspektion, eine Gedenktafel, die an den Erschossenen erinnern soll. Auch in Jena

erinnert eine Gedenktafel an Alfred Diener.

28 Ebenda.

29 Vgl. Wladimir S. Semjonow, Von Stalin bis Gorbatschow, Berlin 1995, S. 296 ff.

30 Gerbergasse 18, Sonderheft zum 17. Juni 1953, Heft 29/2/2003, S. 50 f.

31 Die Russische Föderation ist Nachfolger der Sowjetunion.

32 Vgl. Heinz Voigt: „Haltet Dicht, ich nehme alles auf mich“. Am 18. Juni ermordet. In: Gerbergasse 18,

Sonderheft zum 17. Juni 1953, Heft 29/2/2003, S. 52.


Insgesamt wurden in Jena rund 500 Personen verhaftet und zum Teil mit drastischen Strafen

belegt. 33 Alfred Diener, der die Höchststrafe erdulden musste, war zugleich kein Einzelfall.

Die Erinnerung an Alfred Diener und die anderen Opfer der SED-Herrschaft steht heute

symbolisch für die Geschehnisse am 17. Juni 1953. Die „abgeschnittene Revolution“, wie

einige Historiker den 17. Juni 1953 nachträglich beschreiben, fand 1989 ihre historische

Vollendung. Der Tag X, wie Erich Mielke den 17. Juni seinerseits umschrieb und den er

fürchtete, holte die SED-Genossen 1989 ein. Das Volk stand auf und fegte die SED-

Herrschaft hinweg. Keine sowjetischen Panzer fuhren auf, keine sowjetischen Genossen

halfen, die Diktatur des Proletariats zu schützen. Die eigenen Reihen der Genossen waren

inzwischen zermürbt, gelähmt und ohne Mut. Ihr System vom realexistierenden Sozialismus

hatte auf ganzer Linie versagt.

Die Erinnerung an die Ereignisse im Juni 1953 und die Ehrung der Opfer der SED-Herrschaft

steht für unseren Respekt vor dem Mut all derjenigen, die bereit waren, sich während der

ganzen Zeit der SED-Diktatur für Demokratie und Menschenrechte politisch zu engagieren.

Heute können wir uns politisch engagieren, ohne dafür ins Gefängnis zu kommen oder gar

erschossen zu werden. Diesen Unterschied zu vermitteln, darin sehe ich unsere primäre

Aufgabe, denn Erfahrung und Wissen lassen sind nicht vererben. Jede Generation muss aufs

Neue ihr Verhältnis zur Vergangenheit suchen und finden, um die Gegenwart besser zu

verstehen und um eigene Ziele für die Zukunft zu entwickeln.

33 Zu den Ereignissen in Thüringen vgl.: Karmrodt, Andreas: Der 17. Juni 1953 in Jena. Volks-Polizei-Partei,

September 1997; Gerbergasse 18, Sonderheft zum 17. Juni 1953, Heft 29/2/2003, S. 9 ff und S. 17 ff; Ehrhart

Neubert, Thomas Auerbach: Es kann anders werden. Opposition und Widerstand in Thüringen 1945-1989,

Böhlau-Verlag Köln, Weimar, Wien 2005, S. 57 ff.

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