Mensch und Tier

hari.patz


Mensch

und

Tier

Von

Hari Patz

SIEBZEHN ILLUSTRIERTE

KURZGESCHICHTEN

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Impressum

Texte:

© Copyright by Hari Patz

Bilder + Fotos:

© Copyright by Hari Patz & Public Domain

Umschlag:

© Copyright by Hari Patz

Verlag:

Hans-Jürgen „Hari“ Patz

Landsberger Allee 210

10367 Berlin

haripatz@yahoo.de

haris-insel.de

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Vorwort

Ich hatte schon früh ein besonderes Verhältnis zu

Tieren. Im Grunde fiel es mir immer leichter, Kontakt

zu ihnen zu bekommen als zu Menschen. Bei denen

war ich schüchtern und unsicher. Es war für mich

schwierig, die Erwachsenen zu verstehen, ich konnte

Ihre Motive und Gefühle nicht einschätzen, nicht

erfassen. Ganz anders bei Tieren, speziell bei

Hunden. Zwar hatte ich auch sehr schöne Kontakte

zu anderen Tieren, doch Hunde sind mir besonders

nah. Schon als Kind waren sie für mich ein Quell der

Freude und des Trostes. Nur ganz am Anfang hatte

ich ein unangenehmes Erlebnis mit einer Fellnase,

alle späteren Kontakte verliefen ausnahmslos positiv.

Ihnen konnte ich mich öffnen, ihrer Zuneigung war

ich mir sicher, da gab es keine Zweifel. Wenn ein

Hund dich liebt, dann weißt du das.

Diese Geschichten sind eine Huldigung an all die

Tiere, die mich ein Stück weit begleitet und

bereichert haben. In lockerer zeitlicher Reihenfolge,

erzähle ich von Abschnitten meines Lebens, in denen

die unterschiedlichsten Geschöpfe meinen Weg

teilten. So verschieden wie die Tiere, waren die Orte,

an denen wir uns trafen. Ob in Deutschland,

Südafrika, Indien oder Brasilien, überall gab es

Begegnungen, die auf ihre Weise einzigartig waren.

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DANKSAGUNG

Ich möchte allen Menschen danken, die sich für das

Wohl von Tieren einsetzen! Leider musste ich in

vielen Ländern miterleben, dass nicht immer und

überall, Tiere mit Respekt und Zuneigung behandelt

werden. Umso mehr freut es mich, wenn ich von

Menschen höre, die Zeit und Geld opfern, um

hilflosen und leidenden Tieren zu helfen. Auch das

geschieht fast überall, meist im Verborgenen, sodass

die Öffentlichkeit nur selten davon erfährt. Deshalb

möchte ich gerade diesen Menschen meinen

besonderen Dank aussprechen.

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort 3

Rex 7

Herkules 13

Charly 19

Landferien 25

Ajax und Timmy 35

Lothar 47

Krueger Park 63

Delfine 79

Das Rauschen 87

Soraya 93

Diego 109

Menagerie 117

Garfield 125

Shiva 133

Smyllah 145

Susi 157

Garry 167

Ende 175

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Rex

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REX

Ich erinnere mich noch deutlich an den ersten Hund

in meinem Leben. Es war 1958, mein fünfter

Geburtstag war gerade vorbei, als mein Vater eines

Tages mit ihm ankam. Er hieß Rex und war ein schon

recht alter Schäferhund-Rüde mit grauer Schnauze.

Er war ein Polizeihund in Pension, den mein Vater

von der Polizei gegen eine Apanage bekommen hatte.

Entweder hatte man versäumt, ihm zu sagen, dass

der Hund nicht besonders gut auf Kinder reagierte,

oder er hat es einfach ignoriert. Mein Vater lebte

schon immer in der festen Überzeugung, dass ihm

jeder Mensch und jedes Tier zu Willen war, wenn er

nur oft und fest genug draufhaute. Von alledem

wusste ich damals nichts, ich war einfach nur

begeistert von diesem riesengroßen Hund mit dem

kuscheligen Fell. Nur allzu gerne wollte ich mit ihm

spielen, ihn streicheln und lieb haben. Es war

natürlich nur eine Frage der Zeit, bis das schief ging -

das tat es dann auch, sogar dreimal.

Es waren meine ersten, frühkindlichen Begegnungen

mit Blut und Schmerzen, aber auch mit Verzeihen

und Verstehen. Beim ersten Mal kam ich zusammen

mit meiner Mutter vom Einkaufen zu unserer

Wohnung zurück. Sie schloss die Wohnungstür auf

und öffnete sie. Rex stand gleich dahinter, ich fiel

ihm überschwänglich um den Hals und herzte ihn

mit den Worten: „Hallo mein Lieber, da sind wir

wieder!“

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Er konnte mit dieser Sympathiebekundung wohl

nichts anfangen, fühlte sich wohl eher bedrängt und

bedroht und schnappte nach mir. Da unsere Köpfe

fast auf gleicher Höhe waren, erwischte er mich voll

am rechten Auge und an der Augenbraue. Ich schrie,

Blut spritzte, meine Mutter schrie und der Hund

verschwand schnell in der Wohnung. Meine Mutter

warf daraufhin alle Einkaufstaschen in den Flur. Sie

schlug die Tür zu, schnappte sich meine kleine

jammernde Gestalt und rannte die Treppen hinunter,

zu einem Arzt in der Nähe. Er gab mir eine Spritze

und nähte meine Wunde. Was danach von den

Erwachsenen gesprochen wurde, weiß ich nicht. Es

gab sicher einige Aufregung, aber es änderte sich

zunächst nichts in unserem Zusammenleben.

An vieles aus dieser Zeit kann ich mich eher

emotional als faktisch erinnern. So erinnere ich mich,

dass ich dem Hund weder böse war, noch

übermäßige Angst vor ihm hatte. Ich machte ihm

auch keine Vorwürfe. Ich hatte verstanden, dass

meine heftige Begrüßung zu viel für ihn war. Die

erlittenen Schmerzen konnte ich ihm recht leicht

verzeihen. In der Zeit danach war ich anfangs etwas

vorsichtiger im Umgang mit ihm. Doch schon bald

war der Vorfall für mich vergessen. Deshalb dauerte

es auch nicht allzu lange, bis es den nächsten

schmerzhaften Zusammenstoß gab. Diesmal, versuchte

ich, ihn mit Hundekeksen zu füttern, die er

eigentlich ganz gerne mochte. Ich saß bei ihm auf

seiner Decke bei uns im Flur und wollte ihn

unbedingt damit verwöhnen. Er wollte aber nicht,

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hatte grade keine Lust darauf, drehte immer wieder

den Kopf weg. Was mich aber nicht davon abhielt,

ihm immer wieder einen Keks vor seine Schnauze zu

halten und ihm gut zuzureden, wie lecker die doch

seien. An irgendeinem Punkt wurde es ihm dann zu

viel und er schnappte nach mir. Diesmal erwischte er

mich an Hals und Kinn, erneut gab es Blut und

Tränen. Aber auch diesmal wusste ich, dass es

letztlich meine Schuld war, dass es soweit kommen

konnte.

Das dritte Mal hatte ich nicht selbst zu verantworten.

Das ging auf das Konto meines Vaters. An einem

Sonntag saß mein Vater, zusammen mit meinem

Onkel, bei uns an der Ecke in seiner Stammkneipe

beim Frühschoppen. Die beiden saßen an einem

Tisch und Rex lag darunter. Meine Mutter hatte mich

geschickt, um sie zum Mittagessen zu holen. Beide

Männer waren schon recht feuchtfröhlich und

alberten herum. Mein Vater kam auf die für ihn

komische Idee, die Hundeleine zu nehmen und den

Karabinerhaken an meinem Hemdkragen zu

befestigen. Dann sollte ich Hündchen spielen.

Schließlich krabbelte ich auf allen vieren um den

Tisch herum und machte „wuff-wuff“. Das hat den

Rex dann so provoziert, dass er unter dem Tisch

hervorschoss und mir direkt in den Oberschenkel

biss. Das gab dann den letzten Ausschlag, dass sich

mein Vater von Rex trennte und ihn zu meinen

Großeltern in Ost-Berlin gab.

Sie hatten eine Laube, da konnte er gut bleiben.

Wenn ich mich recht erinnere, wurde er dann krank

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und starb auch recht bald danach. Vielleicht wurde es

ihm aber auch zum Verhängnis, dass er das

Meerschweinchen meiner Oma totgebissen hatte.

Alle diese Erfahrungen, haben nicht bewirken

können, dass ich nun Angst oder Scheu vor Hunden

hatte. Wir sollten später noch einige Hunde haben,

und ich habe sie alle geliebt. Der Nächste sollte gar

nicht allzu lange auf sich warten lassen.

***

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Herkules

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HERKULES

Das Frühjahr 1959 war herangerückt und wir waren

umgezogen. Nun stand ein neues Thema im Vordergrund:

die Schule. Ich wurde eingeschult, das schien

eine große Sache zu sein, interessierte mich aber nur

sehr mäßig. Das einzig Interessante daran war die

große Schultüte, auf deren Inhalt war ich schon sehr

gespannt. Es gibt ein Foto von diesem großen Tag:

ich mit grüner Lodenjacke, geölten, in alle Richtungen

stehenden Haaren, einer großen schwarzen

Brille und einer prächtigen Zahnlücke. Wirklich

glücklich sehe ich da nicht aus. Der Unterricht fing

schnell an, mich zu langweilen. Ich vermochte einfach

nicht einzusehen, warum ich jeden Tag Schleifen

und Krückstöcke über drei Linien malen sollte. Nach

ungefähr einer Woche beschloss ich, meinen Schulweg

umzuleiten. Die Schule war nur eine Straßenkreuzung

entfernt, vielleicht zweihundert Meter von

unserem Haus. Aber anstatt rechts abzubiegen, ging

ich einfach geradeaus weiter die Großbeerenstraße

entlang, direkt zum Kreuzberg mit seinem Victoria-

Park. Der sprudelnde Wasserfall lockte mich schon

von Weitem. Da gab es so viel zu entdecken! Als

Erstes suchte ich mir einen Platz, an dem ich meine

Schulmappe ablegen konnte, die störte ja nur. Das

war einfach, es gab sehr viele große Büsche, in die ich

hineinkriechen konnte. Dort fand ich dann eine

Laubhöhle, die wie für mich geschaffen war.

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Mit nackten Füßen und hochgekrempelten Hosenbeinen

den Wasserfall entlang über die großen Felsen

klettern, das machte Spaß. Oder in den Tiergehegen

und Volieren die vielen unterschiedlichen Tiere

bestaunen. Das war viel interessanter als die Schule.

Am Fuß des Wasserfalls stand eine große Uhr, die

konnte ich schon lesen. Pünktlich als die Schule

vorbei sein sollte, ging ich wieder nach Hause. Wenn

es Fragen zur Schule gab, erfand ich irgendetwas

langweilig Belangloses, das hingenommen wurde.

Das habe ich die nächsten zwei Wochen weiter so

getrieben und dabei den Kreuzberg gründlich

erforscht. Bis ich eines Tages auf die Uhr sah und

erschrocken feststellte, dass ich schon eine Stunde

über der Zeit war. Meine Mutter hatte meinen Stundenplan

an den Kühlschrank geklebt, sie wusste, wie

lange ich Unterricht hatte. Da bin ich ganz schnell

losgelaufen. Nur - ich hatte meine Schulmappe vergessen.

Meine Mutter fragte natürlich gleich, wo die

denn geblieben sei. Da kam ich in Erklärungsnot. Sie

hat dann letztlich die ganze Wahrheit herausgefunden.

Die Folge davon war ein Gespräch mit meiner

Lehrerin, das dann dazu führte, dass man mich vom

Unterricht zurückstellte. Im nächsten Frühjahr

könne ich es noch einmal versuchen. Schließlich war

ich noch keine sechs Jahre alt. Damit konnte ich sehr

gut leben.

In der Zwischenzeit hatte etwas viel Wichtigeres

meine Aufmerksamkeit für sich gewonnen. Wir

hatten einen neuen Hund bekommen, einen pechschwarzen

Neufundländer. Herkules hieß er und war

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mein Ein und Alles. Diesen Hund liebte ich, wollte

jede freie Minute bei ihm sein. Wenn wir im Hofgarten

Gassi gingen, ließ mich der gutmütige Kerl

sogar auf seinem Rücken reiten. Wir teilten uns auch

sein Lager. Eines Tages war meine Mutter auf

verzweifelter Suche nach mir. Da ich schon früher

mal ausgebüchst war, gingen ihre Gedanken

natürlich in diese Richtung. Panisch rannte sie durch

das ganze Haus, in den Hof, auf die Straße, doch ihr

Söhnchen blieb verschwunden. Sie war völlig

aufgelöst, wusste sich keinen Rat mehr. Erst ungefähr

eine Stunde später erhob sich Herkules von seinem

Lager, und ihr kleiner Junge kam wieder zum

Vorschein - selig schlummernd im Hundebett. Das

große Tier hatte mich komplett verdeckt.

Er mochte mich auch, das merkte ich schnell. Stets

kam er jeden Morgen als Erstes zu mir und rieb

seinen Kopf an meinem. Wo ich auch hinging, folgte

er mir. Nachts schlief er vor meinem Bett. Er

bewachte mich eifersüchtig, wenn jemand grob mit

mir sprach, knurrte er laut und beeindruckend. Sogar

meinen Vater hat er angeknurrt, als der mit mir

schimpfte. Das brachte ihm allerdings Prügel ein, was

mir sehr leidtat. Ich wollte nicht, dass ihm jemand

wehtat, schubste meinen Vater beiseite und warf

mich über ihn, da bekam ich die Prügel. Doch das

war mir ganz egal, wenn ich nur mit meinem flauschigen

Liebling zusammen sein konnte. Am liebsten

lagen wir beide ganz still, versteckt und unbemerkt,

in einer Ecke beieinander. Herkules liebte es, erst

ausgiebig meine Füße zu beschnuppern, und dann

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seine Schnauze in meine Achselhöhle zu wühlen. Ich

liebte es, mich in seinen weichen Pelz zu kuscheln,

ihn zu umarmen und seine Wärme und Zuneigung zu

spüren. Wenn wir so engumschlungen beinander

lagen, war ich selig.

Zu meinem allergrößten Leid dauerte unsere gemeinsame

Zeit nicht lange. Dieser wunderbare, sanftmütige

Hund hatte ein Problem, er interessierte sich

überhaupt nicht für andere Hunde, ignorierte sie einfach.

Aber bei Deutschen Schäferhunden sah das

ganz anders aus, da wurde er wild. Sowie er einen

sah, wollte er auf ihn losgehen, hörte er auf niemand

mehr. Dieses große Tier hatte eine unbändige Kraft,

meine Mutter war eine schlanke Frau, sie konnte ihn

nur bändigen, indem sie schnell die Leine um eine

Laterne oder einen Baum wickelte und festhielt.

Eines Tages stand sie mit ihm an einer Kreuzung, als

auf der gegenüberliegenden Straßenseite ein Deutscher

Schäferhund erschien. Es war nichts in Reichweite,

worum sie die Leine wickeln konnte. Und

Herkules rannte unaufhaltsam los, dabei missachtend,

dass auf dem Mittelstreifen eine Straßenbahn

herankam. Meine Mutter sah es und ließ die Leine

los, damit er sie nicht unter die Bahn zog.

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Herkules schaffte es auf die andere Seite und zerfleischte

den Schäferhund. Das war für meinen Vater

inakzeptabel und er brachte meinen geliebten Hund

fort in ein Tierheim. Es gab keinen Abschied, ich

habe ihn einfach nie mehr wiedergesehen, ich war

wieder allein. Ich habe lange um ihn getrauert.

***

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Charly

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CHARLY

Ein halbes Jahr später zogen wir um. Wir wohnten

nun in der Oppelner Straße, zwischen Schlesischem

Tor und Görlitzer Bahnhof in Berlin SO 36. Mein

Vater hatte dort eine Freibank eröffnet. Dort wurde

abgepacktes Fleisch in Konservendosen aus der

Senatsreserve verkauft. Auch Aufschnitt und heiße

Würstchen konnte man bei uns haben. Krakauer,

Breslauer, Wiener oder Knacker standen zur Auswahl.

Die Temperatur ließ sich bei unserem Wurstkessel

nur unzuverlässig einstellen, was zur Folge

hatte, dass immer wieder welche platzten. Ich bin mir

nicht ganz sicher, aber es kann gut sein, dass wir uns

in dieser Zeit zu einem großen Teil von geplatzten

Würsten ernährt haben. Doch schon bald sollten wir

dabei Unterstützung bekommen - Charly kam zu uns!

Eines Tages brachte ihn mein Vater mit. Charly war

ein schwarzweißer Spitz-Mischling mit kurzem,

struppigem Fell. Er hatte einen lustigen Gesichtsausdruck

und wache Augen. Ich mochte ihn sofort.

Es waren gerade große Ferien, die erneute Einschulung

hatte ich verpasst, weil wir uns noch vor Kurzem

als DDR-Flüchtlinge im Flüchtlingsheim Marienfelde

befanden. Auf diese scheinbar geniale Idee kam mein

Vater eines Tages. Wir räumten unsere schöne Wohnung

am Kreuzberg und zogen nur mit Koffern ins

Flüchtlingsheim. Ich habe nie erfahren, wie genau er

das gedreht hat und wie er damit durchgekommen

ist. Als anerkannter Flüchtling konnte er einen zins-

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losen Kredit und Förderung bekommen. So kamen

wir zu einer Freibank und einer neuen Wohnung.

Schule war dadurch noch immer kein Thema für

mich, obwohl ich schon in wenigen Tagen sieben

Jahre alt wurde. Ich hatte also genug Zeit, zusammen

mit Charly meine neue Umgebung zu erkunden. Da

gab es zunächst einmal den alten Görlitzer Bahnhof,

von dem fast nur noch die von Unkraut überwucherten

Grundmauern vorhanden waren. An einem Ende

hatte sich ein Autofriedhof und Schrottplatz angesiedelt.

Ausgesprochen interessantes Gelände! Dann

gab es noch die „Harnröhre“, das war ein langer

grüngefliester Tunnel, der das Bahnhofsgelände von

West nach Ost unterquerte. Dieser Tunnel wurde oft

dazu benutzt um sich darin zu erleichtern, so das es

darin wie in einem Pissoir stank. Wenn man diesen

Geruch ignorierte, blieb der Tunnel durch seine

Klangqualitäten interessant. Der Schall wurde darin

vielfach verstärkt und mit Hall und Echo versehen,

das machte Spaß. Danach runter zum Spreekanal. Es

war schön, unter den Weiden im Gras zu liegen.

Charly war immer an meiner Seite, wir unternahmen

alles zusammen und teilten uns alles. Er liebte es,

Stöckchen zu holen. Er war ein rechter Sprinter und

konnte nicht genug davon bekommen; dieser Hund

war ein unerschöpfliches Energiebündel. Leider ging

auch diese schöne Zeit viel zu schnell vorbei.

Ich wurde in die Schule gebracht, diesmal ohne

Feiertagsanzug und Schultüte. Der Klassenlehrer war

ein freundlicher Mann, der Unterricht vermochte

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mich aber noch immer nicht zu interessieren. Ich soll

die ganze Zeit vor mich hingeträumt haben. In den

nächsten Jahren war ich noch auf vielen Schulen, ich

kann mich an jede genau erinnern, nur nicht an

diese. Ich muss zu dieser Zeit geistig völlig abgeblendet

haben. Aber gut erinnere ich mich an meine erste

große Liebe.

Angelika, ein fünfjähriges Mädchen aus dem Nachbarhaus.

Lange schwarze Locken, ein süßes, pausbäckiges

Gesicht mit Grübchen darin, aus dem zwei

riesengroße, blaue Augen leuchteten. Ich war total

fasziniert von ihr und tat alles, um in ihrer Nähe zu

sein. Sie brachte mir „Himmel und Hölle“ bei; ein

Hopse-Spiel. So hüpfte ich dürres Kerlchen auf einem

Bein durch die mit Kreide aufgemalten Rechtecke.

Was nicht dadurch einfacher wurde, dass Charly die

ganze Zeit kläffend um mich herumsprang und mitspielen

wollte. Am schönsten fand ich es, wenn wir zu

dritt im Hinterhof auf einer Decke im Sonnenschein

saßen. Charly lag meist auf dem Rücken und ließ sich

abwechselnd von uns den Bauch kraulen. Da waren

noch andere Kinder und wir waren oft als Gruppe

unterwegs. Das sollte jedoch nicht lange andauern.

Der Sommer war vorbei und meine Tage wurden

dunkler. Eines Abends war ich mit Charly und einigen

Jungs unterwegs und hatte völlig die Zeit vergessen.

Ich hatte die strikte Anweisung, um sieben

Uhr zuhause zu sein. Es war aber schon fast neun, als

mich mein Vater wutentbrannt fand und am Hemdärmel

nach Hause schleifte. Als er mir dann dort den

Hintern versohlte, ging auf einmal Charly auf ihn los.

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Er bellte ihn wie wild an und zerrte an seinem Hosenbein.

Da bekam er auch Prügel. Heulend rannte ich

davon, Charly immer dicht hinter mir. Wir versteckten

uns in einer stillen Ecke auf einem der Dachböden.

Kauerten uns in einem alten Sessel zwischen

abgestellten Möbeln und Kisten zusammen und trösteten

uns gegenseitig. Mein Vater hatte aber mitbekommen,

dass wir die Treppe hoch sind und fand

uns ungefähr eine Stunde später. Nach einer

erneuten Tracht Prügel wurde ich ins Bett geworfen,

bekam eine Woche Stubenarrest. Mir wurde verboten,

weiterhin mit den anderen Kindern zu spielen.

So konnte ich Angelika kaum noch sehen und blieb

für mich allein. Charly war mein einziger Spielkamerad.

Nicht lange danach verscherzte er es sich völlig

mit meinem Vater. Er war eigentlich ein lieber und

folgsamer Kerl, zumindest bei mir. Aber er mochte es

überhaupt nicht allein gelassen zu werden. Wir

kamen eines Abends von Großmutters Geburtstag

zurück, wohin wir ihn nicht mitnehmen konnten, da

erlebten wir eine Überraschung: Im Wohnzimmer

sah es aus, als hätte ein Schneesturm darin getobt.

Zunächst konnten wir gar nicht feststellen, wodurch

das entstanden sein konnte. Charly lag auf dem Sofa,

flach ausgestreckt, Kopf zwischen den Pfoten und

wedelte heftig mit dem Schwanz; damit noch mehr

Flocken aufwirbelnd. Erst als meine Mutter eines der

Sofakissen fortnahm, konnten wir sehen, dass er dort

ein großes Loch ins Polster gebissen und die Füllung

im Zimmer verteilt hatte. Das war zu viel für meinen

Vater, er verprügelte Charly heftig und sperrte ihn

über Nacht im Klo ein. Am nächsten Tag brachte er

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ihn fort in ein Tierheim. Wieder einmal wurde mir

ein Freund weggenommen, wieder zog ich mich ein

Stück weiter in meinen Panzer zurück. Es wurde

immer schwieriger mit mir, ich tat nicht, was ich

sollte. Machte ständig irgendwelchen Blödsinn. Ich

wurde stur und bockig, konnte einfach nicht verstehen,

warum die Erwachsenen mich so drangsalierten.

Warum musste ich ständig Sachen machen,

die keinen Spaß machten? Alles woran ich Freude

hatte, wurde mir verboten oder weggenommen.

Erwachsene waren einfach nur doof, allen voran

mein Vater. In meinen Träumen lebte ich ganz für

mich allein. Irgendwo in einer geheimen Höhle, die

nie jemand finden würde, und ein großer starker

Hund würde mich beschützen. Doch schon bald

musste ich mich in der realen Welt in einer neuen

Umgebung zurechtfinden.

***

Schlesisches Tor 1960

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Landferien

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LANDFERIEN

Die großen Ferien haben angefangen.

Das ist gut oder eben auch nicht. Denn dieses Jahr

soll ich zu Tante Waltraud und Onkel Walter auf den

Bauernhof in der Ostzone. Dazu habe ich zwar überhaupt

keine Lust, aber danach hat auch niemand

gefragt. Ich wollte ja lieber in ein Zeltlager, aber mein

Vater hat es versäumt, mich rechtzeitig anzumelden,

so waren alle Plätze schon vergeben. Außerdem war

mein Zeugnis so schlecht, dass Vater meinte, ich

dürfe nicht auch noch belohnt werden. Ich bin sieben

Jahre alt und gehe in die 1. Klasse, das zweite Mal.

Irgendwie bin ich immer spät dran.

Dieses Jahr soll ich also Ferien auf dem Land

machen. Der Onkel ist ganz in Ordnung, er sagt nur

selten was, er löst lieber Kreuzworträtsel. Die Tante

kann ich nicht leiden, ich glaube, sie mag mich auch

nicht. Sie ist ein Riesenweib mit einer dröhnenden

Stimme. Wenn sie lacht wackeln die Wände, da fallen

die Gläser aus dem Schrank und unser Meerschweinchen

pfeift und piepst ganz erschrocken. Vor einer

Weile, als sie bei uns zu Besuch war, sagte sie zu mir:

„Hans, komm du mal für eine Weile zu uns auf den

Hof, da machen wir einen richtigen Mann aus dir.“

Tante Waltraud macht mir Angst, ich glaube, ich will

kein richtiger Mann sein. So ein stinkender Bauernhof

interessiert mich nicht. Viel lieber würde ich

durch die Kreuzberger Hinterhöfe und Ruinen stromern,

die finde ich viel interessanter. Jetzt soll ich

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auch noch die ganzen sechs Wochen bei ihnen bleiben,

das finde ich gar nicht lustig. Dagegen muss sich

doch etwas tun lassen. Irgendwie muss ich es schaffen,

dass sie mich schon früher wieder nach Hause

schicken. Das kann doch nicht so schwer sein.

Der Zug fährt gerade in Klein-Machnow ein. Ich öffne

die Tür, noch bevor er gänzlich zu einem Halt

kommt, das kenne ich aus der U-Bahn in Berlin. Ich

springe aus dem ausrollenden Zug und will schneidig

die Bewegung auslaufen, da fällt mir das Stullenpaket

aus der Tasche und sein Inhalt verteilt sich auf dem

Bahnsteig. Ich trete darauf, und das mütterlich

geschmierte Butterbrot gibt mir Schwung, bis vor

Tante Waltrauds massive Schienbeine. Auf dem

Rücken liegend, schaue ich sie von unten an und

sage: „Hallo Tante Waltraud, schön dich zu sehen.“

Sie ragt wie ein massiver Turm über mir auf. Der

Anblick meiner Tante ist von hier unten besonders

beeindruckend. Meine Position hat den großen Vorteil,

dass ich nur die obere Hälfte ihres nun geröteten

Gesichtes sehen muss. Die untere Hälfte wird von

ihrem gewaltigen Busen wie von einem Gebirge verdeckt.

Mit einem Knurren, das einer Bulldogge Angst

machen würde, stellt sie mich mit einer Hand auf die

Füße. „Heb das auf und dann komm mit“, knurrt sie.

Missmutig zottel ich hinter ihr her. Na das fängt ja

schon mal gut an. Mein Vater sagte noch: „Arbeete da

mal n´bisschen mit und futter ordentlich, dann

kommt ooch wat dran an dir.“

Den Hintern der Tante vor meinen Augen, hoffe ich,

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dass nicht ganz so viel an mich drankommt.

Nach einer holperigen Fahrt mit einem Trabbi

kommen wir schließlich auf dem Hof an. Onkel

Walter sitzt auf der Küchenbank mit einer Zeitung in

den Händen, schaut mich über den Rand seiner Brille

an und murmelt eine halblaute Begrüßung. Tantchen

macht sich gleich daran das Mittagessen zu kochen.

Es soll Spaghetti Bolognese geben, die mag ich sogar.

Weil es warm ist, wollen wir auf der Veranda essen.

Eine Schüssel mit Spaghetti und eine mit Soße sowie

die Teller stehen in der Küche auf dem Tisch. Ich

greife mir die Schüsseln und trage sie eifrig nach

draußen. Zumindest ist das der Plan ...

„Sag mal, du bist ja wohl zu blöd einen Eimer Wasser

auszukippen!“, schallt es mir von der Tür entgegen.

Bedeppert schaue ich Tante Waltraud erneut vom

Boden aus an. In ihren eigentlich blauen Augen

ziehen nun Sturmwolken auf und schleudern felszertrümmernde

Blitze auf mich. Unangenehm heiß

brennt die Soße in meinem Schoß. Die Spaghetti, die

an mir wie Lametta an einem Weihnachtsbaum

hängen, sind schon etwas abgekühlt.

„Ich kann doch nichts dafür, mein Hemd hat sich am

Riegel verfangen, da hat´s mich hingelegt.“

„Nee, natürlich kannst du nix dafür. Du kannst ja nie

was dafür. Du bist ja wohl zu allem zu blöd.“

Nachdem ich die Sauerei weggemacht habe, gehe ich

zurück in die Küche. Onkel Walter sitzt immer noch

auf der Bank, er schaut mich kopfschüttelnd an, sagt

aber nichts und liest weiter in seiner Zeitung.

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Tante Waltraud kocht inzwischen ein neues Mittagessen,

sie wirft mir nur einen schnellen, finsteren

Blick zu. Ich habe so das Gefühl, als würde sie es

schon bereuen, mich eingeladen zu haben. Das

scheint ja gut zu laufen, mal sehen, wann sie endgültig

genug von mir hat. Bisher musste ich mich ja

nicht besonders anstrengen. Eine halbe Stunde

später sitzen wir dann zu dritt am Tisch und essen

schweigend.

Nach dem Essen nimmt mich die Tante mit, ich soll

ihr beim Weinabfüllen helfen. Dazu gehen wir in den

Keller, dort stehen fünf große Ballonflaschen aus

grünem Glas. Sie stellt einen Eimer vor einen der Ballons,

holt einen Schlauch und instruiert mich: „Du

musst sachte ansaugen, wenn es ganz oben ist, lässt

du es erst in den Eimer laufen und dann tust du den

Daumen drauf, so ... und dann in die Flasche.“

Sie zeigt mir, was ich tun muss. „Wenn dir was in den

Mund kommt, spucke es aus. Nicht runterschlucken!

Ich würde es ja lieber selbst machen, aber seit ich die

Prothese habe, geht das nicht mehr so gut.“

Ich setze den Schlauch an die Lippen und sauge. Ein

Schwall von süßem Erdbeerwein füllt meinen Mund.

Hm lecker, instinktiv schlucke ich ihn runter.

„Nicht schlucken, habe ich doch gesagt!“, werde ich

sofort ausgeschimpft.

Da ich den Daumen auch nicht draufgetan habe,

muss ich die Prozedur noch einmal wiederholen.

Diesmal sauge ich sachter und es funktioniert. Ein

kleiner Schluck ist aber doch wieder in meinem

Mund gelandet. Ich schlucke erst, als die Tante nicht

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hinsieht. Wir füllen jetzt den Ballon in Flaschen ab.

Mehrmaliges Ansaugen mit immer wieder einem

Extraschluck für mich, zeigt inzwischen seine Wirkung.

Mein Kopf fühlt sich ganz leicht an.

Nach dem Abfüllen gehen wir in den Stall. Tante versorgt

das einzige Zugpferd. Wie ich die beiden Kehrseiten

so von hinten nebeneinander betrachte, denke

ich: Tante Waltraud braucht doch gar kein Pferd,

ich bin mir sicher, sie könnte den Pflug allein ziehen.

Noch immer ziemlich beschwipst, eier ich mit

Rechtsdrall über den Hof. Da sehe ich, wie eine Ente

auf der Veranda ihre Notdurft verrichtet. „So nicht,

meine Liebe“, sage ich zu ihr und schnapp sie vom

Boden weg. „Das machen wir jetzt mal ordentlich!“

Schnurstracks gehe ich mit der zappelnden Ente zum

Toilettenhäuschen.

Das ist ganz aus

Holz, ungefähr hundert

Jahre alt und

riecht auch so. Ich

schiebe den Deckel

beiseite und halte

die Ente über das

Loch. „Hier kannste

das ordentlich

machen, du

dummes Ding“,

rede ich auf das

arme Tier ein. Da

zappelt das Ententier so stark, dass es mir aus den

Fingern gleitet und direkt durch das Loch in die

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Sickergrube fällt. Auf mein Rufen hin, kommt Onkel

Walter mit seinem Angelkescher und holt sie da raus.

Sie wird gleich darauf von ihm gesäubert und notgeschlachtet.

Sie schicken mich ins Bett, damit ich

nicht noch mehr Unfug anrichte.

Am nächsten Morgen, soll ich dann gleich nach dem

Frühstück helfen, das Heu zu wenden. Das kribbelt

ordentlich in der Nase, aber ich habs hinbekommen.

Danach soll ich das Schweinegatter säubern. Oh

Mann, wie das hier stinkt! Mit Harke und Schaufel,

einer Schubkarre, sowie mit viel zu großen Gummistiefeln

bewaffnet soll ich nun in das Gatter hinein.

Da ist aber noch eine recht große Sau drin, die mich

ärgerlich angrunzt, als ich mich ihr nähere. Ich habe

Angst vor diesem Riesenvieh. Die Harke vor mich

haltend versuche ich, die Sau in eine Ecke zu drängen.

Das gefällt der aber gar nicht. Aufgeregt grunzend

weicht sie mir immer wieder aus. Bis sie plötzlich

an mir vorbeistürmt, erst in die Schubkarre und

von da aus über das Gatter springt. Wie der Blitz ist

sie verschwunden. Bei dieser Aktion rempelt sie mich

um, in den viel zu großen Stiefeln habe ich keinen

Halt und setze mich voll in die Jauche.

Das Ganze hat einiges Getöse verursacht, was Tante

Waltraud auf den Plan ruft. Mit umwölkter Stirn

sieht sie wieder einmal auf mich runter.

„Du bist ja wirklich zu nichts zu gebrauchen“, sagt sie

nur und winkt resigniert ab.

Es vergeht einige Zeit, bis wir die Sau wieder zurückgebracht

haben. Jetzt muss ich mich erst mal ordentlich

schrubben, ich stinke bestialisch.

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Es ist Mittag darüber geworden und Essenszeit.

Heute soll es Ente mit Rotkohl und Klößen geben.

Eigentlich ja ein Festtagsessen wie die Tante meint.

Ich muss daran denken, wo die Ente gestern war, und

bekomme ein Würgen im Hals.

„Ich will das nicht essen“, bin ich widerspenstig.

„Du bist Schuld, dass wir sie schlachten mussten, also

iss jetzt auch.“

Doch ich esse nur von den Klößen mit der Soße und

den Rotkohl. Das Fleisch rühre ich nicht an.

„Weißt du, ich glaube, du gehörst hier einfach nicht

her. Du bist halt ein Stadtjunge. Geh und treibe da

deinen Unsinn. Gleich nachher rufe ich deinen Vater

an. Morgen bringe ich dich zur Bahn.“

Ich muss meinen Kopf senken, um mein Grinsen zu

verbergen. Das hat ja besser geklappt, als ich gehofft

habe; ich musste mich nicht mal anstrengen. Tante

und Onkel halten meinen gesenkten Kopf wohl für

Scham. „Mach dir nichts draus, mein Junge“, will

mich Onkel Walter trösten. „Für das Landleben muss

man geboren sein.“

Da kann ich ihm nur zustimmen.

Immer noch schlecht riechend aber fröhlich pfeifend

sitze ich am nächsten Morgen im Zug zurück nach

Berlin. Das waren erfreulich kurze Landferien, doch

ich werde sie sicher in Erinnerung behalten.

***

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Ajax und Timmy

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AJAX UND TIMMY

Ich stand in der prallen Sonne inmitten eines

Kamille-Feldes, um mich herum summten Bienen

und es kribbelte in meiner Nase. Ich will hier nicht

sein, ich will nachhause. Ich mag keine blöde

Kamille pflücken, das ist doof. Doch sie sagen, ich

muss das machen, so wie alle anderen auch.

Wir waren eine große Gruppe von Kindern, die im

DDR-Schulgarten verschiedene Arbeiten verrichten

sollten. Wir wohnten erst seit ein paar Tagen in

Prenzlauer Berg, der Schulwechsel erfolgte während

der großen Ferien. Im Osten herrschte ein strenger

Kommandoton, wir mussten uns in Reih und Glied

aufstellen und wurden dann gruppenweise für verschiedene

Arbeiten eingeteilt. Ich wäre lieber in

Kreuzberg geblieben, aber mein Vater hatte unsere

Freibank in die Pleite getrieben und musste den

Laden mit der Wohnung aufgeben. Jetzt wohnen wir

in einer riesengroßen, dunklen Wohnung, die mir

unheimlich ist. Warum er ausgerechnet nach Ost-

Berlin gezogen ist, habe ich nie herausgefunden.

Er hatte noch in Kreuzberg eine Ferienfahrt beim

Rathaus für mich beantragt. In ein paar Tagen sollte

ich nach Westfalen in ein Zeltlager fahren. Das war

mir sehr willkommen, wegfahren war eine tolle

Sache, dafür war ich immer zu haben.

Nachdem ich bereits zwei Wochen in diesem Ferienlager

war, kam auf einmal sehr viel Post aus Berlin.

Nicht für mich, aber für fast alle anderen.

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Es war Krieg in Berlin! Panzer waren aufgefahren,

Soldaten standen sich an der Grenze gegenüber ...

Wie sich dann nach und nach herausstellte, war es

nicht ganz so schlimm, aber schlimm genug. Ich und

einige der anderen Kinder wohnten in Ost-Berlin und

wir wussten nun nicht, ob wir zu unseren Familien

zurückkonnten. Ich hatte überhaupt keine Informationen,

niemand hatte mich benachrichtigt. Meine

Mutter hatte wahrscheinlich Schwierigkeiten, Post

aus Ost-Berlin zu schicken. Briefe dauerten oft ewig

von Ost nach West. Mein Vater war irgendwo mit

dem LKW in West-Deutschland unterwegs, ich

wusste nichts Genaues. Es beunruhigte mich nicht

besonders, ich hatte kein Heimweh, so wie viele der

anderen Kinder. Irgendwo würde ich schon unterkommen,

darüber machte ich mir keine Sorgen. Drei

Tage später war mein 8. Geburtstag im Jahr 1961,

eine Woche nach dem Mauerbau.

Eine Woche später, als uns der Reisebus auf dem Hof

vom Rathaus Kreuzberg absetzte, erwartete mich

mein Vater dort. Wir fuhren zu „Oma Wagner“, das

war nicht wirklich meine Oma, sondern die Mutter

seiner „heimlichen“ Geliebten. Jedenfalls wurde ich

vergattert, auf keinen Fall jemand zu erzählen, wo wir

wohnten. Es sollte auch nicht für lange sein, Vater

hatte neue Pläne: Er wollte eine Kneipe eröffnen.

Meine Mutter und meine Schwester waren noch

immer in Ost-Berlin, sie konnten nicht in den Westen

kommen. Ich hatte sie nur einmal kurz gesehen, von

einer erhöhten, hölzernen Plattform aus, die im

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Westen an verschiedenen Stellen errichtet wurden.

Dort konnten die Leute von der Ost-Seite noch dicht

an die Grenze heran. Wenn man laut sprach, konnte

man sich unterhalten. Meine Mutter warf mir einen

Teddy über die Mauer mit dem Stacheldraht zu, das

war mein Geburtstagsgeschenk. Sie hatte extra einen

grün-weiß gemusterten Anzug für ihn gehäkelt. Ich

drückte den Bären eng an mich. Dieser Teddy war

noch einige Jahre mein tröstender Begleiter.

Wir fuhren in den Wedding und schauten uns den

Laden an, der eine Kneipe werden sollte. Es musste

noch viel gebaut und renoviert werden. Nach drei

Wochen war es dann soweit, mein Vater war stolzer

Inhaber vom „Storchennest“. Diese Kneipe hatte

einen kleinen Nachteil: Es war keine Wohnung daran

angeschlossen, wir hatten keine. Im hinteren Teil des

Schankraums gab es eine Nische, die mit einer Falttür

abgetrennt wurde. Dort hatte mein Vater ein Bett

aufgestellt. Ich selbst schlief auf Matratzen in der

Zwischendecke über der Küche. Die war über eine

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Luke zu erreichen, dazu wurde ein Stuhl auf den

Küchentisch gestellt und ich kletterte daran hoch. Es

gab keine Lampe und kein Fenster dort oben, wenn

die Luke zu war, war es stockfinster und muffig. Mein

phantasieloser Vater meinte, da oben könnte ich

wenigstens keinen Unsinn treiben. Mit stibitzten

Kerzen und einer Taschenlampe konnte ich doch

etwas sehen und war zumindest unbeobachtet.

Ende November kam eines Abends mein Vater zur

Tür herein und hatte völlig unerwartet meine

Schwester dabei. Das war eine Riesenüberraschung.

Unsere Mutter sollte auch bis Weihnachten bei uns

sein, versicherte uns Vater. Meine vier Jahre ältere

Schwester bekam ihr Lager auch oben in der Zwischendecke,

es gab keinen anderen Platz. Insgesamt

verstanden wir uns ganz gut, auf Grund des Altersunterschiedes

gingen wir aber unsere eigenen Wege.

Dort oben hatten wir bis spät in der Nacht ununterbrochen

Beschallung durch die Musicbox aus der

Kneipe. Die Holzplatten, auf denen wir lagen, boten

einen guten Resonanzboden. Ich kenne noch heute

alle Schlager, die Anfang der Sechziger populär

waren auswendig. Das ist eine Hypothek, die ich nie

loswerden konnte. Wir wuschen uns an der Küchenspüle,

aßen im Schankraum und machten auch

unsere Schularbeiten dort.

Inzwischen war es ganz normal geworden, dass

Renate, seine Geliebte, bei uns war. Sie schlief auch

immer wieder bei ihm in der Nische. Renate hatte

einen kleinen, schwarzen Zwergpudel mit ebenso

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schwarzen Knopfaugen, er hieß Timmy. Gemäß ihrer

Aussage war er ein außergewöhnlich intelligenter

Hund. Jedenfalls gehorchte er ihr aufs Wort. Ich

mochte Renate nicht, ich fand sie zu schrill und arrogant.

Sie war stets stark geschminkt, hatte blondierte,

hochtoupierte Haare, ein schrilles, affektiertes

Lachen und war gerade neunzehn Jahre alt. Mit uns

Kindern gab sie sich nicht mehr als nötig ab, daran

hatte sie kein Interesse. Ich versuchte, immer wieder

mit Timmy zu spielen, aber der hatte nur Augen für

sein Frauchen. Ich durfte ihn auf keinen Fall am

Kopf anfassen, das hätte seine sorgfältig frisierte

Krone zerdrückt. Recht bald gab ich es auf mit ihm

spielen zu wollen. Das war nicht mein Hund.

Mitte Dezember war es dann soweit: Eines Abends

war meine Mutter da! Ich rannte sofort zu ihr und

umarmte sie, ich freute mich wie verrückt, sie hatte

mir doch sehr gefehlt. Weinend vor Freude lagen wir

uns in den Armen. Dann musste sie sich erstmal

rasch ausziehen. Sie hatte sich mehrere Kleidungsstücke

übereinandergezogen, da sie kein Gepäck dabei

haben durfte. In den ersten Monaten nach dem

Mauerbau war noch vieles provisorisch. Als West-

Berliner durfte man die Grenze mit einem Passierschein

überqueren. Diese Scheine waren einfache

Zettel und wurden von Hand ausgefüllt unter Vorlage

des Personalausweises. Mein Vater hatte eine Kopie

dieses Passierscheines angefertigt und sich den Ausweis

von Tante Martha ausgeliehen. Die beiden

hatten eine gewisse Ähnlichkeit. Mutter frisierte sich

die Haare wie sie und schminkte sich. So ausgerüstet

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fuhren sie über die Grenze und hatten Erfolg damit.

Da war ich sehr froh drüber.

Unser Alltag normalisierte sich ein wenig durch die

Anwesenheit meiner Mutter. Mein Vater trank nicht

mehr ganz so hemmungslos wie zuvor, ich hatte ihn

in den letzten Monaten fast nur noch betrunken

erlebt. Er war meist noch besoffen, wenn er morgens

aufstand. Renate ließ sich zunächst auch nicht mehr

sehen. Das Frühjahr kam, und ich in eine neue

Schule. Da ich die Klasse in Kreuzberg zu wenig

besucht hatte, kam ich erneut in die erste Klasse, zum

dritten Mal. Unser Klassenlehrer war der Herr Heinrich,

ein großer dürrer Mann, der gerne brüllte und

mit der Hand auf den Tisch schlug. Gelegentlich

bekam auch mal jemand eine Kopfnuss von ihm verpasst.

Noch ein anderes Problem wartete auf mich:

Alle Schulbücher waren in Druckschrift. Bisher

waren aber alle meine Lesefibeln in Schreibschrift

gewesen. Ich hatte Schwierigkeiten, die Texte flüssig

zu lesen, das warf mich wieder zurück. Auch mit dem

Schreiben hatte ich erhebliche Schwierigkeiten, ich

hatte eine fürchterliche Handschrift, groß, breit,

jeder Buchstabe in eine andere Richtung geneigt und

mehr als drei Wörter passten nicht auf eine Zeile.

Wenn wir ein Diktat schrieben, war ich schon nach

dem dritten Satz verloren, weil ich noch nicht mal

den ersten fertig hatte. Natürlich war ich auch hier

wieder „der Neue“ und alle waren mir fremd. Da ich

ein sehr verschlossener Junge war, bekam ich auch

keinen Anschluss. So war die Schule wenig erbaulich

für mich und bedeutete nur Mühsal und Drangsal.

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Ganz schlimm wurde es beim Sportunterricht, den

hasste ich aus vollem Herzen. Ich war zu der Zeit ein

spindeldürres Bürschlein, bestand nur aus Haut und

Knochen. Mit der Muskelmasse einer Maus hing ich

sowohl am Seil als auch an der Stange wie ein

Schluck Wasser und schaffte es keinen Meter hoch.

Unser Sportlehrer gab dazu seine lästernden

Kommentare ab. Das war demütigend und mir ausgesprochen

peinlich. So sehr, dass ich es immer

wieder schaffte mich vor dem Unterricht zu drücken.

In meinem Herbstzeugnis stand dann auch vermerkt:

„... nimmt nicht am Unterricht teil.“

Selbst wenn ich da war, war ich abwesend.

Ohne Freunde, ganz für mich allein, begann ich

meine neue Umgebung zu erkunden. Der Wedding

war ja absolutes Neuland für mich. Der Nordkanal

hatte es mir angetan. Dort gab es immer etwas zu

sehen oder zu entdecken. Manchmal stand ich einfach

nur bei den Anglern und schaute ihnen zu.

Schon kurz darauf kam neues Leben in unseren

Haushalt - Ajax kam zu uns. Ajax war ein verspielter

Deutscher Schäferhund, knapp ein Jahr alt. Den

schloss ich sofort in mein Herz, das war ein Hund

nach meinem Geschmack. Auf der gegenüberliegenden

Straßenseite gab es ein Brachgelände, dort

konnte ich mit ihm hin und einen Ball werfen oder

einfach mit ihm rumtoben. Doch auch diese Idylle

sollte nicht lange dauern. Zunächst tauchte Renate

immer öfter bei uns auf, sie wurde wohl von der

heimlichen zur offiziellen Geliebten meines Vaters.

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Eines Tages gingen wir zu dritt mit den beiden

Hunden in einen Park. Ajax trug sein Stöckchen im

Maul herum, einen armdicken Birkenzweig von etwa

einem Meter Länge. Den sollte ich weit fortwerfen

und er holte ihn voller Begeisterung zurück. Dieses

Spiel hatten wir schon so oft gespielt, doch innerhalb

eines Augenblicks wurde alles anders ...

Mein Vater stand mit Renate seitlich von mir und sie

schauten unserem Treiben zu. Renate hatte Timmy

auf dem Arm. Gerade schleuderte ich den Birkenstamm

wieder weit von mir, da sah ich aus dem

Augenwinkel, wie Timmy von Renates Arm sprang

und wie vom Katapult geschossen über den leicht

abschüssigen Rasen flitzte. Er war dabei so schnell,

dass er den Ast fast überholte - fast ...

Gerade am Ende der Flugkurve angekommen, traf

ihn der Stamm voll im Genick und er blieb ausgestreckt

liegen! Ich hörte Renate aufschreien und wir

liefen alle sofort zu Timmy. Der rührte sich nicht, gab

kein Lebenszeichen von sich. Mein Vater meinte, er

würde noch leben, vorsichtig hob Renate ihn auf und

wir rannten zum Auto. Mein Vater fuhr, so schnell er

konnte zu einem Tierarzt. Renate verfluchte mich

unterwegs unaufhörlich. Ich fühlte mich auch ohne

dem ziemlich mies. Aber ihr Geschimpfe weckte auch

einen Trotz in mir. Ich konnte nichts dafür! Sie hatte

ihn doch auf dem Arm. Sie hätte auf ihn aufpassen

müssen. Ich wartete mit Ajax im Auto, während sie

beim Arzt waren. Eine halbe Stunde später kamen sie

zurück - ohne Timmy. Er war tot! Renate war total

verheult und aufgelöst, die verlaufene Schminke zog

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schwarze Bahnen durch ihr Gesicht. Sie würdigte

mich keines Blickes mehr. Wir fuhren nach Hause

und mein Vater meinte, ich solle besser aus der Sicht

bleiben, das machte ich dann auch.

Meine Zeit, in der ich mit Ajax spielen durfte, war

dann auch bald vorbei. Vater sagte, er wäre jetzt in

dem richtigen Alter, er wollte ihn in eine Hundeschule

geben und dort scharf machen lassen. Zu

dieser Zeit bedeutete das nichts anderes, als den

Hund so lange zu prügeln, bis er so böse war, dass er

bereitwillig auf jeden losging. Ich hatte einmal

Gelegenheit, dabei zuzusehen. Mir tat der arme Ajax

einfach nur leid.

Doch schon bald wurde das alles bedeutungslos. Zwei

Tage, nachdem meine Mutter einen heftigen Streit

mit Renate hatte, riefen uns die Eltern zu sich und

eröffneten uns, dass sie sich trennen würden und bei

wem wir anschließend bleiben wollten. Das kam zwar

sehr überraschend für mich, dennoch habe ich keine

Sekunde gezögert, mich für meine Mutter zu entscheiden.

Nie werde ich den hasserfüllten Blick

meines Vaters vergessen, den er mir darauf zuwarf.

Meine Schwester blieb bei ihm. Nur wenige Tage

später lud er meine Mutter und mich in einer notdürftig

eingerichteten Einzimmer-Wohnung in

Kreuzberg ab. Ich war wieder in meinem alten Kiez,

jetzt mit meiner Mutter allein. Ein anderes Leben

begann ...

***

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Lothar

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LOTHAR

Es ist das Jahr 1964 und ich bin elf Jahre alt. Dieses

Jahr fährt die ganze Familie in den großen Ferien für

drei Wochen nach Dänemark. Es ist August und es ist

ein schöner Sommer. Wir haben ein Zelt auf einem

Campingplatz aufgebaut und Luftmatratzen aufgeblasen.

Das Wasser der Ostsee ist total klar, man kann

noch in einiger Entfernung vom Strand bis auf den

Grund sehen. Das macht das Angeln nach Flundern

besonders einfach. Papa hat ein Ruderboot ausgeliehen,

mit dem rudern wir nur ein kleines Stück

hinaus. Ein Stein, der an einem Seil befestigt ist, wird

ins Wasser geworfen, sodass wir nicht abtreiben. In

einem kleinen Laden gab es Angelsehne und Haken

zu kaufen. Wir versuchen es gleich mal mit einem

Dreierhaken. Nachdem ein Bleigewicht angeknüpft

ist, werden kleine Kugeln aus Brötchenteig auf die

Haken gesteckt und ins Wasser hinabgelassen. Wir

benutzen keine Angelruten, nur mit der Sehne in der

Hand, wird langsam der Haken dicht über dem

Grund hin und her bewegt. Schon kurz darauf tauchen

die ersten Flundern wie Schatten auf. Sie

umkreisen die Köder, bis schließlich eine versucht,

ihn zu fressen. Ein kurzer Ruck an der Sehne - und

die Flunder hängt am Haken. So geht das eine halbe

Stunde, teilweise können wir zwei Flundern auf einmal

herausholen. Dann sind zwölf Fische im Eimer

und das soll uns reichen. Papa zündet den Grill an

und wir machen uns daran die Flundern zu putzen.

Meine Schwester und Renate, meine Stiefmutter

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finden das erst total ekelig, aber später schmeckt es

ihnen dann doch.

Am nächsten Tag erkunde ich die Umgebung allein.

Hinter einem Hügel entdecke ich eine große Wiese,

auf der steht eine Koppel und darin ein kleines

schwarzes Pony. Das interessiert mich, das will ich

näher untersuchen. Als ich mich der Koppel nähere,

geht das Pony auf die gegenüberliegende Seite, weg

von mir. Ich versuche, es anzulocken. „Hallo mein

Kleiner, du musst doch keine Angst vor mir haben,

ich tu dir doch nichts.“ So rede ich noch eine Weile

auf das Pferdchen ein, aber es kommt nicht zu mir.

Als ich um die Koppel herumgehe, läuft es wieder auf

die andere Seite. Warum hat es nur so viel Angst? Ich

gebe es erst mal auf, beschließe aber, morgen mit

irgendeiner Leckerei wiederzukommen.

Das mache ich dann auch. Ich habe heimlich einen

Apfel stibitzt, den ich in vier Teile schneide. Wieder

entfernt sich das Pony von mir. Ich rede ihm gut zu

und werfe ein Stück vom Apfel zu ihm hinüber. Erst

weicht es davor zurück, dann schnuppert es aber

doch daran und frisst es schließlich. Das sehe ich

schon mal als Erfolg. Das nächste Stück werfe ich

nicht ganz so weit, mehr in die Mitte der Koppel. Das

holt es sich dann auch, sich langsam und vorsichtig

nähernd. Die ganze Zeit rede ich ihm dabei gut zu.

„Du brauchst dich nicht vor mir zu fürchten, ich will

nichts Böses. Ich bin auch ganz lieb.“ Das letzte Stück

liegt dann nur ungefähr zwei Meter von mir entfernt

und es nähert sich ihm erst nach langem Zögern. Es

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scheint ihm aber zu schmecken. Ich frage mich,

warum das arme Tier hier so ganz allein ist, eingesperrt

und einsam. Das tut mir leid. Es sieht auch

ziemlich mager aus, bekommt wohl nicht viel zu fressen.

Am Nachmittag gehe ich in den Ort, dort gibt es

einen kleinen Lebensmittelladen, in dem waren wir

schon mal. Der Besitzer, der Herr Wilmer, spricht

auch deutsch. Ich frage ihn, ob er etwas altes Brot

oder schrumpeliges Gemüse für ein Pferd hat. Er ist

ein freundlicher alter Mann und packt mir einiges in

eine Tüte. Stolz und froh dem Pferdchen etwas bringen

zu können, laufe ich schnell zu ihm. Zu meiner

Freude läuft es heute nicht ganz so weit von mir weg.

In einiger Entfernung bleibt es stehen und hebt

schnüffelnd den Kopf. „Ja schau mal, was ich dir

Schönes mitgebracht habe“, locke ich es an.

Als Erstes werfe ich ihm etwas Brot hin, das wird

geprüft und angenommen. Da sehe ich in einer Ecke

der Koppel einen Eimer stehen, er ist leer. Mit dem

Eimer laufe ich zu den Duschräumen auf dem Campingplatz

und fülle ihn mit Wasser. Den stelle ich in

die Koppel hinein und entferne mich etwas davon.

Das Pony hebt witternd die Nase und kommt näher.

„Na du Armer, hast du Durst?“ Es steckt den Kopf in

den Eimer und schlabbert das Wasser. Danach macht

es einen kleinen Hüpfer und läuft einmal in der

Koppel herum. Ich krame in der Tüte und schaue,

was ich ihm anbieten kann. Ob es wohl Bananen

mag? Zwei Stück sind in der Tüte, schon etwas

schwarz aber noch fest. Damit versuche ich nun, ihn

zu locken. Und das ist ein Volltreffer! Als er die

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Banane sieht, kommt er sofort näher. Er ist ein

Junge, darauf habe ich vorhin mal geachtet. Nur

knapp außer Reichweite bleibt er stehen und rollt mit

den Augen. Das sieht putzig aus. Ich werfe ihm eine

der Bananen zu. Er verschlingt sie gleich gierig. Oha,

die scheint er aber sehr zu mögen. Die andere Banane

behalte ich in der Hand, ich möchte so gern, dass er

sie sich von mir holt. Aber er bleibt immer noch auf

Abstand. Ich rede ihm weiter gut zu und endlich

nähert er sich ganz vorsichtig. Als ich ihm die Banane

entgegenhalte, macht er einen langen Hals und

nimmt sie aus meiner Hand. Ja genau, das ist toll, ich

freue mich total. „Na siehste, war doch gar nicht so

schlimm. Ich will doch dein Freund sein.“

„Wo treibste dir denn die janze Zeit rum?“, will Papa

wissen, als ich zum Campingplatz zurückkomme.

„Ich habe ein kleines Pony entdeckt, ich versuche,

mich mit ihm anzufreunden, aber es ist sehr ängstlich.“

„Mach bloß keen Unsinn, dat Pferd jehört ja irjendwem.

Ick will keen Ärjer ham.“

„Nee nee, ich hab ihm nur Wasser gegeben und altes

Brot. Ich mach schon keinen Ärger.“

Die Erwachsenen verstehen manchmal gar nichts.

Was soll denn daran falsch sein? Am nächsten

Morgen will ich gleich nach dem Frühstück zu ihm.

Ich habe mir heimlich zwei Bananen eingesteckt,

muss ja keiner wissen. Ein paar Stücke Zucker nehme

ich auch mit, das mögen Pferde wohl, das habe ich

mal in einem Film gesehen. Die Erwachsenen liegen

in ihren Liegestühlen und schmoren in der Sonne.

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Das ist nichts für mich, das macht mich nur müde.

Ich mache mich auf den Weg zu meinem Pferdchen.

Vielleicht sollte ich ihm einen Namen geben, dann

kann ich ihn rufen. Wie nennt man ein Pferd? „Fury“

fällt mir gleich ein, aber das finde ich blöd. Ich will

ihn „Lothar“ nennen, so hieß ein Freund, den ich mal

für eine kurze Zeit kannte. Der hatte auch so schwarzes

Haar. Den mochte ich gut leiden, aber wir sind

dann mal wieder weggezogen.

Als ich diesmal zur Koppel komme, läuft er nicht

mehr weg, er bleibt stehen und schaut mich an. Als

Erstes schaue ich in den Eimer, der ist natürlich leer.

Schnell laufe ich los und fülle ihn mit Wasser. Das

wird auch sofort angenommen. Es ist ja auch sehr

heiß und es gibt hier keinen Schatten. Dann rufe ich

ihn: „Lothar! Ab heute nenne ich dich Lothar, ok?“

Er schaut mich nur an, aber reagiert nicht auf meine

Worte. Als ich dann eine Banane hervorhole, reagiert

er sofort. Er bläht seine Nüstern auf, so heißt die

Nase beim Pferd, habe ich im Fernsehen gelernt. Er

kommt ein paar Schritte auf mich zu, bleibt dann

aber stehen. „Na komm her zu mir, Lothar. Ich habe

hier was Leckeres für dich.“ Er streckt den Kopf in

meine Richtung und schnüffelt, er scheint sehr

interessiert zu sein. Zögerlich kommt er Schritt um

Schritt näher. Ich winke mit der Banane, halte sie

diesmal aber nicht ganz so weit von mir weg. Es wäre

schön, wenn er sich näher trauen würde. Seine Liebe

zu Bananen scheint dann auch größer zu sein, als

seine Scheu vor mir. Vorsichtig nähert er sich und

nimmt mir dann ganz sachte die Banane ab. Langsam

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hebe ich meine Hand zu seinem Kopf. Er zuckt nicht

zurück, er lässt es sogar geschehen, dass ich sanft

über seine Mähne streiche. Toll! Ich könnte vor

Freude jauchzen, lasse es aber, das würde ihn

bestimmt erschrecken. Rasch gebe ich ihm noch die

zweite Banane. Er nimmt sie, dreht dann ab, macht

einen kleinen Hüpfer und gibt ein leises Wiehern von

sich. Das höre ich zum ersten Mal. „Ach Lothar, du

bist so ein feines Pferdchen, warum lassen sie dich

hier nur so allein?“ Ich rede alles Mögliche mit ihm

und nenne ihn möglichst oft beim Namen. Dann gehe

ich zum Laden und frage noch einmal nach Futter für

meinen Freund. „Für welches Pferd soll das denn

sein?“, fragt mich Herr Wilmer.

„Da ist ein kleines, schwarzes Pony, da hinten in

einer Koppel.“

„Ach das, ja das gehört dem Bauer Olson. Der sagte

mir mal, dass es sich nicht mit anderen Pferden verträgt.

Die haben es wohl weggebissen.“

„Ja, das hatte erst ganz viel Angst, aber jetzt ist es

besser. Heute durfte ich ihn das erste Mal streicheln.

Das war toll!“

Der Herr Wilmer schmunzelt und packt mir erneut

einige Sachen in eine Tüte. „Hier hast du was für

deinen Freund, aber gib ihm nicht alles auf einmal,

hörst du? Immer nur ein wenig pro Tag, sonst wird er

krank.“

„Ja gut. Vielen Dank Herr Wilmer, Sie sind ein netter

Mann.“

Wieder schmunzelt er. „Ist schon gut, mach ich

gerne. Sag mal, du kennst doch sicher diese kleinen

gelben Blumen, Löwenmaul heißen die wohl bei

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euch. Die findest du überall auf den Wiesen. Davon

kannst du ihm auch welche geben, die mögen sie und

sie sind gesund.“

„Ah, Sie meinen sicher die Butterblumen? Davon

gibts hier genug, das mache ich dann gleich.“

Freudig laufe ich zurück, es gibt auch bald Mittag, da

sollte ich mich sehen lassen. Nach dem Essen legen

sich die Eltern ins Zelt und wollen schlafen, und auf

keinen Fall gestört werden! Von mir ganz bestimmt

nicht, ich nehme meine Tüte und mache mich auf

den Weg zu Lothar. Unterwegs sammel ich noch eine

Handvoll Butterblumen für ihn. Diesmal kommt er

von sich aus an das Gatter, er läuft nicht mehr vor

mir weg. Das finde ich einfach großartig. Ich halte

ihm ein paar Butterblumen auf der flachen Hand hin

und er nimmt sie sanft mit seinen Lippen. Das fühlt

sich komisch an, aber gut. Sanft streichle ich ihn über

den Kopf und zause seine Mähne. Er lässt es geschehen,

streckt seinen Kopf zu meiner anderen Hand, zu

den restlichen Butterblumen. Der Tipp von Herrn

Wilmer war goldrichtig, die mag er wirklich gerne.

Ich gebe sie ihm dann auch noch. Der Eimer ist schon

wieder leer und ich hole schnell neues Wasser für

ihn. Während ich ihm beim Trinken zuschaue, rede

ich mit ihm. „Ach Lothar, du bist auch so ein Armer,

die ganze Zeit alleine, nichts zum Spielen, keine

Freunde. Weißt du was, ich kenne das. Ich bin auch

viel alleine und habe keine Freunde. Aber wenigstens

bin ich nicht eingesperrt. Na ja, zumindest nicht

immer.“ Lothar schaut mich mit seinen großen, braunen

Augen aufmerksam an. Da fallen mir die Zuckerstücke

ein. Ich lege zwei auf meine Hand und halte

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sie ihm hin. Er nimmt sie sacht mit seinen weichen

Lippen. Gleich danach gibt er erneut dieses leise Wiehern

von sich. Ich streichle gerade seinen Kopf, da

kommt er auf einmal näher heran und stupst mich

mit seiner Nase an der Schulter. Dann legt er seinen

Kopf darauf und dreht ihn ein wenig hin und her,

reibt ihn daran. Ich bin wie erstarrt, damit habe ich

nun gar nicht gerechnet. Mir schießen die Tränen in

die Augen - ich bin so glücklich. Langsam und

bedächtig streichle ich seinen Kopf, es ist ein wunderbarer

Augenblick. Dann nimmt er seinen Kopf

zurück, wiehert leise und trabt in der Koppel herum.

Ich glaube, wir sind gerade richtige Freunde

geworden. Das macht mich so froh, ich könnte platzen

vor Freude. Am liebsten würde ich es der ganzen

Welt erzählen. Aber ich weiß schon, dass es die

Erwachsenen nicht interessieren wird. Meine

Schwester ist auch schon zu erwachsen mit ihren

fünfzehn Jahren. Sie will immer sein wie die Großen.

Es soll eine Sache zwischen Lothar und mir sein. Was

gehts die Anderen an. Ich besuche und versorge

Lothar jetzt jeden Tag und er hat nun gar keine Scheu

mehr vor mir. Ich darf ihn streicheln und kosen und

rede immer ganz zärtlich mit ihm. Er ist mir total ans

Herz gewachsen, ich liebe ihn.

Als ich ihn am nächsten Tag besuchen will, sehe

ich schon von Weitem, dass die Koppel leer ist. Ich

bin verzweifelt, wo mag mein Lothar nur hin sein?

Noch nie habe ich gesehen, dass sich irgendjemand

um ihn gekümmert hätte, aber nun ist er fort. Todtraurig

kehre ich zum Campingplatz zurück. Mir ist

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der ganze Tag verdorben, ich könnte heulen. Mein

lieber Freund ist fort und ich konnte mich nicht einmal

von ihm verabschieden. Was ist das nur für ein

Scheißleben? Von den Erwachsenen fällt niemand

auf, dass ich den ganzen Tag nur still in einer Ecke

sitze. Ach, die können mich alle mal. Denen ist doch

sowieso alles egal, was mir wichtig ist. Meine Trauer

wird langsam zu Wut, ich möchte irgendwas kaputt

machen. Will mir irgendwie Luft verschaffen. Warum

werden mir immer meine Freunde weggenommen?

Das ist so ungerecht, das ist so gemein. Aber wen

interessiert das schon? Niemand! Dieser Tag geht

sehr unglücklich zu Ende.

Am Tag darauf will ich einfach nur schauen, ob sich

vielleicht etwas geändert hat - und wirklich - mein

Lothar ist wieder da! Sofort renne ich zu ihm, er

begrüßt mich mit einem freudigen Wiehern. Er

kommt gleich ans Gatter und erwartet mich. „Mensch

Lothar, wo warst du denn bloß? Ich dachte schon, ich

sehe dich nie mehr. Ich bin ja so froh, dass du da

bist.“ Er reibt seinen Kopf an meiner Schulter und

wiehert leise. Ich glaube, er ist auch froh, mich

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wiederzusehen. Heute ist sogar Wasser in seinem

Eimer und Heu liegt in einer Ecke und irgendeine

Streu. Sein Fell ist gebürstet worden, es glänzt jetzt

mehr. „Haben sie dich doch nicht ganz vergessen,

was mein Freund? Das ist schön, das freut mich.“

Lothar ist heute übermütig, er trabt in der Koppel

herum, kommt zu mir, stupst mich an und trabt

weiter. Ich verstehe das als Aufforderung, mit ihm zu

spielen. Entschlossen mache ich etwas, das ich bisher

noch nicht getan habe: Ich bücke mich unter dem

Gatter hindurch und stehe bei ihm in der Koppel. Er

wiehert und trabt an mir vorbei. Als er das nächste

Mal bei mir vorbeikommt, laufe ich neben ihm her,

mit ihm zusammen im Kreis durch die Koppel. Das

macht einen Heidenspaß, aber ich komme recht bald

außer Puste, ich kann nicht mehr. „Ja, schau nur ...

du hast es leichter ... mit deinen vier Beinen“, sage

ich japsend und lachend zu ihm. Dann gebe ich ihm

die letzten zwei Zuckerstücke die ich noch in der

Hosentasche habe. Ich muss gehen, die Eltern wollen

irgendwo hinfahren, ich sollte schon längst bei ihnen

sein. Das gibt bestimmt wieder mal Ärger, aber das

ist mir völlig egal. Heute scheint die Sonne wieder

heller, zumindest für mich.

Es sind ein paar Tage vergangen, jeden Tag war ich

bei Lothar und habe mit ihm gespielt und ihn liebgehabt.

In zwei Tagen fahren wir zurück nach Berlin.

Die Schule fängt nächste Woche an. Ich bin jetzt

schon traurig, dass ich Lothar dann nicht mehr

besuchen kann, nicht mehr mit ihm spielen kann.

Ihm konnte ich von all meinen Sorgen erzählen, er

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hat immer geduldig zugehört. Als ich am Nachmittag

zu ihm will, meint mein Vater: „Mach uns doch mal

mit dein neuen Kumpel bekannt. Muss ja nen dollet

Pferd sein, wenn de ständich zu ihm hinrennst.“

Schließlich tauchen wir dann zu viert an der Koppel

auf. Lothar wittert und zieht sich schon etwas zurück.

Beruhigend rede ich ihm zu und er kommt schließlich

zu mir. Papa sagt nur abfällig: „Dat is ja man nen

mickriger Gaul. Wejen dem machste so´n Jewese?

Ick dachte, dit wär nen richtjet Reitpferd.“

Ich denke bei mir: „Oh Mann, hätte ich ihm nur nie

was von Lothar erzählt.“

Dann meint er auch noch: „Biste denn schon mal uff

ihm jeritten?“

Nein, bin ich nicht. Ich hatte nur ganz kurz mal daran

gedacht, es dann aber sein lassen. Es schien mir nicht

richtig zu sein. Ich wollte ihm nicht meinen Willen

aufzwingen, wollte meinen Freund nicht benutzen. Es

reicht mir, mit ihm zu spielen, neben ihm herlaufen

zu können. Seine liebevolle Zuwendung ist alles, was

ich will. Aber das reicht meinem Vater nicht. Er greift

mich unter den Achseln und mit den Worten: „Ick

zeich dir mal, wie man dit macht“, hebt er mich über

das Gatter und setzt mich auf Lothars Rücken. Ich

bin nur ein kleiner schmaler Kerl und wiege nicht

viel. Aber Lothar ist doch erschrocken, das merke ich.

Ich beuge mich über seinen Hals und streichle ihn,

will ihn beruhigen. Ich kann spüren, wie er zittert,

und will sofort wieder von ihm runter. In dem Augenblick

haut ihm mein Vater mit voller Wucht auf den

Hintern, will ihn wohl antreiben. Lothar macht einen

erschrockenen Satz nach vorn und ich falle von

58


seinem Rücken auf den Boden. Das ist nicht so

schlimm, ich tu mir nicht doll weh dabei. Aber ich bin

entsetzt, mit welcher Brutalität mein Vater gegen

meinen Freund vorgeht. Laut kreische ich auf: „Was

machst du denn! Der arme Lothar, warum schlägst

du ihn?“

Mir schießen die Tränen in die Augen, ich fange laut

an zu heulen. „Du bist so ein fieser, gemeiner Kerl,

ich hasse dich!“

„Nu mach ma langsam Bursche, stell dir nich so an

wejen dem blöden Gaul.“

„Das ist kein blöder Gaul, das ist mein Freund. Du

bist blöd.“

Gebe ich ihm trotzig und unter Schluchzen zurück.

„Wat sachste? Na warte man Bürschchen, komm du

mir mal nach Hause, dann zeich ick dir jenau wie

blöd ick bin.“

Ich will zu Lothar und ihn trösten, doch er weicht vor

mir zurück. Das ist zu viel für mich.

Laut heulend laufe ich in die Dünenlandschaft

hinein, will nur weg von diesem schrecklichen Kerl.

Will ihn nie mehr sehen müssen. Es gab vorher schon

viele Sachen, für die ich ihn gehasst habe, aber das

heute, ich weiß nicht wie ich das ertragen soll. Immer

tiefer laufe ich in die Dünen hinein, mich ständig

umsehend, ob mich dieser Unhold verfolgt. Aber das

ist es ihm wohl nicht wert. Es ist niemand zu sehen.

Ich finde einen alten Strandkorb, der schon an ein

paar Stellen beschädigt ist und schief in der Landschaft

steht. Dort kletter ich hinein und kann ihn fast

zuziehen, so bin ich nicht zu sehen.

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Vom vielen Heulen tut mir jetzt der Hals weh. Ich

hätte gerne was zu trinken. Aber hier gibt es weit und

breit nichts außer Sand und hartem Gras. Ich

beschließe abzuhauen, ich will auf keinen Fall zu

diesem fürchterlichen Menschen zurück. Es ist mir

egal, was aus mir wird. Hauptsache ich muss diesen

Grobian nie mehr sehen.

Irgendwann muss ich eingeschlafen sein. Als ich

wach werde, friere ich und es ist dunkel. Mein Magen

knurrt, wie spät mag es wohl sein? Ist mir jetzt aber

auch egal, ich will jedenfalls nicht zurück, ich bleibe

lieber hier. Nach einiger Zeit höre ich Rufe: „Hansi!“

„Haaansi!!“

Das ist die Stimme von meiner Schwester. Ich verkrieche

mich tiefer, bleibe ganz still. Ich will nicht,

dass sie mich finden. Tun sie aber. Als ich durch eine

Lücke nach draußen spähe, kann ich die schwankenden

Lichter von mehreren Taschenlampen sehen.

Scheiße, den weißen Strandkorb kann man auch im

Dunkeln kaum übersehen. Es dauert dann auch gar

nicht lange, bis jemand den Strandkorb öffnet,

hineinleuchtet, mich packt und nach draußen zerrt.

Natürlich ist es mein Vater. Ich fange mir gleich erst

mal eine rechts und links. Dann packt er mich am

Arm und zerrt mich hinter sich her. „Dir werd ick zeijen,

einfach wegrennen und wir die halbe Nacht

hinterher. So nich, Freundchen.“

Als wir am Campingplatz ankommen, bekomme ich

meine versprochene Tracht Prügel. Danach schmeißt

er mich im Zelt in eine Ecke und sagt: „Da bleibste

bis wir abfahrn, ick will dir draußen nich mehr sehn.“

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Ich warte eine Weile, bis ich sicher sein kann, das alle

fest schlafen. Dann krieche ich ganz vorsichtig unter

der Zeltwand hindurch und bin draußen. Schnell

laufe ich zu Lothar, ich will mich unbedingt von ihm

verabschieden und sehen, ob es ihm gut geht. Eine

Wasserflasche und ein paar Bananen habe ich mitgenommen.

Mein Magen knurrt immer noch, seit

dem Mittagessen habe ich nichts mehr gegessen. Als

ich bei der Koppel ankomme, weicht Lothar zurück.

Ich rufe ihn und er nähert sich mir vorsichtig.

„Mensch Lothar, sei doch bitte nicht böse mit mir.

Ich kann doch auch nichts dafür. Ich wollte das doch

alles nicht. Bitte sei wieder lieb zu mir, ich bin doch

dein Freund.“

Das alles sage ich unter Tränen, meinen geliebten

Freund zu verlieren, tut mir mehr weh, als die Prügel

vorhin. Nach einer Weile kommt er näher. Ich setze

mich an das Gatter und lehne mich dagegen. „Weißt

du, mein Vater ist ein blöder Idiot und ein Grobian.

Aber ich kann nichts dagegen tun. Ich will ja schon

lange weg von ihm, aber er lässt mich nicht. Was soll

ich nur machen? Ich bin so verzweifelt. Wenn du jetzt

auch nicht mehr mein Freund sein willst, habe ich

niemand mehr, dann bin ich wieder ganz allein.“

Das alles erzähle ich ihm, bis ich auf einmal sein weiches

Maul an meiner Schulter fühle. Er stupst mich

an und wuselt in meinen Haaren herum. Ich möchte

ihm um den Hals fallen, aber davor weicht er zurück.

„Ist schon ok, ich bleibe hier sitzen, brauchst keine

Angst haben.“

Langsam nähert er sich wieder. „Ich habe hier drei

Bananen, wollen wir uns die teilen? Ich habe einen

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Bärenhunger, ich kann sie dir nicht alle geben.“

Ich reiche ihm eine, er nimmt sie sachte an. Dann

esse ich selbst eine, das tut gut. Die Letzte teile ich

brüderlich und gebe ihm die Hälfte. Ich erzähle ihm

von meinem tristen Leben in Berlin und wie viel

lieber ich bei ihm leben würde. Da wird es auch schon

hell und ich muss zurück, bevor die Alten aufwachen.

Ein letztes Mal streichle ich Lothars Kopf, dann laufe

ich blind von Tränen zum Zelt zurück. Mein Vater ist

natürlich schon wach. Ohne ein weiteres Wort verpasst

er mir ein paar saftige Ohrfeigen und schmeißt

mich dann auf den Rücksitz vom Auto. Er verriegelt

die Türen und ich kann nicht mehr weg. Unser Auto

ist ein Taxi, da ist alles gesichert, auch die Scheiben

gehen nicht runter.

Von diesem Tag an habe ich mich geweigert, „Papa“

zu ihm zu sagen, es gab nur noch „Vater“. Auch dafür

habe ich mehrmals Prügel bezogen, aber ich blieb

stur. Ich hatte keinen Papa mehr.

***

62


Krueger Park

63


KRÜGER PARK

Punkt sechs Uhr früh stehe ich an der Gangway. Ole

erscheint zünftig in Khaki gekleidet, eine eindrucksvolle

Gestalt. Wir müssen noch ein Stück weit bis zu

einer Autovermietung laufen. Dort steht ein

Landrover für uns bereit. Lourenço Marques ist nicht

weit von der südafrikanischen Grenze entfernt. Bis

zur Station im Krüger-Park sind es knapp

sechshundert Kilometer. Ole rechnet mit rund acht

Stunden Fahrt.

Nachdem wir die Grenze von Moçambique hinter uns

gelassen haben, verändert sich die Umgebung

schnell, es wird trockener, staubiger. Die Vegetation

ist spärlicher. Dafür wird es immer heißer. Die

Landschaft wird steiniger und es geht bergan. Der

Zustand der Straßen lässt zu wünschen übrig, es gibt

viele Schlaglöcher und versandete Stellen. Es ist

herrlich, so über die Piste zu jagen. Der Verkehr ist

nur spärlich und wir kommen gut voran. Da Ole nur

selten die Geschwindigkeit spürbar verringert, wirft

es uns im Auto hin und her. Wer braucht da noch

eine Achterbahn? Ich bin entzückt, mir macht das

einen Heidenspaß. Den größten Teil der Fahrt

verbringen wir in entspanntem Schweigen, nur

gelegentlich von kurzen Wortwechseln unterbrochen.

Mir ist das recht, so kann ich die Landschaft und die

Atmosphäre des Landes in mich aufsaugen. Alles,

was ich sehe, gefällt mir ausnehmend gut. Ein

unbeschreibliches Glücksgefühl durchströmt mich.

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Davon habe ich immer geträumt: Frei wie ein Vogel

im Sonnenschein durch eine tropische Landschaft

fahren, an der Seite eines patenten und verlässlichen

Kameraden. Was kann es Schöneres geben?

Nach gut sieben Stunden kommen wir schließlich an.

Die Station besteht aus ein paar hufeisenförmig

angeordneten Hütten. An der offenen Seite befinden

sich verschiedene Tiergatter. Es ist nur eine kleine

Außenstation. Ein älterer Mann begrüßt uns herzlich.

Er heißt Albert und ist ein Freund von Ole. Und dann

geht mir das Herz auf. Aus einer der Hütten kommt

ein großes, schwarzes Tier - ein Neufundländer!

Der Lieblingshund meiner Kindertage. Nie habe ich

ein Tier mehr geliebt als unseren Herkules.

Er kommt gemächlich auf uns zu getrottet.

„Das ist der Rover“, wird er vorgestellt.

Ich geh auf die Knie und nehme Kontakt zu ihm auf,

er reagiert sofort. Er beschnüffelt mich von allen

Seiten, was ich still geschehen lasse. Zum Schluss

schleckt er mir das Ohr aus und macht leise und

verhalten „wuff“. Jetzt bin ich dran, mit tiefer

Stimme brummelnd zause ich ihn im Genick und

kraule ihm Brust und Bauch, dann den dicken

Schädel, er lässt es willig geschehen, drückt mit

seinem Kopf gegen meine Hand. Jetzt sind wir

Freunde.

Albert hat uns die ganze Zeit beobachtet und nickt

beifällig. „Du bist in Ordnung.“

„Ach ja? Warum glaubst du das?“

„Ich muss nichts glauben. Wenn der Rover dich mag,

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ist das so.“

„Ich hab ihn schon ins Herz geschlossen.“

Das Mittagessen ist gerade vorbei, doch für uns gibt

es noch etwas. Eine dampfende Schüssel mit

verschiedenem Gemüse und Fleischstücken darin,

sieht gut aus. Gleich der erste Bissen treibt mir den

Schweiß auf die Stirn und die Tränen in die Augen.

„Scheiße ist das scharf!“, kann ich mir nicht

verkneifen. Albert liegt fast unter dem Tisch vor

Lachen. Hastig stopfe ich mir von dem Fladenbrot in

den Mund. Der brennt wie die Hölle. Von dem Zeug

will ich nicht noch mal probieren und beschränke

mich auf Brot und Bananen, was mich auch satt

macht.

Albert ist ein Mann in den Fünfzigern mit grau

meliertem Haar und vielen Runzeln im wettergegerbten

Gesicht. Ich war überrascht, dass er

Deutscher ist. Ole hatte mir nur gesagt, dass er hier

einen Bekannten hätte, mir aber nichts weiter über

ihn erzählt. Das macht er am Abend selbst.

„Wie ich hierher gekommen bin? Ich geb dir mal die

Kurzfassung. Ich stamme aus Rostock, aus der DDR.

Damals bin ich ein paar Jahre Seemann gewesen.

Später bin ich dann nach Nigeria gekommen und

wurde da als Aufseher auf einer Plantage eingesetzt.

Als es hieß, ich solle wieder zurück, hab ich mich

nach Südafrika abgesetzt und dort Asyl beantragt.

Das habe ich auch bekommen. Später habe ich dann

geheiratet und die südafrikanische Staatsbürgerschaft

angenommen. Kurz danach die Scheidung und

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jetzt bin ich hier und sehr zufrieden damit.“

Ich bin beeindruckt von diesem Lebenslauf.

„Wolltest du nie zurück?“

„Nee, nie! Ich hab hier alles, was ich brauche. Hier

bin ich zuhause.“

Zuhause, das ist für mich nur ein Begriff. Der Ort, an

dem ich abends schlafen gehe, nicht mehr. Vielleicht

bekommt er hier eine andere Bedeutung für mich.

Während Albert sich seine Pfeife stopft, fragt er mich:

„Und du? Wie kommt es, dass du dich so gut auf

Hunde verstehst? So zutraulich habe ich den Rover

noch nie erlebt, sonst lässt er niemand an sich heran,

abgesehen von mir.“

„Ich spreche seine Sprache, das hat er gemerkt.“

„Ach nee, wie denn das?“

Er schaut mich zweifelnd an, sodass ich lachen muss.

„Nee, das ist Quatsch, oder doch nicht, ich weiß es

nicht. Wir hatten einen Neufundländer, als ich noch

ein kleiner Junge war, mit dem war ich zusammen, so

oft es nur ging. Ich habe ihn sehr geliebt. Keinem

anderen Hund war ich so eng verbunden wie

unserem Herkules. Wir waren ein Herz und eine

Seele.“

Dann erzählt er uns, dass sie übermorgen einen

Tiertransport nach Rhodesien haben. Zu einem

Tierpark, der sich dicht bei den Victoriafällen

befindet. „Ihr könnt gerne mitkommen, wenn ihr

wollt. Ich deklariere euch als Tierpfleger.“

Das wollen wir uns natürlich nicht entgehen lassen.

Die Victoriafälle sollen ja überaus beeindruckend

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sein. Aber erst mal gehen Ole und ich schlafen, es war

ein langer, anstrengender Tag und wir sind beide

müde.

Um acht Uhr gibt es hier Frühstück, das ist schon mal

eine angenehmere Zeit als an Bord. Ich schlafe doch

so furchtbar gerne. Eine Stunde mehr ist eine feine

Sache. Als wir alle an dem großen Tisch vor der

Küchenhütte sitzen, kommt Rover getrottet und legt

sich unter dem Tisch direkt auf meine Füße. „Das

macht er sonst nur bei mir“, kommentiert das Albert.

Ist er etwa eifersüchtig? Die gesamte Mannschaft der

Station sitzt am Tisch, insgesamt sind es fünf Männer

und die Köchin. Alle Mitarbeiter sind Schwarze. Hier

wird offensichtlich anders mit der Rassentrennung

verfahren. Das gefällt mir. Ich spreche Albert darauf

an. „Ah, weißt du, wir haben hier draußen unsere

eigenen Wege. Wir müssen hier einer für den

anderen einstehen, uns aufeinander verlassen

können. Daraus entsteht zwangsläufig Kameradschaft

und Respekt. Offiziell leben wir sauber

getrennt. Falls mal eine Inspektion kommt, sehen die

auch nichts anderes. Aber die sind weit weg und

lassen sich hier nicht oft blicken. Ist fast wie damals

in der DDR: Zeig den Bonzen was sie sehen wollen,

dann können sie zufrieden wieder abziehen.“

In der Dämmerung soll es eine Jagd auf Wildhunde

geben. Sie haben sich zu stark vermehrt und

gefährden die Antilopenbestände, erklärt mir Albert.

„Hast du schon mal geschossen?“, fragt er mich.

Nein, habe ich natürlich nicht. Im Berliner

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Großstadt-Dschungel wird nicht mehr mit dem

Gewehr gejagt. Albert zeigt mir, wie man mit dem

Gewehr schießt. Zum Üben müssen Dosen und

Holzstücke herhalten. Nach vier bis fünf Schüssen

wird meine Trefferquote deutlich besser. Aber meine

Schulter schmerzt von den Rückschlägen.

Eine Stunde vor Sonnenuntergang beziehen wir

unsere Posten. Wildhunde jagen am liebsten in der

Dämmerung. Wir liegen auf einem kleinen Hügel,

gedeckt von hohem Gras. Mit der untergehenden

Sonne fängt eine schlimme Plage an: Moskitos! Ich

hasse Moskitos! Sie sind einer der Gründe, warum

ich an keinen Gott glauben kann. Schon gar nicht an

einen Barmherzigen. Kein barmherziges Wesen

könnte sich so eine Gemeinheit ausdenken. Ich

bedecke mich, so gut es geht, und ertrage mein

Schicksal. Selbst Rover, der die ganze Zeit still neben

mir gelegen hat, schüttelt unruhig den Kopf und

schnappt immer wieder in die Luft.

Dann taucht tatsächlich ein Rudel Wildhunde auf,

gut zu erkennen an ihrem braun-weiß gescheckten

Fell und den weißen Spitzen ihrer Ruten. Es ist ein

ohrenbetäubender Lärm, wenn acht Gewehre

gleichzeitig feuern. Der Pulverdampf brennt in Augen

und Nase. Der Spuk dauert nur wenige Minuten.

Dann ist völlige Stille. Von dem Rudel ist nichts mehr

zu sehen. Vereinzelt sehe ich dunkle Umrisse am

Boden liegen. Im letzten Tageslicht gehen wir nach

unten. Das Gezirpe der Zikaden und das Vogelgezwitscher

haben wieder eingesetzt. Acht

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Wildhunde sind uns zum Opfer gefallen. Ich weiß,

das ist unwaidmännisch, aber ich empfinde es so. Die

Kadaver stinken erbärmlich. Es ist ein rauer

archaischer Geruch, von Blut und Wildheit. Rover

beschnüffelt sie, rührt sie aber nicht an. Guter Hund!

Schnell ist es dunkel geworden. Nur mit

Scheinwerferlicht suchen wir den Weg zurück zur

Station. Beim Abendessen sprechen alle über die

Jagd. Albert spricht mit seinen Männern auf Suaheli,

einer seltsamen Sprache, voller Kehl- und Klicklaute.

Er hat meine bedrückte Stimmung bemerkt. „Na

Junge, hat´s dir nicht gefallen?“

„Von gefallen kann ich da wirklich nicht sprechen. Es

war interessant und lehrreich.“

„So? Was hast du denn gelernt heute?“

„Hm, in erster Linie, dass ich nicht noch mal an so

einer Jagd teilhaben möchte. Als ich diese toten Tiere

sah, haben sie mir einfach nur leidgetan. Es waren

doch auch nur Wesen, die gemäß ihrer Art leben

wollten.“

„Das ehrt dich, aber schau mal, wir müssen ihre

Anzahl kontrollieren, sonst werden sie zu einer

Gefahr für unsere Antilopen. Diese Wildhunde sind

clevere, kleine Mistkerle. Sie jagen immer im Rudel -

sehr effektiv. Wir haben heute gerade mal acht von

ihnen erwischt. Eine Hündin wirft in einem Wurf das

Doppelte. Bei nur siebzig Tagen Tragzeit. Die

vermehren sich wie die Karnickel.“

„Das mag schon alles sein. Nur, wer entscheidet

welches Leben wert und welches unwert ist? Spielen

wir nicht Gott? Ja, das tun wir, und warum? Ich weiß,

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weil wir es können. Aus keinem anderen Grund, nur

weil wir es können, die Macht dazu haben. Ich kann

mich damit einfach nicht anfreunden.“

Lange sieht mich Albert an.

„Du bist ein bemerkenswerter junger Mann.“

„Hab ich dir doch gesagt“, stimmt ihm Ole auch noch

zu. Mir ist das peinlich. Ich spüre, wie meine Wangen

heiß werden, und bin froh, dass ein Feuer die einzige

Lichtquelle in der Nähe ist.

Etwas Nasses fährt durch mein Gesicht. Ich öffne

meine Augen und schaue in die treuen braunen von

Rover. Er legt den Kopf schief und hechelt mich an.

Wer wollte da nicht aufstehen? Ich kraule ihn hinter

dem Ohr, das mag er besonders gerne. Heute ist der

Tiertransport, das wird sicher spannend. Gleich nach

dem Frühstück fahren wir ab. Die anderen

Tierpfleger sind schon früher los, sie verladen die

Tiere. Nach einer halben Stunde Fahrt kommen wir

auf einem kleinen Flughafen an. Erkennbar nur

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durch die Miniausgabe eines Towers. Aus irgendeinem

Grund habe ich angenommen, dass wir die

Tiere mit LKWs transportieren.

Aber nein, wir werden fliegen! Ich bin noch nie

geflogen. Als ich die Maschine sehe, mit der wir

abheben sollen, rutscht mir doch das Herz ein wenig

tiefer. Sie sieht aus wie eine Wellblechhütte, an die

rechts und links Tragflächen geschraubt wurden und

vorne zwei Propeller. Es fällt mir schwer, zu glauben,

dass dieses Ding in die Luft kommt und dann auch

lange genug dortbleibt! Eine Landung damit - meine

Fantasie sträubt sich gegen diese Vorstellung. Zu

fünft werden wir verschiedene Antilopen, zwei Zebras

und einen noch recht kleinen Elefanten begleiten. Sie

stehen bereits an Bord in ihren jeweiligen Boxen.

Dann geht es los. Das Flugzeug rumpelt mit laut

dröhnenden Motoren über die Piste, die man hier als

Startbahn bezeichnet. Als ich schon befürchte, dass

wir es nicht schaffen, hebt die Maschine kurz vor dem

Ende der Bahn ganz gemächlich ab. Langsam

gewinnen wir an Höhe. Gut tausend Kilometer Flug

liegen vor uns, etwa vier Stunden soll er dauern.

Ole und ich gehen nach hinten und helfen den beiden

Tierpflegern dabei, die Tiere zu beruhigen. Wir

streuen ihnen Heu und anderes Grünzeug hin und

reden beruhigend auf sie ein. Der kleine süße Elefant

hat es mir angetan. Ich streichle ihn und mit tiefer

Stimme brummend, gelingt es mir, ihn zu

entspannen. Er legt mir seinen Rüssel über die

Schulter und gibt glucksende Geräusche von sich.

Einer der Tierpfleger nickt mir anerkennend zu. Ich

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scheine es instinktiv richtig zu machen. Durch eine

der Sichtluken kann ich Afrika von oben sehen. Eine

Herde Gnus zieht unter uns vorbei, auch eine Gruppe

Elefanten kann ich erkennen. Ich weiß gar nicht, wo

ich bei all dem zuerst hinschauen soll.

Die Zeit geht schnell vorbei. Schon höre ich den

Piloten mit dem Tower reden und wir machen uns für

die Landung bereit. Dieser Flughafen verfügt sogar

über asphaltierte Landebahnen, so setzen wir überraschend

sanft auf. Nachdem Albert den umfangreichen

Papierkram abgewickelt hat, ziehen wir

weiter. Die Tiere sind in der Zwischenzeit auf

bereitstehende LKWs verladen worden. Es ist nur ein

recht kurzer Weg zum Tierpark. Nachdem die Tiere

übergeben sind, gehen wir Mittagessen. Als Nächstes

stehen die Victoriafälle auf dem Programm. Ein

wenig konnte ich davon schon aus der Luft sehen,

aber eigentlich war nur eine große Wolke inmitten

von Grün zu sehen. Albert sagt, er kennt eine

geeignete Stelle.

Von dort haben wir einen guten Ausblick in eine

große Schlucht hinein oder in eine Reihe von

Schluchten. Soweit man sehen kann, stürzt überall

Wasser von der Kante, wobei die eigentliche Höhe

kaum zu erkennen ist, da die Gischtwolken das

Meiste verdecken. „Der Sambesi führt um diese Zeit

sehr viel Wasser, da kann man nicht viel sehen“,

erklärt uns Albert. Es ist dennoch ein majestätischer

Anblick, die schiere Größe ist schon beeindruckend.

Bald machen wir uns wieder auf den Weg zum

Flughafen. Es liegen weitere vier Stunden Flug vor

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uns und wir wollen auf jeden Fall noch vor Einbruch

der Dunkelheit landen. Dafür bin ich auch sehr! Auf

dem Weg dorthin, entdecke ich einen Souvenir-Shop,

da muss ich gleich mal rein. Es gibt den üblichen

Tand, Postkarten, Kalender, afrikanische Handarbeiten

und Keramiken. Ein paar Ledergürtel

erregen meine Aufmerksamkeit. Als ich einen mit

einer kunstvoll gearbeiteten Schnalle mit einem

stilisierten J sehe, ist alles klar. Den nehme ich für

Jürgen mit, meinem Messejungenkollegen,

schließlich habe ich es auch ihm zu verdanken, dass

ich das alles hier erleben kann.

Der Rückflug ist ruhig. Da wir uns nicht um Tiere

kümmern müssen, können wir die Landschaft besser

betrachten. Es gibt nicht viele Städte in dieser

Gegend und die meiste Zeit ist nur wildes,

unbewohntes Land zu sehen. Das mag aber auch an

der gewählten Flugroute liegen. Pünktlich mit dem

Einsetzen der Dämmerung landen wir.

Rover freut sich wie verrückt, als wir wieder in der

Station sind. Aufgeregt läuft er von einem zum

anderen und stupst jeden mit seiner feuchten Nase

an.

Nach dem Frühstück, frage ich Albert, ob es weit zum

Strand ist. Ich hätte Lust, ein wenig am Meer herumzulaufen.

Er und Ole wollen gemeinsame Bekannte

besuchen. Da muss ich nicht dabei sein. „Du, das sind

so knapp zehn Kilometer. Das ist ein strammer

Fußmarsch quer durch die Wildnis. Aber sag mal,

kannst du eigentlich ein Auto fahren?“

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„Kupplung treten, Gang einlegen und Gas geben,

meinst du das?“, frage ich ihn, mich ganz

selbstbewusst gebend. Ich habe nicht vor, ihm zu

erzählen, dass ich noch nie ein Auto gefahren habe.

Auch wenn ich quasi in einem Auto groß geworden

bin. Mein Vater ist ein absoluter Auto-Narr, er hat

immer eins gehabt, war auch immer wieder Taxi- und

LKW-Fahrer. Leider hat er mich nie einen seiner

Wagen fahren lassen.

Albert geht mit mir hinter eine der Hütten und zeigt

mir einen verbeulten Kübelwagen, ein uraltes

Gefährt, ein Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg.

„Den kannst du nehmen, wenn du magst. Aber wenn

du allein fährst, nimm den Rover mit, das ist

sicherer. Wenn du bis zum Mittag nicht zurück bist,

kommen wir dich holen. Alles klar?“ Ich bin

begeistert! Mit einem Auto durch Afrika fahren und

dann auch noch in so feiner Begleitung. Was für ein

Tag, was für ein Leben! Der Motor startet beim

dritten Versuch. Rover springt sofort zu mir hinein

und schaut mich erwartungsvoll an. Ich gebe

vorsichtig Gas und wir rumpeln los. Hinaus in eine

neue Welt.

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Albert hat mir einen alten Hut auf den Kopf und eine

Feldflasche in die Hand gedrückt. Ich fühle mich

schon fast wie ein Abenteurer. Ich und mein Hund,

zusammen bereisen wir die Welt. Das Fahren stellt

überhaupt kein Problem dar, es geht ja auch fast nur

geradeaus. Die Instrumente bei diesem Anachronismus

sind recht übersichtlich, es gibt nur eins, einen

Tacho. Ein Verdeck gibt es nicht, dafür ist der Hut.

Auf Blinker wurde verzichtet und auch sonst auf

jedes modische Beiwerk, wie zum Beispiel

Scheinwerfer. Der erste und zweite Gang, gehen nur

unter Getöse rein, aber ich muss nicht oft schalten.

Mit fünfzig Sachen holper ich über die sandige Piste

und ziehe eine gewaltige Staubfahne hinter mir her.

Es ist ein herrliches Gefühl, so ganz allein durch die

sonnige Landschaft zu fahren. Eine regelrechte

Euphorie hat mich erfasst. Das ist das höchste Maß

an Freiheit, dass ich je erlebt habe. Das ist mein

Leben, so kann es immer weiter gehen. Die Fahrt

dauert nicht lange und schon kann ich das Meer erst

riechen und dann sehen. Bei einer kleinen Gruppe

Palmen halte ich an und wir laufen die letzten paar

Meter zum menschenleeren Strand. Rover hat

offensichtlich einen starken Drang zum Meer, kaum

sind wir dort, stürzt er sich in die Fluten. Das macht

ihm großen Spaß, wie man deutlich sehen kann. Er

kommt wieder raus und schüttelt sich erst mal

ausgiebig, dass das Wasser nur so spritzt. So

bekomme ich auch meine Erfrischung ab.

Die Palmen bieten prima Schatten, es wird mir zu

heiß in der prallen Sonne. An einen Stamm gelehnt

76


öffne ich das Päckchen, das mir Isabel vor der

Abfahrt auf den Rücksitz gelegt hat. Rover hat sich

dicht neben mich gesetzt und schaut sehr

interessiert. Ein wenig Brot, Käse und Trockenfleisch

kommen zum Vorschein. Das Fleisch verfüttere ich

an meinen pelzigen Kameraden, das Brot und den

Käse esse ich selbst. Zufrieden bettet Rover seinen

mächtigen Schädel auf meinem Oberschenkel, ich

kraule ihm die Ohren und den Nacken. Wir sind zwei

glückliche Wesen in einer paradiesischen Umgebung.

Ach, kann das Leben schön sein. Mit Wehmut muss

ich daran denken, dass wir schon übermorgen wieder

auf das Schiff zurückmüssen. Was würde ich darum

geben, hier auf diese Weise mein Leben verbringen

zu dürfen. Die Dreigroschenoper kommt mir in den

Sinn: „... doch die Verhältnisse, sie sind nicht so.“

Nein, leider sind sie das nicht.

Pünktlich zum Mittagessen bin ich wieder zurück.

Alle sind schon um den großen Tisch versammelt.

Die Ranger der Station, wie sie sich nennen, sind

allesamt nette Kerle. Sie sind freundlich zu mir und

immer bereit, Fragen zu beantworten. Isabell, die

Köchin, hat mich gleich in ihr großes Herz

geschlossen. Von ihr bekomme ich immer mein

Essen ohne Chili, oder was sie hier benutzen. Das ist

eine große Erleichterung.

Doch die Tage vergehen und wir müssen uns auf den

Weg zum Schiff machen. Das Treffen soll in Durban

stattfinden, dort gehen wir wieder an Bord. Schweren

Herzens verabschieden wir uns beim Abendessen von

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allen. Am schwersten fällt mir der Abschied von

Rover. Wenn ich in seine seelenvollen, braunen

Augen schaue, könnte ich heulen. Es ist eher

unwahrscheinlich, dass wir uns jemals wiedersehen,

es bricht mir fast das Herz. Ole zaubert noch eine

Flasche Whisky hervor. Wir hatten ja jeder schon

eine als Gastgeschenk für Albert mitgebracht. Diese

wird mit großem Hallo begrüßt und muss natürlich

geleert werden. Müde und erschöpft falle ich auf

mein Feldbett. Morgen früh gleich nach dem Frühstück

wollen wir los. Acht Stunden Autofahrt über

staubige Pisten, dann hat uns der Alltag zurück und

die Ferien sind vorbei. Ole wird wieder Ingenieur

sein und ich werde Geschirr abwaschen und hungrige

Mäuler stopfen.

***

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Delfine

in West-Afrika

79


DELFINE IN WEST-AFRIKA

Es ist heiß! Sehr heiß ... 48° C im Schatten, wenn es

denn welchen gibt. Die „Woermann Ubangi“ schaukelt

träge in der Dünung. Wir liegen vor der Küste

von Gabun vor Anker und die Mannschaft ist damit

beschäftigt, die großen Baumstämme, die im Wasser

treiben, mit Ladebäumen an Bord zu hieven und in

den großen Luken zu verstauen. Dicht an dicht liegen

hunderte von Stämmen wie ein Teppich zwischen

unserem Schiff und dem Strand im Wasser. Ungefähr

ein Dutzend Männer laufen mit langen Stangen

bewaffnet darüber hinweg und bugsieren sie in die

richtige Position, so dass sie verladen werden

können. An der Reling lehnend, beobachte ich die

braunen Gestalten, wie sie über die Stämme tänzeln,

immer darauf bedacht, dass sich die Stämme nicht

unter ihnen drehen. Ihr einziges Hilfsmittel, sind die

langen Stangen, die ihnen ein Minimum an Halt verschaffen.

Stundenlang unter der sengenden Sonne zu

arbeiten, ohne einmal ins Wasser zu können, stelle

ich mir hart vor.

Da ist meine Arbeit als Messejunge um einiges leichter,

auch wenn in der Messe die Luft wie in einem

Backofen steht, obwohl ich alle Bullaugen geöffnet

habe. Wie gerne würde ich selbst ins Wasser springen,

mir rinnt der Schweiß den Rücken runter und

das Hemd klebt mir am Körper. So schnell, wie es die

Hitze zulässt, decke ich die Tische fürs Mittagessen

ein. Von draußen höre ich das Kreischen der Win-

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schen und das Rumpeln der Stämme in den Laderäumen,

immer wieder untermalt von Rufen und

Kommandos.

Ein hoher, lauter Schrei, voller Panik und Entsetzen

durchbricht die gewohnte Geräuschkulisse – für

einen kurzen Augenblick herrscht absolute Stille.

Dann ertönen Rufe und aufgeregtes Geplapper ist zu

hören. Schnell laufe ich nach draußen, es muss etwas

Schreckliches passiert sein. Mehrere Männer versuchen,

an einer Stelle die Stämme auseinanderzuschieben,

was erst nach einer ganzen Weile mit

geballter Anstrengung gelingen will. Einer der

Männer springt ins Wasser und taucht ab. Zwei der

Matrosen werfen Fender hinunter, die werden zwischen

die Stämme geklemmt, so dass eine Lücke

offenbleibt. Kurz danach taucht ein Kopf dazwischen

auf, zwei Männer beugen sich hinunter und ziehen

einen leblosen Körper nach oben. Der Mann wird an

Land gebracht, mehrere Männer stehen um ihn

herum, dann wird er mit einer Plane zugedeckt. Der

arme Kerl hatte keine Überlebenschance, es ist eine

unerbittliche und tödliche Umgebung in der die

Männer ihr Brot verdienen müssen.

Jeder Stamm aus Edelholz wiegt Tonnen und durch

die stete Brandung sind sie ständig in Bewegung. Ein

einziger Fehltritt, kann einen Mann wie durch eine

Mangel drehen. Wenn er das überleben sollte, was

wenig wahrscheinlich ist, wird er hinterher jämmerlich

ersaufen, weil sich die Stämme über ihm wieder

schließen und er keine Chance hat, wieder an die

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Oberfläche zu kommen. Ein Schicksal, das schon

einige der Arbeiter ereilt hat, wie man mir erzählte.

Mir wird der Mund trocken und der Hals eng. Ich

habe nicht erwartet, einen solchen Unglücksfall

selbst miterleben zu müssen. Ich fahre erst seit gut

einem halben Jahr zur See, dies ist meine dritte Reise

und bereits der dritte Todesfall, den ich miterlebt

habe. Nach der Mittagspause geht die Arbeit dann

wie gewohnt weiter. Eine Seefahrt die ist lustig?

Nein, sie ist knochenhart, brutal und verzeiht keine

Fehler. Und die Menschen lernen, damit zu leben.

Heute ist Sonntag und die Arbeit ruht. Die Mannschaft

faulenzt auf dem Achterdeck unter einer aufgespannten

Persenning und bemüht sich eifrig den

Körper von innen mit Bier zu kühlen. Ab und zu

springt einer von der Reling aus ins Meer und kommt

dann über eine Jakobsleiter wieder an Bord. Das will

ich natürlich auch probieren, es sind etwa fünf bis

sechs Meter bis zur Wasseroberfläche, das erscheint

nicht sehr viel. In Berlin, in unserem Freibad, bin ich

als Zwölfjähriger abends, als nur noch wenig Leute da

waren, auf den Zehnmeter-Turm gestiegen. Ich

wollte rausfinden, ob es so eine große Sache war, dort

runter zu springen. Als ich dann oben stand, erschien

mir das Ganze dann doch etwas haarig. War das

Wasser wirklich tief genug? Man kann ja bis auf den

Grund sehen, aber die Oberfläche nicht. Das Becken

wirkt so schmal wie ein Handtuch, was wenn ich

daneben springe? Ich bin nicht gesprungen, peinlich

berührt bin ich wieder die Treppe runter, froh dass es

nur wenige Zuschauer gab.

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Doch hier und mit Siebzehn ist das ganz anders, ich

schaue auf die Weite des Meeres, hier ist daneben

springen unmöglich. Die Oberfläche ist gut sichtbar,

dunkel und bewegt, über die Tiefe kann es keine

Zweifel geben. Also los! Mit einem kräftigen Sprung,

die Arme weit ausgebreitet, fliege ich auf den Horizont

zu. Dann hat mich die Schwerkraft unerbittlich

in ihrem Griff, ich bekomme grade noch die Arme

nach vorn, dann tauche ich in die kühlen Fluten ein.

Um mich herum sprudelt das Wasser, bis es mich

wieder nach oben treibt. Das macht einen Heidenspaß!

Das will ich gleich nochmal machen. In einiger

Entfernung vom Schiff wurde eine Boje verankert,

nach einigen Sprüngen schwimme ich zu ihr hin.

Schon seit einiger Zeit, habe ich eine Schule Delfine

gesehen, sie springen nicht weit von uns entfernt

durch die Wellen. Als Kind habe ich immer mal

wieder die Fernsehserie „Flipper“ gesehen, schon

damals konnten mich diese immer fröhlich grinsenden

Gesellen faszinieren. Für mich sind sie wie

Hunde im Meer. Jetzt will ich versuchen, ob ich mit

ihnen Kontakt aufnehmen kann. Das geht schneller,

als ich erwartet habe. Wahrscheinlich haben sie

meine Anwesenheit schon lange wahrgenommen.

Neugierig umschwimmen sie mich von allen Seiten.

Es sind etwa acht Tiere, da sie keinen Augenblick

innehalten, sind sie schwer zu erfassen. Einer von

ihnen schwimmt langsam längs zu mir und stupst

mich mit seiner Nase an der Hüfte an, entfernt sich

wieder, kommt mit hoher Geschwindigkeit auf mich

zu und springt dann elegant über meinen Kopf

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hinweg. Ein Schwall Wasser klatscht mir ins Gesicht.

Ich muss lachen und schlucke dabei eine ordentliche

Portion Seewasser. Hustend und lachend versuche

ich, nach ihm zu greifen, aber er entwischt mir. Plötzlich

taucht sein grinsendes Gesicht direkt vor

meinem auf. Mit einer Hand reiche ich zu ihm hinüber

und streichle seinen Kopf und Hals. Ich bin überrascht,

seine Haut ist glatter und wärmer als ich es

erwartet habe, sie fühlt sich fast ein wenig ölig an,

insgesamt sehr angenehm. Ein Glücksgefühl durchströmt

mich, diesen wunderbaren Tieren so nah zu

sein, ist einfach nur toll. Er taucht unter mir weg und

einige Meter entfernt wieder auf, er winkt mir mit

dem Kopf zu, auf mich wirkt es wie eine Einladung

zum Spielen. Doch ich muss wieder zurück, mir geht

allmählich die Puste aus, ich glaube, ich bin noch nie

so lange geschwommen. Als ersten Halt schwimme

ich zur Boje zurück, die hat einen breiten umlaufenden

Rand, darauf kann ich mich ausruhen. Die

Delfine umkreisen mich, es sind große Tümmler, wie

mir einer der Matrosen erklärt hat. Der Delfin, den

ich streicheln durfte, kommt wieder zu mir, ich

erkenne ihn an einer Zeichnung wie ein großes W auf

der Stirn, das haben die anderen nicht; ich nenne ihn

Wally. Überhaupt kann ich jetzt individuelle Unterschiede

zwischen ihnen ausmachen, sie sehen keineswegs

alle gleich aus. Nach einem Augenblick Pause

mache ich mich auf den Rückweg zum Schiff. Wally

schwimmt erst neben mir her und dann unter mich,

er reibt sich an meinem Körper. Das nutze ich, um

mich an seiner Rückenflosse festzuhalten. Es scheint

ihm nichts auszumachen, mit hoher Geschwindigkeit

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zieht er mich durch das Meer, sodass ich freudvoll

jauchze. Doch leider in die falsche Richtung. Da ich

nicht weiß, wie weit meine Kraft zum Schwimmen

noch reicht, lasse ich lieber los. Wieder mache ich

mich auf den Weg zum Schiff zurück. Die Jakobsleiter

im Blick schwimme ich los. Ungefähr fünfzig

Meter davor, tauchen auf einmal die anderen Delfine

vor mir auf und drängen mich ab. Das finde ich grad

nicht so lustig, denn ich bin inzwischen erschöpft.

Meine Versuche, an den Delfinen vorbei zu kommen,

werden immer wieder vereitelt, sie wollen mich einfach

nicht ans Heck des Schiffes schwimmen lassen.

Auf einmal höre ich von oben aufgeregte Rufe, ich

schaue hoch und sehe wie die Männer mir Zeichen

geben zum Bug zu schwimmen. Schnell schaue ich

mich um, ob ich irgendeine Gefahr entdecken kann,

doch da ist nichts zu sehen. Die Aufregung muss ja

einen Grund haben, also schwimme ich mit meiner

letzten Kraft zum Bug. Dort haben inzwischen zwei

Matrosen eine weitere Leiter herabgelassen. Völlig

entkräftet erreiche ich sie. Mit großer Mühe, kletter

ich die Leiter hoch, die dreht sich ständig seitlich

weg, sodass auch das sehr anstrengend ist. Oben

angekommen helfen mir die Matrosen über die

Reling und ich plumpse völlig ausgepumpt auf das

Deck. Es braucht einen Moment, bis ich wieder

laufen und sprechen kann. Wir gehen zum Heck, wo

die anderen an der Reling stehen.

„Was ist denn eigentlich los? Ich habe nichts

gesehen“, ist meine erste Frage.

Kai, einer der Matrosen, wendet sich zu mir und zeigt

nach unten: „Komm mal her, ich zeigs dir.“

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Als ich nach unten schaue, sehe ich erst noch immer

nichts, bis er mit dem Finger auf einen bestimmten

Punkt zeigt. Dann kann ich eine bläulich-violette,

durchscheinende Blase erkennen, ungefähr von der

Größe einer großen Männerfaust. Eigentlich sieht sie

ganz hübsch aus, wenig bedrohlich. Kai zeigt mir

noch zwei weitere dieser Blasen in einiger Entfernung.

„Das sind portugiesische Galeeren, die sind

hochgiftig und haben bis zu fünfzig Meter lange

Tentakel. Wenn dich von denen eine erwischt hätte,

würdest du jetzt nicht hier stehen.“

Ein anderer Matrose ergänzt: „Ich kannte mal einen,

der von so einem Ding erwischt wurde. Mann, der hat

geschrien vor Schmerzen und war mehrere Tage im

Krankenhaus. Der wollte danach nie wieder ins

Wasser.“ Das lässt die hübschen Blasen gleich weniger

hübsch erscheinen. Im Nachhinein wird mir jetzt

bewusst, dass die Delfine die Gefahr auch erkannt

haben müssen und mich deshalb aus deren Nähe

fernhalten wollten. Danke dafür meine Freunde!

***

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Das Rauschen

im Walde

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DAS RAUSCHEN IM WALDE

Das Mondlicht und die Sterne strahlen hell durch die

Blätter und Äste um mich herum. Es hat etwas

Gespenstisches, Unwirkliches, eine Atmosphäre wie

in einer Märchenwelt. Die Hängematte, die auf

halber Höhe in einer Baumkrone hängt, pendelt nur

ganz gemächlich hin und her; ein sanftes Schaukeln.

Es ist wunderbar entspannend. Tief atme ich die

nächtliche Waldluft ein, versuche, feinen Gerüchen

nachzuspüren, mich von der Seele des Waldes

durchdringen zu lassen. Es ist ein stiller, friedlicher

Ort. Das leise Rauschen des Windes, das Wispern der

Blätter und nur hin und wieder der Ruf eines Vogels.

Gelegentliches Knacken und Rascheln ist vom Boden

zu vernehmen, der Atem und der Puls des Waldes.

Immer tiefer sinke ich hinein in diese grünschwarze

Welt, die gleich einer Theaterkulisse von einem

himmlischen Scheinwerfer beleuchtet wird. Zwei

Bäume weiter sehe ich, wie zwei kleine Vögel auf dem

Rand ihres Nestes herumhüpfen. Leise kann ich ihr

Gezwitscher hören. Ich weiß nicht, was das für Vögel

sind, weiß nicht wie sie heißen. Auch was für eine Art

Baum das ist, der mich hier für die Nacht aufgenommen

hat, weiß ich nicht. Das muss ich auch nicht

wissen. Ich habe ihn Abraham getauft, weil er mir

Sicherheit mit seinen starken Ästen versprach. Und

ich habe ihm versprochen, ihm nicht wehzutun. Mein

geringes Gewicht belastet ihn kaum.

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„Ich habe dir doch gesagt, du sollst immer bei ihm

bleiben!“

Vernehme ich auf einmal eine leise irgendwie klimpernde

Stimme. „Aber was sollte ich denn machen, es

war doch das Wiesel.“

Antwortet darauf eine ebenso klimpernde wie jammernde

Stimme.

„Das Wiesel, das Wiesel! Wahrscheinlich hast du

wieder mit deinen Cousinen geschwätzt, statt auf

Junior zu achten. Da konnte ja alles passieren“,

erklingt es erbost.

Wer ist denn da bloß mitten im Wald und streitet

sich? Vom Boden ist keinerlei weiteres Geräusch zu

hören, Bewegung ist auch keine zu erkennen. Die

Stimmen klingen zwar leise, aber doch nah. Die einzigen

Lebewesen, die ich zu erkennen vermag, sind

die beiden Vögel, die noch immer aufgeregt herumhüpfen.

Zu einem flatternden Rauschen höre ich

noch: „Ich suche mal den Boden ab, vielleicht ist

Junior aus dem Nest gefallen.“

Gleichzeitig sehe ich, wie einer der Vögel vom Nest

nach unten fliegt. Mir kommt die Geschichte vom Dr.

Doolittle in den Sinn. Das kann ja wohl nicht möglich

sein. Gespannt warte ich ab, ob ich noch mehr höre.

Schon kurz darauf höre ich wieder eine Stimme, jetzt

leicht japsend:

„Da unten ... da ist ... er nicht. Nichts ... zu sehen.“

„Oh je, oh je“, wieder das jammernde Stimmchen.

Auf einmal höre ich eine etwas lautere, keckernde

Stimme über mir. Dort kann ich ein Waldhörnchen

auf einem Ast sitzen sehen. „Die Eule war`s, die Eule!

Natürlich hat die dumme Nuss mit ihren Cousinen

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getratscht, kek, kek.“

„Och, halt die Klappe Tapsi!“

Höre ich die beleidigte weibliche Stimme vom anderen

Baum. Mir fällt auf, dass

ich die Stimmen nicht außerhalb

wahrnehme, da ist noch

immer nur das Rauschen des

Windes und der Blätter. Ich

höre die Stimmen in meinem

Kopf, nicht mit meinen Ohren.

Ein Kindheitstraum geht in

Erfüllung, davon habe ich als

kleiner Junge geträumt. Die Tiere verstehen zu

können, womöglich mit ihnen sprechen können.

Wenn auch nur in den Gedanken. Wie gerne hätte ich

mich mit unserem Herkules unterhalten, meinem

Lieblingshund.

Jetzt höre ich noch eine weitere tief brummelnde

Stimme vom Boden unter mir: „Mist, hier waren

doch gestern noch diese leckeren Pilze.“ Vorsichtig

luge ich über den Rand meiner Hängematte nach

unten. Dort sehe ich einen Dachs mit seinem typischen

weißen Streifen am Fuße des Baumes im

Boden scharren. „Waren bestimmt wieder diese verfressenen

Schweine da“, grummelt es weiter.

„Wer weiß, ob du bald wieder so ein schönes Ei legen

kannst“, zetert es von drüben.

„Such dir lieber ´ne andere Henne, eine mit Köpfchen,

kek, kek“, keckert es von oben.

„Ich schau´ mal bei der Eiche ...“, brabbelt der Dachs

und trottet davon.

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Irgendwann bin ich über das Geplapper eingeschlafen.

Als ich am Morgen aufwache, kommt mir sofort

die Erinnerung an die Ereignisse der letzten Nacht.

Angespannt lausche ich, ob ich Stimmen hören kann.

Doch nur das Geschnatter meiner eigenen Gedanken

kann ich wahrnehmen. Gegenüber sitzen noch immer

die beiden Vögel in ihrem Nest, doch ich höre nur

zwitschern. Verstehen kann ich nichts. War es doch

nur ein Traum? Es fühlte sich so echt und wahrhaftig

an. Aber Gedankenübertragung mit Tieren, kann es

so etwas geben? Vielleicht ja doch, wer weiß?

* * *

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Soraya

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SORAYA UND POLLOCK

Frank und ich sind mit dem Bus von Kabul aus nach

Chaharbagh unterwegs. Auf der Straße sind viele der

typischen, bunten LKWs, alle hochbeladen. Kurz

darauf fahren wir in die Stadt ein. Es ist ein bunter,

quirliger Ort. Viele Menschen laufen durch die Straßen.

Eine festliche Stimmung wird durch viele bunte

Fahnen, Tücher und auch mit Blumenschmuck

erzeugt. Hier sehe ich auch das erste Mal unverschleierte

Frauen in der Öffentlichkeit. „Der Geburtstag

vom Propheten Mohamed wird gefeiert, sie

nennen es Mawlid an-Nabi. Es ist ein großes Fest und

dauert eine Woche. Komm, lass uns weiter, wir

müssen uns eine Unterkunft besorgen.“ Ich folge

Frank zu unserem Ziel, das liegt am Rande der Stadt.

Dort angekommen, kann ich in einiger Entfernung

ein großes Zeltlager sehen. In unmittelbarer Nähe

davon entdecke ich verschiedene Tiere, Kamele und

Schafe, ein paar Esel. Viele schwarze Zelte drängen

sich aneinander. Es ist ein Lager von Kuchi Nomaden.

Von denen ist mir schon einiges erzählt worden,

ich freue mich auf eine Begegnung mit ihnen. Wir

haben Glück und bekommen noch ein Doppelzimmer

in einem kleinen Guesthouse am Stadtrand. Die

meisten Hotels in der Stadt sind inzwischen belegt, es

herrscht ein großer Andrang.

Nachdem wir sehr gut gegessen haben, schlendern

wir hinüber zum Zeltlager. Dort brennen inzwischen

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die ersten Lagerfeuer. Frauen in ihren landestypischen,

bunt gestreiften Kleidern hängen Töpfe an ein

Gestell über dem offenen Feuer. Verschiedentlich

entdecke ich Hunde zwischen den Zelten. Es sind

große, muskulöse Tiere mit einem kurzen, kräftigen

Hals, einem gedrungenen Kopf und kleinen, eng

anliegenden Ohren. Sie wirken sehr wehrhaft und

wachsam. Dann kommen wir zu einer Gruppe

Kamele. Das sind ganz andere Vertreter ihrer Art, als

ich sie aus unserem Zoo kenne. Sie wirken wild und

struppig, mit großen, hässlichen Zähnen. Ein Mann

mit schwarzem Turban und dichtem, schwarzen Bart

füttert die Tiere. Als ich einem von ihnen zu nahe

komme, ruft er mir zu: „Vorsicht, nicht von links an

Pollock herankommen.“

Sofort gehe ich einen Schritt zurück, gerade noch

rechtzeitig um einem Biss in die Schulter zu entgehen.

Ein besonders hässliches Exemplar hat nach

mir geschnappt. Mit bösem Blick starrt es mich an.

Wobei - nicht wirklich, seine beiden Augen schauen

exakt in die jeweils andere Richtung. Auch sonst ist

es ein echtes Musterexemplar an Hässlichkeit. Graubraunes,

räudig wirkendes Fell, das sich an verschiedenen

Stellen ablöst, schiefstehende Riesenzähne, die

wie abgebrochene Zweige aus seinem Maul ragen.

Dazu diese Augen, und das Bild einer erbarmungswürdigen,

aber auch boshaften Kreatur ist perfekt.

„Das ist ein Teufel, man darf sich ihm nur von rechts

nähern. Ich glaube, er ist auf dem linken Auge blind“,

erklärt uns der Mann.

„Das ist ja eine richtig wilde Bestie“, antworte ich

lachend. Dabei bleibe ich sorgfältig auf Distanz zu

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dem bissigen Vieh.

„Ich habe ihm schon öfter angedroht, dass er im Topf

landet. Wahrscheinlich ist sein Fleisch aber zäh,

bitter und ungenießbar. Das weiß das Mistvieh ganz

genau.“

Wir machen uns miteinander bekannt.

„Mein Name ist Kemal, seid ihr wegen des Buzkashi,

den Reiterspielen gekommen? Das ist erst übermorgen.“

„Ja, das wollen wir uns auf jeden Fall ansehen. Die

Kuchis interessieren mich jedoch auch sehr, ich habe

schon einiges von ihnen gehört. Sie sollen ein wildes

und freiheitsliebendes Volk sein, denen nationale

Grenzen nichts bedeuten. Sie kommen und gehen in

dieser Region, wie es ihnen beliebt.“

„Das hast du richtig gehört“, sagt er in stolzem Tonfall

und mit hochgerecktem Kopf.

Er lädt uns ein, an seinem Feuer Platz zu nehmen.

Dem kommen wir natürlich gerne nach. Jeder

bekommt einen Tee serviert. Ein etwa sechzehnjähriges

Mädchen blitzt mich dabei mit ihren dunklen

Augen an. Kichert aber gleich darauf, zieht sich ein

Tuch vor das Gesicht und verschwindet eilig im Zelt.

Kemal möchte jetzt wissen, woher wir kommen.

Australien sagt ihm nicht viel, aber die Deutschen,

die sind hier beliebt. „Ah ja, Deutschland! Die Deutschen

sind gute Leute, das war schon früher so.“

Dieses Thema möchte ich nicht vertiefen, ich bin

nicht ganz so stolz auf die deutsche Geschichte wie er.

Deshalb wechsle ich lieber den Gegenstand unserer

Unterhaltung. „Wieso nennst du dein Kamel Pollock,

das ist ein merkwürdiger Name.“

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Er lacht und schlägt sich dabei auf den Schenkel.

„Dieses Kamel ist genauso gemein, hinterhältig und

blutdürstig wie dieser Teufel von einem englischen

General einst war, er hatte viele unserer Leute auf

dem Gewissen. Falls Engländer so etwas haben.“

„Das ist doch aber schon sehr lange her, oder?“

„Egal wie lange es her ist, die Kuchis vergessen

nichts. Die Taten der Engländer sollen nicht vergessen

werden. In unseren Liedern und Geschichten

werden sie von einer Generation zur nächsten weitergegeben.“

Heute ist der Tag des Buzkashi. Die ganze Stadt und

das Umland drumherum scheinen überzuquellen. Es

sind noch mehr Menschen da als in den letzten

Tagen. Das Fest nähert sich offenbar seinem Höhepunkt.

Überall sieht man jetzt Garküchen auf den

Straßen. Der Geruch von gebratenem Fleisch zieht

durch alle Straßen. Wilde Gestalten, von denen einige

einen Karabiner über der Schulter tragen, hocken in

allen Ecken und palavern. Es ist ein malerisches Bild.

Außerhalb der Stadt auf einer großen, freien Fläche

haben sich schon etliche Reiter versammelt. An

einem Ende wurde ein großer Kreis markiert, in

seiner Mitte liegt ein Traktor-Reifen, das ist das

Abwurfziel für den „Spielball“. Der besteht aus einer

toten Ziege, der man den Kopf abgeschnitten hat, sie

liegt jetzt in der Mitte vom Platz auf dem Boden. An

einem Ende scharen sich jetzt immer mehr Reiter

zusammen. Es ist ein chaotisch bunter Haufen, der

sich da versammelt hat. Es sind alle Arten von All-

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tagskleidung zu sehen. Manche der Männer tragen

Turbane, manche eine Art gepolsterte Haube. Das ist

das einzig sichtbare Zugeständnis an eine Schutzausrüstung.

Wahrscheinlich wird das bei den ganz

harten Kerlen verpönt sein, ich sehe nur wenige

dieser Hauben.

Von einem Moment zum anderen kehrt Ruhe in die

Reihen ein. Ein großgewachsener Mann in einer

langen, grün gestreiften Robe betritt den Platz. Er

trägt einen ebenfalls grünen Turban und besitzt einen

langen, sorgfältig gekämmten Bart in leuchtend roter

Farbe. Eine äußerst eindrucksvolle Erscheinung

dieser Mann. Wenn für einen Moslem der Bart die

Zierde des Mannes und ein Zeichen seiner Männlichkeit

ist, nun – dann hat dieser Mann hier eindeutig

den Längsten. Sehr wahrscheinlich handelt es sich

um den Imam des Ortes. Er hebt seine Hände und

proklamiert etwas in einer Singsang-Stimme. Ich vermute

mal, dass er das Buzkashi segnet. Die Reiter

heben ihre Hände vor das Gesicht und antworten

etwas. Dann schreitet der grüne Riese würdevoll vom

Platz und die Reiter machen sich fertig.

Da werden Sattelgurte nachgespannt und mehrere

Männer setzen sich jetzt ebenfalls Schutzkappen auf.

Manche nehmen nur ihren Turban ab und bleiben

barhäuptig. Alle Reiter haben kurze Reitgerten entweder

in den Händen oder zwischen den Zähnen. Als

alle in Position stehen, ertönt auf einmal ein Schuss

und die wilde Jagd tobt los. Ungefähr dreißig bis vierzig

Reiter geben ihren Pferden die Hacken zu spüren.

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Manche schlagen wild rechts und links auf ihre

Pferde ein. Schnell bildet sich ein Pulk, der auf die

tote Ziege zudonnert. Zwei Konkurrenten die dicht

beieinander vorne reiten, beugen sich weit aus dem

Sattel herunter, um die Ziege zu packen. Dabei versucht

der Eine den Anderen abzudrängen. Sogar das

Pferd ist aktiv dabei und beißt nach dem anderen.

Schließlich gelingt es einem der Männer, aus vollem

Galopp heraus das tote Tier zu greifen. Er zieht es an

sich und versucht, in Richtung des Kreises zu

gelangen. Doch inzwischen sind die anderen Reiter

aufgeschlossen und bedrängen ihn von allen Seiten.

Ich kann sehen, wie andere Reiter versuchen, näher

an ihn heranzukommen. Sie werden aber von anderen

mit der Reitgerte geschlagen.

Diese Pferde sind ganz schön aggressiv, sie rempeln

sich gegenseitig, beißen nach allem, scheinen aber

auch gut geschult zu sein. Ich beobachte, wie ein

Reiter aus dem Sattel stürzt. Sein Pferd bleibt sofort

bei ihm stehen und ist offensichtlich bereit, ihn zu

verteidigen. Es schirmt ihn mit seinem Körper ab, bis

er wieder im Sattel sitzt und stürmt, ohne dass es

angetrieben wird, sofort wieder los. Das scheint mir

eine recht tiefe Bindung zwischen Pferd und Reiter zu

sein, das ist bewundernswert. Inzwischen haut jeder

auf jeden ein und es ist ein einziges Chaos auf dem

Feld. Der Ziegenkadaver hat zum wiederholten Male

den Besitzer gewechselt, aber dem Kreis ist der

Haufen noch nicht viel näher gekommen. Man hat

mir erklärt, dass beim Buzkashi verschiedene Parteien

gegeneinander antreten. Ich merke davon

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nichts, für mich sieht es so aus, als würde jeder auf

jeden eindreschen. Eine gewaltige Prügelei zu Pferde.

Das wogt so eine ganze Weile hin und her, als auf einmal

ein einzelner Reiter aus dem Pulk ausbricht und

auf den Kreis zuprescht. Sofort wird er von anderen

Reitern verfolgt. Er schafft es trotzdem, die Ziege in

den Reifen zu schleudern. Die umstehenden

Zuschauer honorieren das mit Beifall und vielen

Rufen. Vereinzelt hört man Schüsse, die in die Luft

abgegeben werden. Die Ziege wird wieder, inzwischen

schon deutlich ramponiert, in die Mitte gelegt

und das ganze Spiel geht wieder von vorne los. Das

soll so lange gehen, bis von dem Kadaver nicht mehr

genug übrig ist, dass man ihn greifen kann.

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Wenn vierzig Pferde über ein trockenes Feld toben,

erzeugt das eine Menge Staub. Wie ich mich so

umschaue, fällt mir auf, dass alle Zuschauer grau

gepudert wurden. Als ich mich abklopfe, staubt es

hoch. Diese Rauferei soll mehrere Stunden dauern,

so lange bleibe ich nicht. Nach ungefähr einer Stunde

habe ich genug gesehen. Frank habe ich verloren, er

ist irgendwo unter den Zuschauern.

Zum Buzkashi sind alle Straßen festlich geschmückt,

Fahnen, Wimpel und bunte Girlanden schmücken die

Häuser. Auch viele Blumen gibt es überall. Der

Geruch nach gebratenem Fleisch ist überwältigend

und ich bekomme Hunger. Gerade will ich mir an

einer Garküche etwas bestellen, da begegnet mir

Kemal. „Hallo mein Freund, bist du nicht beim Buzkashi?“

„Nicht mehr, ich war da. Es war schon interessant zu

beobachten. Aber ich habe genug gesehen. Jetzt ist es

nur noch eine Prügelei.“

„Ja, Männer brauchen das ab und zu, das kühlt das

Blut.“

„Mich wundert, dass es dabei keine Verletzten gibt.“

„Oh, die gibt es! Jede Menge sogar. Knochenbrüche

und ausgerenkte Gelenke, das gibt es alles. Das

gehört dazu. Manche reiten noch mit gebrochenem

Bein oder Arm, das macht nichts, das heilt wieder.“

„Ihr seid harte Jungs!“

Kemal lacht nur und klopft mir dabei freundschaftlich

auf die Schulter. „Wolltest du hier essen? Mach

das nicht, komm zu meinem Zelt, bei uns gibt es viel

zu essen.“

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Diese Einladung nehme ich natürlich gerne an.

Im Lager sind etliche Kuchis um ein großes Feuer

versammelt. Etwas abseits, sehe ich ein weiteres kleineres

Feuer, über dem steckt ein Hammel auf einem

Spieß und wird von einer Frau immer wieder

gewendet. Wir setzen uns vor das Zelt meines Gastgebers

auf Polster, die dort bereitliegen. Alle Kuchis

sind festlich gekleidet, die Frauen in ihren vielfarbigen

gestreiften Kleidern, alles sehr fein bestickt und

mit kleinen Spiegeln und Pailletten besetzt. Auch die

Männer haben das eine oder andere festliche Kleidungsstück

herausgesucht.

Kemal trägt heute Abend einen weißen Turban, den

eine silberne Spange mit einem Lapislazuli ziert. Das

Mädchen, das neulich Abend mein Haar berühren

wollte, läuft vorbei. Auch sie in prächtiger Festtagsrobe

mit einem schönen smaragdgrünen Tuch über

dem Haar. Als sie vorbeiläuft, bemerke ich, dass das

Weiße in ihrem Augenwinkel nicht zu sehen ist, also

schielt sie zu mir herüber. Ich lache in ihre Richtung,

da dreht sie demonstrativ den Kopf weg und schreitet

mit der Haltung einer Königin von dannen, ich muss

grinsen. Kemal bietet mir eine Haschischpfeife an,

die ich ablehnen muss. Er zieht erstaunt die Brauen

hoch. Schnell erkläre ich ihm meine Unverträglichkeit.

Er schüttelt nur bedauernd den Kopf, sagt aber

nichts dazu. Dann greift er hinter sich und reicht mir

einen Trinkschlauch. „Dann hoffe ich doch, dass du

damit nicht auch ein Problem hast.“

Ich setze den Schlauch an die Lippen und nehme

einen Schluck. Überrascht schaue ich Kemal an, es ist

Wein. Er ist etwas herb, erdig, trocken, durchaus

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trinkbar. Ich nehme noch einen Schluck.

„Ist der von hier?“

„Ja, etwas weiter westlich wird viel Wein angebaut.“

„Ich dachte, der wäre euch verboten?“

„Ach ja, so heißt es wohl. Der Imam spricht immer

wieder davon. Aber dann, wir sind die Lieferanten.

Was glaubst du wohl, wer am meisten davon kauft?

Es sind die feinen Herren und die Geistlichen. Ich

sage mir, warum sollte Allah in seiner Weisheit etwas

so Wunderbares wie Wein wachsen lassen, wenn wir

ihn nicht genießen dürfen?“

Damit hebt er den Schlauch und genießt Allahs Gabe

ausgiebig.

Als es dunkelt, ist auch der Hammel fertig. Alle

setzen sich im Kreis um das Feuer und bekommen

eine Portion von dem lecker duftenden Braten.

Kemal will mir eine besondere Ehre antun und stellt

eine kleine Schüssel vor mich. „Du bist heute unser

Ehrengast, deshalb bekommst du das Beste.“

Ich schaue in die Schüssel und bekomme ein Problem.

Es sind die Hoden vom Hammel. Ich mag keine

Hoden essen, wirklich nicht. Aber wie kann ich sie

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ablehnen, ohne meinen großzügigen Gönner zu

beleidigen? Hastig überlege ich mir eine Notlüge.

Religion geht ja immer, dagegen kann man schlecht

etwas sagen. „Das ist sehr freundlich und sehr großzügig

von dir, mein Freund. Leider verbietet mir

meine Religion, etwas Derartiges zu essen. Fleisch ja,

aber keine vitalen Organe. Diese Organe waren doch

vital, oder?“

Kemal lacht herzlich. „Oh ja, die waren vital, sehr

vital!“

Ohne weiteres Nachfragen isst er genussvoll seine

Delikatesse selbst. Ich gönne es ihm und bin froh,

dass er keine weitere Erklärung will. Einem Stück

Fleisch bin ich aber durchaus nicht abgeneigt. Da der

Wein ganz schön kräftig ist und ich ihm mehrmals

zugesprochen habe, merke ich auch seine Wirkung.

Etwas mehr Grundlage im Magen tut mir sicher gut.

Nach dem Essen findet sich eine kleine Gruppe mit

Instrumenten zusammen, und fängt an zu musizieren.

Erst noch verhalten, dann wird es immer

lebendiger. Einige Frauen drehen sich etwas abseits

im Kreis zu der Musik. Die ganze Szene wird nur vom

Feuer beleuchtet. Es ist eine wunderbare Atmosphäre,

ich bin begeistert davon. Erst spät am Abend

kehre ich in das Guesthouse zurück. Frank ist bereits

im Bett und schläft.

Wir sitzen beim Frühstück und ich erzähle Frank

vom gestrigen Abend. Ich habe mit Kemal ausgemacht,

dass ich heute eins seiner Kamele reiten darf.

„Das will ich unbedingt machen. Willst du mitkommen?

Du darfst sicher auch mal reiten.“

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„Nein, geh mir weg mit Kamelen! Mich hat mal so ein

Biest in die Schulter gebissen. Ich kann dir die Narbe

zeigen, musste genäht werden. Ich geh nicht in die

Nähe von diesen Mistviechern.“

Von solchen Ängsten unbelastet gehe ich hinüber zu

Kemals Zelt. Er versorgt gerade seine Tiere und ich

gehe ihm ein wenig zur Hand dabei. Nachdem wir

damit fertig sind, geht er mit mir zu einem Kamel,

das bereits gesattelt wurde und kauend auf dem

Boden liegt. „Hallo Soraya, meine Schöne“, begrüßt

sie Kemal. Es handelt sich also um eine Kameldame.

Also schön ist nicht das Wort, das mir bei ihrem

Anblick als Erstes einfällt. Da habe ich schon eindrucksvollere

Exemplare ihrer Art gesehen. Aber sie

hat große, sanfte Augen mit langen Wimpern, die

geduldig schauen. Sie scheint mir nicht darauf aus zu

sein, mich zu beißen. Sachte nähere ich mich ihr von

der Seite und stelle mich ihr vor: „Hallo Soraya,

schön dich kennenzulernen. Magst du mich ein wenig

herumtragen?“ Dabei streichel ich ihr den langen

Hals und kraule sie hinter den Ohren. Das haben

noch alle Tiere gemocht, mit denen ich bisher zu tun

hatte. Auch diese Kameldame mag es, sie dreht mir

sofort den Kopf entgegen und zeigt mir die Stelle, wo

sie es am liebsten hat. Genüsslich schließt sie die

Augen. Da habe ich wohl ins Schwarze getroffen.

Kemal sieht mich verwundert an, sagt aber nichts.

Nach einigem Kraulen setze ich mich in den Sattel.

Mein geringes Gewicht belastet sie kaum. Auf ein

Kommando von Kemal hin erhebt sich Soraya. Erst

werde ich nach vorn geworfen, kann mich aber am

Sattelgurt festhalten, dann nach hinten und schon

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setzt sie sich in Gang. Jetzt verstehe ich, warum man

Kamele auch Wüstenschiffe nennt. Sie bewegen

immer beide Beine einer Seite gleichzeitig, nicht wie

ein Pferd diagonal, dadurch gibt es eine Seitwärtsbewegung,

ähnlich einem Schiff. Einmal um das gestrige

Spielfeld geht es, das soll reichen. Als wir uns

wieder den Zelten nähern, stürmt auf einmal Pollock

auf uns zu. Es sieht so aus, als würde eines seiner

Augen mein Bein fixieren. Doch da geht Kemal mit

einem Knüppel dazwischen und zieht ihm fürchterlich

eine über die Hinterhand, sodass er abdreht und

davongaloppiert. „Dieses eifersüchtige Mistvieh!“,

schimpft er ihm hinterher. „Er ist in der Brunft,

obwohl er kastriert ist. Das wurde bei ihm zu spät

gemacht, deshalb denkt er, er könnte noch. Sheytan!“,

brüllt er ihm zu. Doch der Teufel Geschimpfte

knabbert nur angelegentlich an einem Ast herum, als

wäre nichts gewesen. „Er hat mal wieder den Zügel

abgerissen, den kann ich jetzt erneut flicken. Ich

sollte ihn den Hunden zum Fraß vorwerfen.“

Wir versorgen Soraya und ich darf ihr ein paar

Möhren geben. Die nimmt sie vorsichtig. „Die mag

sie gerne, aber sie soll nicht zu viel davon fressen.“

Anschließend setzen wir uns vor das Zelt und trinken

Tee. Es ist deutlich ruhiger im Ort geworden, die

meisten Besucher sind nach dem Buzkashi wieder

abgereist. Auch ich werde mich bald wieder auf den

Weg machen. Inzwischen ist es unangenehm kalt

geworden und ich will mir nicht noch warme Kleidung

kaufen müssen, die ich dann in Indien nur

herumschleppe. Ich verabschiede mich von meinem

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freundlichen Gastgeber: „Kemal, ich danke dir für

deine Gastfreundschaft und das ich dein Kamel reiten

durfte. Das war eine feine Sache, das hat mir viel

Spaß gemacht. Es war sehr schön und eine Ehre, dich

kennenzulernen. Ich danke dir für alles. Morgen

ziehe ich weiter Richtung Indien, ich habe noch ein

gutes Stück Weg vor mir.“

„Auch für mich war es eine Ehre, dich zu kennen. Du

bist stets willkommen in meinem Zelt. Ich wünsche

dir viel Glück auf deinem Weg. Möge Allah dich

beschützen.“

Diese Bekanntschaft wird bestimmt in meiner

Erinnerung bleiben. Es war sehr schön hier.

***

107


108


Diego

109


DIEGO

Ich klappe die Palmblattmatte beiseite und begrüße

den neuen Morgen. Die Sonne scheint, das Meer

rauscht leise, die Luft riecht würzig. Es verspricht

wieder ein guter Tag zu werden. Auf einmal sehe ich

nur etwa zehn Meter entfernt eine schwache

Bewegung. Ein Hund liegt dort und schaut mich an.

Sein Fell hat fast die gleiche Farbe wie der Sand, so

ist er kaum von seiner Umgebung zu unterscheiden.

Etwas scheint mit ihm nicht zu stimmen, er wirkt

krank und hilflos, wie er da liegt. Vorsichtig nähere

ich mich seiner ausgestreckten Gestalt. Er hebt den

Kopf, zeigt seine Zähne und knurrt verhalten. Seine

Rute zuckt unruhig. „Ho, mein Guter, sachte. Ich will

dir doch nichts Böses“, rede ich beruhigend auf ihn

ein. Wie ich näherkomme, kann ich sehen, dass sein

rechter Vorderlauf blutig und offenbar verletzt ist. Da

braucht wohl jemand meine Hilfe. Ich setze mich zu

ihm. Wieder hebt er den Kopf und knurrt, doch ich

streiche ihm nur sacht über die Flanke und entspanne

seinen Kopf. Er lässt es geschehen und entspannt

sich. Ständig mit tiefer Stimme auf ihn einmurmelnd,

kann ich mir sein Bein genauer ansehen.

Es gibt einen kurzen blutigen Riss und als ich es

behutsam abtaste, kann ich den Bruch fühlen. Der

Knochen ist leicht verschoben. Dagegen sollte ich

etwas tun können.

Schnell hole ich aus meiner Behausung meine kleine

Tasche. Darin habe ich Verbandszeug. Von einem

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herumliegenden Palmblatt schneide ich den Stiel ab.

Der Hund beobachtet mich die ganze Zeit, lässt mich

nicht aus den Augen. So ausgerüstet setze ich mich

wieder zu ihm.

„Du musst jetzt tapfer sein, mein Lieber. Bitte beiße

mich nicht, ok?“

Nur ein dumpfes Knurren ist zu vernehmen, ich

nehme es als Zustimmung. Um ihn zu beruhigen und

damit er sich an die Berührung gewöhnt, lege ich ihm

eine Hand flach auf die Flanke und eine hinter seinen

Kopf. Ganz behutsam gleiten meine Hände zu seinem

Vorderlauf. Als ich ihn fester packe, gibt der Hund

ein Winseln von sich. Als ich an dem Bein ziehe, kann

ich spüren, wie der Knochen zurückschnappt. Ein

kurzes Aufbäumen, ein Heulen, das in ein leises

Winseln übergeht. Seine Rute schlägt heftig hin und

her, doch er bleibt liegen. Braver Hund!

Das hat ja schon mal gut funktioniert, jetzt noch die

Wundbehandlung und schienen. Kokosöl ist gut dazu

geeignet, es wirkt desinfizierend und ich kann die

Wunde damit reinigen. Ich streue noch etwas Wundpulver

darüber und klebe ein Pflaster über den Riss.

Hoffentlich sind noch keine Keime in die Wunde eingedrungen.

Jetzt noch den halbrunden Stiel

zuschneiden und die zwei Teile um die verletzte Stelle

legen. Sie umschließen das Bein bis auf wenige Millimeter.

Einen festen Verband herum und es sollte gut

sein. Ich hoffe, dass er ihn nicht wieder herunterreißt.

Als ich fertig bin, streichel ich ihn und rede

beruhigend auf ihn ein. Nach einiger Zeit leckt er

über meine Hand und schaut mich mit einem Blick

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an, den man dankbar nennen könnte. Der arme Kerl

ist bestimmt durstig, wer weiß, wie lange er hier

schon liegt. Jedenfalls macht er sich gierig über das

Wasser her, das ich ihm bringe. Gut, dass ich einige

Flaschen in meine Höhle gelegt habe.

„Ich lass dich jetzt einen Moment allein, du und ich,

wir brauchen was zu essen, nicht wahr?“

Lilly öffnet gerade den Chai-Shop. Ich erzähle ihr von

meinem Patienten und frage sie, ob sie Küchenabfälle

für ihn hat. Inder mögen zwar Hunde nicht besonders,

aber Lilly ist eine gute Frau und erfüllt meinen

Wunsch. Ich frühstücke rasch und gehe mit dem

Futter wieder zurück. Der Hund ist inzwischen dicht

vor meine Höhle gekrochen. Die Fleischreste aus

Carlos Küche werden begeistert von ihm angenommen.

Ich streichel ihn und rede mit sanfter Stimme

zu ihm. Er wirkt jetzt entspannt, bald darauf schläft

er ein.

Zwei Tage liegt er bei mir und ich versorge ihn mehrmals

mit Futter, Wasser und Streicheleinheiten. Als

ich am dritten Morgen aufwache, ist er fort. Ob ich

ihn wohl wiedersehe? Als ich am nächsten Morgen

aus meiner Höhle krieche, sitzt er davor und schaut

mich mit wachem Blick an. Direkt vor mir liegt ein

kleines braunes Felltier. Ich weiß nicht, was das für

ein Tier ist, aber es ist offensichtlich von ihm. Er will

wohl auf seine Art Danke sagen. Ich glaube, das ist

der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

„Danke mein Freund, das ist aber lieb von dir“, sage

ich zu ihm, während ich sein Fell zause.

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Der Verband hat gut gehalten. Er ist schmutzig, aber

noch an Ort und Stelle. Als ich mich auf den Weg zu

Lilly mache, folgt er mir humpelnd. Er legt sich

außerhalb von Lillys so, dass er mich im Blick hat. Als

sie das sieht, sagt sie zu mir:

„Du hast wohl einen neuen Freund gefunden?“

Ich erzähle ihr, wie wir uns kennengelernt haben.

„Hast du ihm schon einen Namen gegeben?“

„Nein, habe ich noch nicht, wie wäre es mit Diego?“

Ich rufe es ihm zu: „Hey Diego, magst du so heißen?“

Er legt den Kopf schief und gibt ein heiseres „Wow“

von sich. Ok, dann soll das dein Name sein. In den

nächsten fünf Tagen finde ich Diego jeden Morgen

vor meiner Höhle liegend vor. Tagsüber weicht er

keinen Moment von meiner Seite. Da ich ihn versorge,

muss er das auch nicht. Sein Vorderlauf

scheint gut zu heilen, er humpelt deutlich weniger

und ist schon viel flotter unterwegs. Diese Tiere verfügen

über enorme Selbstheilungskräfte. Er will ständig

mit mir spielen, dann lacht er mich regelrecht an

und in seinen Augen blitzt der Schalk auf. Oder

kuscheln, wenn er neben mir liegt und ich ihn hinter

den Ohren kraule, meine ich manchmal, ihn wohlig

seufzen zu hören. Ich liebe diesen Kerl! Seine

unbedingte Treue und Zuneigung berühren mich

immer wieder.

Doch ich muss ihn leider für einige Zeit zurücklassen.

Mein Geld geht zur Neige und ich muss zurück nach

Poona. Sobald das Geld aus Deutschland eingetroffen

ist, komme ich wieder her. Nur weiß ich nicht, wie

lange das sein wird. Und wie erkläre ich das einem

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Hund? Ich versuche, ihn auf Gesten zu trainieren.

Eine kennt er schon gut und befolgt sie auch: die

Geste für „bleib“. Dazu strecke ich ihm die flache

Hand entgegen und er setzt sich und wartet dort, bis

ich wiederkomme. Ich hoffe, dass er diesmal die

Geste nicht zu wörtlich nimmt. Ich bedeute ihm, bei

Lilly zu bleiben, und laufe schnell vor zur Straße, wo

bereits ein Motorrad-Taxi auf mich wartet.

Es dauert dann doch länger, als ich gedacht habe, erst

gut zwei Wochen später bin ich wieder in Goa. Als ich

nach meiner alten Unterkunft sehe, liegt Diego davor

und bewacht sie. Was für ein treuer Kerl. Als er mich

sieht, gibt er ein Heulen von sich und stürmt auf

mich zu. Als ich auf die Knie gehe, leckt er mir

ungestüm über das Gesicht. Immer wieder springt er

wie ein junger Welpe um mich herum und ist schier

außer sich vor Freude. Ich streichel und zause ihn

und freue mich auch ihn wiederzusehen. Der Verband

und die Schienen sind fort. Der Riss ist verheilt

und kaum noch zu sehen. So wie er rumspringt

scheint alles gut geheilt zu sein, na prima. Die nächsten

Wochen ist er mein ständiger Begleiter. Nachts

schläft er jetzt bei mir in der Höhle. Wir ziehen

gemeinsam durch die Lande und er weicht nicht von

meiner Seite. Als schließlich die Zeit des Abschieds

naht, macht es mir das Herz schwer. Ich kann ihn

nicht mit mir nehmen. Er ist an ein freies Leben

gewöhnt, da wo ich hingehe, kann er nicht gut leben.

Ich muss ihn zurücklassen, wenn es mir auch noch so

schwerfällt. Ich setze mich in den Sand, nehme Diego

in den Arm und kraule ihn hinter den Ohren.

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„Hey mein Lieber, ich muss dich jetzt leider

verlassen. Diesmal kann ich dir nicht versprechen,

dass ich bald wiederkomme, ich weiß es nicht. Du

bist so ein treuer Kamerad, ich würde dich so gerne

mit mir nehmen, aber es geht nicht. Hier hast du ein

besseres Leben und gute Menschen. Mach´s gut

geliebter Freund.“

Dabei zause ich seine Wangen und reibe meine Stirn

an seiner. Meine Tränen tropfen in sein Gesicht. Als

ich aufstehe, tappst er mit seiner rechten Pfote nach

mir, legt den Kopf schief und macht „Wuff, wuff“.

Mit verschwommenem Blick steige ich auf das

Motorrad und lasse mich nach Mapusa zum Bus-Stop

fahren.

***

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Menagerie

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MENAGERIE IN GOA

Nach dem Frühstück laufe ich rüber zu Ramadevs

Haus, er sitzt auf der Veranda und begrüßt mich:

„Hi, ich habe grade Kaffee gekocht, magst du auch

welchen?“

Ich setze mich zu ihm an den Tisch, Diego legt sich

neben mich. „Oh ja, gerne. Ich hab schon lange

keinen mehr getrunken.“

„Der ist noch aus Deutschland“, sagt er.

Er gießt mir eine Tasse ein. „Wie lang willst du heuer

in Goa bleiben?“

„Ungefähr drei Wochen, dann muss ich mich auf den

Weg machen, mein Visum läuft aus.“

Er nickt mit dem Kopf. „Das tät passen, das wär

recht. Sag, hättest du Lust, hier im Haus zu wohnen?

Die Jameera und ich, wir müssen nach Bombay aufs

Amt, wegen meines Visums. Auf dem Rückweg wollten

wir noch in Poona vorbei. Wir haben gedacht, wir

werden so drei Wochen fort sein. Es wäre gut, wenn

ich jemand Zuverlässigen hätte, der in der Zeit aufs

Haus achtet. Wir würden nur die halbe Miete verlangen,

das wären zweihundert Rupien.“

Das hört sich verlockend an, auch mal in einem Bett

zu schlafen oder in der Hängematte. Ich liebe Hängematten,

die sind einfach wunderbar. Das wäre doch

mal eine Abwechslung. Es ist wirklich schön, am

Strand zu leben, doch es hat auch seine Nachteile.

Dieser Sand ist irgendwann überall, er kriecht auch

in die feinsten Ritzen. Ob in der Kleidung oder am

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Körper, ich werde ihn einfach nicht los. Jetzt wasche

ich mich an einem Brunnen, hier hätte ich eine

Dusche. Also gut, nehme ich die Luxusvariante, wenn

sie denn schon so passend und günstig angeboten

wird. „Das hört sich gut an, das mache ich. Wann

wolltet ihr los?“

„Ja wenn du einwilligst, nehmen wir gleich morgen

das Schiff nach Bombay. Wir sind schon spät dran.

Wie ich sehe, hast du jetzt einen Hund?“

„So würde ich es nicht nennen. Wir haben uns

angefreundet und er hat sich dafür entschieden in

meiner Nähe zu bleiben.“

„Das ist gut, das gefällt mir. Wir haben hier auch so

verschiedene Gäste. Unter der Veranda wohnt eine

Schlange, zwei Meter lang und so dick wie mein

Unterarm. Wir nennen sie Kaa, sie ist völlig harmlos.

Wenn sie dir das erste Mal begegnet, wird sie dich

anzüngeln, sie nimmt so deinen Geruch auf. Normal

verzieht sie sich gleich wieder, sie war noch nie im

Haus.“

„Das ist gut zu wissen, ich hätte mich wohl doch

erschrocken. Mit Schlangen hatte ich noch nicht viel

zu tun, die kann ich nicht einschätzen.“

„Kaa ist in Ordnung, sie hält die Ratten weg. Außerdem

kommt bei uns jeden Morgen ein Huhn in die

Küche und legt uns ein Ei, das ist Betty.“

„Ach wie praktisch, gleich in die Küche. Da ist ja das

Frühstück schon mal gesichert.“

Wir müssen beide darüber lachen.

„Ja, und dann ist da noch Kitty. Komm mal mit, am

besten ich zeige dir gleich alles.“

Das flache Haus besteht aus einer Wohndiele und

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vier Zimmern. Dazu kommen die Küche, die Veranda

und ein kleiner Garten, in dem sich auch die Dusche

befindet. In der Küche steht ein festgepolsterter

Diwan. Ich setze mich prüfend darauf. „Das Teil ist

gut, darauf werde ich schlafen, ich mag es, wenn die

Matratze härter ist.“

„Das kannst du gerne machen. Sonst haben wir noch

ein Gästezimmer. Hier das Küchenfenster ist bei uns

eigentlich immer offen, nur wenn wir länger weg

sind, schließen wir die Läden. Kitty kommt meist so

am Vormittag, lässt sich den Kopf kraulen und

bekommt irgendeinen Happen von uns, sie fressen ja

fast alles. Hier steht ein Topf mit Reiskörnern, davon

kannst du Betty ein paar hinstreuen, wenn sie ihr Ei

gelegt hat.“

„Ok, das sollte ich hinkriegen.“

Nachdem er mir alles gezeigt hat, verabreden wir uns

für morgen früh zur Übernahme.

Die erste Nacht im Haus ist vergangen, als ich

erwache. Durch das Fenster kann ich sehen, dass die

Sonne schon aufgegangen ist. Hier im Haus kann ich

morgens etwas länger schlafen als am Strand. Auf

einmal höre ich ein Geräusch: „Gok, gok, gok“, kann

es aber nicht orten, zu sehen ist auch nichts. Am Fußende

vom Diwan steht ein hoher Korb, darin habe ich

etwas Wäsche gesehen. Jetzt schaue ich noch mal

hinein und ein rotbraunes Huhn mit weißen

Schwanzfedern, blinzelt mich mit müdem Blick an.

„Hallo Betty, schön dich kennenzulernen“, spreche

ich sie an. Sie dreht mir den Kopf zu und macht

erneut „Gok gok gook“.

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Mit dem Zeigefinger kraule ich sie leicht am Hinterkopf.

Das scheint ihr zu gefallen, sie streckt mir den

Kopf weiter entgegen und schließt dabei die Augen.

Ihr „gok“ klingt nur noch ganz leise in ihr drin. Als

ich nach einer Weile aufhöre sie zu kraulen, wird es

gleich wieder lauter. Es dauert nicht mehr lange, da

erklingt noch lauteres, aufgeregtes Gegacker aus dem

Korb. Mit einem Rauschen kommt Betty aus dem

Korb und fliegt auf den Tisch unterm Fenster. Ich

streue ihr einige Reiskörner hin, die pickt sie dann

auch gleich begierig auf. Mit einem abschließenden

„Gok“ fliegt sie zum Fenster hinaus. Ich schaue in

den Korb und sehe ein schönes weißes Hühnerei, perfekt

geformt und ohne Makel. Ein Kunstwerk der

Natur! Das ich mir ohne Gewissensbisse gleich mal in

die Pfanne haue.

Kaum bin ich mit dem Frühstück fertig, erscheint

auch schon der nächste Besuch. Ein falbfarbenes

Kalb streckt seinen Kopf fast zum Fenster hinein.

Was schwierig ist, weil der Fenstersims noch ein

wenig zu hoch für sie ist. „Du bist dann ja wohl die

Kitty“, begrüße ich sie.

Ich beuge mich zum Fenster hinaus und kraule ihr

den Kopf. Erst zuckt sie zurück, aber dann lässt sie es

geschehen. Mein Kraulen, mögen scheinbar alle

Tiere, ich sollte es mal bei einem Skorpion versuchen.

Etwas Chapati und gekochten Reis finde ich in der

Küche. Das gebe ich ihr und sie mampft es auch

gleich zufrieden auf. Dann wendet sie sich ab und

verschwindet zwischen den Bäumen. Ein

harmonischer Kreislauf, der eine bringt was, der

andere holt was. Mir gefällt diese Lebensweise.

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Am Abend mache ich es mir mit einem Buch in der

Hängematte gemütlich. Zumindest war das mein

Plan. Kaum liege ich drin, springt auch schon Diego

hinterher. Er wühlt und dreht sich an meine Seite,

rammt seine Schnauze in meine Achselhöhle und

grunzt zufrieden. So zu lesen ist nicht ganz so einfach

und es wird schnell sehr warm. Da wird plötzlich

meine Aufmerksamkeit abgelenkt – ich sehe eine

recht große Schlange, die sich die Verandastufen

hochwindet und auf uns zuhält. Das muss dann wohl

Kaa sein. Zumindest hoffe ich das ...

Ramadev hatte sie mir ja als harmlos beschrieben,

aber ich habe sie zuvor noch nicht gesehen. Diego ist

auch aufmerksam geworden, er hebt den Kopf und

knurrt tief in der Brust. Beruhigend raune ich ihm zu

und lege eine Hand auf seinen Rücken. Er entspannt

sich wieder, legt seinen Kopf auf meine Brust, aber

lässt die Schlange nicht aus den Augen. Die hat sich

bis auf knapp zwei Meter angenähert und richtet sich

jetzt auf, dabei unentwegt in unsere Richtung

züngelnd. Sie ist von grün-grauer Färbung mit einem

hübchen Muster auf dem Rücken. Ich kenne mich

nicht besonders gut mit Schlangen aus, es ist

jedenfalls keine Kobra, die kenne ich. Schlangen

können ja wohl nicht hören, aber durchaus feinste

Vibrationen aufnehmen. Mit einem melodischen

Brummen, versuche ich, ihre Aufmerksamkeit zu

erregen, und zu meiner Überraschung klappt das

auch sofort – sie wiegt sich sacht zu der Melodie.

Jetzt will ich noch etwas probieren: Ich hebe meine

abgewinkelte Hand und den Unterarm und wiege ihn

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wie eine Schlange. Nur einen kurzen Augenblick

später synchronisiert sie sich mit meinen

Bewegungen. Hey, das ist abgefahren! Als ich mit

dem Brummen pausieren muss, sinkt sie herab und

schlängelt in die Dunkelheit davon. Das war mal

wieder eine nette Bekanntschaft. Diego ist auf meiner

Brust eingeschlafen und schnarcht leise. Ein tiefes

Gefühl von Zufriedenheit erfüllt mich inmitten

meiner vielgestaltigen Menagerie.

***

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Garfield

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GARFIELD

Ein Zischen und Fauchen, als hätten sich mehrere

Schläuche von einem Kompressor gelöst, dann ein

schrilles Kreischen, das den Zahnschmelz splittern

lässt, abgeschlossen von einem dumpfen Poltern. Ich

öffne das Fenster und schaue hinaus. Natürlich,

Garfield thront stolz auf der Mauer, die die

Hinterhöfe trennt, und putzt sich. Dabei immer

wieder triumphierend um sich blickend. Gerade sehe

ich noch, wie sich eine andere Katze zwischen den

Mülltonen verkriecht. Garfield ist der Herrscher über

alle Höfe, daran lässt er keinen Zweifel. Falls es doch

einmal einer wagen sollte, das infrage zu stellen, setzt

es Prügel. Mit seiner Größe und gut acht Kilo

Kampfgewicht, kann ihm kaum einer standhalten,

und das weiß er.

Garfield hat eine Menge mit seinem prominenten

Namensgeber gemeinsam: seine Statur, seine

Fellfarbe und auch seine schlechten Manieren. Er

lebt noch nicht lange bei mir, es kam durch eine

Kette von Umständen dazu. Letztlich hat er das wohl

selbst so entschieden, der Pascha. Kennengelernt

haben wir uns bei einem guten Freund von mir, bei

dem lebte er zusammen mit seinem Bruder. Mein

Freund wohnte in der ersten Etage und ließ in der

Küche immer ein kleines Fenster offen. Von dort

konnten sie auf das Dach einer Remise springen,

sodass sie nach Belieben rein und raus konnten. Da

Garfield aber ein Raufbold war und ist, ging das

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natürlich nicht geräuschlos ab. Manchmal fanden

regelrechte Schlachten auf dem Hof statt. Mit der

dazugehörigen infernalischen Geräuschentwicklung.

Das nervte die anderen Mieter so sehr, dass mein

Freund irgendwann eine Abmahnung bekam und die

Auflage, die Katzen nur noch in der Wohnung zu

halten. Da er aber den größten Teil des Tages nicht

zuhause war, wollte er die Katzen nicht eingesperrt

sich selbst überlassen und entschloss sich dazu, sie

an jemand anderen weiter zu geben. Zu der Zeit

wohnte ich bei meiner Mutter, ich war erst vor

Kurzem nach Berlin zurückgekehrt. Sie hatte mir

erzählt, dass sie daran dachte sich ein Haustier

zuzulegen, also fragte ich sie. Zwei Katzen waren ihr

zuviel, also blieb Garfield bei ihr und sein Bruder

kam zu meiner Schwester. Problem gelöst – dachte

ich zumindest.

Durch meine Arbeit bedingt, kam ich meist erst spät

am Abend nachhause. Von Anfang an zeichnete sich

ab, dass Garfield den ganzen Tag auf mich wartete.

Wenn ich die Tür öffnete, saß er immer schon

dahinter und begrüßte mich begeistert. Kaum hatte

ich die Jacke ausgezogen, sprang er auch schon auf

meine Schulter. Wenn ich den Augenblick verpasste,

konnte er mich zum Stolpern bringen. Saß ich dann

im Sessel, legte er sich quer über die Rückenlehne

und begann mich zu beschmusen. Dabei rieb er

seinen Kopf an meinem, immer rechts und links,

ohne Unterlass. Dabei so laut schnurrend, dass man

dachte, ein Motor wäre angesprungen.

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Meine Mutter war davon weniger begeistert.

„Ich darf ihn füttern und gelegentlich auch mal

streicheln, aber ansonsten ignoriert mich dieser

Kater. Er hat die ganze Zeit auf dem Sessel gelegen

und geschlafen, dann ist er auf einmal aufgesprungen

und in den Flur gerannt. Fünf Minuten später

kommst du zur Tür rein. Ich glaube, der hat dir einen

Peilsender untergeschoben.“

So vergingen die nächsten Tage auf diese Weise.

Eines Abends kam ich heim und traf meine Mutter

ratlos an. Garfield war verschwunden. „Ich weiß

nicht, wo er hin ist, ich suche ihn schon den ganzen

Abend. Ich hatte schon Angst, dass er vom Balkon

gesprungen ist“, sagte meine Mutter. Das wäre nicht

so gut, sie wohnte in der dritten Etage. Doch da hörte

ich auf einmal ein leises mauzen, konnte aber nicht

sagen, woher es kam. Dann wieder, diesmal war es

lauter. „Ich kann ihn hören, aber wo hat er sich nur

versteckt?“ Ein heftig kratzendes Geräusch gab mir

dann den Hinweis, er war in der Zwischendecke, die

ich eingezogen hatte. Wie er dort hinein konnte, war

mir ein Rätsel. Allerdings gab es an einem Ende eine

kleine Lücke von zehn Zentimetern, die hatte ich

noch nicht geschlossen. Wie konnte der dicke Kerl da

hindurchpassen? Egal, ich holte eine Leiter, entfernte

ein Profilbrett, und ein komplett eingestaubter Kater

rieb freudig seinen Kopf an meinem. Na Klasse, wie

bekomme ich den wieder sauber? Ich schnappte ihn

mir und ging direkt ins Bad, bevor er den Dreck in

der Wohnung verteilen konnte.

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Als die Wanne mit lauwarmem Wasser halb gefüllt

war, griff ich ihn und ließ ihn einfach hineinplumpsen.

Zumindest war das der Plan! Garfield

gehört ganz eindeutig zur wasserscheuen Sorte. Mit

allen vier Pfoten gleichzeitig krallte er sich an mir fest

und mauzte ganz erbärmlich. Ich war froh, dass ich

noch meine Arbeitskombi trug. Doch dieser Frohsinn

war gleich darauf wieder vorbei. Nachdem ich es

endlich geschafft hatte, seine Krallen aus meiner

Kombi und aus meinem Fleisch zu ziehen, konnte ich

ihn ins Wasser drücken. Für ungefähr zwei

Sekunden! Dann hockte er vor Nässe triefend auf

meinem Rücken und krallte sich dort schmerzhaft

fest. Also zog ich die Kombi aus und verfrachtete ihn

erneut in die Wanne, ihn diesmal unerbittlich am

Halsband festhaltend, was schnell anstrengend

wurde, er wehrte sich heftig. Kaum hatte ich den

gröbsten Dreck entfernt, da wand er sich wieder aus

meinem Griff und sprang im Bad herum sich dabei

heftig schüttelnd. Ich ließ die Kombi und einige

Handtücher am Boden liegen, sodass er sich darauf

wälzen konnte. Mich schnell zur Tür hinauszwängend

ließ ich ihn im Bad zurück, er sollte erst mal

trocknen.

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Als ich ihn eine Stunde später herausließ, ging er

hoch erhobenen Hauptes an mir vorbei und

ignorierte mich völlig. Dieser Kater schafft es

tatsächlich, von unten auf dich herabzusehen! Am

nächsten Tag war ich dann eine Stunde damit

beschäftigt, das Bad zu putzen.

Kurz darauf bezog ich eine eigene Wohnung und

meine Mutter meinte: „Dieser Kater will doch

überhaupt nichts von mir wissen, ich darf ihn füttern

und seine Kacke wegräumen, aber vernarrt ist er nur

in dich. Also nimm du ihn mit zu dir.“

Das machte ich dann auch und er kann bei mir

wieder in Freiheit leben. Schnell hat er sich an seine

neue Umgebung angepasst und ist nun wieder der

Herrscher der Kreuzberger Hinterhöfe.

Da ich momentan sehr viele Aufträge habe, bin ich

den ganzen Tag außer Haus. Wenn ich dann spät

abends heimkehre, macht sich Garfield durch lautes

Kratzen an der Tür bemerkbar. Die Fenster sind zu

hoch, als das er dort hinein könnte. Ich lasse ihn rein

und gebe ihm sein Futter. Wenn ich schlafen gehe,

kuschelt er sich meist an mich und schläft bei mir.

Am Morgen will er dann gleich nach dem Frühstück

wieder hinaus. In den letzten Tagen kommt er nicht

mehr jeden Abend zu mir, aber ich höre seine

Stimme, die nachts oft durch den Hof schallt. Bisher

hat sich noch niemand bei mir darüber beschwert.

Der Sommer war sehr aktionsreich, ich habe oft bis

zu sechzehn Stunden am Tag gearbeitet. Selbständig

sein, heißt selbst und ständig arbeiten.

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Als Ein-Mann-Betrieb muss ich mich um alles selbst

kümmern. In den letzten vier Wochen habe ich

Garfield nur einmal kurz gesehen, er hat nicht mehr

an meiner Tür gekratzt und ich höre ihn auch nur

noch selten auf dem Hof.

Heute ist Sonntag und ich kann endlich ausschlafen.

Dachte ich. Es klingelt, ich schau auf die Uhr: 9:28!

Welcher frevelhafte Mensch wagt es, um diese Zeit an

meiner Tür zu klingeln? Als ich die Tür öffne, steht

eine kleine ältere Frau mit Garfield auf dem Arm vor

mir. Als er mich sieht, springt er runter und flitzt in

die Wohnung.

„Guten Morgen, ich bin Frau Wolansky aus dem

Vorderhaus. Ihr Kater ist ständig bei mir, kümmern

Sie sich denn nicht um das Tier?“

„Hallo Frau Wolansky aus dem Vorderhaus. Garfield

ist es gewohnt in Freiheit zu sein. Er bestimmt, wann

er bei mir sein will. Er braucht nur an meiner Tür zu

kratzen und kann rein. Er hat einen Schlafplatz und

ich füttere ihn. Warum er jetzt lieber bei Ihnen als bei

mir sein will, weiß ich nicht.“

„Er kratzt immer an meiner Tür, er hat ständig

Hunger, ich habe schon zwei Schalen extra für ihn

vor die Tür gestellt. Ich habe ja selbst acht Katzen. Er

will immer zu mir rein. Nur, wenn ich ihn reinlasse,

verhaut er immer die anderen Katzen und frisst

ihnen alles weg. Wenn ich die Tür öffne, ist er sofort

drin. Er ist meist schneller als ich.“

Ich stelle mir das grade illustriert vor und kann mir

nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen. „Dann hören

sie doch einfach auf, ihn zu füttern, dann kommt er

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auch nicht mehr. Garfield ist total verfressen, dem

können sie zehnmal am Tag was hinstellen, wenn es

lecker genug ist, frisst er es.“

„Ja, aber er bettelt immer so lieb, ich kann doch eine

Katze nicht hungern lassen. Das wird ja auch

langsam teuer, ich kaufe jeden Tag zweihundert

Gramm Schabefleisch, nur für ihn.“

Jetzt kann ich nicht mehr an mich halten: „Sie tun

was? Schabefleisch? Ja sind Sie noch zu retten?

Abgesehen davon, dass man Katzen kein rohes

Fleisch füttern sollte, was ihm natürlich völlig egal

ist. Worüber wundern Sie sich? Sie füttern ihn mit

Delikatessen und er darf als Pascha in einem Harem

wohnen. Sie zeigen ihm das Katzenparadies und

erwarten, dass er sich freiwillig davon fernhält? Dass

er lieber bei mir sein Dosenfutter frisst? Gute Frau,

wenn Sie mit Garfield ein Problem haben, dann weiß

ich, wer dafür verantwortlich ist.“

„Ach ja, immer bin ich an allem schuld“, murmelt sie

nur, wendet sich ab und geht die Treppe hinunter.

In den letzten Wochen habe ich Garfield nur noch

selten gesehen. Manchmal begegnet er mir auf dem

Hof oder im Hausflur. Er kommt noch zu mir und ich

darf ihn ein wenig streicheln, aber er zeigt nur noch

geringes Interesse an mir. Mit Frau Wolansky kann

ich einfach nicht konkurrieren. Morgen werde ich

umziehen, nach zwei Wassereinbrüchen und einem

undichten Schornstein ist die Wohnung unbewohnbar

geworden. Garfield lasse ich bei Frau

Wolansky. Warum sollte ich ihn aus seinem Paradies

vertreiben?

***

132


Shiva

133


SHIVA

„Bom Dia!“, begrüße ich die hagere, blondierte Frau,

die uns das Tor öffnet. Mein Freund Jefferson und

ich, sind gekommen, um uns zwei Schäferhund-

Welpen anzusehen. Die Frau bittet uns, einen Augenblick

zu warten, und geht durch ein weiteres Tor

hinter das Haus. Kurz darauf kommt sie mit zwei

Welpen zurück. Dreieinhalb Monate sollen sie alt

sein. Der eine ist deutlich größer als der andere, von

kräftiger Statur und er hat ein dickes, wolliges Fell.

Doch er interessiert sich nur kurz für seine nähere

Umgebung und geht gleich wieder zu der Frau

zurück. Uns hat er nur eines kurzen Blicks gewürdigt.

Auf meine Lockversuche reagiert er nicht. Ganz

anders der Kleinere mit dem glatten Fell, der kommt

sofort mit wachem Blick zu mir. Ich gehe auf die Knie

und halte ihm meine Hand entgegen. Er schnuppert

kurz an ihr, um dann seinen Kopf daran zu reiben. Er

beschnuppert auch kurz Jefferson, kehrt dann aber

gleich wieder zu mir zurück und springt an mir hoch.

Was für ein niedlicher kleiner Fratz, neugierig und

zugewendet. Ich schau ihm in die braunen Augen und

frage ihn: „Willst du mit mir kommen und bei mir

leben?“ Er legt den Kopf auf die Seite und schaut

mich an, dann schleckt er mir einmal quer über das

Gesicht. Für mich ist die Entscheidung längst

gefallen, diesen kleinen Kerl will ich bei mir haben.

Ich bezahle der Frau die hundertachtzig Real, das

sind rund sechzig Euro, nehme meinen neuen Freund

auf den Arm und wir verabschieden uns.

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Jefferson ist mit meiner Wahl nicht so recht einverstanden,

er hätte den Größeren genommen. Doch

Jeffersons Meinung ignoriere ich in diesem Fall, er

ist Brasilianer, und die verstehen im Allgemeinen

nichts von Hunden. Die meisten Brasilianer haben

fürchterliche Angst selbst vor dem kleinsten Kläffer.

Diejenigen, die sich Hunde halten, behandeln sie oft

miserabel. So ein Hundeleben in Brasilien endet

schnell an einer Kette in irgendeinem Hof. Sie

werden viel geprügelt und bekommen nur das

Nötigste zu fressen. Sie sollen möglichst aggressiv

und bedrohlich wirken, Diebe und Einbrecher fernhalten.

Dass ein so misshandelter Hund irgendwann

böse und gefährlich wird, ist nur natürlich und die

Brasilianer haben allen Grund, vor ihnen Angst zu

haben. Dass ein Hund auch ein Freund und

Familienmitglied sein kann, diese Vorstellung ist den

meisten fremd. Nun, diesem Welpen hier auf meinem

Schoß soll es jedenfalls besser ergehen.

Ich werde ihn Shiva nennen. Shiva ist noch nie im

Auto gefahren, die Strecke ist recht kurvig und das

hat unerwünschte Auswirkungen auf den kleinen

Kerl. Ich merke, wie er anfängt zu würgen und setze

ihn schnell in den Fußraum. Gleich darauf spuckt er

mir die Matte voll. Er wimmert danach ganz erbärmlich.

Als ich ihn wieder auf meinen Schoß hebe,

drückt er sich eng an mich. Ich sage Jefferson, er soll

langsamer und bedächtiger fahren. Er schaut mich

nur mit hochgezogenen Brauen an, macht aber, was

ich sage. Auf ein Tier Rücksicht zu nehmen, gehört

nicht in seine Vorstellungswelt. Er wird sich nicht das

letzte Mal über mich wundern.

135


Als Nächstes fahren wir zu einem Zooladen, dort

kaufe ich ein Halsband, eine Leine, Hundefutter und

was es so alles braucht. Dann geht es weiter nach

Buzius, einem kleinen verschlafenen Ort an der Küste

im Nordosten von Brasilien, nur dreißig Kilometer

von Natal entfernt. Hier haben meine Freundin und

ich uns vor gut zwei Jahren ein wunderschönes Haus

gekauft. Es liegt rund sechshundert Meter vom Meer

entfernt auf einem Hügel, der das ganze Dorf überblickt.

Es war der Ausblick von der Terrasse, der

letztlich den Kauf entschieden hat, obwohl das Haus

selbst ein absolutes Schnäppchen war. Rund zwölftausend

Euro haben wir umgerechnet dafür bezahlt.

Hundertvierzig Quadratmeter Wohnfläche auf zwei

Etagen und ein von Mauern eingegrenztes Grundstück

von vierhundert Quadratmetern waren zu

diesem Preis fast geschenkt.

Bisher war ich immer nur dreimonatsweise hier, jetzt

will ich aber endgültig bleiben. Einer meiner ersten

136


Wünsche für mein Leben in Brasilien, war ein Hund.

Ich liebe Hunde und würde gerne einen bei mir

haben. Hier habe ich günstige Bedingungen, um

einen Hund halten zu können. Das war in den letzten

Jahren meist nicht möglich. Im Haus und im Garten

hat er ausreichend Platz, hier kann er sich austoben.

Nachdem uns Jefferson abgesetzt hat, bin ich mit

Shiva nun allein und er erkundet erst mal das Haus.

Zur Begrüßung wird eine Pfütze ins Wohnzimmer

gemacht. Da alle Böden gefliest sind, ist das kein

Problem. Ich sage nur „Pfui!“, und wische die Pfütze

weg, mit der Erziehung hats noch ein wenig Zeit.

Jetzt sind die Einkäufe dran, ich stelle den Futterund

Wassernapf auf und dann passe ich ihm das

Halsband an, er lässt es willig geschehen. Es macht

mir viel Freude, den kleinen süßen Kerl zu beobachten,

wie er tapsig alle Ecken erkundet. Nachdem wir

beide unser Mittagessen hatten, lege ich mich in die

Hängematte auf der Terrasse, mein absoluter Lieblingsplatz.

Shiva schaut von unten zu mir auf und

jault mitleiderregend, er will auch mit hinein. Ich

hebe ihn zu mir hoch und lege ihn auf meinen Bauch.

Er dreht sich dreimal im Kreis, rollt sich zusammen,

lässt einen wohligen Seufzer hören, schließt die

Augen und schläft ein. Eine tiefe Zuneigung zu

diesem kleinen Hund erfüllt mich, ich bin sicher, es

war die richtige Wahl. Das Panorama, welches sich

vor der Terrasse ausbreitet, zum wiederholten Mal

bewundernd, schlafe ich ebenfalls ein.

Buzius ist ein wunderbarer Ort, unter einem

wolkenlos blauen Himmel kann ich über die Weite

137


des Atlantiks blicken. Ich schaue auf die roten

Ziegeldächer der Häuser die sich unterhalb von

unserem befinden. Sie werden zu einem großen Teil

nur als Ferienhäuser genutzt, sind also den größten

Teil des Jahres unbewohnt. Die Luft ist warm und

sauber, tief atme ich die sauerstoffgesättigte Wohltat

ein. Hier fährt nur selten ein Auto vorbei, ansonsten

ist es hier meist still. Die einzigen Geräusche

kommen von der entfernten Brandung, dem Wind

oder von zwitschernden Vögeln. Gelegentlich höre

ich noch die Palmblätter aneinanderrascheln. Diese

stille, friedliche Atmosphäre ist seelenfüllend, ich bin

glücklich hier. Das ist mein Elysium!

Seit zwei Wochen ist Shiva nun bei mir und hat sich

prima eingelebt. Er ist inzwischen fast stubenrein,

manchmal vergisst er es aber. Es sind jetzt täglich

Bauarbeiter bei uns, ich lasse einen Anbau mauern

und das Dach wird neu gedeckt. Wegen

Termitenbefall muss ich den gesamten Dachstuhl

austauschen. Auf einer Baustelle gibt es viel zu sehen

138


für einen jungen Hund. Dadurch, dass Shiva noch so

klein und harmlos daherkommt, hat auch niemand

Angst vor ihm. Er ist ein vergnügter kleiner Kerl, alle

sind nett zu ihm. Er ist inzwischen geimpft worden

und der Tierarzt war sehr zufrieden mit seinem

allgemeinen Zustand. Zwei Streitpunkte haben Shiva

und ich noch zu klären: Keine Schuhe und andere

Sachen zerkauen und er darf nicht in mein Bett!

Grade lege ich mich hin und will das Licht

ausmachen, da springt er schon wieder an der Seite

hoch. Noch schafft er es nicht bis auf die Matratze,

aber das wird nicht mehr lange dauern. „Nein Shiva,

du darfst nicht ins Bett. Leg dich auf deine Decke.“

Nachdrücklich schiebe ich ihn dorthin. Grummelnd

und sich wie aus Protest immer wieder um sich selbst

drehend, legt er sich endlich nieder. Ich hoffe, es

bleibt dabei, schalte das Licht aus und lege mich hin.

Es kommt mir so vor, als

wäre ich grade erst

eingeschlafen, ich werde

von einem fürchterlichen

Jaulen und Scharren wach.

Was ist denn jetzt los? Das

Jaulen kommt aus der

Küche, ich stehe auf und

gehe rüber. Nachdem ich

das Licht eingeschaltet

habe, sehe ich Shiva. Er

sitzt auf dem Boden und schaut mich aus

verquollenen Augen an, seine Schnauze ist fast

139


doppelt so dick wie normal. Was um alles in der Welt

ist hier nur passiert? Ich gehe auf die Knie und

schaue ihn mir genauer an, da sehe ich etwas

zwischen seinen Pfoten liegen. Ich hole es hervor –

eine tote Maribonda! Eine dieser großen hässlichen

Wespen mit den langen Beinen. Die gibt es hier

überall, im Dachstuhl waren etliche Nester.

Oh jeh, der arme Kerl ist von einem dieser Biester in

die Schnauze gestochen worden. Wahrscheinlich hat

er einen allergischen Schock. Kann ihm das schaden?

Ich bin unsicher, hole die Karte vom Tierarzt und

rufe ihn an. Ein Blick auf die Uhr: Es ist fast halb

Zwölf. Egal, das ist ein Notfall. Nach nur dreimal

klingeln geht der Arzt ran. Ich erkläre ihm in meinem

noch holprigen Portugiesisch, was sich ereignet hat.

Er ist ganz ruhig und sagt mir, welche Pillen ich

kaufen soll und wie ich sie ihm verabreiche. „Prima

danke Doktor und Entschuldigung für den späten

Anruf.“

Ich würde ja sofort losfahren, die Apotheke in

Panamirim hat bis um Mitternacht geöffnet. Doch

Jefferson hat gestern mein Auto in die Werkstatt

gebracht, er will es mir morgen zurückbringen.

Solange will ich aber nicht warten, ich mache mir

Sorgen um den Kleinen. Jefferson klingt total

verschlafen, als er ans Telefon geht. „Jefferson, raus

aus dem Bett! Du musst zur Apotheke, Shiva ist von

einer Maribonda gestochen worden.“

„Was? Jetzt? Hat das nicht bis morgen Zeit?“

„Nein, ich weiß nicht wie sehr das sein Herz belastet,

ich will kein Risiko eingehen. Los mach schnell, die

Apotheke macht gleich zu!“

140


Es dauert dann noch gut eine Stunde, bis ich ihn

vorfahren höre. Er hat einen Schlüssel für das Tor

und lässt sich selbst ein. „Hi Jefferson, danke, dass

du so spät noch gekommen bist!“

Er schaut sich Shiva an und sagt: „Ist schon gut, ich

sehe, dass es nötig ist.“

Er hat den kleinen, knuddeligen Hund inzwischen

auch liebgewonnen. Er gibt mir die Tabletten und ich

mache mich an die Zubereitung. Ich habe schon

Shivas Lieblingsleckerlis mit etwas Wasser

eingeweicht, nun zerbrösel ich zwei Tabletten und

vermische sie mit dem Brei. Den schleckt er dann

auch begierig auf. Prima, jetzt heißt es abwarten, ob

die Tabletten wirken. Ich schicke Jefferson zurück in

sein Bett, nehme Shiva auf den Arm und lege mich

mit ihm in die Hängematte. Das ist inzwischen unser

beider Lieblingsplatz. Wir richten uns gemütlich ein

und es dauert keine halbe Stunde, da ertönen

Schnarchgeräusche von meinem Bauch. Ich denke,

die Krise ist überstanden.

Um sechs Uhr früh geht hier die Sonne über dem

silbrig glitzernden Meer auf. Ab sieben Uhr scheint

sie voll auf die Hängematte. Schweißgebadet wache

ich auf und schaue in die warmen, braunen Augen

von Shiva. Fröhlich hechelt er mich an, seine

Schnauze ist wieder abgeschwollen und die Augen

sind klar. Die Ohren, die heute Nacht wieder

gehangen haben, stehen nun wieder aufrecht. Hat er

also den Angriff gut überstanden. Ich bin mächtig

froh für den kleinen Kerl und muss ihn erst mal

ausgiebig knuddeln. Wenn ich ihn am Bauch kitzle,

141


zucken seine Hinterläufe unkontrolliert und er grinst.

Es ist erstaunlich, wie schnell so ein Hund wächst.

Shiva ist jetzt sechs Monate alt und deutlich

gewachsen. Er tollt viel herum, er liebt es, mit seinem

Ball zu spielen. Er hat einen kleinen, gelben

Gummifootball, dieses eiförmige Gebilde trägt er

ständig mit sich herum und ist glücklich, wenn er

jemand findet, der ihn weit fortwirft. Ich habe eine

für mich unangestrengte Methode gefunden, ihn zu

beschäftigen. Während ich bequem auf der Terrasse

sitze, brauche ich den Ball nur über die Brüstung zu

werfen und er flitzt los um ihn zu holen. Dazu muss

er um das halbe Haus herum und über eine Treppe,

das macht ihn fit. Als ich den Ball das erste Mal über

die Brüstung warf, sprang er an ihr hoch und jaulte

ihm hinterher. Nur zweimal habe ich ihm den Weg

gezeigt, dann hatte er es begriffen. Shiva ist ein sehr

aufmerksamer Hund und lernt schnell.

Leider wird die schöne Zeit in unserem Haus bald

vorbei sein, wir werden es verkaufen. Es gibt

verschiedene Gründe, die dazu geführt haben. Der

bewaffnete Überfall im letzten Jahr, bei dem wir

ausgeraubt wurden, hat uns die Entscheidung sicher

etwas leichter gemacht, war aber nicht ausschlaggebend.

Entscheidend ist, dass wir keine reguläre

Aufenthaltsgenehmigung bekommen. Jedenfalls

nicht so, wie wir uns das gewünscht haben. Jetzt hat

sich eine neue Möglichkeit aufgetan, dafür fehlt uns

aber das Kapital. Also heißt es, das Haus behalten

und nicht ständig drin leben können oder das Haus

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zu einem guten Preis verkaufen und uns an einem

anderen Ort eine neue Existenz aufbauen. Zur Zeit

gibt es einen regelrechten Bau-Boom in Natal und

allen Küstenorten in der Umgebung. Auch in Buzius

wurde schon viel neu gebaut. Viele Investoren aus

dem europäischen Ausland investieren große

Summen in Immobilien. Das hat die Preise in kurzer

Zeit rapide steigen lassen. Wir können also mit einem

guten Erlös rechnen.

Manchmal hat man einfach Glück!

Wir haben im Laufe der Zeit sehr viel Geld und noch

mehr Arbeit in das Haus investiert. Durch glückliche

Umstände sind wir an einen norwegischen Investor

geraten, der bereits viele Objekte in der Umgebung

gekauft hat. Nachdem er zehn Minuten auf unserer

Terrasse gesessen hat, wollte er das Haus unbedingt

haben; sowie das gesamte Gelände drumherum.

Nachdem einige Hindernisse überwunden waren,

bekamen wir ungefähr das Doppelte von dem, was

wir in das Haus investiert haben. Das nenne ich einen

guten Deal.

Letzten Endes mussten wir jedoch unseren Plan in

Brasilien zu leben aufgeben. Wir kamen zu der

Feststellung, dass dort Himmel und Hölle ganz dicht

beieinanderliegen. Mit dem Wunsch, dort zu leben,

konnte ich abschließen, die Notwendigkeit Shiva

zurückzulassen schmerzte mich viel mehr. Er war zu

der Zeit erst 15 Monate alt. Die Regeln ein Tier nach

Europa einzuführen sind sehr streng. Er muss

mindestens 18 Monate alt sein, erst dann kann ich

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eine vom Amtsarzt entnommene Blutprobe nach

Deutschland schicken. Das muss drei Monate vor der

Einreise geschehen. Ich hätte also noch mindestens

ein halbes Jahr dortbleiben müssen, das war nicht zu

machen. Ein älteres Ehepaar hat ihn übernommen,

ich habe ein gutes Gefühl, dass sie sich fürsorglich

um ihn kümmern werden. Ich hoffe, er kann mir

verzeihen, es kommt mir wie Verrat vor. Es hat mir

das Herz schwer gemacht, ihn nicht mit mir nehmen

zu können. Noch heute denke ich mit Traurigkeit

daran. Unsere gemeinsame Zeit war viel zu kurz. So

sind gleich zwei meiner größten Träume geplatzt. In

Brasilien in Frieden mit meiner Frau und einem

Hund gemeinsam zu leben. Es konnte nicht sein.

Wir lieben Seifenblasen, Feuerwerk und Träume, weil

sie vergänglich sind.

***

144


Smyllah

145


SMYLLAH

Große, dunkle Augen schauen mir direkt ins Herz. Sie

sitzt in würdevoller Haltung auf einem kleinen Tisch,

den Schwanz elegant um die Füße gelegt. Immer

wieder kehrt mein Blick zu diesen faszinierenden

Augen auf dem Monitor zurück, während meine

Hand schon nach dem Telefonhörer greift.

„Gutschmidt!“

„Hallo? Einen schönen guten Abend, ich rufe wegen

Ihrer Anzeige auf der Seite Tierfreunde an. Ich würde

gerne diese hübsche Katze nehmen wollen.“

„Ja? Das wäre ja toll! Aber wissen Sie, das müsste

jetzt alles sehr schnell gehen, ich muss morgen ins

Krankenhaus und ich weiß nicht, wohin ich mit der

Smyllah soll. Hätten Sie denn heute Abend Zeit?“

„Zeit hätte ich schon, wo wohnen Sie denn? Mein

Problem ist, ich habe keine Transportbox und auch

kein Auto.“

„Das ist überhaupt kein Problem, das haben wir alles.

Wenn Sie mir Ihre Adresse geben, bringen wir Ihnen

die Katze vorbei.“

Nur etwa zwei Stunden später, klingelt es an der Tür.

Eine brünette Frau Ende Zwanzig lächelt mich an,

hinter ihr steht ein Mann, beladen mit einer Tiertransportbox

und einer Tasche. „Guten Abend, die

Gutschmidts mit der Smyllah sind da!“

Ich lasse sie ein und Frau Gutschmidt stampft

unbeholfen in meine gute Stube, der Mann hinterher.

Sie schiebt einen enormen Bauch vor sich her,

gespannt wie eine Trommel, sie ist hochschwanger.

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Ächzend und schwerfällig lässt sie sich in einen

Sessel sinken. „Morgen soll der Bengel raus, hab

lange genug gebrütet, mir reichts!“, stöhnt sie.

Jetzt stellt sich der Ehemann vor: „Guten Abend,

Pascal Gutschmidt, meine Freunde nennen mich

Kalle. Ja, das ist die Smyllah, soll ich sie rauslassen?“

„Ja, bitte.“

Er öffnet die Klappe der Box und sie steckt vorsichtig

das schwarzweiße Köpfchen heraus. Schaut sich erst

im Zimmer um und dann sieht sie mich ganz aufmerksam

an. Da sind sie wieder, diese magischen

Augen. Langsam und bedächtig, einen Fuß nach dem

anderen steigt sie aus der Box und beginnt Schritt für

Schritt das Zimmer zu erkunden.

„Wir sind ja so froh, dass Sie angerufen haben. Ich

war schon ganz verzweifelt. Ich konnte sie doch nicht

eine Woche allein lassen. Wir sind erst vor Kurzem

zusammengezogen, mein Mann hat aber einen Kater

und die beiden verstehen sich überhaupt nicht. Sie

hat sich den ganzen Tag auf dem Balkon meiner alten

Wohnung verkrochen. Das ist doch kein Zustand“,

sprudelt Frau Gutschmidt hervor.

Ich setze mich auf den Boden und halte Smyllah

meine Hand entgegen. Sie riecht kurz daran, dreht

dann wieder ab und beschnuppert weiter das

Zimmer.

„Sie ist eine norwegische Waldkatze“, sagt Kalle.

„Aus Norwegen? Ah, God Dag, frøken“, krame ich

meine spärlichen Sprachüberreste zusammen.

„Nee, die Rasse heißt nur so. Smyllah wurde in Berlin

geboren, vor sieben Jahren“, klärt mich Kalle auf.

Jedenfalls ist sie ein ausgesprochen hübsches Tier.

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Schwarzer Rumpf, weiße Brust und weiße Strümpfe,

der Kopf schwarzweiß gezeichnet. Ein dicker flauschiger

Pelz mit großen dicht behaarten Pfoten. Sie

hat ein hübsches Gesicht

und dazu diese großen

faszinierenden Augen. Ich

fühle mich immer ganz

direkt von ihr angeblickt.

Es ist anders, als ich es von

anderen Katzen gewöhnt

bin. Mir fällt ein, dass ich

nichts zu fressen für sie

habe. Doch sie haben etwas mitgebracht. Kalle öffnet

gerade die Tasche und sagt: „Wir haben einige Dosen

Futter, ein paar Stangen Leckerli und etwas Streu für

sie mit. Ein Katzenklo müssten Sie kaufen.“

„Das ist kein Problem, ich kann gleich morgen eins

besorgen, einstweilen sollte eine Schüssel reichen.“

Ich bekomme noch einen Impfpass von der Frau und

sie hat mir ihre Telefonnummer aufgeschrieben.

„Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie mich ruhig an“,

sagt sie zum Abschied. Dann sind wir zwei allein.

Heute muss ich in den Supermarkt, das Katzenfutter

ist alle und ich brauche auch einige Sachen für mich.

Die Auswahl an Dosenfutter ist riesig. Die Sorte, die

Kalle im Großmarkt palettenweise gekauft hat, wie er

mir erzählte, gibt es hier nicht. Muss ich also eine

andere nehmen. Noch ein paar Leckerlis und ich

hoffe, mit meiner Wahl bei meiner Katzenlady auf

Zustimmung zu stoßen. Sie steht wie immer direkt

hinter der Tür und erwartet mich bereits. Während

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ich meine Einkäufe auspacke, streicht sie mir um die

Beine. Das fühlt sich gut an, ich mag das. Ich gebe

eine Portion Futter in ihre Schale, stell sie ihr hin und

gehe ins Zimmer. Auf einmal höre ich lautes, aufgeregtes

Gemauze aus der Küche. Da muss ich doch

mal nachschauen, was da los ist. Smyllah steht vor

ihrem Futternapf und schnurrt laut, sie leckt immer

wieder am Futter und mauzt dabei. Es hört sich an

wie kleine Begeisterungsschreie. Schließlich frisst sie

den ganzen Napf innerhalb kürzester Zeit gierig leer.

„Na, das scheint dir ja gut zu schmecken! Haben sie

dich etwa die ganze Zeit mit immer dem gleichen

öden Zeug gefüttert? Das sieht mir fast so aus. Das

kommt nicht mehr vor, versprochen.“

Sich eifrig das Schnäuzchen leckend begleitet sie

mich zurück ins Zimmer. Sie legt sich neben mich auf

das Sofa und putzt sich erst mal ausgiebig. Als sie

fertig ist, rollt sie sich schnurrend an meiner Seite

zusammen.

Wir haben in den wenigen Tagen bereits ein gutes

Miteinander gefunden, Smyllah zeigt sich mir gegenüber

sehr zutraulich. Eigentlich hatte ich ja daran

gedacht, mir einen Hund zuzulegen. Mir wurde sogar

schon ein Schäferhund angeboten. Doch diesen

Gedanken musste ich leider wieder aufgeben. Seit

etwa einem halben Jahr geht es mir körperlich so

schlecht, dass ich keinen Hund mehr ausführen kann.

Meine Halswirbelsäule ist kaputt und drückt auf dem

Nervenstrang rum, der die Arme und Hände versorgt.

Dadurch habe ich keine zuverlässige Feinmotorik

mehr, dafür Taubheit und keine Kraft mehr in den

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Händen. Einen Hund an der Leine führen geht nicht.

Umso glücklicher bin ich jetzt, so eine tolle zugewendete

Katze getroffen zu haben. Mit viel streicheln und

kuscheln, kommen wir uns immer näher.

Smyllah sitzt jetzt nur noch auf meinem Schoß.

Sobald ich mich hinsetze, springt sie zu mir hoch und

nachdem ich ausgiebig ihr Köpfchen gekrault habe,

rollt sie sich zusammen und schläft. Wir haben in den

letzten Jahren ein sehr schönes, enges und vertrautes

Verhältnis zueinander bekommen. Sie hat ein paar

lustige Eigenheiten entwickelt. So ist sie zum Beispiel

ganz verrückt nach Rosenkohlblättern. Meine Freundin

hat einmal welchen geschält und die Schalen auf

dem Boden abgestellt. Auf einmal sehen wir, wie sie

erst daran knabbert und sich dann ganz begeistert

darin wälzt. Oder als ich einmal den Beamer an hatte

und das Bild vom Computer an die Wand gestrahlt

wurde. Da höre ich auf einmal ein aufgeregtes Fiepen

und Mauzen. Da ein Tisch dazwischen steht, erhebe

ich mich und sehe gerade noch, wie Smyllah versucht,

den sich bewegenden Mauszeiger an der Wand

zu fangen. Da haben wir ein feines Spielzeug entdeckt.

Überhaupt ist Smyllah eine lustige Katze, bei

ihr gibt es immer wieder was zu lachen. Schmusig ist

sie ohne Ende, kuscheln geht immer, das kann sie

den ganzen Tag haben. Das macht mir auch viel Vergnügen,

ich liebe es, durch ihr dickes Fell zu streichen

und ihre Wärme zu spüren.

Wir müssen heute zum Tierarzt, bei Smyllah ist eine

Kralle so lang und gebogen, dass sie ihr in den Ballen

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sticht. Nun humpelt das arme Tier und hat sicher

Schmerzen. Der Arzt beschneidet ihre Krallen und

versorgt ihre Wunde. Als er sie untersucht, entdeckt

er, dass vier oder fünf Zähne in schlechtem Zustand

sind. Er empfiehlt mir, das dringend behandeln zu

lassen. Sie müßte auch Schmerzen beim Beißen

haben. Also bringe ich sie eine Woche später wieder

hin. Die Behandlung wird unter Narkose ausgeführt.

Vier Zähne müssen gezogen werden. Nachdem wir

wieder zuhause sind, verkriecht sie sich gleich unter

dem Bett. Erst spät am Abend kommt sie hervor.

Smyllah schläft gern bei mir im Bett, dicht an

meinem Kopf, aber manchmal auch darunter. Spät in

der Nacht werde ich von einem Rumpeln und panischem

Mauzen wach. Ich schalte das Licht an und

schaue nach, was los ist. Smyllah sitzt auf dem Boden

und schaut mich mit weit aufgerissenen Augen an.

„Was ist denn los, meine Kleine?“, frage ich sie, während

ich mich zu ihr setze und sie auf den Arm

nehme. Da bekommt sie einen Krampf, dreht sich um

ihre eigene Achse und überschlägt sich dabei. Das

Ganze wirkt fast wie ein epileptischer Anfall. Ich versuche,

sie zu beruhigen, aber sie rennt voller Panik

unter das Bett und verkriecht sich in der hintersten

Ecke. Das Beste wird sein, ich lasse sie jetzt in Ruhe

und gehe morgen mit ihr zum Arzt. Es braucht eine

Weile, bis ich wieder einschlafen kann, das gerade

Erlebte hat mich zu sehr aufgewühlt. Mir tut das

arme Tier so entsetzlich leid.

Der Doktor kann nichts weiter feststellen, auffällig ist

nur, dass sich ihr rechtes Auge leicht eingetrübt hat.

151


Er macht einen Bluttest, die Ergebnisse dauern drei

Tage. Ich bringe sie wieder heim und muss warten.

Es sind mehrere Tage vergangen, diese Anfälle haben

sich noch dreimal wiederholt und inzwischen geht es

meiner Katze richtig schlecht. Sie sitzt schon den

ganzen Tag in einer dunklen Ecke im Flur, frisst

nichts und reagiert kaum auf Ansprache. Ich fühle

mich so hilflos und würde ihr doch so gerne helfen.

Sie ist nun schon seit sieben Jahren bei mir und wir

haben eine sehr enge Beziehung zueinander. In den

letzten sieben Jahren war ich fast immer zuhause

und Smyllah war immer an meiner Seite, lag auf

meinem Schoß oder auf meinen Füßen. Viel enger

kann man nicht zusammenleben. Wenn sie mich mit

ihren großen ausdrucksvollen Augen ansieht, erwarte

ich manchmal, dass sie jeden Augenblick zu sprechen

anfängt. Doch nun blicken diese Augen matt und

trübe, sie ist ein Bild des Elends und ich kann ihr

nicht helfen. Ich leide mit ihr.

Gleich am Morgen gehe ich mit ihr erneut zum Arzt.

Heute ist ein anderer Doktor da als letztens. Er untersucht

sie, hört sie ab und hört Geräusche. „Wir sollten

sie röntgen, damit wir genauer wissen, was mit

ihr los ist“, sagt er.

Eine halbe Stunde muss ich warten. Als der Doktor

mich wieder ruft, schaut er sehr ernst. Mich überkommt

ein böses Gefühl. „Das sieht leider gar nicht

gut aus“, bestätigt er das auch gleich.

Er hat das Röntgenbild am Lichtkasten angeklemmt

und zeigt es mir nun: „Sehen Sie das hier, alles, was

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weiß ist, ist Flüssigkeit. Das arme Tier bekommt

kaum noch Luft, sie hat eine feline infektiöse Pleuritis.

Das bekommen sie manchmal, wir wissen nicht

warum.“

„Kann man etwas dagegen tun?“, frage ich hoffnungsvoll,

obwohl ich die Antwort bereits ahne.

„Leider nein, das Beste für ihre Katze wäre, sie von

ihrer Qual zu erlösen.“

Mir stehen schon längst die Tränen in den Augen, ich

habe einen dicken, trockenen Kloß im Hals.

„Ich soll sie einschläfern lassen? Aber ich kann doch

meinen Liebling nicht einfach so umbringen lassen.“

Ich bin völlig aufgelöst, kann nicht mehr richtig

denken. In mir ist eine grenzenlose Trauer, sie droht

mich in ein schwarzes Loch zu ziehen. Ich möchte

meine geliebte Smyllah im Arm halten, sie trösten.

Doch als ich sie ansehe, sehe ich nur, wie sie kurzatmig

japst, der Glanz in ihren Augen ist erloschen,

sie wirkt einfach nur noch wie ein Häufchen Elend.

Der Arzt schaut mich mitleidig an und ich weiß, dass

er recht hat. Mir die Wörter wie Stacheldraht aus

dem Mund ziehend, sage ich zu ihm: „Sie haben wohl

recht, ich will auch nicht, dass sie leidet.“

Er erklärt mir kurz, dass das Einschläfern durch zwei

aufeinander folgende Injektionen erfolgt, aber ich

höre ihm schon nicht mehr zu. „Möchten Sie dabei

sein und ...“

Da ist der Punkt überschritten und meine Trauer,

Wut und Verzweiflung brechen sich in einem Heulkrampf

Bahn. Ich laufe aus der Praxis raus und

draußen ohne Sinn und Ziel die Straße hoch und

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runter. Ich kann ihr nicht beim Sterben zusehen, das

ertrage ich nicht.

Etwa eine halbe Stunde später kehre ich zurück. Die

Schwester sagt mir noch, dass sie den Körper entsorgen

werden, und will mir die Transportbox

wiedergeben, doch die will ich nicht mehr haben,

wozu auch? Blind von Tränen komme ich zuhause an.

Als Erstes sammle ich ihr Katzenklo und alles was ich

für sie hatte zusammen und stelle es draußen auf die

Straße. Das wird ganz schnell einen Interessenten

finden. In mir ist nur noch Leere, ich hocke in

meinem Sessel und meine Gedanken drehen sich

sinnlos im Kreis. Das ist das erste Mal, dass ich ein

geliebtes Wesen an den Tod verliere, es zerreißt mir

das Herz. Ich werde mir nie wieder ein Tier anschaffen,

dieses Leid will ich nie wieder ertragen müssen.

Wie soll ich denn damit umgehen? Wie erträgt man

diesen Schmerz und wird er wohl je wieder vergehen?

Meine geliebte Smyllah mit dem magischen Blick ist

nun tot und ich konnte ihr nicht helfen. Sie wird aber

immer weiter in meinem Herzen wohnen, dort kann

sie sich ankuscheln und bei mir sein.

***

154


NACHTRAG

Ich habe fast ein Jahr mit dieser Traurigkeit im

Herzen gelebt, dann bin ich auf ein bemerkenswertes

Gedicht gestoßen. Es heißt:

„Das Testament einer Katze“, von Margaret Trowton. Ich

hätte dieses Gedicht gerne hier wiedergegeben, es ist

mir aber nicht gelungen, die Rechte dafür zu

bekommen. Es gab keinen Ansprechpartner dafür.

Man kann es aber leicht im Internet finden.

Dieses Gedicht, hat es tatsächlich geschafft, mir

meine Trauer zu erleichtern. Ich beschränke mich

hier auf die für mich wesentlichste Zeile:

Die Liebe, die ich zurücklasse, ist alles,

was ich geben kann.

Diese Katze sagt, gib all die Liebe, die du für mich

hattest, einem anderen ungeliebten Tier. Gib ihm

meinen Platz und ihr werdet beide gewinnen.

Nachdem diese Worte ihre Wirkung entfaltet hatten,

war auf einmal ganz schnell und ganz überraschend

eine schon ältere Dackeldame bei mir und ich bin von

Herzen froh über unsere Susi. Nun schenke ich ihr all

die Liebe und Zärtlichkeit, die vorher einer wunderbaren

Katze gehörten.

Ich denke noch sehr oft an Smyllah.

***

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156


Susi

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SUSI

Das Klingeln des Telefons holt mich aus dem Schlaf.

Ich schlurfe ins andere Zimmer hinüber. Wo ist nur

meine Brille? Ein Blick auf die Uhr: Sie zeigt 7:58,

das ist verdammt früh am Sonntagmorgen. Das sollte

besser dringend sein, sonst neige ich zu unhöflichen

Kommentaren. „Ja? Hallo?“

„Guten Morgen, Bachmann hier, ich rufe wegen Ihrer

Anzeige an. Wir hätten einen Langhaardackel abzugeben,

eine zehnjährige Hündin, wenn Sie daran

Interesse hätten.“

Das kommt jetzt aber sehr plötzlich, ungläubig starre

ich das Telefon an. Erst heute Nacht habe ich bei

Ebay-Kleinanzeigen eine Anzeige aufgegeben:

Älteres Paar sucht älteren Hund.

Gerade erst habe ich den Verlust meiner geliebten

Katze überwunden und mich spontan dazu entschlossen

mir einen Hund anzuschaffen. Meine Freundin

weiß noch nichts davon. Ich schalte den Lautsprecher

am Telefon an und gehe zu ihr hinüber.

„Sind Sie noch da?“, ertönt es aus dem Telefon.

„Ja ja, ich bin noch da. Es ist noch sehr früh und ich

bin sehr überrascht. Die Anzeige habe ich erst heute

Nacht aufgegeben, so schnell habe ich nicht mit einer

Reaktion gerechnet.“

„Ich habe sie grade eben gelesen und dachte, das

könnte gut klappen. Wissen Sie, der Hund liegt bei

uns den ganzen Tag nur auf der Couch und niemand

kümmert sich um ihn. Wir sind ein landwirtschaftlicher

Betrieb und ich habe noch sechs Huskys, mit

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denen ich täglich arbeite. Es bleibt einfach keine Zeit

für die Kleine. Sie bräuchte jemand, der für sie da

sein kann, von dem sie Aufmerksamkeit erhält.“

„Einen Augenblick bitte, ich muss das eben mit

meiner Freundin absprechen, das kommt jetzt sehr

überraschend. Kann ich Sie in zehn Minuten zurückrufen?“

Mit überraschtem wie verschlafenem Gesichtsausdruck

blinzelt mich meine Freundin an. „Was meinst

du, wollen wir uns eine Langhaardackelhündin

anschaffen?“, frage ich sie mit breitem Grinsen.

Was Dackel angeht, sind wir beide uns einig, das sind

tolle, lustige Hunde und haben die richtige Größe,

um in einer Wohnung zu leben. Also wenn ich mir

eine Rasse hätte aussuchen können, dann wäre es ein

Dackel gewesen. Umso größer ist meine Freude über

dieses Angebot. Schnell erkläre ich meinem Schatz,

wie es zu dem Anruf kam, wir entscheiden uns dafür,

es mit der Dackeldame zu versuchen.

Einen Anruf später, haben wir mit Frau Bachmann

verabredet, dass ihr Vater uns die Susi am Nachmittag

vorbeibringt. Sie lebt jetzt in Brandenburg auf

dem Land und wir haben kein Auto. Also haben wir

es so geregelt. Pünktlich um drei Uhr klingelt es an

der Tür und ein älterer Mann steht mit einem Dackel

davor. „Hallo und guten Tag, ich bringe die Susi.“

„Hereinspaziert, willkommen!“, lasse ich sie eintreten.

Die Dackeldame von rotbrauner Färbung mit

langem Fell und einem hellen Gesicht schaut sich

interessiert im Zimmer um.

„Sie ist eigentlich ein ganz lieber Hund, Sie sollten

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keine Probleme mit ihr haben“, sagt Herr Bachmann.

„Gibt es etwas Besonderes, auf das wir achten

müssen?“

„Nun, sie hört und sieht wohl nicht mehr sehr gut,

aber sonst gab es nie Probleme mit ihr. Ich muss

dann weiter, ich hab noch was zu erledigen.“

Er beugt sich zu Susi hinunter, streichelt sie kurz und

verabschiedet sich von ihr: „Tschüss meine Kleine,

machs gut.“

Wir geben uns die Hand und weg ist er.

„Na, das war ja mal schnell. Hallo meine Kleine, willkommen

bei uns. Schau dich nur um, das ist dein

neues Zuhause“, sage ich zu unserem neuen Mitbewohner.

Sie hat erstaunlich gleichmütig auf seinen

Abschied reagiert, eine besonders enge Beziehung hat

da offensichtlich nicht bestanden. Wir haben noch

ein Polsterkissen, das kann sie als Lager haben. Eine

Schale mit Wasser und eine mit etwas Trockenfutter,

das Herr Bachmann mitgebracht hat, komplettieren

erst mal ihre Einrichtung. Gleich morgen werde ich

einkaufen gehen, da braucht es ja einige Sachen. Mir

fällt auf, dass sie sich sehr oft und heftig kratzt. Sie

wird doch keine Flöhe mitgebracht haben? Oh doch,

dieser Hund ist eine wandelnde Flohburg.

Im Laufe des Abends wird ihr Kratzen immer heftiger

und sie jault schon dabei. Es wirkt zunehmend

hysterischer, es muss sie sehr quälen. Ich schau mir

ihr Fell genauer an, kann aber nichts entdecken. Was

kann ich nur tun, um ihr zu helfen? Habe ich ein

Hausmittel, das gegen Flöhe hilft? Mir fällt keins ein.

160


Halt, doch! Essig könnte vielleicht helfen. Bleibt die

Frage, bekommen wir den Hund in die Dusche? Doch

Susi scheint zu spüren, dass wir ihr helfen wollen, sie

ist ganz brav. Erst sprühe ich sie mit einer Essig-

Wasser Mischung ein, dann ziehe ich mich aus und

gehe mit ihr unter die Dusche. Dort wasche ich sie

gründlich mit Kernseife und spüle sie ordentlich von

allen Seiten ab. Nach einem kurzen Augenblick,

merkt sie wohl auch, dass es ihr guttut, sie hält ganz

still. Wie kriegen wir diesen Hund jetzt wieder trocken?

Am besten mit dem Föhn, wenn sie das erträgt.

Doch auch hier hält sie wunderbar still und zeigt sich

völlig unbeeindruckt von dem Geräusch. Zumindest

für den Augenblick ist Ruhe und sie kann sich entspannen.

Zwar kratzt sie sich bald wieder, aber nicht

mehr so oft und nicht so heftig.

Am nächsten Tag erledige ich schnell die Einkäufe

und gehe dann mit ihr zu einem Tierarzt. Der untersucht

sie gründlich, findet Läusekot aber sonst nichts

Auffälliges an ihr. Ich bekomme ein Flohmittel und

Susi noch eine Tollwutimpfung. Laut Frau Bachmann

ist sie bisher noch nie bei ihr geimpft worden. Es gibt

auch keinerlei Papiere für diesen Hund.

Am nächsten Morgen finden wir einen kleinen See

und einen großen Haufen im Wohnzimmer vor.

Dieser Dackel muss schnell lernen, stubenrein zu

werden. Auf dem Bauernhof war das scheinbar kein

Thema, da konnte sie jederzeit rein und raus.

Das sollten wir aber schnell in den Griff kriegen, das

haben noch alle gelernt. Susi ist ein sehr ruhiger

161


Hund, sie schläft sehr viel. Wenn wir Gassi gehen,

bleibt sie immer mal wieder stehen und schaut, als ob

sie jemand erwarten würde. Wahrscheinlich denkt

sie, dass sie bald wieder abgeholt wird.

Schnell ist zu merken, dass sich Susi sehr stark an

mich bindet, sie ist immer bei mir und folgt mir ständig

überall hin. Wenn ich in meinem Sessel am

Computer sitze, liegt sie meist entweder auf meinen

Füßen oder direkt vor mir auf einem Hocker. Sie

sucht ständig meine Nähe. Ich habe das sichere

Gefühl, dass sie sich mit der neuen Situation

abgefunden hat. Wenn ich sie so ansehe, kuschle und

streichle, dann ist sie ganz wohlig entspannt. Ich

glaube, sie ist inzwischen gerne bei uns.

Umgeben von diversen Grünflächen, Parks und

Gewässern, leben wir jetzt seit einem Jahr in einem

recht hundefreundlichen Gebiet innerhalb Berlins.

162


Direkt hinter unserem Wohnblock befindet sich eine

artenreiche Parkanlage mit vielen Bäumen und Freiflächen,

ideal um Hunde auszuführen. Außerdem hat

Susi ihre Leidenschaft für mein Elektromobil entdeckt.

Wenn ich auf das Dreirad steige, springt sie

gleich zu mir in den Fußraum und wartet begierig

darauf, dass es losgeht. Wir haben inzwischen einige

Fahrten zusammen absolviert und es hat ihr viel

Freude bereitet. Susi ist ein locker entspannter Hund

dabei sehr zugewandt und verschmust.

Wir fahren an die Ostsee! Durch Zufall bin ich im

Internet auf eine Hundepension in Grömitz gestoßen.

Ein Anruf, eine kurze Absprache und schon sitzen wir

in der Bahn. Vier Stunden hat die Fahrt gedauert,

dann stehen wir auf dem Bahnhof, von dem uns

unsere Wirtsleute abholen. Ein kleiner Bungalow mit

zwei Zimmern in einem Garten, der macht einen

guten Eindruck. Leider ist das Grundstück nicht

komplett eingezäunt, ich hatte gehofft, Susi könnte

hier frei herumlaufen. Da sie aber offenbar keinerlei

Gefahrenbewusstsein hat und nichts und niemandem

aus dem Weg geht, können wir nicht riskieren, dass

sie irgendwo auf den Straßen herum irrlichtert. Doch

hier gibt es eine Couch, hier kann sie direkt neben

mir liegen, das reicht ihr völlig. Wo ich nicht bin, will

sie eh nicht sein und so schön dicht wie hier, kommt

sie zuhause nicht dauerhaft an mich dran.

Dem Ort Grömitz kann ich leider so gar nichts

abgewinnen, er hat keinerlei Charme. Alles ist sehr

touristisch ausgelegt und entsprechend teuer. Der

163


Strand ist mit Strandkörben zugepflastert, fein

säuberlich aufgereiht und abgegrenzt. Alles gehört

irgendjemand, selbst das Betreten des Strandes ist

schon gebührenpflichtig. Jetzt ist Anfang September

und die Temperatur nur bei mäßigen 23° C, die

Strandkörbe sind weitgehend verwaist. Doch es gibt

in einem Extra-Abschnitt einen Hundestrand, dort

wollen wir gleich mal hin. Es laufen einige Hunde

herum, hier können wir Susi auch von der Leine

lassen. Sie ist selbst nicht besonders an ihren Artgenossen

interessiert, geht ihnen lieber aus dem Weg.

Da sie nun mal eine fruchtbare Hündin ist, findet sie

natürlich auch das Interesse von vielen Rüden. Auf

einmal stehen erst drei und dann sogar fünf große

Hunde um sie herum, einer ist besonders zudringlich.

Da setzt sich unsere sanfte Susi aufrecht auf die

Hinterläufe, reckt den Kopf kämpferisch in die Höhe,

fletscht die Zähne und lässt ein bedrohliches Knurren

hören. Es ist immerhin so eindrucksvoll, dass die

Rüden, obwohl sehr viel größer, erschrocken von ihr

ablassen. Nur ein großer schwarzer Bernersenn will

sie einfach überrumpeln, doch ich verscheuche ihn.

Das zeigt mal wieder, dass man einen Dackel nicht

unterschätzen sollte. Ein Hund, der dazu gezüchtet

wurde in Dachsbauten einzudringen und einen doppelt

so großen und schweren Gegner daraus zu vertreiben,

ist kein ängstlicher Charakter.

Die fünf Tage Urlaub an der Ostsee haben uns noch

enger zusammengebracht. Seit wir wieder zuhause

sind, hat Susi wohl endgültig für sich angenommen,

dass sie bei uns ihr Heim gefunden hat. Sie ist wirk-

164


lich sehr lieb und ausgesprochen pflegeleicht. Im

Moment bin ich in der heißen Phase mit meinem

Roman und schreibe den ganzen Tag. Susi liegt

immer irgendwo bei mir in der Nähe und begleitet

mich mit ihrem Schnarchen. Nur mit einer Sache

macht sie Probleme: wenn ich nicht da bin. Dann

jammert sie die ganze Zeit und treibt meine Freundin

in den Wahnsinn. Ich nehme sie schon fast überall

mit hin, aber manchmal geht es eben nicht. Zum Arzt

oder zur Physiotherapie, da kann sie leider nicht mit.

Jedenfalls bin ich der Meinung, dass wir mit dieser

Dackeldame einen richtigen Glücksgriff getan haben.

Wir können noch viel schöne gemeinsame Zeit miteinander

verbringen.

***

165


166


Garry

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GARRY

Meine gute Freundin Nebelkrähe hat einen Beitrag

im Forum gepostet. Sie adoptiert schon seit vielen

Jahren Hunde aus einem Tierheim in Rumänien. Es

sind immer recht alte Hunde, die, die keiner mehr

will. Ihnen gibt sie mit viel Liebe ihr Gnadenbrot. Ich

finde das bewundernswert. Heute hat sie einen Link

von diesem Heim gepostet, die Seite will ich mir doch

einmal ansehen. Ein deutscher Verein hat ein

Gelände in Rumänien gemietet und dort Zwinger und

Freilaufflächen eingerichtet. Dort warten bis zu einhundertfünfzig

Hunde darauf, von einem liebevollen

Menschen adoptiert zu werden. Sie wurden ausgesetzt,

haben auf der Straße gelebt oder wurden aus

der staatlichen Hundefängerstation befreit. Es gibt

eine große Auswahl der verschiedensten Hunde, alle

haben eine mehr oder weniger schreckliche

Geschichte. Manche sind sogar behindert und haben

ein Gestell, mit dem sie sich fortbewegen können.

Gleich auf der ersten Seite, blickt mich ein kleiner

brauner Rüde mit treuherzigem Blick an und scheint

zu sagen: „Hol mich hier raus, ich will auch ganz lieb

sein.“, Garry heißt er. Seit einem Jahr haben wir jetzt

unsere Susi, unsere elfjährige Dackelhündin. Sie hat

sich so toll bei uns eingelebt, wir sind sehr glücklich

mit ihr, durch sie haben wir immer wieder was zu

lachen, sie ist ein drolliger kleiner Hund. Manchmal

denke ich allerdings, dass es vielleicht etwas langweilig

bei uns für sie ist. Wir sind fast den ganzen Tag

zuhause und arg viel Aktion gibt es bei uns nicht.

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Eine Woche später besuche ich die Seite erneut

gemeinsam mit meiner Freundin. Der kleine Garry

ist noch immer dort. Wir schauen uns zusammen

seine Fotos und seine Geschichte an. Meine Freundin

sagt: „Na, willst du noch einen zweiten Hund? Er

würde gut zur Susi passen. Sie haben fast die gleiche

Größe und auch eine ähnliche Farbe.“

Also konkret hatte ich diesen Gedanken bisher noch

nicht. Dort sind so viele tolle Hunde, ich möchte sie

am liebsten alle knuddeln. Doch das ist eben nicht

möglich. Aber zwei Hunde? Warum eigentlich nicht?

Die Futterkosten sind überschaubar, ob ich mit

einem oder zwei Hunden Gassi gehe, dürfte auch

nicht problematisch sein. Dass ich mit einem fremden

Hund zurechtkomme, bezweifle ich nicht. Bisher

haben noch alle Hunde positiv auf mich reagiert. Wir

schauen uns die Adoptionsbedingungen an und die

damit verbundenen Kosten. Schnell sind wir uns

darin einig, dass wir Garry adoptieren werden.

169


Zwei Wochen später, nachdem eine Frau die zukünftigen

Lebensbedingungen überprüft hat und wir alle

Verträge unterschrieben haben, ist es endlich soweit:

Heute soll Garry kommen! Wir sind schon recht aufgeregt

und voller Erwartung. Es gab noch etwas

Umstände, weil wir kein Auto haben und der Tiertransport

hält außerhalb Berlins, wo am Sonntagmorgen

um sechs kein Bus hinfährt. Doch auch das

konnten wir regeln. Es dauert dann bis zum Nachmittag,

als es endlich klingelt und eine Frau uns mit

einem Tiertaxi unseren neuen Mitbewohner bringt.

Garry ist von Anfang an recht zutraulich und reagiert

interessiert und verträglich. Lustig ist die Reaktion

von Susi, sie läuft gleich in das Zimmer und frisst

erstmal alles auf, was rumliegt, selbst die trockenen

seit Tagen verschmähten Leckerlis. Wir haben uns

inzwischen auf unseren Familienzuwachs eingerichtet,

es gibt ein großes Hundebett, mit Platz für zwei.

Doch er legt sich lieber auf eine Decke, die ich für ihn

angeschafft habe. Der arme Kerl muss erschöpft sein,

nachdem er drei Tage auf dem Transporter verbracht

hat, jetzt schläft er.

Schon bald danach, ist er wieder munter und widmet

sich ausführlich diesem verführerisch duftenden

Weibchen. Obwohl er kastriert ist, scheint ihn der

Geruch einer läufigen Hündin noch sehr zu interessieren.

Voller Hingabe leckt er an ihrem Hinterteil

und zeigt auch sonst alle Anzeichen von Erregung.

Gespannt warte ich darauf, ob er auch versucht, sie

zu decken. Doch zu Susis großer Enttäuschung macht

170


er keinerlei Anstalten dazu, obwohl sie extra den

Schwanz beiseite hält und sich ausgesprochen auffordernd

positioniert. Nach einiger Zeit gibt sie es auf.

Erfreulicherweise verhalten sie sich ansonsten sehr

verträglich miteinander, das ist beruhigend zu

erleben. Später am Abend, entdecke ich auf einmal

eine blutige Stelle an seinem Hinterteil, gerade leckt

er heftig daran herum und reißt sich büchelweise die

Haare aus. Die Stelle ist schon etwa vier Zentimeter

groß. Was hat er sich da nur getan? Entweder hat er

sich in der Transportbox wundgerieben oder es war

der Stress, sodass er sich selbst blutig biss, das

geschieht manchmal. Ich lenke ihn davon ab, während

ich überlege, was ich für ihn tun kann. Das

beste, was mir im Moment einfällt, ist ein Wundspray.

Ich hoffe, dass es bitter genug schmeckt, dass

er nicht mehr dran geht. Aber wenn ich bedenke,

woran Hunde so alles lecken ...

Gleich am nächsten Tag gehen wir mit ihm zum Tierarzt.

Die Ärztin versorgt seine Wunde, gibt ihm eine

Spritze sowie ein Mittel gegen Flöhe und Würmer. Zu

guter Letzt bekommt er einen Leckschutz verpasst,

der ihn daran hindern soll, an sein Hinterteil zu

gelangen. Mit dem Trichter um den Hals geht ein

unglücklich dreinschauender Garry mit uns nach

Hause. Er ist noch sehr nervös auf der Straße, die

vielen Autos und der Verkehrslärm verunsichern ihn.

Es wird wohl noch eine Zeit brauchen, bis er sich an

seine neue Umgebung gewöhnt hat.

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Drei Wochen hat er nun schon diesen Plastikeimer

um den Kopf, doch er hat gut gelernt, damit umzugehen.

Insgesamt ist er ein recht fideler, springlebendiger

kleiner Kerl. Er ist, ganz anders als Susi, sehr

an seinen Artgenossen interessiert, springt gleich auf

jeden fröhlich schwanzwedelnd zu. Heute will ich ihn

von seiner Behinderung befreien, die Läsion ist gut

verheilt, das Fell nachgewachsen. Es ist nur noch

wenig davon zu sehen, ich hoffe, dass er nicht wieder

daran beißt. Mit Susi versteht er sich soweit gut, sie

sind nicht gerade dicke Kumpel, leben aber in friedlicher

Koexistenz. Wahrscheinlich sind die Charaktere

zu unterschiedlich für mehr. Während er umherspringt

und mit seinem Ball spielt, liegt sie nur träge

auf meinen Füßen rum. Doch sie streiten sich nicht

um das Futter und liegen einträchtig nebeneinander,

nachts schlafen sie zusammen. Alles ist friedlich,

jedoch ist eindeutig mehr Leben in die Bude

gekommen durch diesen kleinen immer zu Spiel und

Streicheleinheiten bereiten Rüden.

172


Uns hat es eindeutig mehr Bewegung verschafft,

diese Hunde halten uns den ganzen Tag beschäftigt.

Wir haben viel Freude an unseren beiden Fellnasen,

sie sind beide sehr schmusig und zugewandt und es

gibt oft etwas zu lachen.

Ich will es mal mit Loriot sagen: Ein Leben ohne

Hund ist möglich - aber sinnlos!

***

173


NACHTRAG

Ein Tier zu retten verändert zwar nicht die Welt, aber

die ganze Welt verändert sich für diese Fellnase.

Das ist das Motto des Vereins zur Rettung von

Hunden: http://www.sos-dogsouls.com/

Ich möchte an dieser Stelle eine Lanze für diesen

Verein brechen. Diese Menschen leisten so unglaublich

viel für die Tiere, dass sie nach meiner Meinung

jede nur erdenkliche Unterstützung verdient haben.

Liebe Leser, schaut im Internet oder bei facebook

rein und wenn ihr auch ein Herz für diese unschuldig

leidenden Tiere habt, adoptiert eine solche einsame

Seele, sie wird es euch mit viel Liebe danken!

174


Ende

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