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moneyeditorial

EDITORIAL

Corona, Sokrates

und die Börse

In der Schule hatte ich Altgriechisch und ich war eine ziemliche

Niete darin. Mehr schlecht als recht übersetzte ich Platons „Verteidigungsrede

des Sokrates“, doch eines hat sich mir bis heute

eingeprägt: die Suche nach der Wahrheit. Für Sokrates war eine

Aussage erst dann richtig, wenn ihr vernünftigerweise nicht widersprochen

werden konnte. Bis dahin galt seine Erkenntnis: „Oîda

ouk eidōs“, „Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß.“

„Ich ging zu einem von den für weise Gehaltenen“, verteidigt sich

Sokrates bei seiner Gerichtsverhandlung in Athen. „Er schien mir

aber am meisten sich selbst weise vorzukommen. Daraufhin überführte

ich ihn seines Nichtwissens, wodurch ich ihm selbst verhasst

wurde und vielen Anwesenden auch. Ich dachte: Weiser als

dieser Mann bin sogar ich. Denn es mag wohl eben keiner von uns

beiden etwas Sonderliches wissen; allein er meint zu wissen, ich

aber nicht. Ich scheine also um dieses wenige weiser zu sein, dass

ich das, was ich nicht weiß, auch nicht glaube zu wissen.“ Weisheit

beginnt für Sokrates also mit der Entlarvung des Scheinwissens.

Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil es etwas mit der Börse

zu tun hat, mit Corona und den Medien.

Im Mai vergangenen Jahres stellte Ex-Präsident Donald Trump

die These auf, das Coronavirus sei bei einem Laborunfall in Wuhan

entstanden. „China soll die Warnung vor Covid-19 um sechs Tage

verzögert haben“, berichtet auch der Nachrichtensender CNN.

Groß war die Riege der Kritiker. „Darauf weisen die Studien, die

sich damit beschäftigt haben, nicht hin“, konterte etwa SPD-Gesundheitsexperte

Karl Lauterbach. Er suche nur „Sündenböcke

und dazu zählen auch die Labore in China“.

Ein gutes halbes Jahr später dann eine Analyse eines Nanowissenschaftlers

der Universität Hamburg. Demnach würden „sowohl

die Zahl als auch die Qualität der Indizien für einen Laborunfall

am virologischen Institut Wuhan als Ursache der Pandemie sprechen“.

Zeit, die eigene Meinung zu hinterfragen? Niemals! Von einer

„kruden Studie“ spricht der „Spiegel“, von einer „Verschwörungstheorie

aus der Uni“ die taz.

Am 26. Mai dieses Jahres dann die Wende: die Presseerklärung

von US-Präsident Joe Biden. Der US-Präsident stellte darin offen

fest, dass die Geheimdienste seines Landes keine verlässlichen Erkenntnisse

dazu haben, wie das Virus in die Welt gekommen ist. Es

gebe dazu unterschiedliche Szenarien. Er habe die Geheimdienste

angewiesen, nachzuforschen und ihm in 90 Tagen Bericht zu erstatten.

Biden erwähnte ausdrücklich das Szenario, das politisch

extrem heikel ist: die Theorie, dass das Virus nicht auf natürlichem

Wege von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist, sondern

bei einem Unfall in einem chinesischen Labor entstanden ist.

18 internationale Biologinnen, Immunologen und andere Fachwissenschaftler

untermauern im Fachmagazin „Science“ dieses

Vorgehen. Die „Weisen“ in den deutschen Leitmedien, allen voran

Lauterbach, „Spiegel“ und taz, hatten offenbar „Scheinwissen“ verbreitet:

Ach, würde Sokrates doch noch leben.

Und nun zur Börse. Was wird wohl passieren, wenn der US-Geheimdienst

im August seinen Wuhan-Bericht veröffentlicht? Die

chinesischen Behörden mauern in Sachen Informationspolitik,

aber einen Freispruch mangels Beweisen wird es wohl kaum geben.

59 Prozent der republikanischen Anhänger und 52 Prozent

der demokratischen Wähler in den USA sind inzwischen von der

Labor-These überzeugt. Präsident Biden steht unter Druck. China

hat 2005 gegenüber der Weltgesundheitsorganisation WHO eine

Verpflichtung unterzeichnet, dass es jede neue Krankheit, jedes

neue Virus sofort meldet. Das „Ärzteblatt“ berichtet hingegen, dass

sich „möglicherweise bereits im November, wenn nicht schon früher,

die ersten Menschen infiziert haben“, und beruft sich dabei auf

eine im Fachmagazin „Science“ veröffentlichte Studie der Universität

von Kalifornien.

Ex-Präsident Trump hat im Juni, bei einem seiner ersten größeren

Auftritte seit seiner Amtszeit, China aufgefordert, zehn Billionen US-

Dollar an Reparationen für den Umgang mit dem Coronavirus zu leisten.

Auch sollten die Länder der Welt ihre Schulden an China nicht

zurückzahlen. Biden könnte aufgrund der mehrheitlichen Skepsis

in der Bevölkerung ebenfalls politisch genötigt sein, China zu verklagen.

Es droht ein Wiederaufflackern des Handelskriegs.

„Ich weiß, dass ich nicht(s) weiß“, so viel Demut hat mich die Börse

gelehrt. Aber im August könnte es an den Märkten heiß werden.

Wer „Scheinwissen“ hinterfragt und stattdessen ein wenig in

Deckung geht, macht sicher keinen Fehler.

Ihr

FRANK PÖPSEL

CHEFREDAKTEUR

FOCUS-MONEY

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FOCUS-MONEY 30/2021 Foto: D. Gust/FOCUS-MONEY

3


moneyinhalt

21. JULI 2021 www.money.de

8

Sicher im Alter

Rente mit 67? Nein, danke! Wer nicht

bis ins hohe Alter arbeiten, sondern

früh den Ruhestand genießen

möchte, kann die Strategien von

FOCUS-MONEY nutzen

moneykompakt

6 Rohstoff-Superzyklus: Von

steigenden Preisen profitieren

98 Andis Börsenbarometer: Warum

Strafzinsen Sparern sogar helfen

könnten

moneytitel

8 Früher in Rente: Und das

ohne finanzielle Einbußen.

Die Tipps

10 Renten-Berechnung: Alles,

was Sie zum Planen Ihrer

Altersvor sorge wissen müssen

14 Renten-Strategien: Mit Kryptos,

Dividenden und klugen Ansätzen

fürs Alter vorsorgen

moneymarkets

20 Interview: Ingo Mainert über

Marktentwicklung, Blasengefahr,

Optimismus und Inflation

24 Hermle: Ein stabiler schwäbischer

Renditebringer

26 MDax: Deutsche Perlen mit

hohem Kurspotenzial

30 Fortec: Unterbewertet und mit

guter Dividendenpolitik

31 MS Industrie: Turnaround-Kandidat

mit stillen Reserven

32 Aixtron: Hochtechnologie-Kursrakete

aus dem MDax

34 CO 2 -Reduktion: Welche Firmen

viel grüne Rendite bringen

38 Deutsche Spacs: Wundertüten für

Aktionäre

40 Raumfahrt: Zukunftsträchtige

Aktien von Weltalltourismus bis

Satellitentechnik

48 Gold: Alles über saisonale

Schwankungen beim Edelmetall

51 TomTom: Navi-Hersteller profitiert

von mehr Autoverkäufen

52 Edtech: Die Zukunft der Bildung

ist Technologie. Welche Firmen

damit Gewinne machen

55 Berentzen: Turnaround beim

Spirituosenhersteller

56 Manz: Mit Elektromobilität in

die Gewinnzone

57 Piscines Desjoyaux: Pools

machen Kunden glücklich

58 Smart City: Die Digitalisierung

der Stadt – ein neuer Mega -

trend

61 Musterdepots: Gewinne mitnehmen,

Liquidität sichern

62 Trustpilot: Vertrauenswürdige

Internet-Bewertungen gibt’s hier

64 Indien: Dieses Land wird die

Weltwirtschaft bestimmen

moneyyou

44 Analyse: Zalando steht kurz vor

dem Sprung in den Dax

47 Chartsignal: Covestro überzeugt

die Charttechniker

47 Börsenwissen: Wissen, wie die

Profis investieren

4 Titelfoto: 123RF Inhalt: Fotos: Adobe Stock, 123RF, Depositphotos (2), M. Leissl Illustration: VectorStock Composing: FOCUS-MONEY FOCUS-MONEY 30/2021


moneyanlegerschutz

67 Vorstandsgehälter: Auch

Manager mussten wegen Corona

zurückstecken

moneyservice

68 Zins-Serie: Dividenden und

Zinsen im Vergleich

70 Gesetzliche Krankenkassen im

Test: Welche Kassen die beste

Finanzkraft besitzen

74 Massivhaus: Die fairsten Anbieter

von Massivhäusern im Test

moneyanalyse

81 Fonds

82 Deutsche Aktien

90 Internationale Aktien

96 ETFs

97 Zertifikate

moneyrubriken

3 Editorial

80 Leserbriefe – Impressum

98 Termine

40

Ab ins All

Der Weltraum. Unendliche Weiten. Und unendliche Möglichkeiten

für Anleger: Weltalltourismus, Lasertechnik für Satelliten etc. pp.

34

Grün gewinnt

Wer kann sich Verzicht

auf Klimaschutz leisten?

Wer zu lange wartet,

hinkt hinterher. Mit

welchen Aktien Anleger

auf die grüne Rendite

und den Megatrend

Nachhaltigkeit setzen

können

58

Intelligente Städte

Stadtplaner entwerfen immer stärker

digitalisierte Städte. Sammelinvestments

und Einzelwerte, um am Trend teilzuhaben

20

„Die Gewinnentwicklung ist das Rückgrat für

unsere noch positive Markterwartung“

INGO MAINERT, VORSTANDSMITGLIED ALLIANZ GLOBAL INVESTORS

FOCUS-MONEY 30/2021 5


moneytitel

FRÜHER IN RENTE

DIE

TRÄUME VERWIR

Seite

Inhalt

10 Früher-in-Rente-Formel mit Beispielen

Mit welcher Formel Sie Ihren individuellen

Kapitalbedarf für den vorzeitigen Rentenbeginn

berechnen samt zwei konkreten Beispielfällen

13 Möglichkeiten der gesetzlichen Rente

Wie sich die gesetzliche Rente zusammensetzt

und ob sich Nachzahlungen an den Staat lohnen


Welche Strategien Sie mit Ihrem persönlichen

Chance-Risiko-Profil zum Ansparen des Kapitals

für Ihren früheren Rentenbeginn nutzen können

8 FOCUS-MONEY 30/2021


Endlich raus aus dem Hamsterrad der täglichen Arbeit,

um sich lang gehegte Wünsche zu erfüllen – wer

träumt nicht schon mal davon? Ob ein längerer Urlaub

auf der karibischen Lieblingsinsel, die gemeinsame Bikertour

durch ganz Europa, mit dem eigenen Segelboot

die Weltmeere erkunden oder Reisen zu den Städten

des internationalen Jetsets – jeder Mensch hat seine ganz

eigene Vorstellung davon, was er erleben möchte, wenn er den Job

an den Nagel hängt. Und das wollen die meisten Bundesbürger

lieber früher als später. Rund 60 Prozent bevorzugen einen schnelleren

Rentenbeginn als gesetzlich vorgesehen. Im Schnitt würden

sie gern bereits mit 60,2 Jahren in den Ruhestand starten.

Die gute Nachricht: Auch für alle, die nicht mit einem goldenen

Löffel im Mund geboren wurden, ist dies durchaus möglich. Doch

der vorzeitige Rentenbeginn sollte gut geplant sein, um später keine

bösen finanziellen Überraschungen zu erleben. Denn wer früher

als amtlich vorgesehen aus dem Arbeitsleben ausscheidet, muss

teils happige Einbußen bei seiner gesetzlichen Altersrente hinnehmen.

Fehlende Einzahlungen sowie deutliche Rentenabschläge (s.

Tabelle) sind finanziell aufzufangen. Und wer gar vor dem Alter von

63 seinen Job aufgeben möchte, muss zudem die Jahre ohne Arbeits-

KLICHEN

Bis 67 arbeiten? Für viele ist das keine schöne

Vorstellung. Sie wollen lieber deutlich früher

Was der schnellere Ausstieg kostet

und wie die Finanzierung gelingt

von MARIAN KOPOCZ, WERNER MÜLLER und

SASCHA ROSE

Früherer Ruhestand gewünscht

Die Mehrheit der Bundesbürger möchte bereits vor

dem gesetzlichen Rentenalter aufhören zu arbeiten.

Meistens gern ab einem Alter so um die 60 Jahre.

Wunschrentenalter der Deutschen

Durchschnitt in Jahren

14- bis 19-Jährige 60,3 Jahre

20- bis 29-Jährige 57,8

30- bis 39-Jährige 59,2

40- bis 49-Jährige 60,3

50- bis 59-Jährige 61,4

Quelle: GfK

Grundlagen des Rentenbeginns

Seit 2012 erhöht sich das reguläre Rentenalter schrittweise

von 65 auf 67 Jahre. Wer früher aufhören will,

muss teils heftige Abschläge in Kauf nehmen.

Geburtsjahrgang

reguläres Renten-

Rentenalter eintritt 1)

(Jahre +

Monate)

Abschlag auf vorzeitige Rente ab 45

monatl. Beitragsjahren ohne

Rente bei Rente

mit 63 2) (Jahre +

Abschläge ab ...

Monate)

1955 65+9 2020/21 9,90 % 63+6

1956 65+10 2021/22 10,20 % 63+8

1957 65+11 2022/23 10,50 % 63+10

1958 66 2024 10,80 % 64

1959 66+2 2025/26 11,40 % 64+2

1960 66+4 2026/27 12,00 % 64+4

1961 66+6 2027/28 12,60 % 64+6

1962 66+8 2028/29 13,20 % 64+8

1963 66+10 2029/30 13,80 % 64+10

ab 1964 67 ab 2031 14,40 % 65

1)

abhängig vom konkreten Geburtsdatum; 2) 63 ist das frühestmögliche Rentenalter bei mindestens 35 Versicherungsjahren

Quellen: BMAS, eigene Berechnungen

einkommen überbrücken. Dabei machen die gesetzlichen Rentenzahlungen

auch schon beim regulären Beginn nur einen Teil des

Alterseinkommens aus. Ohne ergänzende Zusatzgelder würden

viele Ruheständler nicht über die Runden kommen. Um den gewünschten

Lebensstandard im Alter zu halten, ist daher am besten

schon frühzeitig ausreichend Kapital aufzubauen.

Aktiensparen statt Sparbuch heißt dabei die Devise. Denn im

aktuellen Zinsumfeld ist mit festverzinslichen Anlagen kein Blumentopf

mehr zu gewinnen. Gut, dass es zahlreiche Aktienstrategien

gibt, mit denen die nötigen Erträge zu erwirtschaften sind. Das

muss gar nicht mal besonders spekulativ sein, auch für eher defensiv

orientierte Anleger gibt es zuverlässige Musterdepots. FOCUS-

MONEY zeigt daher auf den folgenden Seiten, wie die persönliche

Rentenlücke berechnet wird, wie man sich den früheren Ruhestand

leisten kann und welche Strategien dem Kapitalaufbau dienen.

So können individuelle Träume durchaus wahr werden.

Quelle: BMAS, DRV

Standard ist nicht Durchschnitt

Die Standardrente bemisst sich am Durchschnittsverdienst

und 45 Jahren Einzahlungen. Die tatsächlichen

Durchschnittsrenten liegen aber weit darunter.

Monatliche Standardrente der gesetzlichen

Rentenversicherung in Deutschland

in Euro

Alte Bundesländer

Neue Bundesländer

1500

1400

1300

1200

1100

1000

900

2000 05 10 15 2020

FOCUS-MONEY 30/2021

Fotos: Adobe Stock, 123RF (2), Colourbox 9


moneymarkets

Konsum, Konjunktur und Kurse an den

Aktienmärkten schäumen über. Ingo

Mainert von Allianz Global Investors über

seine Prognosen, seine Strategie und

ein mulmiges Gefühl

von MIKA HOFFMANN

INTERVIEW

DER COLA-

Vita

Ingo Mainert

Geboren 1963

Abschluss als Diplom-Kaufmann an der

Universität Frankfurt

1988 Berufseinstieg bei der Commerzbank

als Wertpapier-Trainee

2004 bis 2008 Leiter der Vermögensverwaltung,

seit 2006 gleichzeitig geschäftsführender

CIO der Cominvest, die 2009 in

der Allianz Global Investors KAG aufging

Managing Director und CIO Multi Asset

Europe von Allianz Global Investors

20

Foto: M. Leissl FOCUS-MONEY 30/2021


Dax, Dow und Nasdaq steigen von einem Rekord zum nächsten. Der

Hedge-Fonds-Manager Michael Bury dagegen erwartet, dass der Höhenflug

in der „Mutter aller Crashs“ endet. Wie schlimm wird es?

Ingo Mainert: Wir sehen in einigen Segmenten der Kapitalmärkte

Überbewertungen etwa an den amerikanischen Aktienmärkten

oder bei Wachstumsaktien. Wir nennen das intern

„Bubbling Up“-Szenario – Blasenbildung –, denn einige Indikatoren

deuten auf eine Überhitzung und übermäßige Spekulation

hin. Ich maße mir aber nicht an, eine Crash-Vorhersage

in den Raum zu stellen – und das Timing ist extrem schwer.

Blasen an den Finanzmärkten können sich stärker aufpumpen,

als die meisten denken. Das berühmte Greenspan-Zitat

von der „irrational excuberance“ stammt aus dem Dezember

1996. Die Märkte stiegen danach – unter Schwankungen – aber

noch mehr als drei Jahre.

Die Anleger waren im ersten Halbjahr wegen des Anstiegs der Renditen

bei Staatsanleihen nervös. Zu Recht?

Mainert: Wir erwarten für das zweite Halbjahr einen

Anstieg der Renditen am langen Ende. Die Beruhigung bei

deutlich unter 1,5 Prozent für die zehnjährigen US-Bonds

Auf der Jagd nach immer neuen Rekorden

Sowohl der Deutsche Aktienindex Dax und der Dow Jones

als auch der US-Tech-Aktienindex Nasdaq steigen

von einem Rekord zum nächsten. Der Einbruch von der

Corona-Krise im Frühjahr 2020 ist längst mehr als aufgeholt

– in Rekordzeit. Geht der Höhenflug weiter oder

droht jetzt ein heftiger Einbruch an den Aktienmärkten?

Dax

in Prozent

1.1.2020 = 100

Nasdaq

2020 2021

JAN

JAN

Quelle: Bloomberg

Dow Jones

Dax-Performance-Index

JUL

140

120

100

80

60

FLASCHEN-EFFEKT

können wir nicht ganz nachvollziehen. Die Konjunktur

läuft – angeschoben von den historisch einzigartig riesigen

Konjunkturprogrammen und den liquiditätspolitischen

Maßnahmen – im zweiten Halbjahr sehr gut und aktuell exponentiell

nach oben. Ich spreche von einem Cola-Flaschen-

Effekt: Wenn Sie eine geschüttelte Flasche öffnen, sprudelt

erst mal alles schwallartig heraus. Zusätzlich sehen wir reale

Inflationsrisiken – auf die kurze, aber auch auf die längere

Sicht. Das wird unserer Meinung nach unterschätzt. Der

Konsensus geht im Moment eher davon aus, dass die Inflationsspitzen

vorübergehender Natur sind.

Welche Gefahr stellen die Delta- und andere Corona-Varianten für

Ihren Ausblick dar?

Mainert: Das ist ein potenzielles Risiko. Wir sehen aber eine

gute Chance, dass wir uns aus der Pandemie herausimpfen.

Es werden zwar immer wieder Mutationen kommen, aber

das übergeordnete positive Konjunkturszenario dürften sie

nicht nachhaltig beeinflussen. Den „peak optimism“, den Höhepunkt

des Optimismus, dürften wir jetzt im zweiten Halbjahr

sehen – bevor es 2022 zu einer Abkühlung kommen wird.

Wird uns das Thema Inflation länger begleiten, als viele Finanzmarktbeobachter

wahrhaben wollen?

Mainert: In den vergangenen Jahren lag die Güterpreisinflation

zwischen ein und zwei Prozent. Ich sehe aber vier

Gründe, warum sich dieser Inflationspfad strukturell nach

oben verschieben wird: erstens die Demografie. Wenn die Babyboomer

aus dem Berufsleben ausscheiden, wird der Faktor

Arbeit auf mittlere und längere Sicht teurer. Zweitens haben

wir eine Änderung in der geldpolitischen Reaktionsfunktion.

Früher haben die Notenbanken gegen Inflation gekämpft.

Heute kämpfen sie weltweit für Inflation – weil sie der Meinung

sind, sie ist nicht da. Es gibt also einen Wandel von einer

antizyklischen zu einer spätzyklischen Reaktionsweise. Die

Punkte drei und vier kommen erst jetzt in die Diskussion: Die

Transformation hin zu ökologisch-sozialen Volkswirtschaften

wird die Preise nach oben treiben, vor allem die Energiekosten

– Stichwort CO 2-Bepreisung. Und viertens: Derzeit gibt

es pandemiebedingt massive Probleme bei den Lieferketten

mit entsprechenden Auswirkungen auf die Preise. Längerfristig

wird das „Re-Shoring“ eine große Rolle spielen: Unternehmen

entscheiden über ihre Lieferketten nicht mehr nur auf

Basis des günstigsten Preises. Vielmehr spielen Fertigungstiefe

und Kontrolle eine deutlich wichtigere Rolle.

Werden die Notenbanken gegensteuern, wenn die Preise beginnen,

stärker zu steigen?

Mainert: Davon gehen wir aus. Die US-Notenbank hat in

den Raum gestellt, dass die Leitzinsen frühestens 2023 angehoben

werden. Das wird die Federal Reserve aber wohl

nicht ganz durchhalten können. Wir erwarten im vierten

Quartal dieses Jahres eine intensive Diskussion über das Tapern,

gefolgt von einer vorsichtigen Rückführung der An-

FOCUS-MONEY 30/2021

21


moneymarkets

FERTIGUNGSANLAGE:

Hermle profitiert stark von

der Digitalisierung von

Produktionsprozessen

HERMLE VORZÜGE

In der Ruhe liegt die Kraft

Der Konjunkturdreh verschafft dem Geschäft und der Aktie des schwäbischen Maschinenbauers

neue Fantasie. Für die kommenden Jahre dürften solide Renditen angesagt sein

von BERND JOHANN

Ein bisschen erinnert die Maschinenfabrik Berthold

Hermle an die berühmte schwäbische Hausfrau: grundsolide

und mit Augenmaß wirtschaften, immer noch einiges

in der Reserve. Und dennoch genau wissen, wo die Musik

spielt und worauf es künftig ankommt. So meisterte der

Hersteller von Werkzeug- und Fräsmaschinen aus dem

schwäbischen Gosheim auch relativ gut die Konjunktur- und

Corona-Flaute der Jahre 2019 und 2020. Jetzt scheint das

Geschäft wieder Fahrt aufzunehmen, und mit ihm die Aktie.

Der Vorstand spricht von einer „zunehmenden, deutlichen

Nachfrageerholung“. An der Börse erwarten die Auguren

mittelfristig bereits wieder Kurse in der Nähe der früheren

Höchstnotierungen um die 400 Euro bei gleichzeitig steigenden

Dividenden – wenn sich die Investitionstätigkeit in der

Wirtschaft weiter belebt. Und dafür spricht einiges.

Substanz satt. Das muss ein Management zuerst mal hinkriegen:

Trotz 36 Prozent Umsatzeinbruch schaffte Hermle

im Corona-Jahr 2020 ein robustes positives Ergebnis. Zwar

halbierte sich der Überschuss, er lag mit 40 Millionen Euro

oder gut acht Euro je Aktie bei 297 Millionen Euro Umsatz

aber immer noch weit über der Wasserlinie. Die Umsatzmarge

blieb mit brutto 18 (zuvor 24,6) Prozent komfortabel hoch.

Den Schwaben gelang es sogar, die ohnehin dicke Eigenkapitalquote

von 72 auf 78 Prozent auszubauen und die Dividende

zu halten. Möglich war das durch schnelle Anpassungen

an die veränderte Umwelt. Der Vorstand spricht vom

„Konzept des atmenden Unternehmens“, das bis zu einem gewissen

Grad sehr flexibel reagieren könne.

Nun scheint es wieder kräftig einzuatmen. Indiz dafür sind

die Auftragseingänge. Seit der zweiten Hälfte des vergange-

24 Foto: Hermle

FOCUS-MONEY 30/2021

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