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Kulturfenster Nr. 04|2021 - August 2021

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BLASMUSIK<br />

CHORWESEN<br />

HEIMATPFLEGE<br />

in Südtirol<br />

<strong>Nr</strong>. 4<br />

AUG.<br />

<strong>2021</strong><br />

Konzertwertung aus der Sicht des Jurors<br />

Rettet die Strohdächer!<br />

Corona hat die Chorszene verunsichert<br />

Poste Italiane SpA – Sped. in a.p. | -70% – NE BOLZANO – 71. Jahrgang – Zweimonatszeitschrift<br />

Poste Italiane SpA – Sped. in a.p. | -70% – NE BOLZANO – 73. Jahrgang – Zweimonatszeitschrift


vorausgeschickt<br />

Sommer, Sonne,<br />

Sonnenschein<br />

Liebe Leserinnen und Leser,<br />

auch wenn uns das Thema „Corona“ immer<br />

noch begleitet und weiterhin begleiten<br />

wird, wollen wir in dieser Ausgabe in<br />

die Zukunft schauen. Dabei gilt es, weder<br />

blauäugigen Optimismus an den Tag<br />

zu legen, noch den Kopf aus Angst oder<br />

Frustration in den Sand zu stecken. Es<br />

gilt vielmehr, die Fehler vor Corona nicht<br />

zu wiederholen, aus den Erfahrungen mit<br />

Corona zu lernen und damit die Grundsteine<br />

für die Zeit nach Corona zu legen.<br />

Dazu stellt Helmut Schmid, der Bundesjugendreferent<br />

des Österreichischen Blasmusikverbandes,<br />

die Konzertwertung zur<br />

nachhaltigen Qualitätsförderung in den<br />

Mittelpunkt der Blasmusikseiten – dies<br />

im Hinblick auf das Wertungsspiel am 30.<br />

Oktober <strong>2021</strong> in Toblach. Weiters haben<br />

die Stabführer gemeinsam mit der Spitzensportlerin<br />

Monika Niederstätter viele<br />

Parallelen zwischen der Musik und dem<br />

Sport analysiert und Überlegungen angestellt,<br />

wie die „Musik in Bewegung“ wieder<br />

in Bewegung kommt.<br />

Der Heimatpflegeverband mahnt hingegen<br />

einmal mehr, nicht einfach zur Tagesordnung<br />

zurückzukehren. Er verweist<br />

im Hauptthema auf ein Projekt zur Rettung<br />

der Strohdächer, ein Stück bäuerlicher<br />

Architektur, die verloren zu gehen<br />

droht. Zudem stellt sich der neue Geschäftsführer<br />

Florian Trojer vor, der sein<br />

Credo klar formuliert: „Mehr agieren statt<br />

reagieren.“<br />

Der Chorverband präsentiert die Ergebnisse<br />

verschiedener Studien, die die Auswirkungen<br />

der Corona-Pandemie auf die<br />

Chorszene untersucht haben. Trotz dieser<br />

großen Verunsicherung in der Chorlandschaft<br />

wird auch von einigen interessanten<br />

Projekten berichtet, wie etwa<br />

von der heurigen Kindersingwoche, die<br />

mit ihrem Motto „Sommer, Sonne, Sonnenschein“<br />

viel Optimismus verbreitet.<br />

Dazu gibt es die gewohnten Rubriken, in<br />

denen die einzelnen Verbände ihre Tätigkeiten<br />

dokumentieren, bereichsspezifische<br />

Themen aufarbeiten und auch die<br />

Jugend – die Zukunft unserer Vereine –<br />

in den Fokus stellen.<br />

Ich wünsche Ihnen dazu wiederum eine<br />

unterhaltsame, aber auch informative Lektüre<br />

und einen aufschlussreichen Blick<br />

durch unser „KulturFenster“.<br />

Stephan Niederegger<br />

„<br />

Eine falsche Note zu spielen ist bedeutungslos;<br />

zu spielen ohne Leidenschaft<br />

ist inakzeptabel.<br />

„<br />

Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber<br />

diese ist die unsere.<br />

„<br />

Es ist billiger den Planeten jetzt zu schützen,<br />

als ihn später zu reparieren.<br />

„ „ „<br />

Ludwig van Beethoven<br />

Jean-Paul Sartre<br />

José Manuel Barroso<br />

KulturFenster<br />

2 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Inhalt<br />

In dieser Ausgabe<br />

Blasmusik<br />

Warum musikalische Wettbewerbe ein Teil der<br />

Vereinsarbeit sind: Konzertwertung aus der Sicht des Jurors...... 4<br />

Wie Musik (wieder) in Bewegung kommt<br />

Spitzensportlerin trifft Stabführer und Führungskräfte................ 8<br />

Es war einmal … eine Musikkapelle: Bitte um Mitarbeit<br />

bei der Suche nach verschollenen Musikkapellen.................... 10<br />

Musik in Bewegung mit Kindern und Jugendlichen<br />

Sonya Profanter im Gespräch.................................................. 11<br />

Zum 175. Todestag von Andreas Nemetz<br />

Der Komponist des „Einschlages zum Marsch“ ....................... 13<br />

Die Jugendkapelle „klanLAUT“ im Porträt ............................... 16<br />

„Schlernsaxess“ seit fünf Jahren erfolgreich ............................ 18<br />

JuKa Schnals fährt nach Grafenegg......................................... 20<br />

„Memes“ treffen Blasmusik<br />

Das Musikantenleben mit Humor betrachtet............................ 21<br />

„Es geht um die Musik“<br />

Solofagottistin Miriam Kofler im Gespräch................................ 22<br />

110 Punkte mit Auszeichnung: Daniel Niederegger,<br />

der 13. Absolvent des Blasorchesterstudiums in Bozen ........... 23<br />

Binary Star<br />

Zweite CD von Peter Steiner und Constanze Hochwartner........ 25<br />

CLARINET a due<br />

Leichte Spielstücke für zwei Klarinetten von Gottfried Veit ........ 25<br />

Der Vogelsang in der Musik: Gottfried Veit auf der Spur der<br />

faszinierenden Stimmen der Natur .......................................... 26<br />

Raut, Grait Ried, Rungg und Nofen<br />

Flurnamen aus der Agrargeschichte, Teil 3 - Rodungsnamen...50<br />

Kleinod im Kleindenkmal<br />

Eine Kreuzigungsgruppe für die Blasbichlkapelle in Rateis.......51<br />

Heimatschutzverein Lana wertet Kleindenkmal auf ..................52<br />

Alte Volksschule Ahornach nicht versteigern............................52<br />

Heimatpflegeverein Naturns-Plaus<br />

Neues Buch über Bildhauer Oswald Krad................................53<br />

Schreckgespenst kehrt zurück: Neues Projekt für<br />

einen Glasturm unter dem Rosengartenmassiv ........................54<br />

Lindas Krönchen<br />

Kostbare Ghërlanda spiza zur Jungmädchentracht ..................55<br />

Chorwesen<br />

Motivationsverlust und Auflösungserscheinungen: Umfrage<br />

zur Situation der Chöre im deutschen Sprachraum..................56<br />

Die Bedeutung der Musik: Mit Musik-Thema<br />

Südtiroler Jugendredewettbewerb gewonnen...........................59<br />

Die Katzen sind los<br />

Musicalwoche in Lichtenstern .................................................62<br />

Kultur- und Naturerlebnis in Ulten<br />

Alpenländische Sing- und Wanderwoche.................................64<br />

Sommer, Sonne, Sonnenschein<br />

Kindersingwoche des Südtiroler Chorverbandes.......................65<br />

Literatur-Tipp: Chorleiter-Coaching von Philip Lehmann ...........67<br />

In der Musik „dahoam“: Tobias Psaier ist vielseitiger Musiker,<br />

Komponist und Kapellmeister.................................................. 28<br />

kurz notiert<br />

Neues von den Musikkapellen................................................. 30<br />

Heimatpege<br />

Rettet die Strohdächer!<br />

Ein Stück bäuerlicher Architektur droht, verloren zu gehen ...... 32<br />

Das Strohdach – (k)ein ewiges Werk<br />

Ein Besuch am Duregghof in Afing.......................................... 35<br />

Ein Netzwerk zum Erhalt der Strohdächer................................ 37<br />

Letzte Strohstadel in Vöran sollen erhalten bleiben................... 38<br />

Sind Strohdächer nur noch Museumsobjekte?......................... 40<br />

Dinge des Alltags: Der Dreschbock.......................................... 41<br />

„Nicht zur Tagesordnung zurückkehren“<br />

71. Vollversammlung des Heimatpflegeverbandes Südtirol....... 42<br />

„Mehr agieren statt reagieren“: Florian Trojer,<br />

der neue Geschäftsführer des Heimatpflegeverbandes ............ 44<br />

Impressum<br />

Mitteilungsblatt<br />

- des Verbandes Südtiroler Musikkapellen<br />

Redaktion: Stephan Niederegger, kulturfenster@vsm.bz.it<br />

- des Südtiroler Chorverbandes<br />

Redaktion: Paul Bertagnolli, info@scv.bz.it<br />

- des Heimatpflegeverbandes Südtirol<br />

Redaktion: Florian Trojer, florian@hpv.bz.it<br />

Anschrift:<br />

Schlernstraße <strong>Nr</strong>. 1 (Waltherhaus), I-39100 Bozen<br />

Tel. +39 0471 976 387 – info@vsm.bz.it<br />

Raiffeisen-Landesbank Bozen<br />

IBAN = IT 60 S 03493 11600 000300011771<br />

SWIFT-BIC = RZSBIT2B<br />

Jahresabonnement = 20,00 Euro<br />

Ermächtigung Landesgericht Bozen <strong>Nr</strong>. 27/1948<br />

presserechtlich verantwortlich: Stephan Niederegger<br />

Druck: Ferrari-Auer, Bozen<br />

Das Blatt erscheint zweimonatlich am 15. Februar, April, Juni, <strong>August</strong>, Oktober und<br />

Dezember. Redaktionsschluss ist der 15. des jeweiligen Vormonats.<br />

Eingesandte Bilder und Texte verbleiben im Eigentum der Redaktion und werden nicht<br />

zurückerstattet. Die Rechte an Texten und Bildern müssen beim Absender liegen bzw.<br />

genau deklariert sein. Die Verantwortung für die Inhalte des Artikels liegt beim Verfasser.<br />

Die Wahrung der Menschenwürde und die wahrheitsgetreue Information der Öffentlichkeit<br />

sind oberstes Gebot. Der Inhalt der einzelnen Beiträge muss sich nicht mit<br />

der Meinung der Redaktion decken. Nachdruck oder Reproduktion, Vervielfältigung jeder<br />

Art, auch auszugsweise, sind nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion erlaubt.<br />

Sämtliche Formulierungen gelten völlig gleichrangig für Personen beiderlei Geschlechts.<br />

Umweltausgleichsmaßnahmen<br />

Notwendiges Übel oder Chance?............................................. 46<br />

Keine Angst vor Beteiligung<br />

Bei der Gestaltung von Lebensräumen mitreden...................... 48<br />

gefördert von der Kulturabteilung<br />

der Südtiroler Landesregierung<br />

KulturFenster<br />

3 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Die Teilnahme an einem<br />

Wertungsspiel …<br />

… dient nicht nur dem Vergleich mit anderen Kapellen, sondern<br />

in erster Linie der nachhaltigen Qualitätsförderung im Verein.<br />

KulturFenster<br />

4 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


motiviert<br />

Warum musikalische<br />

Wettbewerbe ein Teil der<br />

Vereinsarbeit sind<br />

Helmut Schmid zum Thema Konzertwertung aus der Sicht des Jurors<br />

Ob eine Teilnahme mit der Musikkapelle am<br />

nächsten Wettbewerb bzw. Wertungsspiel<br />

angestrebt werden soll, wirft vereinsintern<br />

oft zahlreiche Fragen auf. Befürworter und<br />

Skeptiker gibt es da viele und nicht selten<br />

fehlen gute und sachliche Argumente<br />

auf beiden Seiten. Eigentlich könnten wir<br />

uns solche Diskussionen sparen - durch<br />

ein klar definiertes und umfangreich gedachtes<br />

Qualitätsbewusstsein, welches<br />

für alle Mitglieder in der Musikkapelle<br />

verständlich ist. Im folgenden Beitrag einige<br />

Gedanken zum Thema Qualität im<br />

Musikverein.<br />

Wie deniert sich die<br />

musikalische Arbeit in<br />

der Musikkapelle?<br />

Unsere Musikkapellen (allen voran die<br />

Kapellmeisterinnen und Kapellmeister)<br />

haben vielfältige Aufgaben: Beginnen<br />

wir mit der Auswahl der Literatur für<br />

das Programm im musikalischen Jahreskreis.<br />

Kapellmeister*innen stehen<br />

jedes Jahr vor der Aufgabe, geeignete<br />

Musikstücke für die Umrahmung kirchlicher<br />

und weltlicher Festtage, Pflege der<br />

Marschkultur, Unterhaltungsmusik, Konzertmusik,<br />

Musik in kleinen Gruppen etc.<br />

zu finden. Für jeden dieser Bereiche gelten<br />

ähnliche Anforderungen: möglichst<br />

gut spielbare und qualitätsvolle Stücke<br />

– im Original oder als gute Transkription<br />

– zu erkennen.<br />

Ein weiterer Punkt ist die musikalische<br />

Nachwuchs- und Jugendarbeit. Hier besteht<br />

wohl die einzigartige Chance, Qualität<br />

und Qualitätsbewusstsein von Anfang<br />

an zu etablieren. Erfolge – auch kleine<br />

– machen Spaß und machen Lust auf<br />

mehr. Die Teilnahme mit einem Jugendorchester<br />

an verschiedenen Veranstaltungen<br />

wie Jugendblasorchestertreffen<br />

oder Jugendblasorchesterwettbewerben<br />

sind besondere Highlights.<br />

„Definiert wird der Qualitätsanspruch in erster Linie von der musikalischen Leitung und<br />

der gewählten Vorgehensweise“, sagt Juror Helmut Schmid.<br />

Warum ist ein natürliches<br />

musikalisches Qualitätsbewusstsein<br />

im Verein wichtig?<br />

Vorweg: Ein Musikverein besteht aus mehreren<br />

unterschiedlichen Parametern. Federführend<br />

für die Entwicklung und Sicherung<br />

von Qualitätsbewusstsein sind<br />

die musikalisch-künstlerischen Belange.<br />

Aus diesem Grund werden in diesem Beitrag<br />

Themen wie Organisation, Finanzierung,<br />

Öffentlichkeitsarbeit etc. nicht berücksichtigt.<br />

Qualitätsvolles Musizieren<br />

in der Musikkapelle entsteht nicht zufällig,<br />

es ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit.<br />

Ein Konzert auf hohem Niveau zu<br />

spielen, ist sicherlich ein schöner Erfolg,<br />

sagt jedoch unter Umständen noch nicht<br />

allzu viel über die musikalische Qualität<br />

der Vereinsarbeit aus. Definiert wird der<br />

Qualitätsanspruch in erster Linie von der<br />

musikalischen Leitung und der gewählten<br />

Vorgehensweise. Durch folgende<br />

Fragen können Kapellmeisterinnen und<br />

Kapellmeistern ihren persönlichen Anspruch<br />

festlegen:<br />

➤ Welche Literatur wird zu welchem Anlass<br />

gespielt?<br />

➤ Welche Transkriptionen werden gewählt?<br />

➤ Was sind gute Originalwerke?<br />

➤ Müssen bei jedem Anlass Stücke der<br />

maximal möglichen Leistungsstufe gespielt<br />

werden, oder gibt es auch einfachere<br />

(gute) Werke?<br />

Musikalische Wurzeln<br />

und Qualitätsanspruch<br />

an die Musik<br />

Weitere Überlegungen gelten der Österreichischen<br />

(Tiroler) Blasorchesterkultur:<br />

Wo sind die musikalischen Wurzeln und<br />

wie können diese in Kenntnis der interna-<br />

KulturFenster<br />

5 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


motiviert<br />

Unser (zielführender) Weg zum Wertungsspiel – darüber referierte Hans Pircher bei einer Fortbildungsveranstaltung für Kapellmeisterinnen<br />

und Kapellmeister.<br />

tionalen Blasorchesterszene sinnvoll weiterentwickelt<br />

werden? Bestimmt verfügen<br />

meisten Mitglieder des Vereins über einen<br />

gewissen und meistens sehr ausgeprägten<br />

Qualitätsanspruch an die Musik und die<br />

musikalische Vereinsarbeit. Im Optimalfall<br />

sehen dieses Thema alle recht ähnlich<br />

oder sogar gleich. Für mich persönlich ist<br />

es oberstes Ziel und vereinsinterne Vorgabe,<br />

dass jede Probe, jedes Ständchen,<br />

jede Prozession und jedes Konzert im Moment<br />

die wichtigste Aufgabe des Vereines<br />

ist. Das heißt: Wir alle geben immer und<br />

bei jeder Gelegenheit unser Bestes! Wenn<br />

all diese Aufgaben gelingen, entsteht Motivation<br />

und das ist eine wesentliche Grundlage<br />

für qualitätsvolles Musizieren.<br />

Wer gibt uns Rückmeldung?<br />

Rückmeldung und unsere Reaktion darauf<br />

bestimmen die musikalische Arbeit<br />

im Verein grundlegend. Natürlich unterscheiden<br />

wir, von wem diese Rückmeldung<br />

kommt und verwerten diese dann<br />

mehr oder weniger. Grundsätzlich gibt es<br />

andauernd Rückmeldungen zu unserer<br />

musikalischen Arbeit. In der Probe durch<br />

Kolleginnen und Kollegen, durch die Kapellmeisterin<br />

oder den Kapellmeister, zuhause<br />

in der Familie und nicht zuletzt<br />

durch das Publikum. Man könnte den<br />

Standpunkt vertreten, dass das Publikum<br />

der Maßstab sein soll und wir uns danach<br />

zu richten haben. Gewissermaßen mag<br />

das auch so sein und wir alle freuen uns,<br />

wenn dem Publikum unsere Musik gefällt.<br />

Jedoch haben wir ein stark unterschiedliches<br />

Publikum zu bedienen – abhängig<br />

vom Anlass unseres Auftrittes. Nun ist es<br />

doch so, dass die Rückmeldungen, die<br />

wir in erster Linie bekommen, aus einem<br />

uns gut bekannten Kreis stammen. Demnach<br />

kommen sie aus einem sehr persönlichen,<br />

freundschaftlich bekannten Kreis<br />

und werden auch durch den subjektiven<br />

Einblick ins Vereinsleben, wie viel großartige<br />

Arbeit wir leisten, geprägt.<br />

Thema „Wettbewerb“<br />

An dieser Stelle kommt für mich das Thema<br />

„Wettbewerb“ ins Spiel. Natürlich sind Wertungsspiele<br />

und Wettbewerbe ein Forum,<br />

um sich mit anderen „Mitbewerbern“ zu<br />

vergleichen. Wir alle erleben es immer wieder,<br />

wie essenziell es für viele von uns ist,<br />

besser als andere zu sein. Das mag vielleicht<br />

eine Triebfeder für Qualität sein, jedoch<br />

hoffentlich nicht die einzige! Ich habe<br />

immer wieder miterlebt, dass sich gute Arbeit<br />

in allen Bereichen der Vereinsarbeit<br />

über einen längeren Zeitraum auf die musikalische<br />

Qualität allgemein positiv auswirkt<br />

und dadurch bei einer möglichen<br />

Wettbewerbsteilnahme viele grundlegende<br />

und gute Vorzeichen ohnehin schon gegeben<br />

sind. Wettbewerbe und Wertungsspiele<br />

bieten eine Möglichkeit, qualifizierte<br />

Rückmeldungen von außenstehenden, neutralen<br />

und fachlich versierten Personen –<br />

einer Jury – zu bekommen. Dennoch ist<br />

auch diese Rückmeldung, welche in einem<br />

Wettbewerbe und Wertungsspiele bieten eine Möglichkeit, qualifizierte Rückmeldungen von<br />

außenstehenden, neutralen und fachlich versierten Personen – einer Jury – zu bekommen.<br />

Auch bei fachlich fundierten Rückmeldungen spielen u. a. subjektive Erwartungshaltungen<br />

und musikalische Vorstellungen der einzelnen Jurymitglieder eine Rolle.<br />

KulturFenster<br />

6 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Blasmusik<br />

Ausschreibung<br />

VSM - Konzertwertung <strong>2021</strong><br />

Samstag, 30. Oktober <strong>2021</strong><br />

Im Kulturzentrum Grand Hotel Toblach<br />

Anmeldung:<br />

Innerhalb 31. <strong>August</strong> <strong>2021</strong> im Verbandsbüro<br />

AUSSCHREIBUNG<br />

Punkteergebnis zusammengefasst wird, eigentlich<br />

subjektiv. Abhängig von bestimmten<br />

Zugängen, Erwartungshaltungen, Einschätzungsvermögen<br />

und musikalischen<br />

Vorstellungen der einzelnen Jurymitglieder<br />

können auch diese Rückmeldungen sich<br />

durchaus unterscheiden.<br />

Musikalische Wettbewerbe<br />

und ein angemessener<br />

Umgang mit dem Ergebnis<br />

Wenn wir uns einem „Wettbewerb“ stellen,<br />

gehen wir auch ein gewisses Risiko ein. Im<br />

besten Fall werden die musikalische Vereinsarbeit<br />

und unser Anspruchsdenken<br />

positiv bestärkt. Allerdings kann es auch<br />

sein, dass die eigene musikalische Leistung<br />

und somit unsere Arbeit – von der wir ja<br />

überzeugt sind – einer kritischen Rückmeldung<br />

unterzogen wird. Wenn sich diese in<br />

einer niedrigen Punktebewertung niederschlägt,<br />

führt das oft zu Motivationsverlust<br />

und Frust. Die persönliche Einschätzung<br />

bei jeder Gelegenheit intern zu kommunizieren<br />

und eine angemessene, ehrliche<br />

bzw. selbstkritische Erwartungshaltung im<br />

Vorfeld zu formulieren, ist wohl eine der<br />

größten Herausforderungen, die es für<br />

Kapellmeister*innen gibt.<br />

Musikalische Wettbewerbe als<br />

Impuls- und Motivationsgeber<br />

Wenn Wettbewerbe und Wertungsspiele<br />

nicht das eigentliche Ziel der Vereinsarbeit<br />

sind, sondern viel eher einen wichtigen und<br />

unersetzlichen Bestandteil einer Qualitätsund<br />

Rückmeldekultur darstellen, dann gibt<br />

es viele positive Auswirkungen und es führt<br />

eigentlich kein Weg an der Teilnahme vorbei.<br />

Wettbewerbsstücke sind in der Regel<br />

gut ausgesuchte Musikstücke, die einen<br />

hohen künstlerischen und pädagogischen<br />

Mehrwert bieten. Es gibt die Möglichkeit,<br />

größere Werke zu proben, die vermutlich<br />

sonst nicht im Programm stehen würden,<br />

jedoch sehr gut auch im Jahreskonzert gespielt<br />

werden können. Weiters gibt es die<br />

Gelegenheit, an einem Werk über einen<br />

längeren Zeitraum konsequent zu arbeiten<br />

und alle in der Partitur vorgegebenen<br />

Inhalte technisch und vor allem musikalisch<br />

bestmöglich umzusetzen. Im Optimalfall<br />

klingt es in jeder Probe noch besser –<br />

was sich auch auf die Motivation und die<br />

Vorfreude bei allen Beteiligten auswirken<br />

wird. Wenn Wettbewerbsstücke bereits vor<br />

dem Wettbewerb aufgeführt werden (z.B.<br />

im Jahres- oder in Vorbereitungskonzerten),<br />

dann wird das Orchester daran wachsen,<br />

verschiedene Rückmeldungen mit eigenen<br />

Erfahrungen verbinden und somit auch bestens<br />

vorbereitet sein. Der Wettbewerb bzw.<br />

das Wertungsspiel selbst ist dann eigentlich<br />

nur mehr der hoffentlich erfolgreiche Abschluss<br />

eines schönen „Projektes“ im Rahmen<br />

des musikalischen Jahresprogramms,<br />

bei dem die „Selbsteinschätzung“ der musikalischen<br />

Leistungsfähigkeit möglichst mir<br />

der „Fremdeinschätzung“ der Jury zusammenpassen.<br />

Viel Erfolg!<br />

Zur Person<br />

Helmut Schmid<br />

ist langjähriger Kapellmeister der Stadtmusikkapelle Landeck/Tirol. Mit seiner Stadtmusikkapelle<br />

und seinem Jugendblasorchester hat er an verschiedensten nationalen<br />

und internationalen Musikwettbewerben (Wasserburg – D, Kerkrade - NL,<br />

Riva del Garda - I, Valencia - ES und Prag - CZ) sehr erfolgreich teilgenommen.<br />

Beruflich arbeitet er beim Land Tirol als Landesmusikdirektor. Im Blasmusikverband<br />

war er von 2001 - 2010 als Landesjugendreferent für den Blasmusikverband<br />

Tirol tätig und ist seit 2013 Bundesjugendreferent des Österreichischen<br />

Blasmusikverbandes.<br />

KulturFenster<br />

7 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


hinausgeblickt<br />

„Alles Show“<br />

Fortbildung für Stabführer mit<br />

Gerhard Dopler und der<br />

Stadtmusikkapelle Meran<br />

https://vsm.bz.it<br />

25.09.<strong>2021</strong><br />

VSM intern<br />

Wie Musik (wieder) in<br />

Bewegung kommt<br />

Spitzensportlerin trifft Stabführer und Führungskräfte<br />

der Einzelnen und der Gruppe einzugehen.<br />

Viele der mentalen Strategien, die Profisportler<br />

nutzen, können auch von Stabführern<br />

erfolgreichund effizient angewendet<br />

werden.<br />

Grundsätzlich sollte unser Bestreben<br />

sein, mental stark zu sein. Die Basis dabei<br />

ist, sich selbst zu vertrauen – Selbstvertrauen<br />

zu entwickeln.<br />

Eine wichtige Aufgabe besteht für uns im<br />

Vereinsleben in dieser Hinsicht, unseren<br />

Kindern und Jugendlichen zu zeigen,<br />

dass wir ihnen vertrauen. Eine spezielle<br />

Herausforderung einer Musikkapelle liegt<br />

darin, Mitglieder mit unterschiedlicher Alters-<br />

und Interessensstruktur zu vereinen.<br />

Wie im Leistungssport auch, spielen als<br />

Schlüssel des Erfolges verschiedene Bausteine<br />

eine große Rolle:<br />

Konzentriert und aufmerksam folgten die Stabführer und Führungskräfte aus dem<br />

VSM-Bezirk Meran den Ausführungen von Monika Niederstätter.<br />

➤ Selbstvertrauen aufbauen<br />

➤ Motivierende Ziele setzen<br />

Am 5. Mai fand die seit Langem erste Fortbildungsveranstaltung<br />

des VSM-Bezirks<br />

Meran in Präsenzform statt. Auf Einladung<br />

der Fachgruppe MiB (Musik in Bewegung)<br />

und unter der Koordination von Bernhard<br />

Mairhofer konnte die renommierte Sportpsychologin<br />

und Mentaltrainerin Monika<br />

Niederstätter zum Thema „Herausforderung<br />

Stabführer“ gewonnen werden.<br />

Monika Niederstätter ist ehemalige Leistungssportlerin,<br />

hat zwei Mal an Olympischen<br />

Spielen und mehrfach an Europaund<br />

Weltmeisterschaften teilgenommen, ist<br />

9-fache Italienmeisterin im 400-m-Hürdenlauf<br />

und hielt lange Zeit den Italienrekord in<br />

dieser Disziplin. Sie überzeugte mit einem<br />

interessanten, praxisnahen und kurzweiligen<br />

Vortrag. Sie stellte viele Parallelen zwischen<br />

Musik und Sport her und konnte den Führungskräften<br />

und insbesondere den Stabführern<br />

sehr hilfreiche Beispiele vermitteln.<br />

Immer wieder stellen sich uns im Leben<br />

verschiedene Herausforderungen, im<br />

besonderen Maße auch in der jetzigen<br />

Situation. Gerade auch die Führungsposition<br />

des Stabführers stellt eine spannende<br />

Herausforderung dar, mit der jeder<br />

auf seine Weise umgeht. Durch Mentaltraining<br />

können wir lernen, mit den verschiedenen<br />

Herausforderungen umzugehen<br />

und an ihnen zu wachsen.<br />

Ein gezieltes Mentaltraining spielt im Spitzensport<br />

mittlerweile eine wesentliche<br />

Rolle und ist nicht mehr wegzudenken.<br />

Durch Mentaltraining gelingt es uns, unser<br />

wahres Potential zu erschließen. Dies<br />

gilt nicht nur für den Sport, sondern auch<br />

für die Rolle des Stabführers. Es gilt, zu<br />

einem bestimmten Zeitpunkt die bestmögliche<br />

Leistung abrufen zu können,<br />

also den Anforderungen und Herausforderungen<br />

dieser besonderen Stellung gerecht<br />

zu werden und auf die Bedürfnisse<br />

➤ Konzentration stärken<br />

➤ Visualisierungstechniken nutzen<br />

➤ Umgang mit Stress und Leistungsdruck<br />

➤ Gedanken und Gefühle kontrollieren<br />

➤ Ruhe fi nden<br />

➤ Verletzungen und Krisen meistern<br />

Von essenzieller Bedeutung ist das Formulieren<br />

und Setzen von Zielen und die<br />

Frage der Beweggründe: Was sind die<br />

Motive? Bei der Motivation unterscheidet<br />

man zwischen extrinsischer (z.B. Status,<br />

Anerkennung…) und intrinsischer (wegen<br />

mir) Motivation.<br />

Intrinsische Motive werden durch die Tätigkeit<br />

selbst befriedigt. Extrinsische Motive<br />

werden nicht durch die Tätigkeit selbst,<br />

sondern durch die Folgen der Tätigkeit<br />

KulturFenster<br />

8 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Blasmusik<br />

Viele nützliche Motivationsschübe hatte die ehemalige Spitzensportlerin<br />

für die Funktionäre in den Musikkapellen parat.<br />

Wie man damit umgeht, wenn sich Plan und Realität widersprechen, dafür<br />

konnten die Fortbildungsteilnehmer einige praktische Tipps mitnehmen.<br />

oder durch deren Begleitumstände befriedigt.<br />

Eine der wichtigsten Aufgaben<br />

von Führungskräften im Verein besteht<br />

darin, bei ihren Mitgliedern wieder mehr<br />

die intrinsische Motivation zu fördern.<br />

Neben den Motiven sind die Ziele die<br />

zweite große Quelle unserer Motivation.<br />

Durch klug gesetzte Ziele kann man sich<br />

selbst und andere erfolgreich motivieren.<br />

Zu diesen Punkten konnte die Referentin<br />

wertvolle und anschauliche Tipps geben,<br />

beispielhaft auch, weil gerade sie in ihrer<br />

Sportlerkarriere als Hürdenläuferin und<br />

danach im Berufsleben lernen musste,<br />

viele Hürden zu meistern.<br />

Zwar haben Musik und Sport viele Parallelen,<br />

eines unterscheidet sie jedoch:<br />

die Musik lässt den Kopf eher aus und<br />

spricht mehr das Gefühl an. Auch deshalb<br />

ist das mentale Know-how für den<br />

Trainer (Stabführer/Kapellmeister/Führungskräfte)<br />

so wichtig; eine gute Kommunikation<br />

ist das A und O. Besonders<br />

wichtig ist es, wenn etwas gut läuft, dies<br />

lobend hervorzuheben. Bei Kritik bewährt<br />

sich die Sandwichmethode gut:<br />

1. Lob - das Gehirn „macht auf, ist erfreut“<br />

2. Kritik anbringen<br />

3. Lob<br />

Als Schlussbotschaft nannte die Referentin<br />

nochmals drei Schlüssel fürs „Bullseye“:<br />

1. Konzentration<br />

2. Gelassenheit (mehr Spaß passt gut<br />

zur Musik)<br />

3. Selbstvertrauen (Gruppendynamik<br />

nutzen)<br />

Im Anschluss an den Vortrag gab es noch<br />

eine Frage- und Diskussionsrunde mit interessanten<br />

Wortmeldungen und reger<br />

Beteiligung. Gewappnet mit vielen Tipps,<br />

Erkenntnissen und mit einer breiteren<br />

Sichtweise, können sich die Teilnehmer<br />

und Stabführernun ihrer umfangreichen<br />

und verantwortungsvollen Aufgabe stellen.<br />

Der VSM-Bezirksvorstand Meran wünscht<br />

ihnen dazu viel Erfolg!<br />

Andreas Augscheller<br />

VSM-Bezirksobmann Meran<br />

BLASMUSIK IM RUNDFUNK<br />

jeden Freitag<br />

von 18 bis 19 Uhr<br />

„Blasmusik“<br />

mit Dieter Scoz<br />

jeden Samstag<br />

von 18 bis 19 Uhr<br />

„Faszination Blasmusik“<br />

mit Arnold Leimgruber<br />

(Wiederholung<br />

am Sonntag um 10 Uhr)<br />

jeden Freitag<br />

von 18 bis 19 Uhr<br />

„Das Platzkonzert“<br />

mit Peter Kostner<br />

KulturFenster<br />

9 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


hinausgeblickt<br />

VSM intern<br />

Obleute-Tagung<br />

Kulturhaus, Terlan<br />

https://vsm.bz.it<br />

30.10.<strong>2021</strong> –<br />

9.00 Uhr<br />

Es war einmal …<br />

eine Musikkapelle<br />

Bitte um Mitarbeit bei der Suche nach verschollenen Musikkapellen<br />

Es hat in der Vergangenheit in unserm Land gar einige<br />

Musikkapellen gegeben, die im Laufe der Zeit<br />

von der Bildfläche verschwunden sind und vielfach<br />

erinnern nur mehr lückenhafte Notizen von deren<br />

vormaliger Existenz.<br />

GESUCHT!<br />

Erinnerungen, Dokumente,<br />

Fotos, Zeitungsmeldungen etc.<br />

Nun soll der Versuch gemacht werden, ein vom Vergessen<br />

bedrohtes Kapitel Südtiroler Blasmusikgeschichte<br />

zu dokumentieren und für die Zukunft zu sichern.<br />

Deshalb ersuchen wir alle, die vom Bestand ehemals<br />

existierender und heute verschwundener Musikkapellen<br />

oder selbstständiger Bläserformationen Kenntnis<br />

haben, dies mitzuteilen. Vor allem bitten wir, auch ältere<br />

Musikanten oder ältere Menschen aus der Dorfgemeinschaft<br />

anzusprechen und sie nach ihren diesbezüglichen<br />

Erinnerungen zu befragen.<br />

Wenn es neben den bloßen Erinnerungen auch noch<br />

konkrete Unterlagen (Dokumente, Fotos, Zeitungsmeldungen<br />

etc.) zu den verschwundenen Musikkapellen<br />

geben sollte, so wären wir für deren leihweise Überlassung<br />

natürlich sehr dankbar. Jeder noch so kleine<br />

Hinweis ist bei der Recherche hilfreich!<br />

Hinweise und Infos bitte direkt an den Verband Südtiroler<br />

Musikkapellen, Schlernstraße 1, 39100 Bozen<br />

oder info@vsm.bz.it<br />

Stephan Niederegger<br />

Aus der Redaktion<br />

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Blasmusikseiten<br />

senden Sie bitte an: kulturfenster@vsm.bz.it<br />

Redaktionsschluss für<br />

die nächste Ausgabe des<br />

„KulturFensters“ ist<br />

Freitag, 17. September <strong>2021</strong><br />

KulturFenster<br />

10 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


ewegt<br />

„Man muss die Kinder einfach<br />

mal tun lassen“<br />

Ein Gespräch mit Sonya Profanter über Musik in Bewegung<br />

mit Kindern und Jugendlichen<br />

In der Juni-Ausgabe des „KulturFensters“<br />

haben der VSM-Verbandsstabführer Klaus<br />

Fischnaller und die VSM-Verbandsjugendleiter-Stellvertreterin<br />

Uta Praxmarer zum geplanten<br />

Jugendfestival 2022 eingeladen. Ergänzend<br />

dazu haben Klaus Fischnaller und<br />

der VSM-Verbandsjugendleiter-Stellvertreter<br />

Hannes Schrötter mit Sonya Profanter<br />

über die Jugendarbeit im Allgemeinen gesprochen<br />

und wie man Jugendliche für die<br />

Musik in Bewegung motivieren kann.<br />

KulturFenster: Südtirols Kulturlandschaft<br />

stand für Monaten größtenteils still. Wie<br />

hast du diese Zeit erlebt?<br />

Sonya Profanter: Meine kleine Tochter ist genau<br />

vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie<br />

geboren. So muss ich gestehen, dass<br />

mich persönlich der totale Stillstand aller<br />

kulturellen Tätigkeiten nicht sonderlich<br />

beeinflusst hat. Ich konnte mich voll und<br />

ganz auf meine Kinder konzentrieren und<br />

genoss die Ruhe zu Hause. In letzter Zeit<br />

aber verspürte ich schon immer mehr den<br />

Wunsch, mit anderen zusammen zu musizieren<br />

oder einfach wieder mal irgendwo<br />

Musik spielen zu hören. Mir haben auch<br />

die Kollegen aus der Musikkapelle gefehlt,<br />

die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Für<br />

die Vereine ist ein so langer Stillstand gefährlich,<br />

denn sie leben vor allem durch die<br />

Beziehungen der Mitglieder untereinander.<br />

KF: Welche Rolle kann die Musik deiner Erfahrung<br />

nach in der persönlichen Entwicklung<br />

von Kindern und Jugendlichen spielen?<br />

Profanter: Musik ist eine große Bereicherung<br />

für die Entwicklung der Kinder und<br />

Jugendlichen. Einmal spielt der soziale Aspekt<br />

eine große Rolle: man musiziert meistens<br />

nicht allein und muss sich im Ensemble<br />

oder in der Kapelle auf die anderen<br />

Spieler einlassen können und aufeinander<br />

hören, sich unterordnen oder auch mal die<br />

Führung übernehmen. Musizieren fördert<br />

die Kreativität und die Intelligenz – das ist<br />

Beim Landesmusikfest 2015 in Meran begeisterte die Jugendkapelle Villnöß unter der<br />

Leitung von Sonya Profanter das Publikum mit einer Marschshow.<br />

mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen<br />

- denn die Kinder schulen beim Musizieren<br />

ihre Aufmerksamkeit, die Konzentration,<br />

ihr Gedächtnis, die Reaktion, aber<br />

auch die Experimentierlust. Fühlen sich<br />

Kinder in einer Gruppe sicher, so stärkt das<br />

auch ihre Selbstsicherheit und ihr Selbstbewusstsein.<br />

KF: Du warst in den vergangenen Jahren<br />

in mehreren Funktionen in der Jugendarbeit<br />

tätig. Welcher Moment oder welche<br />

Momente sind dir dabei besonders in Erinnerung<br />

geblieben?<br />

Profanter: In den 12 Jahren als Dirigentin<br />

der Jugendkapelle bzw. als Jugendleiterin<br />

hat es unzählige tolle Momente gegeben –<br />

seien es die verschiedenen Konzerte und<br />

Auftritte mit der Jugendkapelle, aber auch<br />

das alljährliche Jugendcamp im Sommer<br />

auf der Alm. Besondere Erlebnisse waren<br />

natürlich die Teilnahme an den Jugendkapellen-Wettbewerben<br />

des VSM oder unsere<br />

Marschauftritte. Wir durften zum Beispiel<br />

beim Landesmusikfest Meran 2015<br />

als Eröffnung der Marschmusikbewertung<br />

mit unserer Jugendkapelle eine Marschshow<br />

aufführen – dies war ein großartiges<br />

Erlebnis, welches mir und sicherlich auch<br />

den Jungmusikanten noch lange in Erinnerung<br />

bleiben wird.<br />

KF: Wie kann man aus deiner Sicht Kinder<br />

und Jugendliche für die Musik in Bewegung<br />

motivieren?<br />

Profanter: Ich habe die Erfahrung gemacht,<br />

dass Kinder im Bereich „Musik in Bewegung“<br />

eigentlich kaum Motivationsprobleme<br />

haben – im Gegensatz zu manchen<br />

erwachsenen Musikanten. Kinder haben einen<br />

inneren Bewegungsdrang; es liegt in<br />

ihrem Naturell, sich zu bewegen. Sollten<br />

Kinder aber doch noch eine Motivationsspritze<br />

benötigen, dann kann man sie in<br />

den Entwicklungsprozess der Choreografie<br />

miteinbinden. Werden die Ideen der Kin-<br />

KulturFenster<br />

11 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


ewegt<br />

der aufgegriffen und eingebaut, können sie<br />

sich viel besser mit dem Ergebnis identifizieren<br />

und werden gleichzeitig noch in ihrem<br />

Selbstwertgefühl gestärkt.<br />

KF: Wie könnte dies konkret funktionieren?<br />

Profanter: Ein kleines Beispiel, wie ein gemeinsames<br />

Erarbeiten stattfinden könnte:<br />

Man teilt die Jugendkapelle in mehrere<br />

Kleingruppen; zum Einstieg zeigt der Stabführer<br />

einzelne geometrische Formen (z.B.<br />

Kreis, Spirale, Dreieck, Linien nebeneinander,<br />

Zickzack-Muster) und die Teilgruppen<br />

sollen die gezeigte Form nachstellen. Die<br />

Gruppen arbeiten gleichzeitig und haben<br />

so lange Zeit, bis eine Gruppe fertig ist und<br />

„Stopp“ ruft. Sie können auch die verschiedenen<br />

Raumebenen miteinbeziehen (stehend,<br />

sitzend, liegend….). Als nächsten<br />

Schritt sollen sie versuchen, sich aus der<br />

„normalen“ Marschformation in die eine<br />

Form und dann in eine nächste Form usw.<br />

zu bewegen.<br />

KF: Besteht die Gefahr, die Kinder und Jugendlichen<br />

dabei zu überfordern?<br />

Profanter: Es ist wichtig, den Kindern Rahmenbedingungen<br />

und bestimmte Regeln<br />

vorzugeben, denn zu viel Freiheit kann<br />

auch im Chaos enden. Kleine Aufgabenstellungen,<br />

bei denen sie ihrer Fantasie<br />

freien Lauf lassen können, können zu vielen<br />

kreativen Bausteinen führen, welche der<br />

Stabführer dann in die Gesamtchoreografie<br />

einbauen kann. Kinder sind sehr kreativ,<br />

deshalb muss man sie einfach „mal tun lassen“.<br />

Natürlich braucht ein solcher Prozess<br />

mehr Zeit als eine vorgefertigte Choreografie,<br />

die den Kindern präsentiert und mit ihnen<br />

eingeübt wird. Deshalb sollte der Stabführer<br />

Geduld haben, fl exibel sein, keine<br />

Angst vor Neuem haben und versuchen,<br />

Gewohnheiten aufzubrechen.<br />

KF: Apropos Gewohnheiten aufbrechen –<br />

was wäre in der Musik in Bewegung noch<br />

möglich?<br />

Profanter: Man könnte auch neue Wege gehen<br />

– also weg von der klassischen „Marschmusik“.<br />

Der Musikstil kann variiert werden<br />

– also Pop, Rock, Filmmusik usw. Natürlich<br />

können oder müssen dazu auch die<br />

Bewegungen angepasst werden. So könnte<br />

eine Choreografie auch szenische Darstellungen<br />

enthalten, d.h. die Kinder versetzen<br />

sich in das Verhalten eines Charakters,<br />

einer Figur, eines Tieres und können<br />

ihre Gestik, Mimik und ganzkörperliche Bewegungen<br />

einsetzen. Vorstellbar ist dabei<br />

auch das Arbeiten mit Kostümen. Es wäre<br />

auch möglich, Gesang in die Choreografi<br />

e miteinzubauen. Effektvoll ist es, wenn<br />

mit Variationen der Gruppengröße gearbeitet<br />

wird, z.B. bewegt sich am Anfang die<br />

ganze Gruppe, dann treten aus der Gruppe<br />

plötzlich Kleingruppen heraus, die Gruppe<br />

formiert sich in einer anderen Figur, es tritt<br />

ein Solist aus der Gruppe usw.<br />

KF: Was ist aus deiner Sicht die größte Herausforderung<br />

beim Erlernen von Choreographien?<br />

Profanter: Der musikalische Faktor ist nicht<br />

zu unterschätzen: die Kombination von<br />

Spielen und Bewegung ist für die Kinder<br />

eine große Herausforderung. Einmal sollte<br />

das Musikstück nicht zu schwierig sein –<br />

vor allem vier-bis fünfstimmige Sätze eig-<br />

nen sich bei Jugendkapellen gut, denn<br />

so sind die Stimmen in mehreren Instrumenten<br />

vertreten. Idealerweise beherrschen<br />

die Musikanten das Stück auswendig,<br />

denn beim Musizieren ohne Noten ist<br />

man viel freier, man empfindet die Musik<br />

intensiver und kann sich mehr darauf fokussieren,<br />

WIE man etwas spielt. Außerdem<br />

kann man die Aufmerksamkeit viel<br />

besser auf die Choreografi e und auf die<br />

anderen Musikanten lenken. Vorstellbar<br />

ist es aber auch, dass eine Teilgruppe am<br />

Platz stehend musizieren und eine andere<br />

Teilgruppe die Bewegungen ausführt (mit<br />

fließendem Wechsel), um die Komplexität<br />

zu vereinfachen.<br />

KF: Was sollte der Stabführer beim Arbeiten<br />

mit Kindern beachten?<br />

Profanter: Die Persönlichkeit und Ausstrahlung<br />

des Stabführers hat wesentlichen Einfluss<br />

auf die Motivation der Kinder und Jugendlichen<br />

– so sollte sich ein Stabführer in<br />

der Rolle des Animators, des Helfers, des<br />

Mitspielers und Freundes sehen. Er sollte<br />

die Kinder dort abholen, wo sie sich befinden<br />

und viel Geduld mit ihnen haben. Das<br />

Lernen bei Kindern geschieht überwiegend<br />

durch die Imitation – deshalb ist es das Beste,<br />

wenn er selbst für die Sache brennt,<br />

dann schwappen die Begeisterung und<br />

Freude ganz von allein auf die Kinder über.<br />

Interview:<br />

Hannes Schrötter & Klaus Fischnaller<br />

Zur Person<br />

Sonya Profanter wohnt in Villnöß: Abschluss des Wissenschaftlichen Lyzeums in<br />

Brixen, Studium IGP Klarinette am Tiroler Landeskonservatorium, Absolvierung des<br />

Lehrgangs „Elementare Musik- und Bewegungserziehung“ am Tiroler Landeskonservatorium;<br />

Abschluss des Psychologiestudiums an der Leopold-Franzens-Universität<br />

Innsbruck, Abschluss des VSM-Kapellmeisterkurses. Sie war Jugendleiterin der Musikkapelle<br />

Villnöß (2003-2015), Bezirksjugendleiterin im VSM-Bezirk Brixen (2010-<br />

2016) und VSM-Verbandsjugendleiter-Stellvertreterin (2010-2016).<br />

Berufliche Tätigkeit am Institut für Musikerziehung in den Fächern Elementare Musikpädagogik/Singen<br />

und Klarinette; 2009-2011 Lehrtätigkeit für Didaktik und Lehrpraxis<br />

im Bereich Elementare Musikpädagogik (EMP) am Tiroler Landeskonservatorium,<br />

seit 2014 Lehrtätigkeit an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen<br />

für das Fach „Singen mit Kindern“, Referentin bei Workshops von Musikkapellen,<br />

Referentin für Eltern-Kind-Musizieren.<br />

KulturFenster<br />

12 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Blasmusik<br />

Zum 175. Todestag von<br />

Andreas Nemetz<br />

Der Komponist des "Einschlagens zum Marsch" hat ein<br />

umfangreiches Werk hinterlassen<br />

Rezension zu einem von Andreas Nemetz aufgeführten „Potpourri für die Guitarre“<br />

Schule für Trompete mit den frühesten<br />

Anweisungen für Klappen- und für Ventiltrompete;<br />

der Abschnitt für Ventiltrompete<br />

ist sogar der älteste weltweit. Außerdem<br />

ist dieses Lehrwerk von Andreas<br />

Nemetz auch die einzige Wiener Trompetenschule<br />

des 19. Jahrhunderts, die nicht<br />

speziell für den Gebrauch der Militärkapellen<br />

geschrieben ist.<br />

Das Erscheinen der Trompetenschule<br />

wurde am 24. September 1827 in der Wiener<br />

Zeitung angekündigt. Auch die Trompetenabbildung<br />

in diesem Lehrwerk ist aufschlussreich:<br />

eine Trompete von Joseph<br />

Riedl mit den von Christian Friedrich Sattler<br />

erfundenen Doppelrohr-Schubventilen,<br />

auch Wiener Ventile genannt, deren Existenz<br />

seit 1821 nachzuweisen ist.<br />

Die Militärkapellmeister-Tätigkeit von Andreas<br />

Nemetz ist ebenso sehr beeindruckend.<br />

Von 1828 bis zu seinem Tod leitete<br />

er die Musik des K. K. Infanterie-Regiments<br />

<strong>Nr</strong>. 19 in Wien.<br />

Nemetz dürfte der erste Militärdirigent gewesen<br />

sein, der gemeinsam mit bedeutenden<br />

Wiener Unterhaltungsmusik-Kapellmeistern<br />

aufgetreten ist: Am 2. März<br />

1828 spielte das Trompeten-Corps seines<br />

Regiments gemeinsam mit dem Orchester<br />

von Johann Strauß Vater im Salon<br />

„Zur Kettenbrücke" in Wien; nur eine<br />

Woche später übernahm Joseph Lanner<br />

diese Idee.<br />

Nemetz musizierte durch rund eineinhalb<br />

Jahrzehnte in Wien unzählige Male mit<br />

Strauß Vater und Lanner sowie mit anderen<br />

erfolgreichen Tanzkapellmeistern und<br />

trat in vielen eigenständigen Veranstaltungen<br />

mit seiner Kapelle auf.<br />

„Der Wanderer“ sprach am 7. Juli 1834<br />

von der „herrlichen Harmonie des Capellmeisters<br />

Nemetz". Er dürfte mit seinen<br />

Musikern - möglicherweise als einer<br />

der ersten - auch in Streichbesetzung<br />

musiziert haben; darauf weisen die Bearbeitungen<br />

von Andreas Pölz hin, der<br />

Andreas Nemetz kam am 14. November<br />

1799 in Chwalkowitz in Mähren (heute<br />

Chvalkovice bei Moravské Budějovice in<br />

der Tschechischen Republik) zur Welt.<br />

Er wurde vom Stadtmusicus Johann Leopold<br />

Kunerth in Kremsier in Mähren (heute<br />

Kroměříž in der Tschechischen Republik)<br />

musikalisch ausgebildet.<br />

Um seiner Assentierung zu entgehen, begab<br />

er sich nach Ungarn, wo er in Ödenburg<br />

(heute Sopron) als Musiklehrer lebte.<br />

24-jährig wurde Nemetz Posaunist des Wiener<br />

Hofopernorchesters.<br />

Die Allgemeine Musikalische Zeitung vom<br />

26.11.1823 berichtete über eine „Große<br />

musikalische Akademie im K. K. Hof-<br />

Theater nächst dem Kärthner-Thore“ am<br />

15.11.1823, bei dem Nemetz ein Potpourri<br />

für die „Guitarre" gespielt hatte. Er<br />

soll alle Blasinstrumente meisterhaft beherrscht<br />

und auch vorzüglich Violine und<br />

Klavier gespielt haben.<br />

Andreas Nemetz verfasste in den 1820er<br />

Jahren mehrere Schulen für Posaune,<br />

Horn und Trompete.<br />

Besonders das Lehrwerk für Trompete ist<br />

ohne Übertreibung eine Schule der Superlative:<br />

Sie ist die erste in Wien gedruckte<br />

Beschreibung der „Maschintrompete“ in<br />

der weltweit ersten Ventiltrompetenschule<br />

(1827)<br />

KulturFenster<br />

13 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


ewegt<br />

Eine der vielen Anzeigen in der Wiener Tagespresse: Andreas Nemetz tritt gemeinsam mit<br />

Johann Strauß (Vater) auf - „Wiener Zeitung“ vom 25.11.1843<br />

Flügelhornduett in der „Allgemeinen Musikschule für MilitärMusik“ (1844)<br />

„Manövrier-Marsch“ – das heutige „Einschlagen zum Marsch“<br />

Musikstücke in Besetzung für Streichinstrumente<br />

ausdrücklich für Militärkapellen<br />

angeboten hat.<br />

1844 veröffentlichte Nemetz die „Allgemeine<br />

Musikschule für MilitärMusik“, das<br />

einzige Lehrwerk dieser Art in der österreichischen<br />

Musikgeschichte.<br />

Sie besteht aus vier Teilen: Nach einer<br />

„Allgemeinen Vorschule" mit den wichtigsten<br />

Grundlagen der Musiktheorie folgen<br />

kurze Anweisungen für alle damals in<br />

der Militärmusik gebräuchlichen Instrumente,<br />

darunter auch die erste Schule für<br />

Flügelhorn im deutschsprachigen Raum.<br />

Die Abbildung zeigt einen Teil eines Duetts<br />

für Flügelhörner. Der nächste Abschnitt ist<br />

den Trommelstreichen und Trompetensignalen<br />

gewidmet und den Abschluss bilden<br />

Partituren für Militärmusik mit Märschen<br />

und Hymnen.<br />

Unter den „Trommelstreichen" kommt<br />

dem „Manövrier-Marsch im Auftrag des<br />

k. k. Hofkriegs-Rathes für die sämmtliche<br />

k. k. Armee" von Andreas Nemetz besondere<br />

Bedeutung bei.<br />

Die ersten acht Takte dienen heute noch<br />

- in leicht veränderter Form und Notation<br />

- den österreichischen Militär- und<br />

Zivilkapellen zum sog. „Einschlagen zum<br />

Marsch". Die ersten sechs Takte werden<br />

dabei von der kleinen Trommel alleine gespielt,<br />

in den letzten beiden Takten kommen<br />

große Trommel und Becken dazu.<br />

Weiters sind in diesem Schulwerk auch<br />

Partituren eines Defilier-Marsches, eines<br />

Manövrier-Marsches und eines Doublier-<br />

Marsches zu fi nden.<br />

Zu Jahresbeginn 1845 führte die mittlerweile<br />

in Linz an der Donau garnisonierende<br />

Militärkapelle des Infanterie-<br />

Regiments <strong>Nr</strong>. 19 gemeinsam mit dem<br />

Linzer Theaterorchester das charakteristische<br />

Tongemälde „Die Bestürmung<br />

von Saida“ von Andreas Nemetz auf.<br />

Emil Mayer von der Allgemeinen Wiener<br />

Musik-Zeitung schrieb eine ausführliche<br />

Rezension, was für Auftritte von Militärkapellen<br />

- noch dazu in der „Provinz" -<br />

eher unüblich war.<br />

Kurz danach, am 16. Januar 1845, erlitt<br />

Andreas Nemetz einen Schlaganfall,<br />

der ihn völlig handlungsunfähig machte,<br />

er musste „unter Curatel" gestellt werden.<br />

Nemetz starb vor 175 Jahren, am 21.<br />

<strong>August</strong> 1846 in Wien. Er hinterließ eine<br />

unversorgte Witwe mit sechs Kindern;<br />

sein Schicksal war auch Anlass für die<br />

Intentionen von Josef Rudolf Sawerthal<br />

zur Gründung des Militärkapelleister-<br />

Pensionsfonds.<br />

KulturFenster<br />

14 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Blasmusik<br />

Ankündigung des Auftritts vom 11.9.1836<br />

in der „Wiener Zeitung"<br />

Handschrift von Andreas Nemetz: Lieber Herr von Diabeli! Haben Sie Gütte, mir den Alpen-<br />

Horn Marsch für das Piano-forte zu schicken. Nemetz Kapellmeister. Wien den 9/12/39<br />

In seiner Zeit als Mitglied des Hofopernorchesters<br />

publizierte Andreas Nemetz neben<br />

den Instrumentalschulen auch Tänze<br />

und Variationswerke für Gitarre.<br />

Mit Beginn seiner Militärkapellmeister-Tätigkeit<br />

veröffentlichte Nemetz „Pränumerationsanzeigen"<br />

in der Wiener Zeitung;<br />

unter dem Titel „Harmonie“ sollten monatlich<br />

mehrere Werke für „türkische Musik"<br />

sowie unter der Bezeichnung „Bellona“<br />

ebenfalls monatlich Kompositionen<br />

für Harmoniemusik erscheinen.<br />

Viele seiner Werke publizierte er in den<br />

ab 1830 bei „Diabelli“ veröffentlichten<br />

Heften der „Tivoli-Märsche“; im großen<br />

Vergnügungslokal Tivoli trat Nemetz oft<br />

auf und wurde sogar - etwa bei den jährlichen<br />

Eröffnungsfesten - gegenüber Johann<br />

Strauß bevorzugt.<br />

Insgesamt sind mehr als 60 Märsche nachweisbar,<br />

vielfach über beliebte Motive aus<br />

Bühnenwerken der Zeit; sein „Alpensänger-Marsch“<br />

und sein „Pasta-Marsch“ sind<br />

auch in der Sammlung der „Deutschen<br />

Armeemärsche“ zu fi nden.<br />

Die „Allgemeine Musikschule für Militär-<br />

Musik“ und die „Allgemeine Trompeten-<br />

Schule“ sind als Band 2 bzw. Band 6 in<br />

den „Reprints und Manuskripte - Materialien<br />

zur Blasmusikforschung - Reprints<br />

der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung<br />

und Förderung der Blasmusik“<br />

als Faksimile-Neudruck (herausgegeben<br />

und kommentiert von Friedrich Anzenberger)<br />

erschienen (Verlag Johann Kliment -<br />

Wien, 2004 bzw. 2011).<br />

Friedrich Anzenberger<br />

Wiederholt publizierte Pränumerations-Anzeige in der „Wiener Zeitung“<br />

KulturFenster<br />

15 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


jung musiziert<br />

KF: Florian, wie kam die Idee, gerade in dieser,<br />

sagen wir mal schwierigen Zeit für das<br />

Vereinsleben, eine neue Jugendkapelle<br />

zu gründen?<br />

Tschurtschenthaler: Die Idee kam schon vor<br />

der Pandemie. In Niederdorf hatten wir für<br />

diverse Projekte schon seit einigen Jahren<br />

eine kleine Jugendkapelle auf die Beine<br />

gestellt. Elisabeth, Simon und ich haben<br />

dann im Jahr 2019 ein erstes Mal ein gemeinsames<br />

Sommerprojekt organisiert. Die<br />

Jungmusikant*innen der Musikkapellen<br />

Prags und Niederdorf haben über einen<br />

längeren Zeitraum hinweg miteinander geprobt,<br />

und wir konnten dann schließlich zwei<br />

Konzerte geben, eines in Prags und eines in<br />

Niederdorf. Dieses Projekt hat sehr gut funktioniert<br />

und ist so gut angekommen, dass<br />

die Idee entstanden ist, eine gemeinsame<br />

Jugendkapelle zu gründen. Wir möchten<br />

so die Zusammenarbeit zwischen den beiden<br />

Kapellen noch weiter ausweiten. In den<br />

letzten Jahren treten die Musikkapelle Prags<br />

und die Musikkapelle Niederdorf verstärkt<br />

zusammen auf. Auch aus diesem Grund<br />

haben wir beschlossen, die Zusammenarbeit<br />

verstärkt auf die Jugendarbeit auszuweiten.<br />

Wir bündeln ab jetzt unsere Kräfte,<br />

und die Gründung der Juka klanLAUT bietet<br />

für alle Beteiligten nur Vorteile: Gemeinsam<br />

können wir mit einer tollen Besetzung<br />

eine große Auswahl an Stücken zum Besten<br />

geben. Dabei ist es auch für<br />

die Jungmusikant*innen aus<br />

Prags ist es so möglich bei einer<br />

Juka mitzuspielen. Allein<br />

eine Juka mit Pragser*innen<br />

ins Leben zu rufen, wäre so<br />

nicht möglich, da es dort nicht<br />

so viele Jungmusikant*innen<br />

gibt.<br />

Steckbrief<br />

Name: klanLAUT<br />

Musikapellen: Niederdorf und Prags<br />

Jugendleiterteam: Elisabeth Moser (Prags)<br />

und Florian Tschurtschenthaler mit Jugendausschuss<br />

(Niederdorf)<br />

Musikalische Leitung: Simon Burger<br />

Jungmusikant*innen: ca. 35-40<br />

Nachdem wir in den vorherigen Ausgaben<br />

des „KulturFensters“ öfters über erfahrene<br />

Jugendkapellen berichten durften, freuen wir<br />

uns besonders, in dieser Ausgabe eine neugegründete<br />

Jugendkapelle vorstellen zu können.<br />

Was es mit der neuen Jugendkapelle im<br />

Hochpustertal auf sich hat, dafür steht uns<br />

Florian Tschurtschenthaler von der Musikkapelle<br />

Niederdorf Rede und Antwort.<br />

KulturFenster: Gleich zu Anfang für uns Nicht-<br />

Pusterer: Was bedeutet klanLAUT?<br />

Florian Tschurtschenthaler:„klan“ steht<br />

für klein, im Sinne von jung - wegen der<br />

Jungmusikant*innen und ist gleichzeitig auch<br />

eine kleine (sprachliche) Anspielung auf das<br />

Hochpustertal. LAUT versteht sich eh von<br />

selbst, weil wir halt eben doch ein „mords<br />

Haufn san“. Außerdem können auch schon<br />

die ganz kleinen Jungmusikant*innen tolle<br />

Auftritte hinlegen und den Großen nacheifern.<br />

KF: Aber die Pandemie<br />

bremste euch dann ein?<br />

Tschurtschenthaler: Ja, leider,<br />

unser Jugendleiterteam hatte<br />

letztes Jahr voll motiviert mit<br />

den Planungen begonnen,<br />

als uns das „Virus“ einen<br />

Strich durch die Rechnung<br />

machte. Wir hatten bereits<br />

mit den Proben begonnen,<br />

um beim Frühjahrskonzert<br />

der Musikkapelle Niederdorf<br />

das erste Mal aufzutreten.<br />

Dazu kam es dann freilich nicht.<br />

KF: Aber nun seid ihr wieder fl eißig?<br />

Tschurtschenthaler: Ja, jetzt konnten wir endlich<br />

richtig mit unserer neuen Jugendkapelle<br />

klanLAUT starten. Wir haben uns lange überlegt,<br />

was wir für unsere Jungmusikant*innen<br />

in Coronazeiten organisieren könnten. Wir<br />

haben uns dann dazu entschieden, eine<br />

Juka-Woche auf die Beine zu stellen. Vom<br />

26.-31. Juli trafen wir uns jeden Tag nachmittags<br />

bis in die Abendstunden, um gemeinsam<br />

zu proben. Das Unterhaltungsprogramm<br />

zwischendurch kam natürlich<br />

auch nicht zu kurz.<br />

KF: Was ist das Besondere an dieser Jugendwoche?<br />

Tschurtschenthaler: Unsere klanLAUT Woche<br />

wird vom Jugendleiterteam der beiden<br />

Musikkapellen und dem Jugendausschuss<br />

der MK Niederdorf organisiert – also ist dieses<br />

Projekt von jungen Musikant*innen für<br />

Jungmusikant*innen. Wir machen Registerproben,<br />

und zwar in Gruppen aus Holzblasinstrumenten,<br />

Blechblasinstrumenten und<br />

Schlagzeug. Teils werden für die Jugendwoche<br />

eigene Musiklehrer*innen engagiert, die<br />

durch die diesjährige Förderung des VSM<br />

finanziert werden. Außerdem begleiten und<br />

unterrichten aktive Musikant*innen ehrenamtlichdie<br />

Jungmusikant*innen. Im Mittelpunkt<br />

stehen das Miteinander und die Gemeinschaft<br />

KulturFenster<br />

16 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


KF: Auf welchen Auftritt arbeitet ihr hin?<br />

Tschurtschenthaler: Am Ende der Jugendwoche<br />

fand jeweils ein Abendkonzert<br />

in Prags und in Niederdorf statt. Wir<br />

traten dort natürlich als gesamte Jugendkapelle<br />

auf, aber auch die einzelnen Register<br />

Holz, Blech, Schlagzeug trugen einige<br />

Stücke alleine vor.<br />

KF: Wo finden bei euch Proben statt?<br />

Tschurtschenthaler: Die Proben der Jugendkapelle<br />

finden aus logistischen Gründen in<br />

Niederdorf statt, da dort die größeren Räumlichkeiten<br />

vorhanden sind. Zirka zwei Drittel<br />

der Jungmusikant*innen sind aus Niederdorf<br />

und ein Drittel aus Prags.<br />

KF: Und wer kann bei euch mitmachen?<br />

Tschurtschenthaler: Die Musikschüler*innen<br />

sollten mindestens ein gesamtes Jahr Musikschulerfahrung<br />

haben, dann können sie<br />

bei unserer Jugendkapelle klanLAUT mitspielen.<br />

Es spielen aber auch erfahrene<br />

Jungmusikant*innen mit, die bereits aktiv<br />

in der Musikkapelle sind.<br />

KF: Habt ihr schon etwas für Herbst oder<br />

Winter geplant?<br />

Tschurtschenthaler: Nein, noch nichts<br />

Spruchreifes. Wir werden weiterhin projektbezogen<br />

arbeiten und uns bemühen, mit unserer<br />

Juka klanLAUT ein attraktives Angebot<br />

für Jungmusiker zu schaffen<br />

Literaturtipp von Simon Burger<br />

von der Jugendkapelle klan LAUT:<br />

Uptown Funk!<br />

Bruno Mars - Arr. von Jay Bocook<br />

Ein Ohrwurm von Bruno Mars, der in jedem<br />

Radio gespielt wurde. Das im Hall-<br />

Leonard- Verlag erschienene dynamische<br />

Arrangement geht den Kindern sofort ins<br />

Ohr und bringt Schwung in jedes Konzert.<br />

Und die Kinder und Jugendlichen spielen<br />

es einfach gern.<br />

https://www.blasmusikshop.de/Uptown-Funk_1<br />

Julia Burger<br />

Name: Julia Burger<br />

Alter: 12 Jahre<br />

Ich spiele Horn<br />

Ich lerne dieses Instrument, weil es mir gut gefällt und es nicht sehr viele<br />

spielen bzw. anfangen zu lernen.<br />

Mir gefällt an der Jugendkapelle, dass wir „Jungen“ alle zusammen musizieren<br />

können und coole tolle Stück spielen<br />

Das lauteste Register bei uns ist natürlich unser Hornregister.<br />

Marie Lercher<br />

Name: Marie Lercher<br />

Alter: 11<br />

Ich spiele Querflöte<br />

Ich lerne dieses Instrument, weil ich immer schon Querflöte lernen wollte, da<br />

meine Goti nämlich auch Querflöte spielt und sie mein größtes Vorbild ist.<br />

Mir gefällt an der Jugendkapelle, dass man mehr lustige und ausgefallene<br />

Stücke spielt.<br />

Wenn unser Kapellmeister Simon unsere ganze Aufmerksamkeit haben will,<br />

dann hebt er langsam die Hände und sagt ganz leise „Geht schon“, und<br />

dann fangen wir an zu spielen.<br />

Simon Burger<br />

Name: Simon Burger<br />

Alter: 24 Jahre<br />

Ich spiele Schlagzeug (bei der Jugendkapelle stehe ich am Dirigentenpult).<br />

Ich lernte und studiere nun dieses Instrument, weil ich es eines Tages<br />

gerne fix an einer Musikschule unterrichten möchte.<br />

Mir gefällt an der Jugendkapelle, das Proben mit jungen motivierten Musikern<br />

in Ausbildung, welche bereits in jungen Jahren einiges an musikalischen<br />

Fähigkeiten und jugendlicher Unbekümmertheit mitbringen.<br />

DieJungmusikant*innen meiner Jugendkapelle sind sehr fl eißig, motiviert<br />

und musikalisch bereits auf einem ansprechenden Niveau – und das Beste:<br />

immer für einen Spaß zu haben.<br />

KulturFenster<br />

17 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


13.03.-27.12.<strong>2021</strong><br />

hinausgeblickt<br />

VSM-Motiviert und fit?<br />

Neue Funktionärsausbildung<br />

<strong>2021</strong> (NFA)<br />

https://vsm.bz.it<br />

“ Schlernsaxess“<br />

seit funf Jahren erfolgreich<br />

:<br />

Vier Saxophonistinnen und ein<br />

Schlagzeuger machen Musik<br />

„Schlernsaxess“ ist ein Saxophonquartett<br />

mit Schlagzeugbegleitung, wobei die meisten<br />

Mitglieder vom Schlerngebiet stammen.<br />

Es setzt sich aus den vier jungen<br />

Saxophonistinnen Sabrina Vieider, Christine<br />

Pernter, Marion Goller, Kathrin Gamper<br />

und dem Schlagzeuger Michael Prossliner<br />

zusammen.<br />

Gegründet wurde das Ensemble im Jahre<br />

2016 aus reiner Freude zur Musik und mit<br />

dem Ziel, das Saxophon neu in Szene zu<br />

setzen, das man ja meist aus der Jazz- und<br />

Klassikszene kennt. In eine einzige Genre-<br />

Schublade lassen sich die Musiker*innen<br />

aber nur ungern stecken - Ihr Repertoire<br />

reicht von knackigem Pop, Evergreens und<br />

Unterhaltungsmusik bis hin zu Polkas und<br />

Märschen. Aber auch gefühlvollen Balladen<br />

sowie einige klassische und sakrale Arrangements<br />

stehen im Programm. Mit diesen<br />

breit gefächerten Stilrichtungen empfiehlt<br />

sich die Gruppe für nahezu jedes erdenkliche<br />

Event. Meist spielt die Formation auf<br />

Festen, bei Aperitifs und Hochzeiten, aber<br />

auch anlässlich von Versammlungen und<br />

in Kirchen. Das Konzertprogramm wird<br />

dabei immer an die Art der Veranstaltung<br />

angepasst.<br />

Mit den Mitgliedern der Gruppe haben wir<br />

folgendes Gespräch geführt:<br />

KulturFenster: Nun sagt mal, wo habt ihr<br />

euch denn kennengelernt?<br />

Schlernsaxess: Wir kennen uns eigentlich<br />

schon ziemlich lange, zumal wir ja alle in<br />

benachbarten Dörfern wohnen. Doch erst<br />

mit der Teilnahme am gebietsübergreifenden<br />

Jugendblasorchester „Jungschlern“<br />

im Jahre 2016, wo wir natürlich alle im<br />

selben Register spielten, entwickelte sich<br />

zwischen uns eine tiefe Freundschaft. Als<br />

sich das Projekt dann dem Ende zuneigte,<br />

wollten wir vier Mädels unbedingt mit dem<br />

Musizieren weitermachen und umrahmten<br />

wenig später musikalisch eine Messe. Dies<br />

war dann unser erstes gemeinsames Konzert.<br />

Bald darauf holten wir unseren Schlagzeuger<br />

Michael in die Gruppe, um dem<br />

Ganzen etwas mehr Groove zu verleihen.<br />

Ab diesem Zeitpunkt trafen wir uns dann<br />

regelmäßig zu weiteren Proben.<br />

KF: Aller Anfang ist schwer! Hattet ihr damals<br />

Vorbilder, an denen ihr euch orientiert<br />

habt?<br />

Schlernsaxess: Nein, nicht direkt, denn<br />

es gibt nicht wirklich viele Saxophonquartette,<br />

die sich der modernen Popmusik ver-<br />

KulturFenster<br />

18 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


schrieben haben. Als wir aber eines Tages<br />

das Internet nach neuen Ideen durchstöberten,<br />

stießen wir zufällig auf ein Video des<br />

deutschen Saxophonquartetts Sistergold,<br />

das passend zur Musik eine Choreografie<br />

einstudiert hatte. Das hat uns so gut gefallen,<br />

dass wir dies auch sofort in unsere<br />

Konzerte mit eingebaut haben.<br />

KF: Blasmusikgruppen in kleiner Besetzung<br />

gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Was<br />

zeichnet euch als Gruppe aus? Was macht<br />

euch besonders?<br />

Schlernsaxess: Erstmal ist zu erwähnen,<br />

dass wir unsere Musikstücke größtenteils<br />

selbst arrangieren, da es wahrlich nicht<br />

viel Literaturauswahl für Saxophonquartett<br />

gibt. Dadurch erhalten unsere Musikstücke<br />

auch eine ganz neue Klangfarbe,<br />

die man so noch nicht kennt. Doch unser<br />

wohl größtes Erkennungsmerkmal sind<br />

unsere Tanz- und Showeinlagen! Bei unseren<br />

Konzerten kommt nicht nur das Ohr,<br />

Sabrina Vieider,<br />

Christine Pernter,<br />

Marion Goller,<br />

Kathrin Gamper und<br />

der Schlagzeuger<br />

Michael Prossliner<br />

haben sich 2016<br />

zur Formation<br />

„Schlernsaxess“<br />

zusammengetan.<br />

sondern auch das Auge auf seine Kosten<br />

(lacht). Nicht umsonst wählen wir immer<br />

das passende Outfit für den Anlass. Durch<br />

unsere originellen Auftritte haben wir uns<br />

hier im Schlerngebiet bereits einen hohen<br />

Bekanntheitsgrad erarbeitet, besonders<br />

bei der jungen Bevölkerung. Es ist immer<br />

wieder schön zu sehen, wenn wir mit unserer<br />

Musik neue Jugendliche für das Saxophon<br />

begeistern können.<br />

KF: Inzwischen könnt ihr ja schon auf fünf<br />

Jahre Tätigkeit zurückblicken. Was war der<br />

schönste musikalische Moment, den ihr<br />

miteinander erlebt habt?<br />

Schlernsaxess: Das war ohne Zweifel der<br />

Auftritt im Nachtclub „Santners“ in Seis<br />

im Jahr 2016. Es war an einem Wochenende<br />

und wir probten an diesem Tag zusammen<br />

mit anderen motivierten Jungmusikanten<br />

beim Jugendblasorchester<br />

Bozen (JuBoB) in Völs. Am Abend verabredeten<br />

sich dann alle zum Feiern im „Santners“<br />

und wir durften an diesem Abend<br />

dort aufspielen. Es erfüllte uns mit sehr<br />

viel Freude, für so viele junge Leute zu<br />

spielen. Viele haben nicht damit gerechnet,<br />

dass ein Saxophonquartett solch eine<br />

Stimmung verbreiten kann. Wir haben damit<br />

unter anderem auch gezeigt, dass Popund<br />

Blasmusik sich gegenseitig nicht ausschließen<br />

müssen.<br />

KF: Wie schwer ist es für euch, Beruf und<br />

Musik unter einem Hut zu bekommen?<br />

Schlernsaxess: Da wir alle fünf unterschiedlichen<br />

Berufen nachgehen und sich unsere<br />

Arbeitszeiten stark voneinander unterscheiden,<br />

müssen wir in der Probenzeit<br />

ziemlich flexibel sein. Dann kann auch<br />

manchmal am Sonntagnachmittag geprobt<br />

werden. Da wir aber allesamt gute<br />

Freundinnen sind und unsere Freizeit ohnehin<br />

gerne gemeinsam verbringen, fällt<br />

uns dies nicht allzu schwer.<br />

KF: Wie habt ihr die Corona-Pause genutzt<br />

und was wünscht ihr euch für die Zukunft?<br />

Schlernsaxess: Natürlich wurden auch wir<br />

von der Corona-Pandemie so richtig ausgebremst.<br />

Also haben wir uns erstmal eine<br />

kleine musikalische Pause gegönnt. Inzwischen<br />

sind wir aber schon wieder fl eißig<br />

beim Arrangieren neuer Stücke, die wir bereits<br />

bei einigen wenigen Auftritten zum Besten<br />

geben durften! Für die Zukunft haben<br />

wir noch keine allzu großen Pläne. Würde<br />

sich uns die Gelegenheit bieten, wäre es<br />

jedoch eine großartige Erfahrung, eines<br />

Tages eine CD aufzunehmen.<br />

Interview: Alexander Mayr<br />

Seit fünf Jahren erfolgreich unterwegs: Saxophonmusik akustisch wie optisch attraktiv zu vermitteln, ist das ambitionierte Ziel von<br />

„Schlernsaxess“.<br />

KulturFenster<br />

19 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


jung musiziert<br />

Einladung nach Grafenegg<br />

JuKa Schnals fährt zum Österreichischen<br />

Jugendblasorchester-Wettbewerb<br />

Die Jugendkapelle Schnals probt zur Zeit<br />

einmal wöchentlich und hat auch ihre<br />

Musik- und Erlebniswoche im Juli zur<br />

Vorbereitung auf den Wettbewerb genutzt.<br />

Die Jungmusikant*innen werden<br />

in der Stufe AJ, der untersten Altersstufe<br />

beim Bundeswettbewerb, mit einem maximalen<br />

Durchschnittsalter von 13 Jahren<br />

antreten.<br />

Das Jugendreferat des VSM wünscht weiterhin<br />

eine gute Vorbereitung und hofft<br />

natürlich, dass die Corona-Situation entsprechend<br />

ruhig verläuft und eine Austragung<br />

des Wettbewerbs im Oktober ermöglicht.<br />

Hannes Schrötter<br />

Die Jugendkapelle Schnals freut sich auf den Jugendblasorchester-<br />

Wettbewerb im Oktober.<br />

Der Österreichische Jugendblasorchester-<br />

Wettbewerb vereint alle zwei Jahre die besten<br />

Jugendformationen aus den neun österreichischen<br />

Bundesländern sowie aus<br />

Südtirol und Liechtenstein.<br />

Für die diesjährige Ausgabe in Grafenegg<br />

(Niederösterreich) hat der Verband Südtiroler<br />

Musikkapellen die Jugendkapelle<br />

Schnals nominiert.<br />

Da die traditionelle Vorausscheidung über<br />

einen Landeswettbewerb im heurigen Jahr<br />

nicht möglich war, hat der VSM die Nominierung<br />

einer Jugendkapelle auf Basis der<br />

Ergebnisse des letzten Landeswettbewerbs<br />

getätigt. Damals erlangte die JUKA Villnöß<br />

den Tagessieg und durfte zum Bundeswettbewerb<br />

2019 nach Österreich fahren. Die<br />

Jugendkapelle Schnals, damals noch als<br />

„Minimusi Schnals“ angetreten, musste<br />

sich damals nach einer beeindruckenden<br />

Leistung mit einem zweiten<br />

Platz zufrieden geben,<br />

darf sich nun aber umso<br />

mehr über eine Entsendung<br />

zum Wettbewerb<br />

nach Grafenegg freuen.<br />

Dieser fi ndet planmäßig<br />

am Samstag, dem 23. Oktober<br />

<strong>2021</strong> statt.<br />

Nach einer allzu langen<br />

musikalischen Zwangspause<br />

ist die Vorfreude<br />

und die Motivation bei<br />

der Jugendkapelle<br />

rund um ihre Dirigentin<br />

Charlotte Rainer riesig:<br />

„Nachdem wir im letzten Winter kaum<br />

oder gar nicht proben konnten, ist die Jugend<br />

einfach nur froh, endlich wieder gemeinsam<br />

musizieren zu dürfen“, so die<br />

musikalische Leiterin.<br />

Die „Minimusi“ beim Landeswettbewerb<br />

2019 in Kaltern 2019<br />

Foto: Stephan Niederegger<br />

KulturFenster<br />

20 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Memes“ treffen auf Blasmusik<br />

“<br />

Das Musikantenleben mit Humor betrachtet<br />

Mittlerweile gehören sie zu den sozialen<br />

Netzwerken wie die Krapfen zum Kirchtag:<br />

die sogenannten „Memes“. Dabei handelt<br />

es sich um Bilder mit einer kurzen schriftlichen<br />

Aussage und einem mitgeschickten<br />

Augenzwinkern. Unlängst hat dieser Trend<br />

auch Einzug in die Blasmusik gehalten.<br />

Gerade wenn die Sommerhitze zu sehr<br />

aufs Gemüt drückt, sehnt man sich an heißen<br />

Tagen nach einer spaßigen Abwechslung.<br />

An dieser Stelle können die „Memes“<br />

- sprich „Miems“ - Abhilfe schaffen. Auf<br />

Instagram haben sich verschiedene Seiten<br />

dieser Sache angenommen und unterhalten<br />

ihre Follower regelmäßig mit neuen<br />

Posts. Auch im Bereich der traditionellen<br />

Blasmusik haben sich kreative Köpfe auf<br />

den Trend eingelassen und erreichen mit<br />

ihren Bildern tausende Fans. „Musioester-<br />

reich“, „blasmusiii“ oder „blasmusikmeme“<br />

sind dabei die Seiten mit der größten Anhängerschaft.<br />

In ihren Posts werden den verschiedenen<br />

Instrumentengruppen und ihren Spielern<br />

schonungslos deren Eigenarten aufgezeigt<br />

- und der ein oder andere Musikant dürfte<br />

sich in vielen Situationen nur allzu gut selbst<br />

erkennen. Verstimmte Flöten bekommen<br />

genauso ihr Fett weg wie Klarinetten, die<br />

mal wieder ein Vorzeichen vergessen haben,<br />

Trompeten, die nicht leise spielen<br />

können, oder Schlagzeuger, die beim Einschlagen<br />

des letzten Marsches mit ihren<br />

Gedanken schon im Wirtshaus sind. Letztlich<br />

hilft bei der Betrachtung dieser Bilder<br />

wohl nur eines: Die Sache mit Humor und<br />

sich selbst (als Musikant) nicht zu ernst zu<br />

nehmen. Also dann, wenn der Instrumentenkoffer<br />

zu Hause einmal zu weit weg liegen<br />

sollte: Instagram öffnen und loslachen.<br />

Hannes Schrötter<br />

KulturFenster<br />

21 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


hinausgeblickt<br />

„Es geht um die Musik“<br />

Miriam Kofler, die neue Solofagottistin des Rundfunk-Sinfonieorchesters<br />

Berlin, im Gespräch mit VSM-Verbandsjugendleiter Johann Finatzer<br />

Miriam Kofler stammt aus Terlan, besuchte<br />

dort die Grund-, Mittel- und Musikschule und<br />

ist Mitglied der Musikkapelle Terlan. Seit<br />

der Spielzeit 2019-2020 bekleidet sie die<br />

feste Stelle als Solofagottistin beim Rundfunk<br />

Sinfonieorchesters in Berlin.<br />

KulturFenster: Deine musikalische Laufbahn<br />

begann in der Musikschule bzw. Musikkapelle<br />

Terlan als Klarinettistin, später kam<br />

das Fagott hinzu. Wie kamst du auf dieses<br />

Instrument?<br />

Miriam Kofler: Musik war immer schon<br />

ein Teil meines Lebens. Zu sehen, wie<br />

mein Bruder und Vater zu den Proben<br />

der Musikkapelle gingen, oder auch, wie<br />

meine Mutter zu den Chorproben ging,<br />

erweckte früh eine Leidenschaft in mir.<br />

Einmal Mitglied in der Kapelle zu sein,<br />

war ein großer Wunsch.<br />

So lernte ich Blockflöte, ein<br />

paar Jahre später parallel<br />

dazu Klarinette an der Musikschule<br />

in Terlan. Als ich<br />

dann schon Mitglied bei der<br />

Kapelle war, meinte der damalige<br />

Kapellmeister Hans Finatzer,<br />

dass es doch schön wäre,<br />

wenn jemand Fagott lernen<br />

würde, was zum Klangbild der<br />

Kapelle beitragen würde. Ganz<br />

so gleich war ich nicht davon<br />

überzeugt - ich spielte immerhin<br />

schon 2 Instrumente - doch<br />

als ich das Fagott zum ersten Mal<br />

in den Händen hielt, war ich so<br />

begeistert, dass ich damit weitermachen<br />

wollte.<br />

Mit dem Fagott zum Erfolg – seit 2019 ist Miriam Kofler die Solofagottistin<br />

beim traditionsreichen Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.<br />

KF: Du bist auch Mitglied der<br />

Musikkapelle Terlan. Was bedeutet<br />

dir deine Heimatkapelle<br />

heute?<br />

Kofler: Da ich schon seit<br />

über 10 Jahren im<br />

Ausland lebe, gestaltet<br />

es sich schwierig<br />

aktiv zum Vereinsleben<br />

beizutragen.<br />

Unser Hauptkonzert,<br />

welches für<br />

die Musikkapelle<br />

Terlan an Ostern<br />

ist, habe ich leider<br />

in den letzten<br />

Jahren oft<br />

verpasst, da<br />

es an den hohen<br />

Feiertagen<br />

auch<br />

im professionellen<br />

Bereich<br />

immer viele Engagements gibt. Ich<br />

schaue aber gerne auf meine Zeit in der<br />

Kapelle zurück und hoffe, dass sich in naher<br />

Zukunft das eine oder andere Konzert<br />

ergibt.<br />

KF: Der Bläsernachwuchs auch für große<br />

Orchester kommt oft aus Gegenden, wo die<br />

Blasmusik einen hohen Stellenwert wie in<br />

Südtirol hat. War dir dein blasmusikalischer<br />

Hintergrund hilfreich?<br />

Kofler: Ich bin davon überzeugt, dass dieser<br />

Hintergrund und die Tradition der Blasmusik<br />

den jungen angehenden Profi-Musikern<br />

helfen. Die Musikschulen Südtirols<br />

(auch wenn ich sagen muss, dass ich damals<br />

Privatunterricht nehmen musste, da<br />

es keine Möglichkeit gab, im näheren Umfeld<br />

Fagott zu lernen) sind in Vergleich<br />

zu anderen Ländern gut aufgestellt. Die<br />

Jugendkapellen und Musikkapellen fördern<br />

den Nachwuchs und motivieren ihn<br />

zusätzlich.<br />

KF: Wie wichtig erscheinen dir im Rückblick<br />

Ziele wie die VSM Leistungsabzeichen,<br />

oder andere Projekte wie Bläserwochen/Wettbewerbe<br />

für die musikalische<br />

Förderung der Jugendlichen?<br />

Kofler: Wie in jedem - auch außermusikalischen<br />

- Bereich motivieren Herausforderungen<br />

dazu, sich zu verbessern und an<br />

sich zu arbeiten. So ist es auch mit den<br />

Leistungsabzeichen oder den Wettbewerben.<br />

Man setzt sich neue Ziele, lernt von<br />

anderen und vor allem lernt man sich selber<br />

besser kennen. Als Musiker verbringt man<br />

sehr viel Zeit mit sich selbst beim Üben.<br />

Dabei entwickelt man sich nicht nur, was<br />

das Spielen betrifft, weiter, sondern macht<br />

auch persönlich wichtige Fortschritte.<br />

KF: In deiner Ausbildung erlebtest du sicher<br />

viele Höhen und Tiefen, hast du nie<br />

ans Aufhören gedacht?<br />

Kofl er: Es geht natürlich nicht immer stetig<br />

nach oben, doch ans Aufhören habe<br />

ich nie gedacht. Geht es mal nicht so weiter,<br />

wie man es sich vorstellt, sucht man<br />

sich andere Wege, ein Problem zu lösen.<br />

KulturFenster<br />

22 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Blasmusik<br />

KF: Wie gehst du mit Lampenfieber<br />

um, z.B. vor einem großen Solo im<br />

Orchester?<br />

Kofler: Als ich noch klein war und die<br />

ersten Konzerte in der Musikschule<br />

hatte, hatte ich recht starkes Lampenfieber,<br />

aber mit der Zeit hat das aufgehört.<br />

Warum weiß ich nicht. Nun bin<br />

ich eher gespannt und freue mich auf<br />

die Musik bzw. ich versuche mein Bestes<br />

zu geben um der Musik willen. Es<br />

geht in diesem Moment ja gar nicht um<br />

einen selbst, es geht um die Musik.<br />

KF: Heimweh dürfte dir wohl einem<br />

Fremdwort gleichkommen, was hält<br />

dich in Südtirol?<br />

Kofler: Vieles. Meine Familie, meine<br />

Herkunft, die Natur. Ich freue mich jedes<br />

Mal, wenn ich heimfahren und der<br />

Großstadt entfliehen kann. Aus diesem<br />

Grund habe ich zusammen mit meinen<br />

zwei Freunden Agnes Mayr und David<br />

Fliri im Jahr 2017 das Ensemble „Desiderio“<br />

gegründet. Wir bringen jedes<br />

Jahr gleichgesinnte Musiker nach Südtirol,<br />

wo wir fern von unserem Alltag<br />

Kammermusik nach unseren Vorstellungen<br />

erarbeiten und dem Südtiroler<br />

Publikum darbieten können.<br />

Zu hören gibt es das Ensemble „Desiderio“<br />

Anfangs September in Schloss<br />

Maretsch, Eppan und in Bruneck. Infos<br />

unter www.ensembledesiderio.com<br />

KF: Niemand kann in die Zukunft<br />

schauen. Kannst du uns dennoch einige<br />

deiner Pläne verraten?<br />

Kofler: Pläne gibt es nicht wirklich, mit<br />

Sicherheit wird sich in den nächsten<br />

Jahren einiges verändern - Stillstand<br />

bringt einen nicht weiter.<br />

KF: Hast du eine Lebensweisheit?<br />

Kofler: Auf sich selbst hören und die<br />

eigenen Ziele verfolgen.<br />

Im Namen des VSM wünschen wir dir<br />

persönlich alles Gute und weiterhin viel<br />

Erfolg für deine künstlerische Laufbahn.<br />

Interview: Johann Finatzer<br />

https://ensembledesiderio.com<br />

2011 wurde am Musikkonservatorium<br />

„Claudio Monteverdi“ in Bozen der Studiengang<br />

für Blasorchesterleitung eingeführt.<br />

Am 22. Juli hat der 26-jährige Pusterer<br />

Daniel Niederegger als mittlerweile<br />

13. Absolvent das Bachelor-Studium als<br />

Dirigent abgeschlossen.<br />

Vor 3 Jahren hat er das Studium bei<br />

Professor Walter Ratzek begonnen, bei<br />

dem er sich anlässlich der Abschlussprüfung<br />

besonders bedankte: „Er hat<br />

mich stets gefördert, mich die letzten<br />

Jahre auf meinem Weg immer unterstützt<br />

und wie kein anderer in meiner<br />

musikalischen Tätigkeit als Dirigent geformt<br />

und geprägt.“<br />

Neben dem Studium sei es die derzeit<br />

wohl größte Herausforderung gewesen,<br />

einen Rahmen für die Abschlussprüfung<br />

zu schaffen, hob Thomas Ludescher<br />

hervor. Er hat seit kurzem den<br />

110 Punkte mit<br />

Auszeichnung<br />

Daniel Niederegger und sein<br />

Abschluss des Dirigierstudiums am<br />

Bozner Konservatorium<br />

Geschafft! Der frischgebackene diplomierte Dirigent Daniel Niederegger (3. v. l.) mit<br />

dem VSM-Ehrenkapellmeister Gottfried Veit, Professor Thomas Ludescher und Bezirksobmann<br />

Johann Hilber (v. l.)<br />

Lehrstuhl für Blasorchesterleitung in Bozen<br />

übernommen und Daniel Niederegger<br />

auf dem letzten Weg zum Studiumsabschluss<br />

begleitet: „Das Instrument des<br />

Dirigenten ist das Orchester.“ Zwei Mal<br />

mussten die geplante Abschlussprüfung<br />

coronabedingt verschoben werden. Im<br />

dritten Anlauf hat es nun geklappt. Trotz<br />

Ferien- und Urlaubszeit ist es gelungen,<br />

in kurzer Zeit aus Studenten und Amateurmusikern<br />

ein 37-köpfiges Auswahlorchester<br />

in der mindest notwendigen Blasorchesterbesetzung<br />

zusammenzustellen.<br />

Traditionelle und moderne<br />

Musik für Blasorchester im<br />

Konzertprogramm<br />

In drei intensiven Probennachmittagen<br />

wurde das Konzertprogramm erarbeitet.<br />

Niederegger wählte dazu den bekannten<br />

KulturFenster<br />

23 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


hinausgeblickt<br />

Daniel Niederegger hat für sein „Prüfungskonzert“ mit dem Auswahlorchester ein erlesenes Programm erarbeitet.<br />

österreichischen Militärmarsch „Schönfeld-Marsch“<br />

von Carl Michael Ziehrer<br />

als traditionellen Auftakt. Die „Emperata<br />

Overture“ vom US-amerikanischen Komponisten<br />

Claude Thomas Smith repräsentierte<br />

als sehr gutes Beispiel die aktuelle,<br />

moderne Musik für Blasorchester. Mit dem<br />

druckfrischen Werk „Convergence“ des<br />

Südtirolers Tobias Psaier, der selbst am<br />

Schlagzeug mitspielte, war die zeitgenössische<br />

Musik vertreten. Die 140. Bach-<br />

Kantate „Wachet Auf!“ in der Bearbeitung<br />

von Alfred Reed zollte sowohl dem<br />

großen Meister der Klassik als auch dem<br />

großen Meister der Blasorchesterliteratur<br />

Respekt. Das Konzert endete mit dem<br />

musikalischen Höhepunkt, der Suite „Tirol<br />

1809“ von Sepp Tanzer, eigens zu diesem<br />

Anlass von Daniel Niederegger neu instrumentiert.<br />

In seiner Bachelor-Arbeit analysiert<br />

er die „Blasmusik in Tirol und Südtirol,<br />

früher und heute“ anhand des Beispiels<br />

dieser Suite. Dabei sei es ihm wichtig gewesen,<br />

auch die Thematik rund um Sepp<br />

Tanzers Nähe zum Nationalsozialismus<br />

aufzuarbeiten, hob er hervor.<br />

„Sehr souveränes und<br />

musikalisches Dirigat“<br />

Die Prüfungskommission mit Direktor Giacomo<br />

Fornari, Thomas Ludescher, Eduard<br />

Demetz, Antonio Camponogara und Robert<br />

Schwärzer bescheinigte dem Kandidaten<br />

eine „sehr zielgerichtete Probenarbeit“<br />

und ein „sehr souveränes und musikalisches<br />

Dirigat“ beim Abschlusskonzert.<br />

110 Punkte und das Prädikat „mit Auszeichnung“<br />

waren schließlich der Lohn<br />

für das erfolgreiche Studium und die Abschlussprüfung.<br />

Gottfried Veit, der Ehrenkapellmeister<br />

des Verbandes Südtiroler<br />

Musikkapellen (VSM), Niedereggers erster<br />

Dirigierlehrer, und Johann Hilber,<br />

der Bezirksobmann des VSM-Bezirks<br />

Bruneck, gratulierten als eine der ersten<br />

dem 26-jährigen, nunmehr diplomierten<br />

Dirigenten zum Erfolg.<br />

Stephan Niederegger<br />

Die Absolventen in<br />

chronologischer Reihenfolge:<br />

➤ Patrick Gruber (Hafling/Südtirol 2014)<br />

➤ Stefanie Menz (Meran/Südtirol 2014)<br />

➤ Sigisbert Mutschlechner (Olang/Südtirol 2014)<br />

➤ Pietro Sarno (Deutschand 2015)<br />

➤ Andreas Simbeni (Österreich 2015)<br />

➤ Ulrike Ellemunter (Kaltern/Südtirol 2016)<br />

➤ Alois Papst (Österreich 2016)<br />

➤ Andrea Tasser (Abtei/Badia/Südtirol 2016)<br />

➤ Sascha Leufgen (Deutschland 2017)<br />

➤ Wolfgang Schrötter (Algund 2018)<br />

➤ Stefan Brunbauer (Österreich 2019)<br />

➤ Lukas Hofmann (Österreich 2020)<br />

➤ Daniel Niederegger (St.Jakob/Südtirol <strong>2021</strong>)<br />

KulturFenster<br />

24 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


entdeckt<br />

Mit „Binary Star“ gemeinsam zu den Sternen<br />

Die zweite CD von Peter Steiner und Constanze Hochwartner<br />

Titelbild der<br />

CD „Binary<br />

Star“<br />

Das junge Musikerduo Peter Steiner und<br />

Constanze Hochwartner ist nicht nur privat<br />

ein Paar, sondern sie haben auch musikalisch<br />

schon einige Sterne vom Himmel geholt.<br />

Der aus Bozen stammende Posaunist<br />

und die Organistin aus Wien haben die auftrittslose<br />

Corona-Zeit genutzt und ihre zweite<br />

gemeinsame CD aufgenommen.<br />

Nach ihrer gemeinsamen Konzertreise rund<br />

um die Welt haben sie 2019 mit dem Album<br />

„Sapphire“ eine Vielzahl an Klangfarben in<br />

der spannenden Kombination aus Klavier<br />

und Posaune präsentiert. Sie wollen aber<br />

immer „neue Wege gehen, neue Dinge ausprobieren.“<br />

Aus dieser musikalischen Neugierde<br />

und ihrem leidenschaftlichen Enthusiasmus<br />

ist der neue Tonträger „Binary Star“<br />

(Doppelsterne) entstanden. Es handelt sich<br />

dabei um Orchesterliteratur, die eigens arrangiert<br />

wurde – Musik, die die Beiden seit<br />

ihrer Kindheit begleitet hat: „Orgel und Posaune<br />

hat die Welt noch nicht gehört, aber<br />

diese Klangkombination muss man gehört<br />

haben“, hebt die junge Musikerin hervor.<br />

Die Arrangements sind sehr kammermusikalisch<br />

ausgelegt und geben beiden Instrumenten<br />

den nötigen Raum, damit die Musiker<br />

sowohl solistisch als auch gemeinsam<br />

ihre musikalische Leidenschaft „austoben“<br />

können. Damit verleihen sie der Musik einen<br />

ganz eigenen Charakter und Klang und<br />

überraschen das Publikum in seinen teils<br />

festgefahrenen Erwartungen und Traditionen.<br />

„Als wir uns zum ersten Mal trafen, war es<br />

bereits beschlossene Sache, dieses Album<br />

in den folgenden Jahren zu verwirklichen.<br />

Die Orgel, Königin der Instrumente, und die<br />

Posaune sind ein imposantes Duo. Die fulminante<br />

Kombination ermöglicht es uns, verschiedenste<br />

Klangfarben zu erschaffen und<br />

unseren Traum, alle musikalischen Ideen die<br />

wir haben, bestmöglich zu verwirklichen.“<br />

Peter Steiner<br />

Die Idee zu diesem Projekt war schon<br />

vor einigen Jahren geboren. Mit „Binary<br />

Star“ wird der Zuhörer auf eine gemeinsame<br />

Reise zu den Sternen durch die unendlichen<br />

Weiten des Kosmos entführt.<br />

Das Programm des Albums vereint verschiedene<br />

Komponisten und spannt den<br />

musikalischen Bogen vom Spätromantiker<br />

Gustav Mahler bis zum Filmmusik-<br />

Komponisten John Williams. Hauptwerk<br />

ist die „Planeten-Suite“ von Gustav Holst.<br />

Die CD wurde im Juli 2020 in St. Martin<br />

im Mühlkreis (Oberösterreich) aufgenommen.<br />

Constanze Hochwartner spielt auf einer<br />

„Viscount Prestige 105 Orgel“, Peter<br />

Steiner exklusiv auf THEIN-Instrumenten<br />

aus Bremen. Der Tonträger ist im einschlägigen<br />

Fachhandel und auf den Streaming-<br />

Plattformen erhältlich.<br />

Stephan Niederegger<br />

„Die Zwangspause war zwar ganz gut,<br />

aber es kitzelt schon in den Fingern,<br />

endlich wieder um die Welt zu touren.“<br />

Constanze Hochwartner<br />

CLARINET a due<br />

Leichte Spielstücke aus Barock, Klassik und Romantik,<br />

bearbeitet von Gottfried Veit<br />

Gottfried Veit hat 14 Stücke für zwei Klarinetten<br />

aus Barock, Klassik und Romantik<br />

zusammengestellt und bearbeitet. Neben<br />

kleinen Kompositionen der Barock-Meister<br />

Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich<br />

Händel sind auch die drei Wiener Klassiker<br />

Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus<br />

Mozart und Ludwig van Beethoven vertreten.<br />

Mit Franz Schubert und Robert Schumann<br />

kommen auch zwei wichtige Komponisten<br />

des 19. Jahrhunderts „zu Wort“.<br />

Der Großteil der ausgewählten Stücke ist<br />

geprägt von einem heiteren, tänzerischen,<br />

teils auch sehr schwungvollen Charakter,<br />

den die Klarinette durch ihre typische<br />

Klangfarbe noch unterstreicht. Einen Kontrast<br />

dazu bilden unter anderem die langsame,<br />

lyrische Sarabande aus der Violinsonate<br />

in e-Moll, op. 5/8, von Arcangelo<br />

Corelli und Beethovens Andantino, das ein<br />

Thema aus der Opernarie „Nel cor più non<br />

mi sento“ von Giovanni Paisiello aufgreift.<br />

Kontrapunktisch geführt und somit auch<br />

für die zweite Klarinette sehr interessant<br />

sind die Fuge P.144 von Johann Pachelbel<br />

oder Händels Arie HWV 471.<br />

Veit schöpft aus seiner jahrzehntelangen<br />

Erfahrung als Klarinettenlehrer und aus seinem<br />

reichen Wissen der Musikgeschichte.<br />

Daher sind die Arrangements ideal für den<br />

Unterricht in der oberen Mittelstufe angelegt.<br />

Zusätzlich zu einigen spielerischen<br />

Herausforderungen, wie z.B. Registerwechsel<br />

und lange Phrasen, können die<br />

Schüler*innen das Zusammenspiel lernen<br />

und begegnen dabei ganz nebenbei<br />

wichtigen Komponistenpersönlichkeiten<br />

der Musikgeschichte. Alle Stücke<br />

eignen sich nicht nur für den Unterricht<br />

im Übezimmer, sondern auch für einen<br />

Vortragsabend oder einem anderen festlichen<br />

Anlass.<br />

Stephan Niederegger<br />

„Clarinet a due“<br />

ist im Musikverlag<br />

HELBLING,<br />

Kaplanstraße 9,<br />

6063 Rum/Innsbruck<br />

(office@<br />

helbling.com)<br />

erschienen.<br />

KulturFenster<br />

25 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


gehört & gesehen<br />

Der Vogelgesang in der Musik<br />

Auf der Spur der faszinierenden Stimmen der Natur<br />

Einen festen Platz hat der Vogelgesang vor<br />

allem in Märchen, Sagen und Mythen. Singende<br />

oder sogar sprechende Vögel (Papageien)<br />

werden von den Menschen weltweit<br />

bewundert.<br />

Jede der etwa 4000 Vogelarten hat ihren<br />

ganz individuellen Gesang. Man spricht<br />

beispielsweise vom Kuckucksruf, vom<br />

Lerchenjubel, vom Wachtelschlag, vom<br />

Nachtigallentriller, vom Kanarienroller u.<br />

s. w. Sogar der britische Naturforscher<br />

Charles Darwin (1809-1882) vertrat die<br />

Meinung, dass die Musik mehr oder weniger<br />

aus der Nachahmung von „Vogelstimmen“<br />

entstanden sei.<br />

Dass dieser Gesang in der Musik in fast<br />

allen Epochen nachgeahmt wurde, ist eine<br />

Tatsache. Am öftesten wird wohl der „Kuckucksruf“,<br />

also die kleine Terz von oben<br />

nach unten imitiert worden sein ( sie so<br />

genannte "Ruf-Terz"). Unzählige Kinderlieder<br />

wie beispielsweise „Kuckuck, Kuckuck<br />

ruft´s aus den Wald“ oder „Der Kuckuck,<br />

der mich neckt“ bestätigen diese<br />

These. Kunstvollere Gesänge anderer Vögel<br />

werden vor allem mit Block-, Queroder<br />

Pikkoloflöte durch diverse Verzierungen<br />

wie Triller oder Tonrepetitionen<br />

meist in der Diskantlage nachgeahmt.<br />

Instrumente für den<br />

Vogelgesang<br />

Die Pfeifenorgel besitzt bereits seit dem<br />

16. Jahrhundert ein ganz besonderes<br />

Register, das mit „Vogelgesang“, „Nachtigallenzug“<br />

oder „Rossignol“ bezeichnet<br />

wird. Dabei ragen zwei<br />

oder drei kleine offene Pfeifen<br />

nach unten in einen<br />

Wasserbehälter.<br />

Durch den<br />

Winddruck<br />

bewegt sich das die Pfeife abschließende<br />

Wasser, sodass die Pfeifenlänge<br />

dauernd wechselt und ein zwitschernder<br />

Ton entsteht. Es gibt aber auch Hilfsregister,<br />

die anhand von gedeckten Holzpfeifen<br />

den Kuckucksruf imitieren.<br />

Die Vogelpfeife existiert zudem auch als<br />

Musikinstrument, die im Orchester meist<br />

von den Perkussionisten gespielt wird. Zur<br />

Nachahmung des Kuckucksrufs diente früher<br />

eine etwas primitive Pfeife mit einem<br />

die kleine Terz - nach unten - ergebenden<br />

Griffloch. Heute werden dazu nicht selten<br />

ausgereifte Klangwerkzeuge eingesetzt.<br />

Um verschiedene Vogelstimmen zu imitieren,<br />

bedient man sich gegenwärtig diverser<br />

Trillerpfeifen, die mit Wasser gefüllt<br />

werden. Durch das gurgelnde Wasser<br />

lässt sich das Vogelgezwitscher relativ gut<br />

nachahmen.<br />

Drei besondere Singvögel<br />

Eine besonders<br />

hohe<br />

Musikalität<br />

wird der<br />

Amsel zugeschrieben.<br />

Unter den unzähligen Singvögeln fallen<br />

in unseren Breitengraden vor allem drei<br />

besonders auf: Der Kuckuck, die Nachtigall<br />

und die Amsel.<br />

Der Kuckuck ist ein unruhiger, scheuer<br />

und einsam lebender Waldvogel, dessen<br />

markanten Ruf man von Ende April bis<br />

Juni vernehmen kann. Er ist zudem ein<br />

Zugvogel und legt seine Eier in fremde<br />

Nester. Seinen charakteristischen Ruf,<br />

den „Kuckucksruf“ (meist: e´´ - cis´´), verwenden<br />

auch Kleinkinder, wenn sie z. B.<br />

„Mama“ oder „Papa“ rufen. Interessanterweise<br />

wird<br />

im allgemeinen<br />

Sprachgebrauch der Plural<br />

„Kuckucke“ oder „Kuckucks“ kaum verwendet:<br />

vielleicht liegt dies daran, dass der<br />

Kuckuck sofort aufhört zu rufen, wenn er<br />

einen anderen Kuckucksruf hört.<br />

Unter den Singvögeln übertrifft die Nachtigall<br />

(„Nachtsängerin“) – nach traditioneller<br />

Vorstellung – durch ihren fl ötenden, fast<br />

schluchzenden Gesang, nahezu alle anderen<br />

Vögel. Dies unterstreicht z. B. auch<br />

das Tiroler Volkslied „O du schiane, siaße<br />

Nåchtigåll“. Den wunderbaren Gesang<br />

der Nachtigall bekommt man im April/<br />

Mai sehr spät abends zu hören. Nicht<br />

von ungefähr sagt man zu ausgesprochen<br />

begabten Sopranistinnen, sie singen<br />

„wie eine Nachtigall!“<br />

Neuere Forschungen haben ergeben, dass<br />

die Amsel (Kohlamsel oder Schwarzdrossel),<br />

was die Singkunst betrifft, der Nachtigall<br />

in nichts nachsteht, ja diese sogar um<br />

Einiges übertrifft. Während die Nachtigall<br />

immer nur dieselben Motive wiederholt,<br />

variiert die Amsel beständig ihre unvergleichlichen<br />

Tonfolgen. Apropos: Die „Variation“<br />

zählt zu den wichtigsten Kompositionsprinzipien.<br />

Die Dämmerung, sowohl<br />

morgens und noch mehr abends von März<br />

bis Juli, ist jene Zeit, in der Amseln besonders<br />

oft zu hören sind. Die Amsel ist<br />

eindeutig singfreudiger als die Nachtigall,<br />

da diese nur kurzzeitig in der Nacht singt.<br />

Der Gesang der Amsel gilt als der melodisch<br />

komplexeste und hochwertigste der<br />

europäischen Singvögel. Sein Tonumfang<br />

und sein Melodienreichtum sind besonders<br />

ausgeprägt und ähneln dem menschlichen<br />

Verständnis von Musik. Aus dem<br />

vielfältigen Gesang dieses Vogels ist ein<br />

Dreiton-Motiv unschwer herauszuhören:<br />

diese Tonfolge entspricht übrigens dem<br />

Kopfmotiv des mündlich überlieferten Kanons<br />

„Dona nobis pacem“. In der zweiten<br />

Strophe des bekannten Volksliedes „Alle<br />

Vögel sind schon da“ steht im Text von<br />

Hoffnann von Fallersleben bei der Aufzählung<br />

die Amsel an erster Stelle („Amsel,<br />

Drossel“, Fink und Star“), was die<br />

Wichtigkeit dieser Vogelart unterstreicht.<br />

Übrigens: Fast alle Vögel singen in „Dur“,<br />

was als Ausdruck von Freude und Optimismus<br />

gedeutet werden kann.<br />

KulturFenster<br />

26 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong><br />

26


Blasmusik<br />

Der Vogelgesang in der<br />

klassischen Musik<br />

Die Nachtigall ist durch ihren Gesang<br />

zum Mythos geworden. Der französische<br />

Komponist François Couperin (1668 – 1733)<br />

hat mit seinem Werk „Le Rossignol“ der Nachtigall<br />

ein musikalisches Denkmal gesetzt.<br />

Der Ruf des Kuckucks ist dank seiner prägnanten<br />

Gestalt in musikalischem Zusammenhang<br />

sehr oft verwendet worden. Bereits<br />

im 13. Jahrhundert begegnen wir<br />

ihm im englischen Sommerkanon „Sumer<br />

is icumen“ bei den Worten „sing cucu“.<br />

Aus dem 15. Jahrhundert stammt hingegen<br />

das Mai-Lied „Der mai mit lieber zal“<br />

des Südtiroler Minnesängers Oswald von<br />

Wolkenstein, das ebenfalls Kuckucksrufe<br />

beinhaltet. Barocke „Kuckucks-Capricci“<br />

schrieb nicht nur der deutsche Tonsetzer<br />

Johann Caspar Kerll, sondern auch der italienische<br />

Komponist Alessandro Poglietti.<br />

Nahezu zur selben Zeit entstanden auch<br />

„Die Jahreszeiten“ („La primavera“ und<br />

„L´estate“) op. 8 von Antonio Vivaldi, in denen<br />

ebenfalls Vogelstimmen vorkommen.<br />

Bereits im Titel des Streichquartetts op.<br />

11/6 aus dem Jahre 1771 „L´ucccelliera“<br />

weist Luigi Bocchierini auf seine spezielle<br />

Absicht hin. Genauso mit einem eindeutigen<br />

Titel versah François Couperin eines<br />

seiner reich verzierten Stück für Clavecin,<br />

indem er es mit „Le Rossignol“ („Die<br />

Nachtigall“) überschrieb. In der Zeit der<br />

Wiener Klassik benannte Joseph Haydn<br />

nicht nur einige seiner Streichquartette,<br />

sondern auch einige seiner Sinfonien<br />

nach Vögeln. Ganz besonders eindrucksvoll<br />

setzte den Kuckucksruf Ludwig van<br />

Beethoven am Ende des langsamen Satzes<br />

seiner „Sinfonia pastorale“ ein: hier erklingt<br />

er sowohl in der 1.- als auch in der<br />

2. Klarinette und zwar in Verbindung mit<br />

anderen stilisierten Vogelrufen (namentlich:<br />

Goldhammer, Wachtel, Nachtigall).<br />

Der Kuckuck ist wohl<br />

der bekannteste Vertreter<br />

in der Musik.<br />

Heinz<br />

Tiessen<br />

integrierte in<br />

seinem Klavierquintett<br />

op. 43<br />

hingegen hauptsächlich<br />

Amselrufe.<br />

Eher parodistischen<br />

Charakter<br />

weist hingegen das<br />

Werk „Grande fantaisie<br />

zoologique“ (Le carnaval<br />

des animaux) von<br />

Camille Saint-Saëns auf.<br />

Richard Wagner mythologisierte<br />

sogar den<br />

Vogelgesang im Waldvogel<br />

seiner Oper „Siegfried“<br />

(WWV 86 C). Er<br />

lässt dabei sozusagen<br />

die Stimme der Natur<br />

Schicksal spielen. Der italienische<br />

Impressionist Ottorino<br />

Respighi setzte hingegen in seiner<br />

Sinfonischen Dichtung „Pini di Roma“,<br />

als Ergänzung zum großen Orchester, sogar<br />

Schallplatten mit Vogelstimmen ein.<br />

Er schrieb außerdem im Jahre 1927 noch<br />

eine Suite mit dem bezeichnenden Titel<br />

„Gli uccelli“ („Die Vögel“). Am stärksten<br />

vom Vogelgesang beeinflusst dürfte aber<br />

das kompositorische Schaffen von Olivier<br />

Messiaen sein. Dieser französische Komponist<br />

zeichnete auf seinen ausgedehnten<br />

Reisen Vogelrufe auf und verwendete diese<br />

nicht nur in seinen Klavier- und Orchesterwerken,<br />

sondern sogar auch in seiner Oper<br />

„Saint François d´Assise“.<br />

Interessanterweise räumen hingegen die<br />

Tonschöpfer der sogenannten „Musique<br />

concrète“, bis hin zu dem US-amerikanischen<br />

Komponisten John Cage, den Vogelrufen<br />

keinen besonderen Vorrang im<br />

Rahmen ihrer Werke ein. Dies tut aber<br />

der allgemeinen Faszination der Vogelstimmen<br />

nicht den geringsten Abbruch.<br />

Gottfried Veit<br />

VSM-Ehrenkapellmeister<br />

KulturFenster<br />

27 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


komponiert<br />

In der Musik „dahoam“<br />

Tobias Psaier ist vielseitiger Musiker, Komponist und Kapellmeister.<br />

„Komponieren ist schon eine Sache für sich.“<br />

Oftmals brauche ich für ein Stück ein paar<br />

Tage, oft mehrere Wochen oder gar Monate.<br />

Selten ist es so, dass eine Idee sofort funktioniert.<br />

Das Tenorhornsolo „Dahoam“ hat<br />

sich aber innerhalb weniger Stunden beinahe<br />

wie von selbst komponiert.<br />

Eigene Stücke schreibe ich schon seit<br />

über zehn Jahren, anfangs vorwiegend<br />

für Klavier. Durch die Erfahrung mit der<br />

Blasmusik und die Gründung eigener<br />

Gruppen entstand für mich die Möglichkeit,<br />

Werke zu arrangieren und schließlich<br />

auch zu komponieren.<br />

Den Großteil meiner Kompositionen habe<br />

ich für die Blechbläser-Formation „Sunnseit<br />

Brass“ geschrieben, bei der ich am<br />

Schlagzeug sitze.<br />

Die Pandemie als<br />

Namensgeberin<br />

Am Tag vor Beginn der Aufnahme unseres<br />

Debüt-Albums „Magari“ im Februar 2020<br />

waren wir der Meinung, dass noch ein ruhiges<br />

Solo dazugehöre. Also setzte ich mich<br />

ans Klavier und improvisierte vor mich hin,<br />

bis diese eine Melodie hängen blieb.<br />

Diese recht eingängige, ungezwungene Melodie<br />

zieht sich durch das gesamte Stück,<br />

entwickelt sich weiter und wird auch im Dialog<br />

zum hohen Blech aufgegriffen.<br />

Einen Namen hatte ich für das Stück nicht,<br />

auch nicht eine Weile nach der Aufnahme.<br />

Allgemein ist das Finden eines passenden<br />

Titels für mich eine der größten Herausforderungen<br />

beim Komponieren. Bis wir<br />

dann aufgrund der Pandemie plötzlich alle<br />

gezwungen waren, „dahoam“ zu bleiben.<br />

Die meisten Kompositionen von Tobias Psaier<br />

entstehen am Piano.<br />

Die Melodie hat was Gemütliches, Heimeliges<br />

und ein gewisses „Alles-wird-gut-Gefühl“.<br />

So wurde „Dahoam“ zum Titel des<br />

Tenorhornsolos.<br />

In vielen Musikrichtungen<br />

zuhause<br />

Mittlerweile schreibe ich überwiegend für<br />

Blasorchester, da ich seit ein paar Jahren<br />

Zur Person<br />

Tobias Psaier, Jahrgang 1995, stammt aus Teis, Gemeinde Villnöß. Im Alter von 6 Jahren begann<br />

er eine klassische Klavierausbildung, die ihn recht bald zum Jazz- und Rockpiano brachte und vor<br />

allem zur Improvisation. Mit dem Klavier erreichte er erste Erfolge, so etwa einen 1. Preis mit Auszeichnung<br />

beim Wettbewerb „Prima la musica" 2004.<br />

Mit 10 erhielt er Unterricht auf seinem zweiten Instrument, dem Schlagzeug, mit welchem er seit<br />

2007 in seiner Heimatkapelle spielt. Etwa zur selben Zeit brachte er sich das Spielen auf der Gitarre<br />

und dem E-Bass bei und stand schon bald mit verschiedenen Formationen auf der Bühne.<br />

Mit „Sunnseit Brass" gab es bald erste internationale Erfolge, wie den Sieg beim „Copa-Kapella<br />

2017" in Frankfurt, worauf einige Auftritte in ganz Europa folgten.<br />

Die traditionelle Musik liegt ihm ebenso viel am Herzen wie Jazz, Rock und Populärmusik.<br />

So komponiert er neben Polkas, Märschen und Walzern auch modernere<br />

Stücke für verschiedenste Besetzungen.<br />

2017 begann er sein Studium für Instrumentation und Blasorchesterleitung am<br />

Konservatorium „Claudio Monteverdi" bei Prof. Walter Ratzek und Prof. Thomas<br />

Ludescher in Bozen. Seit 2018 ist er Kapellmeister der Musikkapelle Afers,<br />

seit 2020 leitet er auch die Musikkapelle Neustift.<br />

Tobias Psaier komponiert nicht nur für Blasorchester, er dirigiert auch die<br />

Musikkapellen Afers und Neustift.<br />

KulturFenster<br />

28 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong> <strong>2021</strong>


(Flg)<br />

mf<br />

Blasmusik<br />

auch als Kapellmeister tätig bin. Wenig später<br />

habe ich deshalb für „Dahoam“ auch<br />

ein Arrangement für Blasorchester angefertigt,<br />

dessen Aufführung aber gezwungenermaßen<br />

noch etwas auf sich warten<br />

lässt. So geht es aber neben einigen Auftragskompositionen<br />

auch meinem ersten<br />

größeren Konzertwerk „Convergence“,<br />

welches ich für meine Kompositions-Abschlussprüfung<br />

im Konservatorium Bozen<br />

geschrieben habe.<br />

Ich bin in vielen Musikrichtungen zuhause,<br />

bin für alles offen und komponiere<br />

mich durch verschiedenste Genres. Von<br />

Märschen, Polkas und Walzern über Kirchenmusik<br />

und zeitgenössische Werke,<br />

bis hin zu Jazz, Funk und Pop-Songs war<br />

schon alles dabei. Von Tanzlmusik bis Big-<br />

Band und darüber hinaus, so lange man<br />

Freude an der Musik hat, fühle ich mich<br />

wie „dahoam“.<br />

Partitur<br />

Tenorhorn<br />

(Solo)<br />

Flöte<br />

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Von seiner musikalischen Wurzeln her ist<br />

Tobias Psaier Schlagzeuger und mit verschiedenen<br />

Formationen unterwegs.<br />

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Dahoam<br />

Solo für Tenorhorn<br />

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Mit der Gruppe „Sunnseit Brass“ ist Tobias<br />

Psaier beim berühmten „Woodstock<br />

der Blasmusik“ aufgetreten.<br />

Klarinette in B 1<br />

Klarinette in B<br />

Bassklarinette in B<br />

Altsaxophon<br />

Tenorsaxophon<br />

Baritonsaxophon<br />

Trompete in B 1<br />

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Flügelhorn<br />

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Solo<br />

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Kl. 1<br />

Kl. 2<br />

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A. Sax. 1<br />

2<br />

T. Sax. 1<br />

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Trp. 1<br />

Trp. 2<br />

3<br />

A tempo<br />

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Posaune<br />

Bariton<br />

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Kontrabass<br />

Pauken<br />

Percussion 1<br />

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Percussion 3<br />

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© Tobias Psaier 2020<br />

Ausschnitte aus der Partitur zu „Dahoam“<br />

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KulturFenster<br />

29 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


kurz notiert<br />

kurz notiert –<br />

das neue „Musikpanorama“<br />

… für Nachrichten aus den Musikkapellen<br />

Nachdem durch diverse Lockerungen<br />

nun wieder Proben, Auftritte und Veranstaltungen<br />

von Musikkapellen „erlaubt“<br />

sind, laden wir auch wieder ein,<br />

uns Berichte davon zukommen zu lassen.<br />

Im Zuge der Neugestaltung des<br />

„KulturFensters“ ist die ehemalige Rubrik<br />

„Musikpanorama“ in „kurz notiert“<br />

unbenannt worden; sie soll aber weiterhin<br />

als Plattform für die Berichterstattung<br />

aus den Musikkapellen und damit<br />

zu einem regen Erfahrungsaustausch<br />

genutzt werden.<br />

Damit aber alle Artikel Platz fi nden können,<br />

ist es notwendig, dass die jeweiligen<br />

Texte nicht mehr als 1.500 Zeichen<br />

(inkl. Leerzeichen) umfassen. Die<br />

in dieser Ausgabe veröffentlichten Beiträge<br />

der Musikkapellen Algund, Klausen<br />

und Niederdorf bewegen sich beispielsweise<br />

„im Rahmen“ und können<br />

somit als Muster dienen. Ein aussagekräftiges<br />

und vor allem drucktaugliches<br />

Foto - in entsprechend guter Auflösung<br />

und mit Bildtext - ist ebenfalls immer sehr<br />

willkommen. Bitte auch immer den Redaktionsschluss<br />

beachten!<br />

Wir freuen uns auf viele „kurz notierte“<br />

Meldungen!<br />

Die Redaktion<br />

170 Jahre Musikkapelle Niederdorf<br />

Sonderausstellung „Faszination Blasmusik“<br />

Vom 4. Juli bis zum 30. Oktober wird im<br />

„Haus Wassermann“ in Niederdorf, dem<br />

Fremdenverkehrsmuseum Hochpustertal,<br />

in der Sonderausstellung „Faszination<br />

Blasmusik“ in Wort und Bild die mittlerweile<br />

170-jährige Geschichte der örtlichen Musikkapelle<br />

erzählt – von der Gründung 1850<br />

bis heute. Die Ausstellung ist jeweils dienstags<br />

und freitags von 16 bis 18 Uhr geöffnet.<br />

Den Besucher erwartet ein chronologischer<br />

Streifzug durch die abwechslungsreiche<br />

und spannende Vereinsgeschichte, dazu<br />

Bilder und kurze Anekdoten von besonderen<br />

Höhepunkten, Ausflügen und spontanen<br />

Erlebnissen der Musikantinnen<br />

und Musikanten, Wissenswertes über die<br />

Tracht sowie besondere „Hingucker“ aus<br />

dem reichhaltigen Fundus der Kapelle. Zu<br />

den wertvollsten Ausstellungstücken zählen<br />

wohl die Originalpartitur des bekannten<br />

Marsches „Gruß aus den Dolomiten“ von<br />

Josef Hochkofler und des „Jubiläumsmarsches“<br />

von Josef Walder – zwei der bedeutendsten<br />

Familiennamen, die die musikalische<br />

Geschichte jahrzehntelang geprägt<br />

haben. Am 1. <strong>August</strong> um 11 Uhr und am<br />

17. <strong>August</strong> um 21 Uhr werden zudem<br />

musikalische Improvisationen präsentiert.<br />

Stephan Niederegger<br />

Ehrenkapellmeister Sepp Walder dirigierte die Kapelle mit kurzer Unterbrechung von<br />

1970 bis 1998 und war einer der Ehrengäste bei der Eröffnung der Sonderausstellung.<br />

KulturFenster<br />

30 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Blasmusik<br />

Mit frischem Elan und neuem Vorstand<br />

Die Bürgerkapelle Klausen spielt wieder!<br />

Nach den erzwungenermaßen ruhigen Monaten<br />

war die Freude bei den Musikantinnen<br />

und Musikanten der Bürgerkapelle<br />

Klausen groß, als die Probentätigkeit wieder<br />

aufgenommen werden konnte.<br />

Als Startschuss diente die Jahreshauptversammlung,<br />

deren wichtigster Tagesordnungspunkt<br />

die Neuwahl des Ausschusses<br />

war. Stephan Plunger, der die Bürgerkapelle<br />

Klausen 15 Jahre lang als Obmann<br />

erfolgreich geleitet und großartige Projekte<br />

initiiert hatte, stellte sich nicht mehr zur<br />

Wahl. Als neuer Obmann wurde Alexander<br />

Gfader gewählt. Unterstützung erhält er<br />

durch den neuen Vorstand, in dem Markus<br />

Plieger (Vize-Obmann), Renate Brunner,<br />

Anna Felderer, Christian Gfader, Heinz<br />

Gfader, Sepp Gfader, Stefan Lanziner, Silvia<br />

Prader, Theo Rabanser und Peter Stoffner<br />

angehören. Der neugewählte Obmann bedankte<br />

sich für das Vertrauen, den neuen<br />

Vorstandmitgliedern für ihre Bereitschaft<br />

zur Mitarbeit und richtete seinen großen<br />

Dank an das Arbeitsteam der Jugendkappelle,<br />

das sich unter der Leitung von Silvia<br />

Prader, Fabian Gottardi, Christian Gfader<br />

und Jasmin Gfader tatkräftig um den musikalischen<br />

Nachwuchs kümmert.<br />

Nach diesem erfolgversprechenden Auftakt<br />

blickt die Bürgerkapelle Klausen zuversichtlich<br />

in die Zukunft und freut sich,<br />

wieder die Instrumente unter der Leitung<br />

des Kapellmeisters Paul Bramböck vor<br />

dem lang vermissten Publikum erklingen<br />

lassen dürfen.<br />

BK Klausen<br />

Jahreshauptversammlung der<br />

BK Klausen: (v. rechts) Bürgermeister<br />

Peter Gasser und<br />

der neue Obmann der Bürgerkapelle,<br />

Alexander Gfader, bedankten<br />

sich beim scheidenden<br />

Obmann Stephan Plunger für<br />

dessen großen Einsatz im kulturellen<br />

Leben der Stadt.<br />

Neustart mit Führungswechsel<br />

Bernhard Christanell übernimmt das Amt des Obmannes von Andreas Theiner<br />

Neuneinhalb Jahre lang stand Andreas<br />

Theiner der Algunder Musikkapelle als<br />

Obmann vor, bei der Vollversammlung der<br />

Algunder Musikkapelle am 17. Juni im Algunder<br />

Thalguterhaus trat er als solcher<br />

ab. Theiner hatte bereits vor drei Jahren<br />

angekündigt, sein Amt am Ende der Amtsperiode<br />

zurücklegen zu wollen. Mit der Corona-Pandemie<br />

und ihren Folgen für den<br />

Verein hatte er zum Abschluss noch eine<br />

ganz besondere Herausforderung zu meistern.<br />

Sein Nachfolger als Obmann der „Algunder“,<br />

Bernhard Christanell, ist seit über<br />

18 Jahren Vorstandsmitglied. Die meiste<br />

Zeit war er für das Notenarchiv und die<br />

Öffentlichkeitsarbeit des Vereins zuständig,<br />

außerdem leitet Christanell seit drei<br />

Jahren die Algunder Jugendkapelle und<br />

ist seit über zehn Jahren als Privatlehrer<br />

für das Instrument Querflöte tätig.<br />

Auch im Vorstand der Musikkapelle gibt es<br />

einige neue Gesichter. Neben dem Altobmann<br />

Andreas Theiner stellten sich auch<br />

die Vorstandsmitglieder Philipp Gamper<br />

und Markus Klotz nicht mehr der Wahl.<br />

Weiterhin im Vorstand mitarbeiten werden<br />

in den kommenden drei Jahren Simon<br />

Brunner, Gregor Moser, Hannes Schmider,<br />

Hannes Schrötter und Alexander<br />

Klotz. Neu in den Vorstand gewählt wurden<br />

Stefan Holzner, Magdalena Prantl,<br />

Wolfgang Schrötter, Markus Hirber und<br />

Christoph Winterholer.<br />

Bernhard Christanell<br />

Der (fast komplette) neue Vorstand der Algunder Musikkapelle: (vorne v. l.) Simon Brunner,<br />

Christoph Winterholer, Obmann Bernhard Christanell, Stefan Holzner, Magdalena Prantl;<br />

(hinten v. l.) Kapellmeister Christian Laimer, Wolfgang Schrötter, Alexander Klotz, Hannes<br />

Schmider, Markus Hirber, Gregor Moser; es fehlt: Hannes Schrötter<br />

KulturFenster<br />

31 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Der Gfrarhof in Aschl:<br />

Hier sieht man noch eines von vier verbliebenen Strohdächern<br />

in der Gemeinde Vöran.<br />

Foto: Dominik Kienzl<br />

KulturFenster<br />

32 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


gedeckt<br />

Rettet die Strohdächer!<br />

Ein Stück bäuerlicher Architektur droht, verloren zu gehen –<br />

Neuer Vorstoß geplant<br />

„Sie sterben langsam, aber sicher aus.“ Dieser<br />

Satz über Südtirols Strohdächer stand<br />

1955 im „Reimmichls Volkskalender“. Vielleicht<br />

hatte der Autor Recht, aber 65 Jahre<br />

später gibt es sie noch. Es sind allerdings<br />

nur noch etwa zehn an der Zahl, vier davon<br />

stehen in Vöran. Dort startet nun eine Initiative<br />

zur Rettung der Strohdächer.<br />

Im vergangenen Jahrhundert prägten Strohdächer<br />

die Kulturlandschaft vor allem am<br />

Tschögglberg, am Ritten und im Schlerngebiet.<br />

Aber auch im Passeier-, im Eisacktal<br />

und im Pustertal waren sie zu finden. Allein<br />

am Ritten soll es laut dem ehemaligen<br />

Landeskonservator und nun pensionierten<br />

Helmut Stampfer 1943 noch 140 mit Stroh<br />

bedeckte sogenannte Futterhäuser gegeben<br />

haben – das waren Stall, Tenne und<br />

Stadel. Diese Gebäude waren es nämlich,<br />

die in der Regel mit dem früher reichlich<br />

vorhandenen Stroh aus dem Getreideanbau<br />

gedeckt wurden, weil sie luftdurchlässig<br />

und gleichzeitig wasserdicht waren<br />

und dadurch dem Futter und den Tieren<br />

beste Bedingungen boten.<br />

Nur Herbstroggen eignet sich zum Dachdecken. Er muss gut gereift und getrocknet sein,<br />

wird zu Schab (Strohbündeln) gebunden und in Streifen aufs Dach gelegt. Foto: HPV<br />

Es waren einmal über 60 …<br />

Doch der Fortschritt machte auch am<br />

Bauernhof nicht Halt. In den 1950er-Jahren<br />

stand im „Reimmichls Volkskalender“<br />

neben eingangs erwähntem Satz folgende<br />

kritische Bemerkung: „Die Bauern<br />

wissen freilich kaum, was sie tun, wenn<br />

sie ein leuchtend rotes Ziegeldach an die<br />

Stelle der altersgrauen und oft schon etwas<br />

krummen und gebeugten Strohhaube<br />

„<br />

Allein am Ritten zählte man 1943<br />

noch 140 mit Stroh bedeckte sogenannte<br />

Futterhäuser – das waren<br />

„<br />

Stall, Tenne und Stadel.<br />

Helmuth Stampfer<br />

setzen …“. Es mag etwas gewagt gewesen<br />

sein, den Bauern Unwissenheit oder gar<br />

Unverständnis vorzuwerfen, weil sie den<br />

einfacheren Weg gingen. Tatsache ist aber,<br />

dass die Zahl der Strohdächer im Lauf der<br />

Jahrzehnte laufend gesunken ist und dass<br />

auch die Beiträge für Landschaftspflege das<br />

einst befürchtete „langsame Aussterben“<br />

nicht zu stoppen imstande sind.<br />

So machte der Heimatpfl eger und Autor<br />

Richard Furggler Anfang der 1970er-Jahre<br />

allein auf dem Tschögglberg noch 64 Strohdächer<br />

aus, 20 Jahre später waren es laut<br />

einem Bericht des „Dolomiten-Magazins“<br />

in ganz Südtirol nur mehr etwa 20. Dazwischen<br />

lag eine Zeit des Ringens um die<br />

„wertvolle Dachlandschaft“, wie sie vom<br />

Rittner Hans Rottensteiner damals bezeichnet<br />

wurde. Rottensteiner war gewissermaßen<br />

ein Pionier im Kampf um die verbliebenen<br />

Strohdächer, konnte die negative<br />

Entwicklung aber trotz einiger Erfolge nicht<br />

aufhalten. Ebenso wenig konnten es die vielen<br />

Initiativen und Bemühungen des Heimatpflegeverbandes,<br />

der sich dem Thema<br />

schon seit den 1960er-Jahren widmet.<br />

… und sind noch höchstens<br />

zehn<br />

Und wie ist es heute um die Strohdächer<br />

bestellt? „Im ganzen Land dürften davon<br />

kaum mehr als zehn übriggeblieben sein“,<br />

beklagt Josef Oberhofer, der langjährige Geschäftsführer<br />

des Heimatpflegeverbandes,<br />

dem die Strohdächer stets ein besonderes<br />

Anliegen waren. Vier dieser wenigen „stummen<br />

Zeitzeugen“ stehen in der Gemeinde<br />

Vöran. Im Lauf von 50 Jahren sind also allein<br />

auf dem Tschögglberg 60 Strohdächer<br />

verschwunden – trotz Schutzmaßnahmen<br />

KulturFenster<br />

33 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


gedeckt<br />

Durchschnittlich 30 Jahre hält ein Strohdach. Nahezu jedes Jahr ist ein Streifen des Daches neu einzudecken.<br />

Foto: HPV<br />

und Beiträgen. Die Gründe dafür mögen<br />

vielfältig sein. In einem interessanten Beitrag<br />

von Ulrike Vent und Helga Innerhofer<br />

in der Vöraner Gemeindezeitung „Furggl“<br />

vom Oktober 2020 heißt es dazu:<br />

„Derzeit fehlt es an Förderungen und entsprechenden<br />

Initiativen. Die aktuellen Beitragszahlungen<br />

belaufen sich auf 120 Euro<br />

pro Quadratmeter, bei einem Kostenpunkt,<br />

der das Vielfache davon beträgt. Fast jährlich<br />

ist mittels Streifen ein Teil des Daches<br />

neu einzudecken, sodass in 20 bis 30 Jahren<br />

(das ist die durchschnittliche Lebensdauer<br />

der Strohdächer) das gesamte Dach<br />

erneuert wird. Dies ist aufwändig und kostet<br />

entsprechend viel. Und natürlich sind die<br />

Strohstadel mit ihren Steildächern nicht in<br />

der Lage, den Raum- und Lagererfordernissen<br />

der modernen Landwirtschaft gerecht<br />

zu werden. Das Schwinden der Strohdächer<br />

lässt sich insgesamt auf mehrere Ursachen<br />

zurückführen. Neben fehlendem<br />

Willen und Bewusstsein seitens der Landesverwaltung<br />

für diese wichtigen Kulturdenkmäler<br />

sind es wohl großteils ,Mängel‘,<br />

die das Verschwinden verursachen: der<br />

Mangel an Arbeitskräften, die das Dachdecken<br />

mit Stroh erlernt haben, der Mangel<br />

an Rohmaterial, da kaum noch jemand<br />

Getreide anbaut, der Mangel an Platz, da<br />

das zu lagernde Stroh natürlich irgendwo<br />

sicher untergebracht werden muss (Feuergefahr<br />

der Dächer und hohe Versicherungskosten)<br />

…“<br />

Wie geht es weiter?<br />

Für viele ist das Strohdach, wie Josef Oberhofer<br />

es formuliert, „zur Belastung geworden“.<br />

Nur einige wenige Bauern hätten es<br />

aus wahrem Idealismus erhalten. Meist<br />

seien es die persönliche Verbundenheit<br />

und der berechtigte Stolz, Inhaber einer<br />

der letzten und archaischsten landschaftlichen<br />

Erscheinungen bäuerlicher Architektur<br />

in Südtirol zu sein. Diesen „Luxus“<br />

könne sich aber kaum ein Bergbauer leisten.<br />

Laut Josef Oberhofer kann aber hier<br />

auch das heimatpflegerische Argument nicht<br />

gelten, wonach Tradition zu bewahren ist,<br />

denn: „Tradition muss leben, bedarf einer<br />

realistischen Perspektive, um nicht ins verklärte<br />

Museale zu verfallen.“<br />

Genau auf diese realistische Perspektive<br />

baut nun eine Initiative in Vöran. Damit sollen<br />

jene vier Stadel mit Strohdach gerettet<br />

werden, die in ihrer Gemeinde am Tschögglberg<br />

noch verblieben sind (siehe Interview).<br />

Auch das Landesdenkmalamt hat die Zeichen<br />

der Zeit offenbar erkannt und möchte<br />

die Erhaltung der Strohdächer unterstützen,<br />

indem es den Anbau von Stroh forciert (siehe<br />

Kurzbericht auf S. 33).<br />

Edith Runer<br />

„<br />

Tradition muss leben, bedarf einer<br />

realistischen Perspektive, um nicht<br />

„<br />

ins verklärte Museale zu verfallen.<br />

Josef Oberhofer<br />

KulturFenster<br />

34 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Heimatpege<br />

Das Strohdach –<br />

(k)ein ewiges Werk<br />

Familie Lun vom Duregghof in Afing hält einen<br />

Paul Lun und seine Frau Christa Lanznaster<br />

geben sich viel Mühe, um das<br />

Strohdach auf dem Stadel des Duregghofes<br />

zu erhalten. Foto: Edith Runer<br />

natürlichen Kreislauf in Gang<br />

mit viel Liebe und vorbildlichem Einsatz<br />

ein wunderschönes Anwesen gemacht,<br />

wo sich nicht nur ihre drei Kinder – Selin<br />

(16), Julia (13) und Lukas (9) –, wohlfühlen,<br />

sondern auch Rinder, Truthähne, Bienen,<br />

Hund und Katz.<br />

Zwei Monate Einsatz im Jahr<br />

Das Strohdach auf dem Stadel neben dem<br />

Wohnhaus ist ein Blickfang. Es gibt dem<br />

ganzen Ensemble Halt, strahlt Natürlichkeit<br />

und Ursprünglichkeit aus, ist einfach<br />

schön anzusehen. Doch nur wer einmal<br />

hier oben war, der kann verstehen, wie viel<br />

Zeit, Geld und Opfer in diesem idyllisch anmutenden<br />

Ort stecken. Und nur wer mit<br />

Paul und Christa gesprochen hat, der kann<br />

auch ihre kritische Haltung nachvollziehen.<br />

Ein Strohdach ist keine einmalige Anschaffung,<br />

es ist ein Lebenswerk, das im Unterschied<br />

zu anderen traditionellen Dächern<br />

wie dem Schindeldach dauerhaften Einsatz<br />

braucht. Insgesamt rund zwei Monate im<br />

Jahr, sagt Paul, wende seine Familie allein<br />

für die Erhaltung des Daches auf. Jedes<br />

Jahr muss ein Teil neu eingedeckt werden,<br />

weil die Stroheindeckung durch Witterungseinflüsse<br />

immer dünner wird und<br />

dadurch droht, undicht zu werden. Zum<br />

Eindecken der sogenannten Jahresstreifen<br />

bedarf es hochwertigen Materials, es<br />

braucht viel Geduld, handwerkliches Geschick<br />

und nicht zuletzt gutes Wetter. Einige<br />

dieser Voraussetzungen kann der Mensch<br />

schaffen, für andere ist ausschließlich die<br />

Natur zuständig. Und dann sind da noch<br />

ein paar ungebetene Gäste, die die mühevolle<br />

Arbeit wieder zerstören können. Aber<br />

dazu später …<br />

Wie wird ein Strohdach gedeckt? Warum ist<br />

es so robust und doch kein ewiges Werk?<br />

Welche Voraussetzungen braucht es, um<br />

Strohdächer zu erhalten? Und warum sind<br />

finanzielle Beiträge unabdingbar? Einen guten<br />

Einblick in das Thema gewährt ein Besuch<br />

am Duregghof in Afing.<br />

Paul Lun ist ein Idealist und Realist gleichermaßen.<br />

Mit unbändiger Hingabe kümmern<br />

sich er und seine Frau Christa Lanznaster<br />

um die Erhaltung des Strohdaches auf dem<br />

hofeigenen Stadel. Mit ebensolcher Vehemenz<br />

erklärt der 42-jährige Bauer: „Wenn<br />

die wenigen Strohdächer, die es in Südtirol<br />

noch gibt, nicht ehrlich wertgeschätzt<br />

und deren Bestand unterstützt wird, wird<br />

es bald keine mehr geben.“<br />

Vor rund 15 Jahren hat sich das Ehepaar<br />

entschlossen, den wahrscheinlich 300<br />

Jahre alten Duregghof – er war im Besitz<br />

von Christas Familie – zu übernehmen. Zuvor<br />

war das Höfl, das sich auf etwa 1300<br />

Metern Meereshöhe abseits von Afing an<br />

einen steilen Abhang schmiegt und nur<br />

über eine nicht enden wollende schmale<br />

Straße zu erreichen ist, viele Jahre leer gestanden.<br />

Es war quasi dem Verfall preisgegeben,<br />

und auch das Strohdach des<br />

Stadels war nur noch ein Flickwerk aus<br />

verschiedensten Materialien gewesen.<br />

Paul und Christa haben aus ihrem Erbe<br />

Die größten<br />

Herausforderungen<br />

Zunächst ist es wichtig zu wissen, wo die<br />

Herausforderungen bei der Erhaltung eines<br />

Strohdaches liegen. Eine der größten ist mit<br />

Sicherheit das Material. Kaum irgendwo<br />

in Südtirol wird noch brauchbares Dachstroh<br />

von ausreichender Qualität produziert.<br />

Deshalb steht auf dem Grund des<br />

Duregghofes ein etwa 300 Quadratmeter<br />

großes Roggenfeld. „Herbstroggen,<br />

eine alte Sorte“, erklärt Paul. Dieser werfe<br />

zwar wenig Korn ab – etwa 70 bis 80 Kilogramm,<br />

aus denen Brot auf Vorrat gebacken<br />

wird. Aber die Halme dieser Sorte erreichen<br />

die ideale Eindeck-Länge von bis<br />

KulturFenster<br />

35 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


gedeckt<br />

Jedes Jahr kann nur ein Streifen des Strohdaches beim Duregghof neu gedeckt werden.<br />

Fotos: HPV<br />

Auch die Kinder helfen mit: Hier vor ein<br />

paar Jahren im Roggenfeld des Duregghofes.<br />

zu 1,5 Metern, sofern sie nicht von Hagel<br />

und Sturm geknickt werden, was hin und<br />

wieder vorkommt.<br />

Im Hochsommer ist das Korn dann reif,<br />

die Halme werden geschnitten, zu „Hockern“<br />

geformt und etwa zwei Wochen<br />

lang auf dem Feld getrocknet. Danach<br />

wird das Stroh ausgeschlagen und das<br />

erhaltene Getreide im Stadel gelagert. Im<br />

Herbst, wenn die Kinder wieder zur Schule<br />

gehen, hat Christa dann vormittags Zeit,<br />

um in Handarbeit das Stroh zu unzähligen<br />

dünne Bündeln zusammenzubinden.<br />

Nahe dem Bach hat Paul einige Weiden<br />

gepflanzt, von denen er, sobald sie im<br />

Spätwinter oder Frühjahr „in den Saft gehen“,<br />

rund 80 Zentimeter lange Ruten abschneidet<br />

und spitzt. Das Stroh wird mit<br />

den Weiden an die Rundlatten gebunden,<br />

was viel Geschick erfordert. Zum Decken<br />

eines Streifens von einem halben Meter<br />

Breite braucht Paul etwa einen ganzen<br />

Tag. Die Kunst hat ihm einst ein Strohdachdecker<br />

beigebracht. Das Dach ist<br />

steil, viel steiler als herkömmliche Stadeldächer,<br />

damit der Regen gut abrinnen<br />

kann. Praktisch ist das Steildach nicht,<br />

denn den sonst üblichen Heukran zum<br />

Ablegen und Verteilen des Heus im Stadel<br />

„<br />

Wenn die wenigen Strohdächer, die<br />

es in Südtirol noch gibt, nicht ehrlich<br />

wertgeschätzt und deren Bestand<br />

unterstützt wird, wird es bald<br />

„<br />

keine mehr geben.<br />

Paul Lun<br />

kann Paul nicht verwenden. Alles muss<br />

in Handarbeit passieren – und durch die<br />

Mithilfe von Freunden, die dazu eigens<br />

auf den Hof kommen.<br />

Kleine Feinde und große<br />

Mühe<br />

Jährlich deckt Paul Lun mehrere Quadratmeter<br />

Dach neu ein. Allerdings gelingt das<br />

nur, wenn sich wirklich jedes Rädchen im<br />

Kreislauf perfekt dreht. Der Roggen ist nicht<br />

nur im Freien der Natur und ihren Unbilden<br />

ausgesetzt. Auch während der Lagerung<br />

im Winter ist er nie sicher vor „Feinden“.<br />

Im vergangenen schneereichen<br />

Winter waren es Mäuse, die im Stadel Unterschlupf<br />

und in den Strohbündeln reichlich<br />

Nahrung gefunden haben. Die Folge:<br />

Kaum ein Bündel war noch verwendbar.<br />

„Wir konnten den geplanten Streifen am<br />

Dach nicht ausbessern und mussten uns<br />

vorübergehend mit Kunststofffolien behelfen“,<br />

beschreibt Paul Lun das Dilemma.<br />

Auch Marder und Raben würden Teile des<br />

Daches immer wieder zerstören. Kurzum,<br />

es ist ein ständiger Wettlauf, den die Bauersleute<br />

auf sich nehmen und der immer<br />

wieder von neuem startet.<br />

Trotz aller Hürden in diesem Wettlauf sind<br />

Paul und Christa von ihrem Werk zu hundert<br />

Prozent überzeugt. „Strohdächer haben<br />

seit jeher unsere Landschaft geprägt“,<br />

sagt Paul Lun. „Sie sind etwas ganz Natürliches<br />

und ein Stück Tradition, die wir<br />

nicht einfach aussterben lassen sollten.<br />

Wo bleibt die Einzigartigkeit, das Landestypische,<br />

mit dem wir uns in Südtirol immer<br />

rühmen, wenn wir uns nicht bemühen, es<br />

zu pflegen und zu erhalten?“<br />

Wertschätzung als<br />

Motivation<br />

Mit Mühe allein ist es jedoch nicht getan.<br />

Davon ist Paul Lun überzeugt. Es brauche<br />

auch Motivation – durch die Wertschätzung<br />

und Unterstützung von Seiten der Gesellschaft,<br />

der Öffentlichkeit, der Politik und<br />

des Tourismus. Zwar wurde die Erhaltung<br />

der Strohdächer in den vergangenen Jahrzehnten<br />

mit Landesbeiträgen gefördert.<br />

Allerdings, so der Afinger Bauer, sei die<br />

Antragstellung oft ein Spießrutenlauf gewesen.<br />

120 Euro pro neu gedecktem Quadratmeter<br />

betrug die Fördersumme bislang<br />

– Brosamen, wenn man den Aufwand berechnet.<br />

Aber um die Summe geht es Paul<br />

gar nicht. „Eher um die mangelnde Kontinuität<br />

bei den Förderungen.“ Will heißen:<br />

Beiträge wurden mitunter gar nicht ausgezahlt,<br />

weil nicht genügend Geld im Fördertopf<br />

war. „Da fehlt es einfach an Verständnis“,<br />

meint Paul. Da sei es kein Wunder,<br />

dass immer mehr Eigentümer ihre Strohdächer<br />

verfallen lassen.<br />

Für ihn selber kommt das zwar nicht in<br />

Frage – „mein Stadel wird unabhängig von<br />

den Beiträgen sein Strohdach behalten“ –,<br />

aber nicht jeder Eigentümer könne die Kosten<br />

stemmen und die Zeit zur Verfügung<br />

stellen. Paul gelingt das nur mit langen Tagund<br />

Nachtschichten bei der Berufsfeuerwehr<br />

Bozen. Es ist seine Haupteinnahmequelle,<br />

die ihm zudem zeitlichen Freiraum<br />

für die Arbeit am Hof schafft. Die ganze Familie<br />

steht hinter ihrem Lebenswerk. Ihre<br />

Zielstrebigkeit und die Freude am Gestalten<br />

sind die wichtigste, aber hoffentlich<br />

nicht einzige Zukunftsperspektive für den<br />

Duregghof und seinen Stadel.<br />

Edith Runer<br />

KulturFenster<br />

36 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Heimatpege<br />

Ein Netzwerk schaffen<br />

Netzwerkarbeit: Markus Thaler (Firma GamperDach), Josef Oberhofer (HPV), Architektinnen Margit Weiss und Heidrun Schroffenegger<br />

(Amt für Bau- und Kunstdenkmäler), Ulrike Vent und Helga Pircher (Vöran)<br />

Es ist fünf vor zwölf. Aber es ist nicht zu<br />

spät. Für die wenigen noch erhaltenen<br />

Strohdächer im Land könnte es eine sichere<br />

Zukunft geben. Ein Projekt, das<br />

vom Amt für Bau- und Kunstdenkmäler<br />

angeregt wurde, könnte die Voraussetzungen<br />

für den Weiterbestand des traditionellen<br />

Kulturgutes schaffen. Angepeilt<br />

wird ein Netzwerk, in dem sämtliche Interessensgruppen<br />

zusammenarbeiten,<br />

von den Eigentümern der Dächer über<br />

die Anbieter von Material und Wissen<br />

bis hin zu den Interessenverbänden und<br />

den zuständigen Behörden.<br />

Für das Amt für Bau- und Kunstdenkmäler<br />

betreuen die Architektin Margit<br />

Weiss als Gebietsverantwortliche für<br />

das Wipp- und Eisacktal, Gröden und<br />

Schlerngebiet und die Kusnthistorikerin<br />

Heidrun Schroffenegger als Gebietsverantwortliche<br />

für Meran, Burggrafenamt,<br />

Tschögglberg, Ritten, Salten und Eggental<br />

die sechs noch bestehenden Strohdächer<br />

im Land, die unter Denkmalschutz stehen.<br />

„Für diese Gebäude gibt es zwar ausreichend<br />

fi nanzielle Förderungen“, sagt Architektin<br />

Weiss, „die Materialbeschaffung<br />

und das Decken der Dächer sind allerdings<br />

große Herausforderungen.“ Bei den Eigentümern<br />

jener Gebäude, die nicht unter<br />

Denkmalschutz stehen, komme die ständige<br />

Sorge um genügend Beiträge hinzu.<br />

Was also tun, um den für einen Fortbestand<br />

der Strohdächer erforderlichen Material-<br />

und den Wissenskreislauf in Gang<br />

zu setzen und auch die Finanzierung zu<br />

sichern? Margit Weiss hat festgestellt, dass<br />

es im Land sehr wohl landwirtschaftliche<br />

und handwerkliche Ressourcen gibt, jedoch<br />

keine zentrale Anlaufstelle, wo Angebot<br />

und Nachfrage zusammenfließen und<br />

wo Wissen auch weitergegeben wird. Da-<br />

her brauche es ein Netzwerk aus Getreideanbauern,<br />

Handwerkern, Eigentümern<br />

und Interessenvertretern sowie<br />

Verbänden und Behörden.<br />

Ein solches Netzwerk soll nun aufgebaut<br />

werden. Zu Sommerbeginn hat<br />

es ein erstes Treffen im Volkskundemuseum<br />

Dietenheim gegeben, zu dem<br />

auch der Heimatpflegeverband eingeladen<br />

war. Dabei wurde vereinbart, sich<br />

zunächst einen Überblick über die bereits<br />

vorhandenen Ressourcen zu verschaffen,<br />

um in einem weiteren Schritt<br />

notwendige Maßnahmen festzulegen.<br />

„Das Projekt steht noch am Anfang“,<br />

betont Margit Weiss. Es sei aber in jedem<br />

Fall wichtig, auch für die nicht<br />

denkmalgeschützten Strohdächer Lösungen<br />

zu finden und diese in das Projekt<br />

mit einzubeziehen.<br />

Edith Runer<br />

Aus der Redaktion<br />

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Heimatpflegeseiten<br />

senden Sie bitte an: florian@hpv.bz.it<br />

Für etwaige Vorschläge und Fragen erreichen Sie uns unter<br />

folgender Nummer: +39 0471 973 693 (Heimatpflegeverband)<br />

Redaktionsschluss für<br />

die nächste Ausgabe des<br />

„KulturFensters“ ist<br />

Freitag, 17. September <strong>2021</strong><br />

KulturFenster<br />

37 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


gedeckt<br />

Vöran startet Initiative<br />

Letzte Strohstadel sollen erhalten bleiben –<br />

Zusage für Landesförderungen<br />

Blickfang und nur noch seltenes Kulturgut: der Spitzegghof mit dem Strohstadel.<br />

Fotos: Dominik Kienzl<br />

In Vöran gibt es noch vier Stadel, die mit<br />

Stroh gedeckt sind. Diese einzigartigen<br />

Kulturgüter Südtirols nicht nur zu erhalten,<br />

sondern sie auch mit Leben zu füllen, ist<br />

das Ziel einer Initiative, die 2020 gestartet<br />

ist. Eine der Mitinitiator*innen ist die<br />

ehemalige Gemeindereferentin Ulli Vent.<br />

KulturFenster: Vöran hat eine Initiative zur<br />

Rettung der noch wenigen Strohdächer gestartet.<br />

Wie ist es dazu gekommen?<br />

Ulli Vent: Das Vorhaben „Rettung der<br />

Vöraner Strohdächer“ entstand aus einer<br />

Notwendigkeit heraus. Einer der vier verbliebenen<br />

Strohstadel in Vöran, jener am<br />

Tötnmoar-Hof, sollte abgerissen werden.<br />

Dagegen machte sich Widerstand breit,<br />

und so entstand eine Initiative mit dem<br />

Ziel, nach Lösungen zur Erhaltung eines<br />

der schönsten Kulturgüter Vörans zu suchen.<br />

Schließlich wurde der Abbruch des<br />

Stadels zwar gutgeheißen, aber unter der<br />

Voraussetzung, ihn im identischen Bestand,<br />

also auch mit Strohdach, wieder<br />

aufzubauen. Gleichzeitig soll nun – mit Unterstützung<br />

der Gemeinde und von Dritten<br />

– eine Arbeitsgruppe gebildet werden, die<br />

sich konkret um Finanzierungsmöglichkeiten<br />

kümmert, aber auch darum, den<br />

Wirtschaftskreislauf zu schaffen, der zur<br />

Erhaltung der Strohdächer notwendig ist.<br />

Tatsache ist, dass der zunehmende Verfall<br />

der Strohdächer mit den schwindenden<br />

Beiträgen einhergegangen ist.<br />

KF: Was beinhaltet dieser Wirtschaftskreislauf,<br />

wie soll das Projekt ablaufen?<br />

Vent: Es geht einerseits darum, Geld- und<br />

Fördermittel für die Erhaltung der Vöraner<br />

Strohstadel zu „sammeln“, andererseits<br />

darum, Menschen für dieses Thema<br />

zu sensibilisieren und zu motivieren, sich<br />

einzubringen. Wenn sich vor allem junge<br />

Leute wieder für den Anbau von Stroh<br />

oder für das Erlernen des Strohdachdeckens<br />

interessieren, wird es künftig einfacher<br />

sein, Strohstadel zu erhalten. Heute<br />

erhält man ja kaum noch das notwendige<br />

Stroh für das Strohdach. Und das Decken<br />

eines Strohdaches ist eine eigene Kunst.<br />

KF: Welche Voraussetzungen braucht es,<br />

um die Stadel mit Strohdächern nicht nur<br />

als museale Objekte zu erhalten, sondern<br />

ihnen auch Leben einzuhauchen?<br />

Vent: Natürlich wird es darauf ankommen,<br />

nicht nur genügend Förderungen<br />

und Förderer zu finden, sondern auch<br />

„<br />

Uns wurde zugesagt, dass die Förderansuchen<br />

wohl ab Jänner 2022<br />

wieder möglich sein würden und<br />

dass die Beiträge künftig über einen<br />

eigenen Fonds im Landesdenk-<br />

„<br />

malamt ausgezahlt werden sollen.<br />

Ulli Vent<br />

KulturFenster<br />

38 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Heimatpege<br />

Die kostspielige und zeitaufwändige Erhaltung eines Strohdaches<br />

bedarf finanzieller Unterstützung, aber auch Wertschätzung. Im<br />

Bild der Sunnegg-Hof in der Gemeinde Vöran.<br />

Der Tötnmoarhof in Vöran wird abgerissen, allerdings mit der Auflage,<br />

ihn im identischen Bestand, also auch mit Strohdach, wieder<br />

aufzubauen.<br />

darauf, wie groß das Interesse der Vöraner<br />

Bürger*innen selbst ist, sich an der<br />

Arbeitsgruppe und am Projekt zu beteiligen.<br />

Lebendige Strohstadel können nur<br />

bestehen bleiben, wenn Eigentümer bzw.<br />

Landwirte und Dritte – Strohanbauer, Strohdachdecker,<br />

Förderer – zusammenarbeiten<br />

und wenn die Gesellschaft den Wert<br />

der Strohdächer wieder erkennt. Ansonsten<br />

sieht es düster aus...<br />

KF: Wie bewerten Sie die Einstellung der<br />

Eigentümer der Strohdächer?<br />

Vent: Ganz unterschiedlich. Während<br />

manch einer den Strohstadel als wertvolles<br />

Gut erkennt und zur Unterbringung von<br />

kleinerem Vieh nutzt, da er daneben noch<br />

ein modernes Wirtschaftsgebäude hat, fehlt<br />

dieses beim anderen – das Strohdach hat<br />

also keinen konkreten Zweck mehr. Beim<br />

einen geht es vielleicht „nur“ um die Sorge,<br />

genug Stroh und Geldmittel für den Jahresstreifen<br />

aufzubringen, beim anderen<br />

steht der Abbruch bevor, weil Holzkonstrukt<br />

und Dach marode sind. Es muss<br />

deshalb auch auf die individuelle Situation<br />

geachtet werden. Oft sind die Eindeckung<br />

und der Erhalt des Strohstadels<br />

finanziell einfach nicht möglich. Und coronabedingt<br />

wurden die ohnehin schon geringen<br />

Landesförderungen ab <strong>2021</strong> komplett<br />

gestoppt.<br />

KF: Bei einem Treffen mit Landesrätin Maria<br />

Hochgruber Kuenzer Ende Juni wurde<br />

über mögliche Finanzierungen in der Zukunft<br />

gesprochen. Mit welchem Ergebnis<br />

ging das Treffen zu Ende?<br />

Vent: Beim Treffen mit der Landesrätin haben<br />

wir gemeinsam mit dem Heimatpflegeverband<br />

die Dringlichkeit der Problematik<br />

anhand von Zahlen und Daten belegen<br />

können. Uns wurde zugesagt, dass die Förderansuchen<br />

wohl ab Jänner 2022 wieder<br />

möglich sein würden und dass die Beiträge<br />

künftig über einen eigenen Fonds im Landesdenkmalamt<br />

ausgezahlt werden sollen.<br />

Deshalb nahm auch die Landeskonservatorin<br />

Karin Dalla Torre am Treffen teil.<br />

Das stimmt uns in Vöran nun positiv,<br />

und wir hoffen, dass diesen Worten<br />

auch Taten folgen. Es muss<br />

einem reichen Land wie Südtirol<br />

möglich sein, die wenigen noch<br />

„aktiven“ Strohstadel im Land<br />

zu erhalten und Fördermittel dafür<br />

aufzubringen.<br />

KF: Wie sehen die weiteren Schritte in<br />

Vöran aus?<br />

Vent: Über die Vöraner Dorfzeitung wird nun<br />

ein weiterer Aufruf erfolgen, um die Menschen<br />

für die Idee „Strohdach“ zu begeistern.<br />

In enger Zusammenarbeit mit Gemeinde<br />

und Eigentümern sollen dann die<br />

nächsten Schritte geplant werden. Kurzfristig<br />

gilt es vor allem, Fördermittel zu sammeln.<br />

Gesetzt wird auch auf die Unterstützung<br />

des Landes. Längerfristig soll dann<br />

der Kreislauf, wie oben dargelegt, geschaffen<br />

werden. Ein wichtiger Schritt wäre die<br />

erneute Teilnahme der Gemeinde Vöran<br />

am Leader-Projekt der kommenden Leader-Periode,<br />

um noch konkretere Maßnahmen<br />

planen und vor allem finanzieren zu<br />

können. Zudem wird sich Vöran an der Initiative<br />

des Landesdenkmalamtes (siehe eigenen<br />

Bericht, Anm. d. Red.) beteiligen.<br />

Interview: Edith Runer<br />

Ulrike Vent treibt gemeinsam mit anderen<br />

Mitstreiter*innen die Rettung<br />

der letzten Strohstadel in Vöran voran.<br />

Foto: Privat<br />

KulturFenster<br />

39 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


gedeckt<br />

Nur noch Museumsobjekte?<br />

Strohdächer werden ausgestellt und dadurch erhalten, aber …<br />

Einst abgetragene Strohdächer sind in verschiedenen<br />

Museen wieder aufgebaut worden.<br />

Das reicht aber nicht, um die Tradition<br />

fortzuführen.<br />

1968 wurde ein Strohstadel aus Vöran im<br />

Österreichischen Freilichtmuseum in Stübing<br />

bei Graz aufgebaut. In das Landesmuseum<br />

für Volkskunde in Dietenheim<br />

kam die 1984 abgetragene strohgedeckte<br />

Stallscheune vom Spatauf-<br />

Hof oberhalb von Sarnthein.<br />

Der bereits Ende der 1970er-<br />

Jahre translozierte Steildachstadel<br />

vom Ursch-Hof in Mölten<br />

fiel 1982 einem Brand<br />

zum Opfer. Als dieser 1978<br />

nach dem Aufbau im Museum<br />

vollkommen neu eingedeckt<br />

worden war, wurden<br />

dafür auf einem Acker<br />

in St. Lorenzen 150 Kilogramm<br />

Lungauer Roggen<br />

gesät. Das Tiroler Höfemuseum<br />

in Kramsach verfügt<br />

seit 1987 über den Reitererstadel<br />

aus Hafling, der bereits<br />

vor seiner Musealisierung im<br />

Landschaftsplan des Tschögglberges<br />

unter Schutz gestellt<br />

war. In Kramsach steht er<br />

neben dem Feuerhaus des<br />

Tierstaller-Hofes aus Pfalzen,<br />

zu dem ursprünglich auch<br />

ein Wirtschaftsgebäude mit<br />

Strohdach gehörte, das aber<br />

nicht ins Museum übertragen<br />

werden konnte. Als museal<br />

genutztes Gebäude in situ,<br />

das mit Stroh und Schindeln<br />

gedeckt ist, sei noch das Bienenmuseum<br />

am Plattnerhof<br />

am Ritten erwähnt.<br />

Die Schaubenstrohdächer<br />

aus Südtirol unterscheiden<br />

sich in ihrer Art des Eindeckens<br />

von den Strohdächern<br />

österreichischer Bundesländer.<br />

Die Steildächer mit ihrer<br />

großen Dachneigung und<br />

Strohdeckung gelten daher<br />

als interessante Beispiele der<br />

lokalen Bautradition.<br />

Bewahren, ausstellen,<br />

erforschen<br />

Dass verschiedene Gebäudeformen in<br />

Freilichtmuseen Platz finden, entspricht<br />

den Zielen dieses Museumstypus, der die<br />

Bewahrung, Dokumentation, Erforschung<br />

und Vermittlung des Bauens, Lebens und<br />

Arbeitens umfasst. Mit dem Translozieren<br />

Der Strohdachstadel aus Vöran im<br />

österreichischen Freilichtmuseum in<br />

Stübing<br />

Foto: Klaus Seelos<br />

Der Spatauf-Strohdachstadel im Südtiroler<br />

Landesmuseum für Volkskunde in<br />

Dietenheim Foto: Hermann Maria Gasser<br />

originaler Bauten, die an ihrem ursprünglichen<br />

Standort abbruchgefährdet waren,<br />

konnten diese vor dem Verschwinden gerettet<br />

und erforscht werden. Als Ausstellungsobjekte<br />

bieten sie heute Einblicke<br />

in die Wirtschafts-, Sozial- und Lebensgeschichte<br />

der bäuerlichen Bevölkerung.<br />

Neben dem wissenschaftlichen Sammeln<br />

von Arbeitsgeräten und Werkzeug geht<br />

es in der musealen Tätigkeit<br />

auch um die Vermittlung<br />

und Weitergabe alter<br />

Handwerkstechniken.<br />

Gebäude vor Ort<br />

erhalten<br />

Trotz aller Bemühungen,<br />

stoßen auch Museen<br />

an ihre Grenzen. Durch<br />

das Translozieren werden<br />

Gebäude aus ihrem<br />

landwirtschaftlichen und<br />

landschaftlichen Kontext<br />

gerissen. Nur wenige große<br />

Freilichtmuseen wie Ballenberg<br />

in der Schweiz haben<br />

die räumliche Möglichkeit,<br />

die regionaltypischen<br />

Gebäude auch in eine ihnen<br />

entsprechende Umgebung,<br />

in die Kulturlandschaft<br />

nach historischem<br />

Vorbild des Ursprungsortes<br />

einzubetten. Daher ist es in<br />

Südtirol wichtig – gerade<br />

auch in Bezug auf die aktuelle<br />

Diskussion um die Zukunft<br />

von Raum und Landschaft<br />

–, die letzten noch<br />

verbliebenen Strohdächer,<br />

die für ein Landschaftsgebiet<br />

wie dem Tschögglberg<br />

typisch und prägend waren,<br />

an ihrem originalen<br />

Standort zu erhalten. Wissend,<br />

dass es dafür fachliche<br />

Unterstützung, Vernetzung<br />

und finanzielle<br />

Förderung braucht.<br />

Barbara M. Stocker<br />

KulturFenster<br />

40 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Heimatpege<br />

Dinge des Alltags<br />

aus Geschichte und<br />

Gegenwart<br />

Der Dreschbock<br />

Der Dreschbock wurde früher verwendet, um die Garben auszuschlagen.<br />

Foto: Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde/Hermann Maria Gasser<br />

Wenn von einem Bock die Rede ist, denken<br />

einige wohl gleich an ein Jagderlebnis,<br />

andere an das Bockspringen und wieder<br />

andere vielleicht an den sprichwörtlich<br />

größten Bock, den sie je in ihrem Leben<br />

geschossen haben.<br />

Doch als Böcke sind in unserem Wortschatz<br />

auch Gestelle bekannt, die zum Unterstellen,<br />

Abstellen oder Auflegen verwendet<br />

werden. So verhindert der Fassbock<br />

das Rollen eines Fasses, der Beschlagoder<br />

Hufbock dient beim Beschlagen der<br />

Pferde zum Auflegen der Hufe. Stellböcke<br />

waren auch für Zummen oder Mistkörbe in<br />

Gebrauch. Sie bestanden aus einem dreifüßigen<br />

Holzgestell mit einem Abstellbrett.<br />

Auch beim Verarbeiten des Strohs war<br />

ein Holzgestell von Nutzen, das sich in<br />

seiner Machart von den bisher genannten<br />

unterschied: der Dreschbock. Er bestand<br />

aus einem vierfüßigen Balkengestell<br />

mit einem Gitter aus Holz, in seltenen<br />

Fällen auch mit einem Eisenrost. Dieses<br />

Gestell wurde verwendet, um die Garben<br />

auszuschlagen.<br />

Für die unterschiedlichen Böcke, die im<br />

bäuerlichen Alltag zum Einsatz kamen,<br />

gibt es unterschiedliche regionale Bezeichnungen.<br />

So schreibt Matthias Ladurner-Parthanes,<br />

dass das Gestell für<br />

die Mistkörbe im Eisacktal „Steller“ und<br />

im Burggrafenamt „Huenzl“ hieß. Der<br />

Dreschbock wurde im Pustertal „Roggebock“<br />

genannt, in Osttirol „Patsche“. Das<br />

Ausschlagen nannte man auch „Plöschn“<br />

(Schlagen), wie Hans Grießmair schreibt.<br />

Man nahm dabei auch noch einen hölzernen<br />

Knüppel zu Hilfe. Durch das Handmähen<br />

und vorsichtige Ausschlagen auf<br />

dem Roggenbock blieben die Garben<br />

geschont und bildeten ein gutes Material<br />

zum Decken der Strohdächer oder<br />

auch zum Herstellen der Strohhüte und<br />

Bienenkörbe.<br />

Barbara M. Stocker<br />

Literatur:<br />

Hans Grießmair: Bewahrte Volkskultur.<br />

Zweite, bearbeitete Auflage, Dietenheim 2013<br />

Matthias Ladurner-Parthanes: Vom Perglwerk<br />

zur Torggl, Bozen 1972<br />

KulturFenster<br />

41 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


informiert & reektiert<br />

„Nicht zur Tagesordnung<br />

zurückkehren“<br />

71. Vollversammlung des Heimatpflegeverbandes Südtirol in St. Ulrich<br />

Für Natur- und<br />

Klimaschutz<br />

Sparte nicht mit Kritik am verantwortungslosen Umgang mit der Natur und der historischen<br />

Bausubstanz: Obfrau Claudia Plaikner<br />

Fotos: HPV<br />

Corona abhaken und dann wieder zur Tagesordnung<br />

zurückkehren – das darf es<br />

nicht geben. Die Pandemie hat Schwachstellen<br />

in unserem System aufgezeigt und<br />

deutlich gemacht, dass wir als Gesellschaft<br />

eine große Verantwortung tragen, betonte<br />

Obfrau Claudia Plaikner auf der 71. Vollversammlung<br />

des Heimatpflegeverbandes<br />

Südtirol am 12. Juni in St. Ulrich.<br />

Aus gutem Grund fand die 71. Vollversammlung<br />

des Heimatpflegeverbandes<br />

Südtirol – aufgrund der Coronapandemie<br />

in reduziertem Rahmen – im Kulturhaus<br />

„Luis Trenker“ in St. Ulrich statt. In Gröden<br />

feiert der Naturschutz- und Heimatpflegeverein<br />

Lia per Natura y Usanzes heuer sein<br />

50-Jahr-Jubiläum (das „KulturFenster“ hat<br />

berichtet) und lud deshalb nach der Versammlung<br />

zum Festakt ein.<br />

Zunächst aber galt es für den Heimatpflegeverband,<br />

kritisch zurück und visionär nach<br />

vorne zu blicken. Obfrau Claudia Plaikner<br />

erinnerte in ihrer Rede an die Coronakrise,<br />

in der sich die Heimatpfleger*innen in ihrer<br />

Arbeit und in ihrem Wunsch nach mehr Zurückhaltung,<br />

Rückbesinnung auf das Wesentliche,<br />

das Beständige und Wertvolle oft<br />

bestätigt gefühlt hätten. Nun, da Corona in<br />

den Hintergrund zu treten scheint, dürfe<br />

man diese Haltung nicht über Bord werfen:<br />

„Jeder von uns wird seinen Umgang<br />

mit Natur- und menschlichen Ressourcen<br />

hinterfragen müssen, wenn wir den<br />

Bestand unserer kleinen und großen Heimat<br />

auch für die Zukunft sichern wollen.“<br />

Ein Negativbeispiel für den Umgang mit<br />

der Natur ist die problematische Inszenierung<br />

der alpinen Landschaft, die im vergangenen<br />

Sommer u. a. mit der Errichtung<br />

einer Aussichtsplattform auf der Grawand<br />

im hinteren Schnalstal sowie mit der Eröffnung<br />

eines sogenannten Fun-Klettersteiges<br />

im Zieltal im Naturpark Texelgruppe zweifelhafte<br />

Höhepunkte erlebt hatte. Ganz aktuell<br />

ist es die geplante Neuauflage des<br />

Glasturmes am Rosengarten, die nicht unkommentiert<br />

bleiben darf. „Halten wir die<br />

Berge frei von künstlich geschaffenen Beigaben“,<br />

mahnte Claudia Plaikner bei der<br />

Versammlung. „Erkennen wir die Grenzen<br />

unserer persönlichen Möglichkeiten<br />

der Annäherung oder Begehung an und<br />

erfreuen wir uns an dem von der Natur<br />

Gegebenen.“ Sensibilisierung für die Erhaltung<br />

wertvoller Naturräume und der<br />

Biodiversität geht auch über Umweltausgleichsmaßnahmen.<br />

Dazu führte der HPV<br />

gemeinsam mit dem Dachverband für Natur-<br />

und Umweltschutz und dem AVS eine<br />

Online-Veranstaltungsreihe durch. In diesem<br />

Zusammenhang nannte die Obfrau<br />

auch die Klimakrise, die alle vor die Alternative<br />

stellen wird: „Entweder umstellen<br />

oder untergehen.“ Dennoch gebe es<br />

in Südtirol Unternehmer, die dieser Herausforderung<br />

zum Trotz auf Flugverkehr<br />

und dabei sogar kürzere Strecken wie Bozen–Parma<br />

setzen würden.<br />

Für die Erhaltung<br />

historischer Bausubstanz<br />

Der Rückblick des Heimatpflegeverbandes<br />

führte unweigerlich auch zum neuen Gesetz<br />

für Raum und Landschaft, das wegen<br />

nachträglicher Änderungen zu verwässern<br />

droht und daher einer kritischen Begleitung<br />

bedarf. Auch erfolgten im Jahr 2020<br />

einige massive Eingriffe in die wertvolle historische<br />

Bausubstanz des Landes. Meh-<br />

KulturFenster<br />

42 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


„<br />

Halten wir die Berge frei von künstlich<br />

geschaffenen<br />

„<br />

Beigaben!<br />

Claudia Plaikner<br />

rere denkmal- bzw. ensemblegeschützte<br />

Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht<br />

oder sind stark bedroht, was den<br />

Heimatpflegeverband dazu veranlasste,<br />

gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt<br />

einen Weckruf an Politik, Gemeinden,<br />

Bauherren und Gesellschaft zu richten.<br />

Der Tenor: Wenn die einzigartige Baukultur<br />

der Südtiroler Täler und Landschaften<br />

verschwindet, verschwinden auch die Authentizität<br />

und ein wesentlicher Teil der Attraktivität<br />

Südtirols. Als Reaktion auf einige<br />

Gebäudeabrisse erklärte der Heimatpflegeverband<br />

das Jahr <strong>2021</strong> zum Themenjahr<br />

„Baukultur“.<br />

Nicht mehr auf der Agenda des Heimatpflegeverbandes<br />

steht seit Jänner <strong>2021</strong><br />

die Abwicklung der Beitragsvergabe für<br />

die Erhaltung der Kleindenkmäler. Dieser<br />

Aufgabenbereich wurde an das Land abgegeben.<br />

Der Verband werde sich aber,<br />

wie Obfrau Claudia Plaikner betonte, weiterhin<br />

im Rahmen seiner Möglichkeiten<br />

für die vielen kleinen handwerklichen<br />

und bautechnischen Besonderheiten einer<br />

vorwiegend bäuerlichen Umgebung<br />

einsetzen.<br />

30 Jahre Einsatz für den<br />

Heimatpegeverband<br />

Landesobfrau Claudia Plaikner nutzte die<br />

Gelegenheit, um Verbandsgeschäftsführer<br />

Josef Oberhofer – er ging kurze Zeit später<br />

in den Ruhestand – zu danken. Er sei<br />

stets „mit Leidenschaft für die Heimat gepaart<br />

mit Intelligenz, Hausverstand und Organisationstalent“<br />

bei der Sache gewesen<br />

und habe sich durch Loyalität und engagierte<br />

Arbeit ausgezeichnet.<br />

50 Jahre Lia per<br />

Natura y Usanzes<br />

Der Vollversammlung des Heimatpflegeverbandes<br />

folgte der Festakt „50 Jahre Lia per<br />

Natura y Usanzas“ – coronabedingt mit begrenzter<br />

Gästezahl. Drei Wünsche für die<br />

Zukunft äußerte Obmann Engelbert Mauroner<br />

in seiner Einleitung: erstens mehr<br />

Aufmerksamkeit für die Jugend, zweitens<br />

eine ruhigere Lebensart, die nicht auf ständiges<br />

Wachstum ausgerichtet ist, und drittens<br />

die Unterschutzstellung des Langkofels<br />

und der Cunfinböden.<br />

Höhepunkte der Festveranstaltung waren<br />

u. a. die Vorstellung der Festschrift „50<br />

Jahre Einsatz für Natur und Tradition –<br />

50 Jahre Lia per Natura y Usanzes“ und<br />

ein Film als Rückblick auf ein halbes Jahrhundert<br />

Einsatz für die Erhaltung der Natur-<br />

und Kulturlandschaft, für den Schutz<br />

von Luft, Gewässern und Böden, für Flora<br />

und Fauna. Engelbert Mauroner begrüßte<br />

unter den Gästen Klauspeter Dissinger,<br />

„<br />

Jeder von uns wird seinen Umgang<br />

mit Natur- und menschlichen Ressourcen<br />

hinterfragen müssen, wenn<br />

wir den Bestand unserer kleinen<br />

„<br />

und großen Heimat auch für die<br />

Zukunft sichern wollen<br />

Engelbert Mauroner<br />

den Vorsitzenden des Dachverbandes für<br />

Natur- und Umweltschutz, sowie Claudia<br />

Plaikner, Obfrau des Heimatpflegeverbandes,<br />

die Grußworte sprachen. Aufgelockert<br />

wurde der Festakt durch Klaviermusik,<br />

eine Trachtenvorführung und einen<br />

Auftritt der Volkstanzgruppe St. Ulrich.<br />

Heimatpflegeverband Südtirol<br />

Arbeitsgemeinschaften<br />

Lebendige Tracht und<br />

MundART<br />

Einsetzen werde man sich auch weiterhin<br />

für die Erhaltung von Traditionen und Riten,<br />

so Obfrau Claudia Plaikner. Sie seien<br />

beredte Zeugen einer territorial klar defi<br />

nierten Kulturgeschichte. Gepflegt werden<br />

sie u. a. von der Arbeitsgemeinschaft<br />

Lebendige Tracht, die im Heimatpflegeverband<br />

angesiedelt ist und die 2020 die<br />

Broschüre „Fesch in Tracht – Tipps zum<br />

Tragen und Pflegen der Tracht“ herausgegeben<br />

hat. Auch die Arbeitsgemeinschaft<br />

MundART im Heimatpflegeverband leistet<br />

einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung von<br />

Dialekt und Sprache und unterstreicht den<br />

Wert der Flur-und Ortsnamen durch Dokumentation<br />

und Information.<br />

Engelbert Mauroner, Obmann der „Lia per Natura y Usanzas“, die ihr 50-jähriges Bestehen<br />

feierte, nannte drei Wünsche für die Zukunft.<br />

KulturFenster<br />

43 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


informiert & reektiert<br />

„Mehr agieren statt<br />

reagieren“<br />

Florian Trojer, der neue Geschäftsführer<br />

des Heimatpflegeverbandes Südtirol, im Interview<br />

Große Statur, ebenso großes Engagement,<br />

freundliches Wesen und sympathischer<br />

Sarner Dialekt – das ist Florian Trojer im<br />

kurzen Steckbrief. Das „KulturFenster“ will<br />

noch etwas mehr über den neuen HPV-Geschäftsführer<br />

wissen.<br />

KulturFenster: Sie arbeiten seit rund zwei<br />

Jahren beim Heimatpflegeverband Südtirol.<br />

Für alle, die Sie noch nicht kennen:<br />

Wer ist der neue Geschäftsführer?<br />

Florian Trojer: Ich bin 46 Jahre alt, bin in<br />

Bundschen im Sarntal aufgewachsen, habe<br />

in Innsbruck Geschichte studiert und danach<br />

mehrere Jahre lang in Form von Projektverträgen<br />

beim Südtiroler Landesarchiv<br />

sowie beim Alpenverein Südtirol gearbeitet.<br />

Anschließend war ich zehn Jahre lang<br />

beim AVS angestellt und habe 2019 die<br />

Stelle als Assistent des Geschäftsführers<br />

beim Heimatpflegeverband Südtirol angetreten.<br />

Ich bin verheiratet, habe zwei Söhne<br />

und wohne mit meiner Familie in Tramin.<br />

KF: Als Nachfolger von Josef Oberhofer<br />

treten Sie in große Fußstapfen. Was motiviert<br />

Sie an der neuen Aufgabe?<br />

Trojer: Es stimmt, Josef Oberhofer hat den<br />

Verband aufgebaut und geprägt. Aber gerade<br />

diese Fußstapfen sind auch Motivation<br />

für mich. Außerdem trage ich die Ziele und<br />

Grundsätze des Heimatpflegeverbandes zu<br />

100 Prozent mit – ob es um den Schutz<br />

der Landschaft und des Klimas, um eine<br />

qualitätsvolle Baukultur und den Erhalt von<br />

Kleindenkmälern, um die gelebte Tradition,<br />

etwa auch durch Tracht und Mundart, oder<br />

um nachhaltiges Wirtschaften und umweltbewusste<br />

Mobilität geht. Diese Überzeugung<br />

macht es mir leicht, mich auch<br />

zu 100 Prozent für die Anliegen des Verbandes<br />

einzusetzen.<br />

KF: Es ist ein breitgefächertes Repertoire,<br />

in dem Sie sich bewegen müssen.<br />

Trojer: Natürlich bin ich nicht in allen Themen<br />

Experte, aber dafür gibt es ja draußen<br />

in den Orten viele fähige Mitarbeiterinnen<br />

und Mitarbeiter mit Visionen und<br />

Engagement. Auf sie kann und möchte<br />

ich zählen.<br />

Obfrau Claudia Plaikner verabschiedet Josef Oberhofer (l.) in den Ruhestand und freut sich auf die Zusammenarbeit mit dem neuen<br />

Geschäftsführer Florian Trojer.<br />

KulturFenster<br />

44 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Heimatpege<br />

„<br />

Unsere kleinen Paradiese und<br />

Wunder brauchen Unterstützer und<br />

Verteidiger, eben eine Lobby, damit<br />

sie erhalten bleiben und fortgesetzt<br />

„<br />

werden können.<br />

Florian Trojer<br />

KF: Welche wird die größte Herausforderung<br />

der nächsten Jahre sein?<br />

Trojer: Der Verband hat zwei Grundaufgaben.<br />

Zum einen sensibilisiert er die Menschen<br />

für seine Themen – also er agiert,<br />

um Missständen und Fehlentwicklungen<br />

vorzubeugen. Zum anderen spielt er gewissermaßen<br />

Feuerwehr. Er reagiert also,<br />

wenn es irgendwo „brennt“, wenn Landschaft,<br />

Baukultur oder gelebtes Brauchtum<br />

in Gefahr sind. Oft nimmt man den<br />

Verband leider erst wahr, sobald er lautstark<br />

reagiert – und dann ist es manchmal<br />

schon zu spät. Deshalb besteht die große<br />

Herausforderung der Zukunft darin, den<br />

Hebel mehr in Richtung Sensibilisierung –<br />

also „Agieren“ – zu schieben. Damit sollte<br />

es in der Folge weniger oft notwendig sein,<br />

nur noch zu reagieren.<br />

KF: Gibt es neue, vielleicht noch zu wenig bearbeitete<br />

Themen, die Sie angehen möchten?<br />

Trojer: Der Verband wird oft als rückwärts<br />

schauend und an etwas festhaltend dargestellt.<br />

Ich habe in den vergangenen zwei<br />

Jahren meiner Arbeit das genaue Gegenteil<br />

festgestellt. Es ist gerade der Heimatpflegeverband,<br />

der sich bereits seit Jahrzehnten<br />

für Themen stark macht, die uns aktuell und<br />

in Zukunft immer mehr beschäftigen werden.<br />

Denken wir an die Biodiversität durch<br />

einen respektvollen Umgang mit der Landschaft<br />

oder an den Klimaschutz durch angemessenes<br />

Bauen und weniger Verkehr.<br />

Insofern werde ich dort weitermachen, wo<br />

mein Vorgänger aufgehört hat.<br />

KF: Welches Thema liegt Ihnen persönlich<br />

besonders am Herzen liegt?<br />

Trojer: In unserer Image-Broschüre „Dafür<br />

machen wir uns stark“ heißt es unter anderem<br />

„… für die vielen kleinen Paradiese<br />

und Wunder“. Eben diese unscheinbaren<br />

Schätze liegen mir besonders am Herzen.<br />

Denn im Unterschied zu reinen Naturschutzverbänden<br />

setzt sich der Heimatpflegeverband<br />

nicht nur für die Natur ein,<br />

sondern ist gewissermaßen der Anwalt der<br />

kleinen Paradiese. Das sind besondere Orte<br />

– es kann zum Beispiel auch nur ein Hügel<br />

oder die Kombination aus einem Baum<br />

und einem Weg oder ein besonderes Ensemble<br />

in einem Ort sein. Wahrscheinlich<br />

kennt jeder in seinem Dorf oder in seiner<br />

Umgebung einen solchen Platz. Diese Orte<br />

versprühen eine besondere Faszination,<br />

und sie machen zu einem wichtigen Teil<br />

die sehr gute Lebensqualität hier in Südtirol<br />

aus. Diese Paradiese und Wunder müssen<br />

aber nicht unbedingt reale Orte sein,<br />

sie können auch immaterieller Natur sein.<br />

Ich denke da an spezielle Traditionen und<br />

Handfertigkeiten wie das Scheibenschlagen<br />

im Vinschgau oder das Federkielsticken<br />

im Sarntal, um nur zwei zu nennen.<br />

Denn es gibt überall solche Besonderheiten.<br />

Sie brauchen Unterstützer und Verteidiger,<br />

eben eine Lobby, damit sie erhalten bleiben<br />

und fortgesetzt werden können.<br />

Persönlich liegt mir auch das Thema Verkehr<br />

am Herzen. Es muss in Zukunft durch<br />

entsprechende Gestaltung von Dörfern und<br />

Städten gelingen, den Fußgängern und Radfahrern<br />

jenen Platz einzuräumen, der ihnen<br />

als umweltfreundlichste Verkehrsteilnehmer<br />

gebührt.<br />

Interview: Edith Runer<br />

KulturFenster<br />

45 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


informiert & reektiert<br />

Umweltausgleichsmaßnahmen<br />

Notwendiges Übel oder Chance?<br />

Alpenverein Südtirol (AVS), Dachverband für<br />

Natur- und Umweltschutz und Heimatpflegeverband<br />

Südtirol (HPV) haben ein großes Interesse<br />

daran, dass Umweltausgleichsmaßnahmen<br />

aus ökologischer Sicht so sinnvoll<br />

und effizient wie möglich umgesetzt werden.<br />

Während der ökologische Ausgleich<br />

für die drei Organisationen ein selbstverständlicher<br />

Baustein des Natur- und Landschaftsschutzes<br />

in Südtirol ist, wird er in<br />

der Praxis oft als lästige Pflicht gesehen.<br />

Streng genommen ist kein Eingriff in ein<br />

Ökosystem korrigierbar. Ausgleichsmaßnahmen<br />

können die ökologischen Beeinträchtigungen<br />

durch einen Baueingriff nie<br />

wettmachen. Besser ist es immer, ökologische<br />

Beeinträchtigungen zu vermeiden<br />

oder die negativen Auswirkungen eines Projektes<br />

zu verringern bzw. Projekte zu optimieren.<br />

Trotzdem sind Eingriffe in die Natur<br />

für unser Leben und Wirtschaften manchmal<br />

notwendig. Hierfür hat auch in Südtirol<br />

der Gesetzgeber vorgeschrieben, dass unvermeidbare<br />

Eingriffe in Natur und Landschaft<br />

nach Möglichkeit auszugleichen sind.<br />

Leider ist der rechtliche Rahmen vielfach<br />

unklar, die Unsicherheit bei Ämtern, Gemeinden,<br />

Planern und Umweltverbänden<br />

oft groß. Zudem muss die ökologische Sinnhaftigkeit<br />

bestimmter Maßnahmen wie den<br />

x-ten neu angelegten Weiher in Frage ge-<br />

stellt werden. Deshalb organisierten AVS,<br />

Dachverband und Heimatpflegeverband<br />

im April und Mai <strong>2021</strong> eine Online-Vortragsreihe.<br />

Ausgehend von der Ist-Situation<br />

in Südtirol (Kurzbericht erstellt von<br />

Kathrin Kofler, ARGE Natura) haben Referenten<br />

verschiedene Ansätze zu den Umweltausgleichmaßnahmen<br />

aus unseren<br />

Nachbarländern Schweiz, Österreich und<br />

Deutschland vorgestellt. Die Vortragsreihe<br />

wurde von jeweils 30 bis 100 Teilnehmern<br />

an drei Abenden verfolgt.<br />

Ist-Situation in Südtirol<br />

Während in unseren Nachbarländern zwischen<br />

Ausgleichsmaßnahmen, Ersatzmaßnahmen<br />

und Ausgleichzahlungen unterschieden<br />

wird (Kompensationsmaßnahmen<br />

umfassen sowohl Ausgleichs- als auch Ersatzmaßnahmen),<br />

werde diese in Südtirol<br />

als „Ausgleichsmaßnahmen“ zusammengefasst.<br />

Sie werden in den unterschiedlichen<br />

Landesgesetzen und -leitlinien behandelt.<br />

Allerdings sind die Interpretations- und<br />

Umsetzungsspielräume oft groß. Um eine<br />

möglichst transparente und vergleichbare<br />

Vorgehensweise bei der Festlegung der Art<br />

und des Umfangs von Kompensationsmaßnahmen<br />

sicherzustellen, wären folgende<br />

Rahmenbedingungen hilfreich:<br />

➤<br />

➤<br />

➤<br />

➤<br />

➤<br />

➤<br />

➤<br />

Biotopwertliste und Rote Liste der Lebensräume<br />

Südtirols als Bewertungsgrundlage,<br />

Richtlinien mit einheitlichen Bewertungsstandards<br />

und -methoden für<br />

alle Arbeitsschritte (Bewertung Ist-Zustand,<br />

Bilanzierung, Kompensation),<br />

Definition von Entwicklungs- und Erhaltungszielen<br />

für Lebensräume und<br />

Arten,<br />

Entwicklung von Standards im Verfahren,<br />

Verpflichtung einer ökologischen Baubegleitung,<br />

Umsetzungs- und Erfolgskontrolle der<br />

Maßnahmen,<br />

fl exiblere Instrumente wie Flächenpool<br />

oder Ökokonto.<br />

Chance für neue<br />

Landschaftskultur<br />

Ersatzmaßnahmen beruhen idealerweise<br />

auf Zielbildern der Gesellschaft oder auf<br />

einer Landschaftsstrategie. Sie beziehen<br />

Behörden, Bauherren, NGOs und die Bevölkerung<br />

mit ein. Nur so wird die langfristige<br />

Erhaltung garantiert. Ersatzmaßnahmen<br />

erbringen dann auch einen Mehrwert<br />

für die Bevölkerung und sind somit Chance<br />

für eine neue Landschaftskultur.<br />

Eingriff und Ausgleich sollten sich die Waage halten.<br />

Screenshot: REVITAL Integrale Naturraumplanung GmbH<br />

Eingriff<br />

➤<br />

Kompensationsbedarf<br />

Ausgleich<br />

➤<br />

Kompensationswert<br />

KulturFenster<br />

46 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Heimatpege<br />

Eingriff = Ausgleich<br />

Voraussetzung ist, dass ein Eingriff per se<br />

rechtlich bewilligungsfähig ist. Eine Bewilligung<br />

darf nicht aufgrund der Ausgleichsmaßnahmen<br />

erteilt werden. Eingriff und<br />

Ausgleich sollten sich die Waage halten.<br />

Kompensationsflächen sollten keine Maßnahmen<br />

umfassen, die sowieso verpflichtend<br />

sind wie zum Beispiel die Pflege von<br />

Wiesen. Vorrangig sollten Flächen mit einem<br />

hohem Aufwertungspotenzial herangezogen<br />

werden. Idealerweise sollte eine Flächenbereitstellung<br />

auf Betriebsdauer bestehen,<br />

sprich solange bestehen bleiben,<br />

wie auch der Eingriff besteht.<br />

Um zu berechnen, wie groß der Kompensationsbedarf<br />

für einen Eingriff ist, gibt es<br />

unterschiedliche Verfahren: Verbal argumentativ,<br />

Biotopwertverfahren (Fläche),<br />

Kompensationsverfahren (Punkte), Herstellungskostenansatz<br />

(Euro). In Deutschland,<br />

Österreich und der Schweiz ist ein<br />

Trend zur Anwendung von Berechnungsmodellen<br />

erkennbar. Mit diesem Hilfsmittel<br />

wird versucht, Eingriffe in Natur und<br />

Landschaft transparent zu bewerten und<br />

mit Ausgleichsmaßnahmen vergleichbar<br />

zu machen. Biotopwertverfahren eignen<br />

sich für Lebensräume und Biotope,<br />

weil dafür die Berechnung über die Fläche<br />

sehr gut gemacht werden kann. Die<br />

schönsten Modelle nützen jedoch nichts,<br />

wenn die Umsetzung nicht funktioniert. Zudem<br />

sind Kontrolle und ein Monitoring der<br />

Ausgleichsflächen unabdingbar. Mit einem<br />

Kompensationsflächenkataster könnte eine<br />

Verortung und Dokumentation der Maßnahmen<br />

in einer GIS-Datenbank erfolgen.<br />

Vorrat anlegen<br />

Bauarbeiten für die neue Talabfahrt in Schnals<br />

In Deutschland existieren mit Ökokonten<br />

und Flächenpools fl exible Lösungen<br />

bei der rechtlichen Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen.<br />

Flächenpools bevorraten<br />

potentielle Ausgleichsflächen, wo<br />

die Grundverfügbarkeit geklärt ist, jedoch<br />

noch keine Maßnahmen umgesetzt sind.<br />

Im Unterschied dazu sind beim Öko-Konto<br />

die Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen bereits<br />

umgesetzt und rechtlich gesichert. Sie<br />

werden dann einem späteren Eingriff zugeordnet<br />

und nach Zustimmung der Naturschutzbehörde<br />

ins Kompensationsverzeichnis<br />

(öffentlich einsehbar) eingebucht.<br />

Jeder kann Ökokontoflächen zur Verfügung<br />

stellen, vorausgesetzt, die Flächen<br />

sind aufwertungsfähig. Der Wert eines Ökokontos<br />

wird in „Ökopunkten“ dargestellt<br />

(Biotopwertverfahren). Ökokonten sind in<br />

einer eigenen Ökokontoverordnung geregelt.<br />

Allerdings kann nach dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz<br />

bei privaten Verursachern<br />

keine Kompensation bis in alle<br />

Ewigkeit stattfinden, sondern es wird eine<br />

aktive Pflege von 25 Jahren gefordert. Da<br />

die Flächen dauerhaft zur Verfügung stehen<br />

müssen und dinglich gesichert werden<br />

(Eintrag ins Grundbuch), fallen die Flächen<br />

danach aber nicht in den rechtsfreien<br />

Raum. Es gilt: Die Aufwertung muss dauerhaft<br />

sein und es darf nichts getan werden,<br />

um dies aktiv abzuwerten. Das Ökokonto<br />

hat den Vorteil, dass Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen<br />

gebündelt auf größeren<br />

zusammenhängenden Flächen vorgenommen<br />

werden können und dadurch ein optimierter<br />

ökologischer Mehrwert erzeugt<br />

wird. Ökokonten ermöglichen eine langfristige<br />

Entwicklung der Natur, die nicht<br />

erst mit dem Zeitpunkt der Eingriffs- und<br />

Ersatzmaßnahme beginnt, sondern schon<br />

lange vorher eingesetzt hat. Zudem führen<br />

sie zu einer Verfahrensbeschleunigung<br />

und Planungssicherheit für Projektwerber.<br />

Nachteil ist, dass der direkte Zusammenhang<br />

zwischen Eingriff und Ausgleich aufgelöst<br />

wird. Ohne Kontrolle ist aber auch<br />

bei Ökokontomaßnahmen die naturschutzfachliche<br />

Qualität nicht per se gegeben.<br />

Foto: AVS<br />

Landschaftspegeverbände<br />

und Flächenagenturen<br />

In Deutschland, speziell in Bayern, treten<br />

gemeinnützige Landschaftspflegeverbände<br />

als Akteure des kooperativen Naturschutzes<br />

auf, indem sie sich für die Erhaltung<br />

und Pflege besonderer Biotope in Zusammenarbeit<br />

mit der lokalen Landwirtschaft<br />

engagieren. Gemeinsam mit privatrechtlich<br />

organisierten Flächenagenturen, die<br />

speziell für die fachliche und wirtschaftliche<br />

Seite eine wichtige Ergänzung sind,<br />

übernehmen Landschaftspflegeverbände<br />

im Zuge von Vorhaben mit großen Naturschutzverpflichtungen<br />

(Netzbetreiber,<br />

Deutsche Bahn, Verkehrsbehörden) auch<br />

die Umsetzung von Ökokontomaßnahmen<br />

und die langfristige Betreuung der Flächen<br />

und Maßnahmen.<br />

Aus Sicht der Landschaftspflegeverbände<br />

und Flächenagenturen müsste die Meldepflicht<br />

der Kompensationsmaßnahmen<br />

konsequent umgesetzt und die Flächen<br />

und Maßnahmen in einer GIS-Datenbank<br />

veröffentlicht werden. Auch eine konsequente<br />

Kontroll- und Berichtspflicht mit<br />

langfristiger Betreuung und eine stärkere<br />

Unterstützung von Vorhabenträgern und<br />

Gemeinden wären wünschenswert.<br />

Anna Pichler<br />

AVS-Referat für Natur und Umwelt<br />

KulturFenster<br />

47 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


informiert & reektiert<br />

Keine Angst vor Beteiligung<br />

Warum Bürger*innen bei der Gestaltung<br />

von Lebensräumen mitreden sollten<br />

zu aktivieren: Dort können sie an Entscheidungen<br />

und Entwicklungen in ihrem unmittelbaren<br />

Umfeld mitwirken.<br />

Auf den Punkt gebracht lassen sich zehn gute<br />

Gründe für Bürgerbeteiligung formulieren:<br />

Beteiligungsprozesse müssen gut geplant und professionell durchgeführt werden.<br />

Es gibt ganz konkrete Gründe, warum die<br />

Beteiligung der Bürger*innen bei der Planung<br />

von Gebäuden und bei der Gestaltung<br />

von Lebensräumen wichtig ist. Klar formuliert<br />

hat sie der Wiener Architekt Roland<br />

Gruber bei einem Vortrag im Rahmen der<br />

Reihe „Baukultur für alle?!“ der Architekturstiftung<br />

Südtirol in Zusammenarbeit mit<br />

dem Heimatpflegeverband Südtirol. In folgendem<br />

Bericht fassen er und sein Kollege,<br />

der Landschaftsarchitekt Florian Kluge, die<br />

wichtigsten Punkte zusammen.<br />

Kommunen investieren jedes Jahr viele Milliarden<br />

in räumliche Konzepte, Planungen<br />

und neue Gebäude, sie gehören damit zu<br />

den größten Bauherren im Land und gestalten<br />

wesentlich den Lebensraum der<br />

Menschen. Gefragt sind Projekte, die mit<br />

„<br />

Bürger*innen kennen ihr Quartier<br />

oder ihren Ort am besten und<br />

haben vielfach zukunftsweisende<br />

Ideen, die eine Basis für nachhaltige<br />

Lösungen und breite Akzeptanz<br />

„<br />

vor Ort sind.<br />

Roland Gruber<br />

dem Budget einen maximalen Effekt für<br />

die Gemeinschaft erzielen. Dabei kommt<br />

nahezu kein kommunales Entwicklungskonzept,<br />

kein städtebaulicher Entwicklungsprozess,<br />

kein öffentliches Bauprojekt<br />

– und immer öfter auch Projekte von privaten<br />

Errichtern – mehr ohne die Einbindung<br />

der Betroffenen aus. Einerseits mit<br />

dem Ziel, die Bedürfnisse der verschiedenen<br />

Akteure kennenzulernen und Akzeptanz<br />

für neue Lösungen zu schaffen.<br />

Andererseits soll mit Blick auf die qualitätsvolle<br />

Gestaltung unserer Dörfer, Städte<br />

und Quartiere das volle Potential und die<br />

positive Energie der Bürger*innen entfaltet<br />

und genutzt werden.<br />

Warum Bürgerbeteiligung?<br />

Eine Beteiligung der Bürgerschaft gerade<br />

bei komplexen räumlichen Fragestellungen<br />

und Bauaufgaben ist heute notwendiger<br />

denn je. Prozesshaftes Arbeiten mit<br />

Bürger*innen führt vielfach zu besseren<br />

Lösungsansätzen. Bürger*innen kennen<br />

ihr Quartier oder ihren Ort am besten und<br />

haben vielfach zukunftsweisende Ideen, die<br />

eine Basis für nachhaltige Lösungen und<br />

breite Akzeptanz vor Ort sind. Im Zeitalter<br />

der Politikverdrossenheit sind Bauaufgaben<br />

ein geeigneter Weg, die Bürgerschaft<br />

1. Mehr Akzeptanz durch Transparenz:<br />

Wenn Zukunftsvorstellungen und Projekte<br />

klar und transparent kommuniziert<br />

und gemeinsam erarbeitet werden,<br />

wenn rechtzeitig Raum für Bedenken<br />

und Ideen gegeben wird, dann werden<br />

sie von einer breiten Mehrheit getragen.<br />

Es gibt weniger Verzögerungen<br />

und weniger Gegenwind.<br />

2. Mehr Vielfalt durch mehr Ideen: Mehr<br />

Menschen haben mehr Ideen und<br />

machen Lösungen bunter und vielfältiger.<br />

Das Einbringen von vielen Köpfen,<br />

mannigfaltigen Kompetenzen und<br />

Sichtweisen macht Ergebnisse vielfältiger,<br />

passgenauer und besser.<br />

3. Mehr Zufriedenheit durch Umsetzung:<br />

Sind mehr Menschen aktiv, können<br />

mehr Dinge angepackt werden. Es muss<br />

weniger „auf die lange Bank“ geschoben<br />

werden. Das führt zu mehr Zufriedenheit<br />

in der Bevölkerung.<br />

4. Mehr Identifikation durch Verbundenheit:<br />

Menschen gestalten ihren Lebensort<br />

mit, beschäftigen sich mit ihrem<br />

Dorf, ihrer Stadt, ihrer Schule. Das Verständnis<br />

für Zusammenhänge und Zusammengehörigkeit<br />

wächst. Identifikation<br />

und Verbundenheit steigen. Wer<br />

seinen Ort liebt, setzt sich für ihn ein.<br />

5. Mehr Gemeinschaft durch Offenheit:<br />

Gemeinsam an einer Fragestellung<br />

zu arbeiten, verbindet die Menschen:<br />

unterschiedliche Ansichten offen aussprechen,<br />

Lösungen entwickeln und um<br />

Konsens ringen. Menschen lernen einander<br />

kennen und respektieren, und<br />

das Miteinander bekommt eine andere<br />

Qualität. Hetze und Ausgrenzung verlieren<br />

an Nährboden.<br />

6. Keine Chance dem Geschimpfe: Beteiligung<br />

ist Konfliktprävention. Sie bietet<br />

eine Plattform zum Mitreden. Der Kritik<br />

KulturFenster<br />

48 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Heimatpege<br />

Bürgerbeteiligung ist ein längerer, aber fruchtbarer Prozess.<br />

bezüglich zu wenig Informationsfluss<br />

und Mitsprachemöglichkeiten kann ein<br />

Riegel vorgeschoben werden. Und: Einmal<br />

eingeübte Prozesse fördern Transparenz<br />

und bessere Kommunikation<br />

auch nach dem Beteiligungsprozess.<br />

7. Mehr Motivation durch Verantwortung:<br />

Die Botschaft „Wir brauchen dich“<br />

motiviert Menschen zum Mittun. Wo<br />

informiert und eingebunden wird, wo<br />

Ideen und Kompetenzen gefragt sind,<br />

entsteht Energie und es bewegt sich etwas.<br />

Die Bereitschaft, sich einzubringen,<br />

wächst.<br />

8. Entlastung von Verwaltung und Politik:<br />

Mehr Menschen bringen Arbeitskraft,<br />

Zeit und Energie mit. Die Arbeit wird<br />

auf mehrere Schultern verteilt, Aufgaben<br />

können verteilt und Kosten eingespart<br />

werden.<br />

9. Mehr Verständnis für das Gemeindewohl:<br />

Ist Beteiligung gut gemacht, ermöglicht<br />

sie Perspektivwechsel und weckt Verständnis<br />

für unterschiedliche Sichtweisen<br />

und Prioritäten. Wissen über die<br />

notwendige Abwägung von Interessen<br />

und größere Zusammenhänge ermöglichte<br />

mehr Verständnis für Prozesse<br />

und Entscheidungen in der Kommune.<br />

10. Bedarfsgerechtere Politik: Anhören<br />

und Beteiligen ermöglicht mehr Wissen<br />

über die Themen und Fragen, die<br />

die Menschen bewegen. Politische Entscheidungsträger<br />

und Verwaltung können<br />

bedarfsgerechter entscheiden und<br />

handeln.<br />

Wie Beteiligung gelingt<br />

Oftmals ist bei Städten und Gemeinden<br />

eine gewisse Angst vor Beteiligungsprozessen<br />

zu spüren – vielfach entstanden<br />

durch negative Erfahrungen: Bürgerbeteiligung<br />

sei langwierig und teuer, der Einbindungsprozess<br />

ziehe sich wie Kaugummi<br />

und die Ergebnisse sind bescheiden, es<br />

kämen immer die Gleichen zu Wort und<br />

verträten nur ihre eigenen Anliegen – so<br />

die Erfahrungen und Vorbehalte, die es<br />

ernst zu nehmen gilt.<br />

Doch: Nur ein Miteinander von Politik,<br />

Verwaltung, Bürgerschaft, Unternehmen,<br />

Vereinen, Verbänden, Initiativen und Investoren<br />

ist Garant für Zukunftsfähigkeit.<br />

Gelungene Beteiligung kann der Motor für<br />

gesellschaftlichen Zusammenhalt sein,<br />

wenn die Einbindung der Bürger*innen<br />

ernst gemeint, gut durchdacht und richtig<br />

gemacht ist. Sie braucht neben ausreichend<br />

Zeit, Raum und finanziellen Mitteln<br />

vor allem Haltung, Engagement und Offenheit.<br />

Der richtige Zeitpunkt einer Beteiligung<br />

ist genauso wichtig wie eindeutige<br />

Regeln und Rollen, Transparenz bei<br />

Gestaltungsmöglichkeiten und Entscheidungskompetenzen.<br />

Es braucht Klarheit<br />

in Sache, Zweck und Ziel. Pfiffige Methoden<br />

müssen alle Interessierten einbinden<br />

und Raum auch für Randgruppen, Konfliktthemen<br />

und Wut bieten. All das sollte<br />

mit genügend Witz und Humor gewürzt<br />

sein, motivieren und Spaß machen.<br />

Im Wesentlichen sind es sieben Bausteine,<br />

die Beteiligung gelingen lassen:<br />

1. Die Aufgabe schärfen: Es braucht von<br />

Beginn an Klarheit über Zielgruppen<br />

und Akteure, über Aufgaben und Fragestellungen,<br />

über Zuständigkeiten,<br />

Abläufe und Regeln.<br />

2. Auf die Haltung kommt es an: Ernsthaftigkeit,<br />

Wertschätzung und echtes<br />

Interesse am gemeinsamen Ergebnis.<br />

Die Werte und Sichtweisen der anderen<br />

sind genauso berechtigt wie die Eigenen,<br />

gegenseitiges Zuhören gehört<br />

zum 1x1 der Beteiligung. Der Weg ist<br />

Teil des Ziels und fördert Verständnis<br />

und Vertrauen.<br />

3. Um Emotionen und Beziehungen kümmern:<br />

Mit Begeisterung ans Werk, statt<br />

mit Angst. Eine Atmosphäre für ein positives<br />

Miteinander schaffen, das löst<br />

viele Konfrontationen von Beginn an.<br />

Konflikte als Chance begreifen, Mut<br />

beim Umgang mit Wut, Verzicht und<br />

Scheitern. Konsens herstellen ist eine<br />

Leistung – feiern wir die Ergebnisse!<br />

4. Die Zeit im Blick haben: Zeit und Geduld<br />

investieren. Den richtigen, möglichst<br />

frühen Zeitpunkt finden. Schlüssige<br />

und transparente Zeitabläufe<br />

festlegen. Kurze, kompakte Formate<br />

finden und unterschiedlich zeitintensive<br />

Formen anbieten.<br />

5. Die richtigen Formate benutzen: Weg<br />

von der Turnhallenschlacht, vom „Wir<br />

da vorne, ihr da unten“. Dorthin gehen,<br />

wo die Menschen sind. Neue<br />

Räume nutzen, spannende Methoden,<br />

die auch Spaß machen dürfen.<br />

Zeichnen und bauen, essen und trinken<br />

und dabei gemeinsam in die Aufgabe<br />

eintauchen.<br />

6. Informiertheit sicherstellen: Ein einheitlicher<br />

Informationsstand ist Basis<br />

für den konstruktiven Diskurs. Sonst<br />

beruht das Ergebnis mehr auf Zufall<br />

und Partikularinteressen als auf einem<br />

ernsthaften Aushandlungsprozess. Alle<br />

Perspektiven und Bedürfnisse, Inhalte<br />

und Hintergründe müssen offen und<br />

gut verständlich auf den Tisch.<br />

7. Die richtige Sprache sprechen: Es<br />

braucht Profis, die die Werkzeuge kennen,<br />

Beteiligungsprozesse strategisch<br />

planen und professionell aufziehen –<br />

wie das Bauprojekt selbst. „Keep it simple“,<br />

aber professionell: Den Prozess<br />

gut erklären und auffällig und lautstark<br />

vermarkten.<br />

Roland Gruber & Florian Kluge<br />

nonconform architektur<br />

KulturFenster<br />

49 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


informiert & reektiert<br />

Raut, Grait, Ried, Rungg und Nofen<br />

Serie: Flurnamen aus der Agrargeschichte (3) – Rodungsnamen (1. Teil)<br />

Ansitz Kreit in Eppan<br />

Franziszeische Katastermappe 1858<br />

Die Dorfer Ried bei Algund Foto: Johannes Ortner<br />

Völser Ried oder Sportzone Rungg – das<br />

sind geläufige Begriffe. Bei Ried und Rungg<br />

handelt es sich um Rodungsnamen. Sie bilden<br />

einen auffälligen Teil im Spektrum der<br />

Flurnamen.<br />

Um eine immer größer werdende Bevölkerung<br />

im alpinen Raum zu ernähren,<br />

wurden kontinuierlich neue Acker-, Wiesen-<br />

und Weideflächen erschlossen. Das<br />

Roden von Wald und Gestrüpp war eine<br />

Generationen übergreifende Arbeit, denn<br />

das mühsame Ausgraben der Wurzelstöcke,<br />

der Transport von Baumstämmen<br />

usw. erforderte eine koordinierte gemeinschaftliche<br />

Tätigkeit. Rodungsnamen finden<br />

sich in allen Sprachschichten des<br />

Alpenraums: von den vorrömischen Sprachen<br />

über das Alpenromanische bis herauf<br />

zum Deutschen.<br />

Raut<br />

Das grundsprachliche Verb, welches das<br />

Entfernen (Roden, Aushacken usw.) von<br />

Gebüsch und Bäumen bezeichnet, lautet<br />

hochsprachlich räuten (< althochdeutsch<br />

riuten „roden, herausreißen“), in den heutigen<br />

Tiroler Mundarten rautn.<br />

Das Ergebnis einer Rodung ist ein Raut.<br />

In Algund werden damit die Weingüter<br />

in Steillage bezeichnet. Sie sind jünger<br />

als die Weingüter auf den Schwemmfächern<br />

in Dorfnähe – und viel mühevoller<br />

zu bearbeiten. Auch die Güter an den<br />

Hängen oberhalb von Morter sind jünger<br />

als jene in der Talsohle, es sind die<br />

Morterer Rait.<br />

Grait<br />

Neben dem Plural „Rait“ und dem Diminutiv<br />

„Raitl“ fällt besonders das Kollektiv Grait<br />

(< althochdeutsch giriuti „Geräut“, d. i. eine<br />

Ansammlung von Rodungen) auf – in Südtirol<br />

ein häufiger geografischer Name. Allein<br />

rund um den Meraner Talkessel gibt es<br />

zahlreiche Grait-Höfe, so in Freiberg (Meran),<br />

Schenna (Berg), Kuens, Vertigen (Partschins)<br />

und Marling. In diese Reihe gehören<br />

auch der Weilername Kreuth (Terlan),<br />

der Schildhof Gereuth in St. Martin in Passeier<br />

sowie der Ansitz Kreit in Eppan. Die<br />

Schreibung mit ai entspricht dem mundartlichen<br />

äu.<br />

Die augenfällige Häufigkeit dieses Namentyps<br />

erklärt sich aus dem „rodungsfreundlichen“<br />

Umfeld der Tiroler Grafen („Landesausbau“),<br />

auch das warme Klima des<br />

Mittelalters drängte die Höhensiedlung nach<br />

oben. Außerdem mussten die aufstrebenden<br />

Tiroler Märkte mit Lebensmitteln und Handelsgütern<br />

(Wolle, Tuch) beliefert werden. Allein<br />

für die Schafhaltung wurden zahlreiche<br />

Schwaighöfe gegründet. Der Landhunger<br />

war groß und die Rodungstätigkeit intensiv.<br />

Ried<br />

Neben Raut gibt es auch das bekannte<br />

„Ried“ (Völser, Prösler, Lajener Ried; bei<br />

Algund, Sterzing, Freienfeld, Reischach<br />

sowie Niederrasen), das auf mittelhochdeutsch<br />

riet „Rodung, Gefilde, Ansiedlung“<br />

zurückgeht. Im Falle vom Prösler<br />

und Völser Ried handelt es sich um jüngere<br />

Streusiedlungen, im Gegensatz zur<br />

prähistorisch besiedelten Mittelgebirgsterrasse<br />

von Völs, Ums und Prösels mit den<br />

kompakten Siedlungskernen.<br />

Rungg<br />

Das romanische Pendant zu Raut lautet<br />

„Rungg“ (alpenromanisch *ronco „Rodung“<br />

< lateinisch runcare „jäten, rupfen“).<br />

Auch dieser Flurname ist häufig, bekannt<br />

ist z. B. die Sportzone Rungg in Eppan. Das<br />

Ringgele (Rünggele) unterhalb von Pinzon<br />

ist nichts anderes als eine Verkleinerung<br />

zu Rungg. Eine Bildung mit romanischen<br />

Suffixen liegt in den Namen Runggatsch<br />

(Hof in Villnöß, *ronkatšja „Großes gerodetes<br />

Gelände“), Runggun (Bergwiese in<br />

Tiers, *ronkone „Groß-Raut“), Rungganol<br />

(Waldname in Seis) sowie Runggad (Ortsteil<br />

von Brixen) vor.<br />

Das Ladinische als romanische Einzelsprache<br />

hat natürlich gleichfalls Vertreter<br />

mit dieser Wurzel: Runc, Runch, Runcata,<br />

Runcaudié (dt. Runggaldier), Runcadic<br />

(dt. Runggaditsch) u.v.m.<br />

Nofen<br />

Aus dem Romanischen stammt auch der<br />

Terminus *nov le „Neurodung“. Beispiele<br />

sind der ehemalige Hof Lafals (bei Bad Ratzes,<br />

Anlaut-Austausch /n/ > /l/), der Talname<br />

Noaf (*area nova „Neuland“; Meran)<br />

oder die beiden Noafn Welschnofen<br />

und Deutschnofen. Die Fassaner kennen<br />

Welschnofen heute noch als Neva. Im Deutschen<br />

sind Neuraut oder Neuraitl ebenfalls<br />

häufiger Flurname für die jüngsten Felder<br />

innerhalb des Hofgeländes.<br />

Johannes Ortner<br />

KulturFenster<br />

50 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


hinausgeblickt<br />

Kleinod im Kleindenkmal<br />

Eine Kreuzigungsgruppe für die Blasbichlkapelle in Rateis<br />

Die Blasbichlkapelle in Rateis mit der nun<br />

errichteten spätbarocken Kreuzigungsgruppe<br />

Fotos: Albert Innerhofer<br />

Eine Kreuzigungsgruppe zieht nun in der<br />

Blasbichlkapelle in Rateis oberhalb von<br />

Lana die Blicke der Besucher auf sich.<br />

Am alten Kirchsteig von Oberlana in Richtung<br />

Höllental und St. Pankraz steht in<br />

Rateis unterhalb des Blasbichlhofes die<br />

schlichte barocke Blasbichlkapelle. Sie ist<br />

mit Rundapsis und Kreuzgratgewölbe eine<br />

der ältesten religiösen Flurdenkmäler im<br />

Barock in dieser Gegend. Die Blasbichlkapelle<br />

dürfte der Überlieferung zufolge<br />

nach einem Gelöbnis von Georg Atzwanger,<br />

der zum Blasbichlhof hin geheiratet<br />

hatte, 1693 erbaut worden sein. Die 1999<br />

von der Gemeinde Lana restaurierte Kapelle<br />

ist letzthin, als Wanderungen eingeschränkt<br />

waren, laut dem Blasbichl-Bauern<br />

Richard Heinz wieder vermehrt von<br />

Spaziergängern aus Lana aufgesucht worden.<br />

Seit kurzem ist sie um ein Kleinod<br />

reicher. Eine spätbarocke Kreuzigungsgruppe<br />

wurde kürzlich angebracht.<br />

Das Kunstwerk war auf Vermittlung von<br />

Bezirksobmann Georg Hörwarter vom<br />

Meraner Salvatorianerinnenkloster als<br />

Leihgabe dem Heimatschutzverein Lana<br />

übertragen worden. Ziel war es, für die<br />

Kreuzigungsgruppe einen passenden<br />

religiösen Ort zu finden. Die ca. 170 cm<br />

hohe und 130 cm breite Tafelmalerei auf<br />

Holz, bestehend aus der Darstellung von<br />

Maria, Christus am Kreuz, Maria Magdalena<br />

am Kreuzfuß und Johannes sowie<br />

einem ergänzenden Zitat von Jesu in einer<br />

altdeutschen Sprache und in Fraktur<br />

gemalten Inschrift stammt wohl aus einer<br />

süddeutschen oder alpenländischen<br />

Herstellung.<br />

Albert Innerhofer, Obmann des Heimatschutzvereines<br />

Lana, vereinbarte mit<br />

dem Blasbichlhof-Bauern, die Tafelmalerei<br />

in der Kapelle am Hof anzubringen.<br />

Zunächst wurde sie aber in der Werkstatt<br />

des Restaurators Karl Christanell gereinigt<br />

und für den Aufbau im Altarraum vorbereitet.<br />

Im Marienmonat Mai gelang es<br />

dann, dieses religiöse Bildnis der Kreuzigung<br />

in die Blasbichlkapelle nach Rateis<br />

zu bringen.<br />

Albert Innerhofer<br />

KulturFenster<br />

51 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


hinausgeblickt<br />

Heimatschutzverein Lana wertet Kleindenkmal auf<br />

Den Witterungseinflüssen stark ausgesetzt<br />

und daher ziemlich in Mitleidenschaft gezogen<br />

war die Holzfigur des hl. Johannes<br />

Nepomuk beim Pschoal-Bildstock an der<br />

Ecke Kirchweg/St.-Margarethen-Weg in<br />

Mitterlana. Daher beschloss der Heimatschutzverein<br />

Lana mit Obmann Albert Innerhofer,<br />

diesen Brückenheiligen samt<br />

Bildstock renovieren zu lassen. Zunächst<br />

wurde die Holzskulptur – es handelt sich<br />

um eine vom Lananer Oskar Weiss geschnitzte<br />

Figur in Kastanienholz aus den<br />

1980er-Jahren – in der Werkstatt von Restaurator<br />

Karl Hofer gereinigt, geleimt, gekittet<br />

und neu gefasst. Einige kleinere Teile<br />

mussten ergänzt werden.<br />

Anschließend wurde der gesamte Bildstock<br />

abgespachtelt, gereinigt und mehrmals mit<br />

einem Kalkanstrich versehen. Das Gitter<br />

der Kapelle wurde mit Rostschutz verse-<br />

hen und neu gestrichen. Die Firma Gamper<br />

Dach führte zudem einige Ausbesserungsarbeiten<br />

am Kapellendach durch.<br />

Seither erstrahlt dieser Bildstock, der von<br />

Hiltraud Hofer betreut und stets mit Blumen<br />

geschmückt und an dem jährlich bei<br />

der Fronleichnams- und Herz-Jesu-Prozession<br />

jeweils ein Evangelium gehalten<br />

wird, in neuem Glanz. Die Renovierungskosten<br />

hat der Heimatschutzverein Lana<br />

übernommen.<br />

Albert Innerhofer<br />

Der erneuerte Pschoal-Bildstock bei<br />

St. Peter mit dem hl. Johannes Nepomuk<br />

Foto: Albert Innerhofer<br />

Alte Volksschule Ahornach nicht versteigern<br />

Die am Kirchplatz von Ahornach gelegene<br />

alte Volksschule soll laut Beschluss des<br />

Gemeindeausschusses von Sand in Taufers<br />

durch eine öffentliche Versteigerung<br />

verkauft werden. Der Inhalt des Beschlusses<br />

für die Interessenserhebung lässt dabei<br />

offensichtlich jeden Spielraum für einen<br />

möglichen Abbruch und Neubau zu<br />

und sieht leider keinerlei Auflagen zur zwingenden<br />

Erhaltung, Sanierung und Nutzung<br />

des Gebäudes vor.<br />

Die über 100 Jahre alte Volksschule bildet<br />

gemeinsam mit Kirche, Friedhof und<br />

Widum einen wichtigen Bestandteil des<br />

schönen Ensembles am Kirchplatz und<br />

ist außerdem durch seine jahrzehntelange<br />

Nutzung im kollektiven Gedächtnis<br />

der Ahornacher Bevölkerung stark verankert.<br />

Der Heimatpflegeverband hat deshalb<br />

im Juli an die Gemeindeverwaltung<br />

von Sand in Taufers und an die Fraktionsverwaltung<br />

von Ahornach appelliert, den<br />

Erhalt des alten Schulhauses weiterhin<br />

zu gewährleisten. Bei dessen Nutzung<br />

sollte eine möglichst mit den anderen<br />

Gebäuden dieses Ensembles kompatible<br />

Lösung angestrebt werden, wobei<br />

eine öffentliche Nutzung, z. B. als Versammlungsort,<br />

Vereinslokal, betreutes<br />

Wohnen, Nahversorgung, Dorfcafé o. ä.<br />

sehr wünschenswert wäre.<br />

Claudia Plaikner (Verbandsobfrau)<br />

Albert Willeit (Bezirksobmann)<br />

Schönes Ensemble in Ahornach: Alter Widum, Kirche, Friedhof<br />

und Altes Schulhaus<br />

(Foto: AW)<br />

Prozession mit Schulhaus – 1924<br />

KulturFenster<br />

52 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Heimatpege<br />

Heimatpflegeverein<br />

Naturns–Plaus<br />

Neues Buch über Bildhauer Oswald Krad<br />

hielt er 1651 in Mals. Dort baute er den Tabernakel<br />

auf dem Hochaltar. Dieses Werk<br />

ist nicht erhalten geblieben. Es ging 1799<br />

beim Franzoseneinfall samt der Pfarrkirche<br />

zugrunde.<br />

Danach stattete Krad die St.-Michaels-Kirche<br />

in Burgeis mit dem Hochaltar aus, der<br />

vollständig erhalten ist. Die wertvollsten Statuen<br />

sind aber derzeit aus Sicherheitsgründen<br />

deponiert.<br />

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurden<br />

auf Anordnung der geistlichen Obrigkeit<br />

in den Kirchen des Vinschgaus die<br />

Sakramentshäuschen in der Mauer gegen<br />

neue Tabernakel auf den Hochaltären<br />

ausgetauscht. Das war für einige<br />

Zeit die Hauptbeschäftigung von Oswald<br />

Krad, der sich 1657 in Latsch niederließ,<br />

Lehrlinge annahm und von hier aus seine<br />

Werke fertigte, so den Tabernakel in der<br />

St.-Peter-und-Pauls-Pfarrkirche in Latsch<br />

(ca. 1745 ersetzt) und den Tabernakel in<br />

der Spitalkirche in Latsch – auch davon ist<br />

nichts erhalten,. In der St.-Michael-Kirche<br />

in Tarsch gibt es mehrere Statuen, die von<br />

einem Tabernakel herrühren. In der St.-<br />

Peter-Pfarrkirche in Gratsch baute Krad<br />

ebenfalls einen Tabernakel, dort gibt es<br />

noch die beiden Apostel St. Petrus und<br />

Paulus, die Krad zugeschrieben werden.<br />

Vor 340 Jahren starb der Bildhauer Oswald<br />

Krad aus Naturns. Zu diesem Anlass ist eine<br />

Biografie erschienen.<br />

Oswald Krad:<br />

Altarschrein in Tschirland<br />

(1668) – der Hauptschrein<br />

enthält die Statuen des hl.<br />

Oswald von Nordthambrien,<br />

die hl. Maria Magdalena<br />

und die hl. Margareth, die<br />

seitlichen Bischöfe sind<br />

später beigesetzt worden.<br />

Im Statuentabernakel<br />

darüber ist die Muttergottes<br />

eingesetzt. Ganz oben<br />

schließt die Statue des hl.<br />

Michael das Altarwerk ab.<br />

Foto: Wieser/Schlanders<br />

Oswald Krad ist in Naturns geboren. Da<br />

das dortige Taufbuch erst 1633 beginnt,<br />

sucht man das Taufdatum vergebens. Laut<br />

der ersten schriftlichen Notiz trat er 1651<br />

in Mals als Meister auf, somit kann seine<br />

Geburt um 1620 angenommen werden,<br />

vor 400 Jahren also.<br />

Seine Ausbildung erhielt er vermutlich bei<br />

Hans Patsch, dem großen Barockmeister<br />

aus Landeck. Seinen ersten Auftrag, soweit<br />

das ausgeforscht werden konnte, er-<br />

Von den Altarwerken Krads im Vinschgau<br />

sind erhalten geblieben:<br />

➤ der genannte Altar in St. Michael in<br />

Burgeis,<br />

➤ in der St.-Remigius-Pfarrkirche in Eyrs<br />

die beiden Seitenaltäre aus der alten<br />

St. Josefs-Kirche,<br />

➤ in St. Oswald in Tschirland der großartige<br />

dreistöckige Hochaltar,<br />

➤ in St. Michael in Tarsch haben sich<br />

zahlreiche Krad-Statuen erhalten, die<br />

auch auf einen Altar schließen lassen.<br />

Um 1660 übersiedelte Krad von Latsch<br />

nach Bozen. In der Stadt selbst sind seine<br />

Arbeiten spätestens im letzten Krieg verloren<br />

gegangen. Krad starb am 16. März<br />

1681 in Bozen.<br />

An noch vorhandenen Kunstwerken des<br />

Bildhauers im Bozner Umfeld sind aufzuzählen:<br />

➤ der Altar in St. Magdalena in Rentsch,<br />

➤ der Hochaltar in St. Jakob in der Au,<br />

➤ drei Statuen in der St.-Martins-Pfarrkirche<br />

in Girlan,<br />

➤ zwei Seitenaltäre in der St.-Andreas-<br />

Pfarrkirche in Salurn,<br />

➤ die drei Altarwerke in St. Josef am<br />

Friedhof in Salurn,<br />

➤ der Altar in der Mariä-Heimsuchungs-<br />

Kapelle bei Gfrill.<br />

Zum 340. Todesjahr von Oswald Krad hat<br />

der Heimatpflegeverein Naturns–Plaus<br />

eine Biografie herausgegeben (Erarbeitung<br />

von Hermann Theiner, Latsch; Fotos: Kurt<br />

Wieser, Schlanders). Die Buchvorstellung<br />

war Ende Juli (nach Redaktionsschluss)<br />

in der St.Oswald-Kirche in Tschirland geplant.<br />

Das Buch kann über die Buchhandlungen<br />

Athesia und Alte Mühle sowie über<br />

den Obmann Hermann Wenter (Tel. 0473<br />

667046) erworben werden.<br />

Heinrich Tappeiner<br />

KulturFenster<br />

53 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


hinausgeblickt<br />

Schreckgespenst<br />

kehrt zurück<br />

Neues Projekt für einen Glasturm unter<br />

dem Rosengartenmassiv<br />

Braucht es einen Glasturm, um diesen einzigartigen Rundblick zu genießen? Der Heimatpflegeverband sagt: Nein!<br />

Foto: Heimatpflegeverband<br />

Das Schreckgespenst „Glasturm unterm Rosengarten“<br />

ist zurück. Nachdem ein solcher<br />

neben der Kölner Hütte vor zwei Jahren<br />

nicht genehmigt worden war, gibt es<br />

nun ein neues Projekt. Der Heimatpflegeverband<br />

sagt: Nein, danke!<br />

Das Projekt der Latemar Karersee GmbH<br />

sieht vor, die Kölner Hütte komplett abzureißen<br />

und sie durch einen mehr als 20<br />

Meter hohen Glasturm zu ersetzen. Sieben<br />

Stockwerke, großer Restaurationsbereich<br />

mit Panoramaterrasse sowie Panoramazimmer<br />

– vom Schutzhütten-Charakter<br />

dürfte da nichts mehr übrig bleiben. Der<br />

„<br />

Der Rosengarten ist eine Attraktion<br />

an sich und braucht keine Inszenierung<br />

durch eine künstliche<br />

Landmarke.<br />

„<br />

Heimatpflegeverband Südtirol<br />

Glasturm soll zudem über unterirdische<br />

Rolltreppen, Aufzüge und Galerien mit der<br />

neuen unterirdischen Seilbahnstation einer<br />

Kabinenbahn und einem bestehenden<br />

Gastronomiebetrieb verbunden werden,<br />

wofür massive Erdbewegungen notwendig<br />

werden. Wie sensibel das Gelände in<br />

dieser Höhe ist, hat der Erdrutsch im Juli<br />

2020 bereits gezeigt.<br />

Die Alpenvereine AVS und CAI, der Dachverband<br />

für Natur- und Umweltschutz und<br />

der Heimatpflegeverband Südtirol warnen<br />

nun erneut vor der Genehmigung dieses<br />

Projektes. Bereits 2019 hatten sie sich negativ<br />

zum damals geplanten Glasturm geäußert.<br />

Denn: Der Rosengarten ist eine<br />

Attraktion an sich und braucht keine Inszenierung<br />

durch eine künstliche Landmarke,<br />

er hat bereits seinen kulturellen,<br />

spirituellen und ökologischen Eigenwert.<br />

Auch der wissenschaftliche Beirat der Stiftung<br />

Dolomiten Unesco Welterbe wertete<br />

den Turm vor zwei Jahren als massive Störung<br />

und als Fremdkörper mit negativen<br />

Auswirkungen auf den ästhetischen und<br />

touristischen Wert des Weltnaturerbes. Er<br />

sprach sich dafür aus, die bestehende Köl-<br />

ner Hütte in das Konzept einzubeziehen und<br />

einen Architekturwettbewerb auszuschreiben,<br />

um die maximale bauliche Qualität an<br />

diesem besonderen Ort zu erreichen. Zugleich<br />

machte er aber auch klar, dass es<br />

ausreiche würde, an dieser Eintrittspforte<br />

in die Dolomiten einen einfachen Informationspunkt<br />

zum Welterbe zu errichten, um<br />

auf die Schönheit und Einzigartigkeit des Dolomiten-Gebietes<br />

aufmerksam zu machen.<br />

Für die Verbände ist klar, dass auch dieser<br />

Neubau dazu dienen sollte, eine Attraktion<br />

für das Skigebiet Karersee/Carezza zu<br />

schaffen und dadurch die neue Kabinenbahn<br />

auszulasten. Dass es als PPP-Projekt<br />

– eine öffentlich-private Partnerschaft<br />

– zwischen Land und Latemar Karersee<br />

GmbH abgewickelt werden soll, wirft zudem<br />

die Frage auf, ob diese Partnerschaft<br />

im öffentlichen Interesse ist oder sich das<br />

Land damit nicht in eine riskante Abhängigkeit<br />

begibt. Ist es in Zeiten knapper öffentlicher<br />

Geldmittel sinnvoll, eine erst<br />

kürzlich sanierte Hütte abzureißen, um<br />

sie durch einen 13 Millionen teuren Glasturm<br />

zu ersetzen?<br />

Heimatpflegeverband Südtirol<br />

KulturFenster<br />

54 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


getragen<br />

Lindas Krönchen<br />

Kostbare Ghërlanda spiza zur<br />

Jungmädchentracht<br />

Man sieht es der kleinen Linda auf dem Foto an, wie stolz sie darauf ist, zu<br />

ihrer wunderschönen Grödner Tracht die Ghërlanda spiza tragen zu dürfen.<br />

Und das mit Recht, ist dieses fi ligrane Krönchen doch etwas vom Feinsten,<br />

das die Südtiroler Trachtenlandschaft zu bieten hat.<br />

Lange Tradition<br />

Der Brauch, den Kopf von Jungfrauen mit Blumenkranz, Perlenreif, Bändern<br />

oder Krönchen zu schmücken, reicht weit in die Geschichte zurück.<br />

So auch, wenn es sich um die Gottesmutter Maria handelt. Bei der berühmten<br />

„Rosenkranz-Madonna“ von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1506 halten beispielsweise<br />

zwei Putten eine goldene Krone über ihrem Haupt. Auch bei uns<br />

ist in so manchem Wallfahrtsort das Gnadenbild mit einer Krone geschmückt.<br />

Verlobungsgeschenk<br />

Grundsätzlich sollten nur junge Mädchen einen fl orealen Kopfschmuck<br />

tragen. Es ist ein Ausdruck der Jungfräulichkeit und wurde ursprünglich<br />

nur bei besonderen Anlässen wie Erstkommunion, Hochzeit oder bei<br />

religiösen Prozessionen getragen. Auch bei der Ghërlanda spiza ist das<br />

nicht anders. Das kostbare Krönchen war gerne das Verlobungsgeschenk<br />

des Bräutigams an die Braut. Am Hochzeitstag trug sie dieses dann zum<br />

letzten Mal. Oft wurde die Ghërlanda spiza in der Familie weiter vererbt.<br />

Kunstvolles Handwerk<br />

Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei der Ghërlanda spiza um ein<br />

spitz zulaufendes, kegelförmiges Gebilde, das aus eng aneinander gereihten<br />

Blüten und feinen, frei abstehenden Elementen aus feinster Klosterarbeit besteht.<br />

So an die 40 Blüten braucht es schon, kleinere und größere. Jede Blüte<br />

ist anders. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, aus goldenem Filigrandraht,<br />

Glasperlen, Pailletten und allerhand Flitterwerk ornamentale Blumen mit einem langen<br />

Stängel herzustellen. Mit Goldpapier umwickelt, werden die Blütenstiele dann<br />

wie Äste um einen Mittelstamm herum befestigt.<br />

Alter Volksglaube<br />

Am Kopf befestigt wird das Krönchen durch eine mit Klebesamt, Goldborten und<br />

Blüten reich verzierte Kartonrolle, an der die langen Bänder fi xiert werden. Diese<br />

werden unter dem Haarknoten gebunden und fallen über den Rücken hinab. Und<br />

wenn dann bei jeder Kopfbewegung die glitzernden, bunten Glasperlen an den feinen<br />

Goldfäden zittern, dann wehren sie nach altem Volksglauben den „Bösen<br />

Blick“ von der Trägerin ab.<br />

Agnes Andergassen<br />

ARGE Lebendige Tracht<br />

KulturFenster<br />

55 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Wie geht es der Chorszene?<br />

Auch wenn sich die Pandemie abzuauen scheint,<br />

zeigen verschiedene Studien, dass sie für die Chorszene<br />

nicht ohne Folgen bleibt.<br />

KulturFenster<br />

56 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


hervorgehoben<br />

Motivationsverlust und<br />

Auflösungserscheinungen<br />

Umfragen zur Situation der Chöre im deutschen Sprachraum<br />

Die Corona-Lage scheint sich langsam zu beruhigen,<br />

die Chöre proben wieder. Doch die<br />

Corona-Krise ist an den Chören nicht spurlos<br />

vorüber gegangen. Das zeigen Umfragen<br />

bei den Chören in der Bundesrepublik<br />

Deutschland, die u.a. der Allgemeine Cäcilienverband<br />

und die internationale Vereinigung<br />

Pueri Cantores im Oktober 2020 in<br />

Auftrag gegeben haben, wie die deutsche<br />

Zeitschrift „Chorzeit“ berichtet.<br />

Ziel war es zu erfassen, wie sich die Krise<br />

auf die Chorszene auch mittel- und langfristig<br />

auswirken wird. Rund 1200 Chöre<br />

der beiden Vereinigungen haben Rückmeldung<br />

gegeben. Auffällig war, dass nur<br />

vier Prozent der Chöre digital geprobt haben.<br />

44 Prozent gaben an, überhaupt nicht<br />

geprobt zu haben. Geprobt wurde – sobald<br />

dies wieder möglich wurde – in der Kirche<br />

oder im Probenraum. Nur ein kleiner Teil<br />

probte im Freien bzw. in zusätzlich angemieteten<br />

Probenräumen.<br />

Dass die Corona-Krise nicht nur das Chorleben<br />

zeitweise lahmlegt, sondern auch die<br />

Freude an der Probe bzw. die „Probendisziplin“<br />

beeinträchtigt, ist eine berechtigte<br />

Sorge. So ergaben die Umfragen, dass nicht<br />

einmal die Hälfte der Chöre eine regelmäßige<br />

und vollständige Teilnahme der Sänger<br />

und Sängerinnen aufwiesen. Bei 20 Prozent<br />

lag die Teilnahme sogar unter 40 Prozent.<br />

Große Auswirkung -<br />

vor allem auf Jugendchöre<br />

Vor allem bei den Nachwuchschören nahm laut einer aktuellen Studie die Mitgliederzahl<br />

stark ab.<br />

Wie „Chorzeit“ berichtet, ergab auch eine<br />

Studie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt<br />

und des Carus-Verlags,<br />

die im Mai <strong>2021</strong> vorgestellt wurde, ähnliche<br />

Ergebnisse. Bei dieser Studie wurden<br />

über 4.400 Chöre aus Deutschland, Österreich<br />

und der Schweiz befragt. Die Studie<br />

erfolgte im März <strong>2021</strong>, also noch mitten<br />

in der Krise. Die Studie ergab, dass nur<br />

ein Drittel der Chöre ihre Mitglieder halten<br />

konnte. Viele Chöre gab es nicht mehr: Jeder<br />

achte der über 500 befragen Jugendchöre<br />

hatte sich aufgelöst. Dies kann man<br />

sich einerseits durch die besondere Eigenart<br />

von Jugendchören erklären, bei denen<br />

oft die soziale Komponente eine besonders<br />

große Rolle spielt, die durch den Stillstand<br />

nicht mehr gegeben war. Außerdem sind<br />

Jugendchöre schon von ihrer Natur her<br />

einem ständigen Mitgliederwechsel ausgesetzt,<br />

was für die Stabilität des Chores nicht<br />

förderlich ist. Man muss hier allerdings betonen,<br />

dass diese Studien Momentaufnahmen<br />

der Krisensituation sind. Ob sich viele<br />

diese Chöre wieder neu gründen, kann man<br />

noch nicht sagen.<br />

Großes Problem -<br />

der Motivationsschwund<br />

Das große Problem der Corona-Krise – so<br />

zeigen alle Studien – war der Motivationsschwund.<br />

Viele Chöre und Sänger und Sängerinnen<br />

holen ihre Motivation vom Auftritt,<br />

vom Konzert her – darauf arbeitet man hin.<br />

Wenn diese Konzerte nicht stattfinden können,<br />

fehlt bei vielen auch die Energie, regelmäßig<br />

zu proben. Über die Hälfte der<br />

befragen Chöre bewerteten die mentale Verfassung<br />

ihres Chores als negativ. 28 Prozent<br />

sahen die Situation weder positiv noch<br />

negativ, 12 Prozent zeigten sich sogar zufrieden.<br />

Die Studie der Universität Eichstätt<br />

ergab auch, dass nur knapp die Hälfte der<br />

Chöre digitale Proben durchführte. Insgesamt<br />

fi elen – nach einer Studie des Bundesmusikverbandes<br />

Chor und Orchester -<br />

beim Großteil der Chöre rund drei Viertel aller<br />

Proben aus. Nur 0,9 Prozent der Chöre gab<br />

an, dass keine Probe seit Pandemiebeginn<br />

ausgefallen ist. 53 Prozent gaben in dieser<br />

Studie an, in Kleingruppen zu proben, sehr<br />

viele davon im Freien. (55 Prozent).<br />

Große Verunsicherung in der<br />

gesamten Chorlandschaft<br />

„Chorzeit“ zieht aus diesen Umfragen im<br />

deutschsprachigen Raum, die sicher in der<br />

grundsätzlichen Aussage auch auf Südtirol<br />

übertragen werden können, den Schluss:<br />

„Die Chorszene ist zutiefst verunsichert“.<br />

KulturFenster<br />

57 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong><br />

57


hervorgehoben<br />

Das Problem bestand vor allem in der Planungsunsicherheit.<br />

Mitgliederschwund und<br />

auch Qualitätsverlust seien weitere Folgen,<br />

die man mittel- und langfristig berücksichtigen<br />

müsse und denen man sich in der<br />

kommenden Zeit aktiv stellen muss. Vor<br />

allem Jugendchöre beklagen einen Mitgliederschwund.<br />

Mehr als die Hälfte der Chöre<br />

geht davon aus, dass sie „nach der Pandemie<br />

schlechter singen.“ Insgesamt ergaben<br />

die Studien auch ein weiteres Problem:<br />

Trotz verschiedener Ansätze, „im Internet“<br />

aufzutreten, fanden die meisten Chöre nicht<br />

wirklich neue Formate und Wege, eine virtuelle<br />

Konzerttätigkeit zu entfalten. „Das<br />

Amateurmusikleben kann nur live stattfinden“<br />

– so könnte man die Einstellung vieler<br />

Sänger*innen zusammenfassen. Experten<br />

sehen so die Chöre als „absolute<br />

Pandemieverlierer“. Dazu kämen noch die<br />

fi nanziellen Sorgen. Das betrifft vor allem<br />

auch die Chorleiter*innen, die als Freiberufler<br />

arbeiten und auf das Honorar angewiesen<br />

sind. Der Deutsche Musikrat befragte<br />

dazu im Musikleben Tätige: Jene,<br />

die im künstlerischen Bereich tätig waren,<br />

erlitten Einbußen von mehr als 60 Prozent.<br />

38 Prozent erhielten staatliche Hilfen, die<br />

übrigen mussten auf Spenden und Ersparnisse<br />

zurückgreifen.<br />

Laut „ChoCo“-Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt (Stand März <strong>2021</strong>)<br />

Große Chance – Freude am<br />

Singen wird bleiben<br />

Folgen dieser wirtschaftlichen Krise in der<br />

Musikbranche war die Verlagerung der Tätigkeit<br />

in den virtuellen Bereich, aber auch<br />

die Schließung von Veranstaltungsorten<br />

und insgesamt die „Erosion des Amateurmusiklebens“,<br />

wie „Chorzeit“ schreibt. Allerdings<br />

verweisen andere Studien auch<br />

auf eine positive Zukunft: Eine Studie des<br />

Deutschen Musikinformationszentrums,<br />

die sich auf 1.208 Befragte stützt. Es geht<br />

in dieser Studie grundsätzlich um die Bedeutung<br />

des Singens in Deutschland: 40<br />

Prozent der Amateurmusizierenden ab 16<br />

Jahren singen, 56 Prozent der Frauen, 24<br />

Prozent der Männer. „Deutschland ist also<br />

ein Land der Sänger*innen“. Die Freude am<br />

Singen, so die Folgerung, kann nicht einfach<br />

verschwinden. Sie ist zu sehr in der Bevölkerung<br />

verankert. Auch dieser Punkt – so<br />

darf man mit dem Blick auf die verwurzelte<br />

Chorkultur bei uns wohl behaupten – kann<br />

auf Südtirol übertragen werden. Allerdings<br />

wird es Anstrengungen brauchen, um Gemeinschaftsgefühl,<br />

Motivation und Qualität<br />

neu zu schaffen und zu fördern.<br />

Laut einer Studie des Bundesmusikverbands „Chor und Orchester e. V. (Stand Dezember 2020)<br />

Laut „ChoCo“-Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt (Stand März <strong>2021</strong>)<br />

KulturFenster<br />

58 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Jung+<br />

Stimmgewaltig<br />

Die Bedeutung der Musik<br />

Die Schülerin Pauline Feichter gewann mit einem Thema zur Musik<br />

den Südtiroler Jugendredewettbewerb<br />

„Der Entschluss, am Südtiroler Jugendredewettbewerb<br />

teilzunehmen, war eher ein<br />

spontaner“, erzählt Paulines Vater Stefan<br />

Feichter, der dem <strong>Kulturfenster</strong> von dieser<br />

interessanten Erfahrung berichtet,<br />

weil seine Tochter gerade auf einer Sommer-Erlebniswoche<br />

ist. Die Anregung zur<br />

Teilnahme kam von der Schule, der Mittelschule<br />

St. Johann in Ahrntal, wo Pauline<br />

die dritte Klasse besuchte. „Pauline ist<br />

ein neugieriger Charakter, der Herausforderungen<br />

liebt“. Da der Anmeldeschluss<br />

kurz bevorstand, musste sie sich schnell<br />

entscheiden. Es war auch das erste Mal,<br />

dass die Mittelschulen an dem Wettbewerb<br />

teilnehmen konnten.<br />

„Das Thema zum Redewettbewerb war eher<br />

eine Bauchentscheidung“, erzählt Paulines<br />

Vater. „Pauline hat das Thema gewählt, weil<br />

sie über etwas reden wollte, zu dem sie einen<br />

persönlichen Bezug, eigene Erfahrungen<br />

und eine feste Überzeugung hat und nicht<br />

nur auf Recherchen angewiesen ist.“ Das<br />

Thema war nicht vorgegeben, musste jedoch<br />

vor dem Wettbewerb bereits feststehen<br />

und mitgeteilt werden. Die Kategorie<br />

war „Klassische Rede“ für die 8. Schulstufe<br />

(Österreich), an der die 3. Mittelschulen aus<br />

Südtirol teilnehmen konnten. Der Landeswettbewerb<br />

sollte eigentlich Ende April in<br />

Präsenz in Bozen stattfinden. Pauline war<br />

zum vorgegebenen Termin in Quarantäne<br />

und konnte so nur Online teilnehmen. Als<br />

Siegerin des Landeswettbewerbs konnte sie<br />

am Bundeswettbewerb teilnehmen. Dieser<br />

fand in St. Pölten statt und war als reine<br />

Onlineveranstaltung angesetzt. Die Rede<br />

musste jene sein, mit welcher der Landeswettbewerb<br />

gewonnen wurde.<br />

KulturFenster<br />

59 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Wie wichtig es ist, Musik zu machen<br />

Jeder Mensch ist ein Musiker –<br />

Nur hast Du vielleicht Dein Instrument noch nicht entdeckt.<br />

Sehr geehrte Jury, sehr geehrtes Publikum.<br />

Mein Name ist Pauline Maria Feichter, ich<br />

bin 13 Jahre alt und besuche die 3. Klasse<br />

der Mittelschule St. Johann im Ahrntal.<br />

Schon seitdem ich denken kann, begleitet<br />

mich Musik. Ich bin damit aufgewachsen.<br />

Mit vier Jahren besuchte ich zum ersten<br />

Mal den Musikunterricht und erlerne bis<br />

heute verschiedene Instrumente. Ich bin<br />

mir sicher, dass auch Sie schon mal darüber<br />

nachgedacht haben, was für eine wichtige<br />

Rolle Musik in unserem Leben spielt.<br />

In jedem Lokal, in jedem Auto, in jedem<br />

Bus, in jedem Videospiel und jedem Film<br />

hört man Musik. Musik ist so gut wie überall<br />

anzutreffen, aber Musik ist noch so viel<br />

mehr als ein netter Zeitvertreib. Und deshalb<br />

möchte ich Ihnen heute zeigen, wie<br />

wichtig es ist, selbst Musik zu machen,<br />

also ein Instrument zu erlernen.<br />

Ich bin überzeugt davon, dass jeder von<br />

Ihnen, vielleicht auch heimlich, bei einem<br />

Lied mitgesungen hat. Wie haben Sie sich<br />

dann gefühlt? Ich kann nur aus eigener Erfahrung<br />

sprechen, dass das Singen und<br />

Musizieren meine Gefühle verstärkt. Wenn<br />

ich zum Beispiel mal Streit habe, oder einfach<br />

mies gelaunt bin, kann ich das beim<br />

Musizieren rauslassen. Mich stört dann niemand<br />

und manchmal habe ich sogar das<br />

Gefühl, dass ich nicht allein bin.<br />

Musik kann Balsam für die Seele sein,<br />

und sie fördert, wie ich bei einer Recherche<br />

herausgefunden habe, auch die geistige<br />

und soziale Entwicklung von Kindern<br />

und uns Jugendlichen. Aber auch erwachsene<br />

Menschen profitieren vom Musizieren.<br />

Man bekommt einen freien Kopf und<br />

Glückshormone werden freigesetzt. Aber<br />

um dies zu erreichen ist es wichtig, dass<br />

man aktiv Musik macht. Man kann es gut<br />

mit Sport vergleichen. Nur das Zuschauen<br />

bei einer sportlichen Aktivität ist auch zu<br />

wenig, um ins Schwitzen zu kommen. Öfters<br />

habe ich schon gehört, dass Menschen<br />

deshalb keine Musik machen, da sie denken,<br />

sie seien unmusikalisch. Wenn Sie das<br />

auch von sich denken, liegen sie höchstwahrscheinlich<br />

falsch. Nur die allerwenigsten<br />

Menschen sind wirklich unmusikalisch.<br />

Könnte es nicht auch sein, dass Sie durch<br />

die Perfektion, die einem überall präsentiert<br />

wird, an sich selbst zweifeln und glauben,<br />

wenn es nicht genau so klingt, dass<br />

es nicht gut genug sei? Das Wichtigste ist<br />

einfach, das man es probiert!<br />

„Wir haben schon so viel um die Ohren, dass<br />

für ein Instrument keine Zeit bleibt“, und<br />

„wir haben schon so viel Stress<br />

in der Schule“, sind keine Argumente,<br />

um nicht Musik zu machen.<br />

Nein, ganz im Gegenteil.<br />

Das Spielen eines Instrumentes<br />

baut, wie ich herausgefunden<br />

habe, Stress auf natürliche Art<br />

und Weise ab und fördert gleichzeitig<br />

das Gehirn, ohne dieses<br />

zu belasten. Das hat zur Folge,<br />

dass musizierende Schüler in<br />

der Schule bessere Leistungen<br />

bringen als ihre nicht musizierenden<br />

Mitschüler. Dies wurde in<br />

mehreren Studien und Untersuchungen<br />

bestätigt, die sich nicht<br />

widersprechen. Je öfter und intensiver<br />

junge Menschen Musik<br />

machen, desto besser sind die<br />

schulischen Leistungen. Und<br />

mehr noch... die Schülerinnen,<br />

die schon seit mehreren Jahren<br />

ein Instrument spielen, sind nicht<br />

musizierenden Schülerinnen im<br />

Durchschnitt ein ganzes Schuljahr<br />

voraus (Martin Guhn). Es ist<br />

natürlich klar, dass das Erlernen<br />

eines Instrumentes nicht immer<br />

nur Spaß macht. Durchhaltevermögen und<br />

Geduld gehören einfach dazu und werden<br />

durch das Üben gefördert.<br />

Besonders am Anfang braucht man die<br />

Unterstützung der Eltern und der Musiklehrer.<br />

Wenn man diese Hürde überwindet,<br />

kann man mit Stolz auf die vergangene<br />

Zeit zurückblicken und man hat<br />

ein echtes Glücksgefühl. Dadurch wird<br />

auch das Selbstvertrauen gestärkt, da<br />

man weiß, dass man so was schon mal<br />

geschafft hat. Nach den nun genannten<br />

Gründen, warum man ein Instrument erlernen<br />

sollte, komme ich zum, von mir aus<br />

gesehen wichtigsten und schönsten Punkt.<br />

Das Musizieren verleiht einem eine neue<br />

Lebenseinstellung, die man mit vielen netten<br />

Gleichgesinnten teilt. Fast ausnahmslos<br />

jeder Musiker ist denselben Weg gegangen.<br />

Vom ersten Ton an bis zum Spielen in<br />

der Gruppe. Man teilt so viele gemeinsame<br />

Erfahrungen und das gibt einem Kraft und<br />

stärkt das Gemeinschaftsgefühl.<br />

Das Wichtigste ist einfach, dass man es<br />

versucht, und es nicht bei der ersten kleinen<br />

Hürde aufgibt. Auch ich bin heute<br />

hier, um etwas Neues zu versuchen. Die<br />

Herausforderung hat mich gereizt und ich<br />

bin dankbar, dass ich neue Erfahrungen<br />

habe sammeln dürfen.<br />

Und nun noch ein kleiner Gedankenanstoß<br />

... Es heißt, dass Musik die stärkste<br />

Magie sei. Doch warum folgen wir der Magie<br />

von anderen, wenn wir unsere eigene<br />

produzieren können ...<br />

Oder wie schon Gustav Mahler sagte: „Das<br />

beste in der Musik steht nicht in den Noten.“<br />

KulturFenster<br />

60 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Steckbrief Pauline Maria Feichter<br />

Pauline ist am 23. <strong>August</strong><br />

2007 in Wien geboren,<br />

wohnt in Luttach im Ahrntal<br />

und ist die Älteste von<br />

drei Geschwistern.<br />

Neben Reiten, Lesen, Malen<br />

ist vor allem die Musik ihre<br />

Lieblingsbeschäftigung: Sie<br />

spielt verschiedene Blockfl<br />

öten, Hackbrett, Horn (1.<br />

Preis beim Österreichischen<br />

Bundeswettbewerb Prima la<br />

Musica 2019 in Klagenfurt),<br />

Gitarre, singt im Schulchor<br />

der Musikschule und nahm<br />

regelmäßig an den Gesangwochen<br />

des Chorverbandes<br />

in Tisens bis 2019 teil.<br />

Ihre Vokalausbildung erhält<br />

sie an der Musikschule Bruneck<br />

(Klasse Oberschmied-<br />

Sattler-Öttl), ist Mitglied der<br />

„Teldra Soatngsonggietschn“ (Volksmusikgruppe)<br />

und Mitglied der Musikkapelle<br />

Luttach (Horn). Mit den „Teldra<br />

Soatngsonggietschn“ nahm sie mit Auszeichnung<br />

am Alpenländischen Volksmusikwettbewerb<br />

2018 teil; ebenso mit<br />

Der Landesjugenchor<br />

Mit dem Horn gewann sie den<br />

1. Preis beim Österreichischen<br />

Bundeswettbewerb „Prima la<br />

Musica“ 2019 in Klagenfurt.<br />

Auszeichnung am Tiroler Volksliedwettbewerb<br />

2019. Pauline<br />

singt dauernd und das schon<br />

von Kindesbeinen an. Chorerfahrung<br />

hat sie im Schulchor<br />

(mit einem Projekt in Form<br />

eines Musicals meist am Ende<br />

des Schuljahres), und bei den<br />

Kindersingwochen in Tisens<br />

sowie vor allem in Kleingruppen<br />

gesammelt. An der Gesangswoche<br />

in Tisens gefiel<br />

ihr vor allem das Singen und Musizieren<br />

mit Gleichgesinnten, das abwechslungsreiche<br />

Musikangebot und das Erlebnis<br />

mit Gleichaltrigen.<br />

Teldra Soatngsoggietschn Erl: Die Namen<br />

von groß bis klein (Körpergröße): Leah<br />

Maria Huber, Esther Maria Huber, Paula<br />

Marie Stocker, Pauline Maria Feichter<br />

KulturFenster<br />

61 04 <strong>August</strong> <strong>2021</strong>


SCV-Intern<br />

Die teilnehmenden Jugendlichen<br />

Die Katzen sind los<br />

„Die Katzen sind los!“ So lautete das Motto<br />

der Musicalwoche für Kinder und Jugendliche<br />

zwischen 12 und 18 Jahren, die vom<br />

5. bis zum 11. Juni im Haus der Familie in<br />

Lichtenstern stattfand.<br />

Musicalwoche in Lichtenstern<br />

Thema der Musicalwoche war „Cats“ von<br />

Andrew Lloyd Webber – eines der erfolgreichsten<br />

Musicals aller Zeiten. Am Kurs<br />

nahmen in diesem Jahr 39 Jugendliche<br />

teil, sechs Buben und 33 Mädchen. Gemeinsam<br />

mit vier Referenten unter der Leitung<br />

des Chorleiters und Musikpädagogen<br />

Christian Stefan Horvath aus Wien entwickelten<br />

sie Geschichten und Choreographien<br />

und versetzten sich körperlich und<br />

tänzerisch in die Welt der Katzen. Dabei<br />

war die Musicalwoche auch heuer wieder<br />

eine Einheit von Gesang, Tanz und Freizeiterlebnis.<br />

Horvath, der die Woche bereits<br />

zum 12. Mal leitet, war auch heuer<br />

beeindruckt vom musikalischen und tänzerischen<br />

Niveau der Teilnehmenden.<br />

Unterstützt wurde der Kursleiter von<br />

weiteren erfahrenen Musikpädagogen,<br />

vom Theaterpädagogen und Regisseur<br />

Harald Volker Sommer, vom musikalischen<br />

Assistenten Martin Listabarth,<br />

Vocalcoach Max Gaier und Instrumentalist<br />

Johannes Bruckner. Horvath und<br />

sein Team verfolgten auch heuer das<br />

Ziel, bei den Teilnehmenden die Freude<br />

am künstlerischen Ausdruck, Tanz und<br />

Bewegung zu fördern und zugleich auch<br />

musikalisch gute Ergebnisse zu erzielen.<br />

„Fordern, aber nicht überfordern“ lautete<br />

die Devise.<br />

KulturFenster<br />

62 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Chorwesen<br />

Auch der Spaß kam nicht zu kurz.<br />

Das Referenten- und<br />

Betreuerteam<br />

Eindrücke der<br />

Musicalwoche<br />

in Lichtenstern<br />

Die Jugendlichen agierten auf einem sehr hohen<br />

musikalischen und tänzerischen Niveau.<br />

KulturFenster<br />

63 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


SCV-Intern<br />

Sommer, Sonne, Sonnenschein<br />

Kindersingwoche des Südtiroler Chorverbands<br />

Unter dem Motto „Sommer, Sonne, Sonnenschein“<br />

fand heuer die Kindersingwoche<br />

statt – und 30 Mädchen zwischen 9 und 14<br />

Jahren haben sich angemeldet und mit Begeisterung<br />

daran teilgenommen.<br />

Die Woche fand vom 27. Juni bis 3. Juli<br />

im Vinzentinum in Brixen statt. Die Kinder<br />

sangen in der Kleingruppe, im großen<br />

Chor oder probierten sich an Solostücken.<br />

Ein erfahrenes Team von sechs Referenten<br />

gab den Teilnehmenden Tipps rund um die<br />

Stimme und erarbeitete mit den Kindern<br />

tolle Choreographien: Kursleiter Michael<br />

Feichter wurde von Mathias Krispin Bucher,<br />

Sophei Eder, Lukas Erb, Andrea Oberparleiter<br />

und Daniel Renner unterstützt. Im Modul<br />

„Song-Recording“ konnten Interessierte ihren<br />

eigenen Song aufnehmen. Für Tanzinteressierte<br />

gab es Workshops im Angebot.<br />

Drei Betreuer*innen gestalteten mit den Kindern<br />

die Freizeit. Kursleiter Michael Feichter<br />

leitet die Kindersingwoche bereits seit 2010<br />

mit viel Begeisterung und Einsatz. Der Musikpädagoge,<br />

Sänger und Schlagzeuger will<br />

bei den Kindern vor allem die Freude am<br />

Singen und Tanzen fördern. Dass Freude<br />

und Begeisterung, aber auch ein hohes<br />

Maß an Können erreicht wurde, zeigte die<br />

Abschlussveranstaltung, bei der die Mädchen<br />

als Chor und Solisten auftraten, tolle<br />

Choreographien vom Hip-Hop bis zur Klassik<br />

aufführten und auch schauspielerische<br />

Elemente einfließen ließen. Die große Vielfalt<br />

und die Offenheit für die Individualität<br />

der Jugendlichen zeigte sich auch in<br />

den eingespielten Songs, die das Potential<br />

der Teilnehmenden zeigen und auf beeindruckende<br />

Weise den Wert dieser Fortbildungen<br />

hörbar machen, nämlich die<br />

Jugendlichen in ihren Fähigkeiten zu fördern.<br />

Vielfalt gab es auch in den Werken,<br />

von südafrikanischen und alpenländischen<br />

Volksliedern über Gospels bis „Walking on<br />

Sunshine“ tauchten die Mädchen in die<br />

verschiedensten Bereiche des Liedes ein.<br />

Der Leiter der Kindersingwoche Michael Feichter in Aktion.<br />

Daniel Renner, ein Fachmann für Tanz- und<br />

Choreographie<br />

Songrecording mit Mathias Bucher<br />

Das Konzert gibt es zu sehen<br />

und zu hören unter:<br />

https://youtu.be<br />

/XjfLZAdJ3wE<br />

KulturFenster<br />

64 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


Chorwesen<br />

„Jedes Jahr eine Freude!“<br />

Kursleiter Michael Feichter freut sich über die gelungene Kindersingwoche<br />

Kursleiter Michael Feichter leitet die Kindersingwoche<br />

bereits seit 2010. Der Musikpädagoge,<br />

Sänger und Schlagzeuger ist<br />

mit dem Erfolg der Kindersingwoche zufrieden,<br />

auch wenn beim Abschlusskonzert das<br />

Publikum gefehlt hat.<br />

KulturFenster: Wie war dein Gefühl in der<br />

Planungsphase?<br />

Michael Feichter: Natürlich gab es eine Zeit<br />

der Unsicherheit, Diskussionen über die Art<br />

und Weise der Umsetzbarkeit. Der Chorverband<br />

hat uns aber sehr früh klar gemacht,<br />

dass die Durchführung der Singwoche –<br />

unter Einhaltung eines Sicherheitsprotokolls<br />

– für diesen Sommer ganz klares Ziel ist.<br />

Mit dem Vinzentinum haben wir ein Haus<br />

gefunden, das uns von der Größe und den<br />

Dimensionen einen reibungslosen Ablauf<br />

ermöglicht hat. Ich würde zusammenfassend<br />

sagen, dass die Planungsphase bei<br />

mir von großer Vorfreude geprägt war, den<br />

Kindern heuer wieder eine Sommerwoche<br />

anbieten zu können.<br />

KF: Was waren die inhaltlichen Schwerpunkte?<br />

Feichter: In diesem Jahr hat sich alles um<br />

das Thema „Sommer, Sonne, Sonnenschein“<br />

gedreht. Vom Jägerchor bis zum<br />

Pop-Sommerhit war alles dabei. Wer wollte,<br />

konnte seinen eigenen Sommerhit komponieren<br />

und aufnehmen. Die Woche war auf<br />

Workshop-Basis aufgebaut. Jede Teilnehmerin<br />

konnte aus einem Pool von Kursen<br />

rund um die Stimme auswählen. Das Abschlusskonzert<br />

war eine Zusammenfassung<br />

der einzelnen Workshops. Für die<br />

Stimme wurde Einzelstimmbildung, Singen<br />

in Kleingruppen (Musical, Jazz, Gospel,<br />

Volkslied), Mikrofontechnik und Singen<br />

im Chor angeboten. Im Bereich Tanz<br />

lernten die Mädchen Hip-Hop und Choreographien.<br />

Mit den Workshops Songwriting<br />

und Songrecording wollten wir die Kreativität<br />

der Kinder fördern.<br />

Ein besonderes Augenmerk legen wir auf<br />

die frühe Förderung des mehrstimmigen<br />

Singens und das Kennenlernen der Literatur<br />

aus verschiedenen Genres. Wir arrangieren<br />

falls notwendig die Stücke so, dass<br />

sie gut singbar sind.<br />

KF: Wie war die Stimmung bei dir und<br />

dem Team? Wie war die Zusammenarbeit<br />

Feichter: Das Referententeam setzt sich<br />

aus Sänger*innen, einem Tänzer und<br />

einem Singer-Songwriter zusammen,<br />

die neben ihren fachlich Fähigkeiten<br />

auch noch ein sehr gutes Gespür<br />

dafür mitbringen, dass sich jeder<br />

und jede in den Kursen wohlfühlt.<br />

Teilweise kennen wir uns noch aus<br />

unserer Studienzeit, und wir freuen<br />

uns jedes Jahr auf ein Wiedersehen.<br />

Das überträgt sich auch auf die Teilnehmer.<br />

Als Team sind wir mittlerweile<br />

sehr eingespielt und man könnte sagen,<br />

wir verstehen uns blind. Das gilt übrigens<br />

auch für das Betreuer*innen-Team.<br />

KF: Wie war die Stimmung bei den Mädchen?<br />

Feichter: Nachdem wir heuer zum ersten<br />

Mal seit Jahren keine Buben bei der Singwoche<br />

dabei hatten, waren die Mädels sozusagen<br />

unter sich, und ich muss sagen,<br />

die Stimmung war super. Allerdings ist es<br />

ein ganz klares Ziel, bei der nächsten Singwoche<br />

wieder Buben dabeizuhaben, was<br />

auch für die Gruppendynamik gut wäre.<br />

KF: War das Coronavirus ein ständiges<br />

Thema?<br />

Feichter: Das Coronavirus hat uns im<br />

Grunde nur an zwei Tagen beschäftigt:<br />

Am Sonntagabend bei der Ankunft und<br />

am Mittwoch, wo wir alle einem Nasenflügeltest<br />

unterzogen wurden. Ansonsten<br />

konnten wir uns als geschlossene Gruppe<br />

im Vinzentinum frei und ohne Maske und<br />

Abstandspflicht bewegen. Das hat allen<br />

sehr gutgetan.<br />

Michael Feichter, Leiter der Kindersingwoche<br />

des SCV<br />

KF: Wie hast du die Woche erlebt? Was<br />

war besser bzw. schlechter im Vergleich<br />

zu anderen Jahren?<br />

Feichter: Ich würde sagen, es war nichts<br />

besser oder schlechter. Es waren einige Sachen<br />

einfach anders. Eine unserer Stärken<br />

ist die Flexibilität. Der größte Unterschied<br />

war das Haus – heuer fand die Kindersingwoche<br />

nicht in Tisens, sondern im Vinzentinum<br />

statt - vor dem aufgrund seiner Größe<br />

doch viele Kinder ziemlich Respekt hatten.<br />

Die Räume und auch die Gänge sind<br />

grundsätzlich eher dunkel und durch die<br />

Größe ist die Gruppe sehr weit auseinandergezogen,<br />

hatte weite Wege zu machen<br />

usw. Vielleicht hat diese Tatsache bei einigen<br />

Teilnehmerinnen das Heimweh diesmal<br />

besonders stark aufkommen lassen.<br />

Für unsere Gruppengröße und für die gewohnt<br />

familiäre Atmosphäre ist Tisens vielleicht<br />

besser.<br />

KF: Wie würdest du die Woche in einem<br />

Satz beschreiben?<br />

Feichter: Spritzig, fröhlich, vielseitig, länderübergreifend!<br />

– Jedes Jahr eine Freude!<br />

KF: Wie hast du den Abschluss erlebt?<br />

Feichter: Das Konzert haben wir ohne Publikum<br />

aufgenommen und auf YouTube<br />

gestreamt, was für alle eine neue Erfahrung<br />

war.<br />

Der Abschluss war so natürlich anders<br />

als in den letzten Jahren, und man muss<br />

eines ganz klar sagen: Uns hat das Publikum<br />

gefehlt. Es hat die Vorfreude, der<br />

Lärm des Publikums vor dem Konzert gefehlt,<br />

vielleicht auch ein bisschen die gesunde<br />

Angespanntheit und das Prickeln,<br />

wenn sonst Eltern im Publikum sitzen. In<br />

diesem Sinne hoffen wir im nächsten Jahr<br />

wieder auf ein öffentliches Abschlusskonzert<br />

mit Publikum.<br />

KulturFenster<br />

65 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


SCV-Intern<br />

Kultur- und Naturerlebnis in Ulten<br />

Alpenländische Sing- und Wanderwoche<br />

Die Teilnehmer*innen stimmen sich auf einen schönen Sing- und Wandertag ein.<br />

Heuer fand wieder die beliebte Alpenländische<br />

Sing- und Wanderwoche statt, und<br />

zwar vom 27. Juni bis 4. Juli in Ulten. 31<br />

Teilnehmer*innen kamen nach St. Nikolaus<br />

in Ulten, um dort unter der Leitung<br />

von Ernst Thoma und Chorleiterin Verena<br />

Gruber gemeinsam zu wandern, zu singen<br />

und die Gemeinschaft zu pflegen.<br />

Freilich gab es coronabedingt Änderungen:<br />

So wurden die Teilnehmer*innen heuer in<br />

zwei Gruppen aufgeteilt und es gab auch<br />

kein Abschlusskonzert. „Viel Überlegen,<br />

In der Natur gab es viel zu entdecken.<br />

Vorarbeiten, Besichtigungen und immer<br />

wieder die Frage: Wird es möglich sein. Welche<br />

Literatur wird machbar sein? Schaffen<br />

wir das, werden einige unterfordert sein?“,<br />

erinnert sich Kursleiter Ernst Thoma an<br />

die Vorarbeiten zur Wanderwoche und betont:<br />

„Auf jeden Fall war die feste Überzeugung<br />

da: Wir müssen wieder starten!“<br />

Geprobt wurde im Kultursaal und im Probelokal<br />

des Chores von St. Nikolaus. Einsingen<br />

konnten sich die Sänger*innen auf<br />

dem Rasen im Freien.<br />

Verena Gasser Fischnaller, Chorleiterin in<br />

Lüsen, war heuer die zweite Referentin.<br />

„Ein Glücksfall! Sie hat sich gleich in die<br />

Gruppen eingearbeitet und wurde freundlich<br />

aufgenommen. Wir haben uns vom ersten<br />

Telefonat bis zur Abschlussveranstaltung<br />

gut verstanden“, berichtet Ernst Thoma,<br />

der schon viele Jahre lang diese Schulung<br />

leitet. Und wie wurden die „Turnusse“ organisiert?<br />

Eine Gruppe ging am Vormittag<br />

mit Wanderführer Matthias Preims auf<br />

Wanderschaft und lernte Ulten und seine<br />

ursprüngliche Schönheit kennen, während<br />

die anderen am musikalischen Programm<br />

arbeiteten. Am Nachmittag war es umgekehrt.<br />

Die Chorleiter wechselten sich jeweils<br />

ab, so kam jede Gruppe auf ihre Rechnung.<br />

„Dieses Programm hatte ich vorher bei<br />

einem Lokalaugenschein mit Matthias<br />

Preims, unserem Wanderführer, durchgerechnet.<br />

Es hat alles wunderbar funktioniert.<br />

Matthias sollte aber auch singen, da<br />

er ein guter Tenorsänger ist und Männer<br />

ohnehin knapp sind. So wurde er tatkräftig<br />

von seiner Schwester Mathilde und von Pichler<br />

Hanna unterstützt“, erzählt Thoma.<br />

Wie so oft bei der Alpenländischen Singund<br />

Wanderwoche kam es auch heuer zu<br />

netten Erlebnissen: „Bei der Wanderung<br />

zum St. Moritz-Kirchlein hat eine Wortgottesdienstleiterin<br />

ganz spontan die Männer<br />

überredet am Morgen den Wortgottesdienst<br />

mitzugestalten. Das haben wir gemacht<br />

und es war eine bewegende Andacht. Am<br />

Schluss haben wir alle (auch die Frauen<br />

in den Kirchenbänken) gemeinsam den<br />

„Engel des Herrn“ gesungen.“<br />

Abschlusskonzert war von Anfang an keines<br />

vorgesehen. Deshalb konnten sich<br />

die Teilnehmer*innen in aller Ruhe auf<br />

den Abschlussgottesdienst am Sonntag<br />

vorbereiten. Beim Gottesdienst wurde bei<br />

verschiedenen Gesängen das Kirchenvolk<br />

mit einbezogen, „was die Leute dankbar<br />

angenommen haben“. Nach der Messe<br />

gab es noch ein Ständchen im Freien.<br />

Der Chor der Alpenländischen Sing- und<br />

Wanderwoche verabschiedete sich mit einigen<br />

Liedern und Jodlern von einem sehr<br />

dankbaren Publikum. Ernst Thomas Resümee:<br />

„So war die Sing- und Wanderwoche<br />

<strong>2021</strong> insgesamt eine gelungene und<br />

erfolgreiche Singwoche.“<br />

Das Referententeam Ernst Thoma (l) und<br />

Verena Gruber (r)<br />

KulturFenster<br />

66 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


entdeckt<br />

Literatur-Tipp: Chorleiter-Coaching<br />

Tipps für die Optimierung des Chores bietet ein neues Buch des<br />

Chorleiters und Chor-Coachs Philip Lehmann.<br />

Der Autor, im Iran geboren, leitet in Deutschland<br />

hauptberuflich vier Chöre und projektweise<br />

verschiedenste Ensembles und Orchester,<br />

er coacht Chorleiter*innen darin<br />

Laienchöre zu leiten und hat nun darüber<br />

ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Chorleiter-Coaching.<br />

Philip Lehmann: Chorleiter-Coaching - Hamburg <strong>2021</strong>, 808 Seiten<br />

ISBN 978-3-347-32420-6<br />

1004 Wege dich, dein Dirigieren & deinen<br />

Laienchor zu optimieren“. Der Autor, der<br />

seit 15 Jahren Kurse für Chorcoaching anbietet,<br />

gibt darin Tipps, die auf seiner Einstellung<br />

basieren, dass der Dirigent sich<br />

tiefgründig mit dem Werk befassen muss<br />

– von der Geschichte bis hin zu verschiedenen<br />

Interpretationen, und dass das Werk<br />

über den eigenen Gesang kennengelernt<br />

wird: „Vor allem das genaue Arbeiten, die<br />

Kommunikation mit dem Ensemble und<br />

die Förderung der Kommunikation zwischen<br />

den Ensemblemitgliedern bezüglich<br />

Spielweise und Interpretation prägen<br />

die dirigentische Arbeit und führen so zu<br />

einem musikalischen Ergebnis, mit dem<br />

sich das Ensemble als Ganzes identifizieren<br />

kann“, schreibt der Autor. Das Buch<br />

soll ein ständiger Begleiter und Ratgeber für<br />

jeden Laienchorleiter jeden Niveaus sein,<br />

denn das Leiten und Dirigieren eines Laienchores<br />

sind ein Handwerk – ein erlernbares<br />

Handwerk mit eigenen Techniken, Arbeitswegen<br />

und Methoden ein Produkt herzustellen:<br />

einen glücklichen, erfolgreichen und<br />

produktiven Chor. Das Buch ist für den Anfänger<br />

bis zum studierten Profi geschrieben.<br />

„Denn wo es dem Anfänger an Sachkompetenz<br />

fehlt, fehlt es dem Profi häufig<br />

an Sozialkompetenz“, schreibt der Coach.<br />

Für beides bietet das Buch Handlungsanweisungen,<br />

Tipps und Vorschläge, die die<br />

Arbeit und den Umgang mit einem Laienchor<br />

optimieren. Hunderte Paragrafen beschreiben<br />

die Proben-/Konzertvorbereitung,<br />

deren Durchführung und die Psychologie<br />

hinter dem Laienchorleiten. Das geschieht<br />

humorvoll, motivierend, schnodderig, auffordernd,<br />

ehrlich, formal und provozierend,<br />

um schlicht emotionale Reaktionen hervorzurufen.<br />

So kommt es zur Auseinandersetzung<br />

und Reflektion der eigenen Methoden<br />

und damit begründet zu Änderungen oder<br />

Bestätigung – das ist Coaching.<br />

Aus der Redaktion<br />

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Chorwesen<br />

senden Sie bitte an: info@scv.bz.it (Südtiroler Chorverband)<br />

Für etwaige Vorschläge und Fragen erreichen Sie uns unter<br />

folgender Nummer: +39 0471 971 833 (SCV)<br />

Redaktionsschluss für<br />

die nächste Ausgabe des<br />

„KulturFensters“ ist<br />

Freitag, 17. September <strong>2021</strong><br />

KulturFenster<br />

67 04/<strong>August</strong> <strong>2021</strong>


17.09.<strong>2021</strong>und<br />

28.10.<strong>2021</strong><br />

Termine<br />

Tagung:<br />

„Identitätsstiftende Orte“<br />

Infos unter: hpv.bz.it<br />

19.09.<strong>2021</strong><br />

„Tag der Chöre“<br />

Chortreffen in den Gärten von Schloss Trauttmansdorff ab 10.30 Uhr<br />

Infos unter: https://scv.bz.it/tag-der-choere<br />

09.10.<strong>2021</strong><br />

Buchvorstellung<br />

„Geschichte der Südtiroler Blasmusik 1918-1948“<br />

17.00 Uhr – Waltherhaus, Schlernstr. 1, Bozen<br />

Infos unter:<br />

https://news.provinz.bz.it/de/<br />

news-archive/656484

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