Kulturfenster Nr. 04|2021 - August 2021

infoatvsm.bz.it

BLASMUSIK

CHORWESEN

HEIMATPFLEGE

in Südtirol

Nr. 4

AUG.

2021

Konzertwertung aus der Sicht des Jurors

Rettet die Strohdächer!

Corona hat die Chorszene verunsichert

Poste Italiane SpA – Sped. in a.p. | -70% – NE BOLZANO – 71. Jahrgang – Zweimonatszeitschrift

Poste Italiane SpA – Sped. in a.p. | -70% – NE BOLZANO – 73. Jahrgang – Zweimonatszeitschrift


vorausgeschickt

Sommer, Sonne,

Sonnenschein

Liebe Leserinnen und Leser,

auch wenn uns das Thema „Corona“ immer

noch begleitet und weiterhin begleiten

wird, wollen wir in dieser Ausgabe in

die Zukunft schauen. Dabei gilt es, weder

blauäugigen Optimismus an den Tag

zu legen, noch den Kopf aus Angst oder

Frustration in den Sand zu stecken. Es

gilt vielmehr, die Fehler vor Corona nicht

zu wiederholen, aus den Erfahrungen mit

Corona zu lernen und damit die Grundsteine

für die Zeit nach Corona zu legen.

Dazu stellt Helmut Schmid, der Bundesjugendreferent

des Österreichischen Blasmusikverbandes,

die Konzertwertung zur

nachhaltigen Qualitätsförderung in den

Mittelpunkt der Blasmusikseiten – dies

im Hinblick auf das Wertungsspiel am 30.

Oktober 2021 in Toblach. Weiters haben

die Stabführer gemeinsam mit der Spitzensportlerin

Monika Niederstätter viele

Parallelen zwischen der Musik und dem

Sport analysiert und Überlegungen angestellt,

wie die „Musik in Bewegung“ wieder

in Bewegung kommt.

Der Heimatpflegeverband mahnt hingegen

einmal mehr, nicht einfach zur Tagesordnung

zurückzukehren. Er verweist

im Hauptthema auf ein Projekt zur Rettung

der Strohdächer, ein Stück bäuerlicher

Architektur, die verloren zu gehen

droht. Zudem stellt sich der neue Geschäftsführer

Florian Trojer vor, der sein

Credo klar formuliert: „Mehr agieren statt

reagieren.“

Der Chorverband präsentiert die Ergebnisse

verschiedener Studien, die die Auswirkungen

der Corona-Pandemie auf die

Chorszene untersucht haben. Trotz dieser

großen Verunsicherung in der Chorlandschaft

wird auch von einigen interessanten

Projekten berichtet, wie etwa

von der heurigen Kindersingwoche, die

mit ihrem Motto „Sommer, Sonne, Sonnenschein“

viel Optimismus verbreitet.

Dazu gibt es die gewohnten Rubriken, in

denen die einzelnen Verbände ihre Tätigkeiten

dokumentieren, bereichsspezifische

Themen aufarbeiten und auch die

Jugend – die Zukunft unserer Vereine –

in den Fokus stellen.

Ich wünsche Ihnen dazu wiederum eine

unterhaltsame, aber auch informative Lektüre

und einen aufschlussreichen Blick

durch unser „KulturFenster“.

Stephan Niederegger


Eine falsche Note zu spielen ist bedeutungslos;

zu spielen ohne Leidenschaft

ist inakzeptabel.


Vielleicht gibt es schönere Zeiten, aber

diese ist die unsere.


Es ist billiger den Planeten jetzt zu schützen,

als ihn später zu reparieren.

„ „ „

Ludwig van Beethoven

Jean-Paul Sartre

José Manuel Barroso

KulturFenster

2 04/August 2021


Inhalt

In dieser Ausgabe

Blasmusik

Warum musikalische Wettbewerbe ein Teil der

Vereinsarbeit sind: Konzertwertung aus der Sicht des Jurors...... 4

Wie Musik (wieder) in Bewegung kommt

Spitzensportlerin trifft Stabführer und Führungskräfte................ 8

Es war einmal … eine Musikkapelle: Bitte um Mitarbeit

bei der Suche nach verschollenen Musikkapellen.................... 10

Musik in Bewegung mit Kindern und Jugendlichen

Sonya Profanter im Gespräch.................................................. 11

Zum 175. Todestag von Andreas Nemetz

Der Komponist des „Einschlages zum Marsch“ ....................... 13

Die Jugendkapelle „klanLAUT“ im Porträt ............................... 16

„Schlernsaxess“ seit fünf Jahren erfolgreich ............................ 18

JuKa Schnals fährt nach Grafenegg......................................... 20

„Memes“ treffen Blasmusik

Das Musikantenleben mit Humor betrachtet............................ 21

„Es geht um die Musik“

Solofagottistin Miriam Kofler im Gespräch................................ 22

110 Punkte mit Auszeichnung: Daniel Niederegger,

der 13. Absolvent des Blasorchesterstudiums in Bozen ........... 23

Binary Star

Zweite CD von Peter Steiner und Constanze Hochwartner........ 25

CLARINET a due

Leichte Spielstücke für zwei Klarinetten von Gottfried Veit ........ 25

Der Vogelsang in der Musik: Gottfried Veit auf der Spur der

faszinierenden Stimmen der Natur .......................................... 26

Raut, Grait Ried, Rungg und Nofen

Flurnamen aus der Agrargeschichte, Teil 3 - Rodungsnamen...50

Kleinod im Kleindenkmal

Eine Kreuzigungsgruppe für die Blasbichlkapelle in Rateis.......51

Heimatschutzverein Lana wertet Kleindenkmal auf ..................52

Alte Volksschule Ahornach nicht versteigern............................52

Heimatpflegeverein Naturns-Plaus

Neues Buch über Bildhauer Oswald Krad................................53

Schreckgespenst kehrt zurück: Neues Projekt für

einen Glasturm unter dem Rosengartenmassiv ........................54

Lindas Krönchen

Kostbare Ghërlanda spiza zur Jungmädchentracht ..................55

Chorwesen

Motivationsverlust und Auflösungserscheinungen: Umfrage

zur Situation der Chöre im deutschen Sprachraum..................56

Die Bedeutung der Musik: Mit Musik-Thema

Südtiroler Jugendredewettbewerb gewonnen...........................59

Die Katzen sind los

Musicalwoche in Lichtenstern .................................................62

Kultur- und Naturerlebnis in Ulten

Alpenländische Sing- und Wanderwoche.................................64

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Kindersingwoche des Südtiroler Chorverbandes.......................65

Literatur-Tipp: Chorleiter-Coaching von Philip Lehmann ...........67

In der Musik „dahoam“: Tobias Psaier ist vielseitiger Musiker,

Komponist und Kapellmeister.................................................. 28

kurz notiert

Neues von den Musikkapellen................................................. 30

Heimatpege

Rettet die Strohdächer!

Ein Stück bäuerlicher Architektur droht, verloren zu gehen ...... 32

Das Strohdach – (k)ein ewiges Werk

Ein Besuch am Duregghof in Afing.......................................... 35

Ein Netzwerk zum Erhalt der Strohdächer................................ 37

Letzte Strohstadel in Vöran sollen erhalten bleiben................... 38

Sind Strohdächer nur noch Museumsobjekte?......................... 40

Dinge des Alltags: Der Dreschbock.......................................... 41

„Nicht zur Tagesordnung zurückkehren“

71. Vollversammlung des Heimatpflegeverbandes Südtirol....... 42

„Mehr agieren statt reagieren“: Florian Trojer,

der neue Geschäftsführer des Heimatpflegeverbandes ............ 44

Impressum

Mitteilungsblatt

- des Verbandes Südtiroler Musikkapellen

Redaktion: Stephan Niederegger, kulturfenster@vsm.bz.it

- des Südtiroler Chorverbandes

Redaktion: Paul Bertagnolli, info@scv.bz.it

- des Heimatpflegeverbandes Südtirol

Redaktion: Florian Trojer, florian@hpv.bz.it

Anschrift:

Schlernstraße Nr. 1 (Waltherhaus), I-39100 Bozen

Tel. +39 0471 976 387 – info@vsm.bz.it

Raiffeisen-Landesbank Bozen

IBAN = IT 60 S 03493 11600 000300011771

SWIFT-BIC = RZSBIT2B

Jahresabonnement = 20,00 Euro

Ermächtigung Landesgericht Bozen Nr. 27/1948

presserechtlich verantwortlich: Stephan Niederegger

Druck: Ferrari-Auer, Bozen

Das Blatt erscheint zweimonatlich am 15. Februar, April, Juni, August, Oktober und

Dezember. Redaktionsschluss ist der 15. des jeweiligen Vormonats.

Eingesandte Bilder und Texte verbleiben im Eigentum der Redaktion und werden nicht

zurückerstattet. Die Rechte an Texten und Bildern müssen beim Absender liegen bzw.

genau deklariert sein. Die Verantwortung für die Inhalte des Artikels liegt beim Verfasser.

Die Wahrung der Menschenwürde und die wahrheitsgetreue Information der Öffentlichkeit

sind oberstes Gebot. Der Inhalt der einzelnen Beiträge muss sich nicht mit

der Meinung der Redaktion decken. Nachdruck oder Reproduktion, Vervielfältigung jeder

Art, auch auszugsweise, sind nur mit vorheriger Genehmigung der Redaktion erlaubt.

Sämtliche Formulierungen gelten völlig gleichrangig für Personen beiderlei Geschlechts.

Umweltausgleichsmaßnahmen

Notwendiges Übel oder Chance?............................................. 46

Keine Angst vor Beteiligung

Bei der Gestaltung von Lebensräumen mitreden...................... 48

gefördert von der Kulturabteilung

der Südtiroler Landesregierung

KulturFenster

3 04/August 2021


Die Teilnahme an einem

Wertungsspiel …

… dient nicht nur dem Vergleich mit anderen Kapellen, sondern

in erster Linie der nachhaltigen Qualitätsförderung im Verein.

KulturFenster

4 04/August 2021


motiviert

Warum musikalische

Wettbewerbe ein Teil der

Vereinsarbeit sind

Helmut Schmid zum Thema Konzertwertung aus der Sicht des Jurors

Ob eine Teilnahme mit der Musikkapelle am

nächsten Wettbewerb bzw. Wertungsspiel

angestrebt werden soll, wirft vereinsintern

oft zahlreiche Fragen auf. Befürworter und

Skeptiker gibt es da viele und nicht selten

fehlen gute und sachliche Argumente

auf beiden Seiten. Eigentlich könnten wir

uns solche Diskussionen sparen - durch

ein klar definiertes und umfangreich gedachtes

Qualitätsbewusstsein, welches

für alle Mitglieder in der Musikkapelle

verständlich ist. Im folgenden Beitrag einige

Gedanken zum Thema Qualität im

Musikverein.

Wie deniert sich die

musikalische Arbeit in

der Musikkapelle?

Unsere Musikkapellen (allen voran die

Kapellmeisterinnen und Kapellmeister)

haben vielfältige Aufgaben: Beginnen

wir mit der Auswahl der Literatur für

das Programm im musikalischen Jahreskreis.

Kapellmeister*innen stehen

jedes Jahr vor der Aufgabe, geeignete

Musikstücke für die Umrahmung kirchlicher

und weltlicher Festtage, Pflege der

Marschkultur, Unterhaltungsmusik, Konzertmusik,

Musik in kleinen Gruppen etc.

zu finden. Für jeden dieser Bereiche gelten

ähnliche Anforderungen: möglichst

gut spielbare und qualitätsvolle Stücke

– im Original oder als gute Transkription

– zu erkennen.

Ein weiterer Punkt ist die musikalische

Nachwuchs- und Jugendarbeit. Hier besteht

wohl die einzigartige Chance, Qualität

und Qualitätsbewusstsein von Anfang

an zu etablieren. Erfolge – auch kleine

– machen Spaß und machen Lust auf

mehr. Die Teilnahme mit einem Jugendorchester

an verschiedenen Veranstaltungen

wie Jugendblasorchestertreffen

oder Jugendblasorchesterwettbewerben

sind besondere Highlights.

„Definiert wird der Qualitätsanspruch in erster Linie von der musikalischen Leitung und

der gewählten Vorgehensweise“, sagt Juror Helmut Schmid.

Warum ist ein natürliches

musikalisches Qualitätsbewusstsein

im Verein wichtig?

Vorweg: Ein Musikverein besteht aus mehreren

unterschiedlichen Parametern. Federführend

für die Entwicklung und Sicherung

von Qualitätsbewusstsein sind

die musikalisch-künstlerischen Belange.

Aus diesem Grund werden in diesem Beitrag

Themen wie Organisation, Finanzierung,

Öffentlichkeitsarbeit etc. nicht berücksichtigt.

Qualitätsvolles Musizieren

in der Musikkapelle entsteht nicht zufällig,

es ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit.

Ein Konzert auf hohem Niveau zu

spielen, ist sicherlich ein schöner Erfolg,

sagt jedoch unter Umständen noch nicht

allzu viel über die musikalische Qualität

der Vereinsarbeit aus. Definiert wird der

Qualitätsanspruch in erster Linie von der

musikalischen Leitung und der gewählten

Vorgehensweise. Durch folgende

Fragen können Kapellmeisterinnen und

Kapellmeistern ihren persönlichen Anspruch

festlegen:

➤ Welche Literatur wird zu welchem Anlass

gespielt?

➤ Welche Transkriptionen werden gewählt?

➤ Was sind gute Originalwerke?

➤ Müssen bei jedem Anlass Stücke der

maximal möglichen Leistungsstufe gespielt

werden, oder gibt es auch einfachere

(gute) Werke?

Musikalische Wurzeln

und Qualitätsanspruch

an die Musik

Weitere Überlegungen gelten der Österreichischen

(Tiroler) Blasorchesterkultur:

Wo sind die musikalischen Wurzeln und

wie können diese in Kenntnis der interna-

KulturFenster

5 04/August 2021


motiviert

Unser (zielführender) Weg zum Wertungsspiel – darüber referierte Hans Pircher bei einer Fortbildungsveranstaltung für Kapellmeisterinnen

und Kapellmeister.

tionalen Blasorchesterszene sinnvoll weiterentwickelt

werden? Bestimmt verfügen

meisten Mitglieder des Vereins über einen

gewissen und meistens sehr ausgeprägten

Qualitätsanspruch an die Musik und die

musikalische Vereinsarbeit. Im Optimalfall

sehen dieses Thema alle recht ähnlich

oder sogar gleich. Für mich persönlich ist

es oberstes Ziel und vereinsinterne Vorgabe,

dass jede Probe, jedes Ständchen,

jede Prozession und jedes Konzert im Moment

die wichtigste Aufgabe des Vereines

ist. Das heißt: Wir alle geben immer und

bei jeder Gelegenheit unser Bestes! Wenn

all diese Aufgaben gelingen, entsteht Motivation

und das ist eine wesentliche Grundlage

für qualitätsvolles Musizieren.

Wer gibt uns Rückmeldung?

Rückmeldung und unsere Reaktion darauf

bestimmen die musikalische Arbeit

im Verein grundlegend. Natürlich unterscheiden

wir, von wem diese Rückmeldung

kommt und verwerten diese dann

mehr oder weniger. Grundsätzlich gibt es

andauernd Rückmeldungen zu unserer

musikalischen Arbeit. In der Probe durch

Kolleginnen und Kollegen, durch die Kapellmeisterin

oder den Kapellmeister, zuhause

in der Familie und nicht zuletzt

durch das Publikum. Man könnte den

Standpunkt vertreten, dass das Publikum

der Maßstab sein soll und wir uns danach

zu richten haben. Gewissermaßen mag

das auch so sein und wir alle freuen uns,

wenn dem Publikum unsere Musik gefällt.

Jedoch haben wir ein stark unterschiedliches

Publikum zu bedienen – abhängig

vom Anlass unseres Auftrittes. Nun ist es

doch so, dass die Rückmeldungen, die

wir in erster Linie bekommen, aus einem

uns gut bekannten Kreis stammen. Demnach

kommen sie aus einem sehr persönlichen,

freundschaftlich bekannten Kreis

und werden auch durch den subjektiven

Einblick ins Vereinsleben, wie viel großartige

Arbeit wir leisten, geprägt.

Thema „Wettbewerb“

An dieser Stelle kommt für mich das Thema

„Wettbewerb“ ins Spiel. Natürlich sind Wertungsspiele

und Wettbewerbe ein Forum,

um sich mit anderen „Mitbewerbern“ zu

vergleichen. Wir alle erleben es immer wieder,

wie essenziell es für viele von uns ist,

besser als andere zu sein. Das mag vielleicht

eine Triebfeder für Qualität sein, jedoch

hoffentlich nicht die einzige! Ich habe

immer wieder miterlebt, dass sich gute Arbeit

in allen Bereichen der Vereinsarbeit

über einen längeren Zeitraum auf die musikalische

Qualität allgemein positiv auswirkt

und dadurch bei einer möglichen

Wettbewerbsteilnahme viele grundlegende

und gute Vorzeichen ohnehin schon gegeben

sind. Wettbewerbe und Wertungsspiele

bieten eine Möglichkeit, qualifizierte

Rückmeldungen von außenstehenden, neutralen

und fachlich versierten Personen –

einer Jury – zu bekommen. Dennoch ist

auch diese Rückmeldung, welche in einem

Wettbewerbe und Wertungsspiele bieten eine Möglichkeit, qualifizierte Rückmeldungen von

außenstehenden, neutralen und fachlich versierten Personen – einer Jury – zu bekommen.

Auch bei fachlich fundierten Rückmeldungen spielen u. a. subjektive Erwartungshaltungen

und musikalische Vorstellungen der einzelnen Jurymitglieder eine Rolle.

KulturFenster

6 04/August 2021


Blasmusik

Ausschreibung

VSM - Konzertwertung 2021

Samstag, 30. Oktober 2021

Im Kulturzentrum Grand Hotel Toblach

Anmeldung:

Innerhalb 31. August 2021 im Verbandsbüro

AUSSCHREIBUNG

Punkteergebnis zusammengefasst wird, eigentlich

subjektiv. Abhängig von bestimmten

Zugängen, Erwartungshaltungen, Einschätzungsvermögen

und musikalischen

Vorstellungen der einzelnen Jurymitglieder

können auch diese Rückmeldungen sich

durchaus unterscheiden.

Musikalische Wettbewerbe

und ein angemessener

Umgang mit dem Ergebnis

Wenn wir uns einem „Wettbewerb“ stellen,

gehen wir auch ein gewisses Risiko ein. Im

besten Fall werden die musikalische Vereinsarbeit

und unser Anspruchsdenken

positiv bestärkt. Allerdings kann es auch

sein, dass die eigene musikalische Leistung

und somit unsere Arbeit – von der wir ja

überzeugt sind – einer kritischen Rückmeldung

unterzogen wird. Wenn sich diese in

einer niedrigen Punktebewertung niederschlägt,

führt das oft zu Motivationsverlust

und Frust. Die persönliche Einschätzung

bei jeder Gelegenheit intern zu kommunizieren

und eine angemessene, ehrliche

bzw. selbstkritische Erwartungshaltung im

Vorfeld zu formulieren, ist wohl eine der

größten Herausforderungen, die es für

Kapellmeister*innen gibt.

Musikalische Wettbewerbe als

Impuls- und Motivationsgeber

Wenn Wettbewerbe und Wertungsspiele

nicht das eigentliche Ziel der Vereinsarbeit

sind, sondern viel eher einen wichtigen und

unersetzlichen Bestandteil einer Qualitätsund

Rückmeldekultur darstellen, dann gibt

es viele positive Auswirkungen und es führt

eigentlich kein Weg an der Teilnahme vorbei.

Wettbewerbsstücke sind in der Regel

gut ausgesuchte Musikstücke, die einen

hohen künstlerischen und pädagogischen

Mehrwert bieten. Es gibt die Möglichkeit,

größere Werke zu proben, die vermutlich

sonst nicht im Programm stehen würden,

jedoch sehr gut auch im Jahreskonzert gespielt

werden können. Weiters gibt es die

Gelegenheit, an einem Werk über einen

längeren Zeitraum konsequent zu arbeiten

und alle in der Partitur vorgegebenen

Inhalte technisch und vor allem musikalisch

bestmöglich umzusetzen. Im Optimalfall

klingt es in jeder Probe noch besser –

was sich auch auf die Motivation und die

Vorfreude bei allen Beteiligten auswirken

wird. Wenn Wettbewerbsstücke bereits vor

dem Wettbewerb aufgeführt werden (z.B.

im Jahres- oder in Vorbereitungskonzerten),

dann wird das Orchester daran wachsen,

verschiedene Rückmeldungen mit eigenen

Erfahrungen verbinden und somit auch bestens

vorbereitet sein. Der Wettbewerb bzw.

das Wertungsspiel selbst ist dann eigentlich

nur mehr der hoffentlich erfolgreiche Abschluss

eines schönen „Projektes“ im Rahmen

des musikalischen Jahresprogramms,

bei dem die „Selbsteinschätzung“ der musikalischen

Leistungsfähigkeit möglichst mir

der „Fremdeinschätzung“ der Jury zusammenpassen.

Viel Erfolg!

Zur Person

Helmut Schmid

ist langjähriger Kapellmeister der Stadtmusikkapelle Landeck/Tirol. Mit seiner Stadtmusikkapelle

und seinem Jugendblasorchester hat er an verschiedensten nationalen

und internationalen Musikwettbewerben (Wasserburg – D, Kerkrade - NL,

Riva del Garda - I, Valencia - ES und Prag - CZ) sehr erfolgreich teilgenommen.

Beruflich arbeitet er beim Land Tirol als Landesmusikdirektor. Im Blasmusikverband

war er von 2001 - 2010 als Landesjugendreferent für den Blasmusikverband

Tirol tätig und ist seit 2013 Bundesjugendreferent des Österreichischen

Blasmusikverbandes.

KulturFenster

7 04/August 2021


hinausgeblickt

„Alles Show“

Fortbildung für Stabführer mit

Gerhard Dopler und der

Stadtmusikkapelle Meran

https://vsm.bz.it

25.09.2021

VSM intern

Wie Musik (wieder) in

Bewegung kommt

Spitzensportlerin trifft Stabführer und Führungskräfte

der Einzelnen und der Gruppe einzugehen.

Viele der mentalen Strategien, die Profisportler

nutzen, können auch von Stabführern

erfolgreichund effizient angewendet

werden.

Grundsätzlich sollte unser Bestreben

sein, mental stark zu sein. Die Basis dabei

ist, sich selbst zu vertrauen – Selbstvertrauen

zu entwickeln.

Eine wichtige Aufgabe besteht für uns im

Vereinsleben in dieser Hinsicht, unseren

Kindern und Jugendlichen zu zeigen,

dass wir ihnen vertrauen. Eine spezielle

Herausforderung einer Musikkapelle liegt

darin, Mitglieder mit unterschiedlicher Alters-

und Interessensstruktur zu vereinen.

Wie im Leistungssport auch, spielen als

Schlüssel des Erfolges verschiedene Bausteine

eine große Rolle:

Konzentriert und aufmerksam folgten die Stabführer und Führungskräfte aus dem

VSM-Bezirk Meran den Ausführungen von Monika Niederstätter.

➤ Selbstvertrauen aufbauen

➤ Motivierende Ziele setzen

Am 5. Mai fand die seit Langem erste Fortbildungsveranstaltung

des VSM-Bezirks

Meran in Präsenzform statt. Auf Einladung

der Fachgruppe MiB (Musik in Bewegung)

und unter der Koordination von Bernhard

Mairhofer konnte die renommierte Sportpsychologin

und Mentaltrainerin Monika

Niederstätter zum Thema „Herausforderung

Stabführer“ gewonnen werden.

Monika Niederstätter ist ehemalige Leistungssportlerin,

hat zwei Mal an Olympischen

Spielen und mehrfach an Europaund

Weltmeisterschaften teilgenommen, ist

9-fache Italienmeisterin im 400-m-Hürdenlauf

und hielt lange Zeit den Italienrekord in

dieser Disziplin. Sie überzeugte mit einem

interessanten, praxisnahen und kurzweiligen

Vortrag. Sie stellte viele Parallelen zwischen

Musik und Sport her und konnte den Führungskräften

und insbesondere den Stabführern

sehr hilfreiche Beispiele vermitteln.

Immer wieder stellen sich uns im Leben

verschiedene Herausforderungen, im

besonderen Maße auch in der jetzigen

Situation. Gerade auch die Führungsposition

des Stabführers stellt eine spannende

Herausforderung dar, mit der jeder

auf seine Weise umgeht. Durch Mentaltraining

können wir lernen, mit den verschiedenen

Herausforderungen umzugehen

und an ihnen zu wachsen.

Ein gezieltes Mentaltraining spielt im Spitzensport

mittlerweile eine wesentliche

Rolle und ist nicht mehr wegzudenken.

Durch Mentaltraining gelingt es uns, unser

wahres Potential zu erschließen. Dies

gilt nicht nur für den Sport, sondern auch

für die Rolle des Stabführers. Es gilt, zu

einem bestimmten Zeitpunkt die bestmögliche

Leistung abrufen zu können,

also den Anforderungen und Herausforderungen

dieser besonderen Stellung gerecht

zu werden und auf die Bedürfnisse

➤ Konzentration stärken

➤ Visualisierungstechniken nutzen

➤ Umgang mit Stress und Leistungsdruck

➤ Gedanken und Gefühle kontrollieren

➤ Ruhe fi nden

➤ Verletzungen und Krisen meistern

Von essenzieller Bedeutung ist das Formulieren

und Setzen von Zielen und die

Frage der Beweggründe: Was sind die

Motive? Bei der Motivation unterscheidet

man zwischen extrinsischer (z.B. Status,

Anerkennung…) und intrinsischer (wegen

mir) Motivation.

Intrinsische Motive werden durch die Tätigkeit

selbst befriedigt. Extrinsische Motive

werden nicht durch die Tätigkeit selbst,

sondern durch die Folgen der Tätigkeit

KulturFenster

8 04/August 2021


Blasmusik

Viele nützliche Motivationsschübe hatte die ehemalige Spitzensportlerin

für die Funktionäre in den Musikkapellen parat.

Wie man damit umgeht, wenn sich Plan und Realität widersprechen, dafür

konnten die Fortbildungsteilnehmer einige praktische Tipps mitnehmen.

oder durch deren Begleitumstände befriedigt.

Eine der wichtigsten Aufgaben

von Führungskräften im Verein besteht

darin, bei ihren Mitgliedern wieder mehr

die intrinsische Motivation zu fördern.

Neben den Motiven sind die Ziele die

zweite große Quelle unserer Motivation.

Durch klug gesetzte Ziele kann man sich

selbst und andere erfolgreich motivieren.

Zu diesen Punkten konnte die Referentin

wertvolle und anschauliche Tipps geben,

beispielhaft auch, weil gerade sie in ihrer

Sportlerkarriere als Hürdenläuferin und

danach im Berufsleben lernen musste,

viele Hürden zu meistern.

Zwar haben Musik und Sport viele Parallelen,

eines unterscheidet sie jedoch:

die Musik lässt den Kopf eher aus und

spricht mehr das Gefühl an. Auch deshalb

ist das mentale Know-how für den

Trainer (Stabführer/Kapellmeister/Führungskräfte)

so wichtig; eine gute Kommunikation

ist das A und O. Besonders

wichtig ist es, wenn etwas gut läuft, dies

lobend hervorzuheben. Bei Kritik bewährt

sich die Sandwichmethode gut:

1. Lob - das Gehirn „macht auf, ist erfreut“

2. Kritik anbringen

3. Lob

Als Schlussbotschaft nannte die Referentin

nochmals drei Schlüssel fürs „Bullseye“:

1. Konzentration

2. Gelassenheit (mehr Spaß passt gut

zur Musik)

3. Selbstvertrauen (Gruppendynamik

nutzen)

Im Anschluss an den Vortrag gab es noch

eine Frage- und Diskussionsrunde mit interessanten

Wortmeldungen und reger

Beteiligung. Gewappnet mit vielen Tipps,

Erkenntnissen und mit einer breiteren

Sichtweise, können sich die Teilnehmer

und Stabführernun ihrer umfangreichen

und verantwortungsvollen Aufgabe stellen.

Der VSM-Bezirksvorstand Meran wünscht

ihnen dazu viel Erfolg!

Andreas Augscheller

VSM-Bezirksobmann Meran

BLASMUSIK IM RUNDFUNK

jeden Freitag

von 18 bis 19 Uhr

„Blasmusik“

mit Dieter Scoz

jeden Samstag

von 18 bis 19 Uhr

„Faszination Blasmusik“

mit Arnold Leimgruber

(Wiederholung

am Sonntag um 10 Uhr)

jeden Freitag

von 18 bis 19 Uhr

„Das Platzkonzert“

mit Peter Kostner

KulturFenster

9 04/August 2021


hinausgeblickt

VSM intern

Obleute-Tagung

Kulturhaus, Terlan

https://vsm.bz.it

30.10.2021

9.00 Uhr

Es war einmal …

eine Musikkapelle

Bitte um Mitarbeit bei der Suche nach verschollenen Musikkapellen

Es hat in der Vergangenheit in unserm Land gar einige

Musikkapellen gegeben, die im Laufe der Zeit

von der Bildfläche verschwunden sind und vielfach

erinnern nur mehr lückenhafte Notizen von deren

vormaliger Existenz.

GESUCHT!

Erinnerungen, Dokumente,

Fotos, Zeitungsmeldungen etc.

Nun soll der Versuch gemacht werden, ein vom Vergessen

bedrohtes Kapitel Südtiroler Blasmusikgeschichte

zu dokumentieren und für die Zukunft zu sichern.

Deshalb ersuchen wir alle, die vom Bestand ehemals

existierender und heute verschwundener Musikkapellen

oder selbstständiger Bläserformationen Kenntnis

haben, dies mitzuteilen. Vor allem bitten wir, auch ältere

Musikanten oder ältere Menschen aus der Dorfgemeinschaft

anzusprechen und sie nach ihren diesbezüglichen

Erinnerungen zu befragen.

Wenn es neben den bloßen Erinnerungen auch noch

konkrete Unterlagen (Dokumente, Fotos, Zeitungsmeldungen

etc.) zu den verschwundenen Musikkapellen

geben sollte, so wären wir für deren leihweise Überlassung

natürlich sehr dankbar. Jeder noch so kleine

Hinweis ist bei der Recherche hilfreich!

Hinweise und Infos bitte direkt an den Verband Südtiroler

Musikkapellen, Schlernstraße 1, 39100 Bozen

oder info@vsm.bz.it

Stephan Niederegger

Aus der Redaktion

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Blasmusikseiten

senden Sie bitte an: kulturfenster@vsm.bz.it

Redaktionsschluss für

die nächste Ausgabe des

„KulturFensters“ ist

Freitag, 17. September 2021

KulturFenster

10 04/August 2021


ewegt

„Man muss die Kinder einfach

mal tun lassen“

Ein Gespräch mit Sonya Profanter über Musik in Bewegung

mit Kindern und Jugendlichen

In der Juni-Ausgabe des „KulturFensters“

haben der VSM-Verbandsstabführer Klaus

Fischnaller und die VSM-Verbandsjugendleiter-Stellvertreterin

Uta Praxmarer zum geplanten

Jugendfestival 2022 eingeladen. Ergänzend

dazu haben Klaus Fischnaller und

der VSM-Verbandsjugendleiter-Stellvertreter

Hannes Schrötter mit Sonya Profanter

über die Jugendarbeit im Allgemeinen gesprochen

und wie man Jugendliche für die

Musik in Bewegung motivieren kann.

KulturFenster: Südtirols Kulturlandschaft

stand für Monaten größtenteils still. Wie

hast du diese Zeit erlebt?

Sonya Profanter: Meine kleine Tochter ist genau

vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie

geboren. So muss ich gestehen, dass

mich persönlich der totale Stillstand aller

kulturellen Tätigkeiten nicht sonderlich

beeinflusst hat. Ich konnte mich voll und

ganz auf meine Kinder konzentrieren und

genoss die Ruhe zu Hause. In letzter Zeit

aber verspürte ich schon immer mehr den

Wunsch, mit anderen zusammen zu musizieren

oder einfach wieder mal irgendwo

Musik spielen zu hören. Mir haben auch

die Kollegen aus der Musikkapelle gefehlt,

die ich lange nicht mehr gesehen hatte. Für

die Vereine ist ein so langer Stillstand gefährlich,

denn sie leben vor allem durch die

Beziehungen der Mitglieder untereinander.

KF: Welche Rolle kann die Musik deiner Erfahrung

nach in der persönlichen Entwicklung

von Kindern und Jugendlichen spielen?

Profanter: Musik ist eine große Bereicherung

für die Entwicklung der Kinder und

Jugendlichen. Einmal spielt der soziale Aspekt

eine große Rolle: man musiziert meistens

nicht allein und muss sich im Ensemble

oder in der Kapelle auf die anderen

Spieler einlassen können und aufeinander

hören, sich unterordnen oder auch mal die

Führung übernehmen. Musizieren fördert

die Kreativität und die Intelligenz – das ist

Beim Landesmusikfest 2015 in Meran begeisterte die Jugendkapelle Villnöß unter der

Leitung von Sonya Profanter das Publikum mit einer Marschshow.

mittlerweile auch wissenschaftlich erwiesen

- denn die Kinder schulen beim Musizieren

ihre Aufmerksamkeit, die Konzentration,

ihr Gedächtnis, die Reaktion, aber

auch die Experimentierlust. Fühlen sich

Kinder in einer Gruppe sicher, so stärkt das

auch ihre Selbstsicherheit und ihr Selbstbewusstsein.

KF: Du warst in den vergangenen Jahren

in mehreren Funktionen in der Jugendarbeit

tätig. Welcher Moment oder welche

Momente sind dir dabei besonders in Erinnerung

geblieben?

Profanter: In den 12 Jahren als Dirigentin

der Jugendkapelle bzw. als Jugendleiterin

hat es unzählige tolle Momente gegeben –

seien es die verschiedenen Konzerte und

Auftritte mit der Jugendkapelle, aber auch

das alljährliche Jugendcamp im Sommer

auf der Alm. Besondere Erlebnisse waren

natürlich die Teilnahme an den Jugendkapellen-Wettbewerben

des VSM oder unsere

Marschauftritte. Wir durften zum Beispiel

beim Landesmusikfest Meran 2015

als Eröffnung der Marschmusikbewertung

mit unserer Jugendkapelle eine Marschshow

aufführen – dies war ein großartiges

Erlebnis, welches mir und sicherlich auch

den Jungmusikanten noch lange in Erinnerung

bleiben wird.

KF: Wie kann man aus deiner Sicht Kinder

und Jugendliche für die Musik in Bewegung

motivieren?

Profanter: Ich habe die Erfahrung gemacht,

dass Kinder im Bereich „Musik in Bewegung“

eigentlich kaum Motivationsprobleme

haben – im Gegensatz zu manchen

erwachsenen Musikanten. Kinder haben einen

inneren Bewegungsdrang; es liegt in

ihrem Naturell, sich zu bewegen. Sollten

Kinder aber doch noch eine Motivationsspritze

benötigen, dann kann man sie in

den Entwicklungsprozess der Choreografie

miteinbinden. Werden die Ideen der Kin-

KulturFenster

11 04/August 2021


ewegt

der aufgegriffen und eingebaut, können sie

sich viel besser mit dem Ergebnis identifizieren

und werden gleichzeitig noch in ihrem

Selbstwertgefühl gestärkt.

KF: Wie könnte dies konkret funktionieren?

Profanter: Ein kleines Beispiel, wie ein gemeinsames

Erarbeiten stattfinden könnte:

Man teilt die Jugendkapelle in mehrere

Kleingruppen; zum Einstieg zeigt der Stabführer

einzelne geometrische Formen (z.B.

Kreis, Spirale, Dreieck, Linien nebeneinander,

Zickzack-Muster) und die Teilgruppen

sollen die gezeigte Form nachstellen. Die

Gruppen arbeiten gleichzeitig und haben

so lange Zeit, bis eine Gruppe fertig ist und

„Stopp“ ruft. Sie können auch die verschiedenen

Raumebenen miteinbeziehen (stehend,

sitzend, liegend….). Als nächsten

Schritt sollen sie versuchen, sich aus der

„normalen“ Marschformation in die eine

Form und dann in eine nächste Form usw.

zu bewegen.

KF: Besteht die Gefahr, die Kinder und Jugendlichen

dabei zu überfordern?

Profanter: Es ist wichtig, den Kindern Rahmenbedingungen

und bestimmte Regeln

vorzugeben, denn zu viel Freiheit kann

auch im Chaos enden. Kleine Aufgabenstellungen,

bei denen sie ihrer Fantasie

freien Lauf lassen können, können zu vielen

kreativen Bausteinen führen, welche der

Stabführer dann in die Gesamtchoreografie

einbauen kann. Kinder sind sehr kreativ,

deshalb muss man sie einfach „mal tun lassen“.

Natürlich braucht ein solcher Prozess

mehr Zeit als eine vorgefertigte Choreografie,

die den Kindern präsentiert und mit ihnen

eingeübt wird. Deshalb sollte der Stabführer

Geduld haben, fl exibel sein, keine

Angst vor Neuem haben und versuchen,

Gewohnheiten aufzubrechen.

KF: Apropos Gewohnheiten aufbrechen –

was wäre in der Musik in Bewegung noch

möglich?

Profanter: Man könnte auch neue Wege gehen

– also weg von der klassischen „Marschmusik“.

Der Musikstil kann variiert werden

– also Pop, Rock, Filmmusik usw. Natürlich

können oder müssen dazu auch die

Bewegungen angepasst werden. So könnte

eine Choreografie auch szenische Darstellungen

enthalten, d.h. die Kinder versetzen

sich in das Verhalten eines Charakters,

einer Figur, eines Tieres und können

ihre Gestik, Mimik und ganzkörperliche Bewegungen

einsetzen. Vorstellbar ist dabei

auch das Arbeiten mit Kostümen. Es wäre

auch möglich, Gesang in die Choreografi

e miteinzubauen. Effektvoll ist es, wenn

mit Variationen der Gruppengröße gearbeitet

wird, z.B. bewegt sich am Anfang die

ganze Gruppe, dann treten aus der Gruppe

plötzlich Kleingruppen heraus, die Gruppe

formiert sich in einer anderen Figur, es tritt

ein Solist aus der Gruppe usw.

KF: Was ist aus deiner Sicht die größte Herausforderung

beim Erlernen von Choreographien?

Profanter: Der musikalische Faktor ist nicht

zu unterschätzen: die Kombination von

Spielen und Bewegung ist für die Kinder

eine große Herausforderung. Einmal sollte

das Musikstück nicht zu schwierig sein –

vor allem vier-bis fünfstimmige Sätze eig-

nen sich bei Jugendkapellen gut, denn

so sind die Stimmen in mehreren Instrumenten

vertreten. Idealerweise beherrschen

die Musikanten das Stück auswendig,

denn beim Musizieren ohne Noten ist

man viel freier, man empfindet die Musik

intensiver und kann sich mehr darauf fokussieren,

WIE man etwas spielt. Außerdem

kann man die Aufmerksamkeit viel

besser auf die Choreografi e und auf die

anderen Musikanten lenken. Vorstellbar

ist es aber auch, dass eine Teilgruppe am

Platz stehend musizieren und eine andere

Teilgruppe die Bewegungen ausführt (mit

fließendem Wechsel), um die Komplexität

zu vereinfachen.

KF: Was sollte der Stabführer beim Arbeiten

mit Kindern beachten?

Profanter: Die Persönlichkeit und Ausstrahlung

des Stabführers hat wesentlichen Einfluss

auf die Motivation der Kinder und Jugendlichen

– so sollte sich ein Stabführer in

der Rolle des Animators, des Helfers, des

Mitspielers und Freundes sehen. Er sollte

die Kinder dort abholen, wo sie sich befinden

und viel Geduld mit ihnen haben. Das

Lernen bei Kindern geschieht überwiegend

durch die Imitation – deshalb ist es das Beste,

wenn er selbst für die Sache brennt,

dann schwappen die Begeisterung und

Freude ganz von allein auf die Kinder über.

Interview:

Hannes Schrötter & Klaus Fischnaller

Zur Person

Sonya Profanter wohnt in Villnöß: Abschluss des Wissenschaftlichen Lyzeums in

Brixen, Studium IGP Klarinette am Tiroler Landeskonservatorium, Absolvierung des

Lehrgangs „Elementare Musik- und Bewegungserziehung“ am Tiroler Landeskonservatorium;

Abschluss des Psychologiestudiums an der Leopold-Franzens-Universität

Innsbruck, Abschluss des VSM-Kapellmeisterkurses. Sie war Jugendleiterin der Musikkapelle

Villnöß (2003-2015), Bezirksjugendleiterin im VSM-Bezirk Brixen (2010-

2016) und VSM-Verbandsjugendleiter-Stellvertreterin (2010-2016).

Berufliche Tätigkeit am Institut für Musikerziehung in den Fächern Elementare Musikpädagogik/Singen

und Klarinette; 2009-2011 Lehrtätigkeit für Didaktik und Lehrpraxis

im Bereich Elementare Musikpädagogik (EMP) am Tiroler Landeskonservatorium,

seit 2014 Lehrtätigkeit an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Brixen

für das Fach „Singen mit Kindern“, Referentin bei Workshops von Musikkapellen,

Referentin für Eltern-Kind-Musizieren.

KulturFenster

12 04/August 2021


Blasmusik

Zum 175. Todestag von

Andreas Nemetz

Der Komponist des "Einschlagens zum Marsch" hat ein

umfangreiches Werk hinterlassen

Rezension zu einem von Andreas Nemetz aufgeführten „Potpourri für die Guitarre“

Schule für Trompete mit den frühesten

Anweisungen für Klappen- und für Ventiltrompete;

der Abschnitt für Ventiltrompete

ist sogar der älteste weltweit. Außerdem

ist dieses Lehrwerk von Andreas

Nemetz auch die einzige Wiener Trompetenschule

des 19. Jahrhunderts, die nicht

speziell für den Gebrauch der Militärkapellen

geschrieben ist.

Das Erscheinen der Trompetenschule

wurde am 24. September 1827 in der Wiener

Zeitung angekündigt. Auch die Trompetenabbildung

in diesem Lehrwerk ist aufschlussreich:

eine Trompete von Joseph

Riedl mit den von Christian Friedrich Sattler

erfundenen Doppelrohr-Schubventilen,

auch Wiener Ventile genannt, deren Existenz

seit 1821 nachzuweisen ist.

Die Militärkapellmeister-Tätigkeit von Andreas

Nemetz ist ebenso sehr beeindruckend.

Von 1828 bis zu seinem Tod leitete

er die Musik des K. K. Infanterie-Regiments

Nr. 19 in Wien.

Nemetz dürfte der erste Militärdirigent gewesen

sein, der gemeinsam mit bedeutenden

Wiener Unterhaltungsmusik-Kapellmeistern

aufgetreten ist: Am 2. März

1828 spielte das Trompeten-Corps seines

Regiments gemeinsam mit dem Orchester

von Johann Strauß Vater im Salon

„Zur Kettenbrücke" in Wien; nur eine

Woche später übernahm Joseph Lanner

diese Idee.

Nemetz musizierte durch rund eineinhalb

Jahrzehnte in Wien unzählige Male mit

Strauß Vater und Lanner sowie mit anderen

erfolgreichen Tanzkapellmeistern und

trat in vielen eigenständigen Veranstaltungen

mit seiner Kapelle auf.

„Der Wanderer“ sprach am 7. Juli 1834

von der „herrlichen Harmonie des Capellmeisters

Nemetz". Er dürfte mit seinen

Musikern - möglicherweise als einer

der ersten - auch in Streichbesetzung

musiziert haben; darauf weisen die Bearbeitungen

von Andreas Pölz hin, der

Andreas Nemetz kam am 14. November

1799 in Chwalkowitz in Mähren (heute

Chvalkovice bei Moravské Budějovice in

der Tschechischen Republik) zur Welt.

Er wurde vom Stadtmusicus Johann Leopold

Kunerth in Kremsier in Mähren (heute

Kroměříž in der Tschechischen Republik)

musikalisch ausgebildet.

Um seiner Assentierung zu entgehen, begab

er sich nach Ungarn, wo er in Ödenburg

(heute Sopron) als Musiklehrer lebte.

24-jährig wurde Nemetz Posaunist des Wiener

Hofopernorchesters.

Die Allgemeine Musikalische Zeitung vom

26.11.1823 berichtete über eine „Große

musikalische Akademie im K. K. Hof-

Theater nächst dem Kärthner-Thore“ am

15.11.1823, bei dem Nemetz ein Potpourri

für die „Guitarre" gespielt hatte. Er

soll alle Blasinstrumente meisterhaft beherrscht

und auch vorzüglich Violine und

Klavier gespielt haben.

Andreas Nemetz verfasste in den 1820er

Jahren mehrere Schulen für Posaune,

Horn und Trompete.

Besonders das Lehrwerk für Trompete ist

ohne Übertreibung eine Schule der Superlative:

Sie ist die erste in Wien gedruckte

Beschreibung der „Maschintrompete“ in

der weltweit ersten Ventiltrompetenschule

(1827)

KulturFenster

13 04/August 2021


ewegt

Eine der vielen Anzeigen in der Wiener Tagespresse: Andreas Nemetz tritt gemeinsam mit

Johann Strauß (Vater) auf - „Wiener Zeitung“ vom 25.11.1843

Flügelhornduett in der „Allgemeinen Musikschule für MilitärMusik“ (1844)

„Manövrier-Marsch“ – das heutige „Einschlagen zum Marsch“

Musikstücke in Besetzung für Streichinstrumente

ausdrücklich für Militärkapellen

angeboten hat.

1844 veröffentlichte Nemetz die „Allgemeine

Musikschule für MilitärMusik“, das

einzige Lehrwerk dieser Art in der österreichischen

Musikgeschichte.

Sie besteht aus vier Teilen: Nach einer

„Allgemeinen Vorschule" mit den wichtigsten

Grundlagen der Musiktheorie folgen

kurze Anweisungen für alle damals in

der Militärmusik gebräuchlichen Instrumente,

darunter auch die erste Schule für

Flügelhorn im deutschsprachigen Raum.

Die Abbildung zeigt einen Teil eines Duetts

für Flügelhörner. Der nächste Abschnitt ist

den Trommelstreichen und Trompetensignalen

gewidmet und den Abschluss bilden

Partituren für Militärmusik mit Märschen

und Hymnen.

Unter den „Trommelstreichen" kommt

dem „Manövrier-Marsch im Auftrag des

k. k. Hofkriegs-Rathes für die sämmtliche

k. k. Armee" von Andreas Nemetz besondere

Bedeutung bei.

Die ersten acht Takte dienen heute noch

- in leicht veränderter Form und Notation

- den österreichischen Militär- und

Zivilkapellen zum sog. „Einschlagen zum

Marsch". Die ersten sechs Takte werden

dabei von der kleinen Trommel alleine gespielt,

in den letzten beiden Takten kommen

große Trommel und Becken dazu.

Weiters sind in diesem Schulwerk auch

Partituren eines Defilier-Marsches, eines

Manövrier-Marsches und eines Doublier-

Marsches zu fi nden.

Zu Jahresbeginn 1845 führte die mittlerweile

in Linz an der Donau garnisonierende

Militärkapelle des Infanterie-

Regiments Nr. 19 gemeinsam mit dem

Linzer Theaterorchester das charakteristische

Tongemälde „Die Bestürmung

von Saida“ von Andreas Nemetz auf.

Emil Mayer von der Allgemeinen Wiener

Musik-Zeitung schrieb eine ausführliche

Rezension, was für Auftritte von Militärkapellen

- noch dazu in der „Provinz" -

eher unüblich war.

Kurz danach, am 16. Januar 1845, erlitt

Andreas Nemetz einen Schlaganfall,

der ihn völlig handlungsunfähig machte,

er musste „unter Curatel" gestellt werden.

Nemetz starb vor 175 Jahren, am 21.

August 1846 in Wien. Er hinterließ eine

unversorgte Witwe mit sechs Kindern;

sein Schicksal war auch Anlass für die

Intentionen von Josef Rudolf Sawerthal

zur Gründung des Militärkapelleister-

Pensionsfonds.

KulturFenster

14 04/August 2021


Blasmusik

Ankündigung des Auftritts vom 11.9.1836

in der „Wiener Zeitung"

Handschrift von Andreas Nemetz: Lieber Herr von Diabeli! Haben Sie Gütte, mir den Alpen-

Horn Marsch für das Piano-forte zu schicken. Nemetz Kapellmeister. Wien den 9/12/39

In seiner Zeit als Mitglied des Hofopernorchesters

publizierte Andreas Nemetz neben

den Instrumentalschulen auch Tänze

und Variationswerke für Gitarre.

Mit Beginn seiner Militärkapellmeister-Tätigkeit

veröffentlichte Nemetz „Pränumerationsanzeigen"

in der Wiener Zeitung;

unter dem Titel „Harmonie“ sollten monatlich

mehrere Werke für „türkische Musik"

sowie unter der Bezeichnung „Bellona“

ebenfalls monatlich Kompositionen

für Harmoniemusik erscheinen.

Viele seiner Werke publizierte er in den

ab 1830 bei „Diabelli“ veröffentlichten

Heften der „Tivoli-Märsche“; im großen

Vergnügungslokal Tivoli trat Nemetz oft

auf und wurde sogar - etwa bei den jährlichen

Eröffnungsfesten - gegenüber Johann

Strauß bevorzugt.

Insgesamt sind mehr als 60 Märsche nachweisbar,

vielfach über beliebte Motive aus

Bühnenwerken der Zeit; sein „Alpensänger-Marsch“

und sein „Pasta-Marsch“ sind

auch in der Sammlung der „Deutschen

Armeemärsche“ zu fi nden.

Die „Allgemeine Musikschule für Militär-

Musik“ und die „Allgemeine Trompeten-

Schule“ sind als Band 2 bzw. Band 6 in

den „Reprints und Manuskripte - Materialien

zur Blasmusikforschung - Reprints

der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung

und Förderung der Blasmusik“

als Faksimile-Neudruck (herausgegeben

und kommentiert von Friedrich Anzenberger)

erschienen (Verlag Johann Kliment -

Wien, 2004 bzw. 2011).

Friedrich Anzenberger

Wiederholt publizierte Pränumerations-Anzeige in der „Wiener Zeitung“

KulturFenster

15 04/August 2021


jung musiziert

KF: Florian, wie kam die Idee, gerade in dieser,

sagen wir mal schwierigen Zeit für das

Vereinsleben, eine neue Jugendkapelle

zu gründen?

Tschurtschenthaler: Die Idee kam schon vor

der Pandemie. In Niederdorf hatten wir für

diverse Projekte schon seit einigen Jahren

eine kleine Jugendkapelle auf die Beine

gestellt. Elisabeth, Simon und ich haben

dann im Jahr 2019 ein erstes Mal ein gemeinsames

Sommerprojekt organisiert. Die

Jungmusikant*innen der Musikkapellen

Prags und Niederdorf haben über einen

längeren Zeitraum hinweg miteinander geprobt,

und wir konnten dann schließlich zwei

Konzerte geben, eines in Prags und eines in

Niederdorf. Dieses Projekt hat sehr gut funktioniert

und ist so gut angekommen, dass

die Idee entstanden ist, eine gemeinsame

Jugendkapelle zu gründen. Wir möchten

so die Zusammenarbeit zwischen den beiden

Kapellen noch weiter ausweiten. In den

letzten Jahren treten die Musikkapelle Prags

und die Musikkapelle Niederdorf verstärkt

zusammen auf. Auch aus diesem Grund

haben wir beschlossen, die Zusammenarbeit

verstärkt auf die Jugendarbeit auszuweiten.

Wir bündeln ab jetzt unsere Kräfte,

und die Gründung der Juka klanLAUT bietet

für alle Beteiligten nur Vorteile: Gemeinsam

können wir mit einer tollen Besetzung

eine große Auswahl an Stücken zum Besten

geben. Dabei ist es auch für

die Jungmusikant*innen aus

Prags ist es so möglich bei einer

Juka mitzuspielen. Allein

eine Juka mit Pragser*innen

ins Leben zu rufen, wäre so

nicht möglich, da es dort nicht

so viele Jungmusikant*innen

gibt.

Steckbrief

Name: klanLAUT

Musikapellen: Niederdorf und Prags

Jugendleiterteam: Elisabeth Moser (Prags)

und Florian Tschurtschenthaler mit Jugendausschuss

(Niederdorf)

Musikalische Leitung: Simon Burger

Jungmusikant*innen: ca. 35-40

Nachdem wir in den vorherigen Ausgaben

des „KulturFensters“ öfters über erfahrene

Jugendkapellen berichten durften, freuen wir

uns besonders, in dieser Ausgabe eine neugegründete

Jugendkapelle vorstellen zu können.

Was es mit der neuen Jugendkapelle im

Hochpustertal auf sich hat, dafür steht uns

Florian Tschurtschenthaler von der Musikkapelle

Niederdorf Rede und Antwort.

KulturFenster: Gleich zu Anfang für uns Nicht-

Pusterer: Was bedeutet klanLAUT?

Florian Tschurtschenthaler:„klan“ steht

für klein, im Sinne von jung - wegen der

Jungmusikant*innen und ist gleichzeitig auch

eine kleine (sprachliche) Anspielung auf das

Hochpustertal. LAUT versteht sich eh von

selbst, weil wir halt eben doch ein „mords

Haufn san“. Außerdem können auch schon

die ganz kleinen Jungmusikant*innen tolle

Auftritte hinlegen und den Großen nacheifern.

KF: Aber die Pandemie

bremste euch dann ein?

Tschurtschenthaler: Ja, leider,

unser Jugendleiterteam hatte

letztes Jahr voll motiviert mit

den Planungen begonnen,

als uns das „Virus“ einen

Strich durch die Rechnung

machte. Wir hatten bereits

mit den Proben begonnen,

um beim Frühjahrskonzert

der Musikkapelle Niederdorf

das erste Mal aufzutreten.

Dazu kam es dann freilich nicht.

KF: Aber nun seid ihr wieder fl eißig?

Tschurtschenthaler: Ja, jetzt konnten wir endlich

richtig mit unserer neuen Jugendkapelle

klanLAUT starten. Wir haben uns lange überlegt,

was wir für unsere Jungmusikant*innen

in Coronazeiten organisieren könnten. Wir

haben uns dann dazu entschieden, eine

Juka-Woche auf die Beine zu stellen. Vom

26.-31. Juli trafen wir uns jeden Tag nachmittags

bis in die Abendstunden, um gemeinsam

zu proben. Das Unterhaltungsprogramm

zwischendurch kam natürlich

auch nicht zu kurz.

KF: Was ist das Besondere an dieser Jugendwoche?

Tschurtschenthaler: Unsere klanLAUT Woche

wird vom Jugendleiterteam der beiden

Musikkapellen und dem Jugendausschuss

der MK Niederdorf organisiert – also ist dieses

Projekt von jungen Musikant*innen für

Jungmusikant*innen. Wir machen Registerproben,

und zwar in Gruppen aus Holzblasinstrumenten,

Blechblasinstrumenten und

Schlagzeug. Teils werden für die Jugendwoche

eigene Musiklehrer*innen engagiert, die

durch die diesjährige Förderung des VSM

finanziert werden. Außerdem begleiten und

unterrichten aktive Musikant*innen ehrenamtlichdie

Jungmusikant*innen. Im Mittelpunkt

stehen das Miteinander und die Gemeinschaft

KulturFenster

16 04 August 2021


KF: Auf welchen Auftritt arbeitet ihr hin?

Tschurtschenthaler: Am Ende der Jugendwoche

fand jeweils ein Abendkonzert

in Prags und in Niederdorf statt. Wir

traten dort natürlich als gesamte Jugendkapelle

auf, aber auch die einzelnen Register

Holz, Blech, Schlagzeug trugen einige

Stücke alleine vor.

KF: Wo finden bei euch Proben statt?

Tschurtschenthaler: Die Proben der Jugendkapelle

finden aus logistischen Gründen in

Niederdorf statt, da dort die größeren Räumlichkeiten

vorhanden sind. Zirka zwei Drittel

der Jungmusikant*innen sind aus Niederdorf

und ein Drittel aus Prags.

KF: Und wer kann bei euch mitmachen?

Tschurtschenthaler: Die Musikschüler*innen

sollten mindestens ein gesamtes Jahr Musikschulerfahrung

haben, dann können sie

bei unserer Jugendkapelle klanLAUT mitspielen.

Es spielen aber auch erfahrene

Jungmusikant*innen mit, die bereits aktiv

in der Musikkapelle sind.

KF: Habt ihr schon etwas für Herbst oder

Winter geplant?

Tschurtschenthaler: Nein, noch nichts

Spruchreifes. Wir werden weiterhin projektbezogen

arbeiten und uns bemühen, mit unserer

Juka klanLAUT ein attraktives Angebot

für Jungmusiker zu schaffen

Literaturtipp von Simon Burger

von der Jugendkapelle klan LAUT:

Uptown Funk!

Bruno Mars - Arr. von Jay Bocook

Ein Ohrwurm von Bruno Mars, der in jedem

Radio gespielt wurde. Das im Hall-

Leonard- Verlag erschienene dynamische

Arrangement geht den Kindern sofort ins

Ohr und bringt Schwung in jedes Konzert.

Und die Kinder und Jugendlichen spielen

es einfach gern.

https://www.blasmusikshop.de/Uptown-Funk_1

Julia Burger

Name: Julia Burger

Alter: 12 Jahre

Ich spiele Horn

Ich lerne dieses Instrument, weil es mir gut gefällt und es nicht sehr viele

spielen bzw. anfangen zu lernen.

Mir gefällt an der Jugendkapelle, dass wir „Jungen“ alle zusammen musizieren

können und coole tolle Stück spielen

Das lauteste Register bei uns ist natürlich unser Hornregister.

Marie Lercher

Name: Marie Lercher

Alter: 11

Ich spiele Querflöte

Ich lerne dieses Instrument, weil ich immer schon Querflöte lernen wollte, da

meine Goti nämlich auch Querflöte spielt und sie mein größtes Vorbild ist.

Mir gefällt an der Jugendkapelle, dass man mehr lustige und ausgefallene

Stücke spielt.

Wenn unser Kapellmeister Simon unsere ganze Aufmerksamkeit haben will,

dann hebt er langsam die Hände und sagt ganz leise „Geht schon“, und

dann fangen wir an zu spielen.

Simon Burger

Name: Simon Burger

Alter: 24 Jahre

Ich spiele Schlagzeug (bei der Jugendkapelle stehe ich am Dirigentenpult).

Ich lernte und studiere nun dieses Instrument, weil ich es eines Tages

gerne fix an einer Musikschule unterrichten möchte.

Mir gefällt an der Jugendkapelle, das Proben mit jungen motivierten Musikern

in Ausbildung, welche bereits in jungen Jahren einiges an musikalischen

Fähigkeiten und jugendlicher Unbekümmertheit mitbringen.

DieJungmusikant*innen meiner Jugendkapelle sind sehr fl eißig, motiviert

und musikalisch bereits auf einem ansprechenden Niveau – und das Beste:

immer für einen Spaß zu haben.

KulturFenster

17 04 August 2021


13.03.-27.12.2021

hinausgeblickt

VSM-Motiviert und fit?

Neue Funktionärsausbildung

2021 (NFA)

https://vsm.bz.it

“ Schlernsaxess“

seit funf Jahren erfolgreich

:

Vier Saxophonistinnen und ein

Schlagzeuger machen Musik

„Schlernsaxess“ ist ein Saxophonquartett

mit Schlagzeugbegleitung, wobei die meisten

Mitglieder vom Schlerngebiet stammen.

Es setzt sich aus den vier jungen

Saxophonistinnen Sabrina Vieider, Christine

Pernter, Marion Goller, Kathrin Gamper

und dem Schlagzeuger Michael Prossliner

zusammen.

Gegründet wurde das Ensemble im Jahre

2016 aus reiner Freude zur Musik und mit

dem Ziel, das Saxophon neu in Szene zu

setzen, das man ja meist aus der Jazz- und

Klassikszene kennt. In eine einzige Genre-

Schublade lassen sich die Musiker*innen

aber nur ungern stecken - Ihr Repertoire

reicht von knackigem Pop, Evergreens und

Unterhaltungsmusik bis hin zu Polkas und

Märschen. Aber auch gefühlvollen Balladen

sowie einige klassische und sakrale Arrangements

stehen im Programm. Mit diesen

breit gefächerten Stilrichtungen empfiehlt

sich die Gruppe für nahezu jedes erdenkliche

Event. Meist spielt die Formation auf

Festen, bei Aperitifs und Hochzeiten, aber

auch anlässlich von Versammlungen und

in Kirchen. Das Konzertprogramm wird

dabei immer an die Art der Veranstaltung

angepasst.

Mit den Mitgliedern der Gruppe haben wir

folgendes Gespräch geführt:

KulturFenster: Nun sagt mal, wo habt ihr

euch denn kennengelernt?

Schlernsaxess: Wir kennen uns eigentlich

schon ziemlich lange, zumal wir ja alle in

benachbarten Dörfern wohnen. Doch erst

mit der Teilnahme am gebietsübergreifenden

Jugendblasorchester „Jungschlern“

im Jahre 2016, wo wir natürlich alle im

selben Register spielten, entwickelte sich

zwischen uns eine tiefe Freundschaft. Als

sich das Projekt dann dem Ende zuneigte,

wollten wir vier Mädels unbedingt mit dem

Musizieren weitermachen und umrahmten

wenig später musikalisch eine Messe. Dies

war dann unser erstes gemeinsames Konzert.

Bald darauf holten wir unseren Schlagzeuger

Michael in die Gruppe, um dem

Ganzen etwas mehr Groove zu verleihen.

Ab diesem Zeitpunkt trafen wir uns dann

regelmäßig zu weiteren Proben.

KF: Aller Anfang ist schwer! Hattet ihr damals

Vorbilder, an denen ihr euch orientiert

habt?

Schlernsaxess: Nein, nicht direkt, denn

es gibt nicht wirklich viele Saxophonquartette,

die sich der modernen Popmusik ver-

KulturFenster

18 04 August 2021


schrieben haben. Als wir aber eines Tages

das Internet nach neuen Ideen durchstöberten,

stießen wir zufällig auf ein Video des

deutschen Saxophonquartetts Sistergold,

das passend zur Musik eine Choreografie

einstudiert hatte. Das hat uns so gut gefallen,

dass wir dies auch sofort in unsere

Konzerte mit eingebaut haben.

KF: Blasmusikgruppen in kleiner Besetzung

gibt es inzwischen wie Sand am Meer. Was

zeichnet euch als Gruppe aus? Was macht

euch besonders?

Schlernsaxess: Erstmal ist zu erwähnen,

dass wir unsere Musikstücke größtenteils

selbst arrangieren, da es wahrlich nicht

viel Literaturauswahl für Saxophonquartett

gibt. Dadurch erhalten unsere Musikstücke

auch eine ganz neue Klangfarbe,

die man so noch nicht kennt. Doch unser

wohl größtes Erkennungsmerkmal sind

unsere Tanz- und Showeinlagen! Bei unseren

Konzerten kommt nicht nur das Ohr,

Sabrina Vieider,

Christine Pernter,

Marion Goller,

Kathrin Gamper und

der Schlagzeuger

Michael Prossliner

haben sich 2016

zur Formation

„Schlernsaxess“

zusammengetan.

sondern auch das Auge auf seine Kosten

(lacht). Nicht umsonst wählen wir immer

das passende Outfit für den Anlass. Durch

unsere originellen Auftritte haben wir uns

hier im Schlerngebiet bereits einen hohen

Bekanntheitsgrad erarbeitet, besonders

bei der jungen Bevölkerung. Es ist immer

wieder schön zu sehen, wenn wir mit unserer

Musik neue Jugendliche für das Saxophon

begeistern können.

KF: Inzwischen könnt ihr ja schon auf fünf

Jahre Tätigkeit zurückblicken. Was war der

schönste musikalische Moment, den ihr

miteinander erlebt habt?

Schlernsaxess: Das war ohne Zweifel der

Auftritt im Nachtclub „Santners“ in Seis

im Jahr 2016. Es war an einem Wochenende

und wir probten an diesem Tag zusammen

mit anderen motivierten Jungmusikanten

beim Jugendblasorchester

Bozen (JuBoB) in Völs. Am Abend verabredeten

sich dann alle zum Feiern im „Santners“

und wir durften an diesem Abend

dort aufspielen. Es erfüllte uns mit sehr

viel Freude, für so viele junge Leute zu

spielen. Viele haben nicht damit gerechnet,

dass ein Saxophonquartett solch eine

Stimmung verbreiten kann. Wir haben damit

unter anderem auch gezeigt, dass Popund

Blasmusik sich gegenseitig nicht ausschließen

müssen.

KF: Wie schwer ist es für euch, Beruf und

Musik unter einem Hut zu bekommen?

Schlernsaxess: Da wir alle fünf unterschiedlichen

Berufen nachgehen und sich unsere

Arbeitszeiten stark voneinander unterscheiden,

müssen wir in der Probenzeit

ziemlich flexibel sein. Dann kann auch

manchmal am Sonntagnachmittag geprobt

werden. Da wir aber allesamt gute

Freundinnen sind und unsere Freizeit ohnehin

gerne gemeinsam verbringen, fällt

uns dies nicht allzu schwer.

KF: Wie habt ihr die Corona-Pause genutzt

und was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Schlernsaxess: Natürlich wurden auch wir

von der Corona-Pandemie so richtig ausgebremst.

Also haben wir uns erstmal eine

kleine musikalische Pause gegönnt. Inzwischen

sind wir aber schon wieder fl eißig

beim Arrangieren neuer Stücke, die wir bereits

bei einigen wenigen Auftritten zum Besten

geben durften! Für die Zukunft haben

wir noch keine allzu großen Pläne. Würde

sich uns die Gelegenheit bieten, wäre es

jedoch eine großartige Erfahrung, eines

Tages eine CD aufzunehmen.

Interview: Alexander Mayr

Seit fünf Jahren erfolgreich unterwegs: Saxophonmusik akustisch wie optisch attraktiv zu vermitteln, ist das ambitionierte Ziel von

„Schlernsaxess“.

KulturFenster

19 04 August 2021


jung musiziert

Einladung nach Grafenegg

JuKa Schnals fährt zum Österreichischen

Jugendblasorchester-Wettbewerb

Die Jugendkapelle Schnals probt zur Zeit

einmal wöchentlich und hat auch ihre

Musik- und Erlebniswoche im Juli zur

Vorbereitung auf den Wettbewerb genutzt.

Die Jungmusikant*innen werden

in der Stufe AJ, der untersten Altersstufe

beim Bundeswettbewerb, mit einem maximalen

Durchschnittsalter von 13 Jahren

antreten.

Das Jugendreferat des VSM wünscht weiterhin

eine gute Vorbereitung und hofft

natürlich, dass die Corona-Situation entsprechend

ruhig verläuft und eine Austragung

des Wettbewerbs im Oktober ermöglicht.

Hannes Schrötter

Die Jugendkapelle Schnals freut sich auf den Jugendblasorchester-

Wettbewerb im Oktober.

Der Österreichische Jugendblasorchester-

Wettbewerb vereint alle zwei Jahre die besten

Jugendformationen aus den neun österreichischen

Bundesländern sowie aus

Südtirol und Liechtenstein.

Für die diesjährige Ausgabe in Grafenegg

(Niederösterreich) hat der Verband Südtiroler

Musikkapellen die Jugendkapelle

Schnals nominiert.

Da die traditionelle Vorausscheidung über

einen Landeswettbewerb im heurigen Jahr

nicht möglich war, hat der VSM die Nominierung

einer Jugendkapelle auf Basis der

Ergebnisse des letzten Landeswettbewerbs

getätigt. Damals erlangte die JUKA Villnöß

den Tagessieg und durfte zum Bundeswettbewerb

2019 nach Österreich fahren. Die

Jugendkapelle Schnals, damals noch als

„Minimusi Schnals“ angetreten, musste

sich damals nach einer beeindruckenden

Leistung mit einem zweiten

Platz zufrieden geben,

darf sich nun aber umso

mehr über eine Entsendung

zum Wettbewerb

nach Grafenegg freuen.

Dieser fi ndet planmäßig

am Samstag, dem 23. Oktober

2021 statt.

Nach einer allzu langen

musikalischen Zwangspause

ist die Vorfreude

und die Motivation bei

der Jugendkapelle

rund um ihre Dirigentin

Charlotte Rainer riesig:

„Nachdem wir im letzten Winter kaum

oder gar nicht proben konnten, ist die Jugend

einfach nur froh, endlich wieder gemeinsam

musizieren zu dürfen“, so die

musikalische Leiterin.

Die „Minimusi“ beim Landeswettbewerb

2019 in Kaltern 2019

Foto: Stephan Niederegger

KulturFenster

20 04 August 2021


Memes“ treffen auf Blasmusik


Das Musikantenleben mit Humor betrachtet

Mittlerweile gehören sie zu den sozialen

Netzwerken wie die Krapfen zum Kirchtag:

die sogenannten „Memes“. Dabei handelt

es sich um Bilder mit einer kurzen schriftlichen

Aussage und einem mitgeschickten

Augenzwinkern. Unlängst hat dieser Trend

auch Einzug in die Blasmusik gehalten.

Gerade wenn die Sommerhitze zu sehr

aufs Gemüt drückt, sehnt man sich an heißen

Tagen nach einer spaßigen Abwechslung.

An dieser Stelle können die „Memes“

- sprich „Miems“ - Abhilfe schaffen. Auf

Instagram haben sich verschiedene Seiten

dieser Sache angenommen und unterhalten

ihre Follower regelmäßig mit neuen

Posts. Auch im Bereich der traditionellen

Blasmusik haben sich kreative Köpfe auf

den Trend eingelassen und erreichen mit

ihren Bildern tausende Fans. „Musioester-

reich“, „blasmusiii“ oder „blasmusikmeme“

sind dabei die Seiten mit der größten Anhängerschaft.

In ihren Posts werden den verschiedenen

Instrumentengruppen und ihren Spielern

schonungslos deren Eigenarten aufgezeigt

- und der ein oder andere Musikant dürfte

sich in vielen Situationen nur allzu gut selbst

erkennen. Verstimmte Flöten bekommen

genauso ihr Fett weg wie Klarinetten, die

mal wieder ein Vorzeichen vergessen haben,

Trompeten, die nicht leise spielen

können, oder Schlagzeuger, die beim Einschlagen

des letzten Marsches mit ihren

Gedanken schon im Wirtshaus sind. Letztlich

hilft bei der Betrachtung dieser Bilder

wohl nur eines: Die Sache mit Humor und

sich selbst (als Musikant) nicht zu ernst zu

nehmen. Also dann, wenn der Instrumentenkoffer

zu Hause einmal zu weit weg liegen

sollte: Instagram öffnen und loslachen.

Hannes Schrötter

KulturFenster

21 04 August 2021


hinausgeblickt

„Es geht um die Musik“

Miriam Kofler, die neue Solofagottistin des Rundfunk-Sinfonieorchesters

Berlin, im Gespräch mit VSM-Verbandsjugendleiter Johann Finatzer

Miriam Kofler stammt aus Terlan, besuchte

dort die Grund-, Mittel- und Musikschule und

ist Mitglied der Musikkapelle Terlan. Seit

der Spielzeit 2019-2020 bekleidet sie die

feste Stelle als Solofagottistin beim Rundfunk

Sinfonieorchesters in Berlin.

KulturFenster: Deine musikalische Laufbahn

begann in der Musikschule bzw. Musikkapelle

Terlan als Klarinettistin, später kam

das Fagott hinzu. Wie kamst du auf dieses

Instrument?

Miriam Kofler: Musik war immer schon

ein Teil meines Lebens. Zu sehen, wie

mein Bruder und Vater zu den Proben

der Musikkapelle gingen, oder auch, wie

meine Mutter zu den Chorproben ging,

erweckte früh eine Leidenschaft in mir.

Einmal Mitglied in der Kapelle zu sein,

war ein großer Wunsch.

So lernte ich Blockflöte, ein

paar Jahre später parallel

dazu Klarinette an der Musikschule

in Terlan. Als ich

dann schon Mitglied bei der

Kapelle war, meinte der damalige

Kapellmeister Hans Finatzer,

dass es doch schön wäre,

wenn jemand Fagott lernen

würde, was zum Klangbild der

Kapelle beitragen würde. Ganz

so gleich war ich nicht davon

überzeugt - ich spielte immerhin

schon 2 Instrumente - doch

als ich das Fagott zum ersten Mal

in den Händen hielt, war ich so

begeistert, dass ich damit weitermachen

wollte.

Mit dem Fagott zum Erfolg – seit 2019 ist Miriam Kofler die Solofagottistin

beim traditionsreichen Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

KF: Du bist auch Mitglied der

Musikkapelle Terlan. Was bedeutet

dir deine Heimatkapelle

heute?

Kofler: Da ich schon seit

über 10 Jahren im

Ausland lebe, gestaltet

es sich schwierig

aktiv zum Vereinsleben

beizutragen.

Unser Hauptkonzert,

welches für

die Musikkapelle

Terlan an Ostern

ist, habe ich leider

in den letzten

Jahren oft

verpasst, da

es an den hohen

Feiertagen

auch

im professionellen

Bereich

immer viele Engagements gibt. Ich

schaue aber gerne auf meine Zeit in der

Kapelle zurück und hoffe, dass sich in naher

Zukunft das eine oder andere Konzert

ergibt.

KF: Der Bläsernachwuchs auch für große

Orchester kommt oft aus Gegenden, wo die

Blasmusik einen hohen Stellenwert wie in

Südtirol hat. War dir dein blasmusikalischer

Hintergrund hilfreich?

Kofler: Ich bin davon überzeugt, dass dieser

Hintergrund und die Tradition der Blasmusik

den jungen angehenden Profi-Musikern

helfen. Die Musikschulen Südtirols

(auch wenn ich sagen muss, dass ich damals

Privatunterricht nehmen musste, da

es keine Möglichkeit gab, im näheren Umfeld

Fagott zu lernen) sind in Vergleich

zu anderen Ländern gut aufgestellt. Die

Jugendkapellen und Musikkapellen fördern

den Nachwuchs und motivieren ihn

zusätzlich.

KF: Wie wichtig erscheinen dir im Rückblick

Ziele wie die VSM Leistungsabzeichen,

oder andere Projekte wie Bläserwochen/Wettbewerbe

für die musikalische

Förderung der Jugendlichen?

Kofler: Wie in jedem - auch außermusikalischen

- Bereich motivieren Herausforderungen

dazu, sich zu verbessern und an

sich zu arbeiten. So ist es auch mit den

Leistungsabzeichen oder den Wettbewerben.

Man setzt sich neue Ziele, lernt von

anderen und vor allem lernt man sich selber

besser kennen. Als Musiker verbringt man

sehr viel Zeit mit sich selbst beim Üben.

Dabei entwickelt man sich nicht nur, was

das Spielen betrifft, weiter, sondern macht

auch persönlich wichtige Fortschritte.

KF: In deiner Ausbildung erlebtest du sicher

viele Höhen und Tiefen, hast du nie

ans Aufhören gedacht?

Kofl er: Es geht natürlich nicht immer stetig

nach oben, doch ans Aufhören habe

ich nie gedacht. Geht es mal nicht so weiter,

wie man es sich vorstellt, sucht man

sich andere Wege, ein Problem zu lösen.

KulturFenster

22 04/August 2021


Blasmusik

KF: Wie gehst du mit Lampenfieber

um, z.B. vor einem großen Solo im

Orchester?

Kofler: Als ich noch klein war und die

ersten Konzerte in der Musikschule

hatte, hatte ich recht starkes Lampenfieber,

aber mit der Zeit hat das aufgehört.

Warum weiß ich nicht. Nun bin

ich eher gespannt und freue mich auf

die Musik bzw. ich versuche mein Bestes

zu geben um der Musik willen. Es

geht in diesem Moment ja gar nicht um

einen selbst, es geht um die Musik.

KF: Heimweh dürfte dir wohl einem

Fremdwort gleichkommen, was hält

dich in Südtirol?

Kofler: Vieles. Meine Familie, meine

Herkunft, die Natur. Ich freue mich jedes

Mal, wenn ich heimfahren und der

Großstadt entfliehen kann. Aus diesem

Grund habe ich zusammen mit meinen

zwei Freunden Agnes Mayr und David

Fliri im Jahr 2017 das Ensemble „Desiderio“

gegründet. Wir bringen jedes

Jahr gleichgesinnte Musiker nach Südtirol,

wo wir fern von unserem Alltag

Kammermusik nach unseren Vorstellungen

erarbeiten und dem Südtiroler

Publikum darbieten können.

Zu hören gibt es das Ensemble „Desiderio“

Anfangs September in Schloss

Maretsch, Eppan und in Bruneck. Infos

unter www.ensembledesiderio.com

KF: Niemand kann in die Zukunft

schauen. Kannst du uns dennoch einige

deiner Pläne verraten?

Kofler: Pläne gibt es nicht wirklich, mit

Sicherheit wird sich in den nächsten

Jahren einiges verändern - Stillstand

bringt einen nicht weiter.

KF: Hast du eine Lebensweisheit?

Kofler: Auf sich selbst hören und die

eigenen Ziele verfolgen.

Im Namen des VSM wünschen wir dir

persönlich alles Gute und weiterhin viel

Erfolg für deine künstlerische Laufbahn.

Interview: Johann Finatzer

https://ensembledesiderio.com

2011 wurde am Musikkonservatorium

„Claudio Monteverdi“ in Bozen der Studiengang

für Blasorchesterleitung eingeführt.

Am 22. Juli hat der 26-jährige Pusterer

Daniel Niederegger als mittlerweile

13. Absolvent das Bachelor-Studium als

Dirigent abgeschlossen.

Vor 3 Jahren hat er das Studium bei

Professor Walter Ratzek begonnen, bei

dem er sich anlässlich der Abschlussprüfung

besonders bedankte: „Er hat

mich stets gefördert, mich die letzten

Jahre auf meinem Weg immer unterstützt

und wie kein anderer in meiner

musikalischen Tätigkeit als Dirigent geformt

und geprägt.“

Neben dem Studium sei es die derzeit

wohl größte Herausforderung gewesen,

einen Rahmen für die Abschlussprüfung

zu schaffen, hob Thomas Ludescher

hervor. Er hat seit kurzem den

110 Punkte mit

Auszeichnung

Daniel Niederegger und sein

Abschluss des Dirigierstudiums am

Bozner Konservatorium

Geschafft! Der frischgebackene diplomierte Dirigent Daniel Niederegger (3. v. l.) mit

dem VSM-Ehrenkapellmeister Gottfried Veit, Professor Thomas Ludescher und Bezirksobmann

Johann Hilber (v. l.)

Lehrstuhl für Blasorchesterleitung in Bozen

übernommen und Daniel Niederegger

auf dem letzten Weg zum Studiumsabschluss

begleitet: „Das Instrument des

Dirigenten ist das Orchester.“ Zwei Mal

mussten die geplante Abschlussprüfung

coronabedingt verschoben werden. Im

dritten Anlauf hat es nun geklappt. Trotz

Ferien- und Urlaubszeit ist es gelungen,

in kurzer Zeit aus Studenten und Amateurmusikern

ein 37-köpfiges Auswahlorchester

in der mindest notwendigen Blasorchesterbesetzung

zusammenzustellen.

Traditionelle und moderne

Musik für Blasorchester im

Konzertprogramm

In drei intensiven Probennachmittagen

wurde das Konzertprogramm erarbeitet.

Niederegger wählte dazu den bekannten

KulturFenster

23 04/August 2021


hinausgeblickt

Daniel Niederegger hat für sein „Prüfungskonzert“ mit dem Auswahlorchester ein erlesenes Programm erarbeitet.

österreichischen Militärmarsch „Schönfeld-Marsch“

von Carl Michael Ziehrer

als traditionellen Auftakt. Die „Emperata

Overture“ vom US-amerikanischen Komponisten

Claude Thomas Smith repräsentierte

als sehr gutes Beispiel die aktuelle,

moderne Musik für Blasorchester. Mit dem

druckfrischen Werk „Convergence“ des

Südtirolers Tobias Psaier, der selbst am

Schlagzeug mitspielte, war die zeitgenössische

Musik vertreten. Die 140. Bach-

Kantate „Wachet Auf!“ in der Bearbeitung

von Alfred Reed zollte sowohl dem

großen Meister der Klassik als auch dem

großen Meister der Blasorchesterliteratur

Respekt. Das Konzert endete mit dem

musikalischen Höhepunkt, der Suite „Tirol

1809“ von Sepp Tanzer, eigens zu diesem

Anlass von Daniel Niederegger neu instrumentiert.

In seiner Bachelor-Arbeit analysiert

er die „Blasmusik in Tirol und Südtirol,

früher und heute“ anhand des Beispiels

dieser Suite. Dabei sei es ihm wichtig gewesen,

auch die Thematik rund um Sepp

Tanzers Nähe zum Nationalsozialismus

aufzuarbeiten, hob er hervor.

„Sehr souveränes und

musikalisches Dirigat“

Die Prüfungskommission mit Direktor Giacomo

Fornari, Thomas Ludescher, Eduard

Demetz, Antonio Camponogara und Robert

Schwärzer bescheinigte dem Kandidaten

eine „sehr zielgerichtete Probenarbeit“

und ein „sehr souveränes und musikalisches

Dirigat“ beim Abschlusskonzert.

110 Punkte und das Prädikat „mit Auszeichnung“

waren schließlich der Lohn

für das erfolgreiche Studium und die Abschlussprüfung.

Gottfried Veit, der Ehrenkapellmeister

des Verbandes Südtiroler

Musikkapellen (VSM), Niedereggers erster

Dirigierlehrer, und Johann Hilber,

der Bezirksobmann des VSM-Bezirks

Bruneck, gratulierten als eine der ersten

dem 26-jährigen, nunmehr diplomierten

Dirigenten zum Erfolg.

Stephan Niederegger

Die Absolventen in

chronologischer Reihenfolge:

➤ Patrick Gruber (Hafling/Südtirol 2014)

➤ Stefanie Menz (Meran/Südtirol 2014)

➤ Sigisbert Mutschlechner (Olang/Südtirol 2014)

➤ Pietro Sarno (Deutschand 2015)

➤ Andreas Simbeni (Österreich 2015)

➤ Ulrike Ellemunter (Kaltern/Südtirol 2016)

➤ Alois Papst (Österreich 2016)

➤ Andrea Tasser (Abtei/Badia/Südtirol 2016)

➤ Sascha Leufgen (Deutschland 2017)

➤ Wolfgang Schrötter (Algund 2018)

➤ Stefan Brunbauer (Österreich 2019)

➤ Lukas Hofmann (Österreich 2020)

➤ Daniel Niederegger (St.Jakob/Südtirol 2021)

KulturFenster

24 04/August 2021


entdeckt

Mit „Binary Star“ gemeinsam zu den Sternen

Die zweite CD von Peter Steiner und Constanze Hochwartner

Titelbild der

CD „Binary

Star“

Das junge Musikerduo Peter Steiner und

Constanze Hochwartner ist nicht nur privat

ein Paar, sondern sie haben auch musikalisch

schon einige Sterne vom Himmel geholt.

Der aus Bozen stammende Posaunist

und die Organistin aus Wien haben die auftrittslose

Corona-Zeit genutzt und ihre zweite

gemeinsame CD aufgenommen.

Nach ihrer gemeinsamen Konzertreise rund

um die Welt haben sie 2019 mit dem Album

„Sapphire“ eine Vielzahl an Klangfarben in

der spannenden Kombination aus Klavier

und Posaune präsentiert. Sie wollen aber

immer „neue Wege gehen, neue Dinge ausprobieren.“

Aus dieser musikalischen Neugierde

und ihrem leidenschaftlichen Enthusiasmus

ist der neue Tonträger „Binary Star“

(Doppelsterne) entstanden. Es handelt sich

dabei um Orchesterliteratur, die eigens arrangiert

wurde – Musik, die die Beiden seit

ihrer Kindheit begleitet hat: „Orgel und Posaune

hat die Welt noch nicht gehört, aber

diese Klangkombination muss man gehört

haben“, hebt die junge Musikerin hervor.

Die Arrangements sind sehr kammermusikalisch

ausgelegt und geben beiden Instrumenten

den nötigen Raum, damit die Musiker

sowohl solistisch als auch gemeinsam

ihre musikalische Leidenschaft „austoben“

können. Damit verleihen sie der Musik einen

ganz eigenen Charakter und Klang und

überraschen das Publikum in seinen teils

festgefahrenen Erwartungen und Traditionen.

„Als wir uns zum ersten Mal trafen, war es

bereits beschlossene Sache, dieses Album

in den folgenden Jahren zu verwirklichen.

Die Orgel, Königin der Instrumente, und die

Posaune sind ein imposantes Duo. Die fulminante

Kombination ermöglicht es uns, verschiedenste

Klangfarben zu erschaffen und

unseren Traum, alle musikalischen Ideen die

wir haben, bestmöglich zu verwirklichen.“

Peter Steiner

Die Idee zu diesem Projekt war schon

vor einigen Jahren geboren. Mit „Binary

Star“ wird der Zuhörer auf eine gemeinsame

Reise zu den Sternen durch die unendlichen

Weiten des Kosmos entführt.

Das Programm des Albums vereint verschiedene

Komponisten und spannt den

musikalischen Bogen vom Spätromantiker

Gustav Mahler bis zum Filmmusik-

Komponisten John Williams. Hauptwerk

ist die „Planeten-Suite“ von Gustav Holst.

Die CD wurde im Juli 2020 in St. Martin

im Mühlkreis (Oberösterreich) aufgenommen.

Constanze Hochwartner spielt auf einer

„Viscount Prestige 105 Orgel“, Peter

Steiner exklusiv auf THEIN-Instrumenten

aus Bremen. Der Tonträger ist im einschlägigen

Fachhandel und auf den Streaming-

Plattformen erhältlich.

Stephan Niederegger

„Die Zwangspause war zwar ganz gut,

aber es kitzelt schon in den Fingern,

endlich wieder um die Welt zu touren.“

Constanze Hochwartner

CLARINET a due

Leichte Spielstücke aus Barock, Klassik und Romantik,

bearbeitet von Gottfried Veit

Gottfried Veit hat 14 Stücke für zwei Klarinetten

aus Barock, Klassik und Romantik

zusammengestellt und bearbeitet. Neben

kleinen Kompositionen der Barock-Meister

Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich

Händel sind auch die drei Wiener Klassiker

Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus

Mozart und Ludwig van Beethoven vertreten.

Mit Franz Schubert und Robert Schumann

kommen auch zwei wichtige Komponisten

des 19. Jahrhunderts „zu Wort“.

Der Großteil der ausgewählten Stücke ist

geprägt von einem heiteren, tänzerischen,

teils auch sehr schwungvollen Charakter,

den die Klarinette durch ihre typische

Klangfarbe noch unterstreicht. Einen Kontrast

dazu bilden unter anderem die langsame,

lyrische Sarabande aus der Violinsonate

in e-Moll, op. 5/8, von Arcangelo

Corelli und Beethovens Andantino, das ein

Thema aus der Opernarie „Nel cor più non

mi sento“ von Giovanni Paisiello aufgreift.

Kontrapunktisch geführt und somit auch

für die zweite Klarinette sehr interessant

sind die Fuge P.144 von Johann Pachelbel

oder Händels Arie HWV 471.

Veit schöpft aus seiner jahrzehntelangen

Erfahrung als Klarinettenlehrer und aus seinem

reichen Wissen der Musikgeschichte.

Daher sind die Arrangements ideal für den

Unterricht in der oberen Mittelstufe angelegt.

Zusätzlich zu einigen spielerischen

Herausforderungen, wie z.B. Registerwechsel

und lange Phrasen, können die

Schüler*innen das Zusammenspiel lernen

und begegnen dabei ganz nebenbei

wichtigen Komponistenpersönlichkeiten

der Musikgeschichte. Alle Stücke

eignen sich nicht nur für den Unterricht

im Übezimmer, sondern auch für einen

Vortragsabend oder einem anderen festlichen

Anlass.

Stephan Niederegger

„Clarinet a due“

ist im Musikverlag

HELBLING,

Kaplanstraße 9,

6063 Rum/Innsbruck

(office@

helbling.com)

erschienen.

KulturFenster

25 04/August 2021


gehört & gesehen

Der Vogelgesang in der Musik

Auf der Spur der faszinierenden Stimmen der Natur

Einen festen Platz hat der Vogelgesang vor

allem in Märchen, Sagen und Mythen. Singende

oder sogar sprechende Vögel (Papageien)

werden von den Menschen weltweit

bewundert.

Jede der etwa 4000 Vogelarten hat ihren

ganz individuellen Gesang. Man spricht

beispielsweise vom Kuckucksruf, vom

Lerchenjubel, vom Wachtelschlag, vom

Nachtigallentriller, vom Kanarienroller u.

s. w. Sogar der britische Naturforscher

Charles Darwin (1809-1882) vertrat die

Meinung, dass die Musik mehr oder weniger

aus der Nachahmung von „Vogelstimmen“

entstanden sei.

Dass dieser Gesang in der Musik in fast

allen Epochen nachgeahmt wurde, ist eine

Tatsache. Am öftesten wird wohl der „Kuckucksruf“,

also die kleine Terz von oben

nach unten imitiert worden sein ( sie so

genannte "Ruf-Terz"). Unzählige Kinderlieder

wie beispielsweise „Kuckuck, Kuckuck

ruft´s aus den Wald“ oder „Der Kuckuck,

der mich neckt“ bestätigen diese

These. Kunstvollere Gesänge anderer Vögel

werden vor allem mit Block-, Queroder

Pikkoloflöte durch diverse Verzierungen

wie Triller oder Tonrepetitionen

meist in der Diskantlage nachgeahmt.

Instrumente für den

Vogelgesang

Die Pfeifenorgel besitzt bereits seit dem

16. Jahrhundert ein ganz besonderes

Register, das mit „Vogelgesang“, „Nachtigallenzug“

oder „Rossignol“ bezeichnet

wird. Dabei ragen zwei

oder drei kleine offene Pfeifen

nach unten in einen

Wasserbehälter.

Durch den

Winddruck

bewegt sich das die Pfeife abschließende

Wasser, sodass die Pfeifenlänge

dauernd wechselt und ein zwitschernder

Ton entsteht. Es gibt aber auch Hilfsregister,

die anhand von gedeckten Holzpfeifen

den Kuckucksruf imitieren.

Die Vogelpfeife existiert zudem auch als

Musikinstrument, die im Orchester meist

von den Perkussionisten gespielt wird. Zur

Nachahmung des Kuckucksrufs diente früher

eine etwas primitive Pfeife mit einem

die kleine Terz - nach unten - ergebenden

Griffloch. Heute werden dazu nicht selten

ausgereifte Klangwerkzeuge eingesetzt.

Um verschiedene Vogelstimmen zu imitieren,

bedient man sich gegenwärtig diverser

Trillerpfeifen, die mit Wasser gefüllt

werden. Durch das gurgelnde Wasser

lässt sich das Vogelgezwitscher relativ gut

nachahmen.

Drei besondere Singvögel

Eine besonders

hohe

Musikalität

wird der

Amsel zugeschrieben.

Unter den unzähligen Singvögeln fallen

in unseren Breitengraden vor allem drei

besonders auf: Der Kuckuck, die Nachtigall

und die Amsel.

Der Kuckuck ist ein unruhiger, scheuer

und einsam lebender Waldvogel, dessen

markanten Ruf man von Ende April bis

Juni vernehmen kann. Er ist zudem ein

Zugvogel und legt seine Eier in fremde

Nester. Seinen charakteristischen Ruf,

den „Kuckucksruf“ (meist: e´´ - cis´´), verwenden

auch Kleinkinder, wenn sie z. B.

„Mama“ oder „Papa“ rufen. Interessanterweise

wird

im allgemeinen

Sprachgebrauch der Plural

„Kuckucke“ oder „Kuckucks“ kaum verwendet:

vielleicht liegt dies daran, dass der

Kuckuck sofort aufhört zu rufen, wenn er

einen anderen Kuckucksruf hört.

Unter den Singvögeln übertrifft die Nachtigall

(„Nachtsängerin“) – nach traditioneller

Vorstellung – durch ihren fl ötenden, fast

schluchzenden Gesang, nahezu alle anderen

Vögel. Dies unterstreicht z. B. auch

das Tiroler Volkslied „O du schiane, siaße

Nåchtigåll“. Den wunderbaren Gesang

der Nachtigall bekommt man im April/

Mai sehr spät abends zu hören. Nicht

von ungefähr sagt man zu ausgesprochen

begabten Sopranistinnen, sie singen

„wie eine Nachtigall!“

Neuere Forschungen haben ergeben, dass

die Amsel (Kohlamsel oder Schwarzdrossel),

was die Singkunst betrifft, der Nachtigall

in nichts nachsteht, ja diese sogar um

Einiges übertrifft. Während die Nachtigall

immer nur dieselben Motive wiederholt,

variiert die Amsel beständig ihre unvergleichlichen

Tonfolgen. Apropos: Die „Variation“

zählt zu den wichtigsten Kompositionsprinzipien.

Die Dämmerung, sowohl

morgens und noch mehr abends von März

bis Juli, ist jene Zeit, in der Amseln besonders

oft zu hören sind. Die Amsel ist

eindeutig singfreudiger als die Nachtigall,

da diese nur kurzzeitig in der Nacht singt.

Der Gesang der Amsel gilt als der melodisch

komplexeste und hochwertigste der

europäischen Singvögel. Sein Tonumfang

und sein Melodienreichtum sind besonders

ausgeprägt und ähneln dem menschlichen

Verständnis von Musik. Aus dem

vielfältigen Gesang dieses Vogels ist ein

Dreiton-Motiv unschwer herauszuhören:

diese Tonfolge entspricht übrigens dem

Kopfmotiv des mündlich überlieferten Kanons

„Dona nobis pacem“. In der zweiten

Strophe des bekannten Volksliedes „Alle

Vögel sind schon da“ steht im Text von

Hoffnann von Fallersleben bei der Aufzählung

die Amsel an erster Stelle („Amsel,

Drossel“, Fink und Star“), was die

Wichtigkeit dieser Vogelart unterstreicht.

Übrigens: Fast alle Vögel singen in „Dur“,

was als Ausdruck von Freude und Optimismus

gedeutet werden kann.

KulturFenster

26 04/August 2021

26


Blasmusik

Der Vogelgesang in der

klassischen Musik

Die Nachtigall ist durch ihren Gesang

zum Mythos geworden. Der französische

Komponist François Couperin (1668 – 1733)

hat mit seinem Werk „Le Rossignol“ der Nachtigall

ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Der Ruf des Kuckucks ist dank seiner prägnanten

Gestalt in musikalischem Zusammenhang

sehr oft verwendet worden. Bereits

im 13. Jahrhundert begegnen wir

ihm im englischen Sommerkanon „Sumer

is icumen“ bei den Worten „sing cucu“.

Aus dem 15. Jahrhundert stammt hingegen

das Mai-Lied „Der mai mit lieber zal“

des Südtiroler Minnesängers Oswald von

Wolkenstein, das ebenfalls Kuckucksrufe

beinhaltet. Barocke „Kuckucks-Capricci“

schrieb nicht nur der deutsche Tonsetzer

Johann Caspar Kerll, sondern auch der italienische

Komponist Alessandro Poglietti.

Nahezu zur selben Zeit entstanden auch

„Die Jahreszeiten“ („La primavera“ und

„L´estate“) op. 8 von Antonio Vivaldi, in denen

ebenfalls Vogelstimmen vorkommen.

Bereits im Titel des Streichquartetts op.

11/6 aus dem Jahre 1771 „L´ucccelliera“

weist Luigi Bocchierini auf seine spezielle

Absicht hin. Genauso mit einem eindeutigen

Titel versah François Couperin eines

seiner reich verzierten Stück für Clavecin,

indem er es mit „Le Rossignol“ („Die

Nachtigall“) überschrieb. In der Zeit der

Wiener Klassik benannte Joseph Haydn

nicht nur einige seiner Streichquartette,

sondern auch einige seiner Sinfonien

nach Vögeln. Ganz besonders eindrucksvoll

setzte den Kuckucksruf Ludwig van

Beethoven am Ende des langsamen Satzes

seiner „Sinfonia pastorale“ ein: hier erklingt

er sowohl in der 1.- als auch in der

2. Klarinette und zwar in Verbindung mit

anderen stilisierten Vogelrufen (namentlich:

Goldhammer, Wachtel, Nachtigall).

Der Kuckuck ist wohl

der bekannteste Vertreter

in der Musik.

Heinz

Tiessen

integrierte in

seinem Klavierquintett

op. 43

hingegen hauptsächlich

Amselrufe.

Eher parodistischen

Charakter

weist hingegen das

Werk „Grande fantaisie

zoologique“ (Le carnaval

des animaux) von

Camille Saint-Saëns auf.

Richard Wagner mythologisierte

sogar den

Vogelgesang im Waldvogel

seiner Oper „Siegfried“

(WWV 86 C). Er

lässt dabei sozusagen

die Stimme der Natur

Schicksal spielen. Der italienische

Impressionist Ottorino

Respighi setzte hingegen in seiner

Sinfonischen Dichtung „Pini di Roma“,

als Ergänzung zum großen Orchester, sogar

Schallplatten mit Vogelstimmen ein.

Er schrieb außerdem im Jahre 1927 noch

eine Suite mit dem bezeichnenden Titel

„Gli uccelli“ („Die Vögel“). Am stärksten

vom Vogelgesang beeinflusst dürfte aber

das kompositorische Schaffen von Olivier

Messiaen sein. Dieser französische Komponist

zeichnete auf seinen ausgedehnten

Reisen Vogelrufe auf und verwendete diese

nicht nur in seinen Klavier- und Orchesterwerken,

sondern sogar auch in seiner Oper

„Saint François d´Assise“.

Interessanterweise räumen hingegen die

Tonschöpfer der sogenannten „Musique

concrète“, bis hin zu dem US-amerikanischen

Komponisten John Cage, den Vogelrufen

keinen besonderen Vorrang im

Rahmen ihrer Werke ein. Dies tut aber

der allgemeinen Faszination der Vogelstimmen

nicht den geringsten Abbruch.

Gottfried Veit

VSM-Ehrenkapellmeister

KulturFenster

27 04/August 2021


komponiert

In der Musik „dahoam“

Tobias Psaier ist vielseitiger Musiker, Komponist und Kapellmeister.

„Komponieren ist schon eine Sache für sich.“

Oftmals brauche ich für ein Stück ein paar

Tage, oft mehrere Wochen oder gar Monate.

Selten ist es so, dass eine Idee sofort funktioniert.

Das Tenorhornsolo „Dahoam“ hat

sich aber innerhalb weniger Stunden beinahe

wie von selbst komponiert.

Eigene Stücke schreibe ich schon seit

über zehn Jahren, anfangs vorwiegend

für Klavier. Durch die Erfahrung mit der

Blasmusik und die Gründung eigener

Gruppen entstand für mich die Möglichkeit,

Werke zu arrangieren und schließlich

auch zu komponieren.

Den Großteil meiner Kompositionen habe

ich für die Blechbläser-Formation „Sunnseit

Brass“ geschrieben, bei der ich am

Schlagzeug sitze.

Die Pandemie als

Namensgeberin

Am Tag vor Beginn der Aufnahme unseres

Debüt-Albums „Magari“ im Februar 2020

waren wir der Meinung, dass noch ein ruhiges

Solo dazugehöre. Also setzte ich mich

ans Klavier und improvisierte vor mich hin,

bis diese eine Melodie hängen blieb.

Diese recht eingängige, ungezwungene Melodie

zieht sich durch das gesamte Stück,

entwickelt sich weiter und wird auch im Dialog

zum hohen Blech aufgegriffen.

Einen Namen hatte ich für das Stück nicht,

auch nicht eine Weile nach der Aufnahme.

Allgemein ist das Finden eines passenden

Titels für mich eine der größten Herausforderungen

beim Komponieren. Bis wir

dann aufgrund der Pandemie plötzlich alle

gezwungen waren, „dahoam“ zu bleiben.

Die meisten Kompositionen von Tobias Psaier

entstehen am Piano.

Die Melodie hat was Gemütliches, Heimeliges

und ein gewisses „Alles-wird-gut-Gefühl“.

So wurde „Dahoam“ zum Titel des

Tenorhornsolos.

In vielen Musikrichtungen

zuhause

Mittlerweile schreibe ich überwiegend für

Blasorchester, da ich seit ein paar Jahren

Zur Person

Tobias Psaier, Jahrgang 1995, stammt aus Teis, Gemeinde Villnöß. Im Alter von 6 Jahren begann

er eine klassische Klavierausbildung, die ihn recht bald zum Jazz- und Rockpiano brachte und vor

allem zur Improvisation. Mit dem Klavier erreichte er erste Erfolge, so etwa einen 1. Preis mit Auszeichnung

beim Wettbewerb „Prima la musica" 2004.

Mit 10 erhielt er Unterricht auf seinem zweiten Instrument, dem Schlagzeug, mit welchem er seit

2007 in seiner Heimatkapelle spielt. Etwa zur selben Zeit brachte er sich das Spielen auf der Gitarre

und dem E-Bass bei und stand schon bald mit verschiedenen Formationen auf der Bühne.

Mit „Sunnseit Brass" gab es bald erste internationale Erfolge, wie den Sieg beim „Copa-Kapella

2017" in Frankfurt, worauf einige Auftritte in ganz Europa folgten.

Die traditionelle Musik liegt ihm ebenso viel am Herzen wie Jazz, Rock und Populärmusik.

So komponiert er neben Polkas, Märschen und Walzern auch modernere

Stücke für verschiedenste Besetzungen.

2017 begann er sein Studium für Instrumentation und Blasorchesterleitung am

Konservatorium „Claudio Monteverdi" bei Prof. Walter Ratzek und Prof. Thomas

Ludescher in Bozen. Seit 2018 ist er Kapellmeister der Musikkapelle Afers,

seit 2020 leitet er auch die Musikkapelle Neustift.

Tobias Psaier komponiert nicht nur für Blasorchester, er dirigiert auch die

Musikkapellen Afers und Neustift.

KulturFenster

28 04/August 2021 2021


(Flg)

mf

Blasmusik

auch als Kapellmeister tätig bin. Wenig später

habe ich deshalb für „Dahoam“ auch

ein Arrangement für Blasorchester angefertigt,

dessen Aufführung aber gezwungenermaßen

noch etwas auf sich warten

lässt. So geht es aber neben einigen Auftragskompositionen

auch meinem ersten

größeren Konzertwerk „Convergence“,

welches ich für meine Kompositions-Abschlussprüfung

im Konservatorium Bozen

geschrieben habe.

Ich bin in vielen Musikrichtungen zuhause,

bin für alles offen und komponiere

mich durch verschiedenste Genres. Von

Märschen, Polkas und Walzern über Kirchenmusik

und zeitgenössische Werke,

bis hin zu Jazz, Funk und Pop-Songs war

schon alles dabei. Von Tanzlmusik bis Big-

Band und darüber hinaus, so lange man

Freude an der Musik hat, fühle ich mich

wie „dahoam“.

Partitur

Tenorhorn

(Solo)

Flöte

°

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2

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Von seiner musikalischen Wurzeln her ist

Tobias Psaier Schlagzeuger und mit verschiedenen

Formationen unterwegs.

q = 60 rit.

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4

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Dahoam

Solo für Tenorhorn

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Tobias Psaier

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Mit der Gruppe „Sunnseit Brass“ ist Tobias

Psaier beim berühmten „Woodstock

der Blasmusik“ aufgetreten.

Klarinette in B 1

Klarinette in B

Bassklarinette in B

Altsaxophon

Tenorsaxophon

Baritonsaxophon

Trompete in B 1

°

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© Tobias Psaier 2020

Ausschnitte aus der Partitur zu „Dahoam“

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KulturFenster

29 04/August 2021


kurz notiert

kurz notiert –

das neue „Musikpanorama“

… für Nachrichten aus den Musikkapellen

Nachdem durch diverse Lockerungen

nun wieder Proben, Auftritte und Veranstaltungen

von Musikkapellen „erlaubt“

sind, laden wir auch wieder ein,

uns Berichte davon zukommen zu lassen.

Im Zuge der Neugestaltung des

„KulturFensters“ ist die ehemalige Rubrik

„Musikpanorama“ in „kurz notiert“

unbenannt worden; sie soll aber weiterhin

als Plattform für die Berichterstattung

aus den Musikkapellen und damit

zu einem regen Erfahrungsaustausch

genutzt werden.

Damit aber alle Artikel Platz fi nden können,

ist es notwendig, dass die jeweiligen

Texte nicht mehr als 1.500 Zeichen

(inkl. Leerzeichen) umfassen. Die

in dieser Ausgabe veröffentlichten Beiträge

der Musikkapellen Algund, Klausen

und Niederdorf bewegen sich beispielsweise

„im Rahmen“ und können

somit als Muster dienen. Ein aussagekräftiges

und vor allem drucktaugliches

Foto - in entsprechend guter Auflösung

und mit Bildtext - ist ebenfalls immer sehr

willkommen. Bitte auch immer den Redaktionsschluss

beachten!

Wir freuen uns auf viele „kurz notierte“

Meldungen!

Die Redaktion

170 Jahre Musikkapelle Niederdorf

Sonderausstellung „Faszination Blasmusik“

Vom 4. Juli bis zum 30. Oktober wird im

„Haus Wassermann“ in Niederdorf, dem

Fremdenverkehrsmuseum Hochpustertal,

in der Sonderausstellung „Faszination

Blasmusik“ in Wort und Bild die mittlerweile

170-jährige Geschichte der örtlichen Musikkapelle

erzählt – von der Gründung 1850

bis heute. Die Ausstellung ist jeweils dienstags

und freitags von 16 bis 18 Uhr geöffnet.

Den Besucher erwartet ein chronologischer

Streifzug durch die abwechslungsreiche

und spannende Vereinsgeschichte, dazu

Bilder und kurze Anekdoten von besonderen

Höhepunkten, Ausflügen und spontanen

Erlebnissen der Musikantinnen

und Musikanten, Wissenswertes über die

Tracht sowie besondere „Hingucker“ aus

dem reichhaltigen Fundus der Kapelle. Zu

den wertvollsten Ausstellungstücken zählen

wohl die Originalpartitur des bekannten

Marsches „Gruß aus den Dolomiten“ von

Josef Hochkofler und des „Jubiläumsmarsches“

von Josef Walder – zwei der bedeutendsten

Familiennamen, die die musikalische

Geschichte jahrzehntelang geprägt

haben. Am 1. August um 11 Uhr und am

17. August um 21 Uhr werden zudem

musikalische Improvisationen präsentiert.

Stephan Niederegger

Ehrenkapellmeister Sepp Walder dirigierte die Kapelle mit kurzer Unterbrechung von

1970 bis 1998 und war einer der Ehrengäste bei der Eröffnung der Sonderausstellung.

KulturFenster

30 04/August 2021


Blasmusik

Mit frischem Elan und neuem Vorstand

Die Bürgerkapelle Klausen spielt wieder!

Nach den erzwungenermaßen ruhigen Monaten

war die Freude bei den Musikantinnen

und Musikanten der Bürgerkapelle

Klausen groß, als die Probentätigkeit wieder

aufgenommen werden konnte.

Als Startschuss diente die Jahreshauptversammlung,

deren wichtigster Tagesordnungspunkt

die Neuwahl des Ausschusses

war. Stephan Plunger, der die Bürgerkapelle

Klausen 15 Jahre lang als Obmann

erfolgreich geleitet und großartige Projekte

initiiert hatte, stellte sich nicht mehr zur

Wahl. Als neuer Obmann wurde Alexander

Gfader gewählt. Unterstützung erhält er

durch den neuen Vorstand, in dem Markus

Plieger (Vize-Obmann), Renate Brunner,

Anna Felderer, Christian Gfader, Heinz

Gfader, Sepp Gfader, Stefan Lanziner, Silvia

Prader, Theo Rabanser und Peter Stoffner

angehören. Der neugewählte Obmann bedankte

sich für das Vertrauen, den neuen

Vorstandmitgliedern für ihre Bereitschaft

zur Mitarbeit und richtete seinen großen

Dank an das Arbeitsteam der Jugendkappelle,

das sich unter der Leitung von Silvia

Prader, Fabian Gottardi, Christian Gfader

und Jasmin Gfader tatkräftig um den musikalischen

Nachwuchs kümmert.

Nach diesem erfolgversprechenden Auftakt

blickt die Bürgerkapelle Klausen zuversichtlich

in die Zukunft und freut sich,

wieder die Instrumente unter der Leitung

des Kapellmeisters Paul Bramböck vor

dem lang vermissten Publikum erklingen

lassen dürfen.

BK Klausen

Jahreshauptversammlung der

BK Klausen: (v. rechts) Bürgermeister

Peter Gasser und

der neue Obmann der Bürgerkapelle,

Alexander Gfader, bedankten

sich beim scheidenden

Obmann Stephan Plunger für

dessen großen Einsatz im kulturellen

Leben der Stadt.

Neustart mit Führungswechsel

Bernhard Christanell übernimmt das Amt des Obmannes von Andreas Theiner

Neuneinhalb Jahre lang stand Andreas

Theiner der Algunder Musikkapelle als

Obmann vor, bei der Vollversammlung der

Algunder Musikkapelle am 17. Juni im Algunder

Thalguterhaus trat er als solcher

ab. Theiner hatte bereits vor drei Jahren

angekündigt, sein Amt am Ende der Amtsperiode

zurücklegen zu wollen. Mit der Corona-Pandemie

und ihren Folgen für den

Verein hatte er zum Abschluss noch eine

ganz besondere Herausforderung zu meistern.

Sein Nachfolger als Obmann der „Algunder“,

Bernhard Christanell, ist seit über

18 Jahren Vorstandsmitglied. Die meiste

Zeit war er für das Notenarchiv und die

Öffentlichkeitsarbeit des Vereins zuständig,

außerdem leitet Christanell seit drei

Jahren die Algunder Jugendkapelle und

ist seit über zehn Jahren als Privatlehrer

für das Instrument Querflöte tätig.

Auch im Vorstand der Musikkapelle gibt es

einige neue Gesichter. Neben dem Altobmann

Andreas Theiner stellten sich auch

die Vorstandsmitglieder Philipp Gamper

und Markus Klotz nicht mehr der Wahl.

Weiterhin im Vorstand mitarbeiten werden

in den kommenden drei Jahren Simon

Brunner, Gregor Moser, Hannes Schmider,

Hannes Schrötter und Alexander

Klotz. Neu in den Vorstand gewählt wurden

Stefan Holzner, Magdalena Prantl,

Wolfgang Schrötter, Markus Hirber und

Christoph Winterholer.

Bernhard Christanell

Der (fast komplette) neue Vorstand der Algunder Musikkapelle: (vorne v. l.) Simon Brunner,

Christoph Winterholer, Obmann Bernhard Christanell, Stefan Holzner, Magdalena Prantl;

(hinten v. l.) Kapellmeister Christian Laimer, Wolfgang Schrötter, Alexander Klotz, Hannes

Schmider, Markus Hirber, Gregor Moser; es fehlt: Hannes Schrötter

KulturFenster

31 04/August 2021


Der Gfrarhof in Aschl:

Hier sieht man noch eines von vier verbliebenen Strohdächern

in der Gemeinde Vöran.

Foto: Dominik Kienzl

KulturFenster

32 04/August 2021


gedeckt

Rettet die Strohdächer!

Ein Stück bäuerlicher Architektur droht, verloren zu gehen –

Neuer Vorstoß geplant

„Sie sterben langsam, aber sicher aus.“ Dieser

Satz über Südtirols Strohdächer stand

1955 im „Reimmichls Volkskalender“. Vielleicht

hatte der Autor Recht, aber 65 Jahre

später gibt es sie noch. Es sind allerdings

nur noch etwa zehn an der Zahl, vier davon

stehen in Vöran. Dort startet nun eine Initiative

zur Rettung der Strohdächer.

Im vergangenen Jahrhundert prägten Strohdächer

die Kulturlandschaft vor allem am

Tschögglberg, am Ritten und im Schlerngebiet.

Aber auch im Passeier-, im Eisacktal

und im Pustertal waren sie zu finden. Allein

am Ritten soll es laut dem ehemaligen

Landeskonservator und nun pensionierten

Helmut Stampfer 1943 noch 140 mit Stroh

bedeckte sogenannte Futterhäuser gegeben

haben – das waren Stall, Tenne und

Stadel. Diese Gebäude waren es nämlich,

die in der Regel mit dem früher reichlich

vorhandenen Stroh aus dem Getreideanbau

gedeckt wurden, weil sie luftdurchlässig

und gleichzeitig wasserdicht waren

und dadurch dem Futter und den Tieren

beste Bedingungen boten.

Nur Herbstroggen eignet sich zum Dachdecken. Er muss gut gereift und getrocknet sein,

wird zu Schab (Strohbündeln) gebunden und in Streifen aufs Dach gelegt. Foto: HPV

Es waren einmal über 60 …

Doch der Fortschritt machte auch am

Bauernhof nicht Halt. In den 1950er-Jahren

stand im „Reimmichls Volkskalender“

neben eingangs erwähntem Satz folgende

kritische Bemerkung: „Die Bauern

wissen freilich kaum, was sie tun, wenn

sie ein leuchtend rotes Ziegeldach an die

Stelle der altersgrauen und oft schon etwas

krummen und gebeugten Strohhaube


Allein am Ritten zählte man 1943

noch 140 mit Stroh bedeckte sogenannte

Futterhäuser – das waren


Stall, Tenne und Stadel.

Helmuth Stampfer

setzen …“. Es mag etwas gewagt gewesen

sein, den Bauern Unwissenheit oder gar

Unverständnis vorzuwerfen, weil sie den

einfacheren Weg gingen. Tatsache ist aber,

dass die Zahl der Strohdächer im Lauf der

Jahrzehnte laufend gesunken ist und dass

auch die Beiträge für Landschaftspflege das

einst befürchtete „langsame Aussterben“

nicht zu stoppen imstande sind.

So machte der Heimatpfl eger und Autor

Richard Furggler Anfang der 1970er-Jahre

allein auf dem Tschögglberg noch 64 Strohdächer

aus, 20 Jahre später waren es laut

einem Bericht des „Dolomiten-Magazins“

in ganz Südtirol nur mehr etwa 20. Dazwischen

lag eine Zeit des Ringens um die

„wertvolle Dachlandschaft“, wie sie vom

Rittner Hans Rottensteiner damals bezeichnet

wurde. Rottensteiner war gewissermaßen

ein Pionier im Kampf um die verbliebenen

Strohdächer, konnte die negative

Entwicklung aber trotz einiger Erfolge nicht

aufhalten. Ebenso wenig konnten es die vielen

Initiativen und Bemühungen des Heimatpflegeverbandes,

der sich dem Thema

schon seit den 1960er-Jahren widmet.

… und sind noch höchstens

zehn

Und wie ist es heute um die Strohdächer

bestellt? „Im ganzen Land dürften davon

kaum mehr als zehn übriggeblieben sein“,

beklagt Josef Oberhofer, der langjährige Geschäftsführer

des Heimatpflegeverbandes,

dem die Strohdächer stets ein besonderes

Anliegen waren. Vier dieser wenigen „stummen

Zeitzeugen“ stehen in der Gemeinde

Vöran. Im Lauf von 50 Jahren sind also allein

auf dem Tschögglberg 60 Strohdächer

verschwunden – trotz Schutzmaßnahmen

KulturFenster

33 04/August 2021


gedeckt

Durchschnittlich 30 Jahre hält ein Strohdach. Nahezu jedes Jahr ist ein Streifen des Daches neu einzudecken.

Foto: HPV

und Beiträgen. Die Gründe dafür mögen

vielfältig sein. In einem interessanten Beitrag

von Ulrike Vent und Helga Innerhofer

in der Vöraner Gemeindezeitung „Furggl“

vom Oktober 2020 heißt es dazu:

„Derzeit fehlt es an Förderungen und entsprechenden

Initiativen. Die aktuellen Beitragszahlungen

belaufen sich auf 120 Euro

pro Quadratmeter, bei einem Kostenpunkt,

der das Vielfache davon beträgt. Fast jährlich

ist mittels Streifen ein Teil des Daches

neu einzudecken, sodass in 20 bis 30 Jahren

(das ist die durchschnittliche Lebensdauer

der Strohdächer) das gesamte Dach

erneuert wird. Dies ist aufwändig und kostet

entsprechend viel. Und natürlich sind die

Strohstadel mit ihren Steildächern nicht in

der Lage, den Raum- und Lagererfordernissen

der modernen Landwirtschaft gerecht

zu werden. Das Schwinden der Strohdächer

lässt sich insgesamt auf mehrere Ursachen

zurückführen. Neben fehlendem

Willen und Bewusstsein seitens der Landesverwaltung

für diese wichtigen Kulturdenkmäler

sind es wohl großteils ,Mängel‘,

die das Verschwinden verursachen: der

Mangel an Arbeitskräften, die das Dachdecken

mit Stroh erlernt haben, der Mangel

an Rohmaterial, da kaum noch jemand

Getreide anbaut, der Mangel an Platz, da

das zu lagernde Stroh natürlich irgendwo

sicher untergebracht werden muss (Feuergefahr

der Dächer und hohe Versicherungskosten)

…“

Wie geht es weiter?

Für viele ist das Strohdach, wie Josef Oberhofer

es formuliert, „zur Belastung geworden“.

Nur einige wenige Bauern hätten es

aus wahrem Idealismus erhalten. Meist

seien es die persönliche Verbundenheit

und der berechtigte Stolz, Inhaber einer

der letzten und archaischsten landschaftlichen

Erscheinungen bäuerlicher Architektur

in Südtirol zu sein. Diesen „Luxus“

könne sich aber kaum ein Bergbauer leisten.

Laut Josef Oberhofer kann aber hier

auch das heimatpflegerische Argument nicht

gelten, wonach Tradition zu bewahren ist,

denn: „Tradition muss leben, bedarf einer

realistischen Perspektive, um nicht ins verklärte

Museale zu verfallen.“

Genau auf diese realistische Perspektive

baut nun eine Initiative in Vöran. Damit sollen

jene vier Stadel mit Strohdach gerettet

werden, die in ihrer Gemeinde am Tschögglberg

noch verblieben sind (siehe Interview).

Auch das Landesdenkmalamt hat die Zeichen

der Zeit offenbar erkannt und möchte

die Erhaltung der Strohdächer unterstützen,

indem es den Anbau von Stroh forciert (siehe

Kurzbericht auf S. 33).

Edith Runer


Tradition muss leben, bedarf einer

realistischen Perspektive, um nicht


ins verklärte Museale zu verfallen.

Josef Oberhofer

KulturFenster

34 04/August 2021


Heimatpege

Das Strohdach –

(k)ein ewiges Werk

Familie Lun vom Duregghof in Afing hält einen

Paul Lun und seine Frau Christa Lanznaster

geben sich viel Mühe, um das

Strohdach auf dem Stadel des Duregghofes

zu erhalten. Foto: Edith Runer

natürlichen Kreislauf in Gang

mit viel Liebe und vorbildlichem Einsatz

ein wunderschönes Anwesen gemacht,

wo sich nicht nur ihre drei Kinder – Selin

(16), Julia (13) und Lukas (9) –, wohlfühlen,

sondern auch Rinder, Truthähne, Bienen,

Hund und Katz.

Zwei Monate Einsatz im Jahr

Das Strohdach auf dem Stadel neben dem

Wohnhaus ist ein Blickfang. Es gibt dem

ganzen Ensemble Halt, strahlt Natürlichkeit

und Ursprünglichkeit aus, ist einfach

schön anzusehen. Doch nur wer einmal

hier oben war, der kann verstehen, wie viel

Zeit, Geld und Opfer in diesem idyllisch anmutenden

Ort stecken. Und nur wer mit

Paul und Christa gesprochen hat, der kann

auch ihre kritische Haltung nachvollziehen.

Ein Strohdach ist keine einmalige Anschaffung,

es ist ein Lebenswerk, das im Unterschied

zu anderen traditionellen Dächern

wie dem Schindeldach dauerhaften Einsatz

braucht. Insgesamt rund zwei Monate im

Jahr, sagt Paul, wende seine Familie allein

für die Erhaltung des Daches auf. Jedes

Jahr muss ein Teil neu eingedeckt werden,

weil die Stroheindeckung durch Witterungseinflüsse

immer dünner wird und

dadurch droht, undicht zu werden. Zum

Eindecken der sogenannten Jahresstreifen

bedarf es hochwertigen Materials, es

braucht viel Geduld, handwerkliches Geschick

und nicht zuletzt gutes Wetter. Einige

dieser Voraussetzungen kann der Mensch

schaffen, für andere ist ausschließlich die

Natur zuständig. Und dann sind da noch

ein paar ungebetene Gäste, die die mühevolle

Arbeit wieder zerstören können. Aber

dazu später …

Wie wird ein Strohdach gedeckt? Warum ist

es so robust und doch kein ewiges Werk?

Welche Voraussetzungen braucht es, um

Strohdächer zu erhalten? Und warum sind

finanzielle Beiträge unabdingbar? Einen guten

Einblick in das Thema gewährt ein Besuch

am Duregghof in Afing.

Paul Lun ist ein Idealist und Realist gleichermaßen.

Mit unbändiger Hingabe kümmern

sich er und seine Frau Christa Lanznaster

um die Erhaltung des Strohdaches auf dem

hofeigenen Stadel. Mit ebensolcher Vehemenz

erklärt der 42-jährige Bauer: „Wenn

die wenigen Strohdächer, die es in Südtirol

noch gibt, nicht ehrlich wertgeschätzt

und deren Bestand unterstützt wird, wird

es bald keine mehr geben.“

Vor rund 15 Jahren hat sich das Ehepaar

entschlossen, den wahrscheinlich 300

Jahre alten Duregghof – er war im Besitz

von Christas Familie – zu übernehmen. Zuvor

war das Höfl, das sich auf etwa 1300

Metern Meereshöhe abseits von Afing an

einen steilen Abhang schmiegt und nur

über eine nicht enden wollende schmale

Straße zu erreichen ist, viele Jahre leer gestanden.

Es war quasi dem Verfall preisgegeben,

und auch das Strohdach des

Stadels war nur noch ein Flickwerk aus

verschiedensten Materialien gewesen.

Paul und Christa haben aus ihrem Erbe

Die größten

Herausforderungen

Zunächst ist es wichtig zu wissen, wo die

Herausforderungen bei der Erhaltung eines

Strohdaches liegen. Eine der größten ist mit

Sicherheit das Material. Kaum irgendwo

in Südtirol wird noch brauchbares Dachstroh

von ausreichender Qualität produziert.

Deshalb steht auf dem Grund des

Duregghofes ein etwa 300 Quadratmeter

großes Roggenfeld. „Herbstroggen,

eine alte Sorte“, erklärt Paul. Dieser werfe

zwar wenig Korn ab – etwa 70 bis 80 Kilogramm,

aus denen Brot auf Vorrat gebacken

wird. Aber die Halme dieser Sorte erreichen

die ideale Eindeck-Länge von bis

KulturFenster

35 04/August 2021


gedeckt

Jedes Jahr kann nur ein Streifen des Strohdaches beim Duregghof neu gedeckt werden.

Fotos: HPV

Auch die Kinder helfen mit: Hier vor ein

paar Jahren im Roggenfeld des Duregghofes.

zu 1,5 Metern, sofern sie nicht von Hagel

und Sturm geknickt werden, was hin und

wieder vorkommt.

Im Hochsommer ist das Korn dann reif,

die Halme werden geschnitten, zu „Hockern“

geformt und etwa zwei Wochen

lang auf dem Feld getrocknet. Danach

wird das Stroh ausgeschlagen und das

erhaltene Getreide im Stadel gelagert. Im

Herbst, wenn die Kinder wieder zur Schule

gehen, hat Christa dann vormittags Zeit,

um in Handarbeit das Stroh zu unzähligen

dünne Bündeln zusammenzubinden.

Nahe dem Bach hat Paul einige Weiden

gepflanzt, von denen er, sobald sie im

Spätwinter oder Frühjahr „in den Saft gehen“,

rund 80 Zentimeter lange Ruten abschneidet

und spitzt. Das Stroh wird mit

den Weiden an die Rundlatten gebunden,

was viel Geschick erfordert. Zum Decken

eines Streifens von einem halben Meter

Breite braucht Paul etwa einen ganzen

Tag. Die Kunst hat ihm einst ein Strohdachdecker

beigebracht. Das Dach ist

steil, viel steiler als herkömmliche Stadeldächer,

damit der Regen gut abrinnen

kann. Praktisch ist das Steildach nicht,

denn den sonst üblichen Heukran zum

Ablegen und Verteilen des Heus im Stadel


Wenn die wenigen Strohdächer, die

es in Südtirol noch gibt, nicht ehrlich

wertgeschätzt und deren Bestand

unterstützt wird, wird es bald


keine mehr geben.

Paul Lun

kann Paul nicht verwenden. Alles muss

in Handarbeit passieren – und durch die

Mithilfe von Freunden, die dazu eigens

auf den Hof kommen.

Kleine Feinde und große

Mühe

Jährlich deckt Paul Lun mehrere Quadratmeter

Dach neu ein. Allerdings gelingt das

nur, wenn sich wirklich jedes Rädchen im

Kreislauf perfekt dreht. Der Roggen ist nicht

nur im Freien der Natur und ihren Unbilden

ausgesetzt. Auch während der Lagerung

im Winter ist er nie sicher vor „Feinden“.

Im vergangenen schneereichen

Winter waren es Mäuse, die im Stadel Unterschlupf

und in den Strohbündeln reichlich

Nahrung gefunden haben. Die Folge:

Kaum ein Bündel war noch verwendbar.

„Wir konnten den geplanten Streifen am

Dach nicht ausbessern und mussten uns

vorübergehend mit Kunststofffolien behelfen“,

beschreibt Paul Lun das Dilemma.

Auch Marder und Raben würden Teile des

Daches immer wieder zerstören. Kurzum,

es ist ein ständiger Wettlauf, den die Bauersleute

auf sich nehmen und der immer

wieder von neuem startet.

Trotz aller Hürden in diesem Wettlauf sind

Paul und Christa von ihrem Werk zu hundert

Prozent überzeugt. „Strohdächer haben

seit jeher unsere Landschaft geprägt“,

sagt Paul Lun. „Sie sind etwas ganz Natürliches

und ein Stück Tradition, die wir

nicht einfach aussterben lassen sollten.

Wo bleibt die Einzigartigkeit, das Landestypische,

mit dem wir uns in Südtirol immer

rühmen, wenn wir uns nicht bemühen, es

zu pflegen und zu erhalten?“

Wertschätzung als

Motivation

Mit Mühe allein ist es jedoch nicht getan.

Davon ist Paul Lun überzeugt. Es brauche

auch Motivation – durch die Wertschätzung

und Unterstützung von Seiten der Gesellschaft,

der Öffentlichkeit, der Politik und

des Tourismus. Zwar wurde die Erhaltung

der Strohdächer in den vergangenen Jahrzehnten

mit Landesbeiträgen gefördert.

Allerdings, so der Afinger Bauer, sei die

Antragstellung oft ein Spießrutenlauf gewesen.

120 Euro pro neu gedecktem Quadratmeter

betrug die Fördersumme bislang

– Brosamen, wenn man den Aufwand berechnet.

Aber um die Summe geht es Paul

gar nicht. „Eher um die mangelnde Kontinuität

bei den Förderungen.“ Will heißen:

Beiträge wurden mitunter gar nicht ausgezahlt,

weil nicht genügend Geld im Fördertopf

war. „Da fehlt es einfach an Verständnis“,

meint Paul. Da sei es kein Wunder,

dass immer mehr Eigentümer ihre Strohdächer

verfallen lassen.

Für ihn selber kommt das zwar nicht in

Frage – „mein Stadel wird unabhängig von

den Beiträgen sein Strohdach behalten“ –,

aber nicht jeder Eigentümer könne die Kosten

stemmen und die Zeit zur Verfügung

stellen. Paul gelingt das nur mit langen Tagund

Nachtschichten bei der Berufsfeuerwehr

Bozen. Es ist seine Haupteinnahmequelle,

die ihm zudem zeitlichen Freiraum

für die Arbeit am Hof schafft. Die ganze Familie

steht hinter ihrem Lebenswerk. Ihre

Zielstrebigkeit und die Freude am Gestalten

sind die wichtigste, aber hoffentlich

nicht einzige Zukunftsperspektive für den

Duregghof und seinen Stadel.

Edith Runer

KulturFenster

36 04/August 2021


Heimatpege

Ein Netzwerk schaffen

Netzwerkarbeit: Markus Thaler (Firma GamperDach), Josef Oberhofer (HPV), Architektinnen Margit Weiss und Heidrun Schroffenegger

(Amt für Bau- und Kunstdenkmäler), Ulrike Vent und Helga Pircher (Vöran)

Es ist fünf vor zwölf. Aber es ist nicht zu

spät. Für die wenigen noch erhaltenen

Strohdächer im Land könnte es eine sichere

Zukunft geben. Ein Projekt, das

vom Amt für Bau- und Kunstdenkmäler

angeregt wurde, könnte die Voraussetzungen

für den Weiterbestand des traditionellen

Kulturgutes schaffen. Angepeilt

wird ein Netzwerk, in dem sämtliche Interessensgruppen

zusammenarbeiten,

von den Eigentümern der Dächer über

die Anbieter von Material und Wissen

bis hin zu den Interessenverbänden und

den zuständigen Behörden.

Für das Amt für Bau- und Kunstdenkmäler

betreuen die Architektin Margit

Weiss als Gebietsverantwortliche für

das Wipp- und Eisacktal, Gröden und

Schlerngebiet und die Kusnthistorikerin

Heidrun Schroffenegger als Gebietsverantwortliche

für Meran, Burggrafenamt,

Tschögglberg, Ritten, Salten und Eggental

die sechs noch bestehenden Strohdächer

im Land, die unter Denkmalschutz stehen.

„Für diese Gebäude gibt es zwar ausreichend

fi nanzielle Förderungen“, sagt Architektin

Weiss, „die Materialbeschaffung

und das Decken der Dächer sind allerdings

große Herausforderungen.“ Bei den Eigentümern

jener Gebäude, die nicht unter

Denkmalschutz stehen, komme die ständige

Sorge um genügend Beiträge hinzu.

Was also tun, um den für einen Fortbestand

der Strohdächer erforderlichen Material-

und den Wissenskreislauf in Gang

zu setzen und auch die Finanzierung zu

sichern? Margit Weiss hat festgestellt, dass

es im Land sehr wohl landwirtschaftliche

und handwerkliche Ressourcen gibt, jedoch

keine zentrale Anlaufstelle, wo Angebot

und Nachfrage zusammenfließen und

wo Wissen auch weitergegeben wird. Da-

her brauche es ein Netzwerk aus Getreideanbauern,

Handwerkern, Eigentümern

und Interessenvertretern sowie

Verbänden und Behörden.

Ein solches Netzwerk soll nun aufgebaut

werden. Zu Sommerbeginn hat

es ein erstes Treffen im Volkskundemuseum

Dietenheim gegeben, zu dem

auch der Heimatpflegeverband eingeladen

war. Dabei wurde vereinbart, sich

zunächst einen Überblick über die bereits

vorhandenen Ressourcen zu verschaffen,

um in einem weiteren Schritt

notwendige Maßnahmen festzulegen.

„Das Projekt steht noch am Anfang“,

betont Margit Weiss. Es sei aber in jedem

Fall wichtig, auch für die nicht

denkmalgeschützten Strohdächer Lösungen

zu finden und diese in das Projekt

mit einzubeziehen.

Edith Runer

Aus der Redaktion

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Heimatpflegeseiten

senden Sie bitte an: florian@hpv.bz.it

Für etwaige Vorschläge und Fragen erreichen Sie uns unter

folgender Nummer: +39 0471 973 693 (Heimatpflegeverband)

Redaktionsschluss für

die nächste Ausgabe des

„KulturFensters“ ist

Freitag, 17. September 2021

KulturFenster

37 04/August 2021


gedeckt

Vöran startet Initiative

Letzte Strohstadel sollen erhalten bleiben –

Zusage für Landesförderungen

Blickfang und nur noch seltenes Kulturgut: der Spitzegghof mit dem Strohstadel.

Fotos: Dominik Kienzl

In Vöran gibt es noch vier Stadel, die mit

Stroh gedeckt sind. Diese einzigartigen

Kulturgüter Südtirols nicht nur zu erhalten,

sondern sie auch mit Leben zu füllen, ist

das Ziel einer Initiative, die 2020 gestartet

ist. Eine der Mitinitiator*innen ist die

ehemalige Gemeindereferentin Ulli Vent.

KulturFenster: Vöran hat eine Initiative zur

Rettung der noch wenigen Strohdächer gestartet.

Wie ist es dazu gekommen?

Ulli Vent: Das Vorhaben „Rettung der

Vöraner Strohdächer“ entstand aus einer

Notwendigkeit heraus. Einer der vier verbliebenen

Strohstadel in Vöran, jener am

Tötnmoar-Hof, sollte abgerissen werden.

Dagegen machte sich Widerstand breit,

und so entstand eine Initiative mit dem

Ziel, nach Lösungen zur Erhaltung eines

der schönsten Kulturgüter Vörans zu suchen.

Schließlich wurde der Abbruch des

Stadels zwar gutgeheißen, aber unter der

Voraussetzung, ihn im identischen Bestand,

also auch mit Strohdach, wieder

aufzubauen. Gleichzeitig soll nun – mit Unterstützung

der Gemeinde und von Dritten

– eine Arbeitsgruppe gebildet werden, die

sich konkret um Finanzierungsmöglichkeiten

kümmert, aber auch darum, den

Wirtschaftskreislauf zu schaffen, der zur

Erhaltung der Strohdächer notwendig ist.

Tatsache ist, dass der zunehmende Verfall

der Strohdächer mit den schwindenden

Beiträgen einhergegangen ist.

KF: Was beinhaltet dieser Wirtschaftskreislauf,

wie soll das Projekt ablaufen?

Vent: Es geht einerseits darum, Geld- und

Fördermittel für die Erhaltung der Vöraner

Strohstadel zu „sammeln“, andererseits

darum, Menschen für dieses Thema

zu sensibilisieren und zu motivieren, sich

einzubringen. Wenn sich vor allem junge

Leute wieder für den Anbau von Stroh

oder für das Erlernen des Strohdachdeckens

interessieren, wird es künftig einfacher

sein, Strohstadel zu erhalten. Heute

erhält man ja kaum noch das notwendige

Stroh für das Strohdach. Und das Decken

eines Strohdaches ist eine eigene Kunst.

KF: Welche Voraussetzungen braucht es,

um die Stadel mit Strohdächern nicht nur

als museale Objekte zu erhalten, sondern

ihnen auch Leben einzuhauchen?

Vent: Natürlich wird es darauf ankommen,

nicht nur genügend Förderungen

und Förderer zu finden, sondern auch


Uns wurde zugesagt, dass die Förderansuchen

wohl ab Jänner 2022

wieder möglich sein würden und

dass die Beiträge künftig über einen

eigenen Fonds im Landesdenk-


malamt ausgezahlt werden sollen.

Ulli Vent

KulturFenster

38 04/August 2021


Heimatpege

Die kostspielige und zeitaufwändige Erhaltung eines Strohdaches

bedarf finanzieller Unterstützung, aber auch Wertschätzung. Im

Bild der Sunnegg-Hof in der Gemeinde Vöran.

Der Tötnmoarhof in Vöran wird abgerissen, allerdings mit der Auflage,

ihn im identischen Bestand, also auch mit Strohdach, wieder

aufzubauen.

darauf, wie groß das Interesse der Vöraner

Bürger*innen selbst ist, sich an der

Arbeitsgruppe und am Projekt zu beteiligen.

Lebendige Strohstadel können nur

bestehen bleiben, wenn Eigentümer bzw.

Landwirte und Dritte – Strohanbauer, Strohdachdecker,

Förderer – zusammenarbeiten

und wenn die Gesellschaft den Wert

der Strohdächer wieder erkennt. Ansonsten

sieht es düster aus...

KF: Wie bewerten Sie die Einstellung der

Eigentümer der Strohdächer?

Vent: Ganz unterschiedlich. Während

manch einer den Strohstadel als wertvolles

Gut erkennt und zur Unterbringung von

kleinerem Vieh nutzt, da er daneben noch

ein modernes Wirtschaftsgebäude hat, fehlt

dieses beim anderen – das Strohdach hat

also keinen konkreten Zweck mehr. Beim

einen geht es vielleicht „nur“ um die Sorge,

genug Stroh und Geldmittel für den Jahresstreifen

aufzubringen, beim anderen

steht der Abbruch bevor, weil Holzkonstrukt

und Dach marode sind. Es muss

deshalb auch auf die individuelle Situation

geachtet werden. Oft sind die Eindeckung

und der Erhalt des Strohstadels

finanziell einfach nicht möglich. Und coronabedingt

wurden die ohnehin schon geringen

Landesförderungen ab 2021 komplett

gestoppt.

KF: Bei einem Treffen mit Landesrätin Maria

Hochgruber Kuenzer Ende Juni wurde

über mögliche Finanzierungen in der Zukunft

gesprochen. Mit welchem Ergebnis

ging das Treffen zu Ende?

Vent: Beim Treffen mit der Landesrätin haben

wir gemeinsam mit dem Heimatpflegeverband

die Dringlichkeit der Problematik

anhand von Zahlen und Daten belegen

können. Uns wurde zugesagt, dass die Förderansuchen

wohl ab Jänner 2022 wieder

möglich sein würden und dass die Beiträge

künftig über einen eigenen Fonds im Landesdenkmalamt

ausgezahlt werden sollen.

Deshalb nahm auch die Landeskonservatorin

Karin Dalla Torre am Treffen teil.

Das stimmt uns in Vöran nun positiv,

und wir hoffen, dass diesen Worten

auch Taten folgen. Es muss

einem reichen Land wie Südtirol

möglich sein, die wenigen noch

„aktiven“ Strohstadel im Land

zu erhalten und Fördermittel dafür

aufzubringen.

KF: Wie sehen die weiteren Schritte in

Vöran aus?

Vent: Über die Vöraner Dorfzeitung wird nun

ein weiterer Aufruf erfolgen, um die Menschen

für die Idee „Strohdach“ zu begeistern.

In enger Zusammenarbeit mit Gemeinde

und Eigentümern sollen dann die

nächsten Schritte geplant werden. Kurzfristig

gilt es vor allem, Fördermittel zu sammeln.

Gesetzt wird auch auf die Unterstützung

des Landes. Längerfristig soll dann

der Kreislauf, wie oben dargelegt, geschaffen

werden. Ein wichtiger Schritt wäre die

erneute Teilnahme der Gemeinde Vöran

am Leader-Projekt der kommenden Leader-Periode,

um noch konkretere Maßnahmen

planen und vor allem finanzieren zu

können. Zudem wird sich Vöran an der Initiative

des Landesdenkmalamtes (siehe eigenen

Bericht, Anm. d. Red.) beteiligen.

Interview: Edith Runer

Ulrike Vent treibt gemeinsam mit anderen

Mitstreiter*innen die Rettung

der letzten Strohstadel in Vöran voran.

Foto: Privat

KulturFenster

39 04/August 2021


gedeckt

Nur noch Museumsobjekte?

Strohdächer werden ausgestellt und dadurch erhalten, aber …

Einst abgetragene Strohdächer sind in verschiedenen

Museen wieder aufgebaut worden.

Das reicht aber nicht, um die Tradition

fortzuführen.

1968 wurde ein Strohstadel aus Vöran im

Österreichischen Freilichtmuseum in Stübing

bei Graz aufgebaut. In das Landesmuseum

für Volkskunde in Dietenheim

kam die 1984 abgetragene strohgedeckte

Stallscheune vom Spatauf-

Hof oberhalb von Sarnthein.

Der bereits Ende der 1970er-

Jahre translozierte Steildachstadel

vom Ursch-Hof in Mölten

fiel 1982 einem Brand

zum Opfer. Als dieser 1978

nach dem Aufbau im Museum

vollkommen neu eingedeckt

worden war, wurden

dafür auf einem Acker

in St. Lorenzen 150 Kilogramm

Lungauer Roggen

gesät. Das Tiroler Höfemuseum

in Kramsach verfügt

seit 1987 über den Reitererstadel

aus Hafling, der bereits

vor seiner Musealisierung im

Landschaftsplan des Tschögglberges

unter Schutz gestellt

war. In Kramsach steht er

neben dem Feuerhaus des

Tierstaller-Hofes aus Pfalzen,

zu dem ursprünglich auch

ein Wirtschaftsgebäude mit

Strohdach gehörte, das aber

nicht ins Museum übertragen

werden konnte. Als museal

genutztes Gebäude in situ,

das mit Stroh und Schindeln

gedeckt ist, sei noch das Bienenmuseum

am Plattnerhof

am Ritten erwähnt.

Die Schaubenstrohdächer

aus Südtirol unterscheiden

sich in ihrer Art des Eindeckens

von den Strohdächern

österreichischer Bundesländer.

Die Steildächer mit ihrer

großen Dachneigung und

Strohdeckung gelten daher

als interessante Beispiele der

lokalen Bautradition.

Bewahren, ausstellen,

erforschen

Dass verschiedene Gebäudeformen in

Freilichtmuseen Platz finden, entspricht

den Zielen dieses Museumstypus, der die

Bewahrung, Dokumentation, Erforschung

und Vermittlung des Bauens, Lebens und

Arbeitens umfasst. Mit dem Translozieren

Der Strohdachstadel aus Vöran im

österreichischen Freilichtmuseum in

Stübing

Foto: Klaus Seelos

Der Spatauf-Strohdachstadel im Südtiroler

Landesmuseum für Volkskunde in

Dietenheim Foto: Hermann Maria Gasser

originaler Bauten, die an ihrem ursprünglichen

Standort abbruchgefährdet waren,

konnten diese vor dem Verschwinden gerettet

und erforscht werden. Als Ausstellungsobjekte

bieten sie heute Einblicke

in die Wirtschafts-, Sozial- und Lebensgeschichte

der bäuerlichen Bevölkerung.

Neben dem wissenschaftlichen Sammeln

von Arbeitsgeräten und Werkzeug geht

es in der musealen Tätigkeit

auch um die Vermittlung

und Weitergabe alter

Handwerkstechniken.

Gebäude vor Ort

erhalten

Trotz aller Bemühungen,

stoßen auch Museen

an ihre Grenzen. Durch

das Translozieren werden

Gebäude aus ihrem

landwirtschaftlichen und

landschaftlichen Kontext

gerissen. Nur wenige große

Freilichtmuseen wie Ballenberg

in der Schweiz haben

die räumliche Möglichkeit,

die regionaltypischen

Gebäude auch in eine ihnen

entsprechende Umgebung,

in die Kulturlandschaft

nach historischem

Vorbild des Ursprungsortes

einzubetten. Daher ist es in

Südtirol wichtig – gerade

auch in Bezug auf die aktuelle

Diskussion um die Zukunft

von Raum und Landschaft

–, die letzten noch

verbliebenen Strohdächer,

die für ein Landschaftsgebiet

wie dem Tschögglberg

typisch und prägend waren,

an ihrem originalen

Standort zu erhalten. Wissend,

dass es dafür fachliche

Unterstützung, Vernetzung

und finanzielle

Förderung braucht.

Barbara M. Stocker

KulturFenster

40 04/August 2021


Heimatpege

Dinge des Alltags

aus Geschichte und

Gegenwart

Der Dreschbock

Der Dreschbock wurde früher verwendet, um die Garben auszuschlagen.

Foto: Südtiroler Landesmuseum für Volkskunde/Hermann Maria Gasser

Wenn von einem Bock die Rede ist, denken

einige wohl gleich an ein Jagderlebnis,

andere an das Bockspringen und wieder

andere vielleicht an den sprichwörtlich

größten Bock, den sie je in ihrem Leben

geschossen haben.

Doch als Böcke sind in unserem Wortschatz

auch Gestelle bekannt, die zum Unterstellen,

Abstellen oder Auflegen verwendet

werden. So verhindert der Fassbock

das Rollen eines Fasses, der Beschlagoder

Hufbock dient beim Beschlagen der

Pferde zum Auflegen der Hufe. Stellböcke

waren auch für Zummen oder Mistkörbe in

Gebrauch. Sie bestanden aus einem dreifüßigen

Holzgestell mit einem Abstellbrett.

Auch beim Verarbeiten des Strohs war

ein Holzgestell von Nutzen, das sich in

seiner Machart von den bisher genannten

unterschied: der Dreschbock. Er bestand

aus einem vierfüßigen Balkengestell

mit einem Gitter aus Holz, in seltenen

Fällen auch mit einem Eisenrost. Dieses

Gestell wurde verwendet, um die Garben

auszuschlagen.

Für die unterschiedlichen Böcke, die im

bäuerlichen Alltag zum Einsatz kamen,

gibt es unterschiedliche regionale Bezeichnungen.

So schreibt Matthias Ladurner-Parthanes,

dass das Gestell für

die Mistkörbe im Eisacktal „Steller“ und

im Burggrafenamt „Huenzl“ hieß. Der

Dreschbock wurde im Pustertal „Roggebock“

genannt, in Osttirol „Patsche“. Das

Ausschlagen nannte man auch „Plöschn“

(Schlagen), wie Hans Grießmair schreibt.

Man nahm dabei auch noch einen hölzernen

Knüppel zu Hilfe. Durch das Handmähen

und vorsichtige Ausschlagen auf

dem Roggenbock blieben die Garben

geschont und bildeten ein gutes Material

zum Decken der Strohdächer oder

auch zum Herstellen der Strohhüte und

Bienenkörbe.

Barbara M. Stocker

Literatur:

Hans Grießmair: Bewahrte Volkskultur.

Zweite, bearbeitete Auflage, Dietenheim 2013

Matthias Ladurner-Parthanes: Vom Perglwerk

zur Torggl, Bozen 1972

KulturFenster

41 04/August 2021


informiert & reektiert

„Nicht zur Tagesordnung

zurückkehren“

71. Vollversammlung des Heimatpflegeverbandes Südtirol in St. Ulrich

Für Natur- und

Klimaschutz

Sparte nicht mit Kritik am verantwortungslosen Umgang mit der Natur und der historischen

Bausubstanz: Obfrau Claudia Plaikner

Fotos: HPV

Corona abhaken und dann wieder zur Tagesordnung

zurückkehren – das darf es

nicht geben. Die Pandemie hat Schwachstellen

in unserem System aufgezeigt und

deutlich gemacht, dass wir als Gesellschaft

eine große Verantwortung tragen, betonte

Obfrau Claudia Plaikner auf der 71. Vollversammlung

des Heimatpflegeverbandes

Südtirol am 12. Juni in St. Ulrich.

Aus gutem Grund fand die 71. Vollversammlung

des Heimatpflegeverbandes

Südtirol – aufgrund der Coronapandemie

in reduziertem Rahmen – im Kulturhaus

„Luis Trenker“ in St. Ulrich statt. In Gröden

feiert der Naturschutz- und Heimatpflegeverein

Lia per Natura y Usanzes heuer sein

50-Jahr-Jubiläum (das „KulturFenster“ hat

berichtet) und lud deshalb nach der Versammlung

zum Festakt ein.

Zunächst aber galt es für den Heimatpflegeverband,

kritisch zurück und visionär nach

vorne zu blicken. Obfrau Claudia Plaikner

erinnerte in ihrer Rede an die Coronakrise,

in der sich die Heimatpfleger*innen in ihrer

Arbeit und in ihrem Wunsch nach mehr Zurückhaltung,

Rückbesinnung auf das Wesentliche,

das Beständige und Wertvolle oft

bestätigt gefühlt hätten. Nun, da Corona in

den Hintergrund zu treten scheint, dürfe

man diese Haltung nicht über Bord werfen:

„Jeder von uns wird seinen Umgang

mit Natur- und menschlichen Ressourcen

hinterfragen müssen, wenn wir den

Bestand unserer kleinen und großen Heimat

auch für die Zukunft sichern wollen.“

Ein Negativbeispiel für den Umgang mit

der Natur ist die problematische Inszenierung

der alpinen Landschaft, die im vergangenen

Sommer u. a. mit der Errichtung

einer Aussichtsplattform auf der Grawand

im hinteren Schnalstal sowie mit der Eröffnung

eines sogenannten Fun-Klettersteiges

im Zieltal im Naturpark Texelgruppe zweifelhafte

Höhepunkte erlebt hatte. Ganz aktuell

ist es die geplante Neuauflage des

Glasturmes am Rosengarten, die nicht unkommentiert

bleiben darf. „Halten wir die

Berge frei von künstlich geschaffenen Beigaben“,

mahnte Claudia Plaikner bei der

Versammlung. „Erkennen wir die Grenzen

unserer persönlichen Möglichkeiten

der Annäherung oder Begehung an und

erfreuen wir uns an dem von der Natur

Gegebenen.“ Sensibilisierung für die Erhaltung

wertvoller Naturräume und der

Biodiversität geht auch über Umweltausgleichsmaßnahmen.

Dazu führte der HPV

gemeinsam mit dem Dachverband für Natur-

und Umweltschutz und dem AVS eine

Online-Veranstaltungsreihe durch. In diesem

Zusammenhang nannte die Obfrau

auch die Klimakrise, die alle vor die Alternative

stellen wird: „Entweder umstellen

oder untergehen.“ Dennoch gebe es

in Südtirol Unternehmer, die dieser Herausforderung

zum Trotz auf Flugverkehr

und dabei sogar kürzere Strecken wie Bozen–Parma

setzen würden.

Für die Erhaltung

historischer Bausubstanz

Der Rückblick des Heimatpflegeverbandes

führte unweigerlich auch zum neuen Gesetz

für Raum und Landschaft, das wegen

nachträglicher Änderungen zu verwässern

droht und daher einer kritischen Begleitung

bedarf. Auch erfolgten im Jahr 2020

einige massive Eingriffe in die wertvolle historische

Bausubstanz des Landes. Meh-

KulturFenster

42 04/August 2021



Halten wir die Berge frei von künstlich

geschaffenen


Beigaben!

Claudia Plaikner

rere denkmal- bzw. ensemblegeschützte

Gebäude wurden dem Erdboden gleichgemacht

oder sind stark bedroht, was den

Heimatpflegeverband dazu veranlasste,

gemeinsam mit dem Landesdenkmalamt

einen Weckruf an Politik, Gemeinden,

Bauherren und Gesellschaft zu richten.

Der Tenor: Wenn die einzigartige Baukultur

der Südtiroler Täler und Landschaften

verschwindet, verschwinden auch die Authentizität

und ein wesentlicher Teil der Attraktivität

Südtirols. Als Reaktion auf einige

Gebäudeabrisse erklärte der Heimatpflegeverband

das Jahr 2021 zum Themenjahr

„Baukultur“.

Nicht mehr auf der Agenda des Heimatpflegeverbandes

steht seit Jänner 2021

die Abwicklung der Beitragsvergabe für

die Erhaltung der Kleindenkmäler. Dieser

Aufgabenbereich wurde an das Land abgegeben.

Der Verband werde sich aber,

wie Obfrau Claudia Plaikner betonte, weiterhin

im Rahmen seiner Möglichkeiten

für die vielen kleinen handwerklichen

und bautechnischen Besonderheiten einer

vorwiegend bäuerlichen Umgebung

einsetzen.

30 Jahre Einsatz für den

Heimatpegeverband

Landesobfrau Claudia Plaikner nutzte die

Gelegenheit, um Verbandsgeschäftsführer

Josef Oberhofer – er ging kurze Zeit später

in den Ruhestand – zu danken. Er sei

stets „mit Leidenschaft für die Heimat gepaart

mit Intelligenz, Hausverstand und Organisationstalent“

bei der Sache gewesen

und habe sich durch Loyalität und engagierte

Arbeit ausgezeichnet.

50 Jahre Lia per

Natura y Usanzes

Der Vollversammlung des Heimatpflegeverbandes

folgte der Festakt „50 Jahre Lia per

Natura y Usanzas“ – coronabedingt mit begrenzter

Gästezahl. Drei Wünsche für die

Zukunft äußerte Obmann Engelbert Mauroner

in seiner Einleitung: erstens mehr

Aufmerksamkeit für die Jugend, zweitens

eine ruhigere Lebensart, die nicht auf ständiges

Wachstum ausgerichtet ist, und drittens

die Unterschutzstellung des Langkofels

und der Cunfinböden.

Höhepunkte der Festveranstaltung waren

u. a. die Vorstellung der Festschrift „50

Jahre Einsatz für Natur und Tradition –

50 Jahre Lia per Natura y Usanzes“ und

ein Film als Rückblick auf ein halbes Jahrhundert

Einsatz für die Erhaltung der Natur-

und Kulturlandschaft, für den Schutz

von Luft, Gewässern und Böden, für Flora

und Fauna. Engelbert Mauroner begrüßte

unter den Gästen Klauspeter Dissinger,


Jeder von uns wird seinen Umgang

mit Natur- und menschlichen Ressourcen

hinterfragen müssen, wenn

wir den Bestand unserer kleinen


und großen Heimat auch für die

Zukunft sichern wollen

Engelbert Mauroner

den Vorsitzenden des Dachverbandes für

Natur- und Umweltschutz, sowie Claudia

Plaikner, Obfrau des Heimatpflegeverbandes,

die Grußworte sprachen. Aufgelockert

wurde der Festakt durch Klaviermusik,

eine Trachtenvorführung und einen

Auftritt der Volkstanzgruppe St. Ulrich.

Heimatpflegeverband Südtirol

Arbeitsgemeinschaften

Lebendige Tracht und

MundART

Einsetzen werde man sich auch weiterhin

für die Erhaltung von Traditionen und Riten,

so Obfrau Claudia Plaikner. Sie seien

beredte Zeugen einer territorial klar defi

nierten Kulturgeschichte. Gepflegt werden

sie u. a. von der Arbeitsgemeinschaft

Lebendige Tracht, die im Heimatpflegeverband

angesiedelt ist und die 2020 die

Broschüre „Fesch in Tracht – Tipps zum

Tragen und Pflegen der Tracht“ herausgegeben

hat. Auch die Arbeitsgemeinschaft

MundART im Heimatpflegeverband leistet

einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung von

Dialekt und Sprache und unterstreicht den

Wert der Flur-und Ortsnamen durch Dokumentation

und Information.

Engelbert Mauroner, Obmann der „Lia per Natura y Usanzas“, die ihr 50-jähriges Bestehen

feierte, nannte drei Wünsche für die Zukunft.

KulturFenster

43 04/August 2021


informiert & reektiert

„Mehr agieren statt

reagieren“

Florian Trojer, der neue Geschäftsführer

des Heimatpflegeverbandes Südtirol, im Interview

Große Statur, ebenso großes Engagement,

freundliches Wesen und sympathischer

Sarner Dialekt – das ist Florian Trojer im

kurzen Steckbrief. Das „KulturFenster“ will

noch etwas mehr über den neuen HPV-Geschäftsführer

wissen.

KulturFenster: Sie arbeiten seit rund zwei

Jahren beim Heimatpflegeverband Südtirol.

Für alle, die Sie noch nicht kennen:

Wer ist der neue Geschäftsführer?

Florian Trojer: Ich bin 46 Jahre alt, bin in

Bundschen im Sarntal aufgewachsen, habe

in Innsbruck Geschichte studiert und danach

mehrere Jahre lang in Form von Projektverträgen

beim Südtiroler Landesarchiv

sowie beim Alpenverein Südtirol gearbeitet.

Anschließend war ich zehn Jahre lang

beim AVS angestellt und habe 2019 die

Stelle als Assistent des Geschäftsführers

beim Heimatpflegeverband Südtirol angetreten.

Ich bin verheiratet, habe zwei Söhne

und wohne mit meiner Familie in Tramin.

KF: Als Nachfolger von Josef Oberhofer

treten Sie in große Fußstapfen. Was motiviert

Sie an der neuen Aufgabe?

Trojer: Es stimmt, Josef Oberhofer hat den

Verband aufgebaut und geprägt. Aber gerade

diese Fußstapfen sind auch Motivation

für mich. Außerdem trage ich die Ziele und

Grundsätze des Heimatpflegeverbandes zu

100 Prozent mit – ob es um den Schutz

der Landschaft und des Klimas, um eine

qualitätsvolle Baukultur und den Erhalt von

Kleindenkmälern, um die gelebte Tradition,

etwa auch durch Tracht und Mundart, oder

um nachhaltiges Wirtschaften und umweltbewusste

Mobilität geht. Diese Überzeugung

macht es mir leicht, mich auch

zu 100 Prozent für die Anliegen des Verbandes

einzusetzen.

KF: Es ist ein breitgefächertes Repertoire,

in dem Sie sich bewegen müssen.

Trojer: Natürlich bin ich nicht in allen Themen

Experte, aber dafür gibt es ja draußen

in den Orten viele fähige Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter mit Visionen und

Engagement. Auf sie kann und möchte

ich zählen.

Obfrau Claudia Plaikner verabschiedet Josef Oberhofer (l.) in den Ruhestand und freut sich auf die Zusammenarbeit mit dem neuen

Geschäftsführer Florian Trojer.

KulturFenster

44 04/August 2021


Heimatpege


Unsere kleinen Paradiese und

Wunder brauchen Unterstützer und

Verteidiger, eben eine Lobby, damit

sie erhalten bleiben und fortgesetzt


werden können.

Florian Trojer

KF: Welche wird die größte Herausforderung

der nächsten Jahre sein?

Trojer: Der Verband hat zwei Grundaufgaben.

Zum einen sensibilisiert er die Menschen

für seine Themen – also er agiert,

um Missständen und Fehlentwicklungen

vorzubeugen. Zum anderen spielt er gewissermaßen

Feuerwehr. Er reagiert also,

wenn es irgendwo „brennt“, wenn Landschaft,

Baukultur oder gelebtes Brauchtum

in Gefahr sind. Oft nimmt man den

Verband leider erst wahr, sobald er lautstark

reagiert – und dann ist es manchmal

schon zu spät. Deshalb besteht die große

Herausforderung der Zukunft darin, den

Hebel mehr in Richtung Sensibilisierung –

also „Agieren“ – zu schieben. Damit sollte

es in der Folge weniger oft notwendig sein,

nur noch zu reagieren.

KF: Gibt es neue, vielleicht noch zu wenig bearbeitete

Themen, die Sie angehen möchten?

Trojer: Der Verband wird oft als rückwärts

schauend und an etwas festhaltend dargestellt.

Ich habe in den vergangenen zwei

Jahren meiner Arbeit das genaue Gegenteil

festgestellt. Es ist gerade der Heimatpflegeverband,

der sich bereits seit Jahrzehnten

für Themen stark macht, die uns aktuell und

in Zukunft immer mehr beschäftigen werden.

Denken wir an die Biodiversität durch

einen respektvollen Umgang mit der Landschaft

oder an den Klimaschutz durch angemessenes

Bauen und weniger Verkehr.

Insofern werde ich dort weitermachen, wo

mein Vorgänger aufgehört hat.

KF: Welches Thema liegt Ihnen persönlich

besonders am Herzen liegt?

Trojer: In unserer Image-Broschüre „Dafür

machen wir uns stark“ heißt es unter anderem

„… für die vielen kleinen Paradiese

und Wunder“. Eben diese unscheinbaren

Schätze liegen mir besonders am Herzen.

Denn im Unterschied zu reinen Naturschutzverbänden

setzt sich der Heimatpflegeverband

nicht nur für die Natur ein,

sondern ist gewissermaßen der Anwalt der

kleinen Paradiese. Das sind besondere Orte

– es kann zum Beispiel auch nur ein Hügel

oder die Kombination aus einem Baum

und einem Weg oder ein besonderes Ensemble

in einem Ort sein. Wahrscheinlich

kennt jeder in seinem Dorf oder in seiner

Umgebung einen solchen Platz. Diese Orte

versprühen eine besondere Faszination,

und sie machen zu einem wichtigen Teil

die sehr gute Lebensqualität hier in Südtirol

aus. Diese Paradiese und Wunder müssen

aber nicht unbedingt reale Orte sein,

sie können auch immaterieller Natur sein.

Ich denke da an spezielle Traditionen und

Handfertigkeiten wie das Scheibenschlagen

im Vinschgau oder das Federkielsticken

im Sarntal, um nur zwei zu nennen.

Denn es gibt überall solche Besonderheiten.

Sie brauchen Unterstützer und Verteidiger,

eben eine Lobby, damit sie erhalten bleiben

und fortgesetzt werden können.

Persönlich liegt mir auch das Thema Verkehr

am Herzen. Es muss in Zukunft durch

entsprechende Gestaltung von Dörfern und

Städten gelingen, den Fußgängern und Radfahrern

jenen Platz einzuräumen, der ihnen

als umweltfreundlichste Verkehrsteilnehmer

gebührt.

Interview: Edith Runer

KulturFenster

45 04/August 2021


informiert & reektiert

Umweltausgleichsmaßnahmen

Notwendiges Übel oder Chance?

Alpenverein Südtirol (AVS), Dachverband für

Natur- und Umweltschutz und Heimatpflegeverband

Südtirol (HPV) haben ein großes Interesse

daran, dass Umweltausgleichsmaßnahmen

aus ökologischer Sicht so sinnvoll

und effizient wie möglich umgesetzt werden.

Während der ökologische Ausgleich

für die drei Organisationen ein selbstverständlicher

Baustein des Natur- und Landschaftsschutzes

in Südtirol ist, wird er in

der Praxis oft als lästige Pflicht gesehen.

Streng genommen ist kein Eingriff in ein

Ökosystem korrigierbar. Ausgleichsmaßnahmen

können die ökologischen Beeinträchtigungen

durch einen Baueingriff nie

wettmachen. Besser ist es immer, ökologische

Beeinträchtigungen zu vermeiden

oder die negativen Auswirkungen eines Projektes

zu verringern bzw. Projekte zu optimieren.

Trotzdem sind Eingriffe in die Natur

für unser Leben und Wirtschaften manchmal

notwendig. Hierfür hat auch in Südtirol

der Gesetzgeber vorgeschrieben, dass unvermeidbare

Eingriffe in Natur und Landschaft

nach Möglichkeit auszugleichen sind.

Leider ist der rechtliche Rahmen vielfach

unklar, die Unsicherheit bei Ämtern, Gemeinden,

Planern und Umweltverbänden

oft groß. Zudem muss die ökologische Sinnhaftigkeit

bestimmter Maßnahmen wie den

x-ten neu angelegten Weiher in Frage ge-

stellt werden. Deshalb organisierten AVS,

Dachverband und Heimatpflegeverband

im April und Mai 2021 eine Online-Vortragsreihe.

Ausgehend von der Ist-Situation

in Südtirol (Kurzbericht erstellt von

Kathrin Kofler, ARGE Natura) haben Referenten

verschiedene Ansätze zu den Umweltausgleichmaßnahmen

aus unseren

Nachbarländern Schweiz, Österreich und

Deutschland vorgestellt. Die Vortragsreihe

wurde von jeweils 30 bis 100 Teilnehmern

an drei Abenden verfolgt.

Ist-Situation in Südtirol

Während in unseren Nachbarländern zwischen

Ausgleichsmaßnahmen, Ersatzmaßnahmen

und Ausgleichzahlungen unterschieden

wird (Kompensationsmaßnahmen

umfassen sowohl Ausgleichs- als auch Ersatzmaßnahmen),

werde diese in Südtirol

als „Ausgleichsmaßnahmen“ zusammengefasst.

Sie werden in den unterschiedlichen

Landesgesetzen und -leitlinien behandelt.

Allerdings sind die Interpretations- und

Umsetzungsspielräume oft groß. Um eine

möglichst transparente und vergleichbare

Vorgehensweise bei der Festlegung der Art

und des Umfangs von Kompensationsmaßnahmen

sicherzustellen, wären folgende

Rahmenbedingungen hilfreich:








Biotopwertliste und Rote Liste der Lebensräume

Südtirols als Bewertungsgrundlage,

Richtlinien mit einheitlichen Bewertungsstandards

und -methoden für

alle Arbeitsschritte (Bewertung Ist-Zustand,

Bilanzierung, Kompensation),

Definition von Entwicklungs- und Erhaltungszielen

für Lebensräume und

Arten,

Entwicklung von Standards im Verfahren,

Verpflichtung einer ökologischen Baubegleitung,

Umsetzungs- und Erfolgskontrolle der

Maßnahmen,

fl exiblere Instrumente wie Flächenpool

oder Ökokonto.

Chance für neue

Landschaftskultur

Ersatzmaßnahmen beruhen idealerweise

auf Zielbildern der Gesellschaft oder auf

einer Landschaftsstrategie. Sie beziehen

Behörden, Bauherren, NGOs und die Bevölkerung

mit ein. Nur so wird die langfristige

Erhaltung garantiert. Ersatzmaßnahmen

erbringen dann auch einen Mehrwert

für die Bevölkerung und sind somit Chance

für eine neue Landschaftskultur.

Eingriff und Ausgleich sollten sich die Waage halten.

Screenshot: REVITAL Integrale Naturraumplanung GmbH

Eingriff


Kompensationsbedarf

Ausgleich


Kompensationswert

KulturFenster

46 04/August 2021


Heimatpege

Eingriff = Ausgleich

Voraussetzung ist, dass ein Eingriff per se

rechtlich bewilligungsfähig ist. Eine Bewilligung

darf nicht aufgrund der Ausgleichsmaßnahmen

erteilt werden. Eingriff und

Ausgleich sollten sich die Waage halten.

Kompensationsflächen sollten keine Maßnahmen

umfassen, die sowieso verpflichtend

sind wie zum Beispiel die Pflege von

Wiesen. Vorrangig sollten Flächen mit einem

hohem Aufwertungspotenzial herangezogen

werden. Idealerweise sollte eine Flächenbereitstellung

auf Betriebsdauer bestehen,

sprich solange bestehen bleiben,

wie auch der Eingriff besteht.

Um zu berechnen, wie groß der Kompensationsbedarf

für einen Eingriff ist, gibt es

unterschiedliche Verfahren: Verbal argumentativ,

Biotopwertverfahren (Fläche),

Kompensationsverfahren (Punkte), Herstellungskostenansatz

(Euro). In Deutschland,

Österreich und der Schweiz ist ein

Trend zur Anwendung von Berechnungsmodellen

erkennbar. Mit diesem Hilfsmittel

wird versucht, Eingriffe in Natur und

Landschaft transparent zu bewerten und

mit Ausgleichsmaßnahmen vergleichbar

zu machen. Biotopwertverfahren eignen

sich für Lebensräume und Biotope,

weil dafür die Berechnung über die Fläche

sehr gut gemacht werden kann. Die

schönsten Modelle nützen jedoch nichts,

wenn die Umsetzung nicht funktioniert. Zudem

sind Kontrolle und ein Monitoring der

Ausgleichsflächen unabdingbar. Mit einem

Kompensationsflächenkataster könnte eine

Verortung und Dokumentation der Maßnahmen

in einer GIS-Datenbank erfolgen.

Vorrat anlegen

Bauarbeiten für die neue Talabfahrt in Schnals

In Deutschland existieren mit Ökokonten

und Flächenpools fl exible Lösungen

bei der rechtlichen Umsetzung von Ausgleichsmaßnahmen.

Flächenpools bevorraten

potentielle Ausgleichsflächen, wo

die Grundverfügbarkeit geklärt ist, jedoch

noch keine Maßnahmen umgesetzt sind.

Im Unterschied dazu sind beim Öko-Konto

die Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen bereits

umgesetzt und rechtlich gesichert. Sie

werden dann einem späteren Eingriff zugeordnet

und nach Zustimmung der Naturschutzbehörde

ins Kompensationsverzeichnis

(öffentlich einsehbar) eingebucht.

Jeder kann Ökokontoflächen zur Verfügung

stellen, vorausgesetzt, die Flächen

sind aufwertungsfähig. Der Wert eines Ökokontos

wird in „Ökopunkten“ dargestellt

(Biotopwertverfahren). Ökokonten sind in

einer eigenen Ökokontoverordnung geregelt.

Allerdings kann nach dem Verhältnismäßigkeitsgrundsatz

bei privaten Verursachern

keine Kompensation bis in alle

Ewigkeit stattfinden, sondern es wird eine

aktive Pflege von 25 Jahren gefordert. Da

die Flächen dauerhaft zur Verfügung stehen

müssen und dinglich gesichert werden

(Eintrag ins Grundbuch), fallen die Flächen

danach aber nicht in den rechtsfreien

Raum. Es gilt: Die Aufwertung muss dauerhaft

sein und es darf nichts getan werden,

um dies aktiv abzuwerten. Das Ökokonto

hat den Vorteil, dass Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen

gebündelt auf größeren

zusammenhängenden Flächen vorgenommen

werden können und dadurch ein optimierter

ökologischer Mehrwert erzeugt

wird. Ökokonten ermöglichen eine langfristige

Entwicklung der Natur, die nicht

erst mit dem Zeitpunkt der Eingriffs- und

Ersatzmaßnahme beginnt, sondern schon

lange vorher eingesetzt hat. Zudem führen

sie zu einer Verfahrensbeschleunigung

und Planungssicherheit für Projektwerber.

Nachteil ist, dass der direkte Zusammenhang

zwischen Eingriff und Ausgleich aufgelöst

wird. Ohne Kontrolle ist aber auch

bei Ökokontomaßnahmen die naturschutzfachliche

Qualität nicht per se gegeben.

Foto: AVS

Landschaftspegeverbände

und Flächenagenturen

In Deutschland, speziell in Bayern, treten

gemeinnützige Landschaftspflegeverbände

als Akteure des kooperativen Naturschutzes

auf, indem sie sich für die Erhaltung

und Pflege besonderer Biotope in Zusammenarbeit

mit der lokalen Landwirtschaft

engagieren. Gemeinsam mit privatrechtlich

organisierten Flächenagenturen, die

speziell für die fachliche und wirtschaftliche

Seite eine wichtige Ergänzung sind,

übernehmen Landschaftspflegeverbände

im Zuge von Vorhaben mit großen Naturschutzverpflichtungen

(Netzbetreiber,

Deutsche Bahn, Verkehrsbehörden) auch

die Umsetzung von Ökokontomaßnahmen

und die langfristige Betreuung der Flächen

und Maßnahmen.

Aus Sicht der Landschaftspflegeverbände

und Flächenagenturen müsste die Meldepflicht

der Kompensationsmaßnahmen

konsequent umgesetzt und die Flächen

und Maßnahmen in einer GIS-Datenbank

veröffentlicht werden. Auch eine konsequente

Kontroll- und Berichtspflicht mit

langfristiger Betreuung und eine stärkere

Unterstützung von Vorhabenträgern und

Gemeinden wären wünschenswert.

Anna Pichler

AVS-Referat für Natur und Umwelt

KulturFenster

47 04/August 2021


informiert & reektiert

Keine Angst vor Beteiligung

Warum Bürger*innen bei der Gestaltung

von Lebensräumen mitreden sollten

zu aktivieren: Dort können sie an Entscheidungen

und Entwicklungen in ihrem unmittelbaren

Umfeld mitwirken.

Auf den Punkt gebracht lassen sich zehn gute

Gründe für Bürgerbeteiligung formulieren:

Beteiligungsprozesse müssen gut geplant und professionell durchgeführt werden.

Es gibt ganz konkrete Gründe, warum die

Beteiligung der Bürger*innen bei der Planung

von Gebäuden und bei der Gestaltung

von Lebensräumen wichtig ist. Klar formuliert

hat sie der Wiener Architekt Roland

Gruber bei einem Vortrag im Rahmen der

Reihe „Baukultur für alle?!“ der Architekturstiftung

Südtirol in Zusammenarbeit mit

dem Heimatpflegeverband Südtirol. In folgendem

Bericht fassen er und sein Kollege,

der Landschaftsarchitekt Florian Kluge, die

wichtigsten Punkte zusammen.

Kommunen investieren jedes Jahr viele Milliarden

in räumliche Konzepte, Planungen

und neue Gebäude, sie gehören damit zu

den größten Bauherren im Land und gestalten

wesentlich den Lebensraum der

Menschen. Gefragt sind Projekte, die mit


Bürger*innen kennen ihr Quartier

oder ihren Ort am besten und

haben vielfach zukunftsweisende

Ideen, die eine Basis für nachhaltige

Lösungen und breite Akzeptanz


vor Ort sind.

Roland Gruber

dem Budget einen maximalen Effekt für

die Gemeinschaft erzielen. Dabei kommt

nahezu kein kommunales Entwicklungskonzept,

kein städtebaulicher Entwicklungsprozess,

kein öffentliches Bauprojekt

– und immer öfter auch Projekte von privaten

Errichtern – mehr ohne die Einbindung

der Betroffenen aus. Einerseits mit

dem Ziel, die Bedürfnisse der verschiedenen

Akteure kennenzulernen und Akzeptanz

für neue Lösungen zu schaffen.

Andererseits soll mit Blick auf die qualitätsvolle

Gestaltung unserer Dörfer, Städte

und Quartiere das volle Potential und die

positive Energie der Bürger*innen entfaltet

und genutzt werden.

Warum Bürgerbeteiligung?

Eine Beteiligung der Bürgerschaft gerade

bei komplexen räumlichen Fragestellungen

und Bauaufgaben ist heute notwendiger

denn je. Prozesshaftes Arbeiten mit

Bürger*innen führt vielfach zu besseren

Lösungsansätzen. Bürger*innen kennen

ihr Quartier oder ihren Ort am besten und

haben vielfach zukunftsweisende Ideen, die

eine Basis für nachhaltige Lösungen und

breite Akzeptanz vor Ort sind. Im Zeitalter

der Politikverdrossenheit sind Bauaufgaben

ein geeigneter Weg, die Bürgerschaft

1. Mehr Akzeptanz durch Transparenz:

Wenn Zukunftsvorstellungen und Projekte

klar und transparent kommuniziert

und gemeinsam erarbeitet werden,

wenn rechtzeitig Raum für Bedenken

und Ideen gegeben wird, dann werden

sie von einer breiten Mehrheit getragen.

Es gibt weniger Verzögerungen

und weniger Gegenwind.

2. Mehr Vielfalt durch mehr Ideen: Mehr

Menschen haben mehr Ideen und

machen Lösungen bunter und vielfältiger.

Das Einbringen von vielen Köpfen,

mannigfaltigen Kompetenzen und

Sichtweisen macht Ergebnisse vielfältiger,

passgenauer und besser.

3. Mehr Zufriedenheit durch Umsetzung:

Sind mehr Menschen aktiv, können

mehr Dinge angepackt werden. Es muss

weniger „auf die lange Bank“ geschoben

werden. Das führt zu mehr Zufriedenheit

in der Bevölkerung.

4. Mehr Identifikation durch Verbundenheit:

Menschen gestalten ihren Lebensort

mit, beschäftigen sich mit ihrem

Dorf, ihrer Stadt, ihrer Schule. Das Verständnis

für Zusammenhänge und Zusammengehörigkeit

wächst. Identifikation

und Verbundenheit steigen. Wer

seinen Ort liebt, setzt sich für ihn ein.

5. Mehr Gemeinschaft durch Offenheit:

Gemeinsam an einer Fragestellung

zu arbeiten, verbindet die Menschen:

unterschiedliche Ansichten offen aussprechen,

Lösungen entwickeln und um

Konsens ringen. Menschen lernen einander

kennen und respektieren, und

das Miteinander bekommt eine andere

Qualität. Hetze und Ausgrenzung verlieren

an Nährboden.

6. Keine Chance dem Geschimpfe: Beteiligung

ist Konfliktprävention. Sie bietet

eine Plattform zum Mitreden. Der Kritik

KulturFenster

48 04/August 2021


Heimatpege

Bürgerbeteiligung ist ein längerer, aber fruchtbarer Prozess.

bezüglich zu wenig Informationsfluss

und Mitsprachemöglichkeiten kann ein

Riegel vorgeschoben werden. Und: Einmal

eingeübte Prozesse fördern Transparenz

und bessere Kommunikation

auch nach dem Beteiligungsprozess.

7. Mehr Motivation durch Verantwortung:

Die Botschaft „Wir brauchen dich“

motiviert Menschen zum Mittun. Wo

informiert und eingebunden wird, wo

Ideen und Kompetenzen gefragt sind,

entsteht Energie und es bewegt sich etwas.

Die Bereitschaft, sich einzubringen,

wächst.

8. Entlastung von Verwaltung und Politik:

Mehr Menschen bringen Arbeitskraft,

Zeit und Energie mit. Die Arbeit wird

auf mehrere Schultern verteilt, Aufgaben

können verteilt und Kosten eingespart

werden.

9. Mehr Verständnis für das Gemeindewohl:

Ist Beteiligung gut gemacht, ermöglicht

sie Perspektivwechsel und weckt Verständnis

für unterschiedliche Sichtweisen

und Prioritäten. Wissen über die

notwendige Abwägung von Interessen

und größere Zusammenhänge ermöglichte

mehr Verständnis für Prozesse

und Entscheidungen in der Kommune.

10. Bedarfsgerechtere Politik: Anhören

und Beteiligen ermöglicht mehr Wissen

über die Themen und Fragen, die

die Menschen bewegen. Politische Entscheidungsträger

und Verwaltung können

bedarfsgerechter entscheiden und

handeln.

Wie Beteiligung gelingt

Oftmals ist bei Städten und Gemeinden

eine gewisse Angst vor Beteiligungsprozessen

zu spüren – vielfach entstanden

durch negative Erfahrungen: Bürgerbeteiligung

sei langwierig und teuer, der Einbindungsprozess

ziehe sich wie Kaugummi

und die Ergebnisse sind bescheiden, es

kämen immer die Gleichen zu Wort und

verträten nur ihre eigenen Anliegen – so

die Erfahrungen und Vorbehalte, die es

ernst zu nehmen gilt.

Doch: Nur ein Miteinander von Politik,

Verwaltung, Bürgerschaft, Unternehmen,

Vereinen, Verbänden, Initiativen und Investoren

ist Garant für Zukunftsfähigkeit.

Gelungene Beteiligung kann der Motor für

gesellschaftlichen Zusammenhalt sein,

wenn die Einbindung der Bürger*innen

ernst gemeint, gut durchdacht und richtig

gemacht ist. Sie braucht neben ausreichend

Zeit, Raum und finanziellen Mitteln

vor allem Haltung, Engagement und Offenheit.

Der richtige Zeitpunkt einer Beteiligung

ist genauso wichtig wie eindeutige

Regeln und Rollen, Transparenz bei

Gestaltungsmöglichkeiten und Entscheidungskompetenzen.

Es braucht Klarheit

in Sache, Zweck und Ziel. Pfiffige Methoden

müssen alle Interessierten einbinden

und Raum auch für Randgruppen, Konfliktthemen

und Wut bieten. All das sollte

mit genügend Witz und Humor gewürzt

sein, motivieren und Spaß machen.

Im Wesentlichen sind es sieben Bausteine,

die Beteiligung gelingen lassen:

1. Die Aufgabe schärfen: Es braucht von

Beginn an Klarheit über Zielgruppen

und Akteure, über Aufgaben und Fragestellungen,

über Zuständigkeiten,

Abläufe und Regeln.

2. Auf die Haltung kommt es an: Ernsthaftigkeit,

Wertschätzung und echtes

Interesse am gemeinsamen Ergebnis.

Die Werte und Sichtweisen der anderen

sind genauso berechtigt wie die Eigenen,

gegenseitiges Zuhören gehört

zum 1x1 der Beteiligung. Der Weg ist

Teil des Ziels und fördert Verständnis

und Vertrauen.

3. Um Emotionen und Beziehungen kümmern:

Mit Begeisterung ans Werk, statt

mit Angst. Eine Atmosphäre für ein positives

Miteinander schaffen, das löst

viele Konfrontationen von Beginn an.

Konflikte als Chance begreifen, Mut

beim Umgang mit Wut, Verzicht und

Scheitern. Konsens herstellen ist eine

Leistung – feiern wir die Ergebnisse!

4. Die Zeit im Blick haben: Zeit und Geduld

investieren. Den richtigen, möglichst

frühen Zeitpunkt finden. Schlüssige

und transparente Zeitabläufe

festlegen. Kurze, kompakte Formate

finden und unterschiedlich zeitintensive

Formen anbieten.

5. Die richtigen Formate benutzen: Weg

von der Turnhallenschlacht, vom „Wir

da vorne, ihr da unten“. Dorthin gehen,

wo die Menschen sind. Neue

Räume nutzen, spannende Methoden,

die auch Spaß machen dürfen.

Zeichnen und bauen, essen und trinken

und dabei gemeinsam in die Aufgabe

eintauchen.

6. Informiertheit sicherstellen: Ein einheitlicher

Informationsstand ist Basis

für den konstruktiven Diskurs. Sonst

beruht das Ergebnis mehr auf Zufall

und Partikularinteressen als auf einem

ernsthaften Aushandlungsprozess. Alle

Perspektiven und Bedürfnisse, Inhalte

und Hintergründe müssen offen und

gut verständlich auf den Tisch.

7. Die richtige Sprache sprechen: Es

braucht Profis, die die Werkzeuge kennen,

Beteiligungsprozesse strategisch

planen und professionell aufziehen –

wie das Bauprojekt selbst. „Keep it simple“,

aber professionell: Den Prozess

gut erklären und auffällig und lautstark

vermarkten.

Roland Gruber & Florian Kluge

nonconform architektur

KulturFenster

49 04/August 2021


informiert & reektiert

Raut, Grait, Ried, Rungg und Nofen

Serie: Flurnamen aus der Agrargeschichte (3) – Rodungsnamen (1. Teil)

Ansitz Kreit in Eppan

Franziszeische Katastermappe 1858

Die Dorfer Ried bei Algund Foto: Johannes Ortner

Völser Ried oder Sportzone Rungg – das

sind geläufige Begriffe. Bei Ried und Rungg

handelt es sich um Rodungsnamen. Sie bilden

einen auffälligen Teil im Spektrum der

Flurnamen.

Um eine immer größer werdende Bevölkerung

im alpinen Raum zu ernähren,

wurden kontinuierlich neue Acker-, Wiesen-

und Weideflächen erschlossen. Das

Roden von Wald und Gestrüpp war eine

Generationen übergreifende Arbeit, denn

das mühsame Ausgraben der Wurzelstöcke,

der Transport von Baumstämmen

usw. erforderte eine koordinierte gemeinschaftliche

Tätigkeit. Rodungsnamen finden

sich in allen Sprachschichten des

Alpenraums: von den vorrömischen Sprachen

über das Alpenromanische bis herauf

zum Deutschen.

Raut

Das grundsprachliche Verb, welches das

Entfernen (Roden, Aushacken usw.) von

Gebüsch und Bäumen bezeichnet, lautet

hochsprachlich räuten (< althochdeutsch

riuten „roden, herausreißen“), in den heutigen

Tiroler Mundarten rautn.

Das Ergebnis einer Rodung ist ein Raut.

In Algund werden damit die Weingüter

in Steillage bezeichnet. Sie sind jünger

als die Weingüter auf den Schwemmfächern

in Dorfnähe – und viel mühevoller

zu bearbeiten. Auch die Güter an den

Hängen oberhalb von Morter sind jünger

als jene in der Talsohle, es sind die

Morterer Rait.

Grait

Neben dem Plural „Rait“ und dem Diminutiv

„Raitl“ fällt besonders das Kollektiv Grait

(< althochdeutsch giriuti „Geräut“, d. i. eine

Ansammlung von Rodungen) auf – in Südtirol

ein häufiger geografischer Name. Allein

rund um den Meraner Talkessel gibt es

zahlreiche Grait-Höfe, so in Freiberg (Meran),

Schenna (Berg), Kuens, Vertigen (Partschins)

und Marling. In diese Reihe gehören

auch der Weilername Kreuth (Terlan),

der Schildhof Gereuth in St. Martin in Passeier

sowie der Ansitz Kreit in Eppan. Die

Schreibung mit ai entspricht dem mundartlichen

äu.

Die augenfällige Häufigkeit dieses Namentyps

erklärt sich aus dem „rodungsfreundlichen“

Umfeld der Tiroler Grafen („Landesausbau“),

auch das warme Klima des

Mittelalters drängte die Höhensiedlung nach

oben. Außerdem mussten die aufstrebenden

Tiroler Märkte mit Lebensmitteln und Handelsgütern

(Wolle, Tuch) beliefert werden. Allein

für die Schafhaltung wurden zahlreiche

Schwaighöfe gegründet. Der Landhunger

war groß und die Rodungstätigkeit intensiv.

Ried

Neben Raut gibt es auch das bekannte

„Ried“ (Völser, Prösler, Lajener Ried; bei

Algund, Sterzing, Freienfeld, Reischach

sowie Niederrasen), das auf mittelhochdeutsch

riet „Rodung, Gefilde, Ansiedlung“

zurückgeht. Im Falle vom Prösler

und Völser Ried handelt es sich um jüngere

Streusiedlungen, im Gegensatz zur

prähistorisch besiedelten Mittelgebirgsterrasse

von Völs, Ums und Prösels mit den

kompakten Siedlungskernen.

Rungg

Das romanische Pendant zu Raut lautet

„Rungg“ (alpenromanisch *ronco „Rodung“

< lateinisch runcare „jäten, rupfen“).

Auch dieser Flurname ist häufig, bekannt

ist z. B. die Sportzone Rungg in Eppan. Das

Ringgele (Rünggele) unterhalb von Pinzon

ist nichts anderes als eine Verkleinerung

zu Rungg. Eine Bildung mit romanischen

Suffixen liegt in den Namen Runggatsch

(Hof in Villnöß, *ronkatšja „Großes gerodetes

Gelände“), Runggun (Bergwiese in

Tiers, *ronkone „Groß-Raut“), Rungganol

(Waldname in Seis) sowie Runggad (Ortsteil

von Brixen) vor.

Das Ladinische als romanische Einzelsprache

hat natürlich gleichfalls Vertreter

mit dieser Wurzel: Runc, Runch, Runcata,

Runcaudié (dt. Runggaldier), Runcadic

(dt. Runggaditsch) u.v.m.

Nofen

Aus dem Romanischen stammt auch der

Terminus *nov le „Neurodung“. Beispiele

sind der ehemalige Hof Lafals (bei Bad Ratzes,

Anlaut-Austausch /n/ > /l/), der Talname

Noaf (*area nova „Neuland“; Meran)

oder die beiden Noafn Welschnofen

und Deutschnofen. Die Fassaner kennen

Welschnofen heute noch als Neva. Im Deutschen

sind Neuraut oder Neuraitl ebenfalls

häufiger Flurname für die jüngsten Felder

innerhalb des Hofgeländes.

Johannes Ortner

KulturFenster

50 04/August 2021


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Kleinod im Kleindenkmal

Eine Kreuzigungsgruppe für die Blasbichlkapelle in Rateis

Die Blasbichlkapelle in Rateis mit der nun

errichteten spätbarocken Kreuzigungsgruppe

Fotos: Albert Innerhofer

Eine Kreuzigungsgruppe zieht nun in der

Blasbichlkapelle in Rateis oberhalb von

Lana die Blicke der Besucher auf sich.

Am alten Kirchsteig von Oberlana in Richtung

Höllental und St. Pankraz steht in

Rateis unterhalb des Blasbichlhofes die

schlichte barocke Blasbichlkapelle. Sie ist

mit Rundapsis und Kreuzgratgewölbe eine

der ältesten religiösen Flurdenkmäler im

Barock in dieser Gegend. Die Blasbichlkapelle

dürfte der Überlieferung zufolge

nach einem Gelöbnis von Georg Atzwanger,

der zum Blasbichlhof hin geheiratet

hatte, 1693 erbaut worden sein. Die 1999

von der Gemeinde Lana restaurierte Kapelle

ist letzthin, als Wanderungen eingeschränkt

waren, laut dem Blasbichl-Bauern

Richard Heinz wieder vermehrt von

Spaziergängern aus Lana aufgesucht worden.

Seit kurzem ist sie um ein Kleinod

reicher. Eine spätbarocke Kreuzigungsgruppe

wurde kürzlich angebracht.

Das Kunstwerk war auf Vermittlung von

Bezirksobmann Georg Hörwarter vom

Meraner Salvatorianerinnenkloster als

Leihgabe dem Heimatschutzverein Lana

übertragen worden. Ziel war es, für die

Kreuzigungsgruppe einen passenden

religiösen Ort zu finden. Die ca. 170 cm

hohe und 130 cm breite Tafelmalerei auf

Holz, bestehend aus der Darstellung von

Maria, Christus am Kreuz, Maria Magdalena

am Kreuzfuß und Johannes sowie

einem ergänzenden Zitat von Jesu in einer

altdeutschen Sprache und in Fraktur

gemalten Inschrift stammt wohl aus einer

süddeutschen oder alpenländischen

Herstellung.

Albert Innerhofer, Obmann des Heimatschutzvereines

Lana, vereinbarte mit

dem Blasbichlhof-Bauern, die Tafelmalerei

in der Kapelle am Hof anzubringen.

Zunächst wurde sie aber in der Werkstatt

des Restaurators Karl Christanell gereinigt

und für den Aufbau im Altarraum vorbereitet.

Im Marienmonat Mai gelang es

dann, dieses religiöse Bildnis der Kreuzigung

in die Blasbichlkapelle nach Rateis

zu bringen.

Albert Innerhofer

KulturFenster

51 04/August 2021


hinausgeblickt

Heimatschutzverein Lana wertet Kleindenkmal auf

Den Witterungseinflüssen stark ausgesetzt

und daher ziemlich in Mitleidenschaft gezogen

war die Holzfigur des hl. Johannes

Nepomuk beim Pschoal-Bildstock an der

Ecke Kirchweg/St.-Margarethen-Weg in

Mitterlana. Daher beschloss der Heimatschutzverein

Lana mit Obmann Albert Innerhofer,

diesen Brückenheiligen samt

Bildstock renovieren zu lassen. Zunächst

wurde die Holzskulptur – es handelt sich

um eine vom Lananer Oskar Weiss geschnitzte

Figur in Kastanienholz aus den

1980er-Jahren – in der Werkstatt von Restaurator

Karl Hofer gereinigt, geleimt, gekittet

und neu gefasst. Einige kleinere Teile

mussten ergänzt werden.

Anschließend wurde der gesamte Bildstock

abgespachtelt, gereinigt und mehrmals mit

einem Kalkanstrich versehen. Das Gitter

der Kapelle wurde mit Rostschutz verse-

hen und neu gestrichen. Die Firma Gamper

Dach führte zudem einige Ausbesserungsarbeiten

am Kapellendach durch.

Seither erstrahlt dieser Bildstock, der von

Hiltraud Hofer betreut und stets mit Blumen

geschmückt und an dem jährlich bei

der Fronleichnams- und Herz-Jesu-Prozession

jeweils ein Evangelium gehalten

wird, in neuem Glanz. Die Renovierungskosten

hat der Heimatschutzverein Lana

übernommen.

Albert Innerhofer

Der erneuerte Pschoal-Bildstock bei

St. Peter mit dem hl. Johannes Nepomuk

Foto: Albert Innerhofer

Alte Volksschule Ahornach nicht versteigern

Die am Kirchplatz von Ahornach gelegene

alte Volksschule soll laut Beschluss des

Gemeindeausschusses von Sand in Taufers

durch eine öffentliche Versteigerung

verkauft werden. Der Inhalt des Beschlusses

für die Interessenserhebung lässt dabei

offensichtlich jeden Spielraum für einen

möglichen Abbruch und Neubau zu

und sieht leider keinerlei Auflagen zur zwingenden

Erhaltung, Sanierung und Nutzung

des Gebäudes vor.

Die über 100 Jahre alte Volksschule bildet

gemeinsam mit Kirche, Friedhof und

Widum einen wichtigen Bestandteil des

schönen Ensembles am Kirchplatz und

ist außerdem durch seine jahrzehntelange

Nutzung im kollektiven Gedächtnis

der Ahornacher Bevölkerung stark verankert.

Der Heimatpflegeverband hat deshalb

im Juli an die Gemeindeverwaltung

von Sand in Taufers und an die Fraktionsverwaltung

von Ahornach appelliert, den

Erhalt des alten Schulhauses weiterhin

zu gewährleisten. Bei dessen Nutzung

sollte eine möglichst mit den anderen

Gebäuden dieses Ensembles kompatible

Lösung angestrebt werden, wobei

eine öffentliche Nutzung, z. B. als Versammlungsort,

Vereinslokal, betreutes

Wohnen, Nahversorgung, Dorfcafé o. ä.

sehr wünschenswert wäre.

Claudia Plaikner (Verbandsobfrau)

Albert Willeit (Bezirksobmann)

Schönes Ensemble in Ahornach: Alter Widum, Kirche, Friedhof

und Altes Schulhaus

(Foto: AW)

Prozession mit Schulhaus – 1924

KulturFenster

52 04/August 2021


Heimatpege

Heimatpflegeverein

Naturns–Plaus

Neues Buch über Bildhauer Oswald Krad

hielt er 1651 in Mals. Dort baute er den Tabernakel

auf dem Hochaltar. Dieses Werk

ist nicht erhalten geblieben. Es ging 1799

beim Franzoseneinfall samt der Pfarrkirche

zugrunde.

Danach stattete Krad die St.-Michaels-Kirche

in Burgeis mit dem Hochaltar aus, der

vollständig erhalten ist. Die wertvollsten Statuen

sind aber derzeit aus Sicherheitsgründen

deponiert.

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts wurden

auf Anordnung der geistlichen Obrigkeit

in den Kirchen des Vinschgaus die

Sakramentshäuschen in der Mauer gegen

neue Tabernakel auf den Hochaltären

ausgetauscht. Das war für einige

Zeit die Hauptbeschäftigung von Oswald

Krad, der sich 1657 in Latsch niederließ,

Lehrlinge annahm und von hier aus seine

Werke fertigte, so den Tabernakel in der

St.-Peter-und-Pauls-Pfarrkirche in Latsch

(ca. 1745 ersetzt) und den Tabernakel in

der Spitalkirche in Latsch – auch davon ist

nichts erhalten,. In der St.-Michael-Kirche

in Tarsch gibt es mehrere Statuen, die von

einem Tabernakel herrühren. In der St.-

Peter-Pfarrkirche in Gratsch baute Krad

ebenfalls einen Tabernakel, dort gibt es

noch die beiden Apostel St. Petrus und

Paulus, die Krad zugeschrieben werden.

Vor 340 Jahren starb der Bildhauer Oswald

Krad aus Naturns. Zu diesem Anlass ist eine

Biografie erschienen.

Oswald Krad:

Altarschrein in Tschirland

(1668) – der Hauptschrein

enthält die Statuen des hl.

Oswald von Nordthambrien,

die hl. Maria Magdalena

und die hl. Margareth, die

seitlichen Bischöfe sind

später beigesetzt worden.

Im Statuentabernakel

darüber ist die Muttergottes

eingesetzt. Ganz oben

schließt die Statue des hl.

Michael das Altarwerk ab.

Foto: Wieser/Schlanders

Oswald Krad ist in Naturns geboren. Da

das dortige Taufbuch erst 1633 beginnt,

sucht man das Taufdatum vergebens. Laut

der ersten schriftlichen Notiz trat er 1651

in Mals als Meister auf, somit kann seine

Geburt um 1620 angenommen werden,

vor 400 Jahren also.

Seine Ausbildung erhielt er vermutlich bei

Hans Patsch, dem großen Barockmeister

aus Landeck. Seinen ersten Auftrag, soweit

das ausgeforscht werden konnte, er-

Von den Altarwerken Krads im Vinschgau

sind erhalten geblieben:

➤ der genannte Altar in St. Michael in

Burgeis,

➤ in der St.-Remigius-Pfarrkirche in Eyrs

die beiden Seitenaltäre aus der alten

St. Josefs-Kirche,

➤ in St. Oswald in Tschirland der großartige

dreistöckige Hochaltar,

➤ in St. Michael in Tarsch haben sich

zahlreiche Krad-Statuen erhalten, die

auch auf einen Altar schließen lassen.

Um 1660 übersiedelte Krad von Latsch

nach Bozen. In der Stadt selbst sind seine

Arbeiten spätestens im letzten Krieg verloren

gegangen. Krad starb am 16. März

1681 in Bozen.

An noch vorhandenen Kunstwerken des

Bildhauers im Bozner Umfeld sind aufzuzählen:

➤ der Altar in St. Magdalena in Rentsch,

➤ der Hochaltar in St. Jakob in der Au,

➤ drei Statuen in der St.-Martins-Pfarrkirche

in Girlan,

➤ zwei Seitenaltäre in der St.-Andreas-

Pfarrkirche in Salurn,

➤ die drei Altarwerke in St. Josef am

Friedhof in Salurn,

➤ der Altar in der Mariä-Heimsuchungs-

Kapelle bei Gfrill.

Zum 340. Todesjahr von Oswald Krad hat

der Heimatpflegeverein Naturns–Plaus

eine Biografie herausgegeben (Erarbeitung

von Hermann Theiner, Latsch; Fotos: Kurt

Wieser, Schlanders). Die Buchvorstellung

war Ende Juli (nach Redaktionsschluss)

in der St.Oswald-Kirche in Tschirland geplant.

Das Buch kann über die Buchhandlungen

Athesia und Alte Mühle sowie über

den Obmann Hermann Wenter (Tel. 0473

667046) erworben werden.

Heinrich Tappeiner

KulturFenster

53 04/August 2021


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Schreckgespenst

kehrt zurück

Neues Projekt für einen Glasturm unter

dem Rosengartenmassiv

Braucht es einen Glasturm, um diesen einzigartigen Rundblick zu genießen? Der Heimatpflegeverband sagt: Nein!

Foto: Heimatpflegeverband

Das Schreckgespenst „Glasturm unterm Rosengarten“

ist zurück. Nachdem ein solcher

neben der Kölner Hütte vor zwei Jahren

nicht genehmigt worden war, gibt es

nun ein neues Projekt. Der Heimatpflegeverband

sagt: Nein, danke!

Das Projekt der Latemar Karersee GmbH

sieht vor, die Kölner Hütte komplett abzureißen

und sie durch einen mehr als 20

Meter hohen Glasturm zu ersetzen. Sieben

Stockwerke, großer Restaurationsbereich

mit Panoramaterrasse sowie Panoramazimmer

– vom Schutzhütten-Charakter

dürfte da nichts mehr übrig bleiben. Der


Der Rosengarten ist eine Attraktion

an sich und braucht keine Inszenierung

durch eine künstliche

Landmarke.


Heimatpflegeverband Südtirol

Glasturm soll zudem über unterirdische

Rolltreppen, Aufzüge und Galerien mit der

neuen unterirdischen Seilbahnstation einer

Kabinenbahn und einem bestehenden

Gastronomiebetrieb verbunden werden,

wofür massive Erdbewegungen notwendig

werden. Wie sensibel das Gelände in

dieser Höhe ist, hat der Erdrutsch im Juli

2020 bereits gezeigt.

Die Alpenvereine AVS und CAI, der Dachverband

für Natur- und Umweltschutz und

der Heimatpflegeverband Südtirol warnen

nun erneut vor der Genehmigung dieses

Projektes. Bereits 2019 hatten sie sich negativ

zum damals geplanten Glasturm geäußert.

Denn: Der Rosengarten ist eine

Attraktion an sich und braucht keine Inszenierung

durch eine künstliche Landmarke,

er hat bereits seinen kulturellen,

spirituellen und ökologischen Eigenwert.

Auch der wissenschaftliche Beirat der Stiftung

Dolomiten Unesco Welterbe wertete

den Turm vor zwei Jahren als massive Störung

und als Fremdkörper mit negativen

Auswirkungen auf den ästhetischen und

touristischen Wert des Weltnaturerbes. Er

sprach sich dafür aus, die bestehende Köl-

ner Hütte in das Konzept einzubeziehen und

einen Architekturwettbewerb auszuschreiben,

um die maximale bauliche Qualität an

diesem besonderen Ort zu erreichen. Zugleich

machte er aber auch klar, dass es

ausreiche würde, an dieser Eintrittspforte

in die Dolomiten einen einfachen Informationspunkt

zum Welterbe zu errichten, um

auf die Schönheit und Einzigartigkeit des Dolomiten-Gebietes

aufmerksam zu machen.

Für die Verbände ist klar, dass auch dieser

Neubau dazu dienen sollte, eine Attraktion

für das Skigebiet Karersee/Carezza zu

schaffen und dadurch die neue Kabinenbahn

auszulasten. Dass es als PPP-Projekt

– eine öffentlich-private Partnerschaft

– zwischen Land und Latemar Karersee

GmbH abgewickelt werden soll, wirft zudem

die Frage auf, ob diese Partnerschaft

im öffentlichen Interesse ist oder sich das

Land damit nicht in eine riskante Abhängigkeit

begibt. Ist es in Zeiten knapper öffentlicher

Geldmittel sinnvoll, eine erst

kürzlich sanierte Hütte abzureißen, um

sie durch einen 13 Millionen teuren Glasturm

zu ersetzen?

Heimatpflegeverband Südtirol

KulturFenster

54 04/August 2021


getragen

Lindas Krönchen

Kostbare Ghërlanda spiza zur

Jungmädchentracht

Man sieht es der kleinen Linda auf dem Foto an, wie stolz sie darauf ist, zu

ihrer wunderschönen Grödner Tracht die Ghërlanda spiza tragen zu dürfen.

Und das mit Recht, ist dieses fi ligrane Krönchen doch etwas vom Feinsten,

das die Südtiroler Trachtenlandschaft zu bieten hat.

Lange Tradition

Der Brauch, den Kopf von Jungfrauen mit Blumenkranz, Perlenreif, Bändern

oder Krönchen zu schmücken, reicht weit in die Geschichte zurück.

So auch, wenn es sich um die Gottesmutter Maria handelt. Bei der berühmten

„Rosenkranz-Madonna“ von Albrecht Dürer aus dem Jahr 1506 halten beispielsweise

zwei Putten eine goldene Krone über ihrem Haupt. Auch bei uns

ist in so manchem Wallfahrtsort das Gnadenbild mit einer Krone geschmückt.

Verlobungsgeschenk

Grundsätzlich sollten nur junge Mädchen einen fl orealen Kopfschmuck

tragen. Es ist ein Ausdruck der Jungfräulichkeit und wurde ursprünglich

nur bei besonderen Anlässen wie Erstkommunion, Hochzeit oder bei

religiösen Prozessionen getragen. Auch bei der Ghërlanda spiza ist das

nicht anders. Das kostbare Krönchen war gerne das Verlobungsgeschenk

des Bräutigams an die Braut. Am Hochzeitstag trug sie dieses dann zum

letzten Mal. Oft wurde die Ghërlanda spiza in der Familie weiter vererbt.

Kunstvolles Handwerk

Wie der Name schon sagt, handelt es sich bei der Ghërlanda spiza um ein

spitz zulaufendes, kegelförmiges Gebilde, das aus eng aneinander gereihten

Blüten und feinen, frei abstehenden Elementen aus feinster Klosterarbeit besteht.

So an die 40 Blüten braucht es schon, kleinere und größere. Jede Blüte

ist anders. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, aus goldenem Filigrandraht,

Glasperlen, Pailletten und allerhand Flitterwerk ornamentale Blumen mit einem langen

Stängel herzustellen. Mit Goldpapier umwickelt, werden die Blütenstiele dann

wie Äste um einen Mittelstamm herum befestigt.

Alter Volksglaube

Am Kopf befestigt wird das Krönchen durch eine mit Klebesamt, Goldborten und

Blüten reich verzierte Kartonrolle, an der die langen Bänder fi xiert werden. Diese

werden unter dem Haarknoten gebunden und fallen über den Rücken hinab. Und

wenn dann bei jeder Kopfbewegung die glitzernden, bunten Glasperlen an den feinen

Goldfäden zittern, dann wehren sie nach altem Volksglauben den „Bösen

Blick“ von der Trägerin ab.

Agnes Andergassen

ARGE Lebendige Tracht

KulturFenster

55 04/August 2021


Wie geht es der Chorszene?

Auch wenn sich die Pandemie abzuauen scheint,

zeigen verschiedene Studien, dass sie für die Chorszene

nicht ohne Folgen bleibt.

KulturFenster

56 04/August 2021


hervorgehoben

Motivationsverlust und

Auflösungserscheinungen

Umfragen zur Situation der Chöre im deutschen Sprachraum

Die Corona-Lage scheint sich langsam zu beruhigen,

die Chöre proben wieder. Doch die

Corona-Krise ist an den Chören nicht spurlos

vorüber gegangen. Das zeigen Umfragen

bei den Chören in der Bundesrepublik

Deutschland, die u.a. der Allgemeine Cäcilienverband

und die internationale Vereinigung

Pueri Cantores im Oktober 2020 in

Auftrag gegeben haben, wie die deutsche

Zeitschrift „Chorzeit“ berichtet.

Ziel war es zu erfassen, wie sich die Krise

auf die Chorszene auch mittel- und langfristig

auswirken wird. Rund 1200 Chöre

der beiden Vereinigungen haben Rückmeldung

gegeben. Auffällig war, dass nur

vier Prozent der Chöre digital geprobt haben.

44 Prozent gaben an, überhaupt nicht

geprobt zu haben. Geprobt wurde – sobald

dies wieder möglich wurde – in der Kirche

oder im Probenraum. Nur ein kleiner Teil

probte im Freien bzw. in zusätzlich angemieteten

Probenräumen.

Dass die Corona-Krise nicht nur das Chorleben

zeitweise lahmlegt, sondern auch die

Freude an der Probe bzw. die „Probendisziplin“

beeinträchtigt, ist eine berechtigte

Sorge. So ergaben die Umfragen, dass nicht

einmal die Hälfte der Chöre eine regelmäßige

und vollständige Teilnahme der Sänger

und Sängerinnen aufwiesen. Bei 20 Prozent

lag die Teilnahme sogar unter 40 Prozent.

Große Auswirkung -

vor allem auf Jugendchöre

Vor allem bei den Nachwuchschören nahm laut einer aktuellen Studie die Mitgliederzahl

stark ab.

Wie „Chorzeit“ berichtet, ergab auch eine

Studie der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt

und des Carus-Verlags,

die im Mai 2021 vorgestellt wurde, ähnliche

Ergebnisse. Bei dieser Studie wurden

über 4.400 Chöre aus Deutschland, Österreich

und der Schweiz befragt. Die Studie

erfolgte im März 2021, also noch mitten

in der Krise. Die Studie ergab, dass nur

ein Drittel der Chöre ihre Mitglieder halten

konnte. Viele Chöre gab es nicht mehr: Jeder

achte der über 500 befragen Jugendchöre

hatte sich aufgelöst. Dies kann man

sich einerseits durch die besondere Eigenart

von Jugendchören erklären, bei denen

oft die soziale Komponente eine besonders

große Rolle spielt, die durch den Stillstand

nicht mehr gegeben war. Außerdem sind

Jugendchöre schon von ihrer Natur her

einem ständigen Mitgliederwechsel ausgesetzt,

was für die Stabilität des Chores nicht

förderlich ist. Man muss hier allerdings betonen,

dass diese Studien Momentaufnahmen

der Krisensituation sind. Ob sich viele

diese Chöre wieder neu gründen, kann man

noch nicht sagen.

Großes Problem -

der Motivationsschwund

Das große Problem der Corona-Krise – so

zeigen alle Studien – war der Motivationsschwund.

Viele Chöre und Sänger und Sängerinnen

holen ihre Motivation vom Auftritt,

vom Konzert her – darauf arbeitet man hin.

Wenn diese Konzerte nicht stattfinden können,

fehlt bei vielen auch die Energie, regelmäßig

zu proben. Über die Hälfte der

befragen Chöre bewerteten die mentale Verfassung

ihres Chores als negativ. 28 Prozent

sahen die Situation weder positiv noch

negativ, 12 Prozent zeigten sich sogar zufrieden.

Die Studie der Universität Eichstätt

ergab auch, dass nur knapp die Hälfte der

Chöre digitale Proben durchführte. Insgesamt

fi elen – nach einer Studie des Bundesmusikverbandes

Chor und Orchester -

beim Großteil der Chöre rund drei Viertel aller

Proben aus. Nur 0,9 Prozent der Chöre gab

an, dass keine Probe seit Pandemiebeginn

ausgefallen ist. 53 Prozent gaben in dieser

Studie an, in Kleingruppen zu proben, sehr

viele davon im Freien. (55 Prozent).

Große Verunsicherung in der

gesamten Chorlandschaft

„Chorzeit“ zieht aus diesen Umfragen im

deutschsprachigen Raum, die sicher in der

grundsätzlichen Aussage auch auf Südtirol

übertragen werden können, den Schluss:

„Die Chorszene ist zutiefst verunsichert“.

KulturFenster

57 04/August 2021

57


hervorgehoben

Das Problem bestand vor allem in der Planungsunsicherheit.

Mitgliederschwund und

auch Qualitätsverlust seien weitere Folgen,

die man mittel- und langfristig berücksichtigen

müsse und denen man sich in der

kommenden Zeit aktiv stellen muss. Vor

allem Jugendchöre beklagen einen Mitgliederschwund.

Mehr als die Hälfte der Chöre

geht davon aus, dass sie „nach der Pandemie

schlechter singen.“ Insgesamt ergaben

die Studien auch ein weiteres Problem:

Trotz verschiedener Ansätze, „im Internet“

aufzutreten, fanden die meisten Chöre nicht

wirklich neue Formate und Wege, eine virtuelle

Konzerttätigkeit zu entfalten. „Das

Amateurmusikleben kann nur live stattfinden“

– so könnte man die Einstellung vieler

Sänger*innen zusammenfassen. Experten

sehen so die Chöre als „absolute

Pandemieverlierer“. Dazu kämen noch die

fi nanziellen Sorgen. Das betrifft vor allem

auch die Chorleiter*innen, die als Freiberufler

arbeiten und auf das Honorar angewiesen

sind. Der Deutsche Musikrat befragte

dazu im Musikleben Tätige: Jene,

die im künstlerischen Bereich tätig waren,

erlitten Einbußen von mehr als 60 Prozent.

38 Prozent erhielten staatliche Hilfen, die

übrigen mussten auf Spenden und Ersparnisse

zurückgreifen.

Laut „ChoCo“-Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt (Stand März 2021)

Große Chance – Freude am

Singen wird bleiben

Folgen dieser wirtschaftlichen Krise in der

Musikbranche war die Verlagerung der Tätigkeit

in den virtuellen Bereich, aber auch

die Schließung von Veranstaltungsorten

und insgesamt die „Erosion des Amateurmusiklebens“,

wie „Chorzeit“ schreibt. Allerdings

verweisen andere Studien auch

auf eine positive Zukunft: Eine Studie des

Deutschen Musikinformationszentrums,

die sich auf 1.208 Befragte stützt. Es geht

in dieser Studie grundsätzlich um die Bedeutung

des Singens in Deutschland: 40

Prozent der Amateurmusizierenden ab 16

Jahren singen, 56 Prozent der Frauen, 24

Prozent der Männer. „Deutschland ist also

ein Land der Sänger*innen“. Die Freude am

Singen, so die Folgerung, kann nicht einfach

verschwinden. Sie ist zu sehr in der Bevölkerung

verankert. Auch dieser Punkt – so

darf man mit dem Blick auf die verwurzelte

Chorkultur bei uns wohl behaupten – kann

auf Südtirol übertragen werden. Allerdings

wird es Anstrengungen brauchen, um Gemeinschaftsgefühl,

Motivation und Qualität

neu zu schaffen und zu fördern.

Laut einer Studie des Bundesmusikverbands „Chor und Orchester e. V. (Stand Dezember 2020)

Laut „ChoCo“-Studie der Universität Eichstätt-Ingolstadt (Stand März 2021)

KulturFenster

58 04/August 2021


Jung+

Stimmgewaltig

Die Bedeutung der Musik

Die Schülerin Pauline Feichter gewann mit einem Thema zur Musik

den Südtiroler Jugendredewettbewerb

„Der Entschluss, am Südtiroler Jugendredewettbewerb

teilzunehmen, war eher ein

spontaner“, erzählt Paulines Vater Stefan

Feichter, der dem Kulturfenster von dieser

interessanten Erfahrung berichtet,

weil seine Tochter gerade auf einer Sommer-Erlebniswoche

ist. Die Anregung zur

Teilnahme kam von der Schule, der Mittelschule

St. Johann in Ahrntal, wo Pauline

die dritte Klasse besuchte. „Pauline ist

ein neugieriger Charakter, der Herausforderungen

liebt“. Da der Anmeldeschluss

kurz bevorstand, musste sie sich schnell

entscheiden. Es war auch das erste Mal,

dass die Mittelschulen an dem Wettbewerb

teilnehmen konnten.

„Das Thema zum Redewettbewerb war eher

eine Bauchentscheidung“, erzählt Paulines

Vater. „Pauline hat das Thema gewählt, weil

sie über etwas reden wollte, zu dem sie einen

persönlichen Bezug, eigene Erfahrungen

und eine feste Überzeugung hat und nicht

nur auf Recherchen angewiesen ist.“ Das

Thema war nicht vorgegeben, musste jedoch

vor dem Wettbewerb bereits feststehen

und mitgeteilt werden. Die Kategorie

war „Klassische Rede“ für die 8. Schulstufe

(Österreich), an der die 3. Mittelschulen aus

Südtirol teilnehmen konnten. Der Landeswettbewerb

sollte eigentlich Ende April in

Präsenz in Bozen stattfinden. Pauline war

zum vorgegebenen Termin in Quarantäne

und konnte so nur Online teilnehmen. Als

Siegerin des Landeswettbewerbs konnte sie

am Bundeswettbewerb teilnehmen. Dieser

fand in St. Pölten statt und war als reine

Onlineveranstaltung angesetzt. Die Rede

musste jene sein, mit welcher der Landeswettbewerb

gewonnen wurde.

KulturFenster

59 04 August 2021


Wie wichtig es ist, Musik zu machen

Jeder Mensch ist ein Musiker –

Nur hast Du vielleicht Dein Instrument noch nicht entdeckt.

Sehr geehrte Jury, sehr geehrtes Publikum.

Mein Name ist Pauline Maria Feichter, ich

bin 13 Jahre alt und besuche die 3. Klasse

der Mittelschule St. Johann im Ahrntal.

Schon seitdem ich denken kann, begleitet

mich Musik. Ich bin damit aufgewachsen.

Mit vier Jahren besuchte ich zum ersten

Mal den Musikunterricht und erlerne bis

heute verschiedene Instrumente. Ich bin

mir sicher, dass auch Sie schon mal darüber

nachgedacht haben, was für eine wichtige

Rolle Musik in unserem Leben spielt.

In jedem Lokal, in jedem Auto, in jedem

Bus, in jedem Videospiel und jedem Film

hört man Musik. Musik ist so gut wie überall

anzutreffen, aber Musik ist noch so viel

mehr als ein netter Zeitvertreib. Und deshalb

möchte ich Ihnen heute zeigen, wie

wichtig es ist, selbst Musik zu machen,

also ein Instrument zu erlernen.

Ich bin überzeugt davon, dass jeder von

Ihnen, vielleicht auch heimlich, bei einem

Lied mitgesungen hat. Wie haben Sie sich

dann gefühlt? Ich kann nur aus eigener Erfahrung

sprechen, dass das Singen und

Musizieren meine Gefühle verstärkt. Wenn

ich zum Beispiel mal Streit habe, oder einfach

mies gelaunt bin, kann ich das beim

Musizieren rauslassen. Mich stört dann niemand

und manchmal habe ich sogar das

Gefühl, dass ich nicht allein bin.

Musik kann Balsam für die Seele sein,

und sie fördert, wie ich bei einer Recherche

herausgefunden habe, auch die geistige

und soziale Entwicklung von Kindern

und uns Jugendlichen. Aber auch erwachsene

Menschen profitieren vom Musizieren.

Man bekommt einen freien Kopf und

Glückshormone werden freigesetzt. Aber

um dies zu erreichen ist es wichtig, dass

man aktiv Musik macht. Man kann es gut

mit Sport vergleichen. Nur das Zuschauen

bei einer sportlichen Aktivität ist auch zu

wenig, um ins Schwitzen zu kommen. Öfters

habe ich schon gehört, dass Menschen

deshalb keine Musik machen, da sie denken,

sie seien unmusikalisch. Wenn Sie das

auch von sich denken, liegen sie höchstwahrscheinlich

falsch. Nur die allerwenigsten

Menschen sind wirklich unmusikalisch.

Könnte es nicht auch sein, dass Sie durch

die Perfektion, die einem überall präsentiert

wird, an sich selbst zweifeln und glauben,

wenn es nicht genau so klingt, dass

es nicht gut genug sei? Das Wichtigste ist

einfach, das man es probiert!

„Wir haben schon so viel um die Ohren, dass

für ein Instrument keine Zeit bleibt“, und

„wir haben schon so viel Stress

in der Schule“, sind keine Argumente,

um nicht Musik zu machen.

Nein, ganz im Gegenteil.

Das Spielen eines Instrumentes

baut, wie ich herausgefunden

habe, Stress auf natürliche Art

und Weise ab und fördert gleichzeitig

das Gehirn, ohne dieses

zu belasten. Das hat zur Folge,

dass musizierende Schüler in

der Schule bessere Leistungen

bringen als ihre nicht musizierenden

Mitschüler. Dies wurde in

mehreren Studien und Untersuchungen

bestätigt, die sich nicht

widersprechen. Je öfter und intensiver

junge Menschen Musik

machen, desto besser sind die

schulischen Leistungen. Und

mehr noch... die Schülerinnen,

die schon seit mehreren Jahren

ein Instrument spielen, sind nicht

musizierenden Schülerinnen im

Durchschnitt ein ganzes Schuljahr

voraus (Martin Guhn). Es ist

natürlich klar, dass das Erlernen

eines Instrumentes nicht immer

nur Spaß macht. Durchhaltevermögen und

Geduld gehören einfach dazu und werden

durch das Üben gefördert.

Besonders am Anfang braucht man die

Unterstützung der Eltern und der Musiklehrer.

Wenn man diese Hürde überwindet,

kann man mit Stolz auf die vergangene

Zeit zurückblicken und man hat

ein echtes Glücksgefühl. Dadurch wird

auch das Selbstvertrauen gestärkt, da

man weiß, dass man so was schon mal

geschafft hat. Nach den nun genannten

Gründen, warum man ein Instrument erlernen

sollte, komme ich zum, von mir aus

gesehen wichtigsten und schönsten Punkt.

Das Musizieren verleiht einem eine neue

Lebenseinstellung, die man mit vielen netten

Gleichgesinnten teilt. Fast ausnahmslos

jeder Musiker ist denselben Weg gegangen.

Vom ersten Ton an bis zum Spielen in

der Gruppe. Man teilt so viele gemeinsame

Erfahrungen und das gibt einem Kraft und

stärkt das Gemeinschaftsgefühl.

Das Wichtigste ist einfach, dass man es

versucht, und es nicht bei der ersten kleinen

Hürde aufgibt. Auch ich bin heute

hier, um etwas Neues zu versuchen. Die

Herausforderung hat mich gereizt und ich

bin dankbar, dass ich neue Erfahrungen

habe sammeln dürfen.

Und nun noch ein kleiner Gedankenanstoß

... Es heißt, dass Musik die stärkste

Magie sei. Doch warum folgen wir der Magie

von anderen, wenn wir unsere eigene

produzieren können ...

Oder wie schon Gustav Mahler sagte: „Das

beste in der Musik steht nicht in den Noten.“

KulturFenster

60 04 August 2021


Steckbrief Pauline Maria Feichter

Pauline ist am 23. August

2007 in Wien geboren,

wohnt in Luttach im Ahrntal

und ist die Älteste von

drei Geschwistern.

Neben Reiten, Lesen, Malen

ist vor allem die Musik ihre

Lieblingsbeschäftigung: Sie

spielt verschiedene Blockfl

öten, Hackbrett, Horn (1.

Preis beim Österreichischen

Bundeswettbewerb Prima la

Musica 2019 in Klagenfurt),

Gitarre, singt im Schulchor

der Musikschule und nahm

regelmäßig an den Gesangwochen

des Chorverbandes

in Tisens bis 2019 teil.

Ihre Vokalausbildung erhält

sie an der Musikschule Bruneck

(Klasse Oberschmied-

Sattler-Öttl), ist Mitglied der

„Teldra Soatngsonggietschn“ (Volksmusikgruppe)

und Mitglied der Musikkapelle

Luttach (Horn). Mit den „Teldra

Soatngsonggietschn“ nahm sie mit Auszeichnung

am Alpenländischen Volksmusikwettbewerb

2018 teil; ebenso mit

Der Landesjugenchor

Mit dem Horn gewann sie den

1. Preis beim Österreichischen

Bundeswettbewerb „Prima la

Musica“ 2019 in Klagenfurt.

Auszeichnung am Tiroler Volksliedwettbewerb

2019. Pauline

singt dauernd und das schon

von Kindesbeinen an. Chorerfahrung

hat sie im Schulchor

(mit einem Projekt in Form

eines Musicals meist am Ende

des Schuljahres), und bei den

Kindersingwochen in Tisens

sowie vor allem in Kleingruppen

gesammelt. An der Gesangswoche

in Tisens gefiel

ihr vor allem das Singen und Musizieren

mit Gleichgesinnten, das abwechslungsreiche

Musikangebot und das Erlebnis

mit Gleichaltrigen.

Teldra Soatngsoggietschn Erl: Die Namen

von groß bis klein (Körpergröße): Leah

Maria Huber, Esther Maria Huber, Paula

Marie Stocker, Pauline Maria Feichter

KulturFenster

61 04 August 2021


SCV-Intern

Die teilnehmenden Jugendlichen

Die Katzen sind los

„Die Katzen sind los!“ So lautete das Motto

der Musicalwoche für Kinder und Jugendliche

zwischen 12 und 18 Jahren, die vom

5. bis zum 11. Juni im Haus der Familie in

Lichtenstern stattfand.

Musicalwoche in Lichtenstern

Thema der Musicalwoche war „Cats“ von

Andrew Lloyd Webber – eines der erfolgreichsten

Musicals aller Zeiten. Am Kurs

nahmen in diesem Jahr 39 Jugendliche

teil, sechs Buben und 33 Mädchen. Gemeinsam

mit vier Referenten unter der Leitung

des Chorleiters und Musikpädagogen

Christian Stefan Horvath aus Wien entwickelten

sie Geschichten und Choreographien

und versetzten sich körperlich und

tänzerisch in die Welt der Katzen. Dabei

war die Musicalwoche auch heuer wieder

eine Einheit von Gesang, Tanz und Freizeiterlebnis.

Horvath, der die Woche bereits

zum 12. Mal leitet, war auch heuer

beeindruckt vom musikalischen und tänzerischen

Niveau der Teilnehmenden.

Unterstützt wurde der Kursleiter von

weiteren erfahrenen Musikpädagogen,

vom Theaterpädagogen und Regisseur

Harald Volker Sommer, vom musikalischen

Assistenten Martin Listabarth,

Vocalcoach Max Gaier und Instrumentalist

Johannes Bruckner. Horvath und

sein Team verfolgten auch heuer das

Ziel, bei den Teilnehmenden die Freude

am künstlerischen Ausdruck, Tanz und

Bewegung zu fördern und zugleich auch

musikalisch gute Ergebnisse zu erzielen.

„Fordern, aber nicht überfordern“ lautete

die Devise.

KulturFenster

62 04/August 2021


Chorwesen

Auch der Spaß kam nicht zu kurz.

Das Referenten- und

Betreuerteam

Eindrücke der

Musicalwoche

in Lichtenstern

Die Jugendlichen agierten auf einem sehr hohen

musikalischen und tänzerischen Niveau.

KulturFenster

63 04/August 2021


SCV-Intern

Sommer, Sonne, Sonnenschein

Kindersingwoche des Südtiroler Chorverbands

Unter dem Motto „Sommer, Sonne, Sonnenschein“

fand heuer die Kindersingwoche

statt – und 30 Mädchen zwischen 9 und 14

Jahren haben sich angemeldet und mit Begeisterung

daran teilgenommen.

Die Woche fand vom 27. Juni bis 3. Juli

im Vinzentinum in Brixen statt. Die Kinder

sangen in der Kleingruppe, im großen

Chor oder probierten sich an Solostücken.

Ein erfahrenes Team von sechs Referenten

gab den Teilnehmenden Tipps rund um die

Stimme und erarbeitete mit den Kindern

tolle Choreographien: Kursleiter Michael

Feichter wurde von Mathias Krispin Bucher,

Sophei Eder, Lukas Erb, Andrea Oberparleiter

und Daniel Renner unterstützt. Im Modul

„Song-Recording“ konnten Interessierte ihren

eigenen Song aufnehmen. Für Tanzinteressierte

gab es Workshops im Angebot.

Drei Betreuer*innen gestalteten mit den Kindern

die Freizeit. Kursleiter Michael Feichter

leitet die Kindersingwoche bereits seit 2010

mit viel Begeisterung und Einsatz. Der Musikpädagoge,

Sänger und Schlagzeuger will

bei den Kindern vor allem die Freude am

Singen und Tanzen fördern. Dass Freude

und Begeisterung, aber auch ein hohes

Maß an Können erreicht wurde, zeigte die

Abschlussveranstaltung, bei der die Mädchen

als Chor und Solisten auftraten, tolle

Choreographien vom Hip-Hop bis zur Klassik

aufführten und auch schauspielerische

Elemente einfließen ließen. Die große Vielfalt

und die Offenheit für die Individualität

der Jugendlichen zeigte sich auch in

den eingespielten Songs, die das Potential

der Teilnehmenden zeigen und auf beeindruckende

Weise den Wert dieser Fortbildungen

hörbar machen, nämlich die

Jugendlichen in ihren Fähigkeiten zu fördern.

Vielfalt gab es auch in den Werken,

von südafrikanischen und alpenländischen

Volksliedern über Gospels bis „Walking on

Sunshine“ tauchten die Mädchen in die

verschiedensten Bereiche des Liedes ein.

Der Leiter der Kindersingwoche Michael Feichter in Aktion.

Daniel Renner, ein Fachmann für Tanz- und

Choreographie

Songrecording mit Mathias Bucher

Das Konzert gibt es zu sehen

und zu hören unter:

https://youtu.be

/XjfLZAdJ3wE

KulturFenster

64 04/August 2021


Chorwesen

„Jedes Jahr eine Freude!“

Kursleiter Michael Feichter freut sich über die gelungene Kindersingwoche

Kursleiter Michael Feichter leitet die Kindersingwoche

bereits seit 2010. Der Musikpädagoge,

Sänger und Schlagzeuger ist

mit dem Erfolg der Kindersingwoche zufrieden,

auch wenn beim Abschlusskonzert das

Publikum gefehlt hat.

KulturFenster: Wie war dein Gefühl in der

Planungsphase?

Michael Feichter: Natürlich gab es eine Zeit

der Unsicherheit, Diskussionen über die Art

und Weise der Umsetzbarkeit. Der Chorverband

hat uns aber sehr früh klar gemacht,

dass die Durchführung der Singwoche –

unter Einhaltung eines Sicherheitsprotokolls

– für diesen Sommer ganz klares Ziel ist.

Mit dem Vinzentinum haben wir ein Haus

gefunden, das uns von der Größe und den

Dimensionen einen reibungslosen Ablauf

ermöglicht hat. Ich würde zusammenfassend

sagen, dass die Planungsphase bei

mir von großer Vorfreude geprägt war, den

Kindern heuer wieder eine Sommerwoche

anbieten zu können.

KF: Was waren die inhaltlichen Schwerpunkte?

Feichter: In diesem Jahr hat sich alles um

das Thema „Sommer, Sonne, Sonnenschein“

gedreht. Vom Jägerchor bis zum

Pop-Sommerhit war alles dabei. Wer wollte,

konnte seinen eigenen Sommerhit komponieren

und aufnehmen. Die Woche war auf

Workshop-Basis aufgebaut. Jede Teilnehmerin

konnte aus einem Pool von Kursen

rund um die Stimme auswählen. Das Abschlusskonzert

war eine Zusammenfassung

der einzelnen Workshops. Für die

Stimme wurde Einzelstimmbildung, Singen

in Kleingruppen (Musical, Jazz, Gospel,

Volkslied), Mikrofontechnik und Singen

im Chor angeboten. Im Bereich Tanz

lernten die Mädchen Hip-Hop und Choreographien.

Mit den Workshops Songwriting

und Songrecording wollten wir die Kreativität

der Kinder fördern.

Ein besonderes Augenmerk legen wir auf

die frühe Förderung des mehrstimmigen

Singens und das Kennenlernen der Literatur

aus verschiedenen Genres. Wir arrangieren

falls notwendig die Stücke so, dass

sie gut singbar sind.

KF: Wie war die Stimmung bei dir und

dem Team? Wie war die Zusammenarbeit

Feichter: Das Referententeam setzt sich

aus Sänger*innen, einem Tänzer und

einem Singer-Songwriter zusammen,

die neben ihren fachlich Fähigkeiten

auch noch ein sehr gutes Gespür

dafür mitbringen, dass sich jeder

und jede in den Kursen wohlfühlt.

Teilweise kennen wir uns noch aus

unserer Studienzeit, und wir freuen

uns jedes Jahr auf ein Wiedersehen.

Das überträgt sich auch auf die Teilnehmer.

Als Team sind wir mittlerweile

sehr eingespielt und man könnte sagen,

wir verstehen uns blind. Das gilt übrigens

auch für das Betreuer*innen-Team.

KF: Wie war die Stimmung bei den Mädchen?

Feichter: Nachdem wir heuer zum ersten

Mal seit Jahren keine Buben bei der Singwoche

dabei hatten, waren die Mädels sozusagen

unter sich, und ich muss sagen,

die Stimmung war super. Allerdings ist es

ein ganz klares Ziel, bei der nächsten Singwoche

wieder Buben dabeizuhaben, was

auch für die Gruppendynamik gut wäre.

KF: War das Coronavirus ein ständiges

Thema?

Feichter: Das Coronavirus hat uns im

Grunde nur an zwei Tagen beschäftigt:

Am Sonntagabend bei der Ankunft und

am Mittwoch, wo wir alle einem Nasenflügeltest

unterzogen wurden. Ansonsten

konnten wir uns als geschlossene Gruppe

im Vinzentinum frei und ohne Maske und

Abstandspflicht bewegen. Das hat allen

sehr gutgetan.

Michael Feichter, Leiter der Kindersingwoche

des SCV

KF: Wie hast du die Woche erlebt? Was

war besser bzw. schlechter im Vergleich

zu anderen Jahren?

Feichter: Ich würde sagen, es war nichts

besser oder schlechter. Es waren einige Sachen

einfach anders. Eine unserer Stärken

ist die Flexibilität. Der größte Unterschied

war das Haus – heuer fand die Kindersingwoche

nicht in Tisens, sondern im Vinzentinum

statt - vor dem aufgrund seiner Größe

doch viele Kinder ziemlich Respekt hatten.

Die Räume und auch die Gänge sind

grundsätzlich eher dunkel und durch die

Größe ist die Gruppe sehr weit auseinandergezogen,

hatte weite Wege zu machen

usw. Vielleicht hat diese Tatsache bei einigen

Teilnehmerinnen das Heimweh diesmal

besonders stark aufkommen lassen.

Für unsere Gruppengröße und für die gewohnt

familiäre Atmosphäre ist Tisens vielleicht

besser.

KF: Wie würdest du die Woche in einem

Satz beschreiben?

Feichter: Spritzig, fröhlich, vielseitig, länderübergreifend!

– Jedes Jahr eine Freude!

KF: Wie hast du den Abschluss erlebt?

Feichter: Das Konzert haben wir ohne Publikum

aufgenommen und auf YouTube

gestreamt, was für alle eine neue Erfahrung

war.

Der Abschluss war so natürlich anders

als in den letzten Jahren, und man muss

eines ganz klar sagen: Uns hat das Publikum

gefehlt. Es hat die Vorfreude, der

Lärm des Publikums vor dem Konzert gefehlt,

vielleicht auch ein bisschen die gesunde

Angespanntheit und das Prickeln,

wenn sonst Eltern im Publikum sitzen. In

diesem Sinne hoffen wir im nächsten Jahr

wieder auf ein öffentliches Abschlusskonzert

mit Publikum.

KulturFenster

65 04/August 2021


SCV-Intern

Kultur- und Naturerlebnis in Ulten

Alpenländische Sing- und Wanderwoche

Die Teilnehmer*innen stimmen sich auf einen schönen Sing- und Wandertag ein.

Heuer fand wieder die beliebte Alpenländische

Sing- und Wanderwoche statt, und

zwar vom 27. Juni bis 4. Juli in Ulten. 31

Teilnehmer*innen kamen nach St. Nikolaus

in Ulten, um dort unter der Leitung

von Ernst Thoma und Chorleiterin Verena

Gruber gemeinsam zu wandern, zu singen

und die Gemeinschaft zu pflegen.

Freilich gab es coronabedingt Änderungen:

So wurden die Teilnehmer*innen heuer in

zwei Gruppen aufgeteilt und es gab auch

kein Abschlusskonzert. „Viel Überlegen,

In der Natur gab es viel zu entdecken.

Vorarbeiten, Besichtigungen und immer

wieder die Frage: Wird es möglich sein. Welche

Literatur wird machbar sein? Schaffen

wir das, werden einige unterfordert sein?“,

erinnert sich Kursleiter Ernst Thoma an

die Vorarbeiten zur Wanderwoche und betont:

„Auf jeden Fall war die feste Überzeugung

da: Wir müssen wieder starten!“

Geprobt wurde im Kultursaal und im Probelokal

des Chores von St. Nikolaus. Einsingen

konnten sich die Sänger*innen auf

dem Rasen im Freien.

Verena Gasser Fischnaller, Chorleiterin in

Lüsen, war heuer die zweite Referentin.

„Ein Glücksfall! Sie hat sich gleich in die

Gruppen eingearbeitet und wurde freundlich

aufgenommen. Wir haben uns vom ersten

Telefonat bis zur Abschlussveranstaltung

gut verstanden“, berichtet Ernst Thoma,

der schon viele Jahre lang diese Schulung

leitet. Und wie wurden die „Turnusse“ organisiert?

Eine Gruppe ging am Vormittag

mit Wanderführer Matthias Preims auf

Wanderschaft und lernte Ulten und seine

ursprüngliche Schönheit kennen, während

die anderen am musikalischen Programm

arbeiteten. Am Nachmittag war es umgekehrt.

Die Chorleiter wechselten sich jeweils

ab, so kam jede Gruppe auf ihre Rechnung.

„Dieses Programm hatte ich vorher bei

einem Lokalaugenschein mit Matthias

Preims, unserem Wanderführer, durchgerechnet.

Es hat alles wunderbar funktioniert.

Matthias sollte aber auch singen, da

er ein guter Tenorsänger ist und Männer

ohnehin knapp sind. So wurde er tatkräftig

von seiner Schwester Mathilde und von Pichler

Hanna unterstützt“, erzählt Thoma.

Wie so oft bei der Alpenländischen Singund

Wanderwoche kam es auch heuer zu

netten Erlebnissen: „Bei der Wanderung

zum St. Moritz-Kirchlein hat eine Wortgottesdienstleiterin

ganz spontan die Männer

überredet am Morgen den Wortgottesdienst

mitzugestalten. Das haben wir gemacht

und es war eine bewegende Andacht. Am

Schluss haben wir alle (auch die Frauen

in den Kirchenbänken) gemeinsam den

„Engel des Herrn“ gesungen.“

Abschlusskonzert war von Anfang an keines

vorgesehen. Deshalb konnten sich

die Teilnehmer*innen in aller Ruhe auf

den Abschlussgottesdienst am Sonntag

vorbereiten. Beim Gottesdienst wurde bei

verschiedenen Gesängen das Kirchenvolk

mit einbezogen, „was die Leute dankbar

angenommen haben“. Nach der Messe

gab es noch ein Ständchen im Freien.

Der Chor der Alpenländischen Sing- und

Wanderwoche verabschiedete sich mit einigen

Liedern und Jodlern von einem sehr

dankbaren Publikum. Ernst Thomas Resümee:

„So war die Sing- und Wanderwoche

2021 insgesamt eine gelungene und

erfolgreiche Singwoche.“

Das Referententeam Ernst Thoma (l) und

Verena Gruber (r)

KulturFenster

66 04/August 2021


entdeckt

Literatur-Tipp: Chorleiter-Coaching

Tipps für die Optimierung des Chores bietet ein neues Buch des

Chorleiters und Chor-Coachs Philip Lehmann.

Der Autor, im Iran geboren, leitet in Deutschland

hauptberuflich vier Chöre und projektweise

verschiedenste Ensembles und Orchester,

er coacht Chorleiter*innen darin

Laienchöre zu leiten und hat nun darüber

ein Buch geschrieben mit dem Titel: „Chorleiter-Coaching.

Philip Lehmann: Chorleiter-Coaching - Hamburg 2021, 808 Seiten

ISBN 978-3-347-32420-6

1004 Wege dich, dein Dirigieren & deinen

Laienchor zu optimieren“. Der Autor, der

seit 15 Jahren Kurse für Chorcoaching anbietet,

gibt darin Tipps, die auf seiner Einstellung

basieren, dass der Dirigent sich

tiefgründig mit dem Werk befassen muss

– von der Geschichte bis hin zu verschiedenen

Interpretationen, und dass das Werk

über den eigenen Gesang kennengelernt

wird: „Vor allem das genaue Arbeiten, die

Kommunikation mit dem Ensemble und

die Förderung der Kommunikation zwischen

den Ensemblemitgliedern bezüglich

Spielweise und Interpretation prägen

die dirigentische Arbeit und führen so zu

einem musikalischen Ergebnis, mit dem

sich das Ensemble als Ganzes identifizieren

kann“, schreibt der Autor. Das Buch

soll ein ständiger Begleiter und Ratgeber für

jeden Laienchorleiter jeden Niveaus sein,

denn das Leiten und Dirigieren eines Laienchores

sind ein Handwerk – ein erlernbares

Handwerk mit eigenen Techniken, Arbeitswegen

und Methoden ein Produkt herzustellen:

einen glücklichen, erfolgreichen und

produktiven Chor. Das Buch ist für den Anfänger

bis zum studierten Profi geschrieben.

„Denn wo es dem Anfänger an Sachkompetenz

fehlt, fehlt es dem Profi häufig

an Sozialkompetenz“, schreibt der Coach.

Für beides bietet das Buch Handlungsanweisungen,

Tipps und Vorschläge, die die

Arbeit und den Umgang mit einem Laienchor

optimieren. Hunderte Paragrafen beschreiben

die Proben-/Konzertvorbereitung,

deren Durchführung und die Psychologie

hinter dem Laienchorleiten. Das geschieht

humorvoll, motivierend, schnodderig, auffordernd,

ehrlich, formal und provozierend,

um schlicht emotionale Reaktionen hervorzurufen.

So kommt es zur Auseinandersetzung

und Reflektion der eigenen Methoden

und damit begründet zu Änderungen oder

Bestätigung – das ist Coaching.

Aus der Redaktion

Ihre Beiträge (Texte und Bilder) für die Chorwesen

senden Sie bitte an: info@scv.bz.it (Südtiroler Chorverband)

Für etwaige Vorschläge und Fragen erreichen Sie uns unter

folgender Nummer: +39 0471 971 833 (SCV)

Redaktionsschluss für

die nächste Ausgabe des

„KulturFensters“ ist

Freitag, 17. September 2021

KulturFenster

67 04/August 2021


17.09.2021und

28.10.2021

Termine

Tagung:

„Identitätsstiftende Orte“

Infos unter: hpv.bz.it

19.09.2021

„Tag der Chöre“

Chortreffen in den Gärten von Schloss Trauttmansdorff ab 10.30 Uhr

Infos unter: https://scv.bz.it/tag-der-choere

09.10.2021

Buchvorstellung

„Geschichte der Südtiroler Blasmusik 1918-1948“

17.00 Uhr – Waltherhaus, Schlernstr. 1, Bozen

Infos unter:

https://news.provinz.bz.it/de/

news-archive/656484

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