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Die Fahne Nr. 32 Seite 3

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Abhängiges Machwerk, Preis: 1 Euro Zweiunddreißigste Ausgabe - Winter 2010/11<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong><br />

- A U S B O T T R O P -<br />

...`s back in town!


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 2<br />

Liebe Leserinnen<br />

und Leser,<br />

ja, sie ist zurück in Bottrop... <strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> -<br />

nach einjähriger Erscheinungsabstinenz... dick<br />

wie nie zuvor und obendrein mit Neuheiten: So<br />

konnte ich Kanne dazu bewegen, seine persönlichen<br />

Einsichten in das Musikgeschehens der Region<br />

in einer entsprechenden Kolumne zu präsentieren.<br />

Außerdem startet mit dieser Ausgabe ein<br />

Fortsetzungsroman. Das Besondere daran: Der<br />

jeweilige Weiterschreibautor wechselt von Ausgabe<br />

zu Ausgabe. Ein spannendes Experiment, wie<br />

ich finde.<br />

Auf Altbewährtes müsst ihr natürlich nicht verzichten:<br />

So führt uns Volker auch diesmal Out of<br />

Bottrop und Jürgen stellt uns den neuen Auster<br />

sowie den Roman eines Bottroper Autors vor.<br />

Auch Sigurds Cartoon fehlt nicht.<br />

Losgehen soll es allerdings mit einem Interview<br />

zur nicht enden wollenden Thematik Loewenfeldstraße<br />

in Kirchhellen, wo die Bezirksvertretung<br />

nicht in der Lage ist, sich von einem Straßennamen<br />

zu trennen, der an einen rechten antidemokratischen<br />

Freikorpsführer aus der Weimarer<br />

Republik erinnert.<br />

Und sonst? - <strong>Die</strong> Welt da draußen zeigt sich nass,<br />

kalt, duster – eben einfach verkackt - wie jedes<br />

Jahr um diese Zeit. Ich drück‘ euch tüchtig die<br />

Daumen, dass ihr ohne größere Blessuren in den<br />

Frühling kommt. Gregor Stratmann<br />

DIE FAHNE IM ABO<br />

Da <strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> nur an wenigen ausgesuchten Verkaufsstellen<br />

erhältlich ist, empfiehlt sich ein Abo. Innerhalb<br />

Bottrops bringen wir euch dann zum Quartalsbeginn<br />

die neueste <strong>Fahne</strong> ins Haus. Außerhalb Bottrops müssen<br />

wir leider auf die gute alte Post zurückgreifen, was<br />

die Sache ein wenig teurer macht. So oder so bekommt<br />

ihr eine Ausgabe umsonst, wenn ihr elf Ausgaben des<br />

Machwerks abonniert. 11 <strong>Fahne</strong>n kosten dann 10 Euro<br />

für Bottroper und 20 Euro für den Rest Deutschlands.<br />

Ob ihr das Geld überweist, per Post schickt, einem euch<br />

bekannten <strong>Fahne</strong>-Mitarbeiter in die Hand drückt oder<br />

selbst in der Eichenstr. 31 in den Briefkasten werft, ist<br />

uns eigentlich wurscht. Nur lasst es uns wissen, wenn<br />

ihr‘s getan habt, damit wir euch in den Verteiler mit<br />

aufnehmen können. - Freunde von Formularen kommen<br />

im Kasten rechts auf ihre Kosten.<br />

Impressum<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> erscheint vierteljährlich. <strong>Die</strong> für ihre Produkte<br />

selbst verantwortlichen Mitarbeiter der zweiunddreißigsten<br />

<strong>Fahne</strong> sind Jürgen Buchholz, Volker Vienken,<br />

Sigurd Köllner, Vince Reilly, Kanne<br />

Zuständig für Anzeigen und Kleinanzeigen ist Alexandra<br />

Baum, Tel: 02041/27793.<br />

<strong>Die</strong> Gesamtverantwortung lastet nach wie vor auf den<br />

Schultern von Gregor Stratmann (auch Titelfoto)<br />

Herstellung der <strong>Fahne</strong>: Druckerei Postberg. Verkauft<br />

wird die <strong>Fahne</strong> in Bottrop bei: Galerie Roohnikan,<br />

Gladbecker Str. 28 (Trapez); Bel‘s Pizzeria, Blumenstr.;<br />

im Transfer Copy Eck, Properstr. 31. Kneipe Cottage,<br />

Herzogstr. 58. Auflage: ca. 80 Stück.<br />

Kontakt: stratmann@die-fahne-bottrop.de<br />

Gregor Stratmann, Eichenstr. 31, 46236 Bottrop, Tel.:<br />

02041/685433. <strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> im Netz wird betreut von<br />

Norbert Heimeier und ist zu finden unter<br />

www.die-fahne-bottrop.de<br />

Zur Orientierung: <strong>Die</strong> „Frühlings“-<strong>Fahne</strong> erscheint<br />

Anfang März.<br />

Inhalt<br />

unsterblicher Loewenfeld<br />

Trip Fontaine<br />

Ad Reinhardt<br />

Kanne kicks the ass<br />

Dates<br />

Jürgens Bücher<br />

Greg dichtet<br />

Out of Bot. in Portugal<br />

Cartoon<br />

An: G. Stratmann, <strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>, Eichenstr. 31, 46236 Bottrop,<br />

Bankverbindung: Postbank Dortmund, BLZ: 44010046<br />

Kontonummer: 291471462<br />

Ich abonniere 11 Ausgaben der <strong>Fahne</strong> und habe<br />

die 10 / 20 € ...<br />

*überwiesen<br />

*per Post geschickt<br />

*durch ................ überbringen lassen<br />

*selbst gebracht<br />

*................................<br />

Name:<br />

Anschrift:<br />

Telefon:<br />

E-Mail:


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 3<br />

„Wer Widerstand leistete,<br />

wurde erschossen!“<br />

<strong>Die</strong> Diskussion um die Loewenfeldstraße in Kirchhellen nimmt kein Ende. Einmal<br />

mehr ist ein Antrag von DKP, Grünen und Linkspartei, in dem die Namensänderung<br />

gefordert wurde, an der Bezirksvertretung gescheitert. Was steckt hinter dieser nun<br />

schon jahrzehntelang andauernden Auseinandersetzung um diesen Straßennamen?<br />

Um das zu verstehen, muss man sich die Situation in Bottrop in den Jahren nach<br />

dem Ersten Weltkrieg vor Augen führen. Eine unruhige Zeit, in der Loewenfeld mit<br />

seinen Truppen auf brutale Art und Weise Ordnung herzustellen versuchte. Gregor<br />

Stratmann sprach mit Josef Bucksteeg, der sich eingehend mit dieser Phase der Bottroper<br />

Geschichte auseinandergesetzt hat, über die Ereignisse.<br />

Das Schild des Anstoßes in Kirchhellen Foto Wikip.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Als ich vor 13 Jahren am Kirchhellener<br />

Vestischen Gymnasium als Referendar im<br />

Geschichtsunterricht saß, wurde die Frage einer<br />

möglichen Umbenennung der Loewenfeldstraße<br />

als lokalgeschichtliches Thema schon kontrovers<br />

behandelt. Eigentlich war ich davon ausgegangen,<br />

die Umbenennung sei inzwischen schon lange<br />

geschehen. Doch die Straße trägt ihren Namen<br />

nach wie vor, und um den wird immer noch gestritten.<br />

Worum geht es bei der Auseinandersetzung?<br />

Bucksteeg: Das Thema scheint wirklich unsterblich<br />

zu sein. Wilfried von Loewenfeld ist ein Mann, an<br />

dem sich die Geister scheiden, was sein militärisches<br />

Durchgreifen gegen die revolutionären Arbeiter<br />

1920 in Bottrop und eben in Kirchhellen angeht.<br />

Während die einen Loewenfeld als Faschisten,<br />

Militaristen und Anführer einer Mörderbande<br />

sehen, feiern seine Befürworter ihn als Befreier<br />

von gewalttätigen roten Revolutionären.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: <strong>Die</strong> Aktionen Loewenfelds sind<br />

eng verknüpft mit den Ereignissen, die sich als<br />

Folge des Ersten Weltkriegs auch in Bottrop<br />

abspielten. Daher sollten wir uns zunächst einmal<br />

die Situation in Deutschland und speziell<br />

in Bottrop am Ende des Ersten Weltkriegs im<br />

November 1918 klarmachen.<br />

Bucksteeg: <strong>Die</strong> bedingungslose Kapitulation<br />

der deutschen Armee im November 1918 und<br />

der Zusammenbruch der Monarchie, also die<br />

Abdankung des Kaisers, führte zu chaotischen<br />

Verhältnissen. <strong>Die</strong> neu formierten meist links orientierten<br />

sogenannten Arbeiter- und Soldatenräte<br />

sicherten damals ein Mindestmaß an öffentlicher<br />

Ordnung und die Versorgung der Bevölkerung.<br />

Auch in Bottrop bildetet sich ein solcher Arbeiter-<br />

und Soldatenrat, der linkslastig war, aber<br />

nicht radikal. <strong>Die</strong>ser Arbeiter- und Soldatenrat<br />

bestand hier etwa ein halbes Jahr von November<br />

1918 bis zum Sommer 1919.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: In dieses halbe Jahr – der Anfangszeit<br />

der Weimarer Republik - fällt auch<br />

der sogenannte Spartakusaufstand in Berlin<br />

der von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht<br />

neu gegründeten Kommunistischen<br />

Partei. Wie wirkte sich dieser Aufstand auf<br />

Bottrop aus?


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 4<br />

Josef Bucksteeg beim Interview<br />

mit der <strong>Fahne</strong> Foto strat<br />

<strong>Die</strong> Kindheit und Jugend des<br />

1935 in Bottrop geborenen Josef<br />

Bucksteeg waren geprägt<br />

von den Kriegs- und Nachkriegsjahren.<br />

Bis 1971 war<br />

er in der Bottroper Stadtverwaltung<br />

tätig, übernahm dann<br />

die Leitung des Katholischen<br />

Bildungswerkes und unterrichtete<br />

Religion an Bottroper<br />

Gymnasien. Zudem hielt er Vorträge<br />

zu weltanschaulichen und<br />

historischen Themen. Mehrere<br />

Jahre lang saß er für die ÖDP<br />

im Rat der Stadt. <strong>Die</strong> letzten<br />

Jahre widmete er unter anderem<br />

der Auseinandersetzung mit der<br />

Bottroper Stadtgeschichte und<br />

veröffentlichte acht Schriften<br />

zu lokalhistorischen Themen.<br />

Unter anderem beschäftigte er<br />

sich dabei im Auftrag des Stadtrates<br />

mit den Revolutionsjahren<br />

in Bottrop 1918-1920, der Zeit<br />

nach dem Ersten Weltkrieg.<br />

Zuletzt ist vor wenigen Wochen<br />

seine Untersuchung zur Bottroper<br />

Armenfürsorge vom späten<br />

Mittelalter bis zur Neuzeit erschienen.<br />

Erhältlich sind Bucksteegs<br />

historische Schriften im<br />

Bottroper Stadtarchiv.<br />

Bucksteeg: Der Aufstand wurde<br />

in Berlin blutig niedergeschlagen,<br />

Luxemburg und Liebknecht<br />

am 15. Januar ermordet. <strong>Die</strong><br />

Unruhen griffen aber auf‘s<br />

Ruhrgebiet und hier auch auf<br />

Bottrop über, wo das Rathaus<br />

am 19. Februar 1919 von revolutionären<br />

Arbeitern gestürmt<br />

wurde. Allerdings wurde Bottrop<br />

kurz darauf im Auftrag der<br />

Reichsregierung durch sogenannte<br />

Freikorpstruppen besetzt<br />

und die Revolutionäre aus dem<br />

Rathaus vertrieben.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Ein Jahr später<br />

sollte es dann zu jenen Unruhen<br />

kommen, bei denen auch<br />

die Brigade Loewenfeld in<br />

Bottrop eine Rolle spielte. Und<br />

zwar hatten in Berlin rechtsgerichtete<br />

Militärs am 13.<br />

März 1920 geputscht. Da die<br />

sozialdemokratisch geführte<br />

Regierung von der noch kaiserlich<br />

orientierten Armee in<br />

dieser Situation im Stich gelassen<br />

wurde, musste sie aus<br />

Berlin fliehen und rief zum<br />

Generalstreik auf.<br />

Bucksteeg: Tatsächlich waren<br />

sich beim Kapp-Putsch alle Gewerkschaften<br />

einig gewesen, dass<br />

nur ein Generalstreik die Machtübernahme<br />

durch die Militärs<br />

verhindern konnte. <strong>Die</strong>ser Streik<br />

war so massiv, dass innerhalb<br />

weniger Tage der Kapp-Putsch in<br />

sich zusammenbrach, weil auch<br />

die Bürokratie nicht mitmachte.<br />

Danach hätte sich die Lage wieder<br />

beruhigen sollen, aber das<br />

Misstrauen der Arbeiterschaft<br />

war jetzt so groß, dass es hier im<br />

Ruhrgebiet zu einer Bewaffnung<br />

kam und sich die mäßigenden<br />

Kräfte nicht mehr durchsetzten.<br />

Es zeigte sich einfach, dass sich<br />

hier konkurrierende Gesellschaftsmodelle<br />

kämpferisch gegenüberstanden:<br />

bei den revolutionären<br />

Arbeitern die Idee einer<br />

Räterepublik nach sowjetischen<br />

Vorbild, dann die Idee einer in<br />

der Mitte angesiedelten parlamentarische<br />

Regierungsform, wie<br />

sie z.B von der Mehrheits-SPD<br />

gewünscht wurde, oder eben<br />

Festnahme des Spartakisten Alois Fulnezek aus dem Fuhlenbrock durch<br />

Freikorps-Soldaten. Fulnezek kam am 23.02.1919 kurz nach seiner Festnahme<br />

unter ungeklärten Umständen um‘s Leben.


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 5<br />

eine von den Militärs dominierte<br />

Ordnung nach altem autoritärem<br />

Muster, wie sie den Putschisten<br />

aus der Armee vorschwebte.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Wie muss man sich<br />

die Organisation der revolutionären<br />

Arbeiter, die sich nach<br />

dem Kapp-Putsch im Ruhrgebiet<br />

bewaffneten, vorstellen?<br />

Bucksteeg: Das war damals ein<br />

sehr buntes Bild revolutionärer<br />

Gruppen und Bestrebungen. Das<br />

ging von Hagen aus, organisiert<br />

interessanterweise von einem katholischen<br />

Volksschullehrer. Aber<br />

es fehlte an großen Strategen. Es<br />

war eigentlich eine relativ führungslose<br />

Bewegung, was auch<br />

ihre Schwäche ausmachte. Es<br />

kam zu bürgerkriegsähnlichen<br />

Zuständen in den großen Städten<br />

in Dortmund, Essen und Mülheim<br />

und dann überschwappend<br />

auch in Bottrop. Hier gab es so<br />

eine Art Endschlacht von Bottrop,<br />

die sehr blutig verlief, weil<br />

jetzt auch die Freikorps massiv<br />

eingriffen.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Wir haben nun<br />

wiederholt von den Freikorps<br />

gesprochen. Was waren das für<br />

Einheiten?<br />

Kämpfer der Roten Ruhrarmee auf dem Weg zur Front.<br />

Bucksteeg: <strong>Die</strong> Freikorps waren<br />

im Grunde Privatarmeen, die<br />

aus dem Chaos des untergegangenen<br />

Wilhelminischen Reiches<br />

entstanden. Das Offizierskorps,<br />

das ja jetzt nach dem Ende der<br />

Kaiserzeit politisch und beruflich<br />

heimatlos geworden war, fühlte<br />

sich alten Traditionen verpflichtet<br />

und verraten von den Streiks, die<br />

es im Vorfeld der Novemberrevolution<br />

gegeben hatte. Das<br />

Offizierkorps kämpfte praktisch<br />

um‘s Überleben. Sie wollten die<br />

Niederlage nicht akzeptieren,<br />

wollten den Revolutionären nicht<br />

nachgeben. <strong>Die</strong> Führer der Freikorps,<br />

eben solche ehemaligen<br />

Offiziere, waren traditionell geprägt<br />

und bewaffneten sich nun<br />

reichlich aus den Depots und<br />

wurden auch finanziert von wohlhabenden<br />

Kreisen. Jedenfalls hatten<br />

sie reichlich Geld und auch<br />

Uniformen. <strong>Die</strong> Soldaten, die<br />

mitmachten, hatten ausreichend<br />

zu essen und sie waren bestens<br />

bewaffnet.<br />

<strong>Die</strong>se Freikorps wurden also aus<br />

der Not heraus von der sozialdemokratischen<br />

Regierung in<br />

Berlin in Anspruch genommen<br />

und griffen in die Kämpfe ein.<br />

Allerdings bestand ein ganz<br />

tiefes Misstrauen zwischen der<br />

sozialdemokratischen Regierung<br />

in Berlin, die im Grunde mit denen<br />

nichts zu tun haben wollte,<br />

und den Freikorps. Entsprechend<br />

wurden die Verbände dann im<br />

Laufe des Jahres 1920 aufgelöst.<br />

Viele Freikorps-Leute sind nach<br />

der Auflösung der Verbände zur<br />

SA gegangen und später unter<br />

Hitler in die Wehrmacht eingetreten<br />

und haben dort auch Karriere<br />

gemacht. Schon 1920 war auf<br />

den Helmen einiger Freikorps-<br />

Verbände das Hakenkreuz zu<br />

sehen.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Wie muss man sich<br />

die innere Struktur dieser Freikorps<br />

vorstellen?<br />

Bucksteeg: Für die Freikorps-<br />

Soldaten waren ihre Führer die<br />

zentrale Figuren. Sie waren eingeschworen<br />

auf ihren jeweiligen<br />

Führer, der zum Teil fast eine Vaterfunktion<br />

für die Kämpfer hatte,<br />

was eben auch zu der Mythenbildung<br />

führte. So blieben die<br />

sogenannten Kameradschaften<br />

noch später zusammen, bis die<br />

Leute wegstarben und man hatte<br />

so etwas wie einen gemeinsamen<br />

Korpsgeist. So war es auch bei<br />

der Brigade Loewenfeld. Von Loewenfeld<br />

war der große Held für<br />

seine Leute, der sie verband und<br />

führte. <strong>Die</strong>ses Geführtwerden<br />

stand im deutlichen Gegensatz zu<br />

den relativ führungslosen Revolutionären.


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 6<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: <strong>Die</strong> SPD in Berlin arbeitete also mit<br />

undemokratischen ehemaligen Militärs, eben<br />

den Freikorps, zusammen, um die eigenen Genossen,<br />

die Arbeiter, zu bekämpfen?<br />

Bucksteeg: <strong>Die</strong> Regierung in Berlin fürchtete natürlich<br />

anarchistische Zustände. Sie fühlte sich<br />

von den Linksradikalen bedroht. <strong>Die</strong> aufkeimende<br />

Demokratie war damals ja noch ein ganz zartes<br />

Pflänzchen. Weil auch die reguläre Reichswehr<br />

in der Auflösung begriffen war, setzte die Regierung<br />

aus der Not heraus, um dieser Unruhe Herr<br />

zu werden, auf die Freikorps. Aber sie haben sie<br />

nicht gemocht. Innenminister Severing von der<br />

SPD zum Beispiel hat sich immer wieder gegen<br />

die willkürlichen Todesurteile ausgesprochen, die<br />

gefällt wurden.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: War denn Bottrop in den Tagen<br />

nach dem Kapp-Putsch bis zum Eintreffen dieser<br />

Freikorps in den Händen aufständischer<br />

Arbeiter?<br />

Bucksteeg: Nun, man kann sagen: Sie waren vorübergehend<br />

die dominierende Kraft in Bottrop und<br />

Kirchhellen. Allerdings waren sie außerordentlich<br />

schlecht bewaffnet und es fehlte an einer zentralen<br />

Kampfleitung.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Wie sah die Situation in Kirchhellen<br />

aus?<br />

Bucksteeg: Eine Gruppe revolutionärer Arbeiter<br />

hatte auch die Macht in Kirchhellen an sich gerissen.<br />

Aber das muss man nicht so dramatisch<br />

sehen, weil die ganz schlecht bewaffnet waren.<br />

Nur jeder Dritte oder Vierte hatte ein Gewehr. Im<br />

Vergleich zur Kirchhellener Bevölkerung und ihrer<br />

Bürgerwehr waren sie sehr schlecht bewaffnet.<br />

Und es war auch nur ein Interezzo. Aber sie störten<br />

natürlich massiv die bäuerlich geprägte Welt der<br />

Kirchhellner. Sie hungerten zudem und erbaten<br />

Lebensmittel, erzwangen die dann auch und wurden<br />

von der Kirchhellener Bevölkerung als Last<br />

und Bedrohung empfunden. Ob es wirklich eine<br />

Bedrohung war, sei dahingestellt. Aber in der Erinnerung<br />

der Menschen waren es ganz schreckliche<br />

Tage. Allerdings handelt es sich tatsächlich nur um<br />

eine wenige Tage.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Worin bestand das Schreckliche<br />

eigentlich?<br />

Bucksteeg: Es entstanden später Legenden mit<br />

Dramatisierungen einer Schreckensherrschaft.<br />

Tatsächlich aber wird eine solche Schreckensherrschaft<br />

durch die Dokumente nicht gestützt.<br />

Es gibt einen einzigen Bericht über einen Einwohner,<br />

der von den Linken erschossen worden<br />

sein soll und dieser Bericht existiert in mehreren<br />

Varianten und ist nicht wirklich hieb- und stichfest.<br />

Den alt eingesessenen Bauern und Handwerker<br />

waren die aufständischen Arbeiter Soldaten völlig<br />

fremd. Das waren zwei völlig fremde Welten,<br />

die einfach nicht zusammenpassten und die<br />

sich feindlich gegenüberstanden. Später bildete<br />

sich eine Überlieferung in Kirchhellen, die eben<br />

diese Tage des Arbeiter- und Soldatenrates als<br />

schrecklich und bedrohlich schildert und auch so<br />

tradierte. In diesem Zusammenhang wurden die<br />

Aktionen der Loewenfeld-Brigade als Befreiung<br />

von der roten Terrorherrschaft empfunden.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Wie muss man sich diese sogenannte<br />

Befreiung von Kirchhellen konkret<br />

vorstellen?<br />

Bucksteeg: Das Vorgehen kann man an den alten<br />

Tagesbefehlen der Brigade Loewenfeld aus dem<br />

militärhistorischen Institut gut nachvollziehen.<br />

So geht daraus hervor, dass am 1. April 1920 das<br />

Stellwerk in Kirchhellen gestürmt wurde. In dem<br />

Tagesbericht heißt es, dass alle Verteidiger – acht<br />

Männer und zwei Frauen - erschossen wurden.<br />

Danach passierte nicht mehr viel. <strong>Die</strong> Loewenfelder<br />

rückten ein und die wenigen revolutionären<br />

Arbeiter verschwanden, weil sie gar keine Möglichkeiten<br />

hatten sich weiter zu verteidigen. Viele<br />

Revolutionäre sind in die Wälder geflüchtet, um<br />

sich der Erschießung durch die Freikorps zu entziehen.<br />

An den Erschießungen beim Stellwerk<br />

sieht man eben, dass die Loewenfelder sehr militärisch<br />

vorgingen. Das heißt: Wer Widerstand<br />

leistete, wurde erschossen.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Wie viele Opfer gab es denn bei<br />

den Aktionen?<br />

Bucksteeg: In Kirchhellen waren das eben die 10


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 7<br />

Erschossenen am Stellwerk. In Bottrop allerdings<br />

gab es deutlich mehr Erschießungen – etwa von<br />

jungen Bergarbeitern aus dem Ledigenheim. Dort<br />

kam es zu diesem Blutkarfreitag und -samstag<br />

im März 1920 mit dem Endkampf an der Randebrockstraße.<br />

Da war die Straße übersät mit Toten:<br />

viele Kämpfer der sogenannten Roten, aber auch<br />

einige Loewenfelder, die später ihr Denkmal auf<br />

dem Friedhof in Kirchhellen bekamen.<br />

Insgesamt sind in Bottrop mindestens 56 revolutionäre<br />

Bergleute erschossen worden.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Wodurch zeichnete sich das Vorgehen<br />

der Brigade Loewenfeld aus?<br />

Bucksteeg: Durch die drakonische Art, wie sie<br />

jeden Widerstand niedermachten. Es gab in Bottrop<br />

eine Reihe von standgerichtlichen Urteilen.<br />

Und die wurden sofort vollstreckt. Wer verdächtigt<br />

war, Widerstand zu leisten, wurde kurzerhand<br />

erschossen. Sie haben rigoros durchgegriffen<br />

und waren nicht zimperlich mit Erschießungen.<br />

Es gab eine Menge dokumentierter standgerichtlicher<br />

Prozesse, die aber im Grunde genommen<br />

Freikorps-Soldaten der Brigade Loewenfeld vor dem Bottroper Rathaus.<br />

gesetzlos waren. <strong>Die</strong>se Prozesse haben in den Akten<br />

auch meist den Vermerk „sofort vollstreckt“.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Sind dabei auch Unschuldige erschossen<br />

worden?<br />

Bucksteeg: <strong>Die</strong> Frage von Schuld und Unschuld<br />

ist hier schwer zu klären. <strong>Die</strong> da erschossen wurden,<br />

das waren oft junge Bergarbeiter mit einer<br />

revolutionären Gesinnung. Sie wollten die alte<br />

Militärherrschaft nicht mehr haben, wollten eine<br />

Gesellschaft eher nach sozialistischem, sowjetischem<br />

Vorbild.<br />

Jedenfalls muss man sagen, dass die Zahl der Gewaltakte<br />

seitens der Freikorps-Truppen wesentlich<br />

höher war als von <strong>Seite</strong>n der Revolutionäre. Von<br />

denen gab es vereinzelt natürlich auch Übergriffe,<br />

aber die Brutalität der Freikorps überwiegt doch<br />

bei Weitem.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Und dennoch hat man in Kirchhellen<br />

die Brigade Loewenfeld so sehr geschätzt,<br />

dass man nach ihrem Führer eine Straße benannt<br />

hat?


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 8<br />

Wilfried von Loewenfeld<br />

(1879-1946) folgte der Offizierstradition<br />

seiner Familie,<br />

ging zur Marine und nahm<br />

dort am Ersten Weltkrieg teil.<br />

Nach Kriegsende wurde er<br />

bekannt als Leiter des Freikorps<br />

Loewenfeld, das 1919<br />

und 1920 in Oberschlesien<br />

und im Ruhrgebiet kämpfte.<br />

Nach Auflösung der Freikorpsverbände<br />

im Mai 1920<br />

machte er Karriere in der<br />

Reichsmarine, wo er es bis<br />

zu seiner Entlassung 1928 bis<br />

zum Konteradmiral brachte.<br />

Von Loewenfeld stand auch<br />

unter der Wehrmacht Hitlers<br />

1939 der Marine noch zur<br />

Verfügung, wurde aber nicht<br />

mehr in den aktiven <strong>Die</strong>nst<br />

eingezogen.<br />

Bucksteeg: <strong>Die</strong> Loewenfeldstraße<br />

in Kirchhellen hat ihren<br />

Namen während der Nazi-Zeit<br />

erhalten. Dann kam aber nach<br />

Kriegsende 1947 die Gemeindevertretung<br />

zusammen, um<br />

die Nazi-Namen zu beseitigen<br />

und hat auch mit Blick auf die<br />

Loewenfeldstraße festgestellt,<br />

dass dieser Loewenfeld ein Militarist<br />

und Anhänger der Nationalsozialisten<br />

gewesen sei. Deswegen<br />

gab es den einstimmigen<br />

Beschluss der Kirchhellner 1947<br />

diesen Namen zu tilgen und die<br />

Straße auf der ganzen Länge<br />

wieder Johannesstraße zu nennen.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Aber sie heißt doch<br />

auch heute noch Loewenfeldstraße.<br />

Bucksteeg: In den folgenden<br />

Jahren hat sich dann die alte Loewenfeld-Kameradschaft,<br />

also<br />

die immer älter werdenden Loewenfeld-Kämpfer,<br />

die ihre eigene<br />

Ruhmesgeschichte pflegten,<br />

regelmäßig an dem Denkmal in<br />

Kirchhellen versammelt - mit<br />

Musikkapelle, Ansprachen und<br />

auch Reden des Bürgermeisters.<br />

Das war eine in der Presse immer<br />

wieder stark beachtete Veranstaltung,<br />

bei der dann der alte<br />

ruhmreiche Geist der Freikorps<br />

beschworen wurde. Und so entwickelte<br />

sich eine Erinnerungskultur<br />

in Kirchhellen, in der die<br />

Freikorps-Leute immer mehr<br />

die strahlenden Helden wurden,<br />

die Befreier. Das hat sich als<br />

Geschichtsbild immer mehr verfestigt.<br />

Jedenfalls beschloss der<br />

Gemeinderat am 7. Juni 1960<br />

in Kirchhellen diesen Teil der<br />

Johannesstraße Straße wieder<br />

Loewenfeldstraße zu nennen.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Sie haben sich ja<br />

nun intensiv mit den Ereignissen<br />

in Bottrop in den Jahren<br />

nach dem Ersten Weltkrieg<br />

beschäftigt. Welche Signalwirkung<br />

geht Ihrer Meinung nach<br />

davon aus, dass es in Bottrop<br />

eine nach Wilfried von Loewenfeld<br />

benannte Straße gibt?<br />

Bucksteeg: Positiv ist zu bemerken,<br />

dass der Widerstand gegen<br />

diese Namensgebung zu einer<br />

Beschäftigung mit dem Thema<br />

zum Beispiel auch in den Schulen<br />

führte. Und es gibt eben auch<br />

in der aktuellen Diskussion den<br />

Standpunkt, dass dieser Straßenname<br />

dazu beitrage, an eine dramatische<br />

Episode der deutschen<br />

Geschichte zu erinnern.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: In der Logik dieser<br />

Argumentation könnte man<br />

Straßen und Plätze etwa nach<br />

dem Organisator der Judenvernichtung<br />

Heinrich Himmler<br />

benennen, um ein Interesse für<br />

Geschichte zu wecken.<br />

Bucksteeg: Genau das Problem<br />

sehe ich auch. Eine Namensgebung<br />

hat immer den Sinn, an<br />

verdienstvolle Personen oder<br />

an ruhmreiche Ereignisse zu<br />

erinnern. Sonst müsste man im<br />

Extremfall auch der alten Adolf-<br />

Hitler-Straße ihren Namen zurückgeben,<br />

um an die Schandtaten<br />

Hitlers zu erinnern.<br />

Wie sollte man also Ihrer Meinung<br />

nach mit der Loewenfeldstraße<br />

verfahren?<br />

Bucksteeg: Es läuft letztlich darauf<br />

hinaus, dass man den Namen<br />

der Loewenfeldstraße ändern<br />

sollte. Es gab schon mehrere Vorschläge.<br />

Ich selbst habe seiner<br />

Zeit empfohlen die Straße nach<br />

dem verdienstvollen liberalen<br />

Politiker Walter Rathenau zu<br />

benennen, der 1922 von einem<br />

rechtsextremen Attentäter ermordet<br />

wurde.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong>: Viele Dank für das<br />

Gespräch!<br />

(Histor. Fotos v. J. Bucksteeg)


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong><br />

Volker empfiehlt....<br />

<strong>Seite</strong> 9<br />

Ich bin konservativ! – Musikalisch!<br />

– <strong>Die</strong> Stones, Who,<br />

AC/DC, Colloseum, Van<br />

Morrison bestimmen mein<br />

Rockuniversum - im Blues<br />

geh ich noch weiter zurück,<br />

Robort Johnson, Big Mama<br />

Thornton, Leadbelly, viele<br />

andere entdecke ich gerade.<br />

Klar gibt es auch mal was<br />

Neues, wie die White Stripes<br />

– an Jack White kommt<br />

man als Gitarrist und Musikliebhaber<br />

eigentlich nicht<br />

vorbei.<br />

Aber letztens hat mich eine<br />

frische, junge Band wirklich<br />

umgehauen – Trip Fontaine!<br />

Eine Band irgendwo zwischen<br />

Hardocre, Punk und<br />

Pop, mit Jazzeinflüssen, eigentlich<br />

kaum einzuordnen,<br />

aus deutschen Landen.<br />

Aufmerksam geworden bin<br />

ich durch einen Tipp auf<br />

die CD „Dinosaurs in Rocketships“<br />

– ein durchweg<br />

gelungenes Album, harte<br />

und ruhige Songs, verquere<br />

Rhythmen, abgedrehte Gitarrenriffs,<br />

treibende Drums<br />

– auch „Hit“-Verdächtiges,<br />

wie „Shine on You Lazy<br />

Liason“ findet man. Meine<br />

Favoriten auf der CD sind<br />

aber „Rio, How Nice“ und<br />

das ruhige „Das Ende vom<br />

Zelt“, welches in ein furios-kraftvolles<br />

letztes und<br />

unbetiteltes Stück mündet<br />

und unbedingt zusammen<br />

gehört werden sollte! – Das<br />

geht gar nicht laut genug im<br />

Trip Fontaine!<br />

CD-Player ;o)<br />

Richtig überrascht war ich<br />

dann, als ich die fünf ca. 22<br />

Jahre alten Jungs vor Kurzem<br />

für kleines Geld im Underground<br />

in Köln gesehen habe.<br />

Der erste Akkord elektrisierte<br />

mich schon, brutal laut, unglaublich<br />

energetisch spielte<br />

Trip Fontaine Nummer nach<br />

Nummer, minimalistischer<br />

Kontakt zum Publikum, hauptsächlich<br />

um sich und die Musik<br />

kümmernd, rotierten die<br />

Musiker an den Instrumenten,<br />

alleine dass sich zwei Bandmitglieder<br />

am Schlagzeug<br />

abwechselten und kein qualitativer<br />

Unterschied zu hören<br />

war! <strong>Die</strong> Gitarren wechselten<br />

die Spieler, Effektgeräte wur-<br />

den bis zum Geht-Nicht-Mehr<br />

in der Soundmodulation ausgereizt,<br />

selbst ein alter Moog-Synthesizer,<br />

der zu der Zeit, als ich<br />

angefangen habe laute Musik zu<br />

machen, schon eine Antiquität<br />

war, wurde immer wieder mal<br />

eingesetzt. Genial!<br />

Ich hab mich und meine Begleiter<br />

mehrfach gefragt, was<br />

da eigentlich gerade passiert<br />

– so unglaublich geil war der<br />

Auftritt!<br />

Also von mir eine absolute<br />

Empfehlung, wenn man laute,<br />

erfrischend andere Musik mag<br />

– gerade auch für uns alte konservative<br />

Rockmusikhörer ;o)<br />

(Text und Bild von V. Vienken)


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 10<br />

‚Kunst ist<br />

Kunst, und alles<br />

andere ist alles<br />

andere‘<br />

(Ad Reinhardt)<br />

Im Bottroper Josef Albers Museum (dem sogenannten<br />

Quadrat) gibt es eine Austellung<br />

mit den letzten Bildern des amerikanischen<br />

Künstlers Ad Reinhardt (1913-1965.) Wenn<br />

Sie erstmals einige dieser Bilder ansehen,<br />

scheinen sie komplett schwarz zu sein. <strong>Die</strong><br />

Erfahrung ist ähnlich wie beim Betreten eines<br />

dunklen Zimmers – zuerst betreten Sie<br />

eine Pechschwärze, doch nachdem sich Ihre<br />

Augen gewöhnt haben, kristallisieren sich<br />

Formen heraus und schließlich: schwache<br />

Farben.<br />

Wegen ihrer Raffiniertheit sollte man diese<br />

Bilder in keinem Fall als Reproduktion ansehen,<br />

sondern tatsächlich vor ihnen stehen.<br />

Wie viele Arbeiten, die man mit Minimalismus<br />

und Colour Field Painting verbindet,<br />

sind die Bilder groß genug Ihren gesamten<br />

Sichtbereich auszufüllen. Seien Sie daher<br />

nicht schüchtern und stellen Sie sich in nur<br />

eineinhalb Metern Entfernung vor das Bild!<br />

(Aber bitte nicht näher, weil die Oberflächen<br />

mit den dünnen Schichten matter Farben<br />

unglaublich brüchig und verletzlich sind.)<br />

Jetzt lassen Sie sich die Zeit und erlauben<br />

Sie Ihren Auge auf der Oberfläche entlang<br />

zu wandern und sich der Dunkelheit anzupassen.<br />

Das ist der Moment, in dem das stille<br />

Drama beginnt.<br />

Reinhardt war ein strikter Anhänger des<br />

Reinhardt bei der Arbeit 1966, fotografiert von J. Loengard<br />

modernistischen Ideals der Einheitlichkeit der<br />

Materialien. In der Malerei am Ende des 19.<br />

Jahrhunderts bedeutete dies, dass ein Bild nicht<br />

die illusorische Darstellung der uns umgebenden<br />

Welt war, sondern vorwiegend Farbe auf<br />

einer flachen Oberfläche. In den späten 50er<br />

Jahren brachte Reinhardt diese Idee noch weiter<br />

voran, weil er Form und Farbe als gefährlich<br />

ausdrucksvoll empfand, die Welt um uns reflektierend<br />

oder das aus unserem Inneren Hervorquellende.<br />

Für Reinhardt ist ein Bild einfach ein<br />

reines Objekt. Es gibt überhaupt keine Illusionen<br />

oder äußere Anspielungen, auch keine psychologischen<br />

oder spirituellen. Was man sieht,<br />

ist was man bekommt. Punkt!<br />

Aber auch eine rein schwarze Fläche birgt ihre<br />

Gefahren. Ihre Augen sind ohne Anker und treiben<br />

gelassen auf einem Meer von Gedanken,<br />

endlos, unbegrenzt, der Abgrund, unsere eigene<br />

Zerbrechlichkeit, Brüchigkeit und Sterblichkeit<br />

... Aber halt! <strong>Die</strong>s ist kein Film von Woody<br />

Allen! Sie stehen einfach 1,5 Meter von einem<br />

Bild entfernt. Um uns stabil auf dem richtigen<br />

Weg zu halten, teilte Reinhardt die Oberfläche<br />

in symmetrische, geometrische Quadrate und<br />

Rechtecke. Zunächst sehen diese aus wie sehr<br />

raffinierte dunklere oder hellere Schwarzvarianten.<br />

Aber bei genauerer Prüfung werden Sie<br />

sehen, dass dies echte Farben sind – Rot, Grün,<br />

Blau, Gelb – die in dünnen durchsichtigen<br />

Schwarzschichten verschleiert sind.


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 11<br />

<strong>Die</strong>se Unterbrechungen der Oberfläche verankern<br />

und beschäftigen die Augen (und den<br />

Geist) und – ironischerweise - betonen sie<br />

die Flachheit der Oberfläche.<br />

<strong>Die</strong> Austellung ist benannt ‚Letzte Bilder:<br />

Ad Reinhardt,‘ aber für Reinhardt bezog<br />

sich das nicht nur auf seine Bilder, sondern<br />

auf das Malen per se. Er fühlte, dass seine<br />

Sammlung von schwarzen Bildern das letzte<br />

Wort modernistischen Malens darstellte und<br />

in gewisser Weise lag er damit ganz richtig.<br />

Nach Reinhardt und der Minimalismus/<br />

Colour Field Painting Movement der 60er<br />

Jahre gab es in der Kunst eine starke Zunahme<br />

von Bewegungen, die sich mit dem<br />

befassten, was Reinhardt selbst ‚everything<br />

else‘ (‚alles andere‘) nannte: Populär-Kultur<br />

(Pop Art), optische Illusion (Op Art), Politik<br />

und Identität (Konzeptualismus und Neo-<br />

Expressionismus), Geschichte (Post-Modernismus)...<br />

und heute haben wir eine Kunstwelt<br />

des freien und perfekten Pluralismus‘,<br />

in der das einzige generelle Kriterium für<br />

jedes Kunstwerk die Frage ist, ob es gut ist<br />

– unabhängig von seinem Stil, Material oder<br />

Medium. Das zeitgenössische Kunstmuseum K<br />

21 in Düsseldorf ist auf fünf Etagen gefüllt mit<br />

Sammlungen von Skulpturen, Filmen, Animationen,<br />

Installationen, Bildern (sowohl figurativ und<br />

abstrakte sowie flache und gemalte), die alle eine<br />

reiche und fabelhafte Verschiedenheit von komplizierten<br />

Erfahrungen und Konzepten, Träumen<br />

und Albträumen, Vorstellungen und Möglichkeiten<br />

ausdrücken. In diesen Kontext gestellt,<br />

könnte man die aktuelle Ausstellung von kargen<br />

schwarzen Bildern im Quadrat als den Ground<br />

Zero der zeitgenössischen Kunst ansehen, als<br />

eine drückende Dunkelheit vor dem Big Bang,<br />

vielleicht als den bedeutendsten kulturellen Höhpunkt<br />

der letzten Jahre in Deutschland und das in<br />

Bottrop!<br />

<strong>Die</strong> Ausstellung dauert bis zum 9. Januar 2011<br />

und der Eintritt ist an bestimmten Tagen frei für<br />

die Besucher mit Wohnsitz in Bottrop. Vielleicht<br />

ist das ja ein Grund sich die Zeit zu nehmen, dem<br />

örtlichen Museum einen Besuch abzustatten...<br />

Vince Reilly<br />

(Fotos: Quadrat)


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 12<br />

‚this kicks my ass‘<br />

03.12.10 The Brew, Musiktheater Piano, Dortmund<br />

Extrem jung, extrem gut! Ob der ‚alte‘ Vater des<br />

Schlagzeugers immer ein gutes Vorbild fuer seine<br />

beiden Jungs ist, ist noch nicht abschliessend geklaert<br />

;-) www.myspace.com/thebrewinfo<br />

04.12.10 Stevie Salas + Bernard Fowler: The<br />

IMF‘s, Musiktheater Piano, Dortmund.<br />

Ein Muss fuer jeden, der wissen moechte, was in<br />

der leblosen Huelle Rollings Stones steckt!<br />

www.myspace.com/theimfs<br />

Konzerthinweise von und mit Kanne<br />

10.12.10 Ana Popovic & Band, Schwarzer Adler,<br />

Rheinberg, 11.12.10 Ana Popovic & Band, Schwarzer<br />

Adler, Rheinberg<br />

So gefragt, dass die Frontfrau an Vox und Gitarre<br />

gleich 2 Gigs in ihrer ‚niederrheinischen Stammkneipe‘<br />

spielt! www.myspace.com/anapopovic<br />

Dana Fuchs sieht nicht nur blendend aus, sondern<br />

kann auch gut singen.<br />

20.01.11 David Gogo, Schwarzer Adler, Rheinberg.<br />

Brillianter ‚Liedermacher‘, die Songs auf<br />

mySpace sind leider nicht seine besten!<br />

www.myspace.com/davidgogo<br />

30.01.11 Bernard Allison Group, Schwarzer<br />

Adler, Rheinberg.<br />

Ihr braucht Funk? Hier die Mischung mit Blues &<br />

Rock! www.myspace.com/bernardallisongroup<br />

11.02.11 Dana Fuchs Band, Parkhaus, Duisburg-<br />

Meiderich.<br />

Sieht blendend aus, hat eine unglaubliche Stimme<br />

und Praesenz. Dem, der anschliessend nicht<br />

verliebt ist, kann nicht geholfen werden!<br />

www.myspace.com/thedanafuchsband<br />

‚Venues‘<br />

Musiktheater Piano, Dortmund: Von aussen ein<br />

angegammelter Haeuserblock hat das ueber 100<br />

Jahre alte Baudenkmal innen Sensationelles zu<br />

bieten: einen Jugendstil-Ballsaal!<br />

Schwarzer Adler, Rheinberg: Gut ueber die A42<br />

oder mit der Rheinfaehre ueber Orsoy zu<br />

erreichen. An die urige Kneipe ist eine etwas<br />

schlauchige Veranstaltungshalle mit eher<br />

kleiner Kapazitaet angeschlossen.<br />

Parkhaus, Duisburg-Meiderich: Nicht fuer Autos,<br />

sondern im Park liegt das Jugendzentrum.<br />

Der recht kleine quadratische Veranstaltungsraum<br />

macht Livekonzerte zu einem recht<br />

intimen Erlebnis. Raucher fuehlen sich auf der<br />

angeschlossenen ueberdachten Terrasse wohl.<br />

‚Liveband des Monats‘<br />

„Accord On Bleu“<br />

Lange glaubte ich, gute Musikanten koennen<br />

nicht aus Deutschland kommen. <strong>Die</strong> Burschen aus<br />

dem Sauerland sind definitiv der Gegenbeweis.<br />

Aus Musikerfamilien stammend, beherrschen<br />

alle ihr Handwerkszeug perfekt, glaenzen durch<br />

Witz und Spielfreude. Funk and Soul ist<br />

die Richtung, Ausrutscher nach allen musika-


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 13<br />

lischen <strong>Seite</strong>n sind erlaubt, machen Lust auf jedes<br />

weitere Auftauchen der kleinen ‚Big-Band‘. Und<br />

die Jungs tauchen oft sowie spontan auf: Der Lebensmittelpunkt<br />

wird mehr und mehr ins Ruhrgebiet<br />

verlagert, Gigs auf Oberhausens Museumsbahnsteig<br />

sind legendaer, selbst die Technogemeinde wird des<br />

Nachts schon mal aus ihren stumpfen Beats geruettelt!<br />

<strong>Die</strong> Web-Site gibt -auch kurzfristig- Auskunft ueber<br />

Auftritte, stellt wenige Songs des Stunden umfassenden<br />

Repertoires vor: www.accord-on-bleu.de<br />

‚Aus Bottroper Proberaeumen‘<br />

Schon beim Bottroper ‚Bockpalast‘ sind sie positiv<br />

aufgefallen. Im November folgte schliesslich die<br />

Einladung zur Proberaumparty der Smoking Killz.<br />

Durch mystisch eingeleuchtete Werkhallen, vorbei<br />

an liebevollen Dekorationen, den Weg ins ‚Haus im<br />

Haus‘ suchen. Schon das Autowrack voller Gitarren<br />

deutete an, worum es gehen wird: Hier ist kein Platz<br />

fuer Synthetisches! Der aeusseren Gartenhausoptik<br />

des Proberaums wird innen mit Gemuetlichkeit<br />

und Top-Sound begegnet. Nette Gaeste sorgten fuer<br />

die noetige Stimmung, an Bass und Gitarren wurde<br />

kompetent ergaenzt und ausgeholfen. Danke fuer den<br />

tollen Abend! www.smokingkillz.de<br />

Aus dem Bunkerproberaum im Eigen wagte sich<br />

erstmals IXX. <strong>Die</strong> Herren rund um den spaet berufenen<br />

Gitarristen Frank eroeffneten die Oldi-Disco im<br />

Pfarrheim St. Pius. Wie vom Band-Leader gewohnt,<br />

wurden professionell ausschliesslich eigene Stuecke<br />

in deutscher und englischer Sprache praesentiert. Der<br />

ein oder andere Song hat durchaus Ohrwurmcharakter!<br />

www.ixx-band.de<br />

Bottroper Termine<br />

filmforum im VHS-Kino Bottrop im Dezember<br />

Tickets: 703311 oder 703722<br />

Das Leben ist zu lang (Dani Levy), Do, 2.12.<br />

20 Uhr, Fr, 3.12. 18:30 und 20:30 Uhr, Sa, 4.12.<br />

18:30 und 20:30 Uhr<br />

Mammuth (G. Depardieu), Do, 9.12. 20 Uhr,<br />

Fr., 10.12. 18:30 und 20:30 Uhr, Sa, 11.12. 18:30<br />

und 20:30 Uhr<br />

Veronika beschließt zu sterben, Do, 16.12.<br />

20 Uhr, Fr, 17.12. 18:30 und 20:30 Uhr, Sa, 18.12.<br />

18:30 und 20:30 Uhr.<br />

Bottroper Musikanten<br />

Sa, 4. 12. um 20 Uhr: Black Clover im Passmanns<br />

So. 19.12. ab 19 Uhr: Guitar Buddies (André Urban,<br />

Jürgen Geppert, Julia Knorr-Urban und andere) im<br />

Passmanns<br />

Smoking Killz, Samstag, 19. Februar 2011<br />

um 20 Uhr im Cottage.<br />

Auch das noch<br />

Mo, 6.12. um 11 Uhr Eröffnung der Ausstellung<br />

„Warnsignale“ im Frauenzentrum Courage<br />

an der Essener Str. 13. Thema der Ausstellung<br />

„Warnsignale häuslicher Gewalt erkennen und<br />

handeln“. (Bis 10.12.2010)<br />

Vorwiegend vom Irish Folk geprägt sind die Lieder, die Black Clover akustisch vortragen. Neben der<br />

Musik verbindet die sechs musizierenden Pädagogen ihr gemeinsamer Arbeitsplatz am Josef-Albers-<br />

Gymnasium in Bottrop. Von links nach rechts: Holger Klaus, Eve Kruza, Radja Schoenefeldt, Ralf<br />

Paprotta und Torsten Kyon. Nicht im Bild: Geli Buchheister (Cello).


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 14<br />

Literarisches Multimediapaket<br />

Der aus Bottrop stammende Werner Streletz<br />

setzt sich im „Selbstgespräch“ seiner Hauptfigur<br />

Wolfgang in „Der Beifahrer“ mit Biedersinn und<br />

Lebensgier auseinander. Auch CD und Illustrationen<br />

geben dem Buch aus der Reihe „Bücher<br />

vonne Ruhr“ viel assoziativen Raum.<br />

Wolfgang denkt auf dem Weg zu Rolfs Beerdigung<br />

über die Vergangenheit nach, eine Vergangenheit,<br />

die aus Autofahrten zur Arbeit besteht. Wolfgang<br />

nahm Rolf mit, die beiden redeten viel, lernten sich<br />

als denkbar unterschiedlich kennen. So wird der<br />

lebensgierige Rolf, der sich nur bedingt um moralische<br />

Regeln scherte, von Wolfgang erinnert, den<br />

es sogar nachdenklich stimmt, wenn er zu blinken<br />

vergessen hat. Am Schluss erfährt der Leser des<br />

schmalen Bändchens oder der Hörer des beiliegenden<br />

von Joachim Hermann Luger eingelesenen<br />

Hörbuchs die Ursache für Rolfs Tod.<br />

So knapp lässt sich die Handlung der kleinen Erzählung,<br />

die aus dem inneren Monolog Wolfgangs<br />

Buchbesprechungen von<br />

besteht, zusammenfassen. Literarische Texte mit so<br />

wenig Plot müssen durch ihre Form einiges aufwiegen.<br />

Und das gelingt Werner Streletz und seinem mit<br />

Gestaltungsaufwand nicht geizenden Verlag ganz ausgezeichnet:<br />

Wie sich der Monologisierende in seinen<br />

Erinnerungen an Rolf selbst in seinen Schwächen<br />

offenbart, wie die Anziehung zweier gegensätzlicher<br />

Typen im Gedankenstrom anschaulich wird, ohne dass<br />

gleich eine unplausible Freundschaft postuliert wird,<br />

und wie die Lakonie des Selbstgesprächs eine melancholische<br />

Stimmung, die die eigentliche Einsamkeit<br />

des Erzählers verdeutlicht, erzeugt, das ist ausgesprochen<br />

kunstvoll realisiert.<br />

Interessante Formelemente unterstreichen dies: Der<br />

Text ist im Flattersatz gehalten; die Zeilen enthalten<br />

teilweise so wenig Text, dass sie auch Verse eines<br />

Langgedichts darstellen können. <strong>Die</strong> Gedanken des<br />

Ich-Erzählers strömen ohne Satzzeichen von Anfang<br />

bis Ende, soll heißen von <strong>Seite</strong> sechs bis sechzig.<br />

Nur wörtliche Rede wird orthographisch markiert. Im<br />

wörtlichen Sinne schwarz-weiße, also holzschnittartige<br />

Zeichnungen unterstreichen den Assoziationsfluss.<br />

Tachoanzeigen strukturieren diesen und teilen ihn in<br />

kurze Kapitel ein.<br />

Werner Streletz hat eine literarisch moderne Erzählung<br />

geschrieben, die in besagtem Assoziationsfluss<br />

viel Freiraum für Assoziationen des Lesers lässt. Und<br />

dieser wird eher erweitert durch die Zeichnungen, sogar<br />

durch den Tonfall Lugers, hört man sich parallel zu<br />

oder nach der Lektüre das Hörbuch an.<br />

Eine Assoziation kann diese Frage sein: Ist die Wahrnehmung<br />

von Gegensätzlichkeit zweier Personen<br />

etwas nur subjektiv Gewolltes? Rolf ist womöglich<br />

doch nicht so anders als Wolfgang:<br />

„Komm mit, Wolfgang, bei mir oben lockt die Sünde.“<br />

Ich schüttelte den Kopf<br />

„Angeschmiert“, lächelte Rolf: „Nur Beethoven wartet<br />

Damit werde ich mich jetzt vollsaugen.“<br />

Werner Streletz: Der Beifahrer<br />

Zwischen Biedersinn und Lebensgier. Ein Selbstgespräch<br />

Bücher vonne Ruhr – Verlag Henselowsky Boschmann<br />

1. Aufl. 2010<br />

ISBN 978-3-942094-06-1<br />

€ 12,90


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 15<br />

Jürgen Buchholz (Text und Bilder)<br />

In „Unsichtbar“ besinnt sich der New Yorker<br />

Schriftsteller auf seine größten Stärken.<br />

Rahmenhandlung und Binnenerzählung, Perspektivwechsel,<br />

Doppelbödigkeit und Verschwommenheit dessen, was<br />

der Leser für wahr halten darf, verbunden mit Spannung<br />

und maximaler Erzählintensität, das sind einige der Zutaten<br />

der Romane Paul Austers. Zeitweise sind sie etwas aus dem<br />

Gleichgewicht geraten und die Verschwommenheit geriet so<br />

sehr ins Zentrum, dass dem Verstehen riesige Hindernisse<br />

gebaut wurden („Reisen im Skriptorium“). Nach dem schon<br />

starken „Mann im Dunkel“ ist Auster nun mit „Unsichtbar“<br />

wieder ganz auf der Höhe seines Könnens.<br />

Vielleicht liegt es an der alles zusammenhaltenden Erzählergestalt<br />

der Rahmenhandlung in diesem Roman: Erst im<br />

zweiten Kapitel nach knapp achtzig <strong>Seite</strong>n tritt sie auf. Es<br />

stellt sich heraus, dass das erste Kapitel ein Manuskript darstellt,<br />

das dieser Erzähler, Jim mit Namen, vom todkranken<br />

Adam Walker, einem alten aus den Augen verlorenen Studienfreund<br />

Jims, erhält.<br />

Der angehende Schriftsteller Adam Walker erzählt von<br />

seiner Begegnung mit dem reichen Rudolf Born, der sich<br />

als Mäzen Adams anbietet, aber zunächst auch seine faszinierend<br />

geheimnisvollen <strong>Seite</strong>n zeigt, bis er zunehmend<br />

autoritäre Züge annimmt und – zumindest sprechen alle<br />

Indizien dafür – einen Mord begeht, als dessen Zeuge<br />

sich Adam Walker fühlt. Adam möchte Vergeltung für die<br />

wahrscheinliche Tat, und dies ergibt den im Mittelpunkt<br />

stehenden Plot.<br />

<strong>Die</strong> Fortsetzung, in dessen Zentrum die inzestuöse Beziehung<br />

zur Schwester Adams namens Gwyn steht, erhält Jim<br />

wenig später. Sie hat Walker in der Du-Form verfasst, um<br />

eine Schreibblockade angesichts des Tabubruchs Inzest zu<br />

überwinden. Nur wie die Geschichte weitergeht, fragt sich<br />

Jim, nachdem ein Besuch bei Adam scheitert, da dieser<br />

inzwischen verstorben ist. Jim erhält von der Stieftochter<br />

Adams einen Umschlag mit Notizen Adams. Da diese<br />

lesbar gemacht und bearbeitet werden müssen, wird zum<br />

Autor der Geschichte Adams nun Jim, und der lässt für uns<br />

als Leser einen Er-Sie-Erzähler sprechen. – Der letzte zum<br />

Haupthandlungsstrang gehörende Teil ist das – selbstverständlich<br />

in der Ich-Form gehaltene – Tagebuch Gwyns, das<br />

den weiteren Verlauf, in dessen Zentrum eine Wiederbegegnung<br />

mit Born steht, die über die Vergangenheit aufklären<br />

könnte, darstellt.<br />

Kurz vor Beginn dieses Kapitels wird die inzestuöse Beziehung<br />

der Geschwister von Gwyn dementiert, und mit<br />

Literarische Achterbahn<br />

der Absicht, die Geschichte um Adam, Gwyn und Born<br />

als Roman durch Jim zu veröffentlichen, mitgeteilt, dass<br />

„Adam Walker nicht Adam Walker ist“. „Nicht einmal<br />

Born ist Born“ und zu „guter Letzt muss [Jim] wohl<br />

nicht noch eigens darauf hinweisen, dass [s]ein Name<br />

nicht Jim ist.“ Auch die Orte sind außer Paris, dem neben<br />

New York zweiten wichtigen Setting, frei erfunden. „Paris<br />

allein ist real.“ – Vielleicht ist das die austertypischste<br />

Wendung, da sie uns am deutlichsten vor Augen führt,<br />

dass der Leser voller Spannung einen Roman liest,<br />

dessen Fundament gleichzeitig zurückgenommen wird:<br />

Nie weiß der Leser, was der fiktionalen Wirklichkeit entspricht<br />

und was nicht. Dass dies dennoch eine ungeheure<br />

Lesefreude auslöst, ist Austers Kunst zu verdanken. Eigentlich<br />

ist es kein angenehmes Gefühl, schwindelig zu<br />

sein, dennoch fahren Menschen Achterbahn. Vielleicht<br />

verhält es sich ähnlich bei Austerlesern: schwindelig gemacht<br />

durch Romane wie diesen, die gleichzeitig irritieren,<br />

mitreißen und das Gefühl geben, den festen Boden<br />

dogmatischer Wahrheiten nicht mehr zu benötigen.


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 16<br />

In der aktuellen Ausgabe der <strong>Fahne</strong> erscheint der erste Teil eines Fortsetzungsromans,<br />

der - noch ohne Titel - in den nächsten Ausgaben von verschiedenen Autoren weitergeschrieben<br />

werden soll. Lassen wir uns überraschen, wo das hinführt. Den Anfang<br />

macht an dieser Stelle Gregor Stratmann.<br />

Fortsetzungroman Teil 1- noch<br />

...ohne Titel...<br />

Grell das Licht, das brennt in den Augen... weiß flimmert‘s... Kacheln? Keramik?? und - „aaaurgh“,<br />

Innerstes stülpt sich nach außen, nach oben, will hinauf, Magen will raus, würgt sich – schon ausgeleert<br />

– hinauf, will sich selbst auswürgen... aarrrghh... Duft von... sauer, Klostein und ein bisschen<br />

Pippi... Langstru...??<br />

Er fühlt, er wird diesen Ort nicht mehr verlassen, endlich Geborgenheit, echte! Und auch wenn‘s<br />

hinten `raus will, hier würde ihm nichts passieren!!! Wahres Verständnis... fast zärtlich umarmt er<br />

die Klobrille … - aarahhg... Wenn er doch nur seinen Magen auskotzen könnte, dann endlich wäre<br />

Ruhe – argghghh....<br />

Schmerzhaftes Pochen im Schädel weckte ihn am Mittag. Er wusste augenblicklich, dass er auf keinen<br />

Fall wach werden wollte und zugleich, dass ihn dieser Schmerz auf keinen Fall wieder würde<br />

einschlafen lassen.<br />

Warum nur hatte er so verzweifelt die Flasche angesetzt und zu schlucken begonnen? ... einen kräftigen<br />

Schluck nach dem nächsten, bis ihn der erste Würgekrampf gezwungen hatte, kurz abzusetzen...<br />

um dann so schnell es sein Körper zuließ weiterzumachen... bis zur Besinnungslosigkeit... Wie er hier<br />

in sein akurat aufgeräumtes Schlafzimmer gekommen war, wusste er beim besten Willen nicht mehr.<br />

Das zuvor Geschehene war ihm sehr präsent - leider. Einen Filmriss hätte er in diesem Moment gar<br />

nicht so verkehrt gefunden. Aber er konnte sich allzu gut erinnern.<br />

Sie hatten diesen Betriebsausflug unternommen: einen gemeinsamen Spaziergang durch den herbstlichen<br />

Stadtgarten im Nieselregen. Anschließend das gemütliche Zusammensein beim Kollegen Jansen,<br />

der in das geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer seines Reihenendhauses, von Jansen immer<br />

auf der Mittelsilbe betont, eingeladen hatte.<br />

So richtig wohl gefühlt hatte er sich die ganze Zeit eigentlich nicht. Vor allem über betriebliche<br />

Dinge, die nächsten Anschaffungen, die Frage, ob man wirklich die neuen Computer benötige und<br />

dergleichen hatte er mit einigen Kollegen gesprochen. Mit irgendwas musste er den Nachmittag ja<br />

´rumbringen. Eigentlich hasste er Betriebsausflüge und empfand es als unheimlich anstrengend, von<br />

Berufsalltag auf Ausflugs- und Spaßbetrieb umzuschalten. (Was genau sollte das eigentlich sein?)<br />

Nachdem er sich nun längere Zeit allein am Buffet herumgedrückt hatte, das mit den Mitbringseln<br />

jedes einzelnen Kollegen bestückt war (er hatte ein Glas Gurken neben die Salate und Brotkörbe gestellt),<br />

war diese neue Kollegin zu ihm gekommen, die nun seit einigen Wochen in der Werbeagentur<br />

arbeitete. Sie hatte sich sehr nah zu ihm gestellt, ihm direkt und intensiv in die Augen geschaut.<br />

„Warum bist du eigentlich immer so verschlossen“, hatte sie ihn – recht indiskret, wie er fand - gefragt.<br />

(<strong>Die</strong> Firmenleitung hatte vor einem halben Jahr die Aufforderung herausgegeben, dass sich<br />

alle Mitarbeiter zur Schaffung eines kreativen Betriebsklimas duzen sollten. Hermann hatte festgestellt,<br />

dass er seitdem bemüht war den Gebrauch von Anredepronomen in seinen Gesprächen mit<br />

den Kollegen zu vermeiden.) „Ich habe mich schon oft gefragt, warum du mich immer so grimmig<br />

anschaust.“ Er hatte gestutzt. Eigentlich hatte er gedacht, er hätte die junge Kollegin meistens eher<br />

freundlich angesehen. Sie hatte direkt eine nette Ausstrahlung auf ihn gehabt. - Noch ehe er hatte etwas<br />

entgegnen können, hatte sie ihn gefragt: „Was machst du denn noch so außer arbeiten? Das ist


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 17<br />

doch hier alles ziemlich oberflächlicher Schnickschnack! Sich Werbung für Kloreinigungsmittel und<br />

Papiertaschentücher aus dem Hirn zu pressen. Was interessiert dich im Leben? Was ist dir wirklich<br />

wichtig?“ <strong>Die</strong>se Art von Gesprächen hatte Hermann schon immer spannend gefunden. Ging es dabei<br />

doch um das Eigentliche unter der allgemeinen Blabla-Oberfläche. Ihm war in diesem Moment klar<br />

geworden, dass er solch persönliche Gespräche nun schon seit sehr langer Zeit nicht geführt hatte.<br />

Er hatte die junge Frau, sie mochte vielleicht 28 sein, direkt angesehen und Luft geholt, um zu<br />

antworten, um ganz normal über sich und sein Leben und all das zu sprechen... und hatte gesagt:<br />

„Äääh...“ Er hatte plötzlich nicht darüber sprechen können, worüber denn eigentlich auch genau? Er<br />

war stumm geblieben.<br />

<strong>Die</strong> Frau hatte ihn geduldig angesehen und gewartet – bestimmt eine lange Minute lang. Als sie dann<br />

langsam gemerkt hatte, dass da wohl nicht mehr viel kommen würde, hatte sie ihn zunächst verwundert<br />

angestarrt, doch dann lebhaft zu erzählen begonnen. Sie wolle etwas bewegen mit ihrem Leben<br />

in dieser Welt, diesen Job habe sie nur angenommen, um etwas Geld zu verdienen. In spätestens einem<br />

halben Jahr wolle sie hier aufhören und dann aufbrechen... ins Ausland. Wahrscheinlich nach<br />

Indonesien, Sumatra, wo ein alter Studienfreund von ihr ein Entwicklungshilfeprojekt leite. Der habe<br />

ihr angeboten, dort nach den Zerstörungen des Tsunamis beim Wiederaufbau mitzuhelfen. In diesem<br />

„verkackten System“, so hatte sie sich ausgedrückt, wolle sie auf keinen Fall alt werden....<br />

Während er zugehört hatte, hatte er gespürt, wie etwas in ihm steinhart geworden war... fast hatte er<br />

keine Luft mehr gekriegt, ihm war schwindelig geworden. Und während er um sich herum Unterhaltung,<br />

Gelächter und Musik nur noch verschwommen wahrgenommen hatte, hatte er sich von der jungen<br />

Kollegin abgewandt und es gerade noch bis zum Couchsofa geschafft, in das er sich hatte fallen<br />

lassen. Vor ihm auf dem Tisch die Flasche Remy Martin für sicher 30 €. Wie ferngesteuert hatte er die<br />

Flasche gegriffen, das raue, kühle, dunkelgrüne Glas gefühlt, das edle Gefäß entkorkt, die Flaschenöffnung<br />

an seinen Mund gesetzt, die Schärfe des Alkohols noch unbewusst gerochen und geschluckt<br />

und geschluckt und geschluckt...<br />

Zeichnung von Vince Reilly


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 18<br />

Out of Bottrop...<br />

von Volker Vienken (Text und Bilder)<br />

… ist wieder da! – Aber muss es nicht eher heißen<br />

„war wieder weg“? Und das war ich in den<br />

letzten „<strong>Fahne</strong>“ freien Monaten auch.<br />

War im Süden, im Norden, hab den Osten und<br />

Westen besucht, unterwegs zu Lande, zu Wasser<br />

und in der Luft – mal schnell mit einem<br />

Eisenvogel ein paar 1000 km weit, dann ganz<br />

langsam und zu Fuß nur 20 km an einem Tag.<br />

Vieles gesehen, viel Spannendes erlebt, die<br />

Seele baumeln lassen, auftanken, um den Alltag<br />

danach wieder zu meistern.<br />

Und jetzt tritt die <strong>Fahne</strong> wieder in mein, in unser<br />

Leben – Gott (oder wem auch immer) sei<br />

Dank – und ich überlege, was es wert ist, zuerst<br />

berichtet zu werden.<br />

Und ich hab mich entschieden, weil es mit am<br />

längsten zurück liegt, weil es eine außerordentlich<br />

schöne Reise war und nicht zuletzt, weil es<br />

zwei Menschen dort gibt, die jetzt schon so lange<br />

warten, dass dieser Artikel erscheint.<br />

Stolz hatte ich unseren Gastgebern Eveline und<br />

Markus von der <strong>Fahne</strong> und meinen „Out-of-<br />

Bottrop“-Artikeln erzählt – und angekündigt,<br />

dass die Dezemberausgabe – natürlich 2009<br />

– einen Artikel über ihre Wahlheimat enthalten<br />

wird. Und beide waren ganz interessiert, was<br />

ich schreibe, über dieses Land, welche Erfahrungen<br />

ich schildere.<br />

Tja – und dann kam die Pause! Keine <strong>Fahne</strong><br />

im Dezember 2009, auch keine im neuen Jahr<br />

– und ich saß da und fand es sehr schade, dass<br />

die <strong>Fahne</strong> gerade zwei neue Fans gefunden hatte,<br />

die so weit weg leben und nun gab es keine<br />

neuen Ausgaben.<br />

Aber das ist nun vorbei und so können Eveline<br />

und Markus dort am südwestlichsten Punkt Europas<br />

endlich etwas lesen über diese Reise, die<br />

jetzt schon über ein Jahr her ist.<br />

Ich nehm Euch mit nach Portugal!<br />

Und dazu aufgemacht hab ich mir jetzt erstmal<br />

ein Fläschchen portugiesischen Rotwein aus<br />

dem Douro-Tal, der ersten Station unserer Rei-<br />

se, die uns vom Norden des Landes in den Süden<br />

führen wird. Das hilft Erinnerungen wieder<br />

hervorzuholen, wenn man die Sonne und Luft<br />

Portugals in jedem Schluck Wein auf der Zunge<br />

zu spüren glaubt.<br />

Wärme war das Erste, was uns am Flughafen in<br />

Porto umfing und diese Wärme sollte uns in den<br />

nächsten zwei Wochen begleiten, dabei selten<br />

unangenehm, weil meist – vor allem am Meer<br />

– von einer angenehmen Brise begleitet. So<br />

machten wir uns auf zu unserem Hotel, das gut<br />

80 Kilometer flußaufwärts direkt am Wasser lag,<br />

in einem kleinen Örtchen, irgendwo im Nirgendwo<br />

– Porto Antico. Hier staut sich der Douro und<br />

weitet sich zu einem See, umrahmt von steilen<br />

Hängen, die an die Mosel denken lassen, aber<br />

halt mit südlichem Flair. Abends saßen wir direkt<br />

am Wasser, verwöhnt von der portugiesischen<br />

Küche des Hotels und einem leichten Wein, genossen<br />

die laue Luft und die unbeschreibliche<br />

Atmosphäre, das Plätschern des Flusses an die<br />

Bootsanleger, kaum ein Auto, das über die wenigen<br />

Straßen fährt – da setzt Erholung recht<br />

schnell ein. Tagsüber machten wir uns auf den<br />

Weg und besuchten Ziele in der Gegend – zum<br />

Beispiel Pinhao, im Zentrum des Portweinanbaugebiets<br />

Alto Douro, bekannt für seinen kleinen<br />

Provinzbahnhof, der mit wunderschönen<br />

alten Azulejos geschmückt ist, den meist blauen<br />

Fliesenwandbildern, die man überall in Portugal<br />

bewundern kann – etwas, was ich so noch<br />

nirgendwo gesehen habe. Es gibt Kirchen, die<br />

innen komplett mit diesen Wandbildern aus blauweißen<br />

Fliesen ausgeschmückt sind, Geschichten<br />

aus der Bibel erzählend, Bahnhöfe, wo riesige<br />

Schlachtszenen auf eben diesen Fliesen verewigt<br />

sind, profane Fliesengemälde, die das Leben der<br />

einfachen Leute zeigen – und alles in diesem<br />

kraftvollen Blau auf weißem Grund – einzigartig!<br />

Natürlich haben wir auch einen Tag in Porto<br />

verbracht, der zweitgrößten Stadt Portugals, hier<br />

wo es immer noch die riesigen Portweinlager-


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 19<br />

häuser direkt am Hafen gibt, eine bunte lebendige<br />

Stadt, erbaut an den Hängen des Douro, der<br />

sich hier auf den letzten Kilometern zum Meer<br />

hin tief eingegraben hat in den Fels. Berühmt<br />

ist die Bogenbrücke Ponte Dom Luis I., die von<br />

einem Schüler Gustave Eiffels (ja – der mit dem<br />

Eiffelturm) erbaut wurde – und diesen Einfluss<br />

sieht man der Brücke an – die gleiche Stahlkonstruktion<br />

wie auch der Eiffelturm in Paris – wie<br />

einem Fischertechnikbaukasten für große Kinder<br />

entsprungen.<br />

Hier an der Straße, die ein paar Meter weiter<br />

direkt auf die Brücke führt, die wir natürlich<br />

überqueren wollen für spektakuläre Bilder mit<br />

Brücke und Altstadt im Hintergrund, machen<br />

wir eine unserer vielen positiven Erfahrungen<br />

mit den Menschen Portugals. Wir setzen uns<br />

in ein kleines Straßencafé und bestellen einen<br />

der lecker aussehenden Kuchen, ein Glas Wein,<br />

und einen Galao, - in etwa das, was die Italiener<br />

Latte Macchiato nennen – und sind überrascht,<br />

dass wir einen wohlschmeckenden Tropfen bekommen,<br />

einen leckeren Kaffee und eine frisch<br />

gemachte Süßigkeit dazu. Und obwohl wir mit<br />

unseren wenigen Brocken Portugiesisch sicher<br />

Porto mit Brücke Ponte Dom Luis I.<br />

keine Unterhaltung führen können, spüren wir<br />

eine angenehme Freundlichkeit, die uns entgegengebracht<br />

wird. Richtig überrascht sind wir<br />

aber, als wir bezahlen und noch einmal nachfragen,<br />

ob sich der Wirt nicht zu unseren Gunsten<br />

verrechnet hat – nein, hat er nicht und so zahlen<br />

wir vielleicht die Hälfte von dem, was wir für<br />

Vergleichbares in Deutschland bezahlt hätten.<br />

Und das kaum 300 Meter von der Kathedrale<br />

von Porto und nicht einmal hundert Meter von<br />

besagter Brücke weg – also zwei Touristenattraktionen<br />

par excellence.<br />

In den nächsten Tagen werden wir dieses noch<br />

häufig erleben – egal ob in einem kleinen verschlafenen<br />

Ort, an einer Strandbude am Meer<br />

oder in der Alfama von Lissabon, mit dem Mut<br />

auch mal ein Restaurant oder Café zu betreten,<br />

das von außen nicht „so toll g aussieht, machen<br />

wir mehr als gute Erfahrung und bekommen oft<br />

gut und reichlich zu essen und erleben herzlichste<br />

Gastgeber, die sich freuen, wenn wir Touris<br />

ein paar Brocken ihrer Sprache sprechen und<br />

uns auf ihre eher deftige Landesküche einlassen.<br />

Nach ein paar Tagen am Douro zog es uns weiter<br />

– südlich und nun auch ans Meer wagten


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 20<br />

Cabo da Roca - westlichster Punkt Europas<br />

wir uns – Sao Pedro de Muel heißt der Ort, der<br />

eine gute halbe Stunde zu Fuß über sandige Wege<br />

durch Dünen oder – bei Ebbe – am Strand entlang<br />

von unserer kleinen Pension entfernt liegt.<br />

Aus dem Zimmer unserer Pension schauen wir<br />

auf den anbrandenden Atlantik, sehen abends die<br />

glutrote Sonne im Meer versinken, ansonsten absolute<br />

Ruhe, kein Verkehr nur Natur und ein paar<br />

wenige Häuser um uns herum. Hier machen wir<br />

ausgedehnte Spaziergänge, stürzen uns auch mal<br />

in die kalten Fluten und essen im Örtchen hervorragende<br />

Fischgerichte – das Restaurant ist uns<br />

von der deutschsprachigen und in Deutschland<br />

aufgewachsenen jungen Pensionswirtin empfohlen<br />

worden, die auch sonst nicht mit Tipps geizt.<br />

In der Nähe schauen wir uns das Kloster von Alcobaca<br />

an – eine riesige Anlage, eines der größten<br />

Kloster Portugals, außen barock, innen frühgotisch<br />

– sehr schlicht, - einfach die Größe der Kirchenschiffe<br />

wirken lassend. Im Querschiff gibt es<br />

zwei sich gegenüberstehende Sarkophage, um die<br />

sich eine schaurige Liebesgeschichte des 16. Jahrhunderts<br />

rankt – die Geschichte des portugiesischen<br />

Königs Dom Pedro I. und seiner Frau Ines<br />

de Castro, die er heimlich während der Amtszeit<br />

seines Vaters heiratete. Dom Pedros Vater bekam<br />

davon Wind und ließ die ungeliebte Schwiegertochter<br />

meucheln. Dass dieses nicht gerade zur<br />

guten Stimmung im Königshaus beigetragen hat,<br />

lässt sich wohl leicht nachvollziehen. Als nun der<br />

Alte ein paar Jahre später starb, bestieg Dom Pedro<br />

den Thron und setzte als Erstes alles daran die<br />

Mörder seiner Frau zu fangen – zwei von Dreien<br />

wurden ihm aus Spanien ausgeliefert, dem Dritte,<br />

der sich nach England absetzen konnte, blieb dar-<br />

aufhin eine Menge Pein erspart.<br />

Kaum waren die beiden Delinquenten langsam<br />

zu Tode gebracht (was dem jungen König<br />

den Beinamen „Der Grausame g einbrachte),<br />

ließ Dom Pedro seine geliebte Frau – oder das,<br />

was von ihr nach einigen Jahren Verwesung<br />

übrig war – aus ihrem Grab holen, schaffte die<br />

Überreste nach Coimbra in die Kathedrale, ließ<br />

den Leichnam königlich eingekleidet auf einen<br />

Thron setzen und dann den gesamten Hofstaat,<br />

der Jahre zuvor von der Verschwörung des Vaters<br />

gewusst hatte, an der toten Königin vorbei<br />

defilieren und jeder musste die Hand der Toten<br />

küssen – die Krönungszeremonie.<br />

Hernach wurde der Leichnam in dem dafür<br />

vorgesehenen Sarkophag, der hier in Alcobaca<br />

steht, erneut zur Ruhe gelegt. Den zweiten Sarkophag<br />

hatte Dom Pedro für sich selbst errichten<br />

lassen und verfügt, dass er dort seine letzte Ruhe<br />

finden solle, auf dass sich die beiden Liebenden,<br />

am Jüngsten Tag dem Grabe entsteigend, ansehen<br />

können.<br />

Wie viel Wahrheit dieser Geschichte zugrunde<br />

liegt, kann man nicht mehr nachvollziehen –<br />

aber die unglaublich fein gearbeiteten Sarkophage<br />

stehen hier im Querschiff des Klosters von<br />

Alcobaca und mit dieser Geschichte im Kopf<br />

scheint es, als ob die beiden Liebenden jeden<br />

Moment dem Steinsarg entsteigen könnten.<br />

Nach ein paar Tagen in dieser geschichtsträchtigen<br />

Gegend machen wir uns wieder auf den<br />

Weg Richtung Süden und nehmen Quartier in<br />

einem noblen Hotel vor den Toren von Lissabon,<br />

untergebracht in einer alten Festung auf einer<br />

Klippe direkt am Meer. Unser Mietwagen, ein<br />

kleiner Honda sieht sehr lustig auf dem Hotelparkplatz<br />

neben zwei Bentleys und einem Rolls<br />

Royce aus. Das Flair des Hotels ist ein ganz<br />

Anderes als bisher - alles ist sehr gediegen, der<br />

Service extrem gut. Das Abendessen im Restaurant<br />

ein Erlebnis – zwei bis drei Pinguine<br />

scharwenzeln ständig um uns rum, der Weinkellner<br />

erzählt zum gewählten Wein erstmal die<br />

Lebensgeschichte des Winzers, bevor wir einen<br />

Schluck nehmen können. Aber irgendwie passen<br />

wir nicht in diese Welt, wo Schein mehr als<br />

Sein bedeutet. Das fällt uns vor allem bei einem<br />

Pärchen am Nebentisch auf – osteuropäisch,


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 21<br />

vermutlich Russen, anscheinend mit ordentlich<br />

Geld an den Füßen – die die wirklich sehr netten<br />

und bemühten Kellner wie den letzten Dreck behandeln<br />

und das wirklich gute Essen mehr oder<br />

weniger ständig mit griesgrämiger Miene zu sich<br />

nehmen. – Ätzend!<br />

Schöner dagegen ist der ganz in der Nähe befindliche<br />

westlichste Punkt Europas, der Cabo<br />

da Roca – steil stürzen hier die Felsen 140 Meter<br />

tief zum Meer, gekrönt ist die Klippe von einem<br />

großen Leuchtturm, den wir von unserem Hotelzimmer<br />

aus erkennen können.<br />

<strong>Die</strong> Erkundung Lissabons verläuft dann deutlich<br />

erfreulicher, mit Auto zum Vorortbahnhof und<br />

dann mit dem Pendelzug in die City – einfach<br />

und gar nicht teuer stellt sich dieses Vorgehen<br />

heraus. Durch die Stadt lassen wir uns einfach<br />

treiben, hoch zum Castelo de Sao Jorge, durch<br />

die Alfama (Altstadt), mit der berühmten alten<br />

gelben Straßenbahnlinien18 durch die engen<br />

Gassen, wieder runter in die Baixa (Unterstadt),<br />

mit dem Elevador de Santa Justa – einem Aufzug<br />

mitten in der Stadt, der zum öffentlichen<br />

Nahverkehr gehört, wieder hoch in den Stadtteil<br />

Chiado, runter zum Fluss Tejo, der sich hier in<br />

einem riesigen Becken Richtung Atlantik erstreckt,<br />

unter der Ponte 25 de Abril hindurch,<br />

die wie eine Kopie der Golden Gate Bridge in<br />

San Francisco aussieht, dann wieder zurück zum<br />

Bahnhof und todmüde ins Hotel.<br />

Am nächsten Tag geht es dann weiter Richtung<br />

Süden – und weil es mein Traum ist, seit ich die<br />

Brücke vor ca. 25 Jahren das erste Mal gesehen<br />

habe, über diese Brücke in den Süden zu fahren,<br />

nehmen wir auch diesen Weg – und haben<br />

Glück, dass es Stau gibt, der uns einen längeren<br />

Aufenthalt hoc h über dem Tejo ermöglicht ;o)<br />

Wir rollen nun ganz in den Süden zu unserer<br />

letzten Station, der südwestlichsten Ecke Europas<br />

– Algarve heißt das Ziel, an dem wir noch<br />

fünf Tage ausspannen wollen. Unser Standort,<br />

die Quinta Berna in Bensafrim, ein wunderschönes<br />

Landhaus, das von einem Schweizer<br />

Ehepaar bewohnt wird, die dort zwei Zimmer<br />

vermieten – Eveline und Markus. <strong>Die</strong> beiden<br />

empfangen uns herzlich, zeigen uns unser Zimmer<br />

und unter strahlendem Sonnenschein nehmen<br />

wir bald ein Glas Sekt an einer kleinen Bar<br />

am Pool. Wir fühlen uns sofort wohl, genießen<br />

das erfrischende Wasser im Pool (in Portugal<br />

werden die Pools selten geheizt, daher ist das<br />

Wasser meist gar nicht so warm) und lassen die<br />

Seele baumeln. Für den Abend erkunden wir den<br />

nahe liegenden Ort und finden auch ein kleines<br />

Restaurant, in dem wir mal wieder recht gut speisen.<br />

In den nächsten Tagen erkunden wir – ganz ohne<br />

Stress und mit vielen Tipps von Eveline und<br />

Markus versehen – den westlichen Teil der Algarve,<br />

entdecken Badebuchten, essen leckeren<br />

Fisch in kleinen Strandrestaurants, stehen am<br />

südwestlichsten Punkt Europas, dem Cabo de<br />

Sao Vicente (natürlich mit Leuchtturm – dem<br />

lichtstärksten Europas – knapp 60 km leuchtet<br />

der Lichtkegel über den Atlantik – was zu sehen<br />

nachts ein Erlebnis ist ), machen eine Bootstour<br />

an der Steilküste bei Lagos zur Ponte de Piedade<br />

mit ihren vielen Grotten und entdecken einige<br />

Lissabon - Tram-Linie 28


<strong>Die</strong> <strong>Fahne</strong> <strong>Nr</strong>. <strong>32</strong> <strong>Seite</strong> 22<br />

wundervoll abgelegene Strände an der Westküste,<br />

oft nur durch kilometerlanges Pistenfahren erreichbar,<br />

eingerahmt von hohen dunklen Klippen. Ruhiger<br />

kann man den anbrandenden Atlantik nicht<br />

erleben. An den bis zu zwei Meter hohen Wellen<br />

messen sich immer einige Surfer, wir spazieren<br />

durch den Sand oder gehen ein paar Meter ins<br />

Wasser. Schwimmen ist hier lebensgefährlich, aber<br />

ein paar Brecher über den Rücken prasseln lassen<br />

geht schon. An einem der Strände gibt es sogar<br />

eine kleine Strandbar mit sehr guter einheimischer<br />

Küche – den Fischeintopf für zwei schaffen wir<br />

kaum, obwohl er total lecker ist. Dazu die untergehende<br />

Sonne zwischen Wolken über dem Atlantik<br />

– eine Farbenpracht aus Rot, Gold, Blau, Grau!<br />

Was uns noch fehlt auf unserer Liste, ist die berühmte<br />

Volksmusik der Portugiesen, der Fado<br />

– jener immer mit einer leichten Sehnsucht einhergehende<br />

Gesang, begleitet von Gitarren, der<br />

die Seele der Portugiesen widerspiegelt. Und hier<br />

an der Algarve, der eigentlichen Touristenhochburg<br />

Portugals, erleben wir in einem Restaurant<br />

auf Empfehlung unserer Gastgeber nicht nur ein<br />

Spontane Fado-Sängerin<br />

hervorragendes Abendessen, begleitet von einem<br />

kräftigen roten Wein, sondern auch den<br />

Fado – so wie er von den Einheimischen gelebt<br />

wird. Wir sind sicher nicht die einzigen<br />

Ausländer hier, aber der Anteil Portugiesen,<br />

die sich den Abend anschauen, ist nicht gering.<br />

Eine junge Sängerin präsentiert zwischen den<br />

Tischen voller Inbrunst Lieder, deren Text wir<br />

nicht verstehen, die aber unsere Seele, unseren<br />

Bauch erreichen. Begleitet von zwei „normalen“<br />

Gitarren und einer portugiesischen Gitarre<br />

– einem Saiteninstrument, das an eine übergroße<br />

Mandoline mit 12 Saiten erinnert – entsteht so<br />

ein ganz einzigartiger Sound. Und je später der<br />

Abend, desto mehr passiert – ein Gitarrist singt<br />

ebenfalls mit vollem Tenor ein Lied, der Wirt,<br />

klein von Statur, aber mit großer Stimme gesegnet,<br />

begeistert das anwesende Publikum und<br />

dann kommt das Highlight, eine ältere Dame<br />

aus dem Publikum im eleganten Abendkleid<br />

fragt, ob sie ein paar Lieder singen dürfe. Gerne<br />

gestatten die Musiker es ihr, kurze Absprache,<br />

was vorgetragen werden soll und dann legt sie<br />

los – mit einer wundervollen Stimme und noch<br />

mehr Ausdruckskraft, die einem halt 40 Jahre<br />

mehr Lebenserfahrung (im Vergleich zu der<br />

sehr guten jungen Sängerin) mitgeben. Dazu<br />

bewegt sie ihren nicht unbedingt schlanken Körper<br />

voller Anmut durch den Saal und man kann<br />

ihre Lebensfreude förmlich greifen. Wir haben<br />

später die Möglichkeit ein paar Worte mit ihr<br />

zu wechseln – ein paar Brocken Portugiesisch<br />

meinerseits und ein wenig Englisch ihrerseits<br />

– und erfahren, dass sie erst seit dem Tod ihres<br />

Mannes an Fado-Abenden teilnimmt und singt.<br />

Etwas, was sie immer machen wollte, aber nicht<br />

konnte, solang sie verheiratet war.<br />

Wir sind so ziemlich die letzten, die das Restaurant<br />

verlassen, glücklich und angenehm mit<br />

Wein versetzt.<br />

So wie nun mein Fläschchen Dourowein vollendet<br />

ist, so enden auch unsere Tage in Portugal<br />

– mit einem Gefühl, dass es vorbei ist, aber ein<br />

feiner Nachgeschmack bleibt.<br />

Wer an einem Aufenthalt bei Eveline und<br />

Markus in der Quinta Berna in Bensafrim<br />

interessiert ist, der darf sich gerne bei mir<br />

melden. Ich gebe die Kontaktdaten gerne<br />

und guten Gewissens weiter.


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