Landschaft Westfalen (Ausgabe 5 / OKTOBER 2021)

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AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

www.landschaft-westfalen.de

Einzelpreis: 2,40 Euro

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05

Regional lesen, entscheiden, bewegen!

Gesundheit:

Kleinen Kliniken

droht das Aus

Seite 3

Industrie:

Materialknappheit

trifft Betriebe

Seite 4-5

Genossenschaften:

Pandemie beflügelt

Raiffeisenmärkte

Seite 7

Integration:

Von Kabul ins

Weserbergland

Seite 11

Geldsegen:

16 Millionen Euro für

Naturkundemuseum

Seite 14

Landschaftsverband:

Dickes Minus

Münster. Der Landschaftsverband

Westfalen-Lippe (LWL) rechnet für

2022 mit einem Haushaltsloch von

rund 187 Millionen Euro. Das geht

aus dem Haushaltsentwurf der

Verbandsspitze hervor. 42 Millionen

Euro sollen durch den Griff in die

Rücklagen gedeckt werden, der Rest

durch die Erhöhung der Verbandsumlage

(Hebesatz) von 15,40 auf

15,55 Prozent.

Von dem Minus von 187 Millionen

Euro geht der größte Teil (153,6

Millionen Euro) auf eine Deckungslücke

im Bereich der Eingliederungs-

und Sozialhilfe zurück.

Perspektiven für

Langzeitarbeitslose

Düsseldorf. Die Folgen der Corona-Pandemie

für den Arbeitsmarkt

will die nordrhein-westfälische

Landesregierung mit Geld aus

Förderprogrammen der EU bekämpfen.

Dazu gehören eine Einarbeitungspauschale

von 1500

Euro für Unternehmen, die Menschen

mit geringeren Chancen am

Arbeitsmarkt einstellen. Es wird ein

Ideenwettbewerb für innovative

Geschäftsmodelle finanziert, die

einen besonderen Bezug zur Digitalisierung

oder zum Klimaschutz

haben. Beschäftigte und Unternehmen

erhalten spezielle Beratungsangebote

für die Integration

in die Betriebe. Am 1. Oktober

starteten bereits Kooperationen

zwischen Privatwirtschaft und

gemeinnützigen Betrieben, um

Langzeitarbeitslose in ungeförderte

Beschäftigung zu führen.

LPV GmbH Hülsbrockstraße 2–8 48165 Münster

ZKZ 32935 PVst+4 DPAG Entgelt bezahlt

Ein Westfale mit Konzept?

Er wäre der dritte NRW-Ministerpräsident aus

Westfalen und der erste westfälische CDU-

Politiker in diesem Amt: Der bisherige Verkehrsminister

Hendrik Wüst aus Rhede soll

Armin Laschet beerben. Zugleich erbt er als

NRW-Parteivorsitzender und Spitzenkandidat eine um

Orientierung und Inhalte ringende Partei. Während im

Bund die Westfalen Carsten Linnemann und Jens Spahn

Baukultur auf dem Land

Münster. Auf dem traditionsreichen

Ackerbaubetrieb der Familie Daube in

Vlotho-Exter ist aus einer ungenutzten

Scheune eine moderne Wohnung

entstanden. Der Lohn für die Mühen

ist nicht nur ein neues Heim, sondern

auch der mit 6000 Euro dotierte

Landbaukultur-Preis 2021.

Der frühere EU-Agrarkommissar

Franz Fischler, Schirmherr des Wettbewerbs,

überreichte diesen und weitere

Preise an die Eigentümer und

deren Architekten. Die zum Landwirtschaftsverlag

gehörende Stiftung

Hendrik Wüst soll Armin Laschet beerben

Von Thorsten Weiland

Neu in der Geschichte von NRW: ein Westfale an der Spitze. Foto: dpa/Friso Gentsch

LV Münster schreibt den mit insgesamt

30.000 Euro dotierten Preis alle

zwei Jahre aus und hat ihn in diesem

Jahr zum vierten Mal vergeben. Erstmals

wurden auch Objekte aus Österreich

und der Schweiz ausgezeichnet.

„Der Landbaukultur-Preis ist für mich

ein wichtiges Signal für die Wertschätzung

und Zukunftsfähigkeit des

ländlichen Raumes“, betont Franz

Fischler in seiner Laudatio. Auch auf

dem Land wurde modern und nachhaltig

gebaut. Das verdiene viel mehr

Beachtung. sle

unüberhörbar eine Profilschärfung der CDU anmahnen,

fällt es Hendrik Wüst zu, diese jetzt im bevölkerungsreichsten

Bundesland zu formulieren und am 15. Mai

2022 zur Abstimmung zu stellen. Schon 2007 erschien

sein Konzeptpapier „Moderner bürgerlicher Konservatismus

– warum die Union wieder mehr an ihre Wurzeln

denken muss“ in der F.A.Z. Ob es als Blaupause für die

20er-Jahre geeignet ist?

Familie Daube hat

beim Umbau einer

alten Scheune den

landwirtschaftlichen

Charakter des

Gebäudes erhalten.

Foto: Landbau kultur-

Preis

„Der Preis ist

ein Signal für die

Wertschätzung

und Zukunftsorientierung

des ländlichen

Raumes.“ Franz Fischler

Die drehen

am Rad

Seit Jahrzehnten überaus beliebt

sind Hochschulrankings. Nach

den buntesten Kriterien werden

Listen erstellt, damit staunende

Studienanfängerinnen und -anfänger

Orientierung finden und Hochschulleitungen

sich auf die Schulter

klopfen können. Manche Studien

fragen gleich die Professoren und

Studierenden selbst. Andere ziehen

dritte Kriterien heran. Wer genug

Rankings liest, wird sich schließlich

in seiner Wahl bestätigt finden.

An Rankings dieser Art beteiligt

sich auf der Grundlage eigener Förderdaten

auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft,

in deren DFG-

Förderatlas man nun aktuell nachschlagen

kann, welche Universität

besonders fleißige Lehrende hat.

Dabei geht es nicht um Forscherinnen-

und Forscherfleiß. Sondern um

fleißiges Antragstellen. An welcher

Universität werden – gerechnet auf

die möglichen Antragsteller – wie

viele Anträge gestellt?

Um es kurz zu machen: Das scheint

in Westfalen ganz gut zu klappen.

Aber was belegt das? Wissenschaftliche

Exzellenz? Hoffentlich. Vor allem

aber belegt es eben eine Forschung,

die sich zunehmend den für

die Öffentlichkeit kaum zu durchschauenden

Bewilligungskriterien

der Forschungsförderer anpasst.

Umso spannender, wenn jetzt an

Universität und Fraunhofer-Institut

für Molekularbiologie in Münster ein

Forscherteam gemeinsam mit einem

großen deutschen Reifenhersteller

für den Deutschen Zukunftspreis

nominiert ist. Ihr Projekt: „Nachhaltige

Reifen durch Löwenzahn – Innovationen

aus Biologie, Technik und

Landwirtschaft“.

Der gewaltige Bedarf an Naturkautschuk

für Reifen hat bis heute

Brandrodungen von Regenwäldern

zur Folge, sodass die Forscher jahrelang

mit sehr kautschukhaltigem russischen

Löwenzahn experimentiert

haben. Mit Erfolg. Die Produktion

läuft in industriellem Maßstab. Das

Rad dreht sich – mit Löwenzahn.

Die Entscheidung der Jury verkündet

der Bundespräsident am 17.

November. Wer so lange nicht warten

mag, kann sich schon heute überzeugen:

Forschung überzeugt in der Sache

selbst – mit und ohne Ranking.

Und der Forschungsstandort Westfalen

ist überaus lebendig.

Thorsten Weiland

KOLUMNE


BUCH EINS

2 | Akzente

AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

DIE WAHRHEIT ÜBER ...

… DAS MENSCHLICHE GEHIRN erforschen

Wissenschaftler der Ruhr-Universität

Bochum. Ihre zentrale Fragestellung:

Wie konnte der Mensch ein so

Forscht über das menschliche Gehirn:

Tran Tuoc von der Ruhr-Uni Bochum.

Foto: RUB/Marquard

großes und komplexes Gehirn entwickeln?

Ein Forschungsteam um Tran

Tuoc aus der Abteilung Humangenetik

der Medizinischen Fakultät hat einen

wichtigen Faktor identifiziert, der im

Verlauf der Evolution dazu geführt haben

könnte, dass der Neokortex des

Menschen so groß und kompliziert gefaltet

ist. Die sechs neuronalen Schichten

dieses Gehirnareals sind in viele

funktionale Bereiche gegliedert und

bilden die Grundlage dafür, dass wir

sensomotorische Reize verarbeiten und

intellektuelle Fähigkeiten entwickeln

können. Eine Ursache dafür vermuten

Neurowissenschaftler in der Größe und

Struktur des Neokortex. „Man nimmt an,

dass diese Entwicklung unser Verhalten

und unsere kognitiven Fähigkeiten geprägt

und unsere Spezies so einzigartig

gemacht hat“, erklärt Tran Tuoc.

Die Milliarden Nervenzellen, die zu dieser

Ausdehnung beitragen, werden

hauptsächlich von den sogenannten

basalen Vorläufern – englisch basal progenitors,

kurz BPs – erzeugt, die sich in

den Keimzonen des sich entwickelnden

Gehirns befinden.

Obwohl das Interesse von Forschenden,

Licht in diese Entwicklung zu bringen,

in den vergangenen Jahren groß

war, konnten sie bisher nur wenige

Faktoren identifizieren, die dabei eine

Rolle spielen. Die Erkenntnisse des Bochumer

Forschungsteams waren möglich,

weil sie eine neue, auf Massenspektrometrie

basierende Technik

einsetzten, um Unterschiede in der

epigenetischen Landschaft zwischen

dem sich entwickelnden Mäuse- und

Menschengehirn zu bestimmen.

Das menschliche Gehirn gibt der Forschung

noch viele Fragen auf. Foto: Getty Images

„Darüber hinaus sind die epigenetischen

Mechanismen, von denen man

annimmt, dass sie die Vermehrung der

BPs auf genomweiter Ebene steuern,

noch unbekannt“, erläutert Tran Tuoc.

Die Forschungsergebnisse des Bochumer

Teams indes könnten auch Wege

zur Behandlung neurodegenerativer

Erkrankungen eröffnen.

www.ruhr-uni-bochum.de

KOMMENTARE

Mehr Fachkräfte durch

Zuwanderung?

Hans Hund zur Integration auf dem Arbeitsmarkt

Das regionale Handwerk engagiert sich stark

in der Ausbildung von Geflüchteten. Ende

2020 bildeten die Handwerksbetriebe im

Kammerbezirk Münster 879 Lehrlinge aus

anerkannten Asylherkunftsländern wie Afghanistan,

Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia

und Syrien aus. Gemessen an den insgesamt knapp 15.000

Ausbildungsverhältnissen im Bezirk bildet diese Gruppe

damit einen Anteil von etwa 6 Prozent.

Darüber hinaus befinden sich weitere junge Geflüchtete

in Praktika, in berufsvorbereitenden Lehrgängen,

Maßnahmen sowie Helferjobs, und natürlich

arbeiten inzwischen auch fertig ausgebildete

Flüchtlinge als Fachkräfte in unseren Betrieben.

So leistet das Handwerk einen großen

Beitrag zur Integration von Migranten und

Geflüchteten in die deutsche Gesellschaft und

den deutschen Arbeitsmarkt.

Damit ergreifen die Betriebe auch die Möglichkeit,

eine Fachkraft für die Zukunft zu gewinnen.

Bis zu diesem Ziel ist es jedoch ein

langer Weg, auf dem viele Hindernisse rechtlicher,

sprachlicher, finanzieller, interkultureller

und auch ganz persönlicher Art zu meistern

sind. Ich bin sehr stolz auf die hohe Zahl der

meist kleinen und mittleren inhabergeführten Betriebe im

Kammerbezirk, die sich dieser wichtigen Aufgabe annehmen.

Eine kurzfristige Lösung des Fachkräftemangels in

Deutschland durch Flüchtlinge ist aber kaum möglich,

dafür ist der Anteil der beruflich qualifizierten Personen

unter den Geflüchteten nicht hoch genug.

Eine große Herausforderung des Zusammenspiels

aller Akteure ist nach wie vor die Sprachbarriere. Handwerksleistungen

sind meist individuell und damit in

besonderer Weise erklärungsbedürftig. Eine klare Kommunikation,

auch mithilfe von Fachausdrücken, ist unabdingbar

– nicht nur in den gefahrengeneigten Handwerksberufen.

In den Betrieben wird alles darangesetzt,

dass die Geflüchteten dem Betriebsablauf rasch folgen und

sich einbringen können – in manchen Situationen auch

„mit Händen und Füßen“.

Zugegeben: John Hattie ist Neuseeländer

und kein Westfale. Für seine

bahnbrechende Metastudie hat er

2009 noch nicht einmal Beispiele und

Studien aus Westfalen, sondern nur

aus dem englischsprachigen Raum

herangezogen. Doch seine zentrale

Erkenntnis, dass der mit Abstand bedeutendste

Faktor für den Lernerfolg

einer Schulklasse der Lehrer ist – diese

Erkenntnis ist genauso aktuell wie

universell. Sie gilt in Wellington und

Auckland genauso wie in Warstein

Faustin Tsague Donchi stammt aus Kamerun und hat bei der Handwerkskammer Münster einen

Leistungswettbewerb als Fahrzeugmechaniker gewonnen. Fotos: HWK Münster

Hans Hund ist Präsident

der Handwerkskammer

Münster.

Kommen die Auszubildenden in der praktischen Ausbildung

im Betrieb mit ihren Sprachkenntnissen noch einigermaßen

gut zurecht, stoßen sie häufig an ihre Grenzen, wenn

es um den theoretischen Part der Ausbildung geht. Das

Erreichen eines Sprachniveaus, welches Arbeiten, Lernen

– und letztlich auch Leben – im neuen Umfeld ermöglicht,

ist unabdingbar. Für eine Ausbildung oder Tätigkeit im

Handwerk sind Sprachkenntnisse auf dem Niveau B1 eine

Mindestvoraussetzung. Es hat sich gezeigt, dass trotz intensiven

Bemühens seitens der Betriebe und des Umfeldes

die hohen Anforderungen an vorhandene und zu erwerbende

Kompetenzen ohne ein gewisses Maß an

Deutschkenntnissen gar nicht zu bewältigen

sind. Ein weiterer Punkt liegt mir besonders am

Herzen: Es ist nach wie vor wichtig, alle Personengruppen

im Blick zu behalten und sie nicht

gegeneinander auszuspielen – Zugezogene genauso

wie Menschen, die seit Jahren oder schon

immer in unserem Bezirk leben. Es kann nicht

sein, dass weiterhin Jugendliche ohne Abschluss

die Schule verlassen und keinen Ausbildungsplatz

finden. Sie gehen uns als Gesellschaft

verloren. Um den Kontakt zu ihnen zu

halten, müssen wir bisweilen neue Ideen entwickeln,

mit ihnen neue Wege gehen und sie

im Fokus der Aufmerksamkeit behalten.

Die Aufnahme und Integration der Flüchtlinge ist sicherlich

ein Baustein zur Reduzierung der Fachkräftelücke,

vor allem ist sie aber eine dauerhafte gesellschaftliche Aufgabe.

Ich danke allen engagierten Betrieben, die trotz der

Schwierigkeiten die viel diskutierte Integration in die Tat

umsetzen. Die Kreishandwerkerschaften und die Handwerkskammer

Münster sind Ansprechpartner für die Betriebe

rund um das Thema Integration. Bei der Handwerkskammer

Münster kümmern sich beispielsweise zwei

„Willkommenslotsen“ speziell um die Vermittlung von

geflüchteten Menschen in Ausbildung und Beschäftigung.

Sie haben durch ihre Arbeit viel Erfahrung gesammelt, die

sie gerne Interessierten weitergeben. Ganz nach dem Motto

unserer Imagekampagne: „Im Handwerk kommt es nicht

darauf an, wo Du herkommst, sondern wo Du hinwillst.“

Ein Tablet garantiert noch keinen Lernerfolg

Von Stefan Legge

und Ahaus. Und sie gilt ganz besonders

beim Versuch, unsere Schulen zu

digitalisieren und den Schülerinnen

und Schülern, die Unterrichtsinhalte

digital zu vermitteln.

Wer glaubt, mit den richtigen Tablets

und den passenden Apps hätte

man auch nur die halbe Miete, der

verkennt, was Lehrerinnen und Lehrer

für eine erfolgreiche Vermittlung

des Stoffes am meisten brauchen:

eine stabile Beziehung zu ihren Schülerinnen

und Schülern.

Wir wollen die Chancen der neuen

Technologien nutzen. Dazu müssen

wir unsere Kinder zu einem verantwortungsvollen

Umgang mit den Medien

erziehen. Wenn wir wollen, dass

unsere Kinder in der Schule noch ganz

viele andere Dinge lernen, müssen die

Pädagogen auf einer menschlichen

Ebene an sie herankommen. Was Lehrerinnen

und Lehrer außer Tablets

und Apps an Unterstützung dafür

brauchen, sollte die zentrale Frage bei

der Digitalisierung von Schule sein.

PERSÖNLICH

Bitter und traurig

Rabbinerin Natalia Verzhbovska

über den Anschlagsplan: „Leider

wiederholt sich die Geschichte. Wir

erinnern uns an Jom Kippur im Jahr

2019, als die schreckliche Nachricht

vom Anschlag in Halle kam. Jom

Kippur ist ein Fastentag. 25 Stunden

lang fasten die Juden und verbringen

sehr viel Zeit in den Synagogen.

Ich war erschrocken, als ich in

diesem Jahr am Morgen des Feiertags

in die Synagoge kam und von den

Gläubigen erfuhr, dass eine Attacke

an Jom Kippur in Hagen geplant

wurde. Solche Nachrichten an Jom

Kippur lösen ein Gefühlschaos aus.

Denn an diesem Tag bitten wir Gott

um Vergebung und um Unterstützung.

Wir wenden uns an Gott als barmherzigen

Gott. Wenn wir an einem

solchen Tag erleben, dass so viel Hass

auf uns existiert, ist das besonders

bitter. Antisemitismus ist ein Teil

unseres täglichen Lebens geworden,

was ich traurig finde. Ich würde mir

wünschen, dass der Judenhass die

absolute Ausnahme ist. Sorgen macht

mir, dass die jungen Menschen immer

mehr nach Israel schauen und sagen,

dass sie in Deutschland keine Zukunft

mehr sehen. Das macht mich traurig.

Welche jüdische Gesellschaft sollen

wir hier bauen ohne junge Menschen?

Kein Mensch ist als Antisemit geboren.

Die Frage ist, welche Werte vermitteln

wir in der Gesellschaft? Wenn ein Kind

in der Kita und während der Schule in

der interreligiösen Verständigung

aufwächst, dann stärken wir unsere

Gesellschaft von innen.“

Natalia Verzhbovska ist Rabbinerin

von Köln, Unna und Oberhausen.

Impressum

VERTRIEB:

Lorena Gerversmann, Telefon: 0 25 01/801 44 82,

E-Mail: vertrieb@lp-verlag.de

VERLAG:

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Anschrift: Hülsebrockstraße 2–8, 48165 Münster.

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v.i.S.d.P.), Nicole Ritter (Stellv. Chefredak teurin,

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Illustrationen: Neil Gower, Marianna Weber

Layout: Martha Lajewski

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Landschaft Westfalen wird aktiv unterstützt von

der Stiftung Westfälische Landschaft und dem

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OKTOBER 2021 / AUSGABE 5

BUCH EINS

Agenda | 3

WESTFALEN

Krankenhäuser

sollen sich

spezialisieren

Kliniken müssen Leistungsbereiche

aushandeln – auch über Schließungen

wird diskutiert

Von Stefan Legge

Durch die Kooperation mit der neuen medizinischen Fakultät in Bielefeld wird das Klinikum Lippe zur Universitätsklinik. Fotos: Klinikum Lippe

Als ein Hebammen-Kreißsaal in Paderborn

unlängst in den landesweiten Schlagzeilen

landete, war nicht etwa eine Mehrlingsgeburt

der Grund. Nein, der Kreißsaal musste

wegen Personalmangels schließen, und die

Kinder mussten anderswo auf die Welt kommen. Doch

nicht nur fehlendes Personal stellt die Krankenhäuser vor

enorme Herausforderungen. „Der ruinöse Wettbewerb

unter den Kliniken hat negative Folgen für die stationären

Versorgungsstrukturen“, stellte NRW-Gesundheitsminister

Karl-Josef Laumann anlässlich der Vorstellung seines

neuen Krankenhausplans fest. Ein „Weiter so“ bei der Krankenhausplanung

würde dazu führen, dass Krankenhäuser

schließen müssten, weil sie dem wirtschaftlichen Druck

nicht mehr standhielten. Das vorwiegend auf Bettenzahlen

basierende Prinzip habe bereits dazu geführt, dass in Ballungszentren

eine Tendenz zur Überversorgung bestehe,

ländliche Regionen dagegen teilweise unterversorgt seien.

Doch kann der neue Plan des Ministers alle 169 Krankenhäuser

in Westfalen vor der Schließung retten? „Nein. Vor

allem Krankenhäuser mit weniger als 300 Betten werden es

sehr schwer haben“, meint Johannes Hütte, Geschäftsführer

des Klinikums Lippe mit Standorten in Detmold, Lemgo

und Bad Salzuflen. „Inhaltlich setzt die Reform die richtigen

Schwerpunkte. Das Problem, dass die Krankenhäuser strukturell

unterfinanziert sind, löst sie aber nicht.“

Der neue Plan soll die Krankenhäuser dazu zwingen,

sich zu spezialisieren und gleichzeitig stärker zu kooperieren.

Ein wichtiges Ziel bleibt die Präsenz in der Fläche. Das

nächstgelegene Krankenhaus für die Grundversorgung soll

in 20 Autominuten erreichbar sein. Es soll aber nicht mehr

alle Behandlungen anbieten; Spezialisierung zum Beispiel

auf Schlaganfallversorgung oder Bauchspeicheldrüsen-OP.

„Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen“, lautet das

Credo des Ministeriums. Außerdem sollen die Krankenhäuser

in den Regionen besser zusammenarbeiten. Es soll

nach Fallzahlen und nicht mehr nach Anzahl der Betten

geplant werden.

Seit Jahrzehnten unterfinanziert

Mit einer Mindestmengenregelung will man die Qualität

der Behandlungen und Eingriffe steigern. Logisch: Wer 20

Kreuzbänder in der Woche zusammenflickt, ist routinierter

als jemand, der das nur alle zwei Wochen tut. „Diese

Leistungskonzentration hat sicher viele Vorteile“, sagt

Johannes Hütte. „Vorhaltekosten für Notfallversorgung

oder Geburtshilfe müssen aber auch adäquat vergütet werden.

Nur so können diese Strukturen jenseits einer komplexen

Maximalmedizin in der Fläche erhalten bleiben.“

In puncto Kooperation gebe es in vielen Bereichen noch

Potenzial. „Die Häuser sind sicher gut beraten, sich bereits

jetzt über mögliche Formen der Zusammenarbeit zu unterhalten“,

meint Hütte. Das Klinikum Lippe sehe den geänderten

Anforderungen insgesamt gelassen entgegen. Im

Kreis Lippe sei man der einzige akutsomatische Leistungserbringer,

und zudem werde man durch die neue medizinische

Fakultät in Bielefeld Universitätsklinikum. Kritisch

bleibe aber das ungelöste Problem der Infrastrukturkosten.

„IM

NÄCHSTEN

JAHR GEHT

ES UM JEDES

EINZELNE

KRANKEN-

HAUS.“

Jochen Brink,

Präsident der KGNW

Die Finanzierung der Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen

ruht auf zwei Säulen. Die laufenden Betriebskosten

sollen über die Krankenkassen, die Investitionen in die

Infrastruktur über Landesmittel gedeckt werden. „Bei den

Investitionskosten sind wir seit 40 Jahren unterfinanziert“,

erläutert Hütte. Das Klinikum Lippe mit seinen 1230 Betten

und 120.000 Quadratmetern Gebäudefläche bekomme

für Investitionen in Gebäude und die gesamte Medizintechnik

6 Millionen Euro im Jahr. „Das hört sich viel an,

ist aber bei einer Gebäudeinfrastruktur aus den 1960erund

1970er-Jahren zu wenig“, so der Chef des Klinikums,

das etwa 300 Millionen Euro Umsatz im Jahr macht. Man

sei immer wieder gezwungen, notwendige Anschaffungen

über Kredite zu finanzieren und dieses Geld im laufenden

Betrieb durch Einsparungen zu erwirtschaften.

Da die Reform dieses Grundproblem nicht anpackt, werde

es für die kleinen Häuser besonders schwer. „Alle wissen

das. Aber keiner will es aussprechen. Eine Krankenhausschließung

ist für Kommunalpolitiker ein sehr unangenehmes

Thema“, so Hütte. Auch wenn Lippe verschont bleibt,

andernorts wird über Schließungen diskutiert werden.

Vielleicht hat der Gesundheitsminister die Reform

auch deshalb von Beginn an auf breite Füße gestellt. Krankenkassen,

Ärztekammern und die Krankenhausgesellschaft

NRW (KGNW), ein Zusammenschluss der Krankenhausträger

und ihrer Spitzenverbände in NRW, haben

die Pläne mitentwickelt. „Bis jetzt ging es um das Grundgerüst

der Reform“, sagt KGNW-Präsident Jochen Brink.

„Im nächsten Jahr geht es um jedes einzelne Krankenhaus.

Dann wird es ernst, denn dann bekommen wir nach und

nach einen klaren Blick darauf, zu welchen Veränderungen

die Reform konkret führen wird.“

Wichtig sei, die Krankenhausplanung engmaschig zu

begleiten. „Es ist nicht auszuschließen, dass einzelne Krankenhäuser

durch die Reform ihre wirtschaftliche Balance

verlieren und ins Wanken geraten, obwohl wir sie dringend

brauchen“, sagt Brink. „Deshalb müssen wir die Prozesse

permanent auf ihre Auswirkungen hin überprüfen.“ Brink

weist darauf hin, dass es durch die Umstrukturierung einen

zusätzlichen Finanzbedarf von rund 200 Millionen Euro

Krankenhäuser in Westfalen nach Anzahl der Betten

66 66

Westfalen

169

37

16

26

10

Reg.-Bez. Münster

52

13 9 10

Reg.-Bez. Detmold

32

Johannes Hütte,

Geschäftsführer des

Klinikums Lippe

pro Jahr gebe. Denn die Schließung eines Krankenhauses

koste etwa das Ein- beziehungsweise Eineinhalbfache des

jährlichen Umsatzes. Und auch der Aufbau von Krankenhausbetten

koste etwa 200.000 Euro pro Bett. „Wer Veränderung

will, braucht deshalb eine solide finanzielle Ausstattung“,

sagt Brink.

Harte Verhandlungen

Den Krankenhäusern stehen nun harte Verhandlungen

über die Versorgungsstrukturen in den einzelnen Regionen

bevor. Zuerst verhandeln sie vor Ort mit den Landesverbänden

der Krankenkassen. Dort wird gerungen, welches

Krankenhaus künftig welche Leistungen anbieten soll und

darf. Nach der Verhandlungsphase folgt eine Prüfung und

Bewertung durch die zuständige Bezirksregierung und das

Ministerium. Vor einer abschließenden Entscheidung werden

die Städte und Kreise sowie die Kassenärztlichen Vereinigungen

einbezogen.

Damit ein Krankenhaus das gewünschte Versorgungsangebot

bieten darf, muss es die vorgegebenen Qualitätsanforderungen

für die gewünschte Leistungsgruppe erfüllen.

Gibt es mehr Bewerber für eine Leistungsgruppe,

als benötigt werden, wird im Rahmen einer Auswahlentscheidung

und unter regionaler Berücksichtigung das am

besten geeignete Krankenhaus ausgewählt. Das Verfahren

endet mit einem Feststellungsbescheid für das Krankenhaus.

Aus diesem ergibt sich genau, welche Leistungen das

Krankenhaus erbringen soll und darf.

Auch für die Krankenhäuser in Westfalen, die diese

Reform überstehen werden, prophezeit Johannes Hütte

eine unruhige Zukunft: „Solange wir das Problem der Infrastrukturfinanzierung

nicht lösen, wird in der Krankenhauslandschaft

keine Ruhe einkehren.“

37

31

17

Reg.-Bez. Arnsberg

85

Bis 200 Betten

200-500 Betten

mehr als 500 Betten

Quelle: it.nrw


BUCH EINS

4 | Schwerpunkt

AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

Kupfer ist das neue Öl: Der Rohstoff ist für viele Elektronikbauteile begehrt, seit Monaten knapp und der Preis auf dem Weltmarkt ist so hoch wie noch nie. Minenbetreiber sind zurückhalten damit,

die Förderkapazitäten zu erhöhen. Experten gehen davon aus, dass das Metall wie andere Rohstoffe auch für lange Zeit ein knappes Gut bleiben wird. Foto: Thomas Söllner/Adobe Stock

Rohstoffe und Halbleiter sind knapp

Unternehmen klagen über Engpässe und steigende Preise

Von Dirk Wohleb und Stefan Terliesner

Auf der ganzen Welt klagen Unternehmen

derzeit über Material- und Lieferengpässe.

Auch in der wirtschaftlich so prosperierenden

Region Südwestfalen macht sich der Mangel

bemerkbar. Die Gründe sind viel fältig: Schiffe

sind ausgelastet, Container rar, und wegen Corona-

Beschränkungen verläuft die Abfertigung in wichtigen

asiatischen Häfen nur sehr langsam. Die Produktion von

Halbleitern kann die Nachfrage nicht befriedigen. Das

Gleiche gilt auch für Rohstoffe: Minen fördern zu wenig

Kupfer und andere Metalle.

Die Folgen sind allerorten stark steigende Preise,

Lieferengpässe sowie gekappte Prognosen für das Wirtschaftswachstum.

So rechnet das ifo Institut in diesem

Jahr für Deutschland nur noch mit einem Plus von

2,5 Prozent nach zuvor angepeilten 3,3 Prozent. „Die

ursprünglich für den Sommer erwartete kräftige Erholung

nach Corona verschiebt sich weiter“, kommentiert ifo-

Konjunkturchef Timo Wollmershäuser die Entwicklung.

Bei ihrer Schätzung für 2022 legen die ifo-Forscher

allerdings eine Schippe drauf: Vorausgesagt wird ein

Wachstum von 5,1 Prozent nach bisher genannten

4,3 Prozent – sofern die Lieferketten wieder funktionieren.

Rohstoffmangel mit Folgen für Unternehmen

Wie sich die Knappheit auswirkt, Umfrage unter 232 Unternehmen

Höhere Einkaufspreise

Längere Wartezeiten

34 %

34 %

Gestiegener Planungsaufwand

Quelle: IHK Arnsberg - Hellweg – Sauerland

49 %

63 %

Aufträge können nicht

abgearbeitet werden

72 %

Förderung beantragt/vorgesehen

Aktuell ermitteln Handwerkskammern und Industrieverbände

bei ihren Mitgliedern das Ausmaß und die

Folgen möglicher Material- und Lieferengpässe. Vom

Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA)

liegen die Ergebnisse einer Blitzumfrage bei 575

Entscheidern, darunter 153 aus Nordrhein-Westfalen

(NRW), bereits vor. Demnach sind in den ersten

sieben Monaten im Vergleich zum entsprechenden

Vorjahreszeitraum zwar 41 Prozent mehr Aufträge hereingekommen,

gleichzeitig nehmen die Probleme in

den Lieferketten aber deutlich zu. Laut VDMA berichten

86 Prozent der befragten Unternehmen in NRW

„von merklichen oder gravierenden Behinderungen“.

40 Prozent der Betriebe gehen für die nächsten drei

Monate davon aus, dass diese Beeinträchtigungen weiter

zunehmen. 52 Prozent der Befragten rechnen mit einer

gleichbleibenden Störung.

Mittelstand ist hart getroffen

Eine Entwicklung, die sich auch in Südwestfalen widerspiegelt.

Eine Umfrage der IHK Arnsberg unter 232

Firmen in der Region zeigt die Brisanz der Lage: 72

Prozent der Unternehmen sind von höheren Einkaufs-


OKTOBER 2021 / AUSGABE 5

BUCH EINS

Schwerpunkt | 5

preisen für Rohstoffe betroffen. 44 Prozent verzeichnen einen Mangel an

Stahl, gefolgt von Kunststoffen und Holz mit je 33 Prozent. Rund zwei Drittel

der Befragten berichten von längeren Wartezeiten. Fast jedes zweite Unternehmen

braucht mehr Zeit für die Planung. Mit dramatischen Folgen: 34 Prozent

der Unternehmen können bestehende Aufträge nicht abarbeiten,

ebenso viele verzeichnen sogar Umsatzausfälle. „Die Unternehmen im Sauerland

und am Hellweg kämpfen mit fehlenden Rohstoffen und Waren

und ächzen unter steigenden Preisen“, sagt Andreas Rother, Präsident der

IHK Arnsberg Hellweg Sauerland.

Diese Entwicklung trifft den erfolgreichen Mittelstand in Südwestfalen

hart. Hier ballen sich wie in kaum einer anderen Region in Deutschland

innovative Firmen, die mit ihren Spezialisierungen in vielen Nischen Weltmarktführer

sind. Schwerpunkt der oft familiengeführten Unternehmen

sind Gesundheitswirtschaft, Lichttechnik, Metallverarbeitung, Kunststoffverarbeitung,

Elektrotechnik, Maschinenbau, Recycling, Sanitär und Holzwirtschaft.

Eine Schlüsselbranche sind Zulieferer der Automobilindustrie.

Mangel an Mikrochips

Die Automobilfirmen könnten deutlich mehr Fahrzeuge absetzen, als das

derzeit der Fall ist. Sie leiden aber unter einem Mangel an Mikrochips. Das

bekommen auch die zahlreichen Automobilzulieferer zu spüren. Zum Beispiel

Hella, ein international aufgestellter Automobilzulieferer mit Sitz in

Lippstadt und 125 Standorten in 35 Ländern. „Das Branchenumfeld hat

sich insbesondere aufgrund der sich weiter verschärfenden Bauteilkrise im

ersten Quartal spürbar eingetrübt. Nach neuesten Marktprognosen ist davon

auszugehen, dass in diesem Geschäftsjahr aller Voraussicht nach rund

10 Millionen Fahrzeuge weltweit weniger produziert werden, als noch im

Juli dieses Jahres erwartet wurde“, sagt Rolf Breidenbach, Vorsitzender

der Hella-Geschäftsführung. „Auch wenn wir frühzeitig und vorausschauend

entsprechende Gegenmaßnahmen ergriffen haben, um unsere Lieferketten

bestmöglich zu stabilisieren und den weiter zunehmenden Kostendruck

abzufedern, werden wir uns dieser allgemeinen Markt entwicklung nicht

vollständig entziehen können“, befürchtet Breidenbach. Hella konnte trotz

der Lieferengpässe zwischen Juni und August, dem ersten Quartal des

neuen Geschäftsjahres, den Konzernumsatz um 9,5 Prozent auf 1,5 Milliarden

Euro steigern. Das operative Ergebnis legte im Vergleich zum Vorjahr auf

91 Millionen Euro zu.

ASPEKTE

Entwicklung des Ölpreises

73,53

71,89

64,56

66,91

61,05

63,24

54,38

01.01.2021 01.02.2021 01.03.2021 01.04.2021 01.05.2021 01.06.2021 01.07.2021

Monatlicher Durchschnittspreis in den OPEC-Staaten in US-Dollar pro Barrel. Quelle: OPEC

70,33

01.08.2021

76,36

73,88

01.09.2021 01.10.2021

Mit Elan und Flexibilität gegen die Engpässe

Die Unternehmen in Südwestfalen können sich der Entwicklung nicht entziehen,

kämpfen aber mit Elan und viel Flexibilität gegen die Engpässe an,

wie eine Umfrage von „Landschaft Westfalen“ ergab. Ein Beispiel ist SKS

metaplast mit Sitz in Sundern. Bei dem Unternehmen handelt es sich um

einen Hersteller von Systemlösungen aus Konstruktionskunststoffen, die

neben der Zweirad- auch in Automobil-, Sanitär-, Haustechnik-, Bau- und

Elektronikindustrie zum Einsatz kommen. „Bei uns sind bestimmte Kunststoffgranulate,

aber auch Formteile aus Metall und sogar Kartonagen knapp“,

sagt Christian Schulte, Leiter Einkauf bei SKS metaplast Scheffer-Klute. Vor

allem bei Lieferungen aus Asien gebe es zum Teil erhebliche Verzögerungen.

„Wichtige Häfen im Fernen Osten sind geschlossen. Wenn es dringend ist,

schaffen wir daher Handelsware per Luftfracht heran, statt wie bisher per

Schiff“, erklärt Schulte.

Zudem würden Lieferanten ihre Produktion zum Beispiel in Osteuropa

hochfahren, sofern Waren aus deren Fabriken in Asien nicht per Schiff nach

Deutschland transportiert werden können. Zum Teil versuche SKS Metaplast

auch neue Lieferanten zu finden, die noch Bestände in der gewünschten

Qualität zur Verfügung stellen können. Aber auch dieser Weg funktioniere

nicht immer. „Die Lieferanten selbst haben ja oft mit Engpässen zu

kämpfen“, schildert Schulte die Situation. Daher müsse sich der Fahrradausrüster

die benötigten Mengen überall zusammensuchen. „Wir haben die

Zahl der Mitarbeiter im Einkauf aufgestockt, aber dennoch macht die Abteilung

Überstunden.“

Trilux, einer der Marktführer für technische Beleuchtung mit Sitz in Arnsberg,

bekommt den Engpass ebenfalls zu spüren. „Natürlich sind wir auch von

der Verknappung und besonders von der Kostensteigerung betroffen“, sagt

Hubertus Volmert, CEO und COO bei Trilux. Dennoch habe es keine Lieferengpässe

bei den Kunden gegeben: „Trilux kann auf ein langjähriges, weitverzweigtes

und robustes Netzwerk von Lieferanten zurückgreifen, das eine sichere

Versorgung mit Rohstoffen und Komponenten zu jeder Zeit gewährleistet.“

Autoteile werden knapp, weil den Zulieferfirmen Komponenten für die Produktion fehlen.

Hier kontrolliert ein Mitarbeiter der Firma Hella eine Kunststoffstreuscheibe. Foto: Hella

Warum die Rohstoffpreise steigen:

Öl und Industriemetalle sind knapp –

daran dürfte sich so schnell nichts ändern

Nach den weltweiten Lock downs

wachsen die Volkswirtschaften

rund um den Globus stark. So soll die

Weltwirtschaft dieses Jahr um 6,0

Prozent steigen – nach einem Minus

von 3,2 Prozent im Vorjahr. Wenn

die Konjunktur weltweit anspringt,

steigt das Interesse an Kupfer, Öl

und weiteren Rohstoffen.

Die Folgen davon bekommen

Unternehmen auch in Westfalen zu

spüren. Der Preis für ein Barrel Erdöl

ist in den vergangenen zwölf Monaten

von 40 auf 76 US-Dollar gestiegen.

Der Preis für eine Tonne Kupfer

legte 43 Prozent zu.

Entspannung ist nicht in Sicht

Der amerikanischen Geological

Survey rechnet mit einer Verdoppelung

der Nachfrage nach Kupfer in

den kommenden 30 Jahren. Damit

müsste in diesem Zeitraum mehr

Kupfer abgebaut werden als in der

gesamten bisherigen Menschheitsgeschichte.

Und Kupfer ist nicht

der einzige Rohstoff, der sich einer

rasant steigenden Nachfrage gegenübersieht.

Das Gleiche gilt für

Kobalt, Nickel oder Silber.

Ein zentraler Faktor für das steigende

Interesse an Rohstoffen ist

die Energiewende. Rund um den

Globus werden in den nächsten

Jahren Tausende von Solaranlagen

und Windparks entstehen. „Pro

Quadratkilometer Solaranlage werden

zum Beispiel rund 11 Tonnen

Silber benötigt, pro Megawatt, das

installiert wird, rund 5 Tonnen Kupfer“,

sagt Joachim Berlenbach,

Geologe und Minenexperte bei der

Investmentgesellschaft Earth

Resource Investment Group.

Kaum anders sieht es bei Windkraft

aus. Für einen Offshore-

Windpark werden aktuell im Durchschnitt

etwa 9,6 Tonnen Kupfer

benötigt. Aufgrund des starken Ausbaus

der Windenergie dürfte der

Kupferbedarf bis 2050 um das Vierbis

Fünffache steigen. Und die

Nickelnachfrage der Hersteller von

Elektrofahrzeugen dürfte sich allein

zwischen 2018 und 2025 mehr als

verzehnfachen. „Mir ist nicht klar,

wie dieser rasant steigende Bedarf

gedeckt werden soll“, sagt der

promovierte Geologe. „Schließlich

tätigen die großen Bergbaugesellschaften

derzeit kaum neue Investitionen,

während zugleich die

durchschnittlichen Erzgehalte in den

Lagerstätten immer weiter sinken.“

Dabei ist die Energiewende nur

ein Argument. „Dazu kommen die

Infrastrukturprogramme, die in den

USA oder in China bereits beschlossen

wurden“, meint Rohstoffexperte

Armin Sabeur. „Und ich bin mir

sicher, dass wir das in Europa auch

noch sehen werden, da die Modernisierung

der Infrastruktur Arbeitsplätze

schafft, die internationale Wettbewerbsfähigkeit

erhöht und ein Treiber

für das Wirtschaftswachstum ist.“

Hoher Ölpreis und Inflation

Das Ende der Fahnenstange ist längst

nicht erreicht: „Wenn in der ersten

Jahreshälfte 2022 die Pandemie großteils

vorüber ist, dann wird die

Industrieproduktion anziehen, und

die Nachfrage nach fossilen Energieträgern

wie Öl oder Gas wird zunehmen“,

meint Berlenbach. „Und da

wir beim Öl knappe Förderkapazitäten

haben, werden wir einen

steigenden Ölpreis und damit eine

zunehmende Inflation sehen.“

Diese Kombination aus niedrigen

Zinsen und einer höheren Teuerung

dürfte Rohstoffe für Investoren

zusätzlich attraktiv machen. Denn

deren Preise werden dann voraussichtlich

deutlich ansteigen.


BUCH EINS

6 | Berichte AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

Sommer: Kommunen

suchen Personal

Düsseldorf. Der Hauptgeschäftsführer

des Städte- und Gemeindebundes

NRW, Christof Sommer, sieht

in vielen Städten und Gemeinden

einen enormen Personalmangel: „In

nahezu allen Bereichen fehlen Leute,

vor allem aber in den Kindergärten,

im Bauamt, im IT-Bereich oder bei

technischen Aufgaben wie im Wasserwerk

oder in der Umwelttechnik.“

Selbst attraktive Führungsposten seien

immer schwerer zu besetzen. Das sei

ein großes Problem. „Wenn Fachleute

fehlen, führt das zwangsläufig zu

Verzögerungen, angefangen beim

Planen und Bauen der neuen Kita bis

zu Verkehrswende und Klimaschutz.“

Der allgemeine Fachkräftemangel

schlage auch auf die Kommunen

durch. Vor allem kleinere Gemeinden

zögen dann im Wettbewerb mit

der Wirtschaft oder größeren Städten

oftmals den Kürzeren. „Zu schaffen

macht uns außerdem der demografische

Wandel: Rund 25 Prozent der

Beschäftigten werden in den nächsten

zehn Jahren in den Ruhestand gehen“,

berichtet Sommer. Mehrere Kommunen

haben ein gemeinsames Jobportal

gegründet. Unter berufe-nrw.de

werben sie gezielt für die Vorteile

einer Tätigkeit im öffentlichen Dienst.

Kirchenbanken wollen

fusionieren

Münster/Paderborn. Die Aufsichtsräte

der Bank für Kirche und Caritas

eG (BKC) mit Sitz in Paderborn und der

DKM Darlehnskasse Münster eG (DKM)

haben beschlossen zu fusionieren.

Ihr Ziel ist es, im Jahr 2022 zu einem

gemeinsamen neuen Institut zu

verschmelzen. Beide Banken betonen,

dass sie über eine sehr gute Ertragslage

und eine hervorragende Eigenkapitalausstattung

verfügen. Die weitreichenden

Veränderungen im kirchlichen

und regulatorischen Umfeld

machten Anpassungen erforderlich,

um die sehr gute Marktposition in

Zukunft weiter auszubauen. Die neue

katholische Kirchenbank werde die

Standorte in Paderborn und Münster

gleichgewichtet weiterführen und die

Arbeitsplätze an beiden Standorten

sichern. Die Leitung des Unternehmens

werde von den jetzigen Vorständen

übernommen.

SÜDWESTFALEN

Regionalplan

sorgt für Ärger

Kritik am Entwurf

der Bezirksregierung:

Überregulierung

führt zu Stillstand

Von Stefan Legge

Bei der Regionalplanung geht

es um die räumliche Entwicklung

und die Planungsziele

für eine Region. „Widerstreitende

Interessen liegen da in

der Natur der Sache“, sagt Christoph

Söbbeler von der Bezirksregierung in

Arnsberg. Die Nebengeräusche zur

Neuaufstellung des Räumlichen Teilplans

für den Märkischen Kreis, den

Kreis Olpe und den Kreis Siegen-

Wittgenstein gehen allerdings über

das normale Maß hinaus. Kritik

kommt von allen Seiten. Der zentrale

Vorwurf: Überregulierung führt zu

Stillstand.

Noch bevor die Frist für die Stellungnahmen

zum Entwurf abgelaufen

war, sahen sich daher die Vorsitzenden

der Regionalratsfraktionen

Guido Niermann (CDU) und Hans

Walter Schneider (SPD) zu einem

außergewöhnlichen Schritt gezwungen.

In einem gemeinsamen Antrag

forderten sie die Regionalbehörde auf,

ein Verfahren vorzuschlagen, „mit

dem die genannten Problemfelder

adäquat einer Lösung zugeführt werden

können“.

Als Problemfeld haben die Antragsteller

zu allererst die unzu reichende

Ausweisung von zusätzlichem Allgemeinen

Siedlungsbereich (ASB)

identifiziert. „Ein wesentlicher und

tragender Grund fast aller Zuschriften

betrifft die fehlende beziehungsweise

unzureichende städtebauliche Entwicklung

in den Kommunen“, stellen

Niermann und Schneider unisono

fest. Auch wird die Kartierung von

Windenergiebereichen kritisch gesehen.

Hier solle die kommunale Planungshoheit

berücksichtigt werden.

Zu umfangreiche Gebiete zum Schutz

der Natur (BSN) schränkten nicht nur

Siedlungsbereiche ein, sondern bedrohten

landwirtschaftliche Betriebe

in ihrer Existenz.

Die Lokalpolitiker greifen damit

die deutliche Kritik der Landwirte an

Ein Blick in den Märkischen Kreis. Der neue Regionalplan wird außerdem für den Kreis Olpe und den Kreis Siegen-Wittgenstein

„Das Ziel sind mindestens vier Baumarten pro Bestand“

planerische Vorgaben machen. Foto: Adobe Stock

dem Entwurf auf. „Dieser Regionalplan

ist eine Katastrophe. Man fühlt

sich, als habe jemand am Schreibtisch

mit dem Edding einen Zaun mitten

in den Acker gezogen“, kritisiert

Günter Buttighoffer, Vorsitzender

des Landwirtschaftlichen Kreisverbandes

im Märkischen Kreis. Die Sorge

der Betriebe ist, dass die jetzt zum

Schutz der Natur gekennzeichneten

Flächen später tatsächlich als Naturschutzgebiet

ausgewiesen werden.

Dann wäre keine intensive landwirtschaftliche

Nutzung und auch keine

Betriebserweiterung an dieser Stelle

mehr möglich. Auch die Landwirte in

den Kreisen Olpe und Siegen-Wittgenstein

sehen das kritisch: „Die sehr

üppigen Ausweisungen der BSN-Flächen,

die an vielen Stellen Hofstandorte

miteinbeziehen, umschließen in

der zeichnerischen Darstellung nahezu

jedes kleinere oder auch größere

Tal, nicht selten ohne Rücksicht auf

Naturschutzwürdigkeit oder -bedürftigkeit“,

heißt es in ihrer gemeinsamen

Stellungnahme.

Können die Gegensätze auf der

Grundlage des vorliegenden Entwurfs

austariert werden? Der im Regionalrat

beschlossene Antrag der

Mehrheitsfraktionen fordert mehr. In

Bezug auf die Ausweisung von Siedlungsgebieten

wird die zugrunde gelegte

Bevölkerungsprognose in IT-

NRW infrage gestellt. Vielmehr sollen

die Kommunen den notwendigen

Bedarf an weiteren Wohnbauflächen

anhand einer plausiblen Bevölkerungsstruktur

selbst darlegen. “

Ob die Diskussion auf der Grundlage

des vorliegenden Entwurfs weitergeht,

soll nach Sichtung aller Stellungnahmen

entschieden werden. So

hat es der Regionalrat in seiner letzten

Sitzung entschieden. Wenn es zu wesentlichen

Änderungen im Entwurf

kommt, soll es eine erneute Öffentlichkeitsbeteiligung

geben. Das Verfahren

ginge damit von vorne los.

Westfalen-Beweger“

ausgezeichnet

Soest. Die Stiftung Westfalen-Initiative

hat zum siebten Mal ihren Preis für

herausragendes bürgerschaftliches

Engagement, den „Westfalen-Beweger“,

verliehen. Den ersten Platz

teilen sich die gemeinnützige Unternehmergesellschaft

#SheDoesFuture

aus Bad Oeynhausen und die gemeinnützige

Genossenschaft Kloster

Wiedenbrück eG aus Rheda-Wiedenbrück.

Ihr nachahmenswertes

Engagement wird mit jeweils 5000

Euro prämiert. Dass die beiden

Erstplatzierten eine besondere Organisationsform

aufweisen, signalisiert

uns, dass sich Engagement heute nicht

mehr nur im Verein abspielt, sondern

auch unternehmerische Formen

findet“, betont der Geschäftsführer

der Stiftung Westfalen-Initiative,

Gerd Meyer-Schwickerath. Die Kloster

Wiedenbrück eG betreibt ein ehemaliges

Franziskanerkloster und will es zu

einem Ort der Begegnung für alle

Bürgerinnen und Bürger machen.

Hinter #SheDoesFuture steht die Idee,

Mädchen und junge Frauen in ihrer

Entwicklung zu unterstützen und ihr

Selbstbewusstsein zu stärken.

Thomas Kämmerling, erster stellvertretender

Vorsitzender des Gemeindewaldbesitzerverbandes

NRW und

Betriebsleiter von RVR Ruhr Grün,

zur Herausforderung der Wiederbewaldung

Interview: Kevin Schlotmann

Bitte beschreiben Sie kurz, wie sich

der Wald seit dem Orkan Friederike

verändert hat.

Die mittelalten und älteren Fichtenbestände

bei RVR Ruhr Grün sind fast

komplett abgestorben. Damit geht es

uns wie vielen anderen Waldbesitzern.

Seit Friederike sind bundesweit

rund 190 Millionen Kubikmeter

Schadholz angefallen. Knapp 3000

Quadratkilometer Kahlflächen sind

wiederzubewalden. Bei uns hatte die

Fichte einen Flächenanteil von unter

5 Prozent, sodass wir „nur“ 400 Hektar

wiederbewalden müssen. Aber

auch andere Baumarten wie zum

Beispiel die Buche sind stark angeschlagen.

Stichwort Wiederbewaldung. Wo

liegt dabei der Schwerpunkt: Naturnahe

Vorwaldwirtschaft mit einem

hohen Schutz- und Erholungswert

oder Wiederbewaldungsmaßnahmen

mit der Aufforstung von Nadelholz?

Viele Nadelhölzer sind immergrün

und im Winter grüne Tupfer im Landschaftsbild.

Unser Ziel ist es, strukturreiche

klimastabile Mischwälder aufzubauen.

Wir setzen vorrangig auf die

Naturverjüngung heimischer Laubbaumarten.

Aber auch Küstentanne,

Douglasie und Roteiche zählen zu

unserem betriebseigenen Waldbaukonzept.

Unsere strukturreichen und

auch im Klimawandel sehr vitalen

Kommunalwaldexperte Thomas Kämmerling.

Foto: Regionalverband Ruhr (RVR)

Roteichenbestände sind vor allem im

Herbst ein echter Hingucker. Wir sehen

uns zudem in der Pflicht, die drohende

Versorgungslücke im Nadelholzbereich

zu schließen. Deshalb

spielen auch Nadelbäume, wie die

Küstentanne, als Mischbaumart eine

nicht unbeachtliche Rolle. Grundsätzlich

haben wir uns zum Ziel gesetzt,

mindestens vier Baumarten pro

Bestand zu etablieren.

Sind Sie frei in der Wahl von Baumarten,

oder stehen politische Vorgaben

beziehungsweise der Bürgerwillen

dem entgegen?

Als größter Kommunalwaldbetrieb in

NRW können wir nur zusammen mit

der Öffentlichkeit Wald entwickeln.

Denn Kommunalwald ist immer auch

BürgerInnen-Wald, und wir reagieren

auf die Nachfragen und Bedürfnisse

der WaldbesucherInnen. Deshalb planen,

bauen und unterhalten wir zum

Beispiel auch Mountainbike-Trails.

Wir sind durch und durch Dienstleister

und denken und handeln deshalb

generationengerecht.

Aber will der Bürger die Küstentanne?

Gegenfrage: Können alle Menschen im

Wald die Küstentanne auf den ersten

Blick erkennen? Ich glaube, noch nicht.

Nach fachlicher Aufklärung über deren

Vorzüge vor allem im Klimawandel

steigt aber das Wissen. Mit fast 30 Prozent

Mischungsanteil ist die Kiefer

unsere Hauptbaumart. Unserer Erfahrung

nach sind den WaldbesucherInnen

aber einzelne Baumarten gar nicht

so wichtig. Im Mittelpunkt steht viel

mehr das Gesamterlebnis Wald mit gepflegten

und gut ausgeschilderten Wegen.

Und das am liebsten ohne Müll als

ungeliebte Hinterlassenschaft.

Wenn Sie sich andere Kommunalwaldbetriebe

in NRW anschauen –

gibt es Betriebe, die Ihre Betriebsziele

inzwischen mehr in Richtung

„Erholung“ auslegen?

Der Trend ist da und bietet auch Chancen,

für das Multitalent Wald zu werben.

Denn Wälder tragen insgesamt

wesentlich zur Lebensqualität der Menschen

bei. Daher ist auch das Angebot

der kommunalen Forstbetriebe vielfältiger

geworden. Wir reagieren entsprechend

auf die neuen Herausforderungen.

Kletterwälder, Mountainbike-

Trails, Naturerlebnispfade und vieles

mehr komplettieren das bisherige Angebot

zur Freizeitgestaltung Erholungssuchender

im Kommunalwald.

Zuerst erschienen in längerer Form im

Wochenblatt für Landwirtschaft und Landleben


OKTOBER 2021 / AUSGABE 5

BUCH EINS

Berichte | 7

MÜNSTER

Raiffeisenmärkte steigern

Umsatz in der Krise

Der Raiffeisenverband Westfalen-Lippe zieht

eine positive Bilanz des Geschäftsjahres 2020

Von Stefan Legge

Unsere Mitgliedsgenossenschaften

sind bis heute insgesamt gut

durch die Pandemiezeit gekommen“,

sagte Friedrich Becker, Vorsitzender

des Aufsichtsrates des Raiffeisenverbandes

Westfalen-Lippe (RVWL). Anlässlich

der Mitgliederversammlung

des Verbandes zog er eine positive

Bilanz des vergangenen Geschäftsjahres

2020. „Unsere 63 Mitgliedsgenossenschaften

waren mit ihren

Angeboten durchgängig für die Landwirte

und Verbraucher da. Ihre Systemrelevanz

wurde von der Politik

erkannt“, sagte Becker.

Insgesamt setzten die Warengenossenschaften

im RVWL mehr als

1,4 Milliarden Euro um. Mit einem

Umsatzplus von 11,6 Prozent auf

fast 168 Millionen Euro ragte der

Bereich Einzelhandel heraus. Die

Raiffeisenmärkte profitierten dabei,

ähnlich wie Bau- und Heimwerkermärkte,

von den Menschen im Lockdown,

die sich um ihre Häuser, ihre

Gärten und ihre Hobbys gekümmert

haben. Zwar ging der Umsatz an den

Tankstellen aufgrund des geringe-

ren Verkehrs um etwa 30 Prozent

zurück, der Bereich Energie habe

aber wie der Einzelhandel gute Ergebnisse

gebracht.

Das landwirtschaftliche Geschäft

sei 2020 mit einem Umsatzrückgang

von 5 Prozent auf rund 833 Millionen

Euro weitgehend zufriedenstellend

abgeschlossen worden. „Die

Herausforderungen, denen sich die

landwirtschaftlichen Betriebe der

Region gegenübersehen, haben aber

unmittelbaren Einfluss auf die Raiffeisen-

und Viehgenossenschaften“,

sagte Becker. Als Stichworte nannte

er die massiven Veränderungen in

der Tierhaltung, den reduzierten

Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutz

sowie den Klimawandel.

„Wir stellen uns als Verband der Entwicklung.

Wir stehen mit den Raiffeisen-Genossenschaften

an der Seite

der landwirtschaftlichen Betriebe

und packen die Zukunftsthemen aktiv

an“, betonte Becker.

Das Viehgeschäft der Mitgliedsgenossenschaften

habe von den

Stückzahlen her zulegen können,

aufgrund des Preissturzes zum Ende

des Geschäftsjahres war aber auch

hier ein leichter Umsatzrückgang zu

verzeichnen. Insgesamt setzten die

Genossenschaften im Bereich Vieh

im Jahr 2020 ein knappe Milliarde

Euro um.

Neben den vorhandenen Mitgliedern

begleitet der RVWL auch erfolgreich

Neugründungen von Genossenschaften,

zum Beispiel im

Bereich der Holzvermarktung und

der Energiegenossenschaften. „Da

ist unser Know-how von der ersten

Planung bis zur Gründungsversammlung

gefragt“, so Vorstandsmitglied

Christian Degenhardt. Ein

wachsender Bereich im RVWL ist der

Friedrich Becker, Vorsitzender des RVWL-Aufsichtsrates. Foto: RVWL

Prüfungsbereich. Seit vier Jahren

bietet der RVWL diese Dienstleistung

auch außerhalb der Genossenschaftsorganisation

an. „Unsere

Mandanten schätzen die Zuverlässigkeit

im Prüfungsablauf, die hohe

Fachlichkeit und die moderate Kostenstruktur“,

berichtete RVWL-

Vorstandsmitglied und Wirtschaftsprüfer

Frank Niemer. Immer mehr

Genossenschaften und weitere regionale

Unternehmen gehen mit

dem RVWL in die Prüfung.

Aktuell arbeitet der RVWL an den

Themen Digitalisierung, Nachhaltigkeit

und der Entwicklung von Konzepten

für angepasste Systeme in

Warengenossenschaften. sle

Anschubfinanzierung für

Wasserstoffprojekte

Kirchlengern/Lichtenau. Das

Unternehmen Westfalen Weser hat in

Kirchlengern (Kreis Herford) und

Lichtenau (Kreis Paderborn) zwei

Wasserstoffprojekte initiiert und hofft

jetzt auf eine Anschubfinanzierung

durch das Bundesumweltministerium.

Der Hintergrund: Ostwestfalen-Lippe

kann voraussichtlich schon 2030

einen Stromüberschuss aus regenerativen

Energien verzeichnen, der

sich vor allem aus Windkraft und

Photovoltaikanlagen speist. Schon

jetzt müssen Windkraftanlagen in der

Region regelmäßig abgeregelt werden.

Damit diese Überschussenergie

genutzt werden kann, soll in Kirchlengern

ein „H2-Systemkraftwerk“

entstehen, in dem Elektrolyse und

Brennstoffzellen eingesetzt werden.

In Lichtenau soll die vollständige

Dekarbonisierung des Wärmesektors

für Raumwärme und industrielle

Prozesswärme im ländlichen Raum

modellhaft getestet werden. Dabei

werden vorhandene Erdgasnetze und

-speicher genutzt. „Beide Vorhaben

sind technologisch höchst komplex

und nur mit einer entsprechenden

finanziellen Förderung in die Tat umzusetzen“,

erläutert Andreas Speith,

Geschäftsführer von Westfalen Weser

Netz. Auf gemeinsame Einladung von

Herfords Bürgermeister Tim Kähler

und Stefan Schwartze, Mitglied des

Bundestages, hat die Bundesumweltministerin

Svenja Schulze den Unternehmensstandort

von Westfalen

Weser in Kirchlengern kürzlich besucht,

um sich persönlich über die

Projekte zu informieren.

Die ganze Welt der

Ernährungswirtschaft.

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BUCH EINS

8 | Westfalen in Zahlen

AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

Westfalen mit Einwanderungsgeschichte

Eckdaten zur Integration

Migration

in der Statistik

Die statistische Unterscheidung zwischen

Deutschen und Ausländern ist

trennscharf und hat ihre Berechtigung,

etwa bei der Erfassung der

grenzüberschreitenden Wanderungen.

Vielen Fragen der Integration wird sie

aber nicht gerecht. Einige Erhebungen

unterscheiden daher nicht mehr nach

der Nationalität, sondern nach Menschen

mit und ohne Einwanderungsgeschichte.

Darunter versteht man:

Ausländerinnen und Ausländer, seit

1950 nach Deutschland zugewanderte

Personen und die Kinder dieser beiden

Gruppen.

67,5 % 41,9 % 26 % 22,5 %

der Erwerbsfähigen

mit Migrationshintergrund

gehen in Westfalen einer Beschäftigung

nach. Bei Menschen ohne Einwanderungsgeschichte

liegt die Erwerbstätigenquote

bei 78,4 Prozent.

der Einwohner der

Stadt Hagen

haben einen Migrationshintergrund.

Das ist nicht nur der höchste Wert in

Westfalen, sondern in ganz NRW. Der

Kreis Höxter weist in dieser Statistik mit

14,9 Prozent den geringsten Wert aus.

der Westfalen

mit Einwanderungsgeschichte

leben in den eigenen vier Wänden.

Die Eigentümerquote von Menschen

ohne Migrationshintergrund beträgt

46,7 Prozent.

der bis zu dreijährigen

Westfalen,

die eine Kindertageseinrichtung besuchen,

haben eine Einwanderungsgeschichte.

Bei den Drei- bis Sechsjährigen

sind es sogar 28,7 Prozent.

65,5 %

der Zuwanderer

in Nordrhein-Westfalen haben die

Migrationserfahrung aus erster Hand.

Die übrigen Prozent gehören der

zweiten Generation ohne eigene Migrationserfahrung

an.

18,2%

Joachim Stamp, Minister für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration in Nordrhein-Westfalen:

„Einwanderinnen und Einwanderer sind in Nordrhein-Westfalen willkommen. Wir sind

stolz darauf, dass Menschen aus allen Teilen der Welt zu uns ziehen, um hier zu leben,

zu lernen und zu arbeiten. NRW wird durch Einwanderung stärker. Sie hilft uns demografisch,

wirtschaftlich und kulturell.“

Erwerbstätige in Westfalen nach Migrationsstatus

und Stellung im Beruf

der Bewohner

mit Einwanderungsgeschichte

ohne Einwanderungsgeschichte

von NRW ohne deutschen Pass sind

türkischer Nationalität. Doch nicht in

allen Städten und Kreisen stellen sie

die größte Gruppe. So ist beispielsweise

im Kreis Borken die niederländische,

in den Kreisen Coesfeld und

Soest die polnische Staatsangehörigkeit

am häufigsten vertreten.

1,7 %

Beamte

8,2 %

Selbstständige

30,3 %

Arbeiter

7,1 %

Beamte

8,9 %

Selbstständige

12,5 %

Arbeiter

5236

Menschen

59,8 %

Angestellte

71,5 %

Angestellte

aus dem Ausland sind im Jahr 2019 per

Saldo nach Bielefeld gezogen.

Das ist der höchste Wert in Westfalen.

Den geringsten Saldo der Zu- und

Fortzüge an ausländischer Bevölkerung

verzeichnete der Kreis Olpe mit 113.

Einbürgerungen in Westfalen je Regierungsbezirk

66,6 %

der Ausländer

in NRW haben eine langfristige Aufenthaltserlaubnis,

21,9 Prozent eine

befristete Aufenthaltserlaubnis.

Jeweils 2,2 Prozent sind als Asylsuchende

geduldet oder verfügen

über eine andere Form der Duldung.

Münster

Detmold

Arnsberg

3314

2852

2597

2630

2113

2434

5228

5311

4651

Quellen: It.nrw, mkffi

2010 2015 2020


AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

www.landschaft-westfalen.de

BUCH ZWEI

Höxter: Malalai Ansari sorgt sich um Afghanistan Seite 11 | Paderborn/Münster: Digitalisierung an Schulen Seite 12 |

Münster: Millionen für Naturkundemuseum Seite 14 | Leopoldshöhe: Erntebilanz der Landwirte fällt durchwachsen aus Seite 15

HERNE

Dicke

Brocken

Eine Ausstellung zeigt den

Steinkreis von Stonehenge.

Seine Entstehung bleibt

ein Rätsel

Von Stefan Legge

Stonehenge ist in seiner Form einzigartig und bis

heute ein Rätsel“ sagt der Chefarchäologe des

Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL)

Michael Rind. Auch wenn die Wissenschaft inzwischen

viele technische Fakten über das Monument

kenne, seien die Beweggründe, warum es gebaut wurde,

nach wie vor nicht wirklich klar.

Für eine Ausstellung über das berühmte archäologische

Denkmal ist in Herne eine detailgetreue Nachbildung

des riesigen prähistorischen Steinkreises aufgebaut

worden. Eine sieben Meter hohe Rekonstruktion wurde

mithilfe von 3-D-Laserscandaten installiert. Im Archäologiemuseum

des LWL können die Besucher nun ein

Jahr lang nicht nur das riesige Monument erleben, sondern

auch tief in seine Geschichte eintauchen. Es sei ein

Beispiel dafür, wie der Mensch schon lange vor der Industrialisierung

Landschaft entscheidend verändert und

geprägt habe, so die Ausstellungsmacher.

„Ähnliche Zeugnisse einer Tausende Jahre alten

Kulturlandschaft finden sich auch bei uns in Westfalen“,

sagt Michael Rind. Die Ausstellung stelle deshalb die

Landschaft von Stonehenge der gleichzeitigen Entwicklung

der menschengemachten Landschaften in Westfalen

gegenüber. Bereits an die 1000 Jahre vor Stonehenge

tauchen in Westfalen Großsteingräber auf, zum Beispiel

die ältesten erhaltenen Bauzeugnisse, die Megalithgräber

bei Erwitte-Schmerlecke (Kreis Soest) und bei Lotte

(Kreis Steinfurt) nahe Osnabrück, die in Herne ebenfalls

gewürdigt werden.

Ausgewählte Funde der englischen Archäologie und

der westfälischen Forscher des LWL bringen den Besuchern

die Lebenswelten der prähistorischen Menschen

vor knapp 5000 Jahren näher. Auch neueste Forschungsergebnisse

zur Geschichte des archäologischen Denkmals

und der es umgebenden Landschaft in Südengland

werden in der Schau vorgestellt. mit dpa

Vor etwa 4500 Jahren wurde der berühmte Steinkreis von Stonehenge geschaffen. Auch in Westfalen gab es solche Großsteingräber. Foto: Getty Images

Sandalen für die wohl weltgrößten Füße

kommen aus dem Münsterland

Schuhmacher Georg Wessels (rechts) zeigt mit Pater Alejandro Keri aus Caracas, Mitarbeiter von

Kardinal Porras, die neuen Sandalen für die größten Füße der Welt. Foto: dpa

Vreden/Essen. Mit mehr als 40 Zentimetern

sind sie lang wie ein Bierkasten:

Der Mensch mit den laut

Guinnessbuch der Rekorde größten

Füßen der Welt bekommt bald ein

neues Paar Sandalen aus einer Schuhmacherwerkstatt

im Münsterland – in

Schuhgröße 69.

Seit vielen Jahrzehnten beschenkt

der Schuhspezialist Georg Wessels

aus Vreden die größten Menschen der

Welt mit passendem Schuhwerk.

Jetzt übergab er in Essen ein Paar

schwarze Ledersandalen an das katholische

Lateinamerika-Hilfswerk

Adveniat, damit die Riesenschuhe

den Weg zu Jeison Rodriguez nach

Maracay in Venezuela finden.

„Wegen der Pandemie kann ich nun

nicht hinfahren, und Jeison kann

auch nicht einfach zu uns kommen,

um die Schuhe abzuholen“, sagte

Wessels. Da sei es gut, dass Adveniat

helfe, die Schuhe an den richtigen

Mann zu bringen.

Der 24-jährige Rodriguez hat laut

Guinnessbuch der Rekorde die größten

Füße der Welt – ein trauriger Rekord,

denn sein nicht enden wollendes

Wachstum geht auf die Krankheit

Akromegalie zurück. Ein Tumor an

der Hirnanhangdrüse lässt die Erkrankten

immer weiter wachsen – mit

gefährlichen Folgen. Stoppen Medikamente

und eine Operation das

Wachstum nicht, sterben die Riesenwüchsigen

meist früh. Der Körper

kommt dann nicht mehr mit der Größe

zurecht.

Rodriguez sei dringend auf das

„extrem robust gearbeitete“ Schuhwerk

mit den orthopädischen Einlagen

angewiesen – inzwischen in

Größe 69. Er wachse einfach unaufhörlich

weiter, schilderte Wessels.

Beim Kennenlernen vor rund sieben

Jahren habe er noch die Schuhgröße

66 für den damals 17-Jährigen angefertigt.

Rodriguez habe einen ziemlichen

Knickfuß, so der orthopädische

Schuhmacher. „Würde er barfuß

laufen, könnte er schon nach kurzer

Zeit gar nicht mehr gehen“, erklärte

Wessels. dpa


BUCH ZWEI

10 | Wir in Westfalen

AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

DREI FRAGEN AN ...

BÖNEN

Stephan Rotering

Bürgermeister der Stadt Bönen

Foto: epd-bild/Diakonie RWL

Die erste Frau an

der Spitze

Herr Rotering, eine Ernst&Young-Studie

hat die Grundsteuerhebesätze der

Kommunen in Deutschland miteinander

verglichen. Warum ist Bönen mit

einem Hebesatz von 940 in Westfalen

Spitzenreiter?

Im Jahr 2009 gab es durch eine Firmenübernahme

einen Einbruch bei

unseren Gewerbesteuereinnahmen in

Millionenhöhe. Um unsere Pflichtaufgaben

als kreisangehörige Kommune

beispielsweise im Bereich der Kinderund

Jugendhilfe erfüllen zu können und

darüber hinaus auch bei den freiwilligen

Ausgaben handlungsfähig zu bleiben,

waren wir gezwungen, die Grundsteuer

schrittweise zu erhöhen. Bei

Lichte betrachtet, ist der Grundsteuerhebesatz

der einzige Hebel, den Kommunen

in einer solchen Situation ansetzten

können.

Finden Sie den Vergleich der Hebesätze

unter den Kommunen hilfreich?

Nein. Denn allein die Höhe des Hebesatzes

sagt ja noch nichts über die

tatsächliche Belastung der Eigentümer

aus. Bedingt durch die niedrigen

Messbeträge ergibt sich für den überwiegenden

Teil der Grundbesitzer in

Bönen eine relativ geringe Grundsteuerzahllast.

84,6 Prozent der Immobilienbesitzer

werden mit einem

Messbetrag von maximal 100 Euro

veranlagt – was bei unserem Hebesatz

einer Grundsteuer von maximal 940

Euro pro Jahr entspricht. 40 Prozent

IN DEN SCHUHEN VON ...

Foto: Stadt Bönen

des Grundsteueraufkommens von insgesamt

6,6 Millionen Euro entfallen auf

die Gewerbetriebe.

Welche Herausforderungen kommen

mit der bereits beschlossenen Grundsteuerreform

auf Sie zu?

Die mit der Reform angestoßene Überarbeitung

der Messbeträge wird zu einer

Angleichung der Zahllast führen.

Auch wenn insgesamt das Aufkommen

gleich bleiben soll, werden sich Veränderungen

ergeben. Eigentümer von

Altimmobilien werden mehr Grundsteuer

zahlen. Neu errichtete Gebäude

werden besser gestellt. Wir kommen

dann in die Situation, den Betroffenen

erklären zu müssen, warum unser Hebesatz

sinkt, sie aber trotzdem mehr

Grundsteuer zahlen müssen.

Foto: Ina Schönenburg/Ostkreuz

Türen auf, Köpfe auf,

Herzen auf !

Auszug aus „Unlock – Gedanken zum

Theater in und nach der Pandemie“

Von Johan Simons, Intendant Schauspielhaus Bochum

Natürlich hat Corona das Theater erst einmal lahmgelegt. Das Theater, wie wir

es kannten. Wir haben zunächst gefilmt, kleine neue Stücke, geschrieben für

unser Ensemble, inszeniert als Kurzfilme. Aber etwas fehlte. Erst wenn jemand

zuschaut, wird es hell. Wenn jemand anders als wir selbst, die wir es machen,

zuschaut. Erst dann ist es Theater. Wir haben gemerkt, dass das, was uns so

selbstverständlich erschien, etwas Besonderes ist und unersetzlich: dass Menschen,

die zuschauen, mit ihrem Blick verändern, was wir tun, es vervollständigen.

Im zweiten Lockdown haben wir uns entschlossen, live zu streamen.

Geistervorstellungen aus dem leeren Theater. Das war für uns neu, wir haben

das stetig weiterentwickelt. Der Zuspruch hat uns ermutigt.

Es gibt Erfahrungen, über die ich nachdenke. Darüber, wie Menschen sich

verhalten in Krisensituationen, auch gegenüber der Kunst. Natürlich war und

ist der Lockdown für alle sehr schwierig, dieser Stress, diese Anspannung und

die Angst. Um sich selbst, um die vielen, deren Leben nicht nur ausgesetzt,

sondern wie zerstört daliegen. Darum, wie man weiterleben, weiter arbeiten,

überhaupt existieren kann. Darum, wie eine Gesellschaft – und unter welchen

Bedingungen – wieder aufstehen und sich neu gestalten kann.

… des Diakonischen Werkes Rheinland-Westfalen-Lippe

(RWL) ist Kirsten

Schwenke. Die 57-Jährige hat ihr

Amt als Juristischer Vorstand angetreten

und folgt damit auf Thomas Oehlers,

der in den Ruhestand geht.

Schwenke arbeitet bereits seit elf Jahren

bei der Diakonie RWL. Seit 2015

leitet sie das Zentrum Recht.

Foto: AVWL

Der neue Chef der

Apotheker

… in Westfalen ist Thomas Rochell aus

Beverungen. Er folgt auf Klaus Michels,

der nach 14 Jahren als Vorstandsvorsitzender

des Apothekerverbandes

Westfalen-Lippe (AVWL) zurückgetreten

ist. Bei seinem Amtsantritt formulierte

Rochell klare Forderungen an

die Politik. Die Apotheken vor Ort

müssten gestärkt werden, da die Corona-Krise

gezeigt habe, wie wichtig ein

dichtes, stabiles Apothekennetz zur

Krisen- und Katastrophenbewältigung

sei. Er plädierte zudem dafür, in Westfalen-Lippe

mehr Studienplätze einzurichten,

um die pharmazeutische Betreuung

einer älter werdenden Gesellschaft

sicherzustellen.

… Schahina Gambir, Parlamentarierin

Foto: Richard Westebbe

Geboren in Kabul, aufgewachsen

auf dem Land im Kreis Schaumburg

– und jetzt in der großen Berliner

Politik angekommen. Schahina

Gambir ist für die Grünen im Kreis

Minden-Lübbecke in den Bundestag

eingezogen. Über die NRW-Landesliste

errang die 30-Jährige nach

einem aufreibenden Wahlkampf

einen Platz im Parlament.

Gambir studierte nach ihrer Ausbildung

zur Veranstaltungskauffrau

Politik- und Wirtschaftswissenschaft

in Bielefeld. Während ihres Wahlkampfes

ist sie auf großes Interesse

der Bürgerinnen und Bürger gestoßen.

Jetzt will sie in Berlin etwas für

ihre Heimat bewegen. Die ländliche

Region dürfe nicht abgehängt werden,

betont sie. „Wichtig ist für mich

die Daseinsvorsorge“, sagt Gambir

und zählt auf, was aus ihrer Sicht

dazugehört: schnelles Internet, ein

bequemer ÖPNV, eine gute Gesundheitsversorgung.

Die Leute sollten

„gerne auf dem Land leben und gerne

dort auch eine Perspektive haben“.

Gambir fühlt sich wohl im Kreis Minden-Lübbecke

und hat natürlich

auch einen Lieblingsort: das große

Torfmoor, „ein magischer Ort“,

an dem sie sehr gut abschalten könne.

Ob sie als Abgeordnete noch oft

die Zeit dafür finden wird, sei

dahin gestellt.

Ihr „Herzensthema“ ist die Antidiskriminierungspolitik,

sagt Gambir,

die gerade ihren Master in Gender

Studies macht. Tatsächlich sei der

Auslöser ihrer Kandidatur der Anschlag

von Hanau am 19. Februar

2020 gewesen, bei dem neun Menschen

mit Migrationshintergrund

erschossen wurden. mgl

Theater unter Rechtfertigungsdruck

Als wir im Februar dieses Jahres für eine Inszenierung Künstler*innen aus Chile

eingeladen hatten, ist uns das dann später übelgenommen worden, es gab

wütende Briefe an die Zeitung und Kommentare, die uns beschuldigten, wir

hätten die Sicherheit der Menschen im Theater und in Bochum fahrlässig gefährdet,

sogar die brasilianische Mutante des Coronavirus in der Stadt verbreitet.

Was definitiv und beweisbar nicht der Fall war.

Das Theater praktiziert eines der sichersten Sicherheitskonzepte, was Corona

anbelangt. Die damit einhergehenden Einschränkungen machen künstlerisch

nicht immer Spaß, aber sie haben unter Sicherheitsaspekten sehr gut

funktioniert. Dafür danke ich allen Beteiligten.

Nun schrieben manche auch, warum wir überhaupt Künstler*innen aus

dem Ausland beschäftigen würden, ob es denn nicht „genug gute deutsche“

Künstler*innen gebe. Und wieso überhaupt dieser Aufwand für „ein paar Proben“.

Ich bemerke, dass Kunst und Theater von bestimmten Seiten zunehmend

unter Rechtfertigungsdruck geraten. Und ich spüre am eigenen Leib, was es

bedeutet, mit nationalistischen Parolen öffentlich angegriffen zu werden.

Internationalität ist Kern der Kunst

Meine Antwort darauf kann ich am besten geben mit unserer Kunst. Internationalität

ist für mich der Kern der Kunst. Mir ist es wichtig, dass viele Nationalitäten

hier im Theater zusammenarbeiten. Es geht mir darum, Einflüsse

unterschiedlicher Kulturen zu erhalten, um unterschiedliche Erfahrungen,

Meinungen, Ideen. Es geht um Inspiration. Das Ensemble des Schauspielhauses

in Bochum ist divers, weil die Welt divers ist. Und nicht weiß.

Diversität ist der natürliche Zustand der Welt. Vielfalt war immer, ist und

bleibt, meine Mission für das Schauspielhauses Bochum. Diversität und Vielfalt

sind das, was wir weiterverfolgen müssen. Ich denke, nach dieser Pandemie

mehr als je zuvor. Unlock statt Lockdown. Türen auf, Köpfe auf, Herzen auf.

Mein Wunsch ist, dass dieses Theater wieder und weiterhin der Ort ist, an

dem wir Vielfalt leben, erproben, erweitern – mit Ihnen, mit Euch!

Den vollständigen Text können Sie ist in der Spielzeit-Zeitung des Schauspielhaus Bochum

nachlesen: www.schauspielhausbochum.de

Foto: Equitaris

Beste Amateurin

im Springreiten

… in Westfalen ist Friederike Willmers.

Die für den RV Wolbeck startende

Münsteranerin errang mit ihrem

Holsteiner Wallach Quarzit den

Sieg bei den Deutschen Amateurmeisterschaften

am Westfälischen

Pferdezentrum in Münster-Handorf.

Als einziges Paar blieben sie in beiden

Umläufen ohne Strafpunkte. „Ich

freue mich wahnsinnig. In Münster-

Handorf hatten wir einfach Topbedingungen.

Und ein Sieg in der Heimat

ist natürlich immer etwas ganz Besonderes“,

findet die Apothekerin.


OKTOBER 2021/ AUSGABE 5

BUCH ZWEI

Porträt | 11

Kabul

Afghanistan

Die Flagge des Nationalstaates Afghanistan hat für Malalai Ansari große symbolische Kraft. Foto: Thomas Kube (rechts). Karte: Shutterstock

HÖXTER

„Die Menschen wollen

keinen Krieg mehr“

Malalai Ansari stammt aus Afghanistan. Was dort geschieht,

beobachtet sie mit Sorge – und sie hat viele Fragen

Von Nicole Ritter

Der 16. August 2021, der Tag, an dem die Taliban ihre weiße Flagge

über Kabul hissen, ist für Malalai Ansari ein schwarzer Tag. Als

ein Redakteur der Lokalzeitung sie anruft und sie um ein Interview

bittet, willigt sie ein – und hat eine dringende Bitte: Man

möge sie mit der afghanischen Flagge fotografieren.„Die Flagge

des Nationalstaates ist unser Stolz und das Symbol unserer Freiheit“, sagt

sie. Die drei Farben: Schwarz für den überwundenen Kolonialismus, Rot für

das Blut, mit dem die Menschen diese Freiheit erkämpften, und Grün für

das Glück, diese Zeit überwunden zu haben. Dass diese Flagge nicht mehr über

dem Land weht, löst viele Gefühle in ihr aus: Ohnmacht, Sorge, Verzweiflung.

„Wir Afghanen sind stolz auf unsere Geschichte.“

Bilder aus einer anderen Zeit

Ihre eigene Geschichte beginnt 1967 in der afghanischen Hauptstadt Kabul.

Malalai Ansari wird in eine wohlhabende Familie geboren, der Vater ist

Gouverneur der Provinz Paktia und verkehrt in der Hauptstadt in höchsten

Kreisen. Das ist die Zeit, deren Bilder wir heute staunend betrachten:

Frauen in kurzen Röcken in den Cafés von Kabul, westliche Hippies bereisen

die Provinzen. „Religionen koexistierten“, erinnert sich Malalai Ansari,

„wir sind in Synagogen gegangen und zu Hindufesten.“ Auch die verschiedenen

religiösen Strömungen des Islam konnten damals nebeneinander bestehen.

„Frauen mit Schleier neben Frauen im kurzen Rock, das war völlig normal“,

erzählt sie. „Ein freundliches, liberales Land.“ Was die Menschen dort leben,

nennt sie eine Mischmaschkultur, in der die traditionell geprägte Bevölkerung

in den Provinzen sehr wohl die moderne Kultur akzeptiert habe.

Die westlich orientierte Politik allerdings ist nicht unumstritten, die kommunistisch

geprägte Demokratische Volkspartei Afghanistans gewinnt an

Macht. 1979 marschieren sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Als Teil

der alten Elite wird Malalai Ansaris Vater verhaftet und verschwindet

spurlos. „Meine Mutter wartete und wartete.“ Bis heute ist sein Schicksal

ungeklärt. Schließlich kehrt die Mutter mit ihren vier Töchtern nach Kabul

zurück. Sie können dort zur Schule gehen und studieren – Malalai Ansari wird

Mathematiklehrerin. Je mehr jedoch die Regierung ihr kommunistisches

Ideal zu festigen versucht, desto konservativer wird die Gesell schaft.

„Die Menschen haben die Richtung gewechselt“, so erlebt es Malalai Ansari.

Das Land zerfällt in eine liberale Hauptstadtgesellschaft und von unterschiedlichen

Mudschaheddin-Gruppen umkämpfte Provinzen.

Erste Flucht nach Pakistan

Die Familie flieht 1989 nach Pakistan und erlebt „einen Kulturschock:

Wir kamen in westlicher Kleidung, und dort waren die Frauen verschleiert.“

Einige Zeit lang werden afghanische Flüchtlinge in dem Nachbarland

unterstützt; Ansari kann als Dozentin arbeiten, lernt ihren Mann kennen,

der ebenfalls aus Afghanistan stammt, bekommt zwei Kinder. Mitte der

1990er-Jahre jedoch wird der Druck auf die Flüchtlinge immer größer,

viele werden nach Afghanistan abgeschoben. Schließlich ist klar: Sie können

nicht bleiben. „Wir machten uns auf die Suche nach einem sicheren Land.“

„Wir alle sind

Menschen,

in deren Adern

Blut fließt.“

Malalai Ansari,

Welcome-Verein Höxter

Neue Heimat in Höxter.

Foto: Marc Venema/Shutterstock

Eine neue Heimat im Weserbergland

Die junge Familie verschlägt es ins Weserbergland. In Godelheim bei Höxter

bekommt sie eine Wohnung und lebt heute in einem schmucken Eigenheim.

„Wir waren sehr zielstrebig und bemühten uns um die Anerkennung in der

Gesellschaft“, berichtet Ansari. Das gelingt. Die Familie geht zum Schützenfest

und in den Kegelverein. Ihr Mann schult zum Verfahrensmechaniker um,

sie selbst kann, als die – mittlerweile drei – Kinder etwas größer sind, sogar noch

einmal studieren. Heute arbeitet sie als Bauingenieurin bei der Stadt Höxter.

Ihre Fluchterfahrungen machen sie zu einer wichtigen interkulturellen Vermittlerin.

Freundlich und offen erklärt sie Deutschen wie Geflüchteten,

was sie voneinander erwarten können – und was nicht. Mit einer authentischen

Emotionalität wirbt sie für Verständigung: „Wir alle sind Menschen,

in deren Adern Blut fließt.“ Im Jahr 2017 zeichnet das Kommunale Integrationszentrum

im Kreis Höxter Ansari mit dem Integrationspreis für ihr

Engagement im örtlichen Welcome-Verein aus. Zwei Jahre lang ist sie dort

im Vorstand, auch heute noch arbeitet sie mit: „Ich möchte das wieder zurückgeben,

was ich bekommen habe.“

Für Flüchtlinge engagiert

Das Foto mit der afghanischen Flagge entsteht vor den Räumen des Welcome-

Vereins, dem Ort, in dem Ansaris Lebensfäden zusammenlaufen.

„Das Schicksal hat mich geführt“, sagt sie heute, „ich glaube, ich habe sehr

viel Glück gehabt.“ Die Menschen in Afghanistan hat das Schicksal gebeutelt:

Befreiungskrieg, Bürgerkrieg, Terrorkrieg. „So viele Menschen haben ihr Leben

verloren, und jetzt wird das Land alleingelassen.“ Langsam hätten die Menschen

angefangen, ihr Land wieder aufzubauen. Dann habe man den Taliban

den roten Teppich ausgerollt.

Was sie besonders schmerzt, ist die im Westen verbreitete Sichtweise,

die afghanischen Volksgruppen seien untereinander zerstritten. „Das

stimmt nicht. Der Streit wurde 40 Jahre lang geschürt. Davor haben sie jahrhundertelang

friedlich miteinander gelebt.“ Und der Vorwurf, die Afghanen

hätten ihr Land nicht verteidigt: „Keinen Widerstand zu leisten ist nicht

typisch afghanisch“, sagt Ansari, „die Afghanen haben immer gekämpft.“

Was sie diesmal davon abgehalten hat, darüber kann sie nur spekulieren.

Was in den letzten Wochen und Monaten geschehen ist, versetzt sie

nicht nur in Sorge um Freunde und Verwandte, sondern wirft auch viele

Fragen auf: nach der Rolle des bei der Wahl im Jahr 2019 unterlegenen

Präsidentschaftskandidaten Abdullah Abdullah. Nach den Vereinbarungen

der Doha-Konferenz. Nach den Interessen des Nachbarlandes Pakistan.

Nach der Art und Weise, wie die westlichen Truppen abgezogen sind.

Nach der Rolle des Widerstandes um den Sohn des Mudschaheddin- Führers

Ahmad Schah Massoud und den Vizepräsidenten Ahmad Saleh. „So viele

Puzzleteile passen nicht zusammen“, findet sie. Ob sie jemals Antworten auf

diese Fragen finden wird, ist ungewiss – und auch, was unter den Taliban

geschehen wird, die inzwischen selbst im letzten Winkel des Landes ihre weiße

Flagge gehisst haben. Doch eines ist für Malalai Ansari sicher: „Die Menschen

wollen keinen Krieg mehr.“


BUCH ZWEI

12 | Feature

AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

PADERBORN/MÜNSTER

Laptop und

Brotdose

Ob die Digitalisierung des

Unterrichts funktioniert,

hängt vom Engagement

jeder einzelnen Schule ab.

Beispiele aus Westfalen

Von Kerstin Eigendorf

G

enervt schaut ein Grundschullehrer aus Halle (Westfalen) auf sein Tablet.

„Mensch, was klappt denn da nicht?“, fragt er mehr sich selbst als seine Klasse.

„Das funktioniert doch ganz leicht, lassen Sie mich mal ran“, sagt ein

Viertklässler und kommt zu Hilfe. Ist das schon gelungene Digitalisierung

an Schulen?

„Wir kommen Schulen, die können mit dem Begriff Neue Medien gar

nichts anfangen, weil das Thema für sie nicht neu ist. Und wir kommen in

Schulen, in die wir, überspitzt gesagt, zum ersten Mal ein Gerät mit Stecker

mitbringen“, fasst Ingo Witzke, Professor an der Universität Siegen, seine

Erfahrungen zusammen. Mit seinem Team hat er ein Projekt entwickelt,

bei dem je zwei Unterrichtsassistenten eine Schule ein Jahr lang vor Ort

begleiten, um bei Fragen rund um Digitalisierung helfen zu können. Im Februar

ist „DigiMath 4Edu“ als Förderprojekt der Regionale Südwestfalen gestartet –

nach ein einhalb Jahren Vorbereitung. „Es kursiert ja aktuell vielfach die falsche

Vorstellung, dass Tablets für alle Schüler bereits der Beweis für gelungene

Digitalisierung sind“, betont Witzke.

Dabei dürfe nicht vergessen werden, dass man sowohl mit einer Tafel als

auch mit einem Smartboard guten und schlechten Unterricht machen könne.

„Ich bin sicher, dass Digitalisierung an Schulen nur funktioniert, wenn Experten

in die Schulen kommen und gemeinsam und nicht von oben herab ihr

Wissen vermitteln“, sagt der Spezialist für Mathematikdidaktik. Im Idealfall

laufe es so: „Der Lehrer sagt: Ich will den Satz des Pythagoras einführen, habt

ihr da was? Und die Unterrichtsassistenten liefern ihm etwas Passendes. Es

geht nicht darum, dass wir den Schulen einen 3-D-Drucker hinstellen und sie

mit den Worten ‚Macht damit Unterricht‘ alleine lassen.“

Hürden im digitalen Unterricht

Dass zahlreiche Schulen solche Unterrichtsassistenten bitter nötig hätten,

zeigt eine aktuelle Studie der Initiative D21 und der TU München unter

Schirmherrschaft von Staatssekretär Markus Richter, Beauftragter für Informationstechnik

der Bundesregierung. Darin sahen 85 Prozent der befragten

Eltern auch 2021 weiterhin Hürden im digitalen Unterricht. Diese reichen von

Internetproblemen über mangelnde Kompetenz der Lehrer bis hin zu unkoordinierten

Kommunikationswegen. Nur 48 Prozent der befragten Eltern und

„Es kursiert vielfach

die Vorstellung,

dass Tablets

für alle Schüler

bereits der Beweis

für gelungene

Digitalisierung sind.“

Ingo Witzke, Professor für Mathematikdidaktik

Schüler gaben an, mit dem Unterricht während der Corona-Pandemie zufrieden

zu sein. Bereits Ende 2020 hatte eine repräsentative WDR-Umfrage

gezeigt, dass sich viele Schulen mit Digitalisierung überfordert fühlen.

Von Kinderkrankheiten weiß auch die Stadt Paderborn zu berichten,

die mit ihrer „Lernstatt“ als Vorzeigeprojekt in Sachen Digitalisierung gilt

und einzigartig in Mitteleuropa ist. Täglich nutzen etwa 16.500 Schüler und

rund 1650 Lehrer der 37 städtischen Schulen das System. „Da gab es im

ersten Lockdown schon Probleme bei den Zugriffen und auch viele Zusammenbrüche“,

gibt Projektleiter Burkhard Pöhler offen zu. Doch der lange

Vorlauf spielte der Lernstatt in die Hände. Es gibt sie bereits seit 2001 mit Unterstützung

der Universität Paderborn. Grundidee ist eine identische

Ausstattung aller Schulen mit Servern, E-Mail-Adressen für alle Schülerinnen

und Schüler sowie einer Lernplattform mit diversen Funktionen, Geräten

gleichen Typs in allen Schulen sowie eine verlässliche, externe technische

Adminis tration. „Schließlich ist der Lehrer nicht unbedingt ein Techniker“,

betont Pöhler. Im kommunalen Rechenzentrum OWL- IT ist festes Personal

dafür zuständig – von der Installation bis zur Wartung. Jedes Jahr muss der

Kämmerer für die Lernstatt ein Budget einplanen. Das sind laut Pöhler mehr

als 1,2 Millionen Euro jährlich. „Weil es die Lernstatt schon so lange gibt,

haben wir, als Corona begann, nicht bei null anfangen müssen“, stellt Pöhler

den entscheidenden Vorteil heraus. Aktuell sind alle Lehrerinnen und Lehrer

mit Tablets ausgestattet, 1800 Tablets sind als Koffersätze im Umlauf, und

3050 weitere sind über den Digitalpakt der Bundesregierung an bedürftige

Kinder herausgegeben worden. Nun hofft die Stadt Paderborn, dass es auch

mit dem Netzausbau in manchen Bereichen noch zügiger vorangeht.

Pädagogen brauchen Konzepte

Für die didaktischen Konzepte sind die Paderborner Schulen selbst verantwortlich.

Und hier kommt die Grundschule in Paderborn-Sande ins Spiel.

„Nur WLAN, ein geladenes Tablet und eine vorhandene App reichen nicht.

Ich muss auch wissen, was ich da mache, und die Lehrer müssen wissen,

wie sie es vermitteln“, sagt Leiterin Maxi Brautmeier-Ulrich. Sie und ihr Team

sind überzeugt, dass das Tablet „ein Medium, aber nicht das Medium ist“.

In den Klassen gibt es interaktive Beamer, Whiteboards, Apple-TV, Medien-


OKTOBER 2021 / AUSGABE 5

BUCH ZWEI

Feature | 13

Michael Kerres,

Professor am Lehrstuhl

für Mediendidaktik und

Wissensmanagement

der Universität Duisburg-

Essen, ist Mitglied einer

vom Wissenschaftsrat

berufenen Expertengruppe,

die sich mit der

Zukunft digitalen

Lernens beschäftigt.

Foto: Uni Duisburg-Essen

„Wir brauchen mehr Freiraum

für die Einzelschule“

Herr Kerres, wie ist es um die Digitalisierung an unseren

Schulen bestellt?

Da gibt es tatsächlich vieles zu tun, und zwar nicht nur in der

technischen Ausstattung, sondern auch in den pädagogischen

Konzepten und in der Entwicklung geeigneter Lernmaterialien.

Dabei gibt es große Unterschiede, wie Schulen

das Thema umsetzen. Manche Schulen sind schon weit

vorangekommen in ihren Konzepten, andere sind in der Pandemie

kaum weitergekommen.

Welche Fehler und welche Erfolge stechen heraus im Zuge

der Pandemie?

Viele Lehrkräfte haben sich enorm bemüht, aus der desolaten

Situation etwas Gutes für ihre Schüler zu machen. Andere

haben den Weg zu den digitalen Medien nicht gefunden,

und teilweise ist das auch nachvollziehbar, denn es lagen

schlicht nicht die Voraussetzungen vor, um einfach und gut

mit digitalen Medien Unterricht zu gestalten.

Wo gibt es dringenden Handlungsbedarf?

Wir kommen nicht weiter, wenn die einzelnen Themen mit

Sondermaßnahmen isoliert angegangen werden. Das haben

die Milliardenprogramme des Digitalpaktes der Bundesregierung

gezeigt. Angesichts der Dynamik des Digitalen brauchen

wir mehr Freiraum für die Einzelschule, um im Zusammenspiel

mit dem Schulträger die vor Ort richtigen Schritte

zur Digitalisierung zu finden.

Auch das Lernen mit dem Laptop will gelernt sein – für alle Beteiligten ist das eine große Herausforderung. Foto: Getty Images

ecken mit Computern sowie fünf, sechs iPads pro Klasse, die in speziellen

Koffern geladen und aktualisiert werden. Viel wichtiger als die Ausstattung

ist der Schulleiterin und ihrem Team aber die Vermittlung. „Auch im digitalen

Zeitalter erlernen Schüler eine gute Handschrift nur, wenn sie auch mit der

Hand schreiben“, betont Maxi Brautmeier-Ulrich. Man könne nicht ausschließlich

auf Digitalisierung setzen, weil sonst „Persönlichkeit und grundlegende

Kompetenzen auf der Strecke bleiben“. Also kam es der Sander Grundschule

gelegen, dass sie einen eigenen Lernplaner entwickelt hat. So konnten digitale

Elemente ohne Probleme eingebunden werden. Was eine 1:1-Ausstattung

der Kinder mit Tablets angeht, ist Maxi Brautmeier- Ulrich kritisch:

„Das halten wir an unserer Grundschule nicht für nötig.“

Schlecht lesen = schlecht surfen

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft veröffentlichte im Juni einen

Artikel, der auf einen negativen Zusammenhang zwischen der Nutzungsdauer

digitaler Endgeräte und der Lesekompetenz hinweist. „Schlecht lesen =

schlecht surfen“ heißt es da mit Bezug auf eine Sonderauswertung „21st-

Century Readers“ der OECD, bei der Deutschland gar nicht gut abschneidet.

Nur 25,3 Prozent der Schülerinnen und Schüler hierzulande konnten Spam-

Mails identifizieren, und knapp die Hälfte war nicht in der Lage, zu ermessen,

ob eine Information subjektiv oder voreingenommen ist.

In Münster hat die Stadt als Träger kürzlich alle Schüler von Klasse 8 an

mit eigenen Tablets ausgestattet. Es gibt IT-Teams an den Schulen, und

Münsters städtischer IT-Dienstleister citeq ist für Support und Reparaturen

zuständig. Zu Bedenken von Eltern, die Kinder wüssten eigentlich noch gar

nicht, was sie damit anfangen können, sagt Kathi Kösters, Schulleiterin der

Gesamtschule Münster-Mitte: „Das wird ja didaktisch in den Unterricht

immer mehr eingebunden. Ob ich die Texte als Kopie austeile oder im iPad

habe: Das macht keinen Unterschied.“ Schon vor Corona gab es didaktische

Konzepte dazu, und die Lehrerinnen und Lehrer haben Arbeitsmaterial selbst

erstellt. Auch die Lehrpläne waren bereits digital vorhanden. Die Schulleiterin

ist überzeugt, dass „es alle, die dachten, Digitalisierung geht von allein, nicht

geschafft haben“. Es liege an der Haltung in einer jeden Schule, ob es funktioniere

oder eben nicht.

Digitalisierung: Aktionsplan Schulen in Nordrhein-Westfalen

68 %

Gigabitfähigkeit erschlossen

3 %

Planung noch nicht gesichert

6 %

Förderung beantragt/vorgesehen

23%

Förderung bewilligt oder eigenwirtschaftlicher

Ausbau in Umsetzung

Stichtag: 30.06.2021

Basis: amtl. Schulliste des MSB zum

Schuljahr 2020/2021; N=5.428 Hauptstandorte

Quelle: wirtschaft.nrw


BUCH ZWEI

14 | Berichte AUSGABE 5 / OKTOBER 2021

Corona lässt Einnahmen

des Erzbistums bröckeln

Paderborn. Wegen der Corona-

Pandemie hat das Erzbistum Paderborn

erstmals seit zwölf Jahren weniger

Kirchensteuer eingenommen.

Bei der Vorstellung des Finanzberichts

nannte Finanzchef Dirk Wummel als

Gründe die höhere Arbeitslosigkeit im

vergangenen Jahr sowie die Kurzarbeit

während des Lockdowns. Mehr als

10.000 Austritte hätten sich bei den

Einnahmen hingegen kaum bemerkbar

gemacht. Insgesamt gingen die Steuereinnahmen

im Vergleich zum Vorjahr

um 24,6 Millionen auf 406 Millionen

Euro zurück – ein Minus von 5,7 Prozent.

Paderborn zählt zu den wohlhabendsten

katholischen Bistümern in

Deutschland. Wummel zufolge stammen

mehr als 80 Prozent der Erträge

aus der Kirchensteuer. Unterm Strich

machte das Erzbistum bei einer

Gesamtbilanz von 4,7 Milliarden Euro

(Vorjahr: 4,6 Milliarden) 20 Millionen

Euro Verlust. Dies wurde durch eine

Corona-Rücklage und Gewinne aus

den Vorjahren ausgeglichen.

Mehr vegetarische

Produkte aus NRW

Düsseldorf. Der Trend zur fleischlosen

Ernährung hat auch die

Lebensmittelhersteller in NRW voll

erfasst: Die Produktion vegetarischer

Brotaufstriche und anderer Fleischersatzprodukte

hat 2020 gegenüber

dem Vorjahr um 71 Prozent zugenommen.

Das teilte IT.NRW mit. Demnach

wurden 2020 rund 11.000 Tonnen

vegetarische und vegane Lebensmittelzubereitungen

produziert.

Die Angaben beziehen sich auf neun

Betriebe der Lebensmittelindustrie in

NRW mit mehr als 20 Mitarbeitern.

Viele vegetarische Produkte basieren

auf Soja. Und so wundert es nicht,

dass auch der Anbau von Soja in NRW

zugelegt hat. Von 2016 bis 2020 hat

sich die Anbaufläche für Sojabohnen

von 174 Hektar auf 709 Hektar mehr

als vervierfacht. Allerdings bleibt der

Anteil an der gesamten Ackerfläche

von gut einer Million Hektar verschwindend

gering.

Ausstellung zeigt

James-Bond-Requisiten

Bochum. Passend zum neuen

James-Bond-Film ist im Ruhrgebiet

eine Ausstellung zu sehen, die

passionierte Bond-Fans über den

berühmtesten Filmsohn ihrer

Heimatstadt auf die Beine gestellt

haben. Mit der Schau wollen sie

bekannter machen, dass 007 ein

Kind des Ruhrgebiets ist, wie Tobias

Schwesig, Vorsitzender des zu

diesem Zweck ins Leben gerufenen

Bond Clubs Wattenscheid, mit einem

Augenzwinkern sagt. Denn laut fiktiver

James-Bond-Biografie von John Pearson

ist Bond 1920 in Wattenscheid,

das heute zu Bochum gehört, geboren.

Demnach war James‘ Vater

Andrew Bond nach dem Ersten Weltkrieg

als Mitglied der alliierten Besatzung

hier tätig, und Mutter Monique

brachte den späteren Geheimagenten

hier zur Welt. Genau wie die Filmveröffentlichung

sei auch die Ausstellung

aufgrund der Corona-Pandemie

verschoben worden. „Dass wir nun

pünktlich zum Filmstart hier so etwas

bieten können, ist natürlich ein Sechser

im Lotto“, sagte Schwesig. Die

Schau im LWL-Industriemuseum Zeche

Hannover in Bochum mit rund 50

Originalrequisiten und Produktionsartikeln

ist noch bis Ende Oktober zu

sehen. Als besonderes Requisit wird

auch eine Waffe gezeigt, die in Craigs

finalem Bond-Auftritt „Keine Zeit zu

sterben“ eine Rolle spielen wird.

MÜNSTER

LWL investiert 16 Millionen Euro

in Naturkundemuseum

Landschaftsausschuss bewilligt Erweiterung und Sanierung

Von Manuel Glasfort

Das LWL-Museum für Naturkunde

soll für knapp 16 Millionen Euro

zu einem regionalen Kompetenzzentrum

und „Forum für Naturwissenschaften“

erweitert und umgebaut

werden. Einen entsprechenden Beschluss

fasste der Landschaftsverband

Westfalen-Lippe (LWL) am 1. Oktober

mit breiter Mehrheit, nachdem

sich zuvor bereits der LWL-Kulturausschuss

für das beantragte Vorhaben

ausgesprochen hatte.

Und das sehen die Pläne vor: Auf

dem Museumsvorplatz soll ein neues

Tagungsgebäude entstehen. Auch das

Museum des Landschaftsverbands

Westfalen-Lippe selbst soll umgebaut

und saniert werden. „Das LWL-

Museum soll zu einem einzigartigen

Ort des wissenschaftlichen Austauschs

werden“, erklärt LWL-Kulturdezernentin

Barbara Rüschoff-

Parzinger. „Dort sollen sich Ehrenamtler,

Wissenschaftler und naturkundlich

Interessierte begegnen, diskutieren

und sich gemeinsam weiterbilden“,

erläutert Kulturdezernentin

Rüschoff-Parzinger.

Der Ausstellungsbereich des Museums

und das Planetarium sollen um

einen neuen Tagungsbereich, das so-

Edeka in Dorsten ist

„Supermarkt des Jahres“

Essen. Edeka Honsel in der Fürst-

Leopold-Allee 60 in Dorsten hat den

Titel „Supermarkt des Jahres“ errungen.

In der Kategorie „Selbstständige

bis 2500 Quadratmeter Verkaufsfläche“

setzte sich der Markt gegen die

bundesweite Konkurrenz durch. Das

Branchenmagazin Lebensmittel Praxis

(Lebensmittel Praxis Verlag) und Europas

größte Food-Zeitschrift Meine

Familie & ich (Burda Verlag) vergeben

die begehrten Preise.

Eine Fachjury, bestehend aus Experten

und Entscheidern der Food-

Branche sowie Vorständen und Geschäftsführern

der größten deutschen

Handelsunternehmen, kürte aus allen

Supermarkt-Bewerbungen in einer

Erstauswahl zwölf Nominierte in vier

Kategorien. Diese nominierten Märkte

wurden von der Redaktion der Lebensmittel

Praxis inkognito vor Ort

detailliert auf den Prüfstand gestellt,

und ein unabhängiges Marktforschungsinstitut

führte zeitgleich eine

umfangreiche Verbraucherbefragung

zu den betreffenden Märkten durch.

Auf Basis dieser Recherche- und Analyseergebnisse

bestimmte die Fachjury

in der Endauswahl am Tag der

Preisverleihung die Gewinner.

Das Finale der Wahl zum „Supermarkt

des Jahres“ fand erstmals in der

Zeche Zollverein in Essen statt. Die

Preisverleihung wurde kulinarisch abgerundet

von den Starköchen Ali

Güngörmüs und Christian F. Grainer,

Meine Familie & ich-Küchenchef Jörg

Götte, der Konditormeisterin Sigrun

Schuppler sowie dem Weinexperten

Jossi Loibl. Bereits tagsüber nahmen

rund 350 Interessierte an dem Kongressprogramm

des Branchentreffs

Menschen & Märkte teil. sle

Edeka Honsel aus Dorsten überzeugte mit seinem Konzept beim begehrten Branchenpreis

„Supermarkt des Jahres 2021“. Foto: Mirko Moskopp/LP

Das LWL-Museum für Naturkunde wird zum „Forum für Naturwissenschaften“ weiterentwickelt. Foto: Kresings Architektur Düsseldorf GmbH

genannte Forum für Naturwissenschaften,

ergänzt werden. Bisher fehlte

im Museum ein solcher Ort für den

Austausch zwischen privaten und

beruflichen Fachleuten. Bis zu 300 Personen

sollen nach Angaben des LWL

in dem Tagungssaal einmal Platz haben.

Der Baustart ist für Ende 2022

geplant.

Auch im Bestand des Museumsgebäudes

wird es eine Reihe von Anpassungen

geben, wie Museumsdirektor

Jan Ole Kriegs erläutert. „Die Labore

und Werkstätten müssen an die

aktuellen und künftigen Herausforderungen

angepasst werden. Außerdem

benötigen wir dringend zusätzliche

Büroflächen.“ Die Museumspädagogik

und der Shop erhalten neue

Räumlichkeiten. Außerdem sollen die

Werkstätten modernisiert werden.

Der damalige Neubau war 1982

bezogen worden, daher seien die Instandhaltungsmaßnahmen

am Gebäude

notwendig, heißt es in der Vorlage

des Baubeschlusses. Dabei werde

grundsätzlich auf den Einsatz von

ressourcenschonenden, nachhaltigen

Mit der RegioQuest-App

zum Ausbildungsplatz

Juniorprofessor und App-Entwickler

Thomas Ludwig. Foto: Universität Siegen

und einfach rückbau- und recyclingfähigen

Baumaterialien geachtet.

Insgesamt sollen sich die Kosten

auf 15,9 Millionen Euro belaufen. Bei

der Genehmigung des ersten Museumsentwicklungsplans

im Jahr 2018

waren die Kosten auf rund 7 Millionen

Euro geschätzt worden. Es zeigte sich

aber, dass der Sanierungsstau am Gebäude

wesentlich größer war als ursprünglich

angenommen. So geht ein

Großteil der Kostensteigerung von

6,9 Millionen Euro auf teure Instandhaltungsmaßnahmen

zurück.

Olpe. Auf der Suche nach den Fachkräften

von morgen müssen Unternehmen

immer kreativer werden. Um

Schülerinnen und Schüler auf freie

Ausbildungsplätze aufmerksam zu

machen, entwickelt die Universität

Siegen jetzt eine App, die Jugendliche

spielerisch an die Angebote ihrer Region

heranführen soll. „Mit ,Regio-

Quest‘ wollen wir Unternehmen

sichtbar machen, die als potenzielle

Arbeitgeber vielleicht noch nicht so

präsent sind“, sagt Projektleiter und

Juniorprofessor Thomas Ludwig. Der

Hochschullehrer für Cyber-Physische

Systeme hat sich mit seinem Team die

Entwicklung einer App und einer

Webplattform ähnlich dem Spiel „Pokémon

Go“ vorgenommen. Schülerinnen

und Schüler auf Ausbildungsplatzsuche

sollen beim Lösen kleiner

Rätsel auf ihrem Handy ihre Nachbarschaft,

in diesem Fall den Kreis Olpe,

näher kennenlernen. Die Unternehmen

der Region reichern über die

Webplattform das Ganze mit Ausbildungsplatzangeboten

an. So stoßen

die Jugendlichen spielerisch auf einen

möglichen Arbeitgeber. „Um einen

Anreiz zu schaffen, die Rätsel zu lösen,

ist ein System denkbar, bei dem

sie Punkte sammeln und diese beim

örtlichen Einzelhandel einlösen können“,

erläutert Ludwig.

„Es gibt in unserer Region interessante

Unternehmen in der Industrie,

im Handel, aber auch in anderen Bereichen.

Und sie kämpfen alle mit dem

gleichen Problem: Sie haben Schwierigkeiten,

ihre Ausbildungsplätze zu

besetzen“, sagt Sabine Bechheim von

der Industrie- und Handelskammer

Siegen, die das Projekt unterstützt.

„Ich denke, für die jungen Menschen

wird es spannend sein, zu entdecken:

Was verbirgt sich hinter diesen mehr

oder weniger bekannten Namen aus

der Wirtschaft? Was verbirgt sich hinter

den Toren der Produktionshallen?

Und wenn wir das zusammenbringen

können, dann haben wir viel erreicht“,

findet Bechheim.

Das Projekt wird im Rahmen der

Regionale 2025 mit mehr als 300.000

Euro gefördert. Der Fachbereich von

Physiker Thomas Ludwig an der Universität

Siegen wird die App selbst

entwickeln. „Dabei werden wir immer

wieder auf die Bedarfe und die

Wünsche der Jugendlichen eingehen“,

erklärt Carla Hömberg vom Regionalen

Bildungsnetzwerk des Kreises

Olpe, das ebenfalls ein Partner des

Vorhabens ist. „Wir möchten ‚Regio-

Quest‘ langfristig in der Berufsorientierung

etablieren.“ sle


OKTOBER 2021 / AUSGABE 5

BUCH ZWEI

Berichte | 15

LEOPOLDSHÖHE

Durchwachsene Erntebilanz

Mäßige Qualitäten bei Getreide, aber gute Erzeugerpreise

Von Manuel Glasfort

Nach erheblichen Dürreschäden in

den Vorjahren 2019 und 2020

sollten sich die Sorgen vor erneutem

Wassermangel, die viele Bauern noch

zu Jahresbeginn hatten, nicht bewahrheiten.

Das stellte Hubertus

Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen

Landwirtschaftsverbands

(WLV), bei der Präsentation

der Erntebilanz in Leopoldshöhe bei

Bielefeld klar. „Es gab reichlich Regen,

sodass sich unsere Grundwasserspeicher

erholen konnten“, sagte der

WLV-Präsident. „Die Kehrseite war,

dass wir teilweise mit schwierigen

Erntebedingungen und Qualitätseinbußen

zu kämpfen hatten.“ Die Hoffnung

auf eine sehr gute Ernte habe

sich leider nicht erfüllt.

Der Ertrag beim Getreide (ohne

Körnermais) lag laut WLV bei 72

Dezitonnen pro Hektar und damit im

Mittel der Jahre 2015 bis 2020. Die

Qualität war jedoch überwiegend

mäßig, da die häufigen Niederschläge

zu stärkerem Pilzbefall führten. Beim

Winterraps fuhren die Landwirte

im Verbandsgebiet eine überdurch-

schnittliche Ernte ein. Freuen durften

sich die Ackerbaubetriebe allerdings

über hohe Erzeugerpreise. Diese lagen

für Futtergetreide zwischen 190 und

225 Euro pro Tonne und damit deutlich

über dem Vorjahresniveau.

Doch nicht alle Landwirte erhalten

auskömmliche Preise für ihre Produkte.

Vor allem die Schweinemäster

und Ferkelzüchter hätten derzeit

schwer zu kämpfen, wie Beringmeier

deutlich machte. Die Lage der Betriebe

sei angesichts des Preisverfalls geradezu

„desaströs“. Seit Ausbruch der

Afrikanischen Schweinepest bei

Wildschweinen in Deutschland sind

wichtige Exportmärkte in Asien

komplett weggebrochen. Hinzu kommen

die Marktverwerfungen infolge

der Corona-Pandemie. Die Absatzund

Preiskrise wachse sich zu einer

existenzbedrohenden Lage für viele

Betriebe aus, wie Beringmeier ausführte.

Strukturell leide die deutsche

Landwirtschaft unter der marktbeherrschenden

Stellung der großen

Einzelhändler wie Rewe, Aldi, Lidl

und Edeka.

Am gut gefüllten Erntekorb erfreuen sich der WLV-Bezirksverbandsvorsitzende

Antonius Tillmann (l.) und WLV-Präsident Hubertus Beringmeier (M.).

Rechts im Bild: WLV-Vizepräsident Wilhelm Brüggemeier. Foto: Manuel Glasfort

Beringmeier appellierte an die künftige

Bundesregierung, den Landwirten

höhere Tierwohlstandards zu

kompensieren. Die Landwirte stünden

hinter den Vereinbarungen, die

im Rahmen der sogenannten Borchert-Kommission

getroffen worden

seien. Allerdings kosteten höhere

Haltungsstandards in der Nutztierhaltung

Geld. Die Politik müsse dafür

Sorge tragen, dass die Landwirte einen

finanziellen Ausgleich bekämen. Andernfalls

sei die Zukunft der Landwirtschaft

in Deutschland bedroht.

Die Betriebe bräuchten dringend

Planungssicherheit für die Zukunft.

„Die Lösung zentraler Probleme unserer

Bauernfamilien darf nicht länger

auf die lange Bank geschoben werden“,

forderte der WLV-Präsident.

„Die Bauernfamilien sind zu Veränderungen

bereit, aber sie erwarten zu

Recht, dass ehrlich mit ihnen umgegangen

wird.“

NRW-Sparkassen müssen

für „Cum-Ex“ zahlen

Frankfurt. Die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen

müssen sich an der

Begleichung von Steuerschulden in

Höhe von einer Milliarde Euro aus

illegalen „Cum-Ex“-Geschäften der

untergegangenen Landesbank

WestLB beteiligen. Das hat das Landgericht

Frankfurt am Main mit einem

Urteil vom Mittwoch entschieden.

Das Urteil (Az: 2-27 O 328/20) ist nicht

rechtskräftig. Vor Gericht gestritten

hatten zwei Nachfolgegesellschaften

der WestLB: Die Portigon AG, die in

alleiniger Hand des Landes ist, hatte

die sogenannte „Bad Bank“ EAA auf

Zahlung der Milliarde verklagt. An der

EAA sind die beiden Sparkassenverbände

Rheinland und Westfalen-

Lippe mit jeweils gut 25 Prozent, das

Land NRW mit etwas mehr als

48 Prozent beteiligt. Die EAA kündigte

Berufung an. Auf sie könnten noch

weitere Steuernachforderungen für

die Jahre 2009 bis 2011 zukommen.

Die WestLB war 2012 auf Druck der

EU-Kommission zerschlagen worden.

Die Portigon AG bekam die Aufgabe,

Standorte, Mitarbeiter und verbliebene

Vermögenswerte abzuwickeln.

Die EAA soll die toxischen Wertpapiere

der WestLB abbauen. Die 27. Zivilkammer

des Landgerichts Frankfurt

entschied, dass die Abwicklungsanstalt

für die Steuerschulden einzustehen

habe. Bei „Cum-Ex“ handelt

es sich um ein Geschäft mit Aktien

mit („cum“) und ohne („ex“) Ausschüttungsanspruch.

Beteiligte ließen

sich Steuern erstatten, die gar nicht

gezahlt worden waren. Dadurch

hatte der Fiskus Milliarden verloren.

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BUCH ZWEI

16 | Ein Ort in ...

MEINERZHAGEN

Knochenbrecher

Schon in der frühen Neuzeit fanden

die Menschen heraus, dass gemahlene

Knochen ein guter Pflanzendünger

sind. Kalzium, Stickstoff, Phosphor

– Knochenmehl lieferte diese

Nährstoffe. Als im 19. Jahrhundert

eine intensivere Bewirtschaftung der

landwirtschaftlichen Flächen begann,

entstanden vielerorts industrielle Produktionsstätten

für diesen Dünger.

Im Tal der Ihne, östlich des Stadtteils

Meinerzhagen-Valbert, steht die

Knochenmühle Mühlhofe. Sie ist eine

der letzten erhaltenen Knochenmühlen

in Westfalen und das letzte erhaltene

technische Kulturdenkmal ihrer

Art. 1849 als Bruchsteingebäude errichtet,

nahm sie den Platz einer schon

seit 1548 bestehenden Kornmühle ein.

„Für die Besucher bringen wir auch

heute noch die Knochen zum knacken“,

sagt Rudi Lahme vom Heimatverein

Meinerzhagen. Mit Wasserkraft

wird dabei das Stampfwerk im Innern

der Mühle in Bewegung gesetzt. Gerade

wurde das Wasserrad frisch renoviert.

Der Nachschub an Gebeinen

wird heute über die örtliche Jägerschaft

sichergestellt. „Früher lieferten

die Metzgereien und Schlachthöfe der

Region den Rohstoff“, berichtet Lahme.

Das ist allerdings lange her. Als

1939 der Einsatz von Knochenmehl

als Düngemittel per Verordnung verboten

wurde, stellten die Eigentümer

Die Knochenmühle Mühlhofe.

Foto: Heimatverein Meinerzhagen

für einige Zeit aus den zerstampften

Knochen noch Seife und Leim her.

1944 wurde die Mühle stillgelegt und

verfiel. In den 1980er-Jahren begann

die Renovierung. Die Knochenmühle

steht seit 1986 unter Denkmalschutz

und ist seit 1989 wieder voll funktionstüchtig.

Heute beherbergt sie ein

Heimatmuseum. Die Außenbesichtigung

ist jederzeit möglich. Führungen

gibt es nach Vereinbarung.

Quelle: Geografische Kommission

für Westfalen 2020

„Für Besucher bringen wir die

Knochen zum knacken.“ Rudi Lahme, Heimatverein Meinerzhagen

PADERBORN

Papierflieger und Gummitwist

Sonderausstellung im Heinz Nixdorf Museumsforum

Nicht im kalifornischen Silicon

Valley, sondern in Paderborn

steht das weltgrößte Computermuseum.

Mit 6000 Quadratmetern Ausstellungsfläche

übertrifft das Heinz

Nixdorf Museumsforum (HNF) alle

anderen Museen, die sich mit der Informationstechnik

befassen. Ein Eintrag

im Guinness-Buch der Rekorde

bestätigt das.

Am 24. Oktober 2021feiert das

HNF Geburtstag. Auf den Tag genau

25 Jahre ist es dann her, dass der damalige

Bundeskanzler Helmut Kohl

das Museum eröffnete. Gefeiert wird

mit der Sonderausstellung „Papierflieger

und Gummitwist“.

„Das Thema dieser Ausstellung

liegt mir seit Jahren am Herzen“, betont

HNF-Geschäftsführer Jochen Viehoff.

Besucher können die Welt der Informatik im HNF spielerisch erleben. Foto: HNF

„Wir schaffen es, Kindern ab neun Jahren,

Familien und Erwachsenen gleichermaßen

die spannende Welt der

Informatik spielerisch nahezubringen.

Die Ausstellung macht Spaß, bietet

enorme Möglichkeiten zum Mitmachen

und vermittelt ganz nebenbei

Basiswissen zum Computer.“

Die Dauerausstellung des HNF

umfasst 5000 Jahre Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft der Informationstechnik,

von der Keilschrift über

Rechen- und Schreibmaschinen bis

zu Internet und Robotik. Der gesamte

Rundgang durch das Museum ist

als multimediale Zeitreise angelegt.

Sie beginnt bei der Entstehung von

Zahl und Schrift in Mesopotamien

3000 v. Chr. und umfasst die Kulturgeschichte

des Schreibens, Rechnens

und Zeichnens. Schreib- und Rechenmaschinen

sind ebenso ausgestellt

wie Lochkartenanlagen, Bauteile der

ersten Computer, mehr als 700 Taschenrechner

und die ersten PCs.

„Die Ausstellung

macht Spaß und

bietet enorme

Möglichkeiten zum

Mitmachen.“

Jochen Viehoff, HNF-Geschäftsführer

TECKLENBURG

Geschichtsträchtige Wasserburg

Haus Marck ist weit mehr als eine schöne Kulisse für Hochzeiten,

hier wurde der Westfälische Friede vorbereitet

Umrahmt von Feldern und Wäldern

liegt das Haus Marck malerisch

im Tecklenburger Land. Die

Geschichte der Wasserburg reicht

zurück bis ins Jahr 1368, als die Ritter

von Horne das Grundstück erwarben,

um darauf eine Burg zu errichten.

Zwei Jahrhunderte später wurde

sie im Renaissancestil umgebaut,

doch richtige historische Bedeutung

erfuhr das Haus Marck 1643, als die

Vorverhandlungen zum Westfälischen

Frieden hier stattfanden, der

den Dreißigjährigen Krieg beenden

sollte. Ricarda von Diepenbroick, deren

Familie das Haus Marck seit 1804

gehört, schwärmt: „Es ist ein beson-

„Es ist ein

besonderer Ort,

weil er politisch

und kulturhistorisch

interessant ist.“

Ricarda von Diepenbroick, Haus Marck

derer Ort, weil er kulturhistorisch

und politisch interessant ist.“

Heute lässt sich die Geschichte des

alten Gemäuers bei Führungen erleben.

Von Anfang April bis Ende Oktober

finden immer samstags um

10 Uhr und 11 Uhr geführte Touren

statt. Außerdem wird das romantische

Anwesen für Trauungen und

Kulturveranstaltungen genutzt. Wer

die Magie nicht nur der Burg erleben

will, sollte sich Samstag, den 16. Oktober,

im Kalender markieren. An diesem

Tag tritt abends der Zauberkünstler

Wolfgang Moser im Haus Marck

auf und zeigt im Rahmen des Münsterlandfestivals

sein Können.

Eingebettet in die malerische Landschaft des Tecklenburger Landes

liegt die Wasserburg Haus Marck. Foto: Reiner Herzog

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