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moneyeditorial

EDITORIAL

Ökonomischer Wahnsinn

FRANK MERTGEN

STELLV. CHEFREDAKTEUR

FOCUS-MONEY

Es gibt Kurswechsel, die verschlagen einem den Atem. Zum Beispiel

bei der Abteilung Konjunktur und Strategie der Hamburger

Privatbank M.M. Warburg & CO. Die Experten schreiben:

„Nach dem Rücktritt von Weidmann: Warum die deutsche Schuldenbremse

spätestens jetzt keinen Sinn mehr ergibt.“ Hatte ich da richtig

gelesen? Der Text geht dann so los: „Ja, Sie haben die Überschrift

richtig gelesen. Wir schlagen tatsächlich vor, die rigide deutsche

Sparpolitik und letztlich die grundgesetzlich verankerte Schuldenbremse

in der jetzigen Form aufzugeben. Das schlagen wir vor,

obwohl wir seit Jahrzehnten (!) eher klassische ordnungspolitisch

geprägte Thesen vertreten, die mit einer ausufernden Staatsverschuldung

ganz sicher nicht kompatibel sind.“ Gerade weil sich FOCUS-

MONEY ebenfalls seit Jahrzehnten gegen ausufernde Staatsschulden

wehrt, blieb mir der Atem weg.

Jetzt könnte man das abtun als einen zweiseitigen Artikel für

Bankkunden und Fachleute, der sonst niemand interessiert. Aber

der Zeitpunkt ist kritisch: Die Regierungsbildung steht an und damit

die Frage der deutschen Schuldenbremse (und europäischer

Schuldenlimits). Bei den derzeit vier Wirtschaftsweisen ist die Einschätzung

zur Schuldenbremse geteilt. Die Inflation zieht weltweit

auf einer immer breiteren Basis an, auch in Deutschland und in

Euro-Land. Und ja, die Bundesbank braucht nach dem Rücktritt von

Jens Weidmann einen neuen Chef, der Posten ist Teil der Verhandlungsmasse

bei den Ampel-Koalitionsgesprächen geworden.

Was aber hat nun die Warburg-Strategen zu ihrer völligen Kehrtwende

veranlasst? Weidmann sei der letzte prominente und mutige

Verfechter einer politisch unabhängigen Notenbank gewesen. „Aber

das ist nun Geschichte, und vor uns liegt jetzt eine Zeit, in der die

Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) erkennbar nicht

mehr in der Tradition einer unabhängigen Bundesbank steht, sondern

in der Tradition südeuropäischer Notenbanken, die von ihren

Staaten eher wie angeschlossene Abteilungen des Finanzministeriums

behandelt wurden (. . .).“ Nach Weidmanns Rücktritt habe es eine

Kaskade von EZB-Statements gegeben mit der Botschaft: Der Leitzins

bleibt für unbestimmte Zeit bei null Prozent, Anleihenkäufe

werden verringert, aber noch lange nicht aufgegeben. Kein Wunder,

dass der Euro-Kurs sinkt – was die Inflation weiter anheizt.

Völlig berechtigt ist der zusätzliche Hinweis der Analysten, dass

die EU-Kommission zugleich debattiert, die berühmten Maastricht-

Kriterien zu ändern und eine Verschuldung von 100 (bisher 60) Prozent

der Wirtschaftsleistung (BIP) zuzulassen. Und ausgerechnet

Ökonomen des Euro-Krisenfonds ESM haben in einem Arbeitspapier

bereits vorgeschlagen, den Grenzwert für die Staatsverschuldung

von 60 auf 100 Prozent des BIP zu erhöhen. Notabene: Chef des ESM

ist der Deutsche Klaus Regling. Ist die Staatsverschuldung aber erst

einmal bei 100 Prozent, lässt sie sich bei plausiblen Annahmen zum

möglichen Wachstum eigentlich nur gut stabil halten, „wenn man

quasi auf ewig Zinsen von nahe null Prozent unterstellt“, so Warburg.

Zugleich, ebenso treffend beschrieben, entwickle sich die EZB zur

Transfer- und Haftungsunion. Beweis, wie an dieser Stelle schon oft

erwähnt: der sogenannte Corona-Hilfsfonds mit einem Volumen von

750 Milliarden Euro, finanziert über gemeinsame Anleihen, dessen

Verteilung mit Corona nichts zu tun hat und dessen erste Gelder fließen,

wenn Corona hoffentlich endlich halbwegs ökonomisch abgehakt

werden kann.

Jetzt der entscheidende Punkt im Warburg-Plädoyer, die nationale

Schuldengrenze (im Grundgesetz verankert!) aufzuheben: Spart

Deutschland weiterhin, zementiert es bei endgültig aufgeweichten

Maastricht-Kriterien die Schulden-Lücke zwischen der Bundesrepublik

und den meisten Euro-Staaten. Denn wie nach Finanz- und

Euro-Krise würde der deutsche Schuldenstand wieder Richtung

60 Prozent des BIP sinken, für die Großschuldner wäre selbst die Annäherung

an 100 Prozent „fast utopisch, da der Wert im Schnitt

schon jetzt bei 110 Prozent liegt (ohne Deutschland)“.

Die Dimension wird klar, wenn man die BIP-Prozente in absolute

Beträge übersetzt. Wäre Deutschland bereit, seine Schulden auf das

Niveau der anderen Staaten zu hieven, könnte es schuldenfinanziert

zusätzliche 1600 Milliarden Euro ausgeben – das sind grob vier Jahreshaushalte

des Bundes. Damit „gäbe es auf Jahrzehnte hinweg keine

ernsthaften Restriktionen mehr für die deutsche Politik. Ohne größere

Probleme könnten die Bildungsausgaben dramatisch erhöht

und die Steuern dramatisch gesenkt werden. Die Infrastruktur könnte

von Grund auf erneuert und Investitionen für den Klimawandel

mutig angegangen werden.“

Ein Haken an der Sache: Deutschlands niedrige Schulden und das

geschilderte theoretische Ausgabenpotenzial sind der Stabilitätsanker

der Euro-Zone und der EU. Der wird kleiner, wenn Deutschland

so wird wie die Mittelmeer-Staaten. „Seine eigene Bonität aber dafür

aufzusparen, in einer Währungs- und Haftungsunion Rechnungen

für andere zahlen zu können, grenzt an ökonomischen Wahnsinn“,

so Warburg. „Kein Land der Welt wäre so altruistisch, sich selbst fast

totzusparen, um eine Bonität aufrechtzuerhalten, von der primär die

anderen profitieren. Selbst Deutschland kann nicht so verrückt sein,

darin einen Sinn zu sehen, zumal der Druck aus anderen Ländern

ohnehin unerträglich groß werden wird, die deutsche Schuldenbremse

aufzugeben (. . .).“ Sinn machen würde das nur, so die Experten,

wenn Deutschland planen würde, Euro und EU zu verlassen.

Das plant aber fast niemand und deshalb, so die Hamburger Banker,

müsse man halt nach den neuen Regeln spielen.

Immerhin fragen sie sich noch, wohin das führen könne – wenn

eine solche Politik in 20 oder 30 Jahren vor die Wand fährt. Dann sei

es „zumindest besser, mit einer guten Infrastruktur und gut ausgebildeten

Fachkräften einen Neuanfang zu starten als mit einem Land,

das sich bis zu dem Zeitpunkt totgespart hat und dann trotzdem bei

null anfangen muss. So gesehen, gibt es gar keine ernsthafte Alternative

mehr zum Geldausgeben.“

Sind Sie wieder bei Atem? Seit 2008 schreibe ich von epochalen

Experimenten, an denen wir teilnehmen. Die Experimente werden

immer größer und immer gefährlicher. Wirklich Wahnsinn.

Ihr

FOCUS-MONEY 47/2021

Foto: S. Ugurlu/FOCUS-MONEY Composing: FOCUS-MONEY

3


moneyinhalt

17. NOVEMBER 2021 www.money.de

6

Gene, Gräber

und Gelehrte

Den Tod verschieben,

sogar ganz überwinden

– DNA-Forscher

erzielen epochale

Fortschritte auf dem

Weg zu einem längeren

Leben. Führende

Milliardäre aus dem

Silicon Valley setzen

riesige Summen auf

die Genom-Revolution.

Die Perspektiven – und

die Anlagechancen im

neuen Megatrend

moneykompakt

51 IPO-Ticker: Börsenstart von Rivian

98 Andis Börsenbarometer: Absturz

von Teamviewer, Nel und widersprüchliche

Börsenweisheiten

moneytitel

6 Medizin: Mit neuen Gentherapien

peilt die Biotech-Industrie ewiges

Leben und endlose Gewinne an

12 Interview: Investor Conny Boersch

über Potenziale der Unsterblichkeit

14 Aktien: Innovative Medikamente,

Organe aus dem 3-D-Drucker

18 Disruption: Warum Tech-Stars aus

dem Silicon Valley Milliarden

gegen den Tod setzen. Plus: ETFs

für den neuen Megatrend

22 Zukunftsforscher: Wie das Leben

nach dem Sterben weitergeht

26 Langlebigkeit: So halten Anleger

ihren Körper und ihr Depot fit

moneymarkets

28 Jahresendrally 2021: Im Endspurt

sprinten die Weltbörsen zu neuen

Rekordwerten

30 Smallcaps: Bis Silvester plus

30 Prozent – die Kraft der Kleinen

32 Online-Handel: Zu Weihnachten

klingeln die Kassen wie nie

36 Rally-Aktien: Die heißesten Titel

für den Jahresschluss

38 Krypto-Ticker: Der Kalte Krieg der

digitalen Währungen

41 Meinung: Investor Ken Fisher

erwartet, dass die Energiepreise

wieder sinken – und mit ihnen die

Inflationsgefahren

42 Klimaschutz: Welche Konzerne

am besten gerüstet sind für das

Öko-Zeitalter

60

Sieg der Schrauber

Da der Nachschub an Neufahrzeugen

stockt, fahren viele ihre Autos länger.

Ersatzteile-Lieferanten haben ordentlich

Gewinne auf Lager

4 Titelfotos: Fotolia, iStock (2)

Composing: FOCUS-MONEY

FOCUS-MONEY 47/2021


Quelle: Bloomberg

38

Ganz oben und noch weiter rauf

Von einem Rekord zum nächsten: Welche Digitalwährungen

am stärksten zulegen und wo noch

mehr zu holen ist

Preis für 1 Ethereum

in US-Dollar,

logarithmische Darstellung

Aufwärtstrend

2020 2021

3200

1600

800

400

200

100

50

42

Grün ist die Börsen-Hoffnung

Der Klimagipfel von Glasgow weist in

eine nachhaltige Zukunft. Konzerne, die sich

bereits dafür rüsten, entfachen Fantasien

für anhaltendes Wachstum

46 Börsenriesen: Microsoft, SAP &

Co. – das Renditedepot mit

sieben Großen der Weltbörsen

48 Uran: Der Preis des Kernkraft-

Energieträgers steigt rasant

52 Anlageserie: Rat von den

Börsenprofis – wie die Renditechancen

von Aktien steigen

60 Autos: Die Hausse der Aktien von

Ersatzteile-Händlern

63 Musterdepots: Metallwerte und

andere – die Depots der Experten

moneyyou

56 Aktienanalyse: Mynaric, deutscher

Spezialist für Laserkommunikation,

revolutioniert die Technologie

59 Chartsignal: Lyft, nach Uber

zweitgrößter Anbieter von

Mitfahrdiensten, beschleunigt

59 Börsenwissen: Dynamisches

Kurs-Gewinn-Verhältnis und die

„Rule of 40“

moneyanlegerschutz

64 T-Aktie: 25 Jahre liegt der

Börsenstart der Telekom zurück

– ein Jubiläum mit eher bitterem

Nachgeschmack

moneysteuern&recht

66 Grundsteuer C: Nervosität unter

Bauland-Eigentümern. Wen die

neue Bodenbesteuerung ab 2025

treffen kann

moneyservice

68 Rente gut, alles gut: Sportlegende

Ulrike Nasse-Meyfarth und

weitere Promis erklären, wie

Frauen gut für das Alter vorsorgen

74 Krankenversicherung:

Die Bonusprogramme im

Leistungs-Check

28

Rally bis zum

Jahresende

Im Endspurt bis zum

neuen Jahr rasen die

Börsen unaufhaltsam von

Rekord zu Rekord. Wie

Sie mit E-Commerce,

Smallcaps oder Momentum-Werten

profitieren

moneyanalyse

81 Fonds

82 Deutsche Aktien

90 Internationale Aktien

96 ETFs

97 Zertifikate

moneyrubriken

3 Editorial

80 Leserbriefe – Impressum

98 Termine

FOCUS-MONEY 47/2021

Fotos: Bloomberg (5), Can Stock Photo (2), Julien Delfosse/DPPI/RedBull, Facebook, VectorStock Composing: FOCUS-MONEY

5


moneytitel

MEDIZIN

REVOLTE GE

ERBGUT FÜR EIN

LANGES LEBEN:

Labormitarbeiter bei

der Sequenzierung

menschlicher DNA

6 Foto: iStock

Illustration: VectorStock

FOCUS-MONEY 47/2021


EN DEN

TOD

Das Genom-Projekt war

Teil der Tech- und

Telecom-Blase. Bis die

platzte. Aber es kehrt

aus dem Tal der

Verzweiflung zurück“

CATHIE WOOD,

STARINVESTORIN

Investoren im Silicon Valley entdecken das ewige Leben.

Milliarden fließen in Biotech-Gründerfirmen, die mit

Gentherapien die Unsterblichkeit anpeilen. Profitieren

Patienten und Geldgeber in absehbarer Zeit?

von GREGOR DOLAK

Groß, sehr groß ist die Versuchung, findet der Philosoph.

Noch viel größer werde das Marktvolumen, kalkuliert die

Milliardenanlegerin. So konkret anwendbar sei die Technologie,

staunt die Biochemikerin, die sie entwickelt hat,

dass eine neue Gründerzeit anbreche. Um wahre Wunder

zu erwarten, dafür sei die Technik aber noch nicht ausgereift

genug, entgegnet die Bioethikerin. Noch. Noch nicht.

Die Chancen stehen gut, dass die Wissenschaft einen uralten Traum

verwirklicht: die Grenzen von Alter und Tod auszudehnen, gar zu überwinden.

Es muss ja nicht gleich Unsterblichkeit sein. Von Langlebigkeit

sprechen ihre Propheten vorsichtshalber lieber, von „Longevity“. Dieses

Stichwort versetzt Geldgeber und Biotech-Firmengründer im Silicon Valley

schon mal in erregte Vibration. Erst ein paar Jahre, dann ein paar Jahrzehnte

mehr, bis Menschen irgendwann 180 Jahre alt werden könnten.

Gen-Editing, Stammzellenkuren, Telomer-Verlängerung.

Auf 360 Billionen Dollar summieren sich die Verheißungen für die

Weltwirtschaft, könnte die Medizin die Lebenserwartung nur um eine Dekade

heben. Derzeit liegt sie in Deutschland für neugeborene Mädchen

bei etwas mehr als 83 Jahren, für Jungs bei knapp unter 79 Jahren. Noch

erkennen die zuständigen Behörden das Alter nicht mal als Krankheit an,

für die es Arzneimittel und Heilmethoden zu entwickeln gelte. Mit so-

FOCUS-MONEY 47/2021

Foto: Bloomberg 7


moneyservice

AUF ARMHÖHE:

Ex-Leichtathletin und

Trainerin Ulrike Nasse-

Meyfarth, 65, in einer

Sporthalle ihres

langjährigen Arbeitgebers

Bayer 04 Leverkusen

Vita

Ulrike

Nasse-Meyfarth

1956 geboren in Frankfurt

am Main, lebt heute in

Odenthal im Bergischen

Land bei Leverkusen

1972 erste Goldmedaille

bei den Olympischen

Spielen in München

1984 zweites Edelmetall

bei den Spielen in Los

Angeles

Verheiratet mit dem Kölner

Rechtsanwalt Roland Nasse

68 Foto: Marcus Simaitis/laif/FOCUS-MONEY

FOCUS-MONEY 47/2021


INTERVIEW

Die hohe

Kunst, Gold zu

versilbern

Auch Sportlegenden gehen mal in Rente. Bald ist Hochspringerin

Ulrike Nasse-Meyfarth dran. Nach ihren Siegen hat die Familienmutter

angestellt gearbeitet, in Teilzeit, und gut vorgesorgt: mit einer

Betriebsrente, Aktien und Krügerrand-Münzen im Tresor

von GREGOR DOLAK

Die Rente rückt näher. Haben Sie gut fürs Alter vorgesorgt?

Ulrike Nasse-Meyfarth: Ja, nächstes Jahr bin ich 66. Rentenjahrgang:

2022. Meine gesetzliche Rente trägt dazu bei, unseren

Lebensstandard zu halten. Sehr gut ist meine Betriebsrente,

die noch hinzukommt. In die habe ich während meiner

Anstellung beim Chemiekonzern Bayer einbezahlt. Auch

mein Mann hat Versorgungsansprüche, und aufstocken können

wir über gespartes Geld und angeschafftes Vermögen.

Wie sieht denn die Erwerbsbiografie der Frau aus, die zweimal

Olympia-Gold gewinnt und dann eine Familie gründet?

Nasse-Meyfarth: Kinder sind nötig, so habe ich das immer

gesehen. Wir haben zwei Töchter, die sind heute 33 und 28

Jahre alt. Aber ich habe auch als Mutter immer gearbeitet. Damals

waren die Kindergärten längst nicht auf die Bedürfnisse

arbeitender Mamas ausgerichtet. Wir hatten eine Kinderfrau.

Ihr Honorar habe ich immer als Investition in meine Zukunft

verstanden, weil ich so halbtags arbeiten konnte.

In meiner Generation war es für viele wichtig, dass die Ehe

hielt. Mein Mann arbeitet selbstständig als Anwalt. Ihm habe

ich den Rücken frei gehalten und nur in Teilzeit gearbeitet.

Meistens vormittags. Junge Frauen steigen heute früher nach

der Geburt der Kinder wieder ein. Oft auch weil sie Geld verdienen

müssen, wenn sie in Trennung leben. Alleinerziehende

sind wahrscheinlich in der Vorsorge die schwierigen Fälle.

Hatten Sie nicht das Bedürfnis, wieder voll einzusteigen?

Nasse-Meyfarth: Ich hatte ja noch einen zweiten Job: Ulrike

Meyfarth zu sein. Auftritte bei Veranstaltungen, im Fernsehen,

bei Vorträgen und Incentives für Unternehmen. Da

blieb abends und an den Wochenenden genug zu tun. (lacht)

Sind Ihre beiden Goldmedaillen von 1972 und 1984 vom reinen Wert

des Edelmetalls nicht schon ein schöner Beitrag zur Altersvorsorge?

Nasse-Meyfarth: Nein, so eine Goldmedaille hat einen ideellen,

aber keinen materiellen Wert. Sie sind feuervergoldet,

haben nur einen dünnen Goldüberzug. Einschmelzen geht

also nicht. Meine Medaillen sind über die Jahre ganz abgegriffen

und stumpf geworden. Vor einiger Zeit hatte ich sie

beim Juwelier zum Aufarbeiten – aber inzwischen sind sie

schon wieder gräulich und glänzen nicht mehr so golden.

Wäre die erste von 1972 aus massivem Gold, hätte sie seither einen

Wertzuwachs von mehr als 3000 Prozent gehabt. Lässt sich olympisches

Gold wenigstens versilbern?

Nasse-Meyfarth: Natürlich lassen sich die sportliche Leistung

und der Erfolg, den die Medaille symbolisiert, in Einnahmen

ummünzen. Es gibt ja einige Athleten, die zumindest

während ihrer sportlichen Karriere ordentlich Geld

verdienen. Aber von der allgemeinen Vorstellung, dass eine

Olympiasiegerin ausgesorgt hätte, muss man sich lösen.

FOCUS-MONEY 47/2021

69


moneyservice

Ich gehe gern über Grenzen.

Mit Zocken, mit Spekulation,

mit Draufgängertum hat

das aber nichts zu tun“

GEFAHREN-EXPERTIN: Miriam Höller, 34, bei der Arbeit

RENTE Voll ins Risiko – aber kontrolliert

Deutschlands beste Lagen

In den sieben größten Städten steigen die Immobilienpreise kontinuierlich. Auch

kleinere Kommunen ziehen nach. Solange Kreditzinsen günstig sind, lohnt der Kauf.

Preise für Eigentumswohnungen

Kaufpreis in Euro je Quadratmeter

Quelle: Statista

Frankfurt a. M.

Altersvorsorge-Tipp von der

Stuntfrau: Immobilien erwerben

und dabei auf kleinere

Wohneinheiten mit hohen

Quadratmeter-Mieten achten

von MIRIAM HÖLLER

dem konzentriere ich mich auf Auftritte

in TV-Shows oder als Vortragsrednerin.

Weil Risikobewusstsein zum Job gehört,

kümmere ich mich schon seit Langem

um meine Altersvorsorge. Da ich

selbstständig arbeite, gibt’s für mich gar

nicht die Möglichkeit der gesetzlichen

Rente. Also lege ich regelmäßig Geld für

später auf die Seite. Jeden Monat unge-

Düsseldorf

München

2017 18 19 20 2021

Hamburg

8000

7000

6000

Berlin

5000

Stuttgart

Köln 4000

3000

Uns Stuntleuten wird nachgesagt, dass

wir den Tod herausfordern. Dabei geht

es in dem Beruf darum, das Risiko im Detail

zu kontrollieren. Mit Zocken hat das

nichts zu tun. Ich gehe gern über Grenzen,

aber kalkuliert. Manche Dinge im Leben

lassen sich allerdings nicht kontrollieren:

dass mein Lebensgefährte

Hannes 2016 bei einem Hubschrauberabsturz

stirbt, dass ich mit 29 Jahren

selbst einen schlimmen Unfall habe.

In meinem Fall war das so: An einem

Helikopter hängend, sollte ich Designermode

präsentieren und in hohen Schuhen

abspringen. Zehnmal ging das gut.

Beim letzten Aufschlag habe ich mir beide

Füße gebrochen, den rechten mehrfach,

den linken völlig zertrümmert. Karriereende!

Nach dem Unfall habe ich

auch meine eigene Firma verloren. Seitfähr

zehn Prozent meines Einkommens.

Mal mehr, mal weniger.

Teils lege ich die Summen auf Festgeldoder

Tagesgeldkonten. Hauptsächlich

stecke ich sie in Immobilien, von deren

Mieteinnahmen ich im Alter leben kann.

Die baue ich mir Schritt für Schritt auf.

Der Schlüssel liegt für mich in kleinen

Wohnungen. Da fallen die Investitionssummen

nicht so gewaltig aus, auch

wenn die Kaufpreise seit Jahren steigen.

Single-Wohnungen, also Apartments

oder Zweiraumwohnungen, sind auf

dem Mietmarkt sehr gefragt. Und das

wird auch so bleiben, weil das Lebenskonzept

vieler junger Leute auf der Idee

der Freiheit fußt. Wenn ich ein großes

Haus finanziere und vermiete, mache ich

mich von einem einzigen Mieter abhängig.

Mehrere kleine Einheiten dagegen

streuen das Risiko des Mietausfalls. Zudem

sind die Quadratmeter-Mieten von

Apartments wesentlich interessanter als

die von großen Wohnungen.

Die Börse meide ich. Aktien sind mir

zu undurchsichtig. Man ist von der Entwicklung

der Weltwirtschaft abhängig,

die man kaum beeinflussen kann. Zudem

muss man jeden Tag die Entwicklung,

die Kurse checken. Das kann ich

neben meinem Beruf nicht leisten.

Wenn es um die Rücklagen fürs Alter

geht, sollte man seine Grenzen kennen

und sich genau überlegen, was man will

und was nicht. Für Gefahr gilt, ob im Beruf

oder bei Investments: ohne Angst,

aber mit viel Respekt agieren!

72 Foto: W. Lienbacher

FOCUS-MONEY 47/2021

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