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Prinzin2019

schwule Literatur, gay Romance, Bildbände, queere Filme

| Eisenherz | Motzstraße 23, 10777 Berlin

Telefon: 030 - 313 99 36, e-mail: prinz-eisenherz@t-online.de

| Erl koe nig | Nesenbachstraße 52, 70178 Stuttgart

Telefon: 0711 - 63 91 39, e-mail: info@buchladen-erlkoenig.de


in sight/out write

QUEER

WIE WIR!

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FEMINISMUS UND

SPRACHE

Ein Gespräch

Luise F. Pusch & Sookee

8 €; 978-3-89656-303-3

SCHMINKEN

MIT TSCHECHOW

Die Politik von Drag

Baffolo Meus

8 €; 978-3-89656-304-0

SEHNSUCHT

NACH SUBVERSION

Ein Weckruf

Manuela Kay

IHR LIEBEN LESERINNEN UND LESER!

Über Schöneberger Prachtbauten gelangt das Abendlicht in die Ladenwinkel

und bricht sich im Schaufenster über unserer bunten Auslage. Herbstlaub

färbt die Straßen schön und die Uhren ticken wieder winterzeitversetzt.

Natürlich ist das die Jahreszeit, das geschundene Seelchen mit guter Lektüre zu

wärmen und erheitern. Da sind wir aber froh, geradezu begeistert, Euch so

viele fantastische Bücher anpreisen zu können und wir wagen zu behaupten, dass

wir noch nie so viele großartige queere Publikationen in einem Katalog versammelt

haben. Was für eine Vielfalt! Vertreten sind internationale Shootingstars wie

der französische Sozio-Literat Edouard Louis, der texanische Newcomer Bryan

Washington oder die nichtbinäre Niederländerin Marieke Lucas Rijneveld; Neuausgaben

von alten Hasen wie Proust und Isherwood; Übersetzungen von Toíbín

oder Edmund White sowie Wiederentdeckungen wie Lawrence Durrell und

dem früh verstorbenen Hervé Guibert. Übersetzungen haben wir stets auch im

englischen und französischen Original vorliegen: Fragt uns danach!

Besonders froh sind wir allerdings, Euch diese Saison so viele deutsche Titel ans

Herz legen zu können; es ist ein gutes Zeichen, dass sich auch hierzulande viel

bewegt. Bitte schenkt Eure Aufmerksamkeit der Rimbaud-Fiktion von Michael

Roes, der berührenden Krebs-Katharsis von Stefan Hornbach, den Einsamkeitsüberlegungen

von Daniel Schreiber oder auch der Thomas-Mann-Persiflage von

Frank Martin. Ein Höhepunkt der letzten Monate ist für uns zweifellos „Shuggie

Bain“, das Debüt des schottischen Schriftstellers Douglas Stuart. Auch wenn die

Rahmenbedingungen für die Geschichte bedrückend klingen mögen, können wir

nicht oft genug wiederholen, wie schön und einfühlsam Shuggies Aufwachsen

beschrieben wird. Ein Juwel schwuler Literatur! Da ist natürlich noch viel mehr

in diesem Katalog, das wir Euch empfehlen, und wünschen Euch viel Spaß beim

Blättern und Entdecken!

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8 €; 978-3-89656-305-7

DIE LEDERSZENE

Ein Ort der Sehnsucht

Dirk Becker

8 €; 978-3-89656-306-4

Freudig warten wir auf Eure Besuche, Anrufe und Mails und wünschen Euch einen

schönen Winter und gute Lektüre!

Eure eisenherzen

QUERVERLAG.DE

5

QUEERE FAMILIEN

Eine utopische Betrachtung

Jasper Nicolaisen

8 €; 978-3-89656-307-1

I M P R E S S U M

Herausgegeben von Arbeitsgemeinschaft "Die schwulen Buchläden" • Redaktion: Franz

Brand meier c/o Eisenherz • Anzeigenleitung: Franz Brandmeier c/o Eisenherz. Mediadaten und

ak tuelle An zei genpreisliste können angefordert werden via e-mail prinz-eisenherz@t-online.de

Er schei nungsweise & Auflage: 2 x jährlich "Der Dicke", Auflage 10 TSD; zusätzlich je

2 x jährlich separate Kataloge für schwule Männer und lesbische Frauen, Auflage ca.

8–10 TSD • Ver trieb: Eigenvertrieb. Kostenlose Abgabe in den Buchläden der AG und an

ausgewählten Auslageorten in ganz Deutschland • Druck: Druckhaus Stil & Find • Ge staltung:

Carsten Kudlik, Bremen • Preise: Wir behalten uns Irr tü mer bei den angegebenen

Preisangaben vor. Bei Büchern gilt, sofern fest ge setzt, der verbindliche Ladenpreis • Titelbild:

aus AIKO von Florian Hetz, erschienen bei Paper Affairs. Besprechung auf Seite 34.



Romane & Erzählungen

Romane & Erzählungen

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100 BOYFRIENDS

Brontez Purnell

Taschenbuch, 240 Seiten, 18,00 €

Geil! Purnell ist gegenüber gängigen Vorstellungen, über

was geschrieben werden darf und wie, zum Glück gänzlich

indifferent. Die episodischen Geschichten in „100

Boyfriends“ spielen in San Francisco und handeln nicht

von Sex, sondern vom Ficken. Das geht einher mit Scham,

Demütigung und anderen niederen Gefühlen, derer sich

Purnell durch Selbstironie und Humor erleichtert. Das

sind aufregende Episoden aus den Leben von Rastlosen

mit einem scheinbar unstillbaren Verlangen, zu vögeln wie die Viecher. Die titelgebenden

100 Boyfriends sind Fuckbuddies, Quckies, Affären, Liebhaber, und

nur selten Anwärter für potentielle Lebensabschnittsgefährten. Schön zu lesen,

dass das homosexuelle Begehren auch dann noch ungestüm wie komplex

bleibt, selbst wenn der Großteil von uns sich heterosexuellen Normen anzupassen

scheint. Wenn sich bei der Lektüre jemand schämt, ist es der Leser, nicht der

Autor, und zwar zu Recht. Da sage noch jemand, beim Thema Sex sei die Schwulenbewegung

an einem befriedigenden Ende angelangt. #slutshaming

REAL LIFE

Brandon Taylor. Gebunden, 352 Seiten, 22,00 €

DER TRAUM VOM FREMDEN

Michael Roes. Gebunden, 230 Seiten, 22,00 €

FRANZ’ EMPFEHLUNG

Im letzten Katalog hatten wir Euch schon darauf aufmerksam gemacht:

Real Life ist eine sehr zeitgemäße und relevante Campus

Novel. Taylor nutzt das im Selbstverständnis offene, linksliberale

und intellektuelle Universitätsmilieu um Wallace, einen schwulen

schwarzen Stipendiaten aus den Südstaaten subtile und komplexe

Diskriminierungserfahrungen machen zu lassen. Das ist glücklicherweise

gar nicht belehrend oder ebenso klischeehaft erzählt, sondern:

nachvollziehbar, empathisch, menschlich. Ein Entwicklungsroman

im Zeitalter der Ismen und Ideologien und Heuchelei.

Michael Roes traut sich mal wieder an einen Großen der

Geschichte und portraitiert Zeit wie Persönlichkeiten

abermals meisterhaft. Das gilt auch für den französischen

Shootingstar der Poesie, Arthur Rimbaud, der, seiner Berufung

entsagt, in Ostafrika als Kaffee- und Waffenhändler in

Harar arbeitet. Als sein Geschäftspartner Sotiro von einer

Erkundungsreise in den Ogaden nicht mehr zurückkehrt,

initiiert er eine Rettungsmission, die ihn mit einer Gruppe

von Helfern geradewegs in die Wildnis führt. Dort holt die Poesie ihn ein. Der

historisch verbriefte Bericht Rimbauds über die Expedition bemüht sich um Sachlichkeit,

lässt aber immer wieder den progressiven Dichter erahnen aus seiner

Zeit vor dem Dschungel. In der Nacherzählung scheint wieder und wieder ein

Leitmotiv durch, das sich durch Roes’ gesamtes Schaffen zieht: das Reisen. Wir

lesen Reflexionen über das Reisen und das Schreiben, aber auch Erinnerungen

Rimbauds an seine Liebe zu Paul Verlaine, schließlich Beweggründe, seinem

Leben auf dem Alten Kontinent den Rücken zu kehren. Roes zeigt, dass Rimbauds

Lebensweg sich hervorragend eignet, der Beziehung von Poesie und Reisen auf

den Grund zu gehen. Etwa wie: ein gnadenloser Marc Aurel in der Savanne.

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FRANZ’ EMPFEHLUNG

ROLANDS EMPFEHLUNG

DINGE, AN DIE

WIR NICHT GLAUBEN

Bryan Washington. Gebunden, 384 Seiten, 24,00 €

Nach der atmosphärisch dichten Kurzgeschichtensammlung

„Lot“ (die noch ihrer Übersetzung harrt),

gab Bryan Washington 2020 mit „Memorial“ sein Romandebüt.

Das ist in kurzer Zeit auf Deutsch übersetzt

worden, offenbar hat jemand in oberen Verlagsetagen

das Potential des jungen amerikanischen Schriftstellers

schnell erkannt. Wovon schreibt er? Von der Liebe! Ben

und Mike leben jahrelang zusammen, kochen, schmusen, streiten sich und haben,

ganz wie es sich gehört, zur Versöhnung Sex. Der Alltag hat sie eingeholt,

überfallen und ist mit ihrer Liebe über alle Berge. An ihrer Statt ein Besuch von

Mikes Mutter aus Japan. Aus lauter Ereignisüberdruss wendet sich Mike von dieser

Szene ab, um sich um seinen sterbenskranken Vater zu kümmern, den er im

Übrigen seit Jahren nicht gesehen hat. Die Szene ist somit eingerichtet: Ben und

Mikes Mutter nähern sich in einem Kammerspiel einander an und entdecken gegenseitig

neue Facetten des abwesenden Mike. Seine Wiederkehr kann spannend

werden! Washington nutzt sein Geflecht an Charakteren, um größere Themen

zu beschreiben, ohne sie in den Mittelpunkt zu rücken. Natürlich geht es um

die Liebe und um Sex, es geht aber auch um schlimme Dinge wie Homophobie,

Rassismus, HIV und Armut. Doch keine Sorge, weder Leser noch Charaktere werden

davon erstickt. Es ist Teil des Romans, so wie es Teil unserer Welt ist: Unsere

Leben werden davon beeinflusst, ob wir wollen oder nicht.

AUS EINES MANNES MÄDCHENJAHREN

N.O.Body. Klappenbroschur, 224 Seiten, 19,90 €

Das ist ein Stück Sexualgeschichte: Unter dem Pseudonym

N.O.Body veröffentlichte Karl Baer 1907 eine Autobiografie,

die von seiner oder ihrer Intergeschlechtlichkeit geprägt

ist. Bei der Geburt war das Geschlecht nicht eindeutig bestimmbar;

die Eltern ließen das Kind als Jungen aufwachsen.

Kindheit und Jugend waren gar nicht schön, wie wir aus den

Erinnerungen erfahren. 1919 feierte die Verfilmung (!) Unter

den Linden Premiere. Der Film gilt heute als verschollen.

Die Autobiographie hingegen wurde neu aufgelegt und enthält

neben dem einzigartigen Lebensbericht das ursprüngliche

Nachwort von Magnus Hirschfeld, zudem ergänzt um

Texte medizin- und rechtshistorischer Einordnung. Das ist

das volle Paket zu den Gender Studies. Eine sehr sinnvolle und reichhaltige Neuauflage.

PINK CHRISTMAS 11

Himmelstürmer (Hrsg.). Gebunden, 324 Seiten, 19,90 €

Die rosa Weihnachten gehen ins elfte Jahr! Der Sammelband

ist praller als je zuvor, dreizehn Autoren haben kurzweilige, unterhaltsame

und sexy Geschichten geschrieben – natürlich mit

schwulen Protagonisten. Themen, Zeit und Ort sind bunt gemischt:

Hotellerie, Migration; Zeitreisen in die Jahre 1321 und

2222; biblische Motive, mal in Venedig, mal in Bochum, Köln

und Tokio. Da sage noch einmal jemand, für ihn sei nichts dabei!

Tipp: Wenn ihr am 12. Dezember anfangt zu lesen, reicht der

Stoff bis Heiligabend. Frohe Weihnachten!



Romane & Erzählungen

Romane & Erzählungen

NUR ZU BESUCH

Christopher Isherwood. Gebunden, 448 Seiten, 29,00 €

Unter „Down there on a Visit“ erschien 1962 eine

Sammlung an Erinnerungen, die zeitlich an die großen

und erfolgreichen Berlin-Romane unseres Lieblings

Isherwood anknüpft. Die kürzlich erschienene

Neuübersetzung ist ein Werk, in dem Isherwood wieder

als der begnadete, wenn auch über das Geschehen

erhabene Erzähler in Erscheinung tritt. Sein Alter

Ego erzählt von letzten Episoden in Nazideutschland

um 1933, seinem Exil in Griechenland, seine Rückkehr

nach England und schließlich seine Rückkehr nach Kalifornien.

Als sei das Umherirren in der Welt nach der

Katastrophe nicht genug der Identitätskrise, verteilt Isherwood kunstvoll seine

eigenen Wesenszüge auf unterschiedliche Charaktere in seiner Geschichte, die

Denken und Handeln des Erzählers reflektieren und ergänzen. Wie Isherwood

selbst zugegeben hat; es ist nicht seine Stärke, sich Geschichten ohne Bezug zur

Realität auszudenken – wie er es aber schafft, Wirklichkeit und Fiktion sinnfällig

zu verbinden, ist bei „Nur zu Besuch“ genau so eindrucksvoll wie zu Beginn seiner

außergewöhnlichen Laufbahn als vielseitiger Schriftsteller.

TRANSATLANTISCHE EMANZIPATIONEN

Florian Mildenberger (Hrsg.). Gebunden, 420 Seiten, 28,00 €

Mildenberger ist beschäftigt: Nach der Herausgabe der glänzenden

Schwan-Trilogie hat er im Männerschwarm Verlag einen Sammelband

rund um James Steakleys 1975 erschienen Text „The Homosexual

Emancipation in Germany“ zusammengestellt. Der Amerikaner

Steakly hat damit seinen Landsleuten einen wichtigen Zugang zum

Verständnis der Homosexuellenbewegung in beiden Teilen Deutschlands

gelegt. Steakley ist nicht nur des Deutschen mächtig, sondern

konnte sowohl in der BRD als auch der DDR forschen und lehren.

Schnell ist er zu einem bedeutenden Autor der Sexualgeschichte geworden

und gilt heute als Anreger für die sogenannten Gender Studies Anlässlich seines

75. Geburtstags gibt Mildenberger nun neben dem Originaltext Beiträge von Autoren wie

Joachim Bartholomae, Jennifer Evans, Dagmar Herzog, Hubert Kennedy, Rüdiger Lautmann,

Katie Sutton oder Robert Deam Tobin heraus.

BABYLONISCHES REPERTOIRE

Gabriel Wolkenfeld. Gebunden, 500 Seiten, 29,00 €

FRANZ’ EMPFEHLUNG

Der Turm zu Babel wurde zum Sinnbild für ein episches

und zugleich an Wahnsinn grenzendes Unterfangen.

Die antike Weltstadt hat viele derartige Legenden, ein

Repertoire an irrsinnigen Geschichten sozusagen. So

erklärt sich der Titel von Wolkenfelds Mehrgenerationen-Roman.

Die Geschichten darin hat der schwule

Enkel Yair einst von seinem Großvater Avgidor Seliger

erzählt bekommen, der jetzt, fast neunzigjährig,

von seiner Tochter in ein Heim gesteckt wird, weil er

nicht mehr spricht. Ist es Demenz oder hat Seliger alles

gesagt, was er zu sagen hatte? Yair sucht seinen Großvater

auf und erzählt ihm jene Geschichten, die er als

Kind vernahm. Die Details, an die er sich nicht mehr erinnern

kann, erfindet er neu oder er ändert sie ab und hofft, seinen Großvater

zum Reden zu bringen, und sei es bloß, um ihn zu korrigieren. Er berichtet von einer

Schwangeren, die Einfluss auf ihr Ungeborenes mit dem Verzehr exotischer

Früchte nehmen möchte, von sexuell ausgehungerten Spionen und einer Bande

diebischer Waisenkinder. Yairs Fabulierlust scheint der seines Großvaters bald in

nichts nachzustehen, wobei er den Bogen zur turbulenten Gegenwart in Tel Aviv

und seiner ganz eigenen Liebesgeschichte schlägt. Vielleicht hat sich im Laufe

der Generationen am Irrsinn der Conditio Humana gar nicht so viel verändert?

Douglas Stuart

»Die tragische Liebesgeschichte einer

ambivalenten Mutter-Sohn-Beziehung…

zart und bedrückend, ergreifend und

schmerzlich zugleich.« Süddeutsche Zeitung

MEINE LEBEN

Edmund White. Gebunden. 519 Seiten, 28,00 €

Edmund White müssen wir gewiss nicht vorstellen, er

hat seinen Ruhm und Ruf als Grande Dame der Gay

American Novel durch zahlreiche glänzende Romane

selbst begründet. Bereits 2005 erschien „My Lives“ auf

Englisch, mit einiger Verspätung kommen wir nun in

den Genuss dieser beileibe nicht zimperlichen Autobiografie:

Die Kapitel tragen Namen wie „Meine Therapeuten“,

„Meine Frauen“ und „Meine Stricher“, in denen

White sich selbst offenlegt, um der Wahrheit so nah

wie möglich zu kommen. Wie wir es von ihm gewohnt

sind, lesen wir das Panorama des Amerika des 20. Jahrhunderts, dessen Moral

White wieder und wieder hinter sich lassen muss, um glücklich zu sein. Das lesen

wir sehr gern und finden: toll, toll, toll!

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HANSER BERLIN

Ü.: Sophie Zeitz. 496 Seiten. Gebunden

mit Lesebändchen. Auch als E-Book.

Foto: Clive Smith. shuggie-bain.de



Romane & Erzählungen

Romane & Erzählungen

DEN HUND

ÜBERLEBEN

Stefan Hornbach

Gebunden, 288 Seiten, 22,00 €

FRANZ’ EMPFEHLUNG

ROLANDS EMPFEHLUNG

Die Hoffnung steckt zum Glück schon im Titel, denn dieses

Schicksal wünscht man niemandem: Stefan Hornbach

erhielt mit Mitte zwanzig eine Krebsdiagnose. Nach

Überwindung des Schocks und der Unsicherheit – allein

davor ziehen wir unseren Hut – konnte er dem großen

Übel Inspiration abringen. Außer Erfahrungsberichten

und Krebstagebücher gibt es überraschenderweise wenig

Versuche, dem Thema in der Literatur eine Form zu geben. Hornbach ist dies

mit dem vorliegenden Roman fantastisch gelungen: Sein literarisches Alter Ego

Sebastian, Student in Gießen, von Freunden umringt und voll homosexueller Lebensfreude,

setzt sich nach der überwältigenden Diagnose schließlich mit dem

Krebs auseinander und gibt ihm Namen. Er zieht zurück zu seinen Eltern, die ihn

unbedingt unterstützen. Dazu gesellt sich die geliebte Großmutter und der alternde

Familienhund. Sein Umfeld reagiert nachvollziehbar und macht es uns

leicht, die Gefühle, die sich in ihrer Intensität zu übertrumpfen, nachzuempfinden.

Genau das was Literatur tun sollte: Sachverhalte so in Form bringen, dass

man ihnen nicht hilflos noch allein gegenübersteht.

SHUGGIE BAIN

Douglas Stuart

Gebunden, 496 Seiten, 26,00 €

FRANZ’ EMPFEHLUNG

Der kleine Shuggie ist schwul, das merkt sein Umfeld

schnell, bloß sagt es ihm niemand; stattdessen

bekommt er die latente Homophobie zu spüren, ohne

dass er wüsste, wogegen sie sich richtet. Der arme

Ahnungslose wächst in einer von Armut und

Problemen zerrütteten Familie auf. Der Vater mag

nicht liebevoll sein, die alkoholkranke Mutter kann

es nicht, die Geschwister sind ob der bedrückenden

häuslichen Umstände schnell flügge und Shuggie

hat keine Freunde – außer dem Erzähler, der ihn einfühlsam

begleitet und ihm den Raum gibt, zu erleben,

zu reflektieren und zu fühlen. Das ist schmerzhaft für alle Beteiligten, auch

für den Leser. Aber den Mut zu erleben, den Shuggie aufbringt, um seine Mutter

und sich durch das Elend im Glasgow der 1980er Jahre zu bringen, ist eine der

schönsten Erfahrungen, die wir als Leser in den letzten Jahren gehabt haben. Vielen

von Euch haben wir den Roman schon empfohlen und wir wiederholen es gerne:

Die Liebe, die auf jeder Seite dieses wahrhaftigen Familien- und Selbsterkenntnisromans

zu spüren ist, sucht in der zeitgenössischen Literatur ihresgleichen.

DEM FREUND, DER MIR DAS LEBEN NICHT GERETTET HAT

Hervé Guibert. Gebunden. 280 Seiten, 20,00 €

Die deutsche Übersetzung von Hervé Guiberts fraglos bedeutendstem

Werk erschien erst- und letztmalig 1991. Nachdem

die Ausgabe vergriffen war, ist 30 Jahre lang nichts passiert.

Eine kleine Sensation also, dass der August Verlag Guiberts im

Stile der Autofiktion verfasste Krankheitsgeschichte neu aufgelegt

hat. Für die jungen Generationen Homosexueller ist es

heute kaum vorstellbar, dass die Diagnose, wie sie Guibert (und

auch Foucault, der unter Pseudonym im Roman auftaucht) erhalten

hat, einem Todesurteil gleichkam. Guibert konnte nicht

gegen den Tod anschreiben, wohl aber gegen das Gefühl der

Ohnmacht und die Überwältigung angesichts seines gewissen

und leidvollen Endes. Wir raten dringend zur Lektüre dieses unangenehmen,

aber kraftvollen Zeugnisses schwuler Geschichte.

DER ZAUBERER

Colm Tóibín. Gebunden, 560 Seiten, 28,00 €

Ist das etwa noch eine Mann-Biografie? Mit Henry James

hat Tóibín bereits meisterhaft unter Beweis gestellt, dass

er schwulen Starschrifstellern durchaus neue Seiten abgewinnen

kann – nicht zuletzt deren Homosexualität. Die

ist nämlich der Leitfaden in der Nacherzählung vom Leben

Thomas Manns. Lübecker Kindheit, Hochzeit in München,

Naziverachtung, Exil; es ist alles da. Doch immer wieder

rückt Manns homosexuelles Begehren in den Vordergrund.

Tóibín schilt nicht, er macht sich auf die Suche nach den Gründen der Zerrissenheit,

die Mann inhärent gewesen ist. Damit macht er den Protagonisten

dieser Biographie nachvollziehbarer, als es der Übermensch Mann, der er heute

aufgrund seiner Errungenschaften und Persönlichkeit ist, je sein könnte.

VERRÜCKT NACH VINCENT & REISE NACH MAROKKO

Hervé Guibert. Gebunden, 149 Seiten, 20,00 €

Guibert ist sicher vielen von Euch ein Begriff, vor allem durch

seine semifiktionale Autobiographie „Der Freund, der mir das

Leben nicht gerettet hat“, das von seiner AIDS-Erkrankung

handelt. Guibert starb im Jahr der Publikation im Alter von 36

Jahren an den Folgen seiner Infektion. Seine aufrichtigen und

schmerzhaften Geschichten sind herausragende Zeitzeugnisse

schwuler Leidensgeschichte. Doch bereits zuvor war Guibert

rege tätig. Die Neuausgabe des Albino-Verlags vereint zwei

dichte Erzählungen über Vincent, den Guibert 1981 auf Reisen

in Marokko kennenlernte. Die beiden Männer verband eine

amour fou, gewiss nicht unproblematisch. Sicher können wir

bei der Lektüre nicht sein, was sich wirklich zugetragen hat,

und was Dichtung ist. Das ist aber auch nicht so wichtig. Denn

die Intensität von Guiberts Sprache spiegelt die Heftigkeit der Beziehung, die man durchaus

als obsessiv bezeichnen kann. Die Erzählung beginnt mit Vincents Fenstersturz und

verläuft dann rückwärts, als stocke der Film für einen kurzen Augenblick, um dann vom

Projektor in die entgegengesetzte Richtung abgespult zu werden. Das Buch ist ein Kleinod!

8 9

ZYTOMEGALIEVIRUS

Hervé Guibert. Kartoniert, 71 Seiten, 10,00 €

Das kleine Bändchen aus dem August-Verlag ist ein weiterer Titel

der erfreulichen Wiederentdeckung von Hervé Guibert, der die

Öffentlichkeit der 80er Jahre mit seinen autofiktionalen Werken

zur Auseinandersetzung mit Krankheit und deren Bewältigung

herausforderte. Weitaus weniger erfreulich sind die Umstände,

unter denen es geschrieben wurde: Zweiundzwanzig Tage sind

darin notiert, die Guibert aufgrund einer Infektion mit dem namengebenden

Virus infolge seiner HIV-Infektion im Krankenhaus

verbringen musste. Sein Tod war abzusehen, und das Ringen mit

ihm ist sicher keine fröhliche, dafür aber heilsame Lektüre. Erstmals

übersetzt von dem wunderbaren Hinrich Schmidt-Henkel.



Romane & Erzählungen

WOHIN IMMER ICH GEHE

Nadine Schneider. Gebunden, 236 Seiten, 22,00 €

Das ist voller Einsatz: Johannes und David trainieren

einen Sommer lang, um durch die Donau zu

schwimmen und das Rumänien Ceausescus samt ihrer

Familien hinter sich zu lassen. Fluchtgedanken

sind dabei nicht das Einzige, was die beiden jungen

Männer teilen. Eines Tages taucht David einfach

nicht mehr auf und Johannes tritt die Flucht alleine

an. In seinem neuen Leben eingerichtet, erhält

Johannes Jahre später die Nachricht vom Tod seines

Vaters. Die Rückkehr in seine Heimat gibt ihm

zugleich die Möglichkeit, nach dem Freund von damals

und der Geschichte des Verschwindens zu suchen.

Ganz schön aufwühlend! „Wohin immer ich

gehe“ ist bereits der zweite Roman der 1990 geborenen

Schriftstellerin und wartet nicht nur mit einer

einfühlsamen Geschichte nach Heimat und Verlust auf, sondern bedrückenden

Impressionen einer Diktatur im Spätherbst.

DIE FREIHEIT EINER FRAU

Édouard Louis. Gebunden, 96 Seiten, 17,00 €

FRANZ’ EMPFEHLUNG

Die Geschichten von Édouard Louis, der Ziehsohn des hochgeschätzten

Soziologen Didier Eribon, sind essentiell und explizit

biographisch. Personen seiner Kindheit, Jugend oder dem Erwachsenwerden

als Homosexueller beschreibt er eindringlich und stellt

ihre Schicksale in einen soziokulturellen Kontext. Was prägte diese

Menschen? Warum handelten sie so, wie sie es taten? Die Freiheit

einer Frau ist ebenfalls autobiographisch und handelt ebenfalls von

Scham, Hass, Gewalt, Versagen – und von der Liebe. Wer Louis’

letzte Romane gelesen hat, dem dürfte der narrative Bogen zur Erlösung

folgerichtig erscheinen. Louis’ Mutter war bereits mit sechzehn

schwanger, brach die Schule ab und fand sich abhängig von einem alkoholkranken

Rohling. Ihr Sohn, der stets nach mehr strebte, als die Armut ihm bieten konnte, wurde

durch die erzwungene Trennung von seiner Mutter zwar die Scham los, die er für sie empfand,

musste aber gleichzeitig ihren Verlust überwinden. Dass er sich gerettet hat, davon

kann man sich regelmäßig in den Feuilletons versichern. Eines Tages klingelt Louis’ Telefon.

Es ist seine Mutter. Sie hat sich, mittlerweile fünfzigjährig, ebenfalls von dem befreit, was

sie in ihrem Leben niedergeworfen hat. Beide treffen sich in einem Café, in der die Mutter

sich als Manifestation von Lebensfreude präsentiert. So findet vielleicht nicht Louis’ Kindheit,

immerhin aber diese besonderen Memoiren seiner Mutter ein glückliches Ende.

Romane & Erzählungen

MEIN KLEINES PRACHTTIER

Marieke Lucas Rijneveld. Gebunden. 364 Seiten, 24,00 €

Das ist harter Stoff! Die junge niederländische Autorin (w/m,

Jahrgang 1991) verortet in ihrem zweiten Roman die Abgründe

der menschlichen Seele auf dem Lande zwischen Kuhstall und

Dung. Ein Tierarzt entwickelt Gefühle für die minderjährige Tochter

der Bauernfamilie, dessen Vieh er pflegt. Die Hofbewohner

haben ihrerseits Dreck am Stecken – und das junge Mädchen

will ein Trauma verwinden und ist so von Sehnsucht nach der

großen weiten Welt erfüllt, dass sie die Liebe gern erwidert. Was

dann folgt, ist explizit, und obwohl der Arzt schnell als Verbrecher

gebrandmarkt werden kann, spiegelt die verbotene Liebe

die lebensfeindliche Landumgebung, die Not, die Gewalt wider,

und die Bauerntochter hält ihrem Status als perfektes Opfer ihrerseits

verstörende Gedanken entgegen. Hatten wir ja gesagt: harter Tobak!

DAS ENDE DER EIFERSUCHT

Marcel Proust. Gebunden, 128 Seiten, 18,00 €

Aus den „Plaisirs et les Jours”, den „Freuden und Tagen”, die Proust

im Alter von 26 veröffentlichte, wird das Ende der Eifersucht, eine

Auswahl der Erzählungen und Miniaturen, die 1896 erschienen

sind. Immer wieder mischen sich Personen- und Gesellschaftsportraits

mit Irrungen und Wirrungen der Liebe und der Melancholie.

Hochmut, unerwiderte Liebe, das Gefühl, früh gescheitert zu

sein, Gewissensbisse; alles ist en minature in dem kleinen Band

angelegt und verweist auf die Größe, die Proust nicht viel später

in seinem Werk erreichen sollte. Eine gelungene Ergänzung zum

Proust-Revival der letzten Jahre.

HERVÉ GUIBERT

WIEDER ERHÄLTLICH: DER ROMAN EINER EPOCHE.

ERSTMALIG AUF DEUTSCH: DAS KRANKENHAUSTAGEBUCH.

AUS DEM FRANZÖSISCHEN VON HINRICH SCHMIDT-HENKEL

Hervé Guibert Zytomegalievirus

Hervé Guibert

ZYTOMEGALIEVIRUS

Krankenhaustagebuch

Hervé Guibert

ZYTOMEGALIEVIRUS

Krankenhaustagebuch

978-3-941360-87-7

€ 10,00

TRIC-TRAC

Asjadi. Gebunden. 660 Seiten, 28,00 €

Tric-Trac ist eine französische Variante des Backgammon, die den

Triumph des Zufalls feiert. Immer wieder kehren wir in dieser sagenhaften

und dicht erzählten Geschichte zu diesem Spiel zurück.

Doch wer sitzt am Brett? Zwei ermordete Kinder erwarten

uns am Portal der Geschichte, die mehrere Generationen umspannt.

Wir erleben den Frühling in Iran, dann einen Aufstand

in Paris und Unruhe in Deutschland. Wir begegnen einer überholten

Gräfin und korrumpierten Galeristen. Dazu Themen wie

Religionsmissbrauch, Sex und Zärtlichkeit, Kunst, Flucht und Exil

und die Liebe. Ihr seht, das Buch ist prall von Inhalt und es gibt

jede Menge zu entdecken – inklusive wohlgeformte Männerhintern. Ein köstlicher Wälzer!

Hervé Guibert

DEM FREUND, DER

MIR DAS LEBEN NICHT

GERETTET HAT

978-3-941360-86-0

€ 20,00

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Romane & Erzählungen

GRENZGÄNGE

Pajtim Statovci. Gebunden, 320 Seiten, 22,00 €

Grenzgänge ist der zweite Roman des 1990 in Albanien

geborenen Statovci, für den er geschickt das Genre

des Wanderromans – das literarische Äquivalent

zum Roadmovie – mit zeitgenössischer Suche nach

der eigenen Identität verknüpft. Protagonist Bujar

ist ein Junge, der – wie sein Freund Agim – bisweilen

Frauenkleider trägt; vielleicht möchte er auch ein

Mädchen sein, er möchte sich nicht festlegen. Als sein

Vater kurz nach Ende des Kalten Krieges stirbt, macht

Bujar sich gemeinsam mit seinem Freund auf den

Weg nach Italien; später nach Berlin, Madrid über

New York und schließlich Helsinki. Bujar macht sich auf der Reise gänzlich frei

von seiner Vergangenheit, gibt sich als Mann, gibt sich als Frau, liebt mal das eine,

mal das andere Geschlecht. Wir verfolgen, wie er die Stationen dieser globalmodernen

Wanderung nutzt, um sich auszuprobieren und eine Identität zu

schaffen, die frei ist von den Grenzen, die ihm von Elternhaus und der spätkommunistischen

Welt vorgegeben waren. Wie erfolgreich eine Selbstbildung ohne

den womöglich wichtigsten Teil – der eigenen Heimat – sein kann, das ist nachzulesen

in dieser differenzierten und zeitgemäßen Geschichte.

AUSRASTEN

Christopher Wurmdobler. Gebunden, 160 Seiten, 20,00 €

Zur Abwechslung mal nicht Berlin, sondern Wien als zitteriger

Fächer unkonventioneller Biografien: Der österreichische Autor

Wurmdobler eröffnet uns die Hauptstadt mit kurzweiligen Erzählungen

über eine kunsthassende Galeristin, religiöse Agnostiker,

einen liebeshungrigen Wohnungssuchenden, einen umtriebigen

Modeberater, eine Tierärztin, die die Lebensfreude verlassen zu

haben scheint und dergleichen mehr widersprüchliche Charaktere.

Eine unterhaltsame Geschichtensammlung, die zeigt, dass auch

andere Großstädter einen Knacks haben.

BERLINER SEHNSUCHT

Johannes Albendorf. Kartoniert, 216 Seiten, 16,00 €

Bruno Balz wurde kurz nach der Jahrhundertwende in Berlin geboren.

Bekannt ist uns der Schlagerdichter für Hits wie „Kann denn

Liebe Sünde sein“, „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“

und „Davon geht die Welt nicht unter“. Das sind alles sehr romantische

Titel. Romantisch auch Balz, der sich an einem sonnigen

Tag im Mai auf ein Date vorbereitet – mit einem Mann! Balz wurde

in der Nazizeit mehrmals wegen seiner Homosexualität verhaftet

und misshandelt und flüchtete nicht außer Landes, aber in eine

Scheinehe. Jetzt sind es die 60er Jahre in Berlin, und Noch-Ehefrau

Selma hat ein Druckmittel, denn §175 gilt noch immer. Es klopft an

der Tür. Wer da? Das Date? Nein! Es sind Heinz Rühmann, Grethe Weiser und Zarah Leander

– weil das ja klar ist. Vor seinem Date muss Bruno also einen Parcours an Erinnerungen

aus ihren Künstlerleben absolvieren; über die 20er, Zarahs Chansons und zu den Filmerfolgen.

Als die ungebetenen Gäste die Sherrygläser geleert, und sich aus der Wohnung haben

bewegen lassen, entfährt Bruno ein Seufzer der Erleichterung. Dann klopft es an der Tür.

e i s e n h e r z . b e r l i n

Romane & Erzählungen

DAS ALEXANDRIA QUARTETT

Lawrence Durrell. Gebunden, 1288 Seiten, 58,00 €

Das Quartett ist ein Trümmer! Vier Romane hat der britische

Schriftsteller Lawrence Durrell zwischen 1957 und 1960 veröffentlicht

– drei davon behandeln dieselben Ereignisse in

Alexandria zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, der letzte spielt

sechs Jahre später. Die Bücher waren dereinst ein Erfolg, und

bevor sie in Vergessenheit geraten, erscheinen sie nun im

schicken Schuber und einer grundlegenden Neuübersetzung.

Was geschah aber in Alexandria? Eine ganze Menge, wie wir

aus den unterschiedlichen Perspektiven erfahren: Geschäfte,

Liebschaften, Feiern, Attentate und Selbstmord. Die Brillanz

der Tetralogie liegt zweifellos in der meisterhaften Verknüpfung

der einzelnen Erzählungen und Schicksale der Protagonisten, denen unterschiedliche

Beweggründe und Sichtweisen eigen, und doch miteinander verbunden sind. Der Held dieser

Splittergeschichte bleibt dabei stets die aufregende und vielschichte Stadt Alexandria

der 1930er Jahre, die Armut, Glamour und Pluralität von Weltanschauungen und Lebensstilen

vereint; wie beispielsweise Balthazar, der titelgebende Protagonist des zweiten Romans,

ein jüdischer, offen homosexuell lebender Arzt. Alexandria, liebe Leser, ist ein literarisches

Kleinod, so raffiniert und umfassend, wie man es nur selten findet. Bitte entdecken!

VENEDIG, 1911

Frank Martin. Klappenbroschur, 196 Seiten, 25,00 €

Der Tod ist aus dem Titel getilgt, dennoch entdeckt sich Martins

Novelle schnell als Hommage wie Persiflage der berühmten

Erzählung Thomas Manns. Diesmal kommt auch Aschenbachs

Schwarm, Beach Boy Tadzio zu Wort – und berichtet in derbeleganter

Manier die Geschehnisse aus seiner Sicht. Er scheint

genauso erzähllustig wie der Mann und wartet mit Komik auf;

doch die Geschichte trägt still und heimlich Tragik. „Venedig,

1911“ ist ein schillernder Zerrspiegel einer berüchtigten Novelle

der Homo-Literatur – es ist eine Freude, hineinzusehen.

HEIMWEH

Graham Norton. Gebunden, 384 Seiten, 22,00 €

Der Autor ist uns bekannt als britischer Tausendsassa mit eigenen

TV und Radio-Shows und nicht zuletzt als Juror bei RuPaul’s

Drag Race UK. Allerdings veröffentlicht Norton seit 2004 auch

Bücher; „Heimweh“ ist bereits sein dritter Roman. Und der beginnt

heftig: Auf dem Rückweg von einem Tag am Meer kommen

bei einem ­Autounfall drei der sechs jugendlichen Insassen ums

Leben: ein Brautpaar plus Jungfer. Uff! Der Fahrer Connor überlebt

unverletzt, aber traumatisiert. Die Bewohner von Mullinmore

­(Fanta­siestädtchen in Irland) sind von dem Ereignis schockiert und

seine Eltern scheinen es für die beste Idee zu halten, den verstoßenen

Sohn nach England zu schicken. Er kehrt seiner Heimat den Rücken. Die er zurücklässt,

sind unversöhnlich und verfestigen Vorurteile und Niedertracht. Da kann man verstehen,

dass Connor nach und nach den Kontakt auch zu ehemaligen Freunden und Familie abbricht.

Jahre später – Connor hat sich in seinem Leben in der Verbannung eingerichtet –

trifft er in einer New Yorker Bar einen Geist seiner Vergangenheit.

Hinter der traumatischen Biographie des Überlebenden, die Norton eindringlich behandelt,

zeichnet er einen bedrohlichen Hintergrund dörflicher Strukturen, die Leute verbinden wie

abstoßen können. Manch Leser dürfte sich an seine Kindheit erinnert fühlen; an die Momente,

als es scheint, man würde von der Welt gerichtet. „Heimweh“ ist eine anspruchsvolle

Lektüre.

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Romane & Erzählungen

ALLEIN

Daniel Schreiber. Gebunden, 160 Seiten, 20,00 €

Viele von uns, vielleicht so viele wie nie, leben allein. Gesellschaft

ist im Umbruch, das sagt man so, das mag stimmen.

Tatsächlich zeigt sich der Wandel wie so oft in den Widersprüchen

der öffentlichen Meinung: Einerseits werden Individualismus,

Selbstbestimmung und sogenannte Self-Care

propagiert, andererseits spüren Alleinlebende nicht selten

mitleidige ­Blicke und empfinden ein Scheitern in Anbetracht

der vermeintlichen Leerstelle dort, wo andere Lebenspartner

wähnen. Was ist das überhaupt für ein Konzept, Lebenspartnerschaft?

Kann man denn nicht alleine glücklich sein, wo

es doch die Plakate allerorten propagieren? Daniel Schreiber

berichtet von seinem eigenen Lebensmodell und dem Unbehagen,

das er bisweilen spürt. Anlass für diesen Text waren gewiss

seine Erfahrungen in der Pandemie, doch die hat, wie wir ja wissen, bestehende Tendenzen

aller Art bloß verstärkt wie ein schmutziges Vergrößerungsglas. Der Essay hält dabei die

Balance zwischen persönlichen Reflexionen über Schreibers eigene Lebensentscheidungen

und dem sozio-kulturellen Zusammenhang, in dem er sich wiederfindet. Zum Glück bietet er

allerhand Gedanken, die das Alleinsein in einem anderen Licht erscheinen lassen. Gelungen!

DAS GEHEIME LEBEN DES ALBERT ENTWISTLE

Matt Cain. Broschiert, 432 Seiten, 14,99 €

Eigenbrötler, nennt man so noch Leute? Kennt man solche

Leute? Albert Entwistle ist zweifellos so einer. Der Postbote

aus Toddington steht kurz vor seiner Pensionierung, hat aber

über Jahrzehnte äußerst erfolgreich Begegnungen zu seinen

Mitmenschen vermieden, folglich keine Freunde, dafür aber

eine Katze – die er im Ruhestand zu Grabe tragen muss,

denn irgendetwas muss ja den Stein, der hier Geschichte ist,

ins Rollen bringen. Um seine Lebensentscheidungen nachvollziehbar

zu machen, schildert Autor Matt Cain hin und

wieder Alberts Vergangenheit, die sich gleichzeitig mit der

neuen Wirklichkeit des Protagonisten entfaltet. Sicher, Albert

könnte sein Leben einfach an den Nagel hängen, tut er

aber nicht. Stattdessen ist er seiner Nichtigkeit überdrüssig

und nähert sich den Menschen an. Wer sagt, dass man im

Alter nichts mehr lernen kann? Albert macht tatsächlich Freunde! Und jetzt wird es schwul:

Er entsinnt sich der Liebe, die er doch dereinst gespürt in seiner Jugend. George hieß er.

Zwar hat Albert keine Katze mehr, dafür zum Glück eine Menge neuer Freunde, die ihm

zum Schwulsein auf die Schultern klopfen und ihm helfen, sich fesch gekleidet auf die Suche

nach der Liebe zu machen. Cain folgt seinem Protagonisten liebevoll und lebensnah und

weiß, den verkorksten Albert um diese erzählerischen Eigenschaften zu bereichern.

IM WASSER SIND WIR SCHWERELOS

Tomasz Jedrowski. Gebunden, 224 Seiten, 23,00 €

Was da während der Ernte zwischen Ludwik und Janusz passiert,

darf keiner erfahren und so leben sie für Sommertage am See und

schwimmen nachts wie Gott sie schuf. Aber in Polen in den achtziger

Jahren behält man das besser für sich, wenn man Karriere und

Zukunft möchte. So muss der jungen Männer Beziehung ein Mikrokosmos

spannen für die Dramen, die sich im Großen abspielen

im katholischen Sozialismus: Geheimnistuerei, Angst, Misstrauen,

Verrat, Flucht. Jedrowskis Debut ist ein Brief eines entkommenen

Erzählers, der zurückblickt: auf eine unmögliche Beziehung und

einer Gesellschaft, die ebenso von Verfall gezeichnet ist. Das ist

schwuler Sommer und Kommunismus im Spätherbst zugleich.

Neu als Taschenbuch

DIE OPTIMISTEN

Rebecca Makkai. Taschenbuch, 624 Seiten, 16,00 €

„Die Optimisten“ ist sicher einer

der großen Romane der letzten Jahre.

Die reichhaltige Geschichte, die

Makkai aufspannt wie ein Zelt in der

Zeit, beginnt in den 1980er Jahren im

schwulen Chicago. Nach dem anderthalb

Jahrzehnte zurückliegenden Beginn

der Emanzipationsbewegung

strotzen die Homos der Stadt vor Hedonismus.

So auch Yale, Kunstexperte,

von Freunden umgeben, der Zukunft

zugewandt. HIV erschüttert rasant

das soziale Gefüge der Chicagoer

Szene, und viele von Yales Freunden sterben jämmerlich,

während der Staat seiner Schutzpflicht nicht nachkommt und

lieber Demonstranten verdrischt. Die Biographien der Kranken

und Sterbenden kreisen alle um Fiona, die ihren Bruder durch

die Krankheit verliert. Sie ist es, die sich dreißig Jahre später

in Paris auf die Suche nach ihrer eigenen Tochter begibt, um

sie aus dem Bannkreis einer Sekte zu befreien. Klingt das unzusammenhängend?

Aufgepasst: In Paris trifft Fiona auf alte

Bekannte, also die Überlebenden der Pandemie: Eine Hauptstadt

Europas ist neutraler Boden, um die Langzeitfolgen der

schweren Verluste aller Beteiligten zu beschreiben. Und das

macht Makkai äußerst gekonnt: Mit Erzähltalent begabt, holt

sie aus zu einem Wurf einer Great American Novel.

DAS HAUS DER NAMEN

Colm Tóibín

Taschenbuch, 288 Seiten, 12,00 €

Da hat Tóibín sich an interessantem

Stoff versucht: Die Tragödien-Trilogie

Orestie von Aischylos wurde vor etwa

2500 Jahren uraufgeführt. Sie handelt

von Rache, Rache, noch mehr

Rache und Recht – und wie ein Teufelskreis

aus enthemmter Gewalt gebrochen

werden kann. Das Haus der

Namen ist die Familie Atreus, dazumal

schon legendär. Es ist bewohnt von Intrigen, Vergeltung,

Begehren und Liebe, und zwar so, wie nur die Griechen es

können. Alle sind dabei: der Gatte, die geopferte Tochter, die

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GIOVANNIS ZIMMER

James Baldwin

Taschenbuch,

208 Seiten, 12,00 €

Die Geschichte von Expat

David, der in Paris der

50er Jahre eine aufwühlende

Affäre mit Giovanni

beginnt und sie vor seiner

Verlobten (und sich) zu

verheimlichen sucht, ist

wohlbekannt. Auch der

Umstand, dass es sich hier

um einen der besten und

bedeutendsten Schwulenromane

überhaupt

handelt. Die hervorragende

Neuübersetzung (die

erste und bislang einzige

erschien 1963…) von Miriam

Mandelkow tut ihr

Übriges für ein gelungenes

Baldwin Revival, das

wir sehr begrüßen. Nun

erscheint der Roman nach

knapp 60 Jahren erstmals

wieder als Taschenbuch.

Bitte lest dieses großartige

Werk eines großartigen

Schriftstellers!

rachsüchtige Ehefrau, der Liebhaber, der hitzköpfige Sohn. Tóibín schreibt die Geschichte

in deskriptiver Prosa um, macht die Protagonisten nachvollziehbar und lebendig und verpasst

ihnen ein zeitgemäßes Update. Wahrlich ein großer Stoff zu entdecken!

DIE UNSCHÄRFE DER WELT

Iris Wolff. Taschenbuch, 224 Seiten, 11,00 €

Siebenbürgen, sieben Schicksale. Zufall? Wolff erzählt die Jahrhundertgeschichte

einer Familie aus dem Banat, historisch zwischen Rumänien,

Serbien und Ungarn. Die Biographien der sieben Protagonisten

verbinden sich eindrücklich zu einem großeuropäischen Portrait;

die Weltereignisse wie Krieg, Flucht, Heimatverlust, Trennung werden

zum Glück nicht auf großer Bühne verhandelt, sondern spiegeln sich

in einer Geschichte über Generationen, persönlich und intim. Das ist

eine sinnlich erzählte Familiensaga.



Jugend

BLACKOUT

div. Autoren

Gebunden, 304 Seiten, 18,00 €

Der Titel dieser

Geschichtensammlung

hat mehrere

Bedeutungen:

Es sind sechs

schwarzen Menschen

gewidmete

Erzählungen von

schwarzen Schriftstellerinnen

über

schwarze Teenager

in New York,

die alle während

einer Hitzewelle inklusive Stromausfall – einem

Blackout – schweißtreibende Gefühle

entwickeln; sei es in der Bibliothek, in der

U-Bahn, die steckengeblieben ist, oder während

einer Diskussion, die wegen der Hitze

einen ganz anderen Verlauf nimmt. Das ist

Liebe in heißen Zeiten.

NUR FAST AM BODEN ZERSTÖRT

Sophie Gonzalez. Kartoniert, 336 Seiten, 15,00 €

Sommer ist doch die perfekte Zeit für heiße Flirts! Ollie begegnet

dem attraktiven Will und er glaubt, die Liebe gefunden zu haben –

da enden die Ferien und aufgrund familiärer Umstände muss er ans

andere Ende des Landes verziehen. Was für ein Glück allerdings,

dass die beiden Jungs nun auf dieselbe Schule gehen. Warum aber

benimmt Will sich so anders, fast abweisend, als ­Ollie ihn kennengelernt

hat? Will stellt sich als typischer ungeouteter Jock heraus,

der seine Homosexualität unter einer Überdosis ­Tes­tosteron in der

Basketballmannschaft zu ersticken sucht. Damit hat Ollie nichts zu

schaffen. Doch dann ist es Will, der sich ihm annähert. Die beiden

können gegensätzlicher nicht sein und ihre Verbindungen macht das Paar perfekt. Werden

sie aber zueinanderfinden? Und welche Herausforderung müssen die beiden Jungs bestehen?

Lest es nach, und keine Sorge: Der Titel bewahrt uns vor dem Schlimmsten.

HEARTBREAK BOYS

Simon James Green. Taschenbuch, 416 Seiten, 14,00 €

Was man als Teenager so alles erlebt, passt ja manchmal auf keine

Kuhhaut. Aber in dieses Buch: Die Jungs mit dem gebrochenen

Herzen sind Jack und Nate, die sich so darauf gefreut haben, auf

ihrem Abschlussball mit ihren Boyfriends zu tanzen. Doch Schreck!

Ihre Boys haben eine Affäre! Da müssen Jack und Nate alleine

tanzen und sich zu allem Überfluss die bebilderten Zeugnisse der

unverschämten Liebe ihrer Exfreunde auf Instagram anschauen.

(Wann tilgen wir dieses fürchterliche Programm endlich von unseren

Telefonen?) Die Teenager halten es für eine gute Idee, zum

Gegenangriff auszuholen: Insta-Revenge! Sie erleben allerhand,

das sie posten, um die Exfreunde neidisch zu machen. Klingt absurd? Ist aber doch nicht

ungewöhnlich heutzutage! Tatsächlich erweist sich die Strategie für die beiden als heilsam

und sie können sich wieder erwärmen für die Liebe. Instagram sei Dank!

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FELIX EVER AFTER

Kacen Callender

Gebunden, 368 Seiten, 18,00 €

Felix ist siebzehn

und sein Nachname

ist Love.

Doch statt sich

zu verlieben,

wird er per Instagram

angefeindet

wegen

seiner Transition

zu dem jungen

Mann, der er

heute ist. Das ist

transphob! Und

dann passiert es:

Als der schwarze queere Transmann sich auf

die Suche nach den Personen begibt, die ihn

virtuell mobben, bekommt er nicht bloß Unterstützung

von seinen besten Freunden, er

trifft unverhofft auch endlich auf die Liebe.

Ganz zauberhaft.

Jugend

WAS SO IN MIR STECKT

Barry Jonsberg. Taschenbuch, 352 S., 10,00 €

Rob ist dreizehn und in seine Mitschülerin

verliebt. Von der Liebe

versteht er noch nicht viel und die

Ahnungslosigkeit macht ihn so

unsicher, dass er erst einmal an

seinem Selbstwertgefühl arbeitet,

um die unerreichbare Mitschülerin

zu erobern. Mit Ratschlägen von

seinem Großvater und seinem besten

Freund probiert er es als Torwart

und Hundeversteher. Klappt

nicht so recht. Dann erhält er anonyme

Hinweise per SMS – doch

anstatt die Polizei einzuschalten,

befolgt er die Tipps, die ihn dazu

bringen, er selbst zu sein. Und was das im Kern bedeutet, erfahren

wir an einer entscheidenden Wendung im Plot: Wer ist Rob

und was hat er bei der Suche nach sich selbst herausgefunden?

MUT. MACHEN. LIEBE.

Hansjörg Nessensohn. Gebunden, 352 Seiten, 18,00 €

Zwei Geschichten, die in verschiedenen

Zeiten spielen, werden parallel erzählt:

In der Gegenwart befindet sich der

19-jährige Paul gerade auf einer Pilgerreise

durch Italien, um sich über sein Leben

Klarheit zu verschaffen. Dort stößt er auf

die 80-jährige Liz und Sinnsuche trifft auf

gütige Altersweisheit. (Ist Weisheit nicht

immer gütig?) Die andere Geschichte erzählt

eben jene betagte Dame, die uns

ins Jahr 1957 nach Köln entführt und

von Helmut handelt. Damals stand Homosexualität

noch unter Strafe und seine Liebe zum jungen Italiener

Enzo bedeutet für Helmuts deutschkonservatives Umfeld

eine Schmach! Der ständige Wechsel der Perspektiven macht die

Konsequenzen des Paragraphen 175 deutlich, ohne zu belehren.

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IN ALL SEINEN

FARBEN

Lester George

Kartoniert,

384 Seiten, 12,90 €

Manchmal läuft es nicht

rund im Leben. Zum Beispiel

für Robin, der so

gerne Schauspieler geworden

wäre, aber nur

Absagen bekommen hat,

während seine Freunde

zum College gehen und

etwas „Vernünftiges“ machen.

Sein Boyfriend Connor

will sich zudem nicht

zu ihm bekennen und das

schmerzt! Welch turbulente

Wendung Robins

Leben allerdings nimmt,

als seine Freunde ihn zu

seinem 18. Geburtstag in

eine Drag-Show schleifen,

das erfahrt Ihr zwischen

den Taschenbuchdeckeln.

Eine geschickte Verknüpfung von Geschichtsstunde und Liebesgeschichte, die Mut macht,

den Wandel der Zeit als Einladung zur eigenen Entfaltung zu begreifen.

DARIUS DER GROSSE FÜHLT SICH KLEIN &

DARIUS DER GROSSE VERDIENT MEHR

Adib Khorram. Kartoniert, 336 Seiten, 12,99 € & Kartoniert, 384 Seiten, 12,99 €

Das fängt ja herrlich an: Darius ist ein depressiver

leicht verschrobener amerikanischer Teenager, der

sich nirgends zugehörig fühlt. Beim ersten Besuch

im Iran, dem Land aus dem seine Eltern kommen,

trifft er einen Nachbarsjungen und muss sich nicht

nur mit seiner Geschichte als Einwandererkind,

sondern auch seinen homoerotischen Gefühlen

auseinandersetzen. Im zweiten Teil hat Darius einen

Praktikumsplatz, ein Hobby (Fußball) und einen

Boyfriend. Eigentlich könnte er ganz zufrieden

sein, aber irgendwo zwickt es in der Seele. Was ist

das Gück, was ist das Streben danach? sind Fragen, die Darius einfühlsam reifen lassen.



Krimi

DRAG COP

Candas Jane Dorsey. Kartoniert, 361 Seiten, 11,00 €

Als die geliebte Enkelin einer guten Freundin ermordet

aufgefunden wird, werden unsere ambisexuelle

Sozialarbeiterin und ihre Katze Bunnywit zur Lösung

des Falles hinzugezogen. Für die kanadische Polizei

ist Maddy bloß eine weitere tote Sexarbeiterin – also

liegt es an unserer Heldin und ihrer LGBTQ-Crew herauszufinden,

was mit ihr passiert ist.

Dabei geraten sie, schneller als ihnen lieb ist, in eine

raue Welt voller Sex, Lügen und Verrat, auf die sie mit

Ironie, Witz und Intelligenz reagieren. Und was auf

den ersten Blick wie ein mieser kleiner Straßenmord aussah, entpuppt sich bald

als ein »Kollateralschaden« extremer krimineller Machenschaften …

„Intelligent und messerscharf, mit unvergesslichen Charakteren und einer Handlung,

die einen bis zur letzten Seite nicht mehr loslässt. Sie werden es lieben!”

(E.C. Bell)

BULLE IN ACTION AUF IBIZZA

Marc Förster. Kartoniert, 220 Seiten, 17,90 €

Ramon will nur noch eins: Seinem Kumpel Mark zum Relaxen

nach Ibiza folgen. Doch kaum auf der Insel, fällt dem

Bullen die Leiche eines jungen Typen fast vor die Füße.

Schnell stellt sich raus, dass der Tote die Überdosis einer

neuen Partydroge intus hatte. Mord oder Unfall?

Ehe Ramon sich versieht, wird er von Tecco, einem befreundeten

Bullen auf Ibiza, gebeten, bei der Suche nach dem

Mörder zu helfen.

Der neue Marc Förster Krimi führt einen jungen Bullen auf

die Partyinsel Ibiza, wo Fun und Abenteuer sich nicht ausschießen…

Ein Krimi der erotischen Art.

IHR WISST, WARUM IHR STERBEN MÜSST!

Udo Rauchfleisch. Kartoniert, 260 Seiten, 18,90 €

Der inzwischen schon 8. Fall des Kommissars Jürgen Schneider,

der mit seinem Partner und ihrem 11-jährigen Sohn in Basel

lebt. In einer Anlage wird die Leiche einer älteren Frau gefunden,

in ihrem Mund eine faule Orange. Neben ihr ihr kleiner

Hund mit durchschnittener Kehle. Wenige Tage später wird in

der gleichen Anlage die Leiche eines jungen Mannes entdeckt,

in dessen Mund Zigarettenkippen gestopft worden sind, so

dass er daran erstickt ist. Für beide Morde gibt es einige Verdächtige.

Unklar bleibt aber, ob die beiden Verbrechen vom

gleichen Täter verübt worden sind. Zwischen den Opfern lässt

sich keine Verbindung herstellen. Es ist auch kein gemeinsames Motiv erkennbar. Die Situation

spitzt sich dramatisch zu, als kurz darauf in der gleichen Anlage die Leiche eines

schwulen Aktivisten gefunden wird. Neben ihm eine zerrissene Regenbogenfahne. Durch

eine Beobachtung, die eine ältere Frau an einem Abend gemacht hat, engt sich der Kreis

der Verdächtigen ein, bis endlich der Täter überführt werden kann.

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Krimi

TOTE FOLTERN NICHT

Roland Gramling. Kartoniert, 400 Seiten, 18,00 €

Sören Petersen hatte schon bessere Tage: Nach einer gescheiterten

Beziehung und einem unrühmlichen Karriereende

bei der Berliner Mordkommission schlägt er sich

als Privatdetektiv durch. Zunächst glaubt er bei seinem

neuen Fall an einen Routineauftrag: Für die dubiose Anwältin

Constanze Stark, die für ihre prominenten Kunden

heikle Probleme diskret aus dem Weg räumt, soll er den

verschwundenen Sohn einer bekannten Politikerin finden.

»Bambi«, so der Spitzname des Vermissten, galt als attraktiv,

sympathisch und treuherzig. Doch dann stößt Petersen bei seinen Ermittlungen

auf ein Netz aus Intrigen und undurchsichtigen Verstrickungen, die von der

schwulen Szene um den Nollendorfplatz bis ins Berliner Regierungsviertel reichen.

Als eine übel zugerichtete Leiche im Tiergarten gefunden wird, kommt es

zu einer dramatischen Wendung - und Sören gerät selbst ins Visier seiner Ex-Kollegen

vom Landeskriminalamt. Doch seine Auftraggeberin hält schützend ihre

einflussreichen Hände über ihn. Und so stellt sich Petersen bald die Frage, welche

Rolle Constanze Stark in diesem Fall zukommt. Ist er nur eine ihrer Marionetten

in diesem tödlichen Spiel?

Der erste Krimi des erfolgreichen Romanautors. Er darf gerne weitere folgend

lassen, finden wir.

VERDORRTES LAND

Jake Hinkson. Klappenbroschur, 280 Seiten, 15,00 €

Richard Weatherford, ein erfolgreicher Kleinstadtprediger in den

Ozark Mountains von Arkansas, ist stolzer Ehemann und Vater

von fünf Kindern. Er hat hart daran gearbeitet, seine treue Herde

mit strengen Predigten und kluger Gemeindearbeit zu vergrößern.

Aber während Weatherford ein Mann mit Einfluss und

Macht ist, ist er auch ein Mann mit dunklen Geheimnissen.

Im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen 2016 wird Weatherfords

Welt bedroht, als er von einem ehemaligen Liebhaber erpresst

wird. Weatherford muss in die dunkelsten Ecken der kleinen Stadt

hinabsteigen, um zu verhindern, dass seine Welt auseinanderfällt.

„Verdorrtes Land“ erforscht ein geteiltes Land mit einer rissigen Fassade durch die wechselnden

Perspektiven von Weatherford, seiner Frau, seinem Geliebten und anderen Stadtbewohnern.

Der Roman beschreibt, wie weit einige bereit sind zu gehen, um alles zu behalten,

was sie besitzen – und um den Schein zu wahren.

ZIBULLA – AUF DICKE HOSE

T.D. Reda. Kartoniert, 288 Seiten, 13,00 €

Er ist groß. Er ist stark. Er ist cool. Privatdetektiv Tibor Zibulla misst

fast zwei Meter, ist Ex-Profi Wrestler und ehemaliger Türsteher, trägt

Maßanzüge und liebt nur eines mehr als die Musik von James Brown:

seine Freundin Anna. Die Erpressung eines Fußballstars führt ihn bis

in die tiefsten Abgründe der Ruhrstädter Schwulenszene. Zwischen

amüsanten Partys und finsteren Sadomaso-Mastern kommt Zibulla

Wettbetrügern, Drogenhändlern und schließlich auch Mördern auf

die Spur. Dabei hat er zu Hause eigentlich schon genug Probleme.

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GLÜCKWUNSCH!

30 JAHRE

BIBLIOTHEK ROSA WINKEL

Klassiker von Oscar Wilde bis Hubert Fichte neu entdecken, vergessene Stimmen

der schwulen Literatur wieder zu Gehör bringen. Mit diesem An satz sorgt

die Buchreihe Bibliothek rosa Winkel immer wieder für kleine und größere Sensationen

auf dem queeren Buchmarkt. Seit 30 Jahren schon. Eine Würdigung

zum runden Jubiläum

Es begann 1991 mit einer erweiterten Neuauflage von

Magnus Hirschfelds „Berlins Drittes Geschlecht“, einem

erstmals 1904 erschienenen Band, der über die mehr oder

weniger heimlichen schwulen Umtrie be in den Kaschemmen,

Badehäusern, Parks und Salons des damaligen Berlins

berichtete und Hirschfelds Theo rie von femininen

Schwulen als „drittes Geschlecht“ erläu terte. Dieses Buch

war Band 1 der inzwischen zur Institution gewordenen

Buchreihe Bibliothek rosa Winkel. Initiator des Projekts

war Historiker Wolfram Setz, der das Interesse an

der schwulen Literatur vergangener Zeiten wachhalten wollte – ein Ansatz, den

er in einem Interview mit folgendem Zitat aus der 1975 erschienenen Zeitschrift

„Schwuchtel“ erklärte: „Was wissen wir schon über unsere Geschichte? Wer kennt

die vergessenen Gedichte, Romane und wissenschaftlichen Publikationen unserer

‚Väter‘? Unser Bewußtsein ist abgeschnitten. Unsere Tradition verschüttet von patriarchalischer

Geschichtsschreibung.“

Letzterem arbeitet die Bibliothek rosa Winkel seit nunmehr 30 Jahren aktiv mit

unterschiedlichsten Publikationen entgegen und hat dabei immer wieder für

Überraschungen und kleine Sensationen gesorgt. Das Programm reicht von einem

„Gespräch über die Liebe“ des spätantiken Autors Lukian („Erotes“) über

Renaissance-Lobgesänge auf den „allerschönsten Knaben“ Roms Alessandro

Cinuzzi („Formossimus Puer“) bis hin zu homoerotischen Märchen von

Luigi Settembrini aus dem 19. Jahrhundert und Bänden über Oscar

Wilde, Frederico García Lorca und Hubert Fichte. Eine zentrale

Rolle für das Programm spielt Hirschfeld-Vorvater

Karl Heinrich Ulrichs, , dessen weithin vergessene Vorarbeit

für die erste deutsche Homosexuellenbewegung Anfang des

20. Jahrhunderts Setz durch die Bibliothek rosa Winkel wieder

einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machte. Weiterhin ist

Nachkriegs-Satiriker - mit mehreren Bänden in der Bibliothek rosa

Winkel vertreten. Kurzum: Auch kundige Homo-Historiker können hier noch

Neues entdecken, während Novizen ein breites Spektrum von Textformen, Epochen

und Publizisten vorfinden, um ihre Neugier zu befriedigen.

Zum 30-jährigen Jubiläum sind vier neue Bände erschienen, die das Selbstverständnis

der mittlerweile über 80 Bände umfassenden Buchreihe im Kleinen

spiegeln: „Edel-Uranier erzählen“ ist eine Sammlung homo erotischer Erzählungen

vom Anfang des 20. Jahrhunderts, „Zaunwerk – Szenen aus dem Gesträuch“

ein bislang unveröffentlichter Reportage-Roman von Felix Rexhausen,

„Transatlantische Emanzipationen“ eine Freundschaftsgabe für den schwulen

(und in der Bibliothek mit den Bänden „Anders als die Anderen“ und „Die

Freunde des Kaisers“ vertretenen) Historikers James Steakley, während „Magnus

Hirschfeld – Ein Schriftenverzeichnis“ einen symbolischen Bogen zu den

Anfängen mit „Berlins drittes Geschlecht“ schlägt. Das Jubiläums-Bücherquartett

erschließt schwule Geschichte also wie gewohnt aus ganz unterschiedlichen

Perspektiven. Letztendlich ist das 30-jährige Jubiläum der Bibliothek rosa Winkel

sowieso weniger ein Anlass Bilanz zu ziehen als eine Erinnerung daran, dass

das Heben vergessener Werke unserer „Väter“ ungebrochene Relevanz hat. Denn

die Geschichte geht weiter. Oder wie Wolfram Setz es selbst formuliert: „Auch

die in den 1970er Jahren neu erstandene Schwulenbewegung ist inzwischen ‚historisch‘

geworden.“ Man darf gespannt sein, welche Werke unserer „Väter“ bis

zum nächsten runden Jubiläum davor bewahrt werden, von den Trümmern der

patriarchalischen Geschichtsschreibung verschüttet zu werden.

Edel-Uranier erzählen

304 Seiten, 20,00 €

Rexhausen: Zaunwerk

222 Seiten, 18,00 €

Transatlantische Emanzipationen

430 Seiten, 28,00 €

Hirschfeld: Schriftenverzeichnis

270 Seiten, 20,00 €

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Comic

ZEIG MIR DAS MEER

Alex Sanchez & Julie Maroh. Taschenbuch, 212 Seiten, 16,99 €

Eine Graphic Novel, ein gezeichneter Roman sozusagen über Jake

Hyde, einem Charakter aus dem DC-Comic-Universum. 2010 ist er

erstmals in einem Comic aufgetaucht, damals noch hetero. 2016

wurde er aus der Versenkung geholt, diesmal als ungeouteter Junge,

der noch bei Mutti lebt und später Mitglied der Teen Titans wird. Was

hat er denn nun für Superheldenkräfte? Warum hat er Sehnsucht

nach dem Meer, wo er in New Mexico aufgewachsen ist? Ist die Faszination

für das Wasser ein Indiz für die Verwandtschaft zu Aquaman?

Spannend auch das Setting: Das ist eine Coming-Out-Geschichte im Comic-Universum von

Aquaman und Superman. Jake ist verknallt in Mitschüler Kenny aus dem Schwimmteam

und muss sich den Konsequenzen seiner Gefühle stellen. Eine schöne Parabel ist doch das

Superhelden-Dasein für das Anderssein Homosexualität und in dieser rührenden Geschichte

bekommen wir beides geboten.

PARALLEL

Matthias Lehmann. Gebunden. 464 Seiten, 29,00 €

Bürgerlichkeit und Konventionen können so beklemmend sein! Karl

Kling, der Protagonist dieser mit meisterhaft nuancierter Tusche gezeichneten

Novelle von Matthias Lehmann leidet still und heimlich.

Kling legt in einem Brief an seine Tochter sein Streben nach Normalität

und Zugehörigkeit dar in der Zeit von den letzten Kriegsjahren bis

in die 1980er Jahre. Der Charakter ist uneins mit sich und scheitert

an der Mehrheitsanpassung vermittels z.B. Ehen und unaufrichtigen

Freundschaften. Versäumnisse schmerzen, doch Klings großer Versuch, an seinem Lebensabend

zu sich selbst zu kommen, bildet diese hervorragend bebilderte Biografie der Widersprüche,

wie sie die Gesellschaft bisweilen erzeugt. Ganz besondere Empfehlung!

DAS BILDNIS DES DORIAN GRAY

Amalie Kovarova & Peter Stredl nach Oscar Wilde.

Gebunden. 160 Seiten, 22,00 €

Wir scheinen die Lust an der Verkleidung, der kunstvollen Täuschung,

den Illusionen, an die niemand zu glauben braucht, um zu

wirken, verloren zu haben. Schminke, Kleidung, kleine Tricks genügen

nicht mehr, um Jugend vorzutäuschen, wir wollen sie für immer

erhalten oder wahrhaftig zurück; wir modifizieren unsere Körper

mit allerhand Eingriffen, wir schneiden in unser eigenes Gewebe;

das scheint der Weg zur Wahrhaftigkeit. Dass wir damit auf dem

Holzweg ins Verderben sind, wissen wir eigentlich seit Wildes berühmter Geschichte um

den immerjungen Dorian Gray. Autorin und Zeichner Kovarova und Stredl haben eine überaus

treffende Verbildlichung des berühmten Romans geschaffen; nicht nostalgisch, nicht

hypermodern, sondern angemessen und angenehm überraschend aktuell. Sehr gelungen!

LUCKY LUKE – ZARTER SCHMELZ

Ralf König. Gebunden, 64 Seiten, 16,00 €

Seit Juli dieses Jahres findet sich des Meisters Hommage an den

Comic­klassiker „Lucky Luke“ in den Auslagen – mit dem poetischen

Titel: „Zarter Schmelz“. Der Autor belässt es natürlich nicht

beim bloßen Nachzeichnen der Abenteuer des Cowboys, sondern

flicht allerhand popkulturelle Referenzen wie Filmklassiker,

­Werbeästhetik und zeitgeistliche Debatten in die Geschichte mit

ein. Wagen wir zu viel, wenn wir Königs hochamüsan­tes Werk

ei­nen weiteren Geniestreich nennen? Wir finden: auf keinen Fall!

w w w . b u c h l a d e n - e r l k o e n i g . d e / s h o p

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History / Fantasy

MR. PARNASSUS‘ HEIM FÜR MAGISCH BEGABTE

TJ Klune. Taschenbuch, 480 Seiten, 14,99 €

Linus Baker wird von seinen Vorgesetzten geschätzt für seine

pedantische Pflichterfüllung im „Amt zur Betreuung magischer

Kinder“. Deshalb scheint er die richtige Person zu sein, um das

abgelegene Waisenhaus, in dem Mr. Parnassus sechs besonders

magische Kinder betreut, zu inspizieren. Wie der pingelige und

zutiefst unglückliche Bürokrat Linus Baker unter Einwirkung der

wirklich sehr speziellen Zöglinge und des noch spezielleren (und

definitiv verzauberten) Mr. Parnassus in kurzer Zeit zu einem ganz

anderen Menschen wird, erzählt dieses herzerwärmende „Plädoyer

fürs Anders-Sein“. Ein bisschen Kitsch fehlt nicht, wird aber

durch einen sympathisch schrägen Humor gut entzuckert. Perfekte

Wohlfühllektüre in eher düsteren Winter- und Coronazeiten!

DIEBE DES LICHTS

Philipp Blom. Hardcover, 480 Seiten, 24,00 €

„Von Haus aus“ ist Philipp Blom nicht Romanautor, sondern Historiker.

Er weiß also, worüber er schreibt. Ist von Vorteil, kann aber zu

trockenem „Geschichtsunterricht“ werden. Nicht bei Philipp Blom:

Sein Roman über Sander und Hugo, die in Flandern aufwachsen

und die es unter dramatischen Umständen nach Italien verschlägt,

spielt am Ende des 16. Jahrhunderts, und einige bekannte Protagonisten

der Renaissance (Giordano Bruno, Caravaggio) spielen

mit. Aber der Autor erzählt in erster Linie die Geschichte von zwei

Brüdern, die voneinander nicht loskommen, obwohl sie kaum unterschiedlicher

sein könnten: Sander ist der rationale, vernünftige und

anpassungsfähige Diplomat, Hugo der traumatisierte, rebellische und schwule Revolutionär.

PETRONICA

DIE GANZE WELT TREIBT SCHAUSPIEL

Tom F. Lange. Hardcover, 700 Seiten, 28,00 €

Fakten über den antiken Dichter Petronius (ca. 14-66 n. Chr.) sind

mehr oder weniger im Nebel der Geschichte verschwunden. Geblieben

sind, als Treibgut aus der Antike, die „Satyrica“, Fragmente

­eines Schelmenromans. Die Trümmer genügten, um Menschen

über Jahrhunderte hinweg zu inspirieren: Voltaire, Nietzsche,

­Oscar Wilde, Fellini…

Und jetzt Tom F. Lange. Der versucht sich an einer Art „fiktiver Biographie.

Die „Petronica“ greifen den Geist der „Satyrica“ auf und führen ihn weiter. Wie

lebte es sich, wie starb es sich – als Sklave, als Bürger oder als Aristokrat? Es ist eine Zeit

der Wahnhaften und Blender, der Protzer, der Spinner, der Wüstlinge und Pädophilen –

dazwischen der Ritter Petronius, der sich lange weigert, mit den Narren verrückt zu sein.

DER UHRMACHER IN DER FILIGREE STREET

Natasha Pulley. Hardcover, 448 Seiten, 24,00 €

London, Oktober 1883. Eines Abends kehrt Thaniel Steepleton, ein

einfacher Angestellter im Innenministerium, in seine winzige Londoner

Mietwohnung heim. Da findet er auf seinem Kopfkissen eine goldene

Taschenuhr. Es ist ihm ein Rätsel, was es mit ihr auf sich hat.

Sechs Monate später explodiert im Gebäude von Scotland Yard eine

Bombe. Steepleton wurde gerade rechtzeitig gewarnt, weil seine

Uhr ein Alarmsignal gab. Nun macht er sich auf die Suche nach dem

Uhrmacher und findet Keita Mori, einen freundlichen, aber einsamen

Mann aus Japan, der zu wissen scheint, was irgendwann später passieren

wird. Eine wirklich verzaubernde viktorianisch-queere Liebesgeschichte.

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Erotik & Gay Romance

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IL GUSTO DI LAURO

I: LUCAS REZEPTE

II: HERZBERÜHRER

Jobst Mahrenholz

Softcover, je 380 Seiten, je 17,00 €

In zwei Bänden führt uns der Autor nach

Italien: Der junge Luca Lauro träumt davon

ein großartiger Koch zu werden. Bei der

Erfüllung dieses Traums stellen sich diverse

Hindernisse in den Weg: Mitreißende Halbjapaner,

eine Handvoll Geschwister, ungnädige Elternurteile, eine Fernsehshow zur besten

Sendezeit, der schmerzhafte Verlust eines Körperteils sowie ein Kloster im Apennin, verwirrende

Verführungen & horrible Hochzeitsszenarien. Bei so viel Ablenkung scheint es gar

nicht sicher, ob Luca am Ende von Band 2 seinen Traum verwirklichen wird.

MAYBE NOT TONIGHT

Alicia Zett. Softcover, 464 Seiten, 12,99 €

Mutig, ehrlich und wunderbar romantisch erzählt der New Adult

Liebesroman von zwei jungen Männern, einem traumhaften

Sommer in Kanada und dem Mut, den es braucht, sein Leben so

zu genießen, wie es ist.

Für den 19-Jährigen Luke fühlt sich die Zeit als Au pair in Vancouver

an wie ein Traum: Dort lernt er auch den Studenten Jackson

kennen, der ihm zeigen könnte, was es bedeutet, wirklich lebendig

zu sein. Doch in wenigen Monaten wird Luke in einem Flugzeug

zurück nach Deutschland sitzen. Es wäre äußerst unklug,

sich auf Jackson einzulassen – oder?

COMING-OUT BERLIN

Alessandro Severino. Softcover, 368 Seiten, 17,00 €

Ungeouteter und schüchterner Twen trifft auf passionierten

Partylöwen! Klingt harmlos, aber dann läuft alles anders

als gedacht…

Du hast alles, was Du Dir wünschen kannst, reiche Eltern,

super Job, lebst in der Schweiz, aber das mit dem Glücklichsein

klappt nicht? Dir fehlt der Partner, und Du traust Dich

nicht, mit Deinen Eltern über Dein Schwulsein zu reden?

Dann geht es Dir wie Fabian. Pascal gibt den Anstoß, daran

etwas zu ändern und nach Berlin zu ziehen. Das Leben als

junger, sensibler Szeneneuling in der Großstadt ist aber gar

nicht so einfach…

COMING-IN – VERSUCH’S DOCH

Chris Taugh. Softcover, 211 Seiten, 16,90 €

Nach einer Prügelei im Sandkasten werden Ben und Alek Freunde

fürs Leben. Überall als das dynamische Duo bekannt, machen sie

alles gemeinsam, was möglich ist. Als pubertäre Teenager haben

sie sogar ein gemeinsames erstes Date mit den tollsten Girls der

Schule und werden danach zu Ikonen ihres Jahrgangs.

Auch an der Uni hält die Freundschaft, auch wenn beide Beziehungen

zu Frauen haben. Die große Krise ergibt sich erst, als Ben endlich

sein Coming out schafft. Gibt’s da noch eine Chance für die

Freundschaft? Nach einigem Hin und Her überrascht der überzeugte

Hetero und Gigolo Alek seinen besten Freund mit einer unerwarteten Idee: Coming In?

Erotik & Gay Romance

UND DU FLIEGST DURCH DIE NÄCHTE

Sophie Bichon. Softcover, 432 Seiten, 12,99 €

Sophie Bichon erzählt die Geschichte von Romeo und Julius(!) als eine

emotionale Achterbahnfahrt von zwei jungen Männern, die eigentlich

so gar nicht zueinander passen: Romeo ist als DJ nur Nachts er selbst,

und die Nächte in der Berliner Technoszene sind zwar exzessiv, aber

nicht gerade gut für eine „gesunde“ Lebensführung. Julius dagegen

ist ganz und gar nicht so „wild drauf“ und träumt nur vom eigenen

kleinen Café. Kann da was draus werden?

LIEBE AUF SCHARFEN KUFEN

Ashan Delon. Softcover, 484 Seiten, 22,00 €

Lennart Schmitz, seines Zeichens die große Hoffnung für den deutschen

Eiskunstlauf, will es diese Saison wissen: Er strebt nach Gold.

Für diesen Traum trainiert er verbissen. Dann kommt ihm die Jubiläumsshow

seines Vereins in die Quere. Zudem bringt der neu ernannte

Kapitän des Eishockeyteams, dem Wolfspack, seine Gefühlswelt ins

Schleudern. „Liebesszenen, Sport, Homophobie und Familiendrama“:

Was will die „Gay Romance-Familie“ mehr!

OFF-BEAT

DER TAKT DES HERZENS

K.K. Summer. Softcover, 216 Seiten, 14,00 €

Finnians Leben scheint perfekt. Als Sohn eines Unternehmers hat er

alles, was man mit Geld kaufen kann. Seine Leidenschaft für Streetdance

jedoch kann er nur im Verborgenen ausleben.

Robin hingegen lebt auf der Straße, trotzdem ist er glücklich. Mit seiner

Tanzgruppe will er die Welt verbessern, wenn auch nicht immer

legal.

Als die beiden Welten zufällig aufeinandertreffen, herrscht nicht nur in ihren Leben, sondern

auch ihren Herzen Chaos. Die Frage bleibt, ob sie es schaffen, dem Takt ihrer Herzen

trotz aller Hindernisse zu folgen.

ERZIEHUNG BEI MONSIEUR LAURENT

Maik Keller. Softcover, 192 Seiten, 12,99 €

Die Einhandliteratur aus der Abteilung „Bruno Books“ (ehemals

Bruno Gmünder) weist neuerdings eine starke frankophile Tendenz

auf. Wundert uns das? Im Fach „Liebe machen“ gelten die

Franzosen immer noch als unschlagbar. Die Fortsetzung von „Herrenabend

bei Monsieur Laurent“ bedient alle Klischees: Monsieur

Laurent ist charmant, gebildet, ganz und gar unmoralisch, aber

auch ziemlich streng. Und Strenge ist es auch, was verdorbene

Jungs wie Antoine in erster Linie brauchen: Sie sollen ja nach Strich

und Faden lernen, wie sie Monsieur Laurents anspruchsvolle Freunde

gekonnt verwöhnen…

DER DIEB

Jan R. Holland. Softcover, 192 Seiten, 12,99 €

Straßenjunge Jacques braucht Geld: Ein Einbruch in die Villa des steinreichen

Monsieur Foucasse scheint eine gute Idee. Dumm nur, dass „Monsieur“

und seine illustre Schar schwuler Freunde auf Früchtchen wie Jacques

geradezu gewartet haben. Der Einbruch geht ein bisschen schief,

und Jacques wird in der Villa etwas unfreiwillig zum „Auszubildenden“,

in erotischer Hinsicht …

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Biografien

Biografien

FLÜCHTIGE UMARMUNG

VON DER SEHNSUCHT UND DER SUCHE NACH

IDENTITÄT

Daniel Mendelsohn

Gebunden mit Schutzumschlag, 256 Seiten, 26,00 €

Eine elegante Verknüpfung autobiografischer Erinnerungen

mit philologischen und literarischen Reflexionen: Mendelsohns

bereits 1999 auf Englisch erschienenes Debüt erscheint

diesen November erstmals in der deutschen Übersetzung.

Aufgeteilt in fünf Kapitel stellt der Autor sich selbst

vor, sein Denken und seine Sehnsucht, die Ergründung seiner

jüdischen Wurzeln und seinen Werdegang in der New Yorker Schwulenszene.

Ein essayistisches an-die-Hand-nehmen auf der Suche nach Herkunft und Ziel.

„Eines der wichtigsten Bücher über Lust und Identität, über Freiheit und Freundschaft.

Dieses Buch ist ein Geschenk” Carolin Emcke

JULIUS ODER DIE SCHÖNHEIT DES SPIELS

Tom Saller. Gebunden mit Schutzumschlag, 368 Seiten, 22,00 €

Der Roman zur außergewöhnlichen Biografie des deutschen

Tennisspielers Gottfried von Cramm. Jedoch wird er in dieser Geschichte

Julius von Berg genannt. Er wächst Anfang des 20. Jahrhunderts

als rheinländischer Adelssprössling auf und entwickelt

sich zu einem international gefeierten Profitennisspieler. Nach der

Machtergreifung Hitlers bringen ihn seine moralischen Grundsätze

zu einer folgenschweren Entscheidung. Zusätzlich ist es auch

die Geschichte eines ehemaligen Rivalen und Freundes, der ihn

überlebt hat, und jetzt auf den Weg zurückblickt, den Julius für

kommende Generationen geebnet hat.

MAMA, ICH BIN SCHWUL

Riccardo und Anna Simonetti

Klappenbroschur, 303 Seiten, 12,00 €

Mutter und Sohn schreiben ein Buch darüber, wie es ist, sich in

einer Kleinstadt als schwul zu outen, wenn das eigene Kind doch

ganz anders wird, als man sich das zunächst vorgestellt hat und

was das für die Eltern-Kind-Beziehung bedeutet. Das Ergebnis:

eine sehr intime autobiografische Hilfestellung für Kinder und Eltern

zum gegenseitigen Verstehenlernen, über Selbstakzeptanz

und den Umgang mit den kleineren und größeren Verletzungen,

die im Alltag auf Menschen warten, die anders sind.

DER SCHÖNE DEUTSCHE

DAS LEBEN DES GOTTFRIED VON CRAMM

Jens Nordalm

Gebunden mit Schutzumschlag, 288 Seiten, 24,00 €

Ein Buch über einen außergewöhnlichen Deutschen im

20. Jahrhundert: Gottfried von Cramm, bisexueller, regimekritischer

Judenfreund und zu seiner Zeit der zweitbeste

Tennisspieler der Welt. Der Hitler-Gegner musste

1938 wegen seiner Liebe zu einem Mann ins Gefängnis.

Nach seiner Freilassung heiratete er die reichste Frau

der Welt, die Woolworth-Erbin Barbara Hutton. Erinnerungen

an einen staunenerregenden Menschen, schön,

umjubelt, sportlich wie charakterlich bewunderungswürdig. Mit Liebe zum Detail

zeichnet Jens Nordalm den „schönen Deutschen“ als ein Gegenbild zum

National sozialisten, dem „hässlichen Deutschen“ des 20. Jahrhunderts.

OLIVER SACKS

Lawrence Weschler. Gebunden, 480 Seiten, 25,00 €

Er war ein großartiger Arzt und ein begnadeter Erzähler, ein empathischer

Menschenfreund und Seelenforscher, der unser Bild von

Krankheit und Gesundheit nachhaltig verändert hat: Oliver Sacks.

Schon 1981, als der Autor der Werke „Awakenings“ und „Der

Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ noch weitgehend

unbekannt war, beschloss der Journalist Lawrence Weschler,

dessen Biografie zu schreiben. Sacks lehnte zunächst ab doch die

beiden blieben in engem Kontakt, und kurz vor seinem Tod bat

er Weschler, das Vorhaben wieder aufzunehmen und zu Ende zu

führen. Entstanden ist ein persönliches Portrait über einen außergewöhnlichen Menschen.

WITTGENSTEIN

DAS HANDWERK DES GENIES

Ray Monk, Kartoniert, 682 Seiten, 25,00 €

Aus der minutiösen Recherche von Korrespondenzen und Tagebüchern

entsteht das Leben Ludwig Wittgensteins, wie man es so

nicht kannte – keine Kultfigur, sondern ein Mensch, der sich permanent

einer Selbstprüfung unterwarf. Monks umfassende Bio­graphie

gilt als die beste und gelungenste über den österreichischen (Anti-)

Philosophen und schildert ebenso eindringlich wie anschaulich seine

bewegte Lebensgeschichte – auch mit Augenmerk auf Wittgensteins

Homosexualität.

MERCURY IN MÜNCHEN

Nicola Bardola.

Gebunden, 94 SW-Abbildungen, 432 Seiten, 24,00 €

„Das einzige Studio, in das wir immer wieder zurückkehren, liegt in

München.“: der Ort, wo Hits wie „Radio Ga Ga“ und „Who Wants

To Live Forever“ entstanden sind. Ein Ort der Arbeit, der Erholung

und des Feierns: 1979 bis 1985 erstrahlte Freddie Mercury in München

– menschlich und musikalisch. Über diese Zeit ist bisher wenig

bekannt, doch dieses Buch soll es ändern. Von der Eingebung

für den Song „Crazy Little Thing Called Love“ in der Badewanne

des Hilton Hotels zur legendären Feier anlässlich seines neununddreißigsten

Geburtstags beschreibt Nicola Bardola lebhaft den genussvollen

Lebensstil, die Freund*innen und Liebhaber*innen sowie die Erkundungen der

Münchener Schwulen-Szene des Queen-Frontmannes.

ANDERS VON ANFANG AN

NACHDENKEN ÜBER EIN LANGES LEBEN

Harry Raymon. Gebunden, 284 Seiten, 22,00 €

2017 wurden für Harry Raymon und die Angehörigen seiner Familie in

seiner Geburtsstadt Kirchberg im Hunsrück Stolpersteine verlegt. Nun

begibt er, der als zehnjähriger mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten

auswandern musste, sich auf eine Erinnerungsreise durch ein turbulentes

Leben. Der Schauspieler, Regisseur und Autor hat bereits einen

autobiografischen Roman geschrieben und einen Film über das Münchener

Glockenbachviertel gedreht, in dem seit 1965 lebt. Jetzt folgen

seine Memoiren: über ein Leben auf beiden Seiten des Atlantischen

Ozeans und darüber, wie es ist, anders zu sein. Von Anfang an hat er Anderssein erlebt, nicht

nur als Jude, der zum Entsetzen der übrigen Familie nach Deutschland zurückkehrte, sondern

auch als jemand, der für die damalige Zeit seine Homosexualität erst spät entdeckte.

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Geschichte

FRANZ

SCHWUL UNTERM HAKENKREUZ

Jürgen Pettinger. Gebunden, 184 Seiten, 22,00 €

Franz Doms ist eines der vergessenen Opfer der NS-Justiz.

Wie tausende andere schwule Männer wurde er verfolgt,

diskriminiert, inhaftiert und schließlich zum Tode

verurteilt. 1944 starb er im Alter von 21 Jahren im Hinrichtungsraum

des Landesgerichts Wien. Bis zu seinem

Tod blieb er loyal und denunzierte nie andere, um sich

selbst zu retten.

Der ORF-Journalist Jürgen Pettinger hat sich intensiv

mit Franz Doms Leidensweg auseinandergesetzt, erzählt bildhaft, was über sein

Leben bekannt ist, zitiert aus überlieferten Ermittlungs- und Gerichtsakten und

bildet Dialoge anhand von Gesprächsprotokollen nach. Er zeichnet die Geschichte

von Franz Doms romanhaft nach und wählt einen fiktionalen Zugang, hält

sich dabei aber an historisch Belegtes. Doch Pettingers Zugang ist mehr als eine

bloße Rekonstruktion der Fakten. Er taucht tief in die Welt Franz Doms’ ein

und zeichnet dessen letzte Lebensjahre auf intime und packende Weise nach,

wodurch sein tragisches Schicksal, das exemplarisch für die systematische Verfolgung

Homosexueller während des NS-Regimes steht, nah und spürbar wird.

CHARLOTTE CHARLAQUE

TRANSFRAU, LAIENSCHAUSPIELERIN, „KÖNIGIN DER

BROOKLYN HEIGHTS PROMENADE“

Raimund Wolfert

Klappenbroschur, 100 Seiten, 15 Abbildungen, 14,90 €

Der Lebensweg der Deutsch-Amerikanerin Charlotte Charlaque

(1892–1963) führt gleich mehrmals über den Atlantik – von

Mährisch Schönberg über Berlin, San Francisco und Prag nach New

York. Als Jüdin verließ Charlaque 1934 das nationalsozialistische

Deutschland. Acht Jahre später gelang ihr der lebensrettende

„Sprung“ in die USA. In New York wurde sie als ungekrönte Königin

der Uferpromenade von Brooklyn Heights eine schillernde

Berühmtheit. Sie nannte sich jetzt gern Charlotte von Curtius. Was aber nicht einmal ihre

engsten Freunde wussten: Ihr neuer Nachname war eine Anspielung auf ihren alten Geburtsnamen.

Denn als Charlotte Charlaque geboren wurde, gingen ihre Eltern davon aus,

dass sie ein Junge sei und gaben ihr den Namen Curt …

WAS IST SCHWULE KULTUR?

David M. Halperin. Kartoniert, 110 Seiten, 16,00 €

Kultur entsteht, »sooft Sprache, Bewegung, Verhalten oder Gegenstände

eine gewisse Abweichung von der direktesten, nützlichsten,

unengagiertesten Weise des Ausdrucks und des In-der-

Welt-Seins zeigen«, wie Susan Sontag definiert. Homosexuelle,

denen in einer heterosexuellen Umwelt ein solcher »direkter«

Ausdruck verwehrt bleibt, sind deshalb auf Gedeih und Verderb

darauf angewiesen, »Kultur« zu erschaffen, und sei es in Form

der subkulturellen Umdeutung der heterosexuellen Mehrheitskultur.

Ob Trash, Divenkult oder ernsthafte Identitätskunst: Schwule

sind die Kulturschaffenden schlechthin, doch Halperin schreibt:

»Homosexualität ist an die Schwulen vergeudet«, weil die stattdessen

ihr Heil in einer farblosen Homonormativität suchen. Halperin analysiert die Entwicklungslinien

schwuler Kultur und Subkultur und hält ein geistreiches und oft witziges Plädoyer

für offen gelebte Diversität, das nicht nur angepasste Schwule aufrütteln soll. Denn: »In gewisser

Hinsicht ist Homosexualität Kultur. Deshalb braucht uns die Gesellschaft.«

Geschichte

WESTBERLIN

EIN SEXUELLES PORTRÄT

Heinz-Jürgen Voß (Hg.)

Kartoniert, 323 Seiten, 36,90 €

In Westberlin war immer mehr möglich - gerade

in Sachen Geschlecht und Sexualität. Auch Sperrstunden

und Sperrbezirke gab es hier nicht. Die

interkulturell offene Stadt hatte nicht nur für

Dienstreisende einen besonderen Reiz. Junge

Männer, die vor der Bundeswehr flohen, suchten

hier Zuflucht – genau wie Menschen, die eine

ausgemergelte Großstadt mit einer alternativen

Kultur wollten. Die Autor*innen eröffnen Einblicke

in den Charakter dieser besonderen Stadt,

wobei sie auf das Geschlechtliche und Sexuelle fokussieren.

In 17 verschiedenen Beiträgen berichten u.a. Egmont Fassbinder, Peter Hedenström,

Gerome Castell, Nora Eckert, Manuela Kay und viele andere

Zeitzeug*innen von ihrem persönlichen Leben, aber auch von der Entstehung

vieler Initiativen und Projekte, die damals aus allen möglichen und verschiedenen

Ecken entstanden. Westberlin war weder BRD noch DDR – und für viele ein

Sehnsuchtsort, an dem sie sich verwirklichen konnten. Ein schönes Erinnerungsbuch,

aber auch ein tolles Geschichtsbuch.

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JAHRBUCH SEXUALITÄTEN 2021

Initiative Queer Nations (Hg.)

Gebunden, 304 Seiten, 34,90 €

Das jährlich erscheinende Periodikum thematisiert Fragen des

Sexuellen in einem weiten Sinne. Den Kern des Jahrbuchs bilden

mehrere Aufsätze, die auf Queer Lectures auf Einladung der Initiative

Queer Nations basieren. Daneben enthält es die Rubriken

Essay, Gespräch, Miniaturen und Rezensionen. Die Beiträge nehmen

auf aktuelle Debatten Bezug oder regen solche an. Mitgewirkt

haben u.a. Till Randolf Amelung, Jan-Henrik Friedrichs, Antoine

Idier, Marco Kammholz, Eszter Kováts, Aaron Lahl, Monty

Ott und Voijin Saša Vukadinovic.

VON »STAATSFEINDEN« ZU »ÜBERBLEIB-

SELN DER KAPITALISTISCHEN ORDNUNG«

HOMOSEXUELLE IN SACHSEN 1933-1968

Alexander Zinn. Kartoniert, 400 Seiten, 50,00 €

In der NS-Zeit wurden Homosexuelle zu »Staatsfeinden« erklärt.

Ihre Verfolgung wurde massiv verschärft und zielte nicht mehr

nur auf bestimmte sexuelle Handlungen, sondern auf die »Ausmerzung«

der Homosexualität schlechthin. Nach 1945 hofften

viele auf ein Ende der Verfolgung, doch sowohl in West- wie

auch in Ostdeutschland wurde sie schon bald wieder intensiviert.

Die DDR diskreditierte Homosexuelle nun als Ȇberbleibsel

der kapitalistischen Gesellschaftsordnung«. Im Gegensatz zum

NS-Regime setzte sie bei der Bekämpfung der Homosexualität aber nicht mehr nur auf das

Strafrecht, sondern zunehmend auch auf Erziehungsmaßnahmen. Mit Sachsen untersucht

die Studie die regionalen Auswirkungen dieser Politik in einem Flächenland und fragt nach

Unterschieden zu anderen Regionen.

e i s e n h e r z . b e r l i n

ROLANDS EMPFEHLUNG



Lyrik

Sachbuch

NEUE, QUEERE LYRIK

Kevin Junk (Hrsg.).

Klappenbroschur, 96 Seiten, 10,00 €

WILLIAM SHAKESPEARE – SONETTE

Deutsch von Frank Günther und Christa Schuenke.

Gebunden, 200 Seiten, 33,00 €

Werte Kenner, Shakespeare brauchen wir wohl nicht mehr vorzustellen,

seine Sonette sind weltberühmt. Frank Günther hat die ersten 21

Sonette bis zu seinem Tod völlig neu übersetzt. Die restlichen Sonette

folgen der sehr gerühmten Übersetzung von Christa ­Schuenke.

Die Neuausgabe aus dem ars vivendi Verlag ist sehr gelungen; wir

halten hier ein richtig schönes, gut gesetztes und gebundenes Buch

mit schönen Sonetten samt kompetentester Übersetzung in den

Händen. Was wünscht man mehr, holde Dichterfreunde?

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FRANZ’ EMPFEHLUNG

In der Lyrik scheinen junge, queere Stimmen ein geeignetes

Experimentierfeld gefunden zu haben, um der

neuen Vielseitigkeit und Diversität griffige Verse und

anschauliche Bilder abzugewinnen. Es ist schön zu lesen,

wie die Dichtung ein Hilfsmittel sein kann, eine

Identität zu schreiben, und Gefühle und Eindrücke poetisch

zu vermitteln. So geschieht es mit vielseitigen Beiträgen

von elf Autorinnen und Autoren.

LYRIK EDITION NEUN. BAND 1 & 2

TEMPELSTUFEN

Albert H. Rausch

SANDOASEN

Gabriel Wolkenfeld

Fadengeheftet, je 32 Seiten, je 9,00 €

Steffen Marciniak bringt mit NEUN eine

neue Lyrik-Edition heraus. Band 1 und 2

sind den Dichtern A. H. Rausch (1882–

1949) bzw. Gabriel Wolkenfeld (*1985)

gewidmet. Rauschs Lyrik mutet an aus einer

anderen Zeit, schön und entrückt zwischen Rosen, Marmor, und zarten Augenblicken.

„Sandoasen“, Wolkenfelds Gedichtsammlung, reitet hingegen auf souveränen Versen

durch ein mythisch-modernes Israel. Beide Bände sind mit stimmigen Grafiken von Steffen

Büchner illustriert. Wir sind gespannt auf die kommenden Ausgaben!

NACH MEINEM TOD ZU VERÖFFENTLICHEN

Pier Paolo Pasolini. Gebunden, 640 Seiten, 42,00 €

Sein Wunsch war Befehl: Bislang unübersetzte Gedichte

aus Pasolinis Nachlass sind in dieser umfassenden

Ausgabe von Theresia Prammer zusammengestellt und

souverän übersetzt worden. Wir finden Pasolini in Rom

angelangt in Auseinandersetzung mit seinem neuen

Steckenpferd, dem Kino. Zudem eine Krise des Denkens

und eine intensive Beschäftigung mit hehren Gefühlen,

Idealen. Wir sind erstaunt, wie konzentriert Pasolini

sein Wesen selbst erdichtet hat. Seine Lyrik ist bereit

für eine Wiederentdeckung.

ICH WAR IMMER ZWEI

Roberto Sam Balducci. Kartoniert, 300 Seiten, 15,00 €

Das Leben zwischen zwei Identitäten. Aufwühlend und schonungslos

ehrlich. Vater, mit einer Frau liiert – und schwul: Alle

elf Männer, die in diesem Buch zu Wort kommen, der jüngste

Anfang 20, der älteste über 90, haben ihre Homosexualität viele

Jahre lang höchstens heimlich ausgelebt. Meist aus Angst vor Diskriminierung.

Hin- und hergerissen sind sie zwischen Familie und

verstecktem Begehren. Ihr ständiger Begleiter ist das schlechte

Gewissen. Alle führen ein Leben zwischen den Welten, das oftmals

zur Zerreißprobe wird. Für alle Beteiligten. Kann ein respektvolles

Miteinander in diesem Spannungsfeld gelingen? Inmitten

der Lebensblenden gibt es zwei oder drei »Zwischenrufe« wie eine vergleichbare Geschichte

aus Sicht einer bisexuellen Frau, eine aus Sicht eines der Kinder. Der Autor ist Familientherapeut

und selbst ein bisexueller Vater. Er hat nach vielen langen Gesprächen mit den

Männern und Frauen dieser Familien diese »Lebensblenden schwuler Väter« nacherzählt.

WAS IST EIGENTLICH DIESES LGBTIQ*?

Linda Becker und Julian Wenzel, Illustrationen: Birgit Jansen

Kartoniert, 128 Seiten, 16,00 €

Dieses Sachbuch erklärt nicht einfach nur die einzelnen „Buchstaben“

L(esbian), G(ay), B(isexual), T(ransgender), I(ntersexual),

Q(ueer) und * (und noch viel mehr) der queeren Welt, sondern

gibt einen Einblick in das Thema Geschlechteridentität an sich.

Kindern und Jugendlichen ab 11 Jahren werden Begriffe erklärt,

aber auch Hilfestellungen zum Beispiel im Fall von Mobbing gegeben.

Im Mittelpunkt steht immer die Ermutigung, sich mit seinen

eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen. Ein wichtiges Buch

nicht nur für Jugendliche im Coming-out, sondern für alle in der

Gesellschaft, die momentan beim Gendern eher Chaos als Zustimmung

empfinden oder sich informieren möchten, um sachkundig mitreden zu können.

Die schöne Gestaltung und die klare Struktur der Erläuterungen der unterschiedlichen Gefühls-

und Lebensvariationen machen es für Leserinnen und Leser zu einem guten Begleiter

durch die Welt von Gender und Diversität.

KAMPF DER IDENTITÄTEN

FÜR EINE RÜCKBESINNUNG AUF LINKE IDEALE

Jan Feddersen und Philipp Gessler

Kartoniert, 256 Seiten, 18,00 €

Dieses Buch wird sicher sehr kontrovers aufgenommen und diskutiert

werden. Wir wollen nicht werten und drucken hier deshalb nur

den Klappentext ab:

Wenige Themen polarisieren die Öffentlichkeit derzeit so sehr wie

die sogenannte Identitätspolitik und die damit verbundene "Cancel

Culture". Ist sie eine legitime Strategie, um bislang diskriminierten,

übergangenen Gruppen und ihren Anliegen Geltung zu verschaffen?

Oder verschärft sie am Ende die Spaltung der Gesellschaft? Jan Feddersen und Philipp Gessler

bestreiten in ihrem Buch nicht die Existenz von Rassismus und Traditionen der Benachteiligung,

von einer Sprache, die Menschen diskriminiert und übergeht. Doch sie meinen: Wer

Gruppenidentitäten überhöht, fördert Entsolidarisierung. Wenn sich nur noch diejenigen zu

einem Thema äußern dürfen, die davon unmittelbar betroffen sind, lassen sich wichtige Debatten

in der Demokratie kaum noch führen. Vor allem dann nicht, wenn mit Hinweis auf

Ungerechtigkeiten ein offener Diskurs beschränkt wird. Deshalb plädieren die beiden für eine

Rückbesinnung auf den Universalismus, der einmal ein linkes Projekt war. Und sie machen

Vorschläge für eine fruchtbarere Debattenkultur. Für das Buch sprachen die Autoren u.a. mit

Cindy Adjei, René Aguigah, Till Randolf Amelung, Seyran Ates, Paula Irene Villa Braslavsky, Gianni

Jovanovic, John Kantara, Daniel Kehlmann, Ijoma Mangold, Ahmad Mansour, Susan Neiman,

Ronya Othmann, Susanne Schröter, Alice Schwarzer, Harald Welzer, Ulrike Winkelmann.

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Fotografie und Kunsto

BERLIN LUST

Peter Dobias. Gebunden, 131 Seiten, 69,95 €

Normalerweise ist fotografieren in Berliner Klubs streng

verboten. Wie hat der Mann das dann gemacht? Fotograf

Peter Dobias (Jahrgang 1978) hat hier und da, vielleicht

aus der Hüfte geschossen, die Atmosphäre bei

lustvollem Feiern in der Hauptstadt eingefangen. Das ist

ihm aber gut gelungen! Menschen tanzen, knutschen,

ziehen sich aus oder für einen Augenblick zurück. Da

kommen wir als Betrachter der Stimmung und den Eulen

der Nacht so nah, wie wir es in Bildern lange nicht gesehen

haben. Wer jetzt noch

die Sehnsucht verspürt nach

schwulem Nachtleben wie

es war vor der, noch währenden

Welttragödie, der

greife zu Dobias’ Bildband.

MICHELANGELO

Horst Bredekamp

Gebunden, 816 Seiten, 790 Abbildungen, 89,00 €

Achtung: Einführungspreis gültig bis 31.12.2021,

danach: 118,00 €

Jahr für Jahr erscheinen immer

wieder neue literarische Versuche,

Leben und Schaffen der

Großen nachzuerzählen, seien

es Persönlichkeiten aus Literatur,

Zeitgeschichte oder Kunst.

Von Zeit zu Zeit aber schafft

ein biografisches Unternehmen

aus der Menge hervorzuragen

und nicht bloß die Bedeutung

des Werkes zu reproduzieren,

sondern uns die Person nahezubringen,

die hinter Wort und

Tat steht. Bredekamps „Michelangelo“ ist so ein Werk. Der

versierte Kunsthistoriker veröffentlich nach Jahrzehnten der

Forschung ein Opus Magnum über einen der größten Künstler

aller Zeiten. In der Kürze dieser Zeilen ist es unmöglich,

angemessen Auskunft zu geben über das 800 Seiten dicke

Werk, nur so viel sei gesagt: Bredekamp verknüpft kongenial

seine Lust zu erzählen mit Sympathien und Ansichten über

Michelangelo sowie einer präzisen und allumfassenden Werkbeschreibung,

die immer wieder in Zusammenhang mit des

Meisters Prinzipien wie Treue zur Kunst, Liebe zur Welt (und

zu den Männern) und der Suche nach dem Sinn gestellt werden.

Das ist Kunstgeschichte meisterhaft erzählt als Bildergeschichte

anhand des herausragenden Lebens eines Mannes,

von dem wir nun behaupten können, dass wir seine Beweggründe

besser verstehen als je zuvor. Chapeau!

32

BLUMEN &

Rainer Fetting

Gebunden, 160 Seiten,

120 Abb., 38,00 €

Über die Jahre sind die Arbeiten

des Wilden Malers Rainer

Fetting (*1949) als wichtigen

Beitrag zum queeren Diskurs

avanciert. Mit seiner Heftigen

Malerei ab den späten

1970er Jahren setzte er einen

Kontrapunkt zur damals

abstrakten und konzeptuellen

Kunst, die das Sinnliche

hintanstellte. Man kann jede

Menge Zeitgeist in seinen

Bildern erkennen, aber vor allem

expressive Energie, die

gegen Konventionen positioniert

ist und den Dingen und

Menschen in Stillleben bzw.

Portraits Charakter verleiht.

Da hat doch das schwule Auge

einen Blick auf die Motive

geworfen!

Fotografie und Kunsto

COME GET YOUR HONEY

Samet Durgun. Gebunden, 96 Seiten, 55 Abb., 39,90 €

Durgun, Jahrgang 1988, ist in der Türkei geboren und als Einwanderer der ersten Generation

Deutscher geworden. Er bezeichnet sich selbst als Agnostiker und queer. Der Drang

der Selbstverwirklichung war trotz des strengen Haushalts seiner alleinerziehenden Mutter

stark. Und der findet seinen Ausdruck, indem er das Leben der Menschen, die ihm nahe

sind, fotografisch dokumentiert. Vor allem gilt sein Interesse queeren Geflüchteten und

Einwanderern, in deren Identitäten sich Heimat und Geschlechtsvorstellung mischen. Die

Faszination findet seinen Niederschlag in diesem wirklich behutsam zusammengestellten

Album. Durgun nimmt sich bei der Aufnahme ganz zurück und lässt die Vielschichtigkeit

sehr zeitgenössischer Biografien, Stadtimpressionen und Stillleben durscheinen. Das ist die

Kraft der Bilder: dass nichts gesagt werden muss und der Betrachter das Abgebildete begreift

und zu einem Stück seines Wesens vorstößt. Ganz vielversprechende Fotografie!

NOTHING TO HIDE

Phil Dlab. Gebunden, 176 Seiten, 150 Abb., 39,00 €

Was sind das bloß für sexy Jungs im Osten! Freizügig präsentieren sie sich, die Slowaken.

Fotograf Phil Dlab wuchs in Kanada auf, kehrte aber in seine Heimat zurück, um erotische

wie charmante Portraits und Akte von seinen Landsmännern zu machen. Die sind maskulin,

ohne übermännlich zu sein – also so etwas wie süße Poser, die uns mit ihren Blicken zum

Fantasieren einladen. Sagt man: Ostkolben?

LIKE BIRDS

Sven Jacobsen. Gebunden. 208 Seiten, 150 Abb., 48,00 €

Frei wie die Vögel, so stellen wir uns immer noch gerne Jugend

vor: leichtherzig, übermütig, unverdorben. Sven Jacobsen (Jahrgang

1969) macht ganz fantastische Portraits dieser Jugend und

fängt diese einzigartige Energie in 150 Schnappschüssen ein.

Der Connaisseur wird Parallelen zum Werk von Ryan McGinley

ziehen – und das ist gar nicht von Nachteil! Viel Bewegung ist

zu sehen und Haut auch nicht zu knapp, beides sehr anregend.

Jacobsen weiß, Lebensfreude und Tatendrang einzufangen mit

der Kamera: Und beide können wir gut gebrauchen dieser Tage.

33



Fotografie und Kunsto

AIKO*

Florian Hetz

Bedrucktes Leinen-Hardcover

mit Blindprägung, ca. 220 Seiten, 79,00 €

Ein neues Buch unseres Ladenlieblingsfotografen! Ein visuelles

Tagebuch, das auf vielen Ebenen ein neues Level erreicht:

persönlicher als seine bisher erschienenen Fotobände. Berührende

Einblicke in Florian Hetz‘ Gedankenwelt übersetzt

in eine besonders packende Bildsprache. Sein scharfer Blick fürs Außergewöhnliche,

der dieses Mal ganz neue Perspektiven einnimmt. Florian Hetz lässt den Betrachter

hautnah am vielleicht emotionalsten Jahr seines Lebens teilhaben. Eingeleitet

wird diese fotografische Zeitreise mit einem Kurzessay von Daniel Schreiber.

FRANZ’ EMPFEHLUNG

Filme

MATTHIAS & MAXIME

Regie: Xavier Dolan

DVD; 119 Min., dt. SF, engl./franz. OF, FSK 12, 13,99 €

Und noch ein Wunderkind des kanadischen Kinos:

Die beiden, seit ihrer Kindheit befreundeten jungen

Männer, Matthias und Maxime, sind in Xavier

Dolans gleichnamigen Film, auf diversen Partys, im

Kreise ihrer Freund*innen, unterwegs, um ihren

Abschied zu feiern. Maxime zieht es für längere

Zeit nach Australien. Eine Freundin der beiden

sucht noch zwei Hauptdarsteller für Ihren Kurzfilm,

und verpflichtet die beiden, nicht ganz gegen ihren

Willen. Der Haken: die beiden müssen sich vor

der Kamera küssen. Plötzlich sehen sich die beiden

Freunde mit ihren jeweils eigenen, und sehr unterschiedlichen, Gefühlen konfrontiert,

die ihre jahrelange Freundschaft ins Wanken bringt. Wunderbare Coming of

Age Geschichte, von Xavier Dolan, wie immer, gekonnt inszeniert.

MEIN SCHWULES AUGE / MY GAY EYE 18

Fadenheftung, 384 Seiten,

2-sprachig deutsch/englisch, 24,00 €

Die Reise geht weiter. Die jährliche Anthologie zu zeitgenössischer

schwuler Kunst und Erzählung ist inzwischen bei der 18. Ausgabe

angelangt – Respekt! Dieser Band möchte einladen, wieder nach

draußen zu gehen und das Leben zu feiern, in der Realität, in der

Fantasie, in der Erinnerung. So finden sich hier Bilder und Texte

zum Thema Cruising und Sex in Parks, an Pools und Stränden,

beim Wandern und Reisen, Sportswear und FKK in der Sommerhitze

und last but not least eine große Überraschung im kühlen

Dunkel einer römischen Basilika.

Mit Arbeiten von 68 Künstlern. U.a. Ron Amato, Neil Curtis, EVA & ADELE, Omer Gaash,

Florian Hetz, Kyle Kupres, Steven Menendez, Slava Mogutin, Daniel Schmude, Tom of Finland

und viele andere. Zudem exklusive Textbeiträge von Michael Ampersant, Roberto Sam Balduci,

Jan Gympel, Felice Picano, Jens Rosteck, Michael Sollorz, Edmund White und anderen…

21 GRAMS

Celine Yasemin. Gebunden, 128 Seiten, 36,00 €

Das mal vorweg: Dieses Buch ist richtig schön! Bindung und

Druckqualität sind ausgezeichnet, wir blättern gerne darin herum.

Was ist also mit Yasemins Portraits? Die Devise der Fotografin

lautet Natürlichkeit – der Ästhetik der Abbildungen

wie der Modelle, seien es Freunde oder flüchtige Bekannte. Als

Ergebnis der kompromisslosen Arbeit finden wir ein Spektrum

an intimen und, nun ja, natürlichen Portraits von jungen Menschen,

die keinem Standard entsprechen, sondern so wirken,

als würden sie einfach nur sein wollen. Wir lassen sie gerne und

schneiden uns eine Scheibe von dem bestürzenden Respekt ab, der ihnen als Akte von der

Künstlerin entgegengebracht wird. Was der Titel übrigens bedeuten soll: 21 Gramm beziffert

angeblich das Gewicht der menschlichen Seele. Fragt uns nicht, woher wir das wissen.

34 35

TINY TIM – KING FOR A DAY

Regie: Johan von Sydow

DVD; 78 Min., engl. OF, dt. UT, FSK 0, 16,90 €

Herbert Khaury weiß schon als Kind sehr genau was er will – berühmt

werden. Schon immer „anders“, erobert er schnell die Bühnen

Amerikas, mit Ukulelenspiel, Falsetto-Gesang, langen Haaren

und einem atemberaubenden Charisma. Seine Coverversion von

„Tip Toe through the Tulips“ avanciert zum Mega Hit – und wird

doch auch ausgelacht. Er spielt in Las Vegas und der Royal Albert

Hall, heiratet live vor sagenhaften 45 Millionen Zuschauer*innen

und arbeitet im Laufe seiner Karriere mit Jim Morisson, Jimi Hendrix und den Beatles zusammen.

Bob Dylan ist bis heute ein Fan. Johan von Sydow zeigt uns ein liebevolles Porträt

eines campen Künstlers, der trotz seines kurzen Ruhmes immer ein Außenseiter war. Ein

tolles Wiedersehen eines von vielen Menschen verkannten Künstlers.

BARE

Regie: Aleksander M. Vinogradov

DVD; 91 Min., franz.-engl. OF mit dt. UT, FSK 12, 16,90 €

Für sein neues Stück sucht der belgische Star-Choreograf Thierry

Smits elf nackte Tänzer. Nach einem intensiven Casting-Prozess ist

die Besetzung gefunden. Gemeinsam proben und performen die

jungen Männer „Anima Ardens“, in dem Smits den nackten Körper

kühn als letzte Bastion der Freiheit bloßlegt. Dem Regisseur Aleksander

M. Vinogradov gelingt ein präziser, nicht voyeuristischer

Blick in die passionierte Arbeit des Ensembles. Abwechslungsreich,

von dokumentarischen Essays über atemlose Tanzsequenzen bis

hin zu sehr persönlichen Momenten abseits der Bühne, erlebt der Zuschauer eine sehr intime

Geschichte über künstlerische Prozesse.



Filme

WOKE – STAFFEL 3

Regie: William Samaha und Sullivan Le Postec

DVD; 110 Min., franz. OF, dt. UT, FSK 12, 13,99 €

Die erfolgreiche französische Serie „Woke“ geht in die dritte Runde:

Schon kurz nach der Wiederwahl von Thibaut Giaccherini zum

Präsidenten des „G SPOT LGBTQ“ Centers, warten neue Herausforderungen

auf die Aktivisten-Gruppe: Ein neues Mitglied, der tschetschenische

Flüchtling Anzor, wird in in letzter Sekunde vor einer

fatalen Attacke gerettet. Es stellt sich schnell heraus, dass noch viel

mehr hinter diesem Vorfall steckt. Als er von einer Familientragödie

erfährt, startet Hicham Alaoui einen Aufruf gegen Polizeibrutalität.

Auch die Liebe kommt nicht zu kurz: In einer Dreiecksbeziehung ist es nicht immer leicht,

das Gleichgewicht zu halten. Ebenso gibt es für Thibaut heiße Neuigkeiten in Sachen Liebe.

Filme

SEQUIN IN

A BLUE ROOM

Regie: Samuel Van Grinsven

FRANZ’ EMPFEHLUNG

DVD; 80 Min., engl. OF, dt. UT, FSK 16, 16,90 €

Per Apps macht der 16-jährige Sequin seine Dates

klar. Seine einzige Regel: nie einen Typ zweimal treffen.

Ein Chat führt ihn schließlich in den „Blue Room“,

einer geheimnisvollen Gruppensex Party ohne Grenzen.

Ein attraktiver Fremder zieht Sequin in einen behörenden

Bann – und er muss ihn unbedingt wieder

sehen. Berauschendes Debüt über Coming of Age in

Zeiten von Gay Romeo und Grindr.

BEYTO

Regie: Gitta Gsell

DVD; 98 Min., schweiz.dt-türk. OF, FSK 12, 16,90 €

Beyto, ein junger Schwimmer mit türkischen Wurzeln,

verliebt sich in seinen Trainer Mike. Seine Eltern sehen

das Bild von Ehre und Tradition in Gefahr – und finden nur

einen Ausweg: Beyto muss, so schnell es geht, eine Frau

heiraten. Sie finden einen Vorwand, um ihn in sein Heimatdorf

zu locken und dort eine Hochzeit mit Seher, einer

Freundin aus seinen Kindertagen, zu organisieren. Beyto

steht vor einer Zerreißprobe: Wie schafft er es, seine Beziehung zu Mike zu erhalten,

ohne Seher gleichzeitig die Zukunft zu verbauen? – Basierend auf dem

Roman „Hochzeitsflug“ des renommierten türkischen Autors Yusuf Yesilöz, gelingt

Gitta Gsell ein eine empathische Verfilmung voll sommerlicher Sinnlichkeit.

SOMMER WIE WINTER

Regie: Sébastien Lifshiz

DVD; 100 Min., dt. SF und UT, franz. OF, FSK 16, 16,90 €

Ein Klassiker des französischen queeren Kinos kehrt nach 20 Jahren

in digital restaurierter Fassung zurück: Der 18-jährige ­Mathieu

ist mit seinen Eltern in den Sommerferien und lässt sich selig und

untätig, treiben. Eines Tages läuft ihm Cédric über den Weg, und

trotz dessen Anziehungskraft hält sich Mathieu schüchtern zurück.

Die Gefühle der beiden sind jedoch zu groß, und sie lassen

sich schließlich beide in eine Sommer-Romanze mit sinnlicher

Zärtlichkeit und ausschweifenden, zügellosen Eskapaden fallen.

Die sommerliche Umgebung an Meer, Strand und Dünen bietet

dafür einen mehr als geeigneten Rahmen. Doch auf jeden Sommer folgt ein Winter. Sébastian

Lifshitz’ Spielfilmdebüt aus dem Jahr 2001 ist überaus gelungen. Hervorragend inszeniert und

von den beiden Hauptdarstellen gekonnt und liebevoll gespielt. Ein zeitloser Klassiker.

NORMAL

Regie: Adele Tulli

DVD; 67 Min., ital. OF, dt. u. engl. UT, FSK 12, 19,95 €

In ihrem offen experimentell angelegten Filmessay geht die italienische

Filmemacherin Adele Tulli, die selbst seit Jahren im feministischen

wie queeren Kontext forscht, auf die Suche und die Frage nach der

„Normalität“ in einer heteronormativen Gesellschaft. Oft schon konditioniert

von Kindesbeinen an, erleben wir dies in allen Facetten und

Formen, stolpern über die „Rosa und Hellblau Fallen“ und lernen die

richtigen und wichtigen Fragen zu erkennen – und zu stellen.

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SOMETHING LIKE SUMMER

Regie: David Berry

DVD; 115 Min., engl. OF, dt. UT, FSK 12, 13,99 €

Ben, ein junger, offen homosexuell lebender Schüler einer Highschool

in Texas, sieht sich nicht nur mit seiner konservativen Schule

konfrontiert. Auch der Spott seiner Mitschüler, den er hinnimmt,

macht ihm zu schaffen und belohnt seinen Mut mit Einsamkeit.

Weder seine beste Freundin, noch sein Traum, Sänger zu werden,

helfen ihm aus seiner Isolierung. Da taucht Tim auf, der alles hat,

was man sich als junger Mann von einem Schwarm wünscht: Intelligenz,

Charme, Sportlichkeit und Sexyness. Doch wie schafft Ben es

nur, dem unwiderstehlichen Tim näher zu kommen? Ein nicht ganz unbeabsichtigtes Ereignis

sorgt für ein Aufeinandertreffen. – Liebenswert, romantisch und gefühlvoller Sommerfilm.

DIE QUAL DER LIEBE

Regie: Gianni da Campo

DVD; 89 Min., dt. SF, ital. OF, FSK 16, 16,95 €

Der gerade von der Universität kommende junge Lehrer Lorenzo

beginnt mit Elan seine Arbeit an einer Schule in der Nähe Venedigs.

Sein Engagement vermag seine Schüler zu begeistern,

allen voran den 12-jährigen Duilio. Dessen anfangs unschuldige

Schwärmereien für Lorenzo, werden mehr und mehr zu echter

Zuneigung, der sich der junge Lehrer immer schwerer entziehen

kann – um sie schließlich zu erwidern. Duilios Mutter, die bei ihrem

Sohn homosexuelle Neigungen vermutet, und der auch die

ungleiche Freundschaft der beiden nicht entgeht, stellt die beiden an den Pranger. Lorenzo

sieht sich damit nicht nur mit einem Skandal in der dörflichen Idylle konfrontiert, sondern

auch mit Gewissensbissen. – Coming of Age Klassiker der 80er Jahre.

BOY MEETS BOY

Regie: Daniel Sánchez López

DVD; 75 Min., engl.-dt. OF, FSK 12, 16,90 €

Seit 48 Stunden feiert Harry schon in Berlin. Schon am nächsten Tag

muss er wieder zurück nach Großbritannien. Plötzlich wird er, in der

euphorisierten Atmosphäre auf der Tanzfläche, von Johannes geküsst.

Die nächsten 15 Stunden verbringen sie gemeinsam: Durch die Straßen

streifend, knutschend, Kaffee trinkend, schließlich sogar ein Hotel

Buffet plündernd – unzertrennlich. Je mehr Zeit sie miteinander verbringen,

umso intensiver wird ihre Bindung – und die Gewissheit, dass

die Zeit, die sie zusammen haben, knapp wird. Das Spielfilmdebut des spanischen Regisseurs

Daniel Sánchez López wartet mit Originalschauplätzen, teils improvisierten Dialogen sowie

zwei beeindruckenden Neuentdeckungen auf. Genug für ein grandioses Berliner Indie Movie.



Filme

Filme

TAGEBUCH

EINES TEENAGERS

Regie: Lucas Santa Ana

DVD; 97 Min., span. OF, dt. UT, FSK 12, 16,90 €

FRANZ’ EMPFEHLUNG

Der Tod seines besten Freundes ist für Zabo, einen

16-jährigen Argentinier, Anlass, einen Blog zu beginnen.

Alles was ein Junge in seinem Alter so erlebt:

Geheime Orte mit illegalen Partys, einen nicht ganz

gewöhnlichen Strandurlaub mit seinen Kumpels, erste

Küsse und sexuelle Erfahrungen mit Mädchen und

Jungs. All dies lenkt ihn jedoch nicht genug ab, er

kann seinen besten Freund nicht vergessen. Die wilde

Achterbahnfahrt des Jugendseins, Abenteuer, Zögern, Abwarten, geschickt

verpackt durch den argentinischen Regisseur Lucas Santa Ana, unterstützt

durch hervorragendes Spiel des Shooting-Stars Renato Quattordio.

BRUCE LABRUCE

EUFORIA

Regie: Valeria Golino

DVD; 110 Min., ital. OF, dt. UT, FSK 12, 19,95 €

Matteo, ein schwuler Unternehmer, lebt in Rom. Sein sehr ausschweifendes

und illustres Leben, welches er dort lebt, unterscheidet

ihn sehr von seinem Bruder Ettore. Dieser ist Lehrer, und

lebt immer noch im Heimatdorf der beiden. Ein Schicksalsschlag,

der Ettore trifft, bringt Matteo zu der Entscheidung, ihn zu sich

nach Rom zu holen. Die beiden, die bislang wenig miteinander

zu tun hatten, sehen sich nicht nur mit Ettores Schicksal konfrontiert,

sondern auch mit einer ungewohnten Nähe und anfänglichem

Misstrauen. Die Unterschiedlichkeit der beiden machen es für die beiden nicht gerade

einfacher, sich mehr und mehr kennen zu lernen.

YOUNG HUNTER

Regie: Marco Berger

DVD; 101 Min., span. OF, dt. UT, FSK 16, 16,90 €

Der junge Ezequiel hat sturmfrei. Diese Gelegenheit lässt er nicht

ungenutzt, und treibt sich im Skaterpark herum, um einen Jungen

zum Chillen einzuladen. Zu Hause am elterlichen Swimming Pool,

klappt es schließlich mit dem etwas älteren Mono mit dem ersten

Mal. Doch spielt Mono nicht mit ehrlichen Karten, und droht sein

Gegenüber in eine gefährliche Welt zu ziehen. In einen Thriller eingebettete

Erzählung vom Erwachen junger Liebe.

SOMMER 85

Regie: François Ozon

DVD; 97 Min., dt. SF, franz. OF, FSK 12, 17,95 €

François Ozon begibt sich in „Sommer 85“ ins Genre-Kino und adaptiert

dazu das Buch „Tanz auf meinem Grab“ des Autors Aidan Chambers.

Der 16-jährige Alexis verbringt den Sommer in der französischen

Normandie. Als er eines Tages alleine auf den See fährt, zieht ein Gewitter

auf. Als sein Boot kentert und er in Lebensgefahr schwebt,

wird er von David, einem 18-jährigen Jungen gerettet. Zwischen den

beiden entwickelt sich eine turbulente Liebesgeschichte, in deren Verlauf

sie gemeinsam einen Schwur leisten, der sie über den Tod hinaus verbindet. Sehr eigene,

dennoch gekonnte und unbedingt sehenswerte Adaption des französischen Kultregisseurs.

Gleich 3 Klassiker sowie ein Neuwerk des ka na di schen Kultregisseurs wollen wir

euch hier ans Herz legen:

Beginnen wir mit No Skin of my Ass aus dem Jahr 1991. Ein Wechselspiel zwischen Macht

und Ergebenheit, zwischen einem Friseur, der einen frierenden Skin im Park aufgabelt und

ihn dann, nach einem warmen Bad, bei sich zu Hause einsperrt, um sich seiner sexuellen

Wünsche sicher zu sein. Der Skin bricht jedoch aus, und untergekommen im Apartment

seiner Schwester, stellt er nach und nach fest, dass er durchaus auch Gefallen an den sexuellen

Demütigungen hatte. Kehrt er zurück?

In Huster White reist ein von der Liebe enttäuschter Autor, Jürgen Anger, nach Los Angeles,

um in der Sex Worker Szene zu recherchieren. Die Begegnung mit dem bildhübschen

Stricher Monti Ward, beraubt ihn jeglicher professionellen Distanz. Seine Obsession lässt

Jürgen nicht mehr los. Er verfolgt Monti durch die ganze Stadt, flankiert von all den sexuellen,

eruptiven und auch gewalttätigen Bildern und Begebenheiten, welche die käufliche

Sexszene zu bieten hat. Hat eine Romanze in dieser rauen Umgebung eine Chance? Liebevoll

und authentisch inszeniert, mit vielen Stars des queeren Underground Kinos.

Porno Superstar Bruce steckt in der Sinnkrise. In Super 8 ½ interessiert sich niemand mehr

für die einst gefeierten Filme, einer Mischung, aus Dokumentation, Sex und Parodie. Da

kommt ihm Googie, eine lesbische Filmemacherin, gerade recht. Sie will ein Porträt über

ihn drehen. Gekonnt mischt Googie Szenen aus Bruc’ Werk, gespickt mit selbstverliebten

Statements des Regisseurs sowie Interviews mit zahlreichen Protagonist*innen aus der

queeren Undergroundszene. Bruce macht sich Hoffnungen auf ein grandioses Comeback,

Googie hat jedoch ihre eigenen Pläne. Teilweise semi-biografisch, sehr persönlich, geht dieser

Film auch gerne mal an den Rand des B-Movies, und darüber hinaus, das aber gekonnt,

mitunter selbstironisch und durchaus gut.

Alle 3 Filme: Neu digital restauriert.

Regie: Bruce La Bruce. DVD; engl. OF mit dt. UT, ohne FSK, je 16,90 €

SAINT NARCISSE

DVD; 101 Min., engl.-franz. OF, dt. UT, FSK 16, 13,99 €

LaBruces neues Werk Saint Narcisse feierte 2020 auf den Filmfestspielen

in Venedig seine Premiere. Erzählt wird die Geschichte des

22-jährigen Dominic. Seine Lieblingsbeschäftigung: Sich selbst mit

der Polaroid zu fotografieren – und sich ebenso obsessiv zu bewundern.

Ausgelöst durch den Tod seiner Großmutter, treten plötzlich

zwei schockierende Familiengeheimnisse in sein Leben, die dieses

komplett auf den Kopf stellen.

w w w . b u c h l a d e n - e r l k o e n i g . d e / s h o p

e i s e n h e r z . b e r l i n

38 39



Ein Leckerbissen für jeden

„Tod in Venedig“-Fan!

Ein erfolgreicher deutscher

Dich ter will im Grand Hôtel

einige Tage mit einem Jungen

Alles Schöne geniessen:

„Wie lächerlich ist der Glaube,

dieses harmlose Vergnügen

vermöchte einen Künstler zu

zerstören! Wie kann ein ächter

Künstler sich ent falten –, sollte es

auch das gesunde Volksempfinden

verletzen –, wenn er sich von

kleinbürgerlichen Vorurteilen

einschränken lässt?»

Anders als in Thomas Manns Meisternovelle „Der Tod in Venedig“

kommt in Martin Franks „Venedig, 1911“ auch Tazio zu Wort:

„Und, sollte ich hier ins Bett pissen, drohte sie mir gleich klafter weise Prügel,

dass sie mich an ein Pflockhaus für Seeleute in Triest verkaufen würde, wo – was

folgte, ist zu ordinär, um es zu niederzuschreiben. Können Sie es sich vorstellen,

ohne zu erröten? – denn nun hing, merkte ich, auch Rosa davon

ab, dass ich den dottore um einen Finger nach dem andern wickelte.“

Martin Frank, *1950, Autor der Romane „ter fögi ische souhung“, „La Mort de

Chevrolet“, „Ocean of Love“, vieler Kurzgeschichten und Gedichte, beschreibt

in „Venedig, 1911“ das schwüle mélange von Kultur und Päderastie vor dem

ersten Weltkrieg.

Martin Frank

VENEDIG, 1911

Eine Entsublimierung – Roman

196 S.,

ISBN 978-3-89086-638-3, € 25 ,-

RIMBAUD

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