29.11.2021 Aufrufe

Landschaft Westfalen (Ausgabe 6 / November 2021)

Sie wollen auch ein ePaper? Erhöhen Sie die Reichweite Ihrer Titel.

YUMPU macht aus Druck-PDFs automatisch weboptimierte ePaper, die Google liebt.

AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

www.landschaft-westfalen.de

Einzelpreis: 2,40 Euro

4 193293 502408

06

Regional lesen, entscheiden, bewegen!

Abgewickelt:

Die EnergieAgentur

NRW vor dem Aus

Seite 3

Ausgedacht:

Die Ideen der Jugend

für ihre Heimat

Seite 7

Angestoßen:

Der Jugendtrainer

des VfL Bochum 1848

Seite 11

Aufgeforstet:

Der Weihnachtsbaum

aus dem Sauerland

Seite 12

Ausgestellt:

Die Krippen 2.0 im

Regio Museum Telgte

Seite 19

Digitale Unterschrift

statt Gang zum Amt

Düsseldorf. Von der Fischereierlaubnis

bis zum Notenverbesserungsversuch

im zweiten Jura-

Staatsexamen: Persönliche Behördengänge

sollen in NRW in vielen

Bereichen überflüssig werden. Die

Landesregierung legte einen Gesetzentwurf

vor, der in rund 100

Bereichen statt der Papier-Unterschrift

eine digitale Signatur ermöglicht.

„Das Wirtschafts-Service-Portal.NRW

bietet mehr als

70 Dienstleistungen digital an, bald

werden es Hunderte sein“, erklärte

Wirtschafts- und Digitalminister

Andreas Pinkwart (FDP). Ende 2022

solle der digitale Gang ins Rathaus

die Regel und nicht mehr die Ausnahme

sein. dpa

Mehr Einnahmen für

die Landeskasse

Düsseldorf. Die nordrhein-westfälische

Landesregierung kann laut

jüngster Steuerschätzung für die

Jahre 2021 bis 2025 mit insgesamt

rund 18 Milliarden Euro mehr Einnahmen

in der Landeskasse planen

als bislang veranschlagt. Das geht

aus einer Vorlage des Düsseldorfer

Finanzministeriums an den Fachausschuss

des Landtags hervor. Im

Vergleich zur Steuerschätzung vom

Mai ergibt sich demnach für alle

Jahre ein Zuwachs. Für 2021 kann

der Steuer-Haushaltsansatz um

mehr als 4,9 Milliarden auf rund

67,5 Milliarden nach oben korrigiert

werden und für das Jahr 2025

um gut 3,3 Milliarden auf rund 78,6

Milliarden Euro. Im Zuge der Corona-Krise

waren die Steuereinnahmen

eingebrochen. dpa

LPV GmbH Hülsbrockstraße 2–8 48165 Münster

ZKZ 32935 PVst+4 DPAG Entgelt bezahlt

Schatz im Silbersee

In Haltern kommen Solarmodule aufs Wasser

Auf dem Silbersee in Haltern wird die größte

schwimmende Fotovoltaikanlage Deutschlands

gebaut. 5800 Solarmodule sollen auf

einer knapp 1,8 Hektar großen schwimmenden

Insel installiert werden. Knapp drei Millionen

Kilowattstunden Strom könnte die Anlage damit

im Jahr produzieren. Das zuständige Bergamt hat ein

entsprechendes Vorhaben der Quarzwerke genehmigt.

Ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Energiewende, bei

dem auch Westfalen noch ein gutes Stück vor sich hat.

Erler Eiche ist Naturerbe

Raesfeld. Die Erler Femeiche ist

Deutschlands zwölfter Nationalerbe-

Baum. Die Deutsche Dendrologische

Gesellschaft vermutet, dass es sich

bei der Stieleiche um den ältesten

Baum Deutschlands handelt. Urkundlich

belegt ist die Eiche als ältes-

Von Stefan Legge

So ähnlich wird die schwimmende PV-Anlage aussehen. Foto: Shutterstock

Deutschlands ältester Baum steht in Borken-Raesfeld. Foto: Oliver Berg/dpa

ter Gerichtsbaum Mitteleuropas seit

1363. Daher stammt auch der Name.

Zudem ist sie mit 12,45 Metern

Stammumfang die dickste Eiche

Deutschlands. Es handelt sich um den

ersten Nationalerbe-Baum in Nordrhein-Westfalen.

nri

Der weit überwiegende Teil der Energie, die für Strom,

Wärme oder Mobilität benötigt wird, stammt heute noch

aus Kohle, Gas und Öl. Kann das gesteckte Ziel der Klimaneutralität

trotzdem erreicht werden? Der Landesverband

Erneuerbare Energien fordert dazu im Interview mit

Landschaft Westfalen ein beherzteres Vorgehen der Politik.

Und die Landesregierung? Sie stellt sich kurz vor der

Landtagswahl mit der Abwicklung der EnergieAgentur.

NRW und der Gründung der neuen Landesgesellschaft

NRW.Energy4Climate organisatorisch neu auf.

„Statt einer

Modernisierung

des Versammlungsrechts

drohen mehr

Staat und weniger

Freiheit.“

Wilhelm Achelpöhler, Rechtsanwalt,

über das neue Versammlungsgesetz

auf Seite 10

Unsere Werte,

unsere Bilder,

unser Recht

Europas Außengrenzen sind von

Westfalen weit entfernt. Gleichwohl

sind es in einem vereinten Europa

eben auch unsere Außengrenzen.

Und für Solidarität mit Polen –

das eine lange EU-Außengrenze hat

– gibt es gerade für Westfalen vielfältige

gute historische Gründe. Im

Grenzgebiet zwischen Polen und

Belarus sitzen Menschen in Kälte und

Schlamm fest, angelockt von einem

skrupellosen Minsker Machthaber,

der sie dort als Propagandainstrument

benutzt. Er kalkuliert mit der

Macht der Bilder und der schwierigen

innenpolitischen Diskussion zu

Flüchtlingsthemen in Polen. Dabei

dürfen wir Polen nicht alleinlassen.

Und auf dieses Kalkül darf sich eine

rechtsstaatlich organisierte EU auch

nicht einlassen. Sie darf nicht erpressbar

sein. Für uns Deutsche ist das

auch eine schwere Lehre aus dem

Umgang mit terroristischen Erpressungen

der 1970er-Jahre.

Das bedeutet aber nicht, nichts zu

tun: im Gegenteil! Wir müssen Lukaschenko

die Macht über diese Menschen

und die Macht über die Bilder

nehmen. Selbstverständlich müssen

wir die Fluchtrouten schließen. Und

das geht: Die EU hat in einem sehr

deutlichen Dialog mit den relevanten

Fluglinien klargemacht, dass die Beteiligung

an Schleuseraktivitäten

nicht hingenommen werde und die

EU mit ihrer Entscheidungsgewalt

über Lande- und Überflugrechte über

ausreichend Möglichkeiten verfüge,

sich solcher Geschäftspraktiken zu

erwehren. Das bedeutet aber auch, die

Menschen, die an der Grenze ausharren,

dem Zugriff des Minsker Machthabers

zu entziehen.

An dieser Stelle gilt es, stark und

prinzipienfest zu sein. Wer aus anderen

Ländern in die EU fliehen oder

einwandern möchte, verdient es, dass

wir uns mit ihm darüber nach rechtsstaatlichen

Prinzipien auseinandersetzen:

diskret und menschenwürdig

und nicht als mediales Ferngespräch

zum Gaudium skrupelloser Schleuser.

Das sollten wir in der EU tun,

innerhalb unserer Grenzen, dort, wo

wir Herr des Verfahrens sind. So

schlagen wir Erpressern ihre Instrumente

aus der Hand. Dann sind es

unsere Werte, unsere Bilder und

unser Recht.

Thorsten Weiland

KOLUMNE


BUCH EINS

2 | Akzente

AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

KOMMENTARE

DIE WAHRHEIT ÜBER …

PERSÖNLICH

… GEOTHERMIE erforscht der Geologische

Dienst Nordrhein-Westfalens. Um

dafür geeignete Gesteinsformationen

ausfindig zu machen, fuhren im November

sogenannte Vibro-Trucks durch das

Münsterland. Das sind spezielle seismische

Messfahrzeuge, die mit einer hydraulischen

Rüttelplatte Schallwellen

ins Erdreich abgeben.

Spezielle Fahrzeuge, die Vibro-Trucks, untersuchen

die geologische Struktur im Münsterland.

Foto: DMT

Geologe Ingo Schäfer untersucht

Geologische Schichtgrenzen reflektieren

die in die Tiefe gesandten Signale,

und zuvor ausgelegte Geofone (ähnlich

Mikrofonen) nehmen die Reflexionen

auf. Sind genug solcher Daten gesammelt,

können Geowissenschaftler daraus

ein komplexes Bild des Untergrundes

erstellen – ähnlich einer Ultraschallaufnahme

in der Medizintechnik.

„Geothermie könnte auch in NRW

schon in naher Zukunft eine sehr wichtige

Rolle spielen, um Haushalte und

Gewerbe mit klimafreundlicher Wärme

zu versorgen – rund um die Uhr, verlässlich

und witterungsunabhängig“,

sagt Ingo Schäfer, zuständiger Geologe

beim Geologischen Dienst NRW (GD

NRW). „Um sie nutzen zu können, sind

jedoch geeignete Strukturen im Untergrund

erforderlich, in denen sich heißes

Tiefenwasser befindet. Deshalb

untersuchen wir in der Pilotregion

Münster im Rahmen der geologischen

Landesaufnahme den tiefen und mitteltiefen

Untergrundaufbau mit seismischen

Messungen.“

Zu den Gesteinen mit den höchsten

geothermischen Potenzialen zählen

Kalksteine (Karbonate). In diesen Gesteinen

kann es Strukturen geben, die

sowohl über viele Hohlräume verfügen,

in denen sich das heiße Tiefenwasser

sammeln kann, als auch über Verbindungen

zwischen den einzelnen Hohlräumen,

sodass eine ergiebige Fließrate

zustande kommt. Den Untergrund

im Münsterland machen Kalkgesteine

interessant, deren Existenz die Tiefenbohrung

„Münsterland 1“ in Billerbeck-

Aulendorf während der 1960er-Jahre

in etwa 6000 Meter Tiefe vermuten

lässt. In solchen Tiefen herrschen Temperaturen

von bis zu 180 Grad Celsius,

die für eine geothermische Nutzung

sehr interessant sind.

www.seismik-muensterland.nrw

Münsterländer Boden.

Das geplante Versammlungsgesetz für NRW ruft schon seit Monaten Proteste hervor. Foto: Roberto Pfeil/dpa

Mehr Staat, weniger Freiheit

Die Landesregierung will das Versammlungsrecht ändern –

bedenklich findet das Rechtsanwalt Wilhelm Achelpöhler

Wer auf ein bürgerfreundliches

Demonstrationsrecht für

NRW hoffte, muss bitter enttäuscht

sein. Statt einer Modernisierung

des Versammlungsrechts

droht ein Versammlungsrecht mit

mehr Staat und weniger Freiheit.

Ein Beispiel, wie es künftig um die Versammlungsfreiheit

in NRW bestellt ist: Zwei

Junglandwirte wollen mit einem Transparent

„no farmer, no food, no future“ auf dem Gehweg

vor einem Discounter für faire Lebensmittelpreise

demonstrieren. Ein Polizeiwagen

kommt, und ein Beamter weist die beiden darauf

hin, nach dem neuen Gesetz müsse jede Versammlung

einen Leiter haben. Die beiden schauen sich verdutzt an.

Immerhin halten beide das Transparent ganz gleichberechtigt.

Schließlich gibt einer seinen Namen an, den der Polizeibeamte

sofort notiert. Auf der Wache fertigt der Beamte

dann eine Strafanzeige. Bereits eine öffentliche Meinungskundgabe

von zwei Personen stellt eine dem

NRW-Versammlungsgesetz unterworfene Versammlung

dar. Weil die Versammlung der zwei Landwirte nicht wie

vorgeschrieben 48 Stunden vorher bei der Polizei angemeldet

war, hat sich der Leiter der Versammlung strafbar

gemacht. Die Strafe: bis zu ein Jahr Freiheitsstrafe.

In Bayern geht es da liberaler zu: Dort gibt es vielleicht

ein Bußgeld, wie für Falschparken. In Schleswig-Holstein

nicht mal das, weil das Versammlungsgesetz dort erst Versammlungen

ab drei Personen regelt. Gleiches gilt in den

meisten anderen Bundesländern, bei denen ein Versammlungsleiter

keineswegs zwingend ist.

Das Anmeldeverfahren für Versammlungen wird bürokratisiert,

den Versammlungsteilnehmern werden umfang-

Eine ganze Woche hat die ARD uns

kürzlich noch einmal die Unterschiede

zwischen Stadt und Land vor

Augen geführt. Unter dem Titel

„Stadt.Land.Wandel – Wo ist die Zukunft

zu Hause?“ wurde ein wahres

Füllhorn von Beiträgen über die Zuschauer

und Zuhörer ausgeschüttet.

Je nachdem, auf welchem Sender man

gelandet war, wurden die Bewohner

der ländlichen Räume mal belobigt,

mal belächelt und oft bemitleidet –

kein Krankenhaus mehr in der Nähe,

kein öffentlicher Nahverkehr und

schon gar kein Handynetz.

Tatsächlich ist es so, dass die ländlichen

Räume in ihrer Infrastruktur

mit den Städten nicht mithalten können.

Dass man Felder der Daseinsvorsorge

wie Gesundheit, Mobilität oder

auch Breitbandausbau schon lange

Foto: Ralf Emmerich

reiche Pflichten auferlegt, Filmaufnahmen von

Demonstrationen dort ermöglicht, wo sie die

Polizei für sinnvoll hält, ein „Militanzverbot“

eingeführt und der Straftatenkatalog erweitert.

Gleich acht Straftatbestände enthält das NRW-

Gesetz. Schleswig-Holstein hat nur drei.

Kein Wunder, dass die Landesregierung zur

Begründung ihres Gesetzes auf Distanz zum

Bundesverfassungsgericht geht: Von „mangelnder

juristischer Präzision“ in der grundlegenden

Brokdorf-Entscheidung ist da die

Rede, die Verfassungsrichter hätten „ausgeblendet,

dass die Ausnutzung des Sensationsbedürfnisses

der Medien (...) zur Überrepräsentation

von Versammlungsereignissen in der Berichterstattung

führen könne“.

Man muss den Eindruck haben, mit diesem Gesetz reagiere

die Landesregierung darauf, dass immer mehr Menschen

für ihre Anliegen auf die Straße gehen: die Schülerinnen

und Schüler von „Fridays for Future“, Landwirte,

Klimaschützer oder Gewerkschafter. Der Landesregierung

ist das wohl etwas viel Mitsprachewille der Bürgerinnen

und Bürger. Sich selbst wollen die Parteien der Landesregierung

zur Abwehr von Gegendemonstranten künftig

den Einsatz professioneller Ordnerdienste genehmigen

und nach Paragraf 8 Abs. 1 Satz 2 VersG des Gesetzentwurfes

allen Ernstes sogar das Mitführen von Waffen,

„wenn dies zum Schutz einer an der Versammlung teilnehmenden

Person erforderlich ist“. Als wenn Personenschutz

nicht Sache der Polizei wäre.

Wilhelm Achelpöhler ist Mitglied des Ausschusses Gefahrenabwehrrecht

des Deutschen Anwaltsvereins und war Sachverständiger bei der Anhörung

zum Versammlungsgesetz.

Stadt, Land, Kluft?

Von Stefan Legge

gewinnorientiert beackert, hat die

Kluft zwischen Stadt und Land größer

werden lassen.

Diese Lücke lässt sich nicht schließen.

Wenn wir ehrlich sind, war sie

mal kleiner, aber sie ist schon lange da.

Viele Menschen lieben das Landleben

trotzdem. Bis zu einem gewissen Grad

nehmen sie Nachteile sogar bewusst

in Kauf, schließlich hat das Landleben

ja auch viele Vorteile.

Daseinsvorsorge überdenken

Damit dieses Maß nicht überläuft, respektive

die Kluft zwischen Stadt und

Land nicht noch größer wird, muss

nicht nur die Rolle des Staates in der

Daseinsvorsorge überdacht werden.

Auch der Handlungsspielraum der

Akteure vor Ort braucht eine Stärkung.

Dafür müssen wir unsere föderalistischen

Strukturen wieder ernst

nehmen. Ein Stadtrat oder Kreistag,

der kaum freie Haushaltsmittel hat,

verwaltet den Notstand.

In einer repräsentativen Demokratie

sollten die gewählten Vertreter

entscheiden dürfen, welche Projekte

sie angehen wollen. Soll zuerst die

Schultoilette, der Sportplatz oder das

Dorfgemeinschaftshaus saniert werden?

Wenn eine Kommune so etwas

selbst entscheiden und finanziell

stemmen kann, werden auch die richtigen

Prioritäten gesetzt. Wer jedoch

in einem Förderdickicht aus EU-,

Bundes- und Landesmitteln gefangen

ist, der entscheidet anders. Ist das jetzt

wirklich unser dringlichstes Vorhaben?

Na, wer wollte bei einer Förderquote

von 90 Prozent noch widersprechen?

Gerechtigkeit

und Hoffnung

Annette Kurschus, neu gewählte

Ratsvorsitzende der Evangelischen

Kirche Deutschlands,

stammt aus der Evangelischen

Kirche von Westfalen. Hier ein

Auszug aus ihrer ersten Rede:

„Das Leben auf der Erde, von Gott

geschenkt, ist gefährdet wie nie. Alles

tun, um das Leben in seiner Vielfalt zu

schützen und zu erhalten, damit auch

unsere Kinder und Kindeskinder auf

dieser Erde leben können, das ist

gegenwärtig eine unserer vornehmsten

Aufgaben. Und wenn wir hier

wirklich konsequent bleiben wollen,

dann wird uns das einiges kosten,

ganz buchstäblich und im übertragenen

Sinne des Wortes, und das muss

es uns Wert sein. Das hat sehr viel mit

Gerechtigkeit zu tun. (...)

Die Mitte unserer Aufmerksamkeit

und unseres Tuns liegt an den Rändern

(...). Bei den Schwachen und

Verletzten, bei den Verliererinnen

und den Abgehängten. Hinsehen,

hinhören, Unrecht benennen, auch

das eigene Unrecht, Schuld eingestehen,

um Vergebung bitten, umkehren

und neue Wege einschlagen, das

gehört zum tiefen Kern unseres

christlichen Lebens. (...) Wir blicken

anders in die Welt als andere und

deshalb braucht die Welt uns. Wir

sind von einer Verheißung getragen,

auf Hoffnung hin, und die machen wir

stark. (...) Gott wird nicht preisgeben,

was er geschaffen hat, er wird uns

nicht im Stich lassen, dieses Oberlicht

bleibt offen, diese Gewissheit trägt

mich, von der lasse ich nicht.“

Impressum

VERTRIEB:

Lorena Gerversmann, Telefon: 0 25 01/801 44 82,

E-Mail: vertrieb@lp-verlag.de

VERLAG:

BUNTEKUH Medien in der LPV GmbH.

Geschäftsführer: Dr. Thorsten Weiland

Anschrift: Hülsebrockstraße 2–8, 48165 Münster.

E-Mail: thorsten.weiland@lp-verlag.de,

Telefon: 0 25 01/801 61 71

Internet: www.buntekuh-medien.de

DRUCK:

Druckzentrum Nordsee, Am Grollhamm 4,

27574 Bremerhaven

REDAKTION:

Dr. Thorsten Weiland (Chefredakteur,

v.i.S.d.P.), Nicole Ritter (Stellv. Chefredak teurin,

Leitung BUNTEKUH Medien), Manuel Glasfort,

Stefan Legge

Schlussredaktion: Schlussredaktion.de

Redaktionsadresse: wie Verlagsadresse

E-Mail: redaktion@landschaft-westfalen.de,

Telefon: 0 25 01/801 61 71

Internet: www.landschaft-westfalen.de

Konzeption: Anja Steinig, Studio F, Berlin

Illustrationen: Neil Gower, Marianna Weber

Layout: Martha Lajewski

Marketing: Lukas Wünnemann

ANZEIGEN:

Dr. Peter Wiggers (Leitung, verantwortlich

für den Anzeigenteil)

Anzeigenservice: Telefon: 0 25 01/801 63 00,

E-Mail: anzeigen@lv.de

UNTERSTÜTZERKREIS:

Landschaft Westfalen wird aktiv unterstützt von

der Stiftung Westfälische Landschaft und dem

Raiffeisenverband Westfalen-Lippe (RVWL).

Bankverbindung: Volksbank Münsterland

Nord eG, IBAN DE86 4036 1906 1071 6969 01;

BIC GENODEM1IBB.

Rechnungseingang ausschließlich per E-Mail an:

rechnungseingang@lp-verlag.de

Einzelpreis: 2,40 Euro; jährlich 6 Ausgaben

Nachdruck: Kein Teil dieser Zeitung darf ohne

Genehmigung des Verlages vervielfältigt oder

verbreitet werden.


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

BUCH EINS

Agenda | 3

DÜSSELDORF

Kann der

Staat es

besser?

Die EnergieAgentur.NRW

wird zum Ende des Jahres

abgewickelt

Von Stefan Legge

Die EnergieAgentur.NRW hat viele Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien,

wie Freiflächenfotovoltaik, angestoßen und begleitet. Foto: Getty Images

Zum Ende des Jahres 2021 ist Schluss. Nach 31

Jahren wird die EnergieAgentur.NRW Geschichte

sein. Die Landesregierung setzt bei der

Energiewende stattdessen auf eine neu gegründete

Landesgesellschaft für Energie und Klimaschutz.

Im Moment trägt diese den Namen „NRW.Energy4Climate“.

Warum glaubt Wirtschaftsminister Andreas

Pinkwart, immerhin ein Liberaler, dass der Staat hier

der bessere Unternehmer ist?

Der noch unter Johannes Rau gegründeten Energieagentur

war immer eine hervorragende Arbeit attestiert

worden. Ihre Initiativberatung, ihre Netzwerk- und Informationsarbeit

schätzen auch viele Kommunen. Sie arbeitete

zudem eng mit der Landwirtschaftskammer zusammen.

Organisiert ist sie als privatwirtschaftliches Unternehmen

mit den Gesellschaftern Agiplan und EE Energy

Engineers, einem Tochterunternehmen des TÜV Nord.

Finanziert wurde sie aus Landes- und EU-Mitteln.

Widersprüchliche Gutachten

Gutachter im Auftrag der Landesregierung waren

2010 und 2015 noch zu dem Ergebnis gekommen,

dass die Lösung mit externen Beratungsfirmen

die effizienteste sei. „Ein Gutachten

der gleichen Berater kommt dann 2020 zu

einem völlig anderen Ergebnis“, sagt Uwe H.

Burghardt, Pressesprecher der Energieagentur.

„Das NRW-Ministerium teilte uns mit, dass

das neue EFRE-Programm der EU eine weitere

Finanzierung einer EnergieAgentur.NRW

nicht zulasse.“

Die vergaberechtlichen Bedenken gegen die

bisherige Praxis von jeweils fünf- bis sechsjährlichen

Ausschreibungen wirken ein wenig konstruiert.

Zumal der Minister gegenüber dem

WDR Klartext sprach: „Das, was wir uns vorgenommen

haben für die nächsten zehn, zwanzig Jahre hier in Nordrhein-Westfalen,

ist ein richtiger Kraftakt. Und dieser Kraftakt

braucht eine schlagkräftige Organisation. Und die hatten

wir bisher leider nicht.“ Der Vorteil der neuen Agentur sei,

dass sie als hundertprozentige Landesgesellschaft direkter

von der Politik gesteuert werden könne.

Jahresgehalt von 200.000 Euro

Doch wie sieht es aus mit der Schlagkraft der neuen Gesellschaft?

Aktuell sucht sie neue Mitarbeiter. Die erfahrenen

und bestens vernetzten 160 Fachkräfte der nun abzuwickelnden

Energieagentur stehen dabei nicht allzu hoch

im Kurs. Nach Informationen von Landschaft Westfalen

sind bisher nur vierzehn von ihnen in der neuen Landesgesellschaft

angestellt. Die Besetzung des Chefpostens

Minister Andreas Pinkwart

will mehr Schlagkraft.

Foto: dpa

wurde zudem von heftiger Kritik begleitet. Die Berufung

von Ulf C. Reichardt, ehemaliger Hauptgeschäftsführer

der Industrie- und Handelskammer Köln, war Gegenstand

einer parlamentarischen Anfrage der Abgeordneten

Wibke Brehms (Bündnis 90/Die Grünen). Die Landesregierung

gab dabei Auskunft zur Zahl der Bewerbungen

auf die Stelle (204) und zum Gehalt: „Herr Reichardt erhält

für seine Tätigkeit als Geschäftsführer unter Zurverfügungstellung

eines Dienstwagens eine angemessene

Vergütung in Höhe von 200.000 Euro per anno sowie

eine Altersvorsorge in Höhe von 24.000 Euro per anno.“

Dass Reichardt damit in einer Gehaltsliga mit den Landesministern

spielt, ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

Ein Kostenvorteil der neuen Agentur zum bisherigen

Konstrukt scheint bei näherem Hinsehen ohnehin

fraglich. So soll die Personaldecke bis 2024 von jetzt

44 auf 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei NRW.

Energy4Climate anwachsen. Zudem konnten sich weiterhin

Dienstleister auf Ausschreibungen des NRW-Wirtschaftsministeriums

bewerben.

Die Ausbaupotenziale für Windkraft in Nordrhein-

Westfalen sind umstritten. Foto: Getty Images

Kündigungen sind ausgesprochen

Auch wenn die beiden Gesellschafter der alten

Energieagentur hier wieder mit im Rennen

sind, wurde vielen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

bereits gekündigt. Reiner Priggen,

Vorsitzender des Landesverbandes Erneuerbare

Energien NRW, erklärte dazu: „Jede Landesregierung

hat natürlich das Recht, Strukturen

zu ändern. Das finde ich, ist erst mal legitim.

Aber dann muss man doch auch an die Menschen

denken. Die gehen weg. Und ich finde,

dieser menschlich unschöne Umgang mit dieser

Kompetenz von Leuten, der ist einfach nicht

zu akzeptieren.“ Das Klimabündnis Bielefeld,

ein Zusammenschluss verschiedener gesellschaftlicher

Gruppen, sammelte – wohl vergebens – mehr als 14.000

Unterschriften für eine Petition zum Erhalt der Agentur.

Offensichtlich wurde hier ein bewusster Bruch herbeigeführt.

Doch in welche Richtung wird sich die neue Landesgesellschaft

entwickeln? In einem Imagefilm ist Geschäftsführer

Ulf C. Reichardt bemüht, Aufbruch zu vermitteln:

„Das Ziel der neuen Landesgesellschaft ist es, der

zentrale Treiber in sämtlichen Fragen der Energiewende

und Klimaschutz zu sein.“ Auf Anfrage von Landschaft

Westfalen konkretisiert die kommissarische Pressesprecherin

Janne Hauke: „Wir sind sektorenübergreifend als

Ansprechpartnerin da, wenn es darum geht, Klimaschutzprojekte

voranzubringen – sei es in der Energiewirtschaft,

der Industrie, bei den Unternehmen oder den Kommunen.

Für Letztere werden wir unter anderem mit unseren Regionalmanager:innen

über NRW verteilt vor Ort präsent

sein. Kommunen und auch Unternehmen haben so eine

direkte erste Anlaufstelle, um Fragen zu klären und bei

konkreten Anliegen zu Umsetzungsprojekten Hilfestellung

zu erhalten.“

So oder so ähnlich sind auch stets die Aufgaben der

Energieagentur beschrieben worden. Diese trat gegenüber

dem Ministerium auch schon mal als Mahnerin für mehr

Tempo bei der Energiewende auf. Gibt es auch etwas Neues?

„Durch unsere Arbeit wollen wir mehr Fördergelder

aus Brüssel und Berlin nach NRW holen, aber auch mehr

private Investitionen anstoßen. Die Transformation ganzer

Sektoren steht an: Energie, Mobilität, Industrie, Gebäude

– überall müssen wir die Emissionen reduzieren.

Das ist eine Mammutaufgabe, für die immense Mittel und

Investitionen benötigt werden. Unsere Zielgruppe sind all

diejenigen, die jetzt handeln und umsetzen wollen – im

kleinen wie im großen Maßstab“, sagt Hauke. Dafür hat

ein FDP-Minister aus einer neutralen Dienstleistungsagentur

nun eine stärker steuerbare Landesgesellschaft gemacht.


BUCH EINS

4 | Schwerpunkt

AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

Gefährlicher

Parkplatzmangel

Viele Lastwagen, zu wenige Stellplätze:

Unterwegs mit der Autobahnpolizei

Von Manuel Glasfort

Der Streifenwagen der Autobahnpolizei nähert sich dem Parkplatz Hohe Heide an.

Kleine, unbeleuchtete Parkplätze wie dieser werden von Lkw-Fahrern mit wertvoller Fracht oft gemieden.

Martina Habeck tritt ans Führerhaus des Lkw

heran, der in der Raststätten-Ausfahrt geparkt

steht. Der Fahrer lässt die Seitenscheibe

herunter. „Können Sie bitte ein Stück

zurücksetzen?“, fordert ihn die Polizeihauptkommissarin

auf. „Das ist so zu gefährlich, wie Sie hier stehen.“

Der Fahrer ist einsichtig und setzt sein Gespann zurück.

Die Szene an einem Montagabend im Spätherbst an der

Raststätte Münsterland West spielt sich so oder so ähnlich

regelmäßig für die Beamten der Autobahnpolizei ab.

Dafür gibt es einen Grund: Die Trucker konkurrieren auf

deutschen Autobahnen Abend für Abend um knappe

Stellplätze für die Nacht, wie auch dieser Fahrer berichtet.

Zwei Rastanlagen habe er vergeblich angefahren, ehe

er hier fündig geworden sei, erzählt der Mann, der in

Flensburg losgefahren ist. Manch ein Lkw-Fahrer auf

Parkplatzsuche wird in der Not kreativ. Und während die

Polizisten gelegentlich Notlösung tolerieren, müssen sie

einschreiten, sobald die Sicherheit anderer Verkehrsteilnehmer

gefährdet wird. „Wir müssen immer schauen,

dass der Durchgangsverkehr frei bleibt, gerade für die

Rettungskräfte“, sagt Habeck.

Mehr als 200 Polizisten der Autobahnpolizei des

Polizeipräsidiums Münster überwachen das Streckennetz

im Regierungsbezirk Münster. Dazu gehören Abschnitte

von A1, A2, A30, A31, A42, A43 und A52.

Insgesamt gilt es, 353 Betriebskilometer zu überwachen

– je Fahrtrichtung. Hinzu kommen autobahnähnliche

Bundesstraßen. Zum Aufgabenspektrum gehören

die Verkehrsüberwachung, die Unfallaufnahme, die

Begleitung von Schwertransporten, die Kriminalitätsbekämpfung

– und eben auch die allabendliche Kontrolle

von 10 Tank- und Rastanlagen und 62 Parkplätzen.

„WIR MÜSSEN

IMMER

SCHAUEN,

DASS DER

DURCH-

GANGSVER-

KEHR FREI

BLEIBT,

GERADE

FÜR DIE

RETTUNGS-

KRÄFTE.“

Martina Habeck,

Polizeihauptkommissarin

Der Mangel an Stellplätzen ist ein bundesweites Phänomen,

aber an bestimmten Strecken stärker ausgeprägt als

an anderen. Die A1 als vielbefahrene Nord-Süd-Verbindung

zählt zu den stärker betroffenen Autobahnen.

Die Situation ist seit Jahren bekannt – getan hat sich nach

Einschätzung von Habeck wenig: „Es ist definitiv nicht

besser geworden. Das Problem ist eigentlich gleichbleibend

schlimm.“ Die Polizistin kam 2007 zur Autobahnpolizei,

wo sie knapp zehn Jahre im Wach- und Wechseldienst

arbeitete. Seit einigen Jahren ist sie in der Verkehrsunfallprävention

mit dem Schwerpunkt Autobahn

tätig. Ins Gespräch mit den Fernfahrern kommt die

45-Jährige regelmäßig auch beim Fernfahrerstammtisch

in Münster, den sie moderiert. Dort bekomme sie zu

hören, dass die Fahrer gerade in der dunklen Jahreszeit

schon ab 17 Uhr nach einem Stellplatz Ausschau halten

müssten. Die Trucker müssen ihre vorgeschriebenen

Lenk- und Ruhezeiten einhalten. Sie könne auch den

Frust der Fahrer verstehen, sagt Habeck, wenn diese eine

Pause bräuchten und keinen Platz für ihren 40-Tonner

fänden. Wenn die Lkw-Fahrer immer weiter fahren

müssten, ergäben sich daraus Folgeprobleme, Stichwort:

Sekundenschlaf.

„Für uns ist es wichtig, dass keine anderen Verkehrsteilnehmer

gefährdet werden und dass die Lkw-Fahrer

sich selbst nicht gefährden. Die Lenk- und Ruhezeiten

sind ja auch zum Schutz der Fahrer gedacht, nicht nur

zum Schutz von anderen“, sagt Habeck. Nicht immer ist

es damit getan, dass der Fahrer sein Gespann ein paar

Meter versetzt, wie im Falle des Flensburgers. Manchmal

stehen die Lastwagen derart verboten, dass die Polizei

einen Platzverweis aussprechen und den Fahrer zum

Weiterfahren auffordern muss. „Es ist natürlich besonders

gefährlich, wenn Lkw bis in die Zufahrten der Parkplätze

stehen, unbeleuchtet, als Hindernis nicht zu erkennen

und dann fast mit dem Heck in die Hauptfahrbahn rein

ragen“, sagt Habeck. Immer mal wieder komme es auch

vor, dass Fahrer sich mit ihren Lastzügen einfach auf den

Seitenstreifen der Fahrbahn stellen. Und sobald einer den

Anfang gemacht habe, so Habeck, sinke die Hemmschwelle

für alle anderen. „Da versuchen wir natürlich

sofort, alle weiterzuschicken. Denn das ist zu gefährlich.“

Die meisten ermahnten Fahrer sind einsichtig, doch

manche reagieren aufbrausend. Kein Wunder: Spricht die

Polizei ein Platzverbot aus und fordert den Fahrer zur

Weiterfahrt auf, ist das für ihn in doppelter Hinsicht ein

Problem. Erstens registriert der digitale Fahrtenschreiber,

wenn der Lastwagen bewegt wird. „Da reicht eine kleine

Strecke umsetzen aus, dass die mangelnde Pause als Fehler

und Verstoß angezeigt wird“, sagt Habeck. Zweitens muss

der Fahrer einen neuen Platz für sein Gespann finden und

dafür zur Not runter von der Autobahn. Und nicht alle

Stellplätze sind bei den Truckern gleich begehrt: Wer

wertvolle Fracht geladen hat, meidet kleine, unbeleuchtete

Parkplätze, um Planenschlitzern zu entgehen, die im

Dunkeln die Ladefläche leer räumen. Dagegen sind Stellplätze

auf Autohöfen neben der Autobahn zwar sicherer,

dafür aber auch kostenpflichtig.

Habeck klingt etwas resigniert, wenn sie sagt:

„Wir müssen mit den Gegebenheiten umgehen.“ Die

Polizei müsse mit den Fahrern ins Gespräch kommen

„und denen klarmachen, dass wir zwar die Not verstehen,

aber trotzdem niemals ein anderer Verkehrsteilnehmer

gefährdet werden darf.“ An diesem Abend bleibt die

Lage vergleichsweise ruhig: Platzverweise muss Habeck

nicht erteilen.


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

BUCH EINS

Schwerpunkt | 5

ASPEKTE

Angebot und Bedarf an Lkw-Stellplätzen

94.119

Hauptkommissarin Martina Habeck stellt sicher, dass

parkende Lkw nicht zum Sicherheitsrisiko für andere

Verkehrsteilnehmer werden. Fotos: Marco Stepniak

68.139

53.871

71.343

60.410

Fehlbestand

23.300

70.772

2008

2013

2018

abgestellte Lkw

verfügbare Lkw-Stellplätze

Quelle: Bundesanstalt für Straßenwesen

Knappes Gut: Lkw-Stellplätze

Es ist wie bei der Reise nach Jerusalem – nur dass es nicht um Stühle geht,

sondern um Lkw-Plätze. Abend für Abend konkurrieren Fernfahrer an

deutschen Autobahnen um einen Platz für ihr Gespann, in dem sie übernachten.

Die Bundesanstalt für Straßenwesen beobachtet die angespannte Situation

seit Jahren. Bei ihrer jüngsten Zählung im Jahr 2018 fehlten bundesweit

23.300 Stellplätze. Zwar ist die Kapazität entlang der deutschen Autobahnen

über die Jahre deutlich gewachsen, doch mit dem stark zunehmenden Bedarf

konnte das Angebot nicht Schritt halten (siehe Grafik).

Prekäre Lage in NRW

Besonders prekär sind die Verhältnisse nach den Erkenntnissen der Bundesanstalt

für Straßenwesen in Bayern und Nordrhein-Westfalen. So zählten die

Studienautoren in NRW 9734 Stellplätze für Lastwagen, hauptsächlich an

bewirtschafteten und unbewirtschafteten Rastanlagen, aber auch an Autohöfen

neben der Autobahn. Das reicht nicht annähernd, um den Bedarf zu decken:

13.526 abgestellte Lkw wurden pro Nacht im Durchschnitt gezählt. Mit anderen

Worten: Es quetschen sich deutlich mehr Lkw auf die Rastanlagen,

als eigentlich vorgesehen. „Wildes Parken“ gefährdet im schlimmsten Fall

die Verkehrssicherheit.

Bitte ein Stück zurücksetzen: An dieser Raststättenausfahrt hat sich ein Fahrer mit seinem

Sattelzug für Martina Habecks Geschmack etwas zu weit vorgewagt.

Bund fördert Privatinvestoren

Der ADAC-Verkehrsexperte Jürgen Berlitz betont: „Ein weiterer zügiger

Ausbau der Lkw-Stellplatzkapazitäten ist zwingend erforderlich. Zu oft sind

Lkw-Fahrer gezwungen, ihr Fahrzeug auf dem Standstreifen oder in Ausfahrten

von Rastanlagen abzustellen. Dies führt zu einer massiven Gefährdung der

Verkehrssicherheit.“ Der Bund ist inzwischen dazu übergegangen, den Bau

neuer Lkw-Stellplätze durch Privatinvestoren zu fördern. 90 Millionen Euro

will er in den nächsten vier Jahren für die Schaffung von 4000 zusätzlichen

Plätzen zur Verfügung stellen. Das teilte das Bundesverkehrsministerium im

Dezember vergangenen Jahres mit. Das Programm ist inzwischen angelaufen.

Gebaut werden Plätze im Drei-Kilometer-Radius von Autobahn-Anschlussstellen.

Es werde nun erstmals auch in den Ausbau von Stellplätzen auf Autohöfen

und in Gewerbegebieten investiert, teilte Bundesverkehrsminister

Scheuer mit. Die ersten Förderbescheide ergingen im September dieses Jahres

an drei Projekte in Hessen und Baden-Württemberg.

Allerdings räumt auch der ADAC ein, dass die Förderung von Privatinvestoren

nur einen kleinen Beitrag zur Behebung des Stellplatzdefizits beisteuern

kann. Linderung des Problems verspricht sich der Bund auch von der Einführung

eines „telematisch gesteuerten Kompaktparkens“, das helfen soll, vorhandenen

Parkraum besser auszunutzen.

Ihre Meinung zum Thema? Schreiben Sie uns!

Per E-Mail: redaktion@landschaft-westfalen.de oder Post:

Redaktion Landschaft Westfalen, Hülsebrockstraße 2–8, 48165 Münster


BUCH EINS

6 | Berichte AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

Gemeindefinanzierung:

Zuspruch für Gesetz

Paderborn. Die kreisangehörigen

Städte und Gemeinden sehen im

Entwurf der NRW-Landesregierung für

das nächste Gemeindefinanzierungsgesetz

(GFG) wichtige Verbesserungen.

Die Mitglieder des Finanzausschusses

des Städte- und Gemeindebundes

(STGB) NRW diskutierten bei einem

Treffen in Paderborn mit Ina Scharrenbach,

Ministerin für Heimat, Bauen,

Kommunales und Gleichstellung, die

drängendsten finanzpolitischen

Themen. „Der Anteil des kreisangehörigen

Raums an den Zuwendungen

des Landes schrumpft seit Jahren.

Mit den Änderungen im Gesetzentwurf

erkennt die Landesregierung

nun die realen Unterschiede bei den

Einnahmen-Potenzialen der Kommunen

an”, sagte Jürgen Frantzen,

Vorsitzender des StGB-Finanzausschusses.

Eine Großstadt habe durch

die direkte Anbindung an Verkehr und

Logistik Wettbewerbsvorteile, die eine

Gemeinde im ländlichen Raum nur

über niedrige Steuersätze kompensieren

könne. Wenn nun durch das neue

GFG bei der Berechnung von Finanzkraft

und Bedarf einer Kommune

zwischen Großstadt und kreisangehörigem

Raum differenziert werde,

mache dies den kommunalen

Finanzausgleich ein großes Stück

gerechter.

Bielefelder fahren

günstig

Bielefeld. Der ADAC hat die Preise

für Bus und Bahn in deutschen Großstädten

unter die Lupe genommen.

Auch die westfälischen Städte Bielefeld,

Dortmund und Bochum sind im

Preisvergleich dabei. Bielefeld kann

beim Preis für eine Wochenkarte für

Erwachsene punkten. Mit 23,50 Euro

liegt die Stadt in Ostwestfalen mehr

als drei Euro unter dem Bundesdurchschnitt

(27,15 Euro). Nur in Dresden

und München fahren die Bürger

noch günstiger. In Bochum und

Dortmund müssen die Menschen mit

29,50 Euro dagegen tiefer für eine

Wochenkarte in die Tasche greifen.

Nur in Hamburg und Berlin wird es

noch teurer. In den Kategorien Einzelfahrten,

Tages- und Monatskarte

für Erwachsene liegen die westfälischen

Städte im Bereich des Durchschnitts.

Die Untersuchung des ADAC

zeigt, dass die Preisgestaltung im

öffentlichen Nahverkehr sehr heterogen

ist.

Tecklenburger Nordbahn

kehrt zurück

Steinfurt. Auf der Tecklenburger

Nordbahn könnten bald wieder regelmäßig

Züge fahren. Der Zweckverband

Nahverkehr Westfalen-Lippe

will die stillgelegte Eisenbahnstrecke

zwischen Osnabrück und Recke im

Kreis Steinfurt reaktivieren. Das Land

stellt dafür eine Förderung in Aussicht,

kündigt das NRW-Verkehrsministerium

an. Gelingt dieser Plan,

dann könnten Züge im 30-Minuten-

Takt zwischen Osnabrück Hauptbahnhof

und Recke fahren, heißt es. Vier

Gemeinden im Kreis Steinfurt würden

durch die Tecklenburger Nordbahn

besser ans Bahnnetz angekoppelt

werden: In Recke, Mettingen-Schlickelde/Espel,

Mettingen, Westerkappeln,

Lotte-Wersen, Lotte-Büren

Kromschröder und Lotte-Büren/

Eversburg sind neue Stationen vorgesehen.

Im weiteren Verlauf sollen die

Züge an den Stationen Osnabrück

Altstadt und Osnabrück Hauptbahnhof

halten. Rund 41,8 Millionen Euro

sind für die Reaktivierung der Strecke

und der Stationen veranschlagt.

IBBENBÜREN

Süße gemeinsame Sache

Berufsimker vermarkten ihren Honig

künftig über eine Genossenschaft

Von Stefan Legge

Kirche 2040 klimaneutral

Bielefeld. Die Evangelische Kirche

von Westfalen (EKvW) will bis 2040,

eventuell sogar schon bis 2035, klimaneutral

werden. Das beschloss ihre

Landessynode, wie die Kirche am

Samstag mitteilte. Ob der frühere

Zeitpunkt möglich ist, werde geprüft.

Der Zeitplan stimme mit einem

aktuellen Beschluss der Synode der

Evangelischen Kirche in Deutschland

(EKD) überein. „Wir müssen jetzt

entschlossen handeln, damit unserer

Kinder und Kindeskinder nicht ihrer

natürlichen Lebensgrundlage beraubt

werden“, sagte Präses Annette Kurschus.

Mobilität, Beschaffung oder

auch der Umgang mit Pachtland und

Wald müsse neu gedacht werden, sag-

Gebäude sind ein wichtiger Faktor beim Thema Klimaneutralität.

Foto: Shutterstock

Imker Maximilian Urban hat sich mit Imkerkollegen in einer

Genossenschaft zusammengetan. Foto: Summstoff eG

te der Dezernent für gesellschaftliche

Verantwortung, Jan-Dirk Döhling.

Gebäude seien dabei der wichtigste

Faktor: „Sie machen 80 Prozent unserer

Emissionen aus und müssen ins

Zentrum der Veränderung rücken.“

Kurzfristig sollen erste Klimaschutz-

Managerinnen und -Manager in den

Kirchenkreisen eingesetzt werden –

unterstützt von Fachleuten auf landeskirchlicher

Ebene.

Die Landessynode, in der die 465

Gemeinden vertreten sind, ist das

höchste Gremium der EKvW. Unter

Leitung von Kurschus tagten die insgesamt

193 Mitglieder in diesem Jahr

erstmals in einer Frühjahrs- und einer

Herbstsynode. dpa

Wir Berufsimker haben alle das

gleiche Problem“, sagt Maximilian

Urban. „Um davon leben zu können,

müssen wir so viel Honig erzeugen,

dass wir ihn nicht mehr direkt an

der Haustür verkaufen können. Dafür

ist die Menge einfach zu groß.“ Anders

als ihre Hobbyimkerkollegen

seien die Berufsimker dann gezwungen,

an den Großhandel zu verkaufen.

„Der orientiert sich am Weltmarktpreis“,

weiß Urban. Auch wenn für

Ware aus Deutschland noch deutlich

mehr bezahlt werde als für Honig aus

China oder Argentinien, Preise um

die 3,50 Euro pro Kilogramm seien

einfach zu wenig.

Vier Berufsimker haben daher etwas

sehr Naheliegendes getan, sie haben

sich zusammengeschlossen. Die

Summstoff Imkergenossenschaft eG

aus Ibbenbüren will den Honig ihrer

rund 1000 Bienenvölker künftig gemeinsam

vermarkten. „Jeder von uns

ist als Einzelkämpfer zu klein, um direkt

an den Lebensmitteleinzelhandel

heranzutreten. Gemeinsam können

wir aber immer ausreichend Ware bereithalten“,

erklärt Maximilian Urban,

der das Projekt gemeinsam mit seinem

Vater Michael federführend betreut.

Zudem sei eine moderne Maschinenausstattung

mit Schleuderstraße und

Weiterverarbeitung für einen einzelnen

Imkereibetrieb viel zu teuer.

„Durch den Zusammenschluss

konnten wir uns technisch viel besser

aufstellen“, sagt Urban. Auch sei die

Hürde von Audits und Zertifizierungen

gemeinsam leichter zu nehmen

gewesen als allein. Dabei geben die

Imkereien ihre Eigenständigkeit und

Oetker-Umbau abgeschlossen

Bielefeld. Die nach einem jahrzehntelangen

Streit um die Ausrichtung von

Dr. Oetker im Juli angekündigte Aufspaltung

der Oetker-Gruppe in zwei

Teile ist vollzogen. Dies teilten die

beiden neuen Unternehmensgruppen

in Bielefeld mit.

Die Gesellschafter Alfred, Carl

Ferdinand und Julia Johanna Oetker

übernehmen unter einem gemeinsamen

Dach unter anderem die Töchter

Henkell & Co. Sektkellerei, die Martin

Braun Backmittel KG, die Chemiefabrik

Budenheim, einige Häuser aus

der Hotelsparte sowie die Kunstsammlung

August Oetker. Die Gruppe

wird geführt von der Geschwister

Oetker Beteiligungen KG. Der umsatzstärkste

Teil mit Lebensmitteln

(Pizzen, Backmischungen, Tiefkühltorten

und Pudding), die Radeberger

auch die Eigenarten ihres Honigs nicht

auf. Zwar wird er unter der Marke

Summstoff mit einheitlichen Etiketten

und Gläsern vermarktet. Per QR-Code

kann die Herkunft des Honigs aber zu

jedem einzelnen Betrieb zurückverfolgt

werden. „Die klare Herkunftskennzeichnung

und die Regionalität

unterscheidet uns ja gerade von den

Billigprodukten aus anderen Teilen der

Welt“, sagt Urban.

Das Interesse anderer Berufsimker

bei Summstoff mitzumachen, sei groß.

Michael Urban ist daher optimistisch,

dass er schon bald weitere Mitstreiter

hinzugewinnen wird. Und auch die

Kunden haben die Möglichkeit, das

Unternehmen zu fördern. „Über eine

Genussrechtsbeteiligung bieten wir

eine Kapitalverzinsung von bis zu vier

Prozent und eine Naturalverzinsung

in der gleichen Größenordnung“, sagt

Urban. Die Wachstumsziele sind ehrgeizig

gewählt. Bereits im Jahr 2024

will die Genossenschaft über eine Million

Euro Umsatz machen.

In sechs Rewe-Märkten bei Osnabrück

steht der Summstoff-Honig

bereits. Die Listung bei Edeka steht

kurz bevor. „Wir wollen jetzt Schritt

für Schritt unsere Absatzwege erweitern.

Auch der Verkauf in Raiffeisenmärkten

ist angedacht“, sagt Urban.

Mittelfristig könnten sich noch weitere

Vorteile für die Mitgliedsbetriebe

ergeben. „Im Moment fahren wir

unsere Bienen vom Münsterland nach

Brandenburg oder Süddeutschland.

Nur um beispielsweise Waldhonig im

Sortiment zu haben. Wenn wir uns

gegenseitig ergänzen, können diese

Wege in Zukunft wegfallen.“

Nur noch ein Teil der Tradition: Oetker-Schriftzug am Stammsitz in Bielefeld.

Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Gruppe sowie einige Hotels bleiben

in der Hand der Gesellschafterstämme

von Richard und Philip Oetker, Rudolf

Louis Schweizer, Markus von

Luttitz sowie Ludwig Graf Douglas.

Diese Gruppe wird geführt von der

Dr. August Oetker KG.

„Die Entscheidung hat keine Auswirkungen

für die Mitarbeiter in den

einzelnen Unternehmen der Oetker-

Gruppe“, hatte es bereits im Juli geheißen.

Für Dr. Oetker und seine

Tochterfirmen arbeiteten Ende 2020

weltweit rund 37.000 Beschäftigte.

2020 hatte Dr. Oetker einen Umsatz

von mehr als 7,3 Milliarden Euro vermeldet.

Anfang Oktober hatte die

seinerzeit noch ungeteilte Gruppe

mitgeteilt, dass das Bankhaus Lampe

an die Hauck & Aufhäuser Privatbankiers

AG verkauft worden sei. dpa


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

BUCH EINS

Berichte | 7

SÜDWESTFALEN

Utopien für den ländlichen Raum

Junge Leute arbeiten in Zukunftskonferenzen an ihrer Vision von Heimat

Von Stefan Legge

Fünf Kreise, fünf Utopia-Veranstaltungen

– Jugendliche und junge

Erwachsene in Südwestfalen sind auch

im kommenden Jahr aufgerufen, kreativ

über ihre Zukunft in der Region

nachzudenken. Soll es ein bedingungsloses

Dorfeinkommen geben? Welche

Chancen bietet autonomes Fahren?

Was ist ein Digital Hero? Über die Jahre

sind in Südwestfalen schon einige

Ideen zusammengekommen, und das

Format hat sich etabliert.

„Was bewegt euch zum Gehen,

was zum Bleiben? Und was müsste

passieren, damit die Region für euch

spannend ist?“ Diese Fragen hat Stephanie

Arens bereits 2010 an junge

Leute herangetragen. Die Prokuristin

der Südwestfalen Agentur hat Filmprojekte

und Schulwettbewerbe initiiert.

„Wir wollten den Dialog mit

den jungen Leuten aber auf nachhaltige

Füße stellen und sie noch stärker

in die Gestaltung der Region mit einbeziehen“,

sagt Arens.

Aus dieser Überlegung ist eine Jugendkonferenz

und Denkwerkstatt

entstanden. Ihr Name: Utopia. Ihre

Idee: Junge, kreative Köpfe aus südwestfälischen

Städten und Dörfern

sagen, was sie stört – und entwickeln

Projekte, Gedanken und Ideen, wie

sich die Region in den kommenden

Jahren verändern kann und soll.

Rabea Leikop ist ein kreativer Kopf.

Die 26-jährige Angestellte aus Brilon

engagiert sich seit zwei Jahren bei Utopia.

„Die Chance darüber nachzudenken,

was ist cool, was ist uncool, und

neue Ideen zu entwickeln, hat mich

sofort angesprochen“, sagt sie. Die

Bandbreite der diskutierten Themen

sei enorm. „Wir reden über Mobilität,

Arbeitswelt, Digitalisierung oder

Nachhaltigkeit.“ Die Heimatliebe sei

bei vielen jungen Menschen in der Region

groß. Daher lohne es sich, über

Verbesserungen nachzudenken.

Praktika in Unternehmen

Dass die Utopien der jungen Leute

auch Wirklichkeit werden, zeigt das

„Gap Year Südwestfalen“. Ein Programm,

das Schülerinnen und Schülern

oder Studierenden nach ihrem

Abschluss ein Jahr mit drei verschiedenen

Praktika in drei heimischen

Unternehmen ermöglicht. Die Idee

dazu ist in einer Utopia-Zukunftskonferenz

entstanden. Ebenso wie ein

Tischkalender zu gendergerechter

Sprache, der mit jungen Leuten ent-

Auch beim Utopia Day in Rüthen entwickelten junge Leute neue Ideen

für ihre Heimat. Foto: Südwestfalen Agentur

wickelt wurde und über die Südwestfalen

Agentur vertrieben wird.

Durch Sitz und Stimme im Beirat

der Regionale 2025 habe man zudem

echten Gestaltungsspielraum. „Wir

entscheiden mit, welche Projekte vor

Ort umgesetzt werden“, sagt Leikop,

die sich im Utopia-Beirat engagiert. In

einer „Höhle der Löwen“ bei den Utopia

Days gebe man den Projektträgern

auch schon vorab Hinweise, wie die

Belange der jungen Leuten noch stärker

berücksichtigt werden können.

Die Präsenz in allen fünf Kreisen

im kommenden Jahr ist auch der Versuch,

noch mehr Mitstreiter für Utopia

zu gewinnen. „Wir sind mit der

Resonanz bisher zufrieden, aber es

könnten immer noch mehr Teilnehmende

sein“, so Rabea Leikop.

Stephanie Arens zieht ein positives

Zwischenfazit: „Die Utopist:innen

haben – aus ihrer aktuellen Lebenssituation

heraus – eine eigene

Haltung und ein eigenes Verständnis

für die Herausforderungen und Chancen

unserer Region und finden über

die Utopia einen Weg, diese auch zu

formulieren und damit aktiv an der

Zukunftsgestaltung in Südwestfalen

mitzuwirken. Genau deshalb ist dieses

Projekt so wichtig.“

Lobby-Vertretung der

Exil-Sauerländer

in Berlin gegründet

Berlin. Sie kommen aus verschiedenen

Parteien, machen sich in Berlin

aber für dieselbe Heimat stark: Bei der

ersten Veranstaltung der neu gegründeten

„Sauerländer Botschaft“ in Berlin

stellen sich mehrere Bundestagsabgeordnete

aus der Region dem

Gespräch. Zugesagt haben nach Angaben

des Netzwerks die CDU-Politiker

Friedrich Merz und Paul Ziemiak sowie

der Schirmherr der Veranstaltung, Dirk

Wiese (SPD), und seine Fraktionskolleginnen

Nezahat Baradari, Luiza Licina-

Bode sowie Bettina Lugk und der FDP-

Politiker Carl-Julius Cronenberg.

Sie alle sind aufgefordert, bei dem

Treffen jeweils ihre politische Agenda

zu präsentieren und in den Austausch

mit den Gästen zu treten – ganz besonders

über die Belange des ländlich

geprägten Sauerlands, wie der Geschäftsführer

der „Sauerländer Botschaft“,

Michael Herma, ankündigte.

Der Verein „Sauerländer Botschaft“

versteht sich als Netzwerk für

„Exil-Sauerländer“ in Berlin und

andere, die in der Hauptstadt die

Interessen der Region vertreten wollen

– etwa Unternehmerinnen und

Unternehmer, aber auch Politiker und

Politikerinnen sowie Funktionäre von

Verbänden und anderen Institutionen.

Sauerländer und Sauerländerinnen

haben „auf viele Herausforderungen

unserer Zeit schon

heute eine Lösung“, heißt es auf der

Homepage des Vereins. Diese Ideen

und Menschen müssten vernetzt

werden. dpa

SCHENKEN SIE IHREN

KUNDINNEN UND KUNDEN

EIN STÜCK GRÜN!

Staffelpreise ab 50 Stück,

ab 100 Stück mit Firmeneindruck.

WWW.GARTENMAGAZIN.DE/KONTAKT

6

Ausgaben

PRO JAHR!

TIPPS & TRICKS FÜR HAUS, TIER UND GARTEN.

IHR KONTAKT ZUM VERTRIEB | E-MAIL: LORENA.GERVERSMANN@LV.DE


BUCH EINS

8 | Westfalen in Zahlen

AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

Unter Strom

Eckdaten zur Energieversorgung in Westfalen

Watt und Wärme

36,8 % 194 239 56 %

Für die Erzeugung von Wärme wird

mehr Energie aufgewandt als für unseren

Strom. Anders als Strom kann

Wärme aber nicht über ein Leitungsnetz

beliebig weit transportiert werden,

sondern wird in der Regel vor

Ort erzeugt und verbraucht. Es liegen

daher wenig konkrete Statistiken dazu

vor. Im Hinblick auf den Klimaschutz

und die Umsetzung der Energiewende

hat der Wärmesektor aber mindestens

ebenso viel Potenzial.

des Stromverbrauchs

in Ostwestfalen

kann über erneuerbare Energien abgedeckt

werden. In den Regierungsbezirken

Münster (34,3 Prozent) und Arnsberg

(15,0) liegt der Anteil darunter.

tausend

Fotovoltaikanlagen

sind auf westfälischen Dächern montiert.

Das Münsterland führt mit 76.078

Anlagen vor Ostwestfalen (61.739) und

Südwestfalen (55.923) die Statistik an.

Megawatt

neu installierte

Leistung,

mehr Zubau an Windenergie gab es

2020 in Westfalen nicht. Bei einer Anlagenleistung

von 6 Megawatt sind das

nur 40 neue Windräder.

der Bruttostromerzeugung

in NRW

stammt aus Kohle.

Braun- und Steinkohle liefern mit zusammen

255.853 Terajoule weit mehr

Strom als Gas (23 Prozent) oder erneuerbare

Energien (18 Prozent).

10

Steinkohlekraftwerke

stehen in Westfalen. Außerdem gibt

es 20 Erdgas- und ein Mineralölkraftwerk.

Braunkohlekraftwerke gibt es in

Westfalen nicht.

2689

Windenergieanlagen

Andreas Pinkwart, Minister für Wirtschaft, Innovation, Digitalisierung und Energie in NRW:

„Die Energiewende ist uns eine Herzenssache - aber umsetzen müssen wir sie mit

Augenmaß und kühlem Verstand. Auch der Wind schläft mal, und die Sonne versteckt

sich täglich stundenlang hinter der Erdkugel. Das heißt: Bis unsere Ingenieure große

Speicher entwickelt haben, brauchen wir Gas- und Kohlekraftwerke.“

8526

Stromertrag je Regierungsbezirk

im Jahr 2020 aus erneuerbaren Energien

Wind (GWh/a)

waren Ende des Jahres 2020 in Westfalen

in Betrieb; je rund 1000 in den

Regierungsbezirken Detmold und

Münster, im Regierungsbezirk Arnsberg

stehen 626 Anlagen.

4668

3234 3355

1517 997

3609

Biomasse (GWh/a)

PV-Dachfläche (GWh/a)

1829 1439 1562 1322 798

70 %

Westfalen

Detmold

Münster

Arnsberg

der Energie,

die in Nordrhein-Westfalen aus

Rohstoffen gewonnen wird, stammt

aus Braunkohle. Nur 17 Prozent aus

erneuerbaren Energien. Mit dem

Ende der Steinkohleförderung geht

die Primärenergiegewinnung stetig

zurück.

Stromverbrauch und Wärmebedarf

im Jahr 2020 nach Regierungsbezirken

Detmold

16.553

29.548

159

Münster

21.134

30.891

Hektar

Arnsberg

28.832

46.855

werden im Regierungsbezirk Detmold

für Freiflächen-Fotovoltaikanlagen

in Anspruch genommen. Im

Münsterland sind es 75, in Südwestfalen

63 Hektar.

Quellen: LANUV, ITNRW

Westfalen

66.519

107.294

Stromverbrauch

(GWh/a)

Wärmebedarf

Raumwärme (GWh/a)


AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

www.landschaft-westfalen.de

BUCH ZWEI

Bochum: Alexander Richters Leben für den Fußball Seite 11 | Oberkirchen: Familie Feldmann-Schütte und ihre Bäume Seite 12 |

Westfalen: Hebammen schlagen Alarm Seite 15 | Münster: Fotograf Pan Walther und das Prinzip Licht Seite 16

SAUERLAND

Es grünt

so grün

Das Sauerland ist das

größte Anbaugebiet

für Weihnachtsbäume

Von Nicole Ritter

Am Wimpel zu erkennen: Sauerländer Weihnachtsbaum kurz vor der Ernte. Foto: David Inderlied/dpa

Die Preise für Weihnachtsbäume aus dem Sauerland

werden nach Einschätzung der Erzeuger zu

diesem Fest allenfalls leicht anziehen. „Die Preisspanne

liegt voraussichtlich zwischen 21 und

27 Euro pro laufendem Meter für eine Nordmanntanne“,

sagte Eberhard Hennecke, Vorsitzender der Fachgruppe

Weihnachtsbaum- und Schnittgrünerzeuger im Landesverband

Gartenbau NRW am Dienstag. Im vergangenen

Jahr war die Preisspanne mit rund 20 bis 25 Euro etwas

niedriger taxiert worden. Gestiegene Kosten bei Lohn,

Energie und Betriebsmitteln sorgten vor allem im Sortiment

der größeren Bäume für leichte Preissteigerungen.

Für Blautannen erwarten die Weihnachtsbaumerzeuger

einen Preis von 12 bis 16 Euro und für Fichten von 9 bis

12 Euro pro laufendem Meter.

Zur Eröffnung der diesjährigen Saison für den Weihnachtsbaumverkauf

im westfälischen Anröchte blickten

die Erzeuger auf ein gutes Jahr zurück: Dank ausreichenden

Regens und frostfreiem Frühling gebe es „gute Qualitäten

in allen Größen“, hieß es. Es sei davon auszugehen, dass

die Nachfrage der Verbraucher wie schon im vergangenen

Jahr erneut hoch sei. Echte Weihnachtsbäume seien weiterhin

im Trend – allein zur Vermeidung von Plastik, aber

eben auch, weil es sich um ein emotionales Produkt handele.

Der beliebteste Baum zum Fest sei weiterhin die

Nordmanntanne, gefolgt von Blaufichte und Nobilis. Immer

mehr Kunden kauften dabei direkt ab Hof: 25 Prozent

der Bäume werden dem Verband zufolge inzwischen bei

landwirtschaftlichen Betrieben gekauft.

Das Sauerland gehört zu den größten Anbaugebieten

für Weihnachtsbäume in Europa. Sie wachsen hier auf

einer Fläche von etwa 18.000 Hektar. Zuletzt seien rund

7 Millionen Weihnachtsbäume von dort pro Jahr verkauft

worden. In Deutschland werden jährlich 23 bis 25 Millionen

Weihnachtsbäume verkauft. mit dpa

Einblicke in den Anbau von Weihnachtsbäumen auf den Seiten 12/13

NRW stärkt Radverkehr

Erstes deutsches Flächenland

mit eigenem Fahrradgesetz

Als erstes Flächenland in der Bundesrepublik

hat NRW nun ein

Fahrradgesetz. Der Landtag nahm den

Entwurf mit den Stimmen der

schwarz-gelben Regierungsfraktionen

an. SPD und Grüne stimmten dagegen,

die AfD enthielt sich. Der Anteil

des Radverkehrs am Verkehrsaufkommen

in Nordrhein-Westfalen soll

von derzeit etwa 9 auf 25 Prozent

gesteigert werden.

Das Gesetz geht auf den Erfolg der

Volksinitiative „Aufbruch Fahrrad“

zurück, die mehr als 200.000 Unterschriften

gesammelt hatte. Daraufhin

war das Gesetz vom Haus des damaligen

Landesverkehrsministers Hendrik

Wüst (CDU) ausgearbeitet worden.

Wüst ist neuerdings NRW-Ministerpräsident.

Die Volksinitiative hatte als Zieldatum

das Jahr 2025 gefordert. Im

Entwurf der Landesregierung wird

dieses Datum nicht im Gesetzestext

verankert.

Das Rad soll in NRW künftig anderen

Verkehrsmitteln gleichgestellt

werden. Auch der Bau von barriere-

freien Gehwegen wird gestärkt. Die

Planung beim Ausbau von regionalen

Radwegen soll beschleunigt werden.

Das Ziel, dass niemand im Straßenverkehr

zu Schaden kommen soll,

wurde im Gesetz verankert. Die immer

beliebteren Lastenfahrräder werden

ebenfalls berücksichtigt.

Die SPD kritisierte das Gesetz als

„unambitioniert“. Es sei nicht mehr

als eine „warme Absichtserklärung“.

Unklar sei, wie das Gesetz vor Ort von

den Kommunen nun auch umgesetzt

werden solle. dpa

Radfahren bevorzugt – Münster macht das schon lange vor. Foto: Oliver Berg/dpa


Der Synodale Weg ist lang und steinig

Viele Laien gehen voran und warten vergeblich auf ihre Hirten

BUCH ZWEI

10 | Wir in Westfalen AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

Von Monika Schmelter, Theologin und Mitgründerin der Initiative Maria 2.0

IN DEN SCHUHEN VON …

Maria Schmelter sieht wenig Interesse am Dialog. Foto: privat

Gemeinsam unterwegs zu sein, das hört sich erst einmal gut an. Denn genau

das will die römisch-katholische Kirche mit dem Synodalen Weg, einem

jahrelangen Dialogprozess in Deutschland, demonstrieren. Es soll Schluss damit

sein, dass die Hirten vorwegmarschieren, stets vorgeben zu wissen, wo es

langgeht und die Schäfchen brav hinterhertrotten. Spätestens seit der Aufdeckung

des sexuellen Missbrauchs und den ungezählten Vertuschungen durch

die Hirten haben die Schäfchen aufgeschaut und begriffen, dass die Hirten die

Orientierung verloren haben.

DÜSSELDORF

Christian Mildenberger

Geschäftsführer des Landesverbandes

Erneuerbare Energien e.V. (LEE)

Es zeichnet sich in Berlin der politische

Wille ab, künftig 2 Prozent der Landesfläche

für Windenergie zu nutzen. Ist

dieses Ziel für Westfalen realistisch?

Eindeutig ja! In ganz NRW werden bislang

nur etwa schätzungsweise 0,8 Prozent

der Landesfläche für die Windenergie

genutzt. Wenn wir vom Ruhrgebiet

absehen, gibt es im gesamten

Land noch große ungenutzte Flächenpotenziale.

Den größten Nachholbedarf

sehen wir im Regierungsbezirk Arnsberg.

Es wäre für den Klimaschutz und

auch für viele Waldbauern viel gewonnen,

wenn in einem ersten Schritt so

schnell wie möglich zumindest auf den

von Borkenkäfern geschädigten Nutzwaldflächen

Windenergieanlagen errichtet

werden könnten.

In der Vergangenheit standen oft naturschutzrechtliche

Belange dem

Ausbau der Windkraft entgegen. Lässt

sich dieser Zielkonflikt lösen?

Auf jeden Fall, indem demnächst wirklich

in jedem Bundesland zwei Prozent

der Landesfläche für die Windenergienutzung

ausgewiesen werden. Bei der

Ausweisung dieser Flächen werden

naturschutzrechtliche Belange berücksichtigt,

sodass tendenziell kritische

Standorte bei Planungen unberücksichtigt

bleiben können. Auf den zwei

Prozent der jeweiligen Landesfläche für

die Windkraft muss dann der Klimaschutz

eindeutig Vorrang haben.

DREI FRAGEN AN ...

Wie ließen sich die Genehmigungsverfahren

beschleunigen?

Die Politik und die Genehmigungsbehörden

wären wirklich gut beraten,

endlich die Chancen der Digitalisierung

für das Genehmigungsprozedere zu

nutzen. Wir müssen von der heutigen

Praxis wegkommen, dass auf Kreisebene

Windprojekte genehmigt werden.

Wir brauchen eine zentrale digitale Anlaufstelle

im Land, die alle notwendigen

Verfahrensschritte mit der erforderlichen

Kompetenz und dem Know-how

wesentlich schneller und einheitlich

umsetzen kann. Die Zeiten, in denen

Personalnot und andere Faktoren in

den einzelnen Kreisen lange Verfahren

für die Genehmigung der Windenergieanlagen

verursachen, sollten sehr bald

der Vergangenheit angehören.

Foto: LEE

Durch den gemeinsamen Weg von Klerikern und Laien sollen längst überfällige

Reformen in der deutschen Kirche auf den Weg gebracht werden, um verlorenes

Vertrauen wiederzugewinnen. Manche versprechen sich viel von diesem Prozess,

bei dem es in vier Arbeitsforen um die Themen „Macht und Gewaltenteilung“,

„priesterliche Lebensform“, „Leben in gelingenden Beziehungen“ und „Frauen

in Diensten und Ämtern“ geht. Weit mehr als 200 Delegierte engagieren sich

meist ehrenamtlich und mit großem Engagement in diesem Prozess, während

einige Bischöfe mit Spitzengehältern noch bei keiner Arbeitssitzung anwesend

waren, obwohl sie sich alle verpflichtet haben, daran mitzuarbeiten.

Ich sehe diesen gemeinsamen Weg – wie übrigens viele andere in dieser

Kirche – durchaus sehr kritisch. Zum einen setzen viele Christen und Christinnen

eine große Hoffnung auf diesen zeit- und energieintensiven Prozess

beziehungsweise die daraus resultierenden Reformen, die nur enttäuscht werden

kann, weil etliche Themen gar nicht in Deutschland entschieden werden

können. Zum anderen können vereinbarte und vorgeschlagene Reformschritte

bis zum Schluss scheitern, weil die Geschäftsordnung vorsieht, dass es eine

Zweidrittelmehrheit der Bischöfe bei der letzten Abstimmung geben muss.

Schon hier kann von „gemeinsam“ und „ergebnisoffen“ nicht mehr die Rede

sein! Und zudem ist jeder Bischof nach Abschluss dieses Prozesses völlig frei,

ob er die dort verabschiedeten Beschlüsse in seinem Bistum umsetzt oder zu

Hause in der Schublade ablegt, wo bereits zig andere Reformpapiere vergilben.

Kritik und Skepsis an diesem Synodalen Weg sind wohl angebracht. Die

einen unken, der Prozess sei schon gescheitert, bevor er zu Ende sei, die anderen

gießen noch das zarte Pflänzchen Hoffnung. Fast tragisch scheint mir allerdings

zu sein, dass es viele Menschen überhaupt nicht mehr interessiert. Durch

einen jahrzehntelangen Reformstau haben sich sehr viele engagierte Menschen

von dieser Kirche verabschiedet, die neuesten Austrittszahlen liegen auf Rekordniveau.

Dabei hätte die Botschaft Jesu für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt

unglaublich viel beizutragen.

Foto: VM/Ralph Sondermann

Neue Ministerin

für Verkehr

… ist Ina Brandes. Die 44-jährige gebürtige

Dortmunderin war bisher für

den schwedischen Planungskonzern

Neue Direktorin

für die Pflege

Foto: privat

… in den LWL-Fachkliniken in Dortmund

und Marl-Sinsen ist Kristin

Assmann. Die 42-jährige gebürtige

Papenburgerin arbeitete nach einer

Ausbildung zur Kinderkrankenschwester

zunächst als Stationsleiterin

und schloss ein berufsbegleitendes

Pflegemanagement-Studium an der

Hochschule Osnabrück an. Die beiden

Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie,

-psychotherapie und -psychosomatik

bieten insgesamt 154

vollstationäre Behandlungsplätze an

und betreuen zusätzlich sechs Tageskliniken.

Der Pflege- und Erziehungsdienst

stellt 205 der 480 Klinikmitarbeitenden.

Sweco tätig; zuletzt als Sprecherin der

Geschäftsführung. Sie tritt die Nachfolge

von Hendrik Wüst an, der zum

CDU-Vorsitzenden und neuen Ministerpräsidenten

in Nordrhein-Westfalen

gewählt wurde. Anlässlich ihrer

Berufung sagte Brandes: „Die Nordrhein-Westfalen-Koalition

hat in den

vergangenen Jahren Rekordsummen

in Schiene, Straße und Radwege investiert,

um den Sanierungsstau der

Vergangenheit aufzulösen und den

Menschen bessere, sichere und saubere

Mobilitätsangebote zu machen.

Diesen pragmatischen und ideologiefreien

Kurs werde ich als neue Verkehrsministerin

Nordrhein-Westfalens

konsequent fortführen.“ Ihr Ministerium

fördert unter anderem neue

Forschungsprojekte zur Mobilität auf

dem Land und zum autonomen Fahren.

Neue Direktorin

des Museums

… Marta Herford ist Kathleen Rahn.

Sie folgt auf Roland Nachtigäller, der

das Haus zum Jahresende verlassen

wird. „Das Marta Herford ist ein außergewöhnliches

Museum und durch kluge

und herausragende Architektur sowie

die programmatische Gestaltung

meiner Vorgänger ein profiliertes Haus

mit internationaler Strahlkraft“, sagte

die Kunstwissenschaftlerin. Es sei ihr

eine große Ehre, dass sie diese reizvolle

Arbeit weiterführen und neue Impulse

setzen dürfe. Die 48-Jährige wurde

in Wesel geboren und lebt derzeit

mit ihrer Familie in Hannover.

Foto: Sebastian Golnow/dpa

… Christian Haase,

Parlamentarier

Foto: Deutscher Bundestag/Inga Haar

Die kommunale Selbstverwaltung ist

Christian Haase ein Herzensanliegen.

„Grundlage unseres Politikverständnisses

ist der Subsidiaritätsgedanke“,

sagt der Christdemokrat aus Beverungen

und spricht damit für die Kommunalpolitiker

der CDU und CSU.

Gerade ist er als kommunalpolitischer

Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion

im Amt bestätigt worden.

Bevor Haase 2013 das Direktmandat

für den Bundestag in seinem

Wahlkreis Höxter/Lippe II erstmals

erringen konnte, hat er die kommunale

Verwaltung von der Pike auf

gelernt. Mit 16 Jahren begann er bei

der Kreisverwaltung in Höxter, qualifizierte

sich weiter und wurde als

Diplomverwaltungswirt erst Beigeordneter

und dann Bürgermeister

der Stadt Beverungen.

Er weiß, wo bei den Kommunen

der Schuh drückt: „Entscheidend für

einen erfolgreichen Föderalismus

sind klare Strukturen und Zuständigkeiten

sowie die zur Aufgabenerfüllung

erforderlichen Mittel – im Besonderen

die notwendigen Finanzmittel.“

Förderprogramme des Bundes entpuppten

sich immer wieder als „goldene

Zügel“, weil der Bund nicht nur die

Mittel bereitstelle, sondern auch mitbestimme,

wie diese Mittel verwendet

würden. „Hinzu kommt, dass

Förderprogramme die Schere zwischen

finanzstarken und finanzschwachen

Kommunen weiter öffnen, da finanzschwache

Kommunen sich oftmals

den nötigen Eigenanteil nicht leisten

können. Kommunalpolitik muss

mehr Instrumente für die Gestaltung

vor Ort erhalten. Überbordende Bürokratie,

Förderdschungel und Finanzkorsett

haben uns schwer zu schaffen

gemacht. Mit neuem Elan müssen wir

vor Ort wieder die Innovationsmotoren

werden.“

Ob in der Regierungsfraktion oder

in der Opposition – Haase fühlt sich

dem ländlichen Raum verpflichtet:

„Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse

ist mir wichtig. Auch auf

dem Land müssen Wirtschaft und

Infrastruktur funktionieren. Dabei

spielt die Landwirtschaft weiterhin

eine große Rolle – nicht mehr nur als

regionaler Versorger mit Lebensmitteln,

sondern als Wirtschaftskraft,

Tourismusfaktor, wichtiger Akteur

der Energiewende, Teil des Ökosystems

und kulturelle Stütze des Gemeinwesens.“

sle


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

BUCH ZWEI

Porträt | 11

Im Bochumer Ruhrstadion wird nach elf Jahren endlich wieder Bundesligafußball gespielt. Alexander Richter hat hinter der Haupttribüne sein Büro. Fotos: Marco Stepniak

BOCHUM

Typ Trainer

Alexander Richter hat sich im Leben durchgebissen – das verlangt er auch

von den Talenten, die er beim VfL Bochum 1848 zu Bundesligaspielern formt

Von Stefan Legge

Die Sonne ist so gar nicht verstaubt an diesem Morgen an der

Castroper Straße. Hier, wo die Fans bei den Heimspielen des

VfL Bochum 1848 die Hymne von Herbert Grönemeyer und

damit ihre Heimatstadt Bochum besingen. Hier, wo in dieser

Saison nach elf Jahren endlich wieder Bundesligafußball gespielt

wird. Die Aussicht vom vierten Stock des Bürogebäudes am Ruhrstadion

ist ungetrübt – die Arenen in Gelsenkirchen und Dortmund sind gefühlt

nur einen Steinwurf entfernt. Kein Zweifel: Hier ist man mittendrin

im Fußball-Westen.

Alexander Richter hat hier oben sein Büro. Seit 2008 leitet er die Jugendarbeit

des Vereins. Beim VfL nennen sie ihr Nachwuchsleitungszentrum

„Talentwerk“. Die Nationalspieler Ilkay Gündogan, Lukas Klostermann und

Leon Goretzka haben hier Tempoläufe, Umschaltspiel und Pässe in die Tiefe

trainiert. Hier haben sie das Rüstzeug für die Champions League bekommen.

Überdurchschnittlich viele Bochumer Nachwuchskicker schaffen den

Sprung zu den Profis. Von Fußball-Glamour oder gar Überheblichkeit ist

hier aber keine Spur. „Ich weiß, wo ich herkomme“, sagt der 51-jährige

Familienvater Richter, der mittlerweile in Datteln wohnt.

„Wenn dein

Heimatverein

dich fragt,

überlegst

du genau

zwei Sekunden.“

Alexander Richter

Für die Talente gibt es in Bochum

ein eigenes Trainingsgelände.

„Natürlich habe ich auch davon geträumt Profi zu werden“

In Bochum-Hofstede aufgewachsen, kam er als Nachwuchskicker über seinen

Heimatverein SV Phönix Bochum zum VfL. „Natürlich habe ich auch davon

geträumt, Profi zu werden, aber in der A-Jugend wurde ich dann aussortiert.

Damals hat das wehgetan, im Nachhinein war das aber eine ganz wertvolle

Erfahrung. Wenn ich heute mit Jugendlichen diese Gespräche führe, weiß ich

genau, wie sich das anfühlt.“

Er bleibt trotzdem weiter am Ball. Als Spieler und als Trainer. Schon als

19-Jähriger beginnt er bei Westfalia Herne die E-Junioren zu coachen und

arbeitet sich hoch bis zu den B-Junioren in der damaligen Westfalenliga. Er

durchläuft erste Trainerlehrgänge beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und

muss an der Basis auch mal improvisieren. „Samstagmorgens habe ich mit

meinem alten Fiat Punto die Nachzügler, die keine Wecker hatten, von zu

Hause abgeholt, damit wir überhaupt eine Mannschaft auf den Platz bekamen“,

erinnert er sich.

Auch auf anderen Feldern muss er kämpfen. „Mein Vater wurde arbeitslos,

und zu Hause war das Geld knapp. Ich habe nachts ab 3 Uhr Fleischwurst

ausgefahren, Farbe in einem Bochumer Farbenwerk abgefüllt, für die Ruhr

Nachrichten geschrieben und noch andere Nebenjobs gemacht.“ Malochen

halt – auch um sein Sportstudium an der Ruhr-Universität zu finanzieren.

Nebenher immer Fußball – als Spieler und als Trainer. „Ich bin manchmal fast

im Stehen eingeschlafen“, sagt er heute lachend.

In dieser Schule des Lebens hat er viele wertvolle Kontakte geknüpft. Uwe

Neuhaus war sein Coach in der zweiten Mannschaft von Wattenscheid 09.

Der spätere Bundesligatrainer von Arminia Bielefeld und Union Berlin sprach

Sonderregelungen mit Richter ab, wenn er mal zu einem Lehrgang musste

oder eine Überschneidung mit dem Nachwuchstraining in Herne auftrat.

Einer, mit dem er für den Trainerschein büffelte, fiel damals schon als herausragendes

Talent auf: „Bei Jürgen Klopp hat man früh gemerkt, dass er eine

besondere Ansprache an die Spieler hat“, denkt Richter zurück. Und auch sein

Kumpel aus Studienzeiten ist unter Fußballfans kein Unbekannter. Markus

Kauczinski war zuletzt Cheftrainer von Dynamo Dresden.

Ein Netzwerk, das Richter sicher geholfen hat, 2001 beim DFB als Stützpunkt-Koordinator

anzufangen. „Das erste Mal, dass ich tatsächlich nur einen

einzigen Job hatte.“ Einen, der ihn allerdings auch forderte. Denn ganz Ostwestfalen-Lippe

und Teile Südwestfalens gehörten zu seinem Zuständigkeitsbereich.

Nach dem frühen Ausscheiden der Nationalmannschaft bei der EM

2000 sollte die Talentförderung im deutschen Fußball komplett neu aufgestellt

werden. Auch die Trainerausbildung wurde stärker in den Blick genommen.

A-Lizenzinhaber Richter hat hier Basis- und Pionierarbeit geleistet.

„Da ist ein Traum wahr geworden“

2007 kam dann der Anruf vom VfL Bochum. „Wenn dein Heimatverein

dich fragt, ob du dort Jugendcheftrainer werden willst, überlegst du genau

zwei Sekunden“, schildert Richter seine damalige Gefühlslage. „Da ist ein

Traum wahr geworden.“ Seit 2008 verantwortet er die Nachwuchsarbeit

und hat sie professionell aufgestellt. Sein Team von über 100 Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern betreut 180 Kinder und Jugendliche in verschiedenen

Altersklassen. Allein an die 30 Fahrer holen die Spieler von ihren Wohnorten

ab und bringen sie abends nach dem Training wieder nach Hause.

„Seit einigen Jahren haben wir fest angestellte Trainer, Fachbereichsleiter

und pädagogische Fachkräfte. Nur so und nur als Team können wir uns um

jeden einzelnen Spieler kümmern und ihn individuell besser machen“, sagt

Richter. Denn letztlich geht es hier darum, die Besten zu finden und zu formen.

Der Anspruch ist, bereits bei den Acht- und Neunjährigen eine so gute

Auswahl zu treffen, dass später die Fluktuation gering bleibt.

„Scouting“, wie es in der modernen Fußballsprache heißt, ist also eine zentrale

Aufgabe von Richters Team. Bis zur U13 werden regelmäßig Spieler

aus kleineren Vereinen zu Perspektivtrainings eingeladen. So finden auch

schon mal Kicker aus Rheine oder Siegen den Weg ins Talentwerk nach

Bochum. Wenn sie älter werden, können sie in einem Talentehaus wohnen.

„Lieber ist es uns aber, wenn die Jugendlichen so lange wie möglich in ihren

Familien bleiben“, sagt Richter.

Der Bundesligaspieler von morgen müsse vor allem Hartnäckigkeit und

Durchsetzungsfähigkeit mitbringen. Technik und Ausdauer ließen sich

durch stetiges Training erlernen, ist sich Richter sicher. „Nur bei der

Schnellkraft und der Schnelligkeit gibt es genetische Voraussetzungen, die

wir nicht komplett aushebeln können.“ Aktuell ist er besonders stolz auf die

Innenverteidigung des Bundesligisten. Maxim Leitsch und Armel Bella-

Kotchap haben beide den Sprung aus dem Talentwerk zu den Profis geschafft.

Es werden nicht die Letzten sein. „Als Verein, der finanziell nicht auf Rosen

gebettet ist, sind wir mit unserer Strategie, jungen Spielern eine Chance zu

geben, in der Vergangenheit gut gefahren“, sagt der Chefausbilder des VfL

Bochum 1848. Dass die Stars von morgen auch ein Stück Bodenhaftung mit

auf den Weg bekommen, dafür wird Alexander Richter schon sorgen.


BUCH ZWEI

12 | Feature

AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

SCHMALLENBERG-OBERKIRCHEN

„Eine Kultur wie

Zwiebeln oder Möhren“

Seit Generationen baut die Familie Feldmann-Schütte

Weihnachtsbäume an. Über eine Tradition im Wandel der Zeit

Von Nicole Ritter

Marianne Feldmann-Schütte

etikettiert für die diesjährige Ernte. Foto: Heidi Bücker

Z

wischen großen, kleinen, geraden und manchmal auch

ein bisschen krummen Bäumchen lässt Marianne Feldmann-Schütte

noch einmal den Blick schweifen, ehe sie

zum letzten Etikett greift: „Ausgezeichnet!“ Viele Tage

hat sie auf den 120 Hektar des Familienbetriebs in

Schmallenberg-Oberkirchen verbracht, um die Bäume

für den diesjährigen Verkauf auszuwählen. Jetzt wehen

gelbe, rote, blaue und manchmal auch gestreifte Wimpel

in den Baumspitzen. Diese Bäume – kleine, mittlere und

große – werden an Weihnachten in deutschen und niederländischen

Wohnzimmern stehen. Die ganz großen,

etwa 10 Meter lang, liegen jetzt, Anfang November,

schon am Waldrand bereit, fertig eingenetzt. Sie warten

auf den Abtransport, um in der Adventszeit Rathäuser

und Marktplätze zu zieren. Und in den Waldstücken mit

den 20, 30 Meter hohen Blau- und Rotfichten, den

besonders wohlriechenden Nobilistannen, grüngelben

Thujen und natürlich Nordmanntannen liegen große

Haufen mit Schnittgrün unter den Bäumen, die zu 5-Kilogramm-Bündeln

gepackt das Material für Adventskränze,

Gestecke und Sträuße bilden.

30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zurzeit im

Betrieb der Familie Feldmann-Schütte damit beschäftigt,

das Weihnachtsgeschäft voranzutreiben. „Die heiße

Phase im Jahr“, erklärt am Küchentisch Georg Feldmann-

Schütte, die er vor allem mit Saisonarbeitern aus Osteuropa

bestreitet. Anfang des Jahres sinkt die Mitarbeiterzahl

gegen null, im Sommer sind es etwa 15. „Anders

geht das heute leider gar nicht mehr“, berichtet der Hausherr

und bedauert, dass auch Auszubildende, denen er

gern in Kooperation mit anderen Forstbetrieben eine

berufliche Perspektive in seinem Wald bieten würde,

nicht mehr zu bekommen seien. Denn: Die Arbeit ist

hart, nicht nur in diesen letzten Wochen im Jahr, wenn

die Ernte beginnt. Bis ein Weihnachtsbaum schließlich

so weit ist, dass an seinen Ästen Lichter, Kugeln und

Figürchen hängen können, vergehen mindestens sechs

bis zehn Jahre, und jeder Baum bekommt immer wieder

Besuch von einem Menschen, der ihn düngt, pflegt und

schneidet. 80 Stunden pro Hektar im Jahr, rechnet man,

sind in eine Weihnachtsbaumplantage an Zeit zu investieren,

ähnlich viel wie in einen Weinberg.

Viel Handarbeit in der Plantage

Was in der Plantage zu tun ist, demonstriert Lisa Feldmann-Schütte,

die älteste Tochter von Marianne und

Georg Feldmann-Schütte. Die Bäume reichen der hochgewachsenen

jungen Frau auf diesem Waldstück knapp

unters Kinn, und hier und da hat auch schon der eine oder

andere Baum einen roten, gelben oder blauen Wimpel.

Sie sind etwa sieben Jahre alt und machen bald Platz für

die umstehenden Bäume. Mit einem speziellen Werkzeug

haben im vergangenen Sommer Mitarbeiter den

obersten Trieb der Nordmanntannen eingeritzt, damit

dieser nicht zu stark austreibt. „Das Ziel ist, einen möglichst

gleichmäßigen Wuchs zwischen den Quirlabständen

zu erreichen“, erklärt Lisa Feldmann-Schütte, die Forstwirtschaft

studiert hat und nun die Eltern im Betrieb

unterstützt. Oft klemmt noch ein Stäbchen an der Spitze.

„Das soll verhindern, dass Vögel im Sommer auf der

noch weichen Triebspitze landen und sie abbrechen.“

Auch den Austrieb der Zweige kontrollieren die Forstarbeiter

regelmäßig, damit der Baum am Ende eine schöne

Pyramide bildet. Düngen, mähen und Maßnahmen für

den Pflanzenschutz kommen hinzu. Sie roden alte und

bepflanzen neue Flächen. Mit drei Jahren kommen die

kleinen Tannen aufs Feld, vor Wildverbiss mit einer Eingatterung

geschützt. Unter hohen Bäumen im Wald ist

der Boden zwar übersät von Sämlingen, die Jungpflanzen

stammen aber aus altem Baumbestand und werden nach

der Zapfenernte in Baumschulen gezogen.

Die Nordmanntanne trifft man auf den verschiedenen

Parzellen der Feldmann-Schüttes am häufigsten an, der

Deutschen liebsten Weihnachtsbaum. Zumindest seit der

Anbau der Bäume in eigens dafür angelegten Plantagen

„MIT DEM

STEIGENDEN

WOHLSTAND

WOLLTE MAN

SICH EINEN

SCHÖNEREN

WEIHNACHTS-

BAUM

GÖNNEN.“

Georg Feldmann-

Schütte, Oberkirchen

vor sich geht. Historisch waren es die einfachen Fichten,

die die Bauern aus dem Hochwald holten und dann für

kurze Zeit in der guten Stube aufstellten, erzählt Georg

Feldmann-Schütte. „Das war die sogenannte kalte Pracht“,

sagt er und lacht. Nur an vier Tagen habe man damals die

Stube geheizt, ansonsten hatte es die Fichte schön kühl.

Kurz nach Neujahr warf sie dann trotzdem die Nadeln ab.

Feldmann-Schüttes Onkel hatte in den 1950er-Jahren

begonnen, beständigere Blaufichten speziell als Weihnachtsbäume

zu kultivieren.

Eine Zeit, in der sich die gesamte Landwirtschaft im

Sauerland im Umbruch befand, landwirtschaftliche Flächen

nicht mehr produktiv genug waren für Ackerbau

und Viehzucht, zugleich Waldflächen wieder aufgeforstet

werden sollten. „Mit steigendem Wohlstand wollte man

sich auch einen schöneren Weihnachtsbaum gönnen“,

kommentiert Feldmann-Schütte. Die Blaufichte entsprach

diesem Anspruch, gefiel in Form und Farbe und brachte

gute Preise. Die Nordmanntanne verdrängte sie erst später

vom ersten Platz. Feldmann-Schütte begann mit deren

großflächigem Anbau in den 1990er-Jahren.

Wie die Kulturen, so änderte sich mit der Zeit auch

die Logistik: Waren es früher die Kohlen- und Kartoffelhändler

aus dem Ruhrgebiet, die auch die Weihnachtsbäume

aus dem Sauerland in die Städte transportierten,


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

BUCH ZWEI

Feature | 13

O Tannenbaum

ZUCKERWERK, ÄPFEL UND WACHSLICHTER – Goethes „Werther“ wird eine der ersten

Erwähnungen des geschmückten Baums in der deutschen Literatur zugeschrieben.

Wann der „Christbaum“ tatsächlich zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde, darüber

sind die Gelehrten nicht ganz einig, irgendwann im späten Mittelalter wird es wohl gewesen

sein. Fest steht aber, dass der Brauch, zur Wintersonnenwende frisches Grün aus dem

Wald zu holen, schon in vorchristlicher Zeit bestand.

Das Grün als Symbol der Lebenskraft und der Hoffnung ist bis heute mit Regionen verbunden,

in denen immergrüne Bäume zahlreich wachsen – beispielsweise im Sauerland.

Etwa 30 Prozent der in Deutschland zu Weihnachten aufgestellten Tannen, Fichten und

Kiefern stammen aus dem Hochsauerlandkreis.

//aus

ge

zeich

net*

Hanglage ist typisch für das

Hochsauerland.

Nobilistannen liefern robustes Schnittgrün.

Fotos: Nicole Ritter

gehen die Produzenten heute viele verschiedene Wege.

Manche haben eigene Verkaufsstände, andere verkaufen

Bäume online oder beliefern Bau- und Supermärkte.

Feldmann-Schütte hat seit vielen Jahren feste Geschäftsbeziehungen

in die Niederlande und zum Groß- und Fachhandel.

Was sich allerdings nicht geändert hat, ist das

Ansehen der Weihnachtsbaumproduzenten. „Es gibt ein

paar Ganovenbranchen in Deutschland“, erzählt er

schmunzelnd, „und wir gehören neben Schaustellern und

Sägewerkern dazu.“ Dabei sitzt die Bürokratie den

Weihnachtsbaumanbauern nicht nur mit der Finanzkontrolle

Schwarzarbeit im Nacken. „Es ist auch sonst

alles geregelt“, sagt er. Denn eigentlich seien Weihnachtsbäume

„eine Kultur wie Zwiebeln oder Möhren“.

Der Sturm Kyrill änderte alles

Seit 1980 sind Weihnachtsbaumkulturen allerdings

genehmigungspflichtig, seit 198 schon gelten sie außerhalb

des Waldes auf landwirtschaftlicher Nutzfläche

nicht mehr als Wald und neue Kulturen als Eingriff in

Natur und Landschaft. Und dann kam 2007 der Sturm

Kyrill. „Waldbauern standen damals vor einem großen

Problem“, erinnert sich Feldmann-Schütte. „Ein umgefallener

Wald, das bedeutet 40 Jahre keine Einnahmen.“

Zudem der schlechte Holzpreis. Die Folge: Viele verlegten

sich erst einmal aufs Weihnachtsbaumgeschäft – so viele,

dass die Landesregierung auch da einen Riegel vorschob:

„Da wollte man den Weihnachtsbaumkerlen das Handwerk

legen“, sagt Georg Feldmann-Schütte. Seit 2013

dürfen auf Waldflächen keine Weihnachtsbäume mehr

neu angepflanzt werden, bestehende Flächen haben Bestandsschutz

bis 2028, PEFC-zertifizierter ökologischer

Anbau bis 2045. Für historisch gewachsene Betriebe wie den

der Familie Feldmann-Schütte bedeutet das: Es gibt Kulturen

auf Waldflächen und auf landwirtschaftlichen Flächen,

es gibt konventionelle Flächen und ökologische Flächen,

es sind Zertifikate und Audits notwendig, unterschiedliche

Behörden sind zuständig. An den Folgen des Sturms

Kyrill arbeiten sich die Waldbesitzer bis heute ab. Und die

Folgen späterer Waldschäden wie der jüngsten Borkenkäferplage

sind noch lange nicht absehbar.

In diesem Jahr aber gilt: Es gibt eine Menge prächtiger

Weihnachtsbäume. Nach den letzten Dürresommern mit

entsprechend schwachem Wuchs sind Bäume und

Schnittgrün 2021 dicht und prall. Der Borkenkäfer ist im

Hochsauerland noch nicht ganz so stark verbreitet wie in

tiefer gelegenen Wäldern, sagt Lisa Feldmann-Schütte.

50.000 Bäume und 100 Tonnen Schnittgrün werden in

den nächsten Wochen den Hof der Familie verlassen.

Und dann ist erst mal: Weihnachten.

*Medien aus

gutem Hause.

BUNTEKUH Medien bündelt

die Corporate-Publishing-Aktivitäten

von Landwirtschaftsverlag

und Lebensmittel Praxis Verlag.

Kontakt:

info@buntekuh-medien.de

Hülsebrockstraße 2–8

48165 Münster

Telefon: 02501/8013271


BUCH ZWEI

14 | Berichte AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

Neuer Schub für

Medizin-Projekt

Siegen. Das Modellvorhaben „Medizin

neu denken“ der Universitäten Bonn

und Siegen hat mit der Gründung

einer interdisziplinären Einrichtung

einen weiteren Meilenstein genommen.

Unter dem Titel „Digitale Medizin

und Versorgungsforschung im ländlichen

Raum“ sollen neue Ansätze in

Lehre und Forschung entstehen,

die dazu beitragen, die gesundheitliche

Versorgung im ländlichen Raum in

Zukunft sicherzustellen. Ein Schlüssel

soll die Digitalisierung sein. Beteiligt

sind neben den Hochschulen fünf

Kliniken in Bonn und Südwestfalen.

Durch das Vorhaben sollen Studierende

der Humanmedizin in Bonn und

medizinnaher Studiengänge in Siegen

an die Herausforderungen in der

medizinischen Versorgung in ländlichen

Regionen herangeführt werden,

heißt es von der Universität Siegen:

„Der wissenschaftliche Ansatz der

Einrichtung orientiert sich an den

Bedürfnissen der Patienten und stellt

statt der Technik den Menschen in

den Mittelpunkt.“

„Münster-Mumie“

zurück im Museum

Münster. Eine aufwendig restaurierte

Mumie ist nun wieder dauerhaft im

Archäologischen Museum der Universität

Münster zu sehen. Nach einer

zweijährigen Wanderausstellung durch

Japan betteten Museumsmitarbeiter

das Exponat mitsamt reich verziertem

Holzsarg wieder in seine Vitrine,

teilte die Universität Münster mit.

Die Mumie mit bewegter Geschichte

ist nun wieder Teil der Dauerausstellung.

Der rund 2700 Jahre alte mumifizierte

Körper eines jungen Mannes

und ein auf das Jahr 950 vor Christus

datierter reich verzierter Sarg stammen

als Dauerleihgabe von einem

Gymnasium in Mülheim an der Ruhr.

Sie waren bereits 1978 in die Obhut

des Museums gegeben worden, hatten

wegen ihres schlechten Zustands

jedoch jahrzehntelang im Depot geschlummert,

bis sie vor einigen Jahren

aufwendig restauriert worden waren.

Wettbewerb für

Schülerzeitungen

Münster. Gesucht wird: die beste

Schülerzeitung Westfalens. Am Wettbewerb

der Kulturstiftung der Westfälischen

Provinzial Versicherung

können Nachwuchsredaktionen der

Grund- und weiterführenden Schulen

teilnehmen. Bewerben können sich

die Redaktionen mit ihren aktuellen

Print- oder Onlineausgaben. Für die

weiterführenden Schulen gibt es

daher zum ersten Mal zwei Kategorien

und damit auch zwei erste Preise.

„Die Medienwelt verändert sich

konstant, und das in einem rasanten

Tempo. Für die Generation, die

jetzt an unserem Wettbewerb teilnimmt,

ist diese Schnelligkeit jedoch

die Norm“, sagt Thomas Tenkamp,

Geschäftsführer der Kulturstiftung

und Jurymitglied. Die Redaktion der

besten Schülerzeitung im Printformat

an weiterführenden Schulen gewinnt

einen Interview-Workshop bei den

Westfälischen Nachrichten. Die beste

digitale Schülerzeitung besucht die

Redaktion des Radiosenders Antenne

Münster. Außerdem gibt es für beide

Redaktionen technische Ausrüstung

zu gewinnen, um zukünftig noch

besser an den Zeitungen arbeiten

zu können. Die Siegergrundschule

bekommt als Preis Besuch vom

Zauberkünstler Dirk Windeck alias

Patrick Mirage. Er zaubert nicht nur,

sondern verrät auch den einen oder

anderen Trick.

OSTWESTFALEN

Artenreiche

Kulturlandschaft

Das Bowling-Projekt setzt auf einfache,

aber wirkungsvolle Maßnahmen

Von Stefan Legge

Die Landwirte in Ostwestfalen-Lippe

(OWL) haben sich die Förderung

der Artenvielfalt auf die Fahne

geschrieben. Im Bowling-Projekt, das

den A-Status als Regionale- 2022-Projekt

erringen konnte, soll in vielen

kleinen Schritten ein großes Ziel verfolgt

werden. „Bowling“ steht für

„Bauern in OWL für Insekten-, Naturund

Gewässerschutz“.

Michael Stotter, ausgebildeter

Landwirt und Agrarwissenschaftler

bei der Stiftung Westfälische Kulturlandschaft,

betreut das Projekt und

macht die Umsetzung an einem konkreten

Beispiel deutlich: „Die Feldwege

zwischen den Ackerflächen

wurden von unseren Vorvätern noch

anders bewirtschaftet“, berichtet er.

„Durch Beweidung oder Abfuhr und

Nutzung des Aufwuchses gab es früher

einen stetigen Stickstoffentzug

und damit günstigere Entwicklungsbedingungen

für heimische Wildkräuter.“

Heute würden dagegen die

meisten Feldwege gemulcht. „Der

Westfälisches Wörterbuch:

Wo ist das „Z“ geblieben?

Münster. Nach fast 50 Jahren ist das

Westfälische Wörterbuch des Landschaftsverbandes

Westfalen-Lippe

(LWL) fertig: Mit dem fünften Buchband

vervollständigt die LWL-Kommission

für Mundart- und Namenforschung

Westfalens die bisher umfangreichste

Dokumentation westfälischer

Sprache. Elf hauptamtliche und viele

ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter haben im Laufe der Jahre

an dem Projekt geforscht, berichtet

Markus Denkler, Geschäftsführer der

LWL-Kommission. „Unser Anspruch

war es, den westfälischen Wortschatz

ausführlich im Hinblick auf seine Bedeutungsdifferenzierungen

und seine

lautliche Vielfalt zu behandeln.“

Dass dieses Langzeitprojekt nun

wie geplant fertiggestellt werden

konnte, sei insbesondere dem Engagement

von Robert Damme zu verdanken.

Der Projektverantwortliche

hat seit 1985 an dem Wörterbuch gearbeitet

und es sich zum Ziel gesetzt,

ausbleibende Nährstoffentzug, die

Mulchschicht und ein kontinuierlicher

Nährstoffeintrag über die Atmosphäre

begünstigen die Gräser, wodurch

die meist konkurrenzschwachen

heimischen Wildkräuter in ihrer

Entwicklung unterdrückt werden“,

erklärt Stotter. Die Folge: Die meisten

Feldwege und Wegränder sind heute

überwiegend durch Gräser geprägt

und artenarm.

das Projekt bis zu seinem Ruhestand

abzuschließen: „In den 1990er-Jahren

lag noch nicht einmal der erste Band

vollständig vor. Es war vollkommen

unklar, ob das Wörterbuch jemals fertiggestellt

werden kann“, berichtet

der 67-Jährige. Einen ausführlichen

Bericht über seine Arbeit veröffentlichte

Landschaft Westfalen in Ausgabe

4/2021.

Das Wörterbuch erstreckt sich

nun auf fünf Bände mit über 3600

Seiten und rund 90.000 Stichwörtern

von „A“ (Ausruf bei unangenehmen

Empfindungen) bis „Ypern“ (Stadt in

Flandern). Und wo bleibt das „Z“? Das

gibt es im Niederdeutschen schlichtweg

nicht: Wörter, die im Hochdeutschen

mit „Z“ beginnen, haben im

Niederdeutschen zumeist ein „T“ am

Anfang, wie beispielsweise „Tied“

(Zeit), „to“ (zu) oder „tehn“ (ziehen).

Im kommenden Jahr wird eine digitale

Version kostenfrei verfügbar sein.

woerterbuchnetz.de

Endlich fertig: Robert Damme freut sich auf den Ruhestand. Foto: LWL/Markus Bornholt

Regiowiese statt Grasnarbe

Initiiert durch das Bowling-Projekt

und nach Austausch mit Akteuren des

Arbeitskreises Biodiversität der Stadt

Löhne plant die Stiftung Westfälische

Kulturlandschaft zusammen mit der

Stadt Löhne die Artenvielfalt auf einigen

Feldwegabschnitten durch gezielte

Maßnahmen zu erhöhen. Dazu

werden ortsansässige Landwirte mithilfe

ihrer Maschinen die stickstoffund

humusreiche Grasnarbe von geeigneten

Feldwegen abtragen und

Regiosaatgut aufbringen, erklärt Stotter.

Im Frühjahr soll es damit in der

Feldflur von Löhne-Mennighüffen

losgehen.

Doch das ist nur ein Beispiel. Heckenpflege,

Anlage von Lesesteinhaufen

oder Entschlammung von Kleingewässern

– Bowling setzt auf einfache,

aber ökologisch funktionale

Maßnahmen und auf ehrenamtliches

Engagement. „Das kann im Grunde

jeder machen. Wir sprechen ausdrücklich

nicht nur die Landwirte an“,

sagt Michael Stotter.

Viele Heimat- und Bürgervereine

engagierten sich bereits für den Umwelt-

und Naturschutz. Für eine naturschutzfachliche

Beratung und

neue Ideen seien sie oft dankbar. Gerne

könnten sich Interessierte bei ihm

An den Wegrändern soll wieder mehr blühen. Foto: Shutterstock

Rolle vorwärts:

Wer hat Preise gewonnen?

Siegen/Versmold. Bereits zum vierten

Mal wird 2021 „Rolle vorwärts,

der Preis des Westfälischen Heimatbundes

(WHB) für frische Ideen“ verliehen.

Mit dieser Auszeichnung prämiert

das Kuratorium des WHB seit

2015 in zweijährigem Rhythmus besonders

vorbildliches bürgerschaftliches

Engagement von Heimatakteurinnen

und -akteuren in Westfalen.

Zwei Preise zu je 4000 Euro werden

vergeben. Die Auszeichnung in

der Kategorie Innovation erhielt in

diesem Jahr das Projekt „Gemeinschaftsgarten:

Lebensmittel als Kultur-

und Gemeingut“ des Heimatund

Verschönerungsvereins Siegen-

Achenbach. Der Verein leiste „einen

wichtigen Beitrag zur Demokratiebildung

und zum gesellschaftlichen

Zusammenhalt“, führte Thomas Tenkamp,

Geschäftsführer der Kulturstiftung

der Westfälischen Provinzial

Versicherung, in seiner Laudatio aus.

Die Stiftung unterstützt den Preis.

melden. „Wir wollen, dass Gemeinschaftsaktionen

unterschiedlicher

Gruppen zur ökologischen Aufwertung

der heimatlichen Landschaft entstehen“,

bringt Projektleiter Stotter es

auf den Punkt.

Getragen wird das Projekt von der

Stiftung Westfälische Kulturlandschaft

und dem Bezirksverband OWL

des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes,

in Kooperation

mit der Westfälisch-Lippischen Landjugend

und unterstützt durch den

Lippischen Heimatbund, den Westfälischen

Heimatbund und die Landwirtschaftskammer

NRW. Finanziell

gefördert wird das Projekt durch die

Stiftung LV Münster sowie durch die

Stiftung Westfälische Landschaft.

Emil, Anni, Justus und Ben freuen sich über den Gewinn. Foto: WHB

Den Preis in der Kategorie Nachwuchs

erhält der Heimatverein Bockhorst

aus dem Kreis Gütersloh für das

Projekt „Kiebitz-Kids“. Mit dieser

„Draußen-Gruppe“ begeistere der

Verein Kinder vorwiegend im Grundschulalter

auf spielerische Weise für

ihr nahes Umfeld. Das offene, kostenlose

Angebot befördere einen Austausch

über die Generationen hinweg

sowie die Identifikation mit Ort und

Verein, so die Begründung. Stifter

dieses Preises sind die Sparkassen in

Westfalen-Lippe.

Silke Ehlers, Geschäftsführerin

des WHB, würdigte die Preisträger:

„Diese beispielgebenden, mit einem

hohen persönlichen Einsatz verbundenen

Initiativen sollten nicht als

Selbstverständlichkeit angenommen

werden. Es braucht eine zeitgemäße

Anerkennungskultur, die wahr- und

ernst nimmt, indem sie Ermöglichungsstrukturen

für Engagement

schafft.“


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

BUCH ZWEI

Berichte | 15

WESTFALEN

„Es wird am Personal gespart“

Barbara Blomeier zur angespannten Lage in der Geburtshilfe

Interview: Stefan Legge

Barbara Blomeier ist Vorsitzende im Landesverband der Hebammen NRW.

Foto: Hebammenverband

Warum mussten zuletzt einige Kreißsäle

überraschend schließen?

Vorübergehende Schließungen beziehungsweise

die akute Abmeldung

vom Rettungsdienst erfolgen immer,

weil zu wenig Hebammen im

Dienst sind. Wenn sowieso schon

mit zu dünner Personaldecke kalkuliert,

also zu wenig Personal eingestellt

wurde, kann die geburtshilfliche

Versorgung nicht mehr aufrechterhalten

werden, sobald sich eine

Hebamme zu viel krank meldet.

Wann kommt es zur endgültigen

Schließung von Geburtsstationen?

Die endgültigen Schließungen kommen

meistens aus wirtschaftlichen

Gründen zustande. Geburtshilfe wird

über Fallpauschalen finanziert, die

aber den Zeit- und Personalaufwand

nicht wirklich abbilden. Je länger eine

normale Geburt ohne Eingriffe dauert,

umso größer wird das Minus, das

das Krankenhaus damit einfährt. Also

wird als Erstes am Personal gespart

und im zweiten Schritt dann irgendwann

die defizitäre Abteilung ganz

geschlossen. Das können sich die Kliniken

als Wirtschaftsunternehmen

auch erlauben, denn Geburtshilfe ist

nicht zwingend Bestandteil der Versorgung,

die gewährleistet sein muss.

Gibt es zu wenig Hebammen?

Die Ursache für das Problem – zumindest

in NRW – ist nicht der Mangel

an Hebammen, sondern der Mangel

an Kapazitäten und Leistungsangeboten.

Längst nicht jede Hebamme arbeitet

Vollzeit. Viele arbeiten mit kleinem

Stellenanteil in einer Klinik und

parallel dazu freiberuflich in Schwangerenvorsorge

und Wochenbettbetreuung.

Unbesetzte Stellen in den

Kreißsälen haben auch viel damit zu

tun, dass die Arbeitsbedingungen

nicht stimmen. Die Hebammen machen

es nicht mehr mit, dass sie aus

dem Kreißsaal irgendwohin beordert

werden, wo sie Tätigkeiten ausführen

müssen, die nichts mit Geburtshilfe

zu tun haben. Sie bewerben sich auch

nicht in Kliniken, von denen man

weiß, dass sie an Personal sparen, keinen

24-Stunden-Putzdienst haben

und von der Hebamme verlangen, die

Aufgaben einer Sekretärin zu übernehmen.

Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft

der Geburtshilfe im ländlichen

Raum aus?

Was im ländlichen Raum die Kilometer

zur nächsten Geburtsklinik sind, ist

in Ballungsgebieten die lange Fahrtzeit

mit Staus und Feierabendverkehr. Wir

brauchen flächendeckend eine gute

Versorgung mit geburtshilflichen Abteilungen.

Schon 2015 hat unser Gesundheitsministerium

im Abschlussbericht

des Runden Tisches Geburtshilfe

NRW festgeschrieben, dass

Frauen 20 bis maximal 40 Minuten

unterwegs sein sollen, innerhalb dieser

Zeit also ein Kreißsaal zu erreichen sein

soll. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Wer kann gegensteuern?

Der neue Krankenhausplan NRW sollte

dem Problem Rechnung tragen. Leider

ist Geburtshilfe dort nicht auf einer

Linie mit Schlaganfalleinheit und Unfallchirurgie,

sodass es den Kliniken

weiterhin überlassen bleibt, ob sie

Kreißsäle betreiben wollen oder nicht.

Es wird daher weitere Schließungen

von Kreißsälen geben, mit denen kein

Geld zu verdienen ist, nicht nur im

ländlichen Raum, sondern überall.

Hier sehe ich die Landesregierung absolut

in der Pflicht, etwas zu ändern!

Tourismuspreis NRW 2021

geht nach Warburg

Dortmund. Das Projekt „Lauschangriff“

des Warburger Kulturveranstalters

nurguteleute Kreativbüro hat

den ADAC Tourismuspreis NRW 2021

gewonnen. Prämiert wurde ein

Audio-Spiel für Arnsberg und Warburg,

bei dem die Teilnehmer mit

Kopfhörern durch enge Gassen laufen

und über versteckte Pfade der historischen

Städte in der hierfür programmierten

App einen geheimen

Code entschlüsseln.

„Als Corona kam, wollten wir etwas

anbieten, was auch allein Spaß macht.

‚Lauschangriff‘ ist eine Mischung aus

Erholung, Sport und Spaß – ein

Abtauchen in eine andere Welt. Und:

Bei unserem Audio-Urban-Game

kann man nur gewinnen!“, freute sich

Sarah Hakenberg vom nurguteleute

Kreativbüro bei der Preisverleihung

vor Publikum aus Politik, Verwaltung

und Akteuren der Tourismuswirtschaft

in Dortmund (DASA). Die Sieger

aus Ostwestfalen erhalten nun ein

wertvolles PR-Paket.

Auf dem zweiten Platz landete der

digitale Rundgang „Paderborn und

seine Graffitis“ vom Verkehrsverein

Paderborn. Über eine App mit virtuellem

Stadtplan, Videos, Audiobeiträgen,

Fotos und Texten zu den einzelnen

Stationen macht die Tour die

Vielfalt der Graffitis und Street-Art in

der Stadt individuell erlebbar – jederzeit

und kostenlos.

Der ADAC in NRW vergab in diesem

Jahr gemeinsam mit Tourismus NRW

erstmals einen landesweiten ADAC

Tourismuspreis. Insgesamt zehn Projekte

waren nominiert.

Jeden Tag alles Wichtige aus der

globalen Welt der Ernährungswirtschaft.

meln, Umwelt schützen,

nz erhöhen.

r

Weitere

Infos auf S. 9

und über den

QR-Code

KEN-

EIGERER

alation

LEH

he, Pöbeleien,

igungen und

rliche Gewalt – wie

an mit Maskenigerern

um? Seite 9

International übernimmt

ental Bakeries

ische Gebäckkonzern

eries mit Produktionsiederlanden,

Belgien,

len und Schweden wird

schen Biscuit Internahrenden

europäischen

rivate-Label-Gebäcken,

it der Übernahme und

l die Position des Geem

europäischen Prit

für Kekse und Brotweiter

gestärkt werden,

f den wichtigsten europäischen

Märkten werde erheblich

gesteigert. Vorreiter bei biologischen,

zuckerarmen und umweltfreundlichen

Produkten will man auch werden. „Die

Transaktion wird ein bedeutender Meilenstein

für unsere Entwicklung zum

europäischen Marktführer für Private-

Label-Gebäcke sein“, sagt Giampaolo

Schiratti, CEO bei Biscuit Internatio nal.

Der Konzern hat eine Einkaufsrallye

hinter sich: Auch A&W Feinbackwaren

in Deutschland und Dan Cake in Portugal

wurden gekauft. (hmi)

Markus Mosa, Edeka-Zentrale, während „Munich Transition for Tomorrow“. Foto: Burda

Die Frage ist nicht, ob wir in

das deutsche System hineinpassen,

sondern, ob wir das möchten.

Charlie McConalogue, Irlands Landwirtschaftsminister, Seite 24

Täglich.

International.

Up to date.

hart. Wie die Exportnation in die

Zukunft blickt: Seite 02

Exklusiv für Abonnenten

der LP.economy

Egal wie verwirrend staatliche Vorgaben oft sind, wer das Hausrecht hat, bestimmt die Regeln. Foto: Getty Images

Friesland Campina setzt weiter

auf den chinesischen Markt

Zehn Milliarden Euro will der inter -

nationale Molkereikonzern Friesland

Campina bald in China umsetzen. Das

sagte Grace Chen, China Managing Director,

bei der Eröffnung des Innovation

Experience Centre (IEC) in Xintiandi,

einem Viertel von Schanghai. Dieses

soll chinesischen Kunden Produkte

und Innovationen des Unternehmens

vorstellen. Friesland Campina sucht

nach neuen Wegen, um die Vorlieben

und Bedürfnisse des chinesischen

Markts zu ermitteln und zielgenau bedienen

zu können. Dazu könnte gehören,

dass mehr Produkte in lokalen Geschäften

angeboten und der Verkauf

über Onlineplattformen gesteigert

wird. „Wir haben in den letzten zwölf

Jahren ein außergewöhnliches Umsatzwachstum

in China erlebt“, sagte Chen

weiter. Das Unternehmen setzt auch

KI-Kundenservices ein. Auch Blockchain-Technologien

werden genutzt,

um die Herkunft von Rohstoffen sowie

die nationale und internationale Lieferkette

zu verfolgen. (hmi)

Nachhaltigkeit kann

nicht nur auf Bio bauen

Der Bio-Anbau ist nach Meinung von Markus Mosa, Vorsitzender

des Vorstands der Edeka Zentrale Stiftung & Co. KG,

allein kein ausreichendes Modell für eine nachhaltig orientierte

Lebensmittelwirtschaft. Man müsse auch darüber

nachdenken, „wie wir konventionelle Lebensmittel nachhaltiger

gestalten können“. Das sagte der Edeka-Chef im Rahmen

der Nachhaltigkeitskonferenz „Munich Transition for

Tomorrow“ des Burda-Verlages. Den Vorschlag, die eigene

Marktmacht doch zu nutzen, um nur nachhaltige Artikel in

den Regalen zu haben, konterte Mosa: Marktmacht sehe er

anders. Produkte wegen nicht-nachhaltiger Herstellung aus

dem Sortiment zu nehmen käme nicht infrage. Lieber würde

man Kunden überzeugen, die „richtigen“, also nachhaltig erzeugte

Artikel zu kaufen. Als Beispiel nannte er Zitrusanbau

in Andalusien. Hier arbeite Edeka derzeit mit 17 konventionellen

Plantagen zusammen und gebe klar vor: Erhalt der

Biodiversität, Süßwasser-Einsatz, Ressourcen- und Klimaschutz.

Das funktioniere, die Plantagen stünden besser da als

andere. Grundsätzlich gelte: „Alle in Deutschland verkehrsfähigen

Produkte kann es auch bei der Edeka geben.“ (rm)

Oktober 2021 Ausgabe 19

Ein Produkt der Lebensmittel Praxis

www.lpeconomy.de

Impressum, Seite 6

PERU

ZKZ 32213

Wie viele Staaten Südamerikas

traf die Pandemie auch Peru

Markt in Satipo, Peru. Foto: Engelhardt

KLEINER HELFER

Die Digitalisierung der Mobilität

erfolgt im Renntempo.Viele

Apps rund um Autos, Tanken,

Waschen und Tourenplanung

sind auf dem Markt. Seite 10

Zeigt den Reifendruck. Foto: Mercedes-Benz

QUALIVO

Hinter der Marke Qualivo steht

ein Gesamtkonzept für hochwertiges

Fleisch, das bei Rewe Südwest

angeboten wird. Seite 14

Qualitätsfleisch gesucht? Foto: Qualivo

ROHSTOFFE

Knapp, teuer und schwierig zu

bekommen: Rohstoffe und Vorprodukte

sind das neue Gold der

Industrie. Wie es aktuell auf den

Märkten aussieht ab Seite 17

„Goldreserven“: gefüllte Läger. Foto: I. Hilger

LP.economy unkompliziert

abonnieren? Hier

geht’s ganz schnell!

1 Monat

Gratis-Newsletter

+

2 Ausgaben

gratis lesen

Probeabo unter lp-verlag.de/winter

LW_Aboanzeige.indd 3 12.11.2021 16:31:32


BUCH ZWEI

16 | Ein Ort in …

HAGEN

Folkwangs Anfänge

vor 100 Jahren

Hagen ist eine junge Stadt – in diesem

Jahr erst 275 Jahre alt geworden.

Das dortige Osthaus Museum

würdigte jüngst die Stadtgeschichte

mit einer Ausstellung, die gerade zu

Ende ging. Noch bis zum Jahresende

zu sehen ist eine Ausstellung über den

Museumsgründer Karl Ernst Osthaus,

der im Jahr 1921 starb. Er gründete

das Museum im Jahr 1902 – also vor

fast 120 Jahren – als „Museum Folkwang“,

das dann 1922, nach dem Tod

des Gründers, nach Essen umzog. für

den heutigen Museumsdirektor Tayfun

Belgin ist die Idee des Gründers

immer noch Programm, „als Ort der

Inspiration, des sinnlichen Genusses

und der kommunikativen Auseinandersetzung“.

Die Ausstellung „Folkwang-Reflexe“

identifiziert noch einige Werke

der ursprünglichen Folkwang-

Sammlung in der heutigen Sammlung

des Osthaus Museums. Dazu

gehören beispielsweise Gemälde und

Grafiken von Christian Rohlfs, eines

westfälischen Malers, der lange Zeit

in dem Gebäude lebte, sowie Radierungen

von Käthe Kollwitz. Ein Buddha-Kopf

aus der Privatsammlung

von Osthaus repräsentiert, woran der

Mäzen bei der Gründung gedacht

hatte: Die Sammlung sollte neben

zeitgenössischer Malerei und Plastik

Weltkunst zeigen und eine beispielhafte

Sammlung auch der orientalischen,

afrikanischen, asiatischen und

ozeanischen Kunst sein.

Das Gebäude selbst ist einen Besuch

wert – es stammt von dem belgischen

Jugendstil-Künstler und

Architekten Henry van de Velde.

Feinster Jugendstil: das Osthaus

Museum in Hagen.

Foto: Werner J. Hannappel

Quelle: Geografische Kommission

für Westfalen 2020

„Das Osthaus Museum ist ein Ort der Inspiration,

des sinnlichen Genusses und der kommunikativen

Auseinandersetzung.“ Tayfun Belgin, künstlerischer Leiter

HERFORD

Schau genau

Im Museum Marta Herford geht es noch bis März 2022 darum

zu enthüllen, was sonst der Verhüllung dient: Mode

Mode – das ist schon immer das

Spiel zwischen gesellschaftlicher

Norm und individuellem Ausdruck.

In der globalisierten Welt ist es

auch die Auseinandersetzung mit

Ausbeutung und Beschleunigung. In

einer Themenausstellung im Museum

für Kunst, Architektur und Design

Marta Herford setzen sich 30 Künstlerinnen

und Künstler mit den verschiedenen

Dimensionen von Mode

auseinander: „Die Künstlerinnen und

Künstler produzieren keine ‚Waren‘,

sondern Ideen, Situationen und Statements,

mit denen sie kritisch Stellung

beziehen zu den vielfältigen Auffassungen

von der zeitgenössischen

Mode, ihren Wertesystemen und den

sozialen Geflechten, die daraus hervorgehen“,

erklärt Kuratorin Dobrila

Denegri vom Dutch Art Institute.

Der „Kiosk“ mit Eva & Adele steht mitten in der Ausstellung.

Foto: KunstArztPraxis.de/Marta Herford

Neben ungewöhnlichen Erfahrungen

mit dem Material der Kunst – die

Künstlerin Hrafnhildur Arnardóttir

beispielsweise lässt synthetisches Haar

wie Lianen von der Decke hängen –

geht es in einem dokumentarischen

Video auch um die Arbeits- und Lebensbedingungen

der produzierenden

Menschen. Hier wird der Ausstellungsbesucher

stiller Teilhaber des Geschehens

und kann die Verbindung zu seinen

Konsumgewohnheiten herstellen.

Ein weiteres, in der Modeindustrie

zunehmend diskutiertes Thema ist

die Überwindung von körperlichen

Normen. So bricht etwa die japanische

Multimedia-Künstlerin Mari

Katayama mit der Wahl ungewöhnlicher

Prothesen mit dem gängigen

Schönheitsideal, und auch die Österreicherin

Christiane Peschek führt in

„Die Künstlerinnen

und Künstler

zeigen

Ideen,

Situationen

und Statements.“

Dobrila Denegri,

Kuratorin

der digitalen Reproduktion einer

„Phantommuse“ Schönheitsstandards

ad absurdum. Fast praktisch

wird es, wenn es um neue Materialien

für Kleidungsstücke geht – etwa solche,

die eine zweite Haut bilden und

die Körperfunktionen aktiv unterstützen.

Und eigenes Verhalten?

Neben den 90 Werken umfasst die

Ausstellung eine zweite Erzählebene

mit Informationen zu aktuellen Entwicklungen

der Fashionwelt: Nachhaltigkeit,

innovative Materialien,

zukunftsweisende Technologien, digitale

Mode und Fashion-Avatare,

Schönheitsideale und Geschlechterklischees

sind nur einige Themen, die

anregen sollen, die eigene Haltung

kritisch zu hinterfragen.

MÜNSTER

Bilder eines Lichtbildners

Das Stadtmuseum Münster zeigt Arbeiten

des Fotografen Pan Walther

Der Münsteraner Fotograf Pan Walther

bezeichnete sich selbst gern

als Lichtbildner, und wer seine Aufnahmen

sieht, weiß auch, warum:

„Das Licht ist in seinen Aufnahmen

ein grundsätzliches Gestaltungsprinzip,

das er in der Dunkelkammer in

seinen Handabzügen noch weiter ausarbeitete“,

erläutert Barbara Rommé,

Direktorin des Stadtmuseums Münster.

„Pan Walther war ein Ausnahmefotograf,

der die Menschen bewegte.“

Walther wurde 1921 in Dresden

geboren, fast die Hälfte seines Lebens

verbrachte er aber in Münster, betrieb

ein Fotoatelier, unterrichtete an der

Werkkunstschule und porträtierte

„Das Licht

ist sein

grundsätzliches

Gestaltungsprinzip.“

Barbara Rommé, Museumsdirektorin

nicht zuletzt viele Prominente. Auf

Reisen entstanden aber auch ausdrucksstarke

Landschafts- und Architekturaufnahmen.

Besondere Werkschau

Das Stadtmuseum Münster zeigt bis

12. Februar 2022 eine Ausstellung

mit130 von Walther selbst bearbeiteten

Originalabzügen, die nicht nur

seine besondere Gabe für das Spiel mit

dem Licht, sondern auch die Momente

der besonderen Beziehung zwischen

dem Künstler und seinem Sujet

zeigen. Der Fürstenbergsaal des Museums

wurde dafür inklusive Fußboden

komplett in Weiß ausgestattet.

Landschaft mit Wasser. Foto: Stadtmuseum Münster


AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

www.landschaft-westfalen.de

WINTER-SPEZIAL

Telgte: Interpretationen der Weihnachtsbotschaft Seite 19 | Bünde, Bocholt, Nieheim-Oeynhausen: Handwerkskunst Seite 20/21 |

Westfalen: Kontinuität des Kolonialismus Seite 22 | Gütersloh/Bielefeld: Weihnachten in der Suppenküche Seite 23

Wird es Winter? Mit 2G? 3G?

Warten wir es ab. Lesen

(Seite 18), schauen (Seite 19)

oder Neues ausprobieren

(Seite 24) hilft!

Foto: Oliver Berg/dpa


WINTER-SPEZIAL

Bücher | 18 AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

Ein derber Plot und

filigrane Details

Bent Ohle: Die Kommissarin und der Metzger. Auf Messers

Schneide, nach einer Idee von Guido Höhner und Melanie

Suttarp, topagrar, LV Buch, Münster 2021, 14 Euro.

Es ist der erste Band einer neuen Krimireihe aus

dem Münsterland, und man könnte sich gewiss

fragen, ob es nötig ist, dass LV Buch den vielen

derartigen Reihen noch eine weitere hinzufügt.

Diesen Umstand jedoch einmal außer Acht gelassen,

gehört Autor Bent Ohle definitiv zu denjenigen, die

nicht aufgrund ihrer Herkunft zum Krimischreiber wurden

(er stammt gar nicht aus dem Münsterland), sondern

weil er es einfach kann. Als Film- und Fernsehdramaturg

und preisgekrönter Autor hat er das richtige Gespür für

sein Personal und die Details, die einen Krimi jenseits

der Handlung zu einem Lesevergnügen machen, und

beherrscht den perfekten Cliffhanger.

Die Geschichte ist mit Hauptfigur Tanja Terholte, der

Kommissarin vom Dorf, die es bis in die Großstadt

Münster gebracht hat, und ihrem Bruder, der eigentlich

Schlachter ist, aber als eifriger Konsument amerikanischer

True-Crime-Serien enormes forensisches Wissen

in die Geschichte einbringt, doppelt gut besetzt. Ein

dilettantischer Gerichtsmediziner liefert ein herrliches

Gegenstück zu Tatort-Forensiker Jan-Josef Liefers, der ja

in jedem Münsterlandkrimi unweigerlich mitspielt.

Warum der Oberkommissar wie so oft im Krimi ein

Blödmann ist, sei dahingestellt. Das Grundpersonal

jedenfalls liefert schon allein mit seinen jeweiligen

Lebensumständen genug Spannung für weitere Folgen.

Der erste Fall nun enthält eine Fülle regionaltypischer

Motive: Schweinebauern, den unvermeidlichen Veterinär,

die reitende Hautevolee und einen mittelständischen

Kaffeefabrikanten. Auf den ersten Blick scheint

der Fall durchsichtig: Es werden Leichenteile gefunden,

und der Tierarzt ist verschwunden. Als selbiger dann

allerdings reichlich unverblümt wieder auftaucht, gewinnt

die Geschichte schnell an Komplexität.

Gemessen an dem eingangs konstruierten Tatort –

das Bild vom Schweinchen mit einem menschlichen

Finger im Maul wird man so schnell nicht wieder los –

sind nachfolgende Details schon fast von filigranem

Witz: Indem Autor Bent Ohle den Tierarzt nicht die

Pferde, sondern ihre Reiterinnen dopen lässt und den

Schlachter eine Veganerin daten, lässt er erwarten, dass

ihm der Stoff für folgende Fälle nicht ausgehen wird. nri

Nachdenklich

und unterhaltsam

Das Fahrrad gehört zu Münster wie

die Wiedertäufer-Käfige zur

Lambertikirche. Kein Wunder, dass

die Münsteraner ein eigenes Wort

dafür haben. Was andernorts als

Drahtesel, Fietse oder Velo bekannt

ist, nennt man in der selbsternannten

Fahrradhauptstadt Deutschlands

auch Leeze.

Norbert Nientiedt, Theologe und

Autor religionspädagogischer Texte,

hat in „Leezengeschichten“ Erlebnisse

aus seinem eigenen Leben und seinem

Umfeld zusammengetragen, die

auf die eine oder andere Weise mit

dem Zweirad zu tun haben – mal komisch,

mal tragisch, mal skurril, mal

berührend.

Da ist zum Beispiel der Vorfall, bei

dem Nientiedt zum Schutzengel

wird, indem er einen jungen Mann

an der Ampel in letzter Sekunde vor

einem herannahenden Lastwagen

mit seitlich hervorragender Ladung

rettet. Es entspinnt sich ein Dialog

über Engel zwischen dem Geretteten

und dem Retter.

Nientiedt ist der Theologe anzumerken.

Immer wieder streut er Reflexionen

über seine Heimatstadt,

über die Gesellschaft im allgemeinen

oder über den Wandel der Zeit ein.

Nientiedt schildert denkwürdige Begegnungen

mit Bekannten und Fremden,

die auf ganz unterschiedliche

Arten in der Bredouille stecken. Zum

Beispiel Oliver, eine Kneipenbekanntschaft

Nientiedts, der als junger Familienvater

auf einmal arbeitslos wird

und bald Anzeichen einer Depression

erkennen lässt. Am Ende seiner Reha

hat Oliver neue Perspektiven auf sein

Leben gewonnen. An anderer Stelle

berichtet Nientiedt von Frau Kintrup,

die er als Fremde an seinen Tisch im

voll besetzten Café einlädt und die

ihm dann davon erzählt, wie sie rund

um die Uhr ihren an Parkinson erkrankten

Mann pflegt. Nientiedt fragt

sie: „Woher nehmen Sie eigentlich

Ihre Kraft, und wie lange wollen Sie

das denn durchhalten?“

Fahrradfans sollten gewarnt sein:

Die Leeze ist oft genug nur der Aufhänger

für Nientiedts Geschichten.

Wer unterhaltsame und nachdenkliche

Geschichten eines Ur-Münsteraners

sucht, ist bei diesem Autor aber

goldrichtig. mgl

Norbert Nientiedt:

Leezengeschichten

aus Münster zum

Nachdenken

und Schmunzeln.

Ardey Verlag 2021, 14,90 Euro.

Spurensuche

eines Enkels

Lange Zeit hatte er mit dem Karton

mit Briefen nichts anfangen können,

bis schließlich die Neugierde siegte

und er sich mittels dieser Briefe tief

in die Geschichte seiner deutschen

Vorfahren vergrub. Schon längst ein

erfolgreicher US-amerikanischer Marketingspezialist,

begab sich Emanuel

Rosen auf Spurensuche, traf Freunde

und Verwandte, reiste schließlich auf

den Spuren seiner Großeltern nach

Deutschland.

Die Briefe stammen von seinen

Großeltern Lucie und Hugo Mendel.

1956 waren diese, nachdem sie 1933

nach Palästina emigriert waren, nach

Deutschland gereist und hatten ihrer

Tochter, Rosens Mutter, in Briefen und

Postkarten von ihrer Reise berichtet.

Wer war also dieser Dr. Hugo

Mendel, einst angesehener Anwalt in

Hamm/Westfalen, der nach der

Deutschlandreise seiner Verzweiflung

und seinem Leben ein Ende setzte?

Und was war so anders an der Großmutter

Lucie? Was suchten die beiden

im Nachkriegsdeutschland? Genau

das versucht Rosen auf seiner eigenen

Reise an die Orte herauszufinden, die

seine Großeltern 1956 besucht hatten.

Düsseldorf, Wiesbaden und

Frankfurt, Zürich, Hannover, schließlich

Menden und Hamm.

Oft kann er nur ahnen, wie die

Großeltern diejenigen wahrnehmen,

die sie auf ihrer Reise treffen: Kaum

Entnazifizierte, Wirtschaftswunderprofiteure,

aus Palästina oder den USA

zurückgekehrte Juden – vor allem solche,

die allem Anschein nach ihren

Platz in der Nachkriegsgesellschaft

gefunden hatten. Nur der Großvater

Hugo findet diesen Platz nicht mehr,

und so wird Rosens Reise mehr und

mehr zu einer Spurensuche nach den

Gründen für den Freitod des Mannes,

dessen Rehabilitierung als Anwalt und

Opfer des Naziregimes seine Tochter

erst in einem langwierigen Prozess

viele Jahre nach seinem Tod erreichte.

Die Fülle der Orte, Menschen und

Erinnerungen an drei Generationen

der Familie Mendel machen das Buch

an manchen Stellen verwirrend, lassen

aber ein dichtes Netz an Impressionen

entstehen, die zeigen, wie tief

Verstrickungen sein können, die auf

den ersten Blick gar nicht sichtbar

sind. So wie der tägliche Ausspruch

von Rosens Mutter vor dem Mittagschlaf:

Wenn jemand anruft, sagt ich

bin tot. nri

Emanuel Rosen:

Wenn jemand anruft, sagt, ich bin tot.

Eckhaus Verlag, Weimar, 14,80 Euro.


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

WINTER-SPEZIAL

Ausstellung | 19

TELGTE

Krippe 2.0

Von der Schnitzarbeit bis zur Lichtinstallation:

Interpretationen der Weihnachtsbotschaft

Von Nicole Ritter

Nur ein Halbsatz beschreibt im Lukasevangelium die Krippe, in die

Maria das Jesuskind gelegt haben soll. Kein Ochs und kein Esel

standen an diesem biblischen Futtertrog, und schon gar keine

Nordmanntanne mit Strohsternen und Lichterkette. Vielleicht ist

es gerade die Schlichtheit der biblischen Erzählung, die die Fantasie

der Menschen bis heute anregt. „Geheimnisse der Heiligen Nacht 2.0“

heißt also nicht ohne Grund die diesjährige Krippenausstellung im Westfälischen

Museum für Religiöse Kultur in Telgte; immerhin die 81. ihrer Art – auch

das ein Beleg dafür, dass die Weihnachtskrippe schon seit langer Zeit Gegenstand

vielfältiger künstlerischer Interpretationen ist.

Das Geheimnisvolle und Verborgene umkreisen etliche Arbeiten der diesjährigen

Ausstellung. Und auch die Corona-Pandemie hinterlässt ihre Spuren,

etwa in der Arbeit des polnischen Holzbildhauers Marian Ulc, der den Weisen

aus dem Morgenland einen Mund-Nasen-Schutz verpasst. Wer den zusammengewürfelten

Elektroschrott auf dem Sockel der Arbeit von Jens Henning sieht,

fragt sich erst einmal, was dieser bedeuten soll. Dieses Geheimnis lüftet der

Schatten an der Wand. Dort entpuppt sich der Schrott als Darstellung des in

der Krippe liegenden Jesuskinds mit dem Stern der Heiligen Nacht.

Teil der Ausstellung sind in diesem Jahr auch zwölf Beiträge des letzten

Wettbewerbs Ars Liturgica beim Bistum Essen. „Compassion“ des Bielefelder

Künstlers Joachim Staebler umfängt die Besucherinnen und Besucher mit herabhängenden,

bemalten Holzstücken, die die Protagonisten der Weihnachtsgeschichte

symbolisieren. Das Projekt, das in dem Wettbewerb im vergangenen

Jahr den ersten Platz belegte, ist in Telgte nur im 1:10-Modell zu sehen: Die

Installationskünstlerin Sabine Reibeholz schuf unter dem Titel „Fürchtet Euch

nicht“ einen lichtdurchfluteten Raum, der auf Ochs, Esel und das Jesuskind

verzichten kann und doch eine sehr komplexe Geschichte erzählt.

Wer den Weg nach Gelsenkirchen nicht scheut, kann das Original in der

Probsteikirche St. Augustinus nicht nur betrachten, sondern auch betreten und

erfahren, wie die Künstlerin die Krippe als Ort der Begegnung von Mensch und

Gott interpretiert.

Geheimnis der Heiligen Nacht 2.0

81. Telgter Krippenausstellung

6. November 2021 bis 23. Januar 2022

dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr

www.museum-religio.de

„Fürchtet Euch nicht“: Das 1:10-Modell der Installation von Sabine Reibeholz für die Probsteikirche St. Augustinus, Gelsenkirchen.

Fotos: Stefan Kube/religio

Franz-Josef Hartmeyer aus Warendorf

schuf eine sehr aktuelle Krippe mit

dem Titel: „Corona – das Geheimnis

des Lebens kommt von innen“.

„IHR WERDET

FINDEN DAS KIND

IN WINDELN

GEWICKELT UND

IN EINER KRIPPE

LIEGEN.“

Lukas 2,12

Eine sehr klassische Krippenszene entwarf Holzschnitzer Heinrich Ciempko, Münster.


WINTER-SPEZIAL

20 | Handwerk

AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

NIEHEIM-OEYNHAUSEN

Wertiges

aus Wolle

Portemonnaies aus dickem, natürlich g

Bestandteil von Leens Jan Ondras Prod

Schafhaar zu verarbeiten ist für Roland

Kummer eine Herzensangelegenheit

Von Katrin Quinckhardt

Bei Roland Kummer hat jedes Produkt einen Namen. Denn er kann

auf Wunsch jede Filzmatte einem einzelnen Schaf zuordnen. In

seiner Wollmanufaktur in Nieheim-Oeynhausen, Kreis Höxter,

verarbeitet er täglich bis zu acht Kilo Rohwolle. Das entspricht der

Schur von etwa drei Schafen. „Es gibt viele Schäfer und Hobbyhalter, die nicht

wissen, wohin mit der Wolle“, sagt Roland Kummer. Es ist ihm ein Rätsel,

warum selbst Schafhalter den vielfältig einsetzbaren Rohstoff nur wenig

wertschätzen und nutzen. Roland Kummer und seine Frau Corinna halten

selbst Schafe. Ihre zehn Skudden weiden rund um die Oeynhauser Mühle,

die das Paar vor drei Jahren gekauft hat. Auf den Wiesen pflanzten die Kummers

junge Obstbäume und umwickelten sie unten mit Schafwolle. „So schützen

wir sie vor dem Verbiss durch Wildtiere“, erklärt Corinna Kummer.

Eigentlich ist Wolle dafür viel zu schade, findet Roland Kummer.

Was er damit meint, macht ein Besuch im ehemaligen Getreidesilo der Mühle

deutlich. Das hat er in viel Eigenleistung zur Wollmanufaktur umgebaut.

Hier steht alles, was es zur Verarbeitung von Wolle braucht – nur eben kleiner

als in der Industrie. In der Summe investierte Roland Kummer etwa

100.000 Euro in Maschinen. Der 54-Jährige sieht das als gute Basis, um später

mal von der Manufaktur leben zu können. Derzeit führt er sie im Nebenerwerb.

Die Verarbeitung beginnt mit dem Wollpicker. Die Maschine zupft die

vorsortierte Wolle und reinigt sie von grobem Schmutz wie Gras. „Danach

geht’s ab in die Waschmaschine“, beschreibt Roland Kummer. Das Gerät ist

sein ganzer Stolz. Er hat es extra aus der Schweiz bestellt. 40 Grad warmes

Wasser, etwas Wollwaschmittel und Ultraschall reinigen die Wolle vorsichtig,

ohne sie zu verfilzen. Ausgebreitet auf alten Tulpengittern kommt das

feuchte Gut in den Trockenschrank. Mithilfe eines Raumentfeuchters trocknet

die Wolle binnen zehn Stunden, sodass Roland Kummer sie am nächsten

Morgen kardieren kann. In der Karde laufen große, mit unzähligen kleinen

Nadeln gespickte Walzen gegeneinander. Sie kämmen die Wolle zum Wollvlies,

dem sogenannten Batt, der Grundlage fürs Filzen und Spinnen.

Widerstandsfähige Wolle der Heidschnucke

„Die Wolle der Heidschnucke ist besonders widerstandsfähig“, sagt der

Wahl-Oeynhauser. Er schätzt sie als Zwischenlage für mehr Stabilität in Filzmatten,

aus denen er später Taschen näht. Alle Produkte fertigt Roland Kummer

aus dreifach gefilzten Matten. In einer Größe von 90 mal 70 Zentimeter

wiegen sie etwa 400 Gramm. Für ihre Produktion braucht er mindestens 600

Gramm Rohwolle. Für die unterschiedlichen Farben seiner Produkte nutzt

Roland Kummer die Wolle verschiedener Schafrassen, die er aus einem Umkreis

von 30 Kilometern bei anderen Schafhaltern abholt.

Ursprünglich hatte Roland Kummer geplant, die Rohwolle nur als

Dienstleister zu verarbeiten. Da die Schafhalter kein großes Interesse daran

hatten, ihre Wolle von ihm verarbeiten zu lassen und selbst zu vermarkten,

begann Kummer kurzerhand mit dem „Wolldesign“ und dem Verkauf –

zumindest war das der Plan, bis die Pandemie ihm einen Strich durch die

Rechnung machte. „Ich wollte meine Produkte gerne auf Handwerkermärkten

verkaufen, die dann aber leider alle ausfielen“, bedauert er. Vorerst setzt er

daher weiter auf Direktvermarktung. Vereinzelt findet er Kunden unter den

Gästen seiner Ferienwohnungen. Mehr unter www.oeynhauser-muehle.de

Jedes Produkt hat Roland Kummer nach einem seiner Tiere benannt. Skudde

„Peter“ ist Namenspatron für einen Filzkorb. Foto: Katrin Quinckhardt

WESTFALEN-TIPP:

Für Sie ausgewählt

Im ländlichen Raum gibt es viele Menschen mit tollen Ideen und

Produkten. Drei von ihnen stellen wir Ihnen auf diesen Seiten vor.

Sie fallen auf durch ihre Liebe zur Region, in der sie leben,

zum Material, mit dem sie arbeiten, und nicht zuletzt auch den

Mut, etwas zu riskieren.

Unseren Westfalen-Tipp werden Sie von nun an in jeder Ausgabe von

Landschaft Westfalen finden – mit Produkten, die der Redaktion

aufgefallen sind. Mehr davon finden Sie auf Seite 24 dieser Ausgabe.

BOCHOLT

Hochprozentige

Der Gutsbrennerei Geuting ist mit i

Whisky etwas Besonderes gelungen

Von Stefan Legge

Der Whiskytrinker ist gut informiert und sehr

anspruchsvoll.“ Magnus Geuting kennt seine

Kunden und ihre Vorlieben. Destillat, Fass,

Reifezeit, Wasser – was letztendlich den Geschmack,

das Aroma eines Whiskys ausmacht, darüber

können Kenner endlos lang philosophieren. „Das geht

quer durch alle Altersklassen und sozialen Schichten“,

sagt der Unternehmer, der den Familienbetrieb in sechster

Generation führt.

Als Profi der Spirituosenherstellung freut sich

Magnus Geuting auf das Fachgespräch mit den Kunden.

Er lädt sie zu sich nach Bocholt in seine Brennerei ein

und präsentiert sein Produkt auf Fachmessen. Freude

macht ihm das auch deshalb, weil er mittlerweile sicher

sein kann, dass ihm mit dem Münsterländer Whisky

etwas Besonderes gelungen ist.

„Natürlich war das ein Wagnis“, sagt er rückblickend.

Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre in

Bielefeld und Lehrgängen zum Destillateur und Kornbrenner

hat er 2008 den Betrieb von seinem Vater übernommen.

Dieser war ab den 1970er-Jahren schon innovativ.

Zu Korn und Wacholder kamen verschiedene Liköre.

„Die Trinkgewohnheiten der Menschen haben sich verändert,

also hat sich auch unsere Produktpalette erweitert;

mal fruchtig, mal Kräuterlikör.“

Befreit von den Fesseln des Alkoholmonopols und

nach einigen Umbauarbeiten auf dem Hof war dann 2010

alles bereit für den Münsterländer Whisky. „Was wir nach

drei Jahren aus den Fässern rausholen würden, wussten


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

WINTER-SPEZIAL

Handwerk | 21

BÜNDE

egerbten Leder sind ein wichtiger

uktpalette. Foto: Manuel Glasfort

Für die Ewigkeit

genäht

Leens Jan Ondra stellt in Ostwestfalen

hochwertige Lederprodukte her

Von Manuel Glasfort

„Mein größtes Problem ist es,

die Produktionsstätten zu finden.“

Leens Jan Ondra, Ondura

r vom Fass

Das Thema Nachhaltigkeit ist in aller Munde,

doch was bedeutet es eigentlich, nachhaltig zu

konsumieren? Leens Jan Ondra aus Bünde hat

davon eine klare Vorstellung. Das Produkt

müsse erstens „super haltbar“ sein, zweitens reparierbar.

„Und wenn es dann noch aus der Region kommt – top.“

Ondra setzt diese Philosophie in seinen Produkten konsequent

um. In seiner Werkstatt entstehen vor allem

Lederwaren, die er unter der Marke „Ondura“ an den

Mann und die Frau bringt. Schon der Markenname –

clever abgewandelt von Ondras Nachnamen - deutet auf

den Anspruch hin: das lateinische Wort „durare“ bedeutet

„halten“.

Vor sechs Jahren wagte Ondra den Schritt in die

Selbstständigkeit. Sein erstes Produkt: das Classic Biker

Wallet, ein Portemonnaie aus dickem, natürlich gegerbtem

Leder. Bereits während seines Modedesign-Studiums

in Berlin-Weißensee habe er nach so einem Modell gesucht.

„Dann hab ich mir gedacht, ich nähe mir selbst ein

neues Portemonnaie.“ Inzwischen ist die Ondura-

Produktpalette deutlich gewachsen. Neben Waren aus

dickem, natürlich gegerbtem Leder wie Portemonnaies,

Gürteln und Brillenetuis gehören auch Taschen und

Textilien zum Angebot. Ondra legt dabei nicht nur wert

auf Haltbarkeit, sondern auch auf ein zeitloses Design.

Ondra setzt damit einen Kontrapunkt zu den schnelllebigen

Produkten der Fast-Fashion-Industrie, die nach

einer Saison wieder ersetzt werden.

Der Bünder hat nach seinem Studium zunächst selbst

in der Branche gearbeitet: „Das hat mir gar nicht gefallen.

Insgesamt wurde immer in Fernost unter fragwürdigen

Bedingungen produziert. Und immer ,schnell, schnell,

schnell‘, denn es muss ja immer rechtzeitig zur Saison

fertig sein.“ Auch der handwerkliche Aspekt der Arbeit

sei zu kurz gekommen, erzählt Ondra, der nach der

Schule zunächst eine Lehre als Zimmerer absolviert hatte.

Im Endeffekt sei für ihn die Sinnhaftigkeit der Arbeit

verloren gegangen. Ondra wollte Produkte herstellen,

hinter denen er voll und ganz steht – und machte sich

selbstständig. In Bünde schaute er einem Sattlermeister

bei der Arbeit über die Schulter und eignete sich so das

handwerkliche Know-how an. Mit der Zeit wuchs auch

der Maschinenpark in seiner kleinen Werkstatt.

Seine Lederwaren stellt Ondra nach wie vor komplett

selbst her, andere Produkte werden von Partnern gefertigt.

Bei der Auswahl seiner Zulieferer und Auftragsfertiger legt

der Ostwestfale großen Wert auf Regionalität. Sein Leder

bezieht er beispielsweise von zwei Gerbereien aus Nordrhein-Westfalen.

Doch nicht immer lassen sich Partner in

der Region finden, dann sucht Ondra deutschlandweit.

Seine T-Shirts, Pullover und anderen Textilien bewirbt

er mit „Made in Germany“.

Doch manche Dinge werden in Deutschland schlicht

nicht mehr produziert – dann muss Ondra seinen Suchradius

auf die Nachbarländer erweitern. Vor einigen Jahren

wollte er Lederhandschuhe ins Programm aufnehmen.

„Ich habe ewig gesucht, aber ich habe in Deutschland

niemanden mehr gefunden.“ Schließlich fand er ein

deutsches Unternehmen, das Handschuhe in der Slowakei

herstellt. „Mein größtes Problem ist, die Produktionsstätten

zu finden.“

Produkte entwickeln und herstellen, Zulieferer finden

und gleichzeitig den Vertrieb managen – an Aufgaben

mangelt es dem Selbstständigen nicht. Inzwischen hat er

seine Marke etabliert, ein Produktportfolio entwickelt

und ein Händlernetzwerk aufgebaut. Er könne von seinem

Geschäft leben, sagt Ondra, der seine Waren auch direkt

im Netz verkauft unter www.ondura.de

hrem Münsterländer

Stefanie und Magnus

Geuting in ihrer Brennerei.

Foto: Stefan Legge

wir nicht“, blickt Geuting zurück. „Das Rezept waren 180

Jahre Familientradition in der Herstellung von Spirituosen

und theoretisches Fachwissen, der Rest war learning by

doing.“ Herausgekommen sei ein eigener Charakter. Eine

Harmonie aus Destillat und Fass.

Whiskyfässer haben alle eine Geschichte. Sei es durch

ein besonderes Holz, eine spezielle Vorbehandlung oder

ihre vorherige Nutzung. In einigen lagerte bereits Portwein

oder Sherry, andere sind durch eine frühere Whiskylagerung

vorgeprägt. Ergänzt um die Variablen Destillat,

Lagerort und Lagerdauer ergibt sich eine recht komplizierte

Gleichung.

Kaufempfehlung von Jim Murray

Sein strengster Kritiker ist Magnus Geuting selbst.

Er bestimmt den Brennvorgang, er wählt die Fässer aus,

er probiert. „Um eine objektive Meinung zu bekommen,

haben wir dann Proben unseres Whiskys verschickt.“

Was dem Restaurantliebhaber der Guide Michelin, ist

dem Whiskytrinker Jim Murray’s Whisky Bible.

„Von totalem Verriss bis zum überschwänglichem Lob

ist da alles möglich“, sagt Geuting. Mit einigen nationalen

Auszeichnungen im Rücken hat der Münsterländer

Whisky auch diesen Härtetest bestanden: 85 von möglichen

100 Punkten – Jim Murray spricht sogar eine

Kaufempfehlung aus.

Magnus Geuting wollte das immer machen: Schnaps

brennen. Seine ältere Schwester ging vom Hof, sein

jüngerer Bruder arbeitet heute im Familienunternehmen

mit. „Meine Arbeit ist abwechslungsreich und macht mir

Freude“, sagt der zweifache Familienvater. Seine Frau

Stefanie kam aus Wiesbaden ins Westmünsterland.

Sie kümmert sich um Werbung und PR für die Produkte.

Auch die 15-jährige Helena und der 12-jährige Valentin

packen mit an.

Als landwirtschaftliche Brennerei legt Geuting Wert

auf die Kreislaufwirtschaft und auf Nachhaltigkeit.

Das bedeutet aber auch, dass er seine 50 Hektar Ackerland

selbst bewirtschaftet. „Den Weizen, aus dem wir unser

Destillat für Korn oder Whisky gewinnen, bauen wir

selbst an. Auch die Schlempe, der Reststoff des Brennvorgangs,

kann auf dem Hof als Tierfutter verwertet werden.“

Und so geht dem Unternehmer im Jahresverlauf die Arbeit

nicht aus. „Wir brennen nur in den Wintermonaten.

Dafür brauchen wir unsere volle Konzentration, deshalb

haben wir Besuchergruppen für Besichtigungen auch nur

von März bis Oktober auf dem Hof.“

Zu kaufen gibt es die Produkte im Einzel- und Getränkefachhandel

der Umgebung oder im Onlineshop.

„Die Corona-Einschränkungen haben uns hart getroffen“,

sagt Magnus Geuting. Schützenfeste, Gastronomie,

Karneval: Das seien für die Brennerei immer Absatzbringer

gewesen. „Spirituosen trinkt man in Gesellschaft,

nicht allein.“ Einen edlen Tropfen zu verschenken, liege

aber nach wie vor im Trend. „Der November und der

Dezember sind traditionell unsere stärksten Monate.“

Schließlich kann Hochprozentiges nicht nur schmecken,

sondern in der kalten Jahreszeit auch von innen wärmen.


WINTER-SPEZIAL

22 | Geschichte

AUSGABE 6 / DEZEMBER 2021

„AUCH HIER SOLLTE

DAS DENKMAL

AUSGANGSPUNKT

FÜR KRITISCHE

AUSEINANDERSETZUNGEN

MIT DEN ZENTRALEN

AKTEUREN DER

DEUTSCHEN

KOLONIALGESCHICHTE

WIE WILHELM I. WERDEN.“

Sylvia Necker, Leiterin des

LWL-Preußenmuseums in Minden

Steingewordener Wilhelminismus: die Porta Westfalica. Foto: Friso Gentsch/dpa

WESTFALEN

Kontinuität des

Kolonialismus

Was die Geschichte der Wilhelminischen Zeit

mit Westfalen zu tun hat

Von Barbara Frey, Sebastian Bischoff und Andreas Neuwöhner

Als unlängst an der Porta Westfalica das 125-jährige

Jubiläum des Kaiser-Wilhelm-Denkmals

gefeiert wurde, regte die Leiterin des LWL-

Preußenmuseums in Minden, Sylvia Necker,

an, das Denkmal zum „Ausgangspunkt für

kritische Auseinandersetzungen mit den zentralen Akteuren

der deutschen Kolonialgeschichte wie Wilhelm I.“ zu

nehmen. Im Zuge der „Black lives matter“-Demonstrationen

weltweit gerieten Denkmäler von Versklavungshändlern

und Kolonisatoren in den Fokus der Öffentlichkeit –

aber warum sollte Kaiser Wilhelm I. als Kolonialakteur

kritisch betrachtet werden?

Als steingewordenes Symbol für das Nationalgefühl

des Deutschen Kaiserreichs erinnert das Denkmal auch

daran, dass unter der Regentschaft Wilhelms I. das Deutsche

Reich ab 1884 Kolonien in Afrika und in der Südsee

sowie ein Pachtgebiet in China „erwarb“. Etwas mehr als

dreißig Jahre herrschten die Deutschen in ihren Kolonien.

Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs endete zwar die deutsche

Kolonialzeit offiziell – revanchistische Kräfte forderten

jedoch bis 1943, dass das Deutsche Reich wieder Kolonialmacht

werden müsse.

Aufarbeitung ließ lange auf sich warten

Die Aufarbeitung der Aus- und Nachwirkungen der deutschen

Kolonialzeit spielte in der bundesdeutschen Erinnerungskultur

lange eine untergeordnete Rolle. Kolonialismus

– das betraf vielleicht Großbritannien, Frankreich

und die Niederlande. Erst in den letzten Jahren nahm die

Debatte über Deutschlands Rolle an Fahrt auf. Trotz des

zunehmenden Wissens über die Massaker in den Kolonien

hält sich der Mythos, der deutsche Kolonialismus sei im

Verhältnis zu dem anderer Kolonialmächte eher unerheblich

gewesen, weiter fest im kollektiven Gedächtnis. Dabei

besaß das Deutsche Reich 1914 das an Fläche drittgrößte

Kolonialreich, gemessen an der Bevölkerungszahl lag es

an vierter Stelle.

Die Kolonialzeit manifestierte sich jedoch nicht nur in

den überseeischen Territorien durch die Anwesenheit von

Militär und Handel, Mission und Verwaltung, durch Eisenbahnbau,

Plantagen- und Landwirtschaft, sondern wirkte

auch in Deutschland und nach Deutschland zurück. In den

deutschen Hafenstädten und in Berlin, aber auch in Städten

und Ortschaften in der Provinz – und damit auch in Westfalen

– beteiligten sich Akteure und Befürworter, Profiteure

und Handlanger daran, den „kolonialen Gedanken“ in

der Bevölkerung zu verankern. Die Spuren sind allerorts

zu finden: materielle wie Gebäude, Denkmäler, Objekte,

Dokumente, immaterielle wie kolonialistisches und rassistisches

Gedankengut und andere Kontinuitäten wie

globale ökonomische Abhängigkeiten und Ungleichheiten.

Viele Zeugnisse in Westfalen

In Westfalen erzählen Straßennamen von kolonialen Akteuren

(oftmals sind diese erst in der Zeit des Nationalsozialismus

benannt worden), manch ein Kriegerdenkmal

erinnert auch an Soldaten, die in einem der Kolonialkriege

ihr Leben ließen, Gebäude künden von Wohlstand, der in

Übersee erwirtschaftet wurde. Westfälische Unternehmen

exportierten Stahl und Eisen für den Bau von Bahnen, Hafenanlagen

und Brücken in die Kolonien; Rohstoffe aus den

Kolonien wurden in hiesigen Tabak- und Schokoladenfabriken

verarbeitet. Völkerkundliche und Missions-Sammlungen

stellten Objekte zur Schau, die von Alltag, Riten

und der Kunst indigener Völker zeugten. Ob diese Objekte

legal erworben wurden, wird dabei nur selten hinterfragt.

Auf großen Kolonial- und Gewerbeausstellungen konnte

die westfälische Bevölkerung ein Bild von den wirtschaftlichen

Möglichkeiten gewinnen, die die Kolonien versprachen

– und nebenbei in Völkerschauen „Wilde“ begaffen.

Kolonialvereine veranstalteten Vorträge und Feste, Missionsvereine

sammelten Geld zur Unterstützung ihrer Tätigkeiten.

Und nicht zuletzt kauften die Menschen in Westfalen

in Kolonialwarenläden Kaffee, Tee, Schokolade und

viele andere Produkte. In den Tageszeitungen konnten sie

die neuesten Entwicklungen in den überseeischen Besitzungen

mitverfolgen. Die Kolonien waren der westfälischen

Bevölkerung der Kaiserzeit also durchaus präsent.

Umso erstaunlicher ist das lange Beschweigen der Kolonialzeit

nach 1945 und das Verdrängen der Täterschaft

deutscher Soldaten in den Kolonialkriegen – beim Völkermord

im Krieg 1904 bis 1907/08 gegen die Herero und

Nama in Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), bei dem

über 80.000 Menschen umkamen, oder im Maji-Maji-Aufstand

in den Jahren 1905 bis 1907 in Deutsch-Ostafrika

Auch auf der Hohensyburg steht ein Reiterdenkmal für Kaiser Wilhelm I. Foto: Bernd Thissen/dpa

Die Autorin und die

Autoren des Beitrags

haben das Buch

„Koloniale Welten in

Westfalen“ herausgegeben,

der als Band

89 der Reihe „Studien

und Quellen zur

Westfälischen Geschichte“

im Verlag

Ferdinand Schöningh

erschienen ist.

(heute Tansania und Teile von Burundi und Ruanda), der

300.000 indigene Opfer forderte.

Debatten werden vielerorts geführt

Allmählich entsteht in der bundesdeutschen Gesellschaft

ein Bewusstsein für die Notwendigkeit der Aufarbeitung

der deutschen Kolonialzeit. In den Medien wird über die

Verhandlungen mit der namibischen Regierung über eine

offiziell sogenannte Wiederaufbauhilfe für die Nachfahren

der Herero und Nama informiert und die Rückgabe von

Kulturgütern, die in kolonialen Kontexten „erworben“

wurden, diskutiert. In Westfalen gab und gibt es mancherorts

Debatten um Umbenennungen von Straßen, die koloniale

Akteure ehren – wie um die Karl-Peters-Straße in

Bielefeld oder die Lettow-Vorbeck-Straße in Bünde – oder

um die Umgestaltung von Kriegerdenkmälern in Mahnmale

(zum Beispiel das Traindenkmal in Münster). Zivilgesellschaftliche

Gruppen wie Bielefeld postkolonial oder

Hagen postkolonial bieten Stadtführungen auf kolonialen

Spuren an; auf der Webseite Dortmund postkolonial wird

regionale Kolonialgeschichte aufgearbeitet. Auf Tagungen

werden Aspekte und Verflechtungen westfälischer Kolonial-

und Missionsgeschichte(n) diskutiert – wie auf der

Tagung „Aus Westfalen in die Südsee“ an der Westfälischen

Wilhelms-Universität in Münster 2017 oder auf der

Tagung „Koloniale Welten in Westfalen“ an der Universität

Paderborn 2019.

Kolonialismus ist keine geschichtlich abgeschlossene

Epoche, er wirkt bis heute fort. Seine Aufarbeitung erfordert

mehr als das bloße Sichtbarmachen von Spuren. Es

geht um das kritische Hinterfragen eines Geschichtsbildes,

das die Weltgeschichte entlang von europäischen und

nordamerikanischen Nationalgeschichten wahrnimmt

und diese zum Maßstab erklärt. Kolonial geprägte Menschenbilder

sind bis heute in Stereotypen und Machtverhältnissen

in unserer Gesellschaft sichtbar. Wer Rassismus

verstehen will, kommt an einer Beschäftigung mit der

Kolonialvergangenheit, als diese Sortierung der Menschen

nach vermeintlicher Wertigkeit begann, nicht vorbei.


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

WINTER-SPEZIAL

Gesellschaft | 23

GÜTERSLOH/BIELEFELD

Weihnachten in der

Suppenküche

Mit großem Engagement stellen Vereine

Hilfebedürftigen täglich warme Mahlzeiten bereit.

Zu den Festtagen gibt es besondere Aktionen

Von Stefan Legge

Bis zu 120 Essen pro Tag werden in der Suppenküche

Gütersloh frisch zubereitet. Fotos: Marco Stepniak

Nur eine Woche dauerte die Schockstarre im Corona-Lockdown.

„Wir haben uns vom ersten Tag an Gedanken gemacht, wie wir

den Menschen trotzdem eine warme Mahlzeit bieten können“,

sagt Inge Rehbein, Gründerin und Vorsitzende der Gütersloher

Suppenküche. Not macht erfinderisch. Kurzerhand haben Rehbein

und ihre Helfer die Fenster im Erdgeschoss aufgemacht, einen Stuhl davor

gestellt und so eine kontaktlose und regelkonforme Essensausgabe geschaffen.

Eine kostenlose Hilfe, auf die viele Menschen in Gütersloh angewiesen sind.

120 Essen pro Tag gibt der Verein heraus.

Dass die Not auch ohne Corona groß ist, weiß Inge Rehbein. Seit 19 Jahren

führt sie den Verein und kennt die Menschen, die mittags zum Essen kommen,

persönlich. Sie kennt auch die Schicksale der Alleinerziehenden, Migranten

und Obdachlosen, deren Haushaltsbudget so klein ist, dass es nicht

zum Leben reicht. „Über die Jahre ist das deutlich mehr geworden. Vor allem

die Altersarmut hat zugenommen“, berichtet Rehbein. Zu ihrem Team gehören

13 hauptamtliche und 110 ehrenamtliche Helfer des Vereins. Das Essen,

die Räumlichkeiten, das Personal – all das wird durch Spenden finanziert.

„Sie können sich vorstellen, wie viel Überzeugungsarbeit wir dafür leisten

müssen“, sagt Rehbein.

Spendenbereitschaft steigt zum Jahresende

„Vor allem zum Jahresende verzeichnen wir höhere Spendeneingänge“ sagt

Ulrich Wienstroth, Geschäftsführer des Bielefelder Tischs. Sein Verein kommt

auf 250 warme Mahlzeiten am Tag und wird ebenfalls fast ausschließlich über

Spenden finanziert. „Alles gratis für die Gäste. Sie dürfen essen, so viel sie

wollen, und der Rest darf mitgenommen werden“, so Wienstroth. Die laufenden

monatlichen Kosten seines Vereins beziffert er auf über 4000 Euro: Miete,

Strom, Reparaturen, Versicherungen. „Für das Essen zahlen wir glücklicherweise

fast nichts. Supermärkte, Kantinen und Caterer wissen, wo sie ihre Restmengen

loswerden können. So bekommen wir oft schon fertig gekochte Gerichte,

und ohne uns würde das alles weggeschmissen“, sagt Wienstroth.

Genau wie in Gütersloh muss bei der Bielefelder Tafel niemand seine Bedürftigkeit

nachweisen. Alle sind willkommen. Wenig Geld ist oft nur ein

Grund fürs Kommen. „Für viele Menschen ist das der einzige soziale Kontakt

am Tag. Die gehen danach wieder in ihre seit dreißig Jahren nicht mehr renovierte

Wohnung, wo noch nicht mal ein Haustier auf sie wartet“, macht

Wienstroth die soziale Bedeutung seiner Einrichtung deutlich. Viele ältere

Herren seien beispielsweise gar nicht in der Lage, sich selbst mit warmem

Essen zu versorgen.

Für viele Menschen

ist der

Gang zur Essensausgabe

der

einzige soziale

Kontakt am Tag.

„Wir versuchen,

den Menschen

kleine Wünsche

zu erfüllen.“

Inge Rehbein,

Gründerin und Vorsitzende des Vereins

Gütersloher Suppenküchen

Bescherung am Heiligen Abend

„Gerade zu Weihnachten versuchen wir dann, den Menschen, die nicht auf der

Sonnenseite des Lebens stehen, eine besondere Freude zu machen“, sagt Wienstroth.

Die OWL-Weihnachtskiste ist so eine Initiative. Hier kann seit 15 Jahren

jeder ein Päckchen packen und das hineintun, worüber er sich selbst freuen

würde. Selbst gebackene Plätzchen, ein schönes Gedicht, ein komplettes Weihnachtessen

für eine sechsköpfige Familie – all das war in vergangenen Jahren

schon dabei. Früher wurden die Pakete vor dem Rathaus ausgegeben, seit Corona

werden mit dem Essen auch die Geschenke verteilt.

In Gütersloh nimmt sich Inge Rehbein am Heiligen Abend viel Zeit. Was

in Bielefeld die OWL-Weihnachtskiste, ist in Gütersloh das Paket mit Herz.

„Wir versuchen den Menschen damit kleine Wünsche zu erfüllen. Alkohol und

Tabak sind natürlich tabu“, berichtet Rehbein. Rasierzeug oder Duschgel seien

sinnvolle Sachen. Neben den Paketen gibt es von der Chefin aber auch für jeden

ein paar persönliche Worte. „Nach anderthalb Stunden habe ich dann oft keine

Stimme mehr“, sagt Rehbein und lacht.

Niemand muss unter der Brücke schlafen

Die beiden Einrichtungen sind Beispiele für ein Netz aus Suppenküchen und

Tagestreffs in Nordrhein-Westfalen. Als Mitunterzeichner einer gemeinsamen

Erklärung wandten sie sich zuletzt vor zwei Jahren an die Öffentlichkeit und

die politisch Verantwortlichen. „Bei uns bekommen Arme und Obdachlose

nicht nur Essen, Kleidung oder medizinische Versorgung, sondern fassen auch

neuen Mut. Sie erleben, dass sie in ihrer Menschenwürde wahrgenommen

werden, dass sich andere mit ihnen für eine gerechtere Welt einsetzen. In diesem

Sinne verstehen wir Initiativen uns als ‚Stachel im Fleisch‘ der Gesellschaft.

Wir wollen nicht zulassen, dass immer noch Menschen in Not kein Dach über

dem Kopf haben, dass in unseren Innenstädten kein Platz ist für die Gesichter

der Armut“, heißt es in der Erklärung.

Ihre zentralen Forderungen an die Politik: keine Vertreibung von Obdachlosen,

Öffnung von geschützten Räumen, ein sicherer Schlafplatz ohne Ämtergänge

und bezahlbarer Wohnraum. „Eine soziale Wohnungspolitik muss

sich angesichts explodierender Mieten auch an den Bedürfnissen der schwächsten

Mitglieder der Gesellschaft orientieren“, formulieren die Verfasser und

legen den Finger in die Wunde.

Von der Politik wünscht sich Ulrich Wienstroth mehr Unterstützung.

„Eigentlich machen wir hier den Job der Stadt. Die muss sich doch um ihre

Menschen kümmern.“ Positiv bewertet er das enge Netz von Anlaufstellen und

Notunterkünften in Bielefeld. „Auch wenn nicht jeder in einer Gruppenunterkunft

mit Achtbettzimmer übernachten möchte, das Angebot steht zur Verfügung.“

Das gelte auch für die Menschen in Gütersloh ohne festen Wohnsitz,

sagt Inge Rehbein: „Hier muss niemand unter der Brücke schlafen.“


DEZEMBER 2021 / AUSGABE 6

WINTER-SPEZIAL

Tipps | 24

OEDING

Geschwister der Wurstküche

Herzblut, Handwerk und

Heimatliebe: unsere Tipps für

besondere regionale Produkte

Eine ganz

besondere

Spezialität

Die Besonderheit aus dem Hause Rüweling, Papa

Pauls ganzer Stolz und der König unter den

Schinken: der Westfälische Knochenschinken.

Er muss mindestens ein Jahr lang reifen, ehe er

unter die Genießer darf. Und woher hat er seinen doch

etwas brutalen Namen? Ganz einfach: Der Röhrenknochen

des Schinkens bleibt bis zuletzt dran und verleiht ihm

schließlich seinen speziellen Namen.

Die handwerkliche Herstellung, für die viel Erfahrung

und Geschick gefordert sind, liegt den „Wurstgeschwistern“

Nadine, Anja und Daniel Rüweling ganz besonders

am Herzen. Sie führen in vierter Generation den Betrieb

weiter, den ihr Urgroßvater einst gründete. Das traditionelle

Handwerk haben sie mit modernem Marketing und

Vertrieb kombiniert, weil die Wurstpakete von zu Hause

bei ihren Freunden in Berlin und Hamburg immer der Renner

waren. Verschiedenste Wurst- und Schinkenspezialitäten,

Hausmannskost im Glas, Spezialitäten für den Grill

sowie Kuchen und Brot vom Bäcker nebenan, all das gibt

es online zu kaufen. Und der Renner: Für alle, die keine

Schokokalender mögen, gibt’s jetzt in der Adventszeit

einen Wurstkalender. www.wurstgeschwister.de

Der Westfälische Knochenschinken

ist ein Unikat. Foto: Wurstgeschwister

Skandinavisch inspiriert: die Tische Hippe (oben)

und Sprokame. Foto: Herr Lars

Feinste

Handwerkskunst

Jedes Stück Holz ein

treuer Begleiter

Steinfurt. Der Tisch Hippe holt mit einer Baumscheibe

ein herrliches Stück Natur in den Raum, und an Sprokame

nimmt eine ganze Großfamilie Platz: Inspiriert von

skandinavischem Design entstehen Stücke wie diese in

der Steinfurter Möbelmanufaktur von Lars Wilmer aus

zertifiziertem Holz, das in der Region geschlagen wurde.

Auch die übrigen Bauteile, etwa aus Stahl, stammen von

Partnerbetrieben aus dem Umland. Herz und Hand des

Designers und seines Teams machen daraus Unikate, die

ein Leben lang treue Begleiter sein werden. Jedes Möbelstück

– vom Hocker bis zum Schrank – wird auf Kundenwunsch

gefertigt.

Ehe man gleich einen ganzen Schrank online bestellt,

versendet die Manufaktur auch Holzmuster und

Farbproben. www.herr-lars.com

Ein Klassiker

wie der Dom

Münster. Mehr als 100 Brauereien gab

es einst in Münster, heute sind es noch

fünf, dabei gehört das Bier doch eigentlich

zu Münster wie der Dom. Ein

Stück der Biergeschichte wieder aufleben

zu lassen, haben sich die Macher

der Finne Brauerei vorgenommen.

Das Helle gehört zu den jüngeren Bieren,

und doch ist es längst ein Klassiker

für den Feierabend. Auch für

Craftbeer-Manufakturen gehört es

selbstverständlich zum Programm.

Egal ob am Prinzipalmarkt oder im

Stadion: Das Helle ist bekannt für

seine hohe drinkability. Aber das ist

natürlich längst nicht alles, was die

Finnen zu bieten haben. Wer einen

tiefen Schluck von den leuchtenden

Gerstenfeldern des Münsterlandes

nehmen möchte, finden im Bio Harvest

Brew ein goldgelbes Märzen. Der

wuchtige Hafenelefant steht für das

Finnen Pale Ale Bio Ipa. Sechs unterschiedliche

Malzsorten liefern die

feine Melange für das Bio Scottish Ale.

Wer all das nicht direkt in der Brauerei

im Münsteraner Kreuzviertel probieren

möchte, kann online bestellen.

www.finne-brauerei.de

Ein junger Klassiker der Biergeschichte.

Foto: Finnen Brauerei

Das Helle

steht für

drinkability

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!