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SIFAT - Nächstenliebe - Heft 3-2021 - Leseprobe

Als wir im Frühjahr dieses Jahres überlegten, welches Thema wichtig für ein neues Heft sein könnte, haben wir mit dem Blick auf den Prozess einer zunehmenden Polarisierung in unserer Gesellschaft entschieden, dass es lohnend ist, sich mit dem Grundwert sozialen Miteinanders zu beschäftigen – der Nächstenliebe. Und so verweist bereits das Titelbild auf eine Jahrtausende alte Tradition, die mit dem Buddha des Mitgefühls verbunden ist. Das Heft beginnt – anders als gewohnt – diesmal nicht mit einem Text von Hazrat Inayat Khan, sondern mit einem Blick auf Nächstenliebe als einem Fundament menschlichen Zusammenlebens und damit als einem universellen Wert. So mag es auch nicht verwundern, wenn die Beiträge sowohl aus verschiedenen Traditionen als auch unterschiedlichen Lebensbereichen gewählt wurden. Den universellen Blick schärft der Text von Hazrat Inayat Khan, während Pir Zia Inayat-Khan sowie Taj Inayat beschreiben, was es heißt, Nächstenliebe zu praktizieren. Die weiteren Texte bieten eine Fülle von unterschiedlichen Aspekten an: So erinnert der Text von Thich Nhat Hanh daran, dass es auch dann, wenn wir anderen Menschen gegenüber schwere Verfehlungen begangen haben, möglich ist, diese Vergangenheit loszulassen und ganz bewusst Gutes für andere zu tun. Sarida Brown zeigt mit den Erzählungen aus ihrem Leben auf, was es heißt zu dienen und wie wirksam die göttliche Führung durch einen Menschen hindurch in Erscheinung treten kann, wenn man sich dafür öffnet.

Als wir im Frühjahr dieses Jahres überlegten, welches Thema wichtig für ein neues Heft sein könnte, haben wir mit dem Blick auf den Prozess einer zunehmenden Polarisierung in unserer Gesellschaft entschieden, dass es lohnend ist, sich mit dem Grundwert sozialen Miteinanders zu beschäftigen – der Nächstenliebe. Und so verweist bereits das Titelbild auf eine Jahrtausende alte Tradition, die mit dem Buddha des Mitgefühls verbunden ist. Das Heft beginnt – anders als gewohnt – diesmal nicht mit einem Text von Hazrat Inayat Khan, sondern mit einem Blick auf Nächstenliebe als einem Fundament menschlichen Zusammenlebens und damit als einem universellen Wert. So mag es auch nicht verwundern, wenn die Beiträge sowohl aus verschiedenen Traditionen als auch unterschiedlichen Lebensbereichen gewählt wurden. Den universellen Blick schärft der Text von Hazrat Inayat Khan, während Pir Zia Inayat-Khan sowie Taj Inayat beschreiben, was es heißt, Nächstenliebe zu praktizieren. Die weiteren Texte bieten eine Fülle von unterschiedlichen Aspekten an: So erinnert der Text von Thich Nhat Hanh daran, dass es auch dann, wenn wir anderen Menschen gegenüber schwere Verfehlungen begangen haben, möglich ist, diese Vergangenheit loszulassen und ganz bewusst Gutes für andere zu tun. Sarida Brown zeigt mit den Erzählungen aus ihrem Leben auf, was es heißt zu dienen und wie wirksam die göttliche Führung durch einen Menschen hindurch in Erscheinung treten kann, wenn man sich dafür öffnet.

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Zeitschrift für Universalen Sufismus

49. Jg.

Heft 3

Dezember 2021

Nächstenliebe


Abschied von Karima Sen Gupta

Ich stamme aus einem vollkommenen Grund

und bin gebunden an ein vollkommenes Ziel.

Ich lebe, bewege mich und habe mein Sein in Gott

und nichts in der Welt hat die Kraft, mich zu

berühren.

Hazrat Inayat Khan

Mit diesem für sie so wichtigen Satz nehmen

wir Abschied von Karima Sen Gupta, die

am 15. November 2021 im Alter von 89 Jahren von uns gegangen ist.

Karima gründete im Jahr 1970 „SIFAT“, das sie bis 1995 herausbrachte. Das

Thema des ersten Heftes war Bruderschaft. Sie übernahm in dieser Zeitspanne

den Verlag Heilbronn von der Verlagsgründerin Inge von Wedemeyer und war

Inhaberin bis 2004. Danach arbeitete sie viele Jahre ehrenamtlich weiter beim

Verlag mit.

Ihr frühes Interesse für die geistigen Traditionen des Ostens brachte sie 1956 in

Kontakt mit der Lehre von Hazrat Inayat Khan. Sie lebte mit ihrem indischen

Mann Ranjit und zwei Töchtern in der Schweiz und wirkte als Cherag und

Leiterin in der internationalen Sufi-Bewegung mit. Ihre beiden Anthologien

aus dem Werk von Hazrat Inayat Khan mit den Titeln „Vom Glück der Harmonie“

und „Wanderer auf dem inneren Pfad" wurden tausendfach verkauft

und kamen erst im Herder Verlag und dann im Verlag Heilbronn heraus. Sie

übersetzte zahlreiche Bücher. Ihr letztes, „Der Zauber Indiens – aus dem Leben

eines Sufi" von Musharaff Moulamia Khan, das 2014 erschien, kommentierte

sie damals in einem Interview. Das Video dazu ist auf unserer Website abrufbar

unter: https://www.verlag-heilbronn.de/autorinnen/karima-sen-gupta/.

Ihr Weg war kein leichter und schwierige Lebenserfahrungen prägten sie nachhaltig.

Vielleicht war sie auch deshalb zeit ihres Lebens eine zutiefst Suchende.

C. G. Jung ist oft darin zitiert worden, dass jeder Mensch eine große Gabe und

eine ebensolche Wunde auf dem Weg ins Menschsein erhält. So haben sich

Karimas Gaben in der Welt auf segensreiche Weise manifestiert.

Karima war uns eine Freundin, die bis zu ihrem Tod trotz ihrer Altersbeschwerden

immer auch das Wohl und die Zukunft von SIFAT und Verlag im Auge hatte.

Möge Karima aus der Erdenschwere in die Glückseligkeit des Lichts geführt

werden. In Dankbarkeit, dass wir ein Stück des Weges mir ihr teilen durften,

Uta Maria Baur und Josef Ries, Herausgeber SIFAT / Verlag Heilbronn


Inhaltsverzeichnis

Nächstenliebe

Vorwort der Redaktion 4

Erläuterungen zum Titelbild:

Dargestellt ist der Buddha des Mitgefühls: Avalokiteshvara 5

Michael Nüssen: Nächstenliebe und Feindesliebe sind zeitlose und

und universelle Werte 6

Hazrat Inayat Khan: Die Kultivierung des Herzens 11

Pir Zia Inayat-Khan: Über Almosen 15

Taj Inayat: Kommentar zur Goldenen Regel 10:

Vernachlässige diejenigen nicht, die auf dich angewiesen sind 17

Neil Douglas-Klotz: Das Jesuswort zur Nächstenliebe in aramäischer Sicht 20

Sarida Brown: Interview – Ein Licht ging durch mich hindurch, Teil 2 23

Thich Nhat Hanh: Mit Verstehen und Mitgefühl auf Gewalt reagieren 28

Shlomo Bistritzky: „Wer ist geehrt? Wer andere ehrt.“ 29

Ali Özgür Özdil: Talha schenkt mir sein Taschengeld 31

Ali Özgür Özdil: Du sollst deinen Nächsten lieben – Nächstenliebe im Islam 32

Christel Ludewig: Beistand am Lebensende –

In schwierigen Zeiten nicht allein gelassen 36

Yunus Emre: Wenn eine Seele diesen Ort verlässt 39

Gebet der Lakota Sioux: Das Gebet zum Großen Geist 40

Aufruf der Hopi: An meine Gefährten, die mit mir schwimmen 41

Marshall B. Rosenberg: Kinder einfühlend ins Leben begleiten 42

Michael Maciel: Ist Empathie genug? 43

Texte aus den Heiligen Schriften der Weltreligionen 48

Blick aus dem Fenster: First Togetherness 51

Buchbesprechungen:

Elif Shafak: Hört einander zu! 53

Anselm Grün und Ahmad Milad Karimi: Im Herzen

der Spiritualität – Wie Christen und Muslime sich begegnen können 55

Hazrat Khwaja Moinuddin Chishti: Die letzte Ansprache an seine Murids 58

Jubiläums-Edition Band 4: Heilung und die Welt des Geistes 59

Projekte 60

Impressum 62

Auszeichnung Verlag Heilbronn 2021 63

SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe 3


Vorwort der Redaktion

Liebe Leserinnen und Leser,

als wir im Frühjahr dieses Jahres überlegten, welches Thema wichtig für ein

neues Heft sein könnte, haben wir mit dem Blick auf den Prozess einer zunehmenden

Polarisierung in unserer Gesellschaft entschieden, dass es lohnend ist,

sich mit dem Grundwert sozialen Miteinanders zu beschäftigen – der Nächstenliebe.

Und so verweist bereits das Titelbild auf eine Jahrtausende alte Tradition,

die mit dem Buddha des Mitgefühls verbunden ist. Das Heft beginnt

– anders als gewohnt – diesmal nicht mit einem Text von Hazrat Inayat Khan,

sondern mit einem Blick auf Nächstenliebe als einem Fundament menschlichen

Zusammenlebens und damit als einem universellen Wert. So mag es auch

nicht verwundern, wenn die Beiträge sowohl aus verschiedenen Traditionen

als auch unterschiedlichen Lebensbereichen gewählt wurden. Den universellen

Blick schärft der Text von Hazrat Inayat Khan, während Pir Zia Inayat-Khan

sowie Taj Inayat beschreiben, was es heißt, Nächstenliebe zu praktizieren. Die

weiteren Texte bieten eine Fülle von unterschiedlichen Aspekten an: So erinnert

der Text von Thich Nhat Hanh daran, dass es auch dann, wenn wir anderen

Menschen gegenüber schwere Verfehlungen begangen haben, möglich ist, diese

Vergangenheit loszulassen und ganz bewusst Gutes für andere zu tun. Sarida

Brown zeigt mit den Erzählungen aus ihrem Leben auf, was es heißt zu dienen

und wie wirksam die göttliche Führung durch einen Menschen hindurch in

Erscheinung treten kann, wenn man sich dafür öffnet.

Dass wir eine Verantwortung haben, welchen Blick auf die Mitmenschen unsere

Kinder erlernen, erfahren wir von Marshall B. Rosenberg, dem Begründer der

Gesprächsführung einer gewaltfreien Kommunikation sowie dem Text von

Ali Özgür Özdil, der von der unverstellten Weisheit eines Kindes erzählt. Am

anderen Ende des Lebenszyklus steht der Mitmensch als ein Sterbender, der

in besonderer Weise der Nächstenliebe bedarf, wie Christel Ludewig auf eindrucksvolle

Weise erklärt und praktiziert.

Einen wichtigen Beitrag stellt der Text von Neil Douglas-Klotz dar. Er setzt

sich mit den bekannten Jesusworten zur Nächstenliebe auseinander und gibt

durch den Bezug auf die Bedeutung des Aramäischen im Urtext einen tieferen

Einblick in dessen Bedeutung und Deutungsmöglichkeiten. Ergänzt wird diese

Betrachtung durch den Text von Shlomo Bistritzky, der uns daran erinnert, wie

zentral in diesem Zusammenhang die Selbstliebe gesehen werden muss – ohne

sie gibt es keine Nächstenliebe. Der Beitrag „Blick aus dem Fenster“ zeigt bei-

4 SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe


Titelbild: Avalokiteshvara – Buddha des Mitgefühls

spielhaft, was wir erfahren können, wenn wir Nächstenliebe praktizieren: Wenn

ich gebe, dann wächst meine Freude und meine Selbstakzeptanz.

„Immer ist der wichtigste Mensch der, der dir gerade gegenübersteht.“, sagt

Meister Eckart. In diesem Sinn wünschen wir Freude und Inspiration beim

Lesen der vorliegenden Textsammlung.

Wir möchten unserer Leserschaft noch mitteilen, dass Detlev Qalbi Marzke

leider die Redaktion verlassen hat. Ganz herzlich möchten wir uns für seine

Mitarbeit bedanken und ihm alles Gute für seine weiteren Pläne wünschen.

Die Redaktion:

Hans-Peter Baum, Claudia Nüssen, Michael Nüssen,

Regina Armaiti Winkler-Reber

Erläuterungen zum Titelbild

Dargestellt ist der Buddha des Mitgefühls: Avalokiteshvara

Wer ist Avalokiteshvara?

In den Schriften ist überliefert, dass Avalokiteshvara in seinem Vorleben

allein in Indien 37-mal aufgetreten ist, z. B. als „Derjenige, der bei anderen das

Heilsame anwachsen lässt“. In dieser Existenz hatte der Bodhisattva schon als

Jugendlicher tiefe Einblicke in die Natur des Leidens. Im Alter von 15 Jahren

kündigte er an, sich körperlich und geistig in die Abgeschiedenheit zu begeben.

Er habe kein Interesse an weltlichem Streben und wolle die Fessel der Begierde

überwinden. Dann machte er sich auf an einen abgeschiedenen Ort. Unterwegs

fragten ihn die Menschen: „Du bist jung. Warum verlässt du deine lieben

Eltern?“ Der Junge gab zur Antwort: „Meine einzige Furcht ist, meine Eltern

langfristig zu verlieren. Deshalb gehe ich jetzt und verlasse sie kurzfristig. Ich

gebe meine Eltern nicht wirklich auf, sondern kümmere mich um etwas, was

ihnen langfristig von Nutzen sein kann.“

Avalokiteshvara ist der Buddha des Mitgefühls, und in ihm verkörpert sich

das Erbarmen sämtlicher Buddhas. Die Meditation über Avalokiteshvara ist sehr

SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe 5


Michael Nüssen: Nächstenliebe und Feindesliebe sind zeitlose und universelle Werte

heilsam. Aufgrund seines großen Erbarmens sind der Segen und Nutzen seines

Mantra umso größer, je schlechter die Zeiten und je größer die Leiden sind.

Avalokiteshvara richtete das folgende Wunschgebet an den Buddha: „Verleihe

mir die Kraft, dass später allein das Aussprechen meines Namens dazu führt,

dass das Leiden der Lebewesen besänftigt wird.“ Der Name steht hier für die

Mantras, die im Zusammenhang mit der Avalokiteshvara-Praxis rezitiert werden.

Das bekannteste Mantra in der Avalokiteshvara-Praxis ist das OM MANI

PADME HUM.

Was bedeutet das Mantra OM MANI PADME HUM?

OM ist zusammengesetzt aus A, U und M und repräsentiert Körper, Rede

und Geist des Buddha, die damit angerufen werden.

MANI symbolisiert den Pfad der Methode. Wenn man den gesamten buddhistischen

Pfad einteilt, gibt es den Pfad der Methode und den Pfad der Weisheit,

die man zusammen entwickeln muss. MANI heißt so viel wie Diamant,

man kann es sich wie eine Art wunscherfüllendes Juwel vorstellen. Dies repräsentiert

den sogenannten weiten Pfad, welcher Tugenden wie Mitgefühl und

den Erleuchtungsgeist beinhaltet. Dieser Pfad ist eine Art wunscherfüllendes

Juwel für die Lebewesen.

PADME heißt Lotus und steht für den Weisheitsaspekt des Pfades. Dieser

besteht hauptsächlich in der Erkenntnis der endgültigen Realität, der Leerheit.

HUM bedeutet, dass etwas ungetrennt ist und weist auf die Vereinigung von

MANI und PADME, Weisheit und Methode hin, denn diese beiden sollten

niemals getrennt voneinander praktiziert werden.

Nach: „Tibet und Buddhismus“, Heft 47, 1998

Michael Nüssen

Nächstenliebe und Feindesliebe sind zeitlose

und universelle Werte

Es geht mir in diesem Artikel darum, mithilfe von Zitaten zu zeigen, dass ein

harmonisches Beisammensein aller Menschen von Beginn unserer Zivilisation

bis heute als tiefe universelle menschliche Sehnsucht vorhanden war und

fortbesteht! Weder Levitikus 19,18 aus der Tora noch Lukas 6, 27 im „Neuen

Testament“ haben da Copyright von Nächsten- oder Feindesliebe. Sie sind für

6 SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe


Michael Nüssen: Nächstenliebe und Feindesliebe sind zeitlose und universelle Werte

mich schöne Perlen in der langen Kette gleicher heiliger Perlen menschlicher

Weisheit:

Die antiken Flusskulturen

Eine der ältesten bekannten schriftlichen Quellen menschlicher Zivilisation

ist der Codex Hammurabi aus Babylon. Dieser in Akkadisch abgefasste

Text (etwa 1728-1686 v. u. Z.), den Archäologen im Iran fanden, ist in eine

Steinsäule gemeißelt. Im Epilog, der den Gesetzen des Codex folgt, lesen wir:

„Hammurabi, der schützende König, bin ich. Die Menschen, die Bel mir geschenkt,

deren Regierung Marduk mir gegeben hat, vernachlässige ich nicht, war nicht säumig,

eine Wohnstätte des Friedens verschaffte ich ihnen. Steile Engen erschloss ich,

Licht ließ ich über sie erstrahlen. Mit der mächtigen Waffe, welche Zamama und Istsar

mir verliehen, mit dem Scharfblick, den Ea mir bestimmt, mit der Weisheit, die

Marduk mir gegeben, habe ich den Kämpfen ein Ende bereitet, dem Lande Wohlbefinden

geschaffen, die Einwohner der Wohnsitze in Sicherheit wohnen lassen, einen

Unruhestifter unter ihnen nicht geduldet. Die Großen Götter haben mich berufen,

ich bin der Heil bringende Hirte, dessen Stab gerade ist, guter Schatten ist über

meine Stadt gebreitet; an meiner Brust hege ich die Einwohner des Landes Sumer

und Akkad, in meinem Schutz habe ich sie ihre Tätigkeit in Frieden ausüben lassen,

in meiner Weisheit sie geborgen. Dass der Starke dem Schwachen nicht schade, um

Waisen und Witwen zu sichern, in Babylon, […] habe ich meine kostbaren Worte

auf meinen Denkstein geschrieben, vor meinem Bildnisse, als des Königs der Gerechtigkeit,

aufgestellt.“

Gut 1000 Jahre später regierte im Zweistromland Kyros der Große: Er erhebt

im Kyros-Edikt Nächstenliebe von einer persönlichen Angelegenheit zur Staatsräson.

Sie ist dort politisch motiviert. Etwa die juristische Gleichheit aller, das

erlaubte Miteinander von Religionen oder Freiheit für Sklaven. So steht es auf

dem Kyros-Zylinder aus dem Jahre 539 v. Chr.. Diese Worte fanden auch Einzug

in die Hebräische Bibel (2. Chronik 36,22f + Esra 1,1-4 hebräisch; Esra

6,3-5 aramäisch). Die Bestimmungen wurden in alle sechs offiziellen Sprachen

der Vereinten Nationen übersetzt und entsprechen den ersten vier Artikeln der

Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Auch in den spirituellen Zeugnissen der Indus/Ganges-Flusskultur wurden

die „großen Fragen“ gestellt. In der Rigweda (Vedisch, Sanskrit = Verse/Loblieder),

der ältesten der Veden, handelt es sich um eine Sammlung von 1000 Hymnen

in 10 Mandalas (Büchern). Für die Bücher I - IX wird eine Entstehungszeit

zwischen 1750-1200 v. Chr. vermutet.

SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe 7


Michael Nüssen: Nächstenliebe und Feindesliebe sind zeitlose und universelle Werte

Der Ursprung der Dinge

1. Weder Nichtsein noch Sein war damals; nicht war der Luftraum noch der

Himmel darüber. Was strich hin und her? Wo? In wessen Obhut? Was war das

unergründliche tiefe Wasser?

2. Weder Tod noch Unsterblichkeit war damals; nicht gab es ein Anzeichen von Tag

und Nacht. Es atmete nach seinem Eigengesetz ohne Windzug dieses Eine.

Irgendein anderes als dieses war weiter nicht vorhanden.

3. Im Anfang war Finsternis in Finsternis versteckt; all dieses war unkenntliche

Flut. Das Lebenskräftige, das von der Leere eingeschlossen war, das Eine wurde

durch die Macht seines heißen Dranges geboren.

4. Über dieses kam am Anfang das Liebesverlangen, was des Denkens erster Same

war. Im Herzen forschend machten die Weisen durch Nachdenken das Band des

Seins im Nichtsein ausfindig.

5. Quer hindurch ward ihre Richtschnur gespannt. Gab es denn ein Unten, gab es

denn ein Oben? Es waren Besamer, es waren Ausdehnungskräfte da. Unterhalb

war der Trieb, oberhalb die Gewährung.

6. Wer weiß es gewiss, wer kann es hier verkünden, woher sie entstanden, woher

diese Schöpfung kam? Die Götter kamen erst nachher durch die Schöpfung dieser

Welt. Wer weiß es dann, woraus sie sich entwickelt hat?

7. Woraus diese Schöpfung sich entwickelt hat, ob er sie gemacht hat oder nicht –

der der Aufseher dieser Welt im höchsten Himmel ist, der allein weiß es, es sei

denn, dass auch er esnicht weiß. (Rigweda 10,129)

Wieder steht Liebe als Urgrund menschlichen Handelns im Mittelpunkt.

In der dritten antiken Flusskultur am Nil regierte vor ca. 3400 Jahren der Pharao

Echnaton. Er leitete eine religiöse Revolution ein, indem er den ägyptischen

Pantheon auf den Sonnengott Aton als Schöpfergott konzentrierte. In seinem

Großen Sonnen-Hymnus auf Aton steht:

„Die Sonnenmenschen sind erwacht und haben sich auf die Füße gestellt, du hast

sie aufgerichtet. Sie waschen ihren Leib und nehmen die Kleider, ihre Arme beugen

sich in Anbetung, weil du erscheinst. Das ganze Land geht an seine Arbeit […] Wie

mannigfaltig sind doch deine Werke! Sie sind verborgen vor dem Gesicht (der Menschen),

du einziger Gott, außer dem es keinen mehr gibt! Du hast die Erde geschaffen

nach deinem Herzen, du ganz allein, mit Menschen, Herden und allem Getier, was

immer auf der Erde auf Füßen geht, was immer in der Höhe ist und mit seinen Flü-

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Michael Nüssen: Nächstenliebe und Feindesliebe sind zeitlose und universelle Werte

geln fliegt. Die Fische im Strom springen vor deinem Angesicht, denn deine Strahlen

dringen in die Tiefe des Meeres […] Du setzt jedermann an seine Stelle und sorgst

für seine Bedürfnisse; ein jeder hat sein Essen, berechnet ist seine Lebenszeit.“

Der Ferne Osten

Im Dao-de-Jing des „greisen Meisters“ Laotse aus China des sechsten Jahrhunderts

v.u. Z. sind „Dao“ und „De“ die dem Sein zugrunde liegenden Gesetzmäßigkeiten

(„Sinn“/„Weg“) und deren Richtschnur im täglichen Leben. Und

so lernen wir:

„Glückverheißend allein ist friedvolles Tun; unglückverheißend das Handwerk des

Krieges […] Ein wahrer Feldherr ist nicht kriegswütig, ein wahrer Kämpfer ist nicht

zornmütig, ein wahrer Bezwinger des Feinds nicht streitsüchtig. Ein wahrer Lenker der

Menschen aber ist demütig. Das nenn ich De des Nichtstreitens, das nenne ich Kraft der

Menschenlenkung, nenn ich Höchstes, das dem Himmel gleicht seit Alters her.“

Zeitgleich verkündet uns Buddha im Buch der Schlange aus dem Pali-Kanon:

„Keiner soll den andren hintergehen, soll um nichts ihn je verachten hier: ohne

Feindschaft, ohne Hassgefühl, Übel wünschen wird man nicht dem Nächsten an.

Wie die Mutter ihres Leibes eigne Frucht, mit dem Leben schützen mag ihr einzig

Kind: also mag man alles, was geworden ist, unbegrenzbar einbegreifen in der Brust.

Liebe soll durchleuchten so die ganze Welt, unbegrenzbar einbegreifen in der Brust:

oben, unten, mitten quer hindurch unermesslich strahlen ohne Grimm und Groll.“

Etwa 100 Jahre danach begann mit Konfutse (Konfuzius) in China das systematische

philosophische Denken. In seiner Ethik nahm Menschenliebe eine

zentrale Stelle ein. Aus dem Buch der Sitten (Li Ki) zwei Zitate:

„Wenn die große Wahrheit siegt, wird die Erde allgemeines Eigentum sein. Man wird

die Weisesten und Tüchtigsten wählen, um Friede und Eintracht aufrecht zu halten.

Dann werden die Menschen nicht mehr nur ihre Nächsten lieben, nicht mehr nur

für ihre eigenen Kinder sorgen, so dass alle Alten ein friedliches Ende haben, alle

Kräftigen eine nützliche Arbeit leisten, alle Jungen in ihrem Wachstum gefördert

werden, Witwer und Witwen, Waisen und Einsame, Schwache und Kranke ihre

Fürsorge finden, die Männer ihre Stellung und die Frauen ihr Heim haben.“

„Der Heilige vermag die ganze Erde als eine Familie anzusehen und das Reich

der Mitte als einen Menschen. Nicht nur so, dass er allgemeine Vermutungen hätte,

sondern so, dass er genau die Gefühle der Menschen kennt, dass er ihre Pflichten

weiß, dass er klar ist, darüber, was gut für sie ist, dass er ihre Leiden versteht: dann

erst kann er es vollbringen. Was sind die Gefühle der Menschen? Es sind Freude,

SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe 9


Michael Nüssen: Nächstenliebe und Feindesliebe sind zeitlose und universelle Werte

Zorn, Trauer, Furcht, Liebe, Hass und Begehren: diese sieben Dinge kennt jeder,

ohne sie gelernt zu haben. Was sind die Pflichten der Menschen? Dass der Vater

mild ist und der Sohn ehrfürchtig, der ältere Bruder freundlich und der jüngere

fügsam, der Gatte gerecht und die Gattin gehorsam, das Alter gütig und die Jugend

folgsam, der Herrscher liebevoll und der Diener gewissenhaft: diese zehn Dinge sind

die Pflichten der Menschen. Zuversicht verbreiten und Frieden stiften, das ist gut

für den Menschen. Streiten, rauben und töten: das sind die Leiden der Menschen.

Womit der Berufene die sieben Gefühle der Menschen ordnet, sie zu ihren zehn

Pflichten ausbildet; Zuversicht verbreitet und Frieden stiftet, Freundlichkeit und

Duldsamkeit fördert, Streit und Raub beseitigt, was anderes ist das Mittel, zu dem

allem als die Sitte?“

Der Nahe Osten

Zoroaster / Mazda-Anbeter

Wir dürfen annehmen, dass Zarathustra eine historische Figur war, die vielleicht

etwa um 1000 v. u. Z. gelebt hat. Er gilt als der Verfasser uralter religiöser Gesänge,

der Gathas, die zunächst Jahrhunderte lang mündlich überliefert wurden, bevor

man sie – wahrscheinlich in sassanidischer Zeit (224-651 n. Chr.) vermutlich im

4. Jahrhundert n. u. Z. – zusammen mit anderen, jüngeren Texten, unter anderen

den Jasnas (liturgischen Texten), aufgezeichnet hat. Das Ergebnis war die ‚Awesta‘

genannte Sammlung von heiligen Schriften der Zoroastrier.

Die Ethik der Zoroastrier wird in den drei Grundforderungen „Gut denken,

gut sprechen, gut handeln“ zusammengefasst. Ein ursprüngliches Glaubensbekenntnis

der Zoroastrier enthält die Jasna 12:

„Ich verschmähe ein Dev-Anbeter zu sein, ich bekenne mich als Mazda-Anbeter, als

Zarathushtrier. […] Den Hausbewohnern gönne ich freien Wandel, freies Wohnen

(und) den Haustieren, mit denen sie auf Erden wohnen. Mit schuldiger Ehrfurcht

gelobe ich bei geweihtem (Wasser) dem Asha dieses: Nicht will ich fortab Plünderung

noch Verwüstung in Dörfern der Mazda Gläubigen begehen, noch das Begehren

nach Leib und Leben. […] Ich bekenne mich als Mazda-Anbeter, als Zarathushtrier,

mit Gelöbnis und Bekenntnis. Ich gelobe gutgedachtes Denken, ich gelobe gutgesprochenes

Wort, ich gelobe gutgetane Werke. Ich gelobe die Religion der Mazda-

Anbeter, die (den Säbel) abschnallt und die Waffen niederlegt und die Sippenehe

will, die von den gegenwärtigen und zukünftigen die höchste, beste und schönste

ist, die Ahura-Gläubige, Zarathushtrische. Dem Weisen Herren verspreche ich alles

Gute. Dies ist das Gelöbnis der Religion der Mazda-Anbeter.“

(Jasna 12, 1,3, 8+9)

10 SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe


Hazrat Inayat Khan: Die Kultivierung des Herzens

F azit

Zusätzlich zu dem hier Aufgezeichneten ließen sich noch Gedanken zur Nächstenliebe

aus germanischer sowie griechischer Mythologie (Parzival, Edda, Odyssee

und Ilias) erläutern, oder aus den Schriften der indigenen Völker Nord- und Südamerikas

sowie der arktischen Region (Inuit oder Aleuten) berichten. Dort finden

sich ähnliche ethische Gedanken wie in den oben erwähnten Texten. Auch in den

„modernen“ Zeiten geht das Streben der Menschen nach Liebe, Gerechtigkeit,

Einheit in Vielfalt und Frieden weiter: angefangen beim kategorischen Imperativ

Kants über Martin Buber, Paul Tillich, Noor Inayat Khan und Dietrich Bonhoeffer

bis hin zu M. L. King, Karen Armstrong, dem Dalai Lama, Adin Steinsaltz

oder Politikern wie Vaclav Havel und Nelson Mandela, um nur einige zu nennen.

All dies belegt für mich die zeitlose und universelle Gültigkeit von Nächsten- und

Feindesliebe! Zum Schluss dazu ein Zitat aus dem Gebet „Khatum“ von Hazrat

Inayat Khan.

Gnadenreicher und barmherziger Gott,

gib uns Deine große Güte,

lehre uns Dein liebendes Verzeihen,

erhebe uns über die Unterschiede und Abgrenzungen,

die die Menschen trennen,

sende uns den Frieden Deines göttlichen Geistes

und vereinige uns alle

in Deinem vollkommenen Sein.

Michael Nüssen, Jg. 1951,

Cherag in der Inayatiyya Deutschland

Hazrat Inayat Khan

Die Kultivierung des Herzens

Achtung, Respekt – Adab

Der höchste Ausdruck der Liebe ist Achtung. Achtung gebührt nicht nur

dem Höhergestellten oder dem Alter, sondern selbst einem Kind; nur sollte man

SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe 11


Hazrat Inayat Khan: Die Kultivierung des Herzens

wissen, in welchem Maße und in welcher Form sie ausgedrückt werden sollte.

Die Liebe zum Partner, zum Freund oder Verwandten, zu den Eltern, zum Lehrer

oder Seelsorger findet den schönsten Ausdruck in einer aufrichtig respektvollen

Haltung. Kein Liebesbeweis kann kostbarer sein als ein Wort oder ein Verhalten

der Achtung.

Sehr oft entstehen Konflikte zwischen Religionen, weil Menschen ihre eigene

Religion achten, auf die Religion eines anderen aber mit Verachtung herabblicken.

Wer die Religion des Freundes nicht respektiert, sollte wenigstens seinen

Freund respektieren und aus Achtung für ihn seine Religion mit Achtung

betrachten. Bei aller Liebe, Hingabe und Aufrichtigkeit geschieht es doch häufig,

dass eine Freundschaft zerbricht, nur weil der eine oder andere Teil sich

gegen das Gesetz der Achtung vergeht.

Was ist Anbetung? – Anbetung besteht nicht im Tanzen vor Gott; Anbetung

ist eine Äußerung der Ehrerbietung gegenüber Gott, dem alle Verehrung

gebührt. Wer Gott anbetet und den Menschen verachtet, dessen Anbetung ist

eitel, seine Frömmigkeit ist ein Wahn. Der wahre Gottesanbeter erblickt Gott in

allen Erscheinungen und indem er andere achtet, achtet er Gott.

Dies kann sich so weit entwickeln, dass der wahrhaftige Anbeter Gottes, des

Allgegenwärtigen, behutsam über die Erde schreitet und sich in seinem Herzen

vor jedem Baum und jeder Pflanze neigt; dann besteht zu allen Zeiten, ob er

wacht oder schläft, eine Verbindung zwischen dem Anbetenden und dem göttlichen

Geliebten.

Rücksicht – Khatir

Khatir bedeutet Rücksicht einem anderen gegenüber, die sich in der Form von

Achtung, Hilfe oder Dienstbereitschaft äußert. Häufig erfordert sie ein Opfer,

manchmal sogar Selbstverleugnung. Rücksichtnahme ist die höchste Eigenschaft,

die im menschlichen Wesen gefunden werden kann. Rücksicht gegenüber dem

Alter, der Erfahrung, dem Wissen, der Stellung, den Verdiensten eines Menschen,

aber auch gegenüber seinen Schwächen, all dies ist in dem Wort khatir enthalten.

Wenn dieser Geist der Rücksichtnahme entwickelt ist, erstreckt er sich nicht

nur auf den einen Menschen, dem diese Rücksicht gilt, sondern auf alle, die

mit ihm in irgendeiner Verbindung stehen. Den Gesandten eines Königs nicht

achten, heißt so viel, wie den König nicht achten.

Für Sufis gehört diese Haltung zu ihrer Moral. Der Sufi lernt Rücksicht, indem

er bei seinem Murshid beginnt, aber dies findet seinen Höhepunkt in Rücksicht

gegenüber Gott. Wenn jemand zu dieser Zartheit des Gefühls gelangt, nimmt

er schließlich auf jeden Menschen in der Welt Rücksicht. Für Sufis bedeutet

12 SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe


Hazrat Inayat Khan: Die Kultivierung des Herzens

es eine große Enttäuschung, wenn sie es einmal versäumen, einem anderen

Rücksicht zu erweisen; denn sie betrachten es nicht als ein Versagen gegenüber

einem Menschen, sondern gegenüber Gott. Wer auf das menschliche Empfinden

Rücksicht nimmt, ist wahrhaft fromm.

Ohne Zweifel bedarf es unendlicher Ausdauer und Geduld, allzeit und allen

gegenüber Rücksicht zu üben. Ist dabei anscheinend auch nichts gewonnen, so

bedeutet die Rücksichtnahme auch keinen Verlust. Den Lohn für diese Tugend

bringt die Zukunft. Rücksichtsvolles Verhalten ist das Merkmal der Weisen.

Teilen mit anderen – Tawazu

In der Sufiterminologie bedeutet tawazu mehr als nur Gastfreundschaft. Es

heißt, alles, was man besitzt, bereitwillig darzubieten. Mit anderen Worten: seine

Freunde an allem Guten, was man im Leben besitzt, teilnehmen zu lassen und

damit für sich selbst die Lebensfreude zu vergrößern.

Ist diese Neigung entwickelt, so werden uns Dinge, die uns Freude und Vergnügen

bereiten, durch das Teilen mit einem anderen noch mehr erfreuen. Diese

Neigung entsteht aus dem Adel des Herzens. Sie ist Großzügigkeit, ja, mehr

noch als Großzügigkeit; denn Großzügigkeit hat ihre Grenze in der Mitfreude

am Glück eines anderen, aber das eigene Teilen mit anderen, Glück mit einem

anderen zu teilen, ist noch größer. Es ist eine Eigenschaft, die einem selbstsüchtigen

Menschen fremd ist, und wer sie besitzt, ist auf dem Pfad zur Heiligkeit.

Tawazu kostet nichts, es ist eine Wesenshaltung. Wer von Natur aus nicht

gastfreundlich ist, dessen Gastfreundschaft hat keinen Wert. Wer das Beglückende

dieser Eigenschaft erfahren hat, fühlt eine größere Befriedigung darin,

sein einziges Stück Brot mit einem anderen zu teilen, als es selbst zu essen.

Zwiespältigkeit im Wesen hält all solche schönen Eigenschaften der Seele vom

Menschen fern. Das Bewusstsein der Einheit schafft dagegen alle guten Eigenschaften

im Menschen. Gastfreundschaft erweist man nicht nur im Schenken

oder Teilen von Freude, selbst in Worten, im Verhalten oder Handeln kann

man dieses Gefühl äußern. Der Wunsch, jemanden willkommen zu heißen, zu

begrüßen, ihm Achtung zu erweisen, einen Platz anzubieten, ihn mit Zuvorkommenheit

zu behandeln, die Art ihn zu verabschieden, all dies zeugt von

tawazu.

Selbstlosigkeit – Inkisar

Das Wort inkisar bedeutet in der Sufiterminologie Selbstlosigkeit. Die menschliche

Natur ist so beschaffen, dass der Mensch dazu neigt, jedes Geschöpf, das sich

neben ihm erhebt, niederzuschlagen. Alle lebendigen Geschöpfe, nicht nur die

SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe 13


Hazrat Inayat Khan: Die Kultivierung des Herzens

Menschen, haben diese Veranlagung. Um sich dagegen zu schützen, graben sich

viele intelligente Wesen der niederen Schöpfung Löcher in die Erde, um darin

zu leben und sich vor Tieren, die ihnen nachstellen, zu verstecken. Kaum heben

sie den Kopf aus ihrer Höhle, müssen sie sich in Acht nehmen, dass sie nicht die

Beute hungriger Feinde werden. Da die Menschheit weiterentwickelt ist, schlägt

der Mensch wohl nicht gleich das Wesen nieder, das sich neben ihm erhebt, aber

fühlt sich doch beunruhigt bei dessen Anblick. Weil Sufis diese Veranlagung der

menschlichen Natur verstehen und das Geheimnis des ganzen Lebens zu erkennen

suchen, haben sie jenem Geist in seiner Essenz, der zu den Urgründen aller

Dinge gehört, nachgespürt. Sie nennen ihn kabir oder kibria, das Ego oder egoistisch.

Dieser Geist hat den Sufis gelehrt, dass jede Selbstüberschätzung nicht nur

dem Menschen, sondern auch Gott missfällt. Die Haltung, die Sufis einnehmen,

um diesen beunruhigten Geist nicht zu wecken, nennen sie inkisar, was Selbstlosigkeit

bedeutet.

In der Theorie scheint dies leicht zu sein, doch es in die Tat umzusetzen, ist

eine große Kunst. Es ist eine Kunst, die ein sorgfältiges Studium der menschlichen

Natur benötigt und genaue Beobachtung und ständige Übung erfordert.

Sie lehrt, vorsichtig zu sein bei allem Reden und Tun, um die Gefühle anderer

möglichst nicht zu verletzen. Inkisar lehrt den Menschen die Empfindlichkeit

der Mitmenschen zu erkennen und Einfühlsamkeit zu üben.

Dieser Sinn wird immer lebendiger, je weiter er sich entwickelt. Deshalb wird

der Mensch immer mehr Fehler in seinem eigenen Leben entdecken, je weiter

er auf diesem Pfad voranschreitet. Diese Haltung wird so verfeinert, dass

man nicht nur dadurch einen Fehler begeht, Stolz oder Anmaßung zu zeigen,

sondern sogar, indem man Bescheidenheit und Demut zum Ausdruck bringt.

Inkisar erfordert ein außerordentliches Feingefühl. Man muss fähig werden, bei

jeder Handlung oder bei jedem gesprochenen Wort das Licht oder den Schatten

zu sehen, die sie verursachen. Hat ein Mensch diese Kunst erlernt, so meistert

er dieselbe Kunst, die Christus den Fischern mit den Worten verhieß: „Kommt

her zu mir, ich will euch zu Menschenfischern machen.”

Sufis legen größeren Wert auf dieses Verhalten als Yogis, denn der Weg des

Yogi ist Askese, der des Sufi jedoch die Entwicklung wahrer Menschlichkeit

im eigenen Wesen. Aus prophetischer Sicht ist inkisar etwas Größeres als das

sogenannte Gutsein. Es ist der einzige Weg, Gott wohl zu gefallen. Ein guter

Mensch, der stolz ist auf sein Gutsein, verwandelt seine Perlen in Kieselsteine.

Ein schlechter Mensch, geplagt von Gewissensbissen über begangene Fehler,

kann Edelsteine aus seinen Kieseln machen.

Selbstlosigkeit ist nicht nur den Menschen, sondern auch Gott wohlgefällig.

14 SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe


Pir Zia Inayat-Khan: Über Almosen

Es gibt keinen Augenblick im Leben, in dem Gott nicht um seine Worte und

Taten weiß. Doch über die Worte und Taten hinaus kennt Gott auch die Haltung

eines Menschen, die er oft in seinen Worten und Taten verbirgt. Nichts

ist vor Gott verborgen, der ein vollkommener Richter und Verzeiher ist. Von

Seinem Wohlgefallen oder Missfallen hängt Glück oder Unglück im Leben des

Menschen ab. Darum hat der Mensch nicht nur die Aufgabe, auf das Wohlgefallen

oder Missfallen seiner Mitmenschen zu achten, sondern auch darauf, was

Gott wohlgefällt oder missfällt. Ihm, dem alle Schönheit, aller Reichtum, alle

Herrlichkeit und alle Größe zu eigen ist, kann der Mensch nichts darbringen,

was von irgendwelchem Wert wäre, es sei denn seine Selbstlosigkeit.

Man kann sich das Leben als ein Haus vorstellen, in dem es mehrere Türen

gibt, durch die der Mensch hindurch gehen muss, wenn er in diesem Gebäude

herumgeht. Der Rahmen einer jeden Tür ist kleiner als des Menschen Gestalt.

Da es in der Natur des Menschen liegt, aufgerichtet zu gehen, stößt er bei jedem

Versuch sich aufzurichten, mit dem Kopf gegen den Türrahmen. Nur dadurch

kann er sich hiervor bewahren, dass er sich bückt. Diese logische Lehre machen

sich die Weisen zunutze und verwandeln sie zu guter Lebensart.

aus: Hazrat Inayat Khan, „Weisheit der Sufis – Die Gathas“,

Verlag Heilbronn 2016, Auszug aus III Teil V

Pir Zia Inayat-Khan

Über Almosen

Fils du roi Gahmuret, alles in der Welt gehört dem Einen, dem die ganze Welt

gehört. Nichts ist deines oder meines. Wenn Besitztümer von einem zum

andern gehen, ändert sich in Wirklichkeit nichts. Wir betreten die Welt am

Anfang mit leeren Händen und verlassen sie am Ende mit leeren Händen. […]

Sobald wir über unsere Wünsche hinausschauen, beginnen wir, die Bedürfnisse

anderer zu sehen. Besitz erscheint dann nicht mehr so erstrebenswert. Man

ist weniger darauf aus, die Dinge der Welt zu erwerben, sondern neigt eher

dazu, sie wegzugeben. Je mehr man gibt, desto freier fühlt man sich. Der Geber

empfängt ebenso viel wie der Empfänger, denn das Almosenspenden erleichtert

die Seele. Münzen sind aus Metall, und Metall ist die schwerste Substanz auf

der Erde. Wenn Münzen in großen Haufen angesammelt werden, fühlt sich die

Seele darunter begraben wie unter einem Erdrutsch. Sie kann erst wieder atmen,

SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe 15


Impressum | Mitteilungen vom Verlag Heilbronn

Impressum

SIFAT – Zeitschrift für Universalen Sufismus

ISSN 1420-1712

Gegründet 1972 von Karima Sen Gupta, von 1997 - 2016 von Marita Ischtar Dvořák und

Wolfgang Huraksh Meuthen herausgegeben

Herausgeber und Redaktion:

Hans-Peter Baum hpbaum@nord-com.net 0049-(0)421 353528

Michael Nüssen michaelnuessen@t-online.de 0049-(0)40 357 33 006 (V. i. S. d. P.)

Claudia Nüssen claudianuessen@t-online.de 0049-(0)40 215439

Regina Armaiti Winkler-Reber rwinklerreber@posteo.de 0049(0)731-7187642

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Heft 2 / 2021 – Heilung

Heft 1 / 2021 – Klangbrücken

Heft 3 / 2020 – Kraftquellen

Heft 2 / 2020 – AUFeinander achten

Heft 1 / 2020 – Die Erde lieben

Heft 3 / 2019 – Religion und Wissenschaft II

Heft 2 / 2019 – Religion und Wissenschaft

Heft 1 / 2019 – Glaube und Zweifel

Heft 3 / 2018 – Mutige Frauen – Gelebte Spiritualität

Heft 2 / 2018 – Sonderheft: Noor-un-Nisa Inayat Khan

Heft 1 / 2018 – Sehnsucht der Seele

Heft 3 / 2017 – Geschwisterlichkeit

Heft 2 / 2017 – Gerechtigkeit

Heft 1 / 2017 – Opfer und Opfern

Heft 2 / 2016 – Religion und Liebe

Heft 1 / 2016 – Ein menschenfreundlicher Islam

Heft 3 / 2015 – Grenzen überwinden

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Auszeichnung des Freistaates Bayern 2021

Auszeichnung des Freistaates Bayern 2021

Der Verlag Heilbronn wurde 2021 für sein herausragendes

Programm und das vielversprechende Publikationsvorhaben

Dream Flowers von Noor Inayat Khan ausgezeichnet.

Stellungnahme der Jury:

„Der Verlag Heilbronn, ansässig in Polling, wurde 1981 gegründet – mit einem

ganz besonderen Verlagsprofil: Es geht stets um Yoga, Spiritualität, interreligiöse

Themen und indische Mystik für Menschen, die sich auf den inneren Weg

machen. Das erfolgt beinahe ausschließlich über Schriften von und über Hazrat

Inayat Khan, eines indischen Religionslehrers und Gründers des internationalen

Sufi-Ordens, sowie mit Werken über den Sufismus. Im Gegensatz zu vielen

anderen Hochglanz-Publikationen, die Yoga, Ayurveda und Co. tendenziell

als Lifestyle-Thema behandeln, geht es hier stets um Tiefe und Verständnis für

inneren Weg, um Kontemplation, etwa im Buch „Ritterschaft des Herzens. 40

Regeln für ein aufrechtes Leben“, ein spirituelles Regelwerk der Sufis.

Dazu gehört auch die dreizehnbändige Jubiläumsausgabe zum Werk Hazrat

Inayat Khans. Darüber mag man inhaltlich diskutieren und einen anderen Blick

auf die Welt bevorzugen – doch der Verlag ist in seiner Ausrichtung konsequent

und einzigartig. Die Jury honoriert hier das Engagement und die Arbeit für ein

echtes Nischenthema."

Dream Flowers – Gesammelte Werke von Noor Inayat Khan

„Dream Flowers“ versammelt 75 Jahre nach ihrem Tod das Gesamtwerk der im

Alter von 30 Jahren im Konzentrationslager Dachau ermordeten Schriftstellerin,

Kinderbuchautorin, spirituellen Lehrerin und Resistance-Kämpferin Noor

Inayat Khan, davon weite Teile erstmals in deutscher Sprache.

Im Einzelnen werden ihr einziges zu Lebzeiten veröffentlichtes

Werk „Jataka Märchen“, die dramatische Odyssee

„Aède“, sowie die Märchensammlung aus verschiedenen

Kulturen in Ost und West „König Akbar und seine

Tochter“ und Gedichte und Essays veröffentlicht, versehen

mit einer biografischen und spirituellen Würdigung

und Einordnung durch ihren Neffen, den Religionswissenschaftler

Dr. Zia Inayat-Khan.

Die deutsche Ausgabe ist für Ende 2022 geplant - der

Titel und das Cover stehen noch nicht fest.

SIFAT 3 | 2021Nächstenliebe 63


Buddha des Mitgefühls: Avalokiteshvara

In den Schriften ist überliefert, dass Avalokiteshvara in seinem

Vorleben allein in Indien 37-mal aufgetreten ist, z. B. als

„Derjenige, der bei anderen das Heilsame anwachsen lässt“.

Das bekannteste Mantra in der Avalokiteshvara-Praxis ist das

OM MANI PADME HUM.

OM ist zusammengesetzt aus A, U und M und repräsentiert

Körper, Rede und Geist des Buddha, die damit angerufen

werden.

MANI symbolisiert den Pfad der Methode. Wenn man den

gesamten buddhistischen Pfad einteilt, gibt es den Pfad der

Methode und den Pfad der Weisheit, die man zusammen entwickeln

muss. MANI heißt so viel wie Diamant, man kann

es sich wie eine Art wunscherfüllendes Juwel vorstellen. Dies

repräsentiert den sogenannten weiten Pfad, welcher Tugenden

wie Mitgefühl und den Erleuchtungsgeist beinhaltet. Dieser

Pfad ist eine Art wunscherfüllendes Juwel für die Lebewesen.

PADME heißt Lotus und steht für den Weisheitsaspekt des

Pfades. Dieser besteht hauptsächlich in der Erkenntnis der

endgültigen Realität, der Leerheit. HUM bedeutet, dass etwas

ungetrennt ist und weist auf die Vereinigung von MANI und

PADME, Weisheit und Methode hin, denn diese beiden sollten

niemals getrennt voneinander praktiziert werden.

nach: „Tibet und Buddhismus“, Heft 47, 1998

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