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Taxi Times München - 4. Quartal 2021

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GASTKOMMENTAR

DER

ALLER-

LETZTE

KNOPF-

DRUCK

Seit Kurzem darf ein jeder Taxi fahren, auch wenn er nicht eine Straße oder

auch nur einen Platz kennt. Wird solch ein »moderner« Taxifahrer bald auch

den finalen Knopf drücken?

Sollte der navigierende Fahrer doch

einmal danach gefragt werden,

wird die Antwort die sein, die es in

Amerika zum Running Gag der gesamten

Dienstleistungsbranche geschafft hat:

„I don’t know, I’m just working here!“ –

Frag in Zukunft nicht den Taxifahrer nach

irgendetwas in der Stadt, sondern sei froh,

wenn er Auto fahren kann.

Dann wird es passieren, du kommst am

Münchner Hauptbahnhof (Südseite) an,

steigst in ein Taxi, in dem der Taxifahrer,

bevor er die Fahrt beginnen kann, in sein

Navi den Goetheplatz, dein Fahrziel, eingeben

muss, auch wenn dieser kaum zwei

Kilometer entfernt und beinahe in Sichtweite

liegt. Vorausgesetzt, der Fahrer ist des

korrekten Schreibens kundig (denn sonst

steigt sein Navi schon nach der Eingabe des

Venczel_02-2016.qxp_Layout 1 03.02.16 16:15 Seite

Verkehrsmedizinische

Untersuchungen in Schwabing

Dr. Josef Venczel

Dr. Marta Venczel

Betriebsärzte

Adelheidstraße 23

80798 München

Tel.: 2729460 Fax: 27294614

Handy: 0172/8916575

www.arbeits-med.de

Alle med. Untersuchungen

für den Erwerb und die

Verlängerung des P-Scheins

„ö“ aus), weswegen die Eingabe wohl bald

fernmündlich à la Alexa oder Siri erfolgen

wird oder bereits erfolgt. Nun kann es auch

schon losgehen mit deiner Beförderung,

alles auf mündliche Anweisung aus dem

Off und völlig ohne Ortskenntnisse.

Ich will das Taxifahren nicht überbewerten.

Ärzte ohne anatomische „Ortskenntnisse“

wird es wohl nicht geben – oder?

Möglicherweise ist das nur so ein dummer

Spruch, dass derjenige, der nichts weiß,

alles glauben muss. Bestimmt ist alles ganz

anders, und vor allem, als man denkt. Für

mich stellt sich mit dem Wegfall der Ortskunde

für Taxifahrer die Frage, ob ich mich

noch einmal hinter das Lenkrad eines Taxis

setze. Warum soll ich mich selbst downgraden

und mich unter Wert verkaufen? Und

überhaupt: Taxifahren hat auch Ehre!

ABWÄRTS GEHT ES SCHNELLER

Falls das mit dem ewigen Dazulernen nun

aber doch noch gilt, dann ist das jetzt nur

eine Phase, die sich morgen, vermutlich

eher übermorgen, ins Gegenteil verkehrt –

und Wissen ist plötzlich wieder wichtig. Ich

schließe das nicht aus, erlaube mir allerdings

anzumerken, dass die Unwissenheit

vergleichsweise zügig voranschreitet –

abwärts geht es bekanntlich immer schneller.

Setzt man es in Relation zu der Zeit, die

nötig ist, um sich Wissen anzueignen, tippe

ich aus dem Bauch heraus auf 1:5, wenn

nicht gar 1:10. Mit anderen Worten: Um

ein Jahr Unwissenheit wiedergutzumachen,

bedarf es fünf, wenn nicht gar zehn Jahre

Wissensaneignung.

Möglicherweise ist der Point of no

Return, ab dem die Unwissenheit als

Normalität wahrgenommen wird, die

dementsprechend nicht mehr korrigiert

werden muss, auch schon erreicht. Denn

die Dummheit des Menschen ist nicht nur

unendlich, wie Einstein meinte, sondern

es gibt für sie, ganz wie auf unseren Autobahnen,

auch kein Tempolimit. Immerhin

wird uns die fortschreitende Verdummung

seit Jahren überaus erfolgreich als „Modernisierung“

verkauft.

Dann ist alles egal, dann kann ich auch

mein persönliches Lieblings-Endzeitszenario

verraten, bei dem wie eingangs erwähnt

das Taxi voran fährt: Ein Mensch von morgen,

ich wette, einer von diesen Taxifahrern

ohne Ortskenntnisse, wird von der künstlichen

Intelligenz, einer Art Super-Navi für

alles und jeden, mit angenehmer, aber fester

Stimme dazu aufgefordert, einen ganz

bestimmten Knopf auf seinem mobilen End-

Gerät zu drücken, weil dies für die Welt

das Beste sei. Und was macht der Mensch

von morgen? Genau, er drückt diesen ganz

bestimmten Knopf, und die Welt wird erlöst

sein. Denn die Welt ist besser dran ohne

den Menschen, allen voran ohne den von

morgen.

rm

Der Autor dieses Beitrags war bis vor Kurzem

philosophierender Taxifahrer, hat seinen Beruf

aber mittlerweile aufgegeben.

FOTO: Rumen Milkow

10 3. QUARTAL 2021 TAXI

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