FOCUS-52-2021-Vorschau

FOCUS.Magazin

AUSGABE 52/1 27. Dezember 2021

EUROPEAN MAGAZINE AWA R D WINNER 2021 POLITICS & SOCIETY /// INFOGRAPHIC

SCHLANK

ohne Verzicht

Wie Sie mit genussvoller

und richtiger Ernährung leichter

in das neue Jahr kommen

AI WEIWEI

„Ich streite gerne“

Der berühmteste Dissident

der Welt im längsten

Interview des

Jahres

POLITIK

Christian Lindner und

die falschen Versprechen

WIRTSCHAFT

Bosch und der Schichtwechsel

auf Schwäbisch

SPORT

Rangnick und die

Mission Manchester


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Seite 5

Seite 6

EDITORIAL

Merz im Winter.

Und Happy New Year!

Von Robert Schneider, Chefredakteur

Foto: Peter Rigaud/FOCUS-Magazin

Liebe Leserinnen,

liebe Leser,

das Jahr 2021 hat ganz zum Schluss noch

einen politischen Sieger in Deutschland

hervorgebracht: Friedrich Merz wird im

dritten Anlauf CDU-Vorsitzender. Fast

zwei Jahrzehnte nach der schmachvollen

Niederlage gegen Angela Merkel und

dem Ausscheiden aus der aktiven Politik

tritt der Sauerländer das Erbe von eben

dieser Angela Merkel an. Das hat etwas

von politischer Wiederauferstehung, der

die Tatsache, dass Merz ohne politisches

Führungsamt gegen Norbert Röttgen und

Helge Braun obsiegte, zusätzlichen Glanz

verleiht. Das überzeugende Votum der

CDU-Basis macht deutlich, dass aus Sicht

der Mitglieder AKK und Armin Laschet

als Vorsitzende Irrtümer waren.

Das nächste Kräftemessen steht im neuen

Jahr um das Amt des Vorsitzenden der

CDU/CSU-Bundestagsfraktion und damit

um die Rolle des Oppositionsführers im

Bundestag an. Amtsinhaber Ralph Brinkhaus

macht bislang nicht den Eindruck,

dass er zugunsten von Friedrich Merz freiwillig

verzichten würde.

Doch der hat keine andere Wahl, als

auch nach dem Fraktionsvorsitz zu greifen.

Denn ohne die Funktion des Oppositionsführers

säße Friedrich Merz künftig

allein mit seinem Generalsekretär und

seinem Pressesprecher im Adenauer-Haus

und müsste anderen beim Regieren und

Opponieren zuschauen, z. B. den mächtigen

Kurfürsten der Union wie dem bayerischen

Ministerpräsidenten Markus Söder,

dessen CDU-Kollegen aus NRW, Hendrik

Wüst, oder Michael Kretschmer aus Sachsen.

Friedrich Merz aber wäre dann ein

CDU-König ohne Truppen und ohne eigene

Macht, mithin ein König ohne Land.

Merz weiß das natürlich besser als

jeder andere, doch muss er vorerst seine

Ambitionen zügeln. Denn zunächst steht

die offizielle Bestätigung des Mitgliedervotums

durch einen CDU-Parteitag im

Januar an. Die ist zwar Formsache, aber

ein schwaches Ergebnis wäre

schon die erste Delle für Merz.

Danach müsste der Griff nach

dem Fraktionsvorsitz kommen,

auch weil Brinkhaus und Merz

NEU! Die Welt in 2022 für nur

6,90 Euro, überall wo es FOCUS gibt

beide aus NRW kommen. Da macht eine

Doppelspitze noch weniger Sinn als ohnehin.

Wenn Brinkhaus klug ist, lässt er es

auf ein Kräftemessen mit dem Parteivorsitzenden,

hinter dem fast zwei Drittel

der Mitglieder stehen, nicht ankommen.

Jetzt jede Woche im Heft

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Ausgabe der „Hauptstadtbrief“

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noch mehr Analysen zur aktuellen

Politik und sichern Sie sich unser

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13,4 MILLIONEN

Aufschrei – Anne Wizorek

über den traurigen

Armutsbericht

DER HAUPTSTADTBRIEF

EXKLUSIV

FÜR

FOCUS

ABONNENTEN

Auferstanden

aus Ruinen

Ende 2020 drohte die Verschlumpfung,

Ende 2021 ist die Partei wieder obenauf.

Albrecht von Lucke über das Wunderjahr der SPD Seite 2

27. Dezember 2021 | #8

Herausgegeben von Ulrich Deppendorf und Ursula Münch

So oder so wird es noch Monate dauern,

bis die Union kraftvoll ihre neue Rolle

in der Opposition spielen kann. Als ernsthafter

Widerpart der rot-grün-gelben

Koalition kommen ohnehin nur CDU und

CSU in Betracht, was bereits das künftige

Elend der Union auf den Punkt bringt.

Denn konzertierte Aktionen mit Linke

oder gar AfD sind für die bürgerlichen

Parteien der Mitte nicht vorstellbar, geballte

Oppositionskraft rückt also zunächst

in die Ferne. Im Interesse des Landes

und auch der Regierung sollte der Findungsprozess

der Union keinen Tag länger

als unbedingt nötig andauern.

2021 ist so gut wie Geschichte, wir freuen

uns auf 2022. Eine Inspiration auf das,

was kommt, liefert unser neues Sonderheft

„Die Welt in 2022“, eine Zusammenarbeit

der FOCUS-Redaktion mit den Kollegen

des renommierten Magazins „The

Economist“ – jetzt für 6,90 Euro im Handel.

Aber auch in der Ausgabe, die nun

vor Ihnen liegt, versuchen wir Ihnen die

Zukunft ein bisschen näherzubringen.

Auf den Seiten 18 und 19 schauen wir auf

die wichtigsten Ereignisse, die im

SOFT POWER

Carlo Masala über fehlende

hardware und andere

Probleme der Bundeswehr

neuen Jahr auf uns warten, auf

den Seiten 98 und 99 blicken wir

auf die kulturellen Highlights

2022. Ein weiterer Leuchtturm

im Kulturteil dieser Ausgabe ist

das Gespräch meines Kollegen

Jörg Harlan Rohleder mit dem

Künstler Ai Weiwei – über die

Welt von morgen, das ABC seines

Lebens und wo sein Heimatland

China in diesem Koordinatensystem

steht. Ich wünsche Ihnen viel Freude

bei der Lektüre dieses tollen Interviews.

Übrigens: Die Farbe „Pantone 17-3938

Very Peri“ ist zur Farbe des Jahres 2022

gekürt worden. In diesem Sinne:

HAPPY VERY PERI NEW YEAR!

Herzlich Ihr

Mit dem QR-Code können Sie auf die Abo-Seite gelangen

FOCUS 52/2021 01/2022 5


Heimatlos

Wahrscheinlich

ist Ai Weiwei der

berühmteste Exil-

Chinese der Welt.

Warum? Lesen Sie

alles von A bis Z auf

Seite 84

Orientierungslos

Die FDP ringt

gleich zu Beginn

der Regierungsverantwortung

um ihren Freiheitsbegriff

Seite 34

Ruhelos

Kevin Kühnert

muss jetzt

zwischen

Establishment

und Parteilinken

vermitteln.

Kann das

gut gehen?

Seite 40

Zügellos

Maggie Gyllenhaal

feiert mit „Frau

im Dunkeln“ ein

vielschichtiges

und gewagtes

Regiedebüt

Seite 96

Gewissenlos

An Weihnachten

gibt man sich

Mühe, auch

mit Snacks.

Machen Sie Ihre

Chips doch einfach

selbst

Seite 104

Makellos Die coolsten Skisachen für die neue Saison Seite 110

6 FOCUS 52/2021 01/2022


Die nächste Ausgabe

von FOCUS erscheint am

Samstag, dem 8. Januar 2022

INHALT NR. 52/2021 01/2022 | 27. DEZEMBER 2021

Titelthema

Wirtschaft

Kultur

Titel: Mauritius Images, Markus C. Hurek; Composing: FOCUS Magazin

Fotos: Markus C. Hurek, Michael Kappeler/dpa, Netflix, Louise Hagger/Photography, Emily Kydd/Food Styling, Jennifer Kay/

Prop Styling, Katy Gilhooly/Food Stylist Assistant, Steffen Jänicke/Agentur Focus, Sebastian Frej/MB Media/Getty Images

66 Richtig satt werden

Wer Gewicht verlieren und sich dabei trotzdem

die Lust am Leben bewahren möchte,

sollte auf seinen Blutzucker achten

74 Die Macht der Muskeln

Sportwissenschaftler Ingo Froböse erklärt

im Interview, wie man mit über 50 auch

noch richtig trainiert und welche Rolle der

Stoffwechsel dabei spielt

Agenda

26 Du wirst ausgebeutet!

Die emeritierte Harvard-Professorin

Sho shana Zuboff fordert das Ende des groß

angelegten Datenraubes der Tech-Konzerne

und damit die Rettung der Demokratie

Politik

34 Wohin gehen die Liberalen?

Mehr Staat, weniger Freiheit? Kaum in der

Regierung, muss sich die FDP gleich die

ganz großen Fragen stellen

38 Projekt Erneuerung

Friedrich Merz sollte die Basis erst mal enttäuschen,

findet unser Chefkorrespondent

39 Der digitale Jahresrückblick

Welche Themen die Feeds dominierten. Und:

Wer gewann 2021 die meisten Twitter-Fans?

40 Kevin und der Kanzler

Kevin Kühnert will verhindern, dass die

SPD künftig nur noch die Regierungspolitik

abnickt. Droht der Partei erneut der Riss?

44 Schlafend in die Überwachung

Ein Psychologe erklärt die Gefahren der KI

46 „Das alles bricht mir das Herz“

Makia Muneer arbeitete 20 Jahre lang als

Journalistin in Afghanistan. Im Dezember

gelang ihr die Flucht. In ihrem Tagebuch hält

sie den Niedergang ihrer Heimat fest

50 Schichtwechsel auf Schwäbisch

Stefan Hartung löst Volkmar Denner als

Bosch-Chef ab – mitten in Pandemie und

Chipkrise. Ein Doppelinterview

56 Keine Angst vor Krypto

Zu volatil, zu klimaschädlich?

Warum es trotz allem Sinn macht, sich

mit Bitcoin & Co. zu befassen

60 Da geht noch was

Ältere Arbeitnehmer tun sich schwer

am Jobmarkt. Dabei könnten Firmen

ihre Expertise gut gebrauchen

64 Geldmarkt

Wissen

78 Tschüss, Tüte

Im nächsten Jahr wird die Plastiktüte verboten.

Sie war mehr als ein Einkaufshelfer

81 Lange Reise, helles Gefieder

Wie die Natur Zugvögel einkleidet

Traumtänzer

Ralf Rangnick soll Manchester

United zurück an

die Weltspitze führen.

Leichter gesagt als getan

Seite 106

84 Das Alphabet des Ai Weiwei

Er ist einer der wichtigsten Künstler der

Gegenwart und ein unbeugsamer Kritiker

politischer Missstände. Ein Gespräch mit

Ai Weiwei über Herkunft, Ankunft, Zukunft

96 Das Höllen-Gleichnis

Maggie Gyllenhaal inszeniert in ihrem

Regie-Debüt „Frau im Dunkeln“

ein Psychospiel um eine geheimnisvolle

Urlaubsbekanntschaft

98 Immer wieder aufs Neue

Ein „Festtag“ in unsicheren Zeiten, der

Aufstand des NEINhorns und Musik, so weit

wie eine Schneewüste - die besten Filme,

Bücher und Alben zum Jahreswechsel

Leben

100 Wein-Weisheiten

Die Profigenießer Hugh Johnson

und Jancis Robertson über die Kunst

des klugen Trinkens

104 Nimm dies, 2021!

Man sollte dieses seltsame Jahr nicht

auch noch mit fragwürdigen Knabbereien

verabschieden, meint unser Food-

Kolumnist Yotam Ottolenghi

106 Im Theater der Träume

Wie Fußball-Professor Ralf Rangnick dem

gerade gar nicht so einträchtigen

Manchester United Disziplin beibringen will

110 Auf dem Stylehang

Runter kommen die meisten. Aber mit

unseren Ski-Accessoires macht die

Abfahrt deutlich mehr Spaß

112 Geiz ist Lexus

Der erstaunlich sparsame Hybrid

NX 450h+ aus Toyotas Edel-Linie

5 Editorial

8 Kolumne von

Jan Fleischhauer

11 Nachrichten

12 Fotos der Woche

18 Grafik der Woche

Termine

20 Menschen

80 Echt irre

94 Buch & Welt

Rubriken

94 Bestseller

99 Salon

114 Die Einflussreichen

116 Servicenummern

116 Nachrufe

117 Leserbriefe

117 Impressum

118 Tagebuch

Titelthemen sind rot markiert

FOCUS 52/2021 01/2022 7


AGENDA

Imaginärer Freund

Die US-Olympiasiegerin

im Fechten, Lee Kiefer,

als Hologramm und

Sparringspartner für

Mark Zuckerberg.

Warum beide Schutzbrillen

tragen, weiß

niemand

Wir sind das Objekt

einer geheimen

Ausbeutungsmission

Tech-Konzerne zerstören unsere Demokratie

im Vorbeigehen. Wir sollten uns endlich dagegen

wehren, fordert Ex-Harvard-Professorin

Shoshana Zuboff in diesem Essay

TEXT VON SHOSHANA ZUBOFF

26 FOCUS 52/2021 01/2022


Digitale Welt

Mit dem Metaverse will

Facebook-CEO Mark

Zuckerberg (r.)

das Internet auf eine

neue, hyperrealistische

Stufe bringen

FOCUS 52/2021 01/2022 27


WIRTSCHAFT

Manuel Gräfe ist raus.

Als Bundesliga-

Schiedsrichter hat er

289 Spiele gepfiffen

seit 2004. Jetzt darf

er sich die Partien im

Fernsehen ansehen.

Wie für seine Kollegen

gilt für ihn die Altersgrenze von

47 Jahren, egal, wie fit er ist. Was soll’s,

könnte man sagen. Ein Luxusproblem.

Nur 0,05 Prozent der Deutschen sind

DFB-Schiedsrichter. Was geht den Rest

Gräfes Abschiedsschmerz vom Leben

eines Weltklasse-Referees an?

Ziemlich viel. Heute sind 45 Prozent

der Bevölkerung älter als 50, 2030 wird

mehr als jeder Dritte über 60 Jahre alt

sein. Das Potenzial dieser Altersgruppe

zu ignorieren kann sich vielleicht der DFB

leisten – das gilt aber wohl kaum für die

Zigtausenden Firmen, die unseren Wohlstand

erwirtschaften. Ältere Beschäftigte

zu halten und Jobsuchende über 50 in den

Arbeitsmarkt zu integrieren wird eines der

Topthemen der laufenden Dekade sein.

Beruflicher Neuanfang mit 50

Ortstermin in Hausach im Schwarzwald.

Morgens um sechs ist Bianca Pusmentirer

am Bahnhof. Seit drei Monaten absolviert

die 50-Jährige bei der Bahn eine Ausbildung

zur Sicherungsfachkraft. Sie trägt

eine gelbfarbene Weste und warnt die

Männer eines Bautrupps, wenn sich ein

Zug nähert. Das Gleis hat sich abgesenkt,

jetzt müssen die Arbeiter die Schienen anheben

und neuen Schotter darunterfüllen.

Währenddessen läuft der Zugverkehr auf

dem Nachbargleis weiter.

Sollte sich Pusmentirer, die im Moment

noch durch eine erfahrene Kollegin angeleitet

wird, einen Fehler erlauben,

wäre das Leben ihrer Kollegen in Gefahr.

Dass dieses Risiko nicht nur in der Theorie

besteht, zeigte der Zusammenstoß

zweier Züge in Bad Aibling 2016. Weil

der 40-jährige Fahrdienstleiter auf dem

Smartphone spielte und abgelenkt war,

kam es zum tödlichen Unfall, bei dem

zwölf Menschen starben.

Mit zum Team, das in Hausach eingesetzt

ist, gehört Michael Etowski, 53,

der schon sehr lange bei der Bahn ist. Er

freut sich über die neue Kollegin: „Mir

sind die Menschen im fortgeschrittenen

Alter lieb“, sagt er. Pusmentirer vermittelt

bei ihrer Arbeit Zuverlässigkeit und

Sicherheit. Früher arbeitete die gelernte

Bodenverlegerin am Fließband bei einem

Automobilzulieferer, mal Früh-, mal Spät-

, mal Nachtschicht. „Das geht an die Substanz“,

sagt sie. Weil Schultern und Arme

Schluss mit 47 Manuel Gräfe kritisiert die

Altersgrenze für DFB-Schiedsrichter

wegen der eintönigen Arbeit immer mehr

schmerzten, brauchte sie Medikamente.

Bei gut 30 Firmen bewarb sie sich, unter

anderem im Einzelhandel und als Sattlerin.

Nichts passte. Dann erfuhr sie von

den Jobchancen bei der Bahn. Als ihre

Firma Stellen strich, nahm sie eine Abfindung

und wechselte. Bereut habe sie das

keine Sekunde.

Da geht doch noch was

Unbeweglich, unfit, uncool? Von wegen.

Ältere Arbeitnehmer haben Stärken, aber nicht jedes

Unternehmen weiß sie zu nutzen

„Eine Altersgrenze für Einstellungen

gibt es bei uns nicht“, sagt Kerstin Wagner,

selbst 51 Jahre alt. Wagner leitet die

Personalgewinnung bei der Bahn. Ihr

800 Mitarbeiter großes Team holte im

vergangenen Jahr 25 000 Beschäftigte in

das Unternehmen. 2021 werden es wohl

um die 20 000 sein. Der Bedarf bleibt allein

deswegen hoch, weil in den kommenden

zehn Jahren rund 100 000 Bahner das

Unternehmen verlassen, die meisten ruhestandsbedingt.

Anders als beispielsweise

die Lebensmittel- oder die Pharmaindustrie

kann die Bahn viele Tätigkeiten nicht

durch Maschinen ersetzen.

Die Erwerbsquote Älterer steigt

Eine 57-jährige frühere Pilotin, zuletzt

sogar ein über 70-jähriger Busfahrer – wer

im ärztlichen Eignungstest bewiesen hat,

dass er fit ist, ist bei der Bahn willkommen.

Quereinsteiger schult das Unternehmen

zum Teil in mehrmonatigen Lehrgängen

für ihren neuen Job. Im Erwachsenenalter

noch einmal die Schulbank zu drücken

und zu büffeln ist allerdings nicht

jedermanns Sache, sagt Wagner. „Darüber

reden wir mit den Bewerbern sehr ausführlich.“

Das gelte aber für 30-Jährige

genauso wie für Menschen über 50. Oft,

sagt sie, seien die Älteren flexibel und

offen für eine neue Tätigkeit oder einen

Umzug – anders als junge Bewerber, die

gerade eine Familie gründen und wenig

Lust verspüren, den Ort zu wechseln.

Glaubt man der Statistik, ist Bianca Pusmentirer

tatsächlich keine Ausnahme. Die

sogenannte Erwerbsquote – also der Anteil

der Menschen, die sich noch nicht aus

dem Arbeitsleben zurückgezogen hatten –

stieg von 2008 bis 2018 bei den 55- bis

59-Jährigen um 7,8 Punkte auf 83 Prozent.

Bei den 60- bis 64-Jährigen verdoppelte

sich der Anteil fast auf 62,5 Prozent. Der

wichtigste Grund dafür dürfte die Rentenpolitik

sein. Schritt für Schritt rutscht der

Zeitpunkt, ab dem die gesetzliche Rente

gezahlt wird, in weitere Ferne. Wer keine

empfindlichen Abschläge in Kauf nehmen

will, muss wohl oder übel länger arbeiten.

Die Erwerbsquote allein sagt jedoch noch

nichts darüber aus, wie viele Menschen

nicht nur Arbeit suchten, sondern tatsächlich

einen Job fanden. Aber auch die

Arbeitslosenquote von Menschen über

55 und unter 65 ist seit 2011 bis 2019

rückläufig. Im Corona-Jahr 2020 stieg sie

von 5,4 auf 6 Prozent. Gleichzeitig wuchs

allerdings in der gesamten Bevölkerung

die Zahl der Menschen ohne Job, und

zwar noch stärker.

Schlechte Chancen für Langzeitarbeitslose

Ist Schiedsrichter Manuel Gräfe also ein

Einzelfall? Nicht ganz. „Im Bekleidungsverkauf

und im Marketing haben Arbeitslose

große Schwierigkeiten, einen Job zu

finden“, sagt ein Mitarbeiter eines norddeutschen

Jobcenters. „Gehen Sie doch

selbst mal in eine H&M-Filiale. Sehen Sie

dort Angestellte über 40?“

Ältere Langzeitarbeitslose haben es

besonders schwer, stellt eine Studie des

Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung

(IAB) aus dem Jahr 2018 fest.

Menschen zwischen 47 und 49, die ihren

Job verloren haben, finden demnach

in acht von zehn Fällen innerhalb von

zwei Jahren eine neue Stelle. Bei 58- bis

60-Jährigen seien es nur etwa 35 Pro-

Fotos: Philipp von Ditfurth für FOCUS-Magazin, dpa

60 FOCUS 52/2021 01/2022


ARBEIT

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Neuer Job,

neues Glück

Zehn Jahre arbeitete

Bianca Pusmentirer bei

einem Autozulieferer,

dann reichte es ihr.

Heute überwacht

sie Baustellen der

Deutschen Bahn

61


DIE EINFLUSSREICHEN

Prinz Philip, Bio

und Belmondo

Sie starben

2021

Larry King († 87),

23. Januar, Talkmaster

von „Larry King Live“

Chris Barber († 90),

2. März, Posaunist und

Bandleader

Prinz Philip

(† 99), 9. April,

Prinzgemahl der

britischen Königin

Elizabeth II.

Willi Herren

(† 45), 20. April, Schauspieler

und Entertainer

Milva alias Maria Ilva Biolcati

(† 81), 23. April, Sängerin

John McAfee († 75),

23. Juni, Programmierer und

Pionier der Entwicklung

von Antiviren- und Computersicherheits-Software

Alfred Biolek († 87),

23. Juli, Fernsehmoderator,

Talkmaster, TV-Koch

Gerd Müller († 75),

15. August, Fußballlegende,

bekannt auch als

„Bomber der Nation“

Heide Keller († 81),

27. August, Schauspielerin,

u. a. bekannt

durch „Das Traumschiff“

Jean-Paul Belmondo

(† 88),

6. September,

französischer

Schauspieler

Evelyn Richter

(† 91), 10. Oktober,

Fotografin

Volker Lechtenbrink († 77),

22. November, Schauspieler,

Regisseur, Intendant

Mirco Nontschew († 52),

3. Dezember, Comedian,

Schauspieler

Klaus Wagenbach († 91),

17. Dezember, Verleger,

Mitglied im PEN-

Zentrum Deutschland

Januar

Die Welt blickte am 17. Januar

2021 auf einen Flug vom BER nach

Moskau. An Bord der Maschine

befand sich Kreml-Kritiker Alexej

Nawalny, Überlebender eines

Gift-Anschlags. Gemeinsam mit

seiner Frau verließ er Deutschland,

um in seine Heimat zurückzukehren.

Ungeachtet der Gefahr, getötet oder

festgenommen zu werden, erklärte

Nawalny mehrfach, dass sein Platz

in Russland sei und er dort seinen

Kampf gegen das „System Putin“

fortsetzen wolle. Bei seiner Ankunft

wurde der 45-Jährige verhaftet.

Spike

Lee

Juli

Bella

Hadid

32 Jahre nachdem man ihm

die Goldene Palme für „Do The Right

Thing“ verwehrt hatte, kehrte

Spike Lee als Jury-Präsident zurück

nach Cannes. Der 64-Jährige war

damit der erste schwarze Filmemacher,

der den Posten innehatte,

und der erste in der Funktion, der

auf dem roten Teppich einen pinkfarbenen

Anzug von Louis Vuitton

trug. Ebenda machte auch Model

Bella Hadid mit einer Kette von

Schiaparelli Eindruck, die einer

Lunge nachempfunden war. Sie

trug sie über den nackten Brüsten.

Februar

Der Mann im Schutzanzug ist

Bayern-Profi Thomas Müller. Er

landete, aus Katar kommend, am

12. Februar in einem Medical-Jet in

München. Wenige Stunden vor dem

Finale der Club-Weltmeisterschaft

gegen den mexikanischen Club

Tigres UANL war er nach einem

positiven Coronatest von der

Mannschaft isoliert worden. Zuvor

waren beim FC Bayern München

bereits die Mittelfeldspieler Leon

Goretzka und Javi Martínez positiv

auf Corona getestet worden. Bayern

München siegte im Finale mit 1:0.

Das war 2021

August

Berliner tragen die Freude an

pelzigen Zeitgenossen ja quasi im

Namen. Entsprechend groß war

die Freude in der Hauptstadt, als

am 31. August 2019 zwei Pandas

im Zoologischen Garten geboren

wurden. Wenn Sie nun denken, wir

hätten uns im Jahr geirrt – keinesfalls:

Genau zwei Jahre später feierte

der Hauptstadt-Zoo den zweiten

Geburtstag von Pit und Paule,

ganz stilecht mit einer Torte aus gefrorener

Roter Bete, angerichtet auf

frischem Schnee von den Pinguinen.

Verstehen vielleicht nur Bärliner …

März

Echte Kerle kennen keine Kälte: Dieses

Foto vom Wald-Picknick in Sibirien

ging um die Welt. Es zeigt Russlands

Präsidenten Wladimir Putin mit

seinem Verteidigungsminister.

September

Mit anderthalb Jahren Verspätung

feierte „James Bond 007: Keine

Zeit zu sterben“ endlich in London

die Premiere. Nach fünf Einsätzen

quittierte Hauptdarsteller Daniel

Craig mit dem Film seine Arbeit

im Geheimdienst Ihrer Majestät,

wofür sich Catherine, Duchess

of Cambridge, bei ihm bedankte.

„Es war tatsächlich

sehr, sehr

befriedigend“

Daniel Craig

114 FOCUS 52/2021 01/2022

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