Januar_2022
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24. Jahrgang<br />
<strong>Januar</strong> <strong>2022</strong><br />
2,10 €, davon 1,- €<br />
für den Verkäufer<br />
UNABHÄNGIGE STRASSENZEITUNG FÜR FREIBURG UND DAS UMLAND<br />
ZUR UNTERSTÜTZUNG VON MENSCHEN IN SOZIALEN NOTLAGEN<br />
STREETPEOPLE – MANDY WANGLER<br />
Niemand sollte sich zu klein fühlen, um zu helfen<br />
900 JAHRE ARMUT IN FREIBURG<br />
Armenwesen und Pflege in Freiburg (Teil 12)<br />
LEBENSMITTEL WEITERGEBEN<br />
Nutzen statt verschwenden
INHALT<br />
3<br />
VORWORT<br />
23<br />
DIE MITMACHSEITE<br />
4<br />
RECHT AUF STADT<br />
24<br />
BUCHTIPP VON UTASCH<br />
6<br />
STREETPEOPLE<br />
25<br />
KOCHEN<br />
10<br />
900 JAHRE ARMUT IN FREIBURG<br />
26<br />
SPORT<br />
14<br />
IM GESPRÄCH MIT...<br />
28<br />
KRIMI 21. FOLGE<br />
18<br />
LEBENSMITTEL WEITERGEBEN<br />
30<br />
RÄTSEL<br />
20<br />
VERNÜNFTIG NEIN SAGEN<br />
31<br />
ÜBER UNS<br />
22<br />
VERKÄUFERVORSTELLUNG<br />
OHNE IHRE UNTERSTÜTZUNG<br />
GEHT ES NICHT<br />
Liebe LeserInnen,<br />
um weiterhin eine<br />
interessante Straßenzeitung<br />
produzieren und Menschen<br />
durch ihren Verkauf einen<br />
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2<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
Liebe LeserInnen,<br />
ich hoffe, Sie sind gut ins neue Jahr gerutscht und haben<br />
auch die Feiertage, samt Völlerei, gut überstanden! Dann<br />
also auf in ein drittes Jahr der Pandemie!<br />
Haben Sie sich auch wieder eine Menge guter Vorsätze<br />
fürs neue Jahr gemacht und haben Sie auch die Hälfte<br />
schon wieder gebrochen? Das ging mir jedenfalls früher<br />
immer so. Deshalb habe ich die Vorsätze auch irgendwann<br />
mal sein gelassen. Allerdings würde mich doch mal<br />
interessieren, wie das bei unseren PolitikerInnen aussieht,<br />
falls die überhaupt gute Vorsätze haben dürfen?!<br />
Nun haben wir ja endlich wieder eine Regierung und die<br />
darf nun beweisen, dass das Vertrauen, mit dem wir sie<br />
gewählt haben, auch berechtigt war. Klar, man müsste<br />
ihnen jetzt erst mal ein paar Wochen oder Monate Zeit<br />
geben, doch das fällt diesmal aus, dafür ist viel zu viel zu<br />
tun. Olaf Scholz übernimmt das Land in einem schlechteren<br />
Zustand und mit mehr Problemen, als irgendein<br />
anderer Kanzler seit Adenauer. Das soll keine Ausrede<br />
sein, aber man sollte das vielleicht beachten, bevor man<br />
schon in den ersten Wochen ein vorschnelles Urteil über<br />
die Regierung und ihre Arbeit fällt. Fair sollte man dabei<br />
bleiben, auch bei Frau Merkel hat nichts auf Anhieb<br />
gepasst!<br />
Deswegen ärgert es mich auch, wenn in anderen Zeitungen<br />
der neuen Regierung Unfähigkeit vorgeworfen<br />
wird, obwohl sie noch gar nicht im Amt war. Dass diese<br />
Meinung dann auch noch von einem Chefredakteur<br />
kommt, finde ich nicht weniger ärgerlich. Aber wahrscheinlich<br />
kommt das daher, dass Wahlverlierer CDU es<br />
keinen Deut besser macht.<br />
Seit Amtsantritt von Olaf Scholz klingt jede CDU-Rede<br />
im Bundestag wie eine Anklageschrift. Nach 16 Jahren<br />
an der Macht wollen die einfach nicht wahrhaben, dass<br />
sie nun nicht mehr die erste Geige spielen, es sind halt<br />
doch schlechte Verlierer... Und nun müssen sie auch noch<br />
neben der AfD sitzen und das regt die CDU noch mehr<br />
auf. Aber was solls, wenn sie weiterhin gegen alles sind,<br />
was von der Ampel kommt und weiterhin keine Gelegenheit<br />
auslassen, um Scholz und seine Regierung zu<br />
beschimpfen, dann sitzen sie dort genau richtig!<br />
Außerdem sollten die Herren Laschet, Merz oder Ziemiak<br />
einmal darüber nachdenken, über wen sie da eigentlich<br />
meckern, nämlich über sich selbst. Denn die Probleme,<br />
die es aufzuarbeiten gilt, sind ja nicht seit den<br />
Wahlen entstanden, sondern in langen Jahren GroKo.<br />
Und da hatte die CDU bekanntlich das Sagen. In den<br />
letzten beiden Jahren hat die Regierung sehr viel richtig<br />
gemacht, was die Pandemie angeht, doch jetzt der neuen<br />
Regierung ankreiden, dass nicht genug Impfstoff da ist,<br />
ist schändlich.<br />
Doch es gibt ja noch andere Problempunkte, die von der<br />
Regierung gelöst werden müssen. Da wäre der soziale<br />
Wohnungsbau, von dem Scholz sagt, das liegt ihm persönlich<br />
am Herzen. Muss man wohl erst mal so glauben,<br />
doch hier müssen definitiv Taten folgen. In 16 Jahren<br />
CDU-Regierung wurde das alle zwei Jahre wiederholt,<br />
es wurde sogar ein Wohnungsgipfel eingerichtet. Alle<br />
zwei Jahre traf man sich, dann war die gesamte Regierung<br />
wieder erstaunt darüber, wie viele bezahlbare Wohnungen<br />
in Deutschland fehlen, dass es noch Obdachlose<br />
gibt oder wie mit Wohnraum spekuliert und gehandelt<br />
wird. Hier muss wirklich was passieren, die Zeit des<br />
Redens ist endgültig vorbei! Olaf, hier ein kleiner Tipp<br />
„von Chef zu Chef“: Schau mal nach Berlin-Mitte, dort hat<br />
der Bezirksbürgermeister erstmals ein Haus beschlagnahmt<br />
und noch vor Weihnachten an Obdachlose übergeben.<br />
Für mich ist er der Mann 2021! Das sollte Schule<br />
machen und dafür ist auch während einer Pandemie Zeit.<br />
Aber ein bisschen darf man auch eine neue Regierung<br />
kritisieren, vor allem wenn sie Sachen macht, die man<br />
nicht versteht. Da hätten wir die neue Außenministerin<br />
Annalena Baerbock, die schon in den Monaten des Wahlkampfes<br />
klargemacht hat, wofür sie steht, sollte sie in die<br />
Regierung kommen. Und das war grün, grün und nochmals<br />
grün! Es war schon witzig, wenn sie in jeder Talkshow<br />
oder in jedem Interview die Fragen einfach ignorierte<br />
und stattdessen eine Eloge auf den Umweltschutz<br />
anstimmte. In der heutigen Zeit darf, ja muss das sogar<br />
sein, dass Umweltschutz endlich an die Macht kommt.<br />
Aber dann darf das nicht nur für andere gelten, sondern<br />
man sollte es vorleben. Wenn ich zum Beispiel seit Jahren<br />
gegen den weiter zunehmenden Flugverkehr wettere,<br />
dann muss ich selbst halt auch versuchen, so viel wie<br />
möglich auf der Erde zu reisen.<br />
Frau Baerbock musste sich ja nach Amtsantritt erst<br />
einmal überall vorstellen, das ist so üblich. Das sehe auch<br />
ich ein. Aber in Zeiten von Pandemie und Umweltschutz<br />
hätte man das auch übers Internet machen können, so<br />
fast in familiärer Umgebung. Sie aber flog mit Staatsmaschine<br />
nach Paris, ein paar Stunden später zur EU nach<br />
Brüssel und am nächsten Tag nach Warschau. Das war<br />
sicher alles ultrawichtig, obwohl da echt nichts Neues<br />
herauskam. Und einen Tag später ging Kanzler Scholz auf<br />
genau dieselbe Tour. Also wenn schon fliegen, hätte man<br />
das auch gemeinsam machen können! Aber daran kann<br />
man ja noch arbeiten...<br />
Wir wünschen Ihnen wieder viel Spaß beim Lesen und<br />
Rätseln und vor allem, bleiben Sie gesund!<br />
Carsten<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 3
FREIBURG – STADT FÜR ALLE?!<br />
CORONA UND DER WINTER ZEIGEN DEUTLICH DIE<br />
SCHWACHSTELLEN DES FREIBURGER WOHNUNGS-<br />
LOSENHILFESYSTEMS<br />
Auch die vierte Corona-Welle trifft wohnungslose Menschen<br />
besonders hart. Darauf macht der Arbeitskreis<br />
Kritische Soziale Arbeit (AKS) aufmerksam. Wohnungslose<br />
können sich nicht in die eigene Wohnung zurückziehen<br />
oder ihre sozialen Kontakte reduzieren, haben kaum<br />
Zugang zu sanitären Anlagen und nur schwer Zugang<br />
zu Diensten der Gesundheitsversorgung. Viele gehören<br />
zu Corona-Risikogruppen. Die Gefahr, an COVID-19 zu<br />
erkranken, ist deshalb für Menschen ohne festen Wohnsitz<br />
besonders groß und ein schwerer Erkrankungsverlauf<br />
wahrscheinlicher.<br />
Bereits im Spätsommer warnten GesundheitsexpertInnen<br />
und VirologInnen vor einer neuen Welle der Pandemie.<br />
Doch trotz der Erfahrungen des letzten Winters<br />
fehlt in Freiburg ein umsichtiges Konzept, das wohnungslose<br />
Menschen vor einer Infektion mit dem Virus sowie<br />
der Kälte gleichermaßen schützt und die Lebenslage<br />
wohnungsloser Menschen nachhaltig und langfristig<br />
verbessert.<br />
„OASE“ VIEL ZU VOLL<br />
Die städtische Notunterkunft „OASE“, die schon vor<br />
Beginn der Pandemie überlastet war, war in den letzten<br />
Monaten fast durchgehend voll belegt. Würden all diejenigen,<br />
die aktuell draußen nächtigen (dem Bericht der<br />
Wohnungsnotfallhilfe zufolge 70 bis 90 Personen) zusätzlich<br />
um ordnungsrechtliche Unterbringung bitten, wäre<br />
es nicht möglich, diese Menschen unterzubringen. Zudem<br />
werden die Menschen in der städtischen Notunterkunft<br />
nach wie vor in Mehrbettzimmern untergebracht.<br />
Dies ist nicht nur angesichts der Infektionsgefahr in<br />
der Pandemie problematisch. Mit bis zu vier Personen<br />
in einem Zimmer haben die Menschen keinerlei Rückzugsmöglichkeiten<br />
und keine Perspektiven für eine<br />
Stabilisierung.<br />
PANDEMIEGERECHTE UNTERBRINGUNG<br />
Die Wohnheime für wohnungslose Menschen verzeichnen<br />
steigende Infektionszahlen. Zwar stellt die Stadt in<br />
städtischen Einrichtungen Antigen-Schnelltests zur Verfügung,<br />
Einrichtungen und Stellen in freier Trägerschaft<br />
erreicht dies aber nach Erfahrung des AKS nicht bzw. nur<br />
RECHT-AUF-STADT-NEWSLETTER<br />
Mit unserem RaS-Newsletter<br />
informieren wir einmal im Monat<br />
über„Recht auf Stadt“-Themen.<br />
info@rechtaufstadt-freiburg.de<br />
Homepage: www.rechtaufstadt-freiburg.de<br />
Weitere Infos: tacker.fr<br />
sporadisch. Immer wieder schilderten wohnungslose<br />
und obdachlose Menschen zwar den Wunsch, sich gegen<br />
COVID-19 impfen zu lassen, zugleich aber auch große<br />
Angst vor Impfreaktionen. Die Perspektive, eine Impfreaktion<br />
im Winter auf der Straße oder in einer überfüllten<br />
Notunterkunft durchstehen zu müssen, ist abschreckend.<br />
Angesichts der angespannten Corona-Lage und des Winters<br />
fordert der AKS Freiburg erneut und mit Dringlichkeit<br />
die Anmietung von zusätzlichen Räumlichkeiten, Hotels<br />
und Pensionen für obdachlose Menschen. Ziel muss es<br />
sein, die Belegungsrate der städtischen Unterkünfte deutlich<br />
zu reduzieren, die Unterbringung in Mehrbettzimmern<br />
zu vermeiden und allen wohnungslosen Menschen<br />
ungeachtet ihres Impfstatus sichere, dezentrale Unterbringung<br />
zu ermöglichen.<br />
ECHTE VERBESSERUNG NUR MIT HOUSING FIRST<br />
Um die Situation wirklich zu verbessern, braucht es vor<br />
allem eins: die Versorgung mit Wohnraum. Die Chance<br />
für einen Paradigmenwechsel im langfristigen Umgang<br />
mit Wohnungslosigkeit sieht der AKS im Konzept Housing<br />
First. Der Ansatz ist so simpel wie radikal: Die eigene Wohnung<br />
steht am Anfang statt am Ende der Hilfen – zuerst<br />
werden die Menschen in eigenen Wohnraum vermittelt<br />
und dann erhalten sie bedarfsgerechte Unterstützung.<br />
Dass der Ansatz funktioniert, zeigen zahlreiche Evaluationen<br />
von Housing First-Projekten in den USA, Kanada,<br />
Australien, einigen europäischen Ländern sowie einigen<br />
deutschen Städten. Der AKS sieht Housing First als innovativen<br />
und erprobten Ansatz, der neue Perspektiven zur<br />
nachhaltigen Verbesserung der Situation wohnungsloser<br />
und obdachloser Menschen in Freiburg bieten würde.<br />
Weiterführende Links zu den Meldungen<br />
findet ihr wie immer auf der Homepage<br />
4<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
STADT-FÜR-ALLE-NACHRICHTEN ( RÜCKBLICK VOM 15. NOV. BIS 15. DEZ. )<br />
[FR] GRÜNE WOLLEN WEITER WOHNUNGEN DER<br />
FREIBURGER STADTBAU GMBH (FSB) VERKAUFEN<br />
Die Freiburger Grünen haben ihre Niederlage aufgrund<br />
der abgesagten Privatisierung in der Sulzburger Straße<br />
offenbar noch nicht überwunden und wollen das Thema<br />
im Stadtbauaufsichtsrat im Februar wieder auf die Tagesordnung<br />
setzen. Statt sich über den Erhalt der Mietwohnungen<br />
zu freuen, trauern sie dem Geld hinterher, das ein<br />
Verkauf in die Stadtbaukasse gebracht hätte. Der Verkauf<br />
hätte 6,9 Mio. Euro bzw. beim Verkauf von sanierten<br />
Wohnungen knapp 11 Mio. Euro einbringen sollen. „Allein<br />
diese Zahl zeigt unseres Erachtens, welche Bedeutung ein<br />
Liquiditätszufluss durch den Grundstückstransfer in der<br />
Sulzburgerstraße für die FSB hätte.“ Ferner bringen die<br />
Grünen weiter einen Verkauf an eine Genossenschaft,<br />
z. B. an den Bauverein Breisgau, ins Spiel. Die großen<br />
Freiburger Genossenschaften passen allerdings ständig<br />
ihre Mieten an den Mieterhöhungsspiegel an und sind<br />
auch ansonsten schon lange keine Garanten mehr für die<br />
Wohnversorgung von Menschen mit weniger Geld. Die<br />
Bindung von Sozialwohnungen verlängern sie kaum. Die<br />
Grünen positionieren sich also wieder einmal gegen die<br />
Menschen mit weniger Geld in Weingarten.<br />
[FR] ABRISS DER G19<br />
Ende November wurde die besetzte Gartenstraße 19 abgerissen.<br />
Zehn Jahre lang war sie ein selbstverwalteter Freiraum<br />
in der Freiburger Innenstadt. Im Hinterhaus war die<br />
Fahrradselbsthilfewerkstatt Bike Kitchen untergebracht.<br />
Da die Baugenehmigung noch auf sich warten lässt, ist<br />
jetzt wohl statt des bunten Häuschens ohne Konsumzwang<br />
erstmal ein Parkplatz angesagt. Mehrere hundert<br />
Menschen protestierten am 11.12. gegen die „Stadt der Reichen“.<br />
„Niemand von uns ist gewillt, diesen Ort und das,<br />
was wir hier umgesetzt haben, einfach aufzugeben.“<br />
[FR] BUNDESBEHÖRDEN WOLLEN ABKASSIEREN<br />
Die Grundstückspreise im geplanten Baugebiet Kleineschholz<br />
scheinen deutlich teurer als gedacht zu werden.<br />
Grund dafür sind die Forderungen der GrundstückseigentümerInnen.<br />
Die Bundesagentur für Arbeit und die<br />
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) wollen<br />
sich offenbar nicht mit den 460 Euro, die der Gutachterausschuss<br />
als Grundstückswert ermittelt hat, zufrieden<br />
geben. Die Stadtverwaltung rechnet deshalb derzeit mit<br />
einem durchschnittlichen Grundstückswert von 1.600<br />
Euro pro Quadratmeter. Um die sich durch den Grundstückskauf<br />
ergebende Finanzlücke von knapp 30 Mio.<br />
Euro im städtischen Haushalt zu schließen, will die Stadt,<br />
dass die Ablöse der Erbpacht von den Bauwillligen zu<br />
Beginn auf einen Schlag statt in Raten beglichen wird,<br />
womit gleich zu Beginn eines Projektes ein hoher Finanzbedarf<br />
bestehen würde. Dass Bundesbehörden den Bau<br />
von bezahlbaren Wohnungen so erschweren zeigt auch,<br />
dass der Staat auch nicht der bessere Vermieter ist. Letztlich<br />
hilft nur: Haus und Grund müssen in die Hände der<br />
MieterInnen und von diesen auch selbst verwaltet und<br />
kontrolliert werden.<br />
[K] OBDACHLOSER NIMMT SICH DAS LEBEN<br />
In der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) Köln lebte<br />
ein Obdachloser sechs Jahre lang in einer Garage. Er<br />
kümmerte sich um Blumen und Fahrräder und wurde von<br />
Studierenden und Mitarbeitenden mit Lebensmitteln versorgt.<br />
Die neue KHG-Leitung wollte, dass er bis Weihnachten<br />
geht. Diakon Johannes Schmitz drohte mit der Polizei.<br />
Daraufhin nahm der Bedrohte sich das Leben.<br />
[FR] PARKEN FÜR ANWOHNERINNEN WIRD TEURER<br />
Im Sinne der Verkehrswende und für mehr Flächengerechtigkeit<br />
hat der Freiburger Gemeinderat mit einer<br />
Stimme Mehrheit beschlossen, dass die BewohnerInnenparkausweise<br />
zukünftig durchschnittlich 360 Euro<br />
im Jahr kosten sollen. Je nach Autolänge werden sich die<br />
Preise unterscheiden. Sozialleistungsberechtigte und<br />
auch WohngeldempfängerInnen müssen nur 25 % der<br />
Gebühren zahlen.<br />
[FR] TIEFGARAGE VERDRÄNGT ROTBUCHE<br />
In einem Hof zwischen Stefan-Meier- und Sonnenstraße<br />
in Herdern soll eine riesige Rotbuche gefällt werden.<br />
Grund dafür ist die Nachverdichtung mit einem Haus mit<br />
acht Wohneinheiten. Die Rotbuche soll allerdings einer<br />
Tiefgarage für elf Stellplätze weichen. Dagegen protestiert<br />
die AnwohnerInneninitiative „Rettet die Rotbuche“<br />
unter dem Motto: „Autostadt Freiburg: Tiefgaragenbau<br />
kostet Rotbuche das Leben" – Die BI zeigt sich insbesondere<br />
von den Grünen enttäuscht.<br />
[FR] KEINE UNABHÄNGIGE EVALUATION DER LEA<br />
Die Fraktionen Eine Stadt für Alle und JUPI forderten im<br />
Freiburger Gemeinderat, dass zukünftig eine unabhängige<br />
Evaluierung der Lebensbedingungen und -qualität<br />
und der Umsetzung der Grundrechte der Freiburger<br />
BewohnerInnen der Landeserstaufnahmestelle für<br />
Flüchtlinge (LEA) stattfinden soll. Alle anderen Fraktionen<br />
lehnten den entsprechenden Antrag ab und stellten sich<br />
damit gegen eine transparente Einschätzung der Lage der<br />
Grundrechte der Geflüchteten.<br />
ARMUT IN DEUTSCHLAND<br />
Laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband sind in<br />
Deutschland 16,1 % der Bevölkerung, also 13,4 Mio. Menschen,<br />
arm. 2006 galten 14,0 % als arm. Besonders<br />
betroffen sind Alleinerziehende (40,5 %) und Haushalte<br />
mit mindestens drei Kindern (30,9 %). Die Coronakrise<br />
ließ den Anteil aber auch bei Selbstständigen auf 13 %<br />
anwachsen.<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 5
StreetPeople<br />
„Es wäre schön, wenn sich<br />
Menschen grundsätzlich auf<br />
Augenhöhe begegnen würden.“<br />
Mandy Wangler<br />
Eine Reportage<br />
über die Menschen<br />
auf der Straße
MANDY WANGLER<br />
„Niemand sollte sich zu klein fühlen, um zu helfen“<br />
Die meisten meiner GesprächspartnerInnen lerne ich<br />
durch spontane Begegnungen kennen. Als vor zwei Jahren<br />
mein Artikel über Björn veröffentlicht wurde, geschah<br />
etwas, was sich keiner in der Redaktion hätte vorstellen<br />
können. Aufgrund seiner Lebensgeschichte und der Tatsache,<br />
dass dieser Mensch seit über zwanzig Jahren auf der<br />
Straße lebte, meldete sich jemand bei uns, um ihm ein<br />
Obdach zu verschaffen. Bei einem ersten Kennenlernen<br />
aller Beteiligten traf ich sodann auf Mandy, mit der ich<br />
bis heute in Kontakt stehe.<br />
Sie lebt weder auf der Straße noch ist sie in einer der<br />
hiesigen Institutionen angestellt, die hilfsbedürftige<br />
Menschen unterstützt. Warum ich dennoch über sie<br />
schreibe, hat auch etwas mit der Geschichte von damals<br />
zu tun. Mandy ist in meinen Augen ein ganz besonderer<br />
Mensch, der sich sehr für andere Menschen einsetzt, ohne<br />
dafür etwas zu erwarten. Es ist noch gar nicht so lange<br />
her, als sie mir gesagt hatte, dass sie gerne an einem Tag<br />
im Monat für ungefähr vier bis sechs Stunden Menschen,<br />
die auf der Straße leben, die Haare schneiden möchte;<br />
eine kleine Kopfmassage, evtl. eine kleine Maniküre mit<br />
Handmassage, einfach ein wenig Zeit zum Wohlfühlen<br />
schenken. Heute macht sie das regelmäßig, und zwar in<br />
der Pflasterstub' in Freiburg.<br />
Natürlich kam ich relativ schnell zu der Frage nach dem<br />
Grund ihrer Hilfsbereitschaft anderen Menschen gegenüber,<br />
worauf sie mir die Geschichte einer älteren Dame<br />
namens Rosi erzählte. „In den kalten Wintertagen schlief<br />
sie immer bei uns im Hausflur“, sagte Mandy, „wenn man<br />
es nicht wusste, so ist das auch keinem aufgefallen.“ Rosi<br />
habe bereits seit Jahren auf der Straße gelebt. Der Grund<br />
dafür wäre jedoch nicht bekannt, denn sie habe wohl<br />
niemandem so weit vertraut, ihre Lebensgeschichte zu<br />
erzählen.<br />
„Ich wohnte damals im fünften Stock“, fährt Mandy fort,<br />
„immer, wenn Rosi hinein wollte, klingelte sie bei mir und<br />
wir plauderten dann meist ein wenig miteinander über<br />
Als wir uns trafen, um über sie selbst zu sprechen, konnte<br />
ich relativ schnell bemerken, dass das für sie zunächst<br />
nicht so angenehm war. Nicht etwa, weil sie etwas zu<br />
verbergen gehabt hätte. Es war der Umstand, dass da jemand<br />
in deinem Leben herumstochert und dir ein Loch in<br />
den Bauch fragt. Da wir uns allerdings schon eine ganze<br />
Weile kennen, hatte diese Unannehmlichkeit nicht allzu<br />
lange Bestand.<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 7
die Sprechanlage. Es gab keinen Aufzug und um die vielen<br />
Treppenstufen hinaufzusteigen, fühlte sie sich nicht mehr<br />
fit genug. Über die Zeit hatte sich das dann eingependelt<br />
und ich machte mir schon Sorgen, wenn Rosi später oder<br />
gar nicht zum Übernachten ins Haus kam. Man wusste<br />
dann auch nie, ob sie überhaupt da gewesen war, denn<br />
Müll oder Dreck hatte sie niemals hinterlassen. Hin und<br />
wieder hatte sie morgens nach einem Kaffee gefragt, den<br />
ich ihr dann nach Möglichkeit runtergebracht habe; das<br />
war für Rosi Luxus pur.“<br />
Als sie das erzählt, denke ich kurz darüber nach, wie wichtig<br />
mir meine Tasse Kaffee am Morgen ist und für wie gewöhnlich<br />
es mir auf einmal vorkommt, das allmorgendliche<br />
Ritual des Kaffeetrinkens abzuhalten, während ich<br />
mit meinem Hintern in einem beheizten Raum auf dem<br />
Sofa sitze. Zur gleichen Zeit ist ein älterer Mensch dankbar<br />
dafür, auf einem kalten Steinboden liegen zu dürfen.<br />
Die Verteilung in der Welt erscheint mir merkwürdig.<br />
Nach meinem kurzen Ausflug in die Tiefen meiner Gedanken<br />
konzentriere ich mich jedoch wieder auf Mandys Worte:<br />
„Sonstige Hilfeleistungen hat Rosi nicht angenommen,<br />
auch keine medizinischen. Irgendwie hat sie niemandem<br />
so weit vertraut und somit auch niemanden an sich herangelassen.<br />
Es verging so einige Zeit, bis der Eigentümer<br />
sodann den MieterInnen des Hauses das Hineinlassen<br />
von Obdachlosen allgemein untersagte. Kurz vor ihrem<br />
Tod hat sie dann bei einem nahe gelegenen Tante-Emma-Laden<br />
übernachtet, wo sie dann auch, so glaube ich,<br />
an einer Lungenembolie verstorben ist.“<br />
Die Erinnerungen an Rosi scheinen Mandy deutlich zu<br />
beschäftigen und ich frage sie, ob sie je daran gedacht<br />
hatte, diese ältere Dame bei sich übernachten zu lassen.<br />
„Na klar“, sagt Mandy sofort, „doch die Frage hatte sich<br />
nie gestellt. Rosi war so gebrechlich, dass sie nur sehr<br />
schwerlich zu mir in den fünften Stock gekommen wäre<br />
und darüber hinaus wollte sie niemandem zur Last fallen.<br />
Um ehrlich zu sein, so ist diese Frage eigentlich gar nicht<br />
so einfach zu beantworten. Natürlich ist der erste Impuls,<br />
helfen zu wollen. Doch inwieweit kann man eigentlich<br />
helfen und wann ist der Punkt erreicht, wo man das nicht<br />
mehr kann?“<br />
Was Mandy sagt, macht in meinen Augen Sinn und ist<br />
absolut gerechtfertigt. Wenn ich mich mit anderen Menschen<br />
unterhalte, so höre ich sehr oft heraus, dass diese<br />
oftmals dazu bereit wären, in irgend einer Weise helfen<br />
zu wollen, jedoch sich selbst oder ihre Situation als nicht<br />
ausreichend dafür verstehen. Etwas später in unserer Unterhaltung<br />
sagt Mandy einen Satz, der diese Thematik auf<br />
den Punkt bringt. Sie sagt: „Niemand sollte sich zu klein<br />
fühlen, um zu helfen!“<br />
8<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
Die Frage, ob ich etwas leisten kann, muss immer im Vordergrund<br />
stehen. Allerdings muss es nicht immer um das<br />
große Ganze gehen. Sicherlich wäre Mandy niemals in der<br />
Lage gewesen, Rosi ein dauerhaftes oder länger andauerndes<br />
Obdach zu gewähren oder sich gar persönlich um<br />
sie zu kümmern. Was sie jedoch leisten konnte und somit<br />
auch tat, war ihr ein Gefühl von Nähe zu vermitteln. Ein<br />
Gefühl davon, dass es da jemanden gibt, dem du nicht<br />
egal bist.<br />
Seit ich StreetPeople schreibe habe ich selbst gelernt,<br />
wie außerordentlich wichtig das ist. Als ich auf Björn traf<br />
und seine Lebensgeschichte hörte, tat mir das im Herzen<br />
weh. Wenn ich hätte können, dann hätte ich ihn und Nala<br />
sofort bei mir aufgenommen. Aber das konnte ich nicht.<br />
Ebenso wenig konnte ich ihm regelmäßig Geld zustecken.<br />
Vor allem, wenn ich das bei ihm mache, was mache ich<br />
dann mit den ganzen anderen Menschen, die ich kenne<br />
und die auf der Straße leben? Ein wahrer Interessenskonflikt,<br />
der entsteht und als unlösbar erscheint. Doch<br />
dieser ist im Grunde absolut umsonst, denn keiner dieser<br />
Menschen hätte das je von mir erwartet.<br />
Da ich all das nicht kann, leiste ich einzig das, was ich<br />
kann: Ich sehe diese Menschen als Menschen; auf Augenhöhe.<br />
Wenn ich sie in der Stadt treffe, dann bleibe ich kurz<br />
stehen und unterhalte mich mit ihnen. Ich leite Dinge<br />
weiter, die ihnen helfen könnten, ich lache mit ihnen und<br />
ich trauere mit ihnen. Sie sind für mich nicht mehr oder<br />
weniger wert, als ich es mir selbst bin.<br />
Natürlich ist es dann ein großes Los, wenn man zu einem<br />
dieser Menschen sagen kann, dass es da jemanden gibt,<br />
der ihm eine Wohnung anbietet. Im Grunde genommen<br />
sind die vielen kleinen Dinge auf Dauer jedoch viel wirksamer;<br />
auch für einen selbst.<br />
Das bestätigt mir auch Mandy, als wir uns darüber unterhalten,<br />
warum sie einmal im Monat ihre Zeit dafür opfert,<br />
Menschen in der Pflasterstub' die Haare zu schneiden.<br />
Was sie da leistet, verstehe ich selbst nicht nur als einfaches<br />
Haareschneiden. Primär ist sie in dem Moment für<br />
denjenigen Menschen da und gibt ihm ein Gefühl des<br />
Willkommenseins und auch einer gewissen Normalität.<br />
Im Gegenzug erhält sie dafür Lebensgeschichten, Lebensweisheiten<br />
und auch ein gewisses Gefühl der Dankbarkeit<br />
zurück. Und dabei geht es eben nicht um die Arbeitsleistung<br />
als solche, sondern darum, dass sie diese Menschen<br />
auf Augenhöhe betrachtet. „Ich selbst bin bei meiner<br />
Mutter groß geworden“, erzählt mir Mandy, „das Gefühl,<br />
dass niemand schlechter ist, weil er im Moment weniger<br />
hat und im Gegenzug auch niemand besser ist, weil er<br />
mehr hat, ist, so glaube ich, sehr deutlich vermittelt worden.<br />
Der Mensch ist und bleibt Mensch!“<br />
Dies ist eine ganz simple und sogleich enorm wertvolle<br />
Einstellung und Lebensweise, die ich bisher leider nur<br />
bei sehr wenigen Menschen feststellen konnte. Nicht<br />
etwa, weil diese Menschen in irgend einer Weise schlecht<br />
wären sondern, weil sie sich einfach selbst eine Wertigkeit<br />
geben, die sie nicht erfüllen können. Sich selbst als<br />
Menschen sehen, mit all seinen Fehlern und Schwächen,<br />
aber auch mit all seinen Stärken und Talenten, ist in der<br />
Tat nicht ganz so einfach. Denn von da an kann man sich<br />
nicht mehr hinter einem schönen Mantel verstecken; man<br />
ist nackt. Wenn man sich selbst dann in dieser Nacktheit<br />
betrachten und akzeptieren und diese sodann auf jeden<br />
anderen Menschen übertragen kann, stellt man relativ<br />
schnell fest, dass wir alle gleich sind. Auch ich musste<br />
das erst lernen. Doch seither hat es sowohl mein eigenes<br />
Leben als auch das vieler anderer Menschen bereichert.<br />
Aus diesem Grund wollte ich Ihnen gerne Mandy vorstellen,<br />
denn sie ist einer dieser Menschen, die ich kenne, die<br />
eine solche Sichtweise ausleben können: den Menschen<br />
als Menschen sehen und mit kleinen Dingen eine große<br />
Wirkung erzielen; einfach da zu sein, wenn man gebraucht<br />
wird. Das ist alles, was es zu leisten gilt.<br />
Text: Harry Bejol<br />
Fotos: Felix Groteloh<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 9
Abb.: Luther verbrennt die päpstliche Bulle auf dem Wittenberger Platz (1520)<br />
Foto: Karl Aspelin (1857-1932) / Wikimedia Commons<br />
900 JAHRE ARMUT IN FREIBURG<br />
Armenwesen und Pflege in Freiburg (Teil 12)<br />
In der letzten Ausgabe bin ich auf meiner Reise durch die<br />
Freiburger Geschichte in der Neuzeit angekommen. Eine<br />
spannende Zeit mit vielen Entdeckungen und Veränderungen,<br />
aber auch eine Zeit von Not und Elend, hervorgerufen<br />
durch Kriege, Seuchen und schlechte Ernten.<br />
Wie ist es Freiburg und seinen EinwohnerInnen ergangen,<br />
wie haben Reformation, Humanismus und die Kriege<br />
auf die Stadt Einfluss genommen?<br />
REFORMATION UND HUMANISMUS IN FREIBURG<br />
Die ersten Nachrichten über Luthers Thesenanschlag in<br />
Wittenberg und die darauf folgenden Reformbestrebungen<br />
brachten eigentlich die Bundschuhbewegung im Vorfeld<br />
der Bauernkriege nach Freiburg und in den Breisgau.<br />
Der von den Bauern sowieso schon verbreitete Antiklerikalismus<br />
und die steigende Unterdrückung durch die<br />
Kirche schlug nun um in Propaganda für die Reformation,<br />
die Kirchenneugestaltung nach Luthers Thesen. In einigen<br />
Städten im Umland wie Kenzingen oder Neuenburg fielen<br />
diese Lehren auf fruchtbaren Boden und so gab es hier<br />
schon sehr früh evangelische Prediger. In Freiburg selbst<br />
blieb aber erst einmal alles beim Alten und nach Ansicht<br />
des Stadtrates sollte das auch so bleiben. Der Stadtrat sah<br />
in der Reformationsbewegung lediglich einen Aufruhr<br />
gegen die Obrigkeit, und Luther und seine Lehren wurden<br />
als Ketzerei bezeichnet. Deshalb ließ der Rat auch von<br />
Anfang an jegliche Reformversuche verfolgen und streng<br />
bestrafen. Allerdings gab es auch schon von Beginn an Gerüchte,<br />
nach denen es im Rat und im Bürgertum Gruppierungen<br />
gab, die sich der Reformation zugewandt hatten<br />
oder dies wollten. Es wird vermutet, dass die Lutheraner<br />
deshalb so hart verfolgt und bestraft wurden, damit man<br />
den eigenen schwindenden Glauben vertuschen konnte.<br />
Dafür gibt es allerdings keine Belege. Fakt ist aber, dass<br />
es in dieser Zeit häufiger zu Verstößen gegen die katholischen<br />
Regeln kam, die vor Gericht geahndet wurden. So<br />
wurde z. B. 1522 eine Bürgerin überführt, das Fleischverbot<br />
an Freitagen missachtet und gebrochen zu haben. Im<br />
selben Jahr wurde der junge Arzt Gregorius Frauenfeld<br />
vom Rat gerügt, weil er eine Predigt des angesehenen<br />
Pfarrers Georg Keck über die Heiligenverehrung der katholischen<br />
Kirche in aller Öffentlichkeit verspottete.<br />
1524 forderte der Weißgerber Claus Rehar ein öffentliches<br />
Gespräch zwischen der Stadt, den BürgerInnen und der<br />
Kirche über die neue Kirchenlehre. Der Antrag wurde abgelehnt,<br />
wie auch ein Antrag der BürgerInnen, dass beide Religionsformen<br />
beim Abendmahl zugelassen werden sollen.<br />
10<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
Als der Bischof Hugo von Hohenlandenberg diesen Antrag<br />
ablehnte, kursierte kurz darauf eine Spottschrift in Freiburg,<br />
in welcher der Bischof verhöhnt wurde.<br />
Foto: Karl Aspelin (1857-1932) / Wikimedia Commons<br />
Letztendlich lag es aber nicht allein beim Rat der Stadt<br />
Freiburg über, die Religionsart zu entscheiden, dieses<br />
Recht stand zuerst einmal dem Landesherren zu. Da<br />
Freiburg in jener Zeit dem vorderösterreichischen Herrschaftsgebiet<br />
und damit dem Haus Habsburg unterstand,<br />
war das Erzherzog Ferdinand von Habsburg. Da dieser<br />
aber streng am alten katholischen Glauben festhielt,<br />
hatte die Stadt in diesem Punkt von Hause aus keinen<br />
Spielraum. Allerdings gab es seitens der Freiburger Geistlichkeit<br />
kaum nennenswerten Zuspruch für Luther und<br />
seinen neuen Glauben. Lediglich von zwei Münsterkaplänen,<br />
Diebold Kempf und Ludwig Öler, wurde bekannt,<br />
dass sie mit Martin Luther sympathisieren würden. Über<br />
Ludwig Öler ist bekannt, dass er 1523 aus der Stadt verwiesen<br />
wurde und in Straßburg Zuflucht fand, wo er dann<br />
noch einige Schmähschriften wider die Freiburger Obrigkeit<br />
verfasste. Im Jahr 1523 hatte dann auch Erzherzog Ferdinand<br />
genug von den ganzen Wirren um Martin Luther<br />
und die Reformation, sodass er befahl, alle lutherisch ketzerischen<br />
Schriften und Bücher zu verbrennen. Daraufhin<br />
fanden in ganz Freiburg Hausdurchsuchungen statt, bei<br />
denen angeblich ca. 2.000 Bücher konfisziert wurden, die<br />
dann auf dem Münsterplatz öffentlich verbrannt worden<br />
sind. Die Zahlen hierfür dürften wahrscheinlich etwas<br />
übertrieben sein, die Buchverbrennungen haben aber real<br />
stattgefunden. Belegt ist z. B. die Verbrennung einer antiklerikalen<br />
Schrift des Reformators Wolfgang Capito im<br />
Jahre 1526. Diese Verbrennungen fanden immer öffentlich<br />
und vor großem Publikum statt, in Freiburg war es<br />
meist auf dem Platz vor dem Münster. Für die Anwesenden<br />
sollte das als Abschreckung dienen. Vom Klerus wurden<br />
solche „Veranstaltungen“ auch gern mit einer Predigt<br />
begleitet, in denen dann das Volk gewarnt wurde, dass es<br />
bei Wiederholungen oder ähnlichen Verbrechen gegen<br />
die Kirche auch strengere Strafen geben könne.<br />
Ab dem Jahr 1530 wurden von der Obrigkeit verstärkt<br />
Mandate erlassen, in welchen die Verpflichtungen der Untertanen<br />
gegenüber der katholischen Kirche speziell geregelt<br />
wurden. Das sollte die jahrhundertealte Autorität<br />
der Kirche erhalten und stärken. In einem solchen Mandat<br />
von 1532 wurde die Bevölkerung an die Einhaltung kirchlicher<br />
Regeln erinnert: Es rief auf zu „rechter wharhafftiger<br />
Rew und pueßvertigem Leben.“ Zu diesen Regeln gehörten<br />
die Fasten- und Beichtbestimmungen, die regelmäßige<br />
Teilnahme an Prozessionen und anderes. In diesem Mandat<br />
gab es sogar noch spezielle Vorschriften für die Priester.<br />
Sie sollten auf strengere Einhaltung und Vollzug bestimmter<br />
kirchlicher Rituale und Handlungen achten. In<br />
dieser Anweisung ging es speziell um die Bestimmungen<br />
Abb.: Hugo von Hohenlandenberg (1457-1532)<br />
an den Osterfeiertagen. In dieser Zeit wurden die Kirchen<br />
angewiesen, Beichtregister anzulegen. Das hatte zum<br />
Ziel, die religiöse Einstellung im Volk zu kontrollieren und<br />
eventuelle Lutheraner aufzuspüren. Im Jahr 1564 verpflichtete<br />
sich der neue Landesherr Erzherzog Ferdinand<br />
II. von Habsburg schriftlich, den katholischen Glauben in<br />
seinen Ländern zu bewahren und zu beschützen. 1586 erging<br />
ein Befehl des Erzherzogs, staatliche und städtische<br />
Ämter ausnahmslos mit Katholiken zu besetzen. Der Freiburger<br />
Stadtrat stand in diesen Fragen natürlich auf der<br />
Seite des Landesherrn.<br />
Im Laufe der folgenden Jahre gab es dann in Freiburg<br />
einige Visitationen im Auftrag des Bischofs von Konstanz,<br />
bei denen Kirchen, Klöster und aller sonstiger kirchlicher<br />
Besitz besichtigt und durchsucht wurden. Offiziell sollten<br />
die Zustände in den Einrichtungen begutachtet werden,<br />
der wahre Grund war aber wohl das Aufspüren von Lutheranern<br />
oder deren Schriften. Infolge solcher „Besichtigungen“<br />
fanden häufig auch weitere Bücherverbrennungen<br />
statt. Auch wurden im Zuge dieser Aktionen etliche BürgerInnen<br />
beschuldigt, Lutheraner zu sein, und vor Gericht<br />
gestellt. Unter ihnen waren auch immer wieder Geistliche<br />
sowie Lehrer und Professoren der Universität. Bei einem<br />
Schuldspruch wurden die Angeklagten meist aus der Stadt<br />
verbannt. Ein Großteil der Gelehrten ging dann ins benachbarte<br />
Basel, welches schon sehr früh evangelisch war.<br />
Foto: Wikimedia Commons<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 11
Abb.: Siegel der Universität Freiburg im Eingangsbereich des Audimax<br />
Foto: Wikimedia Commons<br />
Im Gegenzug gingen allerdings auch einige von ihnen den<br />
umgekehrten Weg. Diejenigen nämlich, die beim alten<br />
Glauben bleiben wollten und deswegen nun anderswo<br />
verfolgt waren.<br />
Alles in allem blieb es in Freiburg aber ziemlich ruhig in<br />
den ersten Jahrzehnten nach Luthers Thesenanschlag.<br />
Stadt und Kirche waren sich einig, dass man beim Katholizismus<br />
bleibt und da jeder Reformgedanke gleich im<br />
Keim erstickt wurde, kam keine große Reform- oder gar<br />
Protestbewegung auf, jedenfalls keine, die den Machthabern<br />
gefährlich werden konnte. Auch für die unterprivilegierten<br />
Gruppierungen in Freiburg änderte sich durch<br />
die Reformation nichts, da sie in Freiburg praktisch nicht<br />
stattfand.<br />
Ähnlich war es mit der Humanismus-Bewegung, die<br />
von Italien ausgehend fast das gesamte Europa erfasste.<br />
Humanismus kommt vom lateinischen Wort humanus,<br />
was soviel wie menschlich bedeutet. Humanismus ist das<br />
Streben nach Menschlichkeit in Philosophie und den Wissenschaften.<br />
Hatte der Mensch im Mittelalter als ein Geschöpf<br />
Gottes nur das eine Ziel, sich das Leben nach dem<br />
Tod zu verdienen, so stellten die Humanisten den Mensch<br />
in den Mittelpunkt des Denkens. Der Mensch sollte durch<br />
Bildung und Vernunft seine Welt und seinen Werdegang<br />
selbst gestalten. Die Humanisten forderten z. B. Freiheit<br />
für alle Menschen und die freie Entfaltung des Einzelnen<br />
und stellten sich gegen die Intoleranz gegenüber neuen<br />
Gedanken und Ideen. Das gefiel natürlich nicht jedem!<br />
Zwar hatte der Humanismus im damaligen Deutschen<br />
Reich einen großen Fürsprecher in Kaiser Maximilian,<br />
doch dessen Tod am 12. <strong>Januar</strong> 1519 läutete das vorläufige<br />
Ende des deutschen Humanismus ein. Vielerorts waren<br />
die Trauerreden für den verstorbenen Kaiser also gleichzeitig<br />
ein Abgesang des Humanismus. Die Freiburger<br />
Rede hielt der Stadtschreiber und Humanist Ulrich Zasius.<br />
Dieser würdigte den Kaiser dafür, dass der durch das Abhalten<br />
des Reichstags 1498 in Freiburg Ruhm und wirtschaftlichen<br />
Nutzen für die Stadt brachte. Am meisten<br />
würdigte Zasius aber, dass die Herrschaftszeit Maximilians<br />
eine wahre Hochzeit für die Bildung im Reich war.<br />
Da die Humanisten auch ein Ende von geistigen Beschränkungen<br />
durch kirchliche Dogmen forderten, begannen<br />
Maximilians Erben den Humanismus zu bekämpfen.<br />
Nicht wenige Philosophen oder Gelehrte bekamen Ärger<br />
mit Kirche oder Staat und mussten ihre Stadt oder ihr<br />
Land verlassen. Natürlich spielten der Humanismus und<br />
seine Lehren eine bedeutende Rolle in der Bildung und<br />
Aufklärung der damaligen Zeit. Doch dass einige WissenschaftlerInnen<br />
behaupten, erst durch den Humanismus<br />
12<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
dieser Epoche wäre Luthers Reformation möglich gewesen,<br />
stößt nicht überall auf Zuspruch. Wahrscheinlich<br />
nicht einmal bei Martin Luther selbst. Bedeutende Vertreter<br />
des Humanismus dieser Epoche waren der italienische<br />
Schriftsteller und Politiker Niccolo Machiavelli, der<br />
englische Autor und spätere Staatsmann Thomas Moore<br />
(Thomas Morus) und der niederländische Theologe Erasmus<br />
von Rotterdam. Erasmus von Rotterdam hielt sich zu<br />
Beginn des 16. Jahrhunderts für einige Jahre in Freiburg<br />
auf und veröffentlichte gemeinsam mit Zasius einige<br />
Schriften, auch zum Thema Reformation. Erasmus und<br />
später auch Ulrich Zasius stellten sich gegen Luther und<br />
vertraten ihren Standpunkt auch öffentlich. Ansonsten<br />
gab es an der Universität wohl noch einige Humanisten,<br />
die aber allesamt nicht lange in der Stadt blieben. Außer<br />
den Schriften und Reden von Zasius und Erasmus ist nicht<br />
viel humanistisches aus dieser Zeit in Freiburg bekannt.<br />
REFORMATION UND DIE UNIVERSITÄT<br />
Natürlich machte die Reformationsbewegung keinen Bogen<br />
um die Universität in Freiburg. Wie überall, so wurde<br />
durch Luthers Thesenanschlag auch die Uni in zwei Lager<br />
gespalten: in Katholiken und Lutheraner. Und jeder versuchte,<br />
andere von der Richtigkeit des eigenen Glauben<br />
zu überzeugen. Am Anfang der Reformationszeit gingen<br />
von der Universität Bestrebungen aus, die durchaus auf<br />
eine Erneuerung der Institution Kirche hinsteuerten. Da<br />
war zum Beispiel der Professor Philipp Engelbrecht, der<br />
den Reformator sogar persönlich kannte, welcher sich an<br />
der Uni aktiv für Luthers Kirchenreform einsetzte. Er war<br />
an der Universität der zentrale Ansprechpartner für „Reformwillige“<br />
und war damit der Universitätsleitung und<br />
dem Klerus ein Dorn im Auge. Und so kam auch er 1524<br />
vor Gericht. Man warf ihm vor, an den Schmähschriften<br />
von Ludwig Öler mitgewirkt zu haben. Er wurde schuldig<br />
gesprochen und musste sich in aller Öffentlichkeit beim<br />
Senat entschuldigen. Weiter erhielt er die Auflage, in<br />
keinster Weise mehr mit Lutheranern zu verkehren. Er zog<br />
sich bald darauf aus der Öffentlichkeit zurück und starb<br />
1528. Der Ordinarius für hebräische Sprache, Johann Lonitzer,<br />
wurde ebenfalls verdächtigt, Luthers Lehren zu verbreiten<br />
und wurde 1522 seines Lehrstuhls enthoben und<br />
ein Jahr später aus der Stadt verwiesen. Auch Zasius war<br />
anfangs auf Seiten der Reformation und sah in Luther einen<br />
Gleichgesinnten auf dem Weg zur Neugestaltung von<br />
Kirche und Staat, änderte seine Meinung aber, als er den<br />
wahren Sinn von Luthers Werk erkannte.<br />
1524 ließ Erzherzog Ferdinand gar ein Gutachten bei der<br />
Uni anfertigen, mit dem er auf dem bevorstehenden<br />
Reichstag in Speyer die Falschheit von Luthers Lehren<br />
beweisen wollte. Der Theologieprofessor Georg Wägelin<br />
erstellte ein solches Gutachten, in dem die evangelischen<br />
Lehren Luthers abgewiesen werden. Allerdings blieb das<br />
Abb.: Johann Lonitzer (1499-1569)<br />
Foto: Wikimedia Commons<br />
Gutachten überraschend der Ansicht, dass die Kirche erneuert<br />
werden muss!<br />
Zu Beginn der Reformation versuchte die Freiburger Uni<br />
auf jeden Fall, selbstständig zu bleiben und auch eigene<br />
Ansichten zu haben. Als es aber dem Landesherrn zu viel<br />
wurde mit Erneuerung, musste die Uni sich dem Willen<br />
beugen. Sie war aufgefordert, keinerlei Reformgedanken<br />
zu billigen und wurde verpflichtet, verdächtige Lehrer<br />
oder Schüler zu melden. Am 15.11.1620 wird die Überwachung<br />
dann ihren Höhepunkt erfahren, als nämlich der<br />
Jesuitenorden in Freiburg einzog, um den wahren Glauben<br />
zu lehren und zu bewahren. Damit hatte Ferdinand<br />
II. der Stadt und der Universität endgültig seinen Willen<br />
aufgezwungen.<br />
In der nächsten Ausgabe erfahren Sie, wie es mit dem<br />
Großen Spital in der Neuzeit weiterging und ob sich auch<br />
die Armenfürsorge erhalten hat.<br />
Ich bedanke mich beim Stadtarchiv Freiburg, der Waisenhausstiftung,<br />
Gerlinde Kurzbach, Bernadette Kuner, Prof.<br />
Pompey, Peter Kalchtaler und Dr. Hans-Peter Widmann.<br />
Carsten<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 13
Foto: Archiv Jugendberatung<br />
IM GESPRÄCH MIT...<br />
Catharina Kaffenberger<br />
Wir haben uns für diese Ausgabe mit einer direkten<br />
„Nachbarin“ des FREIeBÜRGER getroffen: Catharina Kaffenberger.<br />
Sie ist seit 2003 als Leiterin der Jugendberatung<br />
Freiburg e. V. tätig. Die Räumlichkeiten des Vereins<br />
befinden sich im selben Haus wie unsere Redaktion. Er<br />
hilft seit über 40 Jahren Freiburger Jugendlichen in jeden<br />
Lebenssituationen. Wir hatten bereits in unserer Februar-Ausgabe<br />
2020 detaillierter über das 40-jährige Jubiläum<br />
des Vereins berichtet und wollten nun ein wenig<br />
hinter die Kulissen schauen. Herzlich Willkommen, Catharina,<br />
wir freuen uns sehr, Dich heute zu treffen!<br />
Das Jugendalter gilt als die zentrale Lebensphase, in der<br />
junge Menschen sich selbst einen Platz in unserer Gesellschaft<br />
suchen. Inwieweit kannst Du da Hilfestellung leisten?<br />
Welche Angebote bietet die Jugendberatung Freiburg<br />
e. V. den Jugendlichen und jungen Erwachsenen?<br />
Gerade diese Lebensphase ist total wichtig für die Verselbstständigung.<br />
Man kann sich vorstellen, was alles gebraucht<br />
wird, wenn junge Menschen keine familiäre Unterstützung<br />
bekommen – und das versuchen wir zu leisten... So geht es<br />
um Anträge für BAföG (staatliche Förderung von SchülerInnen<br />
und Studierenden nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz)<br />
oder BAB (Berufsausbildungsbeihilfe<br />
als Arbeitsförderungsmaßnahme der Bundesagentur für<br />
Arbeit). Es geht um eine Ausbildungssuche, eine Wohnplatzsuche<br />
oder dass man überhaupt ein Zimmer findet. Es<br />
geht um Kindergeldanträge. Alles das, was junge Menschen<br />
brauchen, um überhaupt ihren eigenen Unterhalt zusammenkratzen<br />
zu können, damit sie sich verselbstständigen<br />
können. Es geht auch darum, dass sie Wege aufgezeigt<br />
bekommen oder sagen wir mal Wege entwickeln können.<br />
Wir in der Jugendberatung wollen die Jugendlichen und<br />
jungen Erwachsenen unterstützen, damit sie ihren eigenen<br />
Weg selbst finden. Wir sind in sechs Fachbereiche gegliedert.<br />
Das zentrale Herzstück ist unsere Beratungsstelle. Es<br />
kommen junge Menschen zwischen 14 und 26 Jahren, wobei<br />
der Schwerpunkt eher zwischen 17 und 24 Jahren liegt.<br />
Wir bieten in anderen Fachbereichen Hilfen für Familien<br />
oder für kleinere Kinder. Wir bieten Hilfen für junge Menschen,<br />
die sich mit psychischen Belastungen rumschlagen.<br />
Wir bieten Hilfen für wohnungslose junge Menschen. Wir<br />
bieten ein ganzes Spektrum an Hilfen, die junge Menschen<br />
vielleicht brauchen in ihrem Alltag. Wir sind sehr alltagsorientiert<br />
und geben lebenspraktische Hilfen. Und damit<br />
kann jeder junge Mensch zu uns kommen, ohne Filteranlage.<br />
Gerne können unsere Angebote auf unserer Website<br />
genauer nachgelesen werden: https://www.jugendberatung-freiburg.de/.<br />
Wir freuen uns auf Euren Besuch!<br />
Was ist das Tolle, Besondere, aber auch Schwierige, wenn<br />
man mit Jugendlichen arbeitet und sie auf dem Weg ins<br />
Erwachsenwerden mit all den Höhen und Tiefen ein Stück<br />
begleitet?<br />
Das Tolle ist, dass sie unglaubliche Entwicklungsmöglichkeiten<br />
haben. Das Leben ist ja noch nicht geschrieben. Es ist<br />
noch nicht festgeschrieben, ob sie eher auf der Gewinneroder<br />
der Verliererseite landen werden. Es ist super zu beobachten,<br />
wie sich Menschen dahin entwickeln, wenn man<br />
ihnen den Raum und den Platz gibt. Manchmal denken<br />
die Jugendlichen oft schon mit 18 oder 19 Jahren in ihrem<br />
Streben nach Autonomie aber, dass sie alles können. Doch<br />
viele Dinge können sie noch nicht überblicken. Und das mit<br />
ihnen auszuhandeln kann schwer sein. Da kommt man sich<br />
manchmal vor wie Eltern. Ich würde meine Erfahrungen<br />
gerne weitergeben, doch das geht natürlich nicht so ganz.<br />
Es ist manchmal anstrengend. Besonders, wenn man die<br />
Selbstzerstörung vieler junge Menschen sieht, wo sie doch<br />
das ganze Leben noch vor sich haben...<br />
Wie viele Jugendliche und junge Erwachsene suchten die<br />
letzten beiden Jahre Hilfe in der Beratungsstelle?<br />
2020 waren es 401, dieses Jahr bisher ca. 350 (coronabedingt),<br />
wovon zum jetzigen Zeitpunkt etwa 143 bei uns<br />
postalisch gemeldet waren.<br />
14<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
Kannst Du uns über ein positives und ein negatives<br />
Schicksal aus Deiner Arbeit berichten, das Dir besonders<br />
in Erinnerung geblieben ist?<br />
Da fällt mir folgendes positives Beispiel ein: ein Klient von<br />
mir, der tatsächlich keine Unterstützung erhielt zuhause.<br />
Er hatte einen Migrationshintergrund, kam aus Russland.<br />
Seine Familie, seine Verwandten wollten eigentlich immer,<br />
dass er eine Ausbildung macht oder schwer arbeitet.<br />
Und das war einfach nicht seins. Mit Hängen und Würgen<br />
und vielen Anträgen und immer wieder aufs Neue probieren<br />
hat er es dann zum Schluss tatsächlich geschafft<br />
und hat noch studiert. Er hat jetzt als Veranstaltungstechniker<br />
einen Job. Das ist natürlich super! Das war nicht<br />
vorauszusehen.<br />
Ein richtig negatives Beispiel fällt mir fast nicht ein. Ganz<br />
ehrlich... Es kann natürlich dann, wenn Drogen eine Rolle<br />
spielen und die Leute nicht mehr aus der Drogen-Schleife<br />
kommen sein, dass nichts vorwärts geht oder dass ein<br />
Mensch sich einfach nicht weiterentwickelt...<br />
Wie hat sich das Leben der jungen Menschen verändert<br />
durch Corona?<br />
Was wir feststellen ist, dass die psychischen Belastungen<br />
in allen unseren Arbeitsbereichen massiv zugenommen<br />
haben. Dieses Unsicherheitsgefühl, dieses Gefühl, nicht<br />
rausgehen zu können. Es ist wie eine Isolation, die igeln sich<br />
dann auch ein bisschen ein zuhause. Es scheint im Moment<br />
alles so unsicher zu sein, dass auch die Psyche darunter<br />
leidet, wenn man so die Identität entwickelt. Wer bin ich?<br />
Kann ich nach außen? Kann ich mich selbst ausprobieren?<br />
Wir nehmen eine massive depressive Verstimmung wahr.<br />
Also eher so in Richtung Depression. Zum Teil auch in Aggression.<br />
Ja, das nehmen wir auf jeden Fall massiv wahr,<br />
das hat auf jeden Fall zugenommen.<br />
Wie können unsere LeserInnen den jungen Menschen<br />
helfen?<br />
Ich glaube vor allem mit Verständnis. Mit Verständnis, mit<br />
zur Verfügung stellen von bezahlbarem Wohnraum. Auch<br />
für junge Menschen das Risiko einzugehen, dass ich einen<br />
jungen Menschen mit in meine Wohnung aufnehme, das<br />
wäre schon sehr hilfreich. Mit Angeboten an Ausbildungsstellen.<br />
Mit manchmal auch einfach ganz praktischer Unterstützung<br />
und mit einer Spende an die Jugendberatung.<br />
Wir haben während unserer Recherche Deine Website<br />
zu Deiner Gesangstätigkeit entdeckt. In welchem Genre<br />
kann man Dich einordnen? Bist Du noch aktiv?<br />
Man kann mich in das Genre Singer/Songwriterin einordnen,<br />
würde ich mal sagen. Und ein bisschen jazzy.<br />
Manche sagen auch rockig – aber ich finde es nicht so. Ich<br />
glaube, ich bin nicht so wirklich eindeutig zuordenbar.<br />
Ääähm, ich bin im Moment nicht aktiv, will aber eindeutig<br />
wieder aktiv werden!<br />
Welche(r) MusikerIn dient Dir als Vorbild?<br />
Joan Armatrading ist ein Vorbild. Bob Dylan, Sting... In diese<br />
Richtung...<br />
Kannst Du uns in einem Satz erklären, was für Dich<br />
Musik bedeutet?<br />
Musik ist Leben, sie berührt anders als Worte.<br />
Du bist in der Gesellschaft für bedrohte Völker e. V.<br />
engagiert. Was sind die Gründe dafür? Was genau<br />
machst Du da?<br />
Ich muss gestehen, im Moment bin ich nicht mehr so aktiv.<br />
Ich war immer aktiv, weil indigene Völker durch die Umstände<br />
und durch die Globalisierung immer weiter bedroht<br />
werden. Und in den Einheitsmainstream gepfercht werden.<br />
Dass ihre Kultur zerstört wird, auch durch Diktatoren. Und<br />
diese Ungerechtigkeit hat mich immer sehr beschäftigt.<br />
Oder der Kapitalismus, der die Ressourcen aus den Böden<br />
zieht, wo die indigenen Völker darauf leben und sie dadurch<br />
vertrieben werden.<br />
Was sind Deine Hobbys neben der Musik?<br />
Wandern, in der Natur draußen sein, viel reisen. Fahrrad<br />
fahren. Philosophie ein bisschen.<br />
Was tust Du, um immer wieder neue Energie für Deinen<br />
mitunter nervenaufreibenden Job zu tanken?<br />
Yoga. Gute Freunde treffen. Das ist ganz wichtig: viel mit<br />
guten Freunden Zeit verbringen. Rausgehen. Und Musik<br />
machen.<br />
Was ist für Dich der schönste Ort in Freiburg?<br />
Und welcher der hässlichste?<br />
Der schönste Ort ist für mich der Schauinslandturm.<br />
Der hässlichste? Also, ich sag jetzt mal Munzinger Straße,<br />
Endhaltestelle, mit dem Block in die Haid rein.<br />
Was wünschst Du Freiburg?<br />
Ich wünsche Freiburg wieder einen guten Haushalt. Und<br />
dass die Sparmaßnahmen nicht die treffen, die sowieso<br />
immer weniger Geld haben. Insofern auch ein Stück weit<br />
die Beachtung, wie Menschen hier mit diesem überteuerten<br />
Wohnraum mit kleinen Einkommen leben, dass man<br />
das ausgleichen kann. Soziale Gerechtigkeit wünsche ich<br />
Freiburg.<br />
Vielen Dank für das interessante Gespräch. Wir wünschen<br />
Dir und Deinem Team alles erdenklich Gute, und<br />
dass Ihr weiterhin ausreichend Kraft und Mut findet, den<br />
Jugendlichen und jungen Erwachsenen Hilfe und Unterstützung<br />
auf ihrem Weg zu geben. Tolle Arbeit, die Ihr da<br />
leistet!<br />
Oliver, Ekki & Conny<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 15
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FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 17
LEBENSMITTEL WEITERGEBEN<br />
Es ist so leicht, Lebensmittel zu nutzen anstatt sie zu verschwenden<br />
Foto: pixabay<br />
In einem meiner Artikel hatte ich über die Wertschätzung<br />
gegenüber Lebensmitteln geschrieben. Nun berichte ich<br />
Ihnen über die Tafeln.<br />
Die Tafel Deutschland e. V. ist der Dachverband der<br />
gemeinnützigen, überkonfessionellen Tafeln in Deutschland.<br />
Es geht darum, dass Lebensmittel, die im Wirtschaftskreislauf<br />
nicht mehr verwendet und ansonsten<br />
vernichtet werden würden, an Bedürftige verteilt oder<br />
gegen einen geringen Betrag abgegeben werden. Auch<br />
Lebensmittel oder Non-Food-Artikel aus Überproduktion<br />
sind in den Tafelläden vorzufinden. In einzelnen Fällen<br />
gibt es auch Suppenküchen oder Kleiderläden.<br />
Die erste deutsche Tafel wurde 1993 durch Sabine Werth<br />
und ihre Berliner Initiativgruppe Berliner Frauen e. V. gegründet.<br />
Inzwischen gibt es, aktueller Stand von 2021, 960<br />
Tafeln in Deutschland, zum Beispiel in Freiburg, Ulm oder<br />
Tönning (Norddeutschland).<br />
Der Nordamerikaner John van Hengel hatte 1967 als Erster<br />
die Idee einer Tafel. Er gründete die erste Food Bank – ein<br />
großes Lagerhaus vor allem für längerfristig lagerfähige<br />
Lebensmittelspenden.<br />
Die Tafeln versorgen bundesweit ungefähr ca. 1,65 Mio.<br />
Personen im Schnitt einmal pro Woche mit 3,4 Kilogramm<br />
Lebensmitteln. Das macht jährlich etwa 265.000 Tonnen.<br />
Doch das ist ein ziemlich geringer und trauriger Anteil im<br />
Gegensatz zu den 18 Mio. Tonnen, die laut einer WWF-Studie<br />
aus dem Jahr 2020 lieblos im Müll landeten.<br />
Die Bedürftigkeit muss nachgewiesen werden, sei es<br />
durch Gehaltsnachweise oder einen Leistungsbescheid,<br />
und nach Befristung erneut vorgelegt werden. In den<br />
zahlreichen Tafelläden engagieren sich heutzutage 90 %<br />
der 60.000 Tafeln-Aktiven freiwillig. Sie sind alle somit<br />
neben den Festangestellten eine enorm wichtige Säule<br />
und Stütze der Tafeln.<br />
18<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
Die Lebensmittelspenden werden mit Kleintransportern<br />
von den diversen Supermärkten, Großmärkten oder Bäckereien<br />
abgeholt und von dort zum Tafelladen gebracht.<br />
Vielleicht haben Sie bereits einen dieser weißen Transporter<br />
mit dem unübersehbaren orangefarbenen Logo mit<br />
Messer und Gabel umgeben von einem Kreis gesehen?<br />
Die Kundschaft der Tafel ist bunt gemischt. Es kommen<br />
RentnerInnen, Arbeitslose, AsylbewerberInnen, Jugendliche,<br />
GeringverdienerInnen und seit der Pandemie ist<br />
der Anteil der Kurzarbeitenden laut Dachverband enorm<br />
angestiegen. Eine relativ neue Entwicklung ist, dass<br />
Studierende vermehrt das Angebot der Tafeln in Universitätsstädten<br />
nutzen, sowie Personen aus der Gastronomie-Szene<br />
und dem Kultursektor.<br />
Arme oder von Armut bedrohte Menschen seien nicht nur<br />
wegen der Pandemie finanziell „und oft auch psychisch“<br />
am Limit, sagte der Tafel-Chef Jochen Brühl am 11. Dezember<br />
in „The Epoch Times“. Es komme derzeit verschärfend<br />
die Inflation hinzu, die viele Dinge des täglichen Lebens<br />
verteuere. „Die Inflation ist für arme Menschen eine echte<br />
Bedrohung“, sagte der Tafel-Chef. Eine Aussage, die ich<br />
persönlich voll und ganz bestätigen kann.<br />
Ich bin in Ulm zwei Jahre lang zwei- bis dreimal wöchentlich<br />
zur Tafel gegangen, da ich mir meine Ausbildung zur<br />
Masseurin und medizinischen Bademeisterin selbstständig<br />
finanzieren musste. Es war dann „Tafel-Tag“. Selbst<br />
meine 30%ige Tätigkeit als Krankenpflegehelferin an der<br />
hiesigen Uniklinik an Wochenenden und mein 450 Euro-<br />
Job als Backwarenverkäuferin reichten jedes Mal nur<br />
knapp aus. Von den steigenden Wohnungsmieten und<br />
Stromkosten ganz zu schweigen.<br />
Ich habe mich jedes Mal von ganzem Herzen gefreut,<br />
wenn es im Kühlregal laktosefreie oder gar vegane Produkte<br />
gab, oder eine Tüte mit schwäbischen Brezeln und<br />
leckeren Avocados. Dadurch habe ich gelernt, Lebensmittel<br />
noch mehr wertzuschätzen und dass das aufgedruckte<br />
Datum eine geringe Rolle spielt. Wozu habe ich eine<br />
Zunge und eine Nase? Ich werde weiterhin vermeintlich<br />
abgelaufene Produkte kaufen, da diese preisgünstiger<br />
sind und ansonsten gnadenlos im Abfall landen würden.<br />
Die Pandemie setzt nicht nur den betreffenden Menschen<br />
zu, sondern auch den Tafeln selbst. Die tatkräftigen<br />
Ehrenamtlichen sind überwiegend älteren Semesters<br />
und gehören somit zu der Risikogruppe, an COVID-19 zu<br />
erkranken. Es müssen die notwendigen Abstands- und<br />
Hygieneregelungen eingehalten werden. Einige Tafeln<br />
mussten sich deswegen komplett neu organisieren oder<br />
gar vorübergehend schließen, wie die Ulmer Tafel im<br />
Frühjahr 2020 wegen der Pandemie.<br />
Im Zuge der zunehmenden Verbreitung der Tafeln wurde<br />
Kritik an deren Konzept geäußert. Der überwiegende Teil<br />
der KritikerInnen bemängelt nicht, dass die Tafeln sozial<br />
schwachen Menschen eine tägliche Hilfe darstellen, sondern<br />
dass die Tafeln den Druck nehmen, die Ursache der<br />
Armut zu bekämpfen. Für letzteres ist definitiv die Politik<br />
zuständig! Ebenfalls ist von „erlernter Hilflosigkeit“ die<br />
Rede.<br />
Die Tafeln sind keine Supermärkte mit festem Sortiment,<br />
sondern eine Ergänzung zu diesen. Je nach Bedarf muss<br />
dann doch in einem Discounter oder Supermarkt eingekauft<br />
und das Geld sinnvoll eingeteilt werden, sodass<br />
es im besten Falle bis zur nächsten Gehaltsauszahlung<br />
reicht. Je nach Tafelladen gibt es fest geregelte Zeitfenster,<br />
in denen eingekauft werden kann. Einfach mal so spontan<br />
einkaufen gehen ist dann nicht möglich.<br />
In unserem Nachbarland Frankreich gibt es seit 1985 die<br />
Organisation Les Restos du Coeur, umgangssprachlich für<br />
„Restaurant des Herzens“. Im Winter 2012/13 hat die Organisation<br />
durch ihren Einsatz 960.000 Menschen geholfen<br />
und unglaubliche 130 Mio. Mahlzeiten ausgegeben.<br />
Island war in den Jahren 2007 und 2008 schwer von einer<br />
Bankkrise betroffen. Der christliche Verein Missionarinnen<br />
der Nächstenliebe (Mutter-Teresa-Orden) eröffnete<br />
2007 in der Hauptstadt Reykjavik die erste Armenküche.<br />
Dort wird zweimal in der Woche ein kostenloser Imbiss<br />
ausgeteilt. Auch in Österreich gibt es so eine Art Tafeln,<br />
die Wiener Tafeln seit 1999. Allerdings haben diese keine<br />
Tafelläden, sondern verteilen die Spenden über anerkannte<br />
Sozialeinrichtungen. Weitere Tafeln oder ähnliche<br />
Organisationen finden sich in Spanien, der Schweiz<br />
(Tischlein deck dich) und den USA.<br />
Hier in Deutschland existieren weitere Hilfsprojekte, die<br />
zwar das Wort „Tafel“ verwenden, sich jedoch komplett<br />
anderweitig befassen, wie die Tiertafel Deutschland e. V.<br />
oder die seit 2010 bestehende Medikamententafel, wie in<br />
Solingen vorzufinden.<br />
Sie haben jetzt Lust bekommen, die Tafeln zu unterstützen?<br />
Wunderbar! Bringen Sie Lebensmittel, die Sie nicht<br />
mehr essen möchten oder können, zur örtlichen Tafel.<br />
Kaufen Sie für einen angemessenen Betrag eine bereits<br />
fertig gepackte Tüte für die Tafel im Supermarkt. Eventuell<br />
sind Sie gar auf der Suche nach einem Ehrenamt?<br />
Zum Abschluss danke ich allen engagierten MitarbeiterInnen<br />
und SpenderInnen der Tafeln, besonders dem<br />
Ulmer Tafelladen, herzlich! Ohne diese wäre ich an meiner<br />
Ausbildung, die ich mittlerweile erfolgreich beendet habe,<br />
finanziell gescheitert. DANKE.<br />
Rose Blue<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 19
VERNÜNFTIG NEIN SAGEN KÖNNEN<br />
Gehören auch Sie zu den Menschen, die nicht in der Lage<br />
sind, Nein zu sagen? Haben auch Sie Angst, ein ausgesprochenes<br />
Nein könnte sich negativ auf Ihre Lebenssituation<br />
auswirken? Oder denken auch Sie, dass Sie<br />
mehr Anerkennung erhalten, wenn Sie sich aller Dinge<br />
annehmen?<br />
Müssen Sie nun mindestens eine dieser Fragen mit einem<br />
Ja beantworten, dann sollten Sie unbedingt zu den<br />
Menschen gehören, die diesen Artikel aufmerksam lesen.<br />
Denn Ihr Ja bereitet Ihnen höchstwahrscheinlich mehr<br />
Schwierigkeiten, als Ihnen selbst bewusst ist.<br />
Auf die Frage, warum man lernen sollte, öfters einmal<br />
Nein zu sagen, lässt sich eine ganz einfache Antwort finden:<br />
Sagt man hin und wieder Nein, so drückt man damit<br />
sein Recht auf einen eigenen Willen aus.<br />
Etwas abzulehnen scheint den meisten Menschen jedoch<br />
oftmals schwerzufallen, es sei denn, sie sind geborene<br />
Widerspruchsgeister. Da der Mensch jedoch als ein soziales<br />
Wesen anzusehen ist, welches nur in einer Gemeinschaft<br />
überleben kann, so kann auch hier der eigentliche<br />
Grund dafür gefunden werden. Denn die Verträglichkeit<br />
mit anderen Mitgliedern dieser Gemeinschaft ist äußerst<br />
wichtig für den eigenen Lebensweg. Somit ist das Primärziel<br />
des Menschen darauf ausgerichtet, von allen anerkannt<br />
oder gar geliebt werden zu wollen. Nein zu sagen<br />
beziehungsweise den eigenen Willen durchzusetzen,<br />
eventuell sogar als „Sonderling“ angesehen zu werden,<br />
stellt somit immer eine Schwierigkeit für den Einzelnen<br />
dar, wenn es um das Überleben in einer Gemeinschaft<br />
geht.<br />
Demnach könnte man annehmen, dass ein ausgesprochenes<br />
Ja somit grundlegend die bessere Alternative wäre,<br />
doch auch dies würde sich als ein fataler Irrtum erweisen.<br />
Denn gerade das eröffnet uns oft unangenehme und<br />
unvorhersehbare Situationen. Franz Josef Strauß sagte<br />
einmal: „Wer immer jedermanns Liebling sein will, der ist<br />
bald jedermanns Depp.“<br />
Einfach ausgedrückt bedeutet das, wer immer nur Ja<br />
zu allem sagt und nachgibt, der verliert allmählich den<br />
Respekt der anderen, da er diesbezüglich keinen eigenen<br />
Willen erkennen lässt. Darüber hinaus würde man auch<br />
jegliche Selbstachtung verlieren, würde man Ja sagen<br />
und zugleich das Gefühl haben, sich selbst zu verleugnen<br />
20
oder zu verbiegen. Fatal, wenn man bedenkt, dass die<br />
Wertschätzung der eigenen Person eine äußerst wichtige<br />
Voraussetzung für ein glückliches Leben ist.<br />
Weiterhin soll es sogar deutliche Zusammenhänge zwischen<br />
häufigem Jasagen und der Burn-out-Erkrankung<br />
geben, denn eine Neigung zu haben, den Wünschen<br />
anderer ohne Rücksicht auf die eigenen Wünsche nachzukommen,<br />
kann durchaus als ein starker Risikofaktor<br />
hierfür angesehen werden. Ist man nämlich dazu geneigt,<br />
nicht Nein zu sagen, übergeht man sich und seine Bedürfnisse,<br />
was früher oder später nur zur völligen Erschöpfung<br />
führen kann.<br />
Möchte man das verhindern ist es also notwendig, im<br />
richtigen Moment Nein sagen zu können. Somit stellt<br />
sich nun die Frage, wie man denn zu einem vernünftigen<br />
Neinsager werden kann.<br />
Zunächst sollte man anhand von einfachen Gegebenheiten<br />
ausprobieren, was überhaupt passieren kann, wenn<br />
man zum Beispiel zu einem Gastgeber sagt: Nein Danke,<br />
ich möchte keinen Kuchen mehr. Oder: Auch wenn ihr<br />
diesen Film toll findet, für mich ist er total langweilig. Natürlich<br />
wird ein Nein diesbezüglich keine größeren Folgen<br />
nach sich ziehen, da es harmlos erscheint. Aber genau<br />
hier beginnt eben die Kunst des Neinsagens, denn hierbei<br />
lernt man es auszuhalten, dass andere Menschen für<br />
einen Moment irritiert oder sogar beleidigt sein können.<br />
Auch die Selbstreflexion spielt dabei eine gewichtige<br />
Rolle. Man sollte sich grundlegend vergegenwärtigen, wie<br />
man sich fühlen würde, würde man zu etwas Ja sagen,<br />
ohne das wirklich zu wollen. Vielleicht erkennt man so<br />
ebenfalls, dass man mit ein paar mehr Neins zufriedener<br />
leben würde? Und hat man nun festgestellt, dass langfristig<br />
gesehen die eigene Selbstachtung von den „harmlosen“<br />
Neins profitiert, so kann man nun auch in schwierigeren<br />
Situationen etwas leichter Nein sagen.<br />
Konsequenz jegliche Chance auf weitere Verständigungen,<br />
da es als endgültig zu verstehen ist. Somit sollte man<br />
hierbei sehr bedacht handeln, da man sehr leicht andere<br />
damit verletzen und sich selbst sogar ausgrenzen könnte.<br />
Um überhaupt Kränkungen vermeiden zu können, sollte<br />
man unbedingt deutlich machen, dass das Nein nichts<br />
mit der Person selbst zu tun hat, sondern lediglich mit<br />
dem jeweiligen Anliegen. Daher erscheint es immer<br />
ratsam, sein Nein möglichst zu begründen: Grundsätzlich<br />
helfe ich gerne, doch zurzeit ist meine Familie wichtiger.<br />
Dies zum Beispiel wäre ein abgrenzendes Nein, welches<br />
die eigenen Interessen erklärt. Sollte man seinem Gegenüber<br />
einen Vorschlag machen, zum Beispiel würde man<br />
ihn dazu anregen, eine andere Problemlösung finden<br />
zu können, damit man selbst letztendlich doch noch Ja<br />
sagen könnte, so würde man dafür ein konstruktives oder<br />
zielorientiertes Nein wählen. Möglich wäre hier auch,<br />
ein taktisches Nein zu nutzen, indem man mit einem<br />
Nein-Komma-aber antwortet: Nein, aber ich biete Ihnen<br />
folgenden Kompromiss an...<br />
Doch bei aller Fachsimpelei, letztendlich geht es immer<br />
nur um eine gute Mischung zwischen einem Ja und<br />
einem Nein. Die Beobachtung des eigenen Selbst sollte<br />
hierzu immer als Bewertungsgrundlage dienen. Fühlt<br />
man sich gut dabei, wenn man Ja sagt? Möchte man das<br />
wirklich oder wäre ein Nein hier eher angebracht?<br />
Niemand sollte überhaupt Angst davor haben, Nein sagen<br />
zu können. Denn was soll einem schon großartig passieren?<br />
Die schlimmsten Befürchtungen entstehen sowieso<br />
nur im eigenen Kopf, denn die Wirklichkeit gestaltet sich<br />
oftmals harmloser als man denkt.<br />
Harry Bejol<br />
In eigener Sache<br />
Und das funktioniert tatsächlich, denn unser Gehirn<br />
codiert jedes Nein in ständiger Verbindung mit dem eigenen<br />
Wohlfühlsystem. Harmoniert diese Information nun,<br />
wird es bei jedem Nein leichter, dieses auszusprechen. So<br />
gewinnt man den Mut, auch in schwierigen Situationen<br />
mit einem Nein zu antworten: Nein, ich lasse mich nicht<br />
länger ausnutzen, überreden oder breitschlagen.<br />
Nun stellt sich noch die Frage, welche Arten von Nein es<br />
überhaupt gibt. Denn nicht jedes Nein ist gleichwertig.<br />
So erfährt man zum Beispiel ein ausgrenzendes Nein, mit<br />
dem einem klare Grenzen gesetzt werden: Nein. Auf gar<br />
keinen Fall! Jedoch, und daran sollte man immer denken,<br />
verbietet diese Art des Neinsagens aufgrund seiner<br />
21
Essensausgaben im <strong>Januar</strong> <strong>2022</strong><br />
06.01.<strong>2022</strong><br />
12:00 Uhr<br />
Collegium Borromaeum (CB)<br />
Schoferstraße 1, Straßenbahn 1, 2, 3, 4 Halt<br />
Bertoldsbrunnen oder Straßenbahn 1<br />
Halt Oberlinden<br />
Vespertütenausgabe am Portal des Hauses<br />
09.01.<strong>2022</strong><br />
12:30 - 14:30 Uhr<br />
Kath. Gemeinde Hl. Dreifaltigkeit<br />
Hansjakobstraße 88 a<br />
Straßenbahn 1 Richtung Littenweiler<br />
Halt Hasemannstraße<br />
Vespertütenausgabe<br />
30.01.<strong>2022</strong><br />
12:30 Uhr<br />
Kath. Gemeinde St. Petrus Canisius<br />
Landwasser, Pfarrsaal hinter der Kirche<br />
Auwaldstraße 94<br />
Straßenbahn 1 Richtung Landwasser<br />
Halt Diakoniekrankenhaus<br />
Warme Mahlzeit im Pfarrsaal und im Freien<br />
(leider ist keine Kleiderausgabe möglich)<br />
Foto: E. Peters<br />
Beim Kommen und Gehen gilt Maskenpflicht,<br />
im Saal bitte den vorgegebenen Abstand einhalten!<br />
VERKÄUFERIN MONI<br />
Hallo, liebe Leute, ich bin es, die Moni! Erst mal wünsche<br />
ich Ihnen allen ein frohes und gesundes neues Jahr!<br />
Seit nun schon 19 Jahren verkaufe ich den FREIeBÜRGER<br />
und halte die Straßenzeitung nach wie vor für eine tolle<br />
Sache. Mein Verkaufsplatz ist vor dem Edeka in der Habsburgerstraße.<br />
Da verkaufe ich, je nach Wetterlage, mal<br />
morgens, mal abends. Der Verkauf macht mir Spaß und<br />
ich freue mich immer, wenn ich meine StammkundInnen<br />
gesund und munter sehe. Ein negatives Erlebnis hatte ich<br />
beim Verkaufen noch nie. „Wie man in den Wald hineinruft,<br />
so schallt es auch heraus“, sage ich mir immer. Ein<br />
nettes Wort hier, ein nettes Wort da. Oder sich einfach<br />
mal anlächeln... das tut gut!<br />
In meiner Freizeit gehe ich gerne raus in die Natur. Die<br />
Stadt brauche ich nicht. Hin und wieder fahre ich zum<br />
Wandern in die Berge nach Österreich. Mit meinem Rad<br />
bin ich auch viel und gerne unterwegs.<br />
Für das neue Jahr wünsche ich mir Gesundheit und dass<br />
ich es beibehalte, die vielen tollen Augenblicke, die ich in<br />
der Natur und auch sonst so erlebe, zu genießen.<br />
Ihnen wünsche ich in diesen Zeiten viel Gesundheit und<br />
sage Danke und bis ganz bald!<br />
Ihre Moni<br />
o oh M y little pretty one,<br />
pretty one. whe n you<br />
gonna give Me soMe tiMe ,<br />
My corona? ooh you M a K e<br />
M y Motor run, M y Motor<br />
run. gun it coMin‘ off the<br />
line My corona. ne ve r<br />
gonna stop, give it up.<br />
s uch a dirty Mind. alway s<br />
get it up for the touch<br />
of the younger K ind. My<br />
M y M y i yi woo. My corona.<br />
coMe a little closer<br />
huh, ah will ya huh.c lose<br />
enough to looK in M y<br />
eyes, My corona.<br />
Verein für notwendige Kulturelle MassnahM en e.V.<br />
HASLACHer STr ASSe 25 | 79115 freiBUrG<br />
www.slowclub-freiburg.de<br />
Anzeige<br />
22<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
MITMACHSEITE<br />
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Machen Sie mit!<br />
Sagen Sie es weiter!<br />
Wir freuen uns auf Sie...<br />
Ihr FREIeBÜRGER-Team<br />
Engelbergerstraße 3 – 0761/3196525 – info@frei-e-buerger.de<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 23
Kim Stanley Robinson<br />
„Das Ministerium für die Zukunft“<br />
Heyne Verlag<br />
ISBN 978-3-453-32170-0<br />
720 Seiten | 17 €<br />
DAS MINISTERIUM<br />
FÜR DIE ZUKUNFT<br />
Buchbesprechung von utasch<br />
Im Mittelpunkt des Romans „Das Ministerium für die<br />
Zukunft“ stehen Mary Murphy, die das Zukunftsministerium<br />
leitet, und die von Umweltkatastrophen heimgesuchte<br />
Erde.<br />
2025 wird das Zukunftsministerium mit Sitz in Zürich<br />
gegründet, um die Interessen zukünftiger Generationen<br />
und der Lebewesen, die nicht für sich selbst sprechen<br />
können, zu vertreten. Die Nationen, die das Pariser<br />
Klimaabkommen unterzeichneten, erreichen ihre Ziele<br />
zur Senkung des CO2-Ausstoßes nicht. Mary Murphy<br />
und ihr Team sammeln Daten und Fakten, entwerfen<br />
Zukunftsszenarien und entwickeln Ideen zur Rettung der<br />
Welt, haben aber keinerlei Machtbefugnisse und Finanzkraft.<br />
Und so versucht Mary immer wieder vergeblich, die<br />
Mächtigen der Welt zu einem Kurswechsel zu bewegen.<br />
Doch das Zukunftsministerium erweist sich als zahnloser<br />
Tiger.<br />
In Indien kommt es zu einer Hitzewelle, bei der innerhalb<br />
einer Woche 20 Millionen Menschen sterben. Frank May,<br />
der als Mitarbeiter einer Hilfsorganisation in Indien war,<br />
überlebt die Hitzewelle knapp, leidet unter dem traumatisierenden<br />
Erlebnis und lebt schließlich wütend und<br />
verwirrt als Einsiedler in Zürich, wo er Mary begegnet und<br />
sie eindringlich zu entschlossenem Handeln auffordert.<br />
Umfassend schildert der Autor den Zustand der Welt<br />
anhand zahlreicher Augenzeugenberichte. Wir erhalten<br />
Einblick in die Arbeit eines Forscherteams, das versucht,<br />
durch Geoengineering das Abschmelzen arktischer Gletscher<br />
zu verhindern. Wir erleben die Verzweiflung der<br />
rund 100 Millionen Klimaflüchtlinge, die ziellos umherziehen<br />
oder in Lagern eingesperrt sind. Wir folgen einer<br />
Frau im Kanu durch die von Starkregen überschwemmten<br />
Gebiete in Kalifornien. Und eine neue Hitzewelle fordert<br />
in den USA hunderttausende Menschenleben. Die Welt<br />
befindet sich in einem eskalierenden Krisenmodus. Wir<br />
werden ZeugInnen eines Krieges um die Erde. Öko-Terroristen<br />
bringen Privatjets und Passagierflugzeuge zum<br />
Absturz und versenken Containerschiffe. Es gibt Drohnenangriffe<br />
auf Kohlekraftwerke. In den Metropolen der<br />
Welt kommt es zu wilden Streiks und in den afrikanischen<br />
Minen zur Gewinnung seltener Erden erheben sich die<br />
Arbeitssklaven. In Indien wird die Landwirtschaft nachhaltig<br />
und in Saudi-Arabien verzichten neue Machthaber<br />
auf den Verkauf von Öl zu Verbrennungszwecken. Überall<br />
kämpfen PartisanInnen und SaboteurInnen für die Erde<br />
und die Geheimabteilung des Zukunftsministeriums ist<br />
in manche der Aktivitäten involviert.<br />
Und auch Mary hat schließlich Erfolg und kann die<br />
Zentralbanken davon überzeugen, die neue Währung<br />
Carboncoins zu unterstützen, die für den Verzicht auf<br />
die Verbrennung und die Bindung von Kohlenstoff ausgezahlt<br />
wird. Weltweite Projekte zur Heilung der Erde<br />
werden durchgeführt. Armut kann durch eine universelle<br />
Grundversorgung samt Jobgarantie zurückgedrängt und<br />
Reichtum durch Höchsteinkommen und Obergrenzen für<br />
individuelles Vermögen beschränkt werden. Geflüchtete<br />
dürfen die Lager verlassen und erhalten einen Weltbürgerpass,<br />
der sie berechtigt, an einem Ort ihrer Wahl zu<br />
leben. Überall entstehen riesige Gebiete zur freien Entfaltung<br />
von Flora und Fauna. Und Mary geht guten Gewissens<br />
in den verdienten Ruhestand.<br />
Der Roman zeigt ein Kaleidoskop der Zukunft, wie wir sie<br />
in den kommenden Jahrzehnten vermutlich erleben werden.<br />
Der Autor wirft auf interessante Weise die Gewaltfrage<br />
auf. Ist es legitim, das Leben der Klimakriminellen,<br />
durch deren Entscheidungen der Tod von Millionen Menschen<br />
und das Aussterben tausender Arten verursacht<br />
wird, gewaltsam zu verkürzen?<br />
Im Roman wird die Welt jedenfalls nur durch ein Zusammenspiel<br />
verschiedener Aktionsformen zu einem besseren<br />
Ort. Sabotageakte, Aufstände und Anschläge mit<br />
Todesfolge scheinen ebenso unerlässlich wie hartnäckige<br />
politische Überzeugungsarbeit. Auch wenn dem Roman<br />
ein fesselnder Spannungsbogen fehlt, ist es anregend,<br />
den lebendig verwobenen Perspektiven und Handlungssträngen<br />
zu folgen.<br />
24<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
SCHNELLES KATERFRÜHSTÜCK<br />
Foto: E. Peters<br />
Herzlich willkommen auf unserer Kochseite!<br />
Sind Sie gut ins neue Jahr gerutscht? Glückwunsch! Erst<br />
einmal wünschen wir Ihnen ein gesundes neues Jahr<br />
und hoffen, dass Sie „katerfrei“ am Neujahrsmorgen aufgewacht<br />
sind. Wer von Ihnen jedoch zu tief ins Glas geschaut<br />
hat und das letzte Glas Schampus dann wohl doch<br />
eines zu viel war, der könnte am Neujahrsmorgen mit einem<br />
„MIAU MIAU“ in den Ohren aufgewacht sein, obwohl<br />
er keine Katze hat... Das ist dann wohl der Kater, der sich<br />
oftmals nach einer durchzechten Nacht meldet. Natürlich<br />
sind wir selbst schuld daran, dass der Kopf vor Schmerzen<br />
pocht, der Magen rebelliert und der Kreislauf Achterbahn<br />
fährt. Aber es wäre doch gelacht, wenn dagegen nicht angegangen<br />
werden könnte. Was wir jetzt brauchen sind<br />
Kohlenhydrate, Salz, Vitamine und ausreichend Wasser.<br />
Daher gibt es von uns für den Kater danach ein leckeres<br />
deftiges Katerfrühstück. Baguette mit Chorizo und Rührei,<br />
denn Eier sind wahre Energielieferanten und das beste<br />
Hangover-Food ever. Unser Rezept enthält wenig Zutaten<br />
und die Zubereitung von nur fünfzehn Minuten<br />
schafft man locker, auch wenn der Schädel brummt!<br />
Nach dem Katerfrühstück noch kurz kalt duschen und<br />
eine Runde schlafen, dann ist der Katzenjammer schnell<br />
vorbei.<br />
Zutaten für 4 Personen:<br />
4 Baguettebrötchen, 150 g Chorizo (span. Paprikawurst),<br />
6 Eier, 2 Lauchzwiebeln, 1/2 Bund Schnittlauch , Salz, Pfeffer<br />
Zubereitung:<br />
Die Lauchzwiebeln putzen, waschen und in feine Ringe<br />
schneiden. Danach die Chorizo in grobe Würfel schneiden<br />
und ohne Fett in einer Pfanne knusprig braten. Die Lauchzwiebeln<br />
kurz hinzugeben und mitbraten.<br />
In der Zwischenzeit den Schnittlauch waschen und<br />
trockenschütteln. Die Stiele dicht an dicht auf die Arbeitsfläche<br />
legen, mit der Hand etwas zusammendrücken und<br />
mit einem scharfen Messer in feine Röllchen schneiden.<br />
Die Eier verquirlen, den Schnittlauch hinzugeben, weiter<br />
verquirlen und mit Salz und Pfeffer würzen.<br />
Die Eiermischung zur Chorizo in die Pfanne gießen und<br />
unter gelegentlichem Rühren stocken lassen.<br />
Die Baguettebrötchen längs halbieren und wer Lust hat,<br />
einfach die Baguettebrötchenhälften auf dem Brötchenaufsatz<br />
vom Toaster ein paar Minuten toasten bis sie<br />
goldbraun gebacken sind. Dann das Rührei auf die Unterhälfte<br />
verteilen und die obere Baguettebrötchenhälfte darauflegen.<br />
Fertig! Und jetzt einfach nur noch reinbeißen...<br />
Guten Appetit!<br />
Oliver & Ekki<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 25
Hallöchen, liebe Sportfreunde,<br />
ich hoffe, Ihr habt die vielen Feiertage gut überstanden<br />
und seid auch gut ins dritte Seuchenjahr hineingekommen!<br />
Ja, die Pandemie wird uns wohl noch lange nicht<br />
loslassen und auch im Sport macht sie sich leider schon<br />
wieder bemerkbar. Und wie!<br />
In einigen Bundesländern finden die Wettbewerbe schon<br />
wieder gänzlich ohne ZuschauerInnen statt, in anderen<br />
darf Publikum herein und eine Reihe von Sportereignissen<br />
sind ganz abgesagt, es macht jedes Bundesland wieder<br />
so, wie es gerade passt. U. a. in Bayern, Baden-Württemberg<br />
und Sachsen sind gar keine ZuschauerInnen bei<br />
Sportveranstaltungen zugelassen, sodass es in der Bundesliga<br />
schon wieder Geisterspiele gibt. Im Amateurfußball<br />
ist die Saison gleich ganz beendet. Doch das geht ja<br />
nicht nur den Kickern so, andere Sportarten sind genauso<br />
betroffen. Neulich wollte ich mir ein Handballspiel anschauen,<br />
doch nach fünf Minuten habe ich wegschalten<br />
müssen. So ein Match in einer leeren Halle ist auch für<br />
den Betrachter eine Qual! Jedes kleine Geräusch erzeugt<br />
einen Widerhall, das hört sich grausam an. Und während<br />
so eines Handballspiels gibt es eine Menge Geräusche...<br />
Aktuell trifft es natürlich die Wintersportler ziemlich hart,<br />
vor allem müssen die sich vor jedem Wettkampf umstellen.<br />
Können sie in einem Land vor 20.000 ZuschauerInnen<br />
starten, gähnt ihnen auf der nächsten Station ein leeres<br />
Skistadion entgegen. Gerade beim Skispringen ist das<br />
zu merken, wenn die Springer nach ihrem Sprung in aller<br />
Stille landen und dann lautlos von der Schanze schleichen.<br />
Es macht schon einen Unterschied, ob die Stars von<br />
einer tobenden Menge bejubelt werden oder ob da nur<br />
ein Elch oder ein Bär rumsteht. Doch da kann man noch<br />
endlos weitere Beispiele aufführen. Sport ohne ZuschauerInnen<br />
macht wohl niemandem wirklich Spaß, es sei<br />
denn, man ist Schachspieler.<br />
Gespannt bin ich allerdings auf die Olympischen Winterspiele,<br />
die im nächsten Monat in Peking stattfinden sollen.<br />
Dass die Spiele ohne ZuschauerInnen stattfinden, ist<br />
wohl schon beschlossene Sache. Nun bin ich mir allerdings<br />
nicht ganz sicher, ob diese Spiele überhaupt stattfinden.<br />
Zum einen könnten die bis dahin durchaus noch<br />
wegen Corona abgesagt werden, denn wer weiß, welche<br />
Pandemie-Lage wir im Februar haben werden. Zum anderen,<br />
und das glaube ich fast eher, könnte es ja noch einen<br />
Boykott der westlichen Welt geben, wegen der Nichteinhaltung<br />
der Menschenrechte in China. Bisher haben einige<br />
Länder gesagt, sie boykottieren Olympia politisch. Das<br />
heißt, sie schicken keine diplomatischen VertreterInnen<br />
ins Land der Mitte, doch manchen reicht das nicht. Klar,<br />
wenn man wirklich etwas erreichen wollte, dann genügt<br />
es nicht, wenn man dem eigenen Botschafter in China<br />
sagt, er sollte während der Olympiade daheim bleiben<br />
und sich keine Wettkämpfe live ansehen. Das bringt gar<br />
nix und ist auch unfair den SportlerInnen gegenüber. Die<br />
trainieren schließlich vier Jahre auf dieses Ereignis hin,<br />
für mache ist solch eine Olympiateilnahme eine einmalige<br />
Sache. Und Olympia ist nun mal nach wie vor das größte<br />
Ereignis in der Karriere eines (Amateur)Sportlers! Deshalb<br />
wundert es mich schon ein wenig, dass unsere neue<br />
Außenministerin auf einen Boykott der Spiele drängt,<br />
denn schließlich war Frau Baerbock selbst in jungen Jahren<br />
einmal Leistungssportlerin. Aber bisher hat sich noch<br />
niemand an einen richtigen, kompletten Boykott herangetraut,<br />
warum auch, es gibt ja noch eine elegante Lösung:<br />
Man nimmt Corona als Vorwand, um nicht in China teilnehmen<br />
zu müssen. Dann muss sich die Regierung nicht<br />
erst lang und breit erklären und die Chinesen hätten keinen<br />
(offiziellen) Grund zum sauer sein!<br />
Das gleiche Problem kommt dann allerdings am Jahresende<br />
noch mal auf Politik und Sport zu. Die Fußball-WM in<br />
Katar. Die scheren sich auch einen Dreck um Menschenrechte.<br />
Die Stadien für die WM wurden mehr oder weniger<br />
durch Sklavenarbeit errichtet, denn die Arbeiter bekamen<br />
kaum und wenn, dann nur sehr wenig Lohn. Ihnen<br />
wurden die Papiere abgenommen, sie hatten kaum Kontakt<br />
mit der normalen Bevölkerung, kurz, sie waren total<br />
entrechtet. Nur im Gegensatz zu Olympia haben die Verantwortlichen<br />
schon seit Jahren gewusst, was in Katar vor<br />
sich geht. Schon bei der Turniervergabe wurden sämtliche<br />
MahnerInnen und KritikerInnen ignoriert, die genau<br />
das voraussahen. Die WM ging trotzdem für viel Geld in<br />
die Wüste! Als dann die Probleme beim Bau bekannt wurden,<br />
hat man ganz leise protestiert. Das hat sich jedes<br />
Jahr wiederholt, doch geändert wurde kaum etwas. Jetzt<br />
stehen wir im WM-Jahr, die Teams haben sich qualifiziert<br />
und Fans und SpielerInnen freuen sich auf die WM. Nun<br />
doch noch einen Boykott zu starten, wäre ziemlich verlogen.<br />
Aber auch hier gäbe es ja noch Corona...!<br />
26<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
Foto: Matthias Rietschel / REUTERS<br />
Abb.: So gut lief der Ball bei den Kiezkickern schon lange nicht mehr. Der FC St. Pauli feiert die Herbstmeisterschaft.<br />
Egal, daran kann ich nix ändern. Genauso wie ich nicht<br />
verhindern kann, dass dieser Schwachsinn mit der Nations<br />
League weitergeht. Die dritte Auflage wurde kürzlich<br />
ausgelost und Hansis MANNSCHAFT hat unter anderem<br />
Italien und England in der Gruppe. Und daran sehe<br />
ich nun erstmals etwas Positives. Jetzt kann sich die deutsche<br />
Truppe mit dem neuen Trainer endlich mal gegen<br />
richtige Gegner beweisen. Des Weiteren sind die ersten<br />
Gruppenspiele kurz vor der WM, sodass Hansis Mannen<br />
diesmal eine wirklich harte WM-Generalprobe haben werden!<br />
Wie gesagt, falls die WM stattfindet...<br />
Hier in Deutschland ist der Fußball in eine kurze Winterpause<br />
gegangen. Der Sportclub Freiburg hat sich<br />
seine diesmal redlich verdient. Als Dritter der Bundesliga<br />
stehen sie so gut wie noch nie zur Saisonhalbzeit da. Und<br />
wenn man bedenkt, was die noch für Punkte liegen gelassen<br />
haben, kann man doch auf eine ähnlich starke Rückrunde<br />
hoffen. Und dann wird die neue Schwarzwald-Arena<br />
auch europäisch eingeweiht, so wie es sich gehört!<br />
Aber es ist schon erstaunlich, wie Trainer Streich Jahr für<br />
Jahr aus Jugendspielern eine schlagfertige Profitruppe<br />
zusammenstellt. Es bleibt nur zu hoffen, dass es dem<br />
SC auch mal gelingt, die Talente längerfristig zu binden.<br />
Das aktuelle Beispiel heißt Kevin Schade. Mit ihm hat der<br />
SC Freiburg mal wieder ein echtes Juwel in den eigenen<br />
Reihen! Der Mannschaft, aber auch dem Spieler selbst,<br />
würde es guttun, bliebe er noch ein paar Jahre hier. Aber<br />
wie man die Profiwelt kennt, stehen bald die Männer mit<br />
den Geldkoffern hier vor der Tür. Bitte nicht reinlassen!<br />
In der stärksten 2. Liga aller Zeiten ist auch Pause. Hier<br />
wurde sogar schon der erste Spieltag der Rückrunde absolviert.<br />
Sensationell steht der FC St. Pauli auf Rang eins!<br />
Da haben die sich eine halbe Ewigkeit auf neue Derbys<br />
mit dem HSV gefreut, doch jetzt, wo sie diese Spiele auf<br />
Ewigkeit haben können, spielen die Kiezkicker nicht mehr<br />
mit und wollen die Liga verlassen. Da verstehe einer die<br />
Welt. Auch meine Schalker haben sich wieder gefangen<br />
und stehen in unmittelbarer Nähe zu den Aufstiegsrängen.<br />
Aber es ist erst Halbzeit und so werde ich mich hüten,<br />
eine Prognose abzugeben...<br />
Carsten<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 27
Kontakt: www.schemske.com<br />
FOLGE 21<br />
Sie saßen auf den original Flugzeugsitzen im Aufenthaltsraum<br />
des Musikstudios. Wolf Hammer gab Kommissar<br />
Steiner noch einen Nachschlag: Reis-Pilaw, gebratene<br />
Hühnerschenkel, Hähnchenflügel und Kartoffelsalat. Sie<br />
teilten sich das, was die Band übrig gelassen hatte.<br />
Wieder einmal war es spät in der Nacht, oder eigentlich<br />
sehr früh am Morgen. „Jetzt erzähl es mir noch mal von<br />
ganz von vorn“, sagte der Kommissar mit vollem Mund,<br />
„Bis jetzt ist es nämlich ein Unfall.“ Wolf Hammer hob<br />
eine Augenbraue, er ahnte, was gleich kommen würde.<br />
„Aber weil es jetzt das dritte Mal ist, dass du bei einem<br />
Todesfall dabei bist oder warst, bin ich skeptisch.“<br />
Wolf erwartete zwar nicht, dass er wieder Handschellen<br />
angelegt bekommen würde, aber er erinnerte sich gut<br />
an sein mulmiges Gefühl, das er zwischendurch mal<br />
hatte. Er würde es dem Kommissar zwar nicht erzählen,<br />
aber es war eigentlich eine tiefe Angst, die er empfunden<br />
hatte. Von seiner Furcht vor den Verfolgern wollte er nicht<br />
sprechen.<br />
***<br />
Wolf Hammer erinnerte sich, wie diese Nacht begonnen<br />
hatte – an das Stampfen der Stiefel auf den Stufen der<br />
steilen Stahltreppe – an den überraschend großen Aufnahmeraum,<br />
an das riesige Mischpult, hinter dem das<br />
große Fenster aufleuchtete und vor dem Ingo, der Tontechniker,<br />
saß.<br />
Während die Musiker der Band ihre Instrumente<br />
stimmten, setzte sich Wolf zu Ingo. „Hast du ein Vorbild,<br />
ich meine, weißt du einen Tontechniker, dessen Arbeit du<br />
am Klang erkennen könntest?“ Ingo schüttelte langsam<br />
den Kopf. Er schloss die Augen. Dann sagte er: „Friedemann!“<br />
Wolf fragte: „Und woran?“ Immer noch die Augen<br />
geschlossen, sagte Ingo: „Am Hall. Er erzeugt mit seinem<br />
fein strukturierten Hall einen gestuften Schallraum, darin<br />
ist er ein Meister. Niemand kann das so wie er.“ Überraschend<br />
setzte er hinzu: „Und du? Nach welchem Kriterium<br />
beurteilst du Musik?“<br />
„Am Anfang, als die CDs noch neu waren, drehte ich die<br />
eingeschweißten Hüllen um und las, was auf der Rückseite<br />
stand. Bei ‚Tonstudio Bauer, Ludwigsburg‘ kaufte ich<br />
die CD, egal welche Musik drauf war.“ Ingo nahm seine<br />
Bassgitarre in die Hand, stöpselte sie ein und sagte: „Es<br />
geht los!“<br />
***<br />
Der Kommissar war tief in Gedanken. Dann sagte er<br />
etwas, was er eigentlich nicht hätte erzählen dürfen: „Das<br />
hat mir der Ingo erzählt: Die Band hat die kompletten<br />
Lieder, eines nach dem anderen, abgespielt und Mary Sylvester<br />
hat alle Songs dazu gesungen, und er hat praktisch<br />
die gesamte CD live, in einem Take, aufgenommen. Das ist<br />
kaum reproduzierbar, sagte er, und...“<br />
Wolf Hammer unterbrach ihn. „Zusätzlich zu den Traditionals<br />
hat Mary auch eigene Kompositionen gesungen,<br />
plus, als die Background-Sängerinnen nicht kamen, hat<br />
sie auch den Refrain zwei- drei Mal als ihre eigene Begleitung<br />
dazu gesungen. Als die Girls nicht erschienen, wollte<br />
ich anrufen und fragen, was los sei, aber Mary hat gesagt,<br />
nein, sie laufe niemandem hinterher. Nach der Aufnahme<br />
gingen wir alle hierher und aßen etwas. Danach gingen<br />
wir wieder rüber ins Studio und Mary nahm alle Refrains<br />
auf.“<br />
28<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
„Dann wart ihr alle, die Musiker, du und die Sängerin mit<br />
dem Mann am Mischpult immer zusammen, ohne Ausnahme“,<br />
sagte Kommissar Steiner und fügte hinzu: „Wie<br />
lief es eigentlich ab bei der Aufnahme?“<br />
„Also, es war die komplette Band da, wie ich schon sagte,<br />
der Klemens an der Gitarre, Ingo ist auch ein exzellenter<br />
Bassist, vielleicht hast du die Sammlung von Elektro-Bässen<br />
gesehen, die er an der Wand des Flures aufgehängt<br />
hat, und Tommy am Schlagzeug, Gustav an den<br />
Keyboards, und der Sammy mit seiner kleinen, aber feinen<br />
Mundharmonika, und dann natürlich die Mary, und ich<br />
als Mädchen für alles.“<br />
„Ich habe von Ingo die Aufnahmen der Überwachungskamera<br />
bekommen“, sagte Steiner, „die sind auf einem<br />
Stick“ – er hielt ihn hoch – „und in 4K, also superscharf.<br />
Leider sind bei der Kamera die Nachtlichter, also die Infrarot-LEDs,<br />
kaputt, und so muss ich den Stick nachher zu<br />
unseren Technikern bringen, ob die was sehen.“<br />
„Wir waren zu keinem Zeitpunkt draußen“, sagte Wolf.<br />
„Das konnte ich auch ohne die Techniker erkennen“,<br />
sagte der Kommissar. „Die Mädchen schwankten, dann<br />
fielen sie um und die steile Metalltreppe hinunter. Beide<br />
schlugen mit dem Kopf auf und brachen sich ihr Genick.<br />
Zufall? Glaube ich nicht. Aber was sonst?“<br />
„Du hast jetzt die ganze Band einzeln vernommen. Gibt<br />
es etwas, was alle sagen, also etwas Gemeinsames, das<br />
sie berichten?“ Kommissar Steiner schüttelte den Kopf.<br />
„Sollte ich ausgerechnet dir das mitteilen? Wo du doch,<br />
zumindest in meinen Augen, ziemlich verdächtig bist.“<br />
Aber Wolf sah das Zwinkern in seinen Augen. Er hob den<br />
Deckel der Elektrokühlbox, die an die Steckdose angeschlossen<br />
war, und holte zwei Bier heraus. Da fiel ihm<br />
etwas ein. „Gleich nach dem Essen wurde es uns allen<br />
schlecht. Mary bekam Kopfschmerzen und ich fühlte, wie<br />
eine lähmende Angst mich befiel. Es ging aber bald vorüber<br />
und das Essen war ja wunderbar, das Mary gekocht<br />
und uns gebracht hatte.“<br />
war, wie sehr es sie getroffen hatte, dass die Mädchen<br />
gestorben waren. Aber dass es Mord gewesen sein könnte,<br />
hatte niemand erwartet. „Wie das?“, fragte er.<br />
„Da gibt es die wildesten Theorien, angefangen von<br />
Radarstrahlen, Mikrowellen, bis zu gebündelten Schallwellen,<br />
die so etwas verursachen könnten. Aber genau<br />
das mag euch gerettet haben, denn so ein Studio ist bestens<br />
gegen von außen kommenden Schall isoliert.“<br />
Wolf Hammer überlegte. „An dem Kuba-Syndrom genannten<br />
Phänomen, das mindestens einen Botschaftsangehörigen<br />
vom Dach fallen ließ und viele verletzt<br />
hat, haben sich Spezialisten aus Geheimdienstkreisen,<br />
Sound-Ingenieure, Reporter vom Spiegel und andere versucht,<br />
und bis jetzt hat keiner eine Erklärung.“<br />
„Ich hätte einen schweren Stand, würde ich auch nur ein<br />
einziges Wort von solchen haltlosen Verschwörungstheorien<br />
in meinen Bericht einfließen lassen.“ Er schwieg,<br />
aber Wolf bemerkte, dass der Kommissar ihn mit festem<br />
Blick anschaute. „Du meinst ...“, begann er, aber Steiner<br />
nickte nur. „Das sind wir, also auch du, den Opfern einfach<br />
schuldig, dass wir auch nach unwahrscheinlichen Antworten<br />
suchen. Du bist dafür ja gut geeignet, zumindest<br />
besser als ich.“<br />
Wieder einmal fragte sich Wolf, ob Steiner seine Tarnung<br />
durchschaut hatte. Woher wusste er, dass Mitch,<br />
der Musikmanager, für so etwas, also etwas Esoterisches,<br />
zuständig war? Das war doch wohl eher Wolfs Aufgabe.<br />
Doch er erwiderte den Blick genauso fest und zeigte, dass<br />
er sich entschlossen hatte, die wahre Ursache dieser Tragödie<br />
herauszufinden.<br />
„Was sagst du den Familien?“, fragte Wolf. „Weiß nicht, ob<br />
ich schon etwas durchblicken lassen soll. Bis jetzt haben<br />
wir ja nichts, und ich möchte keine Hoffnungen, aber<br />
auch keine Ängste wecken. Bis jetzt ist es ein tragischer<br />
Unfall“, sagte der Kommissar.<br />
- Fortsetzung folgt -<br />
„Und du hat es mir serviert?“, fragte der Kommissar und<br />
biss in den letzten Hühnerschenkel. „Ich bin mit dem<br />
Toningenieur die Aufnahmen der Kamera kurz durchgegangen.<br />
Die Mädchen starben, während ihr hier gesessen,<br />
Bier getrunken und gegessen habt.“<br />
„Jeder der Band, und auch Ingo, hat merkwürdige Symptome<br />
erlitten“, sagte Steiner. „Ich frage mich, ob das etwas<br />
mit dem Kuba-Syndrom zu tun haben könnte.“<br />
NEU!<br />
Wolf-Hammer-Krimi<br />
als audiobook<br />
Wolf dachte daran, wie tief die Trauer der Band und Ingo<br />
www.schemske.de<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 29
WIR WERDEN DIE NUSS SCHON KNACKEN!<br />
WORTSPIELRÄTSEL<br />
von Carina<br />
Fett umrandete Kästchen stellen den jeweiligen Lösungsbuchstaben des endgültigen<br />
Lösungswortes dar und zwar von oben nach unten gelesen. Sind pro Einzellösung mehrere<br />
Kästchen fett umrandet, sind diese Buchstaben identisch! Alles klar? Na dann viel Spaß!<br />
Zur Beachtung: Ä/Ö/Ü = AE/OE/UE und ß = SS<br />
Ahoi, Ihr bahnbrechenden TüftlerInnen!<br />
Nix läuft ohne ihn, wenn man von A nach B muss, ohne die eigenen Füße zu strapazieren.<br />
Es gibt davon alle nur denkbaren Ausführungen, ob auf oder unter der Erde, auf dem<br />
Wasser oder in der Luft, ob für Einzelpersonen oder Gruppen, Güter oder Tiere. Milliarden<br />
Kilometer, Jahr für Jahr mit unterschiedlichen Antrieben und Geschwindigkeiten. Dabei<br />
sind Themen wie Ökologie, Ökonomie und Sicherheit auch stets eine wichtige Grundlage.<br />
Ihr habt's bestimmt schon erraten: Es dreht sich alles irgendwie ums Thema Verkehr.<br />
1. Öffentliches Verkehrsmittel mit Reitutensil<br />
2. Bergwerks-Wagen mit weiblichem Vornamen<br />
3. Lichtsignal für Duftpflanzen<br />
4. Geplantes Vorhaben für einen Flugzeuglenker<br />
5. Ein Miseren-Werkzeug<br />
6. Ein Acker, der sich kugelt<br />
7. Ein Strick-Zug<br />
8. Nächste Angehörige eines Wagenteils<br />
9. Das Hinschauen auf ein Körperteil<br />
10. Weibliches Schwein (schwäbisch) für einen<br />
Hilfeschrei<br />
Lösungswort:<br />
Zu gewinnen für das korrekte Lösungswort:<br />
1.- 3. Preis je ein Gutschein unserer Wahl<br />
Einsendeschluss<br />
ist der 30. <strong>Januar</strong> <strong>2022</strong><br />
(es gilt das Datum des Poststempels bzw. der E-Mail)<br />
Jahreshauptgewinner 2021<br />
E. Becherer, Elzach<br />
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH !<br />
E-Mails NUR mit Adressen-Angabe. Unsere Postanschrift findet Ihr<br />
im Impressum auf Seite 31. Teilnahmeberechtigt sind alle, außer die<br />
Mitglieder des Redaktionsteams. Wenn es mehr richtige Einsendungen als<br />
Gewinne gibt, entscheidet das Los. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.<br />
Lösungswort der letzten Ausgabe: WINTERFEST<br />
bestehend aus den folgenden Einzellösungen:<br />
1. GLUEHWEIN 2. DOMINOSTEINE 3. BOBBAHN<br />
4. FESTTAG 5. EISTEE 6. FROSTPERIODE<br />
7. SKILIFT 8. SCHNEEKUGEL<br />
9. BLEIGIESSEN 10. REIFGLAETTE<br />
Gewonnen haben (aus 61 korrekten Einsendungen):<br />
S. Brinken, Herbolzheim<br />
S. Rohrer, Simonswald<br />
A. Beyrle, Freiburg<br />
HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH !<br />
Die Gewinner werden schriftlich benachrichtigt.<br />
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FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong>
ÜBER UNS<br />
Seit Jahren geht in unserer Gesellschaft die Schere zwischen<br />
Arm und Reich weiter auseinander. Besonders durch die<br />
Agenda 2010 und die damit verbundenen Hartz IV-Gesetze<br />
wurden Sozialleistungen abgesenkt. Die Lebenshaltungskosten<br />
steigen jedoch von Jahr zu Jahr. Viele Menschen kommen<br />
mit den Sozialleistungen nicht mehr aus oder fallen schon<br />
längst durch das ziemlich löchrig gewordene soziale Netz.<br />
Und heute kann jeder von Arbeitslosigkeit bedroht sein.<br />
Vereine und private Initiativen versuchen die Not, in welche<br />
immer mehr Menschen kommen, zu lindern und die Lücken<br />
im System zu schließen. Es gibt unterschiedliche nichtstaatliche<br />
Einrichtungen wie z. B. die Tafeln, welche sich um diese<br />
ständig wachsende Bevölkerungsgruppe kümmern. Oder<br />
eben die Straßenzeitungen wie der FREIeBÜRGER.<br />
In unserer Straßenzeitung möchten wir Themen aufgreifen,<br />
welche in den meisten Presseerzeugnissen oft zu kurz oder<br />
gar nicht auftauchen. Wir wollen mit dem Finger auf Missstände<br />
zeigen, interessante Initiativen vorstellen und kritisch<br />
die Entwicklung unserer Stadt begleiten. Wir schauen aus<br />
einer Perspektive von unten auf Sachverhalte und Probleme<br />
und kommen so zu ungewöhnlichen Einblicken und<br />
Ansichten. Damit tragen wir auch zur Vielfalt in der lokalen<br />
Presselandschaft bei.<br />
Gegründet wurde der Verein im Jahr 1998 von ehemaligen<br />
Wohnungslosen und deren Umfeld, deshalb kennen die<br />
MitarbeiterInnen die Probleme und Schwierigkeiten der<br />
VerkäuferInnen aus erster Hand. Ziel des Vereins ist es, dass<br />
Menschen durch den Verkauf der Straßenzeitung sich etwas<br />
hinzuverdienen können, sie durch den Verkauf ihren Tag<br />
strukturieren und beim Verkaufen neue Kontakte finden<br />
können. Wir sind eine klassische Straßenzeitung und geben<br />
unseren VerkäuferInnen die Möglichkeit, ihre knappen finanziellen<br />
Mittel durch den Verkauf unserer Straßenzeitung<br />
aufzubessern. 1 Euro (Verkaufspreis 2,10 Euro) pro Ausgabe<br />
und das Trinkgeld dürfen unsere VerkäuferInnen behalten.<br />
Es freut uns zum Beispiel sehr, dass sich einige wohnungslose<br />
Menschen über den Verkauf der Straßenzeitung eine neue<br />
Existenz aufbauen konnten. Heute haben diese Menschen<br />
einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz und eine<br />
Wohnung. Der FREIeBÜRGER unterstützt also Menschen<br />
in sozialen Notlagen. Zu unseren VerkäuferInnen gehören<br />
(ehemalige) Obdachlose, Arbeitslose, GeringverdienerInnen,<br />
RentnerInnen mit kleiner Rente, Menschen mit gesundheitlichen<br />
Problemen, BürgerInnen mit Handicap u. a. Unser Team<br />
besteht derzeit aus fünf MitarbeiterInnen. Die Entlohnung<br />
unserer MitarbeiterInnen ist äußerst knapp bemessen und<br />
unterscheidet sich aufgrund der geleisteten Arbeitszeit und<br />
Tätigkeit. Dazu kommt die Unterstützung durch ehrenamtliche<br />
HelferInnen. Leider können wir durch unsere Einnahmen<br />
die Kosten für unseren Verein, die Straßenzeitung und Löhne<br />
unserer MitarbeiterInnen nicht stemmen. Daher sind wir<br />
auch in Zukunft auf Unterstützung angewiesen.<br />
SIE KÖNNEN UNS UNTERSTÜTZEN:<br />
• durch den Kauf einer Straßenzeitung oder<br />
die Schaltung einer Werbeanzeige<br />
• durch eine Spende oder eine Fördermitgliedschaft<br />
• durch (langfristige) Förderung eines Arbeitsplatzes<br />
• durch Schreiben eines Artikels<br />
• indem Sie die Werbetrommel für unser<br />
Sozialprojekt rühren<br />
Helfen Sie mit, unser Sozialprojekt zu erhalten und weiter<br />
auszubauen. Helfen Sie uns, damit wir auch in Zukunft<br />
anderen Menschen helfen können.<br />
Impressum<br />
Herausgeber: DER FREIeBÜRGER e. V.<br />
V.i.S.d.P: Oliver Matthes<br />
Chefredakteur: Uli Herrmann († 08.03.2013)<br />
Titelbild: Felix Groteloh<br />
Layout: Ekkehard Peters<br />
An dieser Ausgabe haben mitgearbeitet:<br />
Carsten, Carina, Conny, Ekki, Felix, Harry,<br />
H. M. Schemske, Karsten, Oliver, Recht auf Stadt,<br />
Rose Blue, utasch und Gastschreiber<br />
Druck: Freiburger Druck GmbH & Co. KG<br />
Auflage: 5.000 | Erscheinung: monatlich<br />
Vereinsregister: Amtsgericht Freiburg | VR 3146<br />
Kontakt:<br />
DER FREIeBÜRGER e. V.<br />
Engelbergerstraße 3<br />
79106 Freiburg<br />
Tel.: 0761 / 319 65 25<br />
E-Mail: info@frei-e-buerger.de<br />
Website: www.frei-e-buerger.de<br />
Öffnungszeiten: Mo - Fr: 12 - 16 Uhr<br />
Mitglied im Internationalen Netzwerk<br />
der Straßenzeitungen<br />
Der Nachdruck von Text und Bild (auch nur in Auszügen) sowie<br />
die Veröffentlichung im Internet sind nur nach Rücksprache<br />
und mit der Genehmigung der Redaktion erlaubt. Namentlich<br />
gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung<br />
der Redaktion wieder.<br />
Die nächste Ausgabe des FREIeBÜRGER erscheint am:<br />
1. Februar <strong>2022</strong><br />
Aus gegebenem Anlass finden zurzeit keine<br />
öffentlichen Redaktionssitzungen statt!<br />
FREIeBÜRGER 01 | <strong>2022</strong> 31
Das Hauptproblem der<br />
Obdachlosen in Freiburg ist der<br />
Wohnraummangel<br />
Der Winter ist die Jahreszeit, die für obdachlose<br />
Menschen wohl am härtesten ist.<br />
Durch die Coronapandemie vervielfältigen<br />
sich die Probleme. Das gilt nicht nur für<br />
Menschen, die gezwungen sind auf der<br />
Straße zu übernachten, sondern auch für<br />
Wohnungslose, die in diversen Gemeinschaftsunterkünften<br />
untergebracht sind. Die<br />
Betroffenen können sich nicht in die eigene<br />
Wohnung zurückziehen. Viele gehören zu<br />
Corona-Risikogruppen. Die städtische Notunterkunft<br />
"Oase" ist völlig überfüllt und alles<br />
andere als eine "Oase". Trotz Pandemie<br />
müssen die Menschen hier in Mehrbettzimmern<br />
übernachten. Angesichts der aktuellen<br />
Lage und des Winters fordert der Arbeitskreis<br />
Kkritische Ssoziale<br />
Arbeit Freiburg (AKS)<br />
erneut die Anmietung von zusätzlichen<br />
Räumlichkeiten, Hotels und Pensionen für<br />
Das Haus ist ein Recht!<br />
obdachlose Menschen. Die Chance für einen<br />
Paradigmenwechsel im langfristigen Umgang<br />
mit Wohnungslosigkeit sieht der AKS im<br />
Konzept Housing First. Die eigene Wohnung<br />
soll am Anfang statt am Ende der Hilfen<br />
stehen. Wir bringen diese Stimmen, die sich<br />
für wohnungslose Menschen einsetzen zu<br />
Gehör, zeigen auf, wie schlecht das Konzept<br />
in Freiburg umgesetzt wird und bemühen<br />
uns, auch wenn das nicht immer gelingt,<br />
auch die Perspektive der betroffenen Menschen<br />
selber in das Thema einzubringen.<br />
rdl.de/tag/obdachlosigkeit<br />
n<br />
Die Omikron-Variante wird die Zahl der Corona-<br />
Toten weltweit noch einmal deutlich erhöhen.<br />
Allein im reichen Deutschland sind schon ca.<br />
110.000 Menschen gestorben. Die Forderung, alle<br />
Anti-Corona-Maßnahmen zu beenden, ist angesichts<br />
dessen menschenverachtend. Sie propagiert<br />
ein "survival of the fittest" und steht damit in der<br />
Tradition der deutschen Herrenmenschenideologie.<br />
Es gibt aber trotzdem viele Fragen: Sorgt Euer<br />
Chef/Eure Chefin nicht für ausreichenden Gesundheitsschutz?<br />
Nutzt die Polizei die Lage für racial<br />
profiling aus? Reicht der mickrige Hartz IV-Satz<br />
nicht für gute Masken? Ist Eure Unterkunft überfüllt,<br />
obwohl das Hotel nebenan leersteht?<br />
Wünscht Ihr Euch Berichterstattung? Meldet Euch<br />
bei Eurem freien Radio! Z.B. unter aktuell@rdl.de<br />
rdl.de/tag/corona<br />
Jeden 1. Mittwoch des Monats:<br />
12-13 Uhr<br />
FREIeBÜRGER im<br />
Mittagsmagazin 'Punkt 12'<br />
Hört, Macht, Unterstützt Radio Dreyeckland: 102,3 Mhz - Stream: rdl.de/live