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Dramatis personae

Nora Liebstein: Germanistik-Studentin in Berlin, freischaffende Schriftstellerin

Ben Tyvärr: Geschichtsstudent in Berlin, Kumpel von Nora, Frauenschwarm

Niklas Dorn: Geschichtsstudent der in Berlin, Noras Ex-Freund, Kumpel von Ben

Juli: Hippiemädchen aus Berlin-Kreuzberg

I. SZENE

Berlin, Treptower Park. Nora und Ben sitzen auf einer Bank. Sie beobachten die

Menschen und wechseln von Zeit zu Zeit ein paar Worte miteinander.

Nora: Wie lange sitzen wir jetzt schon hier?

Ben: Keine Ahnung. Ein paar Stunden.

Nora: Wir geben bestimmt ein komisches Bild ab. Als ob wir gar nichts miteinander

anfangen könnten.

Ben: Seit wann interessiert dich denn, was andere über dich denken?

Nora: Tut es nicht.

Ben (nimmt einen kräftigen Schluck von seinem Bier)

Nora: Wir sind denen einfach mal so was von voraus.

Ben (bitter): Und wie. Wir sind die ultimativen Alphatiere.

Nora: Ja, die Alphatiere (kurze Pause, bedeutungsschwangerer Blick)... der

Ben: Mmm.

Apokalypse. Sei doch froh, dass du mit offenen Augen lebst. Du nimmst das

Elend an. Darin liegt doch 'ne gewisse Größe.

Nora: Die denken doch alle, dass sie was ganz Besonderes sind. Ihre Unfähigkeit,

allein zu sein, nennen sie dann Liebe. Die größte Farce der Menschheit. Alles


ist so gottverdammt beliebig.

Und das macht dich wirklich unersetzlich, Ben: Du weißt, dass du austauschbar

bist.

Ben: Düsterer Stoff.

Nora (lächelt kühl): Mein täglich Brot. Hey... siehst du die da hinten? (deutet auf ein

junges Mädchen, das vorbeiläuft)

Ben: Ist es mal wieder so weit?

Nora: Ja. Die Kamera hast du?

Ben: Hab´ ich.

Nora: Okay. Treffen wir uns in zwei Stunden auf dem Innenhof der Uni?

Ben: Alles klar, dann werd´ ich mich mal an sie dranhängen.

Nora: Danke. Bis nachher. (ab)

II. SZENE

Innenhof der Humboldt-Universität zu Berlin. Ben blättert auf dem Rasen sitzend

in einem Magazin, während Nora zielsicher mit einem Kaffeebecher in der Hand auf

ihn zusteuert.

Nora: Hattest du eine schöne Stunde als ihr Schatten?

Ben (packt die Zeitschrift in seine Umhängetasche): Sie wirkte ziemlich unruhig.

Nora: Das ist nicht Teil der Abmachung, okay? Jedes Wort, das du über sie sagst, ist

ein Wort zuviel. Die Bilder sollen für sich sprechen.

Ben (achselzuckend): Etwas mehr Gelassenheit wär´ manchmal wirklich gut für dich.

Nora: Du weißt, dass es nach strengen Regeln funktioniert. Nur so kann es gehen.

Ben: Kommst du wenigstens gut voran?

Nora (deutet auf Bens Digicam): Deine neueste Trophäe. Vielleicht macht sie den


Unterschied. Ich fand das Mädchen sehr inspirierend.

Ben (grinst): Das kannst du laut sagen.

Nora (schüttelt den Kopf): Findest du nicht, dass es das falsche Thema ist, um den

Proll zu spielen? (Sie gibt Ben einen Flyer) Das ist bestimmt was für dich.

Hannes gibt heute Abend eine Party. Da findest du sicher eine, die du mit nach

Hause nehmen kannst.

Ben (nimmt den Flyer): Klingt gut.

Nora: Amüsier dich nicht zu Tode.

Ben: Ich sehe das nicht so verbissen.

Nora: Deswegen wirst du auch nichts Bleibendes schaffen, mein Lieber. Der Abschied

vom leichten Leben ist nunmal Voraussetzung dafür, etwas Großes bewirken

zu können.

Ben (lächelt entwaffnend): Gott sei Dank regen mich diese Sprüche schon lange

nicht mehr auf. Die Zeiten sind vorbei.

Nora (deutet auf Niklas, der sich nähert): Die Zeiten, in denen mich meine

Vergangenheit jagt, sind es offensichtlich nicht. Ich geh´ dann mal. Viel Spaß

bei der Party. (ab)

Niklas: Madame hat's aber eilig.

Ben: Du kennst sie doch. Sie hat nur wieder ihre fünf Minuten.

Niklas: Sehr diplomatisch formuliert. Nora sollte echt mal zum Psychiater gehen.

Ben: (schüttelt lächelnd den Kopf)

Niklas: Ich weiß sowieso nicht, was dir der Kontakt mit ihr gibt.

Ben: Sie ist eben ein echtes Original.

Niklas: Die Verharmlosung des Jahrhunderts.

Ben: Ach, komm schon. Es hat eben nicht sollen sein mit euch beiden.

Niklas: Die Menschenhasserin, die gern eine revolutionäre Künstlerin wäre.

Ben: Das Buch wird kommen, da bin ich mir sicher. Sie ist mehr Künstler als so

manch berühmter Name da draußen. Man merkt es einfach, wenn sie mit


einem spricht.

Niklas: Niemand, der so dreist am Leben vorbeifühlt, sollte sich Künstler nennen

dürfen. Die Menschen bedeuten ihr doch nichts.

Ben: Wollen wir vielleicht was essen gehen?

Niklas: Du hast Recht, wir reden schon wieder viel zu lange über sie.

Ben (umfasst Niklas' Schulter): Eben.

III. SZENE

Niklas' Wohnung. Er betrachtet ein Foto mit ihm und Nora aus der Zeit, als beide

noch ein Paar waren.

Niklas: Niemand wird es dir je recht machen können...

Noras Wohnung. Sie schaut sich ein Buch mit den eingeklebten von Ben geschos-

senen Fotografien der inspirierenden Fremden an. Das gleiche Foto, das sich Niklas

ansieht, betrachtet auch sie. Es ist zerrissen.

Nora: Es beginnt immer mit Bildern. Sie sprechen die mächtigste Sprache. Kommt

meine Lieben, lernt euch etwas kennen. Spielt mit einander. Ihr seid meine

Stimme. Und die Idioten da draußen werden euch bald hören!

(Eingehende Betrachtung des jüngsten „Neuzugangs", auf den sie Ben im Treptower

Park angesetzt hatte)

Nora: Du hast irgendwas, mein Schatz. Bist du zu schade hierfür? Kann ein Mensch

überhaupt zu schade für das hier sein?


IV. SZENE

Hannes` Party. Niklas und Ben unterhalten sich in der Küche mit jeweils einem Drink

in der Hand. Dabei werden sie von zwei Blondinen im Indie-Style neugierig beäugt.

Ben lächelt gelegentlich in Richtung der Mädchen, was diese mit Tuscheln quittieren.

Im Hintergrund Stimmgewirr und laute Musik. Auf einmal klingelt Bens Handy.

Ben (schaut aufs Display): Es ist Nora.

Niklas (fragender Gesichtsausdruck): Sie weiß doch wohl, dass du hier bist. Und

einfach mal deinen Spaß brauchst.

Ben (macht eine beschwichtigende Handbewegung): Was gibt's, Nora?

Nora: Ben? Es ist so laut im Hintergrund.

Ben: Ich bin auf der Party, die du mir empfohlen hast.

Nora: Ah... ach so. Ich will auch gar nicht lange stören.

Ben: Wo bist du?

Nora: Wo soll ich schon sein... zu Hause. Sag mal, Ben, dieses Mädchen von heute

Nachmittag...

Ben: Ich dachte, jedes Wort über sie ist ein Wort zuviel?

Nora: Das war nicht so gemeint...

Ben: Sieh an.

Nora: Bist du mit Niklas da?

(Eine der Blondinen hat sich Niklas genähert und deutet ihm, sich zu ihr und ihrer

Freundin zu gesellen. Ben ignoriert Niklas´ hilfesuchenden Blick.)

Ben (gedämpft): Ja, bin ich. Er ist mein Kumpel und das bleibt er auch nach eurer

Trennung. Wir trinken gerade Cocktails und... (lächelt) sondieren den Markt.

(Niklas folgt der Blondine unbeholfen und setzt sich zu ihr und ihrer Begleiterin)

Nora: Schon gut, so genau will ich's gar nicht wissen. Ich will doch nur nicht, dass er

sich zwischen uns stellt.


Ben: Keine Sorge, ich kriege euch beide sehr gut unter einen Hut. Was gibt's denn

nun Dringendes?

Nora: Wohin bist du diesem Mädchen heute Nachmittag gefolgt?

Ben (irritiert): Das siehst du doch auf den Fotos. Sie war in einem Café am

Schlesischen Tor und dann kurz was einkaufen...

Nora: Ich meine es ernst. Ich muss sie sprechen.

Ben: Woher der Sinneswandel?

Nora: Ich habe das Gefühl, dass sie für mich mehr als nur eine Figur sein kann.

Ben: Der Satz kommt mir bekannt vor.

Nora: Das mit Niklas war was Anderes. Ihm habe ich einfach zuviel zugemutet. Er

musste früher oder später zusammenbrechen. Sie will ich nur kennenlernen,

nur mal beschnuppern.

Ben: Um eine neue beste Freundin zu finden?

Nora: Mach dich nicht über mich lustig. Mir geht es schlechter als ich durchscheinen

Ben: Okay...

lasse. Das ist keine Laune, sondern mein voller Ernst.

Niklas (zu Ben): Ben, hier will dich jemand sprechen!

Ben: Moment. (Ins Handy): Also, pass auf. Sie war im Treptower Park. An der

Uferpromenade. Da hat sie gezeichnet. Ich glaube, den Treptower und so. Die

Skyline im Westen eben. Wenn du Glück hast, macht sie morgen weiter.

Nora: Hab ich's doch gewusst!

Ben: Was meinst du?

Nora: Na, sie ist eine Künstlerin. Ihr Blick. Er hatte das gewisse Etwas! Die Fotos

zeigen das ganz deutlich! Danke, Ben!

Ben: Kein Problem. Lass mich wissen, wenn du was rausgefunden hast. (legt auf)

Niklas: Sollst du wieder für sie den Handlanger spielen?

Ben: Ach komm, mach mein Verhältnis zu Nora nicht schlechter als es ist.

Niklas: Ich will ja gar nicht schon wieder über sie aufregen, aber ich kann einfach


nicht anders. Sie ist verdammt nochmal krank.

Ben: Na ja, wie sie dich damals abgeschossen hat, war echt schon übel. Da steh ich

echt überhaupt nicht hinter ihr. Auch wenn sie meine Sandkastenfreundin ist.

Niklas (seufzt)

Ben: Aber weißt du was? Wenn sie wirklich mal berühmt ist, wird man mich als den

kennen, ohne den sie das nie geschafft hätte.

Niklas (lächelt müde): Der Inspirationssammler... glaubst du das etwa wirklich?

Ben: Quatsch. Aber ich bin echt gespannt auf das Buch. Sie sieht in den Menschen

Dinge, die viele nicht sehen - auch wir beide nicht.

Niklas: Dafür haben wir uns so etwas wie geistige Gesundheit bewahrt. Wir lernen

die Menschen kennen, statt sie zu Spielfiguren auf einem Blatt Papier zu

machen.

Ben: Soll sie doch auf diese Art glücklich werden.

Niklas: Indem sie permanent Figuren für ein Buch entwirft, das sowieso keiner lesen

will? Es ist in der Literatur doch ohnehin schon alles gesagt worden.

Ben: In dem Punkt bist du aber negativer als sie.

Niklas: Mag sein.

Ben: Komm, wir gönnen uns noch 'nen Drink.

V. SZENE

Dämmerung. Eine abgelegene Gleisanlage am S-Bahnhof Ostkreuz. Niklas sitzt auf

einer Bank und schaut nach Westen. Er wirkt nervös. Auftritt Nora.

Niklas (steht unbeholfen von der Bank auf): Hi...

Nora: Hey... Danke, dass du hergekommen bist. Trotz allem.

Niklas: Es scheint ja ernst zu sein. Du siehst irgendwie auch gar nicht so gut aus...


also...

Nora (beschwichtigend): Ist schon gut, wir müssen keine Show draus machen. Ich

verstehe, dass du dich unwohl fühlst. Umso freundlicher, dass du hier bist.

Niklas: Vielleicht ist das hier ja für uns beide eine Chance. Willst du dich nicht

setzen?

Nora (setzt sich mit etwas Abstand neben ihn): Nur, dass wir uns nicht falsch

verstehen: Ich stehe unverändert zu dem, was ich getan habe.

Niklas: Schon klar. Wir sind getrennt.

Nora: Der Treffpunkt ist wohl einen Tick zu romantisch für dich. Mein Fehler.

Niklas: Ich finde den Ort klasse. Er ist genauso abgefuckt wie unser Miteinander. Und

falls das Gespräch eine Katastrophe wird, kann ich auf die Ruine vom

Glashaus steigen und der Ausblick wird mich dann schon irgendwie wieder

aufbauen. Oder ich stürze mich einfach vom Dach.

Nora (lächelt gequält)

Niklas: Also, weshalb sind wir hier?

Nora: Es geht um die Geschichte. Ich habe gerade schwer mit ihr zu kämpfen. Oder

vielmehr mit mir selbst. Momentan mag mir nichts so recht gelingen... du

weißt, nichts ist mir so wichtig wie das Buch.

Niklas (sarkastisch): Das habe ich gemerkt.

Nora (unbeirrt): Das ist der Weg, den ich gehen muss, die Aufgabe, zu der ich

berufen bin.

Niklas (gereizt): Was soll das, Nora? Willst du mir das alles nochmal erzählen?

Nora: Entschuldige. Ich wollte keine Wunden aufreißen. Da siehst du mal wieder, wie

unsensibel ich bin. Und du brauchst ja wohl definitiv was Anderes. Ein

einfühlsames Mädchen.

Niklas: Ich will das nicht nochmal ausdiskutieren. Du kennst meinen Standpunkt.

Nora (seufzt)

Niklas: Du hast uns zu früh aufgegeben. Ich hätte dich glücklich machen können.


Nora: Kein Mann kann mir das geben, was mir das Schreiben gibt. Das ist einfach

nichts Persönliches. Sowas wie Liebe begegnet mir wohl mir wohl nur im

Papier.

Niklas (schüttelt energisch den Kopf): Du findest sie jeden verdammten Tag hier

draußen...

Nora: Niklas, erinnerst du dich an unsere Abmachung?

Niklas: Was meinst du?

Nora: Dass wir niemals ein Teil von diesem Ego-Mist sein wollten? Wir sind nicht wie

sie. Kein alberner Krieg aus verletzter Eitelkeit heraus, das haben wir uns

geschworen. Wir wollten einander trotz allem fair mit Rat und Tat zur Seite

stehen.

Niklas: Ja...

Nora: Ungeachtet der Geschehnisse haben wir beide Werte.

Niklas: Wo komme ich jetzt ins Spiel? Wie sollte ich dir helfen können?

Nora: Ich will etwas wirklich Einzigartiges erschaffen. Mit dem Buch möchte ich

meinen Akzent in der Geschichte setzen.

Niklas: Das reale Leben ist dir zu banal, ich weiß. Während die Otto-Normal-

verbraucher einfach nur armselig sind, bist du in Gesellschaft besserer

Wesen. Und ihr seid eine große, glückliche Familie.

Nora: Sprich nicht so abwertend davon. Stehst du noch zu unserer Abmachung?

Niklas: Du weißt, dass ich immer zu meinem Wort gestanden habe.

Nora: Dann habe ich eine große Bitte an dich.

Niklas (fragender, erwartungsvoller Blick)

Nora: Lies das, was ich bisher zu Papier gebracht habe. Das hat noch keiner vor dir

getan.

Niklas: Wie bitte? Soll ich mich jetzt geehrt fühlen? Hast du nicht eben noch gesagt,

dass du keine alten Wunden aufreißen willst?

Nora: Ich bitte dich darum, Niklas. Ich komme einfach nicht weiter und ich merke,


wie ich gerade die Beziehung verliere zu dem, was ich tue, ja, wofür ich lebe!

Niklas (lässt die Umgebung auf sich wirken): Du willst also endgültig die Weichen

stellen. Hinein in das stolze, freie Künstlerleben, das du dir immer gewünscht

hast.

Nora: Dieses Buch könnte mein großer Wurf werden.

Niklas: Niemand hätte mehr Grund als ich, dieses Werk zu hassen. Es hat mich

ausgestochen. Hat dich mir weggenommen. Unsere Beziehung zerstört. Ein

Buch...

Nora: Nein, Niklas, nicht das Buch. Mein Gefühl war es. Beim Schreiben fühle ich

mich lebendiger als ich es je in deinen Armen getan habe.

Niklas (schüttelt den Kopf): Das ist doch krank...

Nora: Nein, es ist – wie du schon sagtest – meine endgültige Weichenstellung.

Niklas: Ich werde niemals irgendwas Positives über dieses Buch sagen können. Was

soll das hier also?

Nora: Du bist jemand, der über seinen Schatten springen kann.

Niklas (zusehends genervt): Was tun wir hier nur?

Nora: Wir folgen unserem Schwur. Und du hilfst mir, dass etwas Großes gelingen

kann.

Niklas (erregt): Das ist keine Weichenstellung, das ist eine gottverdammte

Entgleisung!

Nora (ruhig): Das ist sie wohl, die größte Tragödie unserer Zeit. Die Entgleisung der

Engel. Gute, redliche Menschen, die sich selbst verlieren. Sei keiner von ihnen.

Akzeptiere es, wie es ist. Hilf mir. Und befreie dich selbst damit. Du hast deine

Freiheit nur vergessen. Es ist gut, dass es so gekommen ist.

Niklas (schüttelt schweigend den Kopf)

Nora: Du weißt, ja wo du mich und mein Werk findest. Denk einfach drüber nach.


VI. SZENE

Niklas und Ben gehen am Rummelsburger Ufer entlang. Während Ben vergnügt und

redselig ist, erscheint Niklas ziemlich nachdenklich und wortkarg.

Ben: Na ja, natürlich hab ich ihr noch Frühstück gemacht. Aber dann hab ich sie eben

höflich gebeten, zu gehen. Man sollte da auch nicht mehr drin sehen, als da

nun mal ist. Ha, aber zumindest haben wir beide den Markt gestern erfolgreich

sondiert! Da waren aber auch verdammt viele scharfe Bräute. Eine besser als

die andere. Und diese Clara, Mann, du hättest so leichtes Spiel bei der gehabt!

Niklas: Das sagst du.

Ben: Hey, wie die dich angesehen hat. Aber du hast mal wieder auf blind geschaltet.

Niklas: Es war eben nicht mein Ziel, auf Teufel komm raus bei einem Mädchen zu

landen.

Ben: Ich finde, du solltest da ruhig mal was zulassen. Du gibst Nora immer noch viel

zu viel Macht über dich.

Niklas: Blödsinn. Wie kommst du auf Nora?

Ben: Da ist doch noch was bei dir. Mann, Niklas, du stehst dir selber im Weg. Oder

viel eher eure komischen Knebelverträge.

Niklas: Was meinst du damit?

Ben: Na, dass ihr weiterhin für einander da sein wollt. Du bist nunmal der Ex. Da

solltest du zumindest volle Freiheit genießen, wenn du schon ein gebrochenes

Herz mit dir herumschleppst.

Niklas: Das war was ganz Besonderes mit uns. Das kann und will ich nicht einfach so

wegwerfen.

Ben: Mann, du machst dir doch was vor. Mich nennst du ihren Handlanger, weil ich

dieses irre Spiel mit dem Stalken mitspiele. Aber du machst dich zu ihrem

Sklaven. Das ist doch viel schlimmer!


Niklas: Vielleicht hast du Recht und ich sollte endlich mal anfangen, an mich zu

denken.

Ben: Eben, die Welt ist voller Frauen.

Niklas: Na, das nenne ich mal eine Erkenntnis. Was würde ich nur ohne dich

machen?

Ben (amüsiert): Darüber will ich lieber gar nicht nachdenken.

Niklas: In dem Zustand verschwende ich echt nur meine Zeit.

Ben: Du sagst es! Wollen wir uns ein Bier holen?

Niklas: Ich weiß was Besseres.

Ben: Na, da bin ich ja mal gespannt.

Niklas: Wir überprüfen deine These.

Ben: Was meinst du?

Niklas: Dass ich in dieser Welt voller Frauen auch mal was zulassen sollte. Und ich

fange gleich hier an! (beide ab)

VII. SZENE

Niklas und Ben spazieren in der Nähe der Oberbaumbrücke. Plötzlich erblickt Niklas

ein schwarzhaariges, elegantes Hippie-Mädchen. Er deutet, Ben, zu gehen, der diese

Anweisung mit einem Grinsen befolgt. Niklas steuert zielsicher auf das Mädchen, das

gerade Fotos von der Skyline schießt, zu.

Niklas (zu dem Mädchen): Hi.

Juli (schaut etwas irritiert): Hallo.

Niklas (lächelt nur vertrauensvoll)

Juli: Kann ich dir irgendwie helfen?

Niklas: Das könnte durchaus sein.


Juli (lächelt): Nämlich womit?

Niklas: Damit, dass du mich jetzt nicht gleich zum Teufel jagst. Obwohl ich dich so

dreist anspreche.

Juli (lacht): Da das kein Flirtversuch ist, hab ich ja keinen Grund, sowas zu tun.

Niklas: Dann verstehen wir uns ja. Es gibt sie noch: Die Mädels, die nicht in jedem

Typen einen notgeilen Vollidioten sehen.

Juli (lacht): Aber sicher gibt's diese Mädels noch. Und du tanzt wohl gern mal aus

der Reihe, oder? Oder ist hier irgendwo 'ne versteckte Kamera?

Niklas: Nein, nein. Ich habe nur getan, wonach mir gerade war. Ich bin übrigens

Niklas.

Juli (reicht ihm die Hand): Ich bin Juli. Wie der Monat.

Niklas: Na, dann haben wir ja schon was gemeinsam.

Juli: Und das wäre? Bist du auch nach 'nem Monat benannt? Dann aber was

Winterliches, so wie du rüberkommst.

Niklas (schaut etwas irritiert): Du bist ganz schön schlagfertig.

Juli: Ich vermute, deshalb hast du mich angesprochen. Und wie heißt du nun?

Niklas (etwas schwerfällig): Niklas.

Juli: Und was haben wir deiner Meinung nach gemeinsam?

Niklas: Na ja, dass wir beide... na, dass wir beide Namen haben... die nicht ganz so

üblich sind.

Juli (kichert): Du wirkst ja fast ein bisschen verunsichert. Habe ich dich jetzt etwa aus

dem Konzept gebracht, junger Mann? Obwohl du so spontan und gewitzt bist?

Oder zumindest so tust als ob.

Niklas (zuckt mit den Achseln): Sag du mir lieber, weshalb ich winterlich

rüberkomme.

Juli: Woher soll ich das wissen? Ich kenn´ dich doch nicht.

Niklas: Sag mal, du spielst doch mit mir. Was soll das?

Juli (macht große Augen): Du hast mich doch angesprochen. Und du hast damit das


Spiel begonnen.

Niklas: Schon, aber... Mann, du nimmst mich nicht ernst.

Juli: Sieh's doch lieber mal so: Dieses Gespräch wirst du heut´ Abend wahrscheinlich

noch nicht vergessen haben. Es ist also keins von denen, die du schon hundert

Mal geführt hast.

Niklas: Das ganz bestimmt nicht, aber ... das macht's nicht unbedingt besser. Du

könntest ruhig ein bisschen netter zu mir sein, findest du nicht?

Juli: Niklas, wir kennen uns nicht. Wie soll ich also darauf Rücksicht nehmen, dass du

vielleicht ein Sensibelchen bist?

Niklas: Ich habe einfach das Gefühl, dass du mir irgendwie heimzahlen willst, dass

ich dich angesprochen habe.

Juli: Heimzahlen klingt mir zu bösartig. Aber du bist nicht auf den Kopf gefallen.

Niklas: Ich hatte keine Hintergedanken. Was ist also dein Problem?

Juli: Ich habe deinen Kumpel und dich schon vorher bemerkt. Natürlich hättest du

nichts dagegen, in mir ein bisschen Ablenkung im Bett zu finden.

Niklas (empört): Das ist eine Unterstellung!

Juli: Ach komm schon. So wie du dich inszeniert hast. Ich kenne euch Typen doch.

Niklas: Du kennst mich überhaupt nicht! Hast du eben selbst gesagt!

Juli: In der Regel taugen wie für euch doch nicht zum Reden. Wieso ist dein Kumpel

gegangen? Damit du freie Bahn hast und dich hier alleine aufspielen kannst.

Niklas: Komm mal runter von deinem hohen Ross!

Juli (lächelt entwaffnend): Soviel scheine ich ja nicht falsch zu machen. Du bist

schließlich immer noch hier.

Niklas: Du bist ja auch nicht uninteressant.

Juli: Schön, wenn du jetzt mehr in mir siehst als ein Betthäschen.

Niklas (schnaubt brüskiert)

Juli: Also, gehen wir jetzt was trinken oder nicht?

Niklas: Wie könnte ich da nur nein sagen? (ab)


VIII. SZENE

Nora wartet im Schatten einer Hauswand nahe Niklas' Wohnung. Auf einmal

tauchen er und Juli auf. Sie sind heiter und ausgelassen. Ein Schauer fährt durch

Nora, ungläubig beobachtet sie aus ihrem Versteck die Szenerie. Juli tänzelt lachend

auf einem Geländer, Niklas hält ihre Hand. In der anderen Hand hält er eine

Bierflasche.

Niklas (lacht): Pass auf, dass du nicht abstürzt!

Juli: Ich stürze nie ab, merk dir das!

Niklas: Wie langweilig das klingt! Wo bleibt denn da der Spaß? (zieht sie herunter

und drückt sie an sich)

Juli (lacht und zieht ihm die Kapuze seiner Strickjacke übers Gesicht): Da hast du

deinen Spaß, du Blödmann!

Niklas (macht bizarre Bewegungen): Uahh, jetzt hast du einen Schalter bei mir

umgelegt. Wenn ich nichts sehen kann, bin ich ein ganz Anderer. Jetzt kann ich

für nichts mehr garantieren.

Juli (lacht): Bist du dann noch anstrengender als ohnehin schon?

Niklas (zieht sich die Kapuze zurück, gespielt empört): Willst du damit etwa sagen,

dass dir der Tag nicht gefallen hat und du dich nur aus Mitleid mit dem

winterlichen Burschen abgegeben hast?

Juli (lächelt): Blödsinn. Es war wirklich schön mit dir. Vor 4 Stunden haben wir uns

noch gar nicht gekannt.

Niklas: Man sollte eben immer spontan bleiben und die Augen vor gewissen

Momenten nie verschließen.

Juli: Schön gesagt. Danke auf jeden Fall für den tollen Nachmittag.

Niklas (durchdringender Blick): Sehen wir uns wieder?

Juli: Das will ich doch hoffen. Ich will doch sehen, was passiert, wenn ich noch ein


paar ganz andere Schalter bei dir umlege (sie umarmt ihn)

(im Weggehen): Vorfreude ist die schönste Freude!

Niklas (winkt ihr mit seligem Gesichtsausdruck hinterher): Unglaubliche Frau...

Nora (mit hartem, ungläubigem Blick in ihrem Versteck): Das darf doch nicht wahr

sein...

IX. SZENE

Nachts, Nora klingelt überraschend bei Ben zu Hause. Ben putzt sich gerade die

Zähne. Er geht etwas entnervt zur Tür und öffnet ihr.

Ben: Nora. War ja irgendwie klar, dass du's bist.

Nora: Sehr begeistert scheinst du ja nicht gerade zu sein, mich zu sehen.

Ben (überbetont): Siehst du, was ich hier gerade mache? Es ist halb zwei nachts.

Nora: Ich dachte, ein echter Partyhengst schläft nie.

Ben: In deiner Welt vielleicht... na komm schon rein.

Nora (setzt sich aufs Sofa): Danke.

Ben (aus dem Bad): Willst du was trinken? Ich hab´ noch ein Bier im Kühlschrank.

Nora: Nein, nein. Ich will nur reden.

Ben (zu sich selbst): Das ist ja mal ganz was Neues. (zu ihr, beim Verlassen des

Bades): Also, was gibt's? Neuigkeiten von dem Mädchen? Hast du sie gefunden?

Nora (angesäuert): Das kann man so sagen. Aber es geht um Niklas.

Ben (setzt sich, kritischer Gesichtsausdruck): Ich dachte, das Thema ist nun endlich

mal durch?

Nora: Ist es ja auch. Es steht nur noch ein Freundschaftsdienst aus...

Ben: Den er sicherlich für dich tun soll.

Nora: Das klingt schon wieder so vorwurfsvoll.

Ben: Ich bin nicht der größte Fan eurer Knebelverträge, das weißt du. Also, was für


ein Freundschaftsdienst?

Nora: Er sollte das Skript lesen. Als Erster und vorerst Einziger. Um mir den Glauben

an mein Werk zurückzugeben.

Ben: Das klingt ganz schön egoistisch, Nora. Es geht wie immer nur um dich. Wie soll

der arme Teufel da mit dir abschließen?

Nora (scharf): Dafür sorgen doch eure Unternehmungen. Eure Partys.

Ben (wissender Blick): Er ist mittlerweile vielleicht wirklich auf einem guten Weg.

Und wo ist nun dein Problem?

Nora: Er hat sich nicht gemeldet. Ich warte darauf, dass er endlich auftaucht, um das

Skript zu lesen. Aber es scheint ihn kalt zu lassen.

Ben: Was hast du erwartet? Begeisterungsstürme? Das ist, als würde ich meine Ex

bitten, mit meiner neuen Freundin Eis essen zu gehen.

Nora (gereizt): Was ist das denn für ein Vergleich?!

Ben: Ach, Nora. Nimm's mir nicht übel, aber ich kann dir da echt nicht weiterhelfen.

Nora: Weißt du, was er so treibt?

Ben: Nicht wirklich.

Nora: Aber du hast eine Ahnung.

Ben: Na, er blickt eben nach vorn. Willst du ihm das etwa zum Vorwurf machen?

Nora (scharf): Du weißt doch von dem Mädchen.

Ben: Komm, halt mich da raus. Du hast Schluss gemacht, es ist sein gutes Recht,

wieder glücklich zu werden.

Nora: Wer ist schon glücklich?

Ben: Sorry, aber es ist mir jetzt echt zu spät für solche Diskussionen.

Nora: Ich verstehe.

(Kurz betretenes Schweigen)

Nora: Glaubst du, dass es echt ist?

Ben: Ich hoffe es für ihn.

Nora: Ich habe die beiden zusammen gesehen.


Ben: Hm.

Nora: Er tritt unsere Abmachung mit Füßen.

Ben: Nora, er ist dir nichts mehr schuldig.

Nora: Das war nicht Niklas, den ich da vorhin gesehen habe. Er macht sich doch nur

was vor.

Ben (greift zu einem Playboy): Du übertreibst.

Nora (mehr zu sich selbst): Er ist sich selbst viel mehr Traurigkeit schuldig.

Ben (blättert in dem Magazin): Na ja...

Nora: Wenn man die Welt begriffen hat, kann man nicht einfach so zurück. Das

Wissen bleibt. Es ist verantwortungslos, sich blind zu stellen. Die Unschuld ist

fern. Und sie wird nie wieder ein Zuhause für uns sein.

Ben (hört nur mit halbem Ohr zu): Du, ich muss morgen echt früh raus.

Nora (erhebt sich vom Sofa): Kein Problem. Danke fürs Zuhören.

Ben: Immer wieder gern.

Nora: Mach's gut. (ab)

X. SZENE

Niklas läuft am Rummelsburger Ufer entlang, zur Ruine des Glashauses, Seite

Treptower Park. Er telefoniert im Gehen mit Ben und ist guter Dinge.

Niklas: Ich komm mir echt ein bisschen so vor, als ob ich träume. Wir kennen uns ja

gerade mal eine Woche. Das hat einfach sofort gepasst.

Ben: Coole Sache. Endlich hast du mal wieder Spaß am Leben. Genieß das, hörst du?

Niklas: Ben, was denkst du, was ich gerade tue?

Ben (lacht): So mag ich dich immer noch am meisten.

Niklas: Ich sag dir, diese Frau ist total aufregend. Sie hat unglaublich viel Tiefe. Aber


dabei ist sie so verspielt. Das ist der helle Wahnsinn. Ich kann dieses Gefühl

kaum beschreiben.

Ben: Pass auf, dass du dir die Finger nicht verbrennst. Hab´ ne gute Zeit mit ihr. Aber

trotz allem ist sie immer noch 'ne Frau.

Niklas (lacht): Ich kann mir schon vorstellen, wie du die Zeit mit ihr gestalten

würdest... Ihr würdet doch erstmal wochenlang kein Tageslicht sehen.

Ben (etwas spöttisch): Und du gehst lieber mit ihr auf große Entdeckungsreise. Wie

romantisch.

Niklas: Es gibt so viel zu entdecken. Mann, dank ihr seh´ ich wieder, dass die Formel

tiefsinnig=depressiv einfach zu kurz gedacht ist.

Ben: Und dazu musstest du natürlich erstmal wieder 'ne neue Frau treffen.

Niklas (unbeirrt): Das Ding ist, dass ich mich viel zu lang an meinen Schmerz

geklammert habe. Klar war ich abgefuckt. Aber irgendwann kam

der Punkt, an dem das alles nur noch ein Alibi war. Von einem

Depressiven erwartet doch keiner was.

Ben: Ja, als Zombie hat man's leicht, hm?

Niklas: Du sagst es. Aber langsam halte ich mein Leben wieder in den Händen.

Ben: Sieh zu, dass es wirklich deine Hände sind und nicht ihre.

Niklas: Schon klar. Du, ich muss Schluss machen. Bin gleich da.

Ben: Treib's nicht zu wild. Bis dann.

Niklas: Ciao.

Niklas nähert sich der Bank, die als Treffpunkt mit Juli verabredet war. Juli ist noch

nicht da. Es liegt ein Briefumschlag auf der Bank. Niklas runzelt die Stirn. Sein Name

steht auf dem Umschlag. Er nimmt ihn an sich.

Niklas (liest): „Findest du das witzig? Oder poetisch? Oder beides? Ganz ehrlich, so

einen Psycho-Scheiß brauche ich nicht. Fast wäre ich auf dich reingefallen.


Schade drum. Juli“

Niklas (Ungläubiger Gesichtsausdruck, betrachtet den restlichen Inhalt des

Umschlags) Was zur Hölle...?

(Er wählt wütend Julis Nummer. Die Mailbox.)

Niklas (wütend): Scheiße!

(kurzer Augenblick Stille, hasserfüllter Blick)

Niklas: Nora...

XI. SZENE

Niklas stapft wutentbrannt die Treppen von Noras Wohnhaus hinauf. Sie wartet

seelenruhig auf ihn in ihrer Wohnung.

Nora: Da bist du ja endlich. Ich warte schon seit über einer Woche auf dich.

Niklas (schiebt sie beiseite, geht in die Wohnung): Tu doch nicht so scheinheilig! Was

zur Hölle hast du dir dabei gedacht? Bist du jetzt völlig durchgedreht?!

Nora (ruhig, kühl): Immerhin bist du jetzt hier.

Niklas (wütend): Du bist doch einfach nur krank! Du hattest kein Recht dazu! Mein

Leben geht dich nichts mehr an, verdammt! Du und deine beschissenen

Psychospiele!

Nora: Vor einer Woche wolltest du noch zu mir zurück. Mit flehenden Augen hast du

mich angesehen. Den Sinneswandel kauft dir doch keiner ab. Ich habe ihr nur

die Wahrheit über dich gezeigt.

Niklas (tritt auf Nora zu, drohender Zeigefinger): Dieses Mal bist du endgültig zu weit

gegangen!

Nora: Und? Für die Kleine bist du gestorben. Die wäre eh nichts für dich gewesen.


Niklas: Was ist dein gottverdammtes Problem? Dass mich dein blödes Skript einen

Scheiß interessiert? Dass du keine Macht mehr über mich hast?

Nora: Offensichtlich habe ich die doch noch. Ich habe der Kleinen doch nur gezeigt,

wer du wirklich bist.

Niklas: Wer ich vielleicht mal war! Dieses Scheißbild ist nur entstanden, weil du es

wolltest! Du hast mich doch dazu überredet! Für dein beschissenes Buch! Als

Inspiration!

Nora: Gefallen dir wenigstens die Verse?

Niklas: Sag mal, hast du sie noch alle?

Nora: Hast du den Brief dabei?

Niklas (wirft ihn Nora vor die Füße): Da hast du den Dreck! Damit will ich nichts mehr

zu tun haben!

Nora (hebt den Brief auf, betrachtet anerkennend das Bild, liest): „This is a one-way

ticket to the stars. Take a seat and watch my suicide in the sky. As easily as love

comes, so does it leave.“ Englisch scheint die Kleine wenigstens zu können.

Niklas (schüttelt erregt den Kopf)

Nora (deutet stolz auf das Bild): Das hat unseren Mikrokosmos ausgemacht.

Unglaublich intensive Gefühle habe ich dir geschenkt! Wir beide gegen die

Welt. Und du hast es verraten. Du hast unsere Abmachung gebrochen.

Niklas: Einweisen sollten sie dich!

Nora (geht zum Schreibtisch, nimmt das Skript): Du bist vom Pfad abgekommen.

Engel sollten nicht entgleisen. Und wir sind doch Engel?

Niklas (lässt die ganze Wohnung auf sich wirken): Was für ein abgefuckter,

armseliger Ort...

Nora: Manchmal habe ich das Gefühl, für uns ist kein Platz auf dieser Welt...

(Sie holt ein Brotmesser aus der Schublade)

Niklas (ungläubiger Gesichtsausdruck, wie versteinert)


XII. SZENE

Ein halbes Jahr später, es ist Ende November. Ben sitzt in der Nähe des Rummelsbur-

ger Ufers mit Noras Inspirations-Fotobuch. Mit schwermütigem Blick betrachtet er

es. Auftritt Nora. Sie geht erhobenen Hauptes und würdevoll.

Ben (schaut auf, spricht schwerfällig): Na?

Nora: Ben. In einer halben Stunde beginnt das Radio-Interview.

Ben: Ich soll da echt mitkommen?

Nora: Ohne dich hätte ich das Buch nie fertiggestellt. Dass es gerade wie eine Bombe

einzuschlagen scheint, ist auch dein Verdienst. Sei nicht so bescheiden.

Ben: Ich meine ja nur... wegen Niklas.

Nora: Ich vermisse ihn doch auch.

Ben: Und er hat das Skript noch gelesen, ehe...

Nora (nickt ernst): Er war der inspirierendste Mensch, den ich je getroffen habe.

Ben: Ich finde es gut, dass du ihm das Buch gewidmet hast.

Nora: Das ist nur fair. Es sind meine Tränen und sein Blut, aus denen sich dieses

Werk erhoben hat.

Ben: Wie du meinst...

Nora (sie fasst Ben auf die Schulter): Ein paar Minuten haben wir ja noch.

Ben: Du hast nicht zufällig ein Bier dabei?

Nora (kramt in ihrer Tasche, gibt ihm ein Bier und setzt sich neben ihn): Sind

interessante Leute unterwegs?

Ben (holt die Digicam heraus, schaltet sie an): Sieh selbst.

(Nora erkennt Juli auf dem Bild)

Nora (macht große Augen): Ist es lange her, dass sie vorbeikam?

Ben (abwesend): Ein paar Minuten vielleicht.

Nora: Die junge Dame sollte ich vielleicht mal kennenlernen.


Ben: Wie kommst du denn darauf?

Nora: Sie sieht aus wie ein Engel.

Ben: Wenn du meinst.

Nora: Es ist traurig, wenn Engel entgleisen. Aber auch ein echtes Erlebnis, das sehr

inspirierend sein kan


Der Autor

Hendrik Behnisch wurde 1985 in Berlin geboren. Bereits zu Schulzeiten begann er zu

schreiben, sodass er 2004 seinen ersten Roman Dead End: Emotion vorlegen konnte.

Nach dem Abitur 2005 leistete er seinen Zivildienst in einer Werkstatt für geistig

behinderte Menschen. Während dieser Zeit schrieb er seinen zweiten Roman

Valkama, den er im Mai 2006 im Selbstverlag publizierte und der 2007 von Tim

Baumann als weltweit erstes komplett Internet-basiertes Open-Source-Projekt

verfilmt wurde. Seit Herbst 2006 studiert Behnisch Skandinavistik und

Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist als

Musikjournalist für das deutsch-finnische Rock/Metal-Webzine Tuskasi tätig.

Behnisch ist ein passionierter Reisender, begeisterter Musikfan und Nordeuropa-

Liebhaber. Er lebt in Berlin.

Bislang im Selbstverlag erschienen:

Dead End: Emotion (Roman, 2004)

Valkama (Roman, 2006)

cosmopolitansoul.wordpress.com

www.valkaama.com


„Das ist sie wohl, die größte Tragödie unserer Zeit.

Die Entgleisung der Engel. Gute, redliche Menschen, die sich selbst verlieren.“

- Nora Liebstein, V. Szene -

Das Berliner Studentenmilieu ist der Schauplatz meines ersten und gleichzeitig

erfrischend kurzen und pointierten Dramentextes. Ein morbider „Sommer-in-der-

Großstadt“-Charme erfüllt dieses ungewöhnliche Beziehungsdrama rund um die

misanthropische Literaturstudentin Nora, die ihre Liebesbeziehung mit dem

sensiblen Niklas geopfert hat, um ihren ersten großen, wegweisenden Roman

vollenden zu können. Eines Tages kommt sie jedoch an einen Punkt, an dem ihr

Buchprojekt gänzlich zu scheitern droht. Ausgerechnet Niklas soll nun dafür

herhalten, für die exzentrische Autorin die Inspiration zurückzugewinnen. Zunächst

ist er noch hin- und hergerissen zwischen seiner Sehnsucht nach einer neuen,

unbeschwerten Liebe, die er im Hippiemädchen Juli gefunden zu haben glaubt, und

einer seltsamen Loyalität gegenüber seiner Ex-Freundin. Doch bald schon wird Niklas

in Noras Netz aus Größenwahn und Selbstsucht verstrickt, in dem Menschlichkeit

nicht nur ein gescheitertes Konzept, sondern Lebensfreude auch Verrat an der Kunst

und somit eine Todsünde ist...

Copyright by Hendrik Behnisch. Alle Rechte vorbehalten.

HB 2007

-HB-

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