Die gesamte Ausgabe als PDF herunterladen - meins magazin

wp1111263.wp146.webpack.hosteurope.de

Die gesamte Ausgabe als PDF herunterladen - meins magazin

FeinSinn altert

Gemeinsam gegen Doping

Wie Tänzer durch Ballsäle iegen

Bildungsstreik: Der oene Brief des Prof. Fetchenhauer

Heft 11 ǀ Ausgabe 09/12 ǀ www.meins-magazin.de


meins

2 Inhaltliches

LebensEcht

FernSicht

ErkenntnisReich

ZeitGeist

FeinSinn

KörperKultur

StaatsKunst

06 Vom Leben dan(n)eben

08 Sex-ABC (W-Z)

10 Nicht stressen lassen

11 LebensEcht kocht: Süße Lasagne

14 Mexico

20 Gemeinsam gegen Doping

20 Selektionen und Mutationen waren gestern

21 Unsere Babys schreien auf Deutsch

22 Das neue Biozentrum ist immer noch eine Baustelle –

Eine nüchterne Bestandsaufnahme nach 10 Jahren Planung und Bau

26 Wo die wilden Kerle wohnen – Kino

26 Kölner Kiez – Lindenthal

28 Sonderschule der Ästhetik: Enke

29 Philharmonie Lunchkonzert

29 Weihnachtsmarkt am Neumarkt

30 Kaskaden, zusammenießende Ströme, Zyklone, Steinschlag

33 Kanon: Wenn das Wörtchen denn nicht wär

33 KYBA Lounge

36 Altern mal philosophisch

38 SMS-Blog

40 Playlist

42 Je älter man wird umso mehr ähnelt man sich selbst.

43 Fotostrecke: Altern

48 Die Kunst des Überlebens

52 Lindy-Hop oder wie Tänzer durch Ballsäle iegen

54 Salsa

55 Dos und Don'ts beim Salsa-Tanzen

58 Beziehungsempfehlungen der Präsidentengattin

58 Der Koalitionsvertrag

58 Politikrückblick

59 Bildungsstreik: Der oene Brief des Prof. Fetchenhauer

60 Vorschau

61 Impressum

Inhalt

{

In jungen Jahren in Würde altern,

denn es ist äußerst es auf einmal wach zu werden und zu

bemerken: Boah, bin ich alt! Aber lieber Leser, fühlen wir uns

nicht alle so? Wie bitte? Ich sieze Sie? Ja natürlich! In ihrem

Alter… FeinSinn altert! Wir widmen uns in diesem He dem

Alter – und tausend Variationen um es zu verdrängen. Lindy-

Hop ist ein Tanz des letzten Jahrhunderts, KörperKultur tanzt

ihn wieder frisch auf! Wem aber Lindy-Hop doch zu seltsam

vorkommt, für den ist unsere neueste Autorin im Team, Julia

Brand, durch alle Kölner Tanzschulen und Discos gezogen um

zu schauen, wo man Salsa am besten lernen kann und es auch

richtig Spaß bringt! Und für alle Angsthasen und Sozialphobiker

hat sie auch gleich noch Tipps gegen Peinlichkeiten im Gepäck.

Die tanzenden Seiten von KörperKultur, S. 52.! Letzten Monat

haben wir in der meins-Redaktion vor allem über eins diskutiert:

Machen wir Bildungsstreik, ja oder nein? Der Bildungsstreik

ist ein wichtiges ema, dennoch: Warum wir nicht über den

Bildungsstreik berichten: meins-magazin kommt monatlich raus,

im Bildungsstreik passiert aber jeden Tag Etwas – würden wir

berichten, wären wir heillos out-of-date. Aber trotzdem: Was an

der Kölner Uni passiert ist bald nicht mehr fassbar. Der oenen

Brief von Prof. Dr. Fetchenhauer spricht Bände. Wir drucken ihn

ab, auf Seite 59. Viel Spaß mit dem He, und wem es zu bunt wird:

FernSicht schaut nach Mexiko, auf Seite 14 geht die Reise los. PS:

Lust auf Schweinerein? LebensEcht kocht süße Lasagne! (S.11)

Niels Walker, Chefredakteur

{

Editorial

3


LebensEchtFoto: Sven Albrecht


Nicht stressen lassen

Montag, kurz vor acht an der

Humanwissenschaftlichen Fakultät. Es

dämmert und der kühle Tau färbt Annas

Stiefel. Ihr kalter Atem vermischt mit

hektisch ausgepustetem Zigarettenrauch,

lässt eine Dampfwolke vor der Fakultät

entstehen. Schnell noch einen letzten Zug,

bevor sie sich eineinhalb Stunden dem

Monolog des Professors widmet. Nach der

Vorlesung rast Anna zum Hauptgebäude,

um pünktlich zur nächsten Veranstaltung

zu kommen. Unterwegs kauft sie sich einen

Coffee to go und raucht rasch zwei weitere

Zigaretten. Unmittelbar nach der zweiten

Veranstaltung folgt die dritte.

13.30Uhr, endlich fertig mit der Uni. Anna

eilt zur Linie 9, um pünktlich um 14Uhr

auf der Arbeit zu erscheinen. Unterwegs

stopft sie sich eine Geflügelrolle vom

Backwerk in den Mund, damit ihr Magen

aufhört zu knurren. Sie arbeitet im

Dienstleistungsbereich und muss stets nett,

aufgeschlossen und zuvorkommend sein.

„Das ist nicht immer einfach, besonders

wenn man schlechte Laune hat oder

wetterfühlig ist“, so Anna. Gegen 20Uhr

neigt sich Annas Montag dem Ende zu. Es

folgen noch vier mehr oder weniger ähnlich

anstrengende Tage bis zum Wochenende.

„Und am Wochenende sollte man auch mal

was für die Uni tun. Nur hingehen reicht ja

nicht.“

LebensEcht

Oft ist es uns selbst gar nicht bewusst

wie viel Druck und Stress auf uns lastet.

Zukunft, Uni, Arbeit, Rechnungen,

Studiengebühren, Haushalt, Einkäufe,

Probleme mit Familie, Partner oder

Freunden – all das sind Dinge über

die wir uns täglich Gedanken machen.

Gedanken, die Schlaflosigkeit verursachen,

die gestörtes Essverhalten fördern, die

körperliche Verspannungen zur Folge

haben, die Konzentrationsfähigkeit

verschlechtern, uns einfach stressen und

für die eigentlich kein Platz ist.

Anna empfindet ihren Alltag zwar sehr

gefüllt und stressig, aber nicht stark

belastend. Sie hat für sich den perfekten

Ausgleich im Sport gefunden. „Zwei-

bis dreimal die Woche gehe ich ins

Fitnessstudio und schalte komplett ab.

Und am Wochenende gönne ich mir einen

Partyabend mit meinen Mädels. Obwohl

ich sonntagmorgens schon merke, dass

ich keine 18 mehr bin“, schmunzelt die

24jährige.

Und tatsächlich ist es wichtig ein Ventil

zu finden, das uns die Anforderungen des

täglichen Lebens zumindest kurzweilig

vergessen lässt, damit wir zur Ruhe

kommen und entspannen können.

Ständiger Druck schadet Körper und Seele

und kann dauerhaft zum Burnout- Syndrom

führen.

Wer leistungsbezogen und hektisch

lebt, sollte unbedingt einen persönlichen

Ausgleich finden und:










versuchen positiv zu denken

sich bewusst ernähren: das Bierchen

am Abend mal weglassen und weniger

rauchen

ausreichend schlafen

mal „Nein“ sagen können

Arbeit abgeben und anderen vertrauen

lernen

Sport treiben, der Uni Sport bietet jede

menge attraktiver Varianten

bewusst Auszeiten nehmen, sich den

Dingen widmen, die man gerne macht

To do- Listen helfen sich selbst zu

organisieren und mit jedem Abhaken

fällt eine kleine Last von der Schulter

akzeptieren, dass niemand perfekt ist,

auch man selbst nicht

„Jeder Mensch erlebt stressige Zeiten.

Man kann lernen damit umzugehen. Ich

suche mir immer etwas, worauf ich mich

freuen kann. Das kann Urlaub oder auch ein

banaler Friseurtermin sein, Hauptsache am

Ende steht etwas Positives“, verrät Anna.

Vero C. / Foto: Sven Albrecht

Man nehme für 6 Personen:

500 gr Mascarpone

½ l Schlagsahne

250 gr. Speisequark

500 gr. Rote Kirschgrütze

ZuckAer

Zimt

Und so funktioniert das Ganze:

Die Sahne schlagen. Dann in einem

anderen Behälter den Speisequark und

die Mascarpone mit einem Schneebesen

cremig rühren. 3 EL Zucker hinzugeben und

eine Prise Zimt. Je nach Geschmack kann

man mit den Mengen variieren.

Dann die geschlagene Sahne unterheben

und zu einer homogenen Masse verrühren.

Die süße Lasagne kann entweder in

Gläsern angerichtet werden oder in einer

Auflaufform vorbereitet und später zum

Servieren herausgehoben werden.

In die Auflaufform unten entweder

zerbröselten Löffelbiskuit oder Butterkekse

einfüllen. Dann eine Schicht der Creme

darüber geben und später die Rote

Süße Lasagne

Variabel:

1 Tafel weiße Schokolade

Löffelbiskuit

Butterkekse

Schokoraspeln

Mandelsplitter

Grütze darüber schichten. Dasselbe dann

wiederholen.

Oben drauf kann man dann entweder

weiße Schokolade raspeln, normale

Schokoladenraspeln drüber streuen oder

Mandelsplitter dekorieren.

Das Ganze muss gekühlt werden, am

Besten eine Nacht durchziehen, damit die

Kekse weich werden.

Variationsmöglichkeit: Kekse in Amaretto

oder Kirchlikör einweichen, bevor man sie

schichtet. Wer es weniger sättigend mag,

kann statt der angegebenen Mascarpone

Speisequark nehmen.

Text/Bilder: Christiane Mehling

LebensEcht


Wiener Auster

Die Wiener Auster- ist bei Frau und Mann

gleichermaßen beliebt. Es ist eine Stellung,

bei der es von Vorteil ist, wenn die Frau

etwas gelenkiger ist, denn: Die Frau liegt

auf dem Rücken, ihre Beine muss sie

bis hoch an den eigenen Kopf oder aber

verschränkt hinter dem Kopf des Partners

hochstrecken. So kann sich der Partner mit

seinem gesamten Gewicht auf sie legen und

dadurch besonders tief in sie eindringen.

Zur Abwechslung können auch mal beide

Beine der Dame auf einer Schulterseite

des Mannes liegen. Viele schwören auf

diese Stellung, da der Penis den G-Punkt

besonders stimulieren soll und somit

ein Garant für den weiblichen Orgasmus

darstellt.

XXX

Das dreifache X oder aber auch nur ein

einzelnes X ist in der Computersprache

ein Synonym für Seiten im Internet mit

sexuellen Inhalten. Egal ob Filmchen

oder nur Bilder, auf dem Medium wird der

Geschlechtsakt groß und detailliert gezeigt.

Vor allem liegt die Betonung dabei auf den

Geschlechtsorganen, also dem erigierten

Penis oder der Vagina.

Yin & Yang

„Yin und Yang? Was hat denn das mit Sex

zu tun?“ würden viele fragen. Sehr viel

sogar. Denn Yin entspricht dem weiblichem

und Yang dem männlichem Prinzip. Diese

beiden Zeichen haben laut der chinesischen

Philosophie einen immensen Einfluss

auf die Sexualität: denn glaubt man

den Chinesen, werden beim Höhepunkt

gewisse Körperströme zwischen Mann

und Frau freigesetzt und ausgetauscht,

die der Lebensverlängerung dienen sollen.

Deshalb wird der Geschlechtsakt als sehr

gesundheitsfördernd angesehen.

LebensEcht

Zungenkuss

Sanft, wild, feucht, sexy… Hauptsache

schön. Der erste Kuss bestimmt oft, ob

Mann/Frau top oder flop ist. Er ist also ein

wichtiger Indikator bei der Partnerwahl.

Mädchen sagen: „Wenn sich beim ersten

Kuss nicht nur die Zungen, sondern die

ganze Welt dreht, dann ist er richtig.“ In

der Regel ist der Zungenkuss die erste

Erfahrung, die Jugendliche mit dem

anderen Geschlecht machen. Und was

geschieht während eines Zungenkusses?

Der Puls beschleunigt sich von 80 auf

150 Schläge pro Minute, es werden 12

Kalorien die Minute verbrannt, die Haut

wird bis zu 30% stärker durchblutet und es

werden Aminosäuren produziert, die das

Immunsystem stärken!

Veronika Czerniewicz

SEX w-zABC

Foto: Corinna Kern

LebensEcht


Ich habe neulich entschieden mich auf keine Dates mehr einzulassen. Das ist doch immer das gleiche

Prozedere: ein Vorstellungsgespräch mit Kaee oder, viel Glück, Cocktails. Und was man (bestenfalls)

bekommt, ist ein Abend Alkoholisches für lau, einen durchschnittlichen und höchst vorhersehbaren

Kuss, zwei amüsante aus 120 Minuten und ein anschließendes Telefonat mit der Lästerperson Deines

Vertrauens.

Ne, ich bin ernsthaft zu alt um mir noch

mehr detaillierte Operationsgeschichten,

testosteronlose Alltagsluschen, unverdauten

Exfreundscheiß, „bezwungene“

Essstörungen und, schlichtweg,

Lügenmärchen anzutun. Das hätte ich

mir schon vor Jahren vornehmen sollen.

Stattdessen überlegte ich mir während

der Fahrten zu den potentiellen ‚significant

others’ schon mal ein paar Lückenfüller für

die bestimmt eintretende peinliche Stille.

Später kompensierte ich diese mit dem

Verzehr von Eiscreme. Ich weiß auch nicht,

aber sobald ich Eis esse, blende ich alles

um mich herum aus. Ohne Rücksicht und

Schuldgefühle. Da kann man mir auch

erzählen, dass man eigentlich eine Perücke

trägt, weil man bundesweit von der Polizei

gesucht wird. Mehr als verträumte Blicke

auf mein himmlisches Vanilleeis gibt es

nicht.

Meine letzten Treffen sind allesamt in

Diskussionen geendet. Ich dachte, es würde

einen Unterschied machen, mir mal Männer

mit IQ > 90 auszusuchen, fatalerweise

LebensEcht

ist deren EQ (emotionaler Quotient) aber

in aller Regelmäßigkeit im Minusbereich

angesiedelt. Ich versuche denen dann

meinen Standpunkt so sachlich und

ruhig wie möglich zu erklären, woraufhin

sich die Monsieurs stets so angegriffen

fühlen, dass sie sich maulig, empört und

plötzlich auffällig gefühlsbetont mit weit

aufgerissenen Augen ein Stück von mir weg

setzen. Dass mein darauf folgendes Lachen

von versöhnlicher Natur ist, wird leider

nicht wahrgenommen. Man(n) gibt sich kurz

danach ebenso

distanziert wie zu Beginn wieder die Hand

und geht seiner Wege. Pfui, dann lieber

doch die soliden Handwerker. Wobei ich

mir einen spannenderen Abendplausch

vorstellen kann, als mich über den exakten

Winkelgrad eines Dachziegels belehren zu

lassen. Zum Beispiel die Dellen in meiner

Raufasertapete zählen. Oder Eis essen,

womit wir wieder beim Ursprung wären.

Dann wenigstens Affären, dachte ich

mir immer mal wieder zwischen der

Hoffnung. Aber auch hier: nö. Der Eine

wollte sich ständig auf seinem Wasserbett

mit mir prügeln, ein anderer mit seinem

Drogenkonsum erst prahlen und nach,

vorsichtigem Nachfragen, was denn die

eigentliche Begründung der regelmäßigen

Vernebelung sei, eine schlimme Kindheit

offenbaren, worauf hin er wenig später ein

Feuerwerk an Arschlochsein und Ignoranz

entzündete. Das war aber auch meine

eigene Schuld, wieso frage ich auch?

Wichtigste Affärenregel ist schließlich:

Persönliches bleibt aus dem Bett. Dann

gab es noch den, der seinen Sabber gern

überall auf meinem Körper verteilte. Als

ich ihm einmal großzügig erlaubte, mir

das Zeug ins Gesicht zu spritzen, hat er

voll ins Schwarze, oder in meinem Fall,

Grün-Braune getroffen. Das war der Tag,

an dem mein Auge also schwanger wurde

und ich beschloss, ihn nicht noch einmal

anzurufen. Auch hier war mir Eis, wenn auch

in geschmackloser Form, die Rettung.

Mit einem anderen habe ich während des

Fellatio immer Bibi Blocksberg Kassetten

gehört und er hat mich alle paar Minuten

durch die Wohnung getragen, wenn ich zum

Über Eis

Beispiel zu faul war, zur Toilette zu gehen.

Artig auf dem Klodeckel abgesetzt, draußen

gewartet bis ich fertig war und wieder

abgeholt. Das war wirklich lustig, aber im

Nachhinein verstehe ich, warum er mich

nicht mehr angerufen hat.

Wenn also all das nicht den gewünschten

Erfolg bringt, tröstet man sich eben

mit jenen, die Dir mitten in der Nacht,

zwischen Glasscherben und dem Dunst

von Nebelmaschinen, begegnen. Jene, die

stets nach dem letzten Drink schmecken,

der Deine Kehle hinab lief und deren

Leidenschaft für Dich so schnell schmilzt

wie eine Kugel Eis auf der Zunge.

Ganz egal welcher dieser Männer mir aus

welchem Grund auch immer seinen heißen

Atem ins Genick hauchte, es blieb stets

kühl und wurde mir immer gleichzeitig von

einem jener unerreichbaren, großen Lieben

gebrochen, die ich in meinen Träumen

lebendig halte. Und als endlich, zum ersten

Mal, einer von ihnen neben der Wirklichkeit

und mir in den Laken kauerte, fühlte ich

nicht mehr als die geräuschlose und eiskalte

Luft der zum Leben erwachten Einsamkeit.

Wenn du Pech hast, wärmst Du Dich nur für

einen Schneemann auf.

Ich date nicht mehr.

Hundert Mal Schreien, zehn Mal Weinen

und das eine Mal zum Teufel jagen später,

ist endlich Schluss. Befreiung. Gleich

anschließend zerreiße ich rigoros alle Fotos,

Postkarten, liebevollen Notizen und Briefe.

Dann kloppe ich den Rest, den ich nicht

wütend, genüsslich oder in grausamer

Langsamkeit mit bloßen Händen zerstören

kann, in den Müll. Das Geräusch des

scheppernden Tonnendeckels gibt mir

sogar noch Wochen später ein Gefühl von

Frieden.

Ich brauche keine zusätzliche Erinnerung

an jemanden, der sich entschieden hat,

Winter zu sein. Wozu auch? Das, was ich

die kommenden Jahre noch in meinem

Herz mit mir umher trage, ist Eis genug.

Und ein Amarenabecher passt sich dem

temperaturmäßig sowieso am besten an.

Marcel Doganci / Bild: Sven Albrecht

LebensEcht


FernSicht

Foto: Sarah Kaes


In der schönsten Zeit um Mexiko zu bereisen, nämlich im Winter, wenn keine Regenzeit herrscht, begebe

ich mich auf eine kulturell-kulinarische Rundreise durch das Land, genauer durch fünf Städte. Die Reise

beginnt im Westen, in Guadalajara, geht über Guanajuato und Mexico-Stadt in den Südosten nach San

Cristóbal und in die Ruinenstadt von Palenque.

Weitsinn 14 FernSicht

Guadalajara

„Huele Tequila!“, sagt der Taxifahrer, der

mich vom Flughafen in die Stadt bringt. Was

für eine Begrüßung, denke ich. Und dann

bemerke ich es auch: Es riecht wirklich nach

Tequila. Nachdem ich ihm versichert habe,

dass der Geruch nicht von mir kommt und

dabei hoffe, dass er ebenfalls nicht von ihm

kommt, bin ich auch schon am Ziel und

werde von meinen Gastgebern begrüßt

mit, na klar, Tequila. Nachdem sich dieses

Klischee schon mal bestätigt hat, folgt

unerwartet schnell schon das nächste: Es

gibt Tacos. Kleine runde Tortillafladen gefüllt

mit Fleisch, etwas Tomate und Koriander.

Zum Würzen – und das wird unbedingt

empfohlen - gibt es scharfe Soßen. Auch

wenn dies nicht die ersten Tacos sind, die

ich je gegessen habe, schmecken sie in

Mexiko ganz anders, gewöhnungsbedürftig,

finde ich, und unglaublich scharf.

Guadalajara liegt im Westen des Landes

und beeindruckt durch seine für Europäer

immer wieder ungewohnte amerikanische

Weite. Die Straßen sind breit, die Autos

groß, die Einkaufszentren riesig und die

Entfernungen beeindruckend. Durch die

Zusammenschließung von anderen Bezirken

zu einer Metropolregion ist die urbane

Fläche noch mehr gewachsen. Um von

einem Bezirk zum Anderen zu kommen,

muss man auch mal etwa eine Stunde

Fahrtzeit einplanen. Fortbewegen kann man

sich dabei lediglich mit dem Auto oder dem

Bus und nachts mit dem Taxi.

Die zweitgrößte Stadt des Landes ist

für sein kulturelles Angebot vielleicht

nicht so bekannt wie die Hauptstadt, hat

aber dennoch mehr zu bieten als die der

Stadt entstammenden mexikotypischen

Bands, die mariachis. Neben der größten

Buchmesse Lateinamerikas ist das Festival

Internacional de Cine ein besonderes

Ereignis. Immerhin ist es das größte

Filmfestival des Landes. In diesem Jahr

gibt der Sänger Manu Chao dort ein kleines

Akkustikkonzert für umgerechnet etwa

einen Euro und ca. hundert Glückliche, die

es geschafft haben kurz vorher eine Karte

zu ergattern. Im Innenhof eines ehemaligen

Klosters beginnt das Konzert sehr ruhig bis

die Menge am Ende die bekannten Klänge

aus voller Kehle mitsingt. Beschwingt

verabschieden wir uns nach dieser Nacht

von Guadalajara und machen uns auf nach

Guanajuato.

Guanajuato

Die Taxifahrt vom Busbahnhof in die Stadt

wird auch hier zu einem Erlebnis. Um ins

Zentrum zu gelangen, fährt man durch

ein unterirdisches Tunnelnetz durch das

der Großteil des Verkehrs in Guanajuato

geleitet wird. Nachts ist es beeindruckend

und unheimlich zugleich durch die dunklen

Gewölbe zu fahren. Dieses System ist aber

darüber hinaus in dieser kleinen Stadt mit

ihren 120.000 Einwohnern auch besonders

praktisch. Im Zentrum angekommen

entfaltet sich nämlich ein für mich bisher

unmexikanisches Bild: Vor meinen Augen

tun sich unzählige kleine, verwinkelte,

kopfsteingepflasterte Gassen auf. Früher

floss unter der alten Silberminenstadt ein

Fluss durch die Tunnel, jetzt nutzt man sie,

um die oberirdischen, schlecht befahrbaren

Straßen von Autos zu befreien. Nicht nur

durch seine engen Gassen wirkt die Stadt

vertraut europäisch, an den vielen kleinen

Plätzen tummeln sich Creperien und vor

der Kirche sitzen alternde Maler vor ihren

Leinwänden. Die runzlige, kleine Frau, die

dazwischen hockt und auf einem heißen

Stein Tortillafladen wendet, erinnert uns

dann wieder daran auf welchem Teil der

Erde wir uns befinden. Einige Tacos später

habe ich allmählich die Dosierung der Salsa

raus und verbrenne mir nicht jedesmal den

Rachen. Und ich merke, dass Tacos am

besten morgens um drei schmecken, wenn

man sie lässig am Straßenrand stehend

verspeist. Dank der 10.000 Studenten ist

das Nachtleben dementsprechend geprägt

und man kann entspannt zu Fuß zwischen

den kleinen Bars und Clubs der Altstadt

pendeln.

Mit ihrem alten Theater und der großen

Kathedrale erstrahlt die Stadt noch immer

in ihrem alten Glanz. Sie ist auch die

Geburtsstadt von Diego Rivera, dessen

Geburtshaus besichtigt werden kann und

einige Werke des berühmten mexikanischen

Malers ausstellt. Von Guanajuato geht

es weiter nach México – so nennen die

Mexikaner ihre Hauptstadt, wo wir abermals

auf Senor Rivera treffen.

Distrito Federal de México

Denn eines seiner bekanntesten

Werke ist ein riesiges Gemälde, das

den Treppenaufgang und die Galerie

des Palacio Nacional, des Sitzes des

Präsidenten in Mexicos Hauptstadt, ziert.

Das Wandgemälde erzählt in Bildern die

Geschichte des Landes und wirkt dabei fast

nüchtern im Vergleich zu dem prunkvollen

Gebäude, welches es beherbergt und den

weiteren majestätischen Bauwerken, die

den riesigen Platz der Verfassung umgeben.

Zwischen Palacio Nacional und Kathedrale

befindet sich ein Loch und wenn man in es

hinabblickt, sieht man freigelegte Ruinen,

die ein früheres Reich erahnen lassen, das

lange Zeit unter der Erde vergraben lag.

Da wo jetzt die Stadt steht, die dem Land

seinen Namen gibt, befand sich vor etwa

700 Jahren der von Azteken gegründete

Stadtstaat Tenochtitlan. Auf dem großen

Platz herrscht viel Trubel. Während die

vielen strenggläubigen Christen gerade

ihr Osterfest feiern, unterhält eine Gruppe

federgeschmückter Indigener ein paar Meter

weiter die Touristen.

Die 25-Millionen-Metropole in kurzer

Zeit zu erkunden, ist nicht so einfach.

Zum ersten Mal erkenne ich hier den

Reiz von Touristenbussen, in denen

man auf dem Dach sitzend durch die

Stadt gefahren wird. Ich hätte mir keinen

besseren Weg vorstellen können, um

einen ungefähren Überblick über diese

riesige Stadt zu bekommen, als sie von

oben zwischen den alten Kolonialbauten,

den modernen Wolkenkratzern und den

grünen Baumkronen herfahrend, zu

beobachten. Aus dieser Perspektive wirken

die allgegenwärtigen VW Käfer, die hier als

grüne Taxis unterwegs sind, noch kleiner

und das hektische Großstadttreiben zieht

wie ein Film vorüber. Am Chapultepec Park

lohnt es sich jedoch den Bus zu verlassen

und sich ein Agua de Horchata, eine Art

Reiswasser, zur Erfrischung zu genehmigen

und durch den Park zu schlendern. So

verbreitet wie Taco-Stände sind auch die

Stände, welche Eis, frische Obstsäfte oder

verschiedene Aguas, Erfrischungsgetränke,

anbieten. Im Chapultepec befinden sich

einige der zahlreichen Museen der Stadt,

wie etwa das Museo de Antropología,

das mit seinen Fundstücken aus

vorspanischer Zeit eine der bedeutendsten

archäologischen Sammlungen weltweit

beherbergt.

Weiter draußen, in der Vorstadt Coyoacán,

befindet sich das Haus Frida Kahlos. Das

FernSicht 15


einstige Mehrfamilienhaus, indem sie

ihre Kindheit verbrachte, wurde später

von ihrem, schon damals bekannten,

Lebensgefährten Diego Rivera gekauft und

künstlerisch umgestaltet. In dem Haus, das

durch seine leuchtend blaue Farbe unter

dem Namen Casa azul bekannt ist, sind

Möbel, Dokumente und einige Werke Kahlos

ausgestellt, doch allein das Gebäude mit

seinem Garten ist schon ein Kunstwerk für

sich.

Als wir México verlassen, wird mir bewusst,

welch schöne Stadt diese Metropole doch

ist. Und sollte sie ein Moloch sein, ist

sie zumindest ein Grüner, denn in keiner

anderen Großstadt habe ich bisher so viele

Parks und mit riesigen Bäumen gesäumte

Alleen gesehen, wie in dieser.

San Cristóbal de las Casas

Um die 20stündige Fahrt in den südlichsten

Bundestaat Méxicos, nach Chiapas,

besonders unabhängig bestreiten zu

können, entscheiden wir uns mit dem Auto

zu fahren. Nun sind wir zwar nicht mehr

an Busfahrzeiten gebunden, dafür aber

den Wegbeschreibungen der Mexikaner

hoffnungslos ausgeliefert, welche uns, sei

es durch Widersprüche, Ungenauigkeiten

oder vertuschtes Unwissen, zwangsläufig

und komplett in die Irre führen. Weitere

Schwierigkeiten, die unseren Weg

pflasterten, waren die so genannten topes,

das sind kleine Erhebungen im Asphalt,

die eine komplette Landstraße in eine

Schritttempozone verwandeln können.

Leider sind sie so schlecht zu erkennen,

dass man sie oft übersieht und ziemlich

FernSicht

unbequem darüber hinweg hopst. Die

Möglichkeit überall abbiegen und an allen

Taco-Ständen, die nach kurzer Zeit an jeder

noch so unbefahrenen Straße auftauchen,

anhalten zu können, entschädigt aber diese

Unannehmlichkeiten. Nach einer langen

Fahrt erreichen wir San Cristóbal. Nicht nur

das meteorologische Klima – tropische Hitze

und manchmal regnet es sogar – ist hier

anders als im nördlichen Teil Mexikos: Mit

der wachsenden Anzahl der an diesem Ort

lebenden Indigene hat scheinbar auch die

Quote der Touristen und Rucksackreisenden

zugenommen – und gleichermaßen die der

Verkaufsstände, an denen es traditionellen

Schmuck und Stoffe gibt. An einem von

diesen entdecke ich zapatistische Rebellen

in Form kleiner, handgemachter Puppen,

die sogar vollständig mit Kopfkapuze und

Maschinengewehr ausgerüstet sind. Dies

zeugt von der wichtigen Rolle, die die ELZN,

die „Zapatistische Armee zur nationalen

Befreiung“, in Chiapas spielt, da sie sich für

die Rechte der benachteiligten indigenen

Bevölkerung einsetzt, die besonders in

den Dörfern rund um San Cristóbal leben.

Auch wir kriegen diesen Einsatz zu spüren,

denn jedesmal, wenn wir uns einen der

zahlreichen Seen oder Wasserfälle in der

Gegend ansehen wollten, werden wir auf

der Straße angehalten und eine Gebühr für

die Weiterfahrt von uns verlangt, ungeachtet

dessen, dass ein paar Meter weiter ein

offizieller Eintritt zu bezahlen ist. Prägend

für San Cristóbal ist sein Markt. Für die

umliegenden Dörfer ist die alte Kolonialstadt

ein wichtiges Handelszentrum und der

große Markt rund um die Kirche Santo

Domingo wird dadurch ein essenzieller

Bestandteil. Hier gibt es alles von Obst und

Gemüse, über Stoffe bis zu handgemachten

Instrumenten.

Palenque

Nicht weit von der San Cristóbal befinden

sich die Ruinen von Palenque. Sie bildeten

einst eine bedeutende Stadt der Maya. Die

Bauten, die sich über 16 Quadratkilometer

hinziehen, wurden um 950 nach Chr. aus

ungeklärten Gründen verlassen. Bis heute

sind die zu besichtigenden Tempel nur

ein Bruchteil der freigelegten Gebäude,

die nun nicht mehr unter dem dichten

Urwald ruhen. Zusammen mit den vielen

anderen Besuchern kraxeln wir unter

der gleißenden Sonne die vielen, steilen

Stufen der Pyramiden hinauf und wieder

herunter. Dabei schnappen wir von den

vorbeilaufenden Führern auf, welche

Steinzusammensetzungen früher die

Toiletten waren und wo die wichtigen

Versammlungen abgehalten wurden. Aber

auch ohne diese Informationen ist es ein

beeindruckendes Erlebnis diese Bauwerke

aus nächster Nähe zu sehen.

Nachts liege ich unter dem Strohdach einer

der zahlreichen kleinen Hütten, die hier

im Urwald als Übernachtungsmöglichkeit

angeboten werden und lausche den

vielen ungewohnten Geräuschen. Von

der pulsierenden Riesenmetropole zur

verlassenen Mayastätte: Jeder dieser Orte

war für sich schon eine Reise wert.

Text und Bilder: Sarah Kaes

FernSicht


ErkenntnisReich

Foto: Daniel Wirth


Wissenschaftler des Instituts für Biochemie

der Deutschen Sporthochschule Köln

und des Manfred Donike Instituts bieten

einen Workshop im Bereich Dopinganalytik

in Delhi, Indien an. Hintergrund dieser

Aktion sind die in Delhi stattfindenden

19. Commonwealth Games im Oktober

2010. Über 70 Nationen haben sich für

dieses sportliche Großereignis angemeldet.

Badminton, Boxen und Squash sind

nur drei der insgesamt 17 sportlichen

Disziplinen. Bei einem Kräftemessen auf

internationaler Ebene wird leider immer mal

wieder geschummelt. Dopingskandale gibt

es nicht nur im Radsport (Radsport steht

übrigens auch auf der Liste der sportlichen

Disziplinen der Commonwealth Games).

Aber nur die modernsten Analysetechniken

machen die Überführung der Dopingsünder

möglich.

20 ErkenntnisReich

Gemeinsam

gegen Doping

Die Kölner Sporthochschule leitet ein Projekt zur

Dopingbekämpfung in Indien

Foto: Elisabeth Weinzetl

Und genau darum geht es in diesem

Workshop: Die Optimierung der

analytischen Methoden, wie z.B. in

der Isotopen-Massenspektrometrie

und der Flüssigkeitschromatographie-

Massenspektrometrie stehen auf dem

Programm. Weiterhin werden Hilfestellungen

beim Qualitätsmanagement und bei der

Labororganisation von Großveranstaltungen

gegeben. Das ehrenwerte Ziel lautet

Doping weltweit zu bekämpfen und

das international standardisierte

Dopingkontrollsystem in Indien zu

etablieren.

Christine Willen

Selektionen und Mutationen

waren gestern -

weitere Anpassungsstrategie im

Labor nachweisbar

Foto: Elisabeth Weinzetl

Was Charles Darwin Mitte des 19.

Jahrhunderts umtrieb, ist heute immer

noch brandaktuell. Wissenschaftler

vom Max-Planck-Institut für chemische

Ökologie in Jena erweitern die klassische

Evolutionstheorie um eine neue

Anpassungsstrategie und können diese

experimentell belegen. Der Hauptakteur

in dieser Studie ist der Bakterienstamm

Pseudomonas fluorescens. Der

Forscher Christian Kost lieferte diesen

Bakterienstamm einer Art experimentellen

Evolutionsdruck aus: Rasch wechselnde

Umweltbedingungen sorgten für ein

ungemütliches Klima, welche die Bakterien

dazu zwingt sich anzupassen. Nach der

klassischen Lehrbuchmeinung sorgen in

diesem Fall zufällige Mutationen im Genom

dafür, dass zumindest ein Teil der Population

überlebt. Zufällige Mutationen? Von wegen!

Der Bakterienstamm war dazu in der Lage

ohne eine einzige Mutation angepasste

Nachkommen zu erzeugen. Man nennt die

Phänomen im englischen „bet-hedging“

(Nach Meinung der Redaktion lautet das

frei übersetzt: Wetten, dass ich überlebe!)

und im deutschen Risikostreuung. "Unsere

Experimente belegen, dass Risikostreuung

eine sehr erfolgreiche Anpassung an sich

rasch ändernde Umweltbedingungen ist.

Denn wenn ein und derselbe Genotyp

gleichzeitig mehrere Varianten hervorbringt,

kann er schneller auf starke Änderungen

der Lebensbedingungen reagieren", sagt

Christian Kost. Bakterielle Krankheitserreger

besitzen beispielsweise solche

Mechanismen zur Risikostreuung: Indem

genetisch identische Zellen unterschiedliche

Oberflächen ausbilden, entkommen

einige der Erreger dem menschlichen

Immunsystem und die Infektion bricht aus.

Christine Willen

Unsere Babys

schreien auf

Deutsch

Wenn Babys vor Hunger, Müdigkeit oder

Unwohlsein schreien, pressen sie nicht

unkontrolliert die Luft raus, sondern

kommunizieren mit uns entsprechend ihrer

Nationalität. Der bisherige Kenntnisstand

sieht folgendermaßen aus: Die

Schreimelodie von Neugeborenen wird wie

bei Affenjungen allein durch Aufbau und

Abfallen des Atemdrucks bestimmt und ist

nicht vom Gehirn beeinflusst. Diese Ansicht

hat ein Forscherteam aus der Uni Würzburg

jetzt widerlegt.

Fotos: Elisabeth Weinzetl

Deutsche Babys schreien auf Deutsch,

französische Babys auf Französisch, lautet

das Ergebnis dieser Untersuchung. "Wir

sind diejenigen, die zuerst Belege dafür

geliefert haben, dass Sprache bereits mit

den ersten Schreimelodien beginnt", sagt

Kathleen Wermke von der Uni Würzburg.

So schreien französische Säuglinge mit

ansteigender Melodie, während deutsche

Babys mit fallender Melodie ihren Unmut

kundtun. „Die Neugeborenen bevorzugen

damit genau diejenigen Melodiemuster,

die für ihre jeweiligen Muttersprachen

typisch sind", weiß Wermke. Das neue

Nationalgefühl entsteht bereits im

Mutterleib: Die Föten nehmen dort die

unterschiedlichen Betonungsmuster ihrer

Sprachen war und können diese dann

reproduzieren. "Die im Weinen trainierten

Melodiemuster sind Bausteine für die

nachfolgenden Lautproduktionen, wie dem

Gurren und Babbeln bis hin zu den ersten

Worten und Sätzen", sagt Wermke. Ja, dann

raten wir allen Schreihälsen dieser Welt:

Übung macht den Meister!

Christine Willen

ErkenntnisReich 21


Das neue Biozentrum ist immer noch eine

Baustelle

Das Institut für Biochemie und das Institut

für Genetik verweilen seit dem Sommer

2005 in trauter Nachbarschaft auf der Zülpicher

Straße 47. Jetzt ziehen die übrigen

biowissenschaftlichen Institute in ein neues

Gebäude in direkter Umgebung ein: Otto-

Fischer Straße 6 lautet die neue Adresse,

wo nun die Zoologie, die Botanik und die

Endwicklungsbiologie hausen. Die Biologie

ist endlich mit all ihren Instituten zentral

vereint. Was für ein Happy End! Aber nur auf

dem ersten Blick. Denn die Entstehungsgeschichte

des Biozentrums nimmt kein Ende.

Die Geschichte um das Biozentrum

ist lang, zu lang

Alles begann im Jahr 2000 als der Bauherr

die Universität Köln den Bau- und Liegenschaftsbetrieb

des Landes Nordrhein-Westfalen

(BLB NRW) damit beauftragte, den so

genannten „Neubau Biowissenschaftliches

Zentrum – Zweite Bauabschnitt“ zu realisieren.

Der Neubau sollte nicht irgendein

schnödes Bauwerk aus der 0815-Schmiede

sein, sondern ein exquisites Forschungsgebäude.

Deswegen sollte ein europaweit

ausgeschriebener Wettbewerb für das richtige

Baukonzept sorgen. And the winner is:

ein deutsches Unternehmen. Der erste Preis

ging im April 2001 an das Architekturbüro

Schneider + Sendelbach aus Braunschweig.

Nach Aussagen des BLB NRW sei es den

Die Aushubarbeiten für die Baugrube fördern historische Relikte zu Tage.

22 ErkenntnisReich

Architekten gelungen „das Ensemble von

Bio- und Geowissenschaftlichen Instituten

städtebaulich gestalterisch abzurunden.“

Außerdem entstünde eine „attraktive

Arbeitsatmosphäre durch den begrünten,

künstlerisch gestalteten Innenraum.“ Dieser

künstlerisch gestaltete Innenraum wird

später noch einmal thematisiert. Darüber

hinaus heißt in der überaus umständlich

formulierten Begründung des BLB NRW:

„Der kompakte siebengeschossige Baukörper

mit der langgestreckten, gläsernen

bis zum Dach geführten offenen Halle, hat

Anschluss an den ersten Bauabschnitt.“ Der

Erste Bauabschnitt, damit ist das Institut für

Genetik gemeint. Alle Institute werden also

räumlich vereint. Damit ist die Skizze für den

Bauplan schon einmal fertig. Die Theorie

stimmt, auf zur Praxis!

Von der grauen eorie zur bunten

Praxis

Das der universitäre Betrieb Theorie und

Praxis nicht gut verbindet ist ein Klischee,

dass die Uni Köln nur allzu gern bestätigt.

Denn zwischen Planung und dem ersten

Spatenstich vergingen sage und schreibe

fünf Jahre. In diesen fünf Jahren wurden

Kommissionen gegründet („Bau Biozentrum",

"Zentrale Einrichtungen Biozentrum"

und die Bibliothekskommission), Finanzpläne

erstellt und Ausschreibungen für den Bau

und die Inneneinrichtung getätigt. So kam

also erst im Februar 2005 die Praxis hinzu,

indem Bagger anfingen eine Baugrube

für den Neubau auszuheben. Die Aushubarbeiten

förderten viel Sand aber auch

historische Relikte zu Tage. Das Biozentrum

steht nämlich auf einem ehemaligen

Krankenhausgelände, wo alte Gebäudeteile

erhalten blieben. Nachdem diese dann archäologisch

beäugt wurden, durfte das alte

Augusta-Krankenhaus dem neuen Biozentrum

weichen. Im September 2005 war das

Loch tief genug und die Baugrube fertig.

Stein auf Stein, Stein auf Stein, das Häuschen

wird bald fertig sein

In einem Affentempo wurden dann die ersten

Bauarbeiten erledigt. Nur ein Jahr ging

ins Land bis im Oktober 2006 der zweite

Bauabschnitt des Biozentrums Richtfest

feierte. Das hier keine kleine Hundehütte

eingeweiht wurde, macht diese Zahl

deutlich: der Neubau umfasst rund 14 000

qm Hauptnutzungsfläche für Büros, Labore

und Seminarräume. Dagegen wirkt so eine

Studentenbude mit gerade mal 25 qm wie

ein Witz. Bei so viel Raum, möchte man ins

schwärmen geraten...

Foto: Daniel Wirth

Eine nüchterne Bestandsaufnahme nach 10

Jahren Planung und Bau

Das Biozentrum feiert Richtfest

Der Umzug

Bei der Innenraumausstattung hört das

Schwärmen allerdings wieder auf. Das

verantwortliche Architekturbüro machte

einfach pleite. Erst hieß es, man kann

Mitte 2007 umziehen. Dann rechnete man

wegen der Innenraumausstattung mit einer

Verzögerung von einem Jahr. Jetzt ist es

mit Oktober 2009 etwa zwei Jahre später

geworden. Wenn man sich den jetzigen

Zustand des Gebäudes anschaut, sind dafür

wahrscheinlich nicht nur die Innenraumausstatter

verantwortlich gewesen. Wie dem

auch sei: Jetzt wird erst recht umgezogen!

Die Universität Köln, genauer gesagt die Abteilung

54, namentlich „Infrastruktuelles und

kaufmännisches Gebäudemanagement“

verfasste dafür extra ein Handbuch. Darin

steht auf zehn Seiten, wie die Büromöbel,

die Computer und die Laborgläser umzugsfertig

gemacht werden sollen. Kurz gesagt,

alles was umzieht, muss etikettiert werden.

Egal ob Umzugskarton oder Regal, überall

kommt ein Aufkleber mit dem Zielort im

neuen Biozentrum drauf. Bei zuwiderhandeln,

fragen die Umzughelfer barsch: „Müssen

diese Regale jetzt mit, oder nicht? Da

ist kein Etikett mit den Zielraum drauf!“ Die

Spedition arbeitete sehr schnell, ruck zuck

war alles im neuen Gebäude untergebracht.

Trotz Beschriftung sind manche Umzugsgüter

mysteriöserweise in die völlig falschen

Räume gelangt.

Das sorgte natürlich für Vermisstenmeldungen,

die sich manchmal erst nach

Wochen aufklärten. Bei der Menge an

Umzugskartons und bei der Größe des Gebäudes

kann man schon mal den Überblick

verlieren.

Mittlerweile sind die Umzugskartons

ausgeräumt

Allerdings fühlt man sich hier im neuen

Biozentrum immer noch nicht heimisch. Ein

kleiner Auszug aus der Mängelliste erklärt

warum: eine Arbeitsgruppe konnte in den

ersten Tagen nach dem Umzug nicht die

dortige Toilette benutzen, weil die sanitären

Anlagen noch nicht angeschlossen waren.

An vielen Stellen des Hauses werden immer

noch Wände und Geländer gestrichen, Internet

installiert oder Umbauarbeiten durchgeführt.

Es ist ein ehrenwertes Ziel gewesen,

unbedingt zum Jahresende umzuziehen.

Jetzt sind wir schon seit einem Monat vor

Ort und arbeiten in einer Baustellenatmosphäre:

Mal ist kein Internet vorhanden,

mal sind die Wasseranschlüsse nicht aktiv,

dann müssen doch noch Isolierarbeiten an

den Decken durchgeführt werden. Und das,

obwohl unsere Experimente zum großen Teil

schon aufgebaut sind. Jetzt behindern sich

Wissenschaftler und Handwerker gegenseitig.

Die einen wollen ihre Experimente

durchführen, die anderen müssen in den

Räumen noch Baumaßnahmen erledigen.

Foto: Daniel Wirth

So langsam nervt es. Selbst nach 10 Jahren

ist das Gebäude immer noch nicht fertig.

Ein Ende der Mängelliste ist so schnell auch

nicht in Sicht.

Arbeiten mit Baustellenatmosphäre,

nicht ohne Kunst!

Trotz dieser Widrigkeiten wurde mit als ersts

an die Kunst gedacht. Der künstlerisch gestaltete

Innenraum soll ja laut BLB NRW die

Arbeitsatmosphäre attraktiv machen und die

fächerübergreifende Zusammenarbeit fördern.

Noch bevor die ersten Arbeitsgruppen

einzogen, klotze man ein riesiges Kunstwerk

in die Eingangshalle. Eine Bohnenranke

aus Pappmachee ragt vom Erdgeschoss

bis zum Dach im vierten Obergeschoss

des Biozentrums. Es soll eine Anlehnung

an das englische Märchen „Hans und die

Bohnenranke“ sein. Die Bedeutung dieses

Kunstwerks für die Biowissenschaften

bleibt uns auch nach Lektüre des Märchens

verborgen. Man muss kein Biologe sein, um

festzustellen dass dieses Kunstwerk eher

einem prall gefüllten Darm ähnelt. Darin sind

wir uns sogar fächerübergreifend einig: Das

ist keine Bohnenranke, sondern eine grüne

Kackwurst! Die grüne Wurst geht damit an

das immer noch unfertige Biozentrum.

Christine Willen

ErkenntnisReich 23


ZeitGeistFoto: Elisa Hapke


26

Wo die wilden Kerle wohnen

Ein Klassiker der kollektiven Kindheitserinnerung ndet den Weg auf die Leinwand.

Schon seit den frühen Neunzigern gab es Überlegungen, „Wo die wilden Kerle wohnen“ des amerikanischen Illustrators und Autors Maurice

Sendak als abendfüllenden Spielfilm umzusetzen. Doch erst die Beteiligung von Spike Jonze als Regisseur ließ aufhorchen, hatte dieser sich

doch zuvor mit verqueren Filmen jenseits der gängigen Erzählkonventionen, wie „Being John Malkovich“ und „Adaptation“, einen Namen

gemacht. Auch seine Bearbeitung des Bilderbuchs macht da keine Ausnahme und ist in jeder Beziehung sehenswert geraten; auch und

gerade für ältere Semester.

Zentrum der Geschichte ist der neunjährige Max, der von Max Records beeindruckend authentisch dargestellt wird. Max leidet still unter der

Trennung seiner Eltern, während seiner Mutter zwischen dem aufreibenden Job und ihrem fordernden Sohn zu wenig Zeit für sich selbst bleibt.

Nach einem großen Krach träumt sich Max daher zu der Insel der wilden Kerle, die ihn zu ihrem König machen. Nur merkt er bald, dass König

sein gar nicht so einfach ist.

Ein eigentümlicher Film ist es geworden, das merkt man allein schon am unerwarteten Look. Andere Regisseure hätten bei diesem Stoff ein

künstliches Märchenreich im Studio oder am Computer entworfen, Jonze aber dreht in einem richtigen Wald bei natürlicher Beleuchtung; allein

die Landschaftsaufnahmen sind bereits einen Blick wert. Auch die wilden Kerle haben als übergroße Muppets eine Samson-artige Präsenz, bei

der der Computer nur bei der Mimik unterstützend zum Einsatz kam. All das dient dazu, tief in die Gedankenwelt eines Kindes einzutauchen,

das lernen muss, nicht nur mit seinen Gefühlen sondern auch mit denen der Menschen in seiner Umgebung umzugehen. Jonze gelingt es

subtile Bilder für diesen Erkenntnisprozess zu finden, vor allem für die Melancholie, die darin liegt.

Die ist auch der Grund, warum der Film es hierzulande wohl leider schwer haben wird. Ist er doch nur bedingt ein Kinderfilm, vielmehr ein Film

über Kinder, der wohl für die Kleinsten teilweise zu gruselig geraten ist. Dabei ist er in einem Genre, das von computeranimierten Chipmunks

verpestet wird, geradezu ein Leuchtfeuer der Originalität und als solches wäre ihm der Erfolg unbedingt zu wünschen.

Kölner Kiez - Lindenthal

In Lindenthal das etwaige tobende Großstadtleben anzupreisen, wäre nicht nur sachlich falsch, sondern auch ungerecht. All das spielt sich in

15-20 Minuten Fußentfernung ab, eine Entfernung, die das freundlich gesagt ruhige, gehässiger formuliert behäbige Lindenthal zu schätzen

weiß. Nicht nur topographisch pflegt man hier den feinen Unterschied, die höhere Einkommenssektion wohnt komfortabel mit einem Fuß im

Naherholungsgebiet und dem anderen in der mondänen Altbauvilla, geruhsam und "trotzdem noch sehr zentral." Dementsprechend sieht

es zwischen Bachemer und Dürener Straße, zwischen Klosterstraße und Gürtel ein wenig aus wie in Neuengland: Schläfrige Seitenstraßen,

unter deren Asphalt das Pflaster hervorlugt, Backsteine, Fachwerk, Türmchen und Alleebäume. Kaum verwunderlich, aber dennoch

ZeitGeist

Christopher Dröge

Foto: Corinna Kern

jammerschade, dass diese Pracht nicht in

Baugenossenschafts-, sondern Anwalts-,

Studentenverbindungs- und Ärztehand

ist. Hypochondern sei Lindenthal gerade

deshalb schwer empfohlen, da sich in

jeder Ecke mindestens ein Krankenhaus in

Fußnähe befindet. "Schwäne kreuzen die

Fahrbahn", warnt ein Verkehrsschild an der

Universitätsstraße. Wenn sie das tatsächlich

einmal tun, kommen sie unweigerlich auf

die Dürener Straße und somit in besagtes

Lindenthal. Erstes augenfälliges Merkmal

dieser Straße: Die Dichte an Second-Hand-

Designerboutiquen, Damen-, Kinder- und

Hundebekleidungsgeschäften jeglicher

Couleur. Nichts mit großen Ketten, der

Lindenthaler schätzt den mittelständischen

Einzelhandel. Dass das auch zur Folge hat,

dass der mindersituierte Student oftmals

doch dankbar die zehn Minuten Busfahrt zur

nächstgünstigeren Geschäftsform auf sich

nimmt und, wenn nicht, er sich fragt, wann

die Lindenthaler Schuster, Fahrradhändler,

Schlosser und Damenkosmetiker denn mal

NICHT Mittagspause haben, sei hier nur

am Rande erwähnt oder reihe sich, besser

gesagt, ein in die vielen Lebenssituationen,

in denen man sich besser aus dem Viertel

heraus wagt.

Neben der im Übrigen einwandfreien

Nahversorgung trifft das insbesondere und

unbedingt auf die Abendgestaltung zu.

Fassen wir die Gestaltungsmöglichkeiten,

die das abendliche Verlassen des Viertels

nahelegen, zusammen: Da wären die

kölschen Gasthäuser Haus Moritz, Haus

Foto: Corinna Kern

Schwan und Haus Brecher, (erlauchte Namenswahl!) die für genau die Zeit eines Schnitzels

und der begleitenden Kölsch mehr sind als schnöde Eiche-Rustikal-Täfelung mit schnödem

Stammpublikum; die im Grunde ebenbürtigen, aber namentlich bemühteren Kneipen

Velvet und GoodFellas sowie womöglich Kölns höchste Dichte an möglichst authentischen

italienischen Cafés, in denen die pensionierte Dame mit Hund, auf die ich gleich noch zu

sprechen komme, auf Urlaubsitalienisch ordert und jeden Service mit 'grazie' kommentiert.

(An dieser Stelle sei jedoch ausdrücklich der mobile Espressowagen vor dem italienischen

Kulturinstitut an der Inneren Kanalstraße empfohlen.) Wem das noch nicht Grund genug

ist, sofort die abendliche Ausreise anzutreten, der besucht todesmutig das Melody. Es

soll hier nicht unterschlagen werden, dass die allabendliche Livemusik bisweilen ihre

Momente hat, dennoch befindet man sich hier prekär inmitten Achtziger-Jahre-Möblierung,

-bebilderung (leuchtende Edelstahlbilderrahmen mit neonberöhrten Abbildungen von

Klavieren auf schwarz-lila Grund!!) und einem Publikum um die Fünfzig, das vermutlich

in selbigen achtziger Jahren seine Schnapsbestellungen und Tom-Jones-Liedwünsche

weniger vehement vortragen musste. Der regelmäßigen Abendgestaltung daher nur bedingt

förderlich. Privat lässt es sich hier im Grunde so gut oder schlecht feiern wie sonst wo, vor

unangenehmem Erwachen sei aber auch hier gewarnt: Oft genug kleben gestriegelte junge

Herren in der gesamten Nachbarschaft versöhnliche Zettel mit dem Warnhinweis, man werde

zum Soundsovielten die alljährliche Wohnheimsparty veranstalten, bitte daher um Verständnis

und lade gleichwohl siezend auf ein Kölsch auf eben dieser Party ein. Wenn dann, mit

ziemlicher Sicherheit, eine gehisste Fahne über der Eingangstür baumelt und verdächtig viele

gestriegelte junge Herren einander salopp salutierend zuprosten: Achtung Couleurdiebe,

sofort umkehren und Lindenthal verlassen!

Für derartige Experimente ein bisschen zu alt und daher eher tagsüber anzutreffen ist die

schon eingangs erwähnte omnipräsente pensionierte Dame mit Hund. Auf ihren alltäglichen

Bummeleien in Pelzmantel, Perlenkette, dezentem rotem Lippenstift und des Winters die

knorrigen, aber beringten Hände im Pelzmuff, nickt sie dem halben pensionierten weiblichen

Bestand der Dürener Straße mit der anerzogenen Mischung aus Pflichtgefühl, Höflichkeit und

Verachtung zu, bevor sie mit ihrem Schatzi Regenmäntel und Korsette in Kölns Nummer Eins

Hundebekleidungsgeschäft aussuchen geht. Zum Dinner kehrt selbige Dame dann tatsächlich

jeden Abend bei Faro in meinem Nachbarhaus ein. Mit ihrer personalized Pfeffermühle.

Ich brate mir indes unter dem Gebälk nebenan ein Spiegelei und freue mich auf den

Fußmarsch zum Rathenauplatz.

Niklas Wandt

ZeitGeist 27


Sonderschule der Ästhetik:

Enke

Dass sich ein Mann aufgrund von

Depressionen das Leben nimmt ist tragisch.

In einem Sinne als allgemeine Beschreibung

des Vorganges, in einem anderen,

wesentlich unmittelbareren jedoch für die

Hinterbliebenen. Deren Trauer mag ein

gewisses abstraktes Mitgefühl hervorrufen,

geht letztendlich aber niemanden außerhalb

ihres unmittelbaren Umfeldes etwas an.

Umso widerlicher das Spektakel, welches

letzten Monat um den Freitod des Torwarts

Robert Enke veranstaltet wurde.

Spontane Bekundungen des Mitgefühls

seitens der Fans sind die eine Sache, die Art

und Weise der Berichterstattung – und zwar

bezeichnenderweise wieder einmal nicht nur

der üblichen Verdächtigen vom Boulevard –

eine gänzlich andere.

Selbstmorde aufgrund schwerer Depression

sind keine Seltenheit. Dass die Krankheit

in vielen Kontexten als solche nicht ernst

genommen wird ist ein gesellschaftliches

Problem, welches schon viel früher

mediales Interesse verdient hätte. Doch

warum ausgerechnet in diesem Fall

solch ein unwürdiges Theater inklusive

28

ZeitGeist

ausführlicher Berichterstattung in

vorgeblich seriösen, gebührenfinanzierten

Nachrichtensendungen, öffentlichem

Vorführen der Ehefrau und live

Übertragungen der Trauerfeier? Sicher,

der Tote gilt als Person öffentlichen

Interesses, was aber soll dieser läppische

Begriff eigentlich bezeichnen? Ich für

meinen Teil habe mich jedenfalls nicht für

Robert Enke interessiert und bezweifle,

dass es, abgesehen von einer kleinen

Gruppe Fußballfans, sonst jemand tat.

Doch die Deutungshoheit in solchen

Fällen liegt bekanntlich in den Händen

anderer Instanzen journalistischer

und juristischer Art. Was selbstredend

fragwürdige Ergebnisse nicht ausschließt,

offensichtlich eher sogar begünstigt.

Von solchen semantischen Diskussionen

gänzlich unberührt bleibt ohnehin die Frage,

inwieweit im journalistischen Umgang mit

öffentlichen Personen jede Hirnverbranntheit

gestattet ist.

Die Tatsache, dass erneut keiner der

prinzipiellen medialen Akteure auch nur

in irgendeiner Form Druck verspürt, sich

zu rechtfertigen, weißt letztendlich auf die

wahre, weit über Fragen journalistischer

Standards hinausgehende, Dimension

des Phänomens hin. Nicht von ungefähr

fällt es schwer, dem alten, zynischen

Argument: "Wir geben den Leuten doch

nur, was sie sehen/lesen wollen" die

Gültigkeit abzusprechen. Und da kommen

dann eben doch auch die trauernden

Fans wieder ins Spiel. Denn in wie weit

kann das, was hier vorgeblich als Trauer

und Anteilnahme daherkommt, unter

Bedingungen der medialen Gesellschaft

des Spektakels noch als tatsächlich durch

spontane, tief empfundene Emotionen

motiviert und nicht bloßer Teil einer

industriellen Betroffenheitmaschinerie, die

den kollektiven Rausch an der eigenen

Fähigkeit zur Sentimentalität verkauft, ernst

genommen werden? Michael Jackson,

Robert Enke, Mauerfall... – Simulacra und

Simulation.

Felix Grosser

Philharmonie Lunchkonzert

Donnerstagmorgen. Die letzte Nacht war einfach zu lang und die Musik zu gut. Arbeiten? Nicht dran zu denken. Uni? Ab Montag wieder. Am

besten also den Tag wieder mit Musik beginnen, in der Philharmonie. Dort ist es zwar um ein paar Glühbirnen heller, als es einem lieb und man

es von anderen Konzerthallen her gewohnt ist, aber schließlich geht’s hier ja auch nicht ums Auge, sondern eher um was-auf-die-Ohren. Die

Philharmonie bietet seit ein paar Jahren immer donnerstags um 12.30 Uhr das halbstündige Lunchkonzert zusammen mit der Gelegenheit,

völlig umsonst auf die normalerweise in so unerreichbarer Ferne erscheinenden ersten Reihen vorzurücken und sich ein breites Lächeln in

seiner Tupperdose mit nach Hause zu nehmen. Die restlichen Promille werden dann erst vom WDR-Sinfonieorchester zu nieder gestrichen,

damit man beim nächsten Mal den Kopf frei hat, um sich beispielsweise bei der Generalprobe zu Verdis Requiem von den zwei Chören,

Sinfonieorchester und den vier argwöhnisch dreinblickenden Solisten in andere Sphären spielen und singen zu lassen, von denen selbst der

allbekannte rosa Elefant noch träumt.

Vera Hölscher

Weihnachtsmarkt am Neumarkt

Oh du seelige

Adventszeit! Es ist

bereits dunkel als du die Uni

verlässt. Ein kalter Wind weht um

deine Ohren und womöglich fallen bereits

erste Schneeflocken. Die Stadt ist weihnachtlich

geschmückt, hinter

Fenstern siehst du zwar

noch keine Christbaumspitzen,

aber zumindest diese blinkenden Dinger,

hier und da sogar einen echten Adventskranz,

blitzen. Doch irgendwie reicht all das, so schön es

auch sein mag, noch nicht ganz aus, das Frösteln aus

deinem Herzen zu vertreiben. Klarer Fall von Prä-Nataler Depression.

Doch nicht verzagen, es gibt einen Ausweg. Was du nun brauchst sind ein

paar Freunde, lustige Buden mit

überteuertem Ramsch, eine Curry

Wurst mit Pommes und vor allem: Glühwein.

Viel. Mit Schuß. Du brauchst: Weihnachstmarkt.

Aber nicht das überrannte, unübersichtliche Riesending

am Dom. Viel zu Mainstream. Nur vier Stationen von der Uni

entfernt befindet sich wesentlich schnuckeliger und übersichtlicher

die wahre Oase vorweihnachtlicher Besinnlichkeit. Der Weihnachtsmarkt

am Neumarkt. Zur Wahrung deines Seelenheils auch in harten Zeiten hiermit von

der Zeitgeist Redaktion wärmstens empfohlen.

Felix Grosser

ZeitGeist 29


Kaskaden, zusammenießende

Ströme, Zyklone, Steinschlag

22.11.2009: Das Alexander von

Schlippenbach Trio im LOFT

Das Alexander von Schlippenbach Trio,

nunmehr graue Eminenz frei improvisierter

Musik europäischer Prägung, zelebriert

auch nach vierzig Jahren noch eine Freiheit,

die sowohl den kleinsten Tonpartikel

als auch die lautstarken, wuchtigsten

Zusammenballungen durchdringt:

Hochvirtuos, im Moment entstehend und im

besten Sinne "herrschaftsfrei".

Als Mitte der sechziger Jahre die erste

Welle des selbsternannten Free Jazz,

vorangetrieben durch Musiker wie Ornette

Coleman, Sun Ra, Cecil Taylor und den

späten John Coltrane, nach Europa

durchsickerte, waren die Ensembles um

Alexander von Schlippenbach in der

vordersten Reihe an der Entwicklung einer

vom amerikanischen Vorbild emanzipierten

Improvisation beteiligt. Schlippenbach, 1938

in Berlin geboren und studierter Komponist

in der Tradition klassischer (atonaler)

Moderne, erforschte erstmals mit dem

Quintett des Kölner Trompeters Manfred

Schoof das Spannungsfeld zwischen

Versatzstücken von Komposition und

darauf basierender Improvisation in „freien

Zwölftonreihen“, wie es im Begleittext zu

Manfred Schoofs "Voices" von 1966 noch

recht akademisch heißt. Schlippenbachs

Klavier war bereits auf diesen Aufnahmen

30 ZeitGeist

mit behutsamen Melodien und brachialen

Clustern eine durchdringende Präsenz, es

bedurfte aber der Erweiterung der Gruppe

um eine weitere maßgebliche Formation, um

Schlippenbach von etwaigen Akademismen

hin zu etwas radikal Neuem zu bringen:

Diese Formation war das Peter Brötzmann

Trio.

Aus der Zusammenfügung beider

Gruppen entwickelte Schlippenbach sein

Globe Unity Orchestra, eine bis heute

existierende quasi Bigband mit dem

wohl denkbar bigbanduntypischsten

Sound. Die allgemeine Kritik war darauf

nicht vorbereitet, und zusätzlich zu

regelmäßigen Finanzierungsproblemen

des Orchestra wurden Schlippenbachs

im Rückblick teils recht brachiale

Versuche als intolerabler „Herrenulk in der

Philharmonie“ abgekanzelt. Tatsächlich,

die Musik des Orchestra und die

Schlippenbachs allgemein ist reifer und in

sich ruhender geworden, die sogenannte

„Kaputtspielphase“, in der er teils

minutenlang mit einem Holzbrett circa 60

der 88 Klaviertasten gleichzeitig anschlägt,

hat er lange überwunden.

Dank glücklicher Fügungen existiert

dieses Globe Unity Orchestra mit leichten

personellen Veränderungen bis heute

auf unregelmäßiger Basis. Was seit

nunmehr vierzig Jahren viel regelmäßiger

und erschöpfender dokumentiert ist, ist

die Arbeit von Schlippenbach mit zwei

Schlüsselmusikern des Globe Unity

Orchestra: Dem britischen Tenor- und

Sopransaxophonvirtuosen Evan Parker und

dem Aachener Perkussionisten Paul Lovens.

Evan Parker, der im London der späten

Sechziger vom Biologiestudenten zum

Mitbegründer eines der ersten frei und ohne

Vorgaben improvisierenden Ensembles,

dem Spontaneous Music Ensemble, wurde,

hat in seinem Tenor- und insbesondere

Sopransaxophonspiel eine völlig neue

Instrumentalsprache erfunden: Durch die

virtuose Beherrschung des mehrstimmigen

Spiels, also des durch bestimmtes Anblasen

hervorgerufene Erklingen zweier oder mehr

Töne und später durch Zirkularatmung,

also des ununterbrochenen Ausatmens bei

Einatmen durch die Nasenlöcher, schafft

er einen oft minutenlang anhaltenden,

überbordenden Fluss von Tönen der

verschiedensten Register, dem immer

wieder rasend schnell kleine Variationen

eingefügt werden. Diese Technik setzt er

seit den siebziger Jahren in unzähligen

Kontexten ein: von straightem Jazz,

intensiven Soloperformances, Experimente

ZeitGeist 31


mit Elektronik vom Duo bis zum großen

Ensemble und praktisch im Zusammenspiel

mit jedem verfügbaren Mitmusiker. Nicht

zuletzt ist auch das Schlippenbach Trio ein

wichtiger, konstanter Teil seiner Aktivitäten.

Paul Lovens kommt ebenfalls Ende

der sechziger Jahre, allerdings als

Schlagwerkstudent, an der Kölner

Musikhochschule mit Schlippenbach in

Kontakt und verschreibt sich bald mit Haut

und Haar dem freien Trommeln. Er ist bis

heute neben wenigen anderen Vertreter

einer ganz eigenen Schlagzeugschule, die

sich anstatt Takt und Tempo durch das

Setzen eines der Musik angepassten Pulses

und den Beitrag ungewöhnlicher Techniken

und Klangfarben auszeichnet. Kein Wunder

also, dass er neben einem minimalen

Schlagzeugaufbau noch unzählige kleine

Becken, Holzstücke und manchmal sogar

eine singende Säge zum Einsatz kommen

lässt.

Von der ersten Studioaufnahme ‚Pakistani

Pomade‘ von 1972 an tourt das Trio

unermüdlich durch Studios und Konzertsäle.

Fester Programmpunkt ist hier seit Jahren

jeden Winter das Kölner LOFT. So auch

diese JAhr wieder. An einem frühlingshaften

Sonntag Ende November spielen

Schlippenbach und Co vor ungewöhnlich

gut gefülltem Haus, und das färbt merklich

auf die Spielfreude ab. Der Leader selbst

nimmt am Flügel Platz, ein würdevoller,

strenger Einundsiebzigjähriger. Paul Lovens,

gerade sechzig, schlüpft in seine völlig

zerfetzten Konzertschuhe, seit Beginn

seiner Laufbahn dieselben, und sorgt damit

für einen der zahlreichen humorvolleren

Momente des Abends. Evan Parker,

Konzentration in Person, schultert das

32 ZeitGeist

Tenorsaxophon. Augenblicklich erklingt der

erste, kraftvolle Ton Schlippenbachs, sofort

tasten sich die beiden Anderen heran. Egal,

wer einen Impuls, ein Melodiefragment,

einen Baustein, aussendet, er wird sofort

von den beiden anderen aufgenommen

und zu einem dichten Geflecht verwoben.

Es wird vorsichtig gefühlt, dann klar und

bestimmt hinterher oder in eine ganz neue

Richtung gezogen. Schlippenbach, der sich

in den vergangenen Jahren intensiv am

Erbe Thelonious Monks abgearbeitet hat,

ist sanfter geworden, ohne sein, monkaffines,

kantiges Melodiebewusstsein

aufzugeben. Überhaupt, seinem spontanen

Erfindungsreichtum klangvoller Harmonien

und Melodieläufe scheint kein Ende gesetzt.

Evan Parkers Gehör ist so dermaßen

geschult, dass er rasend Schlippenbachs

Melodiefolgen aufnimmt, ergänzt, erweitert,

umdreht. Lovens komplettiert das

komplexe Gewebe mit subtilem Rütteln,

Rasseln, Rumpeln, Glockenläuten seines

ungewöhnlichen Instrumentariums und

einer gehörigen Andeutung von Swing und

bringt das Energieniveau insbesondere

im ersten Set auf ein sehr hohes Plateau.

Die drei Musiker erzeugen gemeinsam

einen hochkinetischen Mahlstrom, sie

fließen zusammen. Immer wieder löst

sich dieser Fluss in kleine Rinnsale,

Sprenkler, Dammbrüche, das zweite,

längere Set könnte man fast als Flusslauf

von der Quelle bis zum rasenden Strom

beschreiben. Schlippenbach schlägt bei

gedrücktem Pedal kraftvoll die Saiten im

Klavierkorpus an, lässt sie ausklingen.

Parkers Tenor klinkt sich behutsam in den

Nachhall ein, Lovens ergänzt mit einem

Glockenschlag. Wechsel Schlippenbach

an die Tasten. Langsam, aber stetig

wälzen sich große Wassermassen um,

vereinzelte Ströme. Dann der Durchbruch,

durch Lovens explosionsartig katalysiert:

bräunliche Wassermassen rasen. Parker

wechselt ans Sopransaxophon, der Strom

wird lebensbedrohlich schnell, so schnell,

dass sich die beiden anderen im richtigen

Moment zurücknehmen. Das Wasser

wird klar und sprudelt überschäumend in

Zirkularatmung hervor. Wechsel ans Tenor,

es peitscht und tobt noch eine Weile, bevor

das Trio langsam aber sicher die Mündung

ansteuert und zu einem ruhenden Ende

kommt.

Das randvolle Loft applaudiert ausgiebig,

die Musiker spielen mit bescheidenem

Lächeln noch eine kurze Zugabe, viel

zu sagen bleibt nicht mehr. Drei bestens

eingespielte, absolut ebenbürtige alte

Freunde wenden sich genüsslich wieder

ihrem Bier beziehungsweise Wein zu.

„Freejazz hält jung“, hat Schlippenbach

einmal verlauten lassen, es scheint aber

gerade das gemeinsame Älterwerden zu

sein, das sein Trio zu dieser umwerfenden

Musik befähigt. Wenn das keine Perspektive

fürs Rentenalter ist.

Alexander von Schlippenbach online:

www.avschlippenbach.com

Aktuelle CD: Schlippenbach Trio – Gold is

where you find it, Intakt, 2008

Niklas Wandt

Kanon: Wenn das Wörtchen denn nicht wär...

...dann müsste an dieser Stelle nicht diese "erhobener-Zeigenger" Phrase zweckentfremdet werden, das

Wenn könnte munter weiter sein prokrastinatives Unwesen treiben und sogar noch das destruktive Potential

des Weil vervielfältigen: Weil wenn wenn wenn das denn denn nicht wär, dann wäre dieser Satz vielleicht

redundant, jedoch das etablierte grammatische Verständnis ihm gegenüber berechtigterweise nicht

reluktant.

Viel Nonsens? Vielmehr ein verzweifelter Mahnruf zur Rehabilitierung des Denn in Konditionalsätzen! Denn (!!!) waren gruselige Weil-

Nebensatzkonstruktionen bis vor gar nicht langer Zeit vor allem noch Heidi Klum („Weil ich habe nur ein Foto für euch!“) vorbehalten und noch

so gar nicht á la Mode, so hat sich das konditionale Weil mit der Satzstellung des Denn vom schlechten hochhackigen Gewissen ganz dreist

ins birkenstocksche Durchschnittsbewusstsein hochkonditioniert und: etabliert! In einigen Tageszeitungen – und es werden immer mehr – wird

einem das Weil-Elend sogar schon ins Auge gedruckt. Auf Sprachwandel wird da verwiesen. Die Dynamik der gesprochenen Sprache. Doch

wie kann man von Dynamik sprechen, wenn diese sich durch die Elimination ihrer eigenen Kräfte lahm legt? Vielmehr könnte man hier von

einer ausgesprochenen Denkträgheit sprechen, ein mentales Zurücklehnen, welches dazu geführt hat, dass verbal – anstatt vorher einmal in

die Speisekarte zu gucken – mittlerweile fast nur noch Pommes, Pizza Margarita, Spaghetti Bolognese oder der gute, alte Döner bestellt wird.

Das geht schneller und ist bequemer, weil damit kann man ja nie was falsch machen.

Wiederbelebungsmaßnahmen des denn müssen her. Denn wenn das Wörtchen denn nicht wär, dann wäre die verbal-konstruktive Speisekarte

nur halb so aufregend, die Wahl würde nicht mehr schwer, sondern gar nicht fallen und irgendwann gäbe es wahrscheinlich gar keinen

Grund mehr, überhaupt irgendeinen Einwand einzuheben – weil dann wär ja sowieso alles egal. Und falls das plumpe Weil dem jugendlichen,

von einer orthographischen und phonetischen Schönheit nur so berstenden Denn (ein neckisches D mit einem lächelnden E und zwei

unbeschwerten N) trotzdem unerbittlich den Rang ablaufen sollte, hilft wohl nur noch ein Stoßgebet: Denn sie wissen nicht was sie tun!

KYBA Lounge

Vera Hölscher

Es gibt Menschen, die, ihrem Alltagsleben gleich, ihr Nachtleben aufs Genauste durchchoreographieren müssen. Diese Horrorszenarien

kennen wir alle, selbige scheinen sich eigentlich nur in den hinterher in sozialen Netzwerken hochgeladenen Fotos so richtig zu entfalten,

säuberlich unterteilt in Alben namens "Vorglühen mit den Mädels", "Kölle by night" und "Teatro mit den Mädels".

Wem der Gedanke, einem anständigen Absturz eine starke soziale Basis geben zu müssen, zuwider ist, wer lieber torkelt statt tanzt, in diesem

Zustand von einer gesunden Geschmacksresistenz ist und irgendwann am nächsten Tag noch mehr Klimpergeld als üblich in den löchrigen

Hosentaschen haben möchte, der lese jetzt aufmerksam weiter.

Vorneweg, ich zähle mich einfach mal zu letzterer Gruppe. Und als deren Exponent werde ich regelmäßig quasi magisch von der KYBA-

Lounge (vormals MADO-Lounge) angezogen.

Die ist zunächst mal auch betrunken schwer zu übersehen. Genau, das eklige Ding mit der vielen Neonreklame neben dem Rose-Club und

gegenüber vom Luxor. Genau, alles (alles!) nur ein Euro. Und genau, neunzig Prozent des Publikums Ossendorf-du-Otto-Klientel, hinterher

vom Wodka-Energy besoffen auf dem getunten Roller ohne Führerschein nach Bilderstöckchen zu Mama in die Platte. Na klar, regelmäßig

die Polizei vor der Tür, ein Euro mal zehn, bleibt selten ungesühnt. Und selbstverständlich haben wir das neue Bushido-, Rihanna- oder Lil'

Wayne-Album auch in voller Länge und Lautstärke.

Wem dieser ganze studentische Standesdünkel berechtigterweise ein Ärgernis ist und wer bei dessen aktiver Ablehnung auch noch richtig

betrunken werden will, besuche die KYBA-Lounge, Luxemburger Straße direkt vor der Bahntrasse, gegenüber Luxor.

Niklas Wandt

ZeitGeis 33


FeinSinn

Foto: Maiko Henning


Es scheint momentan, als ob dem Alter

durch körperlich wirksame Gegenmittel

wie der plastischen Chirurgie oder

durch die Betonung körperlicher Fitness

entgegengearbeitet werden muss. Das

Alter scheint eine Lebensphase zu sein,

deren Eintreten, wenn es denn schon

akzeptiert werden muss, möglichst

nicht sichtbar sein sollte. Gleichzeitig

scheint das Alter immer früher zu

beginnen. Schon mit Ende zwanzig kann

man sich als Frau schon mal das Lob

anhören, man habe sich "gut gehalten".

Dieser körperlichen Fixierung und

oberflächlichen Übertünchung werden

in der Philosophie introspektive Modelle

des Alterns entgegengehalten. Was

sagen also die alten Griechen und Römer

und andere Denker zum Alter?

Aristoteles teilt in seiner Rhetorik gemäß

Annika Franz das Lebensalter in drei

Bereiche, wobei der Körper zwischen

30 und 35 Jahren "auf der Höhe seiner

Kraft" befindlich sei.

Cicero setzt sich in seiner Schrift Cato

der Ältere. Über das Alter mit dem

dritten Lebensstadium auseinander:

"Wer nämlich in sich selbst nicht die

Voraussetzung dafür hat, gut und

glücklich zu leben, für den ist jede

Altersstufe beschwerlich". Cato, der

in Ciceros Schrift dazu befragt wird,

warum er sich nicht über sein Alter

beschwere, verweist laut Hans-Georg

Pott auf das antike Lebensideal, dass

in einer "guten Erziehung, Disziplin

und Charakterbildung jedes Einzelnen"

bestehe: "Doch liegt die Schuld von

solchen Klagen beim Charakter,

nicht beim Alter." Charakter und

Lebensführung gehen hierbei Hand

in Hand und machen das Alter trotz

körperlicher Beschwerden angenehm,

wenn sich die betreffende Person schon

zuvor darum bemüht hat, einen "guten

Charakter" auszubilden. Weiter wird in

Ciceros Schrift ausgeführt, dass für ein

angenehmes Alter neben der Bildung,

die dafür eine Voraussetzung ist, ein

gewisses finanzielles Vermögen nötig sei.

Auch in Platons Politeia kommt die

Vorstellung zum Tragen, dass sich die

Menschen mit gutem Charakter im

hohen Alter nicht beklagen würden:

"Sind sie geordnet und verträglich,

so sind auch die Beschwerden des

36 FeinSinn

Alters mäßig; wo nicht, so ist für einen

solchen, [...], auch Alter wie Jugend

beschwerlich." Plato zeigt durch die

hier zitierte Rede von Kephalos einen

Vorteil auf, den das Alter mit sich bringt,

nämlich das Abnehmen der Lust, der

"Quelle des Lasters". Hier kommt eine

Dichotomie von Geist und körperlichem

Begehren zum Tragen, die später auch in

der christlichen Ideenwelt Fuß fasst.

Schopenhauer bezichtigt wie Cicero

und Plato den Geschlechtstrieb in

seinen Aphorismen zur Lebensweisheit

als Nährboden der Entstehung von

Affekten und Wahnsinn, der den von

ihm befallenen Menschen erst nach der

Heilung davon wieder klar denken lässt:

"[...] so dass er erst nach Erlöschen

desselben ganz vernünftig würde." Das

Alter, so Hans-Georg Pott, werde nach

Schopenhauer frei von Leidenschaften

und somit frei für Erkenntnis und

Vernunft. Je mehr die Erkenntnis

im Bewusstsein vorherrsche, desto

glücklicher sei es letztendlich.

Doch das durch die antiken Denker

unter bestimmten Bedingungen wie

einem guten Charakter und einem

gewissen pekuniären Vermögen

als positiv dargestellte Alter erfreut

sich nicht in jeder Geschichtsphase

eines hohen Ansehens: In der Frühen

Neuzeit wurde das Alter, behaftet durch

den Makel des Verfalls, ähnlich den

Kindern, als Last angesehen. Annika

Franz begründet diese Abscheu mit

den Epidemien und Pestwellen im

15. und 16. Jahrhundert, durch die

die Sterblichkeit steil anstieg. Die im

17. Jahrhundert zu einem Höhepunkt

gelangte Missgunst alten Menschen

gegenüber wurde gemäß Franz durch

einen "Versittlichungsprozess" nach dem

Dreißigjährigen Krieg Einhalt geboten.

Nun wurde das Alter wieder mit Weisheit

und Würde gleichgesetzt.

In der künstlerischen Darstellung

wird die Lebenszeit in Phasen

verschiedener Anzahl eingeteilt. Ab

dem 12. Jahrhundert finde sich eine

Vierteilung der Lebensalter, orientiert an

den Jahreszeiten und der Lehre der vier

Körpersäfte. Eine Siebenteilung orientiert

sich an den sieben Planeten und den

Wochentagen. Ab dem 16. Jahrhundert

wird die Darstellung stufenartig

dargestellt. In diesen treppenförmigen

Veranschaulichungen geht es bis zur

Mitte des Lebens aufwärts, danach bis

zum Tode hin abwärts. Der mit dem

Alter verbundene Verfall findet hier also

künstlerischen Niederschlag.

Verwandt mit dieser Vorstellung ist

auch die Vanitas, die Eitelkeit oder

Vergänglichkeit. Die Vanitasvorstellung

geht mit dem Gedanken an den

Tod einher und bildet einen festen

Bestandteil philosophischen und

christlich-religiösen Denkens.

Besonders im 16. und 17. Jahrhundert,

in der Epoche des Barock, wird die

Vergänglichkeit künstlerisch dargestellt

und bildet somit einen Gegenpol zur

eigentlich prunkvollen Gestaltung. Den

irdischen, materiellen Gütern werden die

christlichen Tugenden entgegengesetzt,

die gemäß der christlichen Lehre nach

dem Tod unsterblich sind. Geistige

Tugenden, die dem Alter trotzen, erinnern

an die positiven Charaktereigenschaften,

die gemäß Plato und Cicero das

Alter erleichtern. Mit der barocken

Vanitassymbolik war intendiert, den

Menschen an den Tod zu erinnern, damit

er sich von weltlichen Gütern distanziert

um der göttlichen Bestrafung zu

entrinnen. Durch eine Gegenüberstellung

schöner und welker, vergangener

Dinge sowie durch Inschriften wie dem

"Memento mori" (Gedenke zu sterben)

oder "Vanitas vanitatum" (Alles ist eitel)

wurde der Betrachter an seinen eigenen

Tod erinnert und zur Selbstreflexion

animiert.

Auch der Stoiker Seneca hielt angesichts

einer begrenzten Lebenszeit die Lösung

einer lohnenden Nutzung des Lebens

bereit. "Wir haben nicht zu wenig Zeit,

aber wir verschwenden zu viel davon",

schreibt Seneca in Vom glückseligen

Leben und plädiert für eine oikonomia,

einen rational unterteilten Zeitplan, der

hochgradig selbstbestimmt sein sollte,

denn: "Niemand wird dir die Jahre

wieder schaffen, niemand dich dir selbst

zurückgeben". Ein Zeitbewusstsein

führe bei Seneca, so Hans-Georg Pott,

auch zum Selbstbewusstsein. Denn

dadurch, dass man seine Handlungen

nicht der Befriedigung von Begierden

unterwerfe, finde man Zeit, zu sich selbst

zu kommen. Durch die Beschäftigung

mit Weisen aus der vergangenen

Altern mal philosophisch

Zeit durch die Lektüre ihrer Schriften

könne man, rät Seneca, der eigenen

Zeit sogar die Lebenserfahrung

und somit die Lebenszeit anderer

hinzufügen. Besonders im Alter sei

das Erinnern an die Vergangenheit,

das "Zusammenfassen aller Zeiten in

eine" ein lebensverlängernder Faktor.

Schwierig an diesem Modell des Alterns

ist der elitäre, in sich gekehrte und von

der Gesellschaft abgewandte Aspekt.

Diese Absonderung wird von Kant in

seiner Kritik der Urteilskraft, wie Pott

beobachtet, als positiv erachtet. Sich

selbst genügend, flieht der Mensch

nicht die Gesellschaft, sondern

braucht sie lediglich nicht. Er ist

unabhängig. Durch die enttäuschende

Erkenntnis, dass die Menschen

durch ihre negativen Eigenschaften

kein Wohlgefallen auslösen, da sie

nicht so sind, wie sie idealerweise

sein könnten, werde der Wunsch der

Distanzierung geschürt. Der junge und

erwachsene Mensch stehe jedoch

trotzdem in einem Spannungsverhältnis

zwischen gesellschaftlichen Leben

und Eremitentum, da er sich nicht nur

von der Gesellschaft abspalten kann,

sondern gerade durch die Bewegung

in der Gesellschaft Kultur und Moral

ausbilden müsse, wodurch er "seinen

Hang zur Faulheit" überwinden kann.

Im Alter jedoch ist Müßiggang Kant

gemäß erlaubt, da der Mensch sich

in diesem Lebensstadium nicht mehr

in die Anerkennungsverhältnisse der

Gesellschaft begeben muss. Nun

kann er zu Recht ungesellig sein, denn

es ist nun nicht mehr nötig, in die

Wechselbeziehung mit der Gesellschaft

zu treten und seine Kraft anzustrengen,

um Anerkennung zu erlangen. Dem

alten Menschen sei das interessenlose

Wohlgefallen angemessen.

Auch Schopenhauer greift Kants

Misanthropie im Kapitel Vom

Unterschiede der Lebensalter in den

Aphorismen zur Lebensweisheit auf.

Jeder vorzügliche Mensch würde

ab seinem vierzigsten Lebensjahr

"von einem gewissen Anfluge von

Misanthropie schwerlich frei bleiben".

Ohne gesellschaftliche Anerkennung

erkämpfen zu müssen, sei es dem alten

Menschen möglich, "im Gleichnis leben

zu dürfen", was gemäß Pott zum Beispiel

heißen könne, wie ein Künstler zu leben,

ohne Künstler sein zu müssen. Von der

Welt durch seine Erfahrungen enttäuscht,

muss der alte Mensch nicht mehr

sehnsüchtig erhoffen und zu erreichen

trachten, was sich junge Menschen an

Hirngespinsten aufgebaut haben. Anstatt

eines Strebens nach Glück stelle sich

Zufriedenheit ein.

Die Betrachtungen der "alten" Denker

bilden einen Gegenpol zu einem

äußerlich-körperfixierten Jugendwahn

und lenken die Aufmerksamkeit auf die

menschliche Introspektion, das Arbeiten

an sich selbst und die geistige Bildung.

Iris Sygulla / Bild: Maiko Henning

FeinSinn 37


SMS-Blog

Guck dir mal den

Artikel auf Seite 15

an. Da wird ueber

Cougars berichtet!

38 FeinSinn

Alles Gute zum 25.

Geburtstag. Geniess

die naechsten

Jahre, du gehst

stark auf die 30 zu.

Bin auf dem Weg.

Hetz nicht so, man

wird schliesslich

auch nicht juenger!

Christiane Mehling / Bild von Maiko Henning

FeinSinn 39


Iris

40 FeinSinn

Mit Würde und Musik altern. "Feinsinn altert" – Die Playlist

Udo Jürgens – Mit 66 Jahren

Young At Heart – Should I Stay Or Should I Go

Frank Sinatra – Young At Heart

The Beatles – When I'm Sixty-Four

Alphaville – Forever Young

Leroy Anderson - Old MacDonald Had A Farm (1949)

Peter Fox – Haus am See

Frank Duval & Orchestra – Titelsong "Der Alte"

Alan Menken und Howard Ashman – Unter dem Meer

(aus dem Walt Disney-Film "Arielle, die Meerjungfrau")

James Watson – Auld Lang Syne (1711)

Sonic Youth – What A Waste

Sam Cooke – Wonderful World

.... sowie alles aus dem Repertoire von Johannes "Jopi" Heesters (105)

Foto: Maiko Henning

FeinSinn 41


Je älter man wird, umso mehr ähnelt man sich selbst.

FeinSinn

Wir haben ja jetzt ein gemeinsames Konto.

Und eine Putzfrau.

Beim Ärzte-Konzert bleiben wir dann hinten -

da ist der Sound viel besser.

Auf Partys schlafen im Jackenraum die Kinder.

Wird langsam eng da drin.

Spätestens um elf tapst eins in die Küche.

Mach doch mal die Zigarette aus.

Verräterische Spuren im Gesicht.

Freud, Leid, Cholesterin.

Immer positiv denken: endlich Gesichtszüge.

Vielleicht hör ich doch mal mit dem Rauchen auf.

Und diese ewigen Umzüge.

Das muss doch mal aufhören.

Wenn ich jetzt noch mal ins Ausland gehe,

komm ich nicht mehr zurück.

Je älter man wird, umso mehr ähnelt man sich selbst.

Das hat Maurice Chevalier gesagt.

84 ist der geworden.

Na, wenn das mal keine Motivation ist.

Christopher Dröge / Bild : Corinna Kern

Fotostrecke

Alte Objekte / von Corinna Kern

von Christiane Mehling

FeinSinn


FeinSinn

FeinSinn


46 FeinSinn

FeinSinn 47


48 FeinSinn

Die Kunst des Überlebens

„Mal sehen.“ dachte er sich. Dann nahm er die Schraube

und drehte sie langsam in das dazugehörige Loch.

Sie passte genau. Es gab zwar ein paar knirschende

Geräusche, während er so drehte, aber sie passte.

Sofort ging er ein paar Schritte zurück, um sein fertiges

Werk zu betrachten. Es sah nicht nach dem aus was es

hatte werden sollen, aber es sah nach etwas aus. Und das

war schließlich die Hauptsache. Er nahm es in die Hand

und drehte es vorsichtig. Sein Lebenswerk. 84 Jahre harte

Arbeit und nun war es vollbracht. Es hatte Ecken, Kanten

und Löcher. War weder rund noch eckig, weder glatt noch

rau. 84 Jahre lang war es. Und hier schloss sich der Kreis.

Die letzte Schraube verband Anfang und Ende.

Alles in allem war es ordentlich, was er geleistet hatte.

Na gut, die Teile der letzten Jahre waren nicht mehr so

spannend und schön, wie die zuvor. Aber jedem Künstler

gingen irgendwann einmal die Ideen aus. Und war nicht

jeder Mensch ein Künstler oder jeder Mensch sollte dies

wenigstens nachvollziehen können? Oder sogar mithelfen?

Ein Lebenswerk sollte nie allein geschaffen werden.

Er sah sich alles noch mal an. Die Kindheit. Größtenteils

glücklich, in vielen Farben, zu Beginn noch völlig willkürlich

gestaltet, dann irgendwann immer bewusster, zielstrebiger.

Die Schule, vormittags Tristesse, nachmittags vor allem

das Fußballtraining. Farbübergänge und Variationen

der Pubertät, die vor Geschmacklosigkeit kaum zu

überbieten waren. Die Knieverletzung, die ihn seine

vielversprechenden Anfänge hatte aufgeben lassen,

war als blutiger Riss zu sehen. Der Schulabschluss, die

Ausbildung, beides eher graue Felder, die vernachlässigt

worden waren.

Da waren die Einflüsse von Beate gewesen. Das sah man

ganz deutlich. Die kleinen Wellen, die Auf und Ab`s, die

sie verursacht hatte. Die glücklichen Zeiten, wenn sie

an irgendwelchen Seen lagen und die schlechten, kurz

nachdem sie das Kind abgetrieben hatten, dass ihnen in

ihr junges Leben springen wollte. Seinen ungeborenen

Sohn fand er immer wieder in seinem Lebenswerk, eine

dünne, schwarze Linie, die sich durchzog. Von Beate

trennte er sich kurz nach der Abreibung. Monatelang war

ihm nichts anderes eingefallen als etwas kantiges, raues

mit großen Lagen darüber zu kleben, alles zu vertuschen.

Aber dadurch sah man es nur noch deutlicher. Trotzdem

war immer diese kleine, bunte Unternote, die Holger, sein

bester Freund damals, seinem Werk verliehen hatte, da.

Sie zog sich durch all die Jahre der Arbeit hindurch.

Arbeit, ja Arbeit, das war auch ein Punkt. Als Friseur hatte

er angefangen. Das sah man. Am Anfang hatte er alles

ganz dünn geschnitten. Er hatte vor Kreativität gesprüht.

Dann hatte er sich verselbstständig, genau wie sein

Werk. Das sah man auch. Es war erwachsener geworden,

vernünftiger, bodenständiger, aber auch ängstlicher.

Den gewaltigsten Einschnitt hatte jedoch Marie verursacht.

Eine große Kerbe war in seiner Arbeit zu sehen. So

deutlich wie nichts anders. Die wahre, die große Liebe.

Dann sah man ihre erste Nacht zusammen, die Verlobung,

den Hochzeitstag. Glückliche Kunst. Das war alles schon

so lange her. Da war die Arbeit gerade mal 34 Jahre alt

gewesen. Bist Mitte 50 war sie ruhiger geworden. Oft nur

alltägliche, langweilige Stellen. Und trotzdem war es immer

spannend. Die einzelnen, besonderen Tage, die bunt

hervor stachen und mit Erinnerungen winkten.

Voller Bewunderung strich er noch einmal über das

Gemisch verschiedener Holz- und Metallarten. Über das

Plastik, den Stoff, das Styropor und die Tapete. Dann

schloss er die Augen. Als er sie wieder öffnete, fand er

sich in seinem Bett wieder. Marie war über ihn gebeugt.

Sie strich ihm durchs Haar. „Bald hast du es geschafft,

Liebster.“ flüsterte sie in sein Ohr. „Ich weiß“, sagte er.

„Es ist fertig. Die letzte Schraube hat gepasst.“

Simeon Buß / Bild von Maiko Henning

FeinSinn 49


KörperKultur

Foto: Corinna Kern


Lindy-Hop

oder wie Tänzer durch Ballsäle iegen

Lindy-Hop bringt Köln zum swingen! In einem kleinem Tanzsaal in der Nähe des Westbahnhofs

treen sich mehrmals die Woche etliche Tanzwütige, um der Musik und den schwarzen Swinggrooves

des New Yorks der dreißiger und vierziger Jahre zu frönen.

Foto: Hobspot

KörperKultur

Infokasten

Info über Partys und Training bei Hopspot:

www.cologne.hopspot.eu

Campussport „Lindy-Hop“:

www.campussport-koeln.de

Hochschulsport „Swing“:

www.hochschulsport-koeln.de

Esther und Bernd haben den Lindy-Hop,

eine Mischung aus verschieden Jazz-

Tanzstilen, wie Charleston, Break-Away

und Step-Tanz, ins Rheinland gebracht.

Die beiden sind durch einen Zufall zu dem

lange in Vergessenheit geratenen Tanz

gekommen. Nach einem „Dick Brave & the

Backbeats“ Konzert waren das Modell und

die Hebamme von den Outfits und dem

swingenden Beat so begeistert, dass sie

selbst Lindy-Hop lernen wollten. Ihr Wunsch

ließ sich aber nicht im Handumdrehen

erfüllen, denn in der Region um Köln

wurden bis dahin keine Tanzkurse dieser Art

angeboten. Das Paar begann eine Reise an

die verschiedensten Orte der Welt, um dort

an Workshops teilzunehmen. In Italien, der

Schweiz, Schweden und den USA tanzten

die beiden, bis sie die Dreh raus hatten und

sich zu den typischen „six-counts“ oder

„eight-counts“ Takten bewegen konnten.

Lindy-Hop lässt Freiraum für

eigene Variationen

Die Leichtigkeit und Freude, die Zuschauer

und Tänzer gleichermaßen begeistert,

wird durch die Freiheit zur Improvisation

beim Tanzen vermittelt. Takt und

Drehungen sind zwar vorgegeben, aber

die Schrittfolge lässt Möglichkeiten zu

eigenen Figuren offen. Lindy-Hop wirkt

geradezu lässig im Vergleich zu anderen

Tanzstilen, die in unseren Breitengraden

getanzt werden – vielleicht auch, weil es

keine über Jahrzehnte geprägte Tradition

in den Tanzschulen gibt, die viele andere

Paartänze so bieder erscheinen lassen.

Esther und Bernd haben keine offizielle

Tanzlehrerausbildung absolviert und

trotzdem eröffneten sie Anfang des Jahres

2006 ihre erste eigene Tanzschule in

Köln. Einerseits will das Paar ihr in den

internationalen Workshops erlerntes Wissen

weitergeben, andererseits die Lust am

Swing teilen. So bedauert es die drahtige

Hebamme auch nicht, dass sie mit den

Kursen, die sie zusammen mit ihrem Mann

gibt, kaum etwas verdienen und beteuert

das auf kölsche Art: „Es geht uns um den

Spaß an der Freude!“

Swingen in Krisenzeiten

Lindy-Hop wurde in den zwanziger Jahren

des letzten Jahrhunderts zunächst in

New York nur von der afroamerikanischen

Bevölkerung getanzt. Sie kreierte aus

westafrikanischen Tänzen und Jazz, einen

neuen amerikanischen Tanzstil für die

Ballsäle in den großen Städten. Das New

Yorker „Savoy“ wurde zur ersten Adresse für

Lindy-Hop-Tänzer und Swing-Bands. Nach

der weltweiten Wirtschaftskrise im Jahr

1929 erlangte der Tanz eine immer großer

werdende Popularität, auch die weiße

Bevölkerung wirbelte nun zu schwarzer

Musik über die Tanzflächen. Lindy-Hop hat

seinen Namen Charles Lindbergh und einer

Zeitungsschlagzeile zu verdanken, die sich

auf dessen Flug über den Atlantik bezog:

„Lucky Lindy hops the Atlantic“. So hüpfte

Lindbergh über den großen Teich, während

die Jugend über die Tanzflächen flog.

Das Revival in Schweden

Foto: Hobspot

Knapp vierzig Jahre nach seiner Blütezeit

erlebte der Lindy-Hop in Schweden ein

Revival, das sich in ganz Europa und den

USA bemerkbar machte. Seit den achtziger

Jahren war es wieder schick, die Kleidung

im Stil der damaligen Zeit zu tragen und

sich zu den Klängen der schwarzen Musik

paarweise über die Tanzflächen zu drehen.

Die Kölner Lindy-Hop-Tänzer erscheinen

zum Training in normaler Straßenkleidung

und erinnern keineswegs an die Bilder des

„Savoy-Ballrooms“. Esther unterscheidet

aber: „Es gibt Styler und es gibt Tänzer!“

Trotzdem freuen sich auch einige

passionierte Tänzer, wenn sie sich bei den

regelmäßig stattfindenden Partys in Schale

schmeißen und tanzenden Fußes ein Stück

Swing-Nostalgie zelebrieren können.

KörperKultur

Kathrin Mohr


Foto: Corinna Kern

Deutschland – Land der Dichter und Denker. Den Hüschwung haben wir wohl eher nicht erfunden. Da wir

jedoch lernwillig sind, lassen wir uns nun von einem Tanzeber packen, dessen Ursprung dort zu nden ist, wo

an tropischen Stränden Rum aus Kokosnüssen geschlür wird, während am Horizont die rote Sonne im Meer

versinkt und braun gebrannte Mädchen in knappen Bikinis sich hüwiegend zu Tambora-Rhythmen bewegen.

Wer in Köln einen Hauch dieses tropischen

Lebensgefühls erfahren will, braucht

dafür keine zwei Wochen Urlaub auf Kuba

zu buchen. Köln ist Kuba! Zumindest

der Anzahl der diversen gleich- und

ähnlichnamigen Bars rund um die Ringe

nach zu urteilen. Und was tanzt man auf

Kuba? Salsa natürlich. Der berühmte Tänzer

Fred Astaire hat einmal gesagt: „Anmut

und Schönheit paaren sich beim Salsa mit

Leidenschaft und Lebensfreude". Salsa ist

mehr als bloß ein Tanz, eine festgelegte

Schrittabfolge zu einem bestimmten

Rhythmus. Salsa ist getanzte Verführung,

ein nicht ausgesprochenes Versprechen,

Leidenschaft, Erotik pur, wahres „dirty

dancing“! Dies wissen wir spätestens

seit Patrick Swayze und Jennifer Grey im

gleichnamigen Film die verbotene, heiße

Sohle aufs Parkett legten und uns vor dem

Fernsehgerät ungezügelt zum Schmachten

verleiteten.

Die tanzten zwar Mambo – doch dies ist nur

eine der vielen Wurzeln des Salsa.

Der Begriff stammt übrigens aus dem

Spanischen, bedeutet "Soße" und

bezeichnet eine Mischung verschiedener

karibischer Rhythmen, Musik- und Tanzstile.

Stark vom kubanischen Son beeinflusst,

entstand die "Salsa" in New Yorks

lateinamerikanischem Viertel "El Barrio" in

den frühen sechziger Jahren. Die in den

Staaten lebenden Latinos, vor allem aus

dem karibischen Raum, kombinierten die

KörperKultur

unterschiedlichen Klänge und Tänze ihrer

Heimatländer so miteinander, dass ein neuer

Stil entstand.

Rasant verbreiteten sich die heißen

Rhythmen zunächst in Amerika,

später in der ganzen Welt. Salsa

ist eine Musikrichtung, die sich

ständig weiterentwickelt. Die neusten

Errungenschaften stellen der Salsa - Rap,

Techno-Merengue und Reggaeton dar.

Die Gruppe der Kölner Salsaleros und

derer, die es einmal werden wollen, ist so

heterogen wie die Kölner Bevölkerung an

sich. Die Kölner Salsa-Szene bietet jedem

eine Nische. Partys, die an so gut wie jedem

Tag der Woche in den zahlreichen, meist

lateinamerikanischen Bars, Restaurants

und Clubs stattfinden, ziehen das

unterschiedlichste Publikum an.

Während sich im altbekannten „Petit

Prince“, einer der ersten Salsa-Diskos in

Köln, seit jeher eher das junge Partyvolk

trifft, um zu Salsa und Reggeaton nicht

nur zu tanzen, sondern vor allem zu feiern,

steht woanders vor allem der Paar-Tanz im

Vordergrund. Auf den Partys, die einmal im

Monat in von Tanzschulen angemieteten

Sälen veranstaltet werden, beispielsweise

im „StadtRaum“ im Belgischen Viertel,

stellen die Tanzschüler, meistens in

Pärchenform, ihr frisch angeeignetes

Salsa-Können dar. Willkommen sind jedoch

auch Nicht-Salsa-Schüler. Zu Beginn der

Party können Ungeübte einen kostenlosen

Schnupperkurs absolvieren.

Die „Lutherkirche“ in der Südstadt ist das

neue Mekka der Salsa-Gemeinde. Erst vor

einem knappen Jahr ins Leben gerufen, ist

die Party in dem evangelischen Gotteshaus

schon jetzt Kult. Da ist im Innenraum der

Kirche schon mal die Hölle los, wenn DJ

Gerd am Altar sein Mischpult aufbaut.

Das „Havana“ am Barbarossaplatz ist ein

Klassiker unter den Kölner Salsa-Bars

und Stammlokal vieler Latinos. Ähnliches

Latin-Fieber kommt samstags im „Olé“ am

Friesenplatz oder dienstags im „Gonzalez &

Gonzalez“, mexikanisches Restaurant und

Cocktailbar an der Aachenerstraße auf, wo

Orlando von der Tanzschule „Salsa in the

City“ mit seiner sexy Damen-Truppe die

Stimmung anheizt.

Für diejenigen, die es gediegener mögen

und übervolle Tanzflächen lieber meiden,

ist der Ehrenfelder „Nonni-Club“ ein

Geheimtipp. Auch wenn es dort meist

überschaubar zugeht, kann man sich auch

ohne Tanzpartner unbesorgt hintrauen.

Zum Tanzen aufgefordert wird man mit

Sicherheit – ganz ohne plumpe Anbaggerei.

Da im „Nonni-Club“ momentan kein

Schnupperkurs angeboten wird, sollte man

auf alle Fälle zumindest die Grundschritte

des Salsas beherrschen. Julia Brand

Wer nun ein wenig

Lust geschnuppert hat,

dem sei hier ein kleiner

Überblick über die

Kölner-Salsa-Szene

gegeben:

Salsa im Internet:

www.salsa-macht-spass.de

umfangreicher Partykalender für Koblenz,

Siegen, Bonn und Köln

www.salsa-tiger.com

Partykalender, Tanzpartnerbörse, Musik-

und CD-Tipps, weltweiter Festival-Kalender

www.latin-cologne.de

Veranstaltungskalender für das Salsaboot,

Salsa in der Lutherkirche, Herbrands und

Havana, Salsa-MP3-Download

www.salsa-koeln.de

Salsa-Portal für Deutschland und Österreich

Salsa-Schulen:

www.la-danza.de

Engelbertstr 29,

50674 Köln

www.tanzschule-dresen.net

Salierring 33,

50677 Köln

www.zeughaus24.de

Zeughausstr. 24,

50667 Köln

www.omilaye.de

Keplerstr. 9-11,

50823 Köln-Ehrenfeld

www.tanzschule-koeln.de

Weißhausstr.21,

50939 Köln-Sülz

www.campussport-koeln.de

Salsa in der Uni-Mensa

www.hochschulsport-koeln.de

www.salsa-tiger.com

Salsa in der Uni-Mensa mit Rüdiger

Salsas-Parties/Schnupperkurse:

Rumbar,

Friesenwall 120,

(www.rumbar.eu)

dienstags ab 21 Uhr

Havana,

Salierring 44,

(www.havana-koeln.de)

sonntags ab 18 Uhr

Herbrands,

Herbrandstr.21,

(www.herbrands.de)

jeden 1.und 3.Freitag Salsa

Petit Prince,

Hohenzollernring 90

(www.petitprince.de)

Di., Mi., Sa., Gratis-Salsakurs

Olé,

Friesenplatz 15,

(www.ole-koeln.de)

jeden Samstag Gratis Salsakurs

von 22-23 Uhr

Gonzalez & Gonzalez,

Aachenerstr.52,

jeden Dienstag ab 20.45 Uhr

Goldschläger,

Hans-Böckler-Platz 1-3

(www.goldschlaeger.com)

freitags ab 21:15

La Danza Dos,

Moltkestr. 79,

meist 2. Samstag im Monat ab 20.30 Uhr

Alteburg,

Alteburgerstr. 139,

meist 4.Samstag im Monat ab 20.30 Uhr

Opernterrassen,

Brüderstraße 2,

einmal im Monat ab 21.15 Uhr

Two Orange,

Zülpicherstr. 8,

freitags ab 21 Uhr

Bad habits,

Friesenstr.41,

1. und 3. Freitag des Monats ab 21 Uhr

Nonniclub,

Helmholzplatz 11,

freitags ab 22 Uhr

Do ! Julia Brand

1. Üben, üben, üben! Um schnell

Fortschritte zu machen das im Kurs erlernte

ruhig ein-, zweimal die Woche in der Praxis

ausprobieren. Gerade als Anfänger! Schämt

euch nicht und GEHT zu den Salsa-Partys!

2. Auf der Tanzfläche bitte möglichst kleine

Schritte machen, so dass auch noch andere

neben euch Platz haben!

3. Als Frau: lass dich führen! Als Mann:

Emanzipationsfreie Zone! Hier darfst du

nicht nur führen, sondern musst es!

4. Deo! Beim Salsa kommt man definitiv

ins Schwitzen und riesige Schweißflecken

unterm Arm sind gerade bei den

zahlreichen, sich offenbarenden Drehungen

gar nicht sexy!

5. Gute Laune! Stellt sich beim Salsa meist

ganz automatisch schon mit der Musik ein!

Falls nicht: Vielleicht bist du besser auf einer

Metall-Party aufgehoben…?!

Don't !

1. Nein, übertrieben ausladendes

Hüftwackeln und Po-Rausstrecken ist nicht

sexy, sondern erinnert eher an Ententanz.

Beim Salsa ergibt sich die Hüftbewegung

ganz allein aus den Schritten!

2. Zu nah auf die Pelle rücken! Respektiere

den Tanzbereich deines Partners – auch

der Fußgesundheit wegen. Wer ganz

auf Tuchfühlung gehen will, tanzt lieber

Bachata!

3. Fall-, und Hebefiguren sowie andere

gewagte Showeinlagen à la Dirty Dancing

bitte erst ab Level „Fortgeschritten“! Könnte

böse enden...

4. Eifersucht - beim Salsa ist

Partnerwechsel angesagt!

5. Speziell für Anfänger: Auch wenn eure

Füße eine gerade zu hypnotische Wirkung

auf euch ausüben - versucht einfach mal

den Blick zu heben, die Aussicht ist viel

schöner da oben!

KörperKultur


StaatsKunst


Beziehungsempfehlungen

der Präsidentengattin

Sie verkörpern die perfekte Ehe:

gutaussehender Mann, schöne

Frau, zwei süße Kinder, ein

schönes Haus und ein niedlicher

Hund. Das sind sie, die Obamas.

Er Präsident der Vereinigten Staaten, sie

erfolgreiche Anwältin, Mutter und starke

Ehefrau. Als die beiden vor einiger Zeit

öffentlich über Höhen und Tiefen ihrer

Ehe sprachen, da munkelte man, sie

hätten Probleme. Dabei hat die First Lady

nur einige Ratschläge für die richtige

Partnerwahl gegeben. Aber mal ehrlich, da

war nichts dabei, was nicht schon allgemein

bekannt gewesen wäre. „Wenn man mit

einem Mann zusammen ist, sollte man

sich immer gut fühlen“. Und genau diesen

Eindruck vermitteln die beiden auch immer

– den einer perfekten Ehe. Bewundernswert

sind die beiden.

Warum kriegen wir eigentlich nie

Beziehungsratschläge von Herrn und Frau

Merkel? Vielleicht, weil sie als Paar „nicht

so viel hermachen“, oder weil die beiden

einfach nicht so medienwirksam sind? In

Deutschland sind politische Affären sachlich

und nicht menschlich. Bei uns gibt es keine

Bundeskanzler, die wegen eines oralen

Vorfalls aus dem Amt gedrängt werden

und keine Kanzlergatten, die uns in aller

Öffentlichkeit Tipps für eine erfolgreiche Ehe

geben. Schade eigentlich

Der Koalitionsvertrag

Die schwarz-gelbe Regierung sagt der

Bildungsarmut in Deutschland den Kampf

an, so steht es jedenfalls in dem 133

Seiten starken Koalitionsvertrag. Dieses

Vorhaben der noch frisch gebackenen

Koalition betrifft nicht nur Kinder im

Vorschulalter, Auszubildende und Schüler,

sondern auch Studenten und solche die

es werden wollen. Diese sollen künftig aus

Geldmangel nicht daran gehindert werden,

Politikrückblick

Müssen wir denn wirklich knapp drei

Wochen vor Weihnachten noch schlechte

Nachrichten erwarten? Hoffentlich nicht!

Zeit für einen politischen Rückblick auf das

Jahr 2009. Dieses Jahr galt als Superwahljahr:

Europawahl, Bundespräsidentenwahl,

neue Regierung und neue alte Kanzlerin.

Politische Phänomene wie die Piratenpartei

58 StaatsKunst

ein Studium zu beginnen. Unterstützen

will sie die Regierung dabei mit Bafög,

Bildungsdarlehen und Stipendien. Die

Informationen darüber sollen zukünftig

sogar schon in der Schule im Rahmen

einer verbesserten Berufsberatung bekannt

gemacht werden. Das soll nicht nur

deutschen Studierenden zu Gute kommen,

auch für ausländische Studenten sollen

unsere Hochschulen attraktiver werden.

und das einjährige Jubiläum von Obama.

Etwas zu feiern gab es auch: 60 Jahre

Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre

Mauerfall. Das ist alles überstanden. Jetzt

bleibt abzuwarten, was politisch im Jahr

2010 auf uns zukommt.

Jasmin Dienstel

Frauen dürfen sich ebenfalls freuen: Die

neue Regierung will die Chancen für das

weibliche Geschlecht in Wissenschaft und

Forschung verbessern. Deutschland soll

zur „Bildungsrepublik“ werden. Das klingt

ja alles sehr gut. Aber die Mühlen mahlen

langsam, schauen wir in den nächsten

Jahren mal, was sich bis dahin bewegt hat.

Jasmin Dienstel

Bildungsstreik in Köln – die Uni verriegelt Vorlesungen

(ohne Bescheid zu geben)

Magnifizienz, sehr geehrter Herr Kollege

Freimuth,

die Universität Köln erlebt in diesen Wochen

der Studierenproteste stürmische Zeiten

und ich kann vermutlich nur ahnen, wie

schwierig es für Sie ist, das Schiff unserer

(?) Universität durch diese stürmische See

zu steuern.

In diesem Zusammenhang muss ich Ihnen

leider von einem Vorfall berichten, der sich

gestern Abend in der Aula II während meiner

Vorlesung „Einführung in die Psychologie“

zugetragen hat.

Nach ca. einer Stunde (d.h. gegen

17:00) betraten sechs bis acht finster

dreinschauende Gestalten die Aula,

postierten sich vor den Türen und schlossen

diese von innen ab. Einer Studierenden, die

zu diesem Zeitpunkt auf der Toilette war,

wurde im Anschluss der Zugang zu meiner

Vorlesung verwehrt.

Später stellte sich heraus, dass es sich

bei diesen Männern um Angehörige einer

privaten „Security Firma“ handelt, die

von Ihnen angemietet wurden, um eine

Besetzung der Aula durch protestierende

Studierende zu verhindern.

Leider hätte man sich diese Menschen auch

als Saalschutz bei einer NPD-Veranstaltung

vorstellen können.

Auf meine Nachfrage, was sie da täten,

wurde mir höhnisch grinsend mitgeteilt,

dass nach meiner Vorlesung (d.h. um 17:30)

„Bauarbeiten“ in der Aula begännen. Auf

weitere Nachfrage wurde mir jede weitere

Information verweigert.

Können Sie sich vorstellen, welches Gefühl

der Bedrohung und Beklemmung sich bei

den ca. 300 Studierenden eingestellt hat?

Nach weiteren 10 Minuten ging einer dieser

„Saalschützer“ gemächlichen Schrittes quer

durch die Aula vor meinem Rednerpult von

der einen auf die andere Seite.

Dies führte zu einer erneuten und massiven

Beeinträchtigung des Vorlesungsbetriebs

und konnte sowohl von mir als auch den

Studierenden nicht anders denn als pure

Provokation verstanden werden.

Auch im Anschluss an die Vorlesung

(die in den letzten 30 Minuten keine war,

weil sowohl die Studierenden als auch

ich selber im höchstem Maße abgelenkt

waren), blieben die Türen des Hörsaals

verschlossen und die 300 Menschen im

Hörsaal durften diesen lediglich durch eine

Türe verlassen.

Lassen Sie mich dazu das Folgende

festhalten:

1) Es ist mir vollkommen unverständlich,

dass ich als Dozent dieser Veranstaltung

nicht zuvor über diese Maßnahme des

Rektorats informiert wurde.

2) Die 300 Teilnehmer dieser Veranstaltung

sind Studierende der WiSo-Fakultät,

die sich ganz überwiegend nicht an

Hörsaalbesetzungen und ähnlichen illegalen

Aktionen beteiligen. Als Kommentar

auf dieses ganze Geschehen äußerte

Prof. Dr. Detlef Fetchenhauer ist der Direktor des Instituts für Wirtschas- und Sozialpsychologie an der Universität zu Köln

ich in meiner Vorlesung, der derzeitige

Protest eines Teils der Studierenden habe

nach meiner Meinung durchaus etwas

Kindisches, aber man könne andererseits

auch kein erwachsenes Verhalten von

Studierenden erwarten, wenn man sie

wie Kinder behandelt. Die Reaktion der

Studierenden auf diesen Kommentar zeigte

mehr als deutlich, dass das Rektorat durch

solche Maßnahmen wie gestern während

meiner Vorlesung auch solche Studierende

zu Gegnern der Universitätsleitung macht,

die dies zuvor in keiner Weise gewesen

sind.

3) Hat die Universität es wirklich nötig, sich

vor ihren Studierenden durch den Einsatz

privater Sicherheitsfirmen zu schützen? Ich

finde es schon bemerkenswert, dass wir die

Besetzung von Hörsälen durch Studierende

dadurch verhindern, dass wir sie selber

besetzen – bzw. durch angeheuertes

Personal besetzen lassen, das ansonsten

als Türsteher vor Diskotheken arbeitet.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie auf

dieses Schreiben reagieren würden.

Am Überzeugendsten fände ich es, wenn

Sie in der nächsten Vorlesung (am 17.

Dezember) die Gründe für Ihre Aktion den

Studierenden persönlich erläutern könnten.

Ich möchte Sie hiermit ganz herzlich dazu

einladen.

Mit den besten Grüßen,

Ihr Detlef Fetchenhauer

StaatsKunst 59


Impressum

Herausgeber: Verein zur Förderung studentischen Journalismus Köln e.V.

www.vfsjk.de

ViSdP Niels Walker

Chefredaktion: Niels Walker

Art Direction: Sebastian Herscheid

Bildredaktion: Corinna Kern

Redaktion/Lektorat: Simeon Buß, Julia Brand, Veronika Czerniewicz, Jasmin Dienstel,

Marcel Doganci, Christopher Dröge, Felix Grosser, Sabina Filipovic,

Vera Hölscher, Sarah Kaes, Annika Kruse, Christiane Mehling, Kathrin Mohr,

Iris Sygulla, Niklas Wandt, Christine Willen

Gestaltung/Layout: Sven Albrecht, Sara Copray, Elisa Hapke, Sebastian Herscheid, Nina Schäfer,

Elisabeth Weinzetl

Online: Karin Hoehne

Fotografie: Sven Albrecht, Zora Beer, Simeon Buß, Veronika Czerniewicz, Elisa Hapke,

Maiko Henning, Sarah Kaes, Corinna Kern, Christiane Mehling,

Elisabeth Weinzetl, Daniel Wirth

Leitung d. Ausbildung: Kathrin Mohr

Website: www.meins-magazin.de

Erscheinungsweise: monatlich

Ok, gealtert sind wir schön, was bleibt da noch übrig? Wir überlegen uns einen Neuanfang -

gute Vorsätze haben wir sicherlich genug. Aber wie toll wäre es eigentlich, wenn wir wüssten

wie unser Leben wäre, hielten wir unsere Vorsätze auch ein? Wie das Leben sein könnte und

wie es abseits des Lebens ist - FeinSinn träumt!

Wenn Weihnachten vorbei ist kommt der Januar-Blues. Klausuren, schlechtes Wetter und

keine guten Partys in der Stadt. Wer weg will greift sich jetzt noch schnell ein Stipendium:

im Januar laufen die Bewerbungsfristen für Erasmus und die meisten großen Stipendienprogramme

aus, FernSicht gibt euch den Überblick.

Mit Überschall kracht es unter der Uni: Köln hat seinen eigenen Teilchenbeschleuniger. Während

in der Schweiz die CERN-Anlage ihren Betrieb aufnimmt, kreisen bei uns schon längst

die Teilchen. ErkenntnisReich hat zugeschaut.

Unsere Chinakorrespondentin Maxi bleibt auch über Weihnachten und Neujahr in China und

wird darüber berichten. Sind in China die Weihnachtsbäume kleiner, weil die Chinesen es

auch sind? Moment, gibt es dort denn auch überhaupt den Brauch der Weihnachtsbäume?

FernSicht feiert Weihnachten in China.

Vorschau

60 StaatsKunst Vorschau 60 61

Impressum

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine