1_2021 Leseprobe
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www.biogas.org Fachverband Biogas e.V. | ZKZ 50073 | 24. Jahrgang<br />
1_<strong>2021</strong><br />
BI<br />
GAS Journal<br />
Das Fachmagazin der Biogas-Branche<br />
Berichte Biogas<br />
Convention S. 12<br />
Alternative: Getreide-Leguminosen-<br />
Gemenge S. 80<br />
Frankreich erschwert<br />
Biomethanproduktion S. 116<br />
Ab Seite 62<br />
GÜLLE-<br />
VERSCHLAUCHUNG
INHALT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
EDITORIAL<br />
Unsere Gesundheit –<br />
Ihr Engagement<br />
ist gefragt!<br />
Liebe Leserinnen und Leser,<br />
im Frühjahr 2020 habe ich an dieser Stelle<br />
geschrieben, wie wichtig uns allen unsere<br />
eigene Gesundheit ist und wie der selbstverursachte<br />
Klimawandel unsere Menschheit<br />
bedroht. Ich habe nicht geahnt, welche<br />
Relevanz das Thema Gesundheit 2020 haben<br />
wird. Leider mussten wir uns von vielen<br />
lieben Menschen verabschieden, die ohne<br />
diese Corona-Pandemie noch ihr Leben<br />
hätten genießen können.<br />
Offensichtlich kann nur ein konsequentes<br />
Handeln in einer Krise – in diesem<br />
Fall durch Reduktion von Kontakten und<br />
Hygienemaßnahmen – und unser Innovationsgeist,<br />
wie zum Beispiel bei der Impfstoffentwicklung,<br />
ein noch größeres Leid<br />
verhindern. Die dramatische Entwicklung<br />
in vielen Ländern dieser Welt zeigt aber<br />
auch, dass ein globales Problem nur mit<br />
guten Wünschen leider nicht zu lösen ist.<br />
Als Gesellschaft, in der Politik und jeder<br />
persönlich muss sich nun engagieren – gegen<br />
einen weiteren CO 2<br />
-Anstieg. Daran sollte<br />
nach diesen schmerzhaften Erfahrungen<br />
in der Coronazeit kein Zweifel bestehen.<br />
Denn ohne gemeinsames konsequentes<br />
Handeln werden wir dieser Klimakrise nicht<br />
Herr.<br />
Im Frühjahr habe ich geschrieben: „Geht<br />
es der Erde schlecht, wird es uns nicht gut<br />
gehen. Es geht um unsere Gesundheit – und<br />
Biogas ist Teil der Lösung!“ Dabei mussten<br />
2020 wahrscheinlich mehr alte Biogasanlagen<br />
abschalten, als neue zugebaut wurden.<br />
Würde sich diese Entwicklung fortsetzen,<br />
können wir als Branche immer weniger zur<br />
Lösung des Klimaproblems beitragen.<br />
In den vergangenen Jahren haben viele<br />
Mitglieder, Haupt- und Ehrenamtler daran<br />
gearbeitet, das auch der Öffentlichkeit und<br />
speziell der Politik klarzumachen. Wenn<br />
Sie dieses Biogas Journal in Händen halten,<br />
wird voraussichtlich das neue EEG <strong>2021</strong><br />
bereits verabschiedet sein. Ich erwarte einige<br />
Verbesserungen für die Biogasbranche –<br />
anscheinend hat die Politik uns zugehört.<br />
Aber der große Durchbruch ist es wahrlich<br />
nicht.<br />
Dennoch sollten Sie die neuen Möglichkeiten<br />
nutzen. Wir als Verband bieten Ihnen<br />
daher nun kurzfristig am 20. und 22. Januar<br />
wieder zwei EEG-Web-Seminare zur<br />
Vorbereitung auf die Ausschreibung im<br />
März an und stehen Ihnen natürlich auch<br />
über den Mitgliederservice zur Verfügung.<br />
Das EEG <strong>2021</strong> ist nun geschrieben, aber<br />
die Zukunft steht nicht fest. Nach dem EEG<br />
ist vor dem EEG. Es obliegt den handelnden<br />
engagierten Personen, welche Prioritäten<br />
gesetzt und welche Dinge zuerst angegangen<br />
werden.<br />
Das nun beginnende Jahr <strong>2021</strong> ist daher<br />
eine neue Chance: In der Berliner Politik<br />
werden mit der Bundestagswahl im Herbst<br />
frische Impulse von neuen Akteuren erwartet<br />
– aber auch bei uns im Verband. <strong>2021</strong><br />
stehen in allen Regionalgruppen und auch<br />
im Präsidium Neuwahlen an. Das kann Ihre<br />
Chance sein, sich mit Ihren Ideen in die<br />
Gestaltung unserer Zukunft einzubringen.<br />
Ich würde mich freuen, wenn Sie sich persönlich<br />
im Verband engagieren. Aus eigener<br />
Erfahrung kann ich berichten, dass dies<br />
neue Perspektiven und viel Freude bereiten<br />
kann. Sie haben bestimmt Ihre eigene Idee<br />
für unsere Zukunft. Wie sagte Alan Kay<br />
einmal: „Die Zukunft kann man am besten<br />
voraussagen, wenn man sie selbst gestaltet.“<br />
In diesem Sinne lade ich Sie ein, Ihren<br />
Hut in den Ring zu werfen und stellen Sie<br />
sich für ein Amt im Verband zur Verfügung.<br />
Helfen Sie mit, sich vereint der Klimakrise<br />
entgegenzustellen!<br />
Herzlichst Ihr<br />
Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Becker,<br />
Vizepräsident des Fachverbandes<br />
Biogas e.V.<br />
3
INHALT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
62<br />
EDITORIAL<br />
3 Unsere Gesundheit – Ihr Engagement<br />
ist gefragt!<br />
Von Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Becker<br />
Vizepräsident des<br />
Fachverbandes Biogas e.V.<br />
AKTUELLES<br />
6 Meldungen<br />
8 Termine<br />
10 Biogas-Kids<br />
34 Strohtagung Heiden<br />
MAP – interessante Nährstoffkombination<br />
lässt aufhorchen<br />
Aus Pferdemist wird Gas-Kraftstoff<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
44 Biogas-Innovationskongress<br />
Biogas-Wasserstoff massiv fördern<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
18 – 20 November 2020, Hanover, Germany<br />
2020 DIGITAL<br />
12 Seide: „Politik signalisiert: Wir<br />
brauchen Euch“<br />
18 Ärmel aufkrempeln und die Chancen<br />
des EEG <strong>2021</strong> nutzen<br />
24 Biomethanproduktion könnte<br />
interessanter werden<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH)<br />
Martin Bensmann<br />
28 Vorausschauende Wartung und<br />
intelligentes Einspeisemanagement<br />
30 Biogasanlagen sicher instand halten<br />
Von Thomas Gaul<br />
50 Alternoil verkauft Bio-LNG<br />
Von EUR ING Marie-Luise Schaller<br />
50 Stroh in den Fermenter<br />
Von Dierk Jensen<br />
Beilagenhinweis:<br />
Das Biogas Journal enthält Beilagen<br />
der Firmen agrikomp, Emission Partner<br />
und HR-Energiemanagement.<br />
62 Weg vom Fass – hin zum Schlauch<br />
Von Dierk Jensen<br />
66 Schlauer mit Schlauch<br />
Von Dierk Jensen<br />
70 Vom Lager per Leitung direkt<br />
aufs Feld<br />
Von Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />
76 Neuheit! Feldrandcontainer mit<br />
Schlauchtrommel<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH)<br />
Martin Bensmann<br />
POLITIK<br />
54 Politische Bilanz zur EEG-Reform <strong>2021</strong><br />
Der Weg für Biogas in die Zukunft geht<br />
weiter, bleibt aber trotz allem steinig<br />
Von Sandra Rostek und Dr. Guido Ehrhardt<br />
56 Mehr Messung, mehr Berichterstattung –<br />
und mehr Biogas<br />
Von Bernward Janzing<br />
60 Viele Ideen – aber noch fern der<br />
Tagespolitik<br />
Von Bernward Janzing<br />
GÜLLE-<br />
VERSCHLAUCHUNG<br />
4
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
INHALT<br />
TITELFOTO: KLEUTEC I FOTOS: KLEUTEC, © TFZ, HEINZ WRANESCHITZ<br />
80 110<br />
PRAXIS<br />
80 Leguminosen-Getreide-Gemenge –<br />
Vielfalt für die Biogasanlage<br />
Von Gawan Heintze und Michael Grieb<br />
84 Schluss. Ich hör auf!<br />
Von Christian Dany<br />
88 Pellwormer Käse – fast klimaneutral<br />
Von Dierk Jensen<br />
WISSENSCHAFT<br />
92 Humusersatz und Strohvergärung:<br />
Widerspruch oder Patentlösung?<br />
Von Lucas Knebl, Benjamin Blumenstein,<br />
André Wufka, Christopher Brock,<br />
Detlev Möller und Andreas Gattinger<br />
102 Mikrobiologische Entschwefelung von<br />
Biogas unter anoxischen Bedingungen<br />
Von Dipl.-Ing. Alejandra Lenis, B.Sc. Cedric<br />
Thull und Dr.-Ing. Kristoffer Ooms<br />
107 Bakterien mit Strombügel<br />
Von Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />
110 Was der Koi-Karpfen mit Biogas zu tun hat<br />
Von Dipl.-Ing. Heinz Wraneschitz<br />
113 Methanemissionen bei der Biogaserzeugung<br />
und deren Minderung<br />
Von Dipl.-Ing. (FH) Torsten Reinelt<br />
und Dr. Tina Clauß<br />
INTERNATIONAL<br />
Frankreich<br />
116 Neue Biomethanproduktion<br />
wird erschwert<br />
Von EUR ING Marie-Luise Schaller<br />
Serbien<br />
119 Biogas kommt voran<br />
Von Antje Kramer<br />
VERBAND<br />
Aus der Geschäftsstelle<br />
120 EEG-Diskussion bis kurz vor Weihnachten<br />
Von Dr. Stefan Rauh und<br />
Dipl.-Ing. agr. (FH) Manuel Maciejczyk<br />
124 Aus den Regionalbüros<br />
128 Energiepolitischer Ausblick <strong>2021</strong><br />
Von Dr. Simone Peter, BEE<br />
129 Hackl Schorsch mit neuer Homepage<br />
RECHT<br />
124 Clearingstelle EEG|KWKG<br />
Von Dr.-Ing. Natalie Mutlak<br />
und Martin Teichmann<br />
134 Impressum<br />
5
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Phosphor wirtschaftlicher aus<br />
Klärschlamm zurückgewinnen<br />
Ein ZSW-Wissenschaftler<br />
an der<br />
Phosphor recycling-<br />
Versuchsanlage in<br />
Stuttgart.<br />
Stuttgart – In Baden-Württemberg ist kürzlich ein einzigartiges<br />
Projekt zur Rückgewinnung von Phosphor<br />
aus Klärschlamm gestartet. Der Abwasserzweckverband<br />
Staufener Bucht will am Rhein in Südbaden eine Klärschlamm-Verbrennungsanlage<br />
errichten, die anders als<br />
bei konventionellen Verfahren den Phosphor bereits<br />
während des Verbrennungsvorgangs extrahiert. Die<br />
WEHRLE-WERK AG hat das vielversprechende Rückgewinnungsverfahren<br />
zusammen mit dem Forschungspartner<br />
Zentrum<br />
für Sonnenenergie- und<br />
Wasserstoff-Forschung<br />
Baden-Württemberg<br />
(ZSW) entwickelt.<br />
Die neue Technologie<br />
könnte Phosphorrecycling<br />
wirtschaftlicher<br />
machen. Funktioniert<br />
die Pilotanlage im Megawattmaßstab<br />
wie erhofft,<br />
könnten bestehende<br />
Klärschlammverbrennungsanlagen<br />
mit der<br />
Technologie nachgerüstet<br />
werden. Zusätzliche Schritte wären dann nicht nötig.<br />
Ab 2029 wird das Recycling aus Klärschlämmen Pflicht<br />
für alle großen Kläranlagen in Deutschland. Das Landesumweltministerium<br />
und die EU fördern das Projekt<br />
in Höhe von 4,2 Millionen Euro.<br />
Phosphor ist ein lebenswichtiger Inhaltsstoff der Nahrung<br />
und zudem auch eine Schlüsselchemikalie in<br />
Düngemitteln. Der Stoff wird heute überwiegend aus<br />
Phosphatgestein gewonnen. Große Lagerstätten derartiger<br />
Mineralien gibt es vor allem in Nordafrika, jedoch<br />
nicht in Europa, was zukünftig zu Versorgungsengpässen<br />
führen kann. Aus diesem Grund wird das Recycling<br />
von Phosphor aus Abfallströmen an Bedeutung gewinnen.<br />
Allein in Deutschland könnten 50 Prozent des gesamten<br />
Phosphorbedarfs durch Klärschlamm gedeckt<br />
werden.<br />
Phosphor während der Klärschlammverbrennung<br />
recyceln<br />
Das ZSW hat in den vergangenen Jahren den Industriepartner<br />
WEHRLE-WERK AG aus Emmendingen bei der<br />
Entwicklung einer neuartigen Technologie zur Rückgewinnung<br />
von Phosphor aus Klärschlamm wissenschaftlich<br />
begleitet. Diese soll nun weiter optimiert und erstmalig<br />
in Form einer großen Pilotanlage von WEHRLE in<br />
einer Kläranlage gebaut und im Projekt erprobt werden.<br />
Auftraggeber der P-XTRACT-Pilotanlage – P für Phosphor,<br />
XTRACT für Extraktion – ist der Abwasserzweckverband<br />
Staufener Bucht. Die Anlage soll südlich von<br />
Freiburg am Kläranlagenstandort Breisach-Grezhausen<br />
entstehen. Der Klärschlamm wird in einer sogenannten<br />
modifizierten Wirbelschichtverbrennung vollständig<br />
verbrannt. Dabei soll der Phosphor zurückgewonnen<br />
werden. Als positiver Nebeneffekt entfallen künftig<br />
auch die Lkw-Transporte des Klärschlamms von den<br />
insgesamt sieben im Projekt beteiligten Kläranlagen<br />
in Südbaden in eine Klärschlammverbrennung nach<br />
Nordrhein-Westfalen.<br />
Vorteil der neuen Entwicklung ist: Der Phosphor wird<br />
bereits während der Verbrennung des Klärschlamms<br />
extrahiert, damit sind keine weiteren, gesonderten<br />
Prozessschritte notwendig. Die Technologie beruht im<br />
Kern darauf, dass sich während der Klärschlammverbrennung<br />
bei rund 900 Grad Celsius und unter Zugabe<br />
von Zusatzstoffen ein nahezu schadstofffreier phosphorhaltiger<br />
Wertstoff bildet. Dieser kann anschließend<br />
zu Düngergranulat verarbeitet werden.<br />
„Wir freuen uns, dass wir an der Entwicklung dieses<br />
Verfahrens bis zum Pilotmaßstab beteiligt sind und<br />
dass nun in der Anlage in Breisach-Grezhausen die<br />
Technologie unter realen Bedingungen erprobt wird“,<br />
sagt Dr. Jochen Brellochs, Projektleiter am ZSW. „Im<br />
Erfolgsfall kann dann diese Technologie an neuen<br />
Standorten aufgebaut oder in bereits bestehenden<br />
Klärschlammverbrennungen integriert werden.“<br />
Transfer in den 1-Megawatt-Maßstab<br />
und Optimierung<br />
Die Forscherinnen und Forscher des ZSW haben die<br />
grundsätzliche technische Machbarkeit des Verfahrens<br />
gemeinsam mit der F&E-Abteilung von WEHRLE an<br />
einer eigenen Versuchsanlage im Institut in Stuttgart<br />
nachgewiesen. Am ZSW ist eine umfangreiche, langjährige<br />
Expertise und Erfahrung im Bereich der integrierten<br />
Phosphor-Rückgewinnung und Wirbelschichttechnik<br />
vorhanden inklusive der hierfür notwendigen<br />
speziellen Analysemöglichkeiten.<br />
Die Technologie stellt eine in den Verbrennungsprozess<br />
integrierte und dezentrale Lösung zur Rückgewinnung<br />
von Phosphor dar. Mit dem Know-how aus der eigenen<br />
Forschungsanlage unterstützt das ZSW nun als Wissenschaftspartner<br />
den Technologietransfer in den 1-Megawatt-Pilotmaßstab<br />
in Grezhausen. Neben der Hochskalierung<br />
wollen die Partner auch weitere Verbesserungen<br />
am Verfahren erproben. „Wir werden an verschiedenen<br />
Stellschrauben ansetzen: Optimierungen im Anlagendesign<br />
sollen die Rückgewinnungsquote von Phosphor<br />
auf deutlich über 80 Prozent steigern. Außerdem soll<br />
die Bioverfügbarkeit des recycelten Phosphors in Pflanzen<br />
durch neue Zusätze weiter erhöht werden“, erläutert<br />
Brellochs.<br />
FOTO: ZSW<br />
6
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Umfrage zu EU-Ziel: vier von fünf<br />
Befragten für höhere Klimaziele<br />
Berlin – Auf mindestens 55 Prozent Treibhausgasminderung<br />
im Vergleich zu 1990 plant die EU das europäische<br />
Klimaschutzziel für 2030 zu erhöhen. In der Bevölkerung<br />
stößt der Plan auf große Zustimmung, wie eine repräsentative<br />
Umfrage des Meinungsforschungsinstituts<br />
prolytics im Auftrag des BDEW zeigt. Auf die Frage, was<br />
sie von der geplanten Erhöhung des Klimaziels halten,<br />
antworteten rund 77 Prozent der Befragten, dass sie<br />
dies richtig finden. Nur rund 15 Prozent halten die Erhöhung<br />
für falsch. Gleichzeitig hält jedoch nur die Hälfte<br />
der Befragten das höhere Klimaschutzziel auch für<br />
erreichbar. Gefragt, ob sie das Erreichen des höheren<br />
Ziels für realistisch halten, antworteten nur 4 Prozent<br />
der Befragten, es würde „sicher erreicht“. Immerhin<br />
47 Prozent halten es für „durchaus erreichbar“. Rund<br />
jeder Dritte hält es „eher für nicht erreichbar“. Fast 13<br />
Prozent sagen, das Ziel würde „sicher nicht erreicht“.<br />
„Das Ziel von 55 Prozent Treibhausgas-Reduktion im<br />
Vergleich zu 1990 bis 2030 ist sehr ehrgeizig. Es ist<br />
aber machbar, wenn jetzt die erforderlichen Rahmenbedingungen<br />
geschaffen werden“, sagt Kerstin Andreae.<br />
„Dazu gehört in erster Linie eine Beschleunigung<br />
beim Ausbau der Erneuerbaren Energien und beim<br />
Netzausbau.<br />
Um hier an Tempo zuzulegen, müssen aber die bestehenden<br />
Hürden aus dem Weg geräumt werden. Das<br />
betrifft fehlende Flächen für Windenergie- und PV-<br />
Anlagen genauso wie langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren.<br />
Gleichzeitig müssen wir auch<br />
die anderen Sektoren in den Blick nehmen. Für eine<br />
nachhaltige Treibhausgasreduktion in Industrie, Verkehr<br />
und Gebäudesektor sind ein europäischer Wasserstoffmarkt<br />
und eine stärkere Sektorenkopplung unentbehrlich.“<br />
FOTOS: PROFAIR CONSULT + PROJECT GMBH<br />
Biogas-Innovationspreise<br />
verliehen<br />
Leipzig – Den Biogas-Innovationspreis der Deutschen Landwirtschaft<br />
haben im vergangenen Jahr in der Kategorie Wissenschaft<br />
Dr.-Ing. Elmar Brügging und M.Sc. Tobias Weide von der<br />
Fachhochschule Münster-Steinfurt für ihre Forschungsarbeit zum<br />
Thema „Biowasserstofferzeugung mittels dunkler Fermentation<br />
und Mikroorganismenrückhalt aus Reststoffen und Abwässern“<br />
erhalten. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Preisstifter ist die<br />
Landwirtschaftliche Rentenbank.<br />
Tobias Weide und Elmar Brügging haben in ihren Versuchsreihen<br />
bereits hohe Wasserstofferträge in biologischen Verfahren<br />
erzielt. Dazu Udo Hemmerling, stellvertretender Generalsekretär<br />
des Deutschen Bauernverbandes: „Die Ergebnisse lassen hoffen,<br />
dass biologische und regenerative Alternativen zum Elektrolyseur<br />
entwickelt werden können. Perspektivisch können Biogas und Biomassenutzung<br />
mit der künftigen Wasserstoffwirtschaft verknüpft<br />
werden.“ In der Kategorie Wirtschaft wurde der Biogas-Innovationspreis<br />
für ein neues Verfahren zur „Biologischen Vorentschwefelung<br />
zur Vorreinigung von Biogas mit hohem Schwefelgehalt“<br />
von der Strabag-Umwelttechnik und der Züblin-Umwelttechnik<br />
verliehen. Dr. Andreas Maile und Claus Bogenrieder haben ein ausgesprochen<br />
wirksames Verfahren zur Entschwefelung in Biogasanlagen<br />
über einen Biofilter entwickelt. Dazu Hemmerling: „Das<br />
neue Verfahren verspricht viele Vorteile für einen prozesssicheren<br />
und emissionsarmen Anlagenbetrieb.“<br />
Der Biogas-Innovationskongress steht unter gemeinsamer ideeller<br />
Trägerschaft des Deutschen Bauernverbandes, des Fachverbandes<br />
Biogas und des Bundesverbandes Bioenergie. Zu den<br />
wissenschaftlichen Begleitinstitutionen zählt unter anderem das<br />
Deutsche Biomasse-Forschungszentrum DBFZ.<br />
Von links: Udo Hemmerling, Preisträger Dr.-Ing. Elmar Brügging<br />
und M.Sc. Tobias Weide sowie Prof. Dr. Michael Nelles,<br />
wissenschaftlicher Geschäftsführer des Deutschen Biomasseforschungszentrums.<br />
Von links: Udo Hemmerling, Preisträger Claus Bogenrieder,<br />
Züblin Umwelttechnik und Dr. Andreas Maile, Strabag Umwelttechnik,<br />
und Prof. Dr. Michael Nelles.<br />
7
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
TERMINE<br />
13. und 14. Januar<br />
Biogas-Infotage<br />
Online<br />
www.renergie-allgaeu.de<br />
18. bis 22. Januar<br />
Internationaler Fachkongress für<br />
erneuerbare Mobilität „Kraftstoffe<br />
der Zukunft <strong>2021</strong>“<br />
Online<br />
www.kraftstoffe-der-zukunft.com<br />
20. und 22. Januar<br />
Web-Seminar: Vorbereitung EEG-Ausschreibungen<br />
März <strong>2021</strong><br />
Online<br />
www.service-gmbh.biogas.org<br />
25. bis 27. Januar<br />
International Conference Progress in the<br />
Treatment and Application of Manure and<br />
Digestate Products<br />
Online<br />
ibbk-biogas.com<br />
26. Januar<br />
„Biomethan in der Logistik: Marktchancen<br />
und Poteziale“<br />
Online<br />
www.biogas.org<br />
9. bis 12. Februar<br />
EnergyDecentral<br />
Online<br />
www.energy-decentral.com/de<br />
22. bis 26. Februar<br />
Fachsymposium Biogasmotoren<br />
Online<br />
ig-biogasmotoren.de<br />
Diese und weitere Termine rund um die<br />
Biogasnutzung in Deutschland und der Welt<br />
finden Sie auf der Seite www.biogas.org<br />
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Biogas_115x77_EVIT <strong>2021</strong>.qxp_EVIT 02.12.20 13:01 Seite 1<br />
Februar <strong>2021</strong><br />
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8
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
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AKTUELLES<br />
BIOGAS-KIDS<br />
BIOGAS-KIDS<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Pixabay<br />
Vorsätze zum neuen Jahr<br />
Na, hast du deine Vorsätze für das<br />
neue Jahr schon „vergessen“? Den<br />
Wechsel zu einem neuen Jahr<br />
nutzen viele, um Vorsätze zu fassen,<br />
die auch verwirklicht werden<br />
sollen. Manch einer denkt lange<br />
an die guten Vorsätze. Viele Vorsätze<br />
sind bereits in den ersten<br />
Tagen des neuen Jahres wieder vergessen. Vorsätze sind leichter<br />
vorgenommen als umgesetzt. Ab morgen wird alles anders!<br />
Gesünder essen, mehr Sport treiben, mehr Zeit für Freunde und<br />
Familie, so lauten die meisten Vorsätze. Zu Jahresbeginn werden<br />
sie voller Tatendrang gefasst und jedes Jahr nicht erreicht. Gründe,<br />
warum wir mit unseren Vorsätzen scheitern, sind vor allem, dass<br />
sie nicht zwingend nötig sind. Also sollten wir uns einen Vorsatz<br />
suchen, den wir erreichen. Und nutzen wir dafür nicht nur den<br />
Beginn eines neuen Jahres. In diesem Sinn wünschen wir dir ein<br />
gutes neues Jahr, voller spannender Erlebnisse und mit viel neuem<br />
Wissen belegt.<br />
In vielen tierhaltenden Betrieben entsteht Tag für Tag<br />
Gülle. Ein wertvoller Reststoff, der viele Nährstoffe enthält.<br />
Deshalb eignet sich Gülle auch sehr gut, um damit<br />
Biogas zu produzieren. Doch der Landwirt braucht die<br />
Gülle auch als natürlichen Dünger für seine Felder. Und<br />
wie er durch die Biogaserzeugung sowohl das Klima<br />
schützt als auch mit dem Strom Geld verdient, so verfolgt<br />
er auf seinem Acker ebenfalls mehrere Ziele: eine<br />
möglichst hohe Ernte und gleichzeitig den Schutz des<br />
wertvollen Bodens. Bei der Ausbringung der Gülle ist<br />
das nicht immer so einfach, weil die schweren Güllefässer<br />
dem Boden Schaden zufügen können. Außerdem<br />
muss das Fass immer wieder neu gefüllt werden,<br />
wenn es leer ist. Also viel Fahrerei zum Hof oder zum<br />
Tankwagen am Feldrand. Dazu Probleme bei Nässe<br />
und verschmutzte Wege. Viel besser funktioniert das<br />
mit einer Technik, die es noch nicht so lange gibt: die<br />
Gülle verschlauchung. Dabei hat der Traktor nur ein Schlepp<br />
Gestänge mit den vielen Schlauchreihen angehängt. Damit<br />
wird die Gülle zielgenau und exakt dosiert in oder auf den<br />
Boden gebracht. Und das Güllefass? Der Güllevorrat steht<br />
als Tankanhänger am Feldrand und ist mit einer Art Feuerwehrschlauch<br />
oder mit einem festen Kunststoffschlauch<br />
mit dem Verteilgestänge am Traktor verbunden. Der Traktor<br />
zieht also diesen robusten Schlauch mit sich. Der wird von<br />
einer riesigen Schlauchrolle abgewickelt. Eine starke Pumpe<br />
am Tankanhänger sorgt dafür, dass die Gülle stetig am<br />
Gestänge ankommt. Gleichzeitig kann der Tankbehälter am<br />
Feldrand wieder neu mit Gülle befüllt werden. Vorteile: Es<br />
entstehen keine Pausen, wenn das Fass leer ist. Der Boden<br />
wird geschont, denn weder ein schweres Fass befährt den<br />
Acker noch ein großer Traktor – weil die SchlauchTechnik<br />
nicht so viel PS braucht. Und schließlich kann der Acker auch<br />
mit den Gärresten aus der Biogasanlage über die Verschlauchungstechnik<br />
hervorragend gedüngt werden.<br />
Pixabay<br />
Biogas soll der Ostsee helfen<br />
Meere sind von Umweltverschmutzung besonders betroffen. Nicht<br />
nur durch den vielen Plastikmüll. Die Ostsee zum Beispiel leidet<br />
sehr stark durch den Eintrag von viel zu viel Nährstoffen: Die<br />
stammen hauptsächlich von Abwassereinleitungen und Düngerresten<br />
aus der Landwirtschaft und belasten das Ökosystem schwer.<br />
Die Folgen sind ungezügeltes Wachstum von Algen und Seetang.<br />
Das führt wiederum zu Sauerstoffmangel für andere Lebewesen<br />
im Meer. Weil Algen und Seegras in großen Mengen am Strand<br />
angeschwemmt werden, untersuchen Forscher und Experten nun,<br />
diese Meerespflanzen der Biogasanlage als Zusatzfutter für die<br />
Biogasbakterien beizugeben. Am Ende entstehen daraus wieder<br />
Biogas und Gärreste als organischer Dünger. Aber nicht nur das,<br />
denn auch Strände und das Wasser werden so sauberer. Und ein<br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
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11
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
18 – 20 November 2020, Hanover, Germany<br />
2020 DIGITAL<br />
Seide: „Politik signalisiert:<br />
Wir brauchen Euch“<br />
In diesem Jahr fand in der zweiten Novemberhälfte die 30. Jahrestagung des Fachverbandes<br />
Biogas e.V., die seit 2016 Biogas Convention heißt, erstmals – Corona bedingt – digital<br />
im Internet statt. Neu war auch, dass die webbasierte Tagung fast eine ganze Woche täglich,<br />
nämlich von Montag- bis Freitagmittag, angeboten wurde. Bis zu 200 Biogasinteressierte<br />
nahmen an einzelnen Themenblöcken teil. Obwohl dieses Format gewisse Vorteile hat, so<br />
war doch zu spüren, dass die physische Begegnung fehlte und auf Dauer die Liveveranstaltung<br />
doch wieder möglich sein muss.<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Henrik Borgmeyer,<br />
Geschäftsführer des<br />
Anlagenherstellers<br />
Biocontruct, sagte<br />
zum Thema wertvolle<br />
ökologische Substrate:<br />
„Wenn man keinen<br />
Bonus macht für diese<br />
besonderen Energiepflanzen,<br />
dann muss<br />
man über den Gebotshöchstwert<br />
nachdenken.<br />
Dann lassen sich<br />
ökologisch wertvolle<br />
Biogasanlagen realisieren,<br />
die bedarfsgerecht<br />
Strom und Wärme oder<br />
Kraftstoff produzieren.“<br />
Ein Highlight der diesjährigen Convention war<br />
am Dienstagmorgen das Parlamentarische<br />
Frühstück, das um 7.45 Uhr angesetzt worden<br />
war. Mit von der Partie waren MdB Dr.<br />
Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik<br />
der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen, MdB Karl<br />
Holmeier (CSU), Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft<br />
und Energie, MdB Prof. Dr. Martin Neumann (FDP),<br />
Mitglied im Ausschuss für Energie und Wirtschaft sowie<br />
energiepolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion,<br />
Horst Seide, Präsident des Fachverbandes<br />
Biogas e.V, und Henrik Borgmeyer, Geschäftsführer des<br />
Anlagenherstellers Bioconstruct GmbH. Moderiert wurde<br />
die Session von Sandra Rostek, Leiterin des Hauptstadtbüros<br />
Bioenergie.<br />
Hinweis: Die hier im Zusammenhang mit der EEG-Novelle<br />
gemachten Aussagen spiegeln nur den Stand der<br />
Diskussion Mitte November wider. Spätere Entwicklungen<br />
im Zusammenhang mit der Novellierung des<br />
Gesetzes können an dieser Stelle nicht berücksichtigt<br />
werden.<br />
Karl Holmeier betonte in seinem Eingangsstatement,<br />
dass „Biogas immer wichtiger wird, weil Kohle- und<br />
Atomausstieg umgesetzt werden müssen“. Biogas spiele<br />
in der Energieerzeugung eine wichtige Rolle. Diese<br />
Rolle werde in den nächsten Jahren noch bedeutender<br />
werden. „Flexible Biogasanlagen werden zur Kompensation<br />
von Dunkelflauten und zur Gewährleistung der<br />
Netzstabilität entscheidend sein“, hob der Politiker<br />
hervor. Biogas könne ins Erdgasnetz eingespeist und<br />
als Kraftstoff in Form von CNG und LNG bereitgestellt<br />
werden. Biogasanlagen böten ein enormes Potenzial<br />
zur Steigerung der Wertschöpfung im ländlichen Raum.<br />
„Aktuell stagniert der Ausbau im Biogassektor. Das wollen<br />
wir mit dem EEG <strong>2021</strong> ändern. Wir wollen die enormen<br />
Potenziale der Bioenergie für die Energiewende<br />
nutzen. Mit der EEG-Novelle wollen wir einen Rahmen<br />
und eine Perspektive schaffen, dass Landwirte mit der<br />
FOTO: BIOCONSTRUCT<br />
12
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Biogasproduktion Wertschöpfung erzielen<br />
können. Der vorliegende Entwurf sieht<br />
zahlreiche Verbesserungen vor. Darunter<br />
die Erhöhung der Gebotshöchstwerte, die<br />
Erhöhung des Flexibilitätszuschlags und<br />
die Abschaffung des Flexdeckels. Das neue<br />
EEG, so hoffen wir alle, soll der Branche einen<br />
Schub geben“, informierte Holmeier.<br />
Bioenergiepotenziale werden<br />
vernachlässigt<br />
Dr. Julia Verlinden bedauerte, dass „manchmal<br />
die Potenziale von Bioenergie vernachlässigt<br />
werden“. Bei den Diskussionen um<br />
neue Märkte, wie zum Beispiel der Wasserstoffnutzung,<br />
oder in Diskussionen um<br />
den Atom- beziehungsweise Kohleausstieg<br />
werde häufig vergessen, dass „wir schon<br />
eine ziemlich stabile, gute, nachhaltige,<br />
klimafreundliche Versorgung mit vorhandenen<br />
Biogasanlagen gewährleisten können“.<br />
Sie bedaure es sehr, dass diese Potenziale<br />
in den Debatten nicht stärker in<br />
den Vordergrund rücken.<br />
In Zukunft würden gasförmige Energieträger<br />
benötigt, nicht nur für die Industrie,<br />
sondern auch, um „unser Stromsystem zu<br />
stabilisieren“. Darum müsse stärker darauf<br />
geschaut werden, was schon an Technologien<br />
vorhanden ist. Sie betonte, dass<br />
künftig alle Erzeugungsarten erneuerbarer<br />
Energien gebraucht würden, um die Lücke<br />
von Atom- und Kohlestrom schließen zu<br />
können. „Es wäre falsch, Atom- und Kohlestrom<br />
einzig durch die Verstromung von<br />
fossilem Erdgas zu ersetzen“, betonte Verlinden.<br />
Nun müssten die richtigen Investitionen<br />
getroffen werden. Alle Erneuerbaren<br />
Energien müssten ausgebaut werden.<br />
Dabei ist ihr wichtig, die Wertschöpfung in<br />
den Regionen zu halten.<br />
EEG: zu komplizierte<br />
Gesetzgebung<br />
Prof. Neumann meinte: Das große Ziel<br />
sei, CO 2<br />
-Emissionen zu reduzieren. Ferner<br />
gehe es darum, das Pariser Klimaabkommen<br />
zu erfüllen. Es gehe aber auch darum,<br />
bezahlbare Energie sowie Versorgungssicherheit<br />
zu organisieren. Das seien die<br />
wesentlichen Herausforderungen. Wenn er<br />
sich das EEG, das nun 20 Jahre bestehe,<br />
anschaue, dann könne man feststellen, wo<br />
die Fehler gemacht worden sind und wo<br />
die Schwachstellen sind. „Das EEG 2017<br />
ist, spaßig gesagt, eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme<br />
für Juristen, weil es am<br />
Ende kaum noch jemand verstanden hat.<br />
Das Gesetz ist verkompliziert worden. So<br />
kann es aber nicht gehen. So versteht niemand<br />
die Energiewende“, kritisierte Prof.<br />
Neumann. Biomasse ist nach seinen Worten,<br />
weil es nicht volatil, sondern regelbar,<br />
speicherbar und ein CO 2<br />
-neutraler Energieträger<br />
ist, sehr gut für die Energiewende<br />
geeignet. Man dürfe sich eben nicht nur<br />
auf Wind- und Solarenergie konzentrieren<br />
mit ihrer Volatilität.<br />
Auch er betonte genauso wie Holmeier<br />
vorher schon, das die Branche eine Perspektive<br />
und Planungssicherheit braucht.<br />
Fördersysteme müssten dazu führen, dass<br />
Technologien irgendwann ohne Förderung<br />
kostengünstige Energie bereitstellen.<br />
Technologieoffenheit ist für Prof. Neumann<br />
dabei wichtig. Er ist davon überzeugt,<br />
dass die Sektorenkopplung und<br />
die Schaffung von Flexibilität eine große<br />
Chance darstellen. Der FDP-Politiker empfahl,<br />
sich das vorhandene Regelwerk anzuschauen,<br />
inwieweit es verändert werden<br />
muss, um Biogasanlagen eine Perspektive<br />
geben zu können. „Ziel muss sein, mit Biogas<br />
einen Energieträger zu haben, der sich<br />
im Markt gut etablieren lässt“, formulierte<br />
Prof. Neumann.<br />
Einige werden Anlagen stilllegen<br />
Horst Seide konstatierte, dass sich die Situation<br />
in der Betreiberschaft in den vergangenen<br />
Monaten erheblich gewandelt<br />
habe. „Vor einem Jahr haben wir Betreiber<br />
noch gedacht: Mache ich überhaupt weiter?<br />
Einige haben schon die Entscheidung<br />
getroffen, aufzuhören. Die Gründe dafür<br />
sind vielschichtig. Ein Hauptgrund dürfte<br />
aber das EEG 2017 sein, das für Bestandsanlagen<br />
nicht die Perspektiven für einen<br />
wirtschaftlichen Anlagenbetrieb geboten<br />
hat“, beschrieb Seide die Situation.<br />
Der jetzt vorliegende EEG-Entwurf sende<br />
aber ein ganz anderes Signal. Jetzt signalisiere<br />
die Politik „Wir brauchen Euch“. Im<br />
Stromnetz werde vor allem die Flexibilität<br />
von Biogas gebraucht. Das nächste EEG<br />
werde viele Betreiber veranlassen, über<br />
neue Betriebskonzepte nachzudenken.<br />
Seide übte auch Kritik am EEG-Entwurf,<br />
vor allem hinsichtlich der Güllevergärungsklasse,<br />
dass nach dem Gesetzentwurf Bestandsanlagen<br />
nach dem Ende der ersten<br />
Vergütungsperiode nicht in die Gülleklasse<br />
sollen wechseln können. Auch bemängelte<br />
er, dass in der Gülleklasse nicht auf<br />
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AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
MdB Dr. Julia Verlinden:<br />
„Es wäre falsch, Atom- und Kohlestrom<br />
einzig durch die Verstromung von fossilem<br />
Erdgas zu ersetzen.“<br />
Horst Seide, Präsident des<br />
Fachverbandes Biogas e.V.:<br />
„Das nächste EEG wird viele<br />
Betreiber veranlassen, über neue<br />
Betriebskonzepte nachzudenken.“<br />
150 Kilowatt Bemessungsleistung als Leistungsgrenze<br />
abgestellt worden sei, sondern im Entwurf installierte<br />
Leistung stehe.<br />
Für Henrik Borgmeyer ist klar: „Gibt es Geschäftsmodelle<br />
für Betreiber, Anlagen wirtschaftlich zu betreiben,<br />
dann bekommen Anlagen- und Komponentenhersteller<br />
Aufträge.“ Er erwarte nicht den Neubau von Biogasanlagen<br />
in Deutschland in großer Zahl. Es würden eventuell<br />
hier und da welche gebaut, aber wichtig ist, dass der<br />
Anlagenpark eine Perspektive bekommt. „Schon etwa<br />
fünf Jahre bevor das erste EEG für Betreiber ausläuft,<br />
„Es ist gut, dass schon der EEG-Entwurf<br />
gewisse Perspektiven beinhaltet“<br />
Henrik Borgmeyer<br />
stellen die sich die Frage, ob sie die Anlage refitten oder<br />
nicht. Darum ist es gut, dass schon der EEG-Entwurf<br />
gewisse Perspektiven beinhaltet“, erklärte der Anlagenhersteller.<br />
Investitionen dienten dazu, mit dem eingesetzten Geld<br />
mehr zu verdienen, als man investiert habe. Das EEG<br />
sei grundsätzlich auch so angelegt. Sein Unternehmen<br />
habe in den vergangenen 20 Jahren rund 700 Millionen<br />
Euro Umsatz gemacht. In den ersten 10 Jahren des<br />
EEG-Bestehens sei im Grunde kein Auslandsgeschäft<br />
abgewickelt worden. In den letzten 10 Jahren des EEG<br />
habe man jedoch fast nur noch im Ausland Anlagen<br />
errichtet. So wurden rund 230 Millionen Euro Umsatz<br />
nur im Ausland generiert, beispielsweise in Ländern<br />
wie England, Frankreich oder Italien.<br />
„Daran ist zu sehen, dass das EEG eine Investition ist.<br />
Wir haben hier in Deutschland jahrelang Know-how<br />
erarbeitet und haben es dann in die Welt exportiert.<br />
Damit haben wir in unserem Unternehmen in den vergangenen<br />
20 Jahren 130 Menschen beschäftigen können<br />
und so einen Beitrag zur Wertschöpfung geleistet.<br />
Wind und Photovoltaik machen den Strom billig und<br />
Bioenergie füllt die Lücken auf. Wir müssen uns vergegenwärtigen,<br />
dass das gut angelegtes Geld ist“, betonte<br />
Borgmeyer.<br />
EEG-Entwurf reicht nicht, um Klimaziele<br />
zu erreichen<br />
Nach der ersten Statementrunde sagte Sandra Rostek,<br />
dass die im EEG-Entwurf genannten 16,4 Cent pro Kilowattstunde<br />
für Neuanlagen und 18,4 Cent pro Kilowattstunde<br />
Gebotshöchstwert für Bestandsanlagen zur<br />
Erreichung der Klimaziele 2030 der Bundesregierung<br />
nicht ausreichen. Auch nicht, um den Anlagenbestand<br />
bestmöglich auf heutigem Niveau zu halten. 42 Terawattstunden<br />
Biogasstrom würden in 2030 benötigt.<br />
FOTOS: DR. JULIA VERLINDEN, FACHVERBAND BIOGAS E.V.<br />
biogaskontor.de<br />
14<br />
Gemeinsam für eine nachhaltige Biogasproduktion!
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
FOTO: KARL HOLMEIER<br />
Um das zu erreichen, bräuchten Bestandsanlagen 19,4<br />
Cent pro Kilowattstunde und Neuanlagen 17,4 Cent<br />
pro Kilowattstunde Gebotshöchstwert.<br />
Die Parlamentarier äußerten sich direkt dazu und<br />
Holmeier sagte, die Gedanken in die anstehenden Beratungen<br />
mitnehmen zu wollen. Für ihn sei wichtig,<br />
dass die Biogasanlagen Sicherheit bekommen für den<br />
Zukunftsbetrieb. Die Grünen hätten, so Dr. Verlinden,<br />
auch gesagt, dass es betriebswirtschaftlich möglich<br />
sein muss, sonst mache es keinen Sinn. Und Prof. Neumann<br />
sagte: „Wir müssen in der Gesamtstrategie der<br />
Energiewende die Energieträger, die unterschiedliche<br />
Qualitäten haben, entsprechend würdigen. Wir reden<br />
immer nur über die installierte Leistung. Viel wichtiger<br />
ist es daran zu denken, welche Energie wird bereitgestellt,<br />
um wie viel Terawattstunden es geht.“ Was auf<br />
dem Energiemarkt angeboten werde, müsse aus verlässlichen<br />
Quellen stammen.<br />
Seide knüpfte an Prof. Neumanns Worte an und sagte:<br />
„Wir dürfen Arbeit und Leistung im Stromsegment<br />
nicht miteinander verwechseln. Eine Zukunftsoption,<br />
die wir Betreiber haben und wo wir kostengünstiger<br />
werden, ist, die Leistung dann bereitzustellen, wenn<br />
der Markt es fordert. Und das erste Signal im EEG-<br />
21-Entwurf geht dabei in die Richtung. Denn der Flexzuschlag<br />
soll von 40 Euro auf 65 Euro erhöht werden.<br />
Wenn wir 42 Terawattstunden in 2030 aus Biomasse<br />
haben wollen, dann muss das Ausschreibungsvolumen<br />
deutlich erhöht werden.“<br />
Im nächsten EEG würden viele Betreiber ihre Anlagen<br />
nicht mehr nur doppelt oder dreifach überbauen. Sie<br />
würden stärker in die Flexibilisierung gehen. Das sei<br />
eine Zukunftsoption, mit der die Biogasstromerzeugung<br />
preiswerter wird. Denn die Anlagen würden in<br />
Zukunft bei mehr Leistung mehr Arbeit in kurzer Zeit<br />
machen. Im April 2020 habe es einen Tag gegeben mit<br />
insgesamt 18 Stunden negativen<br />
Strompreisen. In der Spitze<br />
laut Seide minus 8,6 Cent<br />
pro Kilowattstunde. Zu dem<br />
Zeitpunkt an dem Tag, wo der<br />
Strom an der Börse am teuersten<br />
gewesen ist, habe der<br />
Strom plus 2 Cent pro Kilowattstunde<br />
gekostet. Die Spreizung<br />
habe 10 Cent pro Kilowattstunde<br />
betragen. „Die haben wir<br />
mit unseren flexiblen Biogasanlagen<br />
erwirtschaftet. In der<br />
MdB Karl Holmeier (CSU):<br />
„Ziel muss sein, den Biogasanlagenbetreibern<br />
eine Zukunftsperspektive zu geben.<br />
Spitze wurde aber trotzdem<br />
mit 2 Cent pro Kilowattstunde<br />
Und zwar nicht für ein oder zwei Jahre, sondern<br />
für die nächsten fünf bis zehn Jahre.“<br />
produziert. Dafür können wir<br />
aber nicht investieren“, verdeutlichte<br />
Betreiber Seide. Die<br />
Lösung sei, den CO 2<br />
-Preis anzuheben. Seide: „Je höher<br />
der CO 2<br />
-Preis ist, desto mehr kommen wir mit unseren<br />
Biogasanlagen in den Markt. Wenn wir dann noch die<br />
Spreizung mitnehmen, dann sind wir nicht mehr so<br />
weit weg von der Wirtschaftlichkeit.“<br />
Sympathien für ökologisch günstige<br />
Substrate<br />
In der anschließenden Diskussion mit den Teilnehmenden<br />
über die Chat-Funktion wurde nach einer gesonderten<br />
Vergütungsklasse für ökologisch günstige Substrate<br />
gefragt. Dr. Verlinden sagte dazu: „Die Debatte über die<br />
Substrate, welche wie angereizt werden oder nicht, hat<br />
eine lange Tradition. Ich glaube, dass es sehr gut ist,<br />
wenn wir bei dem Thema sehr sorgfältig vorgehen.“ Sie<br />
begrüßte, dass in den vergangenen Jahren der Fokus<br />
auf Rest- und Abfallstoffe gelegt worden ist. Das sei<br />
gut gewesen, um den Druck aus den Diskussio-<br />
15
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
nen zu nehmen, die der Biogasbranche<br />
nicht geholfen haben<br />
in der gesellschaftlichen Wahrnehmung.<br />
Die Diskussionen um<br />
humus- und biodiversitätsfördernde<br />
Substrate findet Dr. Verlinden<br />
„spannend“. Sie habe<br />
viel „Sympathien dafür, diese<br />
ökologisch wertvollen Substrate<br />
in der Bioenergie einzusetzen“.<br />
Holmeier zeigte sich nicht abgeneigt<br />
und ergänzte: „Sinnvoll<br />
wäre es vielleicht schon,<br />
MdB Prof. Dr. Martin Neumann:<br />
„Wir müssen in der Gesamtstrategie der<br />
dass wir in die Richtung dieser<br />
Energiewende die Energieträger, die unterschiedliche<br />
Qualitäten haben, entsprechend<br />
Wildpflanzen gehen.“ Er glaubt<br />
schon, dass es Sinn macht,<br />
würdigen.“<br />
diese Energiepflanzengruppe<br />
zu fördern, weil es auch wohl<br />
eine ökologische Notwendigkeit sei. Er forderte aber,<br />
das Thema intensiv zu durchdenken bis zum Ende mit<br />
allen möglichen Konsequenzen, wenn ökologisch vorteilhafte<br />
Pflanzen gefördert werden sollen. „Wir müssen<br />
gründlich die Sinnhaftigkeit prüfen“, forderte der<br />
CSU-Politiker. Er zielte im Grunde darauf ab, dass nicht<br />
Parallelen entstehen wie beim „Vermaisungsthema“.<br />
Wildpflanzen: positiv für Insekten und<br />
Niederwild<br />
Borgmeyer berichtete von einem Projekt im Umfeld<br />
seines Firmensitzes, an dem das Unternehmen auch<br />
eine Biogasanlage betreibt. Demnach werden lokal<br />
auf 15 Hektar Fläche Wildpflanzen angebaut. „22 verschiedene<br />
Wildpflanzenarten wachsen auf dem Acker.<br />
Den Aufwuchs verwerten wir in unserer Biogasanlage.<br />
Auf den Feldern wächst in den nächsten fünf Jahren<br />
immer nur die Wildpflanzendauerkultur. In <strong>2021</strong> soll<br />
die Anbaufläche auf 60 Hektar ausgedehnt werden. Die<br />
Pflanzenbestände blühen so stark, dass wir den Imker<br />
anrufen müssen, dass er einen Tag vor der Ernte die<br />
Bienen nicht fliegen lässt“, machte der Unternehmer<br />
aufmerksam.<br />
Diese Pflanzenmischungen würden positiv für die Insekten,<br />
aber auch für das Niederwild wirken. Im jetzigen<br />
EEG gebe es schon Mechanismen, sodass die<br />
Betriebe den 40-Prozent-Maisdeckel einhalten müssten.<br />
Bestandsanlagen, die in die Ausschreibung gehen,<br />
müssen sich, laut Borgmeyer, Gedanken machen, womit<br />
sie den hohen Maiseinsatz substituieren. Die zweite<br />
Aufforderung sei, dass „Biogas nicht mehr so dumm<br />
sein darf, wie es heute ist und an sieben Tagen pro<br />
Woche rund um die Uhr Strom produziert“.<br />
Es gelte Biogas dann zu produzieren, wenn es gebraucht<br />
wird. Diese beiden Anforderungen kosteten<br />
aber Geld. „Wildpflanzen zu vergären, kostet schlichtweg<br />
mehr Geld gegenüber Mais. Wir haben einen höheren<br />
Flächenbedarf und höhere Substratkosten. Wenn<br />
man das alles erreichen will, den Maisdeckel einhalten,<br />
flexibel Strom produzieren und möglicherweise noch<br />
investieren, dann komme ich als Betreiber mit 18,4<br />
Cent Gebotshöchstwert nicht aus“, machte Borgmeyer<br />
deutlich und fügte hinzu: „Wenn man keinen Bonus<br />
macht für diese besonderen Energiepflanzen, dann<br />
muss man über den Gebotshöchstwert nachdenken.<br />
Dann lassen sich ökologisch wertvolle Biogasanlagen<br />
realisieren, die bedarfsgerecht Strom und Wärme oder<br />
Kraftstoff produzieren.“<br />
Biogas: wichtig, weil nicht volatil<br />
In der abschließenden Kommentarrunde sagte Prof.<br />
Neumann: „Biogas muss sich eine Nische suchen in<br />
der Energiewende. Wir müssen Biogas stabilisieren in<br />
der Energiebereitstellung. Wir benötigen zudem eine<br />
Harmonisierung zwischen dem EEG, der RED II und<br />
dem Energiewirtschaftsgesetz, damit es diese Nische<br />
gibt. Biogas ist ein wichtiger Energieträger, weil er nicht<br />
volatil ist. Das Verhältnis zwischen volatilem Energieangebot<br />
und Regelenergie ist aus dem Ruder gelaufen.“<br />
Dr. Verlinden sagte: „Wir werden in Zukunft mehr erneuerbare<br />
Gase einsetzen als heute. Das bedeutet, dass<br />
grüner Wasserstoff und Biomethan eine ganz wichtige<br />
Rolle spielen werden im Rahmen einer Gaswende. Dazu<br />
ist ein angemessenes EEG notwendig, das es erlaubt,<br />
die Bestandsanlagen zu erhalten und die Flexibilisierung<br />
voranzutreiben.“<br />
Karl Holmeier sieht die Energiewende auf gutem Weg.<br />
Er stellte fest, dass das Ansehen der Biogaserzeugung<br />
in der Politik stark gestiegen ist. „Ziel muss sein, den<br />
Biogasanlagenbetreibern eine Zukunftsperspektive zu<br />
geben. Und zwar nicht für ein oder zwei Jahre, sondern<br />
für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Wir vonseiten der<br />
Politik wollen Biogas eine Chance geben.“<br />
Horst Seide bedauerte, dass im Rahmen des parlamentarischen<br />
Frühstücks über den Wärmesektor nicht gesprochen<br />
worden sei. Er rief die Branche dazu auf, die<br />
Signale, die das künftige EEG enthalten werde, wahrzunehmen.<br />
Die bisherige Biogasproduktion werde es<br />
in Zukunft so nicht mehr geben. „Lest das neue EEG<br />
und nehmt es ernst. Die neuen Möglichkeiten, die wir<br />
bekommen, sind unsere Zukunftsoption.“<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Redakteur Biogas Journal<br />
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AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
18 – 20 November 2020, Hanover, Germany<br />
2020 DIGITAL<br />
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Im Themenblock 2 am Dienstagvormittag nach dem parlamentarischen Frühstück<br />
ging es um das Thema: „EEG <strong>2021</strong> – Zukunftsperspektive oder Scherbenhaufen?“<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes<br />
Erneuerbare Energie e.V. (BEE),<br />
warf einen Blick auf den EEG-Entwurf aus<br />
Sicht der Erneuerbaren Energien. Sie sagte:<br />
„Das EEG ist und bleibt Schlüsselelement<br />
der Energiewende, um den politischen Rahmen der<br />
Energiewende zu gestalten. Die EEG-Novelle drängt,<br />
weil erste Bestandsanlagen im Jahr <strong>2021</strong> tatsächlich<br />
zusperren werden und weil der Zubau stagniert.“<br />
9.500 Biogasanlagen in Deutschland erzeugten etwa<br />
33 Terawattstunden Strom. Das sei eine völlig unverzichtbare<br />
Größe, die ausgebaut werden müsse, um<br />
noch mehr Haushalte mit sauberer Energie versorgen<br />
zu können. Die Zielformulierung der Bundesregierung,<br />
65 Prozent Ökostrom in 2030 zu erreichen, basiere<br />
noch auf den bisherigen Klimaschutzzielen. „Die Ziele<br />
werden sich anpassen müssen, wenn die EU höhere<br />
Klimaziele beschließt. Wir gehen daher davon aus, dass<br />
das 2030-Ziel eher in Richtung 70 bis 80 Prozent Ökostrom<br />
angehoben werden muss“, erläuterte Dr. Peter.<br />
Spätestens 2050 müsse Europa treibhausgasneutral<br />
sein, weil sonst die Kipppunkte der Klimaveränderung<br />
mehr und mehr irreversibel würden. Dr. Peter begrüßte<br />
die Streichung des Flexdeckels und die Anhebung des<br />
Flexzuschlags im EEG-Entwurf. Ferner befand sie die<br />
Ausschreibung für die Biomethanverstromung in Süddeutschland<br />
für gut. Die Einführung einer Südquote<br />
in der vorgelegten Form lehnte sie dagegen ab. Sie<br />
wünschte sich in dem Zusammenhang eine Ausgestaltung<br />
ähnlich wie im Windenergiebereich.<br />
Bruttostromverbrauch wird steigen<br />
Die Strombedarfsannahmen der Bundesregierung für<br />
2030 kann sie nicht nachvollziehen. „Wir kommen<br />
auf einen deutlich höheren Bedarf. Statt 586 Terawattstunden<br />
kommen wir auf 740 Terawattstunden<br />
FOTO: ADOBE STOCK_THODONAL<br />
18
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Bruttostromverbrauch. 65 Prozent davon<br />
sind 481 Terawattstunden, die benötigt<br />
werden“, rechnete Dr. Peter vor.<br />
Der höhere Bedarf ergebe sich durch<br />
die Wasserstoffproduktion auf Basis der<br />
Power-to-Gas-Technologie. Es könnte<br />
sich eine Ökostromlücke von rund 100<br />
Terawattstunden in 2030 auftun (siehe<br />
Abbildung).<br />
Der BEE plädiere daher dafür, dass die<br />
Ausbaupfade für Erneuerbare Energien<br />
angepasst werden. Und zwar wie folgt:<br />
+4.700 Megawatt (MW) pro Jahr Wind<br />
Onshore.<br />
+2.000 MW pro Jahr Wind Offshore.<br />
+10.000 MW pro Jahr Photovoltaik.<br />
+600 MW pro Jahr Bioenergie.<br />
+ je 50 MW pro Jahr an Geothermie und<br />
Wasserkraft.<br />
Das Klimaschutzprogramm 2030 der Bundesregierung (links) weist gegenüber dem<br />
BEE-Szenario 2030 (rechts) eine Ökostromlücke von rund 100 TWh auf<br />
QUELLE: BUNDESVERBAND ERNEUERBARE ENERGIE E.V.<br />
„Das sind Mindestausbaupfade, wenn wir von 65 Prozent<br />
Erneuerbare Energien in 2030 ausgehen. Die<br />
Ausbaupfade müssen weiter angehoben werden, wenn<br />
die EU höhere Klimaziele verabschiedet“, erklärte die<br />
Verbandspräsidentin. Des Weiteren forderte sie, dass<br />
in das nächste EEG nicht noch mehr Hürden eingebaut<br />
werden. Damit sprach sie insbesondere den Paragrafen<br />
51 an. Denn es ist geplant, die Sechs-Stunden-Regel,<br />
nach der keine EEG-Vergütung mehr ausgezahlt wird,<br />
wenn in sechs aufeinanderfolgenden Stunden negative<br />
Börsenstrompreise auftreten, auf eine Stunde zu reduzieren.<br />
Dann würde sich die Marktsituation für Erneuerbare<br />
Energie weiter verschärfen.<br />
„Die Prognosen für negative Börsenstrompreise sind<br />
zwar verlässlich, aber die Dauer dieser Phasen ist trotzdem<br />
nur schwer abzuschätzen“, sagte Dr. Peter. Sie<br />
plädierte dafür, den Paragrafen 51 zu streichen oder<br />
zumindest an der Sechs-Stunden-Regel festzuhalten.<br />
Die Ereignisse negativer Strompreise nähmen immer<br />
mehr zu. Gerade die Fahrweise alter, konventioneller<br />
Kraftwerke sorge für negative Strompreise.<br />
Neue Genehmigung größte Hürde für<br />
Betreiber<br />
Prof. Dr.-Ing. Frank Scholwin, Inhaber des Instituts für<br />
Biogas, Kreislaufwirtschaft und Energie in Weimar, referierte<br />
darüber, was das EEG <strong>2021</strong> auf der Basis der<br />
vorliegenden Entwürfe für Anlagenbetreiber bedeutet.<br />
„Wir werden häufig mit der Frage vonseiten der Betreiber<br />
konfrontiert, ob die Anlagen beim EEG-Wechsel<br />
nicht einfach so, wie sie dastehen weiterbetrieben<br />
werden können. Das wäre dann die Vorstellung, dass<br />
keine Investitionen, keine Planung und keine Genehmigung<br />
erforderlich wären. Die neue Genehmigung,<br />
die notwendig ist, wenn Betreiber zum Beispiel ein<br />
Blockheizkraftwerk hinzubauen oder mehr Lagerraum<br />
benötigt wird, ist eigentlich die größte Hürde für die<br />
Betreiber“, eröffnete Prof. Scholwin seinen Vortrag.<br />
Wenn es um eine Genehmigung nach Bundes-Immissionsschutzgesetz<br />
(BImSchG) gehe, dann sei in der<br />
Regel nicht nur die Biogasanlage, sondern der gesamte<br />
Landwirtschaftsbetrieb betroffen. „Betreiber scheuen<br />
teilweise davor, Alternativen zu prüfen oder gar den<br />
BImSch-Prozess durchlaufen zu müssen. Das schränkt<br />
ziemlich stark die wirklich guten Möglichkeiten ein,<br />
eine Bestandsanlage zu einer zukunftsfähigen Anlage<br />
zu machen“, berichtete Prof. Scholwin aus der Beratungspraxis.<br />
Für manche Anlagenbetreiber stelle sich die Frage, ob<br />
es Sinn macht, den eigenen Strombedarf zu substituieren.<br />
Es gebe Landwirtschaftsbetriebe, die pro Jahr 1<br />
bis 1,5 Millionen Kilowattstunden Strom verbrauchen.<br />
Da sei man schon nah dran an der Strommenge, die<br />
sich mit einer 300- bis 400-kW-Biogasanlage erzeugen<br />
lasse, wenn die Bemessungsleistung halbiert werde im<br />
Vergleich zur ersten Vergütungsperiode.<br />
Manche Betreiber hätten auch eine günstige Nähe<br />
zum Erdgasnetz. Da sei zu überlegen, ob die gesamte<br />
Gasmenge oder ein Teil davon aufbereitet und ins<br />
Erdgasnetz eingespeist wird. Trocknungsprozesse wären<br />
in Zukunft weniger spannend, weil es keinen Kraft-<br />
Wärme-Kopplungsbonus mehr gebe. Eine Frage, über<br />
die sich immer lohne nachzudenken, sei, ob es nicht<br />
sinnvoll sein kann, alternative Substrate einzusetzen.<br />
„Unsere Erfahrung ist, dass es immer noch erschließbare<br />
Festmist- und Güllemengen gibt“, teilte Prof.<br />
Scholwin mit.<br />
Eine besondere Herausforderung für den Anlagenbetrieb<br />
ist für Landwirte nach seinen Worten, dass sie die<br />
Zukunft der Tierhaltung nicht kennen. Verschärfungen<br />
im Bereich Düngung und Stallhaltung von Tieren sei<br />
nicht gut vorhersehbar. Anhand verschiedener Beispiele<br />
zeigte der Institutsleiter Zukunftsszenarien unter<br />
Wirtschaftlichkeitsaspekten.<br />
19
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Beispiel 3: 500-kW-Anlage, 250 m³ Rohgas pro Stunde,<br />
Zahlen sind in Cent (ct) pro Kilowattstunde (kWh)<br />
Methan umgerechnet. EEG <strong>2021</strong> – doppelte Überbauung.<br />
18,2 ct/kWh angesetzt.<br />
V1: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 90 Prozent<br />
Gülle ein. Ergebnis: +4,5 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V2: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 100 Prozent NawaRo<br />
ein. Ergebnis: +1,37 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V3: Die Anlage ist im EEG <strong>2021</strong>, setzt 100 Prozent<br />
Gülle ein. Ergebnis: +4,58 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V4: Die Anlage ist im EEG <strong>2021</strong>, setzt 100 Prozent<br />
NawaRo ein. Ergebnis: +1,60 ct/kWh.<br />
Scholwin erläuterte, dass V3 und V4 nah dran sind an<br />
den Ergebnisse von V1 und V2. Selbst in V4 mit 100<br />
Prozent NawaRo lasse sich noch etwas Geld verdienen.<br />
Kritik übte Horst Seide, Präsident des Fachverbandes Biogas e.V., bezüglich der Güllekleinanlagenklasse,<br />
die erweitert werden soll auf Bestandsanlagen. Dazu stehe im Gesetzentwurf nichts<br />
drin, sondern in der Verordnungsermächtigung. „Wer investiert denn von uns in einem Bereich,<br />
der nur in der Verordnungsermächtigung geregelt wird?“, fragte Seide.<br />
Beispiel 1: 500-kW-Anlage, 250 m³ Rohgas pro Stunde,<br />
die nachfolgenden Zahlen sind in Cent (ct) pro<br />
Kilowattstunde (kWh) Methan umgerechnet. Vier Varianten<br />
(V).<br />
V1: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 90 Prozent<br />
Gülle ein. Ergebnis: +4,5 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V2: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 100 Prozent<br />
NawaRo ein. Ergebnis: +1,37 ct/kWh bleiben<br />
übrig.<br />
V3: Zukunft Eigenstromversorgung, 100 Prozent<br />
Gülle. Ergebnis: +3,29 ct/kWh.<br />
V4: Zukunft Eigenstromversorgung, 100 Prozent<br />
NawaRo. Ergebnis: -0,40 ct/kWh.<br />
Laut Prof. Scholwin macht Variante 4 keinen Sinn. V3<br />
und V4 beinhalten Wärmeerlöse, V1 und V2 ohne Wärmeverkauf.<br />
Beispiel 4: 500-kW-Anlage, 250 m³ Rohgas pro Stunde,<br />
Zahlen sind in Cent (ct) pro Kilowattstunde (kWh)<br />
Methan umgerechnet. Die gesamte Gasmenge wird zu<br />
Biomethan aufbereitet. Erlös 8 ct/kWhHS.<br />
V1: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 90 Prozent<br />
Gülle ein. Ergebnis: +4,5 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V2: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 100 Prozent NawaRo<br />
ein. Ergebnis: +1,37 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V3: 100 Prozent Gülle. Ergebnis: +3,16 ct/kWh<br />
Methan.<br />
V4: 100 Prozent NawaRo. Ergebnis: +0,63 ct/kWh<br />
Methan.<br />
Die Erlössituation für Gas aus Gülle sei relativ gut. In<br />
der Größenordnung des Wechsels in das EEG <strong>2021</strong>. Die<br />
Chancen seien groß, dass sich der Methanpreis nach<br />
oben entwickeln kann. „Die Gaseinspeisung bietet jedoch<br />
nicht die Sicherheit wie ein EEG <strong>2021</strong>, das einen<br />
Zeitraum von zehn Jahren abdeckt“, gab Prof. Scholwin<br />
zu bedenken. Er hält V3 in Beispiel 4 für eine interessante<br />
Option für eine bestimmte Zahl an Biogasanlagen.<br />
Zu V4 sagte er, dass für 100 Prozent NawaRo-Gas<br />
wohl eher nicht 8 ct/kWh zu erzielen sind.<br />
Beispiel 2: 500-kW-Anlage, 250 m³ Rohgas pro Stunde,<br />
Zahlen sind in Cent (ct) pro Kilowattstunde (kWh)<br />
Methan umgerechnet. EEG <strong>2021</strong> im Vergleich zum<br />
EEG 2009. Die EEG-<strong>2021</strong>-Varianten wurden mit 18,2<br />
ct/kWh angesetzt.<br />
V1: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 90 Prozent<br />
Gülle ein. Ergebnis: +4,5 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V2: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 100 Prozent<br />
NawaRo ein. Ergebnis: +1,37 ct/kWh bleiben<br />
übrig.<br />
V3: Die Anlage ist im EEG <strong>2021</strong>, setzt 100 Prozent<br />
Gülle ein. Ergebnis: +2,93 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V4: Die Anlage ist im EEG <strong>2021</strong>, setzt 100 Prozent<br />
NawaRo ein. Ergebnis: -0,76 ct/kWh.<br />
V3 und V4 beinhalten Erlöse aus Flexzuschlag. V4 geht<br />
nur mit Wärmeverkauf. Scholwin sagte, dass die Eigenstromnutzung<br />
wirtschaftlich etwas attraktiver ist als<br />
das EEG <strong>2021</strong> in dem Vergleich.<br />
Beispiel 5: 500-kW-Anlage, 250 m³ Rohgas pro Stunde,<br />
Zahlen sind in Cent (ct) pro Kilowattstunde (kWh)<br />
Methan umgerechnet. Kombination EEG <strong>2021</strong> und<br />
Biomethaneinspeisung.<br />
V1: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 90 Prozent<br />
Gülle ein. Ergebnis: +4,5 ct/kWh bleiben übrig.<br />
V2: Die Anlage ist im EEG 2009, setzt 100 Prozent<br />
NawaRo ein. Ergebnis: +1,37 ct/kWh bleiben<br />
übrig.<br />
V3: EEG 21 + Gaseinspeisung, 100 Prozent Gülle.<br />
Ergebnis: +3,46 ct/kWh Methan.<br />
V4: EEG 21 + Gaseinspeisung, 100 Prozent NawaRo.<br />
Ergebnis: +0,93 ct/kWh Methan.<br />
V3 und V4 sind in diesem Beispiel besser als in Beispiel<br />
4. Beispiel 5 kommt aber nicht an die Erlöse aus<br />
Beispiel 3 heran. Prof. Scholwins Fazit lautete: Es<br />
geht auch wirtschaftlich, wenn man sich neuen Absatzmärkten<br />
öffnet.<br />
FOTO: CHRISTIAN DANY<br />
20
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Anhebung des Flexzuschlags<br />
wichtiges Signal<br />
Dr. Uwe Welteke-Fabricius vom Netzwerk<br />
„Die Fl(ex)perten“ widmete sich in seinen<br />
Ausführungen dem Entwurf des EEG <strong>2021</strong><br />
und möglichen Chancen daraus für die<br />
Flexibilisierung der Stromerzeugung durch<br />
Biogasanlagen. Er freue sich, dass die Ausschreibungsmenge<br />
im 21er EEG auf 350<br />
Megawatt pro Jahr angehoben werden soll.<br />
„Die Anhebung des Flexibilitätszuschlags<br />
ist ganz, ganz wichtig für Anlagen, die die<br />
Flexibilisierung unter den Möglichkeiten<br />
der Flexprämie noch nicht vollzogen haben,<br />
weil für sie die Perspektiven unsicher<br />
waren“, betonte der Referent. Die Flexprämie<br />
für Bestandsanlagen ohne Deckel sei<br />
wunderbar. Es gebe aber kaum noch Betriebe,<br />
die diese nutzen können.<br />
Themenwechsel zu sogenannten ökologisch<br />
wertvollen Substraten, deren Anbau<br />
gefördert werden müsse, „jedoch nicht aus<br />
den Geldbörsen der Energiekunden, sondern<br />
aus Landwirtschaftstöpfen“, so sein<br />
Plädoyer. Wer mit Biogas in der Vor-Ort-<br />
Verstromung weitermachen wolle – dies<br />
würde 70 bis 80 Prozent der Anlagen betreffen,<br />
die von der Verstromung lebten –,<br />
brauche eine sichere Substratversorgung,<br />
eine geregelte Nachfolge und den Stand<br />
der Technik in einem einigermaßen guten<br />
Zustand. „Die Vor-Ort-Verstromung macht<br />
aber nur Sinn, wenn die gesamte Wärme<br />
verwertet wird und Geld einbringt. Zudem<br />
sollte der Stromanschluss so ausgestaltet<br />
sein, dass die gesamte Strommenge in<br />
weniger als 3.000 Stunden eingespeist<br />
werden kann“, gab Dr. Welteke-Fabricius<br />
zu bedenken.<br />
Die Versorgungssicherheit nehme durch<br />
Abschalten gesicherter Leistung in Form<br />
von Atom- und Kohlekraftwerken ab 2022<br />
ab. Schon bald danach sei die Menge der<br />
gesicherten Leistung nur noch ein Bruchteil<br />
dessen, „was wir wirklich brauchen<br />
an Residuallast. Da besteht dann eine<br />
Riesenchance für Biogasanlagen mit Vor-<br />
Ort-Verstromung“, prognostizierte der<br />
Flexperte.<br />
Und er erklärte in Richtung Bestandsanlagen<br />
adressiert: „Wer nur noch eine EEG-<br />
Laufzeit hat bis 2025, der kann schon<br />
bald an der Ausschreibung teilnehmen.<br />
Er hat die Chance, mit den 18,4 Cent pro<br />
Kilowattstunde, die jetzt im EEG-Entwurf<br />
stehen, in die Ausschreibung zu gehen<br />
und die zweite Vergütungsperiode für weitere<br />
10 Jahre inklusive Flexzuschlag zu<br />
bekommen. Eventuell können Betreiber<br />
dort, wo eine Wärmesenke ist, eine Neuanlage<br />
installieren und die mit einer außer<br />
Betrieb gehenden Altanlage zur Gasversorgung<br />
kombinieren. Die Bereitschaft der<br />
Netzbetreiber vorausgesetzt.“<br />
Anlagenbetreiber ab Inbetriebnahmejahr<br />
2011 würden noch 10 Jahre die Flexprämie<br />
bekommen. Die sollten die Flexprämie<br />
nun dringend in Anspruch nehmen. Wer ab<br />
2013 in Betrieb gegangen ist, der erhalte<br />
nur den Flexzuschlag. Das Problem seien<br />
die Anlagen, die zwischen 2006 und 2011<br />
in Betrieb gegangen sind. Die hätten nur<br />
noch fünf bis neun Jahre Flexprämie in<br />
Aussicht. „Die können eigentlich nur noch<br />
dann sinnvoll ihre Umbaukosten realisieren,<br />
wenn wir die gestauchte Flexprämie<br />
noch in das EEG bekommen“, ergänzte Dr.<br />
Welteke-Fabricius.<br />
Kleine Flexibilisierung in Zukunft<br />
nicht mehr möglich<br />
Ungefähr drei Viertel der Flexanlagen seien<br />
„Kleinflexibilisierungen“, wo eine Biogasanlage<br />
mit einem BHKW ein gleich großes<br />
BHKW hinzubekommen hat. Diese Anlagen<br />
hätten einen relativ kleinen Gasspeicher,<br />
meistens für vier bis acht Stunden<br />
Reichweite. Die neuen Flex-BHKW seien in<br />
der Vergangenheit die Dauerläufer geworden<br />
auf den Anlagen. Das werde in Zukunft<br />
nicht mehr möglich sein, weil in der Vergütungsperiode<br />
2 an 1.000 Stunden mindestens<br />
85 Prozent der installierten Leistung<br />
nachgewiesen werden müssten.<br />
Dr. Welteke-Fabricius hält es für wichtig,<br />
dass das Bestands-BHKW durch eine Generalüberholung<br />
fit gemacht wird. Dann<br />
sollten beide Aggregate gleichzeitig einspeisen.<br />
Würden einmal Anforderungen<br />
an die Flexibilisierung zunehmen, lasse<br />
sich durch passive Flexibilisierung, also<br />
Reduzierung der Erzeugung, die Biogasproduktion<br />
runterfahren. Mit dem <strong>2021</strong>er<br />
EEG würde sich die große Flexüberbauung<br />
auszahlen und die Wertschöpfung steigen.<br />
Am Ende seines Vortrages stellte Dr. Welteke-Fabricius<br />
noch ein innovatives Konzept<br />
als Zukunftsoption vor: Betreiber von<br />
Bestandsanlagen mit bislang konstanter<br />
Stromeinspeisung sollten in ihrer Standortumgebung<br />
nach Wärmesenken Ausschau<br />
halten. Einzelne Großkunden oder ganze<br />
Dörfer kämen infrage. Dort müsste ein großer<br />
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AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
neben einem großen BHKW, das die Wärme erzeuge.<br />
„Das neue BHKW soll nicht gleich eine neue Biogasanlage<br />
darstellen, sondern das Biogas aus einer bestehenden<br />
älteren Anlage beziehen. Dann hätte man einen<br />
hochflexiblen Standort, würde 20 Jahre die Vergütung<br />
bekommen und könne das alte BHKW flexibel betreiben,<br />
vor allem aber, um die Wärme für die Beheizung<br />
der Fermenter zu nutzen.“<br />
Kehrtwende des Bundeswirtschaftsministers<br />
Horst Seide, Präsident des Fachverbandes Biogas e.V.,<br />
stellte in seinem Vortrag die Verbandssicht auf die Energiewendebemühungen<br />
der Bundesregierung und die<br />
EEG-Novelle dar. Er leitete mit der rhetorischen Frage<br />
an die Zuhörerinnen und Zuhörer ein: „Wer von Ihnen<br />
kennt eigentlich noch das Altmaier-Rösler-Papier?“.<br />
Das sei inzwischen acht Jahre alt. Rösler war damals<br />
Wirtschaftsminister und Altmaier Umweltminister. Die<br />
beiden Politiker verfolgten damals das Ziel, Biogas aufs<br />
energiepolitische Abstellgleis zu schieben. Biogasstrom<br />
brauche man nicht, weil Wind- und Solarstrom so viel<br />
billiger und künftig in viel größeren Mengen verfügbar<br />
sein würden.<br />
„Jetzt aber legt Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier<br />
diesen EEG-Entwurf auf den Tisch. Was für eine<br />
Kehrtwende. Der Entwurf enthält wichtige Botschaften.<br />
Die wichtigste Botschaft ist aber: Wir brauchen Biogas<br />
in der Zukunft. Und so sieht es danach aus, dass wir 2<br />
Cent pro Kilowattstunde beim Gebotshöchstpreis mehr<br />
bekommen. Beim Flexzuschlag gibt es ebenfalls eine<br />
positive Entwicklung. Der soll von 40 auf 65 Euro ansteigen,<br />
was schon längst überfällig war“, teilte Seide<br />
freudig mit.<br />
„Aber reicht das?“, fragte der Verbandspräsident. Die<br />
Antwort lieferte er nach einer kurzen Erläuterung: „Die<br />
Bundesregierung hat sich Klimaziele gesteckt. Ein Ziel<br />
ist, dass die 42 Terawattstunden Strom aus Bioenergie,<br />
die heute in Deutschland bereitgestellt werden, in<br />
2030 auch verfügbar sind. Ich glaube aber, dass die Inhalte<br />
des EEG-Entwurfs nicht ausreichen, um die Ziele<br />
der Bundesregierung zu erreichen.“ Kritik übte Seide<br />
bezüglich der Güllekleinanlagenklasse, die erweitert<br />
werden soll auf Bestandsanlagen. Dazu stehe im Gesetzentwurf<br />
nichts drin, sondern in der Verordnungsermächtigung.<br />
„Wer investiert denn von uns in einem Bereich, der nur<br />
in der Verordnungsermächtigung geregelt wird?“, fragte<br />
Seide. Dass im Zusammenhang mit der Klasse der<br />
Güllekleinanlagen der Gesetzgeber bei 150 Kilowatt<br />
installierter Leistung die Grenze ziehen will, ist für Seide<br />
völlig unverständlich. Installierte Leistung müsse<br />
gestrichen und stattdessen Bemessungsleistung reingeschrieben<br />
werden. Dann werde eine große Gruppe<br />
von Anlagenbetreibern in Regionen, in denen es genug<br />
Gülle gibt, in die Gülleklasse wechseln.<br />
„Das neue EEG wird aber bedeuten, dass wir unsere Verstromungsanlagen<br />
hoch flexibilisieren müssen, wenn<br />
wir in die zweite Vergütungsperiode wechseln wollen.<br />
Dafür reicht aber die Ausschreibungsmenge von 350<br />
Megawatt pro Jahr nicht aus. Wir machen künftig aus<br />
mehr installierter Leistung mehr Arbeit in kurzer Zeit“,<br />
wandte Seide sich an die Convention-Teilnehmer.<br />
Ein anderes Ziel der Bundesregierung laute 65 Prozent<br />
Ökostrom am Bruttostromverbrauch in 2030. Von dem<br />
Ziel seien wir weit entfernt. Um das Ziel erreichen zu<br />
können, müssen laut Seide Wind- und Solarenergie,<br />
aber auch die Bioenergie massiv ausgebaut werden. Bei<br />
Bioenergie seien es 600 Megawatt pro Jahr, wiederholte<br />
Seide die von Dr. Simone Peter eingangs schon genannte<br />
Zahl. Nur so ließen sich die 42 Terawattstunden<br />
Bioenergie bis 2030 stabilisieren. Die Bundesregierung<br />
Austausch von MAN- gegen V36-Zylinderköpfe von 2G<br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
wolle auch, dass in 2050<br />
keine fossilen CO 2<br />
-Emissionen<br />
mehr in die Atmosphäre<br />
gepustet werden. Mit dem<br />
65-Prozent-Ziel für 2030<br />
sei die Klimaneutralität in 2050 nicht zu erreichen.<br />
Neu im künftigen EEG <strong>2021</strong> sei auch die sogenannte<br />
Biomethan-Südausschreibung. Die findet erstmals<br />
am 1. Dezember <strong>2021</strong> statt. 150 Megawatt Leistung<br />
würden ausgeschrieben. Die Biomethan-BHKW dürften<br />
aber nur maximal 15 Prozent der Jahresstunden betrieben<br />
werden. Das heißt, die Bundesregierung macht jetzt<br />
erstmals extra eine Ausschreibung für die Biomethanverstromung.<br />
„Jahrelang hat die Biogasbranche gesagt, wir können<br />
flexibel Strom produzieren. Jetzt sagt die Bundesregierung,<br />
wir wollen mal sehen, ob ihr hochflexibel<br />
sein könnt. Da sage ich, liebe Betreiber, jetzt gilt es<br />
die Ärmel aufzukrempeln und dieses Volumen vollzumachen.<br />
Ich finde die geforderten 15 Prozent maximal<br />
der Jahresstunde zu scharf und zu eng gedacht. Wenn<br />
man statt der maximal 15 Prozent nun 2.500 Jahresstunden<br />
nähme – so wie wir es gefordert haben – und<br />
die BHKW hochflexibel betreibt, dann hätten wir viel<br />
mehr Möglichkeiten gehabt, mit der Wärme zu spielen.<br />
Dann hätten wir nicht geleistete Arbeit ins nächste Jahr<br />
mitnehmen können. Aber viel wichtiger: Wir hätten fossile<br />
Erdgasspitzenlastkessel ersetzen können. Darüber<br />
sollte noch einmal nachgedacht werden“, erklärte Seide<br />
die Zusammenhänge.<br />
Wasserstoff biogenen Ursprungs zulassen<br />
Er bedauerte, dass im Gebäudeenergiegesetz und im<br />
Kraft-Wärme-Kopplungsgesetz Bioenergiewärme – insbesondere<br />
im Hochtemperaturbereich – nicht stärker<br />
eingesetzt werden kann. Dagegen freut er sich über<br />
„Wir machen künftig aus<br />
mehr installierter Leistung<br />
mehr Arbeit in kurzer Zeit“<br />
Horst Seide<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Redakteur Biogas Journal<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
0 54 09/90 69 426<br />
martin.bensmann@biogas.org<br />
die positive Entwicklung,<br />
dass sich immer mehr Menschen<br />
der Biogasbranche<br />
mit dem Thema Biomethan<br />
als Kraftstoff beschäftigen.<br />
Der Gesetzgeber bearbeite gerade die 36. und 38.<br />
Bundes-Immissionsschutzverordnung (BImSchV), den<br />
Rechtsrahmen, der die Verwendung von erneuerbaren<br />
Kraftstoffen regelt.<br />
In einem Entwurf des Bundesumweltministeriums ist<br />
formuliert, dass in 2030 2 Prozent des Flugbenzins einen<br />
„grünen“ Anteil haben soll. Der soll laut Seide aus<br />
Wasserstoff bestehen. Es stehe aber auch drin, dass der<br />
Wasserstoff auf keinen Fall biogenen Ursprungs sein<br />
darf. Die Begründung dafür sei, dass Elektrolyseure<br />
gefördert werden sollen. „Wenn man eine Technologie<br />
fördern will, dann müssen dafür Investitionszuschüsse<br />
gezahlt werden. Zur Zielerreichung der 2 Prozent müssen<br />
alle Technologien eine Chance haben und dann sind<br />
höhere Ziele zu setzen“, machte Seide deutlich.<br />
Sein mit Nachdruck formuliertes Schlussstatement<br />
Richtung Berliner Politik lautete: „Wenn die Bundesregierung<br />
im EEG <strong>2021</strong> 150 Megawatt Südausschreibung<br />
anbietet, dann liefern wir die. Wenn die Bundesregierung<br />
in der 38. BImSchV 16 Prozent Treibhausgasminderung<br />
im Verkehr bis 2030 festschreibt, dann liefern<br />
wir die. Wir können mehr. Wir würden gerne mehr Bioenergie<br />
produzieren. Die Politik muss uns nur lassen.“<br />
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AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
18 – 20 November 2020, Hanover, Germany<br />
2020 DIGITAL<br />
Der Weg hin zur Biomethanproduktion<br />
könnte für manche Bestandsverstromungsanlage<br />
interessant sein.<br />
Biomethanproduktion könnte<br />
interessanter werden<br />
Am Montag, den 16. November startete mittags die diesjährige Biogas Convention mit<br />
ihrem Tagungsprogramm. Biomethan stand inhaltlich auf der Agenda.<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Dr. Helmut Kern, Geschäftsführer der Arcanum<br />
Energy Systems GmbH & Co.KG<br />
in Unna, eröffnete als Referent den Vortragsblock.<br />
Sein Unternehmen suche Biogasanlagen,<br />
die demnächst Biomethan als<br />
Kraftstoff nach den Vorgaben der Renewable Energy<br />
Directive (RED II) der EU produzieren werden. Zudem<br />
kündigte er an, dass man sich in Zukunft auch mit Wasserstoff<br />
beschäftigen wolle.<br />
Der Kraft-Wärme-Kopplungsbereich (KWK) in Deutschland<br />
nehme mehr als 80 Prozent des produzierten<br />
Biomethans auf. „Das sind hauptsächlich Blockheizkraftwerke<br />
bei Stadtwerken, Energieversorgern, in Hallenbädern<br />
oder auch in Krankenhäusern. Leider ist dieser<br />
Marktanteil rückläufig. Der Bereich Ökogas steigt<br />
dagegen leicht an. Den Kraftstoffabsatz sehen wir stark<br />
steigend. In sehr geringem Umfang gibt es einen Export<br />
sowie die stoffliche Nutzung“, führte Dr. Kern aus.<br />
Biomethanüberhang im Markt<br />
Ab 2005 sei eine Vielzahl an BHKW in Betrieb genommen<br />
worden mit einer EEG-Laufzeit von 20 Jahren.<br />
Ohne eine auskömmliche Förderung im Kraft-Wärme-<br />
Kopplungsgesetz oder sonstige politische Rahmenbedingungen<br />
sei davon auszugehen, dass die Nachfrage<br />
in diesem Segment wegbricht. Dadurch herrsche ein<br />
gewisser Druck auf den KWK-Markt. 1,5 bis 2 Terawattstunden<br />
Biomethan ließen sich derzeit nicht vermarkten.<br />
Durch das Kohleausstiegsgesetz ergebe sich ein erhöhter<br />
Bedarf an grundlastfähiger Strombereitstellung.<br />
„Die EEG-Reform in diesem Jahr gibt erstmals<br />
seit sechs Jahren wieder positive Signale auch für den<br />
Biomethanbereich. So ist zum Beispiel eine erhöhte<br />
Vergütung für Biomethan verstromende Anlagen in<br />
Süddeutschland geplant. Mit dem Brennstoff-Emissionshandelsgesetz<br />
werden erstmals außerhalb des<br />
europäischen Emissionshandels CO 2<br />
-Emissionen mit<br />
einer Abgabe belegt. Das hat auch Folgen für den Erdgaspreis,<br />
der sich um 0,45 Cent pro Kilowattstunde<br />
verteuern wird“, blickte der Marktkenner voraus.<br />
Mit jeder Verteuerung der CO 2<br />
-Abgabe verteuern sich<br />
fossile Energieträger, gab Dr. Kern zu bedenken. Andererseits<br />
werde es rentabler, Biomethan einzusetzen.<br />
FOTO: ADOBE STOCK_RALF GEITHE<br />
24
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Im Gebäudeenergiegesetz sei der Primärenergiefaktor<br />
für Biomethan angepasst worden. Er rechne aber nur<br />
mit einem geringen Effekt bezüglich des Einsatzes von<br />
Biomethan in Neubauten.<br />
Biomethan: 50%-Anteil im CNG-Markt<br />
Bedeutsamer jedoch seien die Vorgaben der RED II.<br />
Die sieht vor, dass fossile Kraftstoffe durch fortschrittliche<br />
erneuerbare Kraftstoffe ersetzt werden. Rohstoffe,<br />
die über eine hohe Treibhausgasminderung verfügen<br />
würden, seien in dem Zusammenhang besonders interessant.<br />
Biomethan hat laut Dr. Kern aktuell im CNG-<br />
Markt einen Anteil von etwa 50 Prozent. Per Gesetz<br />
bestehe eine sogenannte Quotenverpflichtung. Das<br />
heißt, Mineralölunternehmen sind verpflichtet, einen<br />
gewissen Anteil der fossilen Kraftstoffe, die sie verkaufen,<br />
durch erneuerbaren Kraftstoff zu ersetzen. Wer das<br />
nicht einhält, der muss eine Pönale in Höhe von 470<br />
Euro pro Tonne CO 2<br />
bezahlen.<br />
Dr. Kern erklärte den Quotenhandel wie folgt: „Der Biomethanhersteller<br />
muss seine Gasproduktion zertifizieren<br />
lassen. Dann erfolgt die Übertragung der Quote und<br />
der Gasmoleküle an die CNG-Tankstelle. Die Gasmoleküle<br />
werden an der CNG-Tankstelle vertankt. Tankstelle<br />
und Mineralölunternehmen schließen einen Kaufvertrag<br />
miteinander ab. Tankstelle und Mineralölunternehmen<br />
müssen der Quotenstelle, also dem Hauptzollamt,<br />
mitteilen, welche Menge in Verkehr gebracht worden<br />
ist.“ Zum Schluss werde die Teilung der Erlöse vorgenommen.<br />
Die Marktentwicklung für die Treibhausgasquote sei<br />
sehr volatil. Zu Beginn des Jahres 2020 habe der Preis<br />
pro Tonne CO 2<br />
-Quote bei etwa 430 Euro gelegen. Im<br />
Oktober 2020 habe dieser dagegen nur noch 230 Euro<br />
pro Tonne betragen. Als Grund für den Preisrutsch gab<br />
Dr. Kern einen rückläufigen Mineralölabsatz an. Dort<br />
würden also keine konstanten Preise wie im EEG herrschen.<br />
Substrate mit hoher<br />
Treibhausgasvermeidung einsetzen<br />
Anlagenbetreiber, die in diesem Marktsegment aktiv<br />
würden, sollten am besten solche Gärsubstrate einsetzen,<br />
„die eine möglichst hohe Treibhausgasvermeidung<br />
erzielen. Silomais als Monosubstrat schafft das nicht.<br />
Wenn aber 60 Prozent Gülle und Mist mit 40 Prozent<br />
Silomais vergoren werden, dann beträgt die Treibhausgasminderung<br />
89 Prozent“, nannte Dr. Kern ein paar<br />
Zahlen.<br />
Die anlagenspezifische Berechnung der Treibhausgasminderung<br />
sei besser als die Verwendung von Standardwerten,<br />
da so die Individualität der jeweiligen<br />
Biogasanlage stärker zum Ausdruck komme. Arcanum<br />
biete entsprechende Dienstleistungen an. „Betreiber<br />
müssen sich Gedanken machen, ob sie von einem bisher<br />
beispielsweise maislastigen Inputmix hin zu einem<br />
reststoffbasierten Substratmix wechseln können. Auf<br />
der einen Seite steigen die Produktionskosten des<br />
Gases, andererseits winken Erlöse aus der Quotenvermarktung“,<br />
ermunterte Dr. Kern.<br />
Der Bio-CNG-Markt scheine derzeit gesättigt zu sein.<br />
Anders sehe es im Bio-LNG-Markt aus. Die THG-Minderung<br />
sei zwar etwas geringer als bei CNG, aber er sei<br />
eigentlich der Kraftstoff der Zukunft. Eine hohe Energiedichte<br />
lässt sich auf engem Raum speichern (siehe<br />
auch Biogas Journale 1_2018, 4_2018 oder 3_2019).<br />
Regionen in Bayern, Niedersachsen und Schleswig-<br />
Holstein scheinen, so Dr. Kern, als Bio-LNG-Produktionsstandorte<br />
interessant zu sein. Dort könnten mehrere<br />
Biogasanlagen beispielsweise über eine Gassammelleitung<br />
zu einer zentralen Bio-LNG-Anlage zusammengeführt<br />
werden. Die Rohgasleitungen würden mit 50 bis<br />
80 Euro pro Meter in Abhängigkeit von der Geländetopografie<br />
und den Bodenbedingungen zu Buche schlagen.<br />
Stromproduktion oder Gaseinspeisung –<br />
ein ökonomischer Abwägungsprozess<br />
Alfons Himmelstoß, Geschäftsführer der AEV Energy<br />
GmbH in Dresden, ist schon über zwei Jahrzehnte im<br />
Biogassektor unterwegs. Er stellte in einem Beispiel<br />
dar, ob sich der Bau einer neuen Biogasanlage nach<br />
dem EEG <strong>2021</strong> lohnt. Dem stellte er eine neue Biomethaneinspeisung<br />
gegenüber. Die neue EEG-Anlage<br />
würde 16,4 Cent (ct) pro Kilowattstunde (kWh) bekommen.<br />
Der Gebotshöchstwert sei mit einer einprozentigen<br />
Degression hinterlegt. Die Anlage nehme erst<br />
an der späten Ausschreibung in <strong>2021</strong> teil und erhalte<br />
somit nur einen Wert von 16,23 ct/kWh.<br />
Himmelstoß verwies darauf, dass die neue Anlage 150<br />
Tage Verweilzeit im gasdichten System nachweisen<br />
muss, wenn nachwachsende Rohstoffe eingesetzt werden.<br />
Die Vorgabe entfalle, wenn Gülle und Mist vergoren<br />
werden. Für die Gärdünger müssten sechs beziehungsweise<br />
neun Monate Lagerkapazität eingeplant<br />
werden.<br />
„Altanlagen, die bis 2004 gebaut worden sind, sind<br />
Anlagen mit einem relativ hohen Gülleanteil. Da ist die<br />
Einhaltung der 150 Tage Verweilzeit mit erheblichen<br />
Investitionen verbunden. Es gibt Betriebe, da müssten<br />
10.000 Kubikmeter Lagervolumen hinzugebaut<br />
werden. Das ist wirtschaftlich schwer darstellbar“, erläuterte<br />
Himmelstoß. Eine Bestandsanlage erhalte eine<br />
Vergütung von rund 20 ct/kWh. In der Vergütungsperiode<br />
2 nach EEG-Entwurf <strong>2021</strong> bekomme sie 18,4 Cent.<br />
Zudem würden Betreiber folgende Erlöse generieren<br />
können:<br />
a. 130 Euro Flexprämie für die überbaute Leistung<br />
in Vergütungsperiode 1. Aber nur die 2011er<br />
Anlagen bekommen diese noch für zehn Jahre.<br />
b. 65 Euro Flexzuschlag für Bestandsanlagen, die<br />
in Vergütungsperiode 2 wechseln.<br />
c. 65 Euro Flexzuschlag für Neuanlagen im EEG<br />
<strong>2021</strong>.<br />
25
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Der Bio-CNG-Markt<br />
scheint in Deutschland<br />
derzeit gesättigt zu<br />
sein.<br />
b) und c) beziehen sich auf die installierte Leistung.<br />
Für a, b und c sind Zusatzerlöse aus der Direktvermarktung<br />
in Höhe von 0,3 bis 3,0 ct/kWh möglich. a): Laufzeit<br />
20 Jahre, b): Laufzeit 10 Jahre und bei c): Laufzeit<br />
20 Jahre. Für Biomethan gibt es laut Himmelstoß Vertragslaufzeiten<br />
von maximal 10 Jahren, die aber eher<br />
kürzer sind.<br />
Volatile Quotenerlöse<br />
Beim Biomethan würde man in Strompreisäquivalent<br />
umgerechnet 3,75 ct/kWh bekommen, wenn man das<br />
Methan verkauft. Jedoch könnten Zusatzerlöse erzielt<br />
werden durch den Verkauf der CO 2<br />
-Quote. Das wären<br />
etwa 17,1 ct/kWh el<br />
(100 Euro/Tonne CO 2<br />
, 100 Prozent<br />
Gülle, RED II) oder 42,84 ct/Wh el<br />
(250 Euro/Tonne<br />
CO 2<br />
, 100 Prozent Gülle, RED II).<br />
Nach BLE 2018 bekomme der Biogasproduzent bei<br />
100 Euro CO 2<br />
-Quotenpreis nur 7,3 ct/Wh el<br />
. Bei 250<br />
Euro CO 2<br />
-Quotenpreis 18,25 ct/Wh el<br />
. Wenn man 80<br />
Prozent Gülle und 20 Prozent Mais vergärt und nach<br />
RED II die THG-Minderung ansetzt, dann bekommt der<br />
Betreiber bei 100 Euro/Tonne CO 2<br />
-Quotenpreis 9,21<br />
ct/Wh el<br />
. Bei 250 Euro/Tonne CO 2<br />
-Quotenpreis kann er<br />
23,02 ct/Wh el<br />
erzielen.<br />
Himmelstoß berichtete, dass er für sächsische Biogasanlagen<br />
Wirtschaftlichkeitsberechnungen durchgeführt<br />
hat. „Wir haben hin und her gerechnet und Alternativen<br />
zum Einspeisegesetz gesucht. Die Betriebe<br />
haben ein hohes Gülleaufkommen, ein überschaubares<br />
Mistaufkommen und Futterreste fallen an. Andere Substrate<br />
werden nicht eingesetzt. Aus diesen drei Substraten<br />
lassen sich 550 kW el<br />
betreiben. Eine Überlegung<br />
war, eine neue Biogasanlage zu bauen mit 2 x 635 kW<br />
und einer Höchstbemessungsleistung von 572 kW. Die<br />
Anlage würde rund 3,8 Millionen Euro kosten. Als Alternative<br />
dazu haben wir eine neue Biomethaneinspeiseanlage<br />
mit Membrantechnik für die Gasaufbereitung<br />
kalkuliert, die etwa 5 Millionen Euro kosten wird“, führte<br />
der Anlagenbauer aus.<br />
In dem kalkulatorischen Vergleich sei deutlich geworden,<br />
dass die Anlage für das verkaufte Biomethan 8 ct/<br />
kWhHS bekommen muss. Auf der Basis der 8 ct sei<br />
die Vor-Ort-Verstromung wirtschaftlich interessanter –<br />
noch dazu mit dem vorliegenden EEG-Entwurf. „Wenn<br />
man aber den Biomethanerlös von 8 ct auf 11 ct/kWh<br />
steigern kann, dann ist die Biomethanerzeugung interessanter.<br />
Pari wäre erreicht, wenn für das Biomethan<br />
9,5 bis 9,6 ct/kWh Brennwert erzielt werden. Ich bin<br />
davon überzeugt, dass der Weg, Biomethan zu erzeugen,<br />
sehr interessant werden kann“, unterstrich der<br />
Referent.<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Redakteur Biogas Journal<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
0 54 09/90 69 426<br />
martin.bensmann@biogas.org<br />
FOTO: ADOBE STOCK_ROLAND MAGNUSSON<br />
26
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
27
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Innovationen<br />
Vorausschauende Wartung und intelligentes<br />
Einspeisemanagement<br />
Mit Innovationen in den verschiedenen Bereichen der Biogastechnologie befasste sich<br />
der entsprechende Block 5 am Mittwochnachmittag der Biogas Convention-Woche.<br />
Von Thomas Gaul<br />
18 – 20 November 2020, Hanover, Germany<br />
2020 DIGITAL<br />
Frank Grewe, CTO der 2G Energy AG, zeigte<br />
in seinem Vortrag auf, wie sich mit vorbeugender<br />
Wartung (predictive maintenance) die<br />
Wartungsintervalle eines Blockheizkraftwerks<br />
(BHKW) auf 4.000 Betriebsstunden verlängern<br />
lassen. Die Vorteile der verlängerten Wartungsintervalle<br />
liegen auf der Hand: Es fallen weniger Stillstandszeiten<br />
an, die Einhaltung des Fahrplanbetriebs<br />
bei der Stromproduktion<br />
wird einfacher und die Wartungskosten<br />
werden geringer.<br />
Grewe geht davon aus,<br />
dass sich Einsparungen von<br />
bis zu 19 Prozent realisieren<br />
lassen. Für den Betreiber<br />
ist es wichtig, dass sich<br />
ungeplante Störungen vermeiden<br />
lassen. So können<br />
Wartungsarbeiten außerhalb der Heizperiode vorgenommen<br />
werden, um die Versorgung der Wärmekunden<br />
nicht zu gefährden.<br />
Eine weitere Voraussetzung für verlängerte Wartungsintervalle<br />
sind aber auch Verschleißteile, die durch Weiterentwicklung<br />
an die verlängerten Zyklen angepasst<br />
sind. Auch das Verhalten des Betreibers muss sich ändern.<br />
Wie es bislang war, schilderte Frank Grewe: „In<br />
der Praxis wechselt der Betreiber die Zündkerze aus,<br />
wenn es zu Zündaussetzern kommt.“ Die vorbeugende<br />
Wartung ist jedoch ein grundlegend anderer Ansatz:<br />
Verschleißanfällige Teile sollen ausgewechselt werden,<br />
bevor sie versagen und es zum Stillstand kommt.<br />
Dazu werden mithilfe von Sensoren Daten über den<br />
Verschleißzustand erhoben. Eine Software ermittelt<br />
dann den geeigneten Zeitpunkt zum Austausch. „Eine<br />
Herausforderung sind die Daten, die in entsprechender<br />
Qualität vorliegen müssen“, machte Frank Grewe deutlich.<br />
Und es handelt sich um sehr große Datenmengen,<br />
aus denen die Berechnungen zum Verschleißzustand<br />
abgeleitet werden müssen. So gehen jede Woche 400<br />
Millionen Sensorwerte aus den von 2G installierten Maschinen<br />
bei dem Unternehmen ein.<br />
Die Daten landen nicht auf einem Server des Unternehmens,<br />
wie Grewe betonte. Vielmehr habe sich das<br />
Unternehmen für eine Cloudlösung entschieden. Über<br />
die Serviceplattform my.2-g.com haben die Kunden<br />
Zugriff auf die Daten. Für die Auswertung müssen auch<br />
keine neuen Sensoren installiert werden. Denn diese<br />
zusätzliche Elektronik kann auch wiederum Störungen<br />
verursachen. „Wir sammeln mehr Informationen aus<br />
vorhandenen Sensoren“, so Frank Grewe.<br />
Platz für SCR-Technik einplanen<br />
Mit dem Einsatz der SCR-Technologie mit Blick auf die<br />
44. Bundes-Immissionsschutzverordnung (BImSchV)<br />
in Deutschland befasste sich Alexander Saalbaum von<br />
der Firma Aprovis. Die Verordnung ist bereits seit dem<br />
20. Juni 2019 gültig. Ihr Geltungsbereich umfasst Anlagen<br />
mit einer Feuerungswärmeleistung von 1 bis 5<br />
Megawatt (MW). Stichtag für alle Neuanlagen im Bereich<br />
Biogas ist der 1. Januar 2023.<br />
„Zu diesem Stichtag müssen die BHKW die verschärften<br />
Emissionsgrenzwerte einschließlich kürzerer Messintervalle<br />
einhalten“, sagte Saalbaum. Er wies neben<br />
den veränderten Emissionswerten auf die Registrierungspflicht<br />
für Neu- und Bestandsanlagen hin. Für<br />
Motoren, die seit 20. Dezember 2018 in Betrieb sind,<br />
ist die Registrierung Pflicht. Betreiber, die dies bislang<br />
versäumt haben, sollten sie schnellstmöglich nachholen,<br />
riet Saalbaum. Die Emissionen im Betrieb werden<br />
mit einem NOx-Sensor gemessen und der NOx-Tagesmittelwert<br />
wird im Betrieb aufgezeichnet. Neben dem<br />
Überschreiten des Grenzwertes wird auch eine Störung<br />
oder ein Ausfall der Abgasreinigungseinrichtung festgehalten.<br />
Motorseitig sind die NOx-Werte bei Neuanlagen<br />
nicht einzuhalten, sodass ein SCR-Katalysator zur Abgasreinigung<br />
erforderlich wird. Dessen Montage auf den<br />
Dächern der üblichen BHKW-Container ist aufgrund von<br />
Platzproblemen schwierig, gab Saalbaum zu bedenken.<br />
Er plädierte daher für die aufgelöste Bauweise. Die<br />
Dosierstation und der Harnstoff-Lagertank sollten<br />
möglichst im geschützten Innenbereich des BHKW-<br />
Gebäudes aufgestellt werden. Das Gehäuse und die<br />
Eindüsstrecke der SCR-Katalysatoren sollten bei der<br />
Planung von Neuanlagen bereits berücksichtigt werden.<br />
Nachträglich sei der Aufwand für Änderungen und<br />
Einbauten erfahrungsgemäß höher.<br />
28
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Künstliche Intelligenz für das<br />
Einspeisemanagement<br />
Mit der netzdienlichen Flexibilisierung von Biogasanlagen<br />
befassten sich Lucas Hornberger und Dr. Philipp<br />
Graf in ihrem Vortrag. Unter dem Titel „Redispatch 2.0“<br />
stellten sie ein planwertbasiertes Engpassmanagement<br />
vor, das sie mit ihrem Start-up Connsolino Energy entwickelt<br />
haben. Die Netzbetreiber müssen sich ab 1.<br />
Oktober <strong>2021</strong> besser abstimmen, was das Redispatchvermögen<br />
innerhalb ihres Versorgungsgebietes betrifft.<br />
Sie werden außerdem zu vorausschauenden Analysen<br />
ihres Netzzustandes verpflichtet.<br />
Anpassungen sind auch im Datenaustausch und im<br />
Bilanzierungsprozess mit anderen Akteuren vorgesehen.<br />
Aber auch Anlagenbetreiber sollten sich bis Mitte<br />
nächsten Jahres Gedanken machen, riet Hornberger.<br />
Das betrifft vor allem die Frage, wie und wann die Anlage<br />
geschaltet werden darf – und von wem? Das kann<br />
der Netzbetreiber selbst erledigen oder der Anlagenbetreiber<br />
nach Aufforderung durch den Netzbetreiber.<br />
Ebenso lassen sich Zeiträume der Nichtverfügbarkeit<br />
benennen. Hornberger relativierte jedoch die Bedeutung<br />
der Neuregelung: „Für Anlagenbetreiber mit Einspeisemanagement<br />
wird sich nicht so viel ändern.“<br />
Aus der Abschaltung der Atomkraftwerke und dem<br />
Ausstieg aus der Kohleverstromung ergeben sich nach<br />
Hornbergers Auffassung andererseits neue Chancen für<br />
Biogasanlagenbetreiber. Mehr denn je komme es auf<br />
die effiziente Nutzung von Daten an, um mithilfe prognostischer<br />
Modelle Fahrpläne für den Anlagenbetrieb<br />
zu optimieren. Mit „FlexA“ bietet das Unternehmen<br />
einen Cloud-Service an, der Fahrpläne erstellt und realisiert.<br />
Mit den auf der Anlage gewonnenen Messwerten<br />
werden Fahrpläne generiert, die auch Restriktionen wie<br />
Wärmelieferverträge berücksichtigen. Direktvermarkter<br />
sollen bei diesem Modell angebunden werden. Der<br />
Cloudservice fungiere als „Moderator“ zwischen Anlagenbetreiber,<br />
Netzbetreiber und Direktvermarkter. Mit<br />
der Anwendung künstlicher Intelligenz versprechen die<br />
Entwickler eine Verbesserung der Erlöse für den Anlagenbetreiber.<br />
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29
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
18 – 20 November 2020, Hanover, Germany<br />
2020 DIGITAL<br />
Biogasanlagen sicher instand halten<br />
Am letzten Tag der Convention-Woche<br />
ging es im Block 8 um aktuelle technische<br />
Anforderungen an Biogasanlagen. Themen<br />
wie Schadensfälle, TRAS 120 oder AwSV<br />
wurden in drei Vorträgen erörtert.<br />
Von Thomas Gaul<br />
Ein wichtiges Thema ist nach wie vor die Sicherheit<br />
auf Biogasanlagen. Marion Wiesheu,<br />
Leiterin des Referats Qualifizierung und<br />
Sicherheit des Fachverbandes Biogas e.V.,<br />
ging in ihrem Vortrag auf aktuelle Schadensfälle<br />
und Strategien zu ihrer Vermeidung ein. Wirft man<br />
einen Blick auf die Unfallstatistiken der vergangenen<br />
Jahre, zeigt sich, dass sich die Zahl der meldepflichtigen<br />
Unfälle im Bereich der SVLFG zwischen 180 und<br />
200 Unfällen im Jahr bewegt.<br />
Auf 100 Anlagen ereignen sich im Schnitt etwa drei<br />
meldepflichtige Arbeitsunfälle im Jahr. Besonders<br />
gefahrenträchtig auf Biogasanlagen sind Instandhaltungsarbeiten.<br />
Sie dominieren eindeutig die Unfallstatistik<br />
mit Personenschäden. Ein weiterer Unfallschwerpunkt<br />
sind Fahrzeuge und das Substrathandling: So<br />
kam es beispielsweise bei der Entnahme von Silage mit<br />
Ladefahrzeugen zum Verschütten durch abrutschende<br />
Silage an der Schneidkante der Silagemiete.<br />
Unfallschwerpunkt Brände<br />
Wird in der Biogasbranche über Sachschäden berichtet,<br />
so lässt sich festhalten, dass deren Ursache häufig in<br />
Bränden an BHKW und Gärprodukt-Trocknungsanlagen<br />
zu finden ist. Detaillierte Statistiken hierzu liegen dem<br />
Fachverband Biogas jedoch nicht vor. Insbesondere bei<br />
Trocknungsanlagen hat dies bereits Konsequenzen für<br />
die Anlagenbetreiber, führte Marion Wiesheu aus: „Es<br />
gibt Überlegungen bei den Versicherern, bestimmte<br />
Trockner nicht mehr zu versichern.“<br />
Typisch für das Geschehen sind hier Selbstentzündungen<br />
durch halbfeuchtes Material im Inneren des Trockners,<br />
aber auch durch bereits getrocknetes Material,<br />
das sich im Freien selbst entzündet. Erfahrungen aus<br />
der Praxis zeigen, dass das Brandschutzkonzept der<br />
Biogasanlagen oft nicht die neue Trocknung mit einschließt<br />
und dementsprechend Brandschutzmaßnahmen<br />
nicht vorhanden sind, wie zum Beispiel Brandmelder<br />
und eine an die neue erhöhte Brandlast angepasste<br />
Löschwasserversorgung.<br />
Der Fachverband Biogas e.V. hat reagiert und im Frühjahr<br />
2020 eine neue Arbeitsgruppe „Sicherer Betrieb<br />
von Trocknungsanlagen“ gegründet. Die Arbeitsgruppe<br />
entwickelt derzeit eine neue Arbeitshilfe mit Hinweisen<br />
zur Wartung, Reinigung, zu besonderen Betriebszuständen<br />
und dem Brand- und Explosionsschutz. Weiter<br />
reagiert in diesem Bereich auch der Gesetzgeber, so<br />
enthält die TRAS 120 bereits neue Anforderungen an<br />
Trockner und auch in der Überarbeitung der TRGS 529<br />
werden neue Anforderungen diskutiert.<br />
Routinearbeiten: Gefahren nicht<br />
unterschätzen<br />
Doch nicht immer ist es die Technik, die zu Unfällen<br />
führt, hob Wiesheu hervor: „Oft führt menschliches<br />
Versagen zu Unfällen mit mitunter tödlichem Ausgang.<br />
Wiesheu führte als Beispiel die Anbindungsarbeiten für<br />
einen neuen Behälter an. Dabei sollte die Wassersperre<br />
in einem Kondensatschacht von zwei Mitarbeitern<br />
wieder aufgefüllt werden. Das Leitungssystem wurde<br />
mit Stickstoff gespült und freigemessen. Nachdem<br />
ein Mitarbeiter die Gasabsperrarmatur öffnete, trat am<br />
Schacht starker Gasgeruch auf. Ein Mitarbeiter verlor<br />
FOTOS: WWW.LANDPIXEL.EU<br />
30
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
das Bewusstsein, stürzte ab und verstarb<br />
später. Unfälle ereignen sich<br />
oft bei Routinearbeiten, wenn sich<br />
die Mitarbeiter vermeintlich sicher<br />
fühlen. Die Arbeitshilfe A-021 „Leitfaden<br />
sichere Instandhaltung“ des<br />
Fachverbandes Biogas e.V. sollte daher<br />
stets Grundlage bei der Planung<br />
von Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten<br />
sein. Weitere Checklisten befassen sich<br />
mit der Sicherheitsdokumentation und Eigenüberwachung.<br />
Jede Biogasanlage benötigt seit 2015 eine<br />
für den Betrieb verantwortliche Person und<br />
eine qualifizierte Vertretung. Jeder Betreiber<br />
muss gewährleisten, dass die verantwortlichen<br />
Personen über eine ausreichende<br />
Fachkunde verfügen. Hierfür sind auch die<br />
Betreiberschulungen zu nutzen, die die Bildungseinrichtungen<br />
des Schulungsverbund<br />
Biogas selbst in Coronazeiten anbietet.<br />
„An manchen Stellen werden<br />
Anforderungen pauschalisiert,<br />
die besser anlagenspezifisch<br />
bewertet werden sollten“<br />
Josef Ziegler zur TRAS 120<br />
Umsetzung der TRAS 120<br />
Josef Ziegler, Leiter der Arbeitsgemeinschaft<br />
„Biogas – Safety first“, schilderte<br />
die Umsetzung der TRAS 120 aus Sicht eines<br />
§29-BImSchG-Sachverständigen. „Die<br />
TRAS 120 ist das erste konkrete Regelwerk<br />
aus dem Umweltrecht im Hinblick auf die<br />
Anlagensicherheit“, ordnete Ziegler die Bedeutung<br />
ein. So würden zusätzlich zu anderen<br />
Regelwerken anlagenspezifische Anforderungen<br />
definiert werden, die sich positiv<br />
auf die Schutzziele Anlagensicherheit und<br />
Immissionsschutz auswirken.<br />
Ziegler kritisierte jedoch das Zustandekommen,<br />
vor allem seien Experten nicht<br />
ausreichend mit einbezogen worden. Erstmals<br />
werden Anforderungen zum Stand der<br />
Sicherheitstechnik formuliert. Zugleich soll<br />
aber auch für alle Biogasanlagen der Stand<br />
der Technik definiert werden. In der TRAS<br />
120 wird jedoch inhaltlich dazu keine Unterscheidung<br />
vorgenommen – genauso wie<br />
es keine Unterschiede in den Anforderungen<br />
an Bestandsanlagen und<br />
Neuanlagen gibt.<br />
„Ohne genormte Gremienarbeit ist<br />
sie nur eine Erkenntnisquelle“, betonte<br />
Ziegler. Verbindlich werde das<br />
Werk erst durch die Umsetzung in<br />
den Bundesländern und deren Vollzugsbehörden.<br />
Diese wiederum gewichten<br />
die Aussagen in der TRAS 120 unterschiedlich<br />
und schieben die Verantwortung<br />
den Sachverständigen zu, die vor Ort im<br />
Bestand die notwendigen Nachrüstungen<br />
aufgrund der TRAS 120 festlegen sollen.<br />
Wichtig sei das Schutzziel, nämlich das<br />
Vermeiden von negativen Umweltwirkungen<br />
durch den Anlagenbetrieb, die Begrenzung<br />
von Emissionen und das Gewährleisten<br />
von Anlagensicherheit.<br />
Kritisch merkte Ziegler an, dass die TRAS<br />
120 nicht zwischen dem Stand der Technik<br />
und dem Stand der Sicherheitstechnik<br />
unterscheidet. „An manchen Stellen<br />
werden Anforderungen pauschalisiert, die<br />
besser anlagenspezifisch bewertet werden<br />
sollten“, nennt Josef Ziegler einen<br />
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31
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Unfallschwerpunkt Substratentnahme: Wird Silage aus dem Futterstapel entnommen, sollte sehr sorgfältig<br />
vorgegangen werden, da ab bestimmten Höhen Silage vom Stapel abbrechen und Menschen verschütten kann.<br />
weiteren Kritikpunkt. Anlagenspezifisch<br />
wären aus seiner Sicht auch andere Lösungen<br />
zielführend, beispielsweise hinsichtlich<br />
von Brand- und Schutzabständen,<br />
Beschaffenheit der Gasspeichermembran<br />
und der Automatisierung mit Prozessleittechnik.<br />
Ob ein Schutzabstand von 3 oder 6 Metern<br />
zum Gasspeicher eingehalten werden soll,<br />
ist aus seiner Sicht zu relativieren. Entscheidend<br />
sei die Windrichtung und das<br />
Brandverhalten. Und da haben jüngere<br />
Versuche gezeigt, dass Gasspeicher sich<br />
anders verhalten als in theoretischen Ausbreitungsmodellen<br />
berechnet. Zur Vorbeugung<br />
von Undichtigkeiten an der Gasspeichermembrane<br />
sollten Anlagenbetreiber<br />
ein sorgfältiges Gasspeichermanagement<br />
betreiben, um den Gasdruck zu beherrschen,<br />
riet Ziegler. Im bestimmungsgemäßen<br />
Betrieb, der Unter- und Überdrücke<br />
vermeidet, sei ein Spontanversagen unwahrscheinlich,<br />
die Notwendigkeit einer<br />
automatischen Überwachung der Methankonzentration<br />
in der Tragluft deshalb überbewertet.<br />
Genauso wie die Notwendigkeit der Erfassung<br />
des Anspringens der Gasüberdrucksicherung.<br />
Da das rechtzeitige Anspringen<br />
der Gasfackel eine notwendige Sicherheitsfunktion<br />
aller Anlagen darstellt, ist diese<br />
Forderung überflüssig. Wenn dann noch der<br />
Gasdruck/-füllstand der einzelnen Behälter<br />
in der Steuerung protokolliert wird, sei auf<br />
diesem Wege eine zusätzliche Kontrolle<br />
gegeben.<br />
Die Erwärmung der Gasspeichermembran<br />
durch dunkle Farbe sei nicht so kritisch<br />
zu sehen, urteilte der Sachverständige.<br />
Berücksichtigt werden sollten Wind- und<br />
Schneelasten. Wichtig sind zudem regelmäßige<br />
Kontrollen auf Undichtigkeiten<br />
und Defekte. Für unverhältnismäßig hält es<br />
Ziegler, beim Bau eines angrenzenden Gasspeichers<br />
die Nachrüstung einer schwer<br />
entflammbaren Gasmembrane für bestehende<br />
Gasspeicher zu verlangen.<br />
Umwallung bei der<br />
Abstandsregelung beachten<br />
Herausforderungen für Biogasanlagenbetreiber<br />
ergeben sich auch durch die Umsetzung<br />
der AwSV (Verordnung über Anlagen<br />
zum Umgang mit wassergefährdenden<br />
Stoffen) und der TRwS (Technische Regeln<br />
wassergefährdende Stoffe) 793-1. Darauf<br />
machte Gepa Porsche, Leiterin des Referats<br />
Genehmigung im Fachverband Biogas<br />
e.V., in ihrem Vortrag aufmerksam. Das<br />
Thema „Umwallung“ der Anlagen verursache<br />
bei vielen Betreibern Unsicherheit. Das<br />
gelte auch, wenn Anlagen bereits mit einer<br />
Umwallung versehen sind.<br />
Um die Lagerkapazität zu erhöhen, erwägen<br />
manche Betreiber den Neubau eines<br />
Gärproduktlagers. Damit erhöht sich jedoch<br />
gegebenenfalls das Volumen, das innerhalb<br />
der Umwallung im Havariefall aufzufangen<br />
ist. Zugleich verringert sich aber der Platz<br />
auf der Biogasanlage innerhalb der Umwallung.<br />
Ein weiteres Problem betrifft die<br />
Abstandsregelung: § 51 AwSV sieht feste<br />
Abstände zu Trinkwasserbrunnen, Quellen<br />
und oberirdischen Gewässern vor. Die Umwallung<br />
wird von der Bund-Länderarbeitsgemeinschaft<br />
(BLAG) als Anlagenbestandteil<br />
bewertet und müsste daher bei der<br />
Abstandsregelung berücksichtigt werden.<br />
Bei einer nachträglichen Umwallung kann<br />
es daher sein, dass der Abstand zu gering<br />
wird. Auf die Nachrüstpflicht zum 1. August<br />
2022 kann daher mit Zustimmung der<br />
örtlichen Behörde verzichtet werden, wenn<br />
die Umwallung, insbesondere aus räumlichen<br />
Gründen, nicht zu verwirklichen ist.<br />
Gepa Porsche verwies außerdem auf den<br />
Verhältnismäßigkeitsgrundsatz aufgrund<br />
der bestehenden Gesetzgebung: So dürfte<br />
es ihrer Auffassung nach nicht verhältnismäßig<br />
sein, eine Anlage, die 2024 stillgelegt<br />
werden soll, noch bis 2022 mit einer<br />
nachträglichen Umwallung zu versehen.<br />
Aufgrund der kommenden Gesetzgebung<br />
sieht Porsche ein Problem in der Abgrenzung<br />
zwischen landwirtschaftlichen Betrieben<br />
und Biogasanlagen. Die Änderungen in<br />
§ 2 AwSV zielen letzten Endes darauf ab,<br />
dass jeder Behälter, in dem Gärreste gelagert<br />
werden, die Anforderungen für „Biogasanlage“<br />
einhalten soll – auch dann,<br />
wenn der konkrete Behälter (bis dato)<br />
JGS-Anlage eines landwirtschaftlichen Betriebes<br />
ist. Die Streichung des „räumlich<br />
funktionalen Zusammenhangs“ in der Begriffsbestimmung<br />
Biogasanlage könnte zur<br />
Folge haben, dass Gärprodukte nicht mehr<br />
in landwirtschaftlichen JGS-Anlagen gelagert<br />
werden können – nicht, weil die Behälter<br />
nicht geeignet wären, sondern weil die<br />
Eigentümer der Behälter den mit der Lagerung<br />
von Gärresten verbundenen Aufwand<br />
nicht betreiben wollen.<br />
Die Behälter unterlägen dann nämlich der<br />
Sachverständigenprüfung vor der Erstbefüllung<br />
mit Gärprodukt und dann wiederkehrend<br />
alle fünf Jahre. Als „Biogasanlage“<br />
wären sie zudem mit einer Umwallung zu<br />
versehen. Daraus würde ein Konflikt mit<br />
den klimapolitischen Zielen resultieren,<br />
machte Gepa Porsche deutlich. Denn so<br />
könnten Anlagenbetreiber sich gezwungen<br />
sehen, weniger Gülle in ihre Anlagen aufzunehmen.<br />
Ziel muss jedoch sein, dass der<br />
überwiegende Teil der tierischen Ausscheidungen<br />
in die Vergärung geht.<br />
Autor<br />
Thomas Gaul<br />
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32
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
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33
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
STROHTAGUNG HEIDEN, TEIL 5<br />
Befüllung des Behälters<br />
im Frontkraftheber<br />
des Schleppers mit<br />
dem Magnesiumdünger<br />
Kieserit.<br />
MAP – interessante<br />
Nährstoffkombi nation<br />
lässt aufhorchen<br />
Magnesium-Ammonium-Phosphat (MAP) vereint drei wichtige Pflanzennährstoffe. Dieser<br />
Mehrnährstoffdünger kann auf verschiedene Weise hergestellt werden. Im fünften Teil der<br />
diesjährigen digital stattgefundenen Heidener Strohtagung in der zweiten Oktoberhälfte<br />
wurden sowohl interessante Praxiserfahrungen als auch Versuchsergebnisse vorgestellt und<br />
diskutiert.<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Christian Röring aus Vreden im Kreis Borken<br />
(NRW) ist ein mutiger, experimentierfreudiger,<br />
aktiver Landwirt. Er bewirtschaftet<br />
einen Ackerbaubetrieb (265 Hektar) mit<br />
Schweinemast (5.000 Mastplätze) und einer<br />
700-kW-Biogasanlage. Er berichtete über eigene<br />
Anstrengungen, MAP herzustellen, indem er begann,<br />
seine Schweinegülle mit mineralischem Magnesium-<br />
Dünger zu mischen. „Ich kannte MAP nur als Problemfall<br />
in der Biogasanlage. An Rührwerken und Pumpen<br />
bildeten sich kristalline Krusten (MAP), die nur mit<br />
starken Werkzeugen entfernt werden konnten“, schilderte<br />
Röring seine Erfahrungen.<br />
Die Idee der MAP-Herstellung in der Landwirtschaft<br />
ist, dass einerseits die Stickstoffform stabilisiert und<br />
nicht so leicht in Nitrat umgewandelt wird, das unter<br />
ungünstigen Bedingungen ins Grundwasser ausgewaschen<br />
werden kann. Zudem liegt der Phosphor in einer<br />
gut pflanzenverfügbaren Form vor – vergleichbar mit<br />
Superphosphat oder Triplesuperphosphat. Und wenn<br />
der Boden-pH-Wert bei sechs bis sieben liegt, dann<br />
wird die Verfügbarkeit zusätzlich gewährleistet.<br />
Röring stellte sich die Frage, wie er MAP (MAP wird<br />
auch Struvit genannt) im eigenen Betrieb ökonomisch<br />
kostengünstig und arbeitswirtschaftlich vertretbar realisieren<br />
könnte. In der Fütterung seiner Mastschweine<br />
setzt er schon stickstoff- und phosphorreduzierte Futtermittel<br />
ein, sodass die Tiere nicht unnötig viel davon<br />
wieder ausscheiden. So können unnötige Nährstoffüberschüsse<br />
vermieden werden.<br />
„Den Gärdünger aus der Biogasanlage separieren wir.<br />
Das heißt, wir trennen einen Teil der enthaltenen Feststoffe<br />
ab. Die flüssige Phase bringen wir auf eigenen,<br />
hofnahen Flächen aus, um mit dem wässrigen Anteil<br />
nicht zu viel auf den Straßen unterwegs sein zu müssen.<br />
Die Feststoffe können auch auf weiter entfernten<br />
Feldern kostengünstiger ausgebracht werden“, erläuterte<br />
Röring. Die Güllelogistik ist so organisiert: Auf<br />
den Feldern fährt der Schlepper mit dem angehängten<br />
Ausbringtankwagen des Lohnunternehmers. Mehrere<br />
Transportgespanne liefern die Gülle oder den Gärdünger<br />
ans Feld. Dort wird umgepumpt. 70 bis 100 Kubikmeter<br />
des flüssigen Wirtschaftsdüngers können so pro<br />
Stunde bewegt werden.<br />
FOTOS: CHRISTIAN RÖRING<br />
34
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Biogasfördertechnik<br />
Gülleausbringwagen technisch<br />
angepasst<br />
„Wir wollten die MAP-Fällung auf keinen<br />
Fall auf dem Betrieb machen“, betonte<br />
Röring, „sondern im Boden geschehen<br />
lassen.“ Das bedeutete, dass das Güllefass<br />
des Lohnunternehmers umgebaut<br />
werden musste. Dieser erklärte sich bereit<br />
und nach einigen Stunden der technischen<br />
Anpassung war ein Konzept Realität<br />
geworden. Und das sieht so aus: Im<br />
Frontkraftheber des Schleppers wird ein<br />
Behälter mit Gebläse, der auf Wiegefüßen<br />
steht, angebaut. Der Behälter nimmt den<br />
Magnesiumdünger Kieserit auf. Das Gebläse<br />
fördert das granulierte Kieserit über ein<br />
Rohr zu einem vorne an der Stirnseite am<br />
Gülletankwagen angebrachten Zyklon. Von<br />
dort wird es einer kleinen Förderschnecke<br />
übergeben, die nach hinten zum Tankwagen<br />
führt. Die Schnecke dosiert das<br />
Kieserit direkt in den Ausbringstrom des<br />
Mediums. Das Verfahren hat Röring sich<br />
patentieren lassen.<br />
Röring betonte: „Das MAP sollte niemals<br />
mit dem Fassinneren oder dem Inneren der<br />
Pumpe in Kontakt kommen. Die Gülle wird<br />
per Grubberscharen etwa 10 Zentimeter<br />
tief im Boden abgelegt. Die Schare haben<br />
einen Reihenabstand von 25 Zentimeter.<br />
Bei der Spatendiagnose des Bodens wird<br />
deutlich, dass der Gärdünger beziehungsweise<br />
die Schweinegülle in der eingebrachten<br />
Tiefe verbleibt. Beim Pflügen der Flächen<br />
war auch deutlich zu erkennen, dass<br />
das Gülleband im Boden verklebt und wie<br />
eine lange Wurst umklappt.“<br />
Im Weiteren berichtete der agile Landwirt<br />
von einem selbst durchgeführten Feldversuch<br />
(Eschboden, 32 Bodenpunkte) mit<br />
fünf Versuchsgliedern. Am 8. April sei der<br />
Mais, Sorte Dekalb 5542 mit einer Reifezahl<br />
von 320, ausgesät worden. Gedüngt<br />
wurden die Versuchsparzellen mit 60<br />
Kubikmeter separiertem Gärdünger. Der<br />
habe 1 Kilogramm (kg) P 2<br />
O 5<br />
und 2,8 kg<br />
Gesamtstickstoff pro Kubikmeter enthalten.<br />
Die Versuchsglieder 1 bis 4 sind laut<br />
Röring mit einem Horsch Terrano mit LD-<br />
Scharen auf 38 Zentimeter Tiefe gelockert<br />
worden. Die Schare sind lediglich 4 Zentimeter<br />
breit. Versuchsglied 5 ist gepflügt<br />
worden. Der Pflug war unter den Scharen<br />
mit Untergrundlockerern ausgestattet.<br />
Außerdem zog der Pflug einen Packer mit<br />
Nachläufer. Die Aussaatstärke betrug 8<br />
Pflanzen pro Quadratmeter. Unterfußdünger<br />
wurde nicht eingesetzt.<br />
Beschreibung der Versuchsglieder:<br />
Variante 1: Gülle + 300 kg Epso Top/ha<br />
Variante 2: Gülle + 200 kg Kieserit/ha<br />
Variante 3: Gülle + 300 kg Kieserit/ha<br />
Variante 4: Gülle ohne Kieserit<br />
Variante 5: Gülle + 300 kg Kieserit/ha<br />
Der Rest der Fläche wurde mit Gülle und<br />
300 kg Kieserit pro Hektar gedüngt.<br />
Mehr Feinwurzeln um das<br />
Düngerband herum<br />
„In 2020 hat sich jeder kleine bodenbezogene<br />
Standortunterschied aufgrund der<br />
Witterung auf den Ertrag ausgewirkt. Wir<br />
haben festgestellt, dass die Maiswurzeln<br />
in der Jugendentwicklung zum Düngerband<br />
wachsen. Später in der Vegetation<br />
haben wir sehen können, dass der Bereich<br />
um das Düngerband herum feuchter und<br />
klebriger war. Außerdem haben wir festgestellt,<br />
dass der Mais mehr Feinwurzeln um<br />
das Düngerband herum gebildet hat. Bis<br />
Ende Juli sah der Mais noch nach einem<br />
Rekordertrag aus. Aber dann hatte es ab<br />
Anfang August für sechs Wochen keinen<br />
nennenswerten Niederschlag mehr gegeben,<br />
sodass die Bodenunterschiede zutage<br />
traten“, skizzierte Röring die Situation.<br />
Darstellung der Versuchsergebnisse:<br />
V1: 48,68 t FM/ha, 18,3 t TS/ha, 37,6 %<br />
TS, TS-Ertrag in rel. %: 95,43.<br />
V2: 54,38 t FM/ha, 19,47 t TS/ha, 35,8 %<br />
TS, TS-Ertrag in rel. %: 101,5.<br />
V3: 56,76 t FM/ha, 19,98 t TS/ha, 35,2 %<br />
TS, TS-Ertrag in rel. %: 104,16.<br />
V4: 51,88 t FM/ha, 18,62 t TS/ha, 35,9 %<br />
TS, TS-Ertrag in rel. %: 97,1.<br />
V5: 54,49 t FM/ha, 19,13 t TS/ha, 35,1 %<br />
TS, TS-Ertrag in rel. %: 99,71.<br />
Gesamtdurchschnitt: 51,7 t FM/ha, 19,18<br />
t TS/ha, 37,1 % TS, TS-Ertrag in rel. %:<br />
100.<br />
Röring zog ein positives Fazit bezüglich<br />
der MAP-Düngung. Denn auch in den Zuckerrüben,<br />
die er angebaut hat, hätten sich<br />
positive Effekte gezeigt. Dass die MAPgedüngten<br />
Böden geringe Reststickstoffmengen<br />
in Form niedriger Nmin-Werte im<br />
Herbst aufweisen, sei ein weiterer Vorteil<br />
dieses Düngekonzeptes.<br />
35<br />
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AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Blick auf die Stirnseite des Pumptankwagens. Oben in grüner Farbe ist der Zyklon zu<br />
erkennen. Der nimmt den Mineraldünger vom Fronbehälter auf und leitet ihn unten mit<br />
einer Schnecke nach hinten zum Güllestrom.<br />
Mais: auch Magnesiumversorgung<br />
ist wichtig<br />
Christoph Weidemann von der Firma K+S Minerals and<br />
Agriculture GmbH knüpfte thematisch direkt an Rörings<br />
Vortrag an. Mit der neuen Düngeverordnung sei noch<br />
stärker auf die Verfügbarkeit aller wichtigen Nährstoffe<br />
zu achten, betonte er gleich zu Beginn seines Referats.<br />
„Mais beispielsweise mit einem Frischmasseertrag von<br />
450 Dezitonnen (dt) pro Hektar benötigt 55 bis 60 Kilogramm<br />
Magnesiumoxid (MgO) pro Hektar zur Ertragsbildung.<br />
Dieser Magnesiumbedarf wird häufig außer Acht<br />
gelassen. Die Auswertung eines aktuellen Versuchs, der<br />
in Ostenfeld auf einer Fläche der Fachhochschule Kiel<br />
vorgenommen wurde, zeigt, dass dort Mais mit 728<br />
dt Frischmasse pro Hektar geerntet worden ist. Dieser<br />
Mais hat einen MgO-Bedarf von 100 kg“, hob Weidemann<br />
hervor. Die Nährstoffbedürftigkeit steige auch mit<br />
dem Ertragsniveau. Magnesium habe im Rahmen einer<br />
ausgewogenen Pflanzenernährung eine hohe Bedeutung.<br />
Gerade zu Kulturen wie Mais werde viel Gärdünger<br />
oder Rindergülle ausgebracht. Da gebe es immer ein<br />
Problem hinsichtlich der Magnesium- beziehungsweise<br />
Schwefelversorgung. Für die Pflanzenernährung sei in<br />
diesen organischen Düngemitteln zu wenig Magnesium<br />
und Schwefel enthalten. Um die Pflanzen ausgewogen<br />
ernähren zu können, sei eine Ergänzung von Magnesium<br />
und Schwefel notwendig.<br />
„Zur Problemlösung ist jüngst wieder das Kieserit ins<br />
Spiel gekommen, was auch zur Verbesserung der Stickstoff-<br />
und Phosphoraufnahme beziehungsweise deren<br />
Effizienz beiträgt. Kieserit ist granuliert, aber auch als<br />
feinkrümeliges Material erhältlich. Im granulierten<br />
Produkt ist Magnesiumsulfat enthalten, was komplett<br />
wasserlöslich ist. Dadurch stehen diese Nähstoffe den<br />
Pflanzen leicht und schnell zur Verfügung“, führte der<br />
Referent weiter aus.<br />
36
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Print Biogas 210x99_210x99 08.12.20 10:38 Seite 1<br />
Magnesium wichtig für die Verlagerung von<br />
Kohlenhydraten in die Wurzeln<br />
Magnesium übernehme nicht nur Funktionen im<br />
Chlorophyll als Zentralatom, sondern bewirke auch<br />
die Verlagerung von Kohlenhydraten (Assimilaten)<br />
in andere Sprossorgane sowie in die Wurzeln. Wenn<br />
der Mais nicht ausreichend mit Magnesium (Mg) versorgt<br />
ist, dann komme es auch nicht zur vollständigen<br />
Kornfüllung des Kolbens. Mg spiele aber auch für die<br />
Wurzelentwicklung – insbesondere die Feinwurzeln –<br />
eine wichtige Rolle. Ohne Mg könnten die Wurzeln den<br />
Bodenraum nicht genügend erschließen.<br />
Wird zum Beispiel zu Mais als Unterfußdünger ein N-P-<br />
Dünger gleichzeitig mit Kieserit ausgebracht, dann zeigen<br />
die nah beieinander liegenden Düngerkörner – bei<br />
ausreichender Bodenfeuchtigkeit – die Struvit-(MAP)-<br />
Bildung. Weidemann: „Wenn N und P in die Struvitverbindung<br />
eingebaut werden, dann wird NH 4<br />
vor der<br />
Reduktion zu Nitrat geschützt, was die Nitratbelastung<br />
des Grundwassers reduziert. Gleichzeitig wird Phosphat<br />
vor der Festlegung im Boden geschützt, sodass<br />
kein Calziumphosphat oder Eisenphosphat entsteht.<br />
Struvit wird aber zum Beispiel durch Zitronensäure,<br />
die von den Pflanzenwurzeln ausgeschieden wird, sehr<br />
gut gelöst.“<br />
Nach seinen Informationen wurden in einem 21-tägigen<br />
Keimpflanzenversuch mit Roggen Struvit-Düngerformen<br />
besser von den Pflanzen aufgenommen als Superoder<br />
Triplesuperphosphat. Ein Boden-pH-Wert von 6 bis<br />
7 habe einen positiven Einfluss auf die Struvitbildung<br />
und die damit verbundene Verfügbarkeit von Mg, Phosphor<br />
und Stickstoff. Die Ausfällung von Struvit und die<br />
damit verbundene erhöhte Verfügbarkeit von Nährstoffen<br />
reduziere sich bei trockenen Bodenverhältnissen.<br />
Ein beispielsweise Diammonphosphat-(DAP)-Kieserit-<br />
Düngeverhältnis von 1:1 erzeuge eine stabilere Kristallstruktur<br />
des Struvits, wodurch die Nährstoffe länger<br />
pflanzenverfügbar seien im Vergleich zur reinen DAP-<br />
Düngung oder einem Düngeverhältnis von 1:2. Weitere<br />
Mais-Versuchsergebnisse laut Weidemann:<br />
Der rote Behälter in der<br />
Schlepperfront nimmt<br />
den Magnesiumdünger<br />
Kieserit auf. Das<br />
Gebläse fördert das<br />
granulierte Kieserit<br />
über ein Rohr zu einem<br />
vorne an der Stirnseite<br />
am Gülletankwagen<br />
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AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Mais mit einem<br />
Frischmasseertrag von<br />
450 Dezitonnen (dt)<br />
pro Hektar benötigt<br />
55 bis 60 Kilogramm<br />
Magnesiumoxid<br />
(MgO) pro Hektar zur<br />
Ertragsbildung. Dieser<br />
Magnesiumbedarf<br />
wird häufig außer Acht<br />
gelassen.<br />
Standort Ostenfeld (S-H), Bodenart: sL, Mg in Stufe<br />
C, Vorlage 25 m³ Gärdünger, Versuchsdauer 2015,<br />
2016 und 2017.<br />
Variante a): 1 dt/ha DAP Unterfuß. Ertrag: 190 dt<br />
Trockenmasse pro ha.<br />
Variante b): 1 dt/ha DAP + 1 dt/ha ESTA Kieserit gran.<br />
Unterfuß. Ertrag: 195 dt Trockenmasse pro ha.<br />
Standort Rosenow (M-V): Bodenart: lS, Mg in Stufe<br />
A, Vorlage 50 m³ Rindergülle, Versuche in 2014 und<br />
2015.<br />
Variante a): 1 dt/ha DAP Unterfuß. Ertrag: 167 dt<br />
Trockenmasse pro ha.<br />
Variante b): 1 dt/ha DAP + 1 dt/ha ESTA Kieserit gran.<br />
Unterfuß. Ertrag: 194 dt Trockenmasse pro ha.<br />
Auch die Stärkegehalte waren in den Varianten, in denen<br />
DAP und ESTA 1:1 gedüngt wurden, höher. Weidemann<br />
verwies am Schluss seines Vortrages noch auf<br />
ein interessantes Forschungsprojekt, das K+S gemeinsam<br />
mit der Uni Kiel und der Landwirtschaftskammer<br />
Schleswig-Holstein umsetzen. Darin gehe es um die<br />
Frage, welche Auswirkungen die direkte Applikation<br />
des Düngers unter dem Maiskorn hat. In <strong>2021</strong> endet<br />
der Versuch.<br />
Bildung von Struvit-Kristallen<br />
Weidemanns Kollege Reinhard Elfrich sagte, wenn im<br />
Gärdünger beispielsweise 2 kg P2O5 pro Kubikmeter<br />
enthalten sind, dann solle man entweder 3 kg ESTA<br />
Kieserit pro Kubikmeter oder 5 kg EPSO Top pro Kubikmeter<br />
einmischen. „Wenn P- und Mg-Düngerkörner eng<br />
beieinander liegen, dann wachsen daraus Struvit-Kristalle.<br />
Die Kristallbildung hört erst auf, wenn die Elemente<br />
nicht mehr in ausreichender Menge vorhanden<br />
sind oder nicht mehr zueinander finden. Die Kristalle<br />
bilden sich bereits nach 15 Minuten Reaktionszeit“,<br />
führte Elfrich aus.<br />
EPSO Top sei in der Löslichkeit schneller gegenüber<br />
ESTA Kieserit. ESTA Kieserit enthalte 27 Prozent<br />
MgO und 55 Prozent SO 3<br />
. EPSO Top enthalte 16 Prozent<br />
MgO und 32,5 Prozent<br />
SO 3<br />
. Wer Magnesium in Wirtschaftsdünger<br />
in Lagerbehältern<br />
einmische, der müsse<br />
längere Rührzeiten einkalkulieren,<br />
damit das Mg genügend<br />
Kontaktflächen bekommt mit<br />
dem Phosphor. Zur Bodenwirksamkeit<br />
von Struvit sagte<br />
Elfrich: „30 Prozent vom gesamten<br />
Phosphor findet man<br />
in den Bodenuntersuchungen<br />
wieder. 27 Prozent sind direkt<br />
aufnehmbar von den Wurzeln.<br />
73 Prozent werden von den<br />
Wurzelexsudaten erschlossen.<br />
Was an Stickstoff und Phosphor nicht verwertet wird,<br />
bleibt über den Winter den Pflanzen im Folgejahr erhalten.“<br />
Biogasurgestein Wilhelm Gantefort aus Heiden (NRW)<br />
berichtete von einem Projekt, das Anfang der 90er<br />
Jahre mit der RWTH Aachen durchgeführt worden war.<br />
Dabei ging es darum, MAP in Schweinegülle herzustellen.<br />
Die Ergebnisse seien damals in einer KTBL-<br />
Schrift veröffentlicht worden. Struvit sei problemlos<br />
herzustellen gewesen. Ein Landwirtschaftsbetrieb in<br />
seiner Nachbarschaft erzeuge MAP im Güllefass. Dazu<br />
wird beim Einsaugen der Gülle gleichzeitig aus einem<br />
Mörtelkübel Kieserit eingesogen. Die Aufwandmenge<br />
betrage 3 kg pro Kubikmeter Gülle.<br />
Gantefort wies allerdings auch daraufhin, dass bei der<br />
MAP-Reaktion im Güllefass die sich bildenden Struvit-<br />
Kristalle Probleme in der Ausbringtechnik hervorrufen<br />
könnten, wie zum Beispiel Anhaftungen in Rohrleitungen.<br />
Nach erfolgter MAP-Reaktion im Gülle- beziehungsweise<br />
Gärdüngerlager spreche nichts gegen eine<br />
Abtrennung der Feststoffe. Bei einem anderen Betrieb<br />
habe der Gärdünger 3,7 kg Stickstoff pro Kubikmeter<br />
enthalten, wovon nach der Fest-Flüssigtrennung noch<br />
1 kg Stickstoff in der separierten Flüssigkeit zu finden<br />
gewesen sei. Der restliche Stickstoff sei zusammen mit<br />
dem Phosphor und einem großen Anteil des Kaliums<br />
im Feststoff gebunden gewesen. Teile des separierten<br />
Feststoffs sind an Gärtnereien abgegeben worden, die<br />
positive Rückmeldungen gegeben hätten.<br />
Fazit: MAP mit flüssigen Wirtschaftsdüngern zu gewinnen,<br />
ist ein interessantes Konzept, von dessen Umsetzung<br />
in den nächsten Monaten sicherlich noch einiges<br />
zu hören sein wird.<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Redakteur Biogas Journal<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
0 54 09/90 69 426<br />
martin.bensmann@biogas.org<br />
FOTO: WWW.LANDPIXEL.EU<br />
38
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
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39
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
STROHTAGUNG HEIDEN, TEIL 6<br />
Aus Pferdemist wird<br />
Gas-Kraftstoff<br />
Die Königs und Nellen<br />
Pflanzenenergie GmbH<br />
& Co.KG in Neuss will<br />
demnächst verstärkt<br />
Pferdemist vergären<br />
und das Biogas vor<br />
Ort als Kraftstoff<br />
verkaufen.<br />
Ob und wie es sinnvoll sein kann, mehr Wirtschaftsdünger in Biogasanlagen zu vergären,<br />
war das Kernthema des sechsten und letzten Teils der im vergangenen Oktober digital<br />
veranstalteten Heidener Strohtagung. Insbesondere die Ausführungen eines Anlagenbetreibers<br />
über den möglichen Einsatz von Pferdemist weckten großes Interesse bei den teilnehmenden<br />
Personen.<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Südlich von Neuss, also westlich des Rheins,<br />
betreibt die Königs und Nellen Pflanzenenergie<br />
GmbH & Co.KG eine Biogasanlage.<br />
Zur Orientierung: Düsseldorf liegt östlich<br />
des Rheins direkt gegenüber von Neuss.<br />
Seit 2018 stellen die Betreiber intensive Überlegungen<br />
an, das Anlagenkonzept weiterzuentwickeln. Junior<br />
Daniel Königs hatte Ende 2018 seine Bachelorarbeit<br />
verfasst über die Integrationsmöglichkeiten von Gastankstellen<br />
in landwirtschaftlichen Betrieben. Dabei<br />
ging es um grundsätzliche Überlegungen, wie sich ein<br />
solches Vorhaben umsetzen lassen könnte mit dem<br />
Ziel, Betriebskosten zu senken und Erlöse zu steigern.<br />
„Eine Option war, preiswertere Rohstoffe einzusetzen<br />
über die Einsatzstoffvergütungsklasse II, um so die<br />
Erlössituation zu verbessern. Ich war aber sehr daran<br />
interessiert, ein neues, weiteres lokales Projekt zu<br />
starten. Dabei trieb mich die Frage um, ob es möglich<br />
ist, Biomethan regional zu vermarkten“, erklärte Daniel<br />
Königs. Die Biogasanlage wurde 2007 als privilegierte<br />
Anlage im Außenbereich mit 500 Kilowatt<br />
(kW) elektrische Leistung in Betrieb genommen. 2012<br />
wurde mit der Biogasaufbereitung und -einspeisung ins<br />
Erdgasnetz begonnen. Die Einspeiseleistung beträgt<br />
170 Normkubikmeter Produktgas pro Stunde, was<br />
780-kW el<br />
-Äquivalent entspricht.<br />
Später sei die Gasproduktion erhöht worden, sodass<br />
wieder ein 250-kW-Blockheizkraftwerk (BHKW) betrieben<br />
werden konnte. Das eingespeiste Biomethan wird<br />
laut Königs vertraglich verwertet durch die Stadtwerke<br />
Neuss. Die betreiben damit ein BHKW in einem der<br />
Neusser Stadtbäder. Darüber hinaus befindet sich ein<br />
BHKW an der Getreidemühle im Neusser Hafen, das<br />
das Gas verwertet. Doch zurück zur Rohstofffrage: Daniel<br />
Königs hat sich umgeschaut, welche Inputstoffe in<br />
der Region verfügbar sind. So hat er zunächst einmal<br />
mit Blick auf Pferdemist recherchiert, wie viele Pensionspferdebetriebe<br />
in der Region ansässig sind.<br />
400 Pferde im biogasnahen Umfeld<br />
„Ich habe auf einer Landkarte alle Betriebe eingezeichnet,<br />
die mindestens 40 Pferde halten. Kleine Pferdehalter<br />
habe ich außer Acht gelassen. Die geografische<br />
Lage zu Neuss und Düsseldorf ist von Vorteil, da viele<br />
Stadtbewohner ihre Pferde im ländlichen Raum stehen<br />
haben und so konzentriert eine große Menge Pferdemist<br />
anfällt. Im Umkreis von 2 Kilometern um unsere<br />
Biogasanlage befinden sich vier Pensionspferdebetrie-<br />
FOTO: WWW.LANDPIXEL.EU<br />
40
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
be, auf denen zusammen<br />
400 Pferde stehen“,<br />
führte Königs weiter aus.<br />
Wenn er den Radius auf<br />
5 Kilometer ausdehnt,<br />
dann lassen sich bis zu 1.000 Pferde zählen.<br />
Mit Blick auf die Tankstellenoption hat<br />
er parallel in Erfahrung gebracht, welche<br />
Unternehmen (Handwerker, Entsorgungsunternehmen,<br />
Pflegedienst etc.) in der Region<br />
auf Fahrzeuge mit Gasantrieb umstellen<br />
würden. Weiter hat er dann ermittelt,<br />
wie viele Erdgastankstellen es schon in der<br />
Region gibt. Dabei sei deutlich geworden,<br />
dass der Biogasanlagenstandort mit einer<br />
Biogastankstelle eine Versorgungslücke<br />
würde schließen können.<br />
Wer Pferdemist vergären will, der sollte<br />
auch klären, wie das Material – weil es eine<br />
geringe Schüttdichte aufweist – überhaupt<br />
zu verwerten ist. Nach einem Besuch bei<br />
einem bereits Pferdemist vergärenden<br />
Biogasanlagenbetreiber war Daniel Königs<br />
klar, dass eine Sammellogistik für den Mist<br />
benötigt wird. Vorteile böten Abrollcontainer,<br />
die an den Pferdeställen im Wechsel<br />
gefüllt würden.<br />
„Für die Teilnahme am Quotenhandel<br />
müssen Anlagenbetreiber sich zertifizieren<br />
lassen“<br />
Daniel Königs<br />
Pferdemist zerkleinern<br />
Da Pferdemist langfaserig sei, müsse er vor<br />
dem Eintrag in den Fermenter zerkleinert<br />
werden. Die Zerkleinerungseinheit sollte<br />
aus dem Feststoffdosierer beschickt werden.<br />
Ein Flüssigeintrag, der das zerkleinerte<br />
Substrat in den Fermenter pumpt, sei<br />
eine gute technische Lösung. Eine mobile<br />
Zerkleinerung des Pferdemistes kommt<br />
für Königs nicht infrage, da dann aus Kostengründen<br />
große Mistmengen auf einmal<br />
verarbeitet werden müssten. Im Anschluss<br />
daran laufe man Gefahr, dass sich der Mist<br />
schnell erwärmt und damit Energieverluste<br />
einhergehen.<br />
Königs präsentierte dann im Weiteren noch<br />
ein paar Zahlen: Pro Pferd und Tag würden<br />
etwa 40 Kilogramm Mist anfallen. Daraus<br />
ließen sich 23 Kilowattstunden Biomethan<br />
erzeugen, was 1,7 Kilogramm Erdgas entspreche.<br />
Ein Audi A3-gtron könnte damit<br />
bei einem Verbrauch von 3,5 Kilogramm<br />
pro 100 Kilometer 50 Kilometer weit fahren.<br />
1.000 Pferde würden pro Tag Gas für<br />
50.000 Kilometer produzieren. Ein 40-Tonnen-Lkw<br />
könnte bei einem Verbrauch von<br />
27 Kilogramm pro 100 Kilometer rund<br />
6.000 Kilometer weit fahren. Und weiter:<br />
Im Rhein-Neuss-Kreis stünden 5.000 Pferde.<br />
Die könnten 6.000 Pkw (zum Beispiel<br />
Audi A3-gtron, 3,5 Kilogramm Verbrauch<br />
pro 100 Kilometer, 15.000 Kilometer Laufleistung<br />
pro Jahr) versorgen. Oder 115 Lkw<br />
(zum Beispiel Iveco Stralis, 40-Tonner, 27<br />
Kilogramm Gasverbrauch pro 100 Kilometer,<br />
Laufleistung: 100.000 Kilometer pro<br />
Jahr). In Deutschland würden etwa 1,3<br />
Millionen Pferde gehalten. Auf Basis der<br />
vorgenannten Zahlen könnte der vergorene<br />
Pferdemist rund 1,6 Millionen Pkw oder<br />
30.000 Lkw antreiben.<br />
Die monetären Einnahmen werden, wie Königs<br />
berichtete, aus dem Gasverkauf sowie<br />
durch die Teilnahme am CO 2<br />
-Quotenhandel<br />
generiert. „Für die Teilnahme am Quotenhandel<br />
müssen Anlagenbetriebe sich zertifizieren<br />
lassen, zum Beispiel bei der REDcert<br />
GmbH. Die ist von der EU anerkannt.<br />
Es wird dann einmal eine CO 2<br />
-Bilanz der<br />
Biogasanlage erstellt. Dabei wird auf Standardwerte<br />
zurückgegriffen. Man kann aber<br />
auch eine individuelle CO 2<br />
-Bilanz für seine<br />
Anlage machen“, betonte Königs. Dabei<br />
kämen die anlagenspezifischen Vorteile<br />
besser zur Geltung.<br />
Die Zertifikate seien immer für ein Jahr gültig.<br />
Betreiber müssten sich jährlich zertifizieren<br />
lassen. Die eingesetzten Substrate<br />
müssten eine CO 2<br />
-Vermeidung von 70 Prozent<br />
erreichen. Mais schaffe das laut den<br />
Standardwerten nicht, der komme nur auf<br />
68 Prozent. Gülle hingegen habe eine Einsparung<br />
von mindestens 200 Prozent. Bei<br />
einem Quotenpreis von 250 Euro pro Tonne<br />
CO 2<br />
wäre bei der Nutzung von 100 Prozent<br />
Gülle nach RED II (Renewable Energy Directive<br />
II) ein Quotenerlös von 17,14 Cent<br />
pro Kilowattstunde(Hi) Biomethan erreichbar.<br />
Zum Vergleich: 7,7 Cent pro Kilowattstunde<br />
bekommt Königs derzeit für sein<br />
Biomethan, das er an die Stadtwerke Neuss<br />
verkauft.<br />
Ende 2019 ließen Königs und Nellen ihre<br />
Biogasanlage zertifizieren. „Der Quotenpreis<br />
stieg damals deutlich an und schnellte<br />
fast bis auf 430 Euro pro Tonne CO 2<br />
-<br />
Äquivalent hoch. Anfang 2020 sind die<br />
Quotenpreise Corona bedingt wegen fallender<br />
Kraftstoffpreise stark gesunken“, blickte<br />
Königs zurück. Ende Oktober bewegte<br />
sich der Quotenpreis bei rund 250 Euro pro<br />
Tonne CO 2<br />
-Äquivalent.<br />
Aktuell bereiten die Betreiber<br />
ihre Biogasanlage<br />
auf den Einsatz von Pferdemist<br />
vor. Der Nachgärer<br />
wird in dem Zuge umgebaut, sodass ein<br />
Substrat vergoren werden kann, das einen<br />
höheren Trockensubstanzgehalt und auch<br />
längere Fasern hat. Konkret werden ein<br />
Rührwerk und eine Heizung zusätzlich zur<br />
vorhandenen Technik eingebaut. Die Gärtemperatur<br />
soll im Mistbetrieb auf 46 bis<br />
48 Grad Celsius ansteigen. Dann sei noch<br />
das Aggregat für die Mistaufbereitung zu<br />
installieren. Daniel Königs ergänzte, dass<br />
für die Gastankstelle, die an der Biogasanlage<br />
errichtet werden soll, das Genehmigungsverfahren<br />
laufe. Die Tankstelle werde<br />
vor allem für die Lkw-Betankung ausgelegt,<br />
sodass schnelle Tankvorgänge möglich<br />
seien und dieser Absatzmarkt erschlossen<br />
werden könne.<br />
Biomethan: sauberer Kraftstoff<br />
Anknüpfend an die Ausführungen von<br />
Daniel Königs sagte Referent Dietrich<br />
Prenger-Berninghoff von der Firma PlanET<br />
Biogastechnik GmbH aus Vreden, dass Biomethan<br />
im Verkehrssektor überzeugt, weil<br />
es den CO 2<br />
-Ausstoß von Fahrzeugen um<br />
bis zu 97 Prozent senken kann, wenn das<br />
Biogas aus Reststoffen produziert worden<br />
ist. Biomethan reduziert die NOx-Emissionen<br />
um bis zu 85 Prozent im Vergleich zur<br />
Euro-6-Norm. Feinstaub werde um 97 Prozent<br />
im Vergleich zum Diesel reduziert. Die<br />
Lärmemissionen nähmen im Vergleich zum<br />
Diesel um mindestens 50 Prozent ab.<br />
„Die Kurzformel lautet: Biomethan als<br />
Compressed Biogas (CBG) ist sauber, leise<br />
und verfügbar. Im Vergleich zu anderen<br />
Antrieben, wie zum Beispiel Benzin, Diesel,<br />
Erdgas und sogar 100 Prozent erneuerbarem<br />
Strom, hat CBG die niedrigsten<br />
CO 2<br />
-Emissionen pro Kilometer“, machte<br />
Prenger-Berninghoff aufmerksam.<br />
Im Weiteren thematisierte er kurz die Kerninhalte<br />
der neuen Erneuerbare-Energien-<br />
Richtlinie (RED II) der EU, die Deutschland<br />
bis Ende Juni <strong>2021</strong> in nationales<br />
Recht umgesetzt haben muss. Demnach<br />
soll der Anteil Erneuerbarer Energien auf<br />
32 Prozent in 2030 erhöht werden. 2018<br />
habe der Anteil etwa 17 Prozent betragen,<br />
„was fast eine Verdoppelung bedeuten würde“,<br />
sagte Prenger-Berninghoff. Die Treibhausgasemissionen<br />
sollen um 40<br />
41
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
werde aber in der Politik nicht gerechnet,<br />
weil CO 2<br />
aus erneuerbaren Quellen gleich<br />
null gesetzt werde. Berücksichtige man<br />
jedoch das CO 2<br />
aus dem BHKW, kämen<br />
nochmal 713,04 kg CO 2<br />
-Äquiv. hinzu. So<br />
würden in Summe 227,36 Tonnen CO 2<br />
-<br />
Äquiv. emittiert – ein Minus von 26,44 Prozent<br />
gegenüber der reinen Güllelagerung.<br />
Ein vielfältiger Substratmix reduziert laut Schulze-Lefert zwar die Abhängigkeit und schafft Entlastung in<br />
Dürrejahren, er kann aber auch zu komplexen Problemen führen. Und immer sei zu beachten: notwendige<br />
Investition in Abhängigkeit von der restlichen Laufzeit zu betrachten.<br />
Prozent gegenüber 1990 gesenkt werden.<br />
Im Verkehrssektor sollen die Erneuerbaren<br />
Energien von 10 Prozent in 2020 auf 14<br />
Prozent in 2030 ansteigen. Der Anteil der<br />
Kraftstoffe aus Nahrungs- und Futtermittel<br />
betrage 7 Prozent. Hier sei dagegen eine<br />
schrittweise Absenkung geplant. Interessant<br />
sei die Einführung einer Unterquote<br />
für „Fortschrittliche Kraftstoffe“, wie zum<br />
Beispiel Biomethan aus Gülle, Mist und<br />
Stroh oder Bioabfällen und Pflanzenresten.<br />
„Stroh hat aber schlechtere CO 2<br />
-Multiplikatoren<br />
als Mist. Daher sollte Stroh am<br />
besten den Weg über die Einstreu im Stall<br />
gehen“, betonte Prenger-Berninghoff.<br />
Wie sich mehr Wirtschaftsdünger in Biogasanlagen<br />
einsetzen lässt, sei anlagenindividuell<br />
zu beurteilen, sagte Referent Roland<br />
Schulze-Lefert, Biogasberater der Landwirtschaftskammer<br />
Nordrhein-Westfalen.<br />
„Mindestens drei rechtliche Vorgaben sind<br />
bezüglich der Wirtschaftsdünger-Vergärung<br />
zu beachten. Zum einen ist es das EEG<br />
2017 und auch das zu erwartende EEG<br />
<strong>2021</strong>, die den Einsatz von Silomais, CCM,<br />
Lieschkolbenschrot sowie Getreidekörnern<br />
einschränken. Zum anderen kommen demnächst<br />
die Vorgaben der RED II ins Spiel.<br />
Daraus resultiert, dass Wirtschaftsdünger<br />
mit negativen Treibhausgas-(THG)-Standardwerten<br />
ein hohes CO 2<br />
-Erlöspotenzial<br />
haben“, offerierte der Vortragende.<br />
Darüber hinaus wirke die Düngeverordnung<br />
2020 mit höheren Anforderungen an die<br />
Stickstoff-Effizienz und höheren Auflagen<br />
in den sogenannten „Roten Gebieten“.<br />
Deren Umsetzung müsse ab diesem Jahr<br />
geschehen. Einen weiteren Rechtsrahmen<br />
stelle das deutsche Klimaschutzgesetz dar.<br />
Daraus leite sich ab, dass die deutsche<br />
Landwirtschaft bis 2030 34 Prozent weniger<br />
Klimagase emittieren soll. „Da die<br />
Emissionen vor allem biogenen Ursprungs<br />
sind, wird deutlich, dass die 34-Prozent-<br />
Senkung eine Herausforderung darstellt,<br />
da sich die Emissionsquellen nicht ohne<br />
Weiteres abstellen lassen“, stellte Schulze-<br />
Lefert fest.<br />
Beispielhaft stellte er THG-Emissionen eines<br />
Betriebes mit 250 Kühen vor. Aus der<br />
Güllesystematik ergibt sich, dass 80,88<br />
Kilogramm (kg) CO 2<br />
-Äquivalent pro Kuh<br />
durch Ammoniak-(NH 3<br />
)-Emissionen aus<br />
dem Stall entweichen. 14,56 kg CO 2<br />
-Äquiv.<br />
entstehen pro Kuh an NH 3<br />
-Emissionen aus<br />
dem Güllelager. 120,71 kg CO 2<br />
-Äquivalent<br />
pro Kuh entweichen in Form von Lachgas<br />
(N 2<br />
O) aus dem Güllelager. 1.020,13 kg<br />
CO 2<br />
-Äquivalent pro Kuh setzt das Güllelager<br />
in Form von CH 4<br />
frei. In Summe emittiere<br />
der Tierbestand 309,07 Tonnen CO 2<br />
-<br />
Äquivalent aus der Güllelagerung sowie<br />
dem Stall.<br />
Würde diese Gülle in einer Biogasanlage<br />
vergoren, dann blieben die NH 3<br />
-Emissionen<br />
aus dem Stall gleich. Aber die NH 3<br />
-<br />
Emissionen sowie die Lachgas- und die<br />
Methan emissionen aus der Güllelagerung<br />
seien um den Faktor 10 geringer. Das führe<br />
dazu, dass nur noch etwa 49 Tonnen CO 2<br />
-<br />
Äquivalent übrig blieben. Das wäre ein<br />
Minus von 84,11 Prozent. Aber das Methan,<br />
das im Blockheizkraftwerk (BHKW)<br />
verbrannt werde, setze wieder CO 2<br />
frei. So<br />
Substratwechsel wirft viele<br />
Fragen auf<br />
„Problematisch im Zusammenhang mit der<br />
Güllenutzung ist, dass viel Wasser transportiert<br />
wird und relativ wenig Energie. Hinzu<br />
kommen Aspekte der Tierseuchenabwehr.<br />
Lagerraum ist jedoch das Thema Nummer<br />
eins, weil nach der aktuellen AwSV güllegenehmigte<br />
Lagerbehälter nicht für Gärdünger<br />
genutzt werden dürfen. Eine Umgenehmigung<br />
ist je nach Landkreis auch<br />
sehr schwierig“, erläuterte Schulze-Lefert.<br />
Bei separierter Gülle sei die Verschiebung<br />
von Phosphor in die Feststoffe ein Problem.<br />
Bei der Mistlagerung an den Biogasanlagen<br />
würden häufig Fehler gemacht. Bei jedem<br />
dampfenden Misthaufen würden Geldscheine<br />
„verbrannt“. Weiteres Problem:<br />
Pferdemist sei im EEG 2009 nicht güllebonusfähig.<br />
Es gebe verschiedene Gründe, warum ein<br />
Betrieb Wirtschaftsdünger abgibt: entweder,<br />
um Abgabekosten zu stabilisieren<br />
oder sogar zu reduzieren. Denn man dürfe<br />
nicht vergessen: Wirtschaftsdünger in Biogasanlagen<br />
zu bringen sei aktive Konkurrenzvernichtung<br />
auf der Wirtschaftsdünger-<br />
Ausbringungsseite. „Das heißt, wenn man<br />
einen Hektar Schweinegülle in die Biogasanlage<br />
fährt, kann man den auf dem freigewordenen<br />
Hektar auch wieder ausbringen.<br />
Im Gegensatz dazu: Wer einen Hektar<br />
Mais in die Biogasanlage fährt, bringt mehr<br />
Nährstoffe in die Anlage hinein. Der benötigt<br />
1,3 bis 1,4 Hektar, um die Nährstoffe<br />
wieder sinnvoll verwerten zu können. Andererseits<br />
ist vorher auch kein Hektar frei<br />
geworden“, verdeutlichte Schulze-Lefert.<br />
Bei der Bestandsaufnahme der Biogasanlage<br />
vor dem Wirtschaftsdüngereinsatz seien<br />
deren Technikzustand und deren generelle<br />
Eignung zu begutachten. Ferner seien die<br />
Inputmengen und ihre Kosten sowie die<br />
Gärdüngerverwertungswege und deren Kosten<br />
zu identifizieren. Schulze-Lefert mahnte:<br />
„Wir müssen immer die EEG-Grenzen<br />
im Hinterkopf haben und auch die Grenzen<br />
der Genehmigung der Biogasanlage. Außer-<br />
FOTO: ADOBE STOCK_COUNTRYPIXEL<br />
42
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
„Wir müssen immer die EEG-Grenzen im<br />
Hinterkopf haben und auch die Grenzen der<br />
Genehmigung der Biogasanlage“<br />
dem sind die biologischen<br />
Prozessgrenzen<br />
im Blick zu behalten,<br />
wenn der Substratmix<br />
variiert werden soll.“<br />
Er empfahl sowohl den<br />
technischen als auch ökonomischen Status<br />
quo der Anlage zu ermitteln. Anschließend<br />
sei dann eine Stärken-Schwächen-Analyse<br />
vorzunehmen. Habe man beispielsweise<br />
festgestellt, dass die Prozesseffektivität<br />
bescheiden ist, dann könne man daran arbeiten,<br />
Mängel zu finden und versuchen,<br />
die Effizienz zu verbessern. Sehr oft gebe<br />
es aber nur sehr komplexe Lösungsansätze.<br />
Die finde man am besten mit einem<br />
Kalkulationsprogramm, in dem die lineare<br />
Programmierung möglich ist. Es gebe sehr<br />
viele Randbedingungen, die auf die Substratauswahl<br />
einwirken. Am Ende stehe dann<br />
eine qualifizierte Entscheidung.<br />
Schulze-Lefert gab dazu ein Beispiel auf<br />
Excelbasis zu einem Musterbetrieb. Ein<br />
vielfältiger Substratmix reduziere zwar die<br />
Abhängigkeit und schaffe Entlastung in<br />
Dürrejahren, er könne aber auch zu komplexen<br />
Problemen führen. Und immer sei<br />
zu beachten: notwendige Investition in<br />
Abhängigkeit von der restlichen Laufzeit<br />
zu betrachten. Der Biogasexperte geht davon<br />
aus, dass die reine Anbaubiomasse,<br />
die eingesetzt werden kann, immer weiter<br />
begrenzt wird. Er vertrat auch die Ansicht,<br />
dass Anbaubiomasse nicht die Zukunft gehört.<br />
Neue Substratquellen ergäben sich eventuell<br />
durch neue Düngungs- oder Pflanzenschutzauflagen.<br />
Stroh sieht er als potenzielle<br />
Quelle, wobei er von mehr Spreu ausgeht.<br />
„Spreunutzung bedeutet weniger Herbizidaufwand“,<br />
betonte Schulze-Lefert. Gerade<br />
die Maisstrohnutzung bringe phytosanitäre<br />
Vorteile in der Fruchtfolge für den Getreideanbau.<br />
Neue Substrate könnten aufgrund<br />
ökologischer Auflagen, wie zum Beispiel<br />
Insektenschutz oder Landschaftspflege,<br />
in die Biogasanlagen<br />
gelangen. Laut<br />
Schulze-Lefert sieht es<br />
danach aus, dass die<br />
Landwirtschaft die Klimaschutzauflagen<br />
nur<br />
durch mehr Gülle- und Mistvergärung erreicht.<br />
Es gebe erste Stimmen, die deutlich<br />
sagen würden, dass es in 2035 nur eine<br />
Tierhaltung in Deutschland gibt, die Zugang<br />
zu einer Biogasanlage hat. Vor allem<br />
sieht er Forschungsbedarf hinsichtlich der<br />
Wechselwirkungen bei der gemeinsamen<br />
Lagerung unterschiedlicher Substrate. Dabei<br />
sei eine Frage, wie die Substrate sich im<br />
Stapel gegenseitig positiv beeinflussen und<br />
oder negative Effekte vermieden werden.<br />
Roland Schulze-Lefert<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Redakteur Biogas Journal<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
0 54 09/90 69 426<br />
martin.bensmann@biogas.org<br />
43
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
BIOGAS-INNOVATIONSKONGRESS<br />
Biogas-Wasserstoff<br />
massiv fördern<br />
Ende November fand der Biogas-Innovationskongress 2020 internetbasiert als digitale<br />
Veranstaltung statt. Rund 120 Personen hatten sich zu der Tagung angemeldet. Zahlreiche<br />
thematisch sehr unterschiedliche Vorträge aus Wissenschaft und Wirtschaft spiegelten<br />
auch im vergangenen Jahr die Innovationskraft der Biogasbranche wider. Wir beleuchten<br />
einen kleinen Ausschnitt.<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Würde die gesamte in<br />
Deutschland produzierte<br />
Biogasmenge per<br />
Dampfreformierung<br />
in Wasserstoff umgewandelt,<br />
dann könnten<br />
damit alle heute in<br />
Deutschland fahrenden<br />
Lkw betrieben werden.<br />
Wasserstoff aus Erdgas per Dampfreformierung<br />
zu gewinnen, ist Stand<br />
der Technik. Aber ist es auch möglich,<br />
Wasserstoff (H 2<br />
) aus Rohbiogas<br />
zu gewinnen mit demselben Prozess?<br />
Maximilian Schleupen von der RWTH Aachen University,<br />
Institut für Industrieofenbau und Wärmetechnik,<br />
berichtete darüber. Er forderte gleich zu Beginn seines<br />
Vortrages: „Biogas sollte als Rohstoff in Zukunft nicht<br />
vernachlässigt werden. Jede erneuerbare Energiequelle<br />
wird gebraucht, um 2050 Klimaneutralität zu erreichen.“<br />
Auch Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hat<br />
die Bedeutung des Energieträgers Wasserstoff erkannt<br />
und nennt ihn „Schlüsselrohstoff für eine langfristige<br />
nachhaltige Energiewende“. Schleupen ist der Auffassung,<br />
dass nur „grüner Wasserstoff“, der auf der Basis<br />
Erneuerbarer Energien hergestellt wurde, nachhaltig<br />
ist. Wer in Zukunft Wasserstoff verkaufen wolle, müsse<br />
gewährleisten, dass die Kundenseite jederzeit den<br />
Energieträger zur Verfügung hat.<br />
„Grüner Wasserstoff wird derzeit hauptsächlich in der<br />
Reihenfolge gedacht, dass mit Ökostrom Elektrolyseure<br />
betrieben werden, die H 2<br />
produzieren“, bemängelte<br />
Schleupen. Wie über den Energieträger diskutiert wird<br />
und wo Wasserstoff tatsächlich steht, zeigte er anschließend<br />
auf. Die Fahrer von Wasserstoff-Fahrzeugen<br />
würden sagen, H 2<br />
habe Vorteile, weil mit ihm in drei<br />
Minuten ein Fahrzeug getankt werden kann und auch<br />
die Reichweite relativ groß ist. Die batterieelektrischen<br />
Fahrer würden dagegenhalten und sagen, dass der Wirkungsgrad<br />
eine Katastrophe ist.<br />
Wie sieht es aber tatsächlich aus? Schleupen verglich<br />
zunächst einmal das a) batteriebetriebene Elektroauto<br />
mit dem b) Brennstoffzellen-Auto. Zu a): Wenn 100<br />
Prozent Ökostrom produziert werden, dann werden<br />
aufgrund von Leitungsverlusten nur 95 Prozent davon<br />
übertragen. Bei der Batterieladung stehen noch 90 Prozent<br />
zur Verfügung, weil der Ladevorgang Verluste hat.<br />
In der Batterie selbst sind dann noch 86 Prozent der<br />
Ursprungsenergie enthalten. Der Elektromotor und die<br />
Mechanik (Antriebstrang) verursachen weitere Über-<br />
FOTO: ADOBE STOCK_AA+W<br />
44
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
GRAFIK: ADOBE STOCK_J-MEL<br />
tragungsverluste, sodass schließlich am Rad noch 69<br />
Prozent der ursprünglich erzeugten Energie verfügbar<br />
sind.<br />
Zu b): Wieder werden 100 Prozent Ökostrom erzeugt.<br />
Leistungsverluste und Verluste bei der Erzeugung von<br />
Wasserstoff mittels Elektrolyse sorgen dafür, dass<br />
noch 67 Prozent der Ursprungsenergie im Wasserstoff<br />
enthalten sind. Weitere Energieverluste ergeben sich<br />
durch Kompression/Transport, Brennstoffzelle, Elektromotor<br />
und Antriebsstrang. Schließlich können nur<br />
noch 26 Prozent des einmal erzeugen Stroms für die<br />
Mobilität genutzt werden.<br />
„Nun könnte man auf den ersten Blick sagen, dass<br />
das alles keinen Sinn macht. Aber wenn überschüssiger,<br />
kostengünstiger erneuerbarer Strom zur Verfügung<br />
steht, dann machen die Pfade schon Sinn. Aber die<br />
direkte elektrische Nutzung ist immer im Vorteil“, verdeutlichte<br />
Schleupen. Dann stellte er einen Vergleich<br />
an, was es bedeutet, wenn 100 Prozent Rohbiogas der<br />
Ausgangsenergieträger ist.<br />
Biogas kann mithalten<br />
Beispiel a) Batteriebetriebenes Auto: 100 Prozent<br />
Rohbiogas werden im Blockheizkraftwerk (BHKW)<br />
mit 38 bis 40 Prozent elektrischem Wirkungsgrad verstromt.<br />
Das heißt, etwa 40 Prozent der Rohgasenergie<br />
lassen sich in Strom umwandeln. Der Strom muss<br />
übertragen werden und hat Leitungsverluste und die<br />
Ladung der Batterie ist auch mit Verlusten verbunden.<br />
34 Prozent der Ursprungsenergie befinden sich nur<br />
noch in der Batterie. Der Elektromotor im Auto und der<br />
Antriebsstrang haben Verluste, sodass etwa 28 Prozent<br />
der Ausgangsenergie die Räder antreiben.<br />
Beispiel b) Brennstoffzellen-Auto: H 2<br />
wird mittels<br />
Dampfreformierung produziert: 100 Prozent Rohgas<br />
gehen in die Dampfreformierung. Die wiederum hat<br />
Energieverluste, sodass 65 Prozent der Ursprungsenergie<br />
im Wasserstoff enthalten sind. Dann sind<br />
wieder Energieverluste durch Kompression/Transport,<br />
Brennstoffzelle, Elektromotor und Antriebsstrang zu<br />
berücksichtigen. So bleiben noch 29 Prozent der Ausgangsenergie<br />
für den Antrieb der Räder übrig.<br />
Beispiel c) CNG-Auto: 100 Prozent Rohgas müssen<br />
aufbereitet und verdichtet werden. Das heißt, im<br />
Biomethan sind noch 94 Prozent der Ausgangsenergie<br />
enthalten. Der Verbrennungsmotor hat mit einem<br />
Wirkungsgrad von 30 Prozent große Verluste und auch<br />
der Antriebsstrang hat Energieverluste. So kommen<br />
maximal 27,5 Prozent der Ursprungsenergie an den<br />
Rädern an.<br />
„Wenn wir Biogas als Energiequelle haben, dann<br />
macht es eigentlich keinen Unterschied mehr, welche<br />
Mobilitätsform wir wählen. Und so ist auch H 2<br />
aus<br />
der Rohbiogas-Dampfreformierung sehr interessant.<br />
Daher muss Biomethan als CNG in Nutzfahrzeugen<br />
eingesetzt werden und H 2<br />
in leichteren Fahrzeugen“,<br />
betonte der Referent.<br />
Die Dampfreformierung: Sie benötigt eine Prozessenergie<br />
von rund 850 Grad Celsius und sie braucht methanhaltiges<br />
Gas. 80 Prozent des biogenen Gasstroms<br />
können laut Schleupen direkt für die Umwandlung genutzt<br />
werden. Etwa 20 Prozent des erzeugten Biogases<br />
werde zur Bereitstellung der Prozesswärme benötigt.<br />
Das sei aber kein Problem, denn die Wärme gehe nicht<br />
komplett verloren.<br />
Er räumte gleichwohl aber ein, dass es Abgaswärmeverluste,<br />
Kühlwasserwärmeverluste und Wärmeverluste<br />
über die Außenwand des Dampfreformierers<br />
gibt. Diese Verluste ließen sich aber nutzen, um<br />
zum Beispiel die Gärbehälter damit zu beheizen. Aus<br />
dem Dampfreformer komme ein Synthesegas heraus.<br />
Das sei ein H 2<br />
-CO 2<br />
-Gemisch. Das werde gekühlt und<br />
in die PSA-(Pressure Swing Adsorption, deutsch:<br />
Druckwechseladsorption)-Gasreinigungstufe gegeben.<br />
Am Schluss stehen 66 Prozent der Ausgangsenergie in<br />
Form von Wasserstoff zur Verfügung. Die Dampfreformierung<br />
sei für die Wasserstoffgewinnung aus Erdgas<br />
ein gängiges Verfahren, nur mit Biogas noch nicht erprobt.<br />
Das Biogas müsse entschwefelt werden, da nur<br />
Biogas in den Dampfreformer darf, das sehr niedrige<br />
Schwefelwasserstoffgehalte aufweist.<br />
Wie Schleupen weiter informierte erzeugen in Deutschland<br />
derzeit rund 9.500 Biogasanlagen etwa 32,5 Terawattstunden<br />
(TWh) Strom. Würde man die Gasmenge<br />
nehmen, die diese Strommenge produziert, dann könnte<br />
daraus Wasserstoff produziert werden. Das verblüffende<br />
ist, dass aus diesem Energieträger plötzlich 58,3<br />
TWh Energie zur Verfügung stehen. Zum Vergleich:<br />
die heute in Deutschland produzierte jährliche Solarstrommenge<br />
beläuft sich auf rund 47,5 TWh. Würden<br />
damit Elektrolyseure betrieben, dann könnten daraus<br />
nur 33,3 TWh als Wasserstoff gewonnen werden.<br />
45
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Tobias Weide von der FH Münster in Steinfurt beschäftigt sich mit der „Dunklen Fermentation“ zur<br />
Tobias Weide von der FH Münster in Steinfurt beschäftigt sich mit der „Dunklen Fermentation“ zur<br />
Wasserstoffproduktion. Hier Biogas-Innovationskongresses.<br />
– hier während seines Vortrags im Rahmen des Biogas-Innovationskongresses.<br />
Er hat ein zweistufiges erzeugen lässt Verfahren gegenüber entwickelt, der konventionellen in dem sich zwischen Biogasproduktion. 5 und 6 Prozent mehr<br />
Er hat ein zweistufiges Verfahren entwickelt, in dem sich zwischen 5 und 6 Prozent mehr an<br />
Gesamtenergie an<br />
Gesamtenergie erzeugen lässt gegenüber der konventionellen Biogasproduktion.<br />
Maximilian Schleupen von der RWTH Aachen University, Institut für Industrieofenbau<br />
Maximilian Schleupen von der RWTH Aachen University, Institut für Industrieofenbau und<br />
Er sagte: „Wenn heute ein H2-Produktion in auf Basis von Ökostrom, nicht<br />
und Wärmetechnik. Er sagte: „Wenn heute eine H<br />
überschüssigem Ökostrom, aufgebaut würde, dann 2<br />
-Produktion in Deutschland auf Basis<br />
ist es am effizientesten, wenn der H2-Ausbau auf<br />
der<br />
von<br />
Basis<br />
Ökostrom,<br />
von Biogas<br />
nicht überschüssigem<br />
geschieht. Denn<br />
Ökostrom,<br />
das bringt<br />
aufgebaut<br />
uns energiewirtschaftlich<br />
würde, dann ist es<br />
mehr<br />
am<br />
Energie als die<br />
Elektrolyse.“<br />
effizientesten, wenn der H 2<br />
-Ausbau auf der Basis von Biogas geschieht. Denn das bringt<br />
uns energiewirtschaftlich mehr Energie als die Elektrolyse.“<br />
Biogas in Wasserstoff umwandeln –<br />
Kraftstoff für alle Lkw in Deutschland<br />
„Wenn heute eine H 2<br />
-Produktion in Deutschland auf<br />
Basis von Ökostrom, nicht überschüssigem Ökostrom,<br />
aufgebaut würde, dann ist es am effizientesten, wenn<br />
der H 2<br />
-Ausbau auf der Basis von Biogas geschieht.<br />
Denn das bringt uns energiewirtschaftlich mehr<br />
Energie als die Elektrolyse“, hob Schleupen hervor.<br />
Die Biogasmenge, die 32,5 TWh Stromproduktion<br />
bereitstellt, würde durch die Dampfreformierung zu<br />
1,75 Milliarden Kilogramm Wasserstoff werden. Das<br />
wäre, so Schleupen, die Kraftstoffmenge, mit der alle<br />
heute in Deutschland fahrenden Lkw versorgt werden<br />
könnten, wenn sie mit einer Brennstoffzelle ausgerüstet<br />
wären. Oder: Alle Busse in Deutschland könnten<br />
mit Wasserstoff betrieben werden, wenn nur etwa 10<br />
Prozent der verfügbaren Biogasmenge zu Wasserstoff<br />
umgewandelt würden.<br />
Das Fraunhofer ISE habe in 2018 eine interessante<br />
Studie veröffentlicht, in der die Stromgestehungskosten<br />
für neue Stromproduktion aus verschiedenen<br />
Quellen an den besten Standorten in Deutschland<br />
dargestellt worden sind. Steinkohle schnitt dabei mit<br />
6 bis 10 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) ab. Windenergie<br />
Onshore: 4 bis 8 ct/kWh. Windenergie Offshore:<br />
8 bis 14 ct/kWh. PV klein: 8 bis 12 ct/kWh. PV<br />
groß: 4 bis 8 ct/kWh und Biogas mit 10 bis 15 ct/kWh.<br />
Aber wenn man die Wasserstoffenergiekosten anschaue,<br />
dann ergebe sich folgendes Bild: Steinkohle<br />
schnitt dabei mit 10 bis 15 Cent pro Kilowattstunde<br />
(ct/kWh) ab. Windenergie Onshore: 6 bis 12 ct/kWh.<br />
Windenergie Offshore: 12 bis 20 ct/kWh. PV klein:<br />
12 bis 17 ct/kWh. PV groß: 5 bis 12 ct/kWh und Biogas<br />
(Dampfreformierung) mit 5 bis 8 ct/kWh. „Jetzt<br />
wird deutlich, dass Biogas konkurrenzfähig wird mit<br />
den besten Erneuerbare-Energien-Standorten in<br />
Deutschland. Das heißt, die H 2<br />
-Produktion könnte für<br />
Bestandsanlagen eine interessante Lösung sein“, unterstrich<br />
Schleupen. Wie die Lösung aussehen kann,<br />
zeigte er an folgendem Beispiel: eine Bestandsbiogasanlage<br />
hat eine installierte elektrische Leistung von<br />
400 Kilowatt. Die Anlage produziert pro Stunde etwa<br />
170 Normkubikmeter Rohgas. Sie bekommt eine<br />
Stromvergütung von 20 ct/kWh.<br />
Grüner Biogas-Wasserstoff preiswerter als<br />
grauer fossiler Wasserstoff<br />
Wenn die Anlage in eine Dampfreformierung mit<br />
PSA investiert, dann wird sie das rund 1,3 Millionen<br />
Euro kosten. Sie könnte aber, wenn man die 20 ct<br />
Stromvergütung zugrunde legt, für 4,40 Euro pro<br />
Kilogramm (kg) Wasserstoff produzieren. Wenn der<br />
Gärsubstratmix hin zu kostengünstigeren Substraten<br />
verändert wird, dann lässt sich die H 2<br />
-Produktion sicherlich<br />
noch etwas preiswerter realisieren. Die Anlage<br />
könnte dann 18 kg H 2<br />
pro Stunde oder 430 kg H 2<br />
pro Tag oder 150 Tonnen H 2<br />
pro Jahr produzieren, hat<br />
Schleupen berechnet.<br />
Ein Bus verbrauche rund 25 kg H 2<br />
pro Tag. Die Biogasanlage<br />
könnte beispielsweise jeden Tag gut 17 Busse<br />
mit Wasserstoff versorgen. Vor der Steuersenkung in<br />
2020 kostete grauer Wasserstoff 9,50 Euro pro kg brutto.<br />
Netto sind das 7,98 Euro pro kg. Grüner Wasserstoff<br />
kann nach Schleupens Kalkulation schon für 7,58 Euro<br />
pro kg angeboten werden. Und je nach Gärsubstratmix<br />
lassen sich mit dem Biomethan-Wasserstoff negative<br />
Treibhausgaswerte erzielen.<br />
Bei einem angenommenen CO 2<br />
-Treibhausgasquotenpreis<br />
von 470 Euro pro Tonne könnten über den Quotenhandel,<br />
wenn Biomethan zu 100 Prozent aus Gülle<br />
produziert wird, 10,92 Euro pro Kilogramm H 2<br />
erlöst<br />
werden. Bei 150 Euro pro Tonne wären es 3,49 Euro<br />
pro kg H 2<br />
und bei 25 € pro Tonne wären es lediglich<br />
0,58 Euro pro kg H 2<br />
. „Biogas ist derzeit in Deutschland<br />
die sinnvollste erneuerbare Energiequelle zur Produktion<br />
von grünem Wasserstoff“, so Schleupens Schluss-<br />
Statement.<br />
SREENSHOTS: MARTIN BENSMANN<br />
46
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Anlagenbau<br />
Wasserstoff aus „Dunkler<br />
Fermentation“<br />
Mit der grünen Wasserstoffproduktion<br />
beschäftigt sich auch Tobias Weide von<br />
der Fachhochschule Münster, wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter im Fachbereich<br />
Energie, Gebäude, Umwelt in Steinfurt.<br />
Jedoch befasst er sich im Rahmen seiner<br />
wissenschaftlichen Untersuchungen nicht<br />
mit dem Prozess der Dampfreformierung,<br />
sondern mit der sogenannten „Dunklen<br />
Fermentation“. Es heißt dunkle Fermentation,<br />
weil die Wasserstoffproduktion keine<br />
Lichtquelle benötigt und unter Lichtausschluss<br />
funktioniert. Aus Sicht der Bio-<br />
Wasserstoff-Produktion wird in lichtabhängige<br />
und lichtunabhängige H 2<br />
-Produktion<br />
unterschieden.<br />
Bei der dunklen Fermentation können<br />
biogene Reststoffe bei Temperaturen zwischen<br />
35 und 55 Grad Celsius H 2<br />
produzieren.<br />
Energetisch gesehen handelt es sich<br />
laut Weide um ein Low-Input-Verfahren.<br />
Es habe zudem ein gutes CO 2<br />
-Minderungspotenzial.<br />
„Nachteil ist noch, dass wir die<br />
dunkle Fermentation zurzeit nur im halbtechnischen<br />
Maßstab erproben können.<br />
Wenn wir mit unserem Verfahren H 2<br />
produzieren<br />
können wollen, dann müssen wir<br />
es schaffen, vor der Essigsäureproduktion<br />
den biologischen Prozess zu stoppen, die<br />
die Säure wird sonst verstoffwechselt. Das<br />
Gleiche würde mit dem Wasserstoff geschehen,<br />
den würden wir verlieren“, informierte<br />
der junge Wissenschaftler.<br />
Deswegen hat er sich ein Verfahren überlegt,<br />
mit dem der Prozess gestoppt werden<br />
kann. Er macht das über die pH-Wert-<br />
Regulierung. „Wir arbeiten in einem sehr<br />
sauren Bereich, so bei pH 5. Der Impfschlamm<br />
kommt aus einer Biogasanlage,<br />
der thermisch bei 80 Grad Celsius für zwei<br />
Stunden vorbehandelt wird. Dadurch werden<br />
vor allem die methanogenen Mikroorganismen<br />
ausgeschaltet. So überleben die<br />
Mikroorganismen, die pH-Wert- und temperaturresistent<br />
sind“, erläuterte Weide.<br />
Zweistufiges Verfahren konzipiert<br />
Der Mikrobiologe Rudolf Thauer habe<br />
schon 1976 festgestellt, dass rund 33 Prozent<br />
der Energie des Gases in Wasserstoff<br />
bei der dunklen Fermentation gespeichert<br />
werden. Bei der Methangärung werden, so<br />
Weide, 85 Prozent der Energie nutzbar. Da<br />
könne man die Frage stellen, ob es überhaupt<br />
sinnvoll ist, an der Stelle Wasserstoff<br />
zu erzeugen. Darum hat sich Weide ein Verfahren<br />
überlegt, das möglichst effizient ist.<br />
So hat er ein zweistufiges Verfahren konzipiert,<br />
bei dem der Biogasprozess räumlich<br />
voneinander getrennt wird.<br />
Das heißt, in einem Bioreaktor werden am<br />
Ende nur noch CH 4<br />
und CO 2<br />
, das abgetrennt<br />
wird, erzeugt. Die Säuren der ersten<br />
Stufe, in denen noch Energie steckt, gehen<br />
in die methanogene zweite Stufe. In<br />
dem ersten Reaktor finden die Hydrolyse<br />
und die Versauerung statt. Dabei wird Wasserstoff<br />
produziert, der zusammen mit dem<br />
CO 2<br />
abgetrennt wird. „In dem zweistufigen<br />
Verfahren lassen sich 5,7 Prozent mehr an<br />
Gesamtenergie erzeugen als bei einem reinen<br />
Biogasverfahren“, sagte Weide.<br />
In Deutschland würden rund 40 Millionen<br />
Tonnen Reststoffe anfallen, die für die<br />
biologische Wasserstoffproduktion mittels<br />
dunkler Fermentation geeignet sind.<br />
In den Niederlanden sind es gut 10 Millionen<br />
Tonnen. Davon würden aktuell 10<br />
Prozent energetisch genutzt. „Würde das<br />
gesamte Potenzial komplett energetisch<br />
ausgeschöpft, ließen sich etwa 10 bis 20<br />
TWh pro Jahr an Wasserstoff gewinnen“,<br />
machte der Referent deutlich.<br />
Süße Reststoffe gut für die<br />
Dunkle Fermentation<br />
Gut geeignet seien vor allem zucker- und<br />
stärkehaltige Reststoffe, wie zum Beispiel<br />
Brauereiabwässer, Abwässer aus der stärke-<br />
und zuckerverarbeitenden Industrie<br />
oder Abwässer aus der Nahrungsmittelindustrie.<br />
Die Nutzung von Gülle, Gärresten<br />
und Faulschlamm sei möglich, aber wenig<br />
erprobt. Der Vorteil der Dunklen Fermentation<br />
sei auch, dass sie gegenüber<br />
konventionellen anaeroben Verfahren zusätzlich<br />
Wasserstoff bereitstelle. Zuckerbeziehungsweise<br />
stärkehaltige Abwässer<br />
würden Wasserstofferträge von 90 bis 160<br />
Normliter pro kg organische Trockensubstanz<br />
liefern. Der Wasserstoffanteil im<br />
Gasgemisch betrage 50 Volumenprozent.<br />
Weide sieht weiteren Entwicklungsbedarf<br />
hin zur großtechnischen Realisierung.<br />
Weide hat für seine Forschungsarbeit<br />
zusammen mit Dr.-Ing Elmar Brügging,<br />
ebenfalls FH Münster, Standort Steinfurt,<br />
den Biogas-Innovationspreis 2020 der<br />
deutschen Landwirtschaft in der Kategorie<br />
Wissenschaft aus den Händen von Udo<br />
Hemmerling, stellvertretender Generalssekretär<br />
im Deutschen Bauernverband,<br />
47<br />
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AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
und Prof. Dr. Michael Nelles, wissenschaftlicher Geschäftsführer<br />
des Deutschen Biomasseforschungszentrum,<br />
überreicht bekommen. Siehe auch Seite 5.<br />
Schweinegülle in der Hochlastvergärung<br />
Interessant war auch der Vortrag von Dr. Sc. agr. Daniel<br />
Baumkötter, der ebenfalls an der FH Münster, Fachbereich<br />
Maschinenbau, als wissenschaftlicher Mitarbeiter<br />
tätig ist. Er stellte das Projekt Bio-Smart vor.<br />
Darin geht es um die Biogasproduktion in Hochlastfermentern.<br />
Die Projektlaufzeit war im November letzten<br />
Jahres zur Hälfte abgelaufen. Er begann seinen Vortrag<br />
damit, die Frage zu erörtern, warum Biogas in Hochlastfermentern<br />
betrieben werden sollte. „Wenn man<br />
sich mit dem Vergären von Gülle beschäftigt, muss<br />
man feststellen, dass es eigentlich kein vernünftiges<br />
Verfahren gibt, mit dem wir die Gülle, insbesondere<br />
Schweinegülle mit niedrigen Trockensubstanzgehalten,<br />
vergären können. Da haben wir uns nach Alternativen<br />
umgesehen“, ließ Dr. Baumkötter einblicken.<br />
So seien sie zur Hochlastfermentation gekommen, die<br />
in der industriellen Lebensmittel- und Zellstoffindustrie<br />
zur Abwasserreinigung beheimatet ist. Schweinegülle<br />
komme in großen Mengen vor und habe daher<br />
ein großes Biogaspotenzial. Reststoffe hätten einen<br />
gewissen Kostenvorteil, da sie nicht extra angebaut<br />
werden müssten. Diese Potenziale sollten durch die<br />
anaerobe Hochlastfaulung gehoben werden.<br />
Derzeit würden die Anlagen in halbtechnischem Maßstab<br />
betrieben und selbst gebaut. So würden Grundlagen<br />
geschaffen für ein Upscaling. Parallel würden<br />
Konzepte und Geschäftsmodelle entwickelt. Das übergeordnete<br />
Ziel sei die Erhöhung der Güllevergärung.<br />
Üblicherweise würden mit der Hochlastfaulung hoch<br />
organisch belastete Abwässer behandelt. „Bei den<br />
Güllen haben wir es dagegen mit Medien zu tun, die<br />
eine gewisse organische Fracht bei geringer Partikelgröße<br />
aufweisen. Wir brauchen Substrate mit niedrigen<br />
Trockensubstanzgehalten, idealerweise unter 2<br />
Prozent“, teilte Dr. Baumkötter mit.<br />
Mikroorganismen werden zurückgehalten<br />
Im Projekt, so der wissenschaftliche Mitarbeiter, wird<br />
die Gülle separiert. Anschließend wird im Hochlastfermenter<br />
nur das Filtrat behandelt. Ein großer Vorteil<br />
des System sei die Rückhaltung der Mikroorganismen.<br />
Das heißt, im Vergleich zu einer konventionellen Biogasanlage<br />
verbleibt der Großteil der Mikroorganismen<br />
im Fermenter. Die Verweilzeit im Fermenter beträgt nur<br />
vier bis zehn Tage bei hoher Gärraumbelastung und<br />
voller Ausschöpfung des Biogaspotenzials. Dadurch<br />
sei insgesamt ein geringeres Fermentervolumen erforderlich.<br />
Im Projekt sind die Fermenter sogenannte EGSB-<br />
Reaktoren (EGSB = expanded granular sludge bed<br />
reactor). Die Mikroorganismen aggregieren zu Pellets.<br />
Idealerweise wird der Reaktor zu Beginn mit Pellets<br />
angeimpft, sodass sich weitere Mikroorganismen daran<br />
ansiedeln können. Die verbleiben als Schlammbett<br />
in dem Gärreaktor. Das heißt, sie werden mit dem<br />
Substratüberlauf nicht ausgespült. Der Zufluss von<br />
Rezirkulat und anfallendem Abwasser geschieht von<br />
unten in den Reaktor. Es handelt sich dabei um ein<br />
Aufstromverfahren. So muss auch nicht mechanisch<br />
gerührt werden.<br />
Es findet lediglich eine hydraulische Umwälzung des<br />
Reaktorinhalts statt. Im Kopf des Reaktor befindet sich<br />
laut Dr. Baumkötter eine Drei-Phasen-Abscheideeinrichtung.<br />
Die halte zum einen den Pelletsschlamm<br />
zurück und zum anderen scheide sie das Biogas ab. So<br />
ein Fermenter sei als Zusatzmodul gut in Bestandsanlagen<br />
integrierbar.<br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
Drei Gärreaktoren getestet<br />
Im Projekt wurden drei halbtechnische Versuchsanlagen<br />
für die Verwertung von Schweinegülle aufgebaut.<br />
Es handelt sich dabei um zwei Festbett- und<br />
einen EGSB-Reaktor. Die Festbettreaktoren wurden<br />
mit unterschiedlichen Füllkörpern befüllt. Zum einen<br />
mit Sattelfüllkörpern und zum anderen mit Hiflow-<br />
Füllkörpern. Getestet wurden zwei unterschiedliche<br />
Schweinegüllen. Einmal wurde Ferkelgülle und einmal<br />
Mastschweinegülle verwendet. Beide Güllen wurden<br />
separiert. Das Filtrat hatte immer unter 2 Prozent Trockensubstanzgehalt.<br />
Ergebnis: „Wir haben unterschiedliche Abbaukinetiken<br />
und Biogaserträge im Batchtest und auch im kontinuierlichen<br />
Versuch festgestellt. Das Biogaspotenzial hat<br />
enormen Einfluss darauf, wie gut die Anlage funktioniert<br />
und wie sie sich wirtschaftlich darstellt. Wir konnten<br />
in allen drei Reaktoren einen stabilen, kontinuierlichen<br />
Betrieb mit sieben Tagen Verweilzeit nachweisen.<br />
Es gab kaum messbare Unterschiede zwischen den<br />
Reaktorsystemen. Nachteil der Festbettreaktoren ist<br />
jedoch, dass die Füllkörper hohe Kosten verursachen.<br />
Das war dann auch der Grund dafür, im Nachfolgeprojekt<br />
auf EGSB-Reaktoren zu setzen“, informierte Dr.<br />
Baumkötter. Doch damit nicht genug: weitere Substrate<br />
wurden untersucht. Diese waren:<br />
ffseparierte Rindergülle,<br />
ffseparierte Mastschweinegülle,<br />
ffstärkehaltiges Abwasser,<br />
ffPresssaft aus Zuckerrüben<br />
ffund Glycerin.<br />
Ausgangspunkt der Überlegung war, überwiegend Gülle<br />
mit einem hochkalorischen Kosubstrat zu vergären. So<br />
wurden die beiden Güllen gemischt mit Zuckerrüben-<br />
Presssaft oder dem stärkehaltigen Abwasser und erzielten<br />
damit die besten Ergebnisse.<br />
Ferkelgülle: günstige<br />
Stromgestehungskosten<br />
Dr. Baumkötter hat die Ergebnisse beispielhaft auf<br />
eine 75-kW-Gülleanlage übertragen. Wenn die Anlage<br />
ausschließlich das Güllefiltrat am Standort verwendet<br />
und der Feststoff zu einer anderen Biogasanlage gefahren<br />
wird, dann verursacht die Anlage einen jährlichen<br />
Güllebedarf von 27.000 m³ bis 52.000 m³. Bei vier<br />
Tagen Verweilzeit erzielt die Ferkelgülle Stromgestehungskosten<br />
von 18 ct/kWh, die Mastschweinegülle<br />
von 35 ct/kWh.<br />
Zweites Beispiel: Eine Bestandsanlage, 500-kW-Nawa-<br />
Ro-Anlage, wird um eine Hochlastfaulung ergänzt und<br />
geht mit 250 kW Bemessungsleistung in die Ausschreibung.<br />
Die Hochlastfaulung bekommt nur das Güllefiltrat,<br />
der separierte Feststoff wird in die Bestandsanlage<br />
mit anderen Substraten gegeben, dann belaufen sich<br />
die Stromgestehungskosten auf etwa 13,3 ct/kWh.<br />
Die aktuellen Daten aus dem Betrieb der EGSB-Reaktoren<br />
mit dem festgelegten Substratmix lagen Ende November<br />
2020 noch nicht vor. Darum wurde auf Daten<br />
des Vorgängerprojektes zurückgegriffen. Alles in allem<br />
sieht Dr. Baumkötter für die Biogasproduktion mittels<br />
Hochlastfermenter gute Chancen, bestimmte flüssige<br />
Reststoffe zu erschließen.<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Redakteur Biogas Journal<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
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49
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Alternoil<br />
verkauft<br />
Bio-LNG<br />
Der zweistündige Online-Workshop am 21. Oktober 2020 wurde von der EnergieAgentur.NRW gemeinsam<br />
mit dem Fachverband Biogas e.V. und dem Kompetenznetz Logistik.NRW organisiert. Er brachte Akteure aus<br />
der Transport-, Kraftstoff- und Bioenergiebranche zu einem Austausch rund um das Thema Produktion und<br />
Anwendung des Kraftstoffs Bio-LNG zusammen. Die Fachveranstaltung richtete sich dabei an Betreiber von<br />
Biogas- und Biomethananlagen, Biomethanvermarkter, Anlagen- und Fahrzeughersteller, Ingenieurbüros und<br />
Logistikunternehmen.<br />
Von EUR ING Marie-Luise Schaller<br />
Zur Unterstützung des Netzwerks<br />
sollten im Rahmen des<br />
Workshops Potenziale für neue<br />
Projekte und Geschäftsbeziehungen<br />
rund um das Thema<br />
Bio-LNG aufgezeigt sowie Eckpunkte auf<br />
dem Weg zu einer „(Bio-) LNG Roadmap<br />
in NRW“ identifiziert werden. In seiner Begrüßung<br />
stellte Dr. Frank Köster, Moderator<br />
vonseiten der EnergieAgentur.NRW, fest,<br />
dass es an der Zeit sei, Projekte umzusetzen,<br />
um die Klimaschutzbestrebungen im<br />
Verkehr zu intensivieren. Hierzu vereine der<br />
Workshop die lokalen Akteure der gesamten<br />
Wertschöpfungskette.<br />
Hendrik Becker, Vizepräsident des Fachverbandes<br />
Biogas e.V., machte ebenfalls<br />
deutlich, dass man nun vom Reden zum<br />
Tun übergehen müsse. Die technischen Lösungen<br />
stünden zur Verfügung, die Reichweiten<br />
seien praxisnah und so müssten<br />
Akteursnetzwerke lokal differenziert prüfen,<br />
ob der Einsatz von LNG oder Bio-LNG<br />
möglich sei. Dr. Köster bot ergänzend an,<br />
dass derartige Anwenderworkshops auch in<br />
Teilregionen von NRW möglich seien, um<br />
den Einsatz von Bio-LNG voranzubringen.<br />
Fakt 1: Kraftstoffkosten sind<br />
existenziell wichtig<br />
Benedikt Althaus, Kompetenznetz Logistik.<br />
NRW/VVWL NRW e.V., ging auf die Rolle<br />
alternativer Kraftstoffe und Antriebe in der<br />
Logistik ein. Er wies auf die Relevanz der<br />
Treibstofffrage in puncto Wirtschaftlichkeit<br />
hin, da die Kraftstoffkosten einen Anteil<br />
von 30 bis 50 Prozent an den Gesamtkosten<br />
ausmachen. Eine stabile politische<br />
Rahmenstruktur sowie die Schaffung einer<br />
ausreichenden Infrastruktur seien hier<br />
besonders wichtig. Für die urbane Logistik<br />
in städtischen Ballungszentren würden<br />
Lösungen zur Minimierung des Schadstoffausstoßes<br />
immer dringender benötigt.<br />
Dort ginge es vorrangig darum, die Elektromobilität<br />
und deren Versorgung mit lokal<br />
erzeugtem Grünstrom voranzubringen. Auf<br />
der Langstrecke sei der Diesel zwar noch<br />
überlegen, doch sei LNG mit Reichweiten<br />
von 1.000 bis 1.500 Kilometer (km) derzeit<br />
die vielversprechendste Alternative. Er<br />
plädierte für die Errichtung multifunktionaler<br />
Tankstellen. Auch dem biogen erzeugten<br />
Wasserstoff sprach er aussichtsreiche<br />
Entwicklungsmöglichkeiten zu.<br />
Fakt 2: Biomethan kann<br />
wesentlich zum Umweltschutz<br />
im Transportsektor beitragen<br />
Dr. Frank Köster erläuterte anschließend,<br />
dass Biomethan als Kraftstoff schnell zu positiven<br />
Umwelteffekten führe, insbesondere<br />
im Flottenbereich, wie seine Gegenüberstellung<br />
der unterschiedlichen CO 2<br />
-Emissionen<br />
aus qualitativer Sicht verdeutliche. Der<br />
Schwerlastverkehr habe den höchsten Anteil<br />
an den CO 2<br />
-Emissionen des Transportsektors.<br />
Insgesamt sei zwar Technologieoffenheit<br />
geboten, doch sei der Anteil fossil<br />
betriebener Lkw durch (Bio-)LNG schnell<br />
zu senken. Dabei sei eine Fokussierung auf<br />
die Anwenderbedürfnisse mit lokaler Clusterung<br />
wichtig, die er anhand einer „Hot-Spot-<br />
Karte“ visualisierte.<br />
Alexey Mozgovoy vom Fachverband Biogas<br />
zeigte auf, dass Biomethan im Verkehrssektor<br />
auf die Erreichung gesellschaftlich<br />
geforderter Ziele wie Klimaschutz, Defossilisierung<br />
der Wirtschaft und Emissionsminderung<br />
einzahle. Mit Biomethan ließen sich<br />
über 90 Prozent CO 2<br />
einsparen im Vergleich<br />
zu konventionellen Kraftstoffen, mit Biomethan<br />
aus Gülle und Mist sogar bis zu 202<br />
FOTO: MARIE-LUISE SCHALLER<br />
50
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
CO 2<br />
-Emissionen (WtW) in Gramm pro Kilometer nach Energieträgern unterschieden<br />
Prozent. Weitere Vorteile seien eine signifikante<br />
Reduzierung von Stickoxiden (NOx)<br />
und Staub im Abgas, die Systemdienstleistung<br />
im Rahmen der Sektorenkopplung<br />
(PtG, BHKW) sowie der Beitrag für die Sicherung<br />
der Artenvielfalt (Blüh- und Honigpflanzen).<br />
Der Einsatz von Biomethan im<br />
Transport habe in den vergangenen Jahren<br />
um etwa 70 Prozent zugenommen. Dabei<br />
konnten beispielsweise im Jahr 2018 rund<br />
95 Prozent des Biomethans im Straßenverkehr<br />
auf Basis des Rest- und Abfallstoffaufkommens<br />
erzeugt werden. Allerdings gingen<br />
von den 10 Terawattstunden (TWh), die derzeit<br />
an Biomethan in Deutschland produziert<br />
werden, nur 6 Prozent in den Verkehrssektor.<br />
Dabei könne der derzeitige Bedarf an<br />
Erdgas-Kraftstoff mit nur 1,45 TWh zu 45<br />
Prozent durch Biomethan gedeckt werden.<br />
Fakt 3: Mit Bio-LNG kann eine<br />
Spedition wirtschaftlich arbeiten<br />
Robin Malik, Spedition Hövelmann, berichtete<br />
von den Erfahrungen mit LNG in der Logistikbranche.<br />
Das Unternehmen betreibt<br />
an fünf Standorten 220 Lkw. 2016 habe<br />
man sich dazu entschieden, LNG-Fahrzeuge<br />
anzuschaffen. Zu Beginn sei man auf<br />
Startschwierigkeiten aufgrund der fehlenden<br />
Infrastruktur gestoßen und habe sich<br />
eine mobile Tankstelle zugelegt. Wichtig<br />
sei, dass sich mehrere Partner zusammentun,<br />
um den rentablen Betrieb einer Tankstelle<br />
zu ermöglichen, was bei einer Anzahl<br />
von 25 Fahrzeugen realistisch sei.<br />
Derzeit seien deutschlandweit 31 Tankstellen<br />
im Betrieb, der Ausbau sei zwar erforderlich,<br />
dennoch sei der Betrieb der LNG-<br />
Flotte schon heute praktikabel. Man sehe<br />
LNG nicht als Brückentechnologie, sondern<br />
als Dauerlösung. Wichtig sei eine angepasste<br />
Fahrzeugdisponierung, wobei er bei<br />
hälftigem Einsatz in Nah- und Fernverkehr<br />
Reichweiten von über 1.500 km realisieren<br />
konnte. Eine Quote von bis zu 20 Prozent an<br />
Bio-LNG sei ohne wirtschaftliche Nachteile<br />
machbar. Daher sei man auch offen für Partnerschaften<br />
mit Biogaserzeugern. Für interessierte<br />
Branchenkollegen biete er auch an,<br />
die Testdaten zur Verfügung zu stellen.<br />
Fakt 4: Mit Bio-LNG aus<br />
der Region treiben die<br />
Mineralunternehmen die Wende<br />
im Transportsektor voran<br />
Strategien eines Mineralölunternehmens<br />
erläuterte anschließend Dr. Henrik Bramlage<br />
von der Alternoil GmbH, die sich als<br />
Tankstellenbetreiber für den sauberen<br />
Schwerlastverkehr einsetzen und sich dafür<br />
engagieren, LNG zu etablieren. Alternoil<br />
bietet bereits an acht Tankstellen Bio-LNG<br />
an, zwölf weitere sind aktuell im Bau und<br />
für 23 ist das Genehmigungsverfahren angelaufen<br />
– diese sollen bis Ende <strong>2021</strong> realisiert<br />
sein.<br />
Derzeit liege die Beimischquote für Bio-<br />
LNG bei 10 Prozent, es solle der Anteil bis<br />
2025 auf bis zu 40 bis 50 Prozent angehoben<br />
werden. Sein Unternehmen sei an Kooperationen<br />
mit Biogasanlagenbetreibern<br />
interessiert. Das Biomethan solle über das<br />
Erdgasnetz bezogen werden. Eine Kennzeichnung<br />
als regionales Produkt werde<br />
beabsichtigt. Bramlage stellte auch den<br />
grundsätzlichen Aufbau der LNG-XL-Tankstelle<br />
vor. Bio-LNG dürfe keinen Aufpreis<br />
erzeugen, da es seitens der Abnehmer keine<br />
Bereitschaft gebe, mehr zu zahlen. Erst<br />
<strong>2021</strong>/2022 werde es in Deutschland erste<br />
Verflüssigungskapazitäten geben, bis dahin<br />
müsse Bio-LNG aus dem Ausland bezogen<br />
werden.<br />
Erdgas: THG-Quotenanrechnung<br />
läuft aus<br />
Beim Austausch mit besonderen Experten<br />
wurde auf einige grundsätzliche Fragen aus<br />
den Bereichen Politik und Fördermittel eingegangen.<br />
Hinsichtlich der Tatsache, dass<br />
Erdgas ab 2022 nicht mehr auf die Treibhausgasquote<br />
anzurechnen ist, führte Felix<br />
Zwingmann, Westfalen AG, an, dass der<br />
aktuell herausgegebene Referentenentwurf<br />
des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz<br />
und nukleare Sicherheit (BMU)<br />
zur Umsetzung der Erneuerbare-Energien<br />
Richtlinie – RED II – sehr kritisch gesehen<br />
werde. Er lasse keine Quotenanrechnung für<br />
fossiles LNG beziehungsweise CNG mehr zu<br />
und stelle damit eine unrealistische Forderung<br />
an die Infrastrukturbetreiber.<br />
Dass Fördermittel, die bis <strong>2021</strong> zur Verfügung<br />
stünden, unter anderem die Lkw-Förderung,<br />
bereits aufgebraucht seien, führte<br />
zur Forderung, die Gasmobilität auch künftig<br />
zu unterstützen. Fördermaßnahmen des<br />
Bundes seien laut Marcus Voelker, Wirtschaftsministerium<br />
NRW, in Vorbereitung,<br />
davon eine für Grüngas als Kraftstoff. Unterstützt<br />
werden sollen sowohl Fahrzeuge<br />
als auch Tankstellen. Ebenso soll die Förderung<br />
im Bereich der Brennstoffzellen-Lkw<br />
erweitert werden.<br />
Autorin<br />
EUR ING Marie-Luise Schaller<br />
ML Schaller Consulting<br />
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51
AKTUELLES<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Stroh in den Fermenter<br />
Philip Klagges,<br />
geschäftsführender<br />
Gesellschafter der<br />
Bioenergie Marienthal<br />
GmbH & Co.KG, links,<br />
nimmt den Förderbescheid<br />
von Schleswig-<br />
Holsteins Ministerpräsidenten<br />
Daniel<br />
Günther entgegen.<br />
Der Besuch vom schleswig-holsteinischen<br />
Ministerpräsidenten Daniel Günther auf<br />
der Biogasanlage Marienthal im Oktober<br />
2020 hatte irgendwie Heimspielcharakter.<br />
Denn die rund 2,5 Megawatt installierte<br />
elektrische Leistung der Anlage liegt unmittelbar an der<br />
Haus-Laufstrecke des passionierten Läufers. Insofern<br />
gestaltete sich die Überreichung des Förderbescheids<br />
in Höhe von exakt 1,425 Millionen Euro für den Bau<br />
einer Strohvergärungsanlage in wohl bekanntem Umfeld.<br />
„Als Land Schleswig-Holstein<br />
fördern wir<br />
mit voller Überzeugung<br />
dieses Projekt“, bekannte<br />
sich Günther zur Biogasbranche,<br />
die, wie es das<br />
Beispiel Marienthal zeige,<br />
„unglaublich innovativ<br />
sei“.<br />
Dieses Lob inspirierte den<br />
Empfänger und Betreiber<br />
der Marienthal Biogas<br />
GmbH & Co.KG, Philip<br />
Klagges, im kleinen Kreis<br />
kurz und knapp über das<br />
universelle Molekül CH 4<br />
zu referieren. „Wir Biogaserzeuger<br />
können nicht nur Strom, sondern auch Wärme,<br />
Dünger und Kraftstoffe produzieren“, so das Credo des<br />
55-jährigen Betreibers, der als Eigentümer des Gutshofes<br />
Marienthal im Jahr 2007 in die Biogasproduktion<br />
einstieg.<br />
Er skizzierte hinsichtlich der Wasserstofferzeugung<br />
neue Optionen für die Biogaserzeugung. Dabei setzt<br />
Klagges in Zukunft auf eine enge Zusammenarbeit mit<br />
den Stadtwerken Eckernförde, Schleswig und Rendsburg,<br />
die fusionieren wollen. Und hinsichtlich der<br />
Förderung für die bisher noch nicht praktizierte Strohvergärung<br />
zitierte der Anlagenbetreiber einen seiner<br />
landwirtschaftlichen Mitstreiter: „Wer den Tiger reitet,<br />
darf nicht absteigen.“ Und da Klagges obenauf bleiben<br />
möchte, wird er ab diesem Jahr Bioenergie aus Stroh<br />
erzeugen.<br />
Dafür setzt er die Technik der sogenannten „Thermodruckhydrolyse<br />
mit anschließender Dampf-Explosion“<br />
ein. „Das ist ein Aufschlussverfahren, das mit einer<br />
Temperatur von 160 Grad Celsius und bei einem Druck<br />
von 7 bar arbeitet“, erklärte Experte Rainer Casaretto<br />
von der Biogas Akademie in Flintbek bei Kiel. Casaretto<br />
beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Substrat<br />
Stroh. Er hofft, dass mit dem geförderten Projekt<br />
in Marienthal die Vorteile der Strohvergärung einem<br />
breiteren Publikum „endlich“ verdeutlicht werden<br />
können.<br />
Die Betreiber der Biogasanlage in Marienthal können<br />
auf strohige Substrate von rund 2.000 Hektar auf eigenen<br />
und assoziierten Ackerflächen zurückgreifen.<br />
Angesichts der Tatsache, dass bei einem durchschnittlichen<br />
Getreidebestand vier bis fünf Tonnen Stroh pro<br />
Hektar anfallen, sind die avisierten zu vergärenden<br />
Strohmengen schon beachtlich: rund 7.300 Tonnen.<br />
So wollen Klagges und seine Mitstreiter zukünftig rund<br />
50 Großballen mit einem Gewicht von etwa 400 Kilogramm<br />
täglich über die Thermodruckhydrolyse in die<br />
Fermenter fahren.<br />
Dabei werden für die vorgeschaltete Hydrolyse nach<br />
den Berechnungen von Casaretto rund 13.000 Kubikmeter<br />
Flüssigkeit benötigt, wovon schon rund 5.000<br />
Kubikmeter durch das gesammelte Oberflächenwasser<br />
auf dem Gelände der Biogasanlage klugerweise verwendet<br />
und verwertet werden sollen. Nach Casarettos Kalkulationen<br />
ersetze dabei eine Tonne Stroh energetisch<br />
betrachtet rund 2,3 Tonnen Mais.<br />
Diesen Zahlen folgend könne man, so die Botschaft von<br />
Klagges, durch die Strohnutzung eine Maisanbaufläche<br />
von 350 Hektar einsparen. Das klingt vielversprechend,<br />
wenngleich die Investition von rund 3,2 Millionen<br />
sicherlich dagegen zu rechnen ist. Ganz abgesehen<br />
davon stehen viele Experten der Strohnutzung für die<br />
Vergärung skeptisch gegenüber, weil es viel Strukturmaterial<br />
zum Aufbau von Humus vom Acker wegnehmen<br />
würde.<br />
„Mit diesem Argument werde ich immer wieder konfrontiert“,<br />
entgegnete Casaretto, „das aber nicht wirklich<br />
zutrifft, weil zum einen nur die Halme und eben<br />
nicht die Stoppeln und auch nicht die Spelzen vergoren<br />
werden. Zum anderen bindet die energetisch genutzte<br />
strohige Fraktion über ihre Rückführung als Gärdünger<br />
am Ende sogar mehr Kohlenstoff im Boden, als wenn<br />
das Stroh direkt auf dem Feld geblieben wäre. Das zeigen<br />
mehrere Untersuchungen, unter anderem von Dr.<br />
Gerd Reinhold vom Thüringer Landesamt für Landwirtschaft<br />
und Ländlichen Raum.“<br />
Ob sich das alles am Ende auch so in der Praxis bewährt,<br />
wird sich auf den Äckern um Marienthal – dank der<br />
Landesförderung – nun zeigen können. Unter den kritischen<br />
Augen des amtierenden Ministerpräsidenten –<br />
wenn er wieder auf seine Laufstrecke geht.<br />
Autor<br />
Dierk Jensen<br />
Freier Journalist<br />
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dierk.jensen@gmx.de<br />
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52
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
AKTUELLES<br />
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53
POLITIK<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
POLITISCHE BILANZ ZUR EEG-REFORM <strong>2021</strong><br />
Der Weg für Biogas in die Zukunft geht<br />
weiter, bleibt aber trotz allem steinig<br />
Eigentlich war die Frist für unseren Text für dieses Biogas Journal schon längst verstrichen –<br />
wir haben dennoch bis heute gewartet, um diese Zeilen zu schreiben, denn heute (!),<br />
17. Dezember 2020, wurde das EEG <strong>2021</strong> verabschiedet, dessen vollen Inhalt auch wir<br />
erst seit knapp 48 Stunden kennen. Wieder einmal wurde bis zuletzt verhandelt und gerungen,<br />
und wieder einmal gab es auch noch die eine oder andere Volte in letzter Minute,<br />
sodass wir an dieser Stelle allenfalls eine politische Ersteinordnung vornehmen können.<br />
Von Sandra Rostek und Dr. Guido Ehrhardt<br />
Das Wichtigste zuerst: Das politische Bekenntnis,<br />
dass Biogas im Strom- und Wärmebereich<br />
weiterhin gewollt ist, haben wir<br />
bekommen. Das EEG <strong>2021</strong> ist an vielen<br />
Stellen Ausdruck einer Rückbesinnung auf<br />
die Vorzüge von Biogas und weist uns den Weg in die Zukunft.<br />
Wir waren angetreten mit vier zentralen Themen:<br />
ffAnpassung der Ausschreibungsvolumina,<br />
ffVerbesserung der Vergütungsbedingungen,<br />
ffStärkung der Flexibilisierung<br />
ffund Ausweitung der Güllevergärung.<br />
Wir können heute festhalten, dass all diese Schwerpunkte<br />
bearbeitet werden konnten und nahezu alle unsere<br />
wichtigsten Anliegen von der Politik aufgegriffen<br />
wurden. Andererseits wurden aber auch viele wichtige<br />
Themen vertagt, und alte und neue Stolpersteine pflastern<br />
diesen Weg. Die müssen wir noch geraderücken.<br />
Schauen wir uns zunächst die erreichten Verbesserungen<br />
an: In der Gesetzesbegründung wurde das Ziel<br />
festgelegt, die Biomasse im Strom- und Wärmebereich<br />
in etwa auf dem heutigen Niveau zu stabilisieren (42<br />
Terawattstunden). Wir hatten errechnet, dass dafür ein<br />
Ausschreibungsvolumen in Höhe von etwa 740 Megawatt<br />
pro Jahr notwendig ist, zuzüglich der 150 Megawatt<br />
jährlich im Biomethan-Segment.<br />
Mit der Erhöhung des Volumens von 200 Megawatt<br />
(EEG 2017) auf 600 Megawatt pro Jahr (EEG <strong>2021</strong>),<br />
das auf zwei Ausschreibungsrunden im Jahr verteilt<br />
wird, kommen wir dem sehr nahe. Zusätzlich findet eine<br />
Renaissance des Biomethans statt, für das eine eigene<br />
Ausschreibung eingeführt wird. Die konkrete Ausgestaltung<br />
weist zwar noch einige Mängel auf, es ist jedoch zu<br />
begrüßen, dass überhaupt das Thema Biomethan auch<br />
wieder Eingang ins EEG findet.<br />
Auch die Vergütungsbedingungen wurden insgesamt<br />
deutlich verbessert: So gibt es eine Anhebung der Gebotshöchstwerte<br />
auf 18,4 Cent pro Kilowattstunde (ct/<br />
kWh) für Bestandsanlagen und 16,4 ct/kWh für Neuanlagen.<br />
Der Wettbewerbsnachteil kleinerer Anlagen in<br />
den Ausschreibungen soll durch einen Bonus von 0,5<br />
ct/kWh für Kleinanlagen 100 kW installierter Leistung beziehungsweise<br />
maximal 75 kW Bemessungsleistung gewährt. Weiterhin<br />
wird auch die Deckelung der Flexibilitätsprämie abgeschafft.<br />
Bei Bioabfallanlagen und Güllekleinanlagen<br />
wird die Degression auf 0,5 Prozent pro Jahr abgesenkt.<br />
Schließlich konnte zudem eine Anschlussregelung für<br />
Güllekleinanlagen zumindest per Verordnungsermächtigung<br />
schon mal im Gesetz etabliert werden.<br />
Fußangel beim Ausschreibungs-Volumen<br />
Wie es in der Politik so ist, werden Verbesserungen an<br />
der einen Stelle aber leider auch oft mit Zugeständnissen<br />
an anderen Stellen „erkauft“. So auch in dieser<br />
Novelle. Daher fließen auch eine Reihe von Fußangeln<br />
in unsere Bilanz mit ein: Das Ausschreibungsvolumen<br />
konnte nur so stark erhöht werden, weil im Gegenzug ein<br />
neues Zuschlagsverfahren eingeführt wird, das sicherstellen<br />
soll, dass immer ein Wettbewerb zwischen den<br />
Bietern herrscht.<br />
Das heißt: Immer, wenn insgesamt weniger Leistung<br />
geboten wird als ausgeschrieben wurde, erhalten nur<br />
80 Prozent der Neuanlagen und 80 Prozent der Bestandsanlagen<br />
einen Zuschlag. Das nicht bezuschlagte<br />
Volumen wird ins dritte Folgejahr übertragen. Konkret<br />
bedeutet dies: Wenn bei einer Runde 300 Megawatt<br />
ausgeschrieben werden und Gebote im Umfang von<br />
zum Beispiel 350 Megawatt (MW) eingereicht werden,<br />
dann werden auch die vollen 300 MW vergeben – 85<br />
Prozent der Gebote erhalten einen Zuschlag.<br />
Werden jedoch nur Gebote in einem Umfang von zum<br />
Beispiel 250 MW eingereicht, dann erhalten nur 80<br />
Prozent beziehungsweise 200 MW einen Zuschlag. Die<br />
nicht bezuschlagten Gebote müssen sich in der nächsten<br />
Ausschreibungsrunde noch einmal bewerben. Das<br />
FOTO: ADOBE STOCK_ROBERTOKENAPP<br />
54
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
POLITIK<br />
Flexzuschlag im zweiten Vergütungszeitraum auf die<br />
Leistung beschränkt werden, die nicht bereits über die<br />
Flexprämie gefördert wird. Begründet wurde das damit,<br />
dass es sich sonst um eine Doppelförderung<br />
handeln könnte, die aus EU-rechtlicher Sicht<br />
nicht zulässig wäre. Aus unserer Sicht ist das<br />
offensichtlich nicht so, da man ja bei einem<br />
Wechsel in den zweiten Vergütungszeitraum<br />
oft noch einmal investieren muss. Deshalb ist<br />
die Regelung sachlich ungerechtfertigt und<br />
muss gestrichen werden.<br />
ist natürlich ein harter Schlag, denn es bringt aus unserer<br />
Sicht sehr viel Unsicherheit in den Markt. Die Thematik<br />
tauchte erst kurz vor Schluss in der Diskussion<br />
auf, nachdem eine Vorprüfung bei der EU-Kommission<br />
ergeben haben soll, dass diese einer Anhebung der Volumina<br />
bei allen Technologien nur zustimmen würde,<br />
wenn der Wettbewerb gewährleistet ist.<br />
Die Bundesnetzagentur wurde in der Folge bei Biomasse<br />
und auch bei Wind an Land beauftragt, dafür Sorge<br />
zu tragen. Die Frage ist aber auch, wie relevant die Begrenzung<br />
in der Praxis sein wird: Wenn – um im Beispiel<br />
zu bleiben – bei der Ausschreibungsrunde mehr als 300<br />
MW geboten werden, greift sie gar nicht. Und wenn sie<br />
greift, weil beispielsweise nur 250 MW geboten werden,<br />
dann erhalten mit 200 MW immerhin noch doppelt so<br />
viele Gebote einen Zuschlag wie im EEG 2017 (100<br />
MW pro Ausschreibungsrunde). Und die nicht bezuschlagten<br />
Anlagen können sich in den Folgejahren wieder<br />
bewerben, weil das Ausschreibungsvolumen dann ja<br />
um 100 MW erhöht wird.<br />
Südquote – Nachteile für den Norden?<br />
Ein zweites Manko ist die „Südquote“: Generell sollen<br />
immer mindestens 50 Prozent der bezuschlagten Leistung<br />
in südliche Landkreise gehen. Das kann zu einem<br />
Abbau der Leistung im Norden führen und ist aus energiewirtschaftlicher<br />
Sicht nicht begründbar. Wir werden<br />
uns weiterhin dafür einsetzen, dass diese Regelung<br />
wieder abgeschafft wird. Außerdem soll bei Bestandsanlagen,<br />
die bereits die Flexprämie erhalten haben, der<br />
Neuer Maisdeckel<br />
Last but not least sei auch noch die Absenkung<br />
des „Maisdeckels“ von bislang 44 auf<br />
nun 40 Prozent erwähnt, die als Zugeständnis<br />
an das Bundesumweltministerium offenbar<br />
unumgänglich war. Dort, wo Licht ist, ist<br />
also in der Tat immer auch Schatten. Seien Sie<br />
versichert, dass der Fachverband Biogas und seine<br />
zahlreichen Mitstreiter über die gesamten Verhandlungen<br />
hinweg dort, wo wir überhaupt Einfluss nehmen<br />
konnten, dies auch bestmöglich im Sinne der gesamten<br />
Branche getan haben. Unterm Strich bleibt wohl<br />
festzuhalten, dass die positiven Aspekte gegenüber den<br />
Herausforderungen überwiegen.<br />
Seien Sie aber auch versichert, dass wir nicht müde<br />
werden, die Rahmenbedingungen noch weiter zu verbessern<br />
und Missstände zu beseitigen. Gleich im ersten<br />
Halbjahr des kommenden Jahres <strong>2021</strong> wird es dazu voraussichtlich<br />
mehrere Gelegenheiten geben: Für Windund<br />
Solarenergie konnten sich die Regierungsfraktionen<br />
nicht auf erhöhte Ausbaupfade einigen, die aber<br />
natürlich für die Erreichung jeglicher Ziele für Energiewende<br />
und Klimaschutz unabdingbar sind. Das soll mit<br />
einer weiteren EEG-Novelle <strong>2021</strong> geschehen.<br />
Auch das Energiewirtschaftsgesetz soll überarbeitet<br />
werden; in dessen Kielwasser besteht eventuell die<br />
Möglichkeit, einzelne Probleme zu klären. Und per Verordnung<br />
soll für uns ja eine Anschlussregelung für Güllekleinanlagen<br />
eingeführt werden; auch da wird wieder<br />
über das EEG diskutiert.<br />
Der alte Spruch stimmt also auch dieses Mal wieder:<br />
„Nach dem EEG ist vor dem EEG“.<br />
Autoren<br />
Sandra Rostek<br />
Leiterin des Berliner Büros<br />
im Fachverband Biogas e.V.<br />
Dr. Guido Ehrhardt<br />
Leiter des Referats Politik<br />
im Fachverband Biogas e.V.<br />
030/2 75 81 79-0<br />
berlin@biogas.org<br />
www.biogas.org<br />
55
POLITIK<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Mehr Messung, mehr<br />
Berichterstattung – und<br />
mehr Biogas<br />
Die Methanstrategie der EU hebt hervor, wie wichtig die Vergärung<br />
landwirtschaftlicher Biomasse ist – doch mehr als eine allgemeine<br />
Willensbekundung ist das Konzept bisher nicht.<br />
Von Bernward Janzing<br />
Fermentative<br />
Prozesse<br />
in Termiten<br />
METHAN-<br />
KREISLAUF<br />
Verbrennen<br />
von Biomasse<br />
Freisetzung aus Hydraten und Klathraten<br />
Trockene<br />
Bodenoxidation<br />
Boden-Pflanze-<br />
Luft-Verluste<br />
Fermentative Prozesse<br />
in Tieren<br />
Verbrennung fossiler<br />
Energieträger<br />
Auftauender Permafrost<br />
Methanogene<br />
Organismen im Boden<br />
Verluste in die Stratosphäre durch Reaktion mit<br />
Pflanzenzerfall in<br />
Feuchtgebieten<br />
Deponien<br />
Anaerobe Oxidation durch<br />
Mikroorganismen<br />
Methanotrophe Organismen<br />
„Es ist erfreulich, dass<br />
die Europäische Kommission<br />
auch verstärkt<br />
auf Biogas setzt“<br />
Kerstin Andreae<br />
Es geht im ersten Schritt vor allem<br />
um mehr Messungen, um mehr<br />
Daten – kurz: um mehr Berichterstattung.<br />
Mit ihrer im Oktober<br />
vorgestellten Methanstrategie<br />
rückt die EU-Kommission die Emissionen<br />
des Gases CH4 in Europa in den Fokus.<br />
Schließlich trage dieses „als zweitstärkstes<br />
Treibhausgas nach Kohlendioxid in erheblichem<br />
Maße zum Klimawandel bei“. Zudem<br />
sei es „ein bedeutender lokaler Luftschadstoff,<br />
der schwerwiegende Gesundheitsprobleme<br />
verursacht“.<br />
Der Anteil von Methan an den vom Menschen<br />
verursachten Treibhausgasemissionen<br />
beträgt weltweit etwa 11 Prozent.<br />
Daher misst auch die EU-Kommission der<br />
Bekämpfung von Methanemissionen eine<br />
entscheidende Bedeutung bei, wenn es darum<br />
geht, das europäische Klimaziele für<br />
2030 sowie das Ziel der Klimaneutralität<br />
bis 2050 zu erreichen. Den Weg zur Klimaneutralität<br />
soll ein „Europäischer Grüner<br />
Deal“ weisen, von dem die nun publizierte<br />
Methanstrategie ein Teil ist.<br />
Betroffen von dem Konzept ist nun zum<br />
einen die fossile Gaswirtschaft. Denn bei<br />
der Förderung und beim Transport von Erdgas<br />
kommt es immer wieder zu Verlusten<br />
von Methan – etwa durch Leckagen an<br />
Pipelines, Tanks oder Ventilen. „Methanschlupf“<br />
heißt dieses Phänomen. Darüber<br />
hinaus sind aber auch die Landwirtschaft<br />
und die Abfallwirtschaft bei diesem Thema<br />
involviert, da dort jeweils Methan durch<br />
bakterielle Prozesse anfällt oder – wie beim<br />
Biogas – gar bewusst erzeugt wird.<br />
Die erste Resonanz in der Landwirtschaft<br />
auf die Strategie ist positiv: „Die Zielrichtung<br />
ist aus Biogassicht erst mal gut“, sagt<br />
Gerolf Bücheler, Referent für Umweltpolitik<br />
und Nachhaltigkeit beim Deutschen Bauernverband<br />
(DBV). Doch er verweist zugleich<br />
auf das noch frühe Stadium des politischen<br />
Prozesses: „Es ist halt erst einmal nur eine<br />
Strategie.“ Dass diese aber dem Biogas zugutekommen<br />
werde, davon gehen auch andere<br />
Beobachter aus: „Es ist erfreulich, dass<br />
die Europäische Kommission auch verstärkt<br />
auf Biogas setzt, um die Methanemissionen<br />
in der Landwirtschaft über eine Verwertung<br />
von Abfall und Reststoffen in Biogasanlagen<br />
zu reduzieren“, sagte Kerstin Andreae, Geschäftsführerin<br />
des Bundesverbandes der<br />
Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW).<br />
Schließlich hatte auch Frans Timmermans,<br />
Exekutiv-Vizepräsident für den Grünen<br />
Deal, bei der Vorstellung der Methanstrategie<br />
erklärt, diese werde „im ländlichen<br />
Raum Möglichkeiten zur Erzeugung von<br />
Biogas aus Abfällen schaffen“, um die<br />
Emissionen in der Landwirtschaft zu senken.<br />
Begleitet und unterstützt werde die<br />
Entwicklung durch moderne Verfahren der<br />
Fernerkundung: „Mithilfe der Satellitentechnologie<br />
der Europäischen Union werden<br />
wir die Emissionen genau überwachen<br />
können und zur Anhebung der internationalen<br />
Standards beitragen.“<br />
GRAFIK: ADOBE STOCK/VECTORMINE<br />
56
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
POLITIK<br />
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POLITIK<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
EU-Kommission will<br />
Reststoffvergärung anreizen<br />
In einer Mitteilung der EU-Kommission<br />
heißt es ferner, „nicht rezyklierbare organische<br />
menschliche und landwirtschaftliche<br />
Abfall- und Reststoffströme“ könnten<br />
„genutzt werden, um Biogas, Biomaterialien<br />
und Biochemikalien herzustellen.“<br />
Dadurch könnten im ländlichen Raum zusätzliche<br />
Einnahmequellen entstehen und<br />
gleichzeitig Methanemissionen vermieden<br />
werden. Für das Sammeln dieser Abfallprodukte<br />
würden daher weitere Anreize<br />
geschaffen.<br />
In einem Hintergrundpapier zur Methanstrategie<br />
wird die EU-Kommission noch<br />
konkreter und verspricht die „gezielte<br />
Unterstützung zur Beschleunigung der<br />
Entwicklung des Marktes für Biogas aus<br />
nachhaltigen Quellen, einschließlich Pilotprojekten<br />
für ländliche und landwirtschaftliche<br />
Gemeinschaften“. Gefördert werden<br />
sollen „bewährte Verfahren und Technologien,<br />
Veränderungen bei Futtermitteln und<br />
in der Tierhaltung sowie einer klimaeffizienten<br />
Landwirtschaft zur Verringerung der<br />
Emissionen aus der Landwirtschaft“.<br />
Die Kommission hat daher angekündigt,<br />
sie werde „die Erzeugung von Biogas aus<br />
landwirtschaftlichen Abfällen über die<br />
nationalen Strategiepläne im Rahmen der<br />
Gemeinsamen Agrarpolitik fördern und den<br />
Rechtsrahmen für den Gasmarkt überprüfen,<br />
um den Ausbau der dezentralen und<br />
lokal vernetzten Erzeugung von Biogas zu<br />
erleichtern“. Darüber hinaus werde „die<br />
bevorstehende Überarbeitung der Erneuerbare-Energien-Richtlinie<br />
im Juni <strong>2021</strong><br />
Möglichkeiten bieten, um die Entwicklung<br />
des Biogasmarktes zu beschleunigen“.<br />
Gas abfackeln soll künftig nicht<br />
mehr möglich sein<br />
Gleichzeitig mit neuen Impulsen für das<br />
Biogas soll das fossile Erdgas strenger<br />
überwacht werden. So plant die EU eine<br />
„Verpflichtung zur Verbesserung der Erkennung<br />
und Reparatur von Leckagen in der<br />
gesamten Infrastruktur für fossiles Gas,<br />
also bei dessen Erzeugung, Transport und<br />
Nutzung“. Auch neue Rechtsvorschriften<br />
über das Ablassen und Abfackeln von Gasen<br />
sowie Standards für die gesamte Versorgungskette<br />
soll es geben. Zudem unterstützt<br />
die EU die „Zero Flaring“-Initiative<br />
der Weltbank zur Abschaffung des Abfackelns.<br />
„Die Methan-Strategie blendet<br />
Emissionen aus der Gasförderung<br />
in Drittländern vollständig aus“<br />
Die fossile Gaswirtschaft ist daher gefordert.<br />
Ein wichtiger Ansatz für die Reduktion<br />
von Methanemissionen liege in<br />
der Erkennung und Reparatur von Lecks,<br />
heißt es beim BDEW. Die Gaswirtschaft in<br />
Deutschland habe diesbezüglich bereits<br />
viel erreicht: Alte Graugussleitungen seien<br />
mittlerweile fast vollständig ausgetauscht.<br />
Im Bereich der Transportnetze würden zudem<br />
durch den Verzicht auf pneumatische<br />
Ventile erhebliche Methanemissionen eingespart.<br />
So habe man den Methanausstoß<br />
im Zeitraum 1990 bis 2017 um 40 Prozent<br />
reduziert.<br />
Der Methanschlupf hängt aber auch stark<br />
davon ab, woher das Erdgas kommt. Die<br />
Bundesanstalt für Geowissenschaften und<br />
Rohstoffe kommt in einer aktuellen Studie<br />
zu dem Ergebnis, dass Erdgas aus den<br />
Lieferländern Niederlande und Norwegen,<br />
das per Pipeline nach Deutschland fließt,<br />
nur Gasverlustraten in der Größenordnung<br />
unter 0,03 Prozent aufweist. Erdgas aus<br />
Russland komme aufgrund der großen Entfernungen<br />
etwa auf die zehnfachen Verlustraten,<br />
also 0,3 Prozent.<br />
Noch höher liegen die Werte bei verflüssigtem<br />
Erdgas: „Aktuelle Studien zeigen, dass<br />
LNG aus Nordamerika, in den Niederlanden<br />
angelandet, Methanverlustraten in der<br />
Größenordnung von etwa 1,3 bis 2,5 Prozent<br />
aufweisen würde.“ Dabei spielt auch<br />
die Art der Gasförderung eine große Rolle:<br />
Messungen hätten ergeben, dass „Leckagen<br />
der Gasförderung mittels Fracking<br />
deutlich höher liegen, als bisher von den<br />
Förderunternehmen angegeben“, schrieb<br />
bereits 2018 der Wissenschaftliche Dienst<br />
des Bundestages.<br />
Allerdings sind diese Emissionen nicht<br />
Bestandteil der jüngsten EU-Pläne, was<br />
Kritiker bemängeln. „Die Methan-Strategie<br />
blendet Emissionen aus der Gasförderung<br />
in Drittländern vollständig aus, obwohl<br />
diese um ein Vielfaches höher sind als die<br />
Emissionen innerhalb der EU“, sagt Sascha<br />
Müller-Kraenner, Bundesgeschäftsführer<br />
der Deutschen Umwelthilfe (DUH). Deshalb<br />
sei die Strategie unzureichend. Zudem<br />
fehlten konkrete Reduktionsmaßnahmen<br />
und Gesetzesvorschläge, um eine Emissionsminderung<br />
verbindlich zu verankern.<br />
Der Deutsche Naturschutzring (DNR) fragt<br />
unterdessen: „Mit mehr Messungen zu weniger<br />
Emissionen?“ Hauptsächlich scheine<br />
es der Kommission darum zu gehen,<br />
die Messung von und<br />
die Berichterstattung<br />
über Methanemissionen<br />
zu verbessern. Im<br />
Energiesektor würden<br />
Vorschriften nur „erwogen“,<br />
mit denen zum<br />
Beispiel das routinemäßige<br />
Abfackeln und<br />
Ablassen von Erdgas<br />
verboten werden sollen. Frühestens <strong>2021</strong><br />
wolle die EU-Kommission hierzu erste Gesetzesinitiativen<br />
vorlegen. Zu erkennen seien<br />
„null Verbindlichkeiten“.<br />
Auch die DUH würde gerne die Landwirtschaft<br />
stärker in die Pflicht nehmen, denn<br />
seit sieben Jahren stiegen die Methan-<br />
Emissionen aus der Landwirtschaft in der<br />
EU an. Mehr als die Hälfte der europäischen<br />
Methan-Emissionen stamme aus diesem<br />
Sektor, hauptsächlich aus der intensiven<br />
Tierhaltung. Deshalb seien „verbindliche<br />
Vorgaben zur Minderung der Emissionen<br />
dringend notwendig, um die Klimaschutzziele<br />
einzuhalten“.<br />
Zumindest in einem Punkt hätte sich auch<br />
der DBV in der Methanstrategie eine klare<br />
Positionierung der EU gewünscht: „Die<br />
Herdengesundheit ist in dem Papier kein<br />
Thema“, sagt Umweltreferent Bücheler.<br />
Denn gesündere Tiere erzeugten – in Relation<br />
zum Ertrag, zum Beispiel der Milchleistung<br />
– weniger Methan. Aber die Papiere<br />
der EU-Kommission sind ja ohnehin bislang<br />
nicht mehr als eine grob abgesteckte<br />
Strategie. Was sie wirklich taugen, werden<br />
erst die konkreten Gesetze zeigen.<br />
Sascha Müller-Kraenner<br />
Autor<br />
Bernward Janzing<br />
Freier Journalist<br />
Wilhelmstr. 24a · 79098 Freiburg<br />
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bernward.janzing@t-online.de<br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
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aber noch fern<br />
der Tagespolitik<br />
Ein neues Klimaschadenskataster<br />
soll<br />
bundesweit Daten<br />
sammeln, um eine<br />
bessere Basis für<br />
die Finanzierung von<br />
Vorsorgemaßnahmen<br />
zu erhalten.<br />
Die Deutsche Anpassungsstrategie Klimawandel<br />
zeigt vor allem Forschungsthemen<br />
und Ziele auf – die Umsetzung betrifft<br />
Akteure auf allen politischen Ebenen.<br />
Von Bernward Janzing<br />
Die Hinweise auf den Klimawandel häufen<br />
sich. Mehrere trockene und warme Sommer<br />
haben – sichtbar für jeden, der es sehen will<br />
– in den deutschen Wäldern Dürreschäden<br />
hinterlassen. Wenn nun auch ein einzelner<br />
Sommer niemals als Beleg klimatischer Veränderungen<br />
taugt, so sind wiederholte trocken-heiße Sommer aber<br />
doch ein deutliches Indiz.<br />
Klimaschutz ist nun allerdings nur die eine Seite, ohne<br />
Anpassung wird es inzwischen auch nicht mehr gehen.<br />
Daher beschloss die Bundesregierung im Dezember<br />
2008 die „Deutsche Anpassungsstrategie“ – oder<br />
kurz: die DAS. Ähnliche Konzepte gibt es auch schon<br />
auf anderen Ebenen: Viele Bundesländer haben ihrerseits<br />
eigene Strategien der Anpassung ausgearbeitet,<br />
Europa verfolgt eine solche seit 2013. Mit der DAS,<br />
so schreibt das Bundesumweltministerium im besten<br />
Amtsdeutsch, solle „gewährleistet werden, dass die bestehenden<br />
Zielsetzungen der Fachpolitiken auch unter<br />
den Bedingungen des Klimawandels realisiert werden<br />
können“.<br />
Deutschland klimafester machen<br />
Angesichts solch schwammiger Sätze stellt sich die<br />
Frage: Was bedeutet die Strategie nun konkret? Das<br />
Umweltbundesamt erklärt, man wolle mit mehr als 180<br />
Maßnahmen „Deutschland klimafest machen“. Dabei<br />
gehe es um einen „besseren Schutz vor Hoch- und<br />
Niedrigwasser oder Schäden an der Infrastruktur, Beeinträchtigungen<br />
in der Landwirtschaft, Gesundheitsgefahren<br />
und Sicherheitsrisiken in der Wirtschaft.“ Ein<br />
neues „Klimaschadenskataster“ werde bundesweit Daten<br />
sammeln, um so „eine bessere Basis für die Finanzierung<br />
von Vorsorgemaßnahmen“ zu liefern.<br />
Seit Oktober 2020 liegt der zweite Fortschrittsbericht<br />
zur DAS vor; er soll alle vier Jahre erscheinen. Die vergangenen<br />
Jahre belegten unterdessen abermals die<br />
Relevanz des Themas: Der Berichtszeitraum 2014 bis<br />
2017 sei „als Reihung sehr warmer Jahre geprägt von<br />
langen Trockenperioden und Extremereignissen wie<br />
Stürmen und heftigen Starkregenereignissen“. Letztere<br />
hätten in den Frühjahren und Sommern 2016 und<br />
2017 zu Überschwemmungen geführt. Die Indikatoren<br />
legten „sowohl kontinuierliche Veränderungen als<br />
auch die Häufung von klimatischen Extremereignissen<br />
offen“.<br />
In den zurückliegenden vierzig Jahren zeichne sich<br />
„ein Trend zunehmender Hitze-Extrema“ ab. Insbesondere<br />
die Anzahl der „heißen Tage“, an denen die<br />
Höchsttemperatur 30 Grad oder mehr beträgt, habe<br />
signifikant zugenommen. Die Sommer in den Jahren<br />
2003, 2018 und 2019 seien die wärmsten seit Beginn<br />
der Wetteraufzeichnungen gewesen. So sei das Jahresmittel<br />
der Lufttemperatur im Flächenmittel in Deutschland<br />
von 1881 bis 2018 „statistisch gesichert um 1,5<br />
Grad angestiegen“.<br />
Vegetationsphasen verschieben sich<br />
Die Folgen sind spürbar, etwa für die Pflanzenwelt. Die<br />
Dauer der Vegetationsperiode habe sich in den vergangenen<br />
Jahren weiter verlängert; die Entwicklungsstadien<br />
von Wildpflanzen setzten im Frühling und Sommer<br />
früher ein, und jene Vegetationsphasen, die im Spätherbst<br />
und Winter anstehen, verzögerten sich. Diese<br />
veränderten jahreszeitlichen Verläufe könnten sich<br />
in der Landwirtschaft sowohl positiv als auch negativ<br />
auswirken. So ist zum Beispiel mit einer früher eintretenden<br />
Apfelblüte ein höheres Risiko von Spätfrostschäden<br />
verbunden – mit der Folge von Ernteausfällen.<br />
Während die Entwicklung der Hochwassertage „für die<br />
bisherige Zeitreihe weder für das Sommer- noch für<br />
das Winterhalbjahr einen signifikanten Trend“ zeige,<br />
würden „Monate mit unterdurchschnittlich niedrigen<br />
Grundwasserständen signifikant häufiger“. Vor allem<br />
die Niederschlagsdefizite, die über mehrere Jahre<br />
hintereinander auftraten, führten zu sinkenden Grundwasserständen<br />
oder verringerten Quellschüttungen. An<br />
den erfassten Pegeln der Nord- und Ostsee zeige sich<br />
zugleich überwiegend ein „signifikanter Anstieg“ des<br />
FOTO: WWW.LANDPIXEL.EU<br />
60
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
POLITIK<br />
FOTO: ADOBE STOCK_BUSCHEMEDIEN<br />
Meeresspiegels, der Hauptursache für die Erhöhung<br />
des Wasserstandes durch Sturmfluten sei.<br />
Viele Vorschläge, die die DAS nun auflistet, richten sich<br />
an die Forschung – etwa Untersuchungen zur nachhaltigen<br />
Moornutzung. Auch sollen die „Wechselwirkungen<br />
von Klimawandel, Schaderregern und abiotischer<br />
und biotischer Schadfaktoren und deren Einflüssen<br />
auf unsere Wälder“ erforscht werden, ebenso wie die<br />
Bodenbiologie und die „Anpassung von Bewässerungsverfahren<br />
und Pflanzenschutzmaßnahmen an den Klimawandel“.<br />
Aber auch wirtschaftliche Konzepte werden erwähnt,<br />
etwa Zahlungen für Ökosystemleistungen (Payments<br />
for Ecosystem Services, PES). Mit diesen wird ein finanzieller<br />
Anreiz für Landwirte geschaffen, ihr Land<br />
nachhaltig zu bewirtschaften. Solche Ökosystemleistungen<br />
könnten „sowohl durch die Regierung als<br />
auch durch private Unternehmen oder Organisationen<br />
finanziert werden“. Als Beispiel zitiert der Bericht<br />
die Mineralwasser-Marke Vittel in Frankreich, die die<br />
Landwirtschaft für die Dienstleistung einer schonenden<br />
(nitratarmen) Bewirtschaftung der Flächen in der<br />
Umgebung der Vittel-Quelle bezahlt.<br />
Kühlfunktion der Böden stärker nutzen<br />
Des Weiteren regt die DAS an, die jeweils betreffenden<br />
Zielgruppen zu schulen, etwa, um die „Kühlfunktion<br />
und Kohlenstoffspeicherfunktion des Bodens bei seiner<br />
Nutzung“ stärker zu berücksichtigen. Schließlich<br />
könne der Boden durch seine Funktion als Kohlenstoffspeicher<br />
und seine Kühlungsfunktion für die untere<br />
Atmosphäre dem Klimawandel entgegenwirken. Heute<br />
führten allerdings viele Eingriffe in den Boden stattdessen<br />
zu einer Verringerung dieser Klimafunktion.<br />
In der Summe ist die DAS eine beachtliche Sammlung<br />
von Ideen und eine detailreiche Betrachtung aller<br />
Lebensbereiche, die durch den Klimawandel tangiert<br />
werden. Die diskutierten Konzepte betreffen nicht nur<br />
die Raumplanung und naturwissenschaftlich-technische<br />
Anforderungen (etwa die Neufassung technischer<br />
Normen), sondern auch die Anpassung von Rechtsinstrumenten<br />
und die Schaffung von Finanzierungs- oder<br />
Anreizinstrumenten.<br />
Welche Schwierigkeiten es im konkreten Einzelfall später<br />
im politisch-gesellschaftlichen Diskurs geben wird<br />
beim Versuch entsprechende Schritte umzusetzen,<br />
bleibt nun die große ungeklärte Frage. Bisher wird die<br />
Anpassungsstrategie – obwohl sie aus wissenschaftlicher<br />
Sicht ein sehr umfassendes und sorgsam aufbereitetes<br />
Papier ist – im politischen Berlin noch wenig<br />
diskutiert.<br />
Das Umweltbundesamt weist jedenfalls schon einmal<br />
darauf hin, dass besonders positiv jene Maßnahmen zu<br />
bewerten seien, die Klimaschutz und Klimaanpassung<br />
gleichermaßen fördern: „Gedämmte Häuser senken<br />
zum Beispiel nicht nur den Energieverbrauch von Gebäuden.<br />
Sie mindern auch die durch den Klimawandel<br />
steigende Hitzebelastung im Sommer.“ Es sei deshalb<br />
vor allem auch wichtig, solche Synergien von Klimaschutz-<br />
und Anpassungsmaßnahmen zu erkennen –<br />
und besonders zu berücksichtigen.<br />
Mehr renaturieren – weniger Fläche<br />
versiegeln<br />
Dirk Messner, Präsident des Umweltbundesamts, propagiert<br />
konkret die Renaturierung von Feuchtgebieten<br />
und Flussläufen, mehr Raum für Natur in den Städten<br />
und bodenschonende Verfahren in der Landwirtschaft.<br />
Das alles seien „Beispiele dafür, wie Anpassung ökologischen,<br />
ökonomischen sowie sozialen und kulturellen<br />
Nutzen entfaltet“. In welchem Maße die Bundes- und<br />
Länder- und Kommunalpolitik die Vorschläge der DAS<br />
in Zukunft aufgreifen wird, dürfte die entscheidende<br />
Frage der kommenden Jahre sein.<br />
Und dennoch: Wie hilflos die bisher entwickelten Konzepte<br />
mitunter sind, zeigt sich exemplarisch beim Thema<br />
Flächenversiegelung. Diese verschärft die Hochwasser<br />
bei Starkregen und fördert zudem die lokale<br />
Aufheizung der Umgebung bei ohnehin steigenden<br />
globalen Temperaturen. Daher schlägt die Klimaanpassungsstrategie<br />
nun die „bessere Nutzung von Entsiegelungspotenzialen<br />
zur Wiederherstellung von Bodenfunktionen<br />
und zur Klimaanpassung“ vor.<br />
Die Studie muss zugleich aber indirekt einräumen, dass<br />
man von einer Entsiegelung noch Lichtjahre entfernt<br />
ist, denn bislang nimmt – im Gegenteil – der Anteil der<br />
versiegelten Fläche in Deutschland weiterhin rasant zu.<br />
„Derzeit werden in Deutschland täglich etwa 60 Hektar<br />
für Siedlung und Verkehr neu ausgewiesen. Rund die<br />
Hälfte davon wird versiegelt“, liest man in der DAS – es<br />
ist also bisher keine Entsiegelung absehbar. Die Abhilfe<br />
bleibt bisher vage: Seitens des Umweltbundesamtes<br />
würden nun „Verbesserungsvorschläge erarbeitet“.<br />
Autor<br />
Bernward Janzing<br />
Freier Journalist<br />
Wilhelmstr. 24a · 79098 Freiburg<br />
07 61/202 23 53<br />
bernward.janzing@t-online.de<br />
Der Rückbau<br />
beziehungsweise die<br />
Entsiegelung von<br />
bebauten Flächen hin<br />
zu mehr grünen Oasen<br />
in urbanen Räumen<br />
ist eine wichtige<br />
Maßnahme gegen den<br />
Klimawandel. Gleichfalls<br />
sollten versiegelte<br />
Flächen industriell oder<br />
gewerblich neu genutzt<br />
werden, anstatt immer<br />
mehr unangetasteten<br />
Boden zu vergeuden.<br />
61
PRAXIS / TITEL BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Weg vom Fass –<br />
hin zum Schlauch<br />
Die Lohnunternehmung Hamester GmbH & Co KG in Nordwestmecklenburg<br />
blickt auf langjährige Erfahrungen mit der Gülle-Ausbringung durch<br />
Schlauchsysteme zurück. Mit den guten Erfahrungen im Hintergrund erwartet<br />
man auch andernorts eine Ausweitung der bodenschonenden Technik.<br />
Von Dierk Jensen<br />
Nahaufnahme vom Heck<br />
des SDS 8000, wo der<br />
Schlauch abgerollt wird.<br />
62
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS / TITEL<br />
FOTOS: DIERK JENSEN<br />
Große Schläge mit 100 Hektar und mehr<br />
sind in der sanft hügeligen Region nordwestlich<br />
von Schwerin nichts Außergewöhnliches:<br />
Große Flächen prägen die<br />
Strukturen dieser Ackerbauregion – in der<br />
auch viele Biogasanlagen Energie erzeugen. Mittendrin<br />
in diesem Umfeld liegt Mühlen Eichsen. In dem kleinen<br />
Dorf mit rund 1.000 Einwohnern befindet sich der<br />
nach eigenen Angaben „größte Gülle- beziehungsweise<br />
Gärrestverschlauchungs-Dienstleister“ der Republik,<br />
die Otto Hamester GmbH & Co. KG.<br />
40 Mitarbeiter, darunter viele polnische und rumänische<br />
Kollegen, zählt der Lohnunternehmer, der ursprünglich<br />
aus dem südlichen Schleswig-Holstein<br />
kommt, aber kurz nach der Wende, Mitte der Neunzigerjahre,<br />
die Dependance in Mühlen Eichsen eröffnete.<br />
Heute schlägt hier das Herz des Unternehmens.<br />
„Wir sind kein Full-Liner“, erklärt Björn Salzwedel am<br />
Steuer eines alten Bundeswehrgeländewagens. „Wir<br />
konzentrieren uns auf die Futterbergung und auf die<br />
Ausbringung von Gülle und Gärresten.“ Eine Million<br />
Kubikmeter bringt sein Team im Auftrag von rund 150<br />
landwirtschaftlichen Kunden im Umkreis von rund 70<br />
Kilometern auf die Felder. Seine Kundschaft reicht vom<br />
kleinen Milchviehbetrieb über Biogasanlagenbetreiber<br />
bis hin zu Großbetrieben mit 3.000 Milchkühen und<br />
Ackerbaubetrieben mit 5.000 Hektar und mehr. Darunter<br />
auch welche, die von Industrieunternehmen in der<br />
Vergangenheit als Anlageobjekt erworben worden sind,<br />
was von vielen Beobachtern kritisch beurteilt wird.<br />
Rund 675.000 Kubikmeter Gülle werden mittlerweile<br />
mit Verschlauchungstechniken ausgebracht. Der<br />
45-jährige Salzwedel lenkt seinen robusten Geländewagen<br />
von der B 208 auf einen Feldeingang zu und<br />
düst über die Grasnarbe des Schlages. Am Horizont<br />
ist der selbstfahrende Gülleausbringer SDS 8000 vom<br />
dänischen Hersteller Agrometer a/s<br />
aus dem jütländischen Grindsted im<br />
Einsatz. Auf einer Kuppe des riesigen<br />
Schlages hält Salzwedel an. In der Ferne<br />
drehen sich große Windenergieanlagen<br />
gemächlich in einem Windpark.<br />
Salzwedel bringt die Vorteile der Verschlauchung<br />
schnell auf den Punkt:<br />
„Hohe Schlagkraft, keine Straßenverschmutzungen,<br />
keine Bodenverdichtung<br />
durch hohen Maschinendruck<br />
und ganz wichtig und nicht zu vergessen:<br />
Wir haben einfach nicht mehr so<br />
viel Nerv mit den Anwohnern.“ Der<br />
Selbstfahrer bringt die Gülle mit einem<br />
36-Meter-Schlauchgestänge aus. Über<br />
eine Haspel wird der Gülleschlauch<br />
vom Vorgewende bis zum Ende des<br />
Feldes ausgerollt. Dort dreht sich die<br />
Kabine des Selbstfahrers um die eigene<br />
Achse und die Apparatur nimmt<br />
„Hohe Schlagkraft, keine Straßenverschmutzungen,<br />
keine Bodenverdichtung<br />
durch hohen Maschinendruck“<br />
den beim Hinweg ausgerollten Schlauch wieder auf die<br />
Haspel auf. Dadurch, dass der Schlauch in der Fahrgasse<br />
unbewegt liegt, besteht auch die Option, in höhere<br />
Maisbestände noch Gülle einzubringen, ohne irgendwelche<br />
Pflanzen zu beschädigen.<br />
In der Kabine sitzt an diesem warmen Oktobertag der<br />
polnische Mitarbeiter Milosz. Über mehrere Bildschirme<br />
überwacht er das Geschehen auf dem Grasschlag,<br />
der zu dieser Jahreszeit ungewöhnlich grün ist. Milosz<br />
passt mit Argusaugen darauf auf, dass die Schläuche<br />
sich in der Haspel akkurat aufrollen – wenn sie sich<br />
verhaspeln würden, gäbe es Ärger mit einem problemfreien<br />
Abrollen. Er kontrolliert zudem die mobile Pumpenstation<br />
am einige Kilometer entfernten Güllepott.<br />
Er hat die jeweiligen Drücke und Durchflüsse im Blick,<br />
damit die angepeilten Ausbringungsmengen eingehalten<br />
werden. In einigen Jahren, so schaut Salzwedel<br />
nach vorne, werde der Gülleausbringer wahrscheinlich<br />
auch ohne Mensch in der Fahrkabine arbeiten, „er wird<br />
gänzlich autonom arbeiten, wir Menschen werden dann<br />
nur noch von einer zentralen Stelle überwachen, was<br />
auf dem Feld passiert.“<br />
Fahrer gesucht<br />
Noch ist es aber nicht soweit. Noch ist es vielmehr so,<br />
dass es an qualifizierten Arbeitskräften mangelt; händeringend<br />
sucht Salzwedel immer wieder nach Personal.<br />
„Hätte ich die Kollegen aus Osteuropa nicht im<br />
Unternehmen, wir würden unser Pensum gar nicht<br />
mehr bewältigen können“, klagt Salzwedel. Da-<br />
Selbstfahrendes Gülleverschlauchungsfahrzeug SDS 8000 von Agrometer aus Dänemark.<br />
Hier mit Schleppschlauchgestänke ausgerüstet.<br />
Björn Salzwedel<br />
63
PRAXIS / TITEL<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Mitarbeiter Milosz<br />
überwacht mittels<br />
mehrerer Bildschirme<br />
die Gülleausbringung<br />
mit dem Selbstfahrer.<br />
Mit Argusaugen passt<br />
er darauf auf, dass<br />
sich die Schläuche in<br />
der Haspel akkurat<br />
aufrollen.<br />
Technische Daten<br />
SDS 8000<br />
Der Selbstfahrer SDS 8000 wiegt bei halber Befüllung<br />
etwa 22 Tonnen, der Dieseltank fasst 800 Liter.<br />
Der Selbstfahrer mit 220-PS-Motor ist 2,99 Meter<br />
breit und hat eine Höhe unter 4 Meter. Das Gerät<br />
kann über 30 km/h auf der Straße fahren, im Fall<br />
von Mühlen Eichsen aber nur 20 km/h, weil diese<br />
Geschwindigkeit noch kein eigenes Kennzeichen<br />
erfordert. Den Selbstfahrer gibt es auch mit Reifendruckregelung,<br />
aber bei Hamester wird diese nicht<br />
eingesetzt, da bei der Ausbringung mit niedrigem<br />
Reifenluftdruck von rund 0,8 bar gefahren wird.<br />
Über die Fahrgeschwindigkeit auf dem Feld wird<br />
die Ausbringungsmenge gesteuert, sie variiert<br />
also. Dabei wird es in Zukunft nicht mehr allein<br />
nach Ausbringvolumen gehen, sondern es wird<br />
exakt nach Nährstoffgaben ausgerichtet sein, die<br />
über einen NIR-Sensor, der die Werte zu Phosphor,<br />
Stickstoff, Kali und Trockensubstanz ermittelt, bestimmt<br />
werden. Dazu sind auch unterschiedliche<br />
spezifische Gaben für einzelne Teilflächen auf dem<br />
Schlag denkbar.<br />
In Mühlen Eichsen sind mehrere Kreiselpumpen der<br />
Firma Bauer (SX 2000) mit einer Leistung von 270<br />
PS im Einsatz. Diese Modelle sind unempfindlich<br />
gegenüber Fremdkörpern. Der Arbeitsdruck liegt<br />
durchschnittlich bei zirka 10 bar, die maximale<br />
Pumpleistung liegt pro Stunde bei 200 Kubikmeter,<br />
im praktischen Einsatz werden aber eher zwischen<br />
150 bis 180 Kubikmeter erreicht. Zu den Schläuchen:<br />
Es sind allesamt Gewebe-Flachschläuche. Es<br />
gibt Zubringerschläuche zum Feldrand, die einen<br />
Durchmesser von sechs Zoll (15 Zentimeter) haben,<br />
die Teilstücke dazu sind entweder 100 oder 200<br />
Meter lang, die Einzelstücke werden mit gängiger<br />
Kuppeltechnik verbunden. Auf mobilen Haspeln<br />
lassen sich 800 Meter Schlauch aufwickeln. In<br />
Mecklenburg kamen schon Zubringerschläuche mit<br />
einer Gesamtlänge von 7,6 Kilometer zum Einsatz.<br />
Zu den Verteilschläuchen: Davon gibt es 4,5-zollige<br />
mit einer Gesamtlänge von 630 Metern, die auf der<br />
Haspel des Selbstfahrers aufgewickelt werden, sodass<br />
rein rechnerisch maximal sieben Kubikmeter<br />
Gülle enthalten sein können; zudem werden auch<br />
5-zollige Verteilschläuche mit einer Länge von 550<br />
Meter verwendet.<br />
Zum Spülvorgang: An der Pumpstation befindet<br />
sich ein 3.000 Liter fassender Wassertank: Wenn<br />
die Ausbringung kurz vorm Beenden ist, wird vom<br />
Selbstfahrer ein entsprechendes Signal an die<br />
Pumpstation gegeben, woraufhin die Güllezuleitung<br />
gesperrt und stattdessen die Wasserzufuhr<br />
aktiviert wird. Das Wasser drückt dann in die Leitung,<br />
schiebt die Gülle bis zum Selbstfahrer vor sich<br />
her, wo ein Sichtfenster am Schlauchende zu erkennen<br />
gibt, wann das Wasser dort angekommen ist.<br />
Der Reinigungsvorgang wird mit einem Schaumstoffball<br />
abgeschlossen, der durch den Schlauch<br />
geschossen und in einem Behälter auf der Selbstfahrerseite<br />
in einem Korb aufgefangen wird und<br />
somit mehrfach verwendet werden kann.<br />
bei schläft die Konkurrenz nicht, der Wettbewerbsdruck<br />
ist da. „Da gilt es immer wieder,<br />
sich zu verbessern“, fügt der gelernte<br />
Landwirt hinzu.<br />
Schon im Jahr 2012 ist die Lohnunternehmung<br />
in die Verschlauchung eingestiegen.<br />
Seither hat das Unternehmen eine intensive<br />
Lernkurve durchschritten. „Wir haben viel<br />
Lehrgeld zahlen müssen“, räumt Salzwedel<br />
ein. So gab es in den Anfangsjahren des<br />
Öfteren Verstopfungen im Schlauchsystem,<br />
die man heute fast gänzlich vermeidet, weil<br />
man die 15 Zentimeter Durchmesser fassenden<br />
Schläuche vor dem Einsatz einmal<br />
mit Wasser durchspült, um so deren Gleitfähigkeit<br />
für die Gülle zu gewährleisten.<br />
Doch hat man die Pionierprobleme inzwischen<br />
im Griff und bemüht sich überdies,<br />
die Logistik am Feldrand noch weiter zu<br />
optimieren, um am Ende beachtliche Tagesleistungen<br />
von 1.500 bis 2.000 Kubikmeter<br />
an Gülle- und Gärreste-Ausbringung<br />
erreichen zu können. Darüber hinaus versucht<br />
das Team um Salzwedel, die Zubringer-Schlauchsysteme<br />
vom Gärdüngerlager<br />
über das Zwischenlager bis hin zum Feld<br />
weiterzuentwickeln. Im Fall von Mühlen<br />
Eichsen haben die Kunden in der Umgebung<br />
schon mehrere Straßen mit Kanälen<br />
untertunnelt, durch die die gülleführenden<br />
Schlauche gezogen werden; und wo kein<br />
Tunnel in den Boden getrieben worden ist,<br />
wird die Gülle von Fall zu Fall auch mal brückenartig<br />
über die Straßen gepumpt.<br />
Auf den ersten Blick erscheint der technische<br />
Aufwand erheblich. Und tatsächlich<br />
erfordert es auch zusätzliche Investitionen,<br />
die sich folgerichtig auch auf den Ausbringungspreis<br />
niederschlagen. So beziffert<br />
Salzwedel die Kosten auf 3 Euro pro<br />
Kubikmeter Gülle/Gärdünger; wenn die<br />
Entfernungen über 2 Kilometer vom Güllebehälter<br />
zunehmen, dann hat der Gülleproduzent<br />
stufenweise noch einen Aufpreis<br />
zu entrichten. „Verschlauchung hat ihren<br />
Preis, daran besteht kein Zweifel“, weiß<br />
Salzwedel.<br />
Mit leichter Technik früher auf<br />
die Flächen<br />
Doch er unterstreicht im gleichen Atemzug<br />
die großen Vorteile gerne noch einmal: Obgleich<br />
die Fahrgassen deutlich geschont<br />
werden und sich die oberflächliche Wasserführung<br />
insgesamt mittlerweile deutlich<br />
sichtbar verbessert, sei aus seiner Sicht<br />
eine Verringerung von Bodenverdichtungen<br />
64
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS / TITEL<br />
Björn Salzwedel: „Die Leute bekommen manchmal<br />
gar nicht mehr mit, dass wir Gülle ausbringen.“<br />
Fahrbare Güllebrücke auf einem Tieflader montiert. So können Wege überspannt<br />
werden, ohne dass Fahrzeuge über den Schlauch fahren müssen.<br />
dennoch nur schwer genau zu ermitteln.<br />
Noch wichtiger erscheint ihm daher der<br />
Aspekt, dass sie allein mit dieser enorm<br />
„leichten“ Ausbringungstechnik rechtzeitig<br />
zum Vegetationsbeginn auf die zu dieser<br />
Jahreszeit oft noch sehr nassen Felder<br />
kommen.<br />
„Nämlich dann, wenn wertvoller organischer<br />
Dünger an die Pflanze beziehungsweise<br />
an die Pflanzenwurzel muss.“ Und<br />
dies fällt zumeist in eine schwierige Phase,<br />
wenn die Läger überall voll sind. Ganz abgesehen<br />
davon hat sich das Verhältnis zu<br />
den Einwohnern in den Dörfern der Umgebung<br />
wesentlich entspannt. „Die Leute<br />
bekommen manchmal gar nicht mehr mit,<br />
dass wir Gülle ausbringen“, konstatiert<br />
Salzwedel.<br />
Dabei gehört er nicht zu denjenigen, die<br />
die neue Düngeverordnung verteufeln;<br />
sie werde vielmehr den Trend – weg vom<br />
Fass, hin zum Schlauch – noch weiter beschleunigen.<br />
„Im Februar können wir die<br />
klassischen Fass-Riesengeschosse auf<br />
ungefrorenem Boden de facto nicht mehr<br />
einsetzen, einfach weil sie auf den nassen,<br />
aufgeweichten Böden Verdichtungen<br />
und Verschlämmungen verursachen. Deshalb<br />
gibt es einfach keine Alternativen<br />
zur Schlauchmethodik“, sieht Salzwedel<br />
für die schonende Technik durchaus<br />
wachsenden Bedarf. Schon heute hat der<br />
Lohnunternehmer vier selbstfahrende Gülleschlauch-Ausbringer<br />
mit bodenschonenden<br />
Reifen (1.050 Millimeter Breite) vom<br />
dänischen Hersteller Agrometer im Einsatz.<br />
Darüber hinaus verfügen die mecklenburgischen<br />
Experten über sechs Verteiler und<br />
eine elektronische, fahrgeschwindigkeitsabhängige<br />
Dosierung, die eine exakte Verteilung<br />
der Gülle auf Acker oder Grünland<br />
ermöglicht.<br />
NIR-Sensor angeschafft<br />
Für Salzwedel ist die Organik aus den Ställen<br />
ein wertvoller Dünger, der für die Kulturpflanzen<br />
passgenau eingesetzt werden<br />
muss. Nicht zuletzt deshalb hat der Lohnunternehmer<br />
erst vor kurzem einen NIR-<br />
Sensor angeschafft, um für die Kunden den<br />
Gehalt der wichtigsten Hauptnährstoffe in<br />
der Gülle genau zu bestimmen. Aber auch<br />
wenn der Schlauch auf dem Vormarsch ist,<br />
stehen dem Lohnunternehmen für längere<br />
Strecken zum Transport von Gülle und Gärdünger<br />
auch neun Lkw mit Tanksattelaufliegern<br />
– ausgestattet mit Drehkolben- und<br />
Vakuumpumpen – im Fuhrpark zur Verfügung.<br />
Alternativ kann dieser Transport auch<br />
mit Schlepper und sieben Dolly-Achsen mit<br />
Tanksattelauflieger erfolgen. Des Weiteren<br />
besteht die Möglichkeit, drei Feldrandcontainer<br />
mit einem Fassungsvermögen von<br />
bis zu 92 Kubikmeter für eine zeitgenaue<br />
Gülleausbringung – sowohl mit Fass oder<br />
mit Schlauch – einzusetzen. Dabei schneidet<br />
die Schlauchausbringungsvariante<br />
auch beim Kraftstoffbedarf im Gegensatz<br />
zur Fassausbringung nicht schlechter ab.<br />
Salzwedel schätzt den Kraftstoffbedarf bei<br />
verschlauchter Gülle mit dem Agrometer<br />
auf 0,18 bis maximal 0,25 Liter Diesel pro<br />
Kubikmeter. Schön wäre natürlich, wenn die<br />
Zugmaschinen irgendwann mit Methan oder<br />
Wasserstoff betankt werden könnten.<br />
Autor<br />
Dierk Jensen<br />
Freier Journalist<br />
Bundesstr. 76 · 20144 Hamburg<br />
040/40 18 68 89<br />
dierk.jensen@gmx.de<br />
www.dierkjensen.de<br />
Mit der Pumpstation von Agrometer kann<br />
Gülle auch direkt aus einem Lagerbehälter<br />
zum Verteilfahrzeug gepumpt werden.<br />
65
PRAXIS / TITEL<br />
Schlepper beim Eingrubbern<br />
flüssiger Wirtschaftsdünger.<br />
Im Frontkraftheber befindet<br />
sich eine Trommel, auf die die<br />
leeren Schläuche aufgewickelt<br />
werden. Das Verteilgestänge<br />
zieht den vollen Schlauch<br />
hinter sich her.<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Schlauer mit Schlauch<br />
Die alteingesessene Familie von der Decken betreibt Landwirtschaft und Pferdezucht seit<br />
vielen Generationen. Vor acht Jahren ist sie zudem in die Biogaserzeugung eingestiegen. Und<br />
seit zwei Jahren agieren die Brüder Herwart und Christoph auch als Entwickler und Anbieter<br />
von anwenderfreundlichen und bodenschonenden Gülle-Verschlauchungssystemen.<br />
Von Dierk Jensen<br />
Tiefe Treckerspuren in der Marsch – überall<br />
war diese Entwicklung in den letzten Jahren<br />
zu beobachten. Immer größer werdende<br />
Gespanne von Häckslern, Ladewagen, Traktoren<br />
und Güllefässern haben trotz breiter<br />
Bereifung an vielen Orten starke Bodenschäden hinterlassen:<br />
Die Wasserführung ist auf vielen Schlägen<br />
nachhaltig ruiniert worden. Auch die Biogasbranche<br />
hat sich sicherlich nicht immer mit Ruhm bekleckert.<br />
„Es gibt in der Tat Schwarze Schafe, die so weitermachen<br />
wie bisher“, beobachtet auch Herwart von der<br />
Decken aus dem Kehdinger Land südöstlich von Freiburg/Elbe.<br />
„Unser Boden ist doch unser höchstes<br />
Gut und daher müssen wir diesen so gut<br />
es geht schützen, damit wir auch morgen<br />
noch gute Ernte einfahren“<br />
Herwart von der Decken<br />
Von der Decken bewirtschaftet den traditionsreichen<br />
Betrieb Rutenstein mit einer Ackerbaufläche von 500<br />
Hektar und betreibt zudem seit 2012 eine Biogasanlage,<br />
die mit 500 Kilowatt (kW) Leistung an den Start ging<br />
und von Anfang an mit doppelter Leistung überbaut ist.<br />
So steht die Rutensteiner Bioenergie GmbH & Co. KG<br />
als voll flexibilisierter, direktvermarktender Betrieb mit<br />
guter Wärmenutzung wirtschaftlich zukunftsfähig da.<br />
Der eigene Betrieb, das Freiburger Schulzentrum,<br />
17 weitere Einzelhäuser und ein Altenpflegeheim sowie<br />
eine Korntrocknung werden mit der Abwärme der<br />
Stromproduktion beliefert. Für die Produktion werden<br />
knapp 200 Hektar Energiepflanzen, davon 60 Hektar<br />
Grassilage, 120 Hektar Maissilage, ein bisschen CCM<br />
und 10 bis 15 Hektar Zuckerrüben, neben Hühnertrockenkot<br />
sowie Schweine- und Rindergülle aus benachbarten<br />
Betrieben in die Fermenter gefahren.<br />
Am Standort Rutenstein bei Freiburg/Elbe, unmittelbar<br />
südlich der Elbdeiche, in der fruchtbaren, aber in vielen<br />
Jahren auch nassen und daher schwer zu beackernden<br />
Marsch hat Herwart von der Decken schon immer<br />
darauf geachtet, seinen Acker nicht mit zu schwerem<br />
Gerät zu malträtieren. „Unser Boden ist doch unser<br />
höchstes Gut und daher müssen wir diesen so gut es<br />
geht schützen, damit wir auch morgen noch gute Ernte<br />
einfahren“, sagt er aus voller Überzeugung. Folgerichtig<br />
hat er sich schon zu einem Zeitpunkt über Verschlauchungstechniken<br />
für die Gärdüngerausbringung<br />
Gedanken gemacht, als die meisten Berufskollegen<br />
sich beim nächstbesten Landmaschinenhändler das<br />
nächste größere Güllefass bestellten.<br />
Tatsächlich unternahm von der Decken die ersten Versuche<br />
einer Verschlauchung mit einem Lohnunternehmen<br />
in den Jahren 2011/12. „Das hat allerdings nur<br />
leidlich geklappt“, wie von der Decken einräumt. Seine<br />
Nachbarn haben damals nur den Kopf geschüttelt. „Die<br />
haben gedacht, jetzt drehe ich durch“, schmunzelt er<br />
über die einstige Skepsis gegenüber dem Neuen. Doch<br />
ist er trotz einiger Misserfolge am Ball geblieben.<br />
Schließlich setzte er ab 2013 die Verschlauchungs-<br />
Technik auf eigenen Flächen ein. Zugleich übernahm<br />
Herwart von der Decken mit seinem Freund Friedrich<br />
Reinhold aus der Nähe von Schöningen bei Helmstedt<br />
und seinem Bruder Christoph auch den Deutschland-<br />
Vertrieb für einen österreichischen Hersteller. Zum Einsatz<br />
kamen vom Schlepper gezogene Güllecontainer,<br />
von wo aus die Gärdünger über Pumpen in Schläuche<br />
FOTOS: VERSCHLAUCHUNGSTECHNIK GMBH<br />
66
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS / TITEL<br />
Blick von oben auf den offenen Feldrandcontainer. Dieser wird per Lkw befüllt. Auf der rechten Seite des<br />
Containers befindet sich die Pumpstation, mit der die Gülle aus dem Container zum Verteiler-Schlepper<br />
gepumpt wird. Links im Bild ist der Schlauchanschluss für die Lkw zu sehen.<br />
Nach Herwart von den Deckens Angaben ist mit dem<br />
System eine durchschnittliche Ausbringleistung von<br />
deutlich über 100 Kubikmeter pro Stunde möglich.<br />
weitergeleitet wurden, die zu von Traktoren gezogenen<br />
Ausbringungsgeräten quer übers Feld gezogen wurden.<br />
Eigenes System entwickelt<br />
Die Kooperation hielt vier Jahre. Dann trennten sich<br />
die Brüder vom Vertriebsgeschäft für andere Unternehmen,<br />
weil sie mit den vielen eigenen Praxiserfahrungen<br />
im Hintergrund der Ehrgeiz gepackt hatte, selber etwas<br />
weiterentwickeln zu wollen. Sie wagten den Einstieg<br />
in ein eigenes vollständiges System und gründeten die<br />
Firma Verschlauchungstechnik GmbH; getreu ihrem<br />
Anspruch und ihrer landwirtschaftlichen Anspruchshaltung,<br />
eine „genaue, aber bedienerfreundliche und<br />
leistungsfähige Technik zu bieten“.<br />
Dabei spielt die Pumpstation mit integrierter Güllepumpe<br />
und Kompressor für die Brüder eine zentrale<br />
Rolle. „Sie ist das Herzstück der Verschlauchung“,<br />
betont Herwart von der Decken und identifizierte genau<br />
darin in der bestehenden Technik Defizite, die aus<br />
seiner Sicht durchaus verbesserbar waren. „Wir haben<br />
uns deshalb daran gesetzt, eine Pumpstation zu entwickeln,<br />
die bedienerfreundlich, leistungsstark und<br />
kompakt ist“, erklärt sein Bruder Christoph. „Wichtig<br />
war uns dabei, ein Hydrauliksystem zu entwerfen, das<br />
alle Komponenten von der Güllepumpe über den Kompressor<br />
bis hin zu Steuerung aller Schieber und einer<br />
zusätzlichen Befüll-Pumpe am Container weich und<br />
exakt ansteuern kann“, fügt er hinzu.<br />
Mit dem Bremer Spezialunternehmen Hanse-Flex AG<br />
fanden sie einen starken Partner, der seit mehr als einem<br />
halben Jahrhundert einer der weltweit führenden<br />
Systemanbieter für Hydraulikanwendungen ist. Darüber<br />
hinaus haben die beiden Brüder aus der Elbmarsch<br />
ein oft von Herstellern unterschätztes, aber doch<br />
wichtiges Detail aus der Elbmarsch in ihr System integriert.<br />
„Wir haben einen Füllstandanzeiger mit einer<br />
entsprechenden Intelligenz eingebaut, der dem Fahrer<br />
im Gegensatz zu früher genau angibt, wie viel Gülle<br />
noch im Schlauch bzw. im Container ist, damit er auch<br />
rechtzeitig weiß und kalkulieren kann, welche Menge er<br />
noch zur Verfügung hat.<br />
„Ein Detail, das zielgenaues Düngen ermöglicht“, erklärt<br />
von der Decken. Ein weiteres innovatives Element<br />
im Gesamtsystem ist darüber hinaus eine Automatikschaltung<br />
für die Wendevorgänge, die dem Fahrer<br />
die Bedienung erleichtert und ein Garant für genaues<br />
Ausbringen ist. Das gesamte System scheint zu überzeugen.<br />
So haben die Seiteneinsteiger mittlerweile im<br />
Nischenmarkt Verschlauchen eine Vielzahl an Systemen<br />
an Lohnunternehmen und Landwirte verkaufen<br />
können.<br />
Schlauchlänge bis 2,5 Kilometer<br />
Deren Technik beinhaltet eine Pumpleistung von bis<br />
zu 250 Kubikmeter pro Stunde für einen bis zu 2.500<br />
Meter langen Schlauch. Nach Herwart von den Deckens<br />
Angaben ist mit dem System eine durchschnittliche<br />
Ausbringungsleistung von deutlich über 100 Kubikmeter<br />
pro Stunde möglich. Dabei fahren Lkw den Gärdünger<br />
an den Feldrandcontainer (der ein Standardvolumen<br />
von 55 Kubikmeter aufweist), woraus die<br />
Pumpstation je nach Bedarf die gewünschte Menge<br />
saugt und das Substrat zum ausbringenden Schlepper<br />
pumpt.<br />
Gülleverschlauchung<br />
im Sommer, Ausbringung<br />
auf Getreidestoppeln<br />
mit Schleppschuhverteiler.<br />
67
PRAXIS / TITEL<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Feldrandcontainer mit<br />
Motorpumpstation,<br />
wo die Pumpe von<br />
einem Dieselmotor<br />
angetrieben wird.<br />
Der Dieselmotor lässt<br />
sich an Zapfwellenpumpstationen<br />
später<br />
auch nachrüsten. Der<br />
180-kW-Motor ist ein<br />
Sechszylinder-Aggregat<br />
von Deutz.<br />
Biogas Journal 210x140<br />
Ein am Schlepper angebautes Schleppschuhgestänge<br />
bringt die Organik dann mit geringem Gewicht von<br />
rund zwölf Tonnen insgesamt – statt mit bis zu 50 Tonnen<br />
schweren Schlepper-Güllefässern-Kombis – auf<br />
den Feldern aus. Ein umfassendes Standard-System<br />
kostet zwischen 200.000 und 230.000 Euro. Ein Anschaffungspreis,<br />
der bei einer Ausbringungsmenge in<br />
der Spanne von 25.000 bis 30.000 Kubikmeter nach<br />
Deckens Berechnungen „gegenüber herkömmlicher<br />
Gülletechnik preisneutral ist.“<br />
Er spricht von 2,30 bis 3 Euro Kosten pro Kubikmeter.<br />
„Aber ganz abgesehen davon ist doch das Entscheidende,<br />
dass die Anwender damit keine Strukturschäden<br />
mehr verschulden und sie darüber hinaus in ihrem<br />
ackerbaulichen Handeln wesentlich viel flexibler agieren<br />
können“, wirbt von der Decken für die Verschlauchung<br />
und warnt eindringlich davor, Bodenverdichtungen<br />
zu unterschätzen. Diese würden nach seiner<br />
Einschätzung bis zu einem Viertel (!) an Ertragsdepressionen<br />
verursachen können.<br />
Industriellen Dünger möglichst komplett<br />
ersetzen<br />
Umso vehementer sein Plädoyer dafür, so viel organischen<br />
Dünger wie irgend möglich zu nutzen, um am<br />
Ende bestenfalls den industriell produzierten Dünger<br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS / TITEL<br />
gänzlich zu ersetzen. Auf seinen Ackerflächen in der<br />
Marsch erreicht er schon heute eine bis zu 80- bis<br />
90-prozentige Abdeckung des Düngerbedarfs durch<br />
den Gärdünger. „Wir haben also nicht zu viel Organik,<br />
sondern es ist vielmehr so, dass die Art der Ausbringung<br />
bisher durch die herkömmliche Technik diktiert worden<br />
ist. Dafür könne man die strengere Düngeverordnung<br />
(DüV) nicht für schuldig erklären – das habe damit gar<br />
nichts zu tun.<br />
„Da das Getreide aber schon im Februar den ersten<br />
Stickstoffdünger braucht, wollen wir mit leichter, bodenschonender<br />
Technik den Gärdünger auf ungefrorene<br />
Böden zeitgenau rauszufahren“, weiß der konventionelle<br />
Ackerbauer, der klassischerweise Raps, Weizen,<br />
Gerste, Mais, Ackerbohnen und Zuckerrüben anbaut<br />
und verschiedene Zwischenfrüchte wie Ramtillkraut,<br />
Wicken, Klee und Phacelia einsetzt.<br />
Allein aus diesem ackerbaulichen Umstand heraus<br />
sieht er ein Potenzial für die Verschlauchung. Daher<br />
setzt der niedersächsische Landwirt darauf, dass die<br />
Landwirtschaft ihr oft hemmendes Credo: „es war schon<br />
immer so“ ablegt. Und stattdessen die Chancen einer<br />
vielleicht „totlangweiligen Verschlauchung“ entdeckt,<br />
bei der die Güllefahrer nicht mehr PS-stark durch die<br />
Dörfer heizen, sondern nur noch auf dem Feld – fast<br />
kontemplativ – ihre Schläuche ziehen. „Wer es schon<br />
mal gesehen hat, der ist davon überzeugt!“ Ganz ohne<br />
tiefe Treckerspuren und Strukturschäden. Die sich langfristig<br />
deutlich negativ auswirken, aber in der kurzsichtigen<br />
monetären Betrachtung oft ausgeblendet werden.<br />
Autor<br />
Dierk Jensen<br />
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69
PRAXIS / TITEL<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Vom Lager per Leitung direkt aufs Feld<br />
Frühjahrsdüngung im<br />
aufwachsenden Getreidebestand:<br />
Die Gülle<br />
wird mit dem Rotomax-<br />
System von Veenhuis<br />
über ein Schlitzgerät in<br />
den Boden appliziert.<br />
Die Gülle liegt im<br />
Getreide im Schlitz im<br />
Boden.<br />
In der Koberland eG Niederalbertsdorf erfolgt die Ausbringung von Gülle und Gärprodukten<br />
komplett über ein Schlauchsystem. Den Vorteil sehen die Landwirte in der für das Pflanzenwachstum<br />
optimalen und dennoch bodenschonenden Düngung im zeitigen Frühjahr.<br />
Von Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />
Marco Bräunlich, Vorstand der Koberland<br />
eG Niederalbertsdorf, kennt die erstaunten<br />
oder auch skeptischen Blicke,<br />
wenn der Traktor das Ausbringgerät mit<br />
der riesigen Haspel und dem 12 Meter<br />
breiten Gülleinjektor über den Acker zieht. Während<br />
der ruhigen, gleichmäßigen Pendelfahrt wickelt sich<br />
ein armdicker Schlauch auf dem Ausbringgerät auf<br />
und ab. Der Schlauch führt zu einer Pumpe am Feldrand,<br />
die dem System stetig Wirtschaftsdünger zuführt.<br />
Das Gespann erledigt die Arbeit auf dem Schlag ohne<br />
Unterbrechung, bis die vorgesehene Güllemenge appliziert<br />
ist.<br />
„Wir bringen den gesamten Wirtschaftsdünger auf unseren<br />
Flächen bereits seit acht Jahren mittels Gülleverschlauchung<br />
aus. Das sind pro Saison etwa 50.000 Kubikmeter.<br />
In einer Region, in der hierfür ansonsten nur<br />
Fässer, vor allem Selbstfahrer, unterwegs sind, steht<br />
man da schon unter kritischer Beobachtung“, berichtet<br />
Bräunlich. Der 48-Jährige ist sich jedoch sicher, mit<br />
dem Schlauchzufuhrsystem eine sehr gute Lösung für<br />
seine Wirtschaftsbedingungen gefunden zu haben. Sie<br />
ist das Ergebnis von Auswertungen nach Nutzung unterschiedlicher<br />
Verfahren und Gerätesystemen.<br />
Premiumject 1200 mit Schwenkarm: Der Quergleis wurde durch einen Arm ersetzt, der an das<br />
Front-Hubwerk und das Frontladesystem des Schleppers angeschlossen ist. Dadurch wird<br />
eine ideale Gewichtsverteilung erreicht. Bei längeren Spuren übt dieses System nicht mehr<br />
Druck auf die Hinterachse, sondern auf die Vorderachse des Schleppers aus. Dadurch kann der<br />
Schlepper mit einem wesentlich niedrigeren Reifendruck gefahren werden, was wiederum zu<br />
weniger Bodenverdichtung führt. Der Arm ist um 360 Grad frei schwenkbar, wodurch er immer<br />
die ideale Zuglinie einnimmt und am Vorgewende den Schlauch maximal entlastet.<br />
Ziel: effizient und pflanzenwirksam<br />
Der Agrarbetrieb am Rande des sächsischen Vogtlandes<br />
bewirtschaftet 2.300 Hektar (ha) landwirtschaftliche<br />
Nutzfläche, davon 1.900 ha Ackerland. Auf den<br />
Böden mit 32 bis 43 Bodenpunkten wachsen zu 60<br />
Prozent Druschfrüchte. Hinzu kommt die Milchproduktion<br />
mit 500 Kühen und eigener Nachzucht. In<br />
der Biogasanlage neben dem Stall mit einer elektrischen<br />
Leistung von 498 Kilowatt verbleiben nach der<br />
Energieerzeugung jährlich rund 25.000 Kubikmeter<br />
(m³) Gärprodukte. Zur Ausbringmenge hinzu kommen<br />
weitere 25.000 m³ Gülle aus einer Schweinemastanlage.<br />
Die Applikation über das Schlauchsystem erle-<br />
FOTOS: VEEHUIS<br />
70
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS / TITEL<br />
wir bringen<br />
alles wieder<br />
ins reine.<br />
Schlepper mit Schlauchtrommel im Frontanbau. Hinten am Schlepper ist die Pumpstation „Quanta“<br />
angehängt. Sie zieht die Gülle aus dem Feldrandcontainer und pumpt sie zum Rotomax.<br />
digt die Nates GmbH, eine Tochter der<br />
Koberland eG. „Wir sind ein klassischer<br />
Landtechnikhändler, übernehmen aber<br />
auch Dienstleistungen sowohl innerhalb<br />
des Unternehmensverbundes als auch für<br />
Dritte“, informiert Geschäftsführer Bernd<br />
Gerstner. Neben der Gülleausbringung gehören<br />
Stroh pressen, Cultandüngung, Mulchen,<br />
Kommunalarbeiten und Mähdrusch<br />
zum Angebotsspektrum. Letzteres nach<br />
Aussage des 56-jährigen Firmenchefs mit<br />
abnehmender Tendenz, da immer mehr<br />
Agrarbetriebe die Getreideerntekette mit<br />
Blick auf die Qualitätssicherung lieber<br />
selbstständig managen.<br />
Der Pflanzenbauer Marco Bräunlich und<br />
der Landtechniker Bernd Gerstner – beide<br />
haben in ihrem Fach eine Meisterqualifikation<br />
– knobeln bereits seit geraumer Zeit<br />
an einem optimalen Verfahren zur Applikation<br />
von Wirtschaftsdünger. „Optimal<br />
heißt für mich als Landwirt, die Nährstoffe<br />
zu einem Zeitpunkt bereitzustellen, wenn<br />
die Pflanzen sie sofort begierig aufnehmen<br />
und in Wachstum umsetzen. Darum geht<br />
es doch letztlich in den Regelungen der<br />
Düngeverordnung, bei aller berechtigten<br />
Kritik im Detail. Das bedeutet aber: Ich<br />
muss nach dem Vegetationsstart so früh<br />
wie möglich mit der Technik aufs Feld, bei<br />
noch relativ feuchten Bedingungen in stehende<br />
Kulturen und das, ohne dabei allzu<br />
große Bodenverdichtungen und Ertragsdepression<br />
zu verursachen“, fasst Bräunlich<br />
die Mindestansprüche aus seiner Sicht<br />
zusammen.<br />
70 Prozent der Jahresgüllemenge, so seine<br />
Zielmarke, sollten im zeitigen Frühjahr<br />
aufs Feld gefahren werden, dann also,<br />
wenn ohnehin Handlungsdruck besteht,<br />
weil die Lagerbehälter randvoll sind. „In<br />
Anbetracht des dann zur Verfügung stehenden<br />
Zeitfensters sind außerdem eine<br />
ausreichende Schlagkraft und kurze Rüstzeiten<br />
wichtig sowie eine emissionsarme<br />
Ausbringung, wie sie der Gesetzgeber fordert“,<br />
ergänzt der Nates-Geschäftsführer.<br />
Vom Selbstfahrer zur<br />
Gülleverschlauchung<br />
Der Weg zu diesen Zielen begann in der<br />
nach dem Untergang der DDR neugegründeten<br />
Genossenschaft mit dem TT 353,<br />
einem der letzten Modelle des Dreirad-<br />
Selbstfahrers von Horsch. „Da der nur<br />
11 Kubikmeter fasste und daher nicht zu<br />
schwer war, klappte das ganz gut. Aber es<br />
passte nicht zu den Füllmengen der Anlieferfahrzeuge<br />
von 20 beziehungsweise<br />
bei Lkw von 27 Kubikmetern“, erinnert<br />
sich Bräunlich. Um Wartezeiten in der Zufuhrkette<br />
zu vermeiden, stieg man auf ein<br />
20-m³-Güllefass mit Tandemachse um.<br />
Damit war es nun aber wiederum nicht<br />
möglich, im Frühjahr in die Bestände zu<br />
fahren. So entstand – angeregt durch Gespräche<br />
und Fachartikel – die Idee mit der<br />
Gülleverschlauchung.<br />
2012 starteten die Koberland eG und der<br />
Dienstleister Nates mit dem System eines<br />
gezogenen Schlauches. Hier erwiesen sich<br />
technologisch bedingte Besonderheiten<br />
als Hindernis bei der Umsetzung der Zielstellungen.<br />
„Da das Ausbringfahrzeug den<br />
relativ steifen, weil mit einem Kunststoffschutz<br />
ummantelten Schlauch hinter sich<br />
herzieht, muss die Zuleitung am Feldrand<br />
regelmäßig nachgerückt werden. Das frisst<br />
einen Teil des Zeitgewinns, der sich durch<br />
den Wegfall der Beladung ergibt,<br />
71<br />
wir übernehmen für sie<br />
die lieferung und den tausch<br />
der aktivkohle.<br />
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PRAXIS / TITEL<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Marco Bräunlich (links), Vorstand der Koberland eG Niederalbertsdorf, und Bernd<br />
Gerstner, Geschäftsführer des Dienstleisters Nates, entschieden sich vor drei<br />
Jahren für das Schlachzufuhrsystem „Rotomax“ vom Hersteller Veenhuis.<br />
Das Fass der Pumpeneinheit „Quanta“ ist zweigeteilt. Es dient zum einen als<br />
Vorlagebehälter für die nichtselbstansaugende Güllepumpe. Zum anderen<br />
stellt es 7.000 Liter Wasser für Reinigungsarbeiten bereit.<br />
wieder auf“, benennt Gerstner das Hauptproblem.<br />
Zwar habe das motivierte Werkstattteam versucht, mit<br />
ergänzenden Maßnahmen, etwa der Erhöhung des Fördervolumens<br />
der Pumpen, an einigen Stellschrauben<br />
zu drehen. Doch die Ausbringleistung von maximal 500<br />
m³ pro Tag habe einfach nicht für eine Verteilung der<br />
angestrebten Güllemenge im Frühjahr gereicht.<br />
Neues System ermöglicht Einsatz auf<br />
steinigen Böden<br />
Nach fünfjähriger Betriebszeit dieses Schlauchsystems<br />
rückte bei den Überlegungen zur Technikerneuerung<br />
ein vom niederländischen Unternehmen Veenhuis entwickeltes<br />
Verfahren in den Fokus. Dabei handelt es sich<br />
um das gezogene Gerät „Rotomax“ mit großer Haspel,<br />
auf der 600 Meter befüllter Gülleschlauch aufgewickelt<br />
werden können. Dieser wird über einen Schwenkarm<br />
auf dem Boden abgelegt und wieder aufgenommen. Im<br />
Gegensatz zu Systemen, die den Schlauch nachziehen,<br />
ermöglicht dies den Einsatz auf steinigen Böden.<br />
Für den kontinuierlichen Güllestrom vom Lager zum<br />
Injektor sorgt die mobile Pumpeneinheit „Quanta“ mit<br />
Zapfwellenantrieb. Die darin integrierte Bauer-Pumpe<br />
fördert bis zu 250 m³ pro Stunde. Sie ist nicht nur stark<br />
genug, um den Druckaufbau zu gewährleisten, der für<br />
die Ausbringung über den 4,5 Zoll starken Schlauch auf<br />
der Haspel notwendig ist, sondern ermöglicht zudem<br />
die Überwindung einer Distanz von, gemäß Hersteller-<br />
FOTOS: CARMEN RUDOLPH<br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS / TITEL<br />
angabe, bis zu 5 Kilometer zwischen Lager<br />
und Feldrand durch Verlegung eines<br />
6 Zoll starken Zufuhrschlauches.<br />
Da die Pumpe nicht selbstansaugend<br />
arbeitet, erfolgt zunächst die Befüllung<br />
des darüber montierten Fasses mittels<br />
einer Vakuumpumpe. Nach dem Start<br />
der Bauer-Pumpe und dem Beginn der<br />
Ausbringung füllt sich das Vorlagefass<br />
durch die Aufrechterhaltung des Unterdrucks<br />
selbstständig aus dem Lager<br />
nach. Ein hydraulisch angetriebener<br />
Flügelrad-Beschleuniger in der Saugleitung<br />
unterstützt dies. „Wir haben uns<br />
das beim Hersteller angeschaut, Anwender<br />
konsultiert und schließlich dafür entschieden,<br />
knapp 400.000 Euro für die<br />
Anschaffung des Systems in der von uns gewünschten<br />
Ausstattung in die Hand zu nehmen. Darin enthalten<br />
sind zusätzliche Komponenten, beispielsweise ein Feldrandcontainer<br />
mit 70 m³ Volumen“, sagt Bräunlich.<br />
Verdoppelung der Schlagkraft<br />
Als wichtigsten Vorteil des Verschlauchungssystems<br />
mittels Güllehaspel, das der Dienstleister Nates seit<br />
nunmehr drei Jahren einsetzt, nennt er die Verdoppelung<br />
der Schlagkraft gegenüber dem gezogenen<br />
Schlauch. Mit der jetzt möglichen Ausbringung von<br />
über 1.000 m³ an einem Arbeitstag lasse sich das<br />
Ziel umsetzen, 70 Prozent der Jahresgüllemenge im<br />
Frühjahr auf die Felder zu bringen. Und dies auch bei<br />
feuchteren Bedingungen bodenschonend, da das Gespann<br />
samt Haspel mit vollständig aufgewickeltem und<br />
gefülltem Schlauch nur knapp 20 Tonnen wiegt.<br />
Zwar erreichten Selbstfahrer eine vergleichbare Schlagkraft.<br />
Aber diese seien bei entsprechender Fassgröße<br />
eben auch doppelt so schwer und erforderten dafür<br />
deutlich tragfähigere Böden. Die relativ langsame Arbeitsgeschwindigkeit<br />
von etwa 5 km/h bei der Gülleausbringung<br />
mittels Verschlauchung werde zum einen<br />
durch die kontinuierliche Arbeitsweise ohne Unterbrechungen<br />
und Leerfahrten über den Acker zum Auftanken<br />
des Fasses und zum anderen durch die Arbeitsbreite<br />
des Schlitzgerätes von 12 Metern ausgeglichen.<br />
Da der Schlepper keine Kraft aufwenden muss, um den<br />
Schlauch über den Boden zu ziehen, sind die Anforderungen<br />
an die Traktion entsprechend geringer. Das<br />
Gülle-Gespann mit Haspel kann daher noch früher in<br />
die Saison starten als die bereits zeitig nutzbaren gezogenen<br />
Schlauchsysteme. Zusätzlich sorgt die Reifendruckregelanlage<br />
für Bodenschonung. Der angehängte<br />
Rotomax besitzt außerdem eine Teleskopachse, die<br />
sich beidseitig um 50 Zentimeter ausfahren lässt. Dadurch<br />
wird die zusätzliche Verdichtung unter der Traktorspur<br />
durch ein zweites Überrollen vermieden.<br />
Der mittig montierte,<br />
6 Meter lange<br />
Schlauchführungsarm<br />
gewährleistet, dass<br />
der Schlauch in allen<br />
Positionen neben dem<br />
Injektor mit einer<br />
Arbeitsbreite von 12<br />
Metern abgelegt<br />
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73
PRAXIS / TITEL BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
„Ich habe für jedes Feld eine<br />
eigene Strategie, mit der ich<br />
die Gülle ausbringe“<br />
Stefan Görner<br />
Ein Merkmal des<br />
Schlitzgerätes Premiumject<br />
1200 sind die<br />
an Parallelogrammen<br />
geführten Schneidverteiler<br />
und die starken<br />
Schläuche.<br />
Der Feldrand-Güllecontainer<br />
fasst 70<br />
m³ und dient bei der<br />
Ausbringung mit dem<br />
Schlauchsystem als<br />
Puffer.<br />
Düngung in stehenden Kulturen<br />
„In Kombination mit den extremen Breitreifen und<br />
wegen des technologisch bedingt geringen Gewichts<br />
ergibt sich daraus ein Vorteil bei der Düngung in stehenden<br />
Kulturen, also dann, wenn die Nährstoffe<br />
unmittelbar dem Pflanzenwachstum zugutekommen.<br />
Überhaupt liegt hier die eigentliche Stärke der Gülleverschlauchung<br />
mit Haspel, die ich nicht mehr missen<br />
möchte“, betont Bräunlich.<br />
„Wir praktizieren das sowohl im Getreide bei der 1. und<br />
der 2. Gabe als auch im Mais bis zum 3- bzw. 4-Blatt-<br />
Stadium sowie im Raps, dort jedoch mit geringerem<br />
Druck“, bestätigt der Nates-Geschäftsführer. Gefahren<br />
werde leicht schräg zu den Säreihen (20 bis 30 Grad).<br />
Die Fahrspuren sehe man im Getreide schon kurz nach<br />
der Überfahrt nicht mehr, im Mais noch einige Zeit,<br />
jedoch nicht mehr zur Ernte. Befürchtungen, dass der<br />
Scheibeninjektor den Wurzelraum beschädigt, hätten<br />
sich nicht bewahrheitet.<br />
In der Praxis kommen bei der Ausbringung von Wirtschaftsdünger<br />
mit dem Schlauchsystem auf den im<br />
Schnitt 45 ha großen Schlägen der Koberland eG unterschiedliche<br />
Verfahren zur Anwendung. Die nach Aussage<br />
der Beteiligten optimale Variante basiert auf der<br />
Nutzung eines Außenlagers, das in der arbeitsarmen<br />
Zeit befüllt wird. Es befindet sich auf einer Anhöhe und<br />
fasst brutto 2.800 m³. Auf den umliegenden Feldern<br />
mit insgesamt 150 ha erreiche man Ausbringmengen<br />
von bis zu 1.800 m³ pro Tag.<br />
An anderen Standorten dient entweder der Feldrandcontainer<br />
als Zwischenpuffer oder die Gülle wird bei<br />
kleineren Flächen direkt aus dem Fass des Zubringerfahrzeugs<br />
gezogen. Bei Feldern in der Nähe der Milchviehanlage<br />
steht die Pumpe neben dem Güllelager am<br />
Stall. Die Länge des Zufuhrschlauches von der Pumpe<br />
bis zum Feldrand betrug bisher maximal 2,5 Kilometer.<br />
Fahrer Stefan Görner erklärt die Handhabung: „Ich<br />
habe für jedes Feld eine eigene Strategie, mit der ich<br />
die Gülle ausbringe, ohne Rangierfahrten, ohne bereits<br />
gegüllte Abschnitte zu kreuzen und ohne mich im<br />
Schlauch einzubauen.“ Unterstützung biete dabei das<br />
RTK-Lenksystem. Bei Feldern mit einem Seitenmaß<br />
von 1.000 Metern – und länger seien die Flächen in der<br />
Regel auch nicht – befinde sich die Kupplungsstelle,<br />
beispielsweise die Pumpe mit Güllecontainer, in der<br />
Mitte. Er arbeite dann vom Anschluss weg in einer Pendelfahrt<br />
nach rechts und links.<br />
Am Vorgewende hebe er den Injektor aus, stoppe den<br />
Güllefluss und drossele die Förderleistung der Pumpeneinheit<br />
per Fernbedienung. Das Vorgewende komme<br />
zum Schluss dran. Der mit Rückschlagklappe und<br />
Ventil versehene Schlauch auf der Haspel bleibe bei<br />
Abschluss befüllt, sodass es nach dem Umsetzen der<br />
Pumpeneinheit und des Güllegespanns beim nächsten<br />
Schlag gleich weitergehen kann.<br />
„Damit das Ganze den gewünschten Effekt bringt,<br />
müssen die Mitarbeiter nicht nur ihr Fach beherrschen,<br />
sondern von dem System überzeugt sein“, meint<br />
Bräunlich. Wichtig sei es, den richtigen Zeitpunkt für<br />
den Start ins Feld zu finden. Das klappe nicht immer<br />
wie geplant. Aber dieses Problem bestehe ja bei jeder<br />
Technik. „Für mich überwiegen ganz klar die Vorteile<br />
der Gülleverschlauchung mit Haspel. Wir bleiben bei<br />
dem Verfahren, das sich bei der nächsten Technikmodernisierung<br />
gegebenenfalls noch teilflächenspezifischer<br />
gestalten ließe, etwa durch einen NIR-Sensor“,<br />
so das Resümee des Landwirts.<br />
Autor<br />
Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />
Freier Journalist ∙ Rudolph Reportagen – Landwirtschaft,<br />
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PRAXIS / TITEL BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Neuheit! Feldrandcontainer<br />
mit Schlauchtrommel<br />
Seit Anfang September 2020 gibt es in der Systematik der Gülleverschlauchung eine neuartige,<br />
schlagkräftige Ausbringtechnik. Es handelt sich um einen an den Schlepper angehängten<br />
fahrbaren Feldrandcontainer, der um eine Schlauchtrommel ergänzt worden ist.<br />
Von Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
Hubertus Kleuter vor<br />
seinem neu entwickelten<br />
Gülleverschlauchungs-Anhänger.<br />
Er<br />
hält eine Fernbedienung<br />
in den Händen,<br />
mit der sich die wichtigsten<br />
Funktionen der<br />
Pumpstation ansteuern<br />
lassen.<br />
Effizient und bodenschonend flüssigen Wirtschaftsdünger<br />
ausbringen: Das waren die<br />
Grundgedanken von Hubertus Kleuter, als<br />
er die Idee von einer neuen Gülleausbringtechnik<br />
entwickelte. Er kombinierte einfach<br />
vorhandene Bauteile miteinander beziehungsweise ließ<br />
sie teilweise neu konstruieren – so auch den Grundrahmen<br />
des Anhängers. Der wurde auf eine Tandemachse<br />
montiert. Die aufgebaute Schlauchtrommel stammt<br />
aus der Feldberegnung. Dann gesellte er einen geometrisch<br />
neu designten Container dazu und ergänzte die<br />
Hauptkomponenten um Pumpe, Kompressor, Hydraulik<br />
sowie jede Menge Meter Rohrleitungen.<br />
Genauer heißt das: Der gesamte Anhänger ist 11,5<br />
Meter lang, 2,95 Meter breit und 4 Meter hoch. Der<br />
Güllecontainer fängt etwa 2 Meter hinter der Deichselspitze<br />
an und reicht bis zur zweiten Achse des Tandemfahrwerks.<br />
Direkt dahinter aufgebaut befindet sich<br />
die Schlauchtrommel mit einem Durchmesser von 3<br />
Meter und einer Breite von 1,9 Meter. Vorne vor dem<br />
Container über der Deichsel befinden sich die Pumpe,<br />
der Kompressor, die Hydraulikverteilung, Rohrleitungen<br />
und eine Leiter, um in den oben offenen Container<br />
schauen zu können. Die gesamte Einheit wiegt 16,4<br />
Tonnen und hat ein zulässiges Gesamtgewicht von 22<br />
Tonnen.<br />
Verteilstation im Gründerstipendium<br />
realisiert<br />
Realisieren konnte der 28-Jährige seine Erfindung im<br />
Rahmen eines Gründerstipendiums, um das er sich<br />
beim Bundeswirtschaftsministerium beworben hatte.<br />
Es startete am 1. Januar 2020 und endete zum<br />
31.12.2020. Projektträger war das Forschungszentrum<br />
Jülich. Kleuter ist die Landwirtschaft nicht fremd,<br />
kommt er doch von einem landwirtschaftlichen Betrieb<br />
im Münsterland, auf dem die Schweinemast und Bio-<br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS / TITEL<br />
Kompressor (rot) mit Ölkühler. Der Kompressor ist<br />
ein Schraubenverdichter mit einer Luftleistung von<br />
8.000 Litern pro Minute. Mit ihm lässt sich Luft<br />
nach erledigter Arbeit durch die Gülleleitung sowie<br />
den kompletten Schlauch drücken. Auf diese Weise<br />
werden Leitung und Schlauch gereinigt. In einem<br />
kleinen zylinderförmigen Tank über dem Verdichter<br />
werden Luft und Öl voneinander getrennt.<br />
Die Doda-Güllepumpe wird per Zapfwelle angetrieben.<br />
Darüber befindet sich in der Rohrleitung ein<br />
Rückschlagventil (blau), das beim Entleeren der<br />
Leitung den Güllerückfluss in die Pumpe verhindert.<br />
Stirnseite des<br />
„Schlauchtainers“:<br />
Füllstandsanzeige oben<br />
rechts hinter der Leiter.<br />
FOTOS: MARTIN BENSMANN<br />
gaserzeugung die Hauptbetriebszweige sind. Er hat<br />
Landwirt gelernt und in Osnabrück an der Hochschule<br />
Wirtschaftsingenieurwesen im Agribusiness studiert.<br />
„Meine Bachelorarbeit habe ich bei der Firma Kotte im<br />
niedersächsischen Rieste zum Thema „Nutzenanalyse<br />
des NIR-Sensors für den Einsatz im Bereich flüssiger<br />
Wirtschaftsdünger“ geschrieben. Nach erfolgreichem<br />
Abschluss bin ich zur Uni Hohenheim ins Masterstudium<br />
gewechselt. In meiner Masterarbeit habe ich die<br />
Behandlung von Gülle mit Zusatzstoffen thematisiert“,<br />
erklärt Kleuter seinen Werdegang. Nach dem Studium<br />
begann er im Frühjahr 2018 bei der Landtechnikfirma<br />
Grimme im Bereich Vertrieb Export für Kartoffel- und<br />
Rübentechnik. Dabei hatte er Länder wie Rumänien,<br />
Italien, Marokko und Algerien zu betreuen. Ende 2019<br />
kündigte er, um mit Jahresbeginn 2020 das Gründerstipendium<br />
anzutreten.<br />
Nach der Zeit bei dem Unternehmen Kotte und im weiteren<br />
Verlauf des Studiums reifte bei Hubertus Kleuter<br />
immer mehr die Vorstellung, ein eigenes System<br />
innerhalb der Güllelogistik zu entwickeln. Die Idee<br />
war dann auch die Basis für die Bewerbung um das<br />
Gründerstipendium, von dessen Existenz er im Rahmen<br />
einer Infoveranstaltung für Gründer an der Hochschule<br />
Osnabrück erfuhr.<br />
In Bernd Milte, Geschäftsführer des landwirtschaftlichen<br />
Lohnunternehmens Milte GmbH & Co.KG in Drensteinfurt,<br />
fand Kleuter einen interessierten Mitstreiter.<br />
Beide kannten sich schon, da Milte auf dem elterlichen<br />
Betrieb von Kleuter Lohnarbeiten ausführt. Milte wiederum<br />
hat eine Kooperation mit dem Lohnunternehmer<br />
Karl-Heinz Suttrup in Münster. Der hat schon seit über<br />
25 Jahren Erfahrung mit der Gülleverschlauchung. So<br />
wurde die erste Maschine in Suttrups Werkstatt gebaut.<br />
Nur sieben Monate für Planung<br />
und Montage<br />
„Im Februar 2020 haben wir angefangen, die ersten<br />
Zeichnungen zu machen. Bereits nach vier Wochen haben<br />
wir die ersten Stahlteile, die gelasert werden mussten,<br />
bestellt. Nach nur sieben Monaten Konstruktion<br />
und Montage haben wir Anfang September letzten Jahres<br />
sehr erfolgreich den ersten Feldeinsatz gefahren.<br />
Ende Juni habe ich dann die KleuTec GmbH gegründet,<br />
über die künftig die Verschlauchungsstation verkauft<br />
wird“, erläutert Kleuter weiter.<br />
Doch zurück zu den Details und der Funktionsweise:<br />
Der selbstentwickelte Container wird genauso wie ein<br />
Feldrandcontainer von Zubringerfahrzeugen befüllt.<br />
Er fasst 40 Kubikmeter. Der Containerboden ist von<br />
hinten nach vorne schräg geneigt, sodass der Inhalt<br />
komplett entleert und auch mehr Volumen genutzt werden<br />
kann. Die Innenwände sind mit einem speziellen<br />
Zwei-Komponentenkleber beschichtet, der Korrosion<br />
verhindern soll. Bevor der Container am Feldrand befüllt<br />
werden kann, müssen zwei Stützen vorne – je eine<br />
links und rechts am Anhänger – ausgefahren werden.<br />
Außerdem befindet sich am Heck der Verschlauchungsstation<br />
eine Stütze über die gesamte Fahrzeugbreite,<br />
die abgesenkt werden muss.<br />
Der Inhalt wird mit einer Kreiselpumpe vom italienischen<br />
Hersteller Doda in den Schlauch, der sich auf<br />
der Trommel befindet und abgerollt wird, gepumpt.<br />
Die Pumpe befindet sich vorne über der Deichsel. Sie<br />
wird von der Schlepperzapfwelle mit etwa 1.000 Umdrehungen<br />
pro Minute angetrieben und fördert bis zu<br />
300 Kubikmeter pro Stunde. „Die Stundenleistung<br />
ist aber auch abhängig von der Transportentfernung,<br />
von der Anzahl der Zubringerfahrzeuge und<br />
77
PRAXIS / TITEL<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
vom Trockensubstanzgehalt der Gülle. Bei<br />
der Ausbringung von Rindergülle aus der<br />
Milchviehhaltung konnten wir 180 Kubikmeter<br />
pro Stunde ausbringen“, führt Kleuter<br />
weiter aus.<br />
Mit Luft Schlauch spülen<br />
Angehängt wird die Station in die K80-<br />
Kugelkopfkupplung des Schleppers.<br />
Die Deichsel ist schwingungsgedämpft.<br />
Schlepper ab 150 PS können vor der Maschine<br />
zum Einsatz kommen. Vorne vor der<br />
Stirnwand des Containers befindet sich<br />
auch ein Kompressor mit Ölkühler. Der<br />
Kompressor ist ein Schraubenverdichter<br />
mit einer Luftleistung von 8.000 Litern<br />
pro Minute. Mit ihm lässt sich Luft nach<br />
erledigter Arbeit durch die Gülleleitung sowie<br />
den kompletten Schlauch drücken. Auf<br />
diese Weise werden Leitung und Schlauch<br />
gereinigt. In einem kleinen zylinderförmigen<br />
Tank über dem Verdichter werden Luft<br />
und Öl voneinander getrennt. Das Öl hat<br />
lediglich die Aufgabe, den Kompressor zu<br />
schmieren. Auch der Container kann mit<br />
Gülle gespült werden. Dazu muss an der<br />
Rückwand des Behälters nur ein Absperrhahn<br />
verdreht werden.<br />
Den Kompressor selbst treibt ein Ölmotor<br />
an, der wiederum an die Loadsensing-Hydraulikanlage<br />
des Schleppers angeschlossen<br />
ist. Befüllt werden kann der Container<br />
vorne beidseitig über Rohrstutzen, an die<br />
Schläuche angeschlossen werden können.<br />
Bei der nächsten Maschine ist vorgesehen,<br />
einen Sauganschluss anzubauen, damit<br />
man flüssigen Wirtschaftsdünger aus Lagerbehältern<br />
ansaugen kann. Auf der Stirnseite<br />
befinden sich außerdem eine Zeigerfüllstandsanzeige<br />
sowie ein transparentes<br />
Rohr – letzteres ist oben hinter der Aluleiter<br />
montiert. Mit beiden lässt sich ablesen, wie<br />
viel Gülle im Behälter vorhanden ist. In einem<br />
Rohrstück über der Pumpe haben die<br />
Entwickler ein Rückschlagventil eingebaut.<br />
Das soll beim Entleeren der Leitung den<br />
Güllerückfluss in die Pumpe verhindern.<br />
Mächtig Eindruck macht auch das Fahrwerk.<br />
Die beiden starren Tandemachsen<br />
bekommen Kontakt zum Boden über Reifen<br />
der Größe 650/55 R26.5. Die Achsen<br />
sind luftgefedert. Die Luftbälge gleichen<br />
sich untereinander aus. Die Druckluftbremsanlage<br />
sorgt für eine sichere Verzögerung.<br />
Nochmal ein Wort zur Heckstütze:<br />
Die besteht aus einem soliden<br />
Vierkantstahlrohrrahmen und hat neben<br />
dem Abstützen auch die Aufgabe, Zugkräfte<br />
aufzunehmen, die beim Aufrollen<br />
des Schlauches auf den Anhänger wirken.<br />
So wird verhindert, dass der Anhänger auf<br />
das Feld gezogen wird. An den Schlauch<br />
lassen sich problemlos Schleppschlauchgestänge,<br />
Schlitzsysteme, Gleitschuhverteiler<br />
oder Güllegrubber ankoppeln. Der<br />
Schlauch ziehende Schlepper sollte mindestens<br />
200 bis 250 PS haben.<br />
500 Meter Schlauch auf der<br />
Trommel<br />
Die Schlauchtrommel ist auf einem Baggerdrehkranz<br />
montiert. Der kann aufgrund<br />
seiner Ausführung ebenfalls hohe Zugkräfte<br />
aufnehmen. Die Trommel bekommt<br />
somit eine hohe Stabilität. Die Schlauchtrommel<br />
ist laut Kleuter auf dem Drehkranz<br />
um gut 200 Grad drehbar. Dieser große<br />
Schwenkbereich bietet den Vorteil, dass die<br />
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78
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS / TITEL<br />
Station unter bestimmten Feldeinsätzen<br />
nicht so schnell umgesetzt werden muss.<br />
Der 500 Meter lange Schlauch selbst hat<br />
einen Außendurchmesser von 125 Millimeter<br />
und einen Innendurchmesser von 100<br />
Millimeter.<br />
„Ein kleinerer Durchmesser macht keinen<br />
Sinn, weil es sonst Probleme beim Ausbringen<br />
von dickflüssiger Gülle gibt. Der<br />
PE-Schlauch ist starr und nicht faltbar. Ein<br />
Vorteil ist, dass dadurch die Feldrüstzeiten<br />
kürzer ausfallen. Es kann schon Gülle<br />
in den Schlauch gepumpt werden, wenn<br />
der noch aufgewickelt ist. An den starren<br />
Schlauch lassen sich – falls nötig – noch<br />
mindestens 300 Meter Faltschlauch anschließen.<br />
Allein in den starren Schlauch<br />
passen 4 Kubikmeter Gülle“, hebt Hubertus<br />
Kleuter hervor.<br />
Beim Aufwickeln des Schlauches kommt<br />
ein Ölmotor zum Einsatz, der auf der rechten<br />
Seite der Trommel montiert ist. Dabei<br />
greift ein Zahnrad in eine rund gebogene<br />
Zahnstange. So wird die mechanische<br />
Kraft für den Aufrollvorgang übertragen.<br />
Auf der linken Seite der Trommel treibt ein<br />
Kettenantrieb die Aufspuleinrichtung des<br />
Schlauchs an. Hinten unter der Trommel<br />
wurde ein Stahlkorb verbaut, der für die Ablage<br />
von Kupplungs- oder Adapterstücken<br />
gedacht ist.<br />
Ein angehängtes Arbeitsgerät<br />
Kleuter sagt, dass sich der Schlauch auf<br />
bewachsenen Flächen wie Grünland oder<br />
Getreide leichter ziehen lässt als auf unbewachsenem<br />
Boden. Darüber hinaus weist<br />
er darauf hin, dass die Gülleverteilstation<br />
als angehängtes Arbeitsgerät zugelassen<br />
ist und keiner wiederkehrenden TÜV-Prüfung<br />
bedarf. An den Schlauchanfang will<br />
der junge Entwickler künftig einen Kugelhahn<br />
montieren. So kann beim Umsetzen<br />
der Station von Feld zu Feld die Gülle im<br />
Schlauch verbleiben. Eine wichtige Detailverbesserung.<br />
Ein echtes Highlight der Neuentwicklung<br />
ist auch die mobile Fernbedienung. Die<br />
Empfangseinheit ist an der linken Seite unter<br />
dem Container befestigt. „Wir können<br />
mit der Fernsteuerung den Kompressor<br />
ein- und ausschalten, die Stützen absenken<br />
und anheben sowie die Trommel drehen<br />
und aufwickeln“, freut sich Kleuter.<br />
Ein weiterer Clou ist, dass sich das Fahrwerk<br />
manuell anheben und senken lässt.<br />
Dazu muss nur ein Hebel auf der linken<br />
Seite hinten unten am Container betätigt<br />
werden. „Das verschafft uns bei schwierigen<br />
Geländeverhältnissen Spielraum beim<br />
Rangieren“, macht Kleuter aufmerksam.<br />
Schon im November letzten Jahres liefen<br />
die Planungen für den Bau des nächsten<br />
„Schlauchtainers“ auf Hochtouren. Nach<br />
dem Ende der Ausbringsperrfrist in <strong>2021</strong><br />
wird die Arbeitsmaschine wieder im Praxiseinsatz<br />
zu sehen sein.<br />
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79
PRAXIS<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Abb. 1: Vielfalt für die<br />
Felder: Futtererbsen<br />
(Pisum sativum),<br />
Pannonische Wicken<br />
(Vicia pannonica) und<br />
Zottelwicken (Vicia<br />
villosa) im Gemenge<br />
sind eine Bereicherung<br />
für landwirtschaftlich<br />
genutzte Flächen (von<br />
links nach rechts).<br />
Leguminosen-Getreide-Gemenge –<br />
Vielfalt für die Biogasanlage<br />
Der Gemenge- beziehungsweise Mischfruchtanbau ist eine interessante Alternative im<br />
Energiepflanzenanbau. Bei der Sortenwahl sollte bevorzugt auf wüchsige Genotypen mit<br />
einem ausgeprägten Trockenmasse-Ertragspotenzial gesetzt werden. Außerdem bieten<br />
Gemenge hinsichtlich Biodiversitätsaspekten Vorteile.<br />
Von Gawan Heintze und Michael Grieb<br />
Tab. 1: Mögliche Kombinationen von Wintergetreide mit frosttoleranten<br />
Leguminosen für den Anbau als Winterung<br />
Erbse Zottelwicke Pannonische Wicke<br />
Winterroggen ü ü<br />
Wintertriticale ü ü ü<br />
Wintergerste<br />
ü<br />
Mischfruchtanbau von Getreide und Leguminosen<br />
in der Landwirtschaft besitzt<br />
vor allem im ökologischen Landbau<br />
eine lange Tradition. Vornehmlich<br />
die Ganzpflanze wird als proteinreiches<br />
Futtermittel verwendet. Durch den kombinierten Anbau<br />
lassen sich die Ertragssicherheit als auch die<br />
Wirtschaftlichkeit der einheimischen Eiweißproduktion<br />
optimieren – somit können sie eine Alternative zu<br />
Sojaimporten aus dem Ausland darstellen.<br />
Die Gemengepartner, im Vergleich zur Reinsaat, beeinflussen<br />
sich gegenseitig und es kommt zu einer Interaktion.<br />
Diese kann sich sowohl positiv, beispielsweise<br />
durch gegenseitigen Nährstoffaustausch, oder auch<br />
negativ, durch gegenseitige Konkurrenz, ausdrücken.<br />
Werden jedoch die vorhandenen Wachstumsfaktoren<br />
wie Nährstoffe, Wasser oder Licht durch die Gemengepartner<br />
unterschiedlich genutzt, führt dies zu einer<br />
erfolgreichen Etablierung.<br />
Gemeinsam mit dem Getreide findet die Aussaat der<br />
Leguminosen im Herbst statt. Bekannt ist vor allem der<br />
Wickroggen als eine Variante, ein Gemenge bestehend<br />
aus Winterroggen (Secale cereale) und Zottelwicke (Vicia<br />
villosa). Die Bestände sind dabei meist bodenbedeckend<br />
und mindern das Risiko von Erosion und Nährstoffauswaschungen<br />
über den Winter effizient. Hierbei<br />
erweist sich der etablierte Getreidemischungspartner<br />
als Basis für eine stabile Ertragsleistung und profitiert<br />
im Gegenzug von der guten Unkrautunterdrückung der<br />
Wicke. Gleichzeitig kann der Gemengepartner aus der<br />
Familie der Hülsenfrüchtler, auch Leguminosen genannt,<br />
einen Teil des benötigten Stickstoffs ins System<br />
bringen und die Bodenfruchtbarkeit verbessern, während<br />
er vom Roggen als Stützfrucht profitiert.<br />
Maisbetonte Fruchtfolgen auflockern<br />
Leguminosen-Getreide-Gemenge sind für Betriebe mit<br />
unterschiedlichen Produktionsschwerpunkten geeignet.<br />
Sie zeigen sich als interessant für den Energiepflanzenanbau,<br />
bietet sich doch hierbei für einige Biogasbetriebe<br />
die Möglichkeit, ihre maisbetonten Fruchtfolgen aufzulockern<br />
und weiteren Zielen gerecht zu werden:<br />
ffBeitrag zu einer höheren Biodiversität<br />
und Landschaftsqualität,<br />
ffreichhaltiges Angebot von Nektar und<br />
Pollen für Insekten,<br />
ffhohe Ertragsstabilität durch Getreide als<br />
ertragsbildende Komponente,<br />
ffFlexibilisierung des Erntezeitfensters,<br />
FOTO: © TFZ<br />
80
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
ffbessere Unkrautunterdrückung,<br />
ffeffiziente Nutzung von Nährstoffen,<br />
Wasser und Licht,<br />
ffErhaltung der Bodenfruchtbarkeit<br />
durch gute Humuswirkung der<br />
Leguminosen und<br />
ffOptimierung der Klimabilanz<br />
durch Einsparung von mineralischem<br />
N-Dünger.<br />
Roggen und Triticale ertragreicher<br />
als Gerste<br />
Die Auswahl des geeigneten Leguminosen-<br />
Getreide-Gemenges erfolgt primär über<br />
die Wahl der Getreideart und sekundär<br />
über die dazu passende Sortenwahl der<br />
Leguminose. Welche Getreideart und Sorte<br />
dabei angebaut wird, entscheidet sich<br />
sowohl über die vorhandenen Boden- und<br />
Witterungsverhältnisse des Standortes<br />
als auch die Gestaltung der Fruchtfolge<br />
beziehungsweise Stellung innerhalb der<br />
Fruchtfolge. Getreidearten wie Roggen und<br />
Triticale mit einer längeren Standzeit sind<br />
ertragreicher als beispielsweise die frühräumende<br />
Gerste.<br />
Entscheidend sind jedoch der Saat- und<br />
Erntezeitpunkt der Gemengepartner. Bei<br />
der zu kombinierenden Hülsenfrucht sollten<br />
bevorzugt wüchsige Genotypen mit<br />
einem ausgeprägten Trockenmasse-Ertragspotenzial<br />
eingesetzt werden. Zugleich<br />
muss auf eine hohe Standfestigkeit geachtet<br />
werden, um einer Lagerbildung in den<br />
Beständen vorzubeugen. Abbildung 1 und<br />
die Tabelle zeigen drei im Versuch durch<br />
das Technologie- und Förderzentrum (TFZ)<br />
getestete Gemenge und die bestmöglichen<br />
Kombinationen.<br />
Dabei wurden Futtererbsen (Pisum sativum),<br />
Pannonische Wicken (Vicia pannonica)<br />
und Zottelwicken (Vicia villosa) als<br />
Gemengepartner untersucht. Es zeigte<br />
sich im Versuch, dass sich sowohl Erbsen<br />
und Wicken durch ihre Anspruchslosigkeit<br />
als gut geeignete Leguminosen-Arten für<br />
den Mischanbau eignen und auch unter<br />
schlechteren Standort- und Niederschlagsverhältnissen<br />
gut wachsen. Das Auswinterungsrisiko<br />
kann als gering eingestuft<br />
werden.<br />
Allgemeine Anbauhinweise<br />
Die Aussaat von Leguminosen-Getreide-<br />
Gemengen als Winterung sollte bis Ende<br />
September erfolgen. Hinsichtlich des<br />
Saatverfahrens werden alle Komponenten<br />
gleichzeitig mit Getreideabstand von 12,5<br />
bis 15 Zentimeter gedrillt. Dies kann sich<br />
positiv auf die Kosten- und Zeitersparnis<br />
auswirken. Für Getreidearten mit durchschnittlicher<br />
Wüchsigkeit kann eine Saatstärke<br />
deckungsgleich zur Reinsaat festgesetzt<br />
werden.<br />
Beim Roggen ist aufgrund seiner höheren<br />
Wüchsigkeit ein Abschlag in Höhe von etwa<br />
10 Prozent anzusetzen, um eine ausgewogene<br />
Bestandsbildung in Kombination mit<br />
der jeweiligen Leguminose erzielen zu können.<br />
Für den Anteil der Leguminosen im<br />
Gesamtgemenge sollte der vornehmliche<br />
Blühaspekt als Beitrag zu einer höheren<br />
Biodiversität und Landschaftsqualität im<br />
Fokus stehen.<br />
Grundsätzlich zeigte sich im Versuch für<br />
den Praxisanbau von Leguminosen-Getreide-Gemengen,<br />
dass exemplarisch für den<br />
Wickroggen bereits ein sehr geringer Anteil<br />
der Zottelwicke am Gesamtgemenge mit 3<br />
Kilogramm pro Hektar (kg/ha) ausreichend<br />
ist. Bei der weniger wüchsigen Pannonischen<br />
Wicke oder der Erbse als Gemengepartner<br />
werden Anteile von 6 kg/ha beziehungsweise<br />
8 kg/ha für ein ausgewogenes<br />
Bestandsbild empfohlen. Diese sollten<br />
auch im Hinblick einer erhöhten Lageranfälligkeit,<br />
um damit einhergehend einer<br />
erschwerten Beerntbarkeit der Bestände<br />
vorzubeugen, nicht überschritten werden.<br />
Chemischer Pflanzenschutz<br />
nicht möglich<br />
Aufgrund ihrer guten Unkrautunterdrückung<br />
ist eine Unkrautkontrolle innerhalb<br />
von Leguminosen-Getreide-Beständen<br />
meist nicht erforderlich. Sollte es zu Problemen<br />
aufgrund eines erhöhten Unkrautdrucks<br />
kommen, muss der Anbau von<br />
Gemengen an diesem Standort überdacht<br />
werden. Herbizidanwendungen oder andere<br />
chemischen Pflanzenschutzmittel sind<br />
für den Gemengeanbau nicht zulässig.<br />
Ebenso dürfen Wachstumsregler nicht eingesetzt<br />
werden.<br />
Entscheidend ist die Wahl von standfesten<br />
und gesunden Getreidesorten. Die Düngung<br />
erfolgt nach der Bedarfsermittlung wie zu<br />
Ganzpflanzengetreide. Diese ist in Abhängigkeit<br />
des Leguminosen-Anteils anzupassen.<br />
Hierbei gilt es, eine ausreichende<br />
Stickstoffversorgung des Getreides zu gewährleisten,<br />
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PRAXIS<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Abb. 2: Mittlere Trockenmasseerträge (TM-Ertrag) der Leguminosen-Getreide-Gemenge<br />
am Standort Straubing, Erntejahre 2014, 2015 und 2016; Darstellung getrennt nach<br />
Getreidemischungspartner<br />
Trockenmasseertrag<br />
200<br />
dt/ha<br />
160<br />
140<br />
120<br />
100<br />
80<br />
60<br />
40<br />
20<br />
0<br />
Leguminosen-Getreide-Gemenge<br />
Getreide-Reinsaaten<br />
Roggen<br />
Triticale<br />
Gerste<br />
Roggen<br />
Triticale<br />
Gerste<br />
Roggen<br />
Triticale<br />
Gerste<br />
2013/2014 2014/2015<br />
2015/2016<br />
Variantengruppe<br />
rungsleistung der Leguminosen übermäßig zu hemmen.<br />
Die Flexibilität hinsichtlich des Erntezeitpunkts zeichnet<br />
die untersuchten Leguminosen-Getreide-Gemenge<br />
im Vergleich zum Ganzpflanzengetreide in Reinsaat aus.<br />
Zwar orientiert sich der Erntezeitpunkt an der Abreife<br />
des Getreidemischungspartners zwischen später Milchund<br />
früher Teigreife, das optimale Zeitfenster wird jedoch<br />
durch den mäßigenden Einfluss der jeweiligen<br />
Leguminose auf den Trockensubstanzgehalt vergrößert.<br />
Kulturspezifische Methanertragspotenziale<br />
beachten<br />
Der dabei anzustrebende Trockensubstanzgehalt des<br />
Erntesubstrats liegt bei 28 bis 35 Prozent Trockenmasse-<br />
und Methanertragspotenzial der Leguminosen-<br />
Getreide-Gemenge. Wichtig für die Beurteilung, wie<br />
Straubig<br />
GRAFIK: © TFZ<br />
gut eine Energiepflanze für die Biogasproduktion<br />
geeignet ist, sind ihre kulturartspezifischen<br />
Trockenmasse- und<br />
Methanertragspotenziale. So sind die<br />
realisierten Trockenmasseerträge des<br />
jeweiligen Leguminosen-Getreide-Gemenges<br />
im Vergleich zur Reinsaat über<br />
die drei untersuchten Versuchsjahre als<br />
positiv zu bewerten.<br />
Diese lagen im ersten Versuchsjahr auf<br />
dem Niveau der Reinsaat oder leicht darüber<br />
und auch 2015 und 2016 waren<br />
die Mindererträge nicht höher als 10<br />
Prozent im Vergleich zu den Getreide-<br />
Reinsaaten. Erwartungsgemäß lagen<br />
die Gersten-Leguminosen-Gemenge am<br />
Standort Straubing über alle drei Versuchsjahre<br />
mit einer durchschnittlichen<br />
Ertragsleistung von 116 ± 8 Dezitonnen<br />
(dt) Trockenmasse pro Hektar (TM/ha)<br />
hinter den Roggen-Leguminosen-Gemengen mit 129 ±<br />
8 dt TM/ha und den Triticale-Leguminosen-Gemengen<br />
mit 146 ± 16 dt TM/ha (siehe Abbildung 2).<br />
Das zunehmende Ertragspotenzial in der Reihenfolge<br />
Wintergerste, Winterroggen, Wintertriticale folgte damit<br />
dem allgemein zu erwartenden Ertragsverlauf bei einer<br />
Ganzpflanzennutzung der jeweiligen Reingetreidebestände.<br />
Die mittels Hohenheimer Biogasertragstest<br />
durch Vergärung der Ganzpflanzensilage im Fermenter<br />
ermittelten Methanausbeuten fielen mit maximal<br />
320 Liter (l) Methan (CH 4<br />
) pro Kilogramm organische<br />
Trockensubstanz (kg oTS) etwas geringer als für entsprechende<br />
Reingetreidevarianten aus. So reichte die<br />
Mehrheit der Varianten nicht an das durchschnittliche,<br />
für Wintergetreide-GPS ausgewiesene Ertragsniveau in<br />
Höhe von 330 l CH 4<br />
/kg oTS heran (KTBL, 2015).<br />
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BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS<br />
Bei den ermittelten Methanausbeuten in<br />
Abhängigkeit des Getreidemischungspartners<br />
lagen die Durchschnittswerte<br />
auf ähnlichem Niveau und waren mit<br />
Abweichungen von 10 Normlitern (Nl)<br />
CH 4<br />
/kg oTS über alle Versuchsjahre<br />
gering (siehe Abbildung 3). Für die<br />
erzielten Methanerträge können die<br />
Abweichungen, angegeben in Normkubikmeter<br />
Methan je Hektar Anbaufläche<br />
(Nm³ CH 4<br />
/ha), somit vor allem auf die<br />
unterschiedlich hohen Trockenmasseerträge<br />
bezogen werden, da diese als<br />
Berechnungsgrundlage dienen.<br />
Sie entsprachen im Versuchsjahr 2014<br />
mit etwa 4.000 Normkubikmetern<br />
(Nm³) CH 4<br />
/ha für Roggen und bis zu<br />
5.000 Nm³ CH 4<br />
/ha für Triticale den für<br />
Getreideganzpflanzensilage ausgewiesenen<br />
Orientierungswerten. Bedingt<br />
Methanertrag<br />
6.000<br />
Nm 3 CH 4<br />
/ha<br />
4.000<br />
3.000<br />
2.000<br />
1.000<br />
Abb. 3: Mittlere Methanausbeuten und Methanerträge der Leguminosen-Getreide-Gemenge<br />
in Abhängigkeit des Getreidemischungspartners am Standort Straubing, Erntejahre 2014,<br />
2015 und 2016<br />
0<br />
GRAFIK: © TFZ<br />
Methanertrag<br />
Roggen<br />
Triticale<br />
Gerste<br />
Methanausbeute<br />
Roggen<br />
Triticale<br />
Gerste<br />
Variantengruppe<br />
Roggen<br />
Triticale<br />
Gerste<br />
2014 2015<br />
2016<br />
durch niedrigere Trockenmasseerträge lagen mit etwa<br />
3.000 Nm³ CH 4<br />
/ha die Methanerträge für alle Leguminosen-Getreide-Gemenge<br />
2015 und 2016 durchweg<br />
auf einem ähnlichen Niveau unter den erreichten Werten<br />
des Vorjahrs (siehe Abbildung 3).<br />
Fazit: Wie die Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt<br />
„Bioenergieträger mit Blühaspekt: Leguminosen-<br />
Getreide-Gemenge“ am Technologie- und Förderzentrum<br />
(TFZ) zeigen, sind im Vergleich zum Anbau von<br />
Reingetreidebeständen nur geringe Ertragseinbußen<br />
zu erwarten. Auch die erzielten Methanerträge zeigen,<br />
dass unter guten Bedingungen Gemenge mit Roggen<br />
und Triticale auf einem ähnlichen Niveau wie Getreideganzpflanzensilage<br />
liegen. Damit sollte der ökologische<br />
Zusatznutzen des Gemengeanbaus auch in Hinblick<br />
auf aktuelle Debatten zum Thema des Erhalts der Biodiversität<br />
in der Kulturlandschaft und der Einsparung<br />
von Pflanzenschutzmitteln positiv gewertet werden und<br />
zum Anbau der Leguminosen-Getreide-Gemenge motivieren.<br />
Autoren<br />
Gawan Heintze und<br />
Michael Grieb<br />
Technologie- und Förderzentrum<br />
im Kompetenzzentrum für<br />
Nachwachsende Rohstoffe (TFZ)<br />
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PRAXIS<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Schluss. Ich hör auf!<br />
Für viele Biogas-Pioniere ist das Ende der EEG-Förderung eine Zäsur, denn es stellt sich<br />
die Frage: Weitermachen oder aufhören? Vier von ihnen kommen zu Wort: Der eine hat<br />
„vorzeitig die Reißleine gezogen“, einer beklagt das Herzblut, auch wenn seine Gesundheit<br />
angeschlagen ist, ein weiterer verabschiedet sich – emotional – frühzeitig und einer legt die<br />
Anlage vorerst still, sucht aber noch nach Möglichkeiten eines Weiterbetriebs.<br />
Von Christian Dany<br />
Ralf Engel hat bislang<br />
wegen des zu geringen<br />
Höchstwertes von zuletzt<br />
16,4 Cent (ct) pro<br />
Kilowattstunde (kWh)<br />
an keiner Ausschreibung<br />
teilgenommen.<br />
2020 war ein denkwürdiges Jahr: Etwas Unsichtbares<br />
stürzte die ganze Welt in eine<br />
Krise und die Biogasbranche in Deutschland<br />
befand sich auf dem Rückzug: Erstmals<br />
wurden weniger Anlagen neu gebaut<br />
als stillgelegt. Der Fachverband Biogas schätzte im<br />
Frühherbst, dass 2020 zwischen 200 und 250 Betreiber<br />
ihre Biogasanlagen außer Betrieb nehmen. Ende<br />
letzten Jahres lief erstmals die 20-jährige EEG-Vergütung<br />
ab – und das für eine große Zahl von Anlagen.<br />
Mit Einführung des EEG<br />
im Jahr 2000 erhielten all<br />
die Pionieranlagen aus den<br />
Neunzigerjahren eine „fiktive<br />
Inbetriebnahme“ zugesprochen.<br />
Das bedeutet,<br />
dass die 1.050 Biogasanlagen,<br />
die zur Jahrhundertwende<br />
in Betrieb waren,<br />
Ende 2020 das Ende der<br />
EEG-Förderung erreicht<br />
haben. Freilich ist ein beträchtlicher<br />
Teil dieser Anlagen<br />
in der Zwischenzeit<br />
umfangreich erweitert und<br />
neu in Betrieb genommen<br />
worden. Dennoch dürften<br />
es einige hundert Anlagen sein, die Ende letzten Jahres<br />
aus der EEG-Förderung fielen.<br />
Wir haben uns bei vier Anlagenbetreibern umgehört,<br />
die angesichts des EEG-Endes vor einer ungewissen<br />
Zukunft standen. Zwei davon ließen erkennen, dass<br />
sie „die Schnauze voll haben“, wozu vielfältige Gründe<br />
beitragen, und den Betrieb einstellen wollen: Während<br />
einer das bereits vollzogen hat, bleiben dem anderen<br />
noch zwei Jahre EEG-Laufzeit, nach denen er aber sicher<br />
aufhören will. Die weiteren zwei Betreiber hofften<br />
Ende November noch auf eine für sie annehmbare<br />
Nachfolgeregelung.<br />
Anlage wurde schon abgebaut<br />
„Unsere Anlage war eine, wie sie eigentlich alle haben<br />
wollen. Aber im Endeffekt hatten wir keine Chance“,<br />
sagt ein Milchviehhalter aus einer Grünlandregion in<br />
Oberbayern, der nicht namentlich genannt werden will.<br />
Die Biogasanlage verwertete die Gülle und Grassilage.<br />
Um das Blockheizkraftwerk (BHKW) mit zirka 100 Kilowatt<br />
elektrischer Leistung (kW el<br />
) auszulasten, kaufte<br />
er noch Körnermais zu. Als das Landratsamt 2019<br />
eine Behälterprüfung anordnete, habe er vorzeitig „die<br />
Reißleine gezogen“. Die Anlage wurde stillgelegt und<br />
mittlerweile bereits abgebaut. Für einen Weiterbetrieb<br />
hätte der Landwirt geschätzte 100.000 Euro an Ersatzund<br />
Ertüchtigungsinvestitionen aufbringen müssen.<br />
Die Biogasanlage ist im Jahr 2001 noch vom Vater des<br />
Milchbauern gebaut worden. Der Technikpionier setzte<br />
neben der Gülle auch Prozesswasser eines Industriebetriebs<br />
ein. Als dieser Betrieb selbst eine Biogasanlage<br />
baute, stellten die Landwirte auf nachwachsende Rohstoffe<br />
um. Der Zukauf von Körnermais habe dann schon<br />
erheblich an der Wirtschaftlichkeit gezehrt.<br />
Die Probleme verschärften sich mit der Düngeverordnung<br />
2017: Nachdem die verstärkte Anrechnung des<br />
Gärrestes zu Stickstoffüberschüssen führte, begann der<br />
Anlagenbetreiber, den Gärdünger zu separieren. „Die<br />
abgepresste Festphase musste ich abgeben, um unter<br />
die Grenze von 170 Kilogramm Stickstoff pro Hektar zu<br />
kommen“, erläutert er. Der frühere Energiewirt legt den<br />
Schwerpunkt seines Betriebs jetzt auf Direktvermarktung<br />
im Hofladen und verschiedene Dienstleistungen.<br />
Er glaubt, dass die Düngeverordnung in Intensivregionen<br />
noch viele Biogas-Landwirte dermaßen bedrängen<br />
wird, dass weitere Anlagenstilllegungen folgen werden.<br />
Düngeverordnung: Wirtschaftlichkeit<br />
vieler Biogasanlagen gefährdet<br />
Ähnlich sieht das Ralf Engel aus Deiningen im Kreis<br />
Donau-Ries: „Die Düngeverordnung wird zu steigenden<br />
Pachtpreisen führen und somit die Wirtschaftlichkeit<br />
vieler Biogasanlagen gefährden“, befürchtet er. Die<br />
150-kW el<br />
-Anlage seines Betriebes für 1.000 Mastschweine<br />
ist eine von über 90 Biogasanlagen im Ries.<br />
Engel meint, dass die enorm hohe „Biogasdichte“ hier<br />
die Behörden veranlasse, besonders streng zu sein.<br />
Der heute 48-Jährige hatte die Anlage 2001 mit geringerer<br />
Leistung gebaut. Nachdem er „viel Pionierund<br />
Entwicklungsarbeit“ geleistet hatte, folgten 2008<br />
die Vergrößerung und der Einsatz nachwachsender<br />
FOTOS: PRIVAT<br />
84
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS<br />
Arma Bio - Mix Flüssigfütterung<br />
Philipp Hofacker<br />
hat mit steigenden<br />
Auflagen zu kämpfen,<br />
die die Rentabilität<br />
einer Kleinanlage<br />
zunichtemachen.<br />
Rohstoffe. Das Inbetriebnahmedatum<br />
blieb dennoch<br />
bei 2001, sodass<br />
die Anlage Ende <strong>2021</strong><br />
aus der EEG-Förderung<br />
fällt. Engel hat zwar ausreichend<br />
Lagerraum, um<br />
der AwSV zu entsprechen.<br />
Sein Gärdüngerlager ist<br />
aber offen: Um auf 150<br />
Tage gasdichte Verweilzeit zu kommen,<br />
muss es entsprechend abgedeckt werden.<br />
Gasspeicher und ein neues Aggregat<br />
für den Flexbetrieb, neue Rührwerke und<br />
Pumptechnik, zählt der bayerische Schwabe<br />
auf. Zur Disposition stünden zudem<br />
AwSV-Maßnahmen wie Leckageerkennung<br />
und Umwallung. Zusammen genommen<br />
könnte sich die nötige Investition auf über<br />
400.000 Euro summieren.<br />
„Bis Ende 2022<br />
läuft die Anlage<br />
noch, dann ist<br />
Schluss“<br />
18,4 Cent reichen nicht aus<br />
Engel hat bislang wegen des zu geringen<br />
Höchstwertes von zuletzt 16,4 Cent (ct)<br />
pro Kilowattstunde (kWh) an keiner Ausschreibung<br />
teilgenommen. „Auch 18,4 ct/<br />
kWh sind für die hohe Investition bei zehn<br />
Jahren Laufzeit nicht ausreichend“, sagt<br />
der Biogas-Landwirt, der auch Geschäftsführer<br />
einer Gemeinschafts-Biogasanlage<br />
mit 900 kW el<br />
ist. Großanlagen könnten<br />
damit auskommen, meint er. Für Gülleanlagen<br />
unter 150 kW fordert er jedoch eine<br />
Festvergütung von mindestens 20 ct/kWh.<br />
Er begründet dies auch mit dem ökologisch<br />
sinnvollen Gesamtkonzept dieser Anlagen<br />
durch kurze Wege für Futter und Gärdünger<br />
und die Integration in betriebliche Abläufe<br />
(Wärmenutzung, Gülleverbesserung, positive<br />
CO 2<br />
-Bilanz).<br />
Sein Anliegen hat Engel schon vielfach<br />
vorgetragen: Letzten September gab er ein<br />
Radiointerview im Bayerischen Rundfunk.<br />
An mehrere Politiker hat er sich direkt gewandt.<br />
„Bewirkt hab ich<br />
nichts. Stattdessen hat<br />
sich die Situation auf<br />
meine Gesundheit niedergeschlagen“,<br />
schildert<br />
er. Engel macht zurzeit<br />
eine Therapie wegen<br />
einer Depression. Auch<br />
wenn in der Biogasanlage<br />
sein Herzblut stecke: „Zu<br />
90 % höre ich auf“, sagt er.<br />
Hannes Geitner betreut am Landwirtschaftsamt<br />
Nördlingen die Biogasanlagen<br />
im Ries. Bisher hielten sich bei ihm die<br />
Nachrichten über Betreiber, die aufhören<br />
wollen, in Grenzen. Geitner kennt jedoch<br />
einen ähnlichen Fall: Ein Landwirt mit einer<br />
45-kW-Kleinanlage, die schon 1999 in<br />
Betrieb ging, will nur weitermachen, wenn<br />
das EEG <strong>2021</strong> so gestaltet werde, dass<br />
sich der Betrieb nur mit Gülle und Mist<br />
ohne große Investitionen lohnt.<br />
Während Engel noch ein Fünkchen Hoffnung<br />
hat, hat Philipp Hofacker schon beschlossen,<br />
den Betrieb einzustellen: „Bis<br />
Ende 2022 läuft die Anlage noch, dann ist<br />
Schluss.“ Hofacker hat einen Ökobetrieb<br />
mit 90 Milchkühen in Bräunlingen am<br />
Rand des Südschwarzwaldes. Seine Biogasanlage<br />
ging 2002 mit 45 kW el<br />
in Betrieb.<br />
2005, als der Begriff „Flexibilisierung<br />
des Anlagenbetriebs“ noch gar nicht<br />
erfunden war, kauften sein Vater und er<br />
ein zweites 45er-BHKW dazu: „Eins läuft<br />
durchgehend, das andere bei Wärmebedarf“,<br />
erläutert er. Mit der Biogaswärme<br />
versorgt der Bräunlinger Stadtgemeinderat<br />
sein Anwesen und eine benachbarte Metzgerei<br />
sowie eine Gaststätte.<br />
„Ich hatte zehn gute Jahre“, sagt Hofacker,<br />
„dann wurde es immer schwieriger.“<br />
Er habe mit steigenden Auflagen zu kämpfen,<br />
die die Rentabilität einer Kleinanlage<br />
zunichtemachen würden: „Eine<br />
Philipp Hofacker<br />
85<br />
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PRAXIS<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Stefan Werthmann<br />
(links) und Udo<br />
Baumeister. Weil letztes<br />
Jahr die wiederkehrende<br />
Betriebssicherheitsprüfung<br />
fällig gewesen<br />
wäre, hat Baumeister<br />
sich entschlossen, zum<br />
Ende des Jahres 2020<br />
die Anlage stillzulegen.<br />
Gasfackel oder eine Betriebssicherheitsprüfung kosten<br />
praktisch dasselbe wie für eine 500-kW-Anlage“, gibt<br />
er zu denken. Besonders hart traf ihn, dass ein großer<br />
Teil seiner Betriebsfläche 2010 in eine Wasserschutzgebiets-Zone<br />
II kam.<br />
Daraufhin war er auf Zukauf von konventionellem Substrat<br />
angewiesen – was im Ökolandbau nicht so gern<br />
gesehen wird. Vor allem der Demeter-Verband, dem<br />
der 35-Jährige seit einigen Jahren angehört, legt Wert<br />
auf den betrieblichen Nährstoffkreislauf und möchte<br />
konventionelles Futter von außen am liebsten ganz unterbinden.<br />
„Ich arbeite im Ein-Mannbetrieb. Da hab ich keine<br />
Lust mehr auf die 24-Stunden-Bereitschaft“, nennt<br />
Hofacker einen weiteren Grund. Sein Entschluss, aufzuhören,<br />
stehe fest; auch wenn er einräumt, dass ohne<br />
Biogasanlage neue Herausforderungen kommen werden:<br />
Er möchte die bestehende Wärmeversorgung aufrechterhalten.<br />
„Zumindest übergangsweise<br />
soll das mit einer Hackschnitzelheizung<br />
funktionieren“, sagt er. Langfristig denke<br />
er darüber nach, Strom aus seinen Photovoltaikanlagen<br />
– Hofacker hat insgesamt<br />
280 kW installiert – in Wärme umzuwandeln.<br />
Außerdem erkundige er sich schon<br />
nach dem Anbau von Kulturen mit weniger<br />
Stickstoffbedarf.<br />
Hoher Investitionsbedarf für<br />
komplexe Anlage<br />
Das nahende EEG-Förderende betrifft<br />
zwar zunächst hauptsächlich Betreiber<br />
von Kleinanlagen – aber nicht nur: Udo<br />
Baumeister betreibt in Breckerfeld im<br />
Sauerland eine Biogasanlage mit 500 kW el<br />
auf seinem Eiererzeugungs-Betrieb. Mit<br />
120.000 Legehennen, aufgeteilt in drei Ställen mit Boden-,<br />
Freiland- und Kleingruppenhaltung, gehört Baumeister<br />
zu den größten Eierproduzenten Nordrhein-<br />
Westfalens. Die Baumeister Frischei GmbH & Co. KG<br />
beschäftigt 85 Mitarbeiter. Sie erzeugt die Eier nicht<br />
nur, sondern verarbeitet sie mit Kochen, Schälen oder<br />
Färben auf Wunsch auch weiter. „Wir liefern gekochte<br />
und geschälte Eier in Salzlake-Eimern an Gastroversorger<br />
und Salathersteller“, erläutert Baumeister einen<br />
wichtigen Betriebszweig.<br />
Die Biogasanlage verwertet die anfallenden 7 Tonnen<br />
Hühnertrockenkot pro Tag, die rund 35 Prozent der<br />
Einsatzstoffe ausmachen. Der Rest kommt von Energiepflanzen<br />
auf Baumeisters 200 Hektar großem Landwirtschaftsbetrieb.<br />
Die Anlage ist sehr komplex: Den<br />
zwei Rundfermentern sind jeweils kleinere, rechteckige<br />
Pfropfenstromfermenter vorgeschaltet. Wie Baumeister<br />
schildert, sei die Anlage im Jahr 2001 gebaut und<br />
86
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS<br />
„Wir hören ein Jahr früher<br />
auf und warten, ob sich eine<br />
Lösung bietet“<br />
Udo Baumeister<br />
dann quasi im Praxisbetrieb weiterentwickelt worden:<br />
„Wir haben fast zehn Jahre dran rumgewerkelt, bis sie<br />
endlich zuverlässig lief.“ So weiß der Westfale von einigen,<br />
zum Teil kuriosen Anekdoten zu erzählen, wie<br />
einer geplatzten Dachfolie. Auch der BHKW-Betrieb<br />
habe immer wieder Probleme bereitet. Besserung sei<br />
erst eingetreten, als die Sauerländer auf ein Aggregat<br />
eines Herstellers aus Österreich wechselten. Dieses<br />
habe aber mittlerweile über 100.000 Betriebsstunden<br />
auf dem Buckel. Eigentlich würde die Anschaffung eines<br />
neuen BHKW anstehen, doch Baumeister ist sich<br />
unsicher.<br />
Denn will er langfristig weiter Biogas erzeugen, braucht<br />
es weitere Investitionen: Rührwerke, die einschaligen<br />
Gashauben und auch die Rohrleitungen aus Kunststoff<br />
müssten ersetzt werden. „Bei dem hohen Investitionsbedarf<br />
kommen wir mit 18,4 ct/kWh nicht hin“, sagt<br />
der Firmenchef. Weil letztes Jahr außerdem die wiederkehrende<br />
Betriebssicherheitsprüfung fällig gewesen<br />
wäre, habe er sich entschlossen, zum Ende des<br />
Jahres 2020 die Anlage stillzulegen: „Wir hören ein<br />
Jahr früher auf und warten, ob sich eine Lösung bietet.“<br />
Baumeister hat bereits eine übergangsmäßige Vereinbarung<br />
mit einem Abnehmer des Hühnertrockenkots<br />
getroffen.<br />
Zusammen mit Geschäftsführer-Kollege Stephan<br />
Werthmann steht er in Kontakt mit einem Biogasberater,<br />
mit dem schon einige Lösungsmöglichkeiten durchgerechnet<br />
wurden. Eine davon ist der Wechsel von der<br />
EEG-Stromeinspeisung in die Eigenversorgung. Doch<br />
auch hier sei die Rentabilität für den Investitionsbedarf<br />
der für diesen Zweck relativ großen Anlage nicht sicher.<br />
Attraktiver wäre das, wenn das Biogas auch als Kraftstoff<br />
genutzt werden könnte. „Wir haben sechs Lkw, die<br />
täglich bis zu 400 Kilometer in der Region unterwegs<br />
sind“, erläutert Werthmann. Doch für die Investition<br />
in die Aufbereitung des Gases zu Biomethan sei die<br />
Anlage wiederum zu klein.<br />
Auch mit dem Ersatz von Mais durch weitere Reststoffe<br />
beschäftigen sich die Eiererzeuger. „Bei den meisten<br />
Abfällen ist die Energiedichte zu gering“, gibt Baumeister<br />
zu bedenken. Überlegenswert sei jedoch Pferdemist,<br />
was aber eine aufwendige Logistik und eine<br />
teure Anlage zur Aufbereitung des Mistes erfordere.<br />
„Bei kleinen und mittelgroßen Biogasanlagen gibt es<br />
nur für die Gülleanlagen unter 75 kW eine auskömmliche<br />
Vergütung. In diese Klasse können wir aber nicht<br />
wechseln: Zum einen sind wir dafür zu groß, zum andern<br />
dürfen dann nur noch bis zu 20 Prozent Hühnertrockenkot<br />
eingesetzt werden. Für das Segment zwischen<br />
75 kW und 500 kW wird zu wenig getan“, lautet<br />
die Meinung des Firmenchefs, „in vier bis fünf Jahren<br />
werden sehr viele dieser Anlagen vom EEG-Ende betroffen<br />
sein. Wenn es dann eine Lösung geben wird, haben<br />
wir nichts mehr davon.“<br />
So ist vor allem nun die Politik gefordert, Rahmenbedingungen<br />
zu schaffen, um das Biogasanlagen-Sterben<br />
aufzuhalten und auch Ralf Engel und Udo Baumeister<br />
eine Perspektive für den Weiterbetrieb zu ermöglichen.<br />
Autor<br />
Christian Dany<br />
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87
PRAXIS<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Hauke Koll reinigt die<br />
Käseformen, in denen<br />
der Käsebruch gepresst<br />
und gewendet und<br />
dann nach einigen<br />
Stunden entnommen<br />
wird.<br />
Funktionsweise der<br />
Biogasproduktion<br />
Die Molkevergärungsanlage ist so konzipiert, dass sie aus der<br />
Molke während einer Verweilzeit von etwa 30 Tagen alle vergärbaren<br />
Bestandteile entzieht und in Biogas umwandelt. Dieser<br />
Prozess, der bei 25 bis 37 Grad Celsius stattfindet, ist mit dem<br />
Vergärprozess in konventionellen Biogasanlagen vergleichbar.<br />
Um die völlig feststofffreie Molke zu vergären, benötigt es jedoch<br />
besondere Starterkulturen in Form von anaeroben Pellets, die aus<br />
dem Sektor der Kartoffel- oder Papierindustrie bezogen werden<br />
können. Nur mithilfe dieser Startbiomasse kann der Gärprozess<br />
der Molke in Gang kommen. Auch nach der Vergärung im Biogasfermenter<br />
hat die Molke noch eine organische Restbelastung<br />
(CSB), sodass sie nicht ohne weitere Behandlung in die öffentliche<br />
Kanalisation abgeleitet werden kann.<br />
Dazu kommen die Belastungen bei Ammoniumstickstoff und<br />
Phosphat, die über den Grenzwerten der deutschen Abwasserverordnungen<br />
liegen. Deshalb wird in der zweiten Behandlungsstufe<br />
eine biologische Abwasserbehandlung mit einer Nitrifikation/Denitrifikation<br />
zum Ammoniumabbau, eine Phosphatfällstufe und eine<br />
sogenannte Belebungsstufe eingesetzt – vergleichbar mit Klärstufen<br />
wie sie in großen, kommunalen Klärwerken im Einsatz sind.<br />
Der anaerobe Gärprozess ist in der Lage, rund 95 Prozent der<br />
organischen Kohlenstofffracht umzuwandeln. Die Belastungen<br />
mit Ammoniumstickstoff und Phosphat werden in der zweiten<br />
Behandlungsstufe vorbehandelt. Die Wasserqualität am Ablauf<br />
der Gesamtanlage unterschreitet dann die Grenzwerte der kommunalen<br />
Satzung.<br />
Pellwormer<br />
Käse – fast<br />
klimaneutral<br />
Auf der Nordseeinsel Pellworm hat eine Käserei<br />
aus einem Problemstoff einen Nutzstoff<br />
gemacht. Die anfallende Molke wird<br />
nun zur Energieerzeugung verwendet. Das<br />
macht die Käserei hinsichtlich des Wärmebedarfs<br />
fast autark.<br />
Von Dierk Jensen<br />
Er ist ein Mann der Ausdauer. Nach einem<br />
langen Arbeitstag in seiner Pellwormer Käserei<br />
läuft er schon mal locker eine Strecke<br />
in der Länge eines halben Marathons. Kein<br />
Zweifel, Hauke Koll ist mit seinen 55 Jahren<br />
fit wie ein neuer Turnschuh. Das muss er letztlich auch<br />
sein, um sein großes Arbeitspensum in der Insel-Käserei<br />
Pellworm, die er mit seiner Frau Maike und den drei<br />
erwachsenen Kindern Leve, Ove und Christine neben<br />
der Betriebsstätte in Ostenfeld als Familienbetrieb seit<br />
2016 betreibt, auch bewältigen zu können.<br />
So stellen er und sein kleines Team ein handwerklich<br />
geprägtes Schnittkäsesortiment her, das durch verschiedene<br />
Geschmacks- und Reifegrade überzeugt.<br />
Unter Produktnamen wie „Deichgraf“ und „Rungholt“<br />
erfreuen sich seine Käseprodukte großer Beliebtheit<br />
bei Insulanern wie bei den Touristen, die mehrmals<br />
in der Woche vor dem Verkaufsstand in der Käserei<br />
Schlange stehen. Darüber hinaus wird der Pellwormer<br />
Käse auch auf dem Festland vermarktet.<br />
„Rund 100 Tonnen Käse stellen wir hier jährlich her“,<br />
erzählt Koll beim Arbeitsfrühstück in seinem Pellwormer<br />
Büro. Mehrere selbstproduzierte Schnittkäse offeriert<br />
er – darunter auch eine Sorte mit Bockshornklee.<br />
Für seine Inselproduktion benötigte Koll bisher jährlich<br />
rund 900.000 Liter Kuhmilch, die er von zwei Biobetrieben<br />
auf Pellworm bezieht; zusätzlich verarbeitet er<br />
in einem Jahr rund 100.000 Liter Ziegenmilch vom<br />
Festland. Zum Vergleich: Die etwas mehr als ein Dutzend<br />
übrigen Milchviehhalter auf der Insel erzeugen<br />
gegenwärtig rund 9 Millionen Liter Milch, die in der<br />
Meierei in Witzwort aufbereitet wird.<br />
FOTOS: DIERK JENSEN<br />
88
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS<br />
Molke musste früher teuer zum Festland<br />
gebracht werden<br />
Derzeit ist die Nachfrage etwas schwächer als sonst,<br />
„auch uns hat Corona nicht ganz verschont“, so Koll.<br />
Aber unabhängig von den temporären Auswirkungen<br />
der Pandemie fallen bei der Inselkäserei normalerweise<br />
bei 1 Million Liter zu Käse verarbeiteter Milch rund<br />
900.000 Liter Molke an. Wohin aber mit dem anfallenden<br />
Nebenprodukt? „Die Landwirte auf der Insel haben<br />
dafür keine Verwendung, sodass ich die Molke bisher<br />
mit großem logistischen Aufwand aufs Festland bringen<br />
musste“, seufzt Koll, „die Entsorgung der Molke<br />
hat uns daher in der Vergangenheit viel Geld gekostet.“<br />
Damit soll nun aber bald Schluss sein. Mit einer Molkevergärungsanlage<br />
der Firma Almawatech GmbH aus<br />
dem südhessischen Babenhausen will Käsehandwerker<br />
Koll dem Problem nun auf die Pelle rücken. Vor drei<br />
Jahren hat er sich die erste dieser Art in Deutschland im<br />
Allgäu bei einem Kollegen angeschaut. „Das hat mich<br />
überzeugt“, bekräftigt Koll, kann er doch mit der Vergärungsanlage<br />
zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.<br />
Zum einen ermöglicht die Vergärung mit nachgelagerter<br />
Abwasseraufbereitung eine problemlose Einleitung<br />
in die öffentliche Kanalisation des Abwassers bei einem<br />
Chemischen Sauerstoffbedarf (CSB)-Wert von<br />
800 Milligramm pro Liter (mg/l). Zum anderen gibt<br />
es den durchaus positiven Nebeneffekt, dass bei der<br />
anaeroben Vergärung Biogas anfällt, das er über einen<br />
Brennkessel energetisch im Betrieb nutzen kann. „Aus<br />
einem Liter Molke mit einer durchschnittlichen CSB-<br />
Konzentration von 70.000 mg/l entsteht eine Gasmenge<br />
von 40 Liter, davon 50 bis 60 Prozent Methan, das<br />
entspricht rund 20 bis 24 Liter Methan“, rechnet Johanna<br />
Hüther, Mitglied der Geschäftsführung der mittelständischen<br />
Almawatech GmbH vor.<br />
Käselager der<br />
Inselkäserei von<br />
Hauke Koll.<br />
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89
PRAXIS<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Das Milchsammelfahrzeug der Käserei und hinten links sind<br />
die Behälter der Molkevergärungsanlage zu sehen.<br />
Maike Koll unterstützt ihren Mann im<br />
Verkaufsladen der Käserei.<br />
18.000 Liter Heizöl ersetzt<br />
Im Fall der Pellwormer Käserei wäre das am Ende umgerechnet<br />
eine Methanmenge, die ungefähr die gleiche<br />
Energie wie 18.000 Liter Heizöl aufweist. Das ist ungefähr<br />
die Heizölmenge, die Koll bisher für das Pasteurisieren<br />
der Milch, der Warmwasseraufbereitung als auch<br />
fürs Heizen der Büroräume verbraucht hat. „Wir können<br />
in Zukunft also mit der Vergärung der Molke unseren<br />
Wärmebedarf fast komplett abdecken“, kalkuliert<br />
Koll, „damit haben wir dann eine mehr oder weniger<br />
klimaneutrale Produktion.“ Das klingt in Zeiten einer<br />
zwar von der Politik immer wieder beschworenen, aber<br />
an vielen Stellen doch ins Stocken geratenen Energiewende<br />
ziemlich überzeugend.<br />
Für das Pioniervorhaben auf der Nordseeinsel – es ist<br />
die erste von Almawatech – sind direkt am Käsereigebäude<br />
vier Behälter mithilfe lokaler Firmen errichtet<br />
worden: Molketank, Fermenter, Nachgärer und<br />
Schlammbehälter, in dem bei einer Molkemenge von<br />
zirka 1 Million Liter jährlich 30.000 bis 50.000 Liter<br />
Klärschlamm anfallen, der problemlos auf die Felder<br />
gebracht werden kann. Das erzeugte Gas wird schließlich<br />
über eine Leitung zur benachbarten Gastherme<br />
transportiert. Auch die Beschickung eines kleinen<br />
Blockheizkraftwerkes war in den Planungen erörtert<br />
worden, aber im Fall von Pellworm nicht zum Einsatz<br />
gekommen, weil die Gasmenge einfach zu gering sei.<br />
Sowohl die Inselgemeinde, die Aktivregion Uthlande,<br />
das Land Schleswig-Holstein und die EU leisten finanzielle<br />
Unterstützung. Rund 30 Prozent der Investition<br />
wird von der öffentlichen Hand gefördert. Dennoch<br />
ist das Vorhaben kein Pappenstiel. „Eine Anlage bestehend<br />
aus der Biogasstufe und der nachfolgenden<br />
Abwasserbehandlung für etwa 5.000 Liter Molke pro<br />
Tag ist je nach regionaler Situation mit 350.000 bis<br />
400.000 Euro zu kalkulieren. Dazu kommt noch der<br />
Umbau oder die Einrichtung einer Biogasheizanlage“,<br />
beziffert Johanna Hüther vom Hersteller den enormen<br />
finanziellen Aufwand.<br />
Molke wird immer weniger verfüttert<br />
Nichtsdestoweniger sieht die Babenhausener Spezialfirma<br />
für ihre Anlagentechnik einen Markt. Und zwar<br />
überall dort, wo für Molkereien eine direkte Molkeverwertung<br />
entweder im Lebensmittelbereich oder in der<br />
Tierfütterung nicht möglich beziehungsweise nicht<br />
wirtschaftlich ist. „Gerade durch den Rückgang bei der<br />
mittelgroßen Schweinemast als Abnehmer werden immer<br />
mehr Betriebe Schwierigkeiten beim Molkeabsatz<br />
haben“, meint Hüther und fügt gleich hinzu, „natürlich<br />
muss es auch eine sinnvolle Verwendung für das Methangas<br />
geben.“<br />
Dies ist auf Pellworm der Fall. Allerdings braucht das<br />
ganze Projekt eine lange Laufzeit, damit es sich am<br />
Ende über den Imagegewinn für die Käseprodukte hinaus<br />
tatsächlich trägt und rechnet. Dabei ist durchaus<br />
Luft nach oben. So kann die Anlage von ihrer Kapazität<br />
her bis zu 2 Millionen Liter Molke abwassergerecht<br />
verarbeiten und damit perspektivisch auch andere Gebäude<br />
in der unmittelbaren Nachbarschaft klimaneutral<br />
mit Bioenergie versorgen. An Perspektiven fehlt<br />
es wahrlich nicht, die begrenzenden Faktoren liegen<br />
woanders.<br />
Autor<br />
Dierk Jensen<br />
Freier Journalist<br />
Bundesstr. 76 · 20144 Hamburg<br />
040/40 18 68 89<br />
dierk.jensen@gmx.de<br />
www.dierkjensen.de<br />
90
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
PRAXIS<br />
Biogasanlage des Monats November:<br />
Hof Büdding<br />
In der Biogasanlage des Monats November werden ausschließlich<br />
Rindertretmist und Pferdemist sowie Güllefeststoffe und<br />
Futterreste, die zu 90 Prozent von Fremdbetrieben stammen,<br />
vergoren. Daraus erzeugt Jan Bernd Büdding in seiner Biogasanlage<br />
im münsterländischen Bocholt pro Jahr rund 643.000 Kilowattstunden<br />
klimafreundlichen Strom. Pro Jahr vermeidet er so<br />
über 900 Tonnen CO 2<br />
und neutralisiert damit den CO 2<br />
-Ausstoß<br />
von 77 Bundesbürgern.<br />
Biogasanlage des Monats Dezember:<br />
BGAS GmbH & Co. KG<br />
Mehr als 100 Haushalte versorgt Ulrich Bader aus dem oberbayerischen Buch<br />
am Erlbach mit klimafreundlicher Wärme aus seiner Biogasanlage. Dadurch<br />
werden pro Jahr mindestens 220.000 Liter Heizöl eingespart. Im Sommer<br />
wird die Wärme zur Trocknung von Getreide, Körnermais und Hackschnitzel<br />
eingesetzt. Darüber hinaus erzeugt seine 2006 errichtete NawaRo-Biogasanlage<br />
mit einer installierten elektrischen Leistung von 549 Kilowatt jährlich<br />
gut 4,5 Millionen Kilowattstunden (kWh). Insgesamt vermeidet die in den<br />
landwirtschaftlichen Betrieb integrierte Anlage, die mit Silomais, Roggen-<br />
GPS, Grassilage, Zuckerrüben, Mist und Gülle gefüttert wird, pro Jahr rund<br />
3.000 Tonnen CO 2<br />
.<br />
91
WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Humusersatz und Strohvergärung:<br />
Widerspruch oder Patentlösung?<br />
Der globale Bevölkerungszuwachs steigert auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln und<br />
Energie. Ein Teil dieser Energie wird derzeit aus landwirtschaftlicher Biomasse bereitgestellt.<br />
Mit dieser Entwicklung ergeben sich neue Herausforderungen für die Landwirtschaft und<br />
den Energiesektor aufgrund von Nutzungskonkurrenzen zwischen Nahrungsmittelproduktion<br />
und energetischer Biomassenutzung. Die energetische Nutzung von Ernteresten, wie<br />
zum Beispiel Stroh, könnte diese Konkurrenzsituation ein Stück weit entschärfen.<br />
Von Lucas Knebl 1) , Benjamin Blumenstein 2) , André Wufka 3) , Christopher Brock 1) ,<br />
Detlev Möller 2) und Andreas Gattinger 4)<br />
Stellt Stroh auf der einen Seite einen attraktiven<br />
Rohstoff für die energetische Nutzung<br />
dar, hat es auf der anderen Seite eine wichtige<br />
Rolle für den Humuserhalt landwirtschaftlicher<br />
Böden. Eine stoffliche oder<br />
Tabelle 1: Spezifische Biogas-/Methanerträge<br />
Einsatzstoffe Biogasertrag Methanertrag<br />
(NI/kg oTR)<br />
energetische Nutzung des Strohs muss daher mit Vorsicht<br />
bedacht werden, soll der Erhalt der Bodenfruchtbarkeit<br />
gewährleistet werden. In diesem Zusammenhang<br />
steht allerdings auch eine weitere entscheidende<br />
Frage im Vordergrund: Wie kann eine nachhaltige, die<br />
Bodenfruchtbarkeit erhaltende Bewirtschaftung<br />
der Böden gelingen, ohne<br />
betriebswirtschaftliche Ziele zu vernachlässigen?<br />
Lösungsansätze wurden<br />
im Projekt SOMenergy untersucht.<br />
Im Jahr 2011 bewerteten Weiser und<br />
andere das Potenzial der Strohproduktion<br />
in Deutschland für die energetische<br />
Nutzung eingehender. Fokus ihrer<br />
Untersuchung lag auf der potenziellen<br />
Strohmenge, die zur energetischen Nutzung<br />
verwendet werden könnte, ohne<br />
die Humusversorgung der Ackerflächen<br />
nachträglich zu beeinflussen. Grundlage<br />
ihrer Bewertung waren Ergebnisse<br />
aus der Humusbilanz. Die Autoren<br />
schlussfolgerten, dass unter diesen Vor-<br />
(NI CH 4<br />
/kg oTR)<br />
Hühnertrockenkot (ohne Stroh)* 500 325<br />
Weizenstroh kurz gehäckselt* 370 188<br />
Weizenstroh (zerkleinert und pelletiert)<br />
(94,3 % TR, 95 % oTR)**<br />
Bio-Hühnertrockenkot (extrudiert)<br />
(40 % TR, 55 % oTR)**<br />
Batch** 593 304<br />
Batch** 359 239<br />
Strohpellets + Hühnertrockenkot** SOMenergy Pilotierung 2017 bis 2018** 556 285 (51,3 Vol.% CH 4<br />
)<br />
*KTBL 2005 sowie Ergebnisse zu Gaserträgen aus Batchuntersuchungen und kontinuierlicher Versuchsdurchführung<br />
**IKTS 2016 bis 2018<br />
FOTO: ADOBE STOCK_ANDY ILMBERGER<br />
92
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
Tabelle 2: Herkunft, Aufbereitung und Eigenschaften der im Feldversuch verwendeten Dünger<br />
Düngersubstrat TS C N NH 4<br />
-N pH Herkunft/Spezifikation<br />
[%] [%] [%] [mg*100 g -1 ]<br />
Stroh 95 48,6 0,4 4,2 6,3<br />
Weizenstroh, gehäckselt (Feldversuch) bzw. pelletiert<br />
(Biogasanlage und Laborversuch)<br />
Hühnertrockenkot (HTK) 49 30,3 2,8 256,0 7,7 Biologische Hühnerhaltung (Freiland)<br />
Gärprodukt flüssig 21 42,4 2,05 64,5 8,5 Fraunhofer Institut, Vergärung von Strohpellets und HTK<br />
Gärprodukt fest 26 42,7 1,8 71,9 n.a.<br />
Fraunhofer Institut, Vergärung von Strohpellets und HTK,<br />
Gärprodukt mechanisch teilweise entwässert<br />
Rottemist 32 24,2 2,2 134,0 n.a. Versuchsbetrieb Gladbacherhof, aus Festmiststall (Rinder)<br />
n.a. = keine Angabe; Gärprodukt flüssig = komplettes verbleibendes Gärprodukt; Gärprodukt fest = komplettes Gärprodukt teilentwässert<br />
Tabelle 3: Kohlenstoffbilanz auf der Feldebene für die jeweiligen Düngervarianten im Mittel<br />
der Versuchsstandorte und -jahre<br />
C-Input auf Feld durch Düngervarianten<br />
[t C * ha -1 ]<br />
C-Mengen in CO 2<br />
und CH 4<br />
(über Winter)<br />
[t C * ha -1 ]<br />
C-Mengen durch CO 2<br />
- und CH 4<br />
-<br />
Produktion [t C * ha -1 ] (über gesamte<br />
Vegetationsperiode)<br />
Kontrolle Stroh Stroh+HTK GP_flüssig GP_fest Rottemist<br />
0 3,6 4,4 1,7 1,0 1,2<br />
1,1 1,3 1,3 1,1 1,1 1,1<br />
2,1 2,9 2,7 2,1 2,5 2,4<br />
Gesamt C-Bilanz [t C * ha -1 ] -2,1 0,8 1,7 -0,4 -1,4 -1,2<br />
Kontrolle = nicht gedüngte Kontrollparzelle; Stroh = Strohdüngung eingearbeitet; Stroh+HTK = Stroh eingearbeitet + Hühnertrockenkot oberflächlich<br />
ausgebracht; GP_flüssig = Gärprodukt flüssig oberflächlich ausgebracht; GP_fest = Gärprodukt fest oberflächlich ausgebracht<br />
aussetzungen in Deutschland jährlich eine Strohmenge<br />
von 7 bis 13 Millionen (Mio.) Tonnen für die energetische<br />
Nutzung zur Verfügung stünden.<br />
Dabei wurde deutlich, dass die ausgewiesene Menge<br />
stark methodenabhängig ist. Es muss angemerkt werden,<br />
dass bei der Untersuchung von Weiser von einer<br />
Entfernung des Strohs von der Ackerfläche ohne teilweise<br />
Rückführung ausgegangen wurde. Wird das Stroh<br />
auf der Ackerfläche belassen, so kann dies in einer fasst<br />
vollständigen Umsetzung und damit in dem Verlust des<br />
im Stroh enthaltenen Kohlenstoffs resultieren (Joschko<br />
u.a. 2011). In einer Studie von Nielsen et al. (2011)<br />
wird geschlussfolgert, dass die Rückführung von Gärprodukten<br />
unter Umständen eine positivere Wirkung auf<br />
den Humusaufbau gegenüber den Ausgangssubstraten<br />
haben könnte. Hierzu lagen bislang jedoch keine belastbaren<br />
Ergebnisse vor.<br />
Verbundprojekt SOMenergy<br />
Im Zeitraum 2016 bis 2019 förderte die Fachagentur<br />
Nachwachsende Rohstoffe e.V. das Projekt „Gewährleistung<br />
einer ausreichenden Humusreproduktion bei<br />
der Nutzung von Getreidestroh für die Biogasproduktion“<br />
(SOMenergy; FKZ 22408412/22402914).<br />
Die Professur für Ökologischen Landbau der Justus-<br />
Liebig-Universität Gießen und das Fachgebiet Betriebswirtschaft<br />
des Fachbereichs Ökologische Agrarwissenschaften<br />
der Universität Kassel stellten in dem Projekt<br />
die Frage, wie die Humusreproduktionsleistung von<br />
Gärprodukten aus der Strohvergärung zu bewerten ist<br />
und wie sich vor diesem Hintergrund Produktionssysteme<br />
mit energetischer Verwertung von Getreidestroh<br />
unter besonderer Berücksichtigung einer gesicherten<br />
Humusbilanz und der betriebswirtschaftlichen Effekte<br />
darstellen. Hierzu wurde ein Gärprodukt aus der Weizenstrohvergärung<br />
nach unterschiedlicher Aufbereitung<br />
in einem Feldversuch und einem Laborversuch bezüglich<br />
seiner Effekte auf die Humusreproduktion untersucht.<br />
Anschließend erfolgte auf der Grundlage dieser<br />
Untersuchungen eine Humusbilanzierung.<br />
Das Fraunhofer-Institut für keramische Technologien<br />
und Systeme in Dresden (IKTS) arbeitet seit Jahren<br />
an verfahrenstechnischen Entwicklungen zur energetischen<br />
Nutzung von Getreidestroh und stellte als<br />
Projektpartner die untersuchten Gärprodukte her. Es<br />
handelte sich dabei um Produkte einer anaeroben Vergärung<br />
von Weizenstrohpellets und Hühnertrockenkot<br />
(HTK) bei einem Mischungsverhältnis von 4,4:1.<br />
Das Gärprodukt wurde in der empirischen Untersuchung<br />
zum einen komplett verwendet (Gärprodukt<br />
flüssig) und zum anderen teilweise entwässert (Gärprodukt<br />
fest). Verglichen wurden die Effekte der Gärprodukte<br />
mit einer reinen Strohdüngung, einer Düngung<br />
von Stroh mit zusätzlicher HTK-Gabe und einer Rottemistdüngung.<br />
Letztere diente der vergleichenden Bewertung<br />
der Substrate vor dem Hintergrund der<br />
93
WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Tabelle 4: Humusbilanzen der in HU-MOD bewerteten Fruchtfolgen<br />
Ökologisch (ÖKO)<br />
Konventionell (KON)<br />
Fruchtfolgefeld<br />
Hauptfrucht<br />
Basisertrag<br />
[t FM*ha -1 ]<br />
Humusbilanz<br />
HUMOD<br />
[kg C*ha -1 *a -1 ]<br />
Fruchtfolgefeld<br />
Hauptfrucht<br />
Basisertrag<br />
[t FM*ha -1 ]<br />
Humusbilanz<br />
HUMOD<br />
[kg C*ha -1 *a -1 ]<br />
Sandböden/Nord-Ost<br />
Strohdüngung<br />
1 (GD) Luzernegras 25 236,0 GD Senf 7,5 359,1<br />
2 (GD) Luzernegras 25 1383,6 1 Kartoffeln 35<br />
3 Dinkel 2,2 1165,3 2 Winterroggen 3,9 195,2<br />
4 Hafer 2,7 -577,9 GD Senf 7,5<br />
5 Winterroggen 3,3 -531,4 3 Erbsen 3,1 -170,5<br />
6 Sommergerste 2,7 -490,6 4 Winterroggen 3,9 571,3<br />
Fruchtfolgebilanz 197 Fruchtfolgebilanz 239<br />
Düngung mit Gärprodukten<br />
1 (GD) Luzernegras 25 236,0 GD Senf 7,5 462,9<br />
2 (GD) Luzernegras 25 1383,6 1 Kartoffeln 35<br />
3 Dinkel 2,42 2116,8 2 Winterroggen 3,9 73,8<br />
4 Hafer 2,97 -728,0 GD Senf 7,5<br />
5 Winterroggen 3,63 -11,7 3 Erbsen 3,1 -170,5<br />
6 Sommergerste 2,97 -725,5 4 Winterroggen 3,9 571,3<br />
Fruchtfolgebilanz 379 Fruchtfolgebilanz 234<br />
Börde/NRW<br />
Strohdüngung<br />
1 (GD) Kleegras 62,5 590,0 GD Senf 17,5 -545,7<br />
2 Winterweizen 7,6 2200,4 1 Zuckerrüben 70<br />
3 Kartoffel 38,5 -1131,6 2 Winterweizen 9,9 652,5<br />
4 Ackerbohne 4,7 -827,5 GD Senf 17,5<br />
5 Hafer 4,9 -210,7 3 Wintergerste 7,9 484,0<br />
6 Winterroggen 5,9 -1012,1<br />
Fruchtfolgebilanz -65 Fruchtfolgebilanz 197<br />
Düngung mit Gärprodukten<br />
1 (GD) Kleegras 62,5 590,0 GD Senf 17,5 -184<br />
2 Winterweizen 8,36 3378,5 1 Zuckerrüben 70<br />
3 Kartoffel 42 -125,2 2 Winterweizen 9,9 635<br />
4 Ackerbohne 4,7 -827,5 GD Senf 17,5<br />
5 Hafer 5,39 -305,9 3 Wintergerste 7,9 484,0<br />
6 Winterroggen 6,49 -1381,2<br />
Fruchtfolgebilanz 221 Fruchtfolgebilanz 311<br />
94
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
Ökologisch (ÖKO)<br />
Konventionell (KON)<br />
Fruchtfolgefeld<br />
Hauptfrucht<br />
Basisertrag<br />
[t FM*ha -1 ]<br />
Humusbilanz<br />
HUMOD<br />
[kg C*ha -1 *a -1 ]<br />
Fruchtfolgefeld<br />
Hauptfrucht<br />
Basisertrag<br />
[t FM*ha -1 ]<br />
Humusbilanz<br />
HUMOD<br />
[kg C*ha -1 *a -1 ]<br />
Mittelgebirge/Süd-West<br />
Strohdüngung<br />
1 (GD) Kleegras 35 -544 1 Winterraps 3,3 -449,5<br />
2 (GD) Kleegras 35 1062 2 Winterweizen 7,9 310,2<br />
3 Dinkel 3,5 1516 GD Senf 12,5<br />
4 Kartoffel 30 -1012 3 Sommergerste 5,9 337,2<br />
5 Triticale 5 -923 GD Senf 12,5<br />
4 Triticale 5,9 390,7<br />
Fruchtfolgebilanz 20 Fruchtfolgebilanz 147<br />
Düngung mit Gärprodukten<br />
1 (GD) Kleegras 35 -544,3 1 Winterraps 3,3 -217,6<br />
2 (GD) Kleegras 35 1062,4 2 Winterweizen 7,9 226,2<br />
3 Dinkel 3,85 1447,5 GD Senf 12,5<br />
4 Kartoffel 33 -1,4 3 Sommergerste 5,9 361,2<br />
5 Triticale 5,5 -1023,7 GD Senf 12,5<br />
4 Triticale 5,9 390,7<br />
Fruchtfolgebilanz 188 Fruchtfolgebilanz 190<br />
Humusbilanzierung. Tabelle 1 auf Seite 92<br />
zeigt Biogas-/Methanerträge der vom IKTS<br />
getesteten Einsatzstoffe. Tabelle 2 können<br />
die Parameter der Düngereigenschaften<br />
entnommen werden.<br />
C-Bilanz auf der Feldebene<br />
An der Justus-Liebig-Universität Gießen<br />
wurde der Frage nachgegangen, wie sich<br />
die Gärprodukte gegenüber der reinen<br />
Strohdüngung sowie Rottemist auf den<br />
Humusgehalt von Ackerböden auswirken.<br />
Hierzu wurden zwei Feldversuche mit vergleichsweise<br />
schwereren und leichteren<br />
Böden angelegt (Parabraunerdestandort<br />
im Hintertaunus; Sandstandort in der hessisches<br />
Ried). Auswirkungen auf den Humushaushalt<br />
beziehungsweise (bzw.) die<br />
organische Bodensubstanz sind in kurzzeitigen<br />
Feldversuchen nur sehr schwer zu ermitteln.<br />
Dies liegt an der Tatsache, dass der<br />
Humus nur einen sehr geringen Anteil der<br />
Gesamtbodenmasse ausmacht und dessen<br />
jährliche Änderungen wiederum sehr gering<br />
sind. Aus diesem Grund wurde die CO 2<br />
- und<br />
CH 4<br />
-Produktion über den Jahresverlauf<br />
erfasst, die auf vegetationsfreien, ge-<br />
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WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
düngten Kleinparzellen zu beobachten war. Die CO 2<br />
-<br />
Mengen werden als Indikator für das Umsatzgeschehen<br />
im Boden herangezogen und zusammen mit der<br />
CH 4<br />
-Produktion für die Kohlenstoffbilanz der Düngervarianten<br />
verwendet. Die CO 2<br />
-Produktion auf den vegetationsfreien<br />
Parzellen wird als das Maximum an standortabhängigen<br />
CO 2<br />
-Mengen betrachtet. Die Ergebnisse<br />
dienten dem Vergleich der Düngervarianten und der<br />
Bewertung der Varianten in der Humusbilanz. Der<br />
zweijährige Feldversuch zeigte, dass kein signifikanter<br />
Effekt der Dünger auf die CO 2<br />
-Produktion der Ackerflächen<br />
gegenüber einer nicht gedüngten Kontrollflä-<br />
Humusbilanzen (kg C/ha -1 und a -1 ) und Direkt- und Arbeitserledigungskostenfreie Leistung (DAKL €/ha -1 und a -1 ) konventioneller Modell-<br />
Marktfruchtbetriebe (ohne Futter-Mist-Kooperation) mit Vergleich des Strohverbleibs und der Strohnutzung in der Biogasanlage<br />
350<br />
300<br />
Sandböden / Nord-Ost<br />
Börde<br />
Mittelgebirge / Süd-West<br />
Biogasnutzung<br />
250<br />
Strohverbleib<br />
Biogasnutzung<br />
C org<br />
-Bilanz [kg C ha -1 a -1 ]<br />
200<br />
150<br />
100<br />
Strohverbleib<br />
Biogasnutzung<br />
Strohverbleib<br />
50<br />
0<br />
0 100 200 300 400 500 600 700 800<br />
DAKL [€ ha -1 a -1 ]<br />
FOTO: ADOBE STOCK_MEGAKUNSTFOTO<br />
96
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
che besteht. Auch die unterschiedlichen<br />
Standorte zeigten keinen signifikanten<br />
Einfluss. Die Kohlenstoffbilanz wird demnach<br />
vornehmlich durch die Rückführung<br />
von Kohlenstoff auf die Ackerfläche durch<br />
die Düngevarianten bestimmt.<br />
Tabelle 3 auf Seite 93 veranschaulicht<br />
die beobachtete C-Bilanz auf Feldebene<br />
im Mittel der Versuchsjahre und Standorte.<br />
Bei der Strohdüngung wurde von einer<br />
anfallenden Strohmenge von 7,5 Tonnen<br />
Stroh pro Hektar (ha) ausgegangen. Das<br />
Stroh wurde in Form von Strohpellets in der<br />
Biogasanlage (BGA) zusammen mit Hühnertrockenkot<br />
(HTK) vergoren (Verhältnis<br />
Stroh zu HTK 4,4:1). Die Gärproduktmenge<br />
ergab sich aus dem produzierten Gärprodukt<br />
je Kilogramm (kg) fermentierten<br />
Strohs. Die Ausbringungshöhe des Gärproduktes<br />
wurde an die Strohmengen der Varianten<br />
Stroh und Stroh+HTK angepasst (1<br />
kg Stroh ergeben etwa 2,9 Liter Gärprodukt<br />
flüssig). Die HTK-Gabe entsprach in ihrer<br />
Höhe der dem Stroh zugeführten Menge<br />
bei der Vergärung in der Biogasanlage.<br />
Die Rottemist-Gabe war angelehnt an<br />
die N-Menge in der Variante Gärprodukt<br />
flüssig (GP_flüssig). Aus den Ergebnissen<br />
kann geschlossen werden, dass eine<br />
Strohdüngung insbesondere mit zusätzlicher<br />
Stickstoffgabe durch Hühnertrockenkot<br />
zu den besten C-Bilanzen auf der<br />
Feldebene führt und die Verwendung des<br />
gesamten Gärproduktes (hier GP_flüssig)<br />
eine positivere Wirkung als das teilentwässerte<br />
Gärprodukt (hier GP_fest) hat. Bei<br />
der Bewertung der Kohlenstoffbilanzen<br />
muss berücksichtigt werden, dass sich<br />
die Ergebnisse innerhalb eines Pflanzenbestandes<br />
aufgrund von Effekten auf die<br />
Ernte- und Wurzelrückstände sowie den<br />
C-Entzug durch die Erntemenge anders<br />
ausdifferenzieren können.<br />
Berechnung der Humusbilanz<br />
Die Ergebnisse der Feld- und Laborversuche<br />
wurden in der Humusbilanzierung<br />
aufgegriffen und das verwendete Humusbilanzmodell<br />
(HU-MOD) entsprechend<br />
parametrisiert. Um Unterschiede des<br />
Strohverbleibs oder der Strohnutzung in<br />
der Biogasanlage auf die Humusbilanzierung<br />
und die Ökonomik unter unterschiedlichen<br />
Standortbedingungen untersuchen<br />
zu können, wurden bei der Bewertung drei<br />
verschiedene Boden-Klima-Räume unterstellt:<br />
1. Nährstoffarme Sandböden, niedriges<br />
Ertragsniveau, vorherrschende<br />
Bodenart lehmiger Sand, vorkommend<br />
insbesondere im Nordosten Deutschlands<br />
(zum Beispiel Brandenburg).<br />
2. Fruchtbare, nährstoffreiche Börde-<br />
Böden, hohes Ertragsniveau, vorherrschende<br />
Bodenart Parabraunerde auf<br />
Löß (zum Beispiel Zülpicher Börde,<br />
NRW).<br />
3. Böden mit Klimabedingungen höherer<br />
Mittelgebirgslagen, mittleres Ertragsniveau,<br />
vorherrschende Bodenart<br />
Braunerde/Rendzina (zum Beispiel<br />
Schwäbische Alb).<br />
Um die Auswirkungen der Gärproduktnutzung<br />
von Stroh zu verdeutlichen, wurden<br />
viehlose Betriebstypen unterstellt (konventionell<br />
und ökologisch), die auch keinerlei<br />
Futter-Mist-Kooperation betreiben.<br />
Für die unterschiedlichen Boden-Klima-<br />
Räume wurden mit Experten abgestimmte<br />
regionaltypische Fruchtfolgen mit regional<br />
angepassten Ertragsniveaus für die Modellierung<br />
definiert. Die Produktionssysteme<br />
und deren modellierte Humusbilanzierung<br />
abhängig von der Düngevariante (Strohdüngung,<br />
Düngung mit Gärprodukten)<br />
können Tabelle 4 auf den Seiten 94 und<br />
95 entnommen werden.<br />
In der Humusbilanzierung mit dem Modell<br />
HU-MOD ergeben sich für alle Szenarien<br />
mit Ausnahme des Ökolandbau-Szenarios<br />
mit Strohverbleib in der Region Börde/<br />
NRW rechnerisch positive Humusbilanzen<br />
(siehe Tabelle 4). Die Abfuhr und energetische<br />
Verwertung des Getreidestrohs mit<br />
anschließender Rückführung der Gärprodukte<br />
wirkt sich dabei grundsätzlich positiv<br />
auf die Versorgung der Böden mit organischer<br />
Substanz aus. Der Vergleich der<br />
Szenarien mit ökologischer und konventioneller<br />
Bewirtschaftung zeigt bei Strohdüngung<br />
grundsätzlich höhere Humusbilanzsalden<br />
bei den konventionellen Varianten.<br />
Dies liegt in der Annahme begründet, dass<br />
Pflanzenbestände bei konventioneller Bewirtschaftung<br />
aufgrund der mineralischen<br />
Nährstoffdüngung weniger Nährstoffe aus<br />
der Mineralisierung organischer Substanz<br />
in Anspruch nehmen.<br />
Bei den konventionellen Szenarien wirkt<br />
sich die Strohvergärung deutlich weniger<br />
stark und positiv auf die Humusbilanzen<br />
aus als bei den ökologischen Szenarien.<br />
Der Grund hierfür ist, dass die zu-<br />
97<br />
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WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
sätzliche N-Zufuhr über den Hühnertrockenkot in den<br />
Biogas-Varianten einen deutlich geringeren Effekt auf<br />
die konventionellen Systeme hat, da Stickstoff auch<br />
bei den Strohvarianten mineralisch zugeführt werden<br />
kann. Aus Sicht der Humusbilanz muss die energetische<br />
Nutzung von Stroh in der Biogasanlage daher<br />
insbesondere bei ökologischer Bewirtschaftung als vorteilhafte<br />
Nutzungsoption bewertet werden. Bei konventioneller<br />
Bewirtschaftung kann durch die Nutzung der<br />
Gärprodukte zwar möglicherweise keine erhebliche Verbesserung<br />
der Humusbilanzen erwartet werden, aber<br />
die N-Zufuhr mit dem organischen Substrat reduziert<br />
den Bedarf an Mineraldünger-N in den Fruchtfolgen.<br />
Ökonomie der Strohlogistik, -aufbereitung<br />
und -vergärung<br />
Im SOMenergy-Projektverbund wurden Kostenvergleiche<br />
für interdisziplinär abgestimmte Szenarien<br />
der Strohvergärung durchgeführt. Untersucht wurden<br />
dabei Aspekte wie die Strohkompaktierung (Ballen vs.<br />
Pelletierung), Transportmechanisierung bei steigenden<br />
Entfernungen (Lkw vs. Schlepper), Gärprodukt-<br />
Behandlung (unsepariert vs. Separierung) sowie die<br />
Bewertung von Kosten und Leistungen aus der Strohvergärung<br />
selbst.<br />
Die im Vergleich zur Quaderballenbergung relativ hohen<br />
Kosten einer mobilen Stroh-Pelletierung werden<br />
nach den angestellten Berechnungen erst ab Transportentfernungen<br />
von mehr als 100 Kilometern ausgeglichen<br />
durch die deutlich höhere Transportwürdigkeit der<br />
Pellets. Allerdings dürfen die betriebswirtschaftlichen<br />
Vorteile im Hinblick auf die Vergärung nicht vernachlässigt<br />
werden, stellt die Pelletierung doch bereits eine<br />
Aufbereitung des Strohs dar, die im Folgenden zu Kosteneinsparungen<br />
an der Biogasanlage bzw. erhöhten<br />
Gaserträgen bei der Biogaserzeugung führen kann.<br />
Zusätzliche Aufbereitungskosten von in Ballen gepresstem<br />
Stroh müssen mit etwa 0,01 Euro pro Kilowattstunde<br />
(€/kWh el)<br />
veranschlagt werden. Darüber hinaus<br />
kann sich der Methanertrag aus Stroh durch eine Strohaufbereitung<br />
um bis zu etwa 100 Normliter pro Kilogramm<br />
organische Trockensubstanz erhöhen.<br />
Lkw-Transporte dem Schlepper vorziehen<br />
Basierend auf Standardwerten des Kuratoriums für<br />
Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft (KTBL<br />
e.V.) können sowohl Stroh- als auch Gärprodukttransport<br />
oft auch schon bei geringeren Transportentfernungen<br />
mit einer Lkw-Mechanisierung kostengünstiger<br />
als mit einer Schleppermechanisierung realisiert<br />
werden. Der Kostenvergleich ist selbstverständlich eng<br />
geknüpft an die jeweiligen Transportmengen und die<br />
Auslastung der Transportfahrzeuge.<br />
Die Separierung des Gärprodukts in eine Fest- und eine<br />
Flüssigphase ermöglicht die Reduzierung von Transportkosten<br />
bzw. einen verhältnismäßig weiteren Transport<br />
des Feststoffs aufgrund des verringerten Wassergehalts.<br />
Die Zusatzkosten der Entwässerung reichen von<br />
3 Euro pro Tonne (€/t) Gärprodukt bei der Separation<br />
über etwa 13 €/t für die Trocknung des Gärproduktes<br />
FOTO: ADOBE STOCK_ALEXEY MOROZOV<br />
98
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
bis hin zu rund 20 €/t bei der Ultrafiltration<br />
(Rolink 2013). Im Vergleich zum Transport<br />
des unseparierten Gärprodukts können die<br />
kostenrelevanten Vorzüge der Gärproduktaufbereitung<br />
trotz Zusatzkosten der Aufbereitung<br />
bereits ab Transportentfernungen<br />
zwischen 25 und 30 Kilometern zum Tragen<br />
kommen.<br />
Basierend auf den im SOMenergy-Projekt<br />
durchgeführten Gärversuchen (Stroh mit<br />
Hühnertrockenkot) und den erzielten<br />
Biogas- und Methanerträgen sind für unterschiedliche<br />
Varianten wie zum Beispiel<br />
ohne/mit Strohaufbereitung, unterschiedliche<br />
Anlagenkonstellationen mit niedrigen<br />
(0,1014 €/kWh el<br />
) oder hohen (0,1474 €/<br />
kWh el<br />
) Stromgestehungskosten sowie einer<br />
unterstellten durchschnittlichen Stromvergütung<br />
von 0,12 €/kWh el<br />
und einer<br />
Wärmevergütung von 0,03 €/kWh therm<br />
die<br />
Kosten und Leistungen der Strohvergärung<br />
kalkuliert worden. Bei ungünstigen Bedingungen<br />
(keine Strohaufbereitung, niedriger<br />
Biogasertrag, hohe Gestehungskosten)<br />
übersteigen die Kosten der Strohvergärung<br />
die Einnahmen geringfügig, unter günstigen<br />
Bedingungen (pelletiertes/aufbereitetes<br />
Stroh, hohe Biogaserträge, niedrige Gestehungskosten)<br />
kann ein positiver Saldo<br />
von mehr als 400 €/ha erzielt werden.<br />
Zusätzliche Leistungen aus der Strohvergärung<br />
dienen zum einen der Gewinnerzielung<br />
der Biogasanlage, können aber zum anderen<br />
auch dafür aufgewendet werden, das<br />
Stroh über weitere Transportentfernungen<br />
zur Biogasanlage zu transportieren. Werden<br />
lediglich die Kosten des Strohtransports berücksichtigt,<br />
kann eine zusätzliche Transportentfernung<br />
zwischen Feld und Biogasanlage<br />
abhängig von der Mechanisierung<br />
und dem Szenario (Nebenbedingungen)<br />
zwischen rund 25 und sogar bis zu 390 Kilometer<br />
(km) realisiert werden.<br />
Niedrige Stromgestehungskosten<br />
ermöglichen mehr<br />
Transportkilometer<br />
Werden sowohl die Kosten des Stroh- als<br />
auch des Gärprodukttransports den Einnahmen<br />
der Strohvergärung gegenübergestellt,<br />
sind zusätzliche Transportentfernungen<br />
zwischen 5 km (Schlepper; ungünstige<br />
Nebenbedingungen) und knapp 135 km<br />
(Lkw; günstige Nebenbedingungen) möglich,<br />
bis die Leistungen aufgebraucht sind.<br />
Je niedriger die Stromgestehungskosten<br />
einer jeweiligen Biogasanlage, desto höher<br />
auch der Spielraum für zusätzliche Transportkilometer.<br />
Biogasanlagenbetreiber würden zwar nicht<br />
alle Zusatzleistungen aus der Vergärung<br />
zur Beschaffung von Substraten mit hoher<br />
Transportentfernung nutzen, da die Biogasanlage<br />
ja auch Gewinn abwerfen muss.<br />
Dennoch verdeutlichen die Berechnungen<br />
die Spielräume für Transportentfernungen<br />
für Stroh bei einer gegebenen Anlagenkonstellation.<br />
Ökonomisch wurden Fruchtfolgesysteme<br />
und Düngungsvarianten mit der Kennzahl<br />
der Direkt- und Arbeitserledigungskostenfreien<br />
Leistung (DAKL, €/ha und Jahr;<br />
nach KTBL) bewertet. Neben den anfallenden<br />
Arbeitserledigungskosten des Marktfruchtbaus<br />
und der jeweiligen Düngungsvariante<br />
finden also auch die Leistungen<br />
der jeweiligen Marktfrüchte Berücksichtigung.<br />
Es wurden mittlere Feldentfernungen<br />
und Schlaggrößen von 5 km bzw. 5<br />
ha unterstellt. Bei der Düngungsvariante<br />
des Strohverbleibs ergeben sich lediglich<br />
Zusatzkosten von 10 €/ha aufgrund<br />
der Zuschaltung des Häckselaggregats<br />
am Mähdrescher. Bei der Strohvergärung<br />
fallen Bergungs- und Transportkosten des<br />
Strohs sowie Kosten für Rückführung und<br />
Ausbringung des entstehenden Gärprodukts<br />
an.<br />
Für den Vergleich der Varianten wurden<br />
zudem die Leistungen und Kosten der<br />
Strohvergärung berücksichtigt. Es wurden<br />
die bereits erwähnten mittleren Stromgestehungskosten<br />
von 0,1014 €/kWh el<br />
sowie<br />
eine Stromvergütung von 0,12 €/kWh el<br />
und<br />
eine Wärmevergütung von 0,03 €/kWh therm<br />
unterstellt. Darüber hinaus können Literaturangaben<br />
zufolge vor allem in ökologischen<br />
Fruchtfolgesystemen positive Ertragseffekte<br />
beobachtet werden.<br />
Dies ist insbesondere auf die verbesserte<br />
Dünger- bzw. N-Verfügbarkeit durch Bereitstellung<br />
eines zeitlich und räumlich<br />
flexibel verfügbaren N-Düngers (Gärprodukt)<br />
sowie durch die Verhinderung einer<br />
N-Sperre zurückzuführen. In den konventionellen<br />
Fruchtfolgesystemen spielt der<br />
Ertragseffekt durch Strohvergärung und<br />
Gärproduktnutzung eine untergeordnete<br />
Rolle, da Stickstoff in mineralischer Form<br />
von extern zugeführt werden kann. Dennoch<br />
kann der über das Gärprodukt ins<br />
System gebrachte Stickstoff hier als Düngegutschrift<br />
Kosten für Mineraldüngemittel<br />
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WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Berechnungen findet ein nährstoffbasierter<br />
Wert des Gärprodukts von 8,77 €/m³ Berücksichtigung.<br />
Strohvergärung wirtschaftlich<br />
vorteilhafter gegenüber<br />
Strohverbleib<br />
Die Ergebnisse der betriebswirtschaftlichen<br />
Auswertung zeigen deutliche Unterschiede<br />
der verschiedenen Standorte im<br />
Vergleich, die auf die Ertragsfähigkeit der<br />
unterschiedlichen Boden-Klima-Räume<br />
zurückzuführen sind (siehe Abbildung auf<br />
Seite 96). Über die Standorte hinweg sind<br />
jedoch in fast allen Fällen (hier nicht alle<br />
abgebildet) die Verfahren mit Strohvergärung<br />
wirtschaftlich vorteilhafter als lediglich<br />
der Verbleib des Strohs auf dem Feld.<br />
Die höheren Logistikkosten der Szenarien<br />
mit Strohabfuhr und -nutzung werden zumeist<br />
durch die (vorsichtig) angesetzten<br />
Ertragserhöhungen der Marktfrüchte (Öko-<br />
Fruchtfolgen) kompensiert.<br />
Bei einer gemeinsamen Bewertung von Humusbilanz<br />
und Ökonomie kann analysiert<br />
werden, ob bei der Strohvergärung im Vergleich<br />
zum Strohverbleib positive humusbilanzielle<br />
Effekte auch mit Vorteilen im ökonomischen<br />
Bereich einhergehen oder ob<br />
Zielkonflikte bestehen. Bei einer Betrachtung<br />
der Abbildung zeigen Werte im oberen<br />
rechten Bereich sowohl eine hohe C-Bilanz<br />
als auch ein gutes betriebswirtschaftliches<br />
Ergebnis und damit Synergieeffekte der<br />
jeweiligen Fruchtfolge durch die jeweilige<br />
Nutzungsform des Strohs. Eine ungünstige<br />
Konstellation von Humusbilanz und Ökonomie<br />
würde sich beispielsweise bei einem<br />
Wert im rechten unteren Bereich der Abbildung<br />
ergeben, wo zwar ein gutes betriebswirtschaftliches<br />
Ergebnis, aber eine ungünstige<br />
Humusbilanz zu erwarten wären,<br />
oder aber etwa bei Werten im oberen linken<br />
Bereich der Abbildung (gute Humusbilanz,<br />
schlechte ökonomische Ergebnisse).<br />
Bei den in der Abbildung dargestellten konventionellen<br />
Fruchtfolgeszenarien werden<br />
durch die Strohvergärung im Vergleich zum<br />
Strohverbleib auf dem Mittelgebirgs- sowie<br />
dem Bördestandort sowohl verbesserte Humusbilanzen<br />
als auch betriebswirtschaftliche<br />
Ergebnisse erzielt. Auf dem Sandboden-Standort<br />
verbessert sich lediglich<br />
die ökonomische Vorteilhaftigkeit, die humusbilanzielle<br />
Bewertung deutet auf eine<br />
Abnahme der Boden-C-Vorräte hin. Bei den<br />
ökologischen Fruchtfolgesystemen werden<br />
durch die Strohvergärung im Vergleich zum<br />
Strohverbleib auf allen Standorten sowohl<br />
verbesserte Humusbilanzen als auch betriebswirtschaftliche<br />
Ergebnisse erzielt<br />
(Ergebnisse hier nicht abgebildet).<br />
Unter den im Projekt getroffenen Annahmen<br />
der vorgestellten Modell-Fruchtfolgen<br />
lassen sich kaum Zielkonflikte zwischen<br />
Kohlenstoff-Versorgung der Böden und ökonomischer<br />
Vorteilhaftigkeit bei Vergärung<br />
des Getreide-Strohs identifizieren. Trotz der<br />
Nutzung eines Teils des Stroh-Kohlenstoffs<br />
bei der Vergärung (Methan) ist eine optimierte<br />
C-Versorgung im Vergleich zum Belassen<br />
des Strohs auf dem Feld zu erkennen, genau<br />
wie ein verbessertes betriebswirtschaftliches<br />
Ergebnis. Dies ist insbesondere auf die<br />
günstigere Stickstoff-Verfügbarkeit und die<br />
vermiedene N-Sperre zurückzuführen, die<br />
steigende Ertragsniveaus erwarten lassen<br />
(ökologische Fruchtfolgesysteme) oder zu<br />
Kosteneinsparungen führen können (konventionelle<br />
Fruchtfolgesysteme).<br />
Handlungsempfehlungen<br />
aus humusbilanzieller und<br />
ökonomischer Sicht<br />
Die Nutzung von Stroh in der Biogasanlage<br />
kann aus Sicht der Humusbilanzierung<br />
empfohlen werden, insbesondere dann,<br />
wenn die Gärprodukte und damit auch Kohlenstoff<br />
und Stickstoff in ausreichendem<br />
Maße auf die Fläche, der das Stroh entnommen<br />
wurde, zurückgeführt werden. Dennoch<br />
kann das Stroh beim Belassen auf dem Feld<br />
trotz ungünstigerer humusbilanzieller Eigenschaften<br />
zahlreiche ökologische Funktionen<br />
(Erosions- und Verdunstungsschutz,<br />
Beikrautunterdrückung, Futter für Regenwürmer)<br />
übernehmen. Daher ist neben der<br />
Strohvergärung durchaus eine Kombination<br />
unterschiedlicher Strohnutzungsstrategien<br />
anzudenken. Aus ökonomischer Sicht lassen<br />
sich aus den Projektergebnissen folgende<br />
Handlungsempfehlungen ableiten:<br />
ffDie Vergärung von Stroh ermöglicht<br />
insbesondere für viehlose Betriebe eine<br />
verbesserte Verfügbarkeit organischer<br />
Wirtschaftsdünger und damit besonders<br />
für Ökobetriebe mögliche Ertragssteigerungen<br />
auf allen vorgestellten<br />
Standorten. Daher ist aus betriebswirtschaftlicher<br />
Sicht für alle untersuchten<br />
Boden-Klima-Räume die Vergärung<br />
des Marktfrucht-Getreide-Strohs zu<br />
empfehlen.<br />
ffJe vorteilhafter die Standortvoraussetzungen<br />
(Boden-Klima-Raum, Ertragspotenziale),<br />
desto größer ist tendenziell<br />
auch der ökonomische Nutzen aus der<br />
Vergärung des Getreidestrohs. Dies<br />
liegt darin begründet, dass bei hohem<br />
Ertragspotenzial sowohl der Strohinput<br />
für die Vergärung und das daraus abzuleitende<br />
Biogaspotenzial als auch der<br />
Zusatznutzen über mögliche Ertragszuwächse<br />
proportional deutlich steigen.<br />
f f Über welche Entfernungen Stroh<br />
und Gärprodukt unter wirtschaftlich<br />
tragfähigen Rahmenbedingungen<br />
transportiert werden können, wird<br />
unter anderem maßgeblich von der<br />
Höhe der Stromgestehungskosten der<br />
Biogasanlage beeinflusst. In erster<br />
Linie muss es daher das Ziel der<br />
Biogasanlage sein, die sonstigen Gestehungskosten<br />
(außer Strohsubstrat)<br />
möglichst gering zu halten, um einen<br />
wirtschaftlichen Einsatz von Stroh zu<br />
ermöglichen. Aber auch die Wahl der<br />
Mechanisierung (Lkw-Transporte meist<br />
kostengünstiger) oder der Handlungsalternative<br />
(Gärproduktseparation)<br />
sind aus betriebswirtschaftlicher Sicht<br />
zu berücksichtigen.<br />
Autoren<br />
1)<br />
Lucas Knebel und Christopher Block<br />
Forschungsring für Biologisch-<br />
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2)<br />
Benjamin Blumenstein und Detlev Möller<br />
Universität Kassel<br />
Fachbereich Ökologische Agrarwissenschaften<br />
Fachgebiet Betriebswirtschaft<br />
Steinstr. 19 · 37213 Witzenhausen<br />
3)<br />
André Wufka<br />
Fraunhofer-Institut für Keramische<br />
Technologien und Systeme IKTS<br />
Biomassekonversion und Wassertechnologie<br />
Winterbergstraße 28 · 01277 Dresden<br />
4)<br />
Andreas Gattinger<br />
Justus-Liebig-Universität Gießen<br />
Professur für Organischen Landbau<br />
Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung II<br />
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WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Mikrobiologische Entschwefelung von<br />
Biogas unter anoxischen Bedingungen<br />
Es handelt sich um ein neuartiges Verfahren, das keine Luftzufuhr und keine energieaufwändige<br />
Regenerationsstufe benötigt. Dabei wird Gärdünger als Absorptionsmittel verwendet,<br />
um ein schwefelfreies Biogas zu produzieren.<br />
Von Dipl.-Ing. Alejandra Lenis, B.Sc. Cedric Thull und Dr.-Ing. Kristoffer Ooms<br />
Die vielen negativen Eigenschaften von<br />
Schwefelwasserstoff (H 2<br />
S) machen die<br />
Entschwefelung zum wichtigsten Einzelprozess<br />
in der Biogasbehandlung. H 2<br />
S<br />
kann mit dem Dampf im Biogas zu Schwefelsäure<br />
reagieren, die eine korrosive Wirkung auf Leitungen<br />
und Motoren hat. Bei der Verbrennung von H 2<br />
S<br />
entstehen Schwefeloxide (SO X<br />
), die in der Atmosphäre<br />
umweltgiftig sind und Apparate zur katalytischen Abgasreinigung<br />
in ihrer Funktion einschränken.<br />
Zudem hat H 2<br />
S schon in sehr geringen Dosen eine hoch<br />
toxische Wirkung auf viele Organismen (R. J. Reiffenstein,<br />
1992). Zahlreiche Ansätze zur Biogasentschwefelung<br />
sind aus diesen Gründen entwickelt worden.<br />
Die häufigste mikrobiologische Reinigungsmethode<br />
ist die direkte biologische Entschwefelung im Fermenter.<br />
Dabei wird Sauerstoff (O 2<br />
) durch Lufteintrag<br />
in den Gasraum des Fermenters gegeben und durch<br />
die mikrobielle Reaktion zwischen H 2<br />
S und O 2<br />
fast<br />
eine komplette Entfernung von H 2<br />
S erzielt.<br />
Ein Nachteil des Lufteintrages ist die Verschlechterung<br />
der Brenneigenschaften des Biogases durch die<br />
Vermischung mit dem zusätzlichen Stickstoff in der<br />
Luft. Dieser Nachteil wird bei Biofiltern und Biowäschern<br />
umgangen, da ein indirekter Lufteintrag praktiziert<br />
wird. Bei Biofiltern und -wäschern beruht das<br />
Verfahren auf der Absorption in eine Flüssigkeit, die<br />
durch einfache physikalische Auflösung oder durch<br />
Auflösung mit gleichzeitiger Reaktion erfolgen kann.<br />
Diese Verfahren basieren auf dem Gegenstromfluss<br />
des Gases und des Absorptionsmittels gefolgt von einem<br />
Regenerationsschritt des Absorptionsmittels zu<br />
seiner Rückgewinnung (Schobert, 2013). Dies erhöht<br />
allerdings die Verfahrenskomplexität und ist oft mit<br />
hohen Betriebskosten verbunden, da das Absorptionsmittel<br />
und die Zusatzstoffe regelmäßig ersetzt werden<br />
müssen.<br />
Um die Vorteile der Absorptionsverfahren bei gleichzeitiger<br />
Reduktion der Nachteile zu nutzen, wird im<br />
Rahmen des vom Bundesministerium für Wirtschaft<br />
und Energie (BMWi) geförderten Projektes – Nitro-SX –<br />
die Erprobung und systematische Untersuchung der<br />
mikrobiologischen anoxischen Entschwefelung vom<br />
Biogas durchgeführt. Es handelt sich um ein Verfahren,<br />
das keine Luftzufuhr und keine energieaufwändige<br />
Regenerationsstufe benötigt.<br />
Dabei wird Gärdünger als Absorptionsmittel verwendet,<br />
um ein schwefelfreies Biogas sowie in der Gärdünger-Regenerationsstufe<br />
einen mit Schwefel – in<br />
elementarer Form sowie als gelöster Sulfat-Ion (SO 4<br />
) 2– –<br />
angereicherten Gärdünger zu produzieren. Der Gärdünger<br />
kann in dieser Form anschließend nach wie<br />
vor als Düngermittel in der Landwirtschaft eingesetzt<br />
werden.<br />
FOTOS: RWTH AACHEN (FIW) E.V.<br />
102
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
Außen- und Innenansicht der Nitro-SX Anlage<br />
Fließschema der Versuchsanlage<br />
PI<br />
Entschwefeltes Biogas<br />
FIC<br />
Nitratsalz-Lösung<br />
(KNO 3<br />
, Ca(NO 3<br />
) 2<br />
)<br />
Absorptionskolonne<br />
T, pH, SO 4<br />
2-<br />
, NO 3-<br />
Gärrest /<br />
Abwasser<br />
MBBR<br />
Biogas<br />
FIC<br />
PI<br />
Schlamm angereichert mit<br />
elementarem Schwefel<br />
GRAFIK: RWTH AACHEN (FIW) E.V.<br />
Theoretische und praktische Grundlagen<br />
Das beschriebene Verfahren wurde in einer halbtechnischen<br />
Versuchsanlage im Herbst 2020 auf dem Gelände<br />
der Graff Energiewirtschaft GmbH & Co. KG in<br />
Simmerath (NRW) erprobt (siehe Fotos).<br />
Das Verfahrensschema wird in obiger Abbildung dargestellt.<br />
Das im Fermenter der Biogasanlage produzierte<br />
Biogas wird auf 50 mbar Überdruck verdichtet und im<br />
unteren Bereich der Absorptionskolonne eingespeist.<br />
Das Biogas strömt von unten nach oben in die Absorptionskolonne,<br />
in der die Waschflüssigkeit (Gärdünger)<br />
von oben nach unten durchfließt. Das Ziel ist, das im<br />
Biogas enthaltene H 2<br />
S in der Waschflüssigkeit aufzulösen<br />
und somit aus dem Biogas vollständig zu entfernen.<br />
Da H 2<br />
S einen hohen Bunsenschenabsorptionskoeffizienten<br />
von 2 Nm³ H 2<br />
S/(m³ (H2O)<br />
*bar) in Wasser (Maß für<br />
Absorbierbarkeit eines Gases in einer Flüssigkeit) (Ebeling,<br />
1999) aufweist, lässt sich der Prozess bei niedrigen<br />
Drücken (bis 50 mbar Überdruck) ohne negativen<br />
Einfluss auf die Reinigungsleistung durchführen. In der<br />
Absorptionskolonne befindet sich ein Trägermaterial<br />
der Firma EvU ® Innovative Umwelttechnik, um<br />
103
WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Tabelle 1: Ergebnisse eines repräsentativen Versuches zur Erprobung der Absorptionskolonne<br />
H 2<br />
S-Roh [ppm] IL [g H2S<br />
/(m³/h)] RE [%] EC [g H2S<br />
/(m³/h)] HRT [s]<br />
120,45 1,43 99,69 1,42 451,74<br />
Tabelle 2: Vergleich des Nitro-SX Verfahrens mit Literatur<br />
Nitro-SX 2020 Fernandez et al. 2014 Ramirez et al. 2019<br />
H 2<br />
S-Roh [ppm] 1.239 2.735 3.860<br />
IL [g H2S<br />
/(m³*h)] 15,82 93 31,5<br />
RE [%] 99,1 99,8 99,5<br />
EC [g H2S<br />
/(m³*h)] 15,69 92,81 31,34<br />
HRT [s] 457,7 144 600<br />
die Absorptionsoberfläche für den Lösevorgang zwischen<br />
Waschflüssigkeit und Biogas zu erhöhen.<br />
Der mit gelöstem H 2<br />
S geladene Gärdünger wird anschließend<br />
in einen Moving Bed Biofilm Reaktor<br />
(MBBR) eingespeist. Der MBBR ist ebenfalls mit Trägermaterial<br />
der Firma EvU ® Innovative Umwelttechnik<br />
gefüllt, worauf sich ausreichend Mikroorganismen ansiedeln<br />
können, um das gelöste H 2<br />
S vollständig abzubauen.<br />
Zur Oxidation des H 2<br />
S diente die Zufuhr von<br />
Kaliumnitrat (KNO 3<br />
). Der pH-Wert und die Nitratkonzentration<br />
im MBBR wurden kontinuierlich gemessen<br />
und automatisch auf einen vom Betreiber voreingestellten<br />
Wert reguliert. Als mikrobielles Abbauprodukt<br />
entstehen reiner Schwefel und gelöste Sulfat-Ionen.<br />
Der somit entstandene Schwefel und Sulfat können die<br />
Düngewirkung des Gärdüngers erhöhen (Kaltschmitt,<br />
2016) und dem Boden zugeführt werden, sodass ein<br />
geschlossener Ressourcenkreislauf garantiert wird.<br />
Da die Oxidation von H 2<br />
S mit NO 3<br />
- über die Denitrifikation<br />
stattfinden kann, sind für die Vorversuche dieses<br />
Projektes die Bakterien Thiobacillus denitrificans<br />
und Thiomicrospira denitrificans von Bedeutung. Die<br />
folgenden Reaktionsgleichungen beschreiben den gewünschten<br />
Oxidationsprozess (Dumont, 2015):<br />
(I) 5H 2<br />
S+2NO 3<br />
- 5S+N 2<br />
+4H 2<br />
O+OH -<br />
(II) 5H 2<br />
S+8NO 3<br />
- 5SO 4 2- +4N 2<br />
+4H 2<br />
O+2H +<br />
Wie aus Reaktionsgleichung (I) zu erkennen ist, wird<br />
ein Verhältnis von 5 mol H2S<br />
zu 2 mol NO3 - benötigt, um<br />
den Oxidationsprozess zur Schwefelproduktion stöchiometrisch<br />
zu bevorzugen. Reaktionsgleichung (II) zeigt<br />
die notwendige Stöchiometrie, um die Produktion von<br />
Sulfat zu bevorzugen.<br />
Folgende Betriebsparameter wurden während der Forschungsphase<br />
vom Betreiber geändert, um den optimalen<br />
Betriebspunkt der Anlage zu identifizieren: die<br />
Höhe der Schüttung, Druck in der Kolonne, der Biogas-<br />
und Gärdüngerdurchfluss durch die Kolonne und<br />
die Nitratkonzentration im MBBR. Der pH-Wert wurde<br />
zwischen 6 und 7 gehalten. Da die Versuchsanlage an<br />
den Fermenter der Biogasanlage angeschlossen war, ist<br />
die Temperatur des Gases sowie des Gärdüngers nicht<br />
kontrolliert worden und schwankte zwischen 15 und 30<br />
Grad Celsius (°C). Um die Effizienz des Verfahrens zu<br />
beurteilen, sind relevante verfahrenstechnische Kennzahlen<br />
bestimmt und mit der Literatur verglichen worden.<br />
Die Kennzahlen werden im Folgenden erläutert:<br />
der Inlet Load IL<br />
IL = (⩒ / V Kolonne<br />
)*C H2S,in<br />
[g H2S<br />
*m -3 *h -1 ]<br />
die Reinigungsleistung RE<br />
RE = 100*(C H2S,in<br />
– C H2S,out<br />
)/C H2S,in<br />
[%]<br />
die Eliminationskapazität EC<br />
EC = (RE*IL)/100 [g H2S<br />
*m -3 *h -1 ]<br />
die Verweilzeit in der Absorptionskolonne HRT<br />
HRT = V Kolonne<br />
/ ⩒ [s]<br />
Dabei entspricht ⩒ dem Gasdurchfluss (m 3 *h -1 ), V Kolonne<br />
ist das Festbettvolumen (m 3 ) und C H2S,in<br />
und C H2S,out<br />
sind die H 2<br />
S-Eingangs- und Ausgangskonzentration.<br />
Der Inlet Load (IL) beschreibt den H 2<br />
S-Konzentrationsdurchfluss<br />
in die Absorptionskolonne. Die Reinigungsleistung<br />
(RE) gibt in Prozent an, wieviel H 2<br />
S in<br />
der Kolonne eliminiert wurde. Die Eliminationskapazität<br />
ergibt sich als das Produkt des IL und RE und<br />
beschreibt die Entfernungsrate des H 2<br />
S in Bezug auf<br />
die ursprüngliche Systembeladung. Die Verweilzeit in<br />
der Absorptionskolonne (HRT) gibt an, wie lange das<br />
Biogas in der Kolonne geblieben ist, um die entsprechende<br />
Reinigung erzielen zu können.<br />
104
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
Ergebnisse und Diskussion<br />
Die Versuchsphase lief von August bis November 2020<br />
und bestand aus fünf Untersuchungsphasen. Diese<br />
dienten der Inbetriebnahme und Kultivierung der gewünschten<br />
Bakterienkultur, der Analyse der einzelnen<br />
Kernschritte des Prozesses sowie deren einheitlichen<br />
Zusammenhang. Im Rahmen der Analyse der einzelnen<br />
Kernschritte wurde als erstes die Effizienz der<br />
Absorptionskolonne untersucht, im zweiten Teil wurde<br />
die Nitrat-Abbauleistung im MBBR analysiert und anschließend<br />
wurde die Gesamtanlage untersucht. Insgesamt<br />
sind während der gesamten Versuchsphase 77<br />
Versuche durchgeführt worden. Im Folgenden werden<br />
einige Versuchsergebnisse zur Effizienz der Absorptionskolonne<br />
erläutert.<br />
Die Ergebnisse eines repräsentativen Versuches (T Biogas<br />
= 20 °C, p = 50 mbar, ⩒ Biogas<br />
= 0,7 m³/h, ⩒ Gärrest<br />
= 0,2<br />
m³/h) sind der Tabelle 1 zu entnehmen. Dieser Versuch<br />
wurde mit einer niedrigen H 2<br />
S-Konzentration im Biogas<br />
von etwa 120 ppm und einem IL von 1,34 g H2S<br />
*m -3 *h -1<br />
betrieben, um die Stabilität des Verfahrens zu testen.<br />
Durch die resultierende Reinigungsleistung von 99,69<br />
Prozent zeigt sich, dass das Verfahren sich für die Feinentschwefelung<br />
von Biogas eignet.<br />
In der Tabelle 2 sind die Ergebnisse einer Versuchsreihe<br />
mit einer höheren H 2<br />
S-Belastung von 1.239 ppm zu<br />
sehen. Diese wurden unterschiedlichen Literaturquellen<br />
gegenübergestellt. Die Bedingungen der Versuchsreihe<br />
waren T Biogas<br />
= 16,33 °C, T Gärrest<br />
= 21,87 °C, p = 50<br />
mbar, ⩒ Biogas<br />
= 0,7 m³/h, ⩒ Gärrest<br />
= 0,43 m³/h.<br />
Aus Tabelle 2 wird ersichtlich, dass in der Nitro-SX-Anlage<br />
Eliminationsleistungen in der Größenordnung von<br />
99 Prozent erreicht wurden. Dieses Ergebnis stimmt<br />
mit der Literatur überein. Die Biogasaufenthaltszeit<br />
liegt mit 457,7 s auch in dem angegebenen Literaturbereich<br />
zwischen 144 s und 600 s. Es ist allerdings zu<br />
erwähnen, dass im Vergleich zur Literatur die Absorptionskolonne<br />
der Nitro-SX-Anlage mit einem geringeren<br />
H 2<br />
S-Massenstrom beansprucht wurde. Der IL der Versuchsanlage<br />
betrug 15,7 g H2S<br />
/(m³*h), während der IL<br />
der angegebenen Literaturquellen zwischen 31,5 und<br />
93 g H2S<br />
/(m³*h) liegt. Dies deutet darauf hin, dass noch<br />
höhere Eliminationsleistungen in der Nitro-SX Anlage<br />
erreicht werden können.<br />
Wirtschaftliche Perspektive<br />
Die Investitionskosten der bestehenden Versuchsanlage<br />
inklusive Anlagen- und MSR-Technik liegen bei rund<br />
85.000 Euro. Die bisherigen Betriebskosten liegen bei<br />
rund 202 Euro/Monat. Die Betriebskosten wurden nur<br />
durch Verbrauchsmaterialien betrachtet. Da der benötigte<br />
Strom (etwa 1,2 kWh/m³) aus der Biogasan-<br />
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105
WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
lage vor Ort entnommen wird, fallen keine Stromkosten<br />
an. Zu den höchsten Betriebskosten zählen die Zugabe<br />
von zusätzlichen Chemikalien, wie zum Beispiel Nitrat-Salze,<br />
die in den MBBR zudosiert wurden. Andere<br />
Chemikalien wie beispielsweise Salzsäure und Natronlauge<br />
dienen der Regulierung des pH-Wertes im MBBR<br />
und werden als Betriebskosten im großtechnischen<br />
Maßstab ebenfalls vorkommen. Da die Versuchsanlage<br />
noch nicht im kontinuierlichen Betrieb über Nacht<br />
läuft, wird diese aus Sicherheitsgründen mit Stickstoff<br />
gefüllt.<br />
Sobald die Anlage vollständig im Automatikmodus<br />
betrieben werden kann, werden sich die Kosten für<br />
Stickstoff maßgeblich reduzieren. Eine quantitative<br />
Bewertung des Nitro-SX-Verfahrens ist aufgrund des aktuellen<br />
Maßstabes noch nicht mit einer ausreichenden<br />
Genauigkeit durchführbar. Allerdings werden mit dem<br />
vorgestellten Verfahren mittlere Betriebskosten und<br />
gleichzeitig eine hohe Reinigungseffizienz im Industriemaßstab<br />
erwartet. Es könnte davon ausgegangen<br />
werden, dass durch Skalierungseffekte die großtechnische<br />
Realisierung dieses Verfahrens keinen höheren<br />
Preis als die aerobe Entschwefelung aufweisen wird.<br />
Danksagung: Die Durchführung dieser Arbeit wurde<br />
durch die Finanzierung und Unterstützung des Ministeriums<br />
für Wirtschaft und Energie (BMWi) möglich.<br />
Die Autoren dieses Beitrages möchten sich ebenfalls<br />
bei den Projektpartnern EvU ® Innovative Umwelttechnik<br />
GmbH, aquatec-Reuter GmbH und die Graff<br />
Energiewirtschaft GmbH & Co. KG für die kooperative<br />
Mitarbeit herzlich bedanken.<br />
Hinweis: Die Literaturangaben sind auf Anfrage<br />
bei den Autoren erhältlich.<br />
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106
ELEKTROAKTIVE MIKROORGANISMEN<br />
Bakterien mit Strombügel<br />
Zahlreiche Arten anaerober Bakterien betreiben unter bestimmten Voraussetzungen einen<br />
regen Elektronenaustausch mit ihrem Umfeld. Mittels dieses direkten Drahts erzeugen sie<br />
über ihren Stoffwechsel Strom und lassen sich als mikrobielle Brennstoffzelle für die<br />
Gewinnung elektrischer Energie nutzen. Elektroaktive Mikroorganismen können jedoch<br />
auch Strom und damit Elektronen aufnehmen. Dies ermöglicht eine gezielte Einflussnahme<br />
auf ihre „Verdauungsprozesse“ und die dabei entstehenden Substanzen. Für beide<br />
Wirkmechanismen dieser mikrobiellen bioelektrochemischen Systeme (BES) gibt es<br />
spannende Anwendungen.<br />
Links: Prof. Falk<br />
Harnisch zeigt einen<br />
der speziellen Laborkolben<br />
zum Kultivieren<br />
von elektroaktiven<br />
Mikroorganismen.<br />
Rechts: Laborkolben<br />
mit Fütterungslösung.<br />
An dem Graphitstab im<br />
Vordergrund hat sich<br />
ein roter Biofilm aus<br />
elektroaktiven Bakterien<br />
angesiedelt.<br />
Von Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />
FOTOS: CARMEN RUDOLPH<br />
Der aus wissenschaftlicher Sicht wohl größte<br />
Schatz im Labor von Prof. Dr. Falk Harnisch<br />
am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung<br />
(UFZ) in Leipzig sind die rotbraunen<br />
Biofilme. Sie umhüllen Graphitstäbe,<br />
die in zahlreichen Glaskolben stecken. „Das sind Kulturen<br />
elektroaktiver Bakterien“, sagt der 38-Jährige<br />
und hält einen der Kolben in die Höhe. Er hat ihn zuvor<br />
aus einem Laborschrank entnommen, einer Art Brutkasten,<br />
in dem dichtgedrängt gleichartig geformte gläserne<br />
Laborgefäße stehen.<br />
Deren vier nach oben auslaufende Röhren sind mit einem<br />
Korken verschlossen. Es soll kein Luftsauerstoff<br />
eindringen. Im Kolbeninneren herrschen anaerobe Bedingungen,<br />
wie sie die elektroaktiven Bakterien bevorzugen.<br />
Die verschiedenen Brutkästen im Labor sichern<br />
zudem stets die Wohlfühltemperatur für die jeweilige<br />
Bakterienkultur. Futterrationen aus Abwässern oder<br />
kontaminierten Bodenlösungen sichern den Fortbestand<br />
und die Vermehrung.<br />
Die wichtigsten Komponenten, um die elektroaktiven<br />
Mikroben im Biofilm bei Laune zu halten, sind jedoch<br />
Graphitstäbe und die daran angeschlossenen elektrischen<br />
Leitungen. In diesem Geräteaufbau verbirgt sich<br />
zugleich der Grund für die aufwändige Stammhaltung<br />
der Bakterien. Es ist ihre außergewöhnliche Fähigkeit<br />
zum Elektronenaustausch mit den stromleitenden Materialien,<br />
auf denen sie sich ansiedeln, beispielsweise<br />
einem Graphitstab.<br />
Elektronentransfer aus der Zelle<br />
Die meisten Lebewesen decken den Energiebedarf in<br />
ihren Zellen durch Atmung. Um die in der Nahrung<br />
gespeicherte Energie in einer sauerstoffhaltigen Atmosphäre<br />
freizusetzen und in Form des Moleküls Adenosintriphosphat,<br />
kurz ATP, nutzbar zu machen, werden<br />
die aufgenommenen organischen Stoffe zu Kohlendioxid<br />
(CO 2<br />
) oxidiert. Die dabei frei werdenden Elektronen<br />
erhält der Sauerstoff (O 2<br />
). In anaeroben Milieus<br />
werden die aus der Oxidation der Nahrung gewonnenen<br />
Elektronen anstelle von O 2<br />
auf andere reduzierbare<br />
Substanzen übertragen.<br />
Im Biogasreaktor entstehen bei der Carbonatatmung<br />
(Acetogenese und Methanogenese) beispielsweise organische<br />
Säuren und aus diesen schließlich Methan.<br />
Diese Vorgänge erledigen die unterschiedlichen<br />
107
WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Im „Brutschrank“<br />
des Labors im UFZ<br />
finden die Kulturen<br />
elektroaktiver Bakterien<br />
beste Lebensbedingungen,<br />
einschließlich<br />
eines stromableitenden<br />
Graphitstabes zum<br />
Ansiedeln.<br />
Versuchsaufbau für<br />
eine energieautarke<br />
Lösung zur gezielten<br />
Absenkung der<br />
Stickstofffracht<br />
in Abwässern von<br />
Fischzuchtanlagen<br />
mittels elektroaktiver<br />
Bakterien.<br />
Bakterien in der Regel stets innerhalb der Zellen. Doch<br />
es gibt eine Ausnahme: Elektroaktive Mikroben können<br />
die beim oxidativen Stoffabbau freigesetzten Elektronen<br />
durch die Zellwand transferieren und so „entsorgen“.<br />
Dies wird als extrazellulärer Elektronentransfer<br />
(EET) bezeichnet.<br />
Die Funktion des Elektronenakzeptors, also des Aufnehmers<br />
der überschüssigen Elektronen, erfüllt in diesem<br />
Falle die Graphitelektrode, an der sich die elektroaktiven<br />
Bakterien mit Vorliebe ansiedeln. Der Stromfluss<br />
entsteht dann mittels einer zweiten Elektrode für die<br />
elektrochemische Sauerstoffreduktion. Mit dieser sogenannten<br />
mikrobiellen Brennstoffzelle lässt sich aus Organik<br />
ohne zusätzliche Umwandlungen und Zwischenstufen<br />
Strom erzeugen.<br />
Der Elektronentransfer durch die Zellwand hindurch<br />
kann aber ebenso umgekehrt erfolgen. Zur Anregung<br />
gewünschter reduktiver Stoffwechselprozesse werden<br />
dann durch das Anlegen von Strom am Graphitstab die<br />
notwendigen Elektronen bereitgestellt. Verbinden die<br />
Wissenschaftler zwei Elektroden über einen Verbraucher<br />
oder eine Spannungsquelle und taucht sie in ein<br />
anaerobes Medium, das Organik<br />
enthält, siedeln sich<br />
daran nach einiger Zeit mit<br />
hoher Wahrscheinlichkeit<br />
elektroaktive Bakterien an<br />
und bilden in Gemeinschaft<br />
mit anderen Mikroben einen<br />
elektroaktiven Biofilm.<br />
Nur so lassen sie sich übrigens<br />
auch entdecken,<br />
kultivieren und schließlich<br />
nutzbar machen. „Obwohl<br />
allgegenwärtig, sind Mikroben<br />
mit diesen Eigenschaften<br />
daher schwer mit konventionellen<br />
Techniken zu<br />
isolieren. Das macht unsere<br />
Stammhaltung so wertvoll“,<br />
sagt Harnisch. Bislang hätten<br />
Forschergruppen 120<br />
Arten elektroaktiver Bakterien<br />
aufgespürt. Vermutlich<br />
gebe es aber sehr viel mehr.<br />
Labortechniker Philipp Haus misst den<br />
pH-Wert des Milieus einer Kultur mit<br />
elektroaktiven Bakterien.<br />
Abwasser steckt voller Energie<br />
Der Umweltwissenschaftler interessierte sich schon<br />
während des Studiums der Biochemie in Greifswald für<br />
die außergewöhnlichen Mikroorganismen. Sie waren<br />
Thema seiner Diplomarbeit und Promotion. „Das ist<br />
jetzt 15 Jahre her. Damals war es noch ein Exotenthema.<br />
Heute forschen daran weltweit etwa 300 Teams“,<br />
weiß Harnisch, der am UFZ die Arbeitsgruppe Elektrobiotechnologie<br />
leitet.<br />
Im Fokus der Tätigkeit des Leipziger Forscherteams<br />
steht gegenwärtig die Nutzung mikrobieller Brennstoffzellen<br />
bei der Abwasserreinigung. Hintergrund ist der<br />
hohe Energieverbrauch der Kläranlagen. Insbesondere<br />
wegen der aufwendigen Belüftung zum Sauerstoffeintrag<br />
in die Belebungsbecken werden hier pro Kubikmeter<br />
(m³) Abwasser 0,25 bis 0,5 Kilowattstunden<br />
(kWh) benötigt. Rund 10 Milliarden m³ der schmutzigen<br />
Brühe fallen allein in den kommunalen Klärwerken<br />
Deutschlands an. Wegen der mitgeführten organischen<br />
Fracht ist dies aber eigentlich ein gewaltiges Potenzial.<br />
„In 10 Litern Abwasser steckt so viel Energie, wie in 10<br />
Gramm Schokolade oder in einem kleinen Apfel“, hat<br />
Harnisch errechnet. Diese Ressource soll nun mithilfe<br />
der elektroaktiven Mikroorganismen erschlossen werden.<br />
Ziel der Forscher ist eine energieautarke Abwasserreinigung<br />
und im Zuge der Verfahrensentwicklung<br />
eine darüber hinausgehende Bereitstellung von Strom.<br />
Kläranlagen würden sich damit vom Energiefresser<br />
zum Energieerzeuger wandeln. Dass es technisch<br />
108
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
funktioniert, beispielsweise indem das Abwasser Biofilm-Anoden<br />
umströmt, zeigen Versuchsanlagen in Braunschweig und Goslar.<br />
Ein großtechnischer Einstieg könnte in Kombination mit konventionellen<br />
Verfahren erfolgen. Dabei konzentriert sich der Einsatz<br />
elektroaktiver Mikroben auf den kostengünstigen Abbau besonders<br />
problematischer Substanzen. Überhaupt liegen die Stärken<br />
der mikrobiellen Brennstoffzelle nach Ansicht der Wissenschaftler<br />
in der Aufbereitung hoch belasteter, aber dafür homogener<br />
Abwasserströme, etwa aus Molkereien. Deren Energiedichte sei<br />
bis zu zehnmal höher als bei Siedlungsabwässern.<br />
Anhand eines Versuchsaufbaus im benachbarten Laborraum<br />
demonstriert Harnisch eine weitere Einsatzmöglichkeit. In dem<br />
Verbundprojekt knobeln Wissenschaftler aus Ägypten, Italien,<br />
Tunesien und Spanien an einer zielgenauen Absenkung des Gehalts<br />
von Ammoniumnitrat in Abwässern aus Fischzuchtanlagen.<br />
Der Stickstoff soll nicht gänzlich entfernt, aber auf einen vorgegebenen<br />
Wert eingestellt werden, um so bei der Bewässerung in<br />
Hydrokulturen gleichzeitig einen Düngeeffekt zu erzielen.<br />
Die angestrebte Low-Budget-Variante besteht aus einem PVC-<br />
Rohr, das mit Graphitgranulat gefüllt ist. Die an dem Granulat<br />
anhaftenden elektroaktiven Bakterien reduzieren im oberen<br />
Rohrbereich den Ammoniumgehalt durch Oxidation und im<br />
unteren Bereich die Nitratfracht durch Reduktion. Der bei der<br />
Oxidation erzeugte Strom dient als Elektronenquelle für die reduktiven<br />
Stoffwechselprozesse. So benötigt das System keinen<br />
Stromanschluss. Die Regulierung des Nitratgehalts erfolgt über<br />
die Durchflussmenge und die Steuerung des Stroms zwischen<br />
Biofilm-Anode und -kathode.<br />
Eine Fülle weiterer Einsatzoptionen<br />
Wissenschaftliche Veröffentlichungen verweisen mittlerweile auf<br />
eine Fülle von Optionen für den Einsatz mikrobieller, bioelektrischer<br />
Systeme. Die Palette reicht von der Nutzung der Biofilmelektroden<br />
zur Überwachung und Steuerung von Prozessen<br />
in Bioreaktoren über die Beseitigung von Schadstoffen im Boden,<br />
energieeffiziente Meerwasserentsalzung, die Umsetzung von<br />
Glycerol – einem Abfallprodukt bei der Biodieselherstellung –<br />
zu Ethanol bis zur Speicherung erneuerbaren Stroms in Form von<br />
bioelektrochemisch erzeugten Chemikalien und Kraftstoffen.<br />
Die Elektrobiotechnologie erlebt gegenwärtig einen großen Aufschwung.<br />
Ständig entdecken Forschergruppen weltweit neue<br />
Arten elektroaktiver Mikroorganismen und berichten über deren<br />
besondere Eigenschaften. „Wir stehen da noch ganz am Anfang<br />
einer spannenden Entwicklung“, ist Prof. Falk Harnisch überzeugt.<br />
Autor<br />
Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />
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109
WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Verschiedene Blaualgenmedien,<br />
die hier geschüttelt<br />
werden.<br />
Was der Koi-Karpfen mit Biogas zu tun hat<br />
Eine bestimmte Blaualgenart produziert ein spezielles Zuckerpolymer, das gegen das<br />
Koi-Herpes-Virus erfolgreich eingesetzt werden kann. Die kohlenstoffreiche Zelldebris<br />
der Algen könnte nach der Wertstoffgewinnung zur energetischen Verwertung in der<br />
Biogasanlage verwendet werden.<br />
Von Dipl.-Ing. Heinz Wraneschitz<br />
Algen abmelken<br />
Eine interessante Idee, die im Projekt erforscht<br />
wird: Die Algen sollen nicht mehr sterben, wenn<br />
ihnen die Proteine entnommen werden. „Die Biomasse<br />
kann durch ein elektrisches Feld „gereinigt“<br />
werden. Die Alge macht kurz auf, der Farbstoff<br />
wird entnommen, hinterher lebt sie weiter“,<br />
erklärt Prof. Christoph Lindenberger das System,<br />
das er „Algen abmelken“ nennt. „Ich schätze, das<br />
dauert noch zehn Jahre. Aber wenn das klappen<br />
würde, wäre es ideal. Quasi der Heilige Gral für<br />
Algen.“<br />
WRA<br />
Im Rahmen früherer Arbeiten des Projektleiters<br />
wurde ein Gewinnungsverfahren von EPS aus A.<br />
platensis entwickelt und deren Wirksamkeit gegen<br />
den hochinfektiösen Koi Herpes Virus (KHV) sowie<br />
die ökonomische Tragfähigkeit gezeigt“, verlautet<br />
die Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) über<br />
Professor Christoph Lindenberger. „A. platensis“ steht<br />
als Abkürzung für Artrosphira Platensis.<br />
Wem dieser Begriff nichts sagt: Hierzulande heißen sie<br />
eher Spirulina und gehören zu den Blaualgen. Blaualgen<br />
sind eigentlich hierzulande ungern gesehen, weil<br />
sie den Badebetrieb an Seen und Weihern schon mal<br />
zum Erliegen bringen können.<br />
EPS wiederum sind Exopolysaccharide:<br />
hochmolekulare<br />
Zuckerpolymere, die von Mikroorganismen<br />
abgeschieden werden<br />
– zum Beispiel von jenen<br />
Blaualgen.<br />
Bei diesen „früheren Arbeiten“<br />
hatte Professor Lindenberger<br />
aber nicht gewartet, bis die<br />
Blaualgen das EPS langsam<br />
produzieren: Er hat die Algen<br />
dazu gebracht, diese Zuckerpolymere<br />
effizient herzustellen. Und weil diese EPS den<br />
Koi-Herpes-Virus besiegen können, hat der Professor<br />
dadurch sehr viel dafür getan, dass die – gerade in Südostasien<br />
hochgeschätzten und deshalb sehr teuren –<br />
Koi-Karpfen bessere Überlebenschancen haben.<br />
Als Lindenberger mit anderen Forschern diese karpfenschützende<br />
Wirkung herausfand, war er noch an<br />
der Außenstelle der Friedrich-Alexander-Uni Erlangen-<br />
Nürnberg (FAU) in Busan aktiv, der zweitgrößten Stadt<br />
Südkoreas. Vor zwei Jahren folgte er dem Ruf auf eine<br />
Professur an der Ostbayerischen Technischen Hochschule<br />
Amberg-Weiden (OTH). Aber auch dort beschäftigt<br />
er sich mit Blaualgen. Doch vordergründig geht es bei<br />
diesen Forschungen nicht mehr nur um Karpfenschutz,<br />
sondern auch um Fragen wie: Lassen sich Blaualgen in<br />
einer Wertschöpfungskette gleich mehrfach nutzen, darunter<br />
auch als „Futter“ für Biogasanlagen-Bakterien?<br />
Algenzucht an Biogasanlage koppeln<br />
Jetzt sind Algen bekanntlich schon länger als Biogassubstrat<br />
im Gespräch, ja sogar vielfach im Einsatz. Das<br />
alleine wäre also kein Forschungsthema, dem heutzutage<br />
noch eine öffentliche Förderung zuteil würde.<br />
Doch der Verbund-Projekt-Antrag, den die OTH gemeinsam<br />
mit der Technischen Universität Berlin (TU)<br />
FOTOS: HEINZ WRANESCHITZ<br />
110
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
„Das CO 2<br />
aus dem<br />
Abgas des Blockheizkraftwerks<br />
könnte man<br />
abtrennen und damit<br />
die Algen zusätzlich<br />
füttern“<br />
Prof. Christoph Lindenberger<br />
formuliert, geht wesentlich über die reine<br />
Algenzucht zur biogaslichen Nutzung hinaus.<br />
Die Kopplung der Algenzucht an<br />
eine Biogasanlage ist nur „ein besonderes<br />
Merkmal der Wertschöpfungskette“, heißt<br />
es von der FNR, dem zuständigen Förder-<br />
Projektträger.<br />
Das Vorhaben verfolgt das übergeordnete<br />
Ziel, eine dezentral realisierbare und ökonomisch<br />
tragfähige Wertschöpfungskette<br />
für Arthrospira platensis zu entwickeln<br />
und in einer relevanten Einsatzumgebung<br />
zu testen. Die vorgeschlagene Wertschöpfungskette<br />
umfasst als primäres Produkt<br />
die Gewinnung von EPS mit antiviraler<br />
Wirkung für den Einsatz in der Süßwasserfischzucht.<br />
Prof. Lindenberger ergänzt: „In Korea werden keine<br />
Süßwasserfische gegessen – deshalb wird jetzt untersucht,<br />
gegen welches Virus EPS sonst noch hilft.“<br />
Sprich: Man schaut nicht nur auf Viren, die Zierfischen<br />
wie Koi oder den hiesigen Speisekarpfen gefährlich<br />
werden, sondern es geht auch um andere Viren in der<br />
Massenfischhaltung. Dieses EPS ist übrigens „ein Naturstoff,<br />
der nicht patentierbar ist. Der Stoff ist sogar<br />
prophylaktisch einsetzbar“, stellt der Forscher das<br />
große Potenzial für den Zuchtfischschutz heraus. Das<br />
weitere Ziel des Vorhabens ist laut FNR, „die kohlenstoffreiche<br />
Zelldebris nach der Wertstoffgewinnung<br />
zur energetischen Verwertung in die Biogasanlage zurückzuführen“.<br />
Das bedeutet in diesem – einfachsten –<br />
Fall: Zucker für die Fische – den Rest der Alge zur Vergärung.<br />
Kaskadierte Algennutzung nicht nur zur Biogas-Produktion:<br />
Professor Christoph Lindenberger leitet ein Forschungsprojekt,<br />
bei dem die Ostbayerische Technische Hochschule OTH<br />
Amberg-Weiden mit der Technischen Universität Berlin kooperiert.<br />
Im Labor in Amberg stehen jede Menge Reaktoren mit<br />
Blaualgen, die eigentlich grün aussehen, aber auch Rotalgen.<br />
Blaualgenstämme wachsen<br />
unter definiertem Kunstlicht.<br />
der ist ja im Protein“, erklärt der Professor die Biochemie<br />
der Algentrennung. Der große Vorteil ist, wenn dieser<br />
40-Prozent-Rest in der Biogasanlage vergoren wird:<br />
Das Substrat enthält kaum N, und damit ist auch das<br />
Biogas-Gärprodukt stickstoffarm.<br />
Doch es gibt einige Probleme. Zum Glück aber gibt es<br />
etwa 30.000 verschiedene Algenarten, nur ein geringer<br />
Teil davon sei chemisch erforscht, weiß Prof. Lindenberger.<br />
Die meisten der bekannten Sorten<br />
Phycocyanin: 1 Kilogramm kostet<br />
100.000 Euro<br />
Doch Algen haben noch weit mehr Potenzial, betont<br />
Christoph Lindenberger. Da ist vor allem das Protein<br />
Spirulina Blau, Fachbegriff Phycocyanin, der einzige<br />
natürliche blaue Farbstoff für Lebensmittel. Mit einem<br />
maximalen Marktwert von 100.000 Euro pro Kilogramm<br />
ist hochreines Phycocyanin ein echtes Wertprodukt.<br />
„Wenn die Zelle wirklich viel davon herstellt,<br />
kann man pro Kilogramm Alge 600 Gramm Farbstoff<br />
gewinnen. Man muss es halt ‚nur‘ aus der Zelle herausbekommen“,<br />
nennt er das zentrale Problem. Doch wird<br />
das geschafft, „dann ist im Rest kaum noch Stickstoff,<br />
Verschiedene Algenstämme: Je älter die Algen sind, umso undurchsichtiger<br />
sind die Reaktorgefäße (links: neu. Mitte: alt, rechts: mittelalt.)<br />
111
WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
sind aus der blauen Algenreihe;<br />
die roten sind weniger bekannt –<br />
und auch in ihrer Sortenzahl geringer:<br />
„Wir sind in der Prozessführung<br />
mit Algen heute auf dem<br />
Stand von 1900 bei der Feldbestellung.“<br />
Bekannt ist: Grundsätzlich sind<br />
Algen schnellwachsende Biomasse.<br />
Aber manche Arten wachsen<br />
zehnmal so schnell wie andere.<br />
Und das tun sie nur, wenn sie<br />
Sonnenlicht bekommen. Doch<br />
schon einen Zentimeter unter<br />
der Wasseroberfläche kommt nur<br />
noch ein Prozent der Strahlung<br />
an. Deshalb ist es wichtig, eine gute Durchmischung<br />
der Flüssigkeit im Reaktor zu<br />
erreichen, damit jede einzelne Alge genug<br />
Licht abbekommt.<br />
Deshalb stehen in Lindenbergers Labor an<br />
der OTH in Amberg zahlreiche Bio-Reaktoren<br />
für die Algenzucht. Es gibt Behälter mit<br />
blauen und welche mit roten Algen. Alle<br />
sind durchsichtig; alle sind sie mit definiertem,<br />
künstlichem Sonnenlicht beleuchtet,<br />
um die Anwendung unter freiem Himmel zu<br />
Das Verbundvorhaben „Antivirale<br />
Substanzen und Pigmente“<br />
Das „Teilvorhaben 1: Kultivierung“ wird von Prof. Christoph Lindenberger<br />
an der OTH Amberg-Weiden durchgeführt. Um die Wirtschaftlichkeit zu<br />
verbessern, wird laut FNR in dem Projekt die eingeführte Gewinnung von<br />
Phycocyanin aus Algen um die Produktion eines weiteren Wertprodukts<br />
ergänzt – eben um jene Exopolysacchariden (EPS) mit antiviraler Wirkung<br />
für den Einsatz in der Süßwasserfischzucht. Durch die Ankopplung an eine<br />
Biogasanlage wird deren Wärmeenergie ebenso besser genutzt wie die<br />
Nährstoffe der Algen, was die Ökobilanz doppelt erhöht.<br />
Das „Teilvorhaben 2: Downstream“ steht unter der Leitung von Prof. Cornelia<br />
Rauh am Institut für Lebensmittelsicherheit und -chemie der TU<br />
Berlin. Hier werden die einzelnen Technologien entwickelt, die in Amberg<br />
praktisch getestet werden. Die Komplettförderung durch die FNR liegt bei<br />
etwa einer halben Million Euro. Das Projekt mit den Förderkennzeichen<br />
2219NR287 (TU) und 22017518 (OTH) startete am 1. Oktober 2020 und<br />
soll am 30. September 2023 beendet sein.<br />
WRA<br />
simulieren. Es gibt Gefäße aus Kunststoff,<br />
teilweise opak, andere sind aus Glas, „das<br />
bessere Material“, wie der Laborchef festgestellt<br />
hat. Bis zu eineinhalb Jahre laufen<br />
die einzelnen Versuche.<br />
Um die Algenproduktion zu stimulieren,<br />
helfen eine gewisse Wärme – um die 30<br />
Grad Celsius gelten als ideal – und Kohlendioxid.<br />
An dieser Stelle bringt Prof.<br />
Lindenberger wieder die Nähe zu einer Biogasanlage<br />
ins Spiel: „Das würde gut zusammenpassen:<br />
Die nicht nutzbare<br />
Wärme eines Nahwärmerücklaufs<br />
könnte man nutzen. Und das CO 2<br />
aus dem Abgas des Blockheizkraftwerks<br />
könnte man abtrennen<br />
und damit die Algen zusätzlich<br />
füttern.“<br />
Um auch das in „echt“ testen zu<br />
können, soll im Labor ein kleiner<br />
Biogasreaktor installiert werden.<br />
„Wir hoffen, dass wir nichts als<br />
Algen zufüttern müssen.“ Aber<br />
noch sei man auf der Suche nach<br />
einer kleinen Verbrennungsmaschine.<br />
Später sei dann nur noch<br />
das Aufskalieren der Reaktorgröße,<br />
also des Fermenters, auf den Bedarf des<br />
Biogas-BHKW notwendig.<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. Heinz Wraneschitz<br />
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112
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
Methanemissionen bei der Biogaserzeugung<br />
und deren Minderung<br />
Das Forschungsvorhaben „EvEmBi – Bewertung und Minderung von Methanemissionen<br />
aus verschiedenen europäischen Biogasanlagenkonzepten” hatte unter anderem das Ziel,<br />
Emissionsfaktoren verschiedener Biogasanlagenkonzepte zu bestimmen. Erste Ergebnisse<br />
liegen nun vor.<br />
Von Dipl.-Ing. (FH) Torsten Reinelt und Dr. Tina Clauß<br />
Infolge des Klima-Übereinkommens von Paris und<br />
den damit verbundenen nationalen Klimaschutz-<br />
Zielstellungen sollen die Treibhausgas-(THG)-<br />
emissionen in Deutschland bis zum Jahr 2030 um<br />
mindestens 55 Prozent und bis 2050 um mindestens<br />
80 bis 95 Prozent gesenkt werden. Neben Kohlendioxid<br />
spielt dabei Methan als zweitwichtigstes Treibhausgas<br />
eine entscheidende Rolle. Bezogen auf 100<br />
Jahre hat es die 28-fache Wirkung von Kohlendioxid.<br />
Seit 2007 erhöht sich die Konzentration in der Atmosphäre<br />
mit steigender Geschwindigkeit [momentan 10<br />
parts per billion (ppb) pro Jahr].<br />
Im Jahr 2018 waren rund 62 Prozent der Methanemissionen<br />
in Deutschland auf den Sektor Landwirtschaft<br />
und dort hauptsächlich auf die Tierhaltung und<br />
das Wirtschaftsdüngermanagement zurückzuführen.<br />
Eine schnelle und signifikante Emissionsminderung in<br />
diesem Bereich gilt als schwierig. Eine sehr wichtige<br />
Option für die Landwirtschaft, Methan- und THG-Emissionen<br />
im Allgemeinen zu senken, ist die Erzeugung<br />
und Verwertung von Biogas.<br />
Insbesondere die Nutzung von landwirtschaftlichen<br />
Reststoffen (zum Beispiel Wirtschaftsdünger) als Substrat<br />
erhielt eine zunehmende Priorisierung durch das<br />
Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) in den vergangenen<br />
Jahren, um den Anteil verwerteter Wirtschaftsdünger in<br />
Biogasanlagen zu erhöhen. Aus Sicht des Klimaschutzes<br />
ist aber auch der Anlagenbetrieb selbst wichtig.<br />
Abbildung 1: Anzahl der detektierten Leckagen in Abhängigkeit der Anlagenkomponente der untersuchten EvEmBi-Biogasanlagen<br />
Anzahl der Leckagen<br />
40<br />
38<br />
36<br />
34<br />
32<br />
30<br />
28<br />
26<br />
24<br />
22<br />
20<br />
18<br />
16<br />
14<br />
12<br />
10<br />
8<br />
6<br />
4<br />
2<br />
0<br />
DE-01 DE-02 DE-03 DE-04 DE-05 DE-06<br />
DE-07 DE-08 DE-09 DE-10 DE-13 Gesamt<br />
Art der Leckage<br />
113
WISSENSCHAFT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Abbildung 2: Anzahl der detektierten Leckagen in Abhängigkeit des Baujahres<br />
der untersuchten EvEmBi-Biogasanlagen<br />
Anzahl der Leckagen<br />
35<br />
30<br />
25<br />
20<br />
15<br />
10<br />
5<br />
0<br />
Baujahr der Anlage<br />
Anzahl Leckagen<br />
Methanverluste: schlecht fürs<br />
Klima und die Wirtschaftlichkeit<br />
Ungewollte Methanemissionen während<br />
der Biogasproduktion beeinträchtigen zum<br />
einen die THG-Bilanz der Biogastechnologie,<br />
können aber auch ökonomisch relevant<br />
sein, sofern die eingesetzten Substrate<br />
Kosten verursachen (zum Beispiel durch<br />
Zukauf von Energiepflanzen). Nicht zuletzt<br />
spielen sie aber auch für die Anlagensicherheit<br />
eine gewichtige Rolle. Insbesondere<br />
der letzte Punkt wurde in den vergangenen<br />
Jahren durch neue technische Regeln<br />
nochmals konkretisiert (siehe TRAS 120),<br />
wobei der Emissionsschutz beziehungsweise<br />
die Emissionsminderung im Anlagenbetrieb<br />
eher als beigeordnetes Nebenziel in<br />
der Schwebe steht.<br />
Dem widmet sich jedoch das internationale<br />
Forschungsvorhaben „EvEmBi – Bewertung<br />
und Minderung von Methanemissionen<br />
aus verschiedenen europäischen Biogasanlagenkonzepten”<br />
1) . Das Vorhaben hat<br />
sich zum Ziel gesetzt, Emissionsfaktoren<br />
verschiedener Biogasanlagenkonzepte zu<br />
bestimmen und diese für die nationalen<br />
Biogasanlagenbestände in den teilnehmenden<br />
Partnerländern (Deutschland, Österreich,<br />
Schweiz, Dänemark und Schweden)<br />
abzuschätzen sowie in einem Modell<br />
abzubilden.<br />
Als Datengrundlage dienen Ergebnisse von<br />
Emissionsmessungen und Umfragen der<br />
Projektpartner aus früheren und aktuellen<br />
Messungen sowie sonstige Literaturwerte.<br />
Weitere wesentliche Ziele bestanden in der<br />
Implementierung und Bewertung von Emissionsminderungs-Maßnahmen<br />
an ausgewählten<br />
Biogasanlagen durch Emissionsmessungen<br />
vor und nach deren Umsetzung<br />
sowie in dem Wissenstransfer in die Praxis.<br />
Modell für die Bestimmung<br />
eines Emissionsfaktors für den<br />
deutschen Biogasanlagenbestand<br />
Als Grundlage für die Entwicklung des Modells<br />
wurde der für das Erdgasnetz entwickelte<br />
Ansatz von Balcombe et al. (2018)<br />
herangezogen und für den Biogasanlagenbestand<br />
weiterentwickelt. Dafür wurde eine<br />
Vorgehensweise erarbeitet, mit der die gesammelten<br />
Daten genutzt werden können,<br />
um mithilfe des Modells folgende Fragen<br />
zu beantworten:<br />
ffWelche Emissionen lassen sich<br />
statistisch für ein bestimmtes<br />
Anlagenkonzept vorhersagen?<br />
ffSind die gemessenen Emissionen<br />
an einer bestimmten Anlage als<br />
hoch oder niedrig einzustufen? Gibt<br />
es noch Minderungspotenziale?<br />
ffWie hoch sind die Emissionen im<br />
gesamten Anlagenbestand?<br />
Mit den gesammelten Daten aus EvEmBi<br />
sowie verfügbaren Literaturwerten können<br />
Wahrscheinlichkeitsdichten für verschiedene<br />
Emissionsquellen bestimmt und anschließend<br />
für Monte-Carlo-Simulationen<br />
verwendet werden. Gute Datenbestände<br />
gibt es inzwischen für die Emissionen von<br />
pneumatisch vorgespannten Doppelmembrangasspeichern,<br />
Blockheizkraftwerken<br />
(BHKW: Methanschlupf im Abgas und<br />
Leckagen), Biogasaufbereitungsanlagen<br />
(BGAA: getrennt nach Aufbereitungstechnologie).<br />
Für eine detaillierte Beschreibung<br />
des Modells und erste Zwischenergebnisse<br />
sei auf Clauß etal. (2019) (Beitrag zum 14.<br />
Rostocker Bioenergieforum) verwiesen.<br />
Für die Ermittlung der Emissionen des gesamten<br />
Anlagenbestands muss das Modell<br />
jedoch noch zur Ermittlung der Emissionen<br />
aus offener Gärproduktlagerung präzisiert<br />
werden. Hierfür besteht weiterer<br />
Forschungsbedarf. Außerdem sind noch<br />
genauere Bestandsdaten notwendig, die<br />
eine Aussage über die Methanproduktion<br />
bestimmter Anlagenkonzepte zulassen.<br />
Methanemissionsquellen und<br />
Minderungsmaßnahmen<br />
Biogasanlagen bestehen aus mehreren Prozessstufen,<br />
unter anderem:<br />
ffSubstratlagerung, -vorbehandlung<br />
und -einbringung in den Gärprozess.<br />
ffFermentation und Gasspeicherung.<br />
ffGastransport und -konditionierung.<br />
ffGasverwertung.<br />
ffGärproduktaufbereitung und -lagerung.<br />
Emissionsquellen können dabei entlang<br />
der gesamten Prozesskette auftreten. Es<br />
sei an dieser Stelle auf zwei Quellarten im<br />
Detail eingegangen, und zwar Leckagen an<br />
der gasführenden Anlagentechnik und das<br />
betriebsbedingte Auslösen von Über-/Unterdrucksicherungen<br />
der Gasspeicher.<br />
Biogasleckagen spielen für die gesamte<br />
gasdichte Prozesskette eine Rolle. Exemplarisch<br />
dafür stehen die elf untersuchten<br />
Biogasanlagen (DE-Nr.) im Vorhaben<br />
EvEmBi, an denen unter anderem eine<br />
umfangreiche Leckagesuche durchgeführt<br />
wurde (Abbildung 1 auf Seite 113). Die Resultate<br />
bestätigen Auswertungen bekannter<br />
Dienstleister. An drei geprüften Anlagen<br />
wurden jeweils mindestens zehn Leckagen<br />
detektiert (DE-07, -09, -10). Bleiben diese<br />
unberücksichtigt, wurden im Mittel dennoch<br />
4,5 Leckagen (Median: 5) je Anlage<br />
detektiert.<br />
Häufige Problemstellen sind die Folienanbindung<br />
der Gasspeicher zur Behälterwand<br />
(Klemmschlauch, Klemmschiene), undichte<br />
Seildurchführungen von Tauchmotorrührwerken,<br />
Mikrorisse in Beton- bzw.<br />
Festdachbehältern und die Anlagen zur<br />
Gasverwertung. Ursachen hierfür liegen<br />
114
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
WISSENSCHAFT<br />
zum einen in der Materialalterung und<br />
der mechanischen Belastung durch Witterungseinflüsse.<br />
So zeigte sich bei den<br />
untersuchten Anlagen die Tendenz, dass<br />
sich die Anzahl detektierter Leckagen mit<br />
zunehmenden Alter erhöht (Abbildung 2).<br />
Zum anderen werden Leckagen aber auch<br />
durch eine mangelnde Sorgfalt bei der<br />
Montage oder Wartung verursacht (siehe<br />
Tabelle). So wurden beispielsweise an<br />
einem neu gebauten Gasspeicher an der<br />
Anlage DE-09 aufgrund der mangelhaften<br />
Montage der Klemmschiene zahlreiche<br />
Leckagen festgestellt, die im Rahmen der<br />
Gewährleistung kostenfrei repariert werden<br />
konnten. Es kann nur jedem Anlagenbetreiber<br />
empfohlen werden – soweit möglich<br />
– neu errichtete Anlagenkomponenten<br />
nochmals eigenständig auf Gasdichtigkeit<br />
zu prüfen, um gegebenenfalls auftretende<br />
Mängel innerhalb der Gewährleistungsfrist<br />
beim Hersteller anzuzeigen.<br />
Ein weiterhin sehr wichtiges Thema bleibt<br />
die Vermeidung von Methanemissionen aus<br />
Über-/Unterdrucksicherungen (ÜUDS). An<br />
den elf Biogasanlagen des EvEmBi-Vorhabens<br />
wurden zum einen an drei Anlagen<br />
Leckagen an den ÜUDS entdeckt (mangelhafte<br />
Wasservorlagen oder offene Kugelhähne).<br />
Es ist also sehr wichtig, diese<br />
Sicherheitseinrichtungen regelmäßig einer<br />
Sichtprüfung zu unterziehen, um Fehlfunktionen<br />
zu vermeiden. Zum anderen wurde<br />
aber auch an vier von elf untersuchten Anlagen<br />
das betriebsbedingte Auslösen der<br />
ÜUDS registriert.<br />
Langzeitmessungen des Auslösens von<br />
ÜUDS zeigten, dass diese eine relevante<br />
Emissionsquelle sein können, aber auch,<br />
dass sich diese Emissionen im Anlagenbetrieb<br />
durch ein geeignetes Biogasspeichermanagement<br />
mindern oder sogar ganz<br />
vermeiden lassen. Besonders wichtig dabei<br />
ist das Füllstandniveau der Gasspeicher<br />
im Normalbetrieb. Es sind ausreichende<br />
Pufferkapazitäten (zum Beispiel 50 bis 70<br />
Prozent) vorzuhalten, um die Ausdehnung<br />
des überschüssig produzierten Biogases<br />
aufzufangen, bevor es abgefackelt werden<br />
muss oder gar über die ÜUDS entweicht.<br />
Störeinflüsse können unter anderem sein:<br />
ffSaisonale Einflüsse beziehungsweise<br />
(plötzliche) Temperatur- oder Luftdruckänderungen,<br />
die zu einer schnellen<br />
Ausdehnung des gespeicherten<br />
Biogases führen.<br />
ffBetriebsstörungen, wie zum Beispiel<br />
Ausfälle der primären Gasverwertung<br />
bei gegebenenfalls gleichzeitig fehlendem<br />
Fackelbetrieb.<br />
ffNicht ausreichend schneller Gastransport<br />
zur Gasverwertung beziehungsweise<br />
ungleichmäßige Füllstände in<br />
mehreren miteinander verschalteten<br />
Gasspeichern.<br />
Ergriffene Maßnahmen zur Minderung von Methanemissionen aus Leckagen<br />
Anlage Anlagenkomponente Ursache (Maßnahme) Erfolgskontrolle<br />
DE-01<br />
DE-07<br />
DE-08<br />
DE-09<br />
DE-10<br />
Zwei Lecks an Regelventilen<br />
der BGAA<br />
Ein Leck an einer Seildurchführung<br />
eines Tauchmotorrührwerkes<br />
Drei Lecks an der externen<br />
Entschwefelungseinrichtung<br />
Ein Leck am stationären Messgerät<br />
für die Biogaszusammensetzung<br />
Ein Leck an einem Sensor in der<br />
Gasleitung zum BHKW<br />
13 Lecks an der Folienanbindung<br />
eines neu errichteten, integrierten<br />
Gasspeichers<br />
Vier Lecks an Seildurchführungen<br />
von Tauchmotorrührwerken<br />
Zwei Lecks an einen Revisionsschacht<br />
im Betondach<br />
Ein Leck an einer neu errichteten<br />
Biogasleitung<br />
Vermutlich Alterung (Reparatur durch den<br />
Anlagenbetreiber)<br />
Alterung/Auflösung der Einfettung (Erneuerung<br />
der Einfettung durch den Anlagenbetreiber)<br />
Alterung (Reparatur durch den Anlagenbetreiber)<br />
Mangelhafte Wartung (Reparatur durch den Gerätehersteller<br />
im Rahmen der Gewährleistung)<br />
Mangelhafte Montage (Reparatur durch den Anlagenbauer<br />
im Rahmen der Gewährleistung)<br />
Mangelhafte Montage (Reparatur durch den Anlagenbauer<br />
im Rahmen der Gewährleistung)<br />
Alterung/Auflösung der Einfettung (Erneuerung<br />
der Einfettung durch den Anlagenbetreiber)<br />
Alterung des Betondaches (Reparatur durch den<br />
Anlagenbetreiber)<br />
Mangelhafte Montage der Gasleitung (Reparatur durch den<br />
Anlagenbauer im Rahmen der Gewährleistung geplant)<br />
Indirekt durch<br />
Betreiberaussage<br />
Direkt durch erneute<br />
Leckageidentifikation<br />
Direkt durch erneute<br />
Leckageidentifikation<br />
Direkt durch erneute<br />
Leckageidentifikation<br />
Noch nicht<br />
durchführbar<br />
In einem Einzelfall konnten in der Praxis<br />
die betriebsbedingten Methanemissionen<br />
aus den ÜUDS bereits um 70 Prozent gesenkt<br />
werden.<br />
Wissenstransfer und<br />
Freiwilligensysteme<br />
Um das Thema Emissionsminderung und<br />
dessen Bedeutung und Notwendigkeit in<br />
der Praxis besser zu vermitteln, wurde in<br />
Zusammenarbeit mit dem Fachverband<br />
Biogas e.V. ein Hintergrundpapier (H-011 –<br />
Methanemissionen an Biogasanlagen) ausgearbeitet<br />
und veröffentlicht. Außerdem<br />
wurden in Kooperation mit dem „Schulungsverbund<br />
Biogas“ Foliensätze erarbeitet,<br />
um das Thema mit in die Grund- und<br />
Aufbauschulungen für Anlagenbetreiber zu<br />
integrieren. Diese sollen kontinuierlich und<br />
entsprechend den aktuellen Entwicklungen<br />
angepasst und weiterentwickelt werden.<br />
In Dänemark und Schweden sind bereits<br />
Freiwilligensysteme etabliert, in denen<br />
sich Anlagenbetreiber zu regelmäßigen<br />
Emissionsmessungen bereit erklären, entsprechend<br />
den Messergebnissen Maßnahmen<br />
zu ergreifen. So lassen sich in einem<br />
kontinuierlichen Prozess Erfolge bei der<br />
Emissionsminderung darstellen. Weitere<br />
Informationen hierzu lassen sich dem genannten<br />
Hintergrundpapier entnehmen.<br />
1)<br />
Förderung durch den 11. Aufruf von<br />
ERA-NET Bioenergy. In Deutschland Förderung<br />
durch das Bundesministerium für<br />
Ernährung und Landwirtschaft vertreten<br />
durch den Projektträger Fachagentur<br />
Nachwachsende Rohstoffe e.V. FKZ:<br />
22407917, 22408017.<br />
Hinweis: Das Literaturverzeichnis ist auf<br />
Anfrage bei den Autor*innen erhältlich.<br />
Autoren<br />
Dr. Tina Clauß und<br />
Dipl.-Ing. (FH) Torsten Reinelt<br />
Technischer Mitarbeiter<br />
Bereich Biochemische Konversion (BK)<br />
DBFZ Deutsches Biomasseforschungszentrum<br />
gemeinnützige GmbH<br />
Torgauer Straße 116 · 04347 Leipzig<br />
03 41/24 34-374<br />
torsten.reinelt@dbfz.de<br />
www.dbfz.de<br />
115
INTERNATIONAL<br />
BIOGAS JOURNAL Das Unternehmen | 1_<strong>2021</strong><br />
PRODEVAL besteht seit<br />
30 Jahren. Es hatte<br />
sich zunächst auf Anlagen<br />
für Abfalldeponien<br />
spezialisiert. Seit acht<br />
Jahren ist es im Bereich<br />
Biomethan aktiv<br />
und seit zwei Jahren<br />
mit 150 realisierten<br />
Gaseinspeiseanlagen<br />
nach eigenen Angaben<br />
Marktführer.<br />
FRANKREICH<br />
Neue Biomethanproduktion<br />
wird erschwert<br />
Paris<br />
Um der aktuellen Wirtschaftskrise entgegenzuwirken, die durch SARS-<br />
CoV-2 hervorgerufen ist, hat die französische Regierung einen Stärkungsfonds<br />
in Höhe von 10 Milliarden (Mrd.) Euro (€) aufgelegt, den Plan de<br />
Relance, davon sind 3 Mrd. € im Bereich Ökologie vorgesehen. Es stellt<br />
sich dabei die Frage, wie und ob die französische Biogasbranche unterstützt<br />
wird. Vor diesem Hintergrund erfolgt hier eine Momentaufnahme<br />
für den Biogas- und Biomethanbereich in Frankreich.<br />
Von EUR ING Marie-Luise Schaller<br />
Betrachtet man die aktuellen Branchenstatistiken,<br />
so zeigen diese bisher eine durchweg<br />
positive Entwicklung. Mitte 2020 waren<br />
offiziell 828 Biogasanlagen mit 508 Megawatt<br />
(MW) elektrischer Leistung an das<br />
Stromnetz sowie 149 Biomethananlagen mit 2.652<br />
Gigawattstunden (GWh) pro Jahr an das Erdgasnetz angeschlossen.<br />
Ein beträchtliches Volumen von weiteren<br />
1.110 Biomethanprojekten mit einer Maximalkapazität<br />
von 25.000 GWh pro Jahr war zum Berichtszeitpunkt<br />
bei den Netzbetreibern in Bearbeitung. Während sich<br />
ein kontinuierlicher Aufwärtstrend bei den stromerzeugenden<br />
Biogasanlagen zeigt, ist die Ausbauaktivität<br />
bei Biomethananlagen, die ins Netz einspeisen, sogar<br />
beschleunigt (siehe Abbildung).<br />
Bisher galten folgende Vergütungsrahmen: Biogasanlagen<br />
bis maximal 500 Kilowatt (kW) elektrische Leistung<br />
erhalten eine feste Einspeisevergütung für 20 Jahre,<br />
die für Anlagen bis maximal 80 kW bei 16,74 Cent<br />
pro Kilowattstunde (ct/kWh) und bei Anlagen von 500<br />
kW bei 14,34 ct/kWh liegt (Stand April 2020) und seit<br />
2018 einer Degression von 0,5 Prozent je Quartal folgt.<br />
Für die Gülleverwertung wird ein Bonus von maximal 5<br />
ct/kWh gewährt. Biogasanlagen von mehr als 500 kW<br />
unterliegen dem Ausschreibungsgebot.<br />
Biomethananlagen erhalten seit 2016 und bis dato<br />
eine feste Einspeisevergütung für 15 Jahre, die aus<br />
einem Basistarif in Höhe von 6,4 bis 9,5 ct/kWh und<br />
einem Bonus für verschiedene Substrate und die Größe<br />
der Anlage besteht und zwischen 0,5 und 3,9 ct/kWh<br />
liegt. Der Gesamtwert kann zwischen 6,4 und 13,9 ct/<br />
kWh variieren.<br />
Im Zusammenhang mit der nationalen Biogasmesse<br />
Expo Biogaz wurde angegeben, dass im Mittel drei bis<br />
vier direkte Arbeitsplätze je Anlage geschaffen worden<br />
seien und bis zum Jahr 2030 der Bestand auf insge-<br />
FOTO: PRODEVAL<br />
116
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
INTERNATIONAL<br />
Französische Biomethanproduktion in GWh, Quartalswerte, seit 2015<br />
samt 53.000 Arbeitsplätze ausgebaut werden<br />
soll. Doch derzeit verändern sich die<br />
Rahmenbedingungen entscheidend.<br />
Neue Herausforderungen<br />
Bereits im April wurden die überarbeiteten<br />
Energiewirtschaftsprogramme veröffentlicht,<br />
die Programmations pluriannuelles<br />
de l’énergie (PPE). Während die PPE von<br />
2016 für das Jahr 2023 eine Biomethaneinspeisung<br />
in Höhe von 8.000 GWh pro<br />
Jahr vorsah, strebt das aktualisierte Programm<br />
nun ein Ziel von 6.000 GWh pro<br />
Jahr an. Im Gesetz von 2015 war ein Ziel<br />
von 10 Prozent für den Anteil an grünem<br />
Gas bei der Endenergie vorgesehen, in den<br />
neuen PPE sollen diese auf etwa 7 Prozent<br />
gesenkt worden sein.<br />
Am 25. November 2020 ist zudem die lang erwartete<br />
Novellierung der Vergütungen im Biomethansektor in<br />
Kraft getreten. Diese wirft aber bei zahlreichen Akteuren<br />
Fragen über die Zukunftsfähigkeit der Branche auf,<br />
wie zum Beispiel bei der Kanzlei Green Law Advocats.<br />
Ihrer Meldung ist zu entnehmen, dass zwei Erlasse<br />
mit sofortiger Wirkung die Vergütung für alle Anlagen<br />
regeln, deren Einspeisevertrag ab dem 24. November<br />
2020 geschlossen worden ist.<br />
Neu sei eine Verpflichtung zur Ausschreibung für Anlagen<br />
ab 300 Normkubikmeter pro Stunde (Nm³/h)<br />
(ohne Deponiegasanlagen) sowie die Einführung einer<br />
Degression und die Möglichkeit, vertraglich abgestimmte<br />
Maximalmengen innerhalb bestimmter Modi<br />
zu variieren. Die Vertreterin der Kanzlei, RA Stéphanie<br />
Gandet, befürchtet, dass die Finanzierung mancher<br />
Projekte kippen könnte und kritisiert unter anderem,<br />
dass das neue Regelwerk keinen stabilen Rahmen biete<br />
und nicht wirklichkeitsnah sei.<br />
Die schon im Vorfeld heftige Kritik will die zuständige<br />
Ministerin Barbara Pompili nicht gelten lassen. „Manche<br />
behaupten, die neuen Vergütungsstrukturen könnten<br />
zum Zusammenbruch der Branche führen. Das ist<br />
falsch, ganz einfach,“ hat sie sich in der Eröffnungsrede<br />
der Jahreskonferenz des französischen Gasverbandes<br />
am 28. September vergangenen Jahres geäußert.<br />
Ihrer Meinung nach ist die Biogasbranche seit 2011<br />
mit Vergütungen staatlich unterstützt worden, die dem<br />
fünf- bis zehnfachen Preis des fossilen Gases entsprächen,<br />
und nun würden diese im Einklang mit dem<br />
Wachstum und der Reife der Branche auf Basis einer<br />
konzertierten Erhebung angepasst.<br />
Allerdings sollen die berücksichtigten Vergütungssätze<br />
nach Angaben aus der Gaswirtschaft auf veral-<br />
117
INTERNATIONAL<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
teten Branchenwerten des Jahres 2018<br />
basieren und aktualisierte Werte zurückgewiesen<br />
worden sein. Hinzu kommt, dass<br />
im Zusammenhang mit der neuen Umweltrichtlinie<br />
RE 2020 aus dem Hause von Ministerin<br />
Pompili, mit der Klimaschutzmaßnahmen<br />
für den Gebäudesektor bestimmt<br />
werden, im Neubausektor der Einbau von<br />
Gasheizungen nicht mehr zugelassen ist.<br />
Zu den Nachteilen kommen weitere Änderungen<br />
im Hinblick auf die Herkunftsgarantien<br />
und auf die Steuerbefreiung, die die<br />
Hilfen für Biomethan durch die öffentliche<br />
Hand insgesamt weiter senken. Denn wie<br />
der Think Tank France Biométhane berichtet,<br />
sehe das für <strong>2021</strong> geplante Finanzgesetz<br />
vor, dass Biomethan nicht mehr von<br />
den CO2-Steuern befreit sein, sondern mit<br />
fossilem Gas gleichgestellt werden soll. Die<br />
entscheidende Frage sei, ob es sich bei Biomethan<br />
um ein dekarbonisiertes, also ein<br />
grünes Gas handelt. Und diese ist eindeutig<br />
zu bejahen.<br />
Des Weiteren ist auch in Frankreich eine<br />
wachsende Opposition gegen Biogasprojekte<br />
zu beobachten, wo angeblich 172 Vereine<br />
168 Standorte bekämpfen sollen und<br />
ein zunehmendes Misstrauen der Bevölkerung<br />
gegeben sei. Schließlich beinhaltet<br />
auch der Plan de Relance keine Aufrufe,<br />
die Biogas oder Biomethan direkt adressieren.<br />
France Biométhane greift dies in der<br />
Pressemitteilung vom 2. November 2020<br />
auf: Während die Ziele des Plan de Relance,<br />
Beschäftigungsausbau und Dekarbonisierung<br />
der Industrie, schwer vereinbar<br />
scheinen, sollte man sich die entsprechenden<br />
Hebelwirkungen vergegenwärtigen, die<br />
vom Biomethan ausgehen.<br />
Perspektive der Energiekonzerne<br />
ENGIE arbeitet darauf hin, Marktführer bei<br />
den grünen Gasen zu werden. Der Konzern<br />
verfolge laut Didier Holleaux, dem stellvertretenden<br />
Vorstand des Energiekonzerns,<br />
das Ziel, mindestens 10 Prozent an erneuerbaren<br />
Gasen bis zum Jahr 2030 in das<br />
Netz einzuspeisen. Der Energieversorger<br />
hat eigenen Angaben zufolge 4,5 Millionen<br />
(Mio.) Stromkunden, 7 Mio. Gaskunden<br />
und betreibt 230 Nahwärme- oder Kältenetze<br />
in Frankreich.<br />
In Stains bei Paris hat ENGIE ein neues<br />
Entwicklungscenter für grüne Gase eröffnet,<br />
eine neue Wirkungsstätte im preisgekrönten<br />
Ökodesign für die 200 Forscher<br />
von ENGIE Lab CRIGEN. Weiteren Meldungen<br />
nach hat ENGIE die Verhandlungen zu<br />
einem 5,9 Mrd. Euro schweren Vertrag abgebrochen,<br />
bei dem es um den Import von<br />
US-Flüssiggas für einen Zeitraum von 20<br />
Jahren ging. Grund waren die ökologischen<br />
Bedenken gegen Fracking-Fördermethoden.<br />
Am 26. November 2020 haben GRDF, der<br />
französische Gasnetzbetreiber, und INSA<br />
Toulouse, eine öffentliche Ingenieurschule,<br />
einen Lehrstuhl für Biogas-Innovation<br />
gegründet. Dort soll zusammen mit lokalen<br />
Unternehmen eine praxisnahe Lehre und<br />
Forschung aufgebaut werden, um die Biogasbranche<br />
weiterzuentwickeln. Anlässlich<br />
der Eröffnung im Rahmen einer Onlineveranstaltung<br />
stellten sie ihre aktuellen Projekte<br />
vor und zeigten sich unbeeindruckt<br />
von den aktuellen Änderungen an den Vergütungsstrukturen,<br />
da sie ja zu erwarten<br />
waren. Xavier Passemard, GRDF, bekannte<br />
sich ebenfalls dazu, dass sein Konzern die<br />
Weiterentwicklung der Grünen Gase vorantreibe.<br />
Perspektive eines<br />
Projektentwicklers<br />
Yann Pierre, Verkaufs- und Entwicklungsdirektor<br />
bei PRODEVAL, sieht die neue Lage<br />
eher kritisch. Das Familienunternehmen<br />
PRODEVAL besteht seit 30 Jahren und hatte<br />
sich zunächst auf Anlagen für Abfalldeponien<br />
spezialisiert. Seit acht Jahren ist es<br />
im Bereich Biomethan aktiv und seit zwei<br />
Jahren mit 150 realisierten Gaseinspeiseanlagen<br />
Marktführer. Aus Überzeugung hat<br />
sich PRODEVAL zur Mission gemacht, die<br />
Nutzung von Biogas und Biomethan engagiert<br />
voranzutreiben, da Dienst für die Umwelt,<br />
Nachhaltigkeit und regionale Verbundenheit<br />
zum Leitbild des Unternehmens<br />
gehören.<br />
Auch als Arbeitgeber zeichnet sich das Unternehmen<br />
aus: Der 15 Mitarbeiter starke<br />
Stab ist innerhalb von sieben Jahren auf<br />
200 angewachsen. Weltweit hat das Unternehmen<br />
bisher 150 Biomethananlagen<br />
realisiert, 200 sollen es bis Ende <strong>2021</strong><br />
werden. Auf der Basis dieser Erfahrungen<br />
sieht Yann Pierre zwei Handlungsfelder,<br />
um den Herausforderungen zu begegnen:<br />
„Bis 2028 soll die Vergütung für das eingespeiste<br />
Biomethan um 30 Prozent gesenkt<br />
werden. Das bedeutet, dass die Kosten<br />
entsprechend verringert werden müssen.<br />
Durch eine Standardisierung der Anlagen<br />
und hohe Stückzahlen, die von Rabattvorteilen<br />
profitieren, kann das gelingen. Die<br />
Anlagen müssen einfacher, weniger komplex<br />
gestaltet werden, bei einem vernünftigen<br />
Qualitäts-Preis-Verhältnis.“<br />
Auf der anderen Seite seien geeignete<br />
Geschäftsmodelle zu entwickeln, die die<br />
Chancen des Marktes nutzen. So kenne<br />
man in Frankreich neben reinen BHKW-Anlagen<br />
oder Einspeiseanlagen auch Hybridanlagen,<br />
die beide Verwertungsmethoden<br />
nutzen, wie zum Beispiel mit Agri-GNV-<br />
Anlagen, kleinen landwirtschaftlichen<br />
Tankstellen.<br />
Perspektive der Landwirte<br />
Seitens der Landwirtschaft ergibt sich ein<br />
ernüchterndes Bild, wie Jean-Marc Onno,<br />
Präsident der Vereinigung Biogas produzierender<br />
Landwirte, es klar und knapp ausdrückt:<br />
„Man weiß nicht, wo man landet,<br />
die neuen Richtlinien lassen die Landwirte<br />
zurück.“ Die Regelungen mit vierteljährlicher<br />
Degression, mit flexiblen Maximalvolumen<br />
und die Ausschreibungsverpflichtung<br />
seien kaum zu handhaben, es gibt<br />
wenig Planungssicherheit, und das könne<br />
ein landwirtschaftlicher Betrieb nicht verkraften.<br />
Damit sei der Biomethansektor künftig keine<br />
Option mehr für die Landwirte, um als<br />
Zusatzaktivität zur Existenzsicherung der<br />
Betriebe beizutragen. Und kritisch fügt er<br />
hinzu, dass es dabei auch um die Sicherung<br />
der Grundversorgung des Landes mit<br />
Lebensmitteln gehe. Durch COVID-19<br />
seien viele Tierwirtschaftsbetriebe massiv<br />
belastet, vor allem weil die Abnahme der<br />
Restaurants weggebrochen ist, was teilweise<br />
den Umsatz halbiere.<br />
Doch im Plan de Relance ist nichts für Biogas<br />
oder Biomethan enthalten. Jean-Mark<br />
Onno wird dazu noch das Gespräch suchen<br />
und wenn es sein muss, auch den Präsidenten<br />
Macron nochmals auf seinen Hof in<br />
der Bretagne einladen, den dieser als Präsidentschaftskandidat<br />
schon einmal im Jahr<br />
2017 besucht hatte.<br />
Autorin<br />
EUR ING Marie-Luise Schaller<br />
ML Schaller Consulting<br />
mls@mlschaller.com<br />
www.mlschaller.com<br />
118
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
INTERNATIONAL<br />
Serbien: Biogas kommt voran<br />
Im Mai 2019 startete eine sogenannte Kleinmaßnahme zwischen dem Fachverband Biogas e.V. (FvB) und<br />
der Serbian Biogas Association (SBA). Das Projekt gehörte zum Programm der Kammer- und Verbandspartnerschaften,<br />
das vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert<br />
und von der Sequa gGmbH verwaltet wurde.<br />
Von Antje Kramer<br />
FOTO: SERBIAN BIOGAS ASSOCIATION<br />
Die zunächst auf acht Monate<br />
angelegte Projektlaufzeit war<br />
wegen guter Ergebnisse um<br />
vier Monate verlängert worden;<br />
aufgrund der Covid-19-Situation<br />
und damit einhergehender Behinderungen<br />
im Projektablauf erhielt die<br />
Kurzmaßnahme eine weitere Verlängerung<br />
von fünf Monaten. Am 30.<br />
September 2020 schloss das Vorhaben<br />
mit einer sehr guten Bilanz ab.<br />
Serbien ist in hohem Maße von<br />
Energieimporten abhängig. Dabei<br />
gibt es ein großes Potenzial an Biomasse.<br />
Das hatte zur Folge, dass<br />
die Bioenergie allgemein im serbischen<br />
Energiemix in den vergangenen<br />
Jahren verstärkt gefördert wurde.<br />
Nichtsdestotrotz sieht sich die<br />
Branche einigen Herausforderungen<br />
gegenübergestellt. Bislang fehlten<br />
unter anderem Vermarktungsstrategien<br />
und Nachhaltigkeitskonzepte für die<br />
Nutzung der Wärmeenergie. Eine Wahrnehmung<br />
von Biogas in der Öffentlichkeit<br />
war bis zu Beginn des Projekts kaum vorhanden.<br />
Und auch grundsätzliches Wissen<br />
über diesen Energieträger war kaum ausgeprägt.<br />
So verwundert es auch nicht, dass es<br />
kaum potenzielle Investoren gab, die in die<br />
Biogastechnologie ihr Geld fließen ließen.<br />
Biogas-Konferenz im Oktober 2019 in Belgrad.<br />
Öffentlichkeitsarbeit<br />
vorangetrieben<br />
Angesichts der Herausforderungen im<br />
Land wurde im Projekt viel Augenmerk auf<br />
die Entwicklung einer umfassenden Öffentlichkeitsarbeit<br />
gelegt. Beispielsweise<br />
wurden das Corporate Design des Verbands<br />
sowie die Website überarbeitet und ein<br />
Mitgliederbereich eingerichtet. Darüber<br />
hinaus wurden ein monatlicher Newsletter<br />
in serbischer und englischer Sprache<br />
eingeführt, Fachpublikationen erstellt,<br />
Teilnahmen an wichtigen Messen organisiert<br />
und vor allem wichtige Kontakte zur<br />
Presse aufgebaut (zum Beispiel durch ein<br />
Pressefrühstück).<br />
Durch die verstärkte Öffentlichkeitsarbeit<br />
erhielten das Thema Biogas sowie der Verband<br />
selbst vermehrt Medienaufmerksamkeit<br />
(Print, Online, TV und Funk). Eine große<br />
Biogas-Konferenz in Belgrad im Oktober<br />
2019 unter Teilnahme des Energieministers<br />
Aleksandar Antić trug außerdem zu<br />
einem lang nachhallenden Echo innerhalb<br />
der Biogas- und Erneuerbare-Energien-<br />
Branche bei.<br />
Wissenschaft entdeckt Thema<br />
Biogas<br />
Die neue Außenwahrnehmung führte dazu,<br />
dass nationale Forschungs- und Lehrinstitutionen<br />
auf den Verband und das Thema<br />
aufmerksam geworden sind. So kamen<br />
gleich mehrere Universitäten auf den Verband<br />
zu, um Vorträge und Seminare zu<br />
Biogas anzufragen. Die SBA entwickelte<br />
im Verlauf des Projekts ein Biogas-Basics-<br />
Seminar. Weitere Kooperationen mit Universitäten<br />
werden aktuell ausgebaut.<br />
Der Know-how-Transfer und der weitere<br />
Netzwerkausbau standen ebenfalls im<br />
Fokus der Kooperation zwischen den beiden<br />
Verbänden. So hielt der FvB mehrere<br />
Workshops für Verbandsangehörige und<br />
-mitglieder, unter anderem zum Thema<br />
Sicherheit auf Biogasanlagen. Außerdem<br />
wurde für ausgewählte Personen eine Delegationsreise<br />
nach Deutschland im Dezember<br />
2019 organisiert, bei der<br />
sich die Teilnehmenden über die<br />
gesamte Bandbreite von Biogas in<br />
Deutschland informieren konnten.<br />
Dies schloss auch einen Besuch der<br />
BIOGAS Convention 2019 in Nürnberg<br />
ein, inklusive einer Präsentation<br />
über den serbischen Biogasmarkt.<br />
Leitfaden für Banken und<br />
Behörden<br />
Des Weiteren rückte die Lobbykompetenz<br />
des serbischen Verbands verstärkt<br />
ins Licht. Die SBA konnte die<br />
Beziehungen zu einigen Ministerien,<br />
wie zum Beispiel dem Ministerium<br />
für Bergbau und Energie (MRE) und dem<br />
Ministerium für Landwirtschaft, Forstwirtschaft<br />
und Wassermanagement (MPSV),<br />
vertiefen. Anfang 2020 wurde die SBA zudem<br />
vom MPSV direkt aufgefordert, einen<br />
Biogas-Leitfaden für Banken und Behörden<br />
zu entwickeln. Dieser Leitfaden soll dabei<br />
unterstützen, das gegenwärtige Unwissen<br />
über Biogas und die damit einhergehende<br />
Skepsis gegenüber dem Sektor abzubauen.<br />
Im September 2020 wurde der fertige Guide<br />
an das Ministerium übergeben und ist<br />
auf der Website des serbischen Verbandes<br />
verfügbar, aktuell nur in serbischer Sprache<br />
(https://biogas.org.rs/en/).<br />
Autorin<br />
Antje Kramer<br />
Projekt-Managerin<br />
Referat International<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
0 81 61/98 46 60<br />
international@biogas.org<br />
119
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Aus der<br />
Verbandsarbeit<br />
BERICHT AUS DER GESCHÄFTSSTELLE<br />
EEG-Diskussion bis kurz<br />
vor Weihnachten<br />
Im Verband und insbesondere im Referat Politik/Hauptstadtbüro Bioenergie<br />
drehte sich vieles um das parlamentarische Verfahren zum EEG<br />
<strong>2021</strong>. Die Geschäftsstelle des Fachverbandes Biogas e.V. (FvB) sowie<br />
unsere Allianzpartner setzten alles daran, auf den letzten Metern noch<br />
weitere Verbesserungen für Biogas im Gesetzesentwurf zu erreichen.<br />
Von Dr. Stefan Rauh und Dipl.-Ing. agr. (FH) Manuel Maciejczyk<br />
Neben vielen politischen Gesprächsterminen<br />
und politischer<br />
Öffentlichkeitsarbeit<br />
konnten wir auch in der öffentlichen<br />
Anhörung im Bundestag<br />
unsere Anliegen nochmals platzieren.<br />
Noch zum Redaktionsschluss dieser<br />
Ausgabe Mitte Dezember wurde um die<br />
Details der Novelle gerungen. Parallel nehmen<br />
die Gesetzgebungsprozesse zur Umsetzung<br />
der EU-Richtlinie für Erneuerbare<br />
Energien, RED II, Fahrt auf.<br />
Wir setzen uns für eine ambitionierte Treibhausgasminderungsquote<br />
ebenso ein wie<br />
für eine praxistaugliche Ausgestaltung der<br />
Anforderungen an den Nachweis der Nachhaltigkeit.<br />
Neben diesen inhaltlichen Großbaustellen<br />
bewegt uns dieser Tage zudem<br />
die Fertigstellung einer anderen Baustelle:<br />
Unser neues Büro im Haus der Erneuerbaren<br />
Energien auf dem EUREF Campus in<br />
Berlin ist endlich fertig und wurde von uns<br />
Anfang Dezember bezogen.<br />
EEG-Novelle, Ausschreibungen<br />
und MaStR<br />
Die EEG-Novelle <strong>2021</strong>, die EEG-Ausschreibung<br />
am 1. November 2020 sowie<br />
die Meldepflichten zum Marktstammdatenregister<br />
haben die Arbeit im Referat<br />
Mitgliederservice in den letzten Wochen<br />
geprägt. Diese Themen wurden auch in den<br />
Rundschreiben und den angebotenen Web-<br />
Veranstaltungen aufgegriffen. Darüber hinaus<br />
wurde auch die Arbeitshilfe A-019 zum<br />
Marktstammdatenregister überarbeitet. In<br />
der Arbeitshilfe wird die Registrierung einer<br />
Biogasanlage mit Blockheizkraftwerk<br />
(BHKW) in Form von Bildern und Erläuterungstexten<br />
Schritt für Schritt erklärt. Die<br />
Arbeitshilfe steht unter www.biogas.org im<br />
Bereich Fachthemen unter Arbeitshilfen<br />
zum Download bereit.<br />
EEG auch im Fokus der Juristen<br />
Ein wichtiger Punkt im Rahmen der EEG-<br />
Novelle sind die Vorgaben für das Einspeisemanagement<br />
und die Fernsteuerbarkeit<br />
der Anlagen. Perspektivisch soll hier eine<br />
jederzeitige und stufenlose Regelung ermöglicht<br />
werden. Die vielfältigen Problemstellungen,<br />
die mit dieser Regelung<br />
verbunden sind, wurden durch das Referat<br />
Energierecht und -handel sowie das<br />
Referat Technik zusammengestellt. Eine<br />
Lösung soll über den Bundesverband Er-<br />
120
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
VERBAND<br />
neuerbare Energie e.V. (BEE) in enger Abstimmung<br />
mit dem Fachverband durchgesetzt<br />
werden.<br />
Um unsere Mitglieder auch in diesem Jahr<br />
bestmöglich bei der Konformitätserklärung<br />
zu unterstützen, werden derzeit die Erklärungen<br />
überarbeitet und an die Rechtsprechung<br />
angepasst. Wir gehen davon aus,<br />
dass die neuen Erklärungen bis Ende Januar<br />
zur Verfügung stehen.<br />
Die rechtliche Bewertung von Satelliten-<br />
BHKW-Konstellationen in Bezug auf den<br />
Anlagenbegriff hat die Branche im Jahr<br />
2020 sehr bewegt. Entgegen vieler Widerstände<br />
hat das Referat Energierecht nun erfolgreich<br />
für ein Hinweisverfahren bei der<br />
Clearingstelle geworben. Zu diesem nun<br />
eröffneten Verfahren wird der Fachverband<br />
bis Mitte Januar Stellung nehmen.<br />
Redispatch rückt näher<br />
Im November hat die Bundesnetzagentur<br />
verschiedene Festlegungen zum Redispatch<br />
(damit auch für das Thema Einspeisemanagement)<br />
getroffen, die im Sommer<br />
zu Konsultation gestellt wurden. Da das<br />
Thema Redispatch ab Oktober <strong>2021</strong> auch<br />
für Biogasanlagen relevant werden wird,<br />
haben wir uns auch mit entsprechenden<br />
Stellungnahmen beteiligt. Durch die getroffenen<br />
Festlegungen werden die Anforderungen,<br />
die auf die Branche zukommen,<br />
immer konkreter. Wir planen aus diesem<br />
Grund Anfang <strong>2021</strong>, für alle unsere Mitglieder<br />
ein kostenfreies Webinfo-Seminar<br />
anzubieten, in dem wir Ihnen die Anforderungen<br />
des Redispatch 2.0 für die Biogasbranche<br />
näherbringen werden.<br />
Unterstützung bei Meldefristen<br />
zum Jahresabschluss<br />
Die Fachverband Biogas Service GmbH hat<br />
zum Jahresabschluss noch verschiedene<br />
Web-Seminare angeboten, um unsere Mitglieder<br />
bei wichtigen Meldefristen zu unterstützen.<br />
Hervorzuheben ist an dieser Stelle<br />
ein Seminar zum Thema Strom- und Energiesteuer.<br />
Hier wurden verschiedene Möglichkeiten<br />
erläutert, wie Betreiber bis zum<br />
31. Dezember noch Steuerentlastungen<br />
beantragen konnten bzw. wie in Zukunft<br />
unter bestimmten Voraussetzungen eine<br />
Steuerbefreiung genutzt werden kann. Dr.<br />
Rauh erläuterte als Referent an dieser Stelle<br />
unter anderem ein neues, pauschales<br />
Verfahren, durch das eine Rückerstattung<br />
der Stromsteuer für den in der Anlage verbrauchten<br />
Strom in Anspruch genommen<br />
werden kann.<br />
Ein weiteres hoch aktuelles Thema wurde<br />
mit dem Web-Seminar „Ausfüllhinweise<br />
zum Marktstammdatenregister“ angesprochen.<br />
Bis zum 31. Januar <strong>2021</strong> müssen<br />
alle Anlagen im Register gemeldet sein.<br />
Da viele Anlagen dieser Meldepflicht noch<br />
nicht nachgekommen sind, haben wir mit<br />
einem Praxisbeispiel gezeigt, wie die Anmeldung<br />
üblicherweise zu erfolgen hat.<br />
Zusammen mit unseren Arbeitshilfen haben<br />
unsere Mitglieder damit umfassende<br />
Informationen erhalten, um die Eintragung<br />
problemlos vornehmen zu können.<br />
Überarbeitung des<br />
Biogashandbuches Bayern<br />
Das mit der Überarbeitung des Biogashandbuches<br />
Bayern zuständige Landesamt<br />
für Umwelt (LfU) in Bayern hat dem FvB<br />
die Möglichkeit gegeben, relevante Kapitel<br />
vor einer Veröffentlichung zu sichten und<br />
zu kommentieren. In den vergangenen<br />
Wochen wurde daher referatsübergreifend<br />
eine intensive Kommentierung der umfangreichen<br />
Änderungen vorgenommen und<br />
dem LfU übermittelt.<br />
Im Referat Hersteller und Technik waren in<br />
den vergangenen Wochen die Begleitung<br />
der TRAS 320, wo es um die Standsicherheit<br />
von Gärbehältern und Gasspeicherdächern<br />
geht, die Bearbeitung eines Standardentwurfes<br />
für die UNIDO in Kenia, die<br />
Umsetzung der TRAS 120 sowie die umfangreichen<br />
Fragestellungen in Bezug auf<br />
die N-Deposition beim SCR-Katalysator<br />
und die Neufassung des LAI-Beschlusses<br />
zum Luftreinhaltebonus im Fokus der Bearbeitung.<br />
Bezüglich der Neufassung beim<br />
Luftreinhaltebonus hatte der FvB kurzfristig<br />
eine umfangreiche Stellungnahme<br />
an die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft<br />
Immissionsschutz (LAI) geschickt, da der<br />
im Oktober veröffentlichte Beschluss zu<br />
erheblichen Interpretationsproblemen geführt<br />
hatte.<br />
Im Rahmen der Mitwirkung bei der Überarbeitung<br />
der TRGS 529 wurde am 1. Dezember<br />
2020 in der Arbeitsgruppe „Spurenelemente“<br />
des FVB die Verwendung<br />
von fermentierbaren Säcken sowie EDTA-<br />
Komplexen mit Herstellern und Inverkehrbringern<br />
diskutiert. Die dabei gewonnenen<br />
Erkenntnisse werden jetzt im weiteren<br />
Prozess zur Überarbeitung der TRGS 529<br />
einfließen.<br />
Schulungsverbund Biogas bietet<br />
erste Online-Betreiberschulungen<br />
an<br />
Auch der Schulungsverbund Biogas ist<br />
durch die Corona-Pandemie weiterhin<br />
betroffen. Die im Schulungsverbund organisierten<br />
Bildungseinrichtungen reagieren<br />
bisher sehr unterschiedlich auf die<br />
Beschränkungen. Teilweise finden nach<br />
wie vor noch Präsenzschulungen in entsprechend<br />
großen Räumen sowie mit abgestimmten<br />
Hygienekonzepten statt, oder<br />
aber werden Schulungen auf das Jahr <strong>2021</strong><br />
verschoben.<br />
Da der Bedarf an Auffrischungsschulungen<br />
gemäß TRGS 529 und TRAS 120 weiterhin<br />
besteht, hat der Schulungsverbund Biogas<br />
beim Ausschuss für Gefahrstoffe (AGS)<br />
und beim Bundesumweltministerium<br />
(BMU) eine Ausnahmegenehmigung für<br />
qualitätsgesicherte Online-Auffrischungsschulungen<br />
erhalten. Die entsprechenden<br />
aktuellen Schulungstermine sind im Terminkalender<br />
des Schulungsverbundes Biogas<br />
(www.schulungsverbund-biogas.de) zu<br />
finden.<br />
Arbeitsschwerpunkte im Referat Qualifizierung<br />
und Sicherheit sind die Erstellung<br />
einer Arbeitshilfe zum sicheren Betrieb von<br />
Gärprodukttrocknungsanlagen, wo eine<br />
intensive Diskussion zum Thema Staub-<br />
Explosionsschutz stattfindet, sowie eine<br />
Weiterführung der Arbeitsgruppe „sichere<br />
Instandhaltung“. Hier steht die fachliche<br />
Begleitung der Überarbeitung der TRGS<br />
529 an und die Diskussion eines sicheren<br />
Arbeitsverfahrens beim Wechsel von Gasspeichermembranen.<br />
Änderungsverordnung zur AwSV<br />
Das Verordnungsgebungsverfahren zur ersten<br />
Änderungsverordnung der AwSV stockt<br />
weiterhin – die Diskussionen um die damit<br />
geplanten Regelungen für die externe Gärrestlagerung<br />
allerdings nicht, womit die<br />
AwSV weiterhin Arbeitsschwerpunkt im<br />
Referat Genehmigung war und ist. Besonderen<br />
Raum nahm in den vergangenen Wochen<br />
auch die TRwS 793-1 ein: Hier galt es<br />
im Rahmen einer Schlichtungsverhandlung<br />
noch einen tragbaren Kompromiss für die<br />
Anforderungen an die umwallte Fläche zu<br />
finden – was letztlich gelang.<br />
Zwar konnte der Nachweis der Eignung der<br />
umwallten Fläche mittels Versickerungsversuch<br />
mit Gärsubstrat nicht durchgesetzt<br />
werden, allerdings wurde eine<br />
121
VERBAND<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
Einigung erzielt, dass der Nachweis eines<br />
kf-Werts von 10-5 ausreichend ist. Weitere<br />
bestimmende Themen im Referat Genehmigung<br />
sind weiterhin der Vollzug der 44.<br />
BImSchV sowie die Änderung der Abwasserverordnung,<br />
deren Anhang 23 zukünftig<br />
auch auf Abfall- sowie Gülle (mit-)vergärende<br />
Biogasanlagen anwendbar sein soll.<br />
Zu letzterem liegt zwar noch kein Referentenentwurf<br />
vor, die fachliche Diskussion<br />
auf Basis eines Diskussionspapiers ist aber<br />
bereits in vollem Gange.<br />
Forschung zu Stickstoffverlusten<br />
Es startet ein gemeinsames Projekt der Justus-<br />
Liebig-Universität Gießen (JLU), des Karlsruher<br />
Instituts für Technologie (KIT) und des Fachverbandes<br />
Biogas (FvB) mit dem Arbeitsthema „Integrative<br />
Betrachtung von Stickstoff-Umsatzprozessen<br />
zur Optimierung der Stickstoffeffizienz (IBAN)“. In<br />
der deutschen Landwirtschaft und auch bei dem<br />
Anbau von Energiepflanzen werden teilweise hohe<br />
N-Überschüsse beobachtet, die sich nachteilig auf<br />
die Produktionskosten sowie Klima und Umwelt<br />
auswirken. Es ist nach wie vor unklar, wie sich<br />
verschiedene N-Düngestrategien (zum Beispiel<br />
organische und synthetische Düngemittel oder die<br />
Düngung durch den Anbau von N-fixierenden Pflanzen)<br />
auf N-Transformationsprozesse im Boden und<br />
damit auf den Düngebedarf der angebauten Kulturen<br />
auswirken.<br />
Im Rahmen dieses Projektes sollen die verschiedenen<br />
N-Verluste (Nitrat, Ammoniak, Lachgas<br />
und molekularer Stickstoff) in Exaktversuchen<br />
ermittelt werden. Zudem sollen durch gezielte<br />
Praxisbefragungen N-Düngestrategien verglichen<br />
werden. Dieses Projekt soll die Kenntnisse über den<br />
N-Kreislauf wesentlich erweitern und dadurch die<br />
Basis für eine verbesserte N-Nutzungseffizienz geben.<br />
Die Erkenntnisse sind damit auch für unsere<br />
Verbandsarbeit im Zuge der Diskussion rund um<br />
die Düngeverordnung von hoher Relevanz. In Kürze<br />
werden wir Sie über weitere Details zu diesem Projekt<br />
informieren.<br />
International: GAP, Indien,<br />
Uganda<br />
Die EU-Kommission ist in diesem Jahr sehr<br />
aktiv und stellt derzeit im Rahmen des European<br />
Green Deal viele Weichen für die<br />
Land- und Energiewirtschaft. Zum einen<br />
wird die Gemeinsame Agrarpolitik neu gefasst<br />
und werden damit Zahlungen stärker<br />
an ökologischen Vorgaben ausgerichtet<br />
(CAP revision). Auch wird es neue Finanzregeln<br />
geben, die künftig Geldströme überwiegend<br />
in nachhaltige Bereiche umleiten<br />
sollen (Sustainable Finance). Darüber hinaus<br />
wird an einer Methanstrategie gearbeitet<br />
(siehe Seite 56), in der einheitliche<br />
Regeln für technische Vorgaben erarbeitet<br />
werden und Biogas als Lösung zur Vermeidung<br />
von Methanemissionen aus der<br />
Güllelagerung gesehen wird (EU methane<br />
strategy).<br />
Das KVP-Projekt in Indien macht weiterhin<br />
Fortschritte. Die virtuelle Trainingstour mit<br />
Beteiligung des Biogas-Fachverbandes lief<br />
sehr erfolgreich. In diesem Rahmen wurde<br />
die für den indischen Markt erstellte Biomethan-Broschüre<br />
veröffentlicht.<br />
Am 4. Dezember fand die Verleihung der<br />
IBA e-Awards für herausragende Leistungen<br />
im Biogassektor statt, bei der Dr.<br />
Claudius da Costa Gomez als Jurymitglied<br />
fungierte. Im Februar plant die IBA eine<br />
eigene Biogas-E-Expo und befindet sich<br />
hierzu in der Konzeptionalisierung.<br />
Das Projekt mit dem ugandischen Biogas<br />
Verband UNBA (Uganda National Biogas<br />
Alliance) startete am 1. Dezember 2020.<br />
Uganda hat aufgrund seiner Lage, der klimatischen<br />
Bedingungen und der starken<br />
Ausrichtung auf die Landwirtschaft sehr<br />
gute Voraussetzungen für den Betrieb von<br />
Biogasanlagen. Das gemeinsame Ziel ist,<br />
einen starken und aktiven Biogas-Dachverband<br />
aufzubauen, der die Nutzung der<br />
Technologie in Uganda nachhaltig und effizient<br />
fördert und den Sektor national und<br />
international repräsentiert. Hierzu werden<br />
Anfang des Jahres erste Gespräche mit den<br />
Vertretern der UNBA stattfinden.<br />
Nach den Trainingsmaterialien und einem<br />
Biogas-Guidebook wurde im Auftrag der<br />
UNIDO nun auch der Entwurf eines Standardentwurfes<br />
(Draft Code of Practice) für<br />
Biogas abgegeben. Der Standardentwurf<br />
beinhaltet die wesentlichen Aspekte für<br />
Planung, Konstruktion, Bau, Betrieb, Wartung,<br />
Umweltschutz sowie Gesundheit und<br />
Sicherheit von Biogasanlagen. Er dient als<br />
Diskussionsgrundlage und Orientierung<br />
für ein technisches Komitee und für das<br />
kenianische Normungsinstitut [Kenyan<br />
Bureau of Standards (KEBS)]. Ziel ist, mit<br />
praktischen Erfahrungen, die sich auch auf<br />
internationaler Ebene bewährt haben, zur<br />
Entwicklung der Biogas-Standards in Kenia<br />
beizutragen.<br />
Biogas Convention digital<br />
erfolgreich<br />
Die Tätigkeiten des Referat Veranstaltungen<br />
lagen im Herbst schwerpunktmäßig<br />
in der Vorbereitung und Durchführung der<br />
Online-Ausgabe der 30. BIOGAS Convention<br />
vom 16. bis 20. November 2020, die<br />
mit über 410 Teilnehmer*innen überaus<br />
erfolgreich verlief. Im Schnitt waren je<br />
Livestream 135 Teilnehmer*innen dabei<br />
und es wurden über 35 Fragen je Vortragsblock<br />
gestellt. Drei Wochen später folgte<br />
die BIOGAS Convention 2020 International<br />
vom 8. bis 10. Dezember 2020. Hier<br />
waren fast 180 Teilnehmer registriert, von<br />
denen ungefähr ein Drittel aus allen Teilen<br />
der Welt zugeschaltet waren. Hier waren im<br />
Schnitt 50 Teilnehmer online.<br />
Neben diesen Projekten liefen im Referat<br />
die Vorplanungen für diverse Veranstaltungen<br />
im Frühjahr, unter anderem den<br />
Biogastagen Bad Waldsee Anfang Januar<br />
und dem Abfallvergärungstag Ende März<br />
sowie verschiedenen Fachgesprächen.<br />
Alle ebenfalls in virtuellen Varianten. Im<br />
Schulungsverbund Biogas konnten immerhin<br />
einige Schulungen im Herbst live<br />
oder online durchgeführt werden, sodass<br />
Betreiber sich auf dem aktuellen Stand<br />
halten konnten.<br />
Schließlich widmete sich das Referat intensiv<br />
den Digitalisierungsmaßnahmen,<br />
die die Veranstaltungen des Fachverbandes<br />
auch im Jahr <strong>2021</strong> begleiten werden.<br />
Verschiedenste Online-Formate von Webkonferenztools<br />
und Meetingplattformen<br />
wurden getestet, um für die Zukunft Onlinetools<br />
zu finden, die es den Mitgliedern<br />
möglichst einfach machen, sich online zu<br />
treffen.<br />
Aktivitäten zu Mobilität und<br />
Wasserstoff<br />
Am 1. Dezember fand das Online-Fachgespräch<br />
„Biogener Wasserstoff in Bayern“<br />
statt, das den Fokus auf die technische<br />
und wirtschaftliche Machbarkeit der Wasserstoffproduktion<br />
auf Biogasanlagen legte.<br />
Die Veranstaltung versammelte über<br />
30 Fachleute aus der kommunalen Wirtschaft<br />
und der Biogasbranche zu einem<br />
Austausch zu Projektideen und Netzwerken.<br />
Die Veranstaltung wurde vom FvB in<br />
Kooperation mit dem Vulkan-Verlag organisiert.<br />
Die Europäische Kommission startete das<br />
Konsultationsverfahren zur Überarbeitung<br />
der Ziele der CO 2<br />
-Flottenregulierung für<br />
Pkw und leichte Nutzfahrzeuge. Dabei<br />
setzt sich der FvB für die Anrechnung der<br />
Klima- und Umweltvorteile von Biomethan<br />
auf die Flottengrenzwerte ein. Statt der<br />
122
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
VERBAND<br />
einseitigen Betrachtung der Emissionswerte<br />
am Auspuff des Fahrzeugs soll der ganze<br />
Lebenszyklus des Kraftstoffs bzw. Antriebs<br />
berücksichtigt werden.<br />
Neue Rote und Gelbe Gebiete<br />
Ab Januar <strong>2021</strong> gelten die verschärften<br />
Anforderungen in mit Nitrat belasteten<br />
und eutrophierten Gebieten. Für die Ausweisung<br />
dieser sogenannten roten und<br />
gelben Gebiete hatten die Bundesländer<br />
seit Veröffentlichung der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift<br />
AVV-GeA im September<br />
bis Dezember 2020 Zeit, die Gebietskulissen<br />
neu auszuweisen. Im November<br />
zeigten nun die ersten Entwürfe einzelner<br />
Bundesländer zur neuen Gebietskulisse,<br />
dass die roten Gebiete teils um 50 Prozent<br />
reduziert werden konnten. Gleichzeitig<br />
wurden allerdings erstmalig auch gelbe<br />
Gebiete ausgewiesen, sodass der Erfolg einer<br />
kleinräumigeren Ausweisung dennoch<br />
zusätzliche, besondere Anforderungen an<br />
die Düngung für Betriebe ergibt und die<br />
verursachergerechte Ausweisung nach wie<br />
vor auf Gemarkungsebene unscharf ist.<br />
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123
VERBAND<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
LANDESVERBAND ERNEUERBARE ENERGIEN (LEE) NIEDERSACHSEN-BREMEN E.V.<br />
Politischer Austausch mit Ministerpräsident Weil<br />
Der LEE, vertreten durch die Vorsitzende<br />
Bärbel Heidebroek,<br />
Thorsten Kruse, geschäftsführendes<br />
Vorstandsmitglied, und<br />
Geschäftsführerin Silke Weyberg<br />
waren zu einem politischen Austausch<br />
beim niedersächsischen Ministerpräsidenten<br />
Stephan Weil und Umweltminister Olaf<br />
Lies eingeladen. Themen waren das EEG<br />
sowie spezielle niedersächsische energiepolitische<br />
Fragestellungen.<br />
Thorsten Kruse verwies auf die besondere<br />
Rolle von Biogas als verlässlichen Partner<br />
im Erneuerbare-Energiesystem. In Niedersachsen<br />
wurden überdurchschnittlich viele<br />
Anlagen flexibilisiert und könnten bei den<br />
richtigen Rahmenbedingungen auch im<br />
Strommarkt als Ausgleichsenergie eingesetzt<br />
werden. Weiteres wichtiges Thema<br />
war der Einsatz von Biomethan im Bereich<br />
der Schwerlastmobilität. Hier gibt es eine<br />
hohe Akzeptanz der Güterverkehrsbranche<br />
und es könnten sofort Umstellungen<br />
von Diesel auf<br />
Gas vorgenommen werden.<br />
Wichtige Voraussetzungen<br />
sind die Schaffung wirtschaftlicher<br />
Rahmenbedingungen<br />
für die Anlagenbetreiber<br />
und der Ausbau<br />
einer Tankstelleninfrastruktur.<br />
Im Genehmigungsbereich<br />
sollte Niedersachsen<br />
sich nicht durch besonders<br />
scharfe Regelungen hervortun,<br />
die den Anlagenbetrieb<br />
erschweren. Der Ministerpräsident<br />
und der Umweltminister<br />
zeigten sich offen<br />
für die Ideen und sagten zu, dass sie als<br />
Land keine verschärften bürokratischen<br />
Auflagen forcieren wollen.<br />
Geschäftsführerin Silke Weyberg verdeutlichte<br />
die Potenziale der Erneuerbaren bei<br />
Links am Tisch: Thorsten Kruse, Bärbel Heidebroeck und Silke<br />
Weyberg mit (rechts am Tisch) Olaf Lies und Stefan Weil.<br />
der regionalen Wertschöpfung. Gerade in<br />
der aktuellen Pandemie, so Weyberg, sind<br />
die Erneuerbaren Garant für wirtschaftliche<br />
Stabilität und verlässliche Einnahmen in<br />
den kommunalen Haushalten.<br />
FOTO: NIEDERSÄCHSISCHEN STAATSKANZLEI<br />
Wie Bio-LNG dem niedersächsischen<br />
Schwerlastverkehr hilft<br />
Wie lässt sich der Einsatz<br />
von Bio-LNG in Niedersachsen<br />
und Bremen<br />
nachhaltig steigern? Welche<br />
rechtlichen Rahmenbedingungen<br />
gilt es zu beachten, welche<br />
technischen Hürden bestehen aktuell?<br />
Diese Fragen diskutierten rund 80 Teilnehmerinnen<br />
und Teilnehmer Anfang November<br />
im Rahmen des Webinars „Kraftstoff<br />
Bio-LNG: Regional, umweltfreundlich,<br />
bezahlbar“, das vom Fachverband Biogas<br />
e.V. und dem LEE Niedersachsen-Bremen<br />
gemeinsam ausgerichtet wurde.<br />
Auf großes Interesse stieß die Frage, welche<br />
Einsatzmöglichkeiten Bio-LNG im Schwerlastverkehr<br />
bietet. Denn der Verkehrssektor<br />
steht vor großen Herausforderungen: Muss<br />
doch der CO 2<br />
-Ausstoß gemäß dem Pariser<br />
Klimaschutzabkommen verringert werden.<br />
Eine Herkulesaufgabe für die ohnehin unter<br />
starkem Kostendruck stehende Logistikbranche.<br />
Aber keine unlösbare. So fährt<br />
ein Lkw mit einer Bio-LNG-Füllung bis zu<br />
1.600 Kilometer weit – weit genug für die<br />
Routenplanung der meisten Logistiker und<br />
Spediteure.<br />
Aber die Bio-LNG-geeigneten Zugmaschinen<br />
sind teuer. Um der Schwerlastbranche<br />
die Anschaffung Bio-LNG-geeigneter Lkw<br />
schmackhaft zu machen, hat der Bund ein<br />
umfangreiches Förderpaket auf den Weg<br />
gebracht. Bis zu 12.000 Euro Zuschuss<br />
pro Fahrzeug können die Logistiker beantragen.<br />
Für die nächsten drei Jahre steht<br />
ein Fördervolumen von fast 1 Milliarde<br />
Euro zur Verfügung. Zudem können sich die<br />
Halter Bio-LNG-betriebener Lkw über eine<br />
Mautbefreiung für die nächsten drei Jahre<br />
freuen. Der Kostenvorteil gegenüber dieselbetriebenen<br />
Lkw liegt bei über 50 Prozent.<br />
Gleichwohl stehen der Branche noch eine<br />
ganze Reihe an Hürden im Weg. So muss<br />
beispielsweise das lückenhafte Tankstellennetz<br />
dringend ausgebaut und der Nutzlastverlust<br />
kompensiert werden. Auch gilt<br />
Digitale Tagung: Teilnehmerinnen und Teilnehmer<br />
Anfang November im Rahmen des Webseminars<br />
„Kraftstoff Bio-LNG: Regional, umweltfreundlich,<br />
bezahlbar“.<br />
der erwartete Wiederverkaufswert der Zugmaschine<br />
als zu gering und die Abschreibungsdauer<br />
als zu lang. Die Teilnehmer<br />
waren sich einig, dass sich Bio-LNG als zukunftsweisender<br />
Kraftstoff etablieren wird.<br />
Zugleich wurde deutlich, dass die Branche<br />
auf die Unterstützung der Politik zählt, um<br />
den Bio-LNG-Markt zukunftsweisend auszugestalten.<br />
FOTO: KERSTIN RIECHMANN/LEE NIEDERSACHSEN-BREMEN<br />
124
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
VERBAND<br />
REGIONALBÜRO SÜD<br />
EEG-Forderungen aus Baden-Württemberg<br />
FOTO: OTTO KÖRNER<br />
Der Bundestag hat im Frühjahr<br />
2020 das Klimaschutzprogramm<br />
(KSP) 2030 beschlossen,<br />
in dem neben dem Kohleausstieg<br />
auch der Ausbau der<br />
Erneuerbaren Energien festgelegt wurde.<br />
Was ist wichtig für die baden-württembergische<br />
Biogasbranche?<br />
1. Gebotshöchstwerte überarbeiten. Das<br />
bedeutet: Kleinere Bestandsanlagen für<br />
die erste 150-kW-Bemessungsleistung<br />
mit 19,4 ct/kWh Gebotshöchstwert<br />
vergüten. 1 ct/kWh mehr entspricht<br />
bei einer 150-kW-Anlage etwa 13.000<br />
Euro. Letztlich sind dies<br />
genau die jährlichen Fixkosten<br />
für Gutachter usw.<br />
Diese Kosten fallen bei<br />
kleinen Anlagen genauso<br />
an wie für große Anlagen<br />
und würden zumindest<br />
die relative Ungleichbehandlung<br />
in diesem Bereich<br />
ausgleichen. Des<br />
Weiteren Abschaffung<br />
der Degression für die<br />
Gebotsobergrenze. Außerdem:<br />
Anreizen ökologisch<br />
besonders wertvoller Einsatzstoffe,<br />
zum Beispiel<br />
Rest- und Abfallstoffe,<br />
Gülle und Mist.<br />
2. Erhöhung der Sondervergütungsklasse<br />
(SVK) auf 150 kW Bemessungsleistung<br />
und Flexibilisierung ermöglichen. Umstieg<br />
bestehender Anlagen in die SVK<br />
nach Ziff. 2.1: zwei Anreize zur vermehrten<br />
Güllevergärung. Pferdemist mit<br />
Gülle und Rinderfestmist gleichstellen.<br />
3. Abdeckpflicht bei 80 bis 99 Prozent Gülleanteil<br />
an den drei Möglichkeiten der TA<br />
Luft ausrichten, keine neuen Standards<br />
im EEG einführen.<br />
4. Flexibilisierung weiterentwickeln. Modell<br />
„Opti-Flex“ (Stauchungsmodell):<br />
Anreiz mit Pflicht zur gelebten Flexibilisierung<br />
– derzeit erst 1,3-fache Flexibilisierung<br />
im Ländle. Gleichbehandlung<br />
bereits bezuschlagter Anlagen beim<br />
Flex-Zuschlag mit neuem EEG <strong>2021</strong>.<br />
Biogas-BHKW sind nur stufenorientiert<br />
technisch steuerbar, nicht stufenlos.<br />
5. Smart-Meter-Pflicht streichen/ersetzen<br />
bzw. orientieren an AG Gateway-Standard.<br />
6. Anpassung des Ausschreibungsvolumens<br />
an die tatsächlich auslaufende<br />
Größe des Anlagenparks. Stromerzeugungsmenge<br />
von 42 TWh aus KSP übernehmen.<br />
7. „Südquote“ in Ausschreibungen: Anpassung<br />
an Windregelung – wenn nicht<br />
im Süden, dann im Norden! Segment für<br />
Biomethananlagen praxisgerecht gestalten<br />
analog zum KWKG. Das heißt, 3.500<br />
Vollbenutzungsstunden statt 1.300!<br />
Im Austausch zum Kabinettsentwurf des EEG <strong>2021</strong> mit MdB Hermann Färber (CDU,<br />
2.v.re) und den Biogas-Unternehmern (von links) Thomas Höfle, Anton Weber,<br />
Martin Rösch, Martin Bareis (Gastgeber), Martin Widmann und Thomas Ehrmann.<br />
8. Bilanzielle Teilung des Biogases nach<br />
Einsatzstoffen zulassen für zukünftig<br />
unterschiedliche Gasverwertungswege.<br />
9. Eigenstromnutzung ermöglichen statt<br />
verbieten.<br />
10. Klarstellung zum Emissionsminderungsbonus<br />
in Ba-Wü: Übernahme der<br />
BMWi-Empfehlung ins EEG <strong>2021</strong>.<br />
11. Wie gehen wir mit bereits bezuschlagten<br />
Anlagen um? Lösungsvorschlag zur<br />
Wiederherstellung der Gleichstellung<br />
zwischen Ausschreibungs-Biogasanlagen<br />
im EEG 2014/2017 und im EEG<br />
<strong>2021</strong>.<br />
12. Corona bedingte Verzögerungen beim<br />
Ausschreibungswechsel beheben.<br />
Nähere Infos zu den baden-württembergischen<br />
Forderungen der Biogasbranche erhalten<br />
Sie gerne beim Verfasser.<br />
Ob die Forderungen, wie sie von unseren<br />
Biogasunternehmern und Firmen aus der<br />
Branche im direkten persönlichen Gespräch,<br />
per Web-Konferenz und schriftlich<br />
an die Volksvertreter vorgetragen wurden,<br />
am Ende tatsächlich im EEG <strong>2021</strong> enthalten<br />
sein werden, ist während des Schreibens<br />
dieser Zeilen Anfang Dezember nicht<br />
sicher. Grund: Weder der Termin der beschließenden<br />
2. und 3. Lesung im Bundestag<br />
(aktuell 17.12.2020) stand fest,<br />
geschweige denn, dass Inhalte erkennbar<br />
waren. Für unsere Branche gilt jedoch, dass<br />
wir in Baden-Württemberg bei den MdB<br />
aus der CDU einen großen Rückhalt, viel<br />
Verständnis und bestmögliche<br />
Unterstützung erfahren<br />
haben!<br />
Dafür ein großes Dankeschön,<br />
denn sie haben die<br />
Bedeutung von Biogas als unverzichtbaren<br />
Bestandteil der<br />
Energiewende erkannt. Es ist<br />
ein Sektorenkopplung beförderndes<br />
Multitalent für eine<br />
sichere, flexible und Biodiversität<br />
fördernde (wenn man<br />
politisch denn diese Qualitäten<br />
anreizt) Strombereitstellung,<br />
für eine zusätzlich die<br />
Wärmewende unterstützende<br />
„grüne Wärme“, für die „Ergrünung“<br />
des bisher sträflich<br />
vernachlässigten Kraftstoff-Bereiches, ob<br />
für den Biomethan-Traktor, den Busverkehr<br />
oder saubere Lkw-Logistik!<br />
Der maßgebliche Weg zu all diesen Sektoren<br />
läuft über aus Biogas aufbereitetes<br />
Biomethan. Dieses in das Erdgasnetz eingespeist<br />
hilft, die durch den vorgezeichneten<br />
Atom- und Kohle-Ausstieg befürchtete<br />
winterliche Dunkelflaute entscheidend abzufedern<br />
und ist ein unersetzlicher Block<br />
einer sicheren und preisgünstigen Stromund<br />
Wärmeversorgung.<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. RU Otto Körner<br />
Regionalreferent Süd<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
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iert unsere Stromnetze und ist für die technische Umsetnergiewende<br />
von entscheidender Bedeutung.<br />
Energiedörfer mit Biogas<br />
Biogas eignet sich hervorragend für die<br />
lokale Energieversorgung – und für neue<br />
Energiekonzepte in Kommunen und<br />
Regionen. Zahlreiche Wärmenetze, die<br />
teilweise genossenschaftlich betrieben<br />
werden, unterstreichen dieses Potenzial.<br />
Regionale Wertschöpfung<br />
Biogasanlagen produzieren dort Energie,<br />
wo sie gebraucht wird: In den Regionen.<br />
Das Geld für den Bau, den Betrieb und<br />
die Instandhaltung der Anlagen bleibt<br />
vor Ort – und fließt nicht in die Taschen<br />
der Ölmultis. Das sichert die regionale<br />
Energieversorgung und ist ein aktiver<br />
Beitrag zur Friedenspolitik.<br />
... und artenreich<br />
Faltblätter<br />
Viele Landwirte verzichten freiwi lig auf einen Teil ihres Gasertrages und setzen<br />
Pflanzen ein, die einen ökologischen Mehrwert für Mensch und Natur haben.<br />
„Die Biogasnutzung bietet die Möglichkeit,<br />
unterschiedlichste Pflanzen sinnvo l anzubauen<br />
und damit einerseits den Boden und das<br />
Grundwasser zu schützen und andererseits die<br />
Artenvielfalt auf den Feldern zu erhöhen.<br />
Das sieht nicht nur schön aus – es ist auch<br />
ein wichtiger Beitrag für den dringend<br />
notwendigen Schutz unserer Insekten.“<br />
Der Fachverband Biogas e.V. ist mit über<br />
4.700 Mitgliedern die größte deutsche<br />
und europä ische Interessenvertretung der<br />
Biogas-Branche.<br />
Ziel der Verbandsarbeit ist es, die to Biogas-<br />
go<br />
erzeugung und -nutzung für die bundes weite<br />
Strom-, Wärme- und Kraftstoff versorgung zu<br />
erhalten und auszubauen.<br />
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Handliche Fakten zur<br />
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Biogasnutzung<br />
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Alternativen Energiepflanzen bietet die Seite<br />
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Der Fachverband Biogas e.V. ist mit über<br />
4.700 Mitgliedern die größte deutsche und<br />
europäische Interessenvertretung der<br />
Biogas-Branche.<br />
Ziel der Verbandsarbeit ist es, die Biogaserzeugung<br />
und -nutzung für die bundesweite<br />
Strom-, Wärme- und Kraftstoffversorgung zu<br />
erhalten und auszubauen<br />
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Wissen_to go_1<br />
BIOGAS<br />
Biogas to go<br />
Artenvielfalt<br />
mit Biogas<br />
Handliche Fakten<br />
zur Biogasnutzung<br />
Biogas kann alles<br />
< - - - - - - - - - - - 116 mm - - - - - - - - - - - > < - - - - - - - - - - - 118 mm - - - - - - - - - - - >< - - - - - - - - - - - 118 mm - - - - - - - - - - - > < - - - - - - - - - - - 116 mm - - - - - - - - - - - ><br />
Das Recycling von Bioabfä len in Biogasanlagen findet über die Vergärung und Kompostierung<br />
statt. Durch biologische Abbauprozesse entsteht in den Fermentern aus<br />
den Kartoffelschalen, dem Pizzarest und dem abgelaufenen Joghurt der Energieträger<br />
Biogas. Übrig bleibt ein hochwertiger Dünger, das sogenannte Gärprodukt.<br />
Dieses liefert a le wichtigen Nähr- und Humusstoffe für das erneute Pflanzenwachstum.<br />
Damit schließt sich der Nährstoffkreislauf. Die Vergärung in Biogasanlagen<br />
steht damit ganz klar vor der Verbrennung oder Deponierung.<br />
tuFige<br />
ierAchie<br />
ndung<br />
eislauf)<br />
rgetische) Verwertung<br />
Potenzial und Perspektive<br />
Die erste Biomethananlage Deutschlands ging 2006 im bayerischen Pliening in<br />
Betrieb. Im Jahr 2018 waren es bereits über 200. So viele wie in keinem anderen<br />
europäischen Land. Zusammen speisen diese Anlagen rund zehn Terawattstunden<br />
Biomethan ins deutsche Gasnetz ein – das entspricht etwa zwölf Prozent der<br />
hierzulande geförderten Erdgasmenge bzw. etwa einem Prozent des nationalen<br />
Erdgasbedarfs. Biomethan verdrängt fossile Energieträger aus dem Markt und<br />
trägt damit zur Versorgungssicherheit bei.<br />
Die Einspeisung von Biomethan ins Gasnetz<br />
ermöglicht es, den Energieträger Biogas<br />
über mehrere Monate zu speichern.<br />
Damit ist Biogas eine hervorragende Ergänzung<br />
zu den fluktuierenden Erneuerbaren<br />
Energien Wind und Sonne und ein<br />
wichtiges Bindeglied der Energiewende.<br />
Auch für kleinere Biogasanlagen kann sich<br />
die Aufbereitung von Biogas zu Biomethan<br />
rechnen. Für den Anlagenbetreiber eröffnen<br />
sich damit vielversprechende Perspektiven<br />
– und auch die Wertschöpfung in<br />
der Region bekommt neue Impulse.<br />
„Wenn unsere Nahrung<br />
schon in der Tonne statt<br />
auf dem Teller landet, dann<br />
sollte sie wenigstens noch<br />
sinnvoll genutzt werden“<br />
... mit großer Bedeutung<br />
Über die Hälfte unseres Endenergieverbrauchs wird für die Wärmeerzeugung eingesetzt.<br />
Um die Energiewende zu schaffen müssen wir auch und gerade bei der<br />
Wärmebereitste lung konsequent auf regenerative Energien setzen. Bioenergie ist<br />
dabei die Nr. 1 unter den Erneuerbaren. Mit der Abwärme der Biogasanlagen können<br />
schon heute über eine Mi lion Haushalte mit klimafreundlicher Heizenergie versorgt<br />
werden. Oder auch viele andere Wärmeabnehmer, wie die Beispiele in diesem<br />
Booklet zeigen.<br />
Georg Hackl, Rode legende<br />
Der Fachverband Biogas e.V. ist mit über<br />
4.700 Mitgliedern die größte deutsche und<br />
europäische Interessenvertretung der<br />
Biogas-Branche.<br />
Ziel der Verbandsarbeit ist es, die Biogaserzeugung<br />
und –nutzung für die bundesweite<br />
Strom-, Wärme- und Kraftstoffversorgung zu<br />
erhalten und auszubauen.<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
Angerbrunnenstr. 12<br />
85356 Freising<br />
A +49 (0)8161 984 660<br />
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www.biogas.org<br />
Wissen_to go_2<br />
Der Fachverband Biogas e.V. ist mit über<br />
4.700 Mitgliedern die größte deutsche<br />
und europä ische Interessenvertretung der<br />
Biogas-Branche.<br />
Ziel der Verbandsarbeit ist es, die Biogaserzeugung<br />
und -nutzung für die bundes weite<br />
Strom-, Wärme- und Kraftstoff versorgung zu<br />
erhalten und auszubauen.<br />
BIOGAS<br />
Handliche Fakten<br />
zur Biogasnutzung<br />
Biogas ist der vielseitigste erneuerbare Energieträger. Das umweltfreundliche<br />
Gas kann sowohl zur Strom- und Wärmegewinnung wie<br />
auch als Kraftstoff eingesetzt werden. Damit ist Biogas eine wichtige<br />
Säule für die bürgernahe und bezahlbare Energiewende!<br />
Strom aus Biogas<br />
v<br />
Biogas versorgt schon heute Millionen Haushalte in<br />
Deutschland mit klimafreundlichem Strom. Bei der<br />
Stromgewinnung im Blockheizkraftwerk entsteht automatisch<br />
auch Wärme.<br />
Wärme aus Biogas<br />
Mit Biogaswärme können zum Beispiel private Haushalte,<br />
kommunale Einrichtungen wie Schulen, Schwimmbäder<br />
und Turnhallen, Gewerbebetriebe oder Gewächshäuser<br />
beheizt werden.<br />
<br />
Kraftstoff aus Biogas<br />
Zu Biomethan aufbereitetes Biogas kann als klimafreundlicher<br />
und effizienter Kraftstoff von jedem CNG<br />
(compressed natural gas)-Fahrzeug getankt werden. Mit<br />
dem Biomethanertrag von einem Hektar Wildpflanzen<br />
kann ein Pkw einmal um die Erde fahren.<br />
Biogas aus<br />
Bioabfällen<br />
Handliche Fakten<br />
zur Biogasnutzung<br />
Biogas ist bunt ...<br />
Biogas entsteht durch die Vergärung biogener Stoffe in einem luftdicht abgeschlossenen<br />
Behälter, dem sogenannten Fermenter. Vergoren werden kann fast a les,<br />
was biologischen Ursprungs ist: Gü le und Mist, Bioabfä le - oder Energiepflanzen.<br />
Letztere werden von den Landwirten extra angebaut. Ende 2018 wuchsen auf gut<br />
1,4 Millionen Hektar Energiepflanzen für den Einsatz<br />
in Biogasanlagen. Das sind rund acht Prozent<br />
der landwirtschaftlichen Nutzfläche.<br />
Fast jede Pflanze eignet sich für die Vergärung:<br />
bunte Wildblumen, weiß blühender Buchweizen<br />
oder die gelb blühende Durchwachsene Silphie.<br />
Sie unterscheiden sich jedoch in ihrem Gas- und<br />
damit Stromertrag. Aus einem Hektar Mais können<br />
ca. 21.000 Kilowattstunden Strom erzeugt<br />
werden. Bei der bunten Alternative Wildpflanzen<br />
liegt der Energieertrag etwa bei der Hälfte.<br />
Zahlreiche Institute und Hochschulen, aber auch<br />
viele Landwirte testen die verschiedensten Pflanzen<br />
auf ihre Biogastauglichkeit. In den letzten<br />
Jahren konnten dabei große Fortschritte erzielt<br />
werden und die Palette der potenziellen Energiepflanzen<br />
wächst kontinuierlich.<br />
Booklet-Artenvielfalt 2018.indd 1 11.07.19 13:48<br />
Endenergieverbrauch in Deutschland im Jahr 2019 nach Strom,<br />
Wärme und Verkehr<br />
in Mi liarden Kilowa tstunden<br />
Wärme und Kälte<br />
(ohne Strom):<br />
1.216,7 Mrd. kWh<br />
50,9 %<br />
*der Stromverbrauch für Wärme und<br />
©2020 Agentur für Erneuerbare Energien e.V.<br />
gesamt<br />
2.391 Mrd. kWh<br />
Verkehr ist im Endenergieverbrauch Strom enthalten.<br />
Que le: eigene Darste lung auf Basis von AGEB/AGEE-Stat<br />
Stand: 3/2020<br />
Ne tostromverbrauch*:<br />
517,8 Mrd. kWh<br />
Verkehr (ohne Strom<br />
und int. Luftverkehr):<br />
656,8 Mrd. kWh<br />
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Der Fachverband Biogas e.V. ist mit über<br />
4.700 Mitgliedern die größte deutsche<br />
und europä ische Interessenvertretung der<br />
Biogas-Branche.<br />
Ziel der Verbandsarbeit ist es, die Biogaserzeugung<br />
und -nutzung für die bundes weite<br />
Strom-, Wärme- und Kraftstoff versorgung zu<br />
erhalten und auszubauen.<br />
Fachverband Biogas e.V.<br />
Angerbrunnenstr. 12<br />
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Wissen_to go_3<br />
BIOGAS<br />
Wissen_to go_4<br />
BIOGAS<br />
Biomethan<br />
Handliche Fakten<br />
zur Biogasnutzung<br />
Wissen_to go_5<br />
BIOGAS<br />
Jetzt<br />
neu<br />
u<br />
Biogas-Wärme<br />
Handliche Fakten<br />
zur Biogasnutzung<br />
Gelebte Kreislaufwirtschaft<br />
Wo Lebensmittel erzeugt und verbraucht werden, entsteht immer auch Abfa l. Das<br />
wird sich nie ganz vermeiden lassen. Seien es die Kartoffelschalen bei der Chips-<br />
Herstellung, die nicht ganz aufgegessene Pizza im Restaurant oder der abgelaufene<br />
Joghurt im Kühlregal.<br />
In der 5-stufigen Abfa lhierarchie des Kreislaufwirtschaftgesetzes hat die<br />
Vermeidung von Abfä len höchste Priorität. Gefolgt von der Wiederverwendung<br />
von Lebensmitteln – beispielsweise durch die Tafeln.<br />
An dritter Ste le kommt das Recycling, um (Nährstoff)Kreisläufe zu<br />
schließen und das Abfa laufkommen zu reduzieren. Dann erst folgt<br />
die energetische Verwertung (z.B. in Mü lverbrennungsanlagen)<br />
und ganz am Ende steht die Beseitigung, sprich die Ablagerung<br />
oder Deponierung, die zu vermeiden ist. FÜNFs<br />
<br />
Was ist Biomethan?<br />
Biogas besteht zu 50 – 60 Prozent aus dem brennbaren Gas<br />
Methan (CH 4 ); der Rest ist überwiegend Kohlendioxid (CO 2 ).<br />
ABFALLh<br />
Bei der Auf bereitung von Biogas zu Biomethan werden die nichtbrennbaren<br />
Gase abgetrennt, so dass möglichst reines Methan übrig bleibt. Dies kann über<br />
verschiedene Verfahren geschehen (siehe Innenteil). Das so erzeugte Biomethan<br />
hat die gleichen chemisch-physikalischen Eigenschaften wie Erdgas<br />
und kann problemlos ins Gasnetz eingespeist werden.<br />
Mit der Einspeisung von Biomethan ins<br />
Gasnetz kann der Ort der Erzeugung vom<br />
Ort der Nutzung entkoppelt werden. Das<br />
eingespeiste Biomethan kann an beliebiger<br />
Ste le aus dem Netz entnommen und<br />
entweder in einem Blockheizkraftwerk<br />
(BHKW) zu Strom und Wärme umgewandelt<br />
werden, in der Gasheizung eingesetzt<br />
oder an einer Gastankste le von<br />
jedem handelsüblichen CNG-Fahrzeug<br />
getankt werden.<br />
<br />
Ein Nebenprodukt ...<br />
Comic<br />
Die kleine Geschichte von<br />
Julius & seinen Freunden<br />
… oder wie man ganz einfach<br />
Biogas gewinnen kann.<br />
1. Vermeidung<br />
2. Wiederverwe<br />
3. Recycling (Kr<br />
4. Sonstige (ene<br />
5. Beseitigung<br />
A5 quer, Bestellnr.: BVK-21<br />
In der Regel werden Biogasanlagen gebaut, um klimafreundlichen Strom zu produzieren.<br />
Dafür wird das durch Vergärung organischer Masse erzeugte Biogas über<br />
eine Gasleitung zum Blockheizkraftwerk (BHKW) geleitet. Das BHKW ist eine Kombination<br />
aus Motor und Generator. Durch die Verbrennung des Gases im Motor wird<br />
Strom erzeugt – und dabei entsteht automatisch auch Wärme.<br />
Der Strom wird in das Stromnetz eingespeist und kann als Ökostrom vom Endverbraucher<br />
genutzt werden. Für das „Nebenprodukt“ Wärme gibt es viele verschiedene<br />
Einsatzmöglichkeiten ...<br />
Regional.<br />
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Klimafreundlich.<br />
bis 20 Hefte kostenlos,<br />
darüber 50 Cent / Heft<br />
126
Um die Erderhitzung zu stoppen müssen wir auf Erneuerbare Energien umsteigen.<br />
Sonne und Wind stehen uns unbegrenzt und kostenlos zur<br />
Verfügung. Aber nicht immer. Deshalb brauchen wir zusätzliche regenerative<br />
Quellen, die verlässlich zur Verfügung stehen. So wie Biogas.<br />
Das in den Fermentern bei der Vergärung von Gülle, Bioabfall und<br />
Energiepflanzen entstehende Gas kann gespeichert und je nach Bedarf<br />
kurzfristig in Strom und Wärme umgewandelt werden. So wird der<br />
Wind- und Solarstrom genutzt, wenn er entsteht - und Biogas springt ein,<br />
sobald Sonne und Wind eine Pause machen.<br />
Die Biogasanlage Biogas GmbH hat zwei Blockheizkraftwerke (BHKW) mit<br />
einer Leistung von je 250 kW. Darin wird aus Biogas Strom und Wärme<br />
erzeugt.<br />
Die Kraftwerke werden von den Stadtwerken XY ferngesteuert. Je nach<br />
Strombedarf können sie an- oder abgeschaltet werden. Wenn das<br />
Stromnetz voll ist, wird das Biogas in der Kuppel des Fermenters<br />
gespeichert. Und wenn Strombedarf besteht, können die BHKWs<br />
innerhalb weniger Sekunden ihre maximale Leistung von 500 kW abrufen.<br />
Biogasanlage Biogas GmbH<br />
Die im Fermenter befindlichen Bakterien wandeln die Biomasse,<br />
z.B. biologische Abfälle, nachwachsende Rohstoffe und Gülle,<br />
zu Biogas und Gärprodukten um.<br />
Das erzeugte Biogas wird in der Gashaube aufgefangen<br />
und von hier über Gasleitungen zum<br />
Blockheizkraftwerk (BHKW) transportiert.<br />
Im BHKW wird aus dem Biogas<br />
Strom und Wärme erzeugt.<br />
1 Lager für die zu vergärende Biomasse<br />
(Silo, Annahmestelle, Güllegrube)<br />
2 ggf. Aufbereitung, Sortierungs- oder<br />
Reinigungssysteme für die zu vergärende<br />
Biomasse oder Reststoffe<br />
3 Einbring- / Pumptechnik transportiert<br />
die Biomasse in die Fermenter bzw.<br />
aus diesen heraus<br />
4 Rührwerke vermischen die Bakterien<br />
im Fermenter mit der frischen Biomasse<br />
5 Heizung – die übliche Gärtemperatur<br />
liegt bei 40 °C<br />
6 Gasspeicher zur kurz- und mittelfristigen<br />
Speicherung des Biogases<br />
7 Gasreinigungssysteme zur Entschwefelung<br />
und Entwässerung<br />
8 Pumpleitungen für Gärsubstrate<br />
und Biogasleitungen<br />
9 Sicherheitstechnik: Drucksicherungen,<br />
Sicherheitsventile<br />
10 Blockheizkraftwerk für die gleichzeitige<br />
Strom- und Wärmeproduktion<br />
11 ggf. Aufbereitungs technik für die<br />
Um wandlung von Biogas zu Biomethan<br />
12 Lagerbehälter für die ausgefaulten<br />
Gärprodukte (ggf. mit entsprechender<br />
Technik zur Weiterverarbeitung<br />
(Fest-/Flüssigtrennung, Trocknung,<br />
Pelletierung etc.)<br />
FV Schild - so funktioniert eine Anlage A0 quer.indd 1 16.06.16 11:00<br />
Planeten.<br />
Die im Fermenter befindlichen Bakterien wandeln die Biomasse, z.B. biologische Abfälle,<br />
nachwachsende Rohstoffe und Gülle, zu Biogas und Gärprodukten um. Das erzeugte Biogas<br />
wird in der Gashaube aufgefangen und von hier über Gasleitungen zum Blockheizkraftwerk<br />
(BHKW) transportiert. Im BHKW wird aus dem Biogas Strom und Wärme erzeugt.<br />
Bei der Ausgestaltung von Biogasanlagen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme,<br />
Techniken und Funktionsweisen. Der übliche Aufbau umfasst folgende Komponenten:<br />
1<br />
2<br />
6<br />
9<br />
3<br />
5 4<br />
3<br />
12<br />
8<br />
1 Lager für die zu vergärende Biomasse<br />
(Silo, Annahmestelle, Güllegrube)<br />
2 ggf. Aufbereitung, Sortierungs oder<br />
Reinigungssysteme für die zu vergärende<br />
Biomasse oder Reststoffe<br />
3 Einbring / Pumptechnik transportiert<br />
die Biomasse in die Fermenter bzw.<br />
aus diesen heraus<br />
4 Rührwerke vermischen die Bakterien<br />
im Fermenter mit der frischen Biomasse<br />
5 Heizung – die übliche Gärtemperatur<br />
liegt bei 40 °C<br />
6 Gasspeicher zur kurz und mittelfristigen<br />
Speicherung des Biogases<br />
7 Gasreinigungssysteme zur<br />
Entschwefelung und Entwässerung<br />
8<br />
7<br />
5<br />
8<br />
11<br />
Erdgasnetz<br />
10<br />
Strom<br />
Wärme<br />
8 Pumpleitungen für Gärsubstrate<br />
und Biogasleitungen<br />
9 Sicherheitstechnik: Drucksicherungen,<br />
Sicherheitsventile<br />
10 Blockheizkraftwerk für die gleichzeitige<br />
Strom und Wärmeproduktion<br />
11 ggf. Aufbereitungstechnik für die<br />
Umwandlung von Biogas zu Biomethan<br />
12 Lagerbehälter für die ausgefaulten<br />
Gärprodukte (ggf. mit entsprechender<br />
Technik zur Weiterverarbeitung<br />
(Fest/Flüssigtrennung, Trocknung,<br />
Pelletierung etc.)<br />
1<br />
2<br />
9<br />
3<br />
5 4<br />
3<br />
12<br />
8<br />
1 Lager für die zu vergärende Bioma se<br />
(Silo, Annahmestelle, Gü legrube)<br />
2 gf. Aufbereitung, Sortierungs oder<br />
Reinigung systeme für die zu ver<br />
3 Einbring / Pumptechnik transportiert<br />
die Bioma se in die Fermenter bzw.<br />
4 Rührwerke vermischen die Bakterien<br />
im Fermenter mit der frischen Bio<br />
5 Heizung – die übliche Gärtemperatur<br />
liegt bei 40 °C<br />
6 Ga speicher zur kurz und mi telfristigen<br />
Speicherung des Biogases<br />
7 Gasreinigung systeme zur<br />
Entschwefelung und Entwä serung<br />
gärende Bioma se oder Reststo fe<br />
aus diesen heraus<br />
ma se<br />
6<br />
Wärme<br />
8<br />
7<br />
5<br />
8<br />
8 Pumpleitungen für Gärsubstrate<br />
und Biogasleitungen<br />
9 Sicherheitstechnik: Drucksicherungen,<br />
Sicherheitsventile<br />
10 Blockheizkraftwerk für die gleichzeitige<br />
Strom und Wärmeproduktion<br />
11 gf. Aufbereitungstechnik für die<br />
Umwandlung von Biogas zu Bio<br />
12 Lagerbehälter für die ausgefaulten<br />
Gärprodukte (ggf. mit entsprechen<br />
methan<br />
der Technik zur Weiterverarbeitung<br />
(Fest/Flü sigtrennung, Trocknung,<br />
Pelletierung etc.)<br />
1<br />
Strom<br />
10<br />
Erdgasnetz<br />
1<br />
2<br />
9<br />
3<br />
5 4<br />
3<br />
12<br />
8<br />
1 Lager für die zu vergärende Biomasse<br />
(Silo, Annahmeste le, Gü legrube)<br />
2 gf. Aufbereitung, Sortierungs oder<br />
Reinigung systeme für die zu vergärende<br />
Bioma se oder Reststo fe<br />
3 Einbring / Pumptechnik transportiert<br />
die Bioma se in die Fermenter bzw.<br />
aus diesen heraus<br />
4 Rührwerke vermischen die Bakterien<br />
im Fermenter mit der frischen Bioma<br />
se<br />
5 Heizung – die übliche Gärtemperatur<br />
liegt bei 40 °C<br />
6 Ga speicher zur kurz und mi telfristigen<br />
Speicherung des Biogases<br />
7 Gasreinigung systeme zur<br />
Entschwefelung und Entwä serung<br />
6<br />
8<br />
7<br />
5<br />
8<br />
Wärme<br />
Strom<br />
8 Pumpleitungen für Gärsubstrate<br />
und Biogasleitungen<br />
9 Sicherheitstechnik: Drucksicherungen,<br />
Sicherheitsventile<br />
10 Blockheizkraftwerk für die gleichzeitige<br />
Strom und Wärmeproduktion<br />
11 ggf. Aufbereitungstechnik für die<br />
Umwandlung von Biogas zu Biomethan<br />
12 Lagerbehälter für die ausgefaulten<br />
Gärprodukte ( gf. mit entsprechender<br />
Technik zur Weiterverarbeitung<br />
(Fest/Flü sigtrennung, Trocknung,<br />
Pe letierung etc.)<br />
1<br />
10<br />
Erdgasnetz<br />
Fast jede Pflanze kann in Biogasanlagen vergoren und zu Strom<br />
und Wärme umgewandelt werden – auch jene, die in der Lebensund<br />
Futtermittelproduktion keine Verwendung finden.<br />
Das bei der Energieerzeugung freigesetzte CO 2 entspricht in etwa<br />
der Menge, die die Pflanzen während Ihres Wachstums gebunden<br />
haben.<br />
Durchwachsene Silphie<br />
Franken-Therme Bad Windsheim<br />
Biogasanlage Bad Windsheim<br />
Regionale Biogasanlage<br />
Biogas trägt dazu bei, dass unsere Felder bunter und artenreicher<br />
werden. Blühende Pflanzen sehen nicht nur schön aus, sie bieten<br />
vor allem Lebensraum für Insekten und Wildtiere und verbessern<br />
die Bodengesundheit.<br />
Die Pflanzen benötigen in der Regel keine Pflanzenschutzmittel,<br />
schonen die Umwelt und schützen den Boden vor Auswaschung.<br />
Wildpflanzenmischung<br />
Wärmeabnehmer Freibad<br />
Die im Fermenter befindlichen Bakterien wandeln die Biomasse, z.B. biologische Abfälle,<br />
nachwachsende Rohstoffe und Gülle, zu Biogas und Gärprodukten um. Das erzeugte Biogas<br />
wird in der Gashaube aufgefangen und von hier über Gasleitungen zum Blockheizkraftwerk<br />
(BHKW) transportiert. Im BHKW wird aus dem Biogas Strom und Wärme erzeugt.<br />
Bei der Ausgestaltung von Biogasanlagen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme,<br />
Techniken und Funktionsweisen. Der übliche Aufbau umfasst folgende Komponenten:<br />
1<br />
2<br />
9<br />
3<br />
5 4<br />
3<br />
12<br />
8<br />
1 Lager für die zu vergärende Biomasse<br />
(Silo, Annahmestelle, Güllegrube)<br />
2 ggf. Aufbereitung, Sortierungs oder<br />
Reinigungssysteme für die zu vergärende<br />
Biomasse oder Reststoffe<br />
3 Einbring / Pumptechnik transportiert<br />
die Biomasse in die Fermenter bzw.<br />
aus diesen heraus<br />
4 Rührwerke vermischen die Bakterien<br />
im Fermenter mit der frischen Biomasse<br />
5 Heizung – die übliche Gärtemperatur<br />
liegt bei 40 °C<br />
6 Gasspeicher zur kurz und mittelfristigen<br />
Speicherung des Biogases<br />
7 Gasreinigungssysteme zur<br />
Entschwefelung und Entwässerung<br />
Die im Fermenter befindlichen Bakterien wandeln die Biomasse, z.B. biologische Abfälle,<br />
nachwachsende Rohstoffe und Gülle, zu Biogas und Gärprodukten um. Das erzeugte Biogas<br />
wird in der Gashaube aufgefangen und von hier über Gasleitungen zum Blockheizkraftwerk<br />
(BHKW) transportiert. Im BHKW wird aus dem Biogas Strom und Wärme erzeugt.<br />
Bei der Ausgestaltung von Biogasanlagen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme,<br />
Techniken und Funktionsweisen. Der übliche Aufbau umfasst folgende Komponenten:<br />
1<br />
2<br />
9<br />
3<br />
5 4<br />
3<br />
12<br />
8<br />
1 Lager für die zu vergärende Biomasse<br />
(Silo, Annahmestelle, Güllegrube)<br />
2 ggf. Aufbereitung, Sortierungs- oder<br />
Reinigungssysteme für die zu vergärende<br />
Biomasse oder Reststoffe<br />
3 Einbring- / Pumptechnik transportiert<br />
die Biomasse in die Fermenter bzw.<br />
aus diesen heraus<br />
4 Rührwerke vermischen die Bakterien<br />
im Fermenter mit der frischen Biomasse<br />
5 Heizung – die übliche Gärtemperatur<br />
liegt bei 40 °C<br />
6 Gasspeicher zur kurz- und mittelfristigen<br />
Speicherung des Biogases<br />
7 Gasreinigungssysteme zur<br />
Entschwefelung und Entwässerung<br />
Die im Fermenter befindlichen Bakterien wandeln die Biomasse, z.B. biologische Abfälle,<br />
nachwachsende Rohstoffe und Gülle, zu Biogas und Gärprodukten um. Das erzeugte Biogas<br />
wird in der Gashaube aufgefangen und von hier über Gasleitungen zum Blockheizkraftwerk<br />
(BHKW) transportiert. Im BHKW wird aus dem Biogas Strom und Wärme erzeugt.<br />
Bei der Ausgestaltung von Biogasanlagen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme,<br />
Techniken und Funktionsweisen. Der übliche Aufbau umfasst folgende Komponenten:<br />
1<br />
2<br />
9<br />
3<br />
5 4<br />
3<br />
12<br />
8<br />
1 Lager für die zu vergärende Biomasse<br />
(Silo, Annahmestelle, Güllegrube)<br />
2 ggf. Aufbereitung, Sortierungs oder<br />
Reinigungssysteme für die zu vergärende<br />
Biomasse oder Reststoffe<br />
3 Einbring / Pumptechnik transportiert<br />
die Biomasse in die Fermenter bzw.<br />
aus diesen heraus<br />
4 Rührwerke vermischen die Bakterien<br />
im Fermenter mit der frischen Biomasse<br />
5 Heizung – die übliche Gärtemperatur<br />
liegt bei 40 °C<br />
6 Gasspeicher zur kurz und mittelfristigen<br />
Speicherung des Biogases<br />
7 Gasreinigungssysteme zur<br />
Entschwefelung und Entwässerung<br />
6<br />
6<br />
8 Pumpleitungen für Gärsubstrate<br />
und Biogasleitungen<br />
9 Sicherheitstechnik: Drucksicherungen,<br />
Sicherheitsventile<br />
10 Blockheizkraftwerk für die gleichzeitige<br />
Strom und Wärmeproduktion<br />
11 ggf. Aufbereitungstechnik für die<br />
Umwandlung von Biogas zu Biomethan<br />
12 Lagerbehälter für die ausgefaulten<br />
Gärprodukte (ggf. mit entsprechender<br />
Technik zur Weiterverarbeitung<br />
(Fest/Flüssigtrennung, Trocknung,<br />
Pelletierung etc.)<br />
8<br />
7<br />
5<br />
8<br />
Wärme<br />
8 Pumpleitungen für Gärsubstrate<br />
und Biogasleitungen<br />
9 Sicherheitstechnik: Drucksicherungen,<br />
Sicherheitsventile<br />
10 Blockheizkraftwerk für die gleichzeitige<br />
Strom- und Wärmeproduktion<br />
11 ggf. Aufbereitungstechnik für die<br />
Umwandlung von Biogas zu Biomethan<br />
12 Lagerbehälter für die ausgefaulten<br />
Gärprodukte (ggf. mit entsprechender<br />
Technik zur Weiterverarbeitung<br />
(Fest-/Flüssigtrennung, Trocknung,<br />
Pelletierung etc.)<br />
FV Anlagenschild A0 quer.indd 1 11.02.16 16:10<br />
6<br />
8<br />
7<br />
5<br />
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Wärme<br />
8<br />
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Wärme<br />
11<br />
Strom<br />
11<br />
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Erdgasnetz<br />
10<br />
Strom<br />
Strom<br />
Erdgasnetz<br />
8 Pumpleitungen für Gärsubstrate<br />
und Biogasleitungen<br />
9 Sicherheitstechnik: Drucksicherungen,<br />
Sicherheitsventile<br />
10 Blockheizkraftwerk für die gleichzeitige<br />
Strom und Wärmeproduktion<br />
11 ggf. Aufbereitungstechnik für die<br />
Umwandlung von Biogas zu Biomethan<br />
12 Lagerbehälter für die ausgefaulten<br />
Gärprodukte (ggf. mit entsprechender<br />
Technik zur Weiterverarbeitung<br />
(Fest/Flüssigtrennung, Trocknung,<br />
Pelletierung etc.)<br />
10<br />
10<br />
Erdgasnetz<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
VERBAND<br />
Variable Schilder<br />
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zu einem von Ihnen gewählten Thema mit<br />
unterschiedlichem Layout und unterschiedlicher<br />
Farbgebung.<br />
DIN A0-Format<br />
Bestellnr.: FA-007<br />
Bitte kontaktieren Sie uns!<br />
80 Euro (inkl. Versand)<br />
Diese Biogasanlage<br />
schützt unser Klima<br />
Regional. Verlässlich. Klimafreundlich.<br />
Klimaschutz .<br />
Die Erderhitzung ist die größte Bedrohung für den Fortbestand unseres<br />
Wir müssen unser Klima schützen und den Ausstoß von CO 2<br />
drastisch reduzieren. Jetzt.<br />
Mit den Erneuerbaren Energien haben wir die Chance, dies zu scha fen.<br />
Biogasanlagen leisten einen wichtigen Beitrag auf unserem Weg in eine<br />
klimafreundliche Zukunft.<br />
.durch Biogas<br />
Die Biogasanlage Biogas GmbH erzeugt im Jahr 300.000 Kilowattstunden<br />
Strom. Das entspricht dem Verbrauch von 100 durchschni tlichen<br />
Haushalten.<br />
Die bei der Stromerzeugung anfa lende Wärme wird im Sta l und im<br />
Wohnhaus eingesetzt und außerdem zur Holztrocknung genutzt. In der<br />
Summe spart diese Biogasanlage 450 Tonnen CO 2 ein, die beim Einsatz<br />
fossiler Energieträger wie Kohle und Öl freigesetzt worden wären.<br />
So funktioniert eine Biogasanlage<br />
Die im Fermenter befindlichen Bakterien wandeln die Bioma se, z.B. biologische Abfä le,<br />
nachwachsende Rohstoffe und Gü le, zu Biogas und Gärprodukten um. Das erzeugte Biogas<br />
wird in der Gashaube aufgefangen und von hier über Gasleitungen zum Blockheizkraftwerk<br />
(BHKW) transportiert. Im BHKW wird aus dem Biogas Strom und Wärme erzeugt.<br />
Bei der Ausgestaltung von Biogasanlagen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme,<br />
Techniken und Funktionsweisen. Der übliche Aufbau umfa st folgende Komponenten:<br />
Alternative Energiepflanzen<br />
DIN A0-Format<br />
Bestellnr.: FA-003<br />
80 Euro (inkl. Versand)<br />
Dieses Feld liefert Energie<br />
und schützt das Klima<br />
Regional. Verlässlich. Klimafreundlich.<br />
Maisfeld<br />
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Bestellnr. FA-002<br />
So funktioniert eine Biogasanlage<br />
Das entspricht 380 Flügen von München nach New York und zurück.<br />
Diese Biogasanlage erzeugt Strom<br />
wenn er gebraucht wird<br />
Regional. Verlässlich. Klimafreundlich.<br />
Biogas ist flexibel!<br />
Immer wenn wir Energie brauchen, kann Biogas liefern:<br />
Bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter. www.biogas.org<br />
So funktioniert eine Biogasanlage<br />
Energie pflanzen ...<br />
Energiepflanzen<br />
... Vielfalt ernten<br />
Diese Biogasanlage schafft<br />
regionale Wertschöpfung<br />
Regional. Verlässlich. Klimafreundlich.<br />
So funktioniert eine Biogasanlage<br />
Die im Fermenter befindlichen Bakterien wandeln die Bioma se, z.B. biologische Abfä le,<br />
nachwachsende Rohsto fe und Gü le, zu Biogas und Gärprodukten um. Das erzeugte Biogas<br />
wird in der Gashaube aufgefangen und von hier über Gasleitungen zum Blockheizkraftwerk<br />
(BHKW) transportiert. Im BHKW wird aus dem Biogas Strom und Wärme erzeugt.<br />
Bei der Ausgestaltung von Biogasanlagen gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Systeme,<br />
Techniken und Funktionsweisen. Der übliche Aufbau umfa st folgende Komponenten:<br />
Immer wenn wir Energie brauchen, kann Biogas liefern:<br />
Bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter.<br />
www.farbe-ins-feld.de<br />
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Energie für die Region…<br />
Immer wenn wir Energie brauchen, kann Biogas liefern:<br />
Bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter.<br />
Schild<br />
„So funktioniert eine Biogasanlage“<br />
Zeigen Sie Wanderern und Gästen die Funktionsweise Franken-Therme Bad Winsheim<br />
einer Biogasanlage<br />
Biogas Wärme<br />
Vorteile<br />
Die Franken-Therme ist an das Fernwärmenetz der Stadtwerke Bad<br />
DIN A0-Format<br />
Windsheim angeschlossen. 30 Prozent des Wärmeangebotes der Stadtwerke<br />
werden von der Biogasanlage der Bio-Energie Bad Windsheim<br />
erzeugt.<br />
Bestellnr.: FA-008<br />
80 Euro<br />
(inkl. Versand)<br />
Seit dem Jahr 2009 erzeugt die Biogasanlage Biogas GmbH Strom für 700<br />
Haushalte und versorgt außerdem 26 Privathaushalte, die Schule, das<br />
Altenheim und das Rathaus mit umweltfreundlicher Wärme. Die Substrate<br />
für die Energieerzeugung bezieht die Biogasanlage vo lständig von<br />
Landwirten aus der Umgebung. Das nach der Vergärung entstehende<br />
Gärprodukt geht als hochwertiger Dünger zurück auf die Felder.<br />
www.biogas.org<br />
Die Kilowa tstunde Biogaswärme kostet die Haushalte im Schni t zwei Cent weniger<br />
als die Wärme aus Heizöl.<br />
Durch das bei den Heizkosten gesparte Geld konnte Neustadt neue Sportgeräte für<br />
die Schule kaufen und den Gemeinschaftsraum im Altenheim renovieren.<br />
Der Bau der Anlagenteile, die Wartung und Erweiterung der Biogasanlage generiert<br />
weitere Jobs bei Handwerksbetrieben in der Umgebung.<br />
Vom Anbau vielfältiger Energiepflanzen profitieren die Bienen und mit ihnen die<br />
Imker in der Region.<br />
Immer wenn wir Energie brauchen, kann Biogas liefern:<br />
Bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter. www.biogas.org<br />
Als Kunde der Stadtwerke profitiert die Franken-Therme direkt von der<br />
umwelt- und klimafreundlichen Wärmegewinnung aus Biogas. So<br />
werden die Thermal-Badelandschaft, das Dampferlebnisbad und die<br />
Sauna zu rund einem Drittel mit Biogaswärme beheizt.<br />
– Die Biogaswärme wird in einer Biogasanlage in Bad Windsheim erzeugt:<br />
Dies stärkt die Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten und fördert<br />
die Wirtschaftskraft in der Region.<br />
– Durch die umweltfreundliche Biogaswärme werden pro Jahr rund<br />
300.000 Liter Heizöl eingespart und damit knapp 800 Tonnen<br />
Kohlendioxid (CO 2 ) weniger ausgestoßen.<br />
– Neben der Wärme erzeugt die Biogasanlage der Bio-Energie<br />
Bad Windsheim jährlich Strom für mehr als 1.200 Haushalte.<br />
Anlagenschild (individuell)<br />
Informieren Sie Wanderer und Gäste über Ihre Biogasanlage<br />
DIN A0-Format<br />
Bestellnr.: FA-001<br />
80 Euro (inkl. Versand)<br />
Diese Biogasanlage erzeugt<br />
Strom und Wärme<br />
Regional. Verlässlich. Klimafreundlich.<br />
Biogasanlage Bad Windsheim<br />
Die Fakten …<br />
Leistung der Anlage<br />
400 kW el<br />
Mit Strom versorgte Haushalte 800<br />
Wärmebereitstellung<br />
Schwimmbad und Wärmenetz<br />
Eingesetzte Substrate Gülle, Mist,<br />
Landschaftspflegematerial,<br />
Maissilage, Grassilage<br />
Besonderheit an der Anlage<br />
Gärpoduktaufbereitung (Herstellung eines hochwertigen Düngers)<br />
… sprechen für sich!<br />
Logo<br />
Die deutschen Biogasanlagen erzeugen schon heute<br />
Strom für Millionen Haushalte<br />
Biogasanlagen reduzieren den CO 2 -Ausstoß<br />
und produzieren nahezu klimaneutral Strom und Wärme<br />
Biogas-Strom stabilisiert das Stromnetz<br />
und sichert eine gleichmäßige Versorgung<br />
Biogasanlagen<br />
sichern vielen Landwirten die Existenz<br />
In Biogasanlagen vergorene Gülle stinkt nicht und ist<br />
ein hervorragender Dünger<br />
Biogasanlagen bringen<br />
Arbeitsplätze und Wertschöpfung<br />
in die ländliche Region<br />
So funktioniert eine Biogasanlage<br />
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So funktioniert eine Biogasanlage<br />
Regional. Verlässlich. Klimafreundlich.<br />
Bei der Ausgestaltung von Biogasanlagen<br />
gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher<br />
Systeme, Techniken und<br />
Funktionsweisen. Der übliche Aufbau<br />
umfasst folgende Komponenten:<br />
Immer wenn wir Energie brauchen, kann Biogas liefern:<br />
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1<br />
11<br />
2<br />
6<br />
8<br />
9<br />
7<br />
3<br />
Erdgasnetz<br />
5 4<br />
5<br />
10<br />
8<br />
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Strom<br />
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zum Wärmenutzungskonzept<br />
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und Ihrer Homepage<br />
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und schützt das Klima!<br />
Diese Biogasanlage<br />
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BIOGAS Wärme<br />
Regional. Verlässlich. Klimafreundlich.<br />
Umweltfreundliche Wärme – vom Land, für’s Land<br />
Biogas Wärme …<br />
In Deutschland gibt es viele tausend Biogasanlagen, die umweltfreundliches<br />
Biogas erzeugen. Dieser Energieträger wird mittels eines Motors<br />
im Blockheizkraftwerk in Strom umgewandelt. Die dabei frei werdende<br />
Wärme sichert die lokale Versorgung und dient als Heizenergie in:<br />
• öffentlichen Einrichtungen, z.B. Schwimmbädern, Schulen, Turnhallen<br />
• Wohngebieten und Bioenergie-Dörfern<br />
• Ställen und Gewächshäusern<br />
• Unternehmen, z.B. Gärtnereien, Gastronomie, Industrie<br />
… aus der Region<br />
Immer wenn wir Energie brauchen, kann Biogas liefern:<br />
Bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter.<br />
Biogaswärme wird in einer nahe gelegenen Biogasanlage erzeugt. Dies stärkt die<br />
Unabhängigkeit von fossilen Energieimporten und fördert die Wirtschaftskraft in<br />
der Region.<br />
Viele Dörfer und Kommunen setzen auf Biogas, um eine autarke Energieversorgung<br />
vor Ort anzubieten.<br />
Mit Biogaswärme können die jährlichen Kosten für Wärmeenergie deutlich gesenkt<br />
und langfristig stabil gehalten werden.<br />
Durch die umweltfreundliche Biogaswärme wird Heizöl bzw. Erdgas eingespart und<br />
damit weniger Kohlendioxid (CO 2 ) ausgestoßen.<br />
So funktioniert eine Biogasanlage<br />
www.biogas.org<br />
Bestellungen bitte per E-Mail an info@biogas.org<br />
www.biogas.org<br />
127
VERBAND<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
ENERGIEPOLITISCHER AUSBLICK <strong>2021</strong><br />
„Es braucht dringend mehr Ambitionen für Klimaschutz<br />
und einen zukunftsfähigen Standort“<br />
Gastbeitrag von Dr. Simone Peter, Präsidentin des Bundesverbandes Erneuerbare Energie e.V. (BEE)<br />
Das Jahr 2020 blieb energiepolitisch<br />
weit hinter den Erwartungen<br />
zurück, denn erst wurde<br />
unendlich lange über den Solardeckel<br />
und über Abstände<br />
von Windenergieanlagen gestritten, die<br />
Maßnahmen für Wärme- und Verkehrswende<br />
waren zu zögerlich und schließlich lässt<br />
die Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes<br />
(EEG) einen neuen Aufbruch für die<br />
Energiewende im Stromsektor vermissen.<br />
Dabei braucht es dringend mehr Ambition<br />
für Klimaschutz und einen zukunftsfähigen<br />
Standort. Im kommenden Wahljahr<br />
muss es deshalb aus Sicht der Erneuerbare-Energien-Branche<br />
einen Wettbewerb<br />
um die besten Konzepte, Instrumente und<br />
Maßnahmen für eine klimafreundliche<br />
und sichere Energieversorgung sowie zukunftssichere<br />
Arbeitsplätze geben. Dies<br />
ist besonders relevant, solange die Coronapandemie<br />
und ihre wirtschaftlichen<br />
Folgen noch nicht gebannt sind und nachhaltige<br />
Konjunkturimpulse gesetzt werden<br />
müssen.<br />
Im Krisenjahr 2020 haben die Erneuerbaren<br />
wie kein anderer Energieträger Resilienz<br />
auf den Märkten und in der Versorgung<br />
gezeigt. Diesen Trend gilt es fortzusetzen,<br />
hierfür braucht es entsprechende Rahmenbedingungen.<br />
Den notwendigen Druck<br />
hierfür wird auch die Bewegung „Fridays<br />
for Future“ erzeugen, denn die Einschläge<br />
der Klimakrise kommen immer näher:<br />
Hitze- und Wirbelsturmrekorde, flächendeckende<br />
Überschwemmungen und nie<br />
dagewesene Waldbrände beeinträchtigen<br />
das Leben in vielen Teilen der Welt.<br />
Konkret heißt das für die deutsche Gesetzgebung:<br />
Das EEG muss dahingehend nachgebessert<br />
werden, dass mit realistischen<br />
Ausbaupfaden dem wachsenden Bedarf<br />
an sauberem Strom für Elektromobilität,<br />
Wärmepumpen und Grünen Wasserstoff<br />
Rechnung getragen wird. Hierzu müssen<br />
Marktbarrieren beseitigt und die vielen<br />
Möglichkeiten der Erneuerbaren Energien<br />
angereizt werden. Denn sie sind zur zentralen<br />
Säule des Stromsystems geworden.<br />
Zudem ist der Strommarkt so auf die<br />
Erneuerbaren Energien auszurichten,<br />
dass deren Kostenvorteile auch bei den<br />
Verbraucher*innen ankommen. Eine Begrenzung<br />
der EEG-Umlage muss zu einer<br />
nachhaltigen Senkung der Strompreise<br />
führen. Dazu gehören in einem ersten<br />
Schritt reformierte Finanzierungsmechanismen<br />
der Umlage. Daneben braucht es<br />
mehr Verbraucher- und Erzeugerflexibilität<br />
und eine vermehrte Nutzung von Speichern.<br />
Im kommenden Jahr wird der BEE<br />
hierzu eine detaillierte Studie zum neuen<br />
Strommarktdesign präsentieren.<br />
Auch die Erneuerbare Wärme muss endlich<br />
an Dynamik gewinnen. Die „Renovation<br />
Wave“ der EU-Kommission sieht die<br />
umfassende energetische Modernisierung<br />
des europäischen Gebäudebestands vor.<br />
Der Heizungs- und Anlagenbau ist ein<br />
riesiger Wachstumsmarkt, wenn Erneuerbare<br />
Heizsysteme zu global wettbewerbsfähigen<br />
Preisen angeboten werden. Hierfür<br />
braucht es weitere Anreize. Die Kernforderungen<br />
des BEE für die Bundestagswahl<br />
<strong>2021</strong> umfassen einen Instrumenten-Mix<br />
aus Ordnungsrecht, CO2-Preissignalen<br />
und Förderpolitik, die dem Ausbau von<br />
Wärmepumpen, Holzheizungen (Pellets,<br />
Hackschnitzel), Solarthermie und Geothermie<br />
sowie Biogas Schwung verleihen.<br />
Auch im Mobilitätssektor stehen Technologien<br />
zur Verfügung, aber die Antriebswende<br />
zu effizienten Elektroautos muss noch<br />
schneller vollzogen und am besten ein<br />
Ausstiegsdatum für den Verbrennungsmotor<br />
benannt werden. Der Bestandsverkehr<br />
ist wachsend mit sauberen Kraftstoffen zu<br />
versorgen und dafür die Treibhausgasminderungsquote<br />
auf 50 Prozent bis 2030 zu<br />
steigern. Und die Mindestanteile für fortschrittliche<br />
Biokraftstoffe sind auf 3,5 Prozent<br />
bis 2030 hochzusetzen.<br />
Darüber hinaus sind für Schwerlast-, Zugund<br />
Flugverkehr Batterieantriebe oder<br />
PtX-Kraftstoffe, wie Grüner Wasserstoff,<br />
in ausreichenden Mengen bereitzustellen.<br />
Grüner Wasserstoff wird vor allem<br />
auch zur Dekarbonisierung der Industrie<br />
benötigt. <strong>2021</strong> ist deshalb der heimische<br />
Markthochlauf zu organisieren. Eine<br />
Studie im Auftrag des Landesverbandes<br />
Erneuerbare Energien NRW und des BEE<br />
hat gezeigt, dass der Aufbau einer entsprechenden<br />
heimischen Infrastruktur<br />
mit immensen positiven Wirkungen für<br />
Beschäftigung und Wertschöpfung einhergehen<br />
würde.<br />
Mit dem 1. Januar startet außerdem das nationale<br />
Emissionshandelssystem (nEHS).<br />
Während die Emissionen der Industrie<br />
und der Energiewirtschaft in Deutschland<br />
größtenteils bereits durch den Europäischen<br />
Emissionshandel (EU-ETS) erfasst<br />
werden, entsteht nun auch für Emissionen<br />
im Wärme- und Verkehrsbereich die<br />
Notwendigkeit zur Emissionsminderung.<br />
Jedoch ist der Preis für die Zertifikate, die<br />
für den Emissionsausstoß erworben werden<br />
können, viel zu gering. Auch die europäische<br />
Richtlinie RED ll ist bis Mitte <strong>2021</strong> in<br />
nationales Recht umzusetzen und es sind<br />
verlässliche Eckpunkte zur Stärkung der<br />
Bürgerenergie zu schaffen.<br />
Es bleibt also viel zu tun im kommenden<br />
Jahr, um einen neuen energie- und klimapolitischen<br />
Aufbruch zu organisieren.<br />
Es besteht die Chance, Bürgerinnen und<br />
Bürger, Landwirte, das Handwerk und die<br />
Industrie an der Transformation der Energieversorgung<br />
teilhaben zu lassen. Diese<br />
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128
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Trailer lässt er den Gewinn seiner<br />
letzten Goldmedaille Revue passieren, beschreibt<br />
den Übergang vom aktiven Sportler<br />
zum Trainer und erklärt, was ihn neben<br />
dem Sport im Leben umtreibt und wofür er<br />
sich heute engagiert.<br />
Besonders wichtig ist ihm dabei der Klimaund<br />
Umweltschutz, was ihn letztlich auch<br />
zum Biogas geführt hat. Die Welt auch für<br />
kommende Generationen lebenswert erhalten<br />
und Wintersport weiterhin im Winter<br />
möglich zu machen – das ist seine Motivation.<br />
Und beim Sport gewinnen möchte er<br />
natürlich nach wie vor.<br />
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129
RECHT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
CLEARINGSTELLE EEG | KWKG<br />
Votum zum Emissionsminimierungsbonus und<br />
Schiedsspruch zu Satelliten-BHKW veröffentlicht<br />
Die Clearingsstelle hat ein Votum zu Nachweisfragen beim Emissionsminimierungsbonus<br />
und einen Schiedsspruch zur Eigenständigkeit eines Satelliten-BHKW bei der Versorgung<br />
eines Wärmenetzes gemeinsam mit der Vor-Ort-Anlage veröffentlicht.<br />
Von Dr.-Ing. Natalie Mutlak und Martin Teichmann<br />
Im Votum 2020/15 1) zu Nachweisfragen beim Emissionsminderungsbonus<br />
hat die Clearingstelle geklärt,<br />
dass beim Zubau eines Blockheizkraftwerks<br />
(BHKW) die Einhaltung der Formaldehydgrenzwerte<br />
für den Emissionsminimierungsbonus nicht<br />
zwingend durch eine Gesamtbescheinigung nachzuweisen<br />
ist. Zwischen den Parteien war streitig, ob der<br />
Anlagenbetreiber einen Anspruch auf Auszahlung des<br />
sogenannten Emissionsminimierungsbonus hat, wenn<br />
nach der Erweiterung einer Biogasanlage zwei separate<br />
behördliche Bescheinigungen für jedes einzelne BHKW<br />
ausgestellt wurden und keine Gesamtbescheinigung<br />
für beide BHKW.<br />
Der Anlagenbetreiber betrieb zunächst mehrere Jahre<br />
eine Biogasanlage mit einem BHKW, für die er beim<br />
Netzbetreiber jährliche Bescheinigungen über die Einhaltung<br />
des einschlägigen Formaldehydgrenzwertes<br />
einreichte und auf dieser Grundlage den Emissionsminimierungsbonus<br />
für Bestandsanlagen (gemäß Paragraf<br />
66 Absatz 1 Nummer 4a) EEG 2009 in Verbindung<br />
mit Paragraf 100 Absatz 1 Satz 1 Nummer 10c) EEG<br />
2017) erhielt.<br />
Sodann baute der Anlagenbetreiber unterjährig ein<br />
weiteres BHKW zu seiner Biogasanlage hinzu. Für das<br />
zugebaute BHKW wurde erst einige Monate später die<br />
Formaldehydmessung für die anschließend erteilte Bescheinigung<br />
über die Einhaltung der entsprechenden<br />
Grenzwerte durchgeführt. Erst im Nachfolgejahr ließ<br />
der Anlagenbetreiber die Formaldehydmessung für die<br />
gesamte Biogasanlage (beide BHKW) durchführen, auf<br />
deren Grundlage anschließend eine Gesamtbescheinigung<br />
über die Einhaltung der Formaldehydgrenzwerte<br />
für die Gesamtanlage ausgestellt wurde.<br />
Bei zugebauten BHKW sofort<br />
Emissionsmessung durchführen<br />
In dem Votum 2020/15 hat die Clearingstelle festgestellt,<br />
dass der Anlagenbetreiber seit dem Zeitpunkt, an<br />
dem das zweite BHKW hinzugebaut wurde, bis zu dem<br />
Zeitpunkt der Messung der Formaldehydemissionen,<br />
die deren Einhaltung auch für das zweite BHKW bestätigte,<br />
keinen Anspruch auf den Emissionsminimierungsbonus<br />
hatte, da in diesem Zeitraum der Nachweis<br />
über die Einhaltung der Formaldehydgrenzwerte nicht<br />
für die gesamte Anlage geführt war. Nach Wortlaut und<br />
Zweck des Emissionsminimierungsbonus kommt zudem<br />
nicht infrage, den Bonus nur anteilig für eines von<br />
mehreren BHKW einer Anlage zu gewähren.<br />
Für das zugebaute BHKW lag ein Nachweis über die<br />
Einhaltung der Formaldehydgrenzwerte erst ab dem<br />
Zeitpunkt der Messung am zugebauten BHKW vor. Die<br />
sogenannte Stetigkeitsfiktion 2) , der zufolge davon ausgegangen<br />
wird, dass auch im Zeitraum zwischen zwei<br />
(positiven) Messungen die Grenzwerte eingehalten werden,<br />
greift nicht rückwirkend und im zu beurteilenden<br />
Fall nicht für das zugebaute BHKW. Auch kann nicht<br />
von der nachweislichen Einhaltung der Formaldehydgrenzwerte<br />
des ersten BHKW auf das zweite BHKW<br />
FOTO: ADOBE STOCK_SHDROHNENFLY<br />
130
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
RECHT<br />
geschlossen werden, da diese unterschiedliche Aggregate<br />
sind, die unterschiedlich gefahren werden (können), spezielle<br />
Motoreigenschaften aufweisen und jeweils eigene<br />
Emissionen abgeben.<br />
Weiterhin hat die Clearingstelle im Votum 2020/15 geklärt,<br />
dass der Anspruch auf den Emissionsminimierungsbonus<br />
für die gesamte Biogasanlage ab dem Zeitpunkt der Grenzwert<br />
eingehaltenen Messung der Formaldehydgrenzwerte<br />
für das zugebaute BHKW bestand und nicht erst ab dem<br />
Zeitpunkt der gemeinsamen Messung im Folgejahr.<br />
Stetigkeitsfiktion erhalten geblieben<br />
Denn beide BHKW hatten zu diesem Zeitpunkt jeweils für<br />
sich genommen im betreffenden Zeitraum die Formaldehydgrenzwerte<br />
nachweislich eingehalten. Für das BHKW-1 griff<br />
die sogenannte Stetigkeitsfiktion, da bereits für das vorherige<br />
Kalenderjahr eine Grenzwert eingehaltene Messung der<br />
Formaldehydgrenzwerte und eine anknüpfende Bescheinigung<br />
vorlag. Im von der Clearingstelle zu beurteilenden Fall<br />
war kein Grund ersichtlich, warum die Stetigkeitsfiktion für<br />
das erste BHKW durch die Inbetriebsetzung des zweiten<br />
BHKW erlöschen sollte, da sich für das erste BHKW nichts<br />
am technischen Anlagenkonzept geändert hatte.<br />
Schließlich wird im Votum 2020/15 festgestellt, dass es für<br />
den Anspruch auf den Emissionsminimierungsbonus nicht<br />
zwingend erforderlich ist, bei einer aus mehreren BHKW<br />
bestehenden Anlage den Nachweis über die Einhaltung der<br />
Formaldehydgrenzwerte für die Gesamtanlage durch eine<br />
Gesamtbescheinigung zu führen. Denn Sinn und Zweck der<br />
Regelung sprechen dafür, dass es nicht auf die Form der<br />
Bescheinigung ankommen soll, sondern auf die tatsächliche<br />
Einhaltung der Grenzwerte der TA Luft. Im Ergebnis<br />
ist damit unerheblich, ob der Nachweis durch zwei Einzelbescheinigungen<br />
oder eine Gesamtbescheinigung geführt<br />
wird, sofern dadurch eindeutig der Nachweis für die gesamte<br />
Anlage erbracht wird.<br />
Schiedsspruch zur Eigenständigkeit eines<br />
Satelliten-BHKW bei Einspeisung von<br />
Vor-Ort-Anlage und Satelliten-BHKW in ein<br />
gemeinsames Wärmenetz<br />
Im Schiedsspruch 2020/24 3) hat die Clearingstelle geklärt,<br />
dass im konkreten Fall die Vor-Ort-Anlage und das Satelliten-BHKW<br />
zwei rechtlich eigenständige Anlagen sind, auch<br />
wenn sie in ein gemeinsames Wärmenetz einspeisen. Zwischen<br />
den Parteien war streitig, ob das Satelliten-BHKW des<br />
Anlagenbetreibers seine Eigenständigkeit als EEG-Anlage<br />
behält, wenn zwei zuvor hydraulisch eigenständige Nahwärmenetze,<br />
in die jeweils entweder das Satelliten-BHKW oder<br />
die Vor-Ort-Anlage Wärme einspeisen, miteinander verbunden<br />
werden und Satelliten-BHKW und Vor-Ort-Anlage<br />
nunmehr gemeinsam in das verbundene Nahwärmenetz<br />
einspeisen.<br />
Der Anlagenbetreiber betreibt außerhalb einer Ortschaft<br />
eine im Jahr 2007 in Betrieb genommene Biogasanlage<br />
(Vor-Ort-Anlage), die nahezu durchgehend mit voller Auslastung<br />
betrieben wird, sowie ein von der Vor-Ort-Anlage<br />
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131
RECHT<br />
BIOGAS JOURNAL | 1_<strong>2021</strong><br />
etwa 800 bis 1.000 Meter entferntes, in der Ortsmitte<br />
befindliches und im Jahr 2011 in Betrieb genommenes<br />
Satelliten-BHKW als eigenständige EEG-Anlage,<br />
das bei variierender Leistung betrieben wird. Beide<br />
Standorte weisen eigene Heizzentralen auf. Die in dem<br />
Satelliten-BHKW erzeugte Wärme wird vorwiegend in<br />
ein Nahwärmenetz eingespeist, das sich in der Ortsmitte<br />
befindet.<br />
Die in der Vor-Ort-Anlage erzeugte Wärme wird teilweise<br />
in ein zweites Nahwärmenetz eingespeist, das aufgrund<br />
der erst nach Planung und Errichtung des ersten Wärmenetzes<br />
weiter zugenommenen Nahwärmenachfrage<br />
errichtet wurde und weiter ausgebaut werden soll. Eine<br />
bloße Erweiterung des ersten Wärmenetzes war nicht<br />
möglich, da das Satelliten-BHKW den höheren Bedarf<br />
allein nicht decken und an seinem Standort aus genehmigungsrechtlichen<br />
Gründen nicht durch ein weiteres<br />
BHKW ergänzt werden konnte. Beide Nahwärmenetze<br />
versorgen derzeit je eine mittlere zweistellige Anzahl<br />
von Einfamilienhäusern mit Wärme. Der Anlagenbetreiber<br />
plant, beide Nahwärmenetze zu verbinden, um die<br />
Wärmeversorgung zu optimieren und die Versorgungssicherheit<br />
zu erhöhen.<br />
Satelliten-BHKW: rechtliche<br />
Eigenständigkeit blieb bestehen<br />
Im Schiedsspruch 2020/24 hat die Clearingstelle<br />
festgestellt, dass im vorliegenden Fall durch die Verbindung<br />
der beiden Nahwärmenetze die rechtliche<br />
Eigenständigkeit des Satelliten-BHKW als EEG-Anlage<br />
nicht beeinflusst wird. Denn im Ergebnis ist das Satelliten-BHKW<br />
unter Zugrundelegung der Kriterien der<br />
Empfehlung 2012/19 4) der Clearingstelle auch nach<br />
der Zusammenlegung der Wärmenetze weiterhin betriebstechnisch<br />
selbstständig von der Vor-Ort-Anlage.<br />
Dass sowohl Satelliten-BHKW als auch Vor-Ort-Anlage<br />
nach der Verschmelzung beider Nahwärmenetze in ein<br />
gemeinsames Wärmenetz einspeisen, spricht für sich<br />
allein genommen noch nicht gegen die betriebstechnische<br />
Selbstständigkeit. Denn das Wärmenetz an sich<br />
stellt in der Regel keine einzelne Wärmesenke im Sinne<br />
der Kriterien der Empfehlung 2012/19 dar, sondern<br />
zunächst lediglich ein Transportmedium. Vielmehr sind<br />
als Wärmesenken zunächst die an das Wärmenetz angeschlossenen<br />
Verbraucher zu verstehen.<br />
Nur in Ausnahmefällen sind (in der Regel kleine und<br />
„private“ bzw. einer zusammenhängenden Hauptversorgungsaufgabe<br />
gewidmete) Wärmenetze, deren angeschlossene<br />
Verbraucher vollständig oder überwiegend<br />
funktional zusammenhängen und ein „Gesamtnutzungskonzept“<br />
bilden, das gegebenenfalls einem übergeordneten<br />
gemeinsamen Ziel oder herzustellenden<br />
Produkt dient (zum Beispiel bei einem landwirtschaftlichen<br />
Betrieb mit mehreren Gebäuden und Verbrauchern),<br />
mit einer einzigen Wärmesenke gleichzusetzen.<br />
Eine derartige Konstellation liegt hier nicht vor, da<br />
eine Vielzahl unterschiedlicher Einfamilienhäuser bzw.<br />
Haushalte mit voneinander unabhängigem Wärmeabruf<br />
gegeben ist. Ausschlaggebend für die betriebstechnische<br />
Selbstständigkeit des Satelliten-BHKW ist hier<br />
vor allem die Tatsache, dass das Betriebskonzept nicht<br />
alternativ durch ein „großes“ BHKW realisiert werden<br />
konnte bzw. könnte.<br />
Zum einen unterscheidet sich die technische Betriebsweise<br />
der BHKW an den beiden Standorten in Ansteuerung<br />
und Leistungsabruf. Die Fahrweise bzw. das Betriebskonzept<br />
des Satelliten-BHKW würde sich zudem<br />
im konkreten Fall auch nicht ändern, wenn die Vor-Ort-<br />
Anlage wegfiele. Zum anderen war unter Berücksichtigung<br />
der historischen Entwicklung der beiden Wärmenetze<br />
der derzeitige und zukünftige Wärmebedarf<br />
zum Zeitpunkt der Errichtung des Satelliten-BHKW<br />
und des ersten Wärmenetzes nicht vorherzusehen und<br />
nicht planbar.<br />
1)<br />
Abrufbar unter: https://www.clearingstelle-eeg-kwkg.<br />
de/votv/2020/15.<br />
2)<br />
Vergleiche dazu Hinweis 2009/28 der Clearingstelle,<br />
abrufbar unter https://www.clearingstelle-eeg-kwkg.<br />
de/hinwv/2009/28.<br />
3)<br />
Abrufbar unter: https://www.clearingstelle-eeg-kwkg.<br />
de/schiedsrv/2020/24.<br />
4)<br />
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ISSN 1619-8913<br />
Redaktion:<br />
Dipl.-Ing. agr. (FH) Martin Bensmann<br />
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Die Zeitschrift sowie alle in ihr enthaltenen Beiträge sind urheberrechtlich<br />
geschützt. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben<br />
die Meinung des Verfassers wieder, die nicht unbedingt mit der<br />
Position des Fachverbandes Biogas e.V. übereinstimmen muss.<br />
Nachdruck, Aufnahme in Datenbanken, Onlinedienste und Internet,<br />
Vervielfältigungen auf Datenträgern wie CD-Rom nur nach vorheriger<br />
schriftlicher Zustimmung. Bei Einsendungen an die Redaktion<br />
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