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1_2017 Leseprobe

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www.biogas.org Fachverband Biogas e.V. | ZKZ 50073 | 20. Jahrgang<br />

1_<strong>2017</strong><br />

Bi<br />

seit 20 jahren<br />

GaS Journal<br />

Das Fachmagazin der Biogas-Branche<br />

Rückblick BIOGAS Convention<br />

in Hannover S. 18<br />

Tierschutz: Drohne<br />

findet Rehkitze S. 58<br />

Welche Maissorte für die<br />

Biogasanlage? S. 78<br />

Batterie<br />

speicher<br />

xxl


Inhalt<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

2


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Editorial<br />

Kommt der Ausstieg<br />

vom EEG?<br />

Liebe Leserinnen und Leser,<br />

in den Zeitungen war kürzlich zu lesen,<br />

dass der CDU-Wirtschaftsflügel die Abschaffung<br />

der Ökostromförderung plane. In<br />

einem Diskussionspapier fordern Abgeordnete<br />

der Christdemokraten, die Idee in das<br />

Wahlprogramm <strong>2017</strong> aufzunehmen. Das<br />

EEG solle bis zum Ende der kommenden<br />

Wahlperiode gestrichen werden.<br />

Von vielen Seiten gab es teils heftigen Widerstand<br />

– selbst Wirtschaftsminister Sigmar<br />

Gabriel war dagegen: Die Förderung bis<br />

2021 komplett abzuschaffen, hält er für<br />

nicht sinnvoll und stellte klar: „Die Energiewende<br />

ist nicht rückabzuwickeln.“ Der<br />

Minister rechnet für die kommenden Jahre<br />

eher noch damit, dass der Bedarf an Strom<br />

in Deutschland weiter steigen wird, unter<br />

anderem durch Elektroautos.<br />

Wer sich nun in Sicherheit wiegt und<br />

glaubt, die Diskussion ist damit bereits abgeschlossen,<br />

der liegt meiner Ansicht nach<br />

vollkommen falsch. Die Politik in Berlin<br />

bereitet sich aktuell auf den Bundestagswahlkampf<br />

vor – und offensichtlich ist auch<br />

die Förderung der Erneuerbaren Energien<br />

ein Thema. Allerdings ist nicht davon auszugehen,<br />

dass die Energiepolitik von CDU/<br />

CSU und SPD zum Wahlkampfthema Nr.<br />

1 mutiert. Zu groß sind die Ängste in den<br />

Parteien, dass insbesondere die Grünen<br />

von der Auseinandersetzung um das Thema<br />

profitieren könnten.<br />

Aber wir müssen uns in der Branche jetzt<br />

mit der Frage beschäftigen, ob und wie es<br />

mit der EEG-Systematik weitergeht. Die<br />

Vorbehalte in der Gesellschaft gegenüber<br />

der Energiewende und der Förderung Erneuerbarer<br />

Energien sind durchaus greifbar.<br />

Dabei sehen die einen oft die EEG-<br />

Umlage im Vordergrund und deren Wirkung<br />

auf Wirtschaft und Haushalte. Andere kritisieren<br />

schlicht die staatliche Steuerung.<br />

Ich glaube, dass sich die Erneuerbaren<br />

Energien gerne auf einem freien Markt behaupten<br />

würden – aber einen echten Markt<br />

gibt es heute nicht. Wenn ich im Sommer<br />

zu viele Kirschen an meinem Baum habe,<br />

kann ich diese ohne Probleme in der Nachbarschaft<br />

anbieten – den Strom aus meiner<br />

Solaranlage aber darf ich nicht frei<br />

verkaufen!? Ein ganzer Regelungsteppich<br />

verhindert, dass Energie frei gehandelt<br />

wird. Vieles, was woanders durch Angebot<br />

und Nachfrage gelöst wird, braucht hier ein<br />

kompliziertes Dickicht aus Paragrafen und<br />

Sanktionen.<br />

Gleichzeitig werden unsere Wettbewerber,<br />

die alten fossilen Kraftwerke, noch immer<br />

geschont. Der Klimaplan und dessen Diskussion<br />

hat dies offenbart, aber auch der<br />

gefundene Atomkompromiss zeigt dies<br />

deutlich. Solange wir die Folgekosten der<br />

dreckigen fossilen Produktion nicht in den<br />

Energiepreisen wiederfinden, solange wir<br />

nicht faire Bedingungen auf dem Energiemarkt<br />

haben, halte ich jede Diskussion<br />

über die Abschaffung des EEG für nicht<br />

legitim.<br />

Wie Herr Gabriel schon angeführt hat,<br />

wird in der Mobilität künftig mehr Strom<br />

benötigt, und der sollte natürlich sauber<br />

sein. Wie schnell nun Elektroautos den<br />

Markt erobern, liegt neben dem Preis für<br />

den Energieträger auch an der Leistungsfähigkeit<br />

und dem Preis der Batterien. Im<br />

stationären Bereich gibt es bereits erste<br />

Projekte (siehe Artikel ab Seite 35), die<br />

Netzschwankungen ausgleichen und das<br />

Stromnetz bei volatiler Produktion stützen.<br />

Technisch könnte ein am Netz angeschlossenes<br />

Elektroauto diese Dienstleistung<br />

ebenfalls übernehmen.<br />

Beim Blick auf das große Ganze wird aber<br />

erkennbar, wie wichtig Mobilität für den Klimaschutz<br />

ist. Es wird dort etwa der gleiche<br />

Energiebedarf benötigt wie im Stromsektor.<br />

Einige Mitglieder in der Branche sind bereits<br />

elektrisch unterwegs, ob mit der Bahn<br />

oder dem E-Auto. Andere nutzen Biogas direkt<br />

als Kraftstoff im Schlepper (siehe auch<br />

den Erfahrungsbericht ab Seite 48).<br />

In der Mobilität als auch beim EEG greifen<br />

die Dinge ineinander. Sie sind komplex und<br />

bedürfen einer klugen, zielgerichteten und<br />

zeitlichen Steuerung. Die CDU- Abgeordneten<br />

sollten sich daher zuerst um eine stetig<br />

steigende direkte Belastung der fossilen<br />

Energieträger bemühen, bevor sie durch<br />

eine unselig geführte Debatte um das EEG<br />

den Bock zum Gärtner machen.<br />

Herzlichst Ihr<br />

Dipl.-Ing. (FH) Hendrik Becker,<br />

Vizepräsident des Fachverbandes Biogas e.V.<br />

3


Inhalt<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

18<br />

TITELTHEMA<br />

34 Große Batteriespeicher<br />

tragen zur Systemintegration<br />

bei<br />

Von Thomas Gaul<br />

40 Smarte Prosumer<br />

braucht das Land<br />

Von EUR.-Ing.<br />

Marie-Luise Schaller<br />

speicherxxl<br />

Batterie<br />

Editorial<br />

3 Kommt der Ausstieg vom EEG?<br />

Hendrik Becker, Vizepräsident des<br />

Fachverbandes Biogas e.V.<br />

AKTUELLES<br />

6 Meldungen<br />

8 Bücher & Termine<br />

10 Biogas-Kids<br />

11 Im Bioabfall steckt noch mehr drin<br />

Von Thomas Gaul<br />

14 Gasspeicher intelligent managen<br />

Von Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />

BIOGAS Convention<br />

18 Die Chancen der Ausschreibung nutzen<br />

Von Thomas Gaul<br />

22 Anlagenzertifikat: Erfahrungen<br />

aus der Praxis<br />

Von Thomas Gaul<br />

24 Mit Sicherheit zu unfallfreien<br />

Biogasanlagen<br />

Von Thomas Gaul<br />

26 Rentablen Anlagenbetrieb und<br />

Standortpotenziale diskutiert<br />

Von Thomas Gaul<br />

27 Die Stimmung bessert sich<br />

Von Thomas Gaul<br />

POLITIK<br />

28 Die Bundesregierung tritt das<br />

Verursacherprinzip in die Tonne<br />

Von Bernward Janzing<br />

32 Zuschaltbare Last an den<br />

Erneuerbaren vorbei<br />

Von Dierk Jensen<br />

PRAXIS<br />

44 Sektorenkopplung schreitet voran<br />

Studie: Dezentralität spart die Hälfte<br />

des Übertragungsnetzausbaus<br />

Von Dipl.-Ing. Heinz Wraneschitz<br />

48 Blau ist die Hoffnung<br />

Von Dierk Jensen<br />

51 „Methanisierung marktreif machen“<br />

Von Dipl.-Geograph Martin Frey<br />

54 Ein Netz „von unten nach oben“<br />

Von Christian Dany<br />

58 Drohne schützt Rehkitze bei<br />

Energiepflanzenernte<br />

Von Bernward Janzing<br />

60 Novelle TA Luft<br />

Welche Konsequenzen hat sie für den<br />

BHKW-Betreiber?<br />

Von Dr. Stefan Binder<br />

64 Kreuzfahrtschiffe<br />

Reststoffpotenziale zur Biogaserzeugung<br />

schlummern im Rumpf<br />

Von Jessica Hudde, Maik Orth<br />

und Thilo Seibicke<br />

4


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Inhalt<br />

titelFoto: Thomas Gaul i Fotos: Fachverband Biogas e.V., Thomas Gaul , AIDA CRUISES , fotolia_atoss<br />

64 78<br />

WISSENSCHAFT<br />

68 Stärkere Wärmenutzung in<br />

Biogasanlagen kann sich lohnen<br />

Von Prof. Dr. Carsten Herbes<br />

und Verena Halbherr<br />

72 Wärmenetze mit Schlüsselfunktion für<br />

die Energiewende<br />

Von PD Dr. Marianne Karpenstein-Machan<br />

78 Welcher Maissortentyp für die<br />

Biogasanlage?<br />

Von Jürgen Rath, Antje Herrmann,<br />

Hauke Heuwinkel, Vasilis Dandikas<br />

und Fabian Lichti<br />

86 Futtergräser: Lässt sich deren Effizienz<br />

als Biomasselieferant steigern?<br />

Von Dr. Bernhard Ohnmacht<br />

INTERNATIONAL<br />

Kolumbien<br />

90 Die Kunst des Downsizing<br />

Von Claudia Lohmann<br />

VERBAND<br />

Aus der Geschäftsstelle<br />

94 Biogas Convention erfolgreich veranstaltet<br />

Von Dr. Stefan Rauh und<br />

Dipl.-Ing. agr. (FH) Manuel Maciejczyk<br />

98 Aus den Regionalgruppen<br />

100 Aus den Regionalbüros<br />

106 Klimaschutz light<br />

Von Harald Uphoff, BEE<br />

108 „Bihugas“ – den Urlaubern zuliebe<br />

Von Bernward Janzing<br />

110 Schwäbische Tüftler wagen den Neustart<br />

Von Bernward Janzing<br />

RECHT<br />

112 Illegaler Anlagenbetrieb – ich doch nicht!?<br />

Von Dr. Helmut Loibl<br />

114 Impressum<br />

Beilagenhinweis:<br />

Das Biogas Journal enthält Beilagen<br />

der Firmen greentec, renergie,<br />

Schaumann, der Messe Offenburg<br />

und des Fachverbandes Biogas.<br />

5


Aktuelles<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Trockeneis und Biomethan<br />

Flüssiger Energiespeicher: Prof. Dr. Josef Hofmann<br />

zeigt, wie eiskaltes Biomethan gewonnen wird.<br />

Die Verbindung ist tausendmal energiereicher als<br />

Biogas.<br />

Landshut – Wissenschaftler der Hochschule<br />

Landshut haben sich in einem Projekt mit<br />

der Verflüssigung von Biomethan und der<br />

parallelen Herstellung von Trockeneis beschäftigt.<br />

Anlagenbetreiber können derzeit<br />

noch mit einem festen Tarif für den Strom<br />

rechnen, den sie 365 Tage im Jahr ins Netz<br />

einspeisen. Dieser Deal läuft 2020 aus.<br />

Viele Anlagenbetreiber müssen sich künftig<br />

überlegen, ob sie ihre Anlagen stilllegen,<br />

in die Ausschreibungssystematik wechseln<br />

oder eine andere Wertschöpfung mit ihren<br />

Anlagen erzielen.<br />

Die Lösung lautet: Biogas umwandeln<br />

in flüssiges Biomethan. Der Clou: „Biomethan<br />

ist tausendmal energiereicher als<br />

Biogas“, sagt Prof. Dr. Josef Hofmann. Das<br />

macht die Flüssigkeit zum begehrten Energiespeicher.<br />

Über Monate kann sie stabil<br />

in wärmeisolierten Tanks gelagert werden.<br />

Bei Bedarf, zum Beispiel im kalten und<br />

dunklen Winter, lässt sie sich dann wieder<br />

in Wärme- oder elektrische Energie umwandeln.<br />

„Die Flüssigkeit lässt sich viel länger<br />

und effektiver speichern als Biogas“, fasst<br />

Hofmann zusammen.<br />

Er hat gemeinsam mit Kollegen von der<br />

Hochschule Landshut und der Hochschule<br />

Weihenstephan-Triesdorf in Freising ein<br />

entsprechendes Verfahren entwickelt. Vorgereinigtes<br />

Biogas wird dabei in mehreren<br />

Stufen auf -162 Grad Celsius abgekühlt.<br />

Dabei entstehen zwei Komponenten: flüssiges<br />

Biomethan und festes Kohlendioxid,<br />

Foto: Hochschule Landshut<br />

also Trockeneis. Hofmann: „Mit unserem<br />

Verfahren gewinnen wir Biomethan mit einer<br />

Reinheit von 99,9 Prozent. So wäre es<br />

auch als Rohstoff für die chemische Industrie<br />

interessant, etwa zur Herstellung von<br />

Grundchemikalien wie Wasserstoff oder<br />

Methanol.“ Und es könnte als Kraftstoff<br />

eingesetzt werden – als umweltverträglichere<br />

Alternative zu fossilen Brennstoffen.<br />

Das bedeutet für Betreiber von Biogasanlagen<br />

zusätzliche Geschäftsfelder neben der<br />

Strom- und Wärmeproduktion.<br />

Neue Geschäftsfelder für<br />

Biogasanlagen<br />

Bevor das Biogas getrennt werden kann,<br />

müssen die Forscher es erst gründlich reinigen.<br />

Das war Aufgabe des Freisinger Teams<br />

um Prof. Dr. Oliver Falk von der Hochschule<br />

Weihenstephan-Triesdorf: „Kleinste Verunreinigungen<br />

könnten in den nachfolgenden<br />

Schritten gefrieren und Geräte beschädigen“,<br />

beschreibt der Wissenschaftler. Vor<br />

allem Schwefelwasserstoff ist im Biogas<br />

unerwünscht. Um ihn zu entfernen, haben<br />

die Forscher verschiedene Eisenpräparate<br />

und Aktivkohlefilter getestet und geschickt<br />

miteinander kombiniert.<br />

Das Ergebnis: „Im gereinigten Biogas ist<br />

kein Schwefelwasserstoff mehr nachweisbar,<br />

er enthält also weniger als ein part per<br />

Generac übernimmt MOTORTECH<br />

Waukesha, Wisconsin – Die Generac Holdings Inc.<br />

(„Generac“) hat im November eine Vereinbarung<br />

unterzeichnet, mit der die Vermögenswerte der<br />

MOTORTECH Holding GmbH & Co. KG („MOTOR-<br />

TECH“) erworben wurden. Die Transaktion unterliegt<br />

der Genehmigung des Kartellamts. Es wird erwartet,<br />

dass sie im ersten Quartal <strong>2017</strong> zum Abschluss<br />

kommt.<br />

MOTORTECH wurde 1988 gegründet und hat seinen<br />

Sitz in Celle (Niedersachsen). Das Unternehmen<br />

stellt Steuersysteme und Zubehör für Gasmotoren<br />

her. Zu den Systemen des Unternehmens gehören<br />

Klopferkennung und -regelung, Gasmischer, Drosselklappen<br />

und verschiedene Steuerungen, die an<br />

europäische Gasmotorenhersteller und Nachmarkt-<br />

Kunden verkauft werden. MOTORTECH beschäftigt<br />

million der Verbindung“, so Falk. Das entspricht<br />

einem Salzkorn in einem Liter Wasser.<br />

Das gereinigte Gas fließt dann in die<br />

eigens entwickelte Laboranlage von Falks<br />

Kollegen an der Hochschule Landshut. In<br />

dem mannshohen Gebilde aus silbrigen<br />

Schläuchen und kupferfarbenen Verbindungsstücken<br />

steckt Prozess- und Material-<br />

Know-how aus der gesamten Hochschule.<br />

Zwei Studentinnen haben beispielsweise<br />

die perfekte Beschichtung für Wärmetauscher<br />

ermittelt. Das ist wichtig, damit Kohlendioxid<br />

dort als Schnee und nicht als Eis<br />

kristallisiert. Denn Schnee kann einfach<br />

abgeklopft werden. Eine Eisschicht müsste<br />

aber regelmäßig abgetaut werden – ähnlich<br />

wie bei einer Tiefkühltruhe. Das würde zusätzlich<br />

Energie verbrauchen.<br />

Die Studentinnen haben in ihrer Abschlussarbeit<br />

herausgefunden: Sind die<br />

Wärmetauscher mit Teflon beschichtet,<br />

bildet sich der optimale Kohlendioxid-<br />

Schnee. Biogasanlagen-Betreiber können<br />

ihn als Trockeneis weitervermarkten. In<br />

Flugzeugen beispielsweise werden damit<br />

Lebensmittel gekühlt. Und in der Kunststoff-<br />

und Stahlindustrie wird es genutzt,<br />

um die Oberflächen von Kunststoffen und<br />

Metallen zu reinigen. Die Gasreinigung<br />

und -trennung funktioniert also im Labor<br />

einwandfrei. Die Forscher wollen nun das<br />

Prinzip auf den Maßstab einer Biogasanlage<br />

übertragen. Dafür wollen sie ab <strong>2017</strong><br />

eine Demonstrationsanlage in Landshut<br />

errichten.<br />

mehr als 250 Mitarbeiter in der deutschen Unternehmenszentrale,<br />

am Produktionsstandort in Polen und<br />

in den Vertriebsbüros in den USA und China.<br />

„Durch die Verbindung von Ressourcen und Technologien<br />

werden Generac und MOTORTECH führend in der<br />

Industrie der Gas-Otto-Motoren sein“, so Patrick Forsythe,<br />

Executive Vice President of Global Engineering<br />

bei Generac. „Es handelt sich um eine sehr spannende<br />

Entwicklung für MOTORTECH“, so Florian Virchow,<br />

Geschäftsführer von MOTORTECH. „Die Einbindung<br />

in den Generac-Konzern wird uns weltweit den Zugang<br />

in neue Märkte für unsere Produkte öffnen.“ Die<br />

Familie Virchow und die aktuelle Geschäftsführung<br />

von MOTORTECH werden das Unternehmen auch<br />

nach dem Abschluss der Übernahme leiten.<br />

6


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Aktuelles<br />

Winfried Vees bester<br />

Energielandwirt<br />

Foto: dlz agrarmagazin/Dagmar Deutsch<br />

Berlin – Der Sieger in der Kategorie Energielandwirt<br />

des CeresAward 2016 ist Winfried<br />

Vees, Landwirt aus Eutingen i.G. Der<br />

Award wurde am 18. Oktober im Rahmen<br />

der Galaveranstaltung „Nacht der Landwirtschaft“<br />

in Berlin übergeben.<br />

Auf dem Bauernhof von Juliane und Winfried<br />

Vees in Eutingen i.G., Baden-Württemberg,<br />

können zehn Erdgasfahrzeuge<br />

pro Tag das von den Eheleuten selbst produzierte<br />

Biomethan tanken. Vom Anbau<br />

der Energiepflanzen über die Produktion<br />

von Biogas bis hin zur Aufbereitung des<br />

Rohbiogases zu Compressed Natural Gas<br />

(CNG) liegt alles in einer Hand. Für die<br />

Vees` ist die Tankstelle die logische Konsequenz<br />

aus ihrem Engagement für Erneuerbare<br />

Energien.<br />

Da ihre 56 Hektar umfassende Fläche nicht<br />

ausreicht, arbeiten die Vees mit sechs Kollegen<br />

zusammen, die für sie Energiepflanzen<br />

anbauen. Zudem wird nicht nur Mais<br />

zu Methan vergoren. Auf den Feldern rund<br />

um Eutingen wachsen das Szarvasi-Gras<br />

und die Durchwachsene Silphie. Aber auch<br />

Luzerne, Ackerfutter, Wildpflanzen, Gras<br />

und Pferdemist füttert der Betrieb in die<br />

innovative Biogasanlage. „Dafür haben wir<br />

die Eindosierung in die Anlage extra ausgerichtet,<br />

denn für den Pferdebetrieb ist der<br />

Mist ein Problemstoff“, so Vees.<br />

„Risikobereitschaft und Innovationsfreude<br />

zeichnen den Gewinner der Kategorie<br />

Energielandwirt aus. Das trifft bei ihm<br />

auf unternehmerisch solides Vorgehen<br />

und eine ausgeprägte Portion Sendungsbewusstsein,<br />

um die Bevölkerung auch<br />

bei kritisch diskutierten Themen wie der<br />

Biogaserzeugung mitzunehmen. Die Biogastankstelle<br />

auf seinem Hof bezeugt,<br />

dass sich unternehmerische Zielsetzungen<br />

und gesellschaftliche Fragen, in dem Fall<br />

die Zukunft der Mobilität, in der Landwirtschaft<br />

nicht ausschließen“, urteilte die<br />

Fachjury des CeresAward.<br />

Bildmitte: Winfried Vees, Sieger des CeresAward in<br />

der Kategorie Energielandwirt. Links: Bernd Feuerborn,<br />

dlz agrarmagazin. Rechts: Günter Hammerich<br />

von der R + V Allgemeine Versicherung.<br />

Servus, i bin’s, der<br />

Hackl Schorsch<br />

nun ist es also da, das Jahr <strong>2017</strong> – und damit<br />

auch das EEG <strong>2017</strong>. Und die Zuversicht, dass es<br />

mit Biogas in Deutschland weitergeht. Sicherlich<br />

sind noch einige Klippen zu umschiffen; viel Neues<br />

ist zu lernen und zu beachten. Aber – und das hab<br />

ich mir von der BIOGAS Convention Mitte November<br />

in Hannover berichten lassen – ist Zuversicht<br />

zurückgekehrt. Der Blick geht wieder nach vorne.<br />

Die Branchenakteure machen sich intensiv Gedanken,<br />

Betreiber ebenso wie Hersteller. Sie alle<br />

nehmen die neuen Herausforderungen an. Die Biogasnutzung<br />

in Deutschland wird sich verändern.<br />

Neben Strom werden die Betreiber neue Absatzmärkte<br />

erschließen. Beim Wärmeverkauf – so zeigt<br />

es auch die Wärmestudie, die der Fachverband in<br />

Auftrag gegeben hat – ist noch viel Luft nach oben.<br />

Klimaneutrale Wärme ist ein hohes Gut, das einen<br />

fairen Preis verdient!<br />

Mit den Pariser Verträgen und deren Evaluierung in<br />

Marrakesch ist der Klimaschutz endlich stärker in<br />

den Fokus gekommen. Ich denke und hoffe inständig,<br />

dass auch ein Donald Trump diese Entwicklung<br />

nicht aufhalten wird. Um das große Ziel einer<br />

CO 2<br />

-freien Energieerzeugung zu erreichen, müssen<br />

alle mithelfen. Sie als Betreiber und Hersteller von<br />

Biogasanlagen sind Vorreiter und ein gutes Beispiel.<br />

Lassen Sie sich nicht beirren! Machen Sie<br />

weiter. Es ist ein bisschen wie in der Eisrinne: Wenn<br />

der Rodler einen guten Start erwischt hat, muss er<br />

nur noch die Spur halten – das Ziel erreicht man<br />

dann schon. Und wenn man gut fährt, ist auch<br />

noch eine gute Zeit drin.<br />

In diesem Sinne: Bleiben Sie in der Spur und gestalten<br />

Sie das Jahr <strong>2017</strong> im Sinne der Energiewende<br />

und des Klimaschutzes.<br />

Macht’s es guad.<br />

Pfiat euch,<br />

Euer<br />

7


Aktuelles<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Bücher<br />

„POWER TO CHANGE“ –<br />

jetzt auf DVD und Blu-ray!<br />

Ist die komplette<br />

Energieversorgung<br />

ohne fossile und atomare<br />

Quellen realistisch?<br />

Wer Carl-A.<br />

Fechners Dokumentarfilm<br />

„POWER TO<br />

CHANGE − Die EnergieRebellion“<br />

gesehen<br />

hat, wird dem<br />

ohne Zweifel zustimmen.<br />

Der Film nimmt den Zuschauer<br />

mit auf die Reise in die Welt der Erneuerbaren<br />

Energien, in der die unterschiedlichsten<br />

Charaktere für die Energierevolution<br />

kämpfen – voller Leidenschaft<br />

und Hoffnung, Rückschläge einsteckend<br />

und Erfolge feiernd. Ab dem 10. November<br />

2016 ist der meistgesehene politische<br />

Kino-Dokumentarfilm des Jahres als<br />

Blu-ray und DVD im Handel erhältlich –<br />

mit zusätzlichen 40 Minuten Bonusmaterial,<br />

natürlich auch als Download auf den<br />

großen Portalen.<br />

POWER TO CHANGE − Die EnergieRebellion<br />

Regie: Carl-A. Fechner. Drehbuch: Carl-<br />

A. Fechner. Kamera: Philipp Baben der<br />

Erde. Schnitt: Bernhard Reddig & Mechthild<br />

Barth. Musik: Ralf Wienrich & Eckart<br />

Gadow. Ton: Ludwig Bestehorn (Ton), Erik<br />

Mischijew & Matz Müller (Sound Design),<br />

Björn Wiese (Tonmischung). Kinostart:<br />

17.03.2016 (DE). Verleih: change filmverleih<br />

(DE). Länge: 94 Min. FSK: ohne Altersbeschränkung.<br />

Bonusmaterial (40 Min.): Kinotrailer, Community<br />

Trailer, Promo Reel, Interview mit<br />

dem Regisseur, Making-Of, Wo die Idee<br />

entstand: Der Filmförderverein Hohenlohe,<br />

Ein Film bewirkt Veränderung: Die Eventkampagne<br />

(Carl-A. Fechner und Team auf<br />

Demos etc.), Links zu Faktencheck mit aktuellen<br />

Zahlen und Schulmaterial.<br />

Link zum Shop: http://shop.fechnermedia.<br />

de/katalog/schlagw-rter/power-change<br />

Weitere Infos zum Film POWER TO<br />

CHANGE finden Sie auf www.powertochange-film.de<br />

Vision für die Tonne<br />

Die Atomgeschichte<br />

hat interessante<br />

Charaktere hervorgebracht.<br />

Einen Atommanager,<br />

der die<br />

Seiten wechselt; einen<br />

Landrat, der sich<br />

quer stellt; einen<br />

jungen Zoologen,<br />

der den DDR-Staat durch Recherchen zum<br />

Uranabbau düpiert; einen Physiker, der das<br />

Ende der Ostreaktoren während der Wende<br />

besiegelt. Und viele mehr. Der Autor hat<br />

sie getroffen und erzählt auch anhand ihrer<br />

Biografien die Atomgeschichte Deutschlands,<br />

Österreichs und der Schweiz. Er<br />

beschreibt die anfänglich so naive Atomeuphorie,<br />

dann die ersten Widerstände in<br />

den Sechzigerjahren und schließlich die<br />

Bauplatzbesetzungen in den Siebzigern<br />

und Achtzigern.<br />

Er schildert, wie die Atomwirtschaft mit Arroganz<br />

und Leichtfertigkeit den Widerstand<br />

immer wieder aufs Neue belebt, forciert<br />

durch die Katastrophen von Tschernobyl<br />

und Fukushima.<br />

Vision für die Tonne ist die journalistisch<br />

aufgearbeitete Historie einer sozialen Bewegung,<br />

die wie keine andere die mitteleuropäische<br />

Nachkriegsgeschichte geprägt<br />

hat. Einer Bewegung, die beharrlich und<br />

kreativ war, die Alternativen suchte und<br />

fand, und die stets einen Querschnitt der<br />

Gesellschaft repräsentierte. All das machte<br />

sie – wenn auch erst spät – erfolgreich.<br />

Vision für die Tonne, Wie die Atomkraft<br />

scheitert – an sich selbst, am Widerstand,<br />

an besseren Alternativen.<br />

Autor: Bernward Janzing.<br />

Verlag: Picea Verlag, Freiburg, 2016.<br />

ISBN: 978-3-9814265-1-9<br />

Termine<br />

Alle Termine finden Sie auch auf der Seite www.biogas.org/Termine<br />

16. bis 19. Januar<br />

Qualifizierung für Biogasanlagenbetreiber<br />

Nienburg<br />

www.klimaschutz-leb.de<br />

22. bis 25. Januar<br />

B2B Reise nach Dänemark<br />

Kopenhagen und Aarhus<br />

www.moe-zentrum.de/bioenergieanlagendaenemark17<br />

22. bis 24. Februar<br />

Qualifizierung für Beschäftigte an<br />

Biogasanlagen<br />

Nienburg<br />

www.klimaschutz-leb.de<br />

18. und 19. Januar<br />

Biogas Infotage<br />

Ulm<br />

www.renergie-allgaeu.de / Veranstaltungen<br />

Mit Infostand des Fachverbandes<br />

Biogas e.V. (Messefoyer, Stand-Nr. 2)<br />

23. und 24. Januar<br />

Kraftstoffe der Zukunft<br />

Berlin www.kraftstoffe-der-zukunft.co<br />

25. und 26. Januar<br />

Biogaz Europe<br />

Rennes, Frankreich<br />

www.en.biogaz-europe.com<br />

7. Februar<br />

LandSchafftEnergie: Oberfränkisches<br />

Biogas Fortbildungsseminar<br />

Bad Staffelstein – Kloster Banz<br />

www.weiterbildung.bayern.de<br />

8. bis 11. März<br />

Progress in Biogas IV<br />

Stuttgart<br />

www.progress-in-biogas.com<br />

29. bis 30. März<br />

Monitoring & Process Control of Anaerobic<br />

Digestions Plants<br />

Leipzig<br />

www.energetische-biomassenutzung.de /<br />

Veranstaltungen<br />

8


BIOGAS-KIDS<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Aktuelles<br />

Was haben die Erneuerbaren Energien mit deinem<br />

ferngesteuerten Modellauto zu tun? Richtig, bei beiden<br />

geht es um Strom. Mit Wind, Sonne, Wasser und<br />

Biogas wird umweltfreundlicher Strom erzeugt.<br />

Dein Modellauto ist dafür der Verbraucher.<br />

Und wenn du schlau bist, dann<br />

fährst du mit Akkus, die du immer<br />

wieder aufladen kannst. Der umweltfreundliche<br />

Strom kommt<br />

aus der Steckdose – auch bei<br />

euch schon? Doch es gibt<br />

noch eine Gemeinsamkeit: Auch<br />

die erneuerbaren Stromerzeuger<br />

brauchen Akkus – also eine Technik,<br />

die es erlaubt, Strom zwischen-<br />

zuspeichern. Nimm als als Beispiel<br />

ein Haus mit Fotovoltaik-Modulen.<br />

Der am Tag erzeugte Strom muss sofort<br />

genutzt werden, denn die Stromerzeuger<br />

können ihn nicht speichern. In dieser Zeit ist jedoch<br />

der Strombedarf der meisten Haushalte gering.<br />

In der Regel steigt der Bedarf in den Abendstunden<br />

deutlich an, weil dann viele Leute zuhause Hause sind, Haushaltsgeräte,<br />

Fernseher, Warmwasser oder Heizung<br />

nutzen. Und wie sieht es nachts aus? Wo soll der<br />

Biogas-Atlas<br />

Es gibt schon viele,<br />

viele Biogasanlagen<br />

in Deutschland. Insgesamt<br />

sind es weit<br />

über 8000 installierte<br />

Anlagen jeder Größenordnung. Jede hat eine spannende<br />

Geschichte zu erzählen. Der Fachverband Biogas e.V. hat<br />

deshalb einen Biogas-Atlas ins Leben gerufen. Das ist eine<br />

Karte wie aus einem Schulatlas, den du kennst. Allerdings<br />

mit dem Unterschied, dass auf dieser Karte ausschließlich<br />

Biogasanlagen vermerkt sind. Zwar sind es nicht tausende<br />

Anlagen. Dafür steckt aber hinter jedem Punkt eine Biogasanlage<br />

mit einer interessanten Geschichte. Der Atlas zeigt<br />

damit auch, wie vielfältig die Herstellung und Nutzung von<br />

Biogas in Deutschland ist. Das solltest du dir unbedingt einmal<br />

anschauen, von Nord nach Süd, von Punkt zu Punkt<br />

wandern und staunen, was es über den jeweiligen Betrieb<br />

und seine Anlage alles zu berichten gibt:<br />

http://www.biogas.org/edcom/webfvb.nsf/id/DE-Karte<br />

Strom herkommen, wenn die<br />

Sonne nicht<br />

scheint? Und woher, wenn der Wind nicht weht? Oje,<br />

da braucht es also unbedingt Stromspeicher. Was für<br />

das einzelne Haus gilt, das ist auch ein Thema für das<br />

gesamte Stromnetz in Deutschland: Es werden in<br />

Zukunft dringend Stromspeicher gebraucht.<br />

Wie ein Leitungsnetz muss auch ein Netz<br />

an Speichern aufgebaut werden. Die<br />

Verbindung von Leitungen und<br />

Speichermedien ist vergleichbar<br />

mit dem Internet. Auch<br />

das funktioniert nur, weil es<br />

weltweit verteilt Standorte mit<br />

riesigen Datenspeichern gibt (sogenannte<br />

Server). Sie speichern<br />

Unmengen an Daten und sorgen<br />

für ihre ordnungsgemäße<br />

Weiterverteilung. Ein solches<br />

Speichernetzwerk wird auch für<br />

den Strom gebraucht, damit jederzeit<br />

und an jedem Ort eine ausreichende Versorgung<br />

besteht. Dabei spricht man von der Grundlast, die<br />

gebraucht wird, um Millionen Menschen im ganzen<br />

Land, in Unternehmen, Betrieben und Häusern ständig<br />

mit Strom zu versorgen.<br />

Abb. iStock<br />

Bist du eiN guter SpureNlESer?<br />

Würdest du es merken, wenn im Wald<br />

ein Wolf, Bär oder Luchs herumschleicht?<br />

Im Wald Spuren zu suchen und zu verfolgen, kann sehr spannend<br />

sein. Man erfährt dabei einiges über die Gewohnheiten verschiedener<br />

Tierarten. Wenn du Spuren lesen und deuten willst, musst du sie<br />

aber erst einmal auseinanderhalten können.<br />

Die Spuren von Luchs, Wolf und Bär kann man übrigens<br />

gut unterscheiden: Der Luchs kann seine Krallen einziehen.<br />

So bleiben sie messer scharf. In der Spur des Luchses<br />

sieht man daher meist keine Krallenabdrücke. Im Pfotenabdruck<br />

kannst du vier Zehen erkennen.<br />

Im Pfotenabdruck des Wolfes sind die Krallen immer sichtbar.<br />

Es sind wie beim Luchs vier Zehen zu erkennen.<br />

Die Spur des Bären hat fünf Zehenabdrücke. Die langen,<br />

starken Krallen sind im Pfotenabdruck gut<br />

sichtbar. Die Vorderpfote macht einen kurzen,<br />

breiten Abdruck. Der Abdruck der Hinterpfote ist<br />

länger als breit. Häufig ist im Abdruck der Hinterpfote<br />

die ganze Fußsohle sichtbar.<br />

www.agrarkids.de<br />

Landwirtschaft entdecken und verstehen –<br />

Die Fachzeitschrift für Kinder<br />

9


Aktuelles<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Im Bioabfall steckt noch mehr drin<br />

Auch die Biogasproduktion aus Abfällen steht vor neuen Herausforderungen. Der Schwerpunkt<br />

des 10. Biomasseforums des Witzenhausen-Instituts, das Ende Oktober in der<br />

Stadthalle im hessischen Bad Hersfeld stattfand, war die Weiterentwicklung der Erfassung<br />

des Bioabfalls und die Verwertung zu Biogas und Kompost. Maßnahmen zur Steigerung der<br />

Bioguterfassung sowie die Kompostvermarktung standen im Vordergrund. Aus der Praxis<br />

berichteten Betreiber über ihre unterschiedlichen Ansätze der Weiterentwicklung ihrer<br />

Anlagen zur Vergärung von Bioabfällen in Deutschland.<br />

Von Thomas Gaul<br />

Die neuen gesetzlichen<br />

Vorgaben, wie<br />

zum Beispiel das<br />

EEG <strong>2017</strong>, die<br />

Novellierung des<br />

Düngerechts und der TA Luft<br />

sowie erhöhte Anforderungen<br />

an Fremdstoffgehalte im Kompost,<br />

sind Herausforderungen<br />

auch für die Bioabfallwirtschaft.<br />

Eine hochwertige Verwertung des<br />

Bioabfalls geht nur mit der sogenannten<br />

Kaskadennutzung. Darunter ist die an erster Stelle<br />

stehende energetische Nutzung des Bioguts zur Biogaserzeugung<br />

zu verstehen und anschließend die stoffliche<br />

Verwendung des Gärprodukts zu marktfähigem<br />

Kompost und Erdenprodukten, die Ressourcen wie Torf<br />

einsparen helfen.<br />

Aus ökologischer und energetischer Sicht ist es sehr<br />

sinnvoll, Nahrungs- und Küchenabfälle privater Haushalte<br />

und Gewerbe über Biotonnen und ähnliche Systeme<br />

zu erfassen. Zu fragen ist, warum das trotz technischer<br />

und wirtschaftlicher Machbarkeit noch nicht<br />

flächendeckend geschieht. Schließlich ist das Ziel politisch<br />

gewünscht und gesetzlich vorgegeben.<br />

Obwohl es seit Anfang 2015 den klaren gesetzlichen<br />

Auftrag gibt, Nahrungs- und Küchenabfälle getrennt<br />

zu erfassen, kommen noch nicht alle öffentlichrechtlichen<br />

Entsorgungsträger diesem Auftrag des<br />

Kreislaufwirtschaftsgesetzes nach. Wie das Witzenhausen-Institut<br />

erfasst hat, haben 37 Millionen (Mio.)<br />

Bundesbürger Zugang zu einer Biotonne. Das heißt<br />

zugleich auch, dass 45 Mio. Deutsche ihren Bioabfall<br />

nach wie vor über die Restmülltonne entsorgen oder im<br />

eigenen Garten kompostieren.<br />

Nur 55 kg Biomüll pro Einwohner<br />

werden erfasst<br />

Projektmitarbeiter Dr. Michael<br />

Kern vom Witzenhausen-Institut<br />

kommt daher zu der zunächst widersprüchlich<br />

anmutenden Aussage,<br />

dass Bioabfall sowohl die<br />

größte getrennt erfasste als auch<br />

nicht erfasste Müllfraktion ist. „Da<br />

ist auf jeden Fall noch viel Luft nach<br />

oben“, formulierte er und verwies darauf,<br />

dass die Erfassungsmenge je Jahr und Einwohner<br />

bei nur 55 Kilogramm (kg) liegt. Werden nur die an<br />

die Biotonne angeschlossenen Einwohner betrachtet,<br />

liegt der Wert bei rund 120 kg. Insgesamt wurden im<br />

Jahr 2014 bundesweit 9,6 Mio. Tonnen Bioabfall erfasst.<br />

Nach Angaben des Fachverbandes Biogas e.V.<br />

gibt es in Deutschland derzeit 350 reine Abfallvergärungsanlagen,<br />

davon 90 Biogutvergärungsanlagen. Die<br />

genehmigte Menge beträgt 8,9 Mio. Tonnen im Jahr.<br />

Im Rahmen des Forschungsprojektes sind die Wissenschaftler<br />

mit einer umfangreichen Analysematrix den<br />

Entsorgungsgewohnheiten der Bürger in Stadt und<br />

Land nachgegangen. Die Zusammensetzung des Abfalls<br />

wurde auf der Grundlage von 25 öffentlich-rechtlichen<br />

Entsorgungsträgern ermittelt und in ein bundesweites<br />

Modell zur Ermittlung des Bioabfallpotenzials<br />

im Restmüll in den Landkreisen und kreisfreien Städten<br />

eingepflegt.<br />

Dabei stellten die Forscher mit 40 Prozent organischen<br />

Anteils erhebliche Mengen an Biogut im Restmüll fest.<br />

Überrascht zeigten sie sich, dass auch in städtischen<br />

Gebieten mit Mehrfamilienhäusern Gartenabfälle anfallen.<br />

Im ländlichen Raum ist die Kombination aus<br />

Biotonne und Eigenkompostierung weit verbreitet. Um<br />

Foto: www.agrarfoto.at<br />

Grafik: Fotolia_M. Schuppich<br />

10


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Aktuelles<br />

4 bis 8 Prozent ließe sich die Recyclingquote<br />

steigern, wenn die Bioabfälle zusätzlich erfasst<br />

würden, die derzeit noch auf privaten Grundstücken<br />

kompostiert werden, machte Dr. Andreas<br />

Jaron vom Bundesumweltministerium deutlich.<br />

Wie er weiter ausführte, wird auf EU-Ebene über<br />

Recyclingziele diskutiert.<br />

Bislang gilt das Ziel, 50 Prozent der Siedlungsabfälle<br />

ab dem Jahr 2020 zu recyceln. Dieses<br />

Ziel gilt auch weiterhin. Die Kommission schlägt<br />

vor, die Kalkulationsmethoden zur Bestimmung<br />

der Recyclingraten in den Mitgliedsländern zu<br />

verändern und zugleich die Ziele auf 60 Prozent<br />

in 2025 und 65 Prozent ab 2030 zu erhöhen.<br />

Auf jeden Fall ist nur durch eine gesteigerte Erfassung<br />

von Bioabfällen das Ziel zu erreichen.<br />

Das ist auch aus klimapolitischer Sicht geboten,<br />

liegen doch in der Abfallvergärung und einer anschließenden<br />

Kompostierung große Potenziale<br />

zur Einsparung von Treibhausgasen. Mit jeder<br />

Tonne verwertetem Biogut lassen sich bis zu<br />

180 kg CO 2<br />

-Äquivaltent einsparen sowie bis zu<br />

1,7 kg Phosphor (P 2<br />

O 5<br />

) recyceln.<br />

Küchenabfälle im Beutel sammeln<br />

Mit Blick auf den hohen Gasertrag sind viele<br />

Abfallvergärungsanlagen an Küchenabfällen<br />

interessiert. Um die Erfassung im Haushalt zu<br />

steigern, setzen mehrere öffentlich-rechtliche<br />

Entsorger auf den Einsatz sogenannter „BAW-<br />

Beutel“. Dabei handelt es sich um Material aus<br />

biologisch abbaubaren Werkstoffen. In der Biogasanlage<br />

soll das Material während der Dauer<br />

des Vergärungsprozesses vollständig abgebaut<br />

werden.<br />

Probleme treten nur bei den kurzen Rottezeiten<br />

bei ausschließlicher Vergärung auf. Für den<br />

Bürger hat der Beutel hygienische Vorteile bei<br />

der Sammlung in der Küche. Aber es ist nicht<br />

auszuschließen, dass durch Verwechseln doch<br />

der eine oder andere PE-Beutel in der Biotonne<br />

landet. Daher ist es sinnvoll, das Material nicht zu stark<br />

zu zerkleinern, um eine Abtrennung zu ermöglichen.<br />

Mit Unterstützung der Anlagenbetreiber von vier<br />

verschiedenen Biogut-Vergärungsanlagen mit nachgeschalteter<br />

Kompostierung wurde in einem Praxisversuch<br />

von April bis Oktober 2016 untersucht, wie<br />

sich das Stoffstrommanagement und die Aufbereitungs-<br />

und Vergärungstechnik auf das Abbauverhalten<br />

der BAW-Beutel auswirken. Um die breite Palette der<br />

unterschiedlichen Vergärungstechniken abzudecken,<br />

waren kontinuierliche und diskontinuierliche Trockenfermentationsanlagen<br />

sowie unterschiedliche Aufbereitungstechniken<br />

vertreten.<br />

Im Ergebnis war das Material nach 28 Tagen deutlich<br />

reduziert, nach weiteren 14 Tagen in der Nachrotte waren<br />

keine Bestandteile der Beutel mehr zu finden. „Die<br />

Bioguterfassung in Deutschland<br />

Stand 8/2016<br />

Beutel stoßen auf hohe Akzeptanz der Bürger“, stellte<br />

Thomas Turk von der IgLUX fest, die den Versuch begleitet<br />

hat. Viele Bürger wären nach seinen Angaben<br />

sogar bereit, für den Beutel zu zahlen. Gerade unter<br />

den großstädtischen Bedingungen kann mit den BAW-<br />

Beuteln die „Sammelbereitschaft“ der Bürger erhöht<br />

werden, ist Helmut Schmidt von der Abfallwirtschaft<br />

München (AWM) überzeugt. Er plädiert jedoch dafür,<br />

die Beutel zu Beginn des Behandlungsprozesses gemeinsam<br />

mit anderen Fremd- oder Störstoffen auszusortieren,<br />

zumal sie auch nicht zum Gasertrag in der<br />

Vergärung beitragen.<br />

Biogasanlagen umrüsten<br />

Über die Umrüstung einer NawaRo-Anlage in eine<br />

Bioabfall-Vergärungsanlage berichtete Markus Töpfer<br />

11


Aktuelles<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Störstoffe wie<br />

Plastikteile haben<br />

im Biomüll nichts<br />

verloren. Sie sind eine<br />

Herausforderung für<br />

Abtrenntechniken und<br />

verteuern die Weiterverwertung.<br />

vom Deponiepark Brandholz. Zum Betrieb der Anlage<br />

hatte sich eine Gruppe von 50 Landwirten zusammengeschlossen,<br />

die auf einer Fläche von 450 Hektar Mais<br />

und Getreide für Ganzpflanzensilage anbauten. Die Anlage<br />

besteht aus acht Vergärungsboxen, die jeweils 300<br />

Kubikmeter Substrat fassen. Nachdem zum 1. Januar<br />

2015 die Biotonne im Main-Taunus-Kreis und im Hochtaunuskreis<br />

eingeführt wurde, sollte die Biogasanlage<br />

Brandholz wesentlicher Bestandteil des Bioabfallkonzepts<br />

der beiden Landkreise werden.<br />

Um künftig alle Bioabfallmengen stofflich und energetisch<br />

zu verwerten, besteht ein Verbundkonzept mit der<br />

Biogasanlage Wicker, die 2008 in Betrieb ging und<br />

jährlich 65.000 Tonnen Bioabfall vergärt. Die Biogasanlage<br />

Brandholz wurde für eine Jahresdurchsatzmenge<br />

von 25.000 Tonnen genehmigt. Pro Tag sind das 70<br />

Tonnen, aus denen eine Biogasproduktion von 2,75<br />

Mio. Kubikmetern erwartet wird. Am Standort wird daraus<br />

in Gasmotoren Strom und Wärme produziert. Mit<br />

der Wärme aus dem Kühlkreislauf werden zunächst die<br />

Gebäude und die Fermenter beheizt und die Luft zur<br />

Aerobisierung vorgewärmt. Später ist ein Anschluss an<br />

das Fernwärmenetz vorgesehen. Die flüssigen Gärprodukte<br />

werden in den vorhandenen Gärproduktlagern<br />

zwischengespeichert und an die Landwirte abgegeben.<br />

Auch die Bioabfallbehandlungsanlage in Borgstedt<br />

im Landkreis Eckernförde (Schleswig-Holstein) steht<br />

zur Erweiterung an. Doch als Damoklesschwert sehen<br />

die Betreiber die Novellierung der Düngeverordnung<br />

an. Denn steigende Mengen zu vergärenden Bioabfalls<br />

ziehen auch steigende Mengen an Gärprodukten<br />

nach sich. Die Ausbringung auf landwirtschaftlichen<br />

Flächen könnte aber durch die neue Düngeverordnung<br />

begrenzt werden. Um diesen Engpass zu umgehen,<br />

wollen die Betreiber in Borgstedt zusammen mit einer<br />

Foto: www.landpixeld.de<br />

Privatfirma in die Kompostveredelung einsteigen. Das<br />

Ziel ist die Vermarktung hochwertiger Erdensubstrate<br />

aus zertifizierten Grün- und Biogutkomposten für den<br />

privaten und gewerblichen Bedarf.<br />

Fremdstoffe vermeiden<br />

Bei der Verwendung der Gärprodukte sind jedoch<br />

Fremdstoffe immer wieder ein Thema. Aus den Auswertungen<br />

der Bundesgütegemeinschaft Kompost<br />

(BGK) geht hervor, dass insbesondere Komposte aus<br />

Biogutvergärungsanlagen Schwierigkeiten haben, die<br />

Grenzwerte einzuhalten, die künftig noch weiter verschärft<br />

werden. So wird die Flächensumme der ausgelesenen<br />

Fremdstoffe als Indikator für den optischen<br />

Verunreinigungsgrad von 25 Quadratzentimetern pro<br />

Liter (cm 2 /l) Prüfsubstrat auf 15 cm 2 /l Prüfsubstrat abgesenkt,<br />

wobei eine Übergangsfrist bis 30. Juni 2018<br />

vorgesehen ist.<br />

Für die energetische Nutzung ist die Verunreinigung<br />

mit Fremdstoffen unproblematisch, nicht jedoch für<br />

die anschließende stoffliche Verwendung. Wenn an der<br />

Biogasanlage Biogut mit einem Fremdstoffanteil von<br />

5 Prozent und mehr angeliefert wird, bedeutet das,<br />

dass 99 Prozent der Fremdstoffe herausgereinigt werden<br />

müssen. Nur wenn das gelingt, kann ein Kompost<br />

erzeugt werden, der den Anforderungen der Gütesicherung<br />

genügt.<br />

Wie sich in der Praxis gezeigt hat, muss bereits bei der<br />

Aufbereitung des Materials angesetzt werden. In puncto<br />

Fremdstoffproblematik ist das Nassvergärungsverfahren<br />

im Vorteil, weil zum Schutz der Anlagentechnik<br />

bereits vor der Vergärung eine umfassende Substrataufbereitung<br />

erfolgt. Üblicherweise durchläuft das Material<br />

nach einer Zerkleinerung einen Pulper mit einer<br />

Rechenanlage zum Austrag von Leichtstoffen und einen<br />

Schwergutabscheider. Zusätzlich können weitere Separationstechniken<br />

zum Einsatz kommen.<br />

Für die in Bad Hersfeld zusammengekommenen Bioabfall-Experten<br />

steht die Frage im Zentrum ihrer Überlegungen,<br />

wie eine hochwertige stoffliche Umsetzung<br />

des Bioguts zu erreichen ist. Ziel ist ein sinnvolles<br />

Stoffstrommanagement, das hohe (aber nicht höchste)<br />

Biogaserträge mit einer nachgeschalteten Kompostierung<br />

verbindet. Allerdings bedarf es eines deutlichen<br />

Ausbaus der Öffentlichkeitsarbeit, um mit weiteren Anreizen<br />

und Kontrollen für eine getrennte Erfassung des<br />

Bioguts mit möglichst wenig Fremdstoffen zu sorgen.<br />

Autor<br />

Thomas Gaul<br />

Freier Journalist<br />

Im Wehrfeld 19a · 30989 Gehrden<br />

Mobil: 01 72/512 71 71<br />

E-Mail: gaul-gehrden@t-online.de<br />

12


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Aktuelles<br />

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kW el<br />

Flexbetrieb stellen zwei BGA136 eine optimale Lösung dar.<br />

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Biogasanlagen und BHKW zusammengeschlossen<br />

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13


Aktuelles<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Gasspeicher intelligent managen<br />

Für eine flexible Stromerzeugung müssen die Produktion, die Speicherung und der Verbrauch<br />

des Biogases in der Anlage vorausschauend aufeinander abgestimmt werden.<br />

Wissenschaftler und Praktiker tüfteln daher am optimalen Gasmanagement.<br />

Von Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />

An dem Gasspeicher<br />

über dem Nachgärer<br />

(Mitte) der DBFZ-Forschungsbiogasanlage<br />

testete ein Wissenschaftlerteam<br />

die<br />

Messgenauigkeit von<br />

Füllstandsanzeigen.<br />

Ein störungsfreier Betrieb des Blockheizkraftwerks<br />

(BHKW) und immer ein gefüllter<br />

Gasspeicher. Auf diese beiden Aspekte<br />

konzentrieren sich nach wie vor die meisten<br />

Betreiber der rund 9.000 Biogasanlagen in<br />

Deutschland. Mit Blick auf das Bestreben, durch eine<br />

maximale Jahresstromproduktion die Amortisation zu<br />

sichern und letztlich Gewinn zu erzielen, durchaus<br />

nachvollziehbar.<br />

Doch die Biogasbranche hat den Anspruch, in der zukünftigen<br />

Energieversorgung als Baustein zum Ausgleich<br />

der fluktuierenden erneuerbaren Energiequellen<br />

zu fungieren. Um dieser Aufgabe insbesondere durch<br />

eine bedarfsgerechte Strombereitstellung gerecht zu<br />

werden, müssen die Biogasproduktion, der Gasverbrauch<br />

sowie die Füllstände der Rohbiogasspeicher an<br />

den Anlagenstandorten in einer neuen Qualität abgestimmt,<br />

überwacht und geregelt werden.<br />

Die richtige Gasmenge zur richtigen Zeit<br />

„Die Praxis zeigt allerdings, dass die für einen flexiblen<br />

Betrieb unabdingbare genaue Füllstandsmessung der<br />

Speicher in der täglichen Arbeit meist nur geringe Priorität<br />

hat. Für ein vorausschauendes Gasmanagement<br />

ist die eingesetzte Messtechnik zudem in aller Regel<br />

zu ungenau“, sagt Mathias Stur vom Deutschen Biomasseforschungszentrum<br />

(DBFZ) in Leipzig. Der Wissenschaftler<br />

leitet das Forschungsprojekt „MANBIO –<br />

Entwicklung von technischen Maßnahmen zur Verbesserung<br />

des Gasmanagements von Biogasanlagen“.<br />

Während des Biogas-Fachgesprächs am 23. November<br />

am DBFZ informierte er über erste Ergebnisse.<br />

Bei dem Verbundvorhaben in Kooperation mit der Awite<br />

Bioenergie GmbH, das vom BMWi im Rahmen des Förderprogramms<br />

„Energetische Biomassenutzung“ unterstützt<br />

wird, geht es zunächst darum, die technischen<br />

Voraussetzungen für die Speicherfüllstandsmessung zu<br />

verbessern. Dafür testet das Forscherteam gegenwärtig<br />

eine weiterentwickelte Seilzug-Messvorrichtung.<br />

In einem zweiten Schritt soll ein System zur intelligenten<br />

Kopplung der Gasspeicher mit der Gasproduktion<br />

und den Konversionsaggregaten entwickelt werden.<br />

Dazu gehört eine Füllstandssprognose für fünf bis<br />

sechs Tage auf der Grundlage von Wetter- und Betriebsdaten.<br />

„Wir wollen Anlagenbetreibern ein Instrument<br />

für den Flexbetrieb an die Hand geben, mit dem sie das<br />

Fütterungsmanagement so abstimmen können, dass<br />

auch bei kleinem Speichervolumen zu jedem Zeitpunkt<br />

die richtige Gasmenge bereitsteht, ohne den Speicher<br />

ständig an der Obergrenze fahren zu müssen“, fasst<br />

Stur das Projektziel zusammen.<br />

Berücksichtigung fänden dabei neben Angaben zum<br />

Gärprozess Kriterien wie Außentemperatur, Luftdruck<br />

oder auch Windgeschwindigkeit, die die Speicherkapazität<br />

stark beeinflussen. So hätten Versuche gezeigt,<br />

dass sich bei einem Temperaturanstieg um 30 Grad<br />

Celsius durch die Ausdehnung des Gases die nutzbare<br />

Kapazität von Speichern um bis zu 20 Prozent reduziert.<br />

Solche Bedingungen seien an einem Sommertag,<br />

wenn sich die Außenhülle stellenweise auf über 50<br />

Grad Celsius aufheizt, keineswegs selten.<br />

Nicht zuletzt ließen sich durch das geplante Gasmanagementsystem<br />

Gasverluste durch Auslösung der Überdrucksicherung<br />

vermeiden. „Nach Beobachtungen des<br />

DBFZ ist dies bei Biogasanlagen vermutlich häufiger der<br />

Fall, als man gemeinhin annimmt“, gibt der Experte zu<br />

bedenken.<br />

14


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Aktuelles<br />

Fotos: Carmen Rudolph<br />

HAFFMANS<br />

BIOGASAUFBEREITUNG<br />

Durch die Installation mehrerer Druckregelklappen lässt<br />

sich der Stützluftdruck in einem Doppelmembranspeicher<br />

schneller an die jeweiligen Bedingungen anpassen.<br />

In der Biogasbranche, so die Analyse des Projektteams, dominieren<br />

raumveränderliche Niederdruckspeicher, die in die Behälter<br />

integriert sind. Bei der Bauart setzt sich der pneumatisch vorgespannte<br />

Doppelmembranspeicher durch. Die innere flexible, aber<br />

nicht dehnbare Membran liegt bei leerem Speicher auf einem<br />

Haltesystem, während das Stützluftgebläse die Wetterschutzfolie<br />

stets in der vorgegebenen Kugelkalottenform hält.<br />

Große Abweichung bei Füllstandsmessung<br />

Gängig sind Volumenmessung per Seilzug oder Schlauchwaage,<br />

vereinzelt auch mittels Ultraschall. Beim Seilzugverfahren wird<br />

ein an der Behälterwand befestigtes Seil über die innere Gasspeichermembran<br />

nach außen geführt. An dessen Ende ist ein Gewicht<br />

befestigt, das seine vertikale Lage in einem durchsichtigen<br />

senkrechten Führungsrohr je nach Anhebung der Gasmembran<br />

verändert. Das hydrostatische Messverfahren verwendet dafür einen<br />

aufgelegten, mit Wasser gefüllten Schlauch. Aus der Druckveränderung<br />

der Wassersäule beim Heben und Senken der inneren<br />

Membran lässt sich der Füllstand ableiten. Beim Ultraschallmessverfahren<br />

registriert ein Ultraschallsensor die Ausformung der inneren<br />

Folie.<br />

Das Problem bei diesen Füllstandsmessungen ist, dass sich die<br />

Gasmembran bis zur Erreichung des vollen Nettospeichervolumens<br />

(ab Haltesystem, ohne den darunter liegenden Gasraum)<br />

sehr undefiniert ausformt. Dies kann auch durch die Einbeziehung<br />

mehrerer Messpunkte nicht gänzlich kompensiert werden. Interesse<br />

fand daher während der Diskussion beim Biogas-Fachgespräch<br />

der Hinweis auf eine in Italien praktizierte Methode, bei der ein<br />

leichter, von der Wetterschutzhaube ausgehender Federzug eine<br />

gleichmäßige Ausbildung der Membran bewirkt.<br />

Dass die Füllstandsmessungen mit Seilzug und Schlauchwaage<br />

ziemlich ungenau sind, konnte das Projektteam durch Versuche an<br />

der DBFZ-Forschungsbiogasanlage nachweisen. Dafür befüllten<br />

sie einen vollständig entleerten Speicher mit einem definierten Volumenstrom<br />

bis zum Auslösen des Überdruckventils. Ergebnis: Die<br />

Anzeige des hydrostatischen Druckmessverfahrens stand während<br />

der Befüllung noch auf Null, als der Speicher bereits 25 Prozent<br />

seines Nettovolumens enthielt. Beim Seilzug waren es sogar 36<br />

Prozent. Mit zunehmender Ausbildung der Kugelkalotte verbessert<br />

sich die Genauigkeit der Anzeige. Umgedreht meldeten beide<br />

Messverfahren dann jedoch verfrüht die vollständige Entleerung.<br />

Zum Teil war der Speicher zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch<br />

zu 30 Prozent befüllt.<br />

15<br />

CO 2<br />

Maximaler Ertrag<br />

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Systemen von Pentair Haffmans können Sie<br />

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nachrüsten. CO 2<br />

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zurückgewonnen und steht für verschiedenste<br />

Einsatzzwecke zur Verfügung. Anlagenbetreiber<br />

können das verflüssigte CO 2<br />

auch an einen<br />

externen Abnehmer verkaufen und so eine<br />

zusätzliche Einnahmequelle erschlieβen.<br />

Die Menge an Treibhausgasen, die in die<br />

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Das macht diese Technologie zu einer<br />

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25./26. Januar <strong>2017</strong><br />

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Aktuelles<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Dr. Jürgen Kube, Head of Technology<br />

bei der Futurebiogas Ltd.: „Erst<br />

durch ein aktives Gasmanagement<br />

ist das Speichersystem wirklich<br />

komplett nutzbar.“<br />

Dreifach-Gebläse,<br />

Druckregelklappe sowie<br />

Füllstandsanzeige<br />

per Seilzug an der<br />

Behälterwand eines<br />

Doppelmembrangasspeichers<br />

von der<br />

Bauer Folien GmbH.<br />

Mathias Stur, DBFZ: „In der Praxis<br />

hat die für einen flexiblen Betrieb<br />

unabdingbare genaue Füllstandsmessung<br />

der Speicher nur geringe<br />

Priorität.“<br />

Gasmanagement über Drucksensoren<br />

Prof. Dr. Jürgen Wiese von der Hochschule Magdeburg-<br />

Stendal plädiert daher für die Füllstandsmessung mittels<br />

Drucksensoren. Diese seien mittlerweile preiswert<br />

und könnten in den verschiedenen Behältern des Systems<br />

leicht installiert werden. Zugleich eigneten sich<br />

die Gasdrucksensoren sehr gut für die Ansteuerung der<br />

BHKW-Motoren. „Mit solchen Sensoren<br />

kann außerdem in Doppelmembranspeichern<br />

der Luftdruck zwischen Gas- und<br />

Wetterschutzfolie gemessen werden“,<br />

schlägt der Wissenschaftler vor.<br />

Mithilfe der damit ermittelten Werte ließe<br />

sich die Leistung der Stützluftgebläse<br />

regeln, etwa um bei hoher Windlast<br />

die Standsicherheit der Folienüberdachung<br />

zu verbessern oder um bei einer<br />

ungünstigen Verteilung der Gasmengen<br />

in mehreren miteinander verbundenen<br />

Speichern den Ausgleich zu erleichtern.<br />

Wiese empfiehlt, in jeder Biogasanlage<br />

eine Wetterstation in das Automationskonzept<br />

einzubinden. So mancher Betreiber<br />

würde bereits jetzt bei Sturmgefahr<br />

die Leistung des BHKW drosseln,<br />

um durch einen höheren Gasdruck im<br />

Speicher die Gefahr zu reduzieren, dass<br />

die Folienabdeckung durch Windböen<br />

aufschwingt.<br />

Eine ständige Herausforderung sei das<br />

Detektieren von Gasleckagen. „Auch<br />

kleine Undichtheiten summieren sich<br />

hier schnell zu größeren Verlusten“,<br />

mahnt Wiese. Sinnvoll sei es zum Beispiel,<br />

die Abluft der Tragluftdächer mit<br />

Gaswarnsensoren zu überwachen, um<br />

Leckagen in der Gasmembran frühzeitig<br />

zu erkennen.<br />

Prof. Dr. Jürgen Wiese, Hochschule<br />

Magdeburg-Stendal: „Sowohl<br />

das Regeln der Gasspeicher als<br />

auch die Ansteuerung der BHKW-<br />

Motoren könnte über Drucksensoren<br />

erfolgen.“<br />

Gekoppelte Gasspeicher<br />

aktiv regeln<br />

Aus Herstellersicht misst Dr.<br />

Jürgen Kube insbesondere beim<br />

Regeln mehrerer gekoppelter<br />

Gasspeicher der Leistung und<br />

der Steuerbarkeit der Stützluftgebläse<br />

große Bedeutung bei.<br />

Der Biogasexperte ist seit September<br />

2016 Head of Technology<br />

bei der Futurebiogas Ltd. Das<br />

Unternehmen mit Sitz in Guildford<br />

bei London betreibt neun<br />

Biogasanlagen mit Leistungen<br />

zwischen 2 und 4 Megawatt.<br />

Der Druck, der sich in einem<br />

ungeregelten Doppelmembranspeicher<br />

einstellt, werde<br />

zunächst einmal durch die Leistung<br />

des Gebläses mit konstanter Drehzahl und durch<br />

die Einstellung der Druckregelklappe, meist durch<br />

Auflegen von Gewichten, bestimmt. „Der Druck ändert<br />

sich zwar im Prozess des Befüllens oder Entleerens, ist<br />

ansonsten jedoch unabhängig vom Füllstand“, konstatiert<br />

Kube. Mit leistungsstarken, frequenzgesteuerten<br />

Stützluftgebläsen sei jedoch ein aktives Gasmanagement<br />

möglich.<br />

Bedeutung habe dies insbesondere bei der Kopplung<br />

von Gasspeichern. Hier gelte: Zwischen den Behältern<br />

besteht aufgrund der Trägheit des Mediums beim Ausgleich<br />

stets eine Druckdifferenz. Die Druckdifferenz ist<br />

abschätzbar, aber im Betrieb nicht wirklich bekannt, da<br />

sie unter anderem von der Temperatur und damit der<br />

Dichte des Gases abhängt.<br />

Kube berichtete in seinem Vortrag beim Biogasfachgespräch<br />

von einem Fall, bei dem es dadurch zu Unter-<br />

und Überdruck in den verschiedenen Speichern der<br />

gleichen Anlage kam. Eine Lösung dieses Problems in<br />

größeren Anlagenkomplexen bestehe darin, in einem<br />

der Speicher den Druck festzulegen und den Füllstand<br />

in den anderen, über mehrere Gasleitungen untereinander<br />

verbundenen Behältern mittels Gebläsesteuerung<br />

anzupassen. „Erst durch solch ein aktives Gasmanagement<br />

ist das Gasspeichersystem wirklich komplett<br />

nutzbar“, so Kube.<br />

Autor<br />

Dipl.-Journ. Wolfgang Rudolph<br />

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16


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Biogas convention<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Die Chancen der Ausschreibung nutzen<br />

Was kommt auf die Biogasanlagenbetreiber künftig zu? Darüber informierte der Regensburger Rechtsanwalt<br />

Dr. Helmut Loibl in seinem Vortrag im großen Plenum auf der Biogas Convention in Hannover Mitte November.<br />

Von Thomas Gaul<br />

Die erste große Herausforderung<br />

ist die Ausschreibung“, sagte<br />

Dr. Helmut Loibl. Denn zunächst<br />

gelte es, den richtigen<br />

Zeitpunkt für die Teilnahme<br />

an der Ausschreibung zu finden. Für Bestandsanlagen<br />

komme es darauf an, nicht<br />

zu früh an der Ausschreibung teilzunehmen,<br />

weil so wertvolle EEG-Vergütung verschenkt<br />

werde.<br />

Eine Bestandsanlage sollte drei Jahre vor<br />

dem Ende des Vergütungszeitraums an<br />

der Ausschreibung teilnehmen. Endet<br />

die Vergütung beispielsweise am 31. Dezember<br />

2020, sollte der Betreiber bei der<br />

Ausschreibung <strong>2017</strong> teilnehmen. Weil nun<br />

aber der vorgesehene Höchstbeitrag von<br />

16,9 Cent für das Jahr <strong>2017</strong> gilt, kommt<br />

mancher Anlagenbetreiber auf die Idee,<br />

schon so früh an der Ausschreibung teilzunehmen,<br />

um sich die höhere Vergütung für<br />

zehn Jahre zu sichern. Denn die jährliche<br />

Degression bei der Ausschreibung beträgt 1<br />

Prozent, sodass aus den 16,9 Cent pro Kilowattstunde<br />

(ct/kWh) im Jahr 2023 15,9<br />

ct/kWh werden.<br />

Nach der Vorgabe des Gesetzes darf eine<br />

Bestandsanlage frühestens nach dem 13.<br />

und muss spätestens nach dem 36. Monat<br />

in das Ausschreibungsverfahren gewechselt<br />

sein. Dass sich der frühe Wechsel<br />

nicht lohnt, machte Loibl an einem Beispiel<br />

deutlich: Eine Biogasanlage mit einer<br />

installierten Leistung von 1 MW, die im<br />

Durchschnitt 500 kW fährt, erhält bis zum<br />

Ende ihrer EEG-Vergütung am 31. Dezember<br />

2024 eine durchschnittliche Vergütung<br />

von 18,0 ct/kWh.<br />

Wer zu früh bietet, verliert Geld<br />

Nimmt sie an der Ausschreibung erst 2021<br />

teil und wechselt dann 2024 in das neue<br />

18


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Biogas convention<br />

Fotos: Isabel Winarsch<br />

Das Modell mit der<br />

Biogasanlage hat auch<br />

die kleinen Besucher<br />

fasziniert.<br />

Verfahren, erhält sie bei einem Maximalgebot<br />

von 16,23 ct/kWh eine jährliche<br />

Vergütung von 745.000 Euro. Nimmt sie<br />

bereits in <strong>2017</strong> an der ersten Ausschreibungsrunde<br />

teil, erhält sie zwar das höhere<br />

Maximalgebot von 16,9 ct/kWh. Durch den<br />

Wechsel in 2020 entgeht ihr aber die höhere<br />

restliche EEG-Vergütung, sodass sich<br />

die jährliche Vergütung auf 733.000 Euro<br />

reduziert.<br />

Und nicht nur das: Bestandsanlagen müssen<br />

zugleich mit der Umstellung auf das<br />

neue System den Maisdeckel einhalten.<br />

Dieser beträgt bei einem Zuschlag in <strong>2017</strong><br />

und 2018 zunächst 50 Prozent und sinkt<br />

in den Folgejahren bis 2021 und 2022<br />

auf 44 Masseprozent vom Substratinput.<br />

Doch früher zu wechseln, um mehr Mais<br />

einzusetzen, rechnet sich Loibl zufolge<br />

auch meist nicht. Eine andere Möglichkeit<br />

wäre, etwa die Leistung zu reduzieren, da<br />

dann der Maisdeckel kein Hindernis mehr<br />

darstellt.<br />

Hindernisse anderer Art bietet jedoch das<br />

Ausschreibungsverfahren selbst: Hier sind<br />

die Erfahrungen mit den bisherigen Ausschreibungen<br />

im PV-Bereich dramatisch.<br />

Ein formal gültiges Angebot abzugeben,<br />

erweist sich offensichtlich als große Hürde.<br />

So wird etwa die Vorlage falsch ausgefüllt,<br />

der Bürgschaftsbetrag auf das falsche<br />

Konto überwiesen oder das Gebot zu spät<br />

abgesendet. Solche Form- und Flüchtigkeitsfehler<br />

müssten unbedingt vermieden<br />

werden, mahnte Loibl: „Wenn Sie die<br />

Ausschreibung machen, dann müssen sie<br />

das richtig machen. Sie haben nur einen<br />

Schuss, und der muss sitzen!“ Denn wer<br />

wegen eines Formfehlers ausscheidet,<br />

kann an der Ausschreibungsrunde nicht<br />

mehr teilnehmen.<br />

Konsequenzen beachten<br />

Der Rechtsanwalt wies darauf hin, auch<br />

die Folgeprobleme zu bedenken. So muss<br />

eine Biogasanlage ab erhaltenem Zuschlag<br />

nicht mehr die Voraussetzungen für Gülleund<br />

NawaRo-Bonus einhalten. Es reicht<br />

aus, wenn das Substrat den Vorgaben der<br />

Biomasse-Verordnung entspricht. Zum<br />

Problem wird das bei Anlagen mit Satelliten-BHKW.<br />

Denn wer dafür weiterhin die<br />

Boni erhalten möchte, muss dafür Sorge<br />

tragen, dass die Gesamtanlage die Voraussetzungen<br />

erfüllt.<br />

Auch bei der Eigenstromnutzung ändert<br />

sich dann etwas. Bisher entfiel bei der gewünschten<br />

Eigenstromnutzung die EEG-<br />

Umlage oder sie galt nur reduziert. Ab der<br />

Ausschreibung darf kein Eigenstrom mehr<br />

außerhalb der Anlage verbraucht werden,<br />

jedenfalls wenn Stromproduzent und<br />

Stromverbraucher ein und dieselbe Person<br />

sind. An Dritte ist eine Stromabgabe jedoch<br />

immer zulässig, beispielsweise wenn<br />

sich das Wohnhaus des Betriebsleiters in<br />

anderem Besitz befindet. Der Stromverbraucher<br />

muss dann aber die volle EEG-<br />

Umlage zahlen. Wichtig ist es auch, für<br />

die Anlage Zusatzerlöse zu finden. Dazu<br />

gehört der Flexibilitätszuschlag in Höhe<br />

von 40 Euro pro kW installierter Leistung<br />

im Kalenderjahr. Mit dem Flex-Zuschlag<br />

lässt sich ein wirtschaftlicher Anlagenbetrieb<br />

realisieren, konstatierte Helmut<br />

Loibl. Als Beispiel wählte er eine Anlage<br />

mit 500 kW, was vielen niedersächsischen<br />

Anlagen entspricht. Die im Jahr 2000 in<br />

Betrieb genommene Anlage wird durch<br />

Überbauung auf 2.500 kW gesteigert.<br />

Bei einem Einsatz von 65 Prozent Mais<br />

sowie Gülle erhält die Anlage eine durchschnittliche<br />

Vergütung von 20 ct/kWh.<br />

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19


Biogas convention<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Rechtsanwalt Dr. Helmut<br />

Loibl referierte ausführlich<br />

über die Ausschreibungssystematik<br />

des EEG<br />

<strong>2017</strong>. Er riet Anlagenbetreibern,<br />

genau zu<br />

schauen, wie viele Jahre<br />

EEG-Vergütung noch<br />

möglich sind und davon<br />

abhängig die Teilnahme<br />

an einer Ausschreibungsrunde<br />

zu<br />

terminieren. Es geht<br />

dabei um viel Geld.<br />

Nimmt sie mit 400 kW an der Ausschreibung teil und<br />

erhält für 16,9 ct/kWh den Zuschlag, resultiert daraus<br />

ein Erlös von 592.176 Euro. Zusammen mit dem Flex-<br />

Zuschlag in Höhe von 100.000 Euro ergibt das eine<br />

durchschnittliche Vergütung von 19,75 ct/kWh.<br />

Ein wichtiger Erlös kommt auch aus dem Verkauf der<br />

Wärme. Hier gibt es bei vielen Anlagen noch Potenzial.<br />

Dabei geht es nicht darum, überhaupt Wärme abzugeben,<br />

so Loibl: „Wer Wärme an Dritte abgibt, muss<br />

einen angemessenen Wärmepreis dafür fordern!“ Die<br />

Beispiel-Anlage könnte durch den Wärmeverkauf ihre<br />

Einnahmen steigern: Werden die zusätzlichen Einnahmen<br />

aus dem Wärmeverkauf (250 kW à 5 ct/kWh) auf<br />

den Stromerlös angerechnet, steigt dieser auf 22,87<br />

ct/kWh, also fast auf die „alte“ Vergütung. Spätestens<br />

bei der Teilnahme an der Ausschreibung sollten Anlagenbetreiber<br />

einen marktgerechten Preis für die Wärme<br />

erlösen, machte Loibl deutlich.<br />

Anlagen gesetzeskonform betreiben<br />

Was es auf jeden Fall zu vermeiden gilt, ist ein illegaler<br />

Anlagenbetrieb. Denn die Konsequenzen sind gravierend,<br />

warnte der Rechtsanwalt. Zwar gibt es in der Ausschreibung<br />

nicht mehr die starren Vorgaben der Boni,<br />

aber alle Einsatzstoffe müssen genehmigt sein. Und bei<br />

Abfällen gelten die Auflagen der Bioabfall-Verordnung,<br />

auch müssen Auflagen bezüglich der Hygienisierung<br />

beachtet werden. Der illegale Anlagenbetrieb stellt<br />

eine Straftat, keine Ordnungswidrigkeit dar. Die Einnahmen<br />

aus dem illegalen Betrieb werden regelmäßig<br />

abgeschöpft. Und mit einer Vorstrafe gilt der Betreiber<br />

als „unzuverlässig“. Das heißt, Waffen-/Jagdschein<br />

sind dann weg!<br />

Loibl sieht den Weg zum „Gläsernen Anlagenbetreiber“<br />

vorgezeichnet. Das EEG verpflichtete die Netzbetreiber,<br />

im Internet Angaben zu machen über den Standort<br />

der Anlage, die eingespeisten Kilowattstunden pro<br />

Jahr, die installierte Leistung und die beanspruchten<br />

Boni. Weitergehende Informationen, etwa über die<br />

Flexibilisierung, sind heute über das Anlagenregister<br />

abzurufen. Das künftige Marktstammdatenregister ermöglicht<br />

einen noch einfacheren und umfassenderen<br />

Einblick in den Anlagenbetrieb.<br />

Damit hat jeder Anlagenbetreiber die Aufgabe, die<br />

Daten abzugleichen und aufzupassen, dass insbesondere<br />

installierte und genehmigte Leistung sowie die<br />

zulässige Einspeiseleistung zusammenpassen. Weitere<br />

Auflagen aus der Störfallverordnung, dem Wasser- und<br />

Düngerecht kommen auf die Betreiber zu. Sie müssen<br />

sich ständig mit den sich unablässig ändernden gesetzlichen<br />

Vorschriften befassen, rät Helmut Loibl.<br />

Ohne Biogas droht die Deckungslücke<br />

Martin Dotzauer vom Deutschen Biomasse-Forschungszentrum<br />

(DBFZ) in Leipzig referierte in seinem Vortrag<br />

auf der BiogasConvention über eine Kurzstudie, die das<br />

DBFZ jüngst erarbeitet hat. Darin wird untersucht, wie<br />

sich die Biomasseverstromung unter Fortschreibung<br />

der aktuellen Rahmenbedingungen entwickeln würde.<br />

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Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Biogas convention<br />

Über das EEG wurde abgesehen von Güllekleinanlagen<br />

kein nennenswerter Zubau an Bioenergieanlagen angereizt.<br />

Bei dem geringen Zubau würde die Gesamtkapazität<br />

der Anlagen bis 2035 schrittweise verringert.<br />

Dadurch würde sich auf jeden Fall eine Deckungslücke<br />

ergeben, die durch andere Erneuerbare Energien aufgefüllt<br />

werden müsste. Dabei geht es nicht allein um die<br />

reine Strommenge, die wegfallen würde. Denn Biogas<br />

übernimmt immer mehr Systemdienstleistungen für<br />

die Stabilität des Stromnetzes. Nach Dotzauers Angaben<br />

würden in dem Szenario 500 MW präqualifizierter<br />

Regelleistung aus Bioenergieanlagen wegfallen, deren<br />

Ausweitung auf 1.700 MW geplant sei.<br />

Hinzu kommen die durch Bioenergieanlagen bereitgestellten<br />

Wärmemengen, immerhin 18 Prozent der Erneuerbaren<br />

Wärme. Auswirkungen hätte das auch auf<br />

die Land- und Forstwirtschaft. So sind viele Landwirte<br />

selbst als Betreiber aktiv, aber auch die von der Landwirtschaft<br />

bereitgestellten Stoffströme müssten eine<br />

andere Nutzung finden. Reststoffe wie Stroh und Landschaftspflegematerial<br />

mit einem hohen Treib hausgas-<br />

Minderungspotenzial blieben von einer Nutzung ausgeschlossen.<br />

Mit dem Wegfall der meisten EEG-Anlagen wäre sogar<br />

mit steigenden Methan- und Geruchsemissionen zu<br />

rechnen, da Gülle und Mist wieder konventionell gelagert<br />

würden. Auch die gesamtwirtschaftlichen Folgen<br />

wären immens, da die Wertschöpfung alleine für die<br />

Stromproduktion aus Biomasse für 4,5 Milliarden Euro<br />

steht. Gefragt seien daher Geschäftsmodelle für den<br />

Weiterbetrieb von Bestandsanlagen, die eine Vermarktung<br />

von Strom und Wärme außerhalb der bisherigen<br />

Förderung möglich machen. Allerdings sind solche<br />

Betriebsstrategien über die bestehende Fördersystematik<br />

hinaus nicht so ohne weiteres umsetzbar, sagte<br />

Dotzauer.<br />

Fazit: Neben einigen Risiken rund um die Ausschreibung<br />

bietet das EEG <strong>2017</strong> Chancen für Anlagenbetreiber:<br />

ffAls einzige Erneuerbare Energie erhalten<br />

Biogasanlagen durch die Ausschreibung eine<br />

Vergütung über weitere 10 Jahre.<br />

ffNeben dem Gebotspreis gibt es einen<br />

Flex-Zuschlag.<br />

ffDie strengen Vorgaben des EEG entfallen,<br />

sofern der Einsatzstoff der Biomasse-Verordnung<br />

entspricht und doppelt überbaut wird.<br />

ffAuch die bisherige Höchstbemessungsleistung<br />

entfällt.<br />

ffBis zur Teilnahme an der Ausschreibung<br />

können auch noch Boni aktiviert werden, die<br />

bislang noch nicht genutzt werden.<br />

Autor<br />

Thomas Gaul<br />

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Laut Martin Dotzauer vom DBFZ würden<br />

beim schrittweisen Abbau der Biogas-<br />

Gesamtkapazität bis 2035 etwa 500<br />

MW präqualifizierter Regelleistung aus<br />

Bioenergieanlagen wegfallen, deren<br />

Ausweitung auf 1.700 MW geplant sei.<br />

21


Biogas convention<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Anlagenzertifikat: Erfahrungen<br />

aus der Praxis<br />

Im Panel 1.1 ging es unter anderem darum, wann ein Anlagenzertifikat vorliegen muss und<br />

was es damit auf sich hat. Aber auch das neue Messstellen-Betriebsgesetz wurde behandelt.<br />

Von Thomas Gaul<br />

Foto: Isabel Winarsch<br />

Alexander Krautz vom<br />

Direktvermarkter Next<br />

Kraftwerke informierte<br />

über das neue Messstellen-Betriebsgesetz.<br />

Im Panel „Technik“ referierte Joachim Kohrt von der<br />

8.2 Consulting AG über seine Erfahrungen mit der<br />

Anlagenzertifizierung. Hintergrund ist, dass sich<br />

auch EEG-Anlagen im Stromnetz wie Kraftwerke<br />

verhalten sollen. Dazu tragen sie unter anderem<br />

mit Systemdienstleistungen bei. Die Frequenzhaltung<br />

ist davon auch berührt: „Wenn die Erzeugung und der<br />

Verbrauch von Strom in Europa in Balance sind, haben<br />

wir strikt 50 Hertz im Netz“, erläuterte der Diplom-<br />

Ingenieur.<br />

Da Erzeugung und Verbrauch aber vor allem durch<br />

die Zunahme der Einspeisung aus fluktuierenden<br />

Energien aus der Balance gerät, wird der Beitrag der<br />

Biogasanlagen für ein stabiles Stromnetz<br />

wichtiger. Weitere Aufgaben sind die<br />

Spannungshaltung, aber auch das<br />

Management von Netzfehlern.<br />

Gemäß der BDEW-Mittelspannungsrichtlinie<br />

von 2008<br />

werden bei Netzfehlern die<br />

Anlagen nicht mehr wie<br />

früher vom Netz getrennt,<br />

sondern stützen das Netz<br />

wie ein Kraftwerk.<br />

Kam es in der Vergangenheit<br />

bei einem Über- oder Unterschreiten<br />

der Netzfrequenz zu<br />

einer Trennung vom Netz, regelt<br />

jetzt die Systemstabilitätsverordnung<br />

den Betrieb in einem Band von 47,5 Hz bis<br />

50,2 Hz. Bei diesem Wert wird das BHKW abgeregelt.<br />

Zur Spannungshaltung trägt die Blindleistung bei, die<br />

vom Synchrongenerator des BHKW erzeugt wird. „Damit<br />

kann das BHKW die Spannung beeinflussen“, verdeutlichte<br />

Kohrt. Durch das Einspeisen von Blindleistung<br />

kann so die Netzspannung gestützt werden, wenn es<br />

durch einen Netzfehler zu einem Spannungseinbruch<br />

kommt. Bei Anlagen ab 2010 kann Blindleistung abgefordert<br />

werden.<br />

Inbetriebnahme kann verweigert werden<br />

Noch immer gibt es in der Praxis die Frage, wann ein<br />

Einheiten- bzw. Anlagenzertifikat benötigt wird. Seit<br />

dem 1. Januar 2015 muss ein Anlagenzertifikat zur<br />

Inbetriebnahme vorliegen, wenn ein BHKW mit einer<br />

Anschlussleistung von 1 Megavoltampere an einem Anschlusspunkt<br />

oder an einer Anschlussleitung von mehr<br />

als 2 Kilometern Länge angeschlossen wird. Liegt das<br />

Zertifikat nicht vor, kann die Inbetriebnahme verweigert<br />

werden. Das Zertifikat ist auch vorzulegen, wenn es beispielsweise<br />

durch Repowering-Maßnahmen zu wesentlichen<br />

Änderungen an einer Bestandsanlage kommt.<br />

Wird ein vorhandenes BHKW erweitert, ist für die gesamte<br />

Anlage ein Anlagenzertifikat zu erstellen. Bei<br />

Bestandsunterlagen erweisen sich oft fehlende Planungsunterlagen<br />

als Hindernis beim Erstellen eines<br />

Zertifikats. „Oft ist die Anlagenregelung auch nicht<br />

hinreichend dokumentiert“, wusste Kohrt zu berichten.<br />

Einige Netzbetreiber fordern die Regelung am Netzanschlusspunkt.<br />

Hierfür ist eine Signalleitung erforderlich,<br />

die oft nicht nachträglich verlegt werden kann.<br />

Zu einer Herausforderung wird auch die Bearbeitungszeit<br />

für das Erstellen und die Genehmigung der Dokumente<br />

sowie die Abstimmung mit dem Netzbetreiber.<br />

Hier ist nach Kohrts Erfahrungen mit Vorlaufzeiten von<br />

zwei Wochen bis zwei Monaten zu rechnen. Bei einer<br />

abschließenden Konformitätsprüfung nach Inbetriebnahme<br />

wird vor Ort überprüft, ob die errichtete Anlage<br />

mit der Planung übereinstimmt.<br />

Smart Meter vor dem Roll-Out<br />

Am 1. Januar <strong>2017</strong> tritt das neue Messstellen-Betriebsgesetz<br />

in Kraft, dessen Regelungen alle Zähler<br />

betreffen – also sowohl die Erzeugungs- als auch die<br />

Verbrauchsseite. Mit diesen auch als Smart Meter bekannten<br />

Geräten ist das Messen und Steuern mit einem<br />

Gerät möglich – zumindest in der zeitlichen Perspektive,<br />

denn „EEG-konforme“ Geräte sind noch gar nicht<br />

auf dem Markt verfügbar, informierte Alexander Krautz<br />

von Next Kraftwerke.<br />

Bestehende Steuerungstechniken, wie die diversen<br />

„Boxen“ der Direktvermarkter, bleiben daher für eine<br />

Übergangszeit bestehen. Bei der EEG-konformen Steuerung<br />

handele es sich um eine Zusatzdienstleistung, die<br />

möglicherweise auch zusätzlich zu vergüten ist. Bei den<br />

Messstellen-Dienstleistern soll es einen Wettbewerb geben,<br />

allerdings könne es beim Zählertausch zu einem<br />

Konflikt mit den Direktvermarktern kommen.<br />

22


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Biogas convention<br />

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23


Biogas convention<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Mit Sicherheit zu unfallfreien<br />

Biogasanlagen<br />

Auch das Thema Anlagensicherheit wurde auf der Biogas Convention thematisiert.<br />

Panel 1.3 widmete sich dem komplexen Bereich. Fest steht: Auf Biogasanlagen<br />

geschehen weniger Unfälle als in landwirtschaftlichen Betrieben.<br />

Von Thomas Gaul<br />

Fotos: Isabel Winarsch<br />

Ludger Kock, Technischer<br />

Gutachter für den<br />

Bereich Biogas bei der<br />

Sozialversicherung für<br />

Landwirtschaft, Forsten<br />

und Gartenbau (SVLFG)<br />

berichtete, dass ist<br />

im Grunde genommen<br />

wenig „biogasspezifische“<br />

Unfälle<br />

festzustellen sind.<br />

Besonders unfallträchtig<br />

sei der Umgang mit<br />

Fahrzeugen.<br />

Ludger Kock, Technischer Aufsichtsbeamter<br />

für den Bereich Biogas bei der Sozialversicherung<br />

für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau<br />

(SVLFG) ging zunächst auf das aktuelle<br />

Unfallgeschehen ein. Hier zeichnet sich<br />

die Biogasbranche im negativen Sinn gar nicht einmal<br />

durch ein erhöhtes Unfallgeschehen aus. Werden die<br />

bei der SVLFG gemeldeten Unfälle auf die installierte<br />

Leistung der Biogasanlagen bezogen, bleiben die Unfallzahlen<br />

je 100 Megawatt in den vergangenen Jahren<br />

relativ konstant. Auf 100 Anlagen bezogen, werden im<br />

Durchschnitt der Jahre 4,6 Unfälle gemeldet.<br />

Als besonders unfallträchtig erweist sich der Umgang<br />

mit Fahrzeugen. Schwere oder gar tödliche<br />

Unfälle sind zu verzeichnen, wenn<br />

Fahrer aus ihren Traktoren oder<br />

Ladefahrzeugen fallen und<br />

dann überrollt werden. Auch<br />

das Umstürzen von Traktoren<br />

beim Festwalzen<br />

auf dem Silo führt zu<br />

schweren Verletzungen.<br />

Betrachtet man die anderen<br />

Unfallursachen,<br />

so ist im Grunde genommen<br />

wenig „Biogas-Spezifisches“<br />

festzustellen.<br />

Denn Stürze auf glatten Hofflächen<br />

können sich auf jedem<br />

landwirtschaftlichen Betrieb ereignen.<br />

Und bei Leitern und Gerüsten<br />

ist generell mehr Vorsicht angeraten. Zu tödlichen<br />

Unfällen kam es in 2015, indem Personen von Silage<br />

verschüttet wurden oder in die Vorgrube gestürzt und<br />

dort erstickt sind.<br />

Neben Fehlverhalten ist festzustellen, dass auch die<br />

Regeln zu wenig beachtet werden, so Kock. Zu den bestehenden<br />

Anforderungen gehört die Gefahrstoffverordnung,<br />

die das Durchführen einer Gefahrenbeurteilung<br />

vorschreibt. Dabei sind nicht nur die eigenen Beschäftigten<br />

zu unterweisen, sondern auch die auf der Anlage<br />

Beschäftigten von Fremdfirmen. Letztlich ist im Unfallgeschehen<br />

der Mensch der Schwachpunkt, den es<br />

durch präventive Maßnahmen zu schützen gelte. Dazu<br />

gehören konstruktive Veränderungen auf der Anlage<br />

ebenso wie wiederkehrende Prüfungen und Schulungen<br />

nach TRGS 529. In der TRGS 529 werden die nach dem<br />

Stand der Technik zur Verfügung stehenden sicherheitstechnischen,<br />

organisatorischen und personenbezogenen<br />

Schutzmaßnahmen zusammengefasst. Das Regelwerk<br />

gilt für alle Tätigkeiten bei der Herstellung von Biogas<br />

und dem Betrieb von Biogasanlagen. Der Geltungsbereich<br />

umfasst alle Anlagenteile ab der Anlieferung von<br />

Substraten und Zusatz- und Hilfsstoffen.<br />

Was kommt mit der<br />

Biogasanlagenverordnung?<br />

Einen Ausblick auf die Biogasanlagenverordnung, die<br />

bislang nur als Referentenentwurf vorliegt, gab in Hannover<br />

Thomas Hackbusch von der Landesanstalt für<br />

Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg.<br />

Seinen Angaben zufolge zeigten sich bei Sachverständigenprüfungen<br />

über mehrere Jahre zum Teil<br />

erhebliche Mängel. Die Übertragbarkeit ihrer Erkenntnisse<br />

sollte im Licht der vorhandenen Vorschriften und<br />

Regelungen sorgsam geprüft werden, so Hackbusch.<br />

Dazu gibt es einen eigenen Ausschuss bei der Kommission<br />

für Anlagensicherheit (KAS). Dabei handelt es sich<br />

um ein Gremium, das die Bundesregierung in Fragen<br />

der Anlagensicherheit berät und darüber hinaus sicherheitstechnische<br />

Regeln erarbeitet. Auf Grundlage der<br />

bisherigen Arbeiten wird nun eine „TRAS Biogasanlagen“<br />

erarbeitet.<br />

In dieser gemeinsamen Vorschrift sollen die sicherheitstechnischen<br />

Anforderungen zusammengefasst<br />

werden, um einen möglichst störungsfreien Betrieb<br />

der gesamten Anlage zu gewährleisten. Schwerpunkte<br />

sollen insbesondere das Verhindern von Bränden und<br />

Explosionen, aber auch das Vermeiden von Stofffreisetzungen<br />

sein, die eine Gefahr für die menschliche<br />

Gesundheit oder für Böden und Gewässer darstellen.<br />

Fachverband arbeitet an Sicherheitskultur<br />

Die Unfälle als auch die Ergebnisse der Prüfungen<br />

zeigen, dass Handlungsbedarf besteht. Durch die diversen,<br />

vom jeweiligen EEG vorgegebenen Zeitfristen<br />

24


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Biogas convention<br />

Manuel Maciejczyk,<br />

Geschäftsführer des<br />

Fachverbandes Biogas<br />

e.V., berichtete in<br />

seinem Vortrag unter<br />

anderem über das<br />

neue Projekt des<br />

sogenannten<br />

„Sicherheitsfachberaters“,<br />

der die<br />

Betreiber künftig<br />

unterstützen soll.<br />

AUF in<br />

die Zukunft mit der<br />

richtigen Technik<br />

für jedes<br />

Substrat!<br />

ist die Biogasbranche<br />

dynamisch gewachsen.<br />

Qualität und<br />

Sicherheit standen dabei<br />

nicht an erster Stelle, wie Manuel<br />

Maciejczyk, Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas<br />

e.V., einräumte. Zudem ist die Sicherheitskultur in der Branche<br />

eher an den Standards der Landwirtschaft als an denen der<br />

Industrie orientiert. Betreiber sehen sich einer unübersichtlichen<br />

Situation mit 400 Gesetzen, Verordnungen und Regelwerken<br />

konfrontiert.<br />

Und zu dem bereits umfangreichen Regelwerk kommen noch<br />

neue Verordnungen hinzu. Sinnvoll wäre sicher die Zusammenführung<br />

in einem Regelwerk, machte Maciejczyk deutlich.<br />

Ohne wirkliche Abstimmung befassen sich vier Ministerien mit<br />

der Sicherheit auf Biogasanlagen. Eine Koordination der Aktivitäten<br />

beim Bund und auf der Ebene der Länder fehle. Die<br />

grundlegende Forderung lautet daher, das vorhandene Regelwerk<br />

besser zu vollziehen, statt die Probleme mit noch mehr<br />

Papier lösen zu wollen. Dabei drohe die Gefahr der Überregulierung.<br />

Maciejczyk legte die umfangreichen Lösungsansätze dar, die<br />

der Fachverband Biogas e.V. in puncto Sicherheit auf Biogasanlagen<br />

erarbeitet hat. Dazu gehören die eigenen technischen<br />

Standards und Normen, die gemeinsam mit DVGW und DWA<br />

entwickelt werden. Der Schulungsverbund Biogas zur Qualifizierung<br />

der Branchenakteure ist seit 2013 aktiv. Daneben<br />

werden Sicherheitsaspekte auch immer wieder auf Tagungen<br />

und im Biogas Journal thematisiert. Mit Schäden, Problemen<br />

und Unfällen soll in der Branche und im Verband offen umgegangen<br />

werden.<br />

Dokumentationen müssen stets aktuell gehalten werden, und<br />

die Verantwortlichkeiten auf der Anlage sind zu klären. Das gilt<br />

auch für das Unterweisen von Mitarbeitern von Fachfirmen,<br />

die Arbeiten auf der Anlage ausführen. Wichtig ist auch, sich<br />

auf den eventuellen Notfall mit dem Erstellen von Plänen und<br />

der Absprache mit der örtlichen Feuerwehr vorzubereiten. Bei<br />

der Umsetzung der Anforderungen helfen diverse Arbeitshilfen<br />

des Fachverbandes Biogas e.V., denen weitere folgen sollen.<br />

Zu den neuen Projekten des Fachverbandes gehört der Sicherheitsfachberater.<br />

Dabei ist an kompetente Personen aus der<br />

Branche gedacht, die Betreiber bei den Dokumentations- und<br />

Prüfpflichten helfen. In Abstimmung mit den Behörden erfolgt<br />

die Qualifizierung und Schulung „befähigter Personen“ auf<br />

Biogasanlagen.<br />

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25<br />

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Biogas convention<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Rentablen Anlagenbetrieb und<br />

Standortpotenziale diskutiert<br />

Im Workshop 5 ging es unter anderem um die Herausforderungen,<br />

Chancen und Risiken des künftigen Biogasanlagenbetriebs. Wobei das<br />

EEG <strong>2017</strong> die entscheidende Richtung vorgibt. In Baden-Württemberg<br />

können neuerdings intensive Standortanalysen vorgenommen werden.<br />

Der Fachverband hat kalkuliert, wie Kosten gesenkt und Erlöse besser<br />

ausgeschöpft werden können.<br />

Von Thomas Gaul<br />

Biogas quo vadis? – diese rhetorische<br />

Frage stellte Dr. Ludger<br />

Eltrop vom Biomasse-Info-Zentrum<br />

der Universität Stuttgart.<br />

Es gebe ambitionierte energie-<br />

und klimapolitische Ziele zur Reduzierung<br />

der Treibhausgas-Emissionen und<br />

zum Ausbau Erneuerbarer Energien. Die<br />

Ausbaupfade für den Elektrizitätssektor<br />

zeigten künftig hohe Anteile dargebotsabhängiger<br />

Erneuerbarer Energien. Die Bereitstellung<br />

von Grundlast durch Biomasseanlagen<br />

werde künftig weniger benötigt.<br />

Um die Lücke zwischen Erzeugung und<br />

Nachfrage zu füllen, gebe es verschiedene<br />

Flexibilitätsoptionen. Die flexible Fahrweise<br />

von Biogasanlagen gehöre dazu.<br />

Um die Ausbaupotenziale von Biogas modellieren<br />

zu können, wurden beispielhaft<br />

in Baden-Württemberg alle Biogasanlagen<br />

erfasst (Stand 2014). Mithilfe einer Standortanalyse<br />

lässt sich nun herausfinden, wo<br />

es noch Nahwärmepotenziale gibt oder wo<br />

sich in geringer Entfernung vom Erdgasnetz<br />

eine Biomethaneinspeisung realisieren<br />

lässt. Möglicherweise lassen sich auch<br />

mehrere Biogasanlagen in räumlicher Nähe<br />

mit einem Mikrogasnetz zusammenschalten.<br />

Bei einem kostenoptimalen Betrieb und<br />

Ausbau aller Flexibilitätsoptionen in<br />

Deutschland könnten bis zu 15 GW el<br />

an<br />

Leistung aus Biomassekraftwerken hinzugebaut<br />

werden. Die Gesamtsystemkosten<br />

können durch den flexiblen Einsatz von<br />

Biomasseanlagen gesenkt werden. Eine<br />

Grundlast-Fahrweise ist nur bei einer vollständigen<br />

Wärmeauskopplung sinnvoll.<br />

BHKW-Kapazitäten, die nicht zur Deckung<br />

des Wärmebedarfs benötigt werden, sollten<br />

systemdienlich getaktet werden. Bei<br />

der integrierten Betrachtung des Stromund<br />

(Nah-)Wärmemarktes sieht Eltrop<br />

noch Forschungsbedarf bei sektorübergreifenden<br />

Technologien wie Speicher und<br />

Power-to-X.<br />

Das EEG <strong>2017</strong> gibt die<br />

Richtung vor<br />

Bei der Frage nach dem Weg für Biogas gibt<br />

zunächst einmal das EEG <strong>2017</strong> die Richtung<br />

vor. Welche Herausforderungen und<br />

Chancen damit verbunden sind, beleuchtete<br />

Mattes Scheftelowitz vom Deutschen<br />

Biomasse-Forschungszentrum (DBFZ).<br />

„Das Risiko liegt in der Gebotsobergrenze<br />

von 16,9 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh)<br />

bei Bestandsanlagen und 14,88 ct/kWh bei<br />

Neuanlagen“, sagte Scheftelowitz. Kostensenkungen<br />

sind aus seiner Sicht erforderlich,<br />

um einen wirtschaftlichen Betrieb für<br />

NawaRo-Anlagen zu ermöglichen.<br />

Fraglich bleibe, ob die Erlöse aus dem Stromund<br />

Wärmemarkt ausreichen, um die geringere<br />

Vergütung zu kompensieren. Chancen<br />

sieht Scheftelowitz vor allem darin, dass mit<br />

den Ausschreibungen der Weiterbetrieb von<br />

Bestandsanlagen möglich sei. Auch die Vergütungskategorie<br />

für Güllekleinanlagen ist<br />

im EEG <strong>2017</strong> erhalten geblieben. Bei vorhandener<br />

Restlaufzeit im alten EEG sollten<br />

Konzepte zur Wärmenutzung weiter ausgebaut<br />

und sollte die Flexibilitätsprämie zur<br />

Überbauung genutzt werden.<br />

Lassen sich die Anlagen<br />

rentabel betreiben?<br />

Wie Anlagenbetreiber ihre individuellen<br />

Betriebskosten senken können oder die<br />

Erlöspotenziale ihrer Anlagen besser ausschöpfen<br />

können, hat Florian Strippel,<br />

Referat Abfall, Düngung und Hygiene<br />

beim Fachverband Biogas e.V., anhand<br />

von Beispielkalkulationen für verschiedene<br />

Anlagenklassen durchgerechnet. Sie<br />

umfassen die Höchstbemessungsleistung<br />

von 140 kW, 400 kW und 1.000 kW, um<br />

einen Überblick über den deutschen Anlagenbestand<br />

zu erhalten. Dem Kapitalwert<br />

der Investitionen wird die Summe<br />

der Energieerträge (Strom und Wärme)<br />

gegenübergestellt. Die Stromgestehungskosten<br />

basieren auf Durchschnittswerten,<br />

sogenannten LCOE (Levelized Costs Of<br />

Energy).<br />

Bei kleineren Anlagenkonzepten sind diese<br />

generell höher. Denn bezogen auf die<br />

installierte elektrische Leistung sind die<br />

Investitionskosten erhöht, die Vermarktung<br />

der Wärme auch aufgrund des erhöhten<br />

Eigenwärmebedarfs ist schwieriger.<br />

Die Mehrerlöse an der Strombörse tragen<br />

im Verhältnis weniger zur Kostensenkung<br />

bei als bei Großanlagen. Durch den ohnehin<br />

bereits hohen prozentualen Anteil<br />

von Wirtschaftsdünger an der Substratzusammensetzung<br />

ist hier in der Regel<br />

auch kein großes Optimierungspotenzial<br />

vorhanden.<br />

Bei der Kalkulation muss der Ersatzinvestitionsbedarf<br />

in BHKW sowie weiterer<br />

technischer Komponenten für den neuen<br />

Vergütungszeitraum festgestellt werden.<br />

Zusatzinvestitionen können erforderlich<br />

werden, um die Anlage bei neuen Anforderungen<br />

(beispielsweise der AwSV) weiter<br />

gesetzeskonform betreiben zu können. Um<br />

bauliche Anlagen aus der ursprünglichen<br />

Vergütungsperiode weiternutzen zu können,<br />

sind höhere Wartungs- und Reparaturkosten<br />

zu erwarten.<br />

Bei einer Umstellung des Anlagenkonzeptes<br />

(etwa auf Wirtschaftsdünger) kann ein<br />

höherer Arbeitsaufwand erforderlich werden.<br />

Mit der Genehmigungsänderung hinsichtlich<br />

der Einsatzstoffe sind wiederum<br />

Kosten verbunden.<br />

Die Werte der LCOE können als Anhaltspunkt<br />

innerhalb der Biogasbranche<br />

dienen; ein direkter Vergleich mit den<br />

Stromgestehungskosten von Wind- und<br />

Solarenergie ist damit nicht möglich.<br />

Dennoch wird deutlich, dass nicht für alle<br />

Anlagentypen durch das Ausschreibungsmodell<br />

in seiner existierenden Form ein<br />

ausgeglichener Wettbewerb geschaffen<br />

wird.<br />

26


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Biogas convention<br />

Foto: Isabel Winarsch<br />

Während der<br />

Pressekonferenz, von<br />

links: Fachverbands-<br />

Hauptgeschäftsführer<br />

Dr. Claudius da Costa<br />

Gomez, Präsident<br />

Horst Seide und Vizepräsident<br />

Hendrick<br />

Becker.<br />

Die Stimmung bessert sich<br />

Die Biogasbranche sieht wieder<br />

einen Silberstreif am Horizont.<br />

„Die Stimmung ist nicht ganz<br />

so trübe wie das Wetter und<br />

auch nicht so schlecht wie vor<br />

einem Jahr“, sagte Horst Seide, Präsident<br />

des Fachverbandes Biogas e.V., auf der<br />

Pressekonferenz im Rahmen der Biogas<br />

Convention auf der EuroTier/EnergyDecentral<br />

im November in Hannover. In Jahr 2016<br />

wurden 150 Biogasanlagen hinzugebaut,<br />

überwiegend Kleinanlagen zur Güllevergärung.<br />

Für <strong>2017</strong> geht der Fachverband von<br />

einem ähnlich niedrigen Niveau aus. Das ist<br />

weit entfernt von den Zahlen früherer Jahre.<br />

Und dennoch, das EEG <strong>2017</strong>, das im<br />

Januar in Kraft getreten ist, bietet für die<br />

bestehenden rund 9000 Biogasanlagen in<br />

Deutschland endlich wieder eine Perspektive.<br />

„Nur vom Stromverkauf allein werden<br />

die Betreiber nicht mehr leben können“,<br />

machte Horst Seide zugleich die Herausforderungen<br />

deutlich.<br />

Flexible Biogasanlagen können für die Versorgungssicherheit<br />

im Stromnetz wichtige<br />

Aufgaben übernehmen. „Wir gleichen die<br />

Schwankungen der anderen Erneuerbaren<br />

aus“, sagte der Fachverbands-Präsident.<br />

Nur wird das am Strommarkt nicht hinreichend<br />

honoriert, sind doch die Preise für<br />

Regelenergie an der Strombörse gefallen.<br />

Ändern dürfte sich das erst, wenn auch die<br />

letzten fossilen Kraftwerke vom Netz gehen.<br />

Der Verbandspräsident forderte, dass auch<br />

die klimarelevanten Vorteile von Biogas honoriert<br />

werden.<br />

Denn die Landwirtschaft muss auch ihren<br />

Beitrag zur Vermeidung von Treibhausgasen<br />

leisten. Und Biogas kann dazu beitragen,<br />

wenn durch die Vergärung von Gülle die<br />

Methanemissionen aus der Tierhaltung reduziert<br />

werden. Das anfallende Gärprodukt<br />

ist darüber hinaus ein wertvoller Dünger,<br />

der Nährstoffkreisläufe schließt und für die<br />

Pflanzen besser verträglich ist.<br />

Grund zum Jubeln gibt es für die gebeutelte<br />

Branche nicht, denn es gehen auch Biogasanlagen<br />

vom Netz. Zu den wichtigen Gründen<br />

gehört, dass sich teure Nachrüstungen<br />

in puncto Anlagensicherheit oder Umweltschutz<br />

für die Betreiber nicht rechnen. Wie<br />

viele Anlagen genau stillgelegt wurden,<br />

lässt sich nicht exakt bestimmen, da diese<br />

nicht in einem Anlagenregister erfasst sind.<br />

Der Fachverband Biogas geht davon aus,<br />

dass der tatsächliche Zuwachs gegen null<br />

tendiert, wenn die Stilllegungen gegengerechnet<br />

werden.<br />

Im Rahmen der Flexibilisierung sind 2016<br />

knapp 150 Megawatt (MW) installiert<br />

worden. Dabei handelt es sich in der Regel<br />

um größere Anlagen, die im Zuge der<br />

Überbauung ihre Leistung erhöht haben.<br />

Arbeitsrelevant an tatsächlicher Leistung<br />

sind davon nur 10 MW. Mit der Umstellung<br />

auf das Ausschreibungsmodell ändern sich<br />

die Rahmenbedingungen grundlegend.<br />

„Ich bin gespannt, wie die erste Ausschreibungsrunde<br />

ausgeht“, sagte Seide. Er sieht<br />

die größeren Anlagen dabei tendenziell im<br />

Vorteil.<br />

Wenn es noch Wachstum für Biogas und<br />

Biomasse allgemein geben soll, kommt dies<br />

weniger durch den Strommarkt als vielmehr<br />

durch die Sektoren Mobilität und Wärme.<br />

Hier liegt für Biogasanlagen-Betreiber noch<br />

Potenzial brach. Eine aktuelle Studie des<br />

Fachverbandes zeigt, dass viele Biogasanlagen<br />

schon über ein sinnvolles Wärmekonzept<br />

verfügen (siehe Artikel ab Seite 68).<br />

Handwerkliche Fehler<br />

im EEG <strong>2017</strong><br />

Der Präsident des Fachverbandes Biogas e.V.,<br />

Horst Seide, sieht handwerkliche Fehler im neuen<br />

EEG. Dazu zählt für ihn auch die lange Reihe<br />

von Verordnungsermächtigungen. Sie erlauben es<br />

dem Bundeswirtschaftsministerium, Änderungen<br />

im Gesetz ohne Abstimmung mit dem Bundesrat<br />

vorzunehmen. Doch vielleicht steckt ja eine Strategie<br />

dahinter. Seide sagte in seinem Vortrag auf<br />

der Biogas Convention: „Die Botschaft aus dem<br />

Wirtschaftsministerium ist, die Biomasse aus der<br />

Stromerzeugung herauszudrängen.“ Auf der anderen<br />

Seite lasse ein Thesenpapier zur Zukunft des<br />

Strommarktes aus dem Ministerium hoffen, so der<br />

Fachverbands-Präsident: „Selbst in 2050 machen<br />

wir noch Strom aus Biomasse.“ Die Perspektive für<br />

Biogas liege jedoch im steigenden Einsatz im Verkehrssektor<br />

und als Rohstoff für die Industrie.<br />

Auch denken drei Viertel der Befragten über<br />

einen Ausbau oder einen Einstieg in die<br />

Wärmenutzung nach. Viele erzielen dafür jedoch<br />

keinen auskömmlichen Preis, monierte<br />

Seide: „Es ist nicht mehr zukunftsfähig,<br />

dass die Wärme praktisch verschenkt wird.“<br />

Wie aus der Studie hervorgeht, werden die<br />

Betreiber mit einem Durchschnittspreis von<br />

2,6 Cent je Kilowattstunde entlohnt.<br />

Der Vizepräsident des Fachverbandes Biogas,<br />

Hendrik Becker, hofft, dass mit einem<br />

Klimaschutzplan der Bundesregierung der<br />

Markt wieder in Schwung kommt. Viele<br />

Unternehmen überleben derzeit dank der<br />

gestiegenen Nachfrage aus dem Ausland.<br />

Allerdings ist das politische Umfeld nicht<br />

allein für den internationalen Klimaschutz<br />

immer weniger verlässlich.<br />

27


Politik<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Der Rückbau der Atomkraftwerke sowie die<br />

Lagerung des Atommülls werden in Zukunft von<br />

den Steuerzahlern beglichen werden müssen.<br />

Foto: fotolia_rcx<br />

Die Bundesregierung tritt das<br />

Verursacherprinzip in die Tonne<br />

Die Atomfirmen sollen nicht länger für die Kosten des Atommülls haften, sondern<br />

die Steuerzahler.<br />

Von Bernward Janzing<br />

Absehbar war der Tabubruch spätestens<br />

seit Frühjahr. Da nämlich präsentierte<br />

die „Kommission zur Überprüfung der<br />

Finanzierung des Kernenergieausstiegs<br />

(KFK)“ entsprechende Pläne. Im Oktober<br />

war dann der Beschluss der Bundesregierung nur noch<br />

Formsache: Die Atomstromerzeuger in Deutschland<br />

werden sich von den Ewigkeitskosten ihres Tuns freikaufen<br />

können.<br />

Das Ganze sieht dann so aus: Zum letzten Bilanzstichtag<br />

Ende 2015 hatten die Atomkonzerne in Deutschland<br />

40,1 Milliarden Euro für den Abriss ihrer Reaktoren<br />

und die Entsorgung des Atommülls zurückgestellt.<br />

23,34 Milliarden davon sollen sie nun in einen staatlichen<br />

Fonds überweisen, der anschließend die Kosten<br />

der Endlagerung trägt. Nur die Stilllegung und den<br />

Rückbau werden die Konzerne dann noch selbst bezahlen<br />

müssen.<br />

Dass die Endlagerkosten auf diese Weise aus den Firmenbilanzen<br />

herausgenommen werden und in einen<br />

Fonds fließen, ist grundsätzlich natürlich sinnvoll.<br />

Denn die Rückstellungen sind kein Geld auf dem Konto,<br />

sondern nur eine Art vorweg verbuchter Rechnung.<br />

Sie sind nur werthaltig durch die Vermögen des betreffenden<br />

Unternehmens. Im Falle eines Konkurses einer<br />

Atomfirma wäre das Geld, das für die Verwahrung der<br />

Altlasten eingeplant ist, also weg.<br />

Atomkonzerne kaufen sich von<br />

künftigen Kosten frei<br />

Doch der nun beschlossene Deal hat eine unangenehme<br />

Seite. Denn damit kaufen sich die Konzerne von<br />

den absehbar steigenden Kosten der Atommüllverwahrung<br />

frei – es gibt keine Nachschusspflicht. Die Verursacher<br />

müssen also nicht mehr dafür aufkommen,<br />

wenn das Geld im Staatsfonds aufgezehrt ist. Da das<br />

früher oder später der Fall sein wird, ist schon heute<br />

klar: Es bezahlt der Staat.<br />

Der Steuerzahler wird zwangsläufig einspringen müssen,<br />

weil alle Kalkulationen sehr spekulativ sind: Erstens<br />

geht die Rechnung nur dann auf, wenn die Beträge,<br />

die in den Fonds fließen, in den nächsten Jahren<br />

und Jahrzehnten einigermaßen verzinst werden. Das<br />

aber scheint angesichts der Zinspolitik der EZB unrealistisch<br />

zu sein. Und zweitens kennt niemand die<br />

Preisentwicklung im Nuklearsektor.<br />

28


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Politik<br />

Bei Großprojekten sind Preissteigerungen bekanntlich<br />

an der Tagesordnung – sowohl bei nuklearen als auch<br />

bei anderen Vorhaben. Die Kosten auf den beiden europäischen<br />

Reaktorbaustellen Flamanville (Frankreich)<br />

und Olkiluoto (Finnland) haben sich in nur wenigen<br />

Jahren verdreifacht. Und egal, ob wir den Kanaltunnel,<br />

die Elbphilharmonie oder den Berliner Flughafen<br />

nehmen: Bei jedweder Art von Großprojekten lagen die<br />

Kosten stets deutlich über den Kalkulationen, mitunter<br />

zehnfach. Dass das bei der Atommülllagerung anders<br />

sein sollte, fällt schwer zu glauben, zumal sie mit Abstand<br />

das langfristigste Projekt ist, das je eine Gesellschaft<br />

zu finanzieren hatte.<br />

Unkalkulierbare Rückbaukosten<br />

Verglichen mit der für Jahrtausende notwendigen Endlagerung<br />

sind die Rückbaukosten noch leichter zu kalkulieren.<br />

Aber auch die laufen mancherorts schon aus<br />

dem Ruder. Dabei hatte die Atomwirtschaft einst so<br />

getan, als sei der Rückbau akribisch planbar. In einer<br />

Broschüre des Jahres 2008 („vom Kernkraftwerk zur<br />

‚Grünen Wiese‘“) hoffte die Betreiberfirma Eon noch,<br />

der 2003 stillgelegte Meiler Stade werde im Jahr 2014<br />

aus der atomrechtlichen Überwachung entlassen. Das<br />

ist der Zeitpunkt, von dem an die verbleibenden Gebäudeteile<br />

wie jede andere Fabrikhalle behandelt und<br />

beseitigt werden können. Doch so weit ist es in Stade<br />

noch lange nicht. Heute nennt Eon sicherheitshalber<br />

keinen Zeitplan mehr – zu groß ist das Risiko, ihn abermals<br />

zu verfehlen.<br />

Im Sockel des Reaktorgebäudes wurden „unerwartete<br />

Kontaminationen“ festgestellt, wie die Betreiberfirma<br />

auf Anfrage mitteilt. Dieser „befundbehaftete Betonbereich“<br />

führe nun dazu, dass „eine Neuaufplanung<br />

der Rückbauarbeiten“ erfolgen müsse. Entsprechend<br />

teuer wird es: Bei Stilllegung hatte Eon Rückbaukosten<br />

von 500 Millionen Euro veranschlagt, heute spricht die<br />

Firma von „zirka einer Milliarde“.<br />

Ähnlich ergeht es den Energiewerken Nord beim Rückbau<br />

der DDR-Reaktoren in Lubmin und Rheinsberg.<br />

„Als wir im Jahr 1995 begannen, gingen wir davon aus,<br />

bis 2010 fertig zu sein“, sagt eine Firmensprecherin.<br />

Inzwischen ist von 2025 bis 2028 die Rede. Die Kostenschätzungen<br />

für den Rückbau der sechs Blöcke belaufen<br />

sich aktuell auf 6,6 Milliarden Euro. Vor allem<br />

Rheinsberg hat Probleme: „Es gibt Kontaminationen<br />

im Boden, wo keine sein dürften“, sagt die Sprecherin.<br />

Atomrechtliche Rückbaugenehmigungen<br />

fehlen noch<br />

Bundesweit dürfte daher noch manche Überraschung<br />

zu erwarten sein, denn die große Rückbauwelle kommt<br />

erst noch. Keiner der neun Reaktoren, die seit Fukushima<br />

stillgelegt wurden, hat bisher eine atomrechtliche<br />

Rückbaugenehmigung erhalten. „In Stilllegung“, wie<br />

es offiziell heißt, sind derzeit nur Meiler, die schon länger<br />

abgeschaltet sind, 16 insgesamt. Aus dem Atom-<br />

29


Politik<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

gesetz entlassen sind überhaupt erst 3 der 36 Anlagen,<br />

die im Laufe der Jahrzehnte in Deutschland gebaut<br />

wurden. Das sind die ganz frühen Reaktoren Großwelzheim,<br />

Kahl und Niederaichbach. Zurückgebaut werden<br />

müssen zudem zahlreiche Forschungsreaktoren; von<br />

einst 46 sind heute noch 7 in Betrieb.<br />

Die Endlagerung ist noch ungleich schwerer zu kalkulieren.<br />

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) hatte<br />

im vergangenen Jahr einen „Stresstest“ lanciert, der ermitteln<br />

sollte, wie sicher die Finanzierung von Rückbau<br />

und Endlagerung tatsächlich ist. Das Gutachten einer<br />

Düsseldorfer Wirtschaftsprüfergesellschaft bezifferte<br />

im Oktober 2015 den Finanzbedarf für Rückbau und<br />

Endlagerung auf 29,9 bis 77,4 Milliarden Euro.<br />

Innerhalb dieser großen Spanne gehen die Gutachter<br />

von einem wahrscheinlichsten Kostenszenario um 47,5<br />

Milliarden Euro aus. Davon entfallen 19,7 Milliarden<br />

auf Stilllegung und Rückbau, 5,8 Milliarden auf die<br />

Zwischenlagerung, 3,8 Milliarden auf das Endlager<br />

Schacht Konrad, 8,3 Milliarden auf ein bislang undefiniertes<br />

Endlager für hochradioaktive Abfälle sowie 9,9<br />

Milliarden auf Behälter, Transporte und Betriebsabfälle.<br />

Um die Aussagekraft der so präzise klingenden Zahlen<br />

einordnen zu können, ist jedoch eines zu wissen: Das<br />

Papier betrachtet den Zeitraum bis zum Jahr 2099 –<br />

viel zu lang für seriöse Berechnungen, viel zu kurz andererseits,<br />

um der nötigen Lagerzeit des Strahlenmülls<br />

gerecht zu werden. Weil die langfristigen Kosten des<br />

Atomabenteuers also grundsätzlich nicht berechenbar<br />

sind, flüchten sich die Gutachter in Zahlenspiele von<br />

zweifelhafter Relevanz.<br />

Gleichwohl schloss das Bundeswirtschaftsministerium<br />

aus dem Gutachten, die deutschen Atomkonzerne seien<br />

in der Lage, die Kosten des Rückbaus und der Endlagerung<br />

zu tragen. Faktisch jedoch folgte die Interpretation<br />

schlicht politischer Räson – eine schonungslose<br />

Analyse von Unternehmensrisiken war das Gutachten<br />

nicht – und durfte es auch gar nicht werden.<br />

Konzernwerte wurden geschont<br />

Aus einfachem Grund: Stellen wir uns vor, das Gutachten<br />

hätte – korrekterweise – ergeben, die AKW-Betreiber<br />

seien heillos überfordert mit den langfristigen<br />

Kosten ihres Strahlenmülls. Dann hätten die börsennotierten<br />

Unternehmen einen massiven Kurs- und damit<br />

Wertverlust erfahren, ihre Restbonität wäre dahin geschmolzen.<br />

Die ohnehin geschwächten Firmen wären<br />

vollends in Straucheln geraten. In der Ökonomie gibt es<br />

eben Prognosen, die sich selbst erfüllen können; diese<br />

wäre eine solche geworden.<br />

Nebenbei bemerkt: Mit der absehbaren Staatshaftung<br />

für sein Atomabenteuer steht Deutschland nicht alleine.<br />

In einer Analyse der Situation in der Schweiz,<br />

Schweden und Finnland konnte das Forum Ökologisch-<br />

Soziale Marktwirtschaft bereits 2014 zeigen, dass in<br />

allen drei Ländern die Fonds „deutlich unterfinanziert“<br />

sind. Und so geht man offenbar auch in diesen Ländern<br />

davon aus, dass am Ende der Staat einspringt. Längst<br />

scheint es, als hätte sich die Gesellschaft mit diesem<br />

ursprünglich als Tabu betrachteten Umstand arrangiert.<br />

Die KFK hatte in ihrem Bericht vom April bereits<br />

überraschend ehrlich erklärt, dass durch die „Enthaftung<br />

bei den Endlagern“ die betroffenen Firmen „einen<br />

ökonomischen Vorteil in der Bewertung ihrer Unternehmen<br />

und beim Zugang zu den Finanzmärkten“ erlangen<br />

würden.<br />

Ungenierte Dividendenausschüttung<br />

Kurz gesagt: Der Staat kommt für die Schäden eines<br />

Geschäftes auf, das Aktionären jahrelang Dividenden<br />

in Milliardenhöhe brachte – und tritt somit das Verursacherprinzip<br />

ganz nonchalant in die Tonne. RWE und<br />

Eon haben alleine seit der Jahrtausendwende fast 50<br />

Milliarden Euro an ihre Anleger ausgeschüttet – Profit<br />

auf Kosten der Allgemeinheit. Und das Spiel geht weiter.<br />

Im Juni 2016, als sich längst andeutete, dass der<br />

Staat den Atomkonzernen unter die Arme greifen will,<br />

beschloss Eon abermals ungeniert die Ausschüttung<br />

von rund 1 Milliarde Euro Dividende an seine Aktionäre.<br />

„Zechprellerei zu Lasten der Allgemeinheit“ nannte<br />

das die Anti-Atom-Organisation ausgestrahlt e.V..<br />

Die Bundesregierung hatte die angestrebte Kostenübernahme<br />

durch den Steuerzahler präzise eingefädelt,<br />

indem sie die 19-köpfige KFK installierte. Geleitet<br />

wurde sie von Jürgen Trittin (Grüne) zusammen mit<br />

Matthias Platzeck (SPD) und Ole von Beust (CDU) – da<br />

konnten selbst die Grünen gegen das Ergebnis kaum<br />

noch aufmucken. Dass schon der Name (Kommission<br />

zur Überprüfung der Finanzierung des Kernenergieausstiegs)<br />

irgendwie skurril war, weil die Kosten der<br />

Atommüllverwahrung ja bekanntlich eher Folge des<br />

Atomeinstiegs als des Atomausstiegs sind, fiel da kaum<br />

noch ins Gewicht.<br />

Was nun bleibt, ist der bittere Geschmack, dass wieder<br />

einmal Gewinne privatisiert und Kosten sozialisiert<br />

werden. Trittin sagte einst im Zusammenhang<br />

mit der zunehmend desolaten Lage der europäischen<br />

Nuklearfirmen genüsslich den Satz: „Wer nicht auf die<br />

Anti-AKW-Bewegung hört, den bestraft der Markt.“<br />

Inzwischen wird er wohl hinzufügen müssen: „...und<br />

den rettet am Ende die Politik.“ Denn nichts anderes<br />

geschieht gerade in Deutschland.<br />

Autor<br />

Bernward Janzing<br />

Freier Journalist<br />

Wilhelmstr. 24a · 79098 Freiburg<br />

Tel. 07 61/202 23 53<br />

E-Mail: bernward.janzing@t-online.de<br />

30


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Politik<br />

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31


Politik<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Zuschaltbare Last an den<br />

Erneuerbaren vorbei<br />

Alle Experten begrüßen das Konzept der zuschaltbaren Lasten. Allerdings verpufft dieser<br />

Ansatz, wenn er von oben herab als bloßes Instrument für die Netzstabilität verordnet wird<br />

und die Erzeuger von Erneuerbaren Energien nicht mit einbezieht.<br />

Von Dierk Jensen<br />

Nutzen ist besser abschalten“. Auf diesen<br />

kleinsten gemeinsamen Nenner mögen<br />

sich die Akteure der Energiewirtschaft, ob<br />

nun fossil-grau oder erneuerbar, sicherlich<br />

einigen. Daher ist es auch nicht sonderlich<br />

verwunderlich, dass der Bundesverband Energiespeicher<br />

(BVES) im späten Sommer 2016 forderte, „durch<br />

zuschaltbare Lasten Abschalten zu verhindern“.<br />

Klingt einleuchtend, ist doch damit grundsätzlich gemeint,<br />

dass im Falle von Stromüberschüssen eine zusätzliche<br />

Last, Power-to-X, ans Netz gehen soll, um<br />

Wärme, Kraftstoff oder anderweitige Energie für die<br />

Industrie zu erzeugen beziehungsweise bereitzustellen.<br />

Das sei eine „große Chance für die Energiewende“,<br />

meint der BVES, um im gleichen Atemzug Kritik anzubringen:<br />

„Mit den zurzeit diskutierten Regelungen kann<br />

das große Potenzial der zuschaltbaren Lasten nicht ausgeschöpft<br />

werden“, ruft BVES-Geschäftsführer Urban<br />

Windelen warnend in den Gesetzesdschungel aus EEG,<br />

KWK-Gesetz und Energiewirtschaftsgesetz hinein.<br />

Zudem bemängelt der BVES, dass man nach den bisher<br />

vorliegenden Plänen die Option von zuschaltbaren Lasten<br />

auf die Netzausbaugebiete im Norden beschränken<br />

will, was wirtschaftliche und effiziente Lösungen<br />

verhindere. Deshalb hat der BVES eine Fachgruppe<br />

Power-to-X gebildet. In ihr sitzen 20 Fachleute von Firmen<br />

aus allen Bereichen: Thyssen, Innogy, Mitsubishi<br />

bis hin zu Steag und GP Joule. Sie arbeiten ein Papier<br />

aus, das dem Bundeswirtschaftsministerium vorgelegt<br />

werden soll, damit die Rahmenbedingungen einer EEG-<br />

Verordnungsermächtigung zum Thema zuschaltbare<br />

Lasten auch so definiert werden, sodass die gute Idee<br />

am Ende auch eine produktive Umsetzung findet. Allerdings<br />

hüllt der BVES über das endgültige Positionspapier<br />

noch den Mantel des Schweigens.<br />

Branche enttäuscht von der Groko<br />

Derweil sind viele Akteure der Erneuerbaren Energien<br />

und Vorreiter der Sektorenkoppelung, also diejenigen,<br />

die die Vernetzung von erneuerbarer Erzeugung mit<br />

Wärme, Mobilität und Industrie vorantreiben wollen,<br />

herbe enttäuscht von der Art und Weise, wie das Thema<br />

zuschaltbare Last von der Großen Koalition in den<br />

Absatz 6a des Paragrafen 13 ins Energiewirtschaftsgesetz<br />

gehoben worden ist.<br />

Die Regie über das Thema ist nämlich ganz und gar<br />

in die Hände der Übertragungsnetzbetreiber gelegt<br />

worden. Zwar wird für entstehende Mehrkosten von<br />

zuschaltbaren Lasten eine Kompensation in Aussicht<br />

gestellt. Doch ist die Erwartung, dass die Betreiber erneuerbarer,<br />

dezentraler Energieerzeugung und damit<br />

auch die Biogasbranche integriert werden würden in<br />

die noch zu lösende Systemfrage, wie in Zukunft bei<br />

steigendem Anteil von grünem Strom die Netze stabil<br />

und sicher gehalten werden, unberücksichtigt geblieben:<br />

Es gibt keine Partizipation, keine Sektorenkopplung<br />

von unten und dezentral.<br />

Aber auch Stadtwerke, Betreiber von KWK-Anlagen<br />

und sogar die Verteilnetzbetreiber sind nicht zufrieden.<br />

„Grundsätzlich handelt es sich dabei um einen<br />

richtigen Gedanken, allerdings sehen wir die Rolle der<br />

Verteilnetzbetreiber – wie beispielsweise der Schleswig-Holstein<br />

Netz AG – bei diesem Thema zu wenig<br />

berücksichtigt“, wirft Ole Struck, Leiter der Kommunikation<br />

vom Mutterunternehmen HanseWerk mit Sitz in<br />

Quickborn ein. „Derzeit konzentriert sich das Thema ja<br />

auf die Übertragungsnetzbetreiber.“<br />

Wer bezahlt den Ausfall vermiedener<br />

Netzentgelte?<br />

In den Reihen der Stadtwerke sind die Experten zudem<br />

sehr skeptisch, wie bei dem bisher abgesteckten<br />

Rahmen überhaupt ein tragbares Geschäftsmodell entstehen<br />

soll. Gänzlich ungeklärt ist auch die Frage, wer<br />

im Falle von zuschaltbaren Lasten den Stadtwerken<br />

den Ausfall an vermiedenen Netzentgelten bezahlt.<br />

Ganz abgesehen davon wird auch der direkte Zugriff<br />

des Übertragungsnetzbetreibers auf den eigenen Kraftwerkspark<br />

problematisch gesehen, denn genau das<br />

kann die Netzsicherheit sogar gefährden.<br />

Nicht zuletzt deshalb fordert der Verband kommunaler<br />

Unternehmen (VKU) die Änderung des Paragrafen<br />

13 Absatz 6a mindestens folgendermaßen: „Der<br />

Anschlussnetzbetreiber muss prozessual eingebunden<br />

werden und das Recht erhalten, die durch Dritte<br />

ausgelöste Zuschaltung von Lasten, die an sein Netz<br />

32


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Politik<br />

angeschlossen sind, zum Zwecke der Netzstabilität zu<br />

modifizieren beziehungsweise zu verhindern.“ Davon<br />

abgesehen bleibt die Thematik mit der Regelung über<br />

Paragraf 13 für den VKU hinter ihren Möglichkeiten<br />

zurück, weil er alleinig aus der Perspektive der Systemsicherheit<br />

formuliert worden ist. „Die regionalen<br />

Potenziale und Märkte bleiben ungenutzt. Ein Instrument<br />

für die echte Nutzung von überschüssigem Strom<br />

aus Erneuerbaren Energien ist es daher nicht, es ist<br />

vielmehr eines für die Übertragungsnetzbetreiber“, so<br />

eine Sprecherin des VKU.<br />

Das alte System, gespeist von historisch gewachsener<br />

Kraftwerkserfahrung, sickert ins EEG hinein. Manche<br />

sprechen deshalb schon von EEVG – „Erneuerbare-<br />

Energien-Verhinderungsgesetz“. So fordert Torge<br />

Wendt, geschäftsführender Gesellschafter der Nordgröön<br />

Energie GmbH in Meldeby bei Flensburg, vehement<br />

ein, mehr Verantwortung für den Strommarkt in<br />

die Regionen zu übertragen. „Als Marktintegrator von<br />

Erneuerbaren Energien und Anbieter von Regionalstrommarken<br />

empfehlen wir der Politik, den Strommarkt<br />

der Zukunft nicht unnötig kompliziert zu gestalten.<br />

Wir wollen keine Regelungen, die an unnötig vielen<br />

Bedingungen geknüpft sind, sondern simple, technologieoffene<br />

und dezentrale Kapazitätsmechanismen,<br />

angelehnt an den Markt für Regelleistungen, der sich<br />

nach Angebot und Nachfrage orientiert“, sagt Wendt.<br />

„Wir könnten morgen mit Projekten zu Power-to-Heat<br />

anfangen, wenn es nicht den schwammigen rechtlichen<br />

Rahmen gäbe.“<br />

Power-to-Heat in Linnau ruht – leider!<br />

Die Frische Nordwind GbR ist indessen schon heute<br />

technisch in der Lage, am Markt für zuschaltbare<br />

Lasten mitzumachen. Die Biogas Linnau GmbH &<br />

Co KG betreibt neben Windparks in der schleswigholsteinischen<br />

Gemeinde Linnau eine Biogasanlage,<br />

deren Abwärme ein lokales Nahwärmenetz versorgt.<br />

„Wir haben vor zwei Jahren zu unserer Biogasanlage<br />

einen 1.000-kW-Elektroden-Heizkessel dazugestellt,<br />

der einen Wärmespeicher mit einem Volumen von<br />

1.000 Kubikmeter auf 80 bis 85 Grad Celsius erhitzen<br />

kann“, erklärt Mitgesellschafter Peter Jepsen. Doch<br />

ruht bisweilen diese teure Investition, weil zum einen<br />

die Betreiber der Netze kein Interesse an dieser zuschaltbaren<br />

Last haben und zum anderen die aktuelle<br />

Gesetzeslage ein wirtschaftliches Betreiben einer solchen<br />

Power-to-Heat-Anlage nicht zulässt, sodass eine<br />

zielführende Verwendung für die Integration einer solchen<br />

Anlage geboten ist. Noch hofft Jepsen auf eine<br />

positive Wendung, doch droht, dass diese Anlage ein<br />

Investitionsgrab werden könnte. „Durch die Zahlung<br />

des Baukostenzuschusses an den Netzbetreiber ist der<br />

elektrische Anschluss ans Netz utopisch“, sagt Jepsen.<br />

Ebenso schwierig gestaltet sich die Sektorenkopplung<br />

auch im Bereich der Wasserstoffproduktion aus Windstrom.<br />

Reinhard Christiansen, Geschäftsführer des<br />

Betreibers Energie des Nordens und zugleich BWE-<br />

Landesvorsitzender von Schleswig-Holstein versucht<br />

schon seit Längerem, eine Wasserstoffproduktion<br />

südlich der dänischen Grenze aufzubauen, die Strom<br />

aus Windenergieanlagen beziehen soll, die bei Netzengpässen<br />

herausgeschaltet werden. Ein Projekt mit<br />

7 Millionen Euro Umfang, an dem sich auch die MVV<br />

beteiligen will, befindet sich allerdings noch in der Planungsschleife.<br />

Energiewirtschaftsgesetz Paragraf 13,<br />

Absatz 6a<br />

Die Beschaffung von Ab- oder Zuschaltleistung über vertraglich vereinbarte ab- oder zuschaltbare<br />

Lasten nach Absatz 1 Nummer 2 erfolgt durch die Betreiber von Übertragungsnetzen in<br />

einem diskriminierungsfreien und transparenten Ausschreibungsverfahren, bei dem die Anforderungen,<br />

die die Anbieter von Ab- oder Zuschaltleistung für die Teilnahme erfüllen müssen,<br />

soweit dies technisch möglich ist, zu vereinheitlichen sind.<br />

Die Betreiber von Übertragungsnetzen haben für die Ausschreibung von Ab- oder Zuschaltleistung<br />

aus ab- oder zuschaltbaren Lasten eine gemeinsame Internetplattform einzurichten.<br />

Die Einrichtung der Plattform nach Satz 2 ist der Regulierungsbehörde anzuzeigen. Die Betreiber<br />

von Übertragungsnetzen sind unter Beachtung ihrer jeweiligen Systemverantwortung<br />

verpflichtet, zur Senkung des Aufwandes für Ab- und Zuschaltleistung unter Berücksichtigung<br />

der Netzbedingungen zusammenzuarbeiten.<br />

Währenddessen geht der Zubau neuer Windenergieanlagen<br />

in Nordfriesland munter weiter und analog dazu<br />

werden die Abschaltphasen immer länger. Aktuell ist<br />

es so, dass nahezu jede zehnte Kilowattstunde aus<br />

Erneuerbaren Energien in Schleswig-Holstein nicht<br />

eingespeist wird, weil das Netz einfach nicht ausreichend<br />

Kapazität anbietet. Besonders an windigen und<br />

zugleich sonnigen Tagen stehen viele Windmühlen still.<br />

Das steigert nicht die Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber<br />

Erneuerbaren Energien.<br />

Nicht zuletzt deshalb begrüßen alle: „Nutzen ist besser<br />

als abschalten“. Daher schauen die Erzeuger von<br />

Erneuerbaren Energien vor allem im Norden Deutschlands<br />

gebannt nach Berlin, was im Ministerium des<br />

Sigmar Gabriel zum Thema zuschaltbare Lasten in den<br />

nächsten Monaten noch kommen wird. Ohne die Integration<br />

der Erneuerbaren Energien sei das Thema,<br />

so Torge Wendt, „eine Totgeburt“. Ein hässliches Wort,<br />

obgleich kein Zweifel besteht: Eine Energiewende, die<br />

Wärme und Mobilität mitziehen und Sektoren koppeln<br />

will, erfordert eine andere Gestaltung.<br />

Autor<br />

Dierk Jensen<br />

Freier Journalist<br />

Bundesstr. 76 · 20144 Hamburg<br />

Tel. 040/40 18 68 89<br />

E-Mail: dierk.jensen@gmx.de<br />

www.dierkjensen.de<br />

33


praxis / Titel<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Große Batteriespeicher tragen<br />

zur Systemintegration bei<br />

Der Bedarf an Flexibilität im Stromnetz wächst. Gerade bei einem fortgesetzten Ausbau<br />

der volatilen Stromerzeugung aus Photovoltaik nimmt der Bedarf an Speichern zu.<br />

Große Batteriespeicher können eine technische Lösung sein, doch galten sie<br />

lange Zeit als zu teuer und ihr Betrieb war daher nicht wirtschaftlich. Doch<br />

das ändert sich gerade. In den vergangenen Monaten ging eine Reihe<br />

neuer Projekte an den Start.<br />

Von Thomas Gaul<br />

Bei großen Batteriespeichern tut sich im<br />

Moment sehr viel. Dabei sind es gar nicht<br />

einmal Technologiesprünge, die zu dieser<br />

dynamischen Entwicklung führen. „Sprünge<br />

gibt es derzeit nur beim Preis“, sagt Dr.<br />

Dirk-Uwe Sauer, Professor am Lehrstuhl für Elektrochemische<br />

Energiewandlung und Speichersystemtechnik<br />

der RWTH Aachen. Treiber für die Batterieentwicklung<br />

ist derzeit die Elektromobilität.<br />

Medienberichte über ein „Aus“ für den Verbrennungsmotor<br />

sowie den Aufbau eines Netzes von Schnellladestationen<br />

haben Autofahrer und Konzerne wachgerüttelt.<br />

Doch nicht allein künftige mobile Anwendungen,<br />

sondern der gegenwärtige Einsatz im Netz rückt die<br />

Batterietechnologie in den Fokus. Zu einem regionalen<br />

Schwerpunkt der Speicher-Aktivitäten entwickelt sich<br />

dabei der Norden und Osten Deutschlands.<br />

Das hat seinen Grund: Denn hier stehen viele Windparks<br />

und der Bau von Leitungen zum überregionalen<br />

Stromtransport ist noch nicht sehr weit vorangekommen.<br />

So ist im Herbst 2016 in Brandenburg ein weiterer<br />

Batteriegroßspeicher zur Stabilisierung der Netze<br />

in Betrieb gegangen. Die Upside Services GmbH hat<br />

bei Neuhardenberg im Landkreis Märkisch-Oderland<br />

die Speichereinheit mit einer Gesamtleistung von 5<br />

Megawatt (MW) und einer Speicherkapazität von 5 Megawattstunden<br />

(MWh) fertiggestellt.<br />

Integration in den Regelleistungsverbund<br />

Das Batteriesystem mit Lithium-Ionen-Technik ist in<br />

Container-Bauweise errichtet und an einem Solarpark<br />

in unmittelbarer Nachbarschaft angeschlossen worden.<br />

Dieser Solarpark ist nach Angaben des Projektträgers<br />

mit 145 MW Leistung die größte Anlage Deutschlands.<br />

Die Anlage verfügt zudem über einen eigenen Netzverknüpfungspunkt,<br />

heißt es in der Projektskizze von<br />

Upside Services. Das erlaube, die Großbatterie in den<br />

Regelleistungsverbund einzubinden und frequenzgesteuerte<br />

Primärregelleistungen anzubieten.<br />

Die Projektkosten belaufen sich<br />

auf insgesamt 6,25 Millionen<br />

(Mio.) Euro, davon sind 2,8 Mio.<br />

Euro Fördermittel der EU (80<br />

Prozent) und des Landes Brandenburg<br />

(20 Prozent). Unternehmen<br />

und die Landespolitik unterstreichen<br />

die Bedeutung des<br />

Speichers für die Netzstabilität<br />

in einer Region, die durch Windund<br />

Solarausbau mehr Strom erzeugt,<br />

als sie verbraucht und an<br />

der Grenze der Netzverträglichkeit<br />

angelangt ist.<br />

„Nur wenn konsequent an Speichertechnologien<br />

gearbeitet wird,<br />

kann es in Zukunft gelingen, Strom<br />

aus Erneuerbaren Energien stets<br />

bedarfsgerecht zur Verfügung zu<br />

stellen“, erklärte Wirtschaftsminister<br />

Albrecht Gerber (SPD) bei<br />

der Inbetriebnahme der Anlage.<br />

Er betonte, dass Brandenburg über<br />

weitere Speicherprojekte verfüge, darunter<br />

das Hybridkraftwerk von Enertrag<br />

bei Prenzlau, die Power-to-Gas-Pilotanlage<br />

von Uniper an der Biogasanlage in Falkenhagen<br />

und ein Batteriespeicher an dem Solarpark<br />

Alt-Daber.<br />

Das Projekt wurde mit 376.000 Euro gefördert. Der<br />

Speicher mit Blei-Säure-Batterien besteht aus zwei<br />

Containern mit je 1 MW Leistung. Die Speichercontainer<br />

stützen bereits die Frequenz im Hochspannungsnetz.<br />

Denn er wurde bereits vom Übertragungsnetzbetreiber<br />

50Hertz für den Markt der Primärregelleistung<br />

zugelassen, präqualifiziert, wie Experten sagen. Nun<br />

kann die Vattenfall GmbH die Leistung des Speichers<br />

in ihrem Pool in wöchentlichen Ausschreibungen anbieten.<br />

34


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

praxis / Titel<br />

Batterie<br />

speicher<br />

xxl<br />

In der WEMAG-Halle in<br />

Schwerin sind die Batterien<br />

regalweise aufgestellt.<br />

35


praxis / Titel<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Fotos: Thomas Gaul<br />

Halle mit Batteriespeicher<br />

von der<br />

WEMAG in Schwerin.<br />

Batteriespeicher und Biogasanlage<br />

Nicht weit davon entfernt versorgt sich der Ortsteil<br />

Feldheim von Treuenbrietzen seit 2010 selbst. Dort<br />

befindet sich auch eine Biogasanlage mit einer installierten<br />

Leistung von 526 kW, die von der örtlichen<br />

Agrargenossenschaft betrieben wird. Nun gibt es eine<br />

weitere Attraktion: Seit Mitte September ist hier der<br />

größte Batteriespeicher Europas am Netz. Das Gebäude<br />

ist etwa so groß wie eine Turmhalle und misst 30<br />

mal 17 Meter.<br />

Die Batterie verfügt über 10 MW Leistung und 10 MWh<br />

Kapazität. Bisher hielt diese Spitzenposition ein Speicherwerk<br />

im britischen Leighton Buzzard, das eine<br />

Leistung von 6 MW und eine Kapazität von 10 MWh<br />

aufweist. Der Speicher in Feldheim besitzt also eine höhere<br />

Energiedichte. „Der Systemwirkungsgrad liegt bei<br />

85 Prozent“, so Michael Raschemann, Geschäftsführer<br />

vom Projektierer Energiequelle. Das Unternehmen baute<br />

den Speicher in einem Jahr auf.<br />

Die rund 3.360 Speichermodule kommen vom südkoreanischen<br />

Konzern LG Chem. 35 Klimaanlagen an der<br />

Rückseite der Halle halten die Temperatur für die Akkus<br />

bei 23 Grad Celsius. Finanziert wird das Projekt durch<br />

eine Beteiligungsgesellschaft, zu der Energiequelle,<br />

der Windanlagenbauer Enercon und weitere Partner<br />

gehören. Zudem erhielt das Projekt Fördergelder vom<br />

Land Brandenburg und der Europäischen Union. Der<br />

Brandenburgische Wirtschafts- und Energieminister<br />

Albrecht Gerber spricht „von einem Meilenstein für die<br />

Systemintegration der Erneuerbaren Energien“. Das<br />

brandenburgische Wirtschaftsministerium unterstützt<br />

den Batteriespeicher mit rund 5 Mio. Euro aus dem<br />

RENplus-Programm.<br />

Beitrag zur Systemintegration<br />

Die Landesregierung in Brandenburg hat Batteriespeicher<br />

nach oben auf ihre Agenda gesetzt: Dafür wurde<br />

das Förderprogramm RENplus weiterentwickelt.<br />

Es bringt Modellvorhaben mit Speichertechnologien<br />

sowie regionale und kommunale Energiekonzepte voran.<br />

„Hierfür wird die Koalition jährlich mindestens 10<br />

Mio. Euro bereitstellen“, heißt es im Koalitionsvertrag.<br />

36


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

praxis / Titel<br />

®<br />

WDV MOLLINÉ<br />

Messtechnik die zählt<br />

Welche stationären Batterien gibt es?<br />

Blei-Säure-Batterien: Sie wandeln den Strom<br />

elektrochemisch um, bevor sie ihn speichern. Das<br />

geschieht mithilfe von Elektroden aus Blei und<br />

Schwefelsäure. Durch den chemischen Prozess<br />

nimmt die Kapazität mit jedem Zyklus ab. Stärke<br />

und Geschwindigkeit der Entladung bestimmen so<br />

die Lebensdauer der Batterie.<br />

Lithium-Ionen-Akkus: Sie sind aus zahlreichen<br />

mobilen Anwendungen bekannt. Spannung und<br />

Lebensdauer lassen sich über verschiedene Materialkombinationen<br />

vor allem für die Elektroden<br />

optimieren.<br />

Der Vorteil von Redox-Flow-Batterien liegt darin,<br />

dass das energiespeichernde Material außerhalb<br />

der Zelle gelagert wird. Durch die Trennung von<br />

Energieumwandlung und Speichermedium lässt<br />

sich die speicherbare Energiemenge flexibel dosieren.<br />

Zwei verschiedene Elektrolyte dienen dabei<br />

als Energielieferant und als Speicher. Während des<br />

Lade- und Entladevorgangs fließen die energiespeichernden<br />

Elektrolyte in getrennten Kreisläufen<br />

aus den Tanks in die Zelle, wo der Ionenaustausch<br />

mithilfe einer Membran stattfindet.<br />

Je nach Auslegung kann für kurze Zeit eine sehr große<br />

Leistung erzeugt werden oder aber eine geringe<br />

Leistung bei insgesamt längerer Laufzeit. Die weiter<br />

fallenden Kosten für Lithium-Ionen-Batterien<br />

werden einen regelrechten Boom beim Ausbau<br />

von großen Stromspeicheranwendungen auslösen.<br />

Auch andere Technologien wie Lithium-Schwefel-,<br />

Vanadium-Redoxflow- und Metall-Luft-Batterien<br />

werden aufgrund von Kostensenkungen wettbewerbsfähiger.<br />

Damit steigt auch die Nachfrage nach diesen Speichern,<br />

was wiederum die Kosten weiter nach unten<br />

treibt. Hatten bis vor ein paar Jahren alle Batterietechnologien<br />

in etwa gleiche Startbedingungen,<br />

sieht Batterieexperte Sauer jetzt eine Technologie<br />

vorn: „Der aktuelle Markt wird total von Lithium-<br />

Ionen-Batterien dominiert.“ So sind große Lithium-<br />

Ionen-Akkus zur Netzstabilisierung bereits günstiger<br />

als manche Redox-Flow-Batterien.<br />

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Diese Mittel fließen sowohl aus dem Europäischen<br />

Fonds für regionale Entwicklung<br />

(EFRE) als auch aus Landesmitteln.<br />

Das Regelkraftwerk Feldheim ist dabei die<br />

größte Einzelförderung, sagt Gerber. Er sei<br />

überzeugt, dass dieses Geld gut angelegt<br />

sei. „Wenn der Ausbau der Erneuerbaren in<br />

Siebenmeilenstiefeln voranschreitet, die<br />

Systemintegration aber nur in Tippelschritten,<br />

wird es nichts mit der Energiewende.“<br />

Der Batteriespeicher in Feldheim stellt<br />

Regelenergie zur Stabilisierung des<br />

Stromnetzes bereit. Das heißt, er gleicht<br />

Schwankungen zwischen Angebot und<br />

Nachfrage aus.<br />

Bei einem Stromüberangebot kann sekundenschnell<br />

Energie aus dem Stromnetz<br />

entnommen und in Zeiten mangelnder<br />

Stromproduktion ins Netz abgegeben<br />

werden, um die Frequenz von 50 Hertz<br />

im Stromnetz stabil zu halten. Bis Jahresende<br />

soll der Speicher für den Regelenergiemarkt<br />

zugelassen sein. Denn die<br />

vier Übertragungsnetzbetreiber benötigen<br />

diese Systemdienstleistung. Die Anforderungen<br />

an die Primärregelenergie sind allerdings<br />

besonders hoch: Innerhalb von 30<br />

Sekunden muss die abgeforderte Energie<br />

bereitstehen. Für den Batteriespeicher ist<br />

das aber ohne Probleme machbar.<br />

Auch der erste große Batteriespeicher<br />

nimmt seit September 2014 am Markt<br />

für Regelleistung teil. In einem turnhallenähnlichen<br />

Gebäude am Rande der<br />

Schweriner Altstadt speichern insgesamt<br />

25.600 Lithium-Manganoxid-Zellen<br />

Strom in Millisekunden. Ende 2016 entschloss<br />

sich der Betreiber WEMAG, die<br />

Batterie bis Mitte <strong>2017</strong> zu vergrößern.<br />

Mit der Vergrößerung wird die Leistung<br />

des Batterieparks von 5 auf 10 MW verdoppelt,<br />

die Kapazität wird von 5 MWh<br />

auf 14,5 MWh knapp verdreifacht. Nach<br />

der Teilnahme am Markt für Primärregelleistung<br />

ist geplant, auch Blindleistung<br />

bereitzustellen.<br />

Alternative zum Netzausbau<br />

auf lokaler Ebene<br />

Das Reiner-Lemoine-Institut hat im Zuge<br />

seines Forschungsprojekts „Smart Power<br />

Flow“ gezeigt, dass Großspeicher eine<br />

echte wirtschaftliche Alternative zum<br />

Netzausbau auf lokaler Ebene sind. Die<br />

Wechselrichter und die Steuerung der eingesetzten<br />

Vanadium-Redox-Flow-Batterie<br />

sind von SMA und Younicos eigens entwickelt<br />

worden. „Aus unserer Sicht ist der<br />

zunehmende Netzausbau aus volkswirtschaftlicher<br />

Sicht nicht sinnvoll, da die<br />

37<br />

Messtechnik für jede Aufgabe<br />

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praxis / Titel<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Typischer Batteriestapel,<br />

der in Schwerin<br />

eine ganze Halle füllt.<br />

Netze für eine Belastung ausgelegt werden, die nur an<br />

wenigen Tagen im Jahr erreicht wird – das ist unnötig<br />

teuer und aufwendig“, erklärt Projektleiter Jochen Bühler,<br />

wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsfeld<br />

Transformation von Energiesystemen des RLI, zur Ausgangslage.<br />

Die Forscher hätten Alternativen geprüft.<br />

Großbatterien hätten sich als eine wirtschaftliche Alternative<br />

zum lokalen Netzausbau herausgestellt, so<br />

Bühler weiter.<br />

Im Projekt nutzten die RLI-Forscher einen Prototyp einer<br />

Vanadium-Redox-Flow-Batterie, dessen Wechselrichter<br />

sowie Steuerung eigens für<br />

das Projekt entwickelt wurden. Sie<br />

sei in das Stromnetz der LEW Verteilnetz<br />

GmbH (LVN) in Bayerisch-<br />

Schwaben integriert und in einer<br />

einjährigen Testphase überprüft<br />

worden. Dabei sei es den Wissenschaftlern<br />

zugleich um einen<br />

wirtschaftlichen und netzstützenden<br />

Betrieb gegangen. Eine RLI-<br />

Analyse der Geschäftsmodelle<br />

für Großbatterien habe dabei ergeben,<br />

dass unter heutigen Rahmenbedingungen<br />

in Deutschland<br />

der Einsatz von Batterien am Primärregelleistungsmarkt<br />

der mit<br />

Abstand lukrativste Anwendungsbereich<br />

sei. Die Wissenschaftler<br />

hätten daher auch den Fokus des<br />

Projekts auf dieses Geschäftsmodell<br />

gelegt, hieß es weiter.<br />

Bei der Erbringung von Primärregelleistung<br />

verhielten sich die<br />

Batterien für die Verteilnetze<br />

allerdings zunächst nicht netzdienlich. Das Be- und<br />

Entladen der Speicher werde durch die Netzfrequenz<br />

bestimmt. Das RLI habe daher eine intelligente Batteriesteuerung<br />

entwickelt, die die Spannung im Ortsnetz<br />

regelt und so die Aufnahmefähigkeit für Erneuerbare<br />

Energien erhöhe.<br />

„Entscheidend und neu an unserem Ansatz ist die<br />

Kombination eines marktgetriebenen und zugleich<br />

netzdienlichen Batterieeinsatzes auf Verteilnetzebene“,<br />

so Bühler weiter. Aus seiner Sicht lohne sich<br />

der Einsatz von Großbatterien auch für lokale Netz-<br />

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Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

praxis / Titel<br />

Biogasfördertechnik<br />

betreiber in vielen Fällen. Voraussetzung<br />

sei dabei, dass die Speicher von externen<br />

Investoren aufgrund tragfähiger Geschäftsmodelle<br />

erbaut und die Batterien mit einer<br />

netzdienlichen Regelung ausgestattet<br />

würden. Dann sei selbst bei der Zahlung<br />

von etwaigen Kompensationen der Einsatz<br />

von Großbatterien für die lokalen Netzbetreiber<br />

noch wirtschaftlicher als der Netzausbau.<br />

Zugleich könnten so die Stromkosten<br />

gesenkt und könnte die Energiewende<br />

schneller vorangetrieben werden, hieß es<br />

zu den Ergebnissen.<br />

Ein zweites Leben für Auto-Akkus<br />

Auch in Hannover hat der örtliche Energieversorger<br />

enercity mit dem Bau eines<br />

Batterie-Großspeichers begonnen. Die<br />

Besonderheit: Dabei handelt es sich um<br />

ein Ersatzteillager für elektromobile Batteriesysteme:<br />

Rund 3.000 der für die aktuelle<br />

smart electric drive-Fahrzeugflotte<br />

vorgehaltenen Batteriemodule werden zu<br />

einem Stationärspeicher gebündelt, dieser<br />

ist laut enercity mit einer Speicherkapazität<br />

von insgesamt 17,5 Megawattstunden<br />

eine der größten Anlagen Europas.<br />

Durch die Vermarktung der lagernden Speicherleistung<br />

auf dem deutschen Markt für<br />

Primärregelleistung (PRL) soll das Geschäftsmodell<br />

einen wichtigen Beitrag<br />

zur Stabilisierung des Stromnetzes und<br />

zur Wirtschaftlichkeit von Elektromobilität<br />

leisten. Solche Speicher gleichen laut<br />

enercity Energieschwankungen nahezu<br />

verlustfrei aus – eine Aufgabe, die derzeit<br />

überwiegend schnell drehende Turbinen<br />

fossiler Kraftwerke übernehmen.<br />

Ab der Inbetriebnahme soll der 15-Megawatt-Batteriespeicher<br />

ununterbrochen<br />

netzgekoppelt arbeiten, enercity übernimmt<br />

die Vermarktung des Speichers auf<br />

dem PRL-Markt. Um im Fall eines Tausches<br />

einsatzfähig zu sein, verlangt eine<br />

Batterie während der Dauer der Bevorratung<br />

ein regelmäßiges Zyklisieren – das<br />

gezielte, schonende Be- und Entladen.<br />

Andernfalls würde es zu einer Tiefenentladung<br />

kommen, die zu einem Defekt der<br />

Batterie führen kann.<br />

Neben den Lagerkosten würde die klassische<br />

und potenziell langjährige Ersatzbatterielagerung<br />

also einen hohen Betriebsaufwand<br />

bedeuten. Diesen Aufwand<br />

umgehen die Partnerunternehmen mit der<br />

Nutzung als Speicher: Der stets schwankende<br />

Regelleistungsbedarf des Netzes<br />

sorgt automatisch für das erforderliche Zyklisieren<br />

der Akkus.<br />

Das „zweite Leben“ der Batterien als stationäre<br />

Speicher hält Batterieforscher Dirk-<br />

Uwe Sauer aber für einen Mythos: „Den<br />

Vorteil hätten die Fahrzeughersteller, die<br />

sich die Kosten für die Entsorgung sparen<br />

könnten.“ Die Batterien könnten im stationären<br />

Markt aber nicht wirtschaftlich<br />

sinnvoll eingesetzt werden, betont Sauer.<br />

Außerdem: „Ein Fahrzeug setzt Batterien<br />

für fünf Haushalte frei.“ Er hält eher einen<br />

typgleichen Einsatz in Fahrzeugen für<br />

sinnvoll.<br />

Die Energiewende ist mehr als eine Stromwende.<br />

Dabei müssen die Sektoren Strom,<br />

Wärme und Verkehr zunehmend miteinander<br />

verzahnt werden. Dabei und im<br />

Umgang mit Versorgungsspitzen können<br />

große Batteriespeicher einen Beitrag leisten.<br />

Die dazu erforderlichen Speichersysteme<br />

brauchen Marktbedingungen, die die<br />

Integration erleichtern. Dafür braucht es<br />

klare Definitionen, Strategien – und einen<br />

angepassten Rechtsrahmen gerade auch<br />

für Speicher, um die Klimaschutzziele zu<br />

erreichen. Hier fehlen nach Einschätzung<br />

der Akteure besonders auf Bundesebene<br />

die notwendigen Vorgaben, insbesondere<br />

fehlen eine Markteinführungs- und Forschungsstrategie.<br />

Autor<br />

Thomas Gaul<br />

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praxis / Titel<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Beispiel für ein Einfamilienhaus<br />

als Prosumergebäude.<br />

Foto: fotolia_arsdigital<br />

Smarte Prosumer braucht das Land<br />

Haushaltsstrom kostet in Deutschland bis zu 30 Cent, damit liegen wir, die Weltmeister der Erneuerbaren<br />

Energien, europaweit auf dem zweiten Platz und weit über dem europäischen Durchschnitt von 21Cent<br />

(EUROSTAT – 2. Hälfte 2014). Gleichzeitig sind die Kosten für die Stromerzeugung aus regenerativen<br />

Quellen teilweise massiv gesunken. So ist Strom aus eigenen Photovoltaikanlagen bereits seit 2012 günstiger<br />

als im Netz gekaufter. Entscheidende Weiterentwicklungen werden auch durch den Preissturz bei den<br />

Speichern möglich. Da ist es nur logisch, dass immer mehr Bürger zu teil-autarken Systemen wechseln oder<br />

über einen Wechsel nachdenken. Wie ist der Status quo bei den intelligenten Lösungen?<br />

Von EUR.-Ing. Marie-Luise Schaller<br />

Prosumer ist eine Wortschöpfung aus den<br />

englischen Worten Producer und Consumer,<br />

mit der ganz allgemein ein Konsument bezeichnet<br />

wird, der einen Teil der konsumierten<br />

Produkte oder Dienstleistungen selber<br />

produziert. Nach einer Studie des Leipziger Instituts<br />

für Energie werden in Eigenverbrauchsanlagen etwa<br />

2 Terawattstunden (TWh) Strom erzeugt, das sind 5,6<br />

Prozent der Jahresprognose zur EEG-Stromeinspeisung<br />

für 2015. Vermehrt werden in letzter Zeit vor allem<br />

Lösungen angeboten, bei denen PV-Anlagen mit<br />

Stromspeichern verknüpft werden, wie zum Beispiel<br />

mit der stark beworbenen Tesla-Powerbox. Gerade<br />

durch die Fortschritte im Bereich der Batterietechnologien<br />

können Haushalte, aber auch Gewerbebetriebe<br />

mehr von dem selbst erzeugten Strom aus PV-Anlagen,<br />

Blockheizkraftwerken, Kleinwindanlagen oder Brennstoffzellen<br />

für den Eigenbedarf nutzen. Durch die Einbindung<br />

von Ladesäulen für Elektromobile wird die<br />

Gesamtinvestition noch interessanter. Denn es entfällt<br />

ein Großteil der Steuern und Umlagen, die den Strompreis-<br />

beziehungsweise den Kraftstoffpreis belasten.<br />

Auch der Zusammenschluss mehrerer Prosumer, zum<br />

Beispiel zu Bürgerenergiegenossenschaften, kann weitere<br />

Effizienzsteigerungen beim Bau und Betrieb der<br />

Anlagen bewirken.<br />

40


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

praxis / Titel<br />

Die Eigenerzeugung von Energie aus erneuerbaren<br />

Quellen leistet zudem einen wichtigen Beitrag für die<br />

Energiewende. Privathaushalte und auch Gewerbebetriebe,<br />

die Strom und auch Wärme für den Eigenbedarf<br />

selbst erzeugen, tragen nicht nur zur angestrebten<br />

Erhöhung des Anteils Erneuerbarer Energien und<br />

der Sektorenkopplung bei. Sie sorgen gleichzeitig für<br />

eine Entlastung der Netze, da bei Eigenverbrauch kein<br />

Transport über das Stromnetz erfolgt und auch Lastspitzen<br />

ausgeglichen werden, weil Überschüsse in Batterien<br />

für den späteren Verbrauch gespeichert werden.<br />

Schlüsseltechnologie Energiespeicher<br />

Es werden mittlerweile fast ausschließlich Lithium-<br />

Ionen-Zellen als Stromspeicher genutzt, deren Anteil<br />

an der nutzbaren Kapazität in 2015 bei 90 Prozent lag.<br />

Der Endverbraucherpreis ist von etwa 2.800 Euro/kWh<br />

im ersten Halbjahr 2013 auf nunmehr 1.500 Euro/kWh<br />

gesunken und soll in Kürze die 1.000-Euro-Marke erreichen,<br />

wie Prof. Dirk Uwe Sauer auf der Jahrestagung<br />

der EnergieAgentur.NRW Ende September ausführte.<br />

Aus technischer Sicht seien Batteriespeicher optimal<br />

dafür geeignet, Flexibilität auf allen Zeitskalen für das<br />

Stromsystem zu liefern. Batterien könnten positive und<br />

negative Regelleistung nahezu ohne Zeitverzögerung<br />

bereitstellen. Begrenzendes Element sei dabei nur die<br />

Leistungselektronik.<br />

Mittlerweile gibt es in Deutschland etwa 60 Anbieter<br />

von Batteriesystemen. In der ersten Jahreshälfte 2016<br />

liegt sonnen als Spitzenreiter nach einer Marktanalyse<br />

von EuPD Research mit 27 Prozent Marktanteil und<br />

gut 3.300 verkauften Systemen vor SENEC (Deutsche<br />

Energieversorgung) mit 19 Prozent, E3/DC mit 10 Prozent<br />

und Solarwatt mit 6 Prozent Marktanteil. Auch<br />

die Automobilhersteller betätigen sich zunehmend auf<br />

dem Markt. Vor allem Tesla und Mercedes Benz haben<br />

sich mit einem starken Endkundenmarketing hervorgetan.<br />

Insgesamt werden gemäß EuPD in diesem Jahr<br />

wahrscheinlich zwischen 23.000 bis 25.000 Systeme<br />

verkauft. Insgesamt dürften etwa 40.000 Haushalte<br />

mit Speichern ausgestattet sein.<br />

In Fachkreisen ist natürlich auch die Nutzung der Speichereigenschaften<br />

der Biogasproduktion als intelligenter<br />

Beitrag zur Stabilisierung der Netze nachgewiesen.<br />

Die Kopplung der Strom- und Erdgasinfrastruktur<br />

durch netzdienlichen Anlageneinsatz verringert die<br />

maximal rückgespeiste Leistung und reduziert den<br />

Ausbaubedarf auch in überlagerten Netzebenen des<br />

Stromnetzes, wie Prof. Markus Zdrallek vom Lehrstuhl<br />

für Elektrische Energieversorgungstechnik der Uni<br />

Wuppertal bei der Jahrestagung der EnergieAgentur.<br />

NRW ausführte.<br />

Übergreifende Smart-Grid-Konzepte für Strom- und<br />

Gasverteilnetze erreichen die Wirtschaftlichkeit durch<br />

Deckungsbeiträge aus Markt und Netz, wenn die Kopplung<br />

der Netze auf möglichst niedriger Netzebene erfolgt.<br />

Dabei werden kleine Power-to-Gas-Anlagen mit<br />

Batterie<br />

speicher<br />

Investitionskosten von unter 1.000 Euro/kW el<br />

(inklusive<br />

Einspeisung) angesetzt, und es muss ausreichendes<br />

Zumischpotenzial für Wasserstoff in das Gasnetz (bis<br />

10 Volumenprozent) vorhanden sein.<br />

Rentable Systemlösungen für Smart Grids<br />

Dank der Fortschritte bei der Digitalisierung werden<br />

Systeme weiterentwickelt, sogenannte Smart Grids, die<br />

für den optimalen Betrieb der Eigenproduktionsanlagen<br />

unerlässlich sind. Intelligente<br />

Applikationen erlauben<br />

dem Prosumer die<br />

Planung von Energieverbräuchen<br />

in Abstimmung<br />

mit den vorgesehenen<br />

Aktivitäten. Insbesondere<br />

der Einsatz von Systemen<br />

mit bi-direktionalen Steuerungen<br />

unter Einbindung<br />

der elektrischen Speicher<br />

des Elektromobils erhöht<br />

die interne Flexibilität der<br />

Eigenversorgung.<br />

Im Haushaltsbereich lassen<br />

sich hier auch Smart-<br />

Home-Anwendungen<br />

integrieren. Diese ermöglichen<br />

die Fernsteuerung<br />

von Sicherheitssystemen,<br />

Multimediaanwendungen,<br />

Haushaltsgeräten und<br />

nicht zuletzt die Raumklimaregelung.<br />

Damit können<br />

die Energieverbräuche<br />

und -ströme bis zu den<br />

einzelnen Verbrauchern<br />

optimiert werden.<br />

Die Investition in ein neues Komplettsystem oder die<br />

Erweiterung einer vorhandenen Erzeugungsanlage mit<br />

einem Speichersystem amortisiert sich im Laufe der<br />

Zeit durch die ersparten Kosten für den Energiebezug<br />

sowie durch den Verkauf der überschüssigen Energie.<br />

Bei Strom ergibt sich durch den Wegfall von verschiedenen<br />

Umlagen und Steuern auf den Strompreis bei<br />

den Strombezugskosten eine Kostensenkung von mehr<br />

als einem Drittel, also um 20,35 bis 23,68 ct/kWh, wie<br />

in der Grafik dargestellt ist.<br />

Einspar- und Optimierungspotenziale bedürfen einer<br />

detaillierten Betrachtung für das einzelne Projekt. Generell<br />

ist die Erzeugung der Erneuerbaren Energien bereits<br />

auf einem guten Preisniveau, auch wenn noch weitere<br />

Verbesserungspotenziale möglich sind. PV-Strom<br />

Foto: sonnen GmbH<br />

xxl<br />

Batterieproduktion bei<br />

der sonnen GmbH in<br />

Wiepoldsried.<br />

41


praxis / Titel<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Potenziale zur Senkung der Strombezugskosten, Projekt SyncFuel<br />

ct 30<br />

25<br />

20<br />

– 20,35 ct bis<br />

– 23,68 ct*<br />

§ 19 Umlage (Befreiung<br />

energieintensiver Betriebe)<br />

Konzessionsabgabe (EVU an Gemeinden)<br />

Stromsteuer<br />

Mehrwertsteuer<br />

KWK-Umlage<br />

Offshore-Haftungsumlage<br />

15<br />

10<br />

5<br />

EEG-Umlage<br />

Netznutzungsentgelt<br />

0<br />

Kosten pro kWh<br />

Kosten pro kWh bei<br />

Eigenverbrauch mit haftiger<br />

EEG-Umlagenbefreiung<br />

Kosten pro kWh bei<br />

Eigenverbrauch mit<br />

kompletter EEG-<br />

Umlagenbefreiung<br />

Erzeugung Vertrieb<br />

*) Remote-Eigenstromtanker erhält<br />

keine EEG-Vergütung<br />

Reduktion um 20,35 ct, wenn EEG-Umlage<br />

um die Hälfte für Remote-Eigenstrom-<br />

Tanker reduziert wird. 23,68 ct, wenn<br />

EEG-Umlage komplett entfällt.<br />

Quelle: Dr. Jan Fritz Rettenberg<br />

lässt sich hierzulande schon für 7 ct/kWh<br />

erzeugen, Windenergie ist an günstigen<br />

Standorten für 5 ct/kWh zu haben. Doch im<br />

Bereich der digitalen Anwendungen steht<br />

man erst am Anfang, und es sind teilweise<br />

noch Grundsatzuntersuchungen erforderlich.<br />

Diese betreffen vor allem die Einbindung<br />

in das bestehende Stromsystem. Denn<br />

eine vollständige Unabhängigkeit vom Netz<br />

ist in den seltensten Fällen rentabel oder<br />

erwünscht.<br />

Praxistests für stabile Netze<br />

Vom NRW-Wirtschaftsministerium wurde<br />

eine zentrale Plattform für Smart Energy<br />

in NRW initiiert, die Forschungsgruppe<br />

„Smart Energy.NRW“, die von Prof. Schneiders<br />

(CIRE – TU Köln) im Bereich Technik<br />

und von Prof. Löschel (Uni Münster) im<br />

Bereich Ökonomie geleitet wird. Unternehmen<br />

sind eingeladen, sich an den Forschungskooperationen<br />

zu beteiligen. Es gilt<br />

vor allem, die wirtschaftlichen Potenziale<br />

durch Smart Energy in paxisnahen und anwendungsorientierten<br />

Untersuchungen zu<br />

erschließen. Durch die Verknüpfung von<br />

smarten Technologien, zum Beispiel Smart<br />

Meter, Smart Home beziehungsweise Produktionssteuerung,<br />

soll Transparenz über<br />

Energieflüsse und Verbräuche geschaffen<br />

werden und in entsprechende Regelungsmöglichkeiten<br />

einfließen.<br />

So führt die TU Köln im Rahmen einer EU-<br />

Förderung durch das Celsius-Programm<br />

eine Forschungsstudie „SmartHome Rösrath“<br />

durch, bei der es um die Ermittlung<br />

der Energieeinsparungen durch Smart-<br />

Home-Systeme in Bestandsgebäuden geht.<br />

In Zusammenarbeit mit der RheinEnergie<br />

AG hat ein Team unter Leitung von Prof.<br />

Schneiders über 130 Haushalte (vor allem<br />

Eigenheime) mit Smart-Home-Systemen<br />

auf Qivicon-Basis ausgestattet. Von September<br />

2015 bis Dezember <strong>2017</strong> werden<br />

die Energieverbräuche, die Energienutzungsgewohnheiten<br />

und die Erfahrungen<br />

mit den Smart-Home-Systemen erfasst, um<br />

Erkenntnisse zum Nutzen und zur Nutzbarkeit<br />

für Haushalte und Unternehmen zu<br />

gewinnen.<br />

Netzbetreiber beschäftigen sich demgegenüber<br />

mit dem nächsthöheren Level,<br />

nämlich der Steuerung in den Versorgungskomplexen<br />

ab Ortsnetzebene. „Die Energiewende<br />

findet im Verteilnetz statt. Wir<br />

verbinden den ländlichen Energiebauern<br />

mit dem städtischen Verbrauch“, sagt Dr.<br />

Joachim Pestka von Westnetz GmbH. Die<br />

Energieströme bei volatiler Einspeisung aus<br />

Erneuerbaren Energiequellen werden hier<br />

am einfachsten stabilisiert. Zur Steuerung<br />

in diesen lokalen Stromnetzzellen werden<br />

spezielle Module für den Einbau in die Ortsnetzstation<br />

entwickelt, wie zum Beispiel<br />

der Smart Operator von Innogy. Das Gerät<br />

bündelt alle wesentlichen Informationen<br />

aus dem Niederspannungsnetz, an dem<br />

auch die Haushalte angeschlossen sind:<br />

Stromerzeugung und -bedarf sowie Speicherkapazitäten<br />

in stationären Batterien<br />

oder Elektromobilen.<br />

In Feldversuchen wurden die Geräte ausgetestet<br />

und Betriebserfahrungen gesammelt.<br />

So konnte 2012 in dem Ortsteil Wertachau<br />

der Stadt Schwabmünchen im Rahmen des<br />

Pilotprojektes „Smart Operator“ mit 110<br />

Haushalten das erste intelligente Stromnetz<br />

entwickelt werden. In der Ortsgemeinde<br />

Kisselbach im Hunsrück sind mehr als 130<br />

Haushalte in einem solchen Smart Grid verbunden.<br />

Nach den ersten Erfahrungen mit<br />

Einzelzellen gilt es nun, deren Verbund im<br />

„Schwarm“ weiterzuentwickeln. Daher hat<br />

das BMWi das Förderprogramm SINTEG<br />

mit 5 Schaufensterprojekten aufgestellt. Im<br />

Schaufensterprojekt „Designetz“ sind 33<br />

Verbundpartner aus Energiewirtschaft, Industrie,<br />

IKT-Branche sowie Wissenschaft &<br />

Forschung angetreten, um Einzellösungen<br />

zu einem Gesamtsystem zusammenzufügen.<br />

Energieflüsse werden durch weiterzuentwickelnde<br />

Informations- und Kommunikationstechnologien<br />

gesteuert.<br />

Die Energie wird vorrangig in der lokalen<br />

Energiezelle verbraucht, wo sie erzeugt wird.<br />

Wenn in einer Energiezelle ein Überangebot<br />

herrscht, wird die Energie an die überlagerte<br />

regionale Energiewabe weitergegeben.<br />

Im Schaufensterprojekt „Designetz“ wird so<br />

das systemisch flexible Zusammenspiel von<br />

Demonstratoren entwickelt, um die Herausforderungen<br />

der Energiewende hinsichtlich<br />

der Netzstabilität zu meistern.<br />

Herausforderung Datensicherheit<br />

Die Digitalisierung ist dabei eine wichtige<br />

Grundlage für die Energiewende und die<br />

Flexibilisierung der Stromwirtschaft. Intelligente<br />

Stromzähler und intelligente Hausgeräte<br />

in intelligenten Stromnetzen stellen<br />

sicher, dass der Strom aus regenerativen<br />

Quellen mit Stromangebot und -nachfrage<br />

in Einklang gebracht wird und Überschüsse<br />

in den Strommarkt fließen. Die Fortschrit-<br />

42


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

praxis / Titel<br />

te der Informations- und Kommunikationstechnologie<br />

(IKT) erlauben eine immer<br />

bessere Erfassung und Verarbeitung von immer<br />

größer werdenden Datenströmen dank<br />

Cloud-Anwendungen. Doch wie unter anderem<br />

die Internet-Totalausfälle in den USA<br />

vor einigen Wochen zeigten, bestehen durch<br />

die intelligenten Verknüpfungen im World<br />

Wide Web auch erhebliche Risiken von Hackerangriffen,<br />

die sensible Einrichtungen<br />

lahmlegen können. Dem begegnen Forscher<br />

und Unternehmen durch fachübergreifende<br />

Kooperation. In Nordrhein-Westfalen hat<br />

sich die gemeinsame Arbeitsgruppe IKT<br />

und Energienetze formiert, die Akteure aus<br />

den Clustern EnergieForschung.NRW (CEF.<br />

NRW) und Informations- und Kommunikationstechnologien<br />

(IKT) vereint. Interessierte<br />

können sich dem Netzwerk anschließen.<br />

Im Hinblick auf die Abrechnung wird immer<br />

häufiger von den sicheren Blockchain-Systemen<br />

gesprochen. Vor allem für Prosumer,<br />

die ihren eigenen Strom verkaufen, kann<br />

die durch die Blockchain vereinfachte unmittelbare<br />

Vermarktung Vorteile haben, wie<br />

eine Studie von Pricewaterhouse Coopers<br />

ergab. Denn das Verfahren kann tatsächlich<br />

ganze Bankinstanzen überflüssig machen<br />

und so kostengünstigere Energie ermöglichen.<br />

Aktuelle Fördermöglichkeiten<br />

Im Zuge der zuvor beschriebenen Untersuchungen<br />

werden sich sicher noch die<br />

Rahmenbedingungen verändern, die für<br />

die Eigenenergieerzeugung gelten. Dass<br />

die Prosumer als kleinste Zelle mit ihren<br />

netzdienlichen Wirkungen für den weiteren<br />

Fortschritt der Energiewende erforderlich<br />

sind, wird durch entsprechende Förderprogramme<br />

für die Einrichtung von Batteriespeichern<br />

indirekt anerkannt.<br />

Im KfW-Programm 275 werden elektrische<br />

Speicher durch einen günstigen Kredit mit<br />

Tilgungszuschuss gefördert. Diese Förderung<br />

kann auch für die Speichernachrüstung<br />

von bestehenden PV-Anlagen genutzt<br />

werden, die nach dem 31. Dezember 2012<br />

in Betrieb gingen. Für das Jahr 2016 sind<br />

die bereitgestellten Mittel bereits ausgeschöpft.<br />

Doch für <strong>2017</strong> können ab Januar<br />

wieder Anträge eingereicht werden.<br />

Im nordrhein-westfälischen Förderprogramm<br />

progres.nrw-Markteinführung werden<br />

in Gewerbebetrieben elektrische Energiespeicher<br />

in Verbindung mit PV-Anlagen<br />

über 30 kW gefördert und erhalten einen<br />

Foto: RWE<br />

Investitionszuschuss von 50 Prozent. Progres.nrw<br />

wurde nun um den Förderbaustein<br />

„Photovoltaik-Mieterstrommodelle“ ergänzt,<br />

damit auch vermehrt Mieter zu Prosumern<br />

gemacht werden können.<br />

Gefördert werden können Investitionen<br />

zur Realisierung von Photovoltaik-Mieterstrommodellen,<br />

insbesondere automatisierte<br />

Steuer-, Mess-, Kontroll- und Abrechnungssysteme.<br />

Ausgenommen sind<br />

Stromerzeugungsanlagen. Die Kombination<br />

von Photovoltaik-Mieterstrommodellen mit<br />

hocheffizienter KWK-Technologie ist ebenfalls<br />

möglich (Informationen der Bezirksregierung<br />

Arnsberg).<br />

Perspektiven und Aussichten<br />

Trotz der zunehmenden Vergünstigungen<br />

gestaltet sich die Prosumer-Landschaft<br />

sehr komplex. Es ist zwar zu erwarten,<br />

dass Eigenerzeugung und Selbstverbrauch<br />

von Strom stetig günstiger werden als der<br />

Fremdbezug, sodass der Anteil des Eigenverbrauchs<br />

weiter erhöht werden wird. Auch<br />

die Aussicht, dass die Elektromobilität an<br />

Zur Steuerung lokaler Stromnetzzellen werden spezielle<br />

Module für den Einbau in die Ortsnetzstation<br />

entwickelt, wie zum Beispiel der Smart Operator von<br />

Innogy. Das Gerät bündelt alle wesentlichen Informationen<br />

aus dem Niederspannungsnetz, an dem<br />

auch die Haushalte angeschlossen sind: Stromerzeugung<br />

und -bedarf sowie Speicherkapazitäten in<br />

stationären Batterien oder Elektromobilen.<br />

Bedeutung gewinnt, dürfte zu einem Anstieg<br />

der Prosumer führen. Wie dargestellt,<br />

wirkt die Zunahme der Prosumer netzdienlich<br />

und verringert den zusätzlichen Aufwand<br />

für den Umbau der Netze, was die Belastungen<br />

für die Endkunden senken wird.<br />

Allerdings ergeben sich gleichzeitig negative<br />

Auswirkungen im Hinblick auf die<br />

Fixkosten der Stromnetze, die von den<br />

Energieversorgern auf eine immer geringer<br />

werdende Strommenge und kleinere Anzahl<br />

von Kunden umgelegt werden müssen. Unsicherheiten<br />

für die Wirtschaftlichkeit der<br />

Prosumer-Modelle kommen zudem dadurch<br />

zustande, dass auch der eigenerzeugte<br />

Strom mit Abgaben belastet werden soll,<br />

um Lasten breiter zu verteilen. Es ist denkbar,<br />

dass deshalb das verbrauchsabhängige<br />

Entgelt für die Stromanschlüsse, also der<br />

Arbeitspreis, ganz durch einen festen Leistungspreis<br />

abgelöst wird und es auch im<br />

Stromsektor zu einer Flatrate wie in der Telekommunikationsbranche<br />

kommen wird.<br />

Hier müssen dann intelligente Geschäftsmodelle<br />

greifen. Das Angebot an Lösungen<br />

und Dienstleistungen wächst ständig.<br />

Lokale Energieversorger wie die NEW in<br />

Mönchengladbach bieten ihren Haushaltskunden<br />

unter dem Produktnamen „Energiedach“<br />

die Installation und den Betrieb<br />

einer PV-Speicheranlage im Rahmen eines<br />

15-Jahres-Vertrages an und stellen den<br />

kompletten Service sicher. Contractor-<br />

Modelle zur Energieversorgung eines Häuserblocks,<br />

eines Straßenzuges oder eines<br />

Quartiers sind weitere Optionen, um eine<br />

Win-Win-Situation für Versorgungsunternehmen<br />

und Verbraucher zu generieren.<br />

Ingenieurgesellschaften wie Drees & Sommer<br />

bieten die Entwicklung interessanter<br />

Konzepte an. In Berlin haben sie an einem<br />

Projekt für die Sanierung eines achtgeschossigen<br />

Wohnhauses der Fünfzigerjahre<br />

mitgearbeitet, dem sogenannten Zukunftshaus.<br />

Es wird bis zum Frühjahr <strong>2017</strong> vom<br />

Wohnungsunternehmen degewo umfassend<br />

zu einem Eigen-Energie-Haus umgebaut,<br />

das Wärme und Strom aus Sonnenenergie<br />

bezieht.<br />

Im Hinblick auf weitere Entwicklungen<br />

dürfte sicher auch interessant sein, wie<br />

sich künftig die Vergütung der systemdienlichen<br />

Effekte gestalten wird. Letztendlich<br />

wird es darauf ankommen, wie sich Energieversorger<br />

und Verbraucher aufeinander<br />

zubewegen, um die Energiewende zu meistern.<br />

Der beste Weg erscheint hier die goldene<br />

Mitte.<br />

Autorin<br />

Eur-Ing. Marie-Luise Schaller<br />

Projektingenieurin Erneuerbare Energien<br />

Tel. 0 22 35/68 69 37<br />

E-Mail: mls@mlschaller.com<br />

43


Praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Sektorenkopplung schreitet voran<br />

Studie: Dezentralität spart die Hälfte<br />

des Übertragungsnetzausbaus<br />

Mit intelligenter Stromnetzplanung sinken regionale Versorgungsengpässe sowie regionale und lokale Überproduktion.<br />

Mit der Sektorenkopplung lassen sich vor allem große Strommengen in Wärmenetzen, Batterien,<br />

in Kältespeichern sowie im Gasnetz unterbringen. Energie nutzen anstatt Erzeugungsanlagen abzuschalten<br />

muss die Devise lauten. Neue Stromleitungen werden so überflüssig.<br />

Von Dipl.-Ing. Heinz Wraneschitz<br />

Als wir 2012 starteten, kamen<br />

wir noch aus der Schmuddelecke,<br />

weil wir aus dem hochheiligen<br />

Strom Wärme machen.“<br />

Das hat sich laut Philip<br />

Mayrhofer von der Münchner Enerstorage<br />

GmbH zuletzt sehr gewandelt. Das Geschäftsmodell<br />

von Enerstorage basiert auf<br />

Power-to-Heat (P2H) im Regelleistungsmarkt:<br />

Mayrhofer bietet Firmen an möglichst<br />

großen Industriestandorten günstig<br />

Dampf an. Den hat er nebenan mithilfe<br />

von Strom in riesigen Elektroden-Dampfkesseln<br />

erzeugt; Leistung ab 5 Megawatt<br />

aufwärts.<br />

Die Dampfproduktion läuft, wenn zu viel<br />

Strom im Netz ist; statt ein Kraftwerk abzuschalten,<br />

nimmt Enerstorage diesen<br />

Überschussstrom ab und speichert ihn als<br />

Dampf. Damit wird das Stromnetz insgesamt<br />

flexibler, auch ohne neue Höchstspannungsleitungen.<br />

Fakt ist: „Allein<br />

beim Netzbetreiber 50Hertz wurden 2015<br />

in 2.500 Stunden Windkraftanlagen abgeregelt.<br />

Damit lässt sich etwas anfangen<br />

und Geld verdienen“, bekennt Mayrhofer.<br />

„NSA: Nutzen statt Abregeln“, nennt er<br />

das Prinzip; das stehe im Übrigen auch im<br />

noch gültigen schwarz-roten Koalitionsvertrag.<br />

Doch die dazugehörigen Gesetze<br />

seien eher widersprüchlich.<br />

Wasserstoff für die Dunkelflaute<br />

Dabei drängt die Zeit. „Wenn man das Pariser<br />

Klimaschutzabkommen ernst nimmt,<br />

ist eine vollständige Dekarbonisierung<br />

bis 2040 notwendig“, also der Ersatz von<br />

Öl und Gas durch Erneuerbare Energien,<br />

weiß Marcel Keiffenheim. Und sogar<br />

schon „bis 2030 müssen wir aus der Kohle<br />

raus.“ Greenpeacer Keiffenheim sieht<br />

N-ERGIE-Vorstand Josef Hasler<br />

setzt sich vehement für den<br />

dezentralen Netzausbau ein.<br />

Er ist gegen die Regierungspolitik,<br />

tausende Kilometer neue<br />

Höchstspannungsleitungen<br />

quer durchs Land zu ziehen.<br />

den Massen-Einsatz von Elektrolyseuren<br />

als einen ganz wichtigen Schritt, um in<br />

der „Dunkelflaute“ genügend – möglichst<br />

erneuerbares – Gas für Kraftwerke zur Verfügung<br />

stellen zu können. Betrieben werden<br />

sollten diese Wasser-Wasserstoff-H 2<br />

-<br />

Umwandler großteils mit überschüssigem<br />

Windstrom.<br />

Damit der Ausbau von „WindGas“ vorankommt,<br />

hat Greenpeace kürzlich gemeinsam<br />

mit den Stadtwerken Hassfurt in Unterfranken<br />

einen Elektrolyseur in Betrieb<br />

genommen. Der Strom dieser „Power-to-<br />

Gas-Anlage“ (P2G) kommt laut Keiffenheim<br />

aus einem nahen Bürgerwindpark.<br />

Der Elektrolyseur produziere H 2<br />

nur dann,<br />

„wenn ansonsten dessen Erzeugung auf<br />

die höhere Netzebene gespeist werden<br />

müsste“, ins sogenannte Übertragungsnetz.<br />

Prof. Michael Sterner von der<br />

Technischen Hochschule<br />

Regensburg fordert, dass die<br />

bestehenden Erdgas-Speicher<br />

vielmehr für die Einspeisung von<br />

Wasserstoff genutzt werden.<br />

Prof. Veronika Grimm vom Energie-Campus<br />

der Uni Erlangen<br />

kritisiert, dass am Szenariorahmen<br />

des Bundes der Ausbau von<br />

Erzeugung festgelegt wird, aber<br />

nicht die Nachfragesituation und<br />

die Produktionskosten an den<br />

jeweiligen Orten.<br />

Dass die Sektoren gekoppelt werden müssen,<br />

hat sich laut Keiffenheim inzwischen<br />

auch bei verantwortlichen Politikern wie<br />

Energiestaatssekretär Rainer Baake durchgesetzt.<br />

Ein Beispiel hat Prof. Michael<br />

Sterner von der Technischen Hochschule<br />

Regensburg parat. Der fordert schon lange,<br />

dass man „viel mehr die bestehenden Erdgas-Speicher<br />

nutzen“ müsse, zum Beispiel<br />

für die Einspeisung von Wasserstoff. Jetzt<br />

scheint das auch bei der Energiewirtschaft<br />

anzukommen, wie er als Tagungsleiter eines<br />

VDI-Wissensforums in Würzburg im<br />

Oktober konstatierte.<br />

WindGas ins Erdgasnetz<br />

Beispiel: Uniper Energy Storage. Die Firma<br />

hieß früher „Eon Gas Storage“ und betreibt<br />

inzwischen mehrere P2G-Anlagen.<br />

Das Produkt der Windstrom-Elektrolyseure<br />

Fotos: Heinz Wraneschitz<br />

44


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Praxis<br />

nennt Uniper wie Greenpeace „WindGas“.<br />

Als Speicher dafür sieht René Schoof jene<br />

500.000 Kilometer Erdgas-Leitungen, die<br />

bereits quer durch Deutschland liegen.<br />

Doch damit WindGas wirtschaftlich werde,<br />

müssten Bundesregierung und EU den<br />

gesetzlichen Rahmen ändern – und die<br />

Steueraufschläge für dafür verwendeten<br />

Ökostrom abschaffen.<br />

Was Uniper-Mann Schoof aber genauso<br />

leidenschaftlich fordert: „Wir müssen raus<br />

aus der Stromdenke!“ Bisher werde von vielen<br />

die notwendige Energiewende gleichgesetzt<br />

mit dem Atomausstieg – Wärme<br />

und Mobilität kommen in der öffentlichen<br />

Diskussion nicht vor. Michael Teigeler, der<br />

Energie-Geschäftsführer der Stadtwerke<br />

Heidelberg, will gar „die Energiewende in<br />

die Herzen der Menschen bringen, nicht<br />

nur in die Köpfe“. Das versucht er zum<br />

Beispiel mit dem gerade entstehenden<br />

„Energie- und Zukunftsspeicher“.<br />

Zunächst wird das Wasser in dem 45 Meter<br />

hohen Tank nur von Holz- oder Gaskraftwerken<br />

erhitzt. Die werden dadurch<br />

flexibler laufen können. Geplant ist aber<br />

auch „Power-to-Heat“ (P2H): ein Elektrodenkessel,<br />

der kostengünstigen Überschuss-Wind-<br />

oder Solarstrom in Wärme<br />

umwandeln kann. Auf das Dach des Speichers<br />

komme ein Bistro mit Dachterrasse;<br />

außen herum eine Hoola-Hoop-artige<br />

Verkleidung, die immer in Bewegung sei.<br />

Eine Sektorenkopplung, die offenbar auch<br />

bei der Bevölkerung gut ankommt. Damit<br />

seien Lehren aus den Bürgerprotesten bei<br />

einem ähnlichen Projekt in Nürnberg gezogen<br />

worden.<br />

Prognos-Studie zeigt Einsparpotenzial<br />

in Milliardenhöhe<br />

Ach ja, Nürnberg. Hier setzt sich seit<br />

Jahren der Regional-Netzbetreiber und<br />

-Versorger N-ERGIE und speziell dessen<br />

Vorstand Josef Hasler vehement für dezentralen<br />

Netzausbau ein und gegen die Regierungspolitik,<br />

tausende Kilometer neue<br />

Höchstspannungsleitungen quer durchs<br />

Land zu ziehen. Nun hat er sich Hilfe vom<br />

renommierten Forschungsinstitut Prognos<br />

und von Lehrstühlen der Uni Erlangen<br />

geholt. Deren gemeinsame Studie zeigt:<br />

Alternativen zum beschlossenen Stromnetzausbauplan<br />

würden jährlich Milliarden<br />

Euro sparen.<br />

Bekanntlich will die Politik vor allem Nordund<br />

Ostdeutschlands überschüssigen<br />

Windstrom nach Bayern und Baden-Württemberg<br />

leiten, wo bis 2022 die letzten<br />

Atommeiler abgeschaltet werden. Dafür<br />

sind viele neue Gleichstrom-Leitungen<br />

(HGÜ) vorgesehen. Viele davon sollen teuer<br />

unter der Erde verschwinden.<br />

Deshalb haben die N-ERGIE Prognos und<br />

die Uni Erlangen gefragt: „Was würde<br />

passieren, wenn Erneuerbare Stromerzeugung<br />

nicht nur strikt im Norden, sondern<br />

auch im Süden gebaut würde?“ Die Studie<br />

„Dezentralität und zellulare Optimierung –<br />

Auswirkungen auf den Netzausbaubedarf“<br />

erbrachte laut Vorstandschef Hasler bemerkenswerte<br />

Ergebnisse. „Bei ganzheitlicher<br />

Betrachtung von Erzeugung, Leitung und<br />

Vertrieb könnte man 1,7 Milliarden Euro<br />

jährlich eingesparen – und zusätzlich bis<br />

zur Hälfte des Netzausbaus.“ Mit immensen<br />

Preisvorteilen für alle Stromverbraucher.<br />

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45


Praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Grafik: NextKraftwerk<br />

Netzausbau als Pfeiler der Energiewende ist<br />

argumentative Sackgasse<br />

Für Frank Peter von Prognos ist der vom Bundestag<br />

alle paar Jahre neu beschlossene Netzentwicklungsplan<br />

(NEP) und dessen Credo, der Netzausbau sei<br />

der zentrale Baustein der Energiewende, „eine argumentative<br />

Sackgasse“. Peter begründet das mit dem<br />

„gesellschaftlichen Akzeptanzproblem von Leitungen<br />

und der Kostensteigerung plus Verzögerung durch Erdverkabelung“.<br />

Für Volkswirtschaftlerin Prof. Veronika Grimm vom<br />

Energie-Campus der Uni Erlangen ist das „Hauptproblem<br />

am Szenariorahmen des Bundes: Hier ist<br />

der Ausbau von Erzeugung festgelegt, aber nicht die<br />

Nachfragesituation und die Produktionskosten an den<br />

jeweiligen Orten. Was gebaut wird und was es kostet,<br />

entscheidet jeder Investor selbst“, so lange die Ausschreibungsregeln<br />

des Erneuerbare-Energien-Gesetzes<br />

EEG eingehalten würden.<br />

Das Rechenmodell der Uni habe dagegen „1,7 Milliarden<br />

Euro Wohlfahrtsgewinne jährlich und zudem<br />

eine Halbierung des HGÜ-Ausbaus“ erbracht, wenn<br />

auf geplante Dezentralität gesetzt werde. Davon würde<br />

auch die Mobilität profitieren, die dritte Hauptsäule des<br />

Energieverbrauchs. Hier scheint gerade viel in Bewegung<br />

zu kommen, im wahrsten Sinn. So setzt beispielsweise<br />

Franz-Josef Feilmeiers niederbayerische Firma<br />

Fenecon auf das Konzept, mit selbst erzeugtem Ökostrom<br />

Pkw oder Lastwagen zu betreiben.<br />

Sektorkopplung mit Fahrzeugflotte<br />

Mittelfristig will die Spedition Gress+Zapp aus Dessau<br />

eine Fahrzeugflotte so betreiben. „Das Unternehmen<br />

erwartet eine CO 2<br />

-Flottenbegrenzung, zum Beispiel<br />

für Fahrten in Innenstädte. Und es sucht ein Versorgungskonzept<br />

für die Zukunft“, erklärt Marco Schmidt,<br />

Batterieplaner bei Pfenning Elektroanlagen aus Ochsenfurt:<br />

„Die Kundenvorgabe lautete wirtschaftliche<br />

Integration von Elektromobilität.“<br />

Inzwischen stehen bereits Li-Ion-Stromspeicher mit<br />

500 Kilowatt Leistung und 500 Kilowattstunden Energieinhalt<br />

in zwei Containern am Gelände, Solarstromanlagen<br />

mit mehreren 100 Kilowatt Leistung auf den<br />

Dächern und auf Nachführgestellen. 52 Prozent des<br />

im Betrieb verbrauchten Stroms werden so bereits eigenerzeugt,<br />

so Schmidt. Genutzt werde der Solarstrom<br />

auch von mehreren Lkw und Kleintransportern mit E-<br />

Antrieb. Außerdem sei die Spedition dabei, die Heizung<br />

auf Ökostrom betriebene Wärmepumpen umzustellen.<br />

Mit seiner Begeisterung überzeugt Marco Schmidt<br />

auch Professor Sterner. Doch der fordert von Planern<br />

außerdem: „Nicht nur Technik bauen, sondern auch<br />

darauf achten, dass man sie gerne anschaut.“ Oder darin<br />

wohnt. Als Beispiel nennt er ein Mehrfamilienhaus<br />

in der Schweiz. Das kommt ohne Strom- oder Gasanschluss<br />

aus, „ist völlig autark. Die machen alles selbst.<br />

1.400 Leute wollten da einziehen, obwohl die Miete<br />

teurer ist. Hammer!“ nennt Sterner diese gelungene<br />

Sektorenkopplung völlig unprofessoral.<br />

Autor<br />

Dipl.-Ing. Heinz Wraneschitz<br />

Freier Journalist<br />

Feld-am-See-Ring 15a<br />

91452 Wilhermsdorf<br />

Tel. 0 91 02/31 81 62<br />

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Praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Blau ist die Hoffnung<br />

Auch beim Säen zeigt<br />

der blaue Sechser mit<br />

Gasmotor eine gute<br />

Performance.<br />

Mehr Symbolik geht wohl kaum: Der Prototyp des mit Compressed Natural Gas (CNG)<br />

betriebenen Traktors des Herstellers New Holland kam in Deutschland ausgerechnet im<br />

Wendland, da wo die deutsche Anti-Atomkraftbewegung ihr Epizentrum hat, zum ersten<br />

Mal zum praktischen Einsatz. Und zwar nicht auf irgendeinem Hof, sondern auf dem<br />

Betrieb von Horst Seide, dem Präsidenten des Fachverbandes Biogas, zudem Betreiber<br />

zweier Biogasanlagen sowie von vier in der Wendland-Elbetal-Region operierenden<br />

Biogas-Tankstellen.<br />

Von Dierk Jensen<br />

Klar, dass Seide den gasbetriebenen 180-PS-<br />

Protoypen während der mehrwöchigen<br />

Testphase im Oktober mit Biomethan aus<br />

eigener Produktion und an den vier eigenen<br />

Tankstellen seiner Kraft und Stoff Dannenberg<br />

GmbH Co. KG getankt hat. So auch auf dem<br />

Raiffeisen-Autohof, wo etwas abseits der „fossilen“<br />

Zapfsäulen seit einigen Jahren eine Biogas-Zapfsäule<br />

installiert ist.<br />

Einige Autofahrer blicken etwas erstaunt aus ihren<br />

Fensterscheiben, als Seide mit dem blauen Traktor<br />

und einem angehängten Güllewagen auf den Autohof<br />

vorfährt und vor der Biogas-Zapfsäule anhält. Unbeirrt<br />

vom Erstaunen der übrigen Verkehrsteilnehmer steigt<br />

Seide aus der Kabine des New Holland aus, nimmt den<br />

Zapfhahn aus der Aufhängung und drückt ihn auf den<br />

Saugstutzen, der sich leicht erreichbar unterhalb des<br />

Kabinenfensters befindet. Dann beginnt das Auftanken<br />

von CNG mit einem Druck von 210 bar. Nach ein paar<br />

Minuten ist das Fassungsvermögen des Tanks von 50<br />

Kilogramm, was ungefähr einer Dieselmenge von 75<br />

Litern entspricht, gefüllt. Das Kilogramm Biomethan<br />

kostet Ende Oktober in Dannenberg exakt 1,09 Euro.<br />

Da Seide keine Kreditkarte parat hat, muss er drinnen<br />

am Tresen der Tankstelle bar bezahlen. Er lädt zum<br />

Kaffee ins Autohof-Café ein und steuert seinen Test-<br />

Traktor auf den Parkplatz – inmitten großer Brummis.<br />

Eine ungewohnte Szene, die Seide aber sichtlich gefällt.<br />

„Ich bin wirklich sehr zufrieden mit dem Prototypen.<br />

Er leistet, was Landwirte von einem Traktor in<br />

dieser PS-Klasse gewöhnlich erwarten“, freut sich Seide,<br />

„der zieht gut, beschleunigt normal und fährt sich<br />

ohne Komfortverlust.“<br />

Potenzial für mehr Tankvolumen vorhanden<br />

Auch das Betanken unterscheidet sich von dem Betanken<br />

mit konventionellen Kraftstoffen kaum. Einzig<br />

einen kleinen Wermutstropfen gibt es dennoch: Das<br />

Tankvolumen reicht sicherlich noch nicht aus, um mit<br />

althergebrachten Verbrennungsantrieben mithalten zu<br />

können. „Na ja, wenn es nun gar keine Nachteile gäbe,<br />

dann wäre ja schon jetzt alles perfekt“, antwortet Klaus<br />

Senghaas, Unternehmenssprecher von New Holland in<br />

Deutschland, gelassen auf den Einwand. „Ich denke,<br />

dass wir in dieser Entwicklungsphase auch dafür noch<br />

eine Lösung finden werden“, ist Senghaas überzeugt<br />

und verweist auf das Kabinendach, wo es noch genügend<br />

Platz für einen zusätzlichen Tank gäbe.<br />

48


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Praxis<br />

Fotos: New Holland<br />

„Wenn der Prototyp fertig entwickelt ist, dann würde<br />

er gut zu uns passen“, blickt Seide auf seiner Biogasanlage<br />

im Gewerbegebiet der Stadt Dannenberg in die<br />

nahe Zukunft. „Die Technik ist schon da, jetzt muss die<br />

Politik nur noch nachkommen“, fordert Seide ein klares<br />

Bekenntnis für die Nutzung von Biogas in Autos, Traktoren<br />

und Lkw. Und düst los, um den mit ausgegorener<br />

Gülle befüllten Tankwagen zum Erdbecken zu bringen.<br />

Laut Senghaas soll der mit Methan fahrende Traktor<br />

T6.140 schon im Laufe des nächsten Jahres in Serie<br />

produziert werden. Bis dahin wollen die Entwickler an<br />

dem Blauen noch das stufenlose Getriebe an den sechszylindrigen<br />

Gasmotor anpassen. Wird die ambitionierte<br />

Zeitachse tatsächlich eingehalten, dann verwirklicht<br />

sich für den Präsidenten des Fachverbandes Biogas<br />

mit dem Gefährt aus dem Hause Fiat die langgehegte<br />

Hoffnung, dass dem Kraftstoff Biogas (endlich) ein<br />

erster Einstieg in den Markt der Nutzfahrzeuge gelingt.<br />

Fast klimaneutral ackern<br />

Ganz abgesehen davon ließe sich mit einer solchen neuen<br />

Traktoren-Generation zusätzliche Wertschöpfung im<br />

ländlichen Raum erzielen. Der alte grüne Traum einer<br />

energieautarken Farm wäre damit möglich. Zumal sich<br />

derzeit eigentlich nur mit Biomethan die im Raum stehenden<br />

Forderungen nach Emissionsreduzierungen im<br />

Agrarsektor realisieren lassen. „Unser Traktor emittiert<br />

nahezu keine Klimagase“, wirbt denn auch Senghaas<br />

offensiv für das eigene Model. Nach Angaben von New<br />

Holland liegt die CO 2<br />

-Reduzierung bei rund 90 Prozent<br />

im Vergleich zu gleich großen Traktoren mit konventionellem<br />

Dieselantrieb. Vorausgesetzt allerdings, dass<br />

das eingesetzte Methan auch aus Biogas (Biomethan)<br />

gewonnen wird.<br />

Tatsächlich setzt New Holland, das aktuell im deutschen<br />

Traktorenmarkt einen Anteil von 7 Prozent hat,<br />

mit seiner Technologie im internationalen Traktorenmarkt<br />

bahnbrechende klimaschonende Standards.<br />

Das müsste die Mitwettbewerber neu herausfordern.<br />

Gerade weil es in Zeiten verhältnismäßig niedriger<br />

Dieselpreise um die Neuentwicklung von Antrieben<br />

auf der Basis von Biokraftstoffen, wie es der Hersteller<br />

John Deere mit der aufwändigen Entwicklung eines mit<br />

Pflanzenöl angetriebenen Motors schon praktiziert hat,<br />

ziemlich still geworden ist.<br />

Aber auch die vor einigen Jahren unselig verquer geführte<br />

Diskussion um „Tank oder Teller“ hat gute<br />

Ansätze ins Abseits getrieben. Daher ist es um die<br />

klimafreundliche Weiterentwicklung von neuartigen<br />

Antriebssystemen in der gesamten Landtechnik derart<br />

still geworden, dass sich selbst die VDMA Landtechnik<br />

aktuell nicht in der Lage sieht, ein profundes Statement<br />

zu gasgetriebenen Traktoren abzugeben. Dies<br />

zeigt unmissverständlich, welchen untergeordneten<br />

Stellenwert dieses Thema hat. Oder ist es doch nur Ausdruck<br />

eines naiven Glaubens daran, dass es die allseits<br />

hofierte Elektromobilität bzw. Brennstoffzellentechnik<br />

schon in baldiger Zukunft richten werde?<br />

Wie dem auch sei. Zumindest scheinen sich die Verbände<br />

aus Forst- und Landwirtschaft und Bioenergie<br />

inzwischen zusammengerauft zu haben. Sie gründeten<br />

im Mai 2016 eine Branchenplattform, „um die Verwendung<br />

von Biokraftstoffen bei Land- und Forstmaschinen<br />

zu fördern“. Im Fokus der von der Geschäftsstelle<br />

vom Bundesverband Bioenergie e.V. (BBE)<br />

und dem Bundesverband Dezentraler Ölmühlen und<br />

Pflanzenöltechnik e.V. (BDOel) betreuten Plattform<br />

steht die Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit für Biodiesel<br />

(DIN EN 14214), Rapsölkraftstoff (DIN 51605),<br />

Pflanzenölkraftstoff (DIN 51623) sowie eben auch<br />

Biomethan-Kraftstoff (CNG – DIN 51624). „Ziel ist,<br />

Biokraftstoffen im Landwirtschafts- und Forstbereich<br />

eine klare Perspektive zu geben. Das ‚Haferprinzip’ mit<br />

der Selbstversorgung in der Landwirtschaft kann wieder<br />

Alltag werden“, so Michael Horper, Präsident des<br />

Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau und<br />

Vorsitzender der Branchenplattform, zuversichtlich.<br />

dena pro Gasantrieb<br />

Ob Zuversicht allein reicht, bleibt abzuwarten. So<br />

beklagt auch die Deutsche Energie-Agentur (dena)<br />

in einem Brief an Bundesfinanzminister Wolfgang<br />

Schäuble, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und<br />

Verkehrsminister Alexander Dobrindt sowie an die Mit-<br />

Zwei von insgesamt<br />

neun Gastanks<br />

befinden sich hinten<br />

an der Kabine bei der<br />

sogenannten B-Säule.<br />

Ein Tank befindet sich<br />

oben über dem Heckfenster<br />

im Kabinendach.<br />

Zwei Tanks sind<br />

auf der rechten Seite<br />

verbaut, dort wo der<br />

rechte Kabinenaufstieg<br />

normalerweise wäre.<br />

Vier Tanks sind auf der<br />

linken Seite unter dem<br />

Einstieg untergebracht.<br />

49


Praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Mit Biogas-Kraftstoff<br />

kennt Fachverbandspräsident<br />

Horst Seide<br />

sich aus. Hier tankt er<br />

den Gasmotor-Prototyp<br />

von New Holland, den<br />

er vier Wochen lang im<br />

Herbst testen konnte.<br />

Unter der rechten<br />

Kabinentür befindet<br />

sich der Einfüllstutzen<br />

für den Gaszapfhahn.<br />

In wenigen Minuten<br />

sind 50 Kilogramm Gas<br />

an Bord.<br />

glieder des Bundestages,<br />

dass „durch den<br />

politischen Stillstand<br />

bei der Umsetzung des<br />

Energiesteuergesetzes<br />

die Steuerermäßigung<br />

für Erdgas und Biomethan<br />

gefährdet ist“.<br />

Weiter heißt es in dem<br />

Schreiben der dena an<br />

die Politik: „Erdgas und<br />

Biomethan sind derzeit<br />

die wettbewerbsfähigsten und bereits für alle Verkehrsmittel<br />

verfügbaren alternativen Kraftstoffe, um die<br />

Klima- und Umweltemissionen des Verkehrs kurzfristig<br />

und spürbar zu reduzieren.“ Deshalb insistiert die dena<br />

„eine rasche Verlängerung der Steuerermäßigung für<br />

Erdgas und Biomethan als Kraftstoff über 2018 hinaus.<br />

Unabhängig vom politischen Diskurs in Berlin oder anderswo<br />

dreht der T6.180 weiter seine Testrunden und<br />

liefert wichtige Motorenwerte aus der Praxis direkt an<br />

die Turiner Entwicklungsabteilung der Fiat-Konzernzentrale.<br />

Nach dem Praxiseinsatz im Wendland wird<br />

die blaue Hoffnung nach Dänemark weitergereicht,<br />

von wo aus dann die europäische Test-Tour bis zum<br />

Foto: Dierk Jensen<br />

Frühjahr <strong>2017</strong> weiter fortgesetzt werden soll. Neben<br />

Deutschland und den skandinavischen Ländern identifiziert<br />

New Holland auch Italien und England als<br />

aussichtsreiche nationale Märkte. Allzu euphorische<br />

Prognosen mag sich Klaus Senghaas aber nicht geben:<br />

„Die Nachfrage ist letztlich eine Frage des Marktes.“<br />

Und der Markt hängt natürlich davon ab, wie die Politik<br />

tickt. Auf jeden Fall, so versichert zumindest der<br />

Unternehmenssprecher von New Holland, werde der<br />

180-PS-Traktor wegen seines CNG-Antriebs nicht teurer<br />

als vergleichbare Modelle seiner Größenklasse.<br />

Das hört Horst Seide natürlich gerne, wie sicherlich sicherlich<br />

viele seiner Berufskollegen, die in Zeiten niedriger<br />

Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse und<br />

gleichzeitig steigender Verpflichtungen für den Klima-,<br />

Boden- und Gewässerschutz arg in die Bredouille geraten.<br />

Daher ist das rollende Blau für die grüne Branche<br />

so etwas wie ein kleiner Hoffnungsträger.<br />

Autor<br />

Dierk Jensen<br />

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50


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Praxis<br />

Fotos: Martin Frey<br />

„Methanisierung marktreif machen“<br />

Im Energiepark Pirmasens-Winzeln betreibt das Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens<br />

(PFI) die bundesweit größte Methanisierungsanlage. Die Power-to-Gas-Anlage, die Biogas<br />

und regenerativ erzeugten Wasserstoff verarbeitet, ist seit September 2016 in Betrieb.<br />

Von Dipl.-Geograph Martin Frey<br />

Die zunehmende Abregelung regenerativer<br />

Anlagen bei Erzeugungsspitzen rückt das<br />

Thema Power-to-Gas immer stärker in den<br />

Fokus. „Es fehlen geeignete Langzeitspeicher<br />

– und gleichzeitig bietet das Gasnetz<br />

ausreichend Kapazitäten“, ist Benjamin Pacan, Abteilungsleiter<br />

für Forschungsanlagen des PFI, überzeugt.<br />

Die Nachteile bisheriger Power-to-Gas-Verfahren lägen<br />

zudem auf der Hand: Vor allem sei die sonst angewandte<br />

Aminwäsche mit sehr hohen Kosten verbunden. Und<br />

doch bietet die Technologie, mittels Überschussstrom<br />

aus Erneuerbaren Energien über Elektrolyse Wasserstoff<br />

zu erzeugen, gewaltige Potenziale. Gelingt es,<br />

diesen mithilfe von Biogasanlagen und Bakterien zu<br />

Methan umzuwandeln, kann er nahezu unbegrenzt ins<br />

Erdgasnetz eingespeist werden.<br />

Dr. Stefan Dröge, Mikrobiologe und Leiter der Abteilung<br />

Biotechnologie des PFI, berichtet, welche Anfangsüberlegungen<br />

angestellt wurden: „Wir erkannten, dass<br />

die heutigen hochbelasteten Biogasanlagen es nicht<br />

vertragen, wenn auch noch Wasserstoff in den Fermenter<br />

eingeblasen wird, um auf diese Weise Methan zu gewinnen.“<br />

Außerdem sind die erzielbaren spezifischen<br />

Methanbildungsraten in einer Biogasanlage relativ<br />

gering. Daher sei es besser, die Methanisierung separat<br />

vom Biogasprozess vorzunehmen. „Wir haben uns<br />

dazu mit dem Institut für Mikrobiologie der Universität<br />

Mainz zusammengetan und gemeinsam einen ersten<br />

Forschungsreaktor entwickelt“, so Benjamin Pacan.<br />

Dieser sogenannte Rieselstromreaktor ist im Technikum<br />

des PFI in Pirmasens zu besichtigen: Über zwei<br />

Stockwerke erstreckt sich die 4 Meter hohe Anlage.<br />

Innen hat die Röhre einen Durchmesser von 30 Zentimeter,<br />

ummantelt ist sie mit einer Isolierungsschicht.<br />

Das Innere bietet ein Volumen von 330 Litern, wovon<br />

40 Liter für Festkörper benötigt werden und 40 bis 60<br />

Liter für die Flüssigkeit.<br />

Methanothermobacter machen<br />

wichtige Arbeit<br />

Die Isolierung der Anlage dient dazu, den wärmeliebenden<br />

Bakterien ein angenehmes Milieu zu bieten,<br />

die in dem Reaktor Biogas, Kohlendioxid und Wasserstoff<br />

in Biomethan umwandeln, das dann ins Erdgasnetz<br />

eingespeist werden kann. Die Bakterien gehören<br />

zur Gattung Methanothermobacter sowie Varianten<br />

davon. „Wir züchten bereits den nächsten Stamm heran“,<br />

berichtet Benjamin Pacan aus seiner Forschung.<br />

Zunächst werde noch mit Reinkulturen gearbeitet. Die<br />

Forscher dächten aber bereits darüber nach, künftig<br />

auch Kombinationen einzusetzen.<br />

Bei dem Prozess fließt von oben eine Nährlösung in die<br />

Kolonne und von unten strömen die Gase nach oben.<br />

Im Labor wird dazu noch synthetisches Biogas verwendet<br />

zwecks einer konstanten Gaszusammensetzung.<br />

Um eine möglichst große Kontaktfläche zwischen Gas<br />

und Flüssigphase zu erhalten, sind die Bakterien auf<br />

einem eingeschütteten Festkörper angesiedelt. Dieser<br />

besteht aus kleinen Kunststoffkörpern von unregelmäßiger<br />

Struktur.<br />

Das durch die Bakterien erzeugte Methangas wird<br />

schließlich am oberen Ende der Kolonne abgeführt. Je<br />

höher der Druck in der Anlage ist, desto mehr können<br />

die Bakterien das eingeblasene Gas abbauen. So hat<br />

sich herausgestellt, dass bei einer Verdopplung des<br />

Druckes eine deutliche Steigerung der Gasabbaurate<br />

zu erzielen ist. Derzeit wir der Prozess mit einem Druck<br />

von bis zu 8 bar betrieben. „Als Folge ist ein Methange-<br />

Bild links: Weit sichtbares<br />

Wahrzeichen des<br />

Energieparks Winzeln<br />

sind die beiden 25 m<br />

hohen Kolonnen, in<br />

denen Bakterien Biomethan<br />

erzeugen. Links<br />

daneben der weiße<br />

Wasserstofftank.<br />

Rechts: Der modular<br />

aufgebaute Turm mit<br />

den Kolonnen bietet<br />

Erweiterungsmöglichkeiten<br />

für die<br />

Biomethanisierung.<br />

51


Praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

von EE-Gas deutlich geringere Prozesskosten<br />

mit sich bringen kann als<br />

vergleichbare Prozesse.<br />

Dr. Stefan Dröge,<br />

Mikrobiologe und Leiter<br />

der Abteilung Biotechnologie<br />

des PFI,<br />

vor dem über zwei<br />

Stockwerke reichenden<br />

Laborreaktor.<br />

halt von 98 Prozent für uns kein Problem“, freut sich<br />

Dr. Stefan Dröge.<br />

Vorteile gegenüber Sabatierprozess<br />

Die Pirmasenser Forscher sind überzeugt, dass die<br />

Biotechnologische Synthese von Methan gegenüber<br />

dem Sabatierprozess, also der technischen Methansynthese,<br />

etliche Vorteile bietet: So arbeiten dabei die<br />

Mi kroorganismen bei relativ niedrigen Temperaturen<br />

von 35 bis 65 Grad Celsius gegenüber sonst mehr als<br />

300 Grad. Auch der Druck von 1 bis 7 bar ist deutlich<br />

geringer als die anderenfalls üblichen 10 bis 30 bar.<br />

Verzichtet werden kann auch auf eine Vorreinigung des<br />

Biogases sowie auf Rührvorrichtungen. Die zugeführte<br />

Nährlösung gelangt allein durch Schwerkraft an die<br />

Produzierte Gasmenge in Abhängigkeit von der Inkubationsdauer<br />

Gasmenge [Nl]<br />

1000<br />

800<br />

600<br />

400<br />

200<br />

0<br />

0 20 40 60 80 100 120 140 160 180<br />

Inkubationsdauer [min]<br />

Mit den gefundenen Bakterien lassen sich die spezifischen Gasabbau- und Methanbildungsraten<br />

gegenüber anderen Versuchen unter thermophilen Bedingungen signifikant steigern.<br />

Bakterien. Auch der Platzbedarf der gesamten Anlage<br />

ist relativ gering: So benötigen Kolonnen für eine Produktion<br />

von 1.200 Normkubikmeter pro Stunde gerade<br />

einmal eine Stellfläche von 100 Quadratmetern. Aus<br />

alledem folgt, dass die biotechnologische Herstellung<br />

H<br />

2<br />

CO<br />

CH<br />

2<br />

4<br />

Grafik: PFI Bioraffinerietechnik GmbH<br />

Erprobung im Energiepark<br />

Winzeln<br />

Das PFI wäre nicht das PFI, hätte es<br />

sich nun mit diesen Erfolgen bei der<br />

Forschung zufriedengegeben. „Wir<br />

sehen uns als ein stark anwendungsorientiertes<br />

Institut“, erklärt Dr.<br />

Stefan Dröge. So begleitet das PFI<br />

allein in Rheinland-Pfalz etwa 30<br />

Biogasanlagen prozessbiologisch.<br />

Ein Forschungsschwerpunkt des aus<br />

der Schuhindustrie hervorgegangenen<br />

Institutes liegt in der anaeroben Fermentation von<br />

Biomasse zur Gewinnung von Biogas.<br />

Am südwestlichen Stadtrand von Pirmasens, im Ortsteil<br />

Winzeln, bot sich an, die biotechnologische Methanisierung<br />

in einem größeren Maßstab zu erproben.<br />

Dort bestand bereits der sogenannte „Energiepark Winzeln“,<br />

ein Kooperationsprojekt mit den Stadtwerken<br />

Pirmasens. Dort betreibt das PFI eine Biogasanlage mit<br />

einer installierten elektrischen Leistung von 580 kW.<br />

Großtechnische Umsetzung<br />

In unmittelbarer Nähe zur Biogasanlage wurden nun<br />

zwei je 25 Meter hohe Kolonnen aufgestellt, die jeweils<br />

ein Volumen von 40 Kubikmetern besitzen. Damit steht<br />

derzeit eine Analgenkapazität von bis zu 100 Normkubikmetern<br />

pro Stunde zur Verfügung. Dies entspricht<br />

einem thermischem Äquivalent des erzeugten Gases<br />

von rund 1.000 Kilowattstunden.<br />

Da noch keine Elektrolyseeinheit vor Ort vorhanden<br />

ist, wird der Wasserstoff derzeit aus dem Energiepark<br />

in Mainz bezogen. „Wir können unsere Anlage bis auf<br />

zehn Kolonnen ausbauen“, berichtet Benjamin Pacan,<br />

folglich wären in Pirmasens dann stündlich 500 Nm 3<br />

Biomethan zu erzeugen. Auf dem Gelände sind neben<br />

den beiden Kolonnen auch ein Großspeicher für Wasserstoff<br />

sowie Container mit der Steuerzentrale, Schaltschänken<br />

sowie Anlagen zur Gasuntersuchung, Gasodorierung<br />

sowie die Einspeisetechnik untergebracht.<br />

Positive Betriebsergebnisse<br />

Das Projekt wurde mit 1,3 Millionen Euro über den<br />

Europäischen Fonds für regionale Entwicklung, dem<br />

EFRE-Programm, vom Land Rheinland-Pfalz gefördert.<br />

Der Standort ist insoweit ideal, als die Biogasanlage als<br />

kostenlose CO 2<br />

-Quelle genutzt werden kann. Bei künftigen<br />

Anlagen sei auch daran zu denken, Rauchgas aus<br />

Industrieanlagen oder von Kraftwerken zu nutzen. Pacan<br />

weist aber darauf hin: „Da die Herausfilterung der<br />

Rauchgasinhaltsstoffe wie Sauerstoff und Stickstoff<br />

aber noch sehr aufwendig ist, wollen wir daran noch<br />

arbeiten.“<br />

52


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Praxis<br />

Nach intensiven Forschungsarbeiten<br />

im technischen Maßstab und zahlreichen<br />

Testläufen der Pilotanlage wurde<br />

im September 2016 die Einspeiseanlage<br />

in Betrieb genommen und erstmals<br />

Biomethan in das Erdgasnetz eingespeist.<br />

Bislang haben die Forscher des<br />

PFI mit der Anlage in Winzeln gute Erfahrungen<br />

gesammelt: Die Einspeisung<br />

funktioniert reibungslos und die Technologie<br />

des Rieselstromreaktors hat<br />

sich bewährt. Und doch ist die Anlage<br />

noch weit davon entfernt, dass man sie<br />

von der Stange kaufen könnte. Bei unserem<br />

Besuch stand beispielsweise die<br />

Gaseinspeisung still, um noch Anpassungen<br />

vorzunehmen.<br />

„In Zukunft wollen wir den Gesamtwirkungsgrad des<br />

Rieselstromreaktors erhöhen, indem wir die Prozesstemperatur<br />

von derzeit 60 Grad Celsius auf dann 80<br />

Grad erhöhen“, nennt Pacan eine der Hauptherausforderungen.<br />

Ziel dabei sei, die Umsatzgeschwindigkeit<br />

weiter zu steigern, um die Größe der Reaktoren überschaubar<br />

zu halten. Auch Fragen der Prozesskontrolle<br />

seien weiter zu verfeinern. Und noch ein weiterer wichtiger<br />

Baustein fehlt: Derzeit wird im Institut ein Konzept<br />

für die Elektrolyseeinheit erstellt. „Diese könnte<br />

dann im Jahr 2018 in Betrieb gehen“, hofft Benjamin<br />

Pacan. Dann wäre das System komplett und die Wissenschaftler<br />

könnten darangehen, weitere Reaktoren<br />

zu errichten, um die Biomethanerzeugung zu erhöhen.<br />

Als weiteres Ziel haben sich die Entwickler nichts Geringeres<br />

vorgenommen als den Ausbau des Energieparks<br />

zur Bioraffinerie. „Dann wäre es möglich, dort<br />

chemische Grundstoffe wie zum Beispiel Biopolymere<br />

oder den Zuckerersatzstoff Xylit herzustellen“, so der<br />

Benjamin Pacan, Abteilungsleiter<br />

für Forschungsanlagen<br />

des PFI, fordert die Politik auf,<br />

abzuregelnden Überschussstrom<br />

kostenlos für eine Methanisierung<br />

bereitzustellen.<br />

Forscher. Ideen gibt es bei den Pirmasensern<br />

offenbar genug. Aber es sollen<br />

nicht frühzeitig Erwartungen geschürt<br />

werden: „Zunächst ist unser Ziel, den<br />

Prozess stabil am Laufen zu haben“, erklärt<br />

Pacan. Gerne würde das PFI in Zusammenarbeit<br />

mit Anlagenbauern aus<br />

der Region in ein bis zwei Jahren ein<br />

markttaugliches Produkt zur biotechnologischen<br />

Methanisierung auf den<br />

Markt bringen. Unter den Interessenten<br />

für den Praxiseinsatz und die Vermarktung<br />

des Biomethans sind schon die<br />

Stadtwerke Pirmasens und die Pfalzgas<br />

GmbH. Damit die hochgesteckten Ziele<br />

zu erreichen sind, bräuchte es aber<br />

auch mehr Unterstützung seitens der<br />

Bundespolitik: „Wenn wir den Überschussstrom, der<br />

ohnehin abgeregelt werden muss, kostenlos zur Verfügung<br />

gestellt bekämen, würde sich die Methanisierung<br />

viel früher rechnen“, ist Benjamin Pacan überzeugt.<br />

„Bei den aktuell niedrigen Erdgaspreisen sind wir nicht<br />

konkurrenzfähig. Letztlich müssen wir auf den derzeitigen<br />

Handelspreis des Biomethans mit 6 bis 7 Cent je<br />

kWh kommen“.<br />

Autor<br />

Dipl.-Geograph Martin Frey<br />

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Praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Biogasanlage von<br />

Christian Rinser – eine<br />

von rund 50, die die<br />

Stadtwerke Rosenheim<br />

in ihrem „virtuellen<br />

Landwerk“ steuern.<br />

Ein Netz „von unten nach oben“<br />

Fotos: Stadtwerke Rosenheim<br />

Die Stadtwerke Rosenheim vermarkten Strom von Biogasanlagen über ihr „virtuelles Landwerk“. Sie sind<br />

zwar auch an die EEG-Vorgabe gebunden, den Strom an die Börse zu liefern. Mithilfe der Grünstromkennzeichnung<br />

wurde jetzt aber das Produkt „Rosenheimer Landstrom“ aufgelegt – nach dem Motto: „Aus der<br />

Region, für die Region“.<br />

Von Christian Dany<br />

Mit unseren Biogasanlagen<br />

unter 200 kW sind wir von<br />

kaum einem Direktvermarkter<br />

ernst genommen worden“,<br />

erzählt Christian Rinser.<br />

„Ihr seid uns zu klein“, bekamen er und<br />

seine Betreiber-Kollegen oft zu hören. Vor<br />

gut zwei Jahren hatten sie begonnen, nach<br />

einem Unternehmen zu suchen, das den<br />

Strom aus ihren Biogasanlagen vermarkten<br />

sollte. Rinser ist einer der Initiatoren der<br />

Rosenheimer Biogasgruppe, die 1999 zur<br />

Verwertung der in der Region vorhandenen<br />

Gülle gegründet wurde.<br />

„Kleine Biogasanlagen für kleine Bauernhöfe“,<br />

nennt der Landwirt aus Schechen-<br />

Oberwöhrn das Leitmotiv. Überwiegend<br />

im Selbstbau – anfangs noch unter der<br />

fachlichen Anleitung des Biogaspioniers<br />

Ekkehard Schneider – sind bislang über<br />

100 Kleinbiogasanlagen entstanden. Die<br />

ganze Biogasszene kennt heute das „Rosenheimer<br />

Modell“ für standortangepasste<br />

Biogasanlagen. Ein beträchtlicher Teil<br />

dieser Anlagen wurde schon lange vor der<br />

2012er „Güllekleinanlagen-Regelung“ gebaut.<br />

Bei Gesprächen im Rahmen der Initiative<br />

„Energiezukunft Rosenheim“ kam<br />

die Frage auf, wie es mit den Biogasanlagen<br />

nach Auslaufen der EEG-Vergütung<br />

weitergehen soll. Das ist bei Rinser in neun<br />

Jahren der Fall. Zusammen mit Christian<br />

Bürger – der Agrardirektor der Volksbank<br />

Raiffeisenbank Rosenheim-Chiemsee eG<br />

betreibt selbst eine Biogasanlage – trieb<br />

er das Thema Direktvermarktung voran.<br />

Zum einen ist 2012 das Instrument der<br />

Flexibilitätsprämie eingeführt worden, zum<br />

anderen wollten die Biogasbauern Erfahrungen<br />

sammeln, noch zeitig, bevor das<br />

Vergütungsende naht. Das langfristige Ziel<br />

sei, ohne Umweg an die Strombörse. „Wir<br />

suchten nach einem Partner, mit dem wir<br />

auf Augenhöhe zusammenarbeiten können.<br />

Bei der Direktvermarktung gibt es für<br />

uns technisch und organisatorisch einiges<br />

zu lernen“, erzählt Rinser. Fündig wurden<br />

sie direkt in der Nachbarschaft: bei den<br />

Stadtwerken Rosenheim, die ein virtuelles<br />

Kraftwerk betreiben.<br />

Gilbert Vogler, der bei den Stadtwerken<br />

für die Vermarktung dezentraler Energieerzeugungsanlagen<br />

zuständig ist, hat dieses<br />

virtuelle Kraftwerk mit aufgebaut. Es<br />

beschränkte sich zunächst auf die nähere<br />

Umgebung um das Stadtgebiet. Hier umfasste<br />

es mehrere Gas-BHKW und ein Müllheizkraftwerk<br />

zur Fernwärmeerzeugung mit<br />

insgesamt rund 35 Megawatt flexibler elektrischer<br />

Leistung. „Jetzt sind wir auch im<br />

Umland mit der Direktvermarktung aktiv“,<br />

sagt Vogler.<br />

In der Gegend um Rosenheim gebe es<br />

zahlreiche Photovoltaikanlagen und einige<br />

Wasserkraftwerke. „Wir brauchen schnelle,<br />

flexible Leistung, und da sind Biogasanlagen<br />

sehr vorteilhaft.“ Dass die Biogasanlagen<br />

im Kreis Rosenheim mit einer Durchschnittsleistung<br />

von 200 kW el<br />

eher klein<br />

sind, sei dabei kaum ein Nachteil.<br />

„Vier Mitglieder der Rosenheimer Biogasgruppe<br />

sind auf uns zugekommen“, erzählt<br />

Vogler von den Anfängen. Nach den ersten<br />

Gesprächen folgten Besichtigungen und<br />

Workshops. Die Biogasbauern lernten die<br />

Stromvermarktung kennen, die Stadtwerke<br />

die Eigenheiten von Biogasanlagen. Wie<br />

der Projektleiter für das virtuelle Kraftwerk<br />

schildert, habe es acht Workshops<br />

gebraucht, bis das gegenseitige Vertrauen<br />

reifte.<br />

Nach dem Beschluss zur Zusammenarbeit<br />

wurden Anschlusskonzepte zur Anbindung<br />

der Biogasanlagen ans virtuelle Kraftwerk<br />

54


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Praxis<br />

Abbildung 1: Vermarktungsoptionen: Biogasanlagen werden in Zukunft nach dem<br />

EEG im sogenannten Cross-Over-Market agieren müssen (siehe rechte Säule)<br />

Marktprämie<br />

Managementprämie & Regelenergie<br />

Wärme<br />

Prämie für<br />

flexible<br />

Fahrweise<br />

Regelenergie<br />

Typisch<br />

Stallkamp.<br />

Behälter und Technik<br />

für Biogasanlagen,<br />

bei denen Preis und<br />

Leistung stimmen.<br />

Festgelegte EEG-<br />

Vergütung für<br />

einzelne Anlagen<br />

Quelle: Stadtwerke Rosenheim<br />

Strombörse<br />

Marktprämienmodell<br />

Strombörse<br />

Eigen-<br />

Vermarktung<br />

Wirtschaftlicher<br />

Betrieb nach dem<br />

EEG?<br />

| pumpen<br />

| lagern<br />

| rühren<br />

| separieren<br />

Abbildung 2: Zeitspannen der Regelleistung durch die Übertragungsnetzbetreiber.<br />

Störungen respektive Regelbedarf über 60 Minuten müssen im betroffenen Bilanzkreis<br />

des Verteilnetzbetreibers ausgeglichen werden<br />

Leistung<br />

Primärregelung durch alle ÜNB (Reservebereitstellug im Sekundenbereich)<br />

Sekundärregelung und Minutenreserve durch den betroffenen ÜNB<br />

Ausgleich durch den betroffenen Bilanzkreis<br />

Zeit (min.)<br />

0 10 20 30 40 50 60<br />

Quelle: www.regelleistung.net<br />

erstellt. Bislang sei kaum Marketing betrieben<br />

worden. Nur über Mund-zu-Mund-<br />

Propaganda hätten bis voriges Jahr 21<br />

Biogasanlagen-Betreiber gewonnen werden<br />

können. Für die Stadtwerke wurde aus<br />

ihrem virtuellen Kraftwerk das „virtuelle<br />

Landwerk“.<br />

Aus dem Stall auf die Wiesn<br />

„Auf dem Rosenheimer Herbstfest im<br />

September 2015 haben wir erstmals mit<br />

der Aktion ‚Aus dem Stall auf die Wiesn‘<br />

geworben“, sagt Vogler. In der PR-Aktion<br />

wurde kommuniziert, dass die „Rosenheimer<br />

Wiesn“ ihren gesamten Strom<br />

von Bauernhöfen aus der Region über<br />

das virtuelle Landwerk bezieht. Bayerns<br />

Energieministerin Ilse Aigner bezeichnete<br />

Rosenheim als Vorbild, weil hier ein virtuelles<br />

Kraftwerk unter Zusammenarbeit von<br />

Stadtwerken, Landwirten und Genossenschaftsbanken<br />

entstanden sei. „Das ist ge-<br />

55<br />

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www.stallkamp.de<br />

MADE IN DINKLAGE


Praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Entwicklungen bei der Regelenergie<br />

nau der Bayernplan in klein“, sagte die Ministerin,<br />

was auf einem Youtube-Video zum<br />

„Rosenheimer Modell“ zu sehen ist. Auf<br />

dem diesjährigen Herbstfest wiederholten<br />

die Stadtwerke die Aktion, und dieses<br />

Mal konnte Geschäftsführer Dr. Götz Brühl<br />

schon über 50 Biogasanlagen nennen, die<br />

seit dem Start im Jahr 2014 über das virtuelle<br />

Landwerk gesteuert werden.<br />

„Das Vermarktungskonzept sieht vor, die<br />

Biogasanlagen step by step in eine optimierte<br />

Fahrweise zu führen“, erklärt Vogler,<br />

„zum Beispiel erst mit der Direktvermarktung<br />

beginnen, dann Minutenreserve im<br />

Regelenergiemarkt (siehe Kasten) bereitstellen.<br />

Sobald der Betrieb hierfür optimiert<br />

wurde, dann die Sekundärreserve angehen.“<br />

In der Regelenergie wird zwischen<br />

positiver und negativer Regelleistung unterschieden<br />

sowie zwischen Minutenreserve<br />

mit Energiebereitstellung innerhalb von<br />

fünfzehn Minuten, Sekundär- (fünf Minuten)<br />

und Primärreserve (30 Sekunden).<br />

Minutenreserve wird täglich ausgeschrieben,<br />

die Sekundär- und Primärregelung<br />

wöchentlich. Abgesehen von der Regelenergie-Vermarktung<br />

lasse sich die Anlagenleistung<br />

viertelstundengenau an die<br />

Preislage am Strommarkt anpassen. Zur<br />

Fernsteuerung statten die Stadtwerke die<br />

Biogasanlagen mit Informationstechnik<br />

aus. „Wir können die Anlagen auch einzeln<br />

steuern“, hebt Vogler hervor. Das sei möglich,<br />

weil die Stadtwerke ständig auf Daten<br />

wie die aktuelle Einspeiseleistung oder<br />

den Gasspeicher-Füllstand zurückgreifen<br />

könnten. Wichtig bei der Anlagensteuerung<br />

sei aber stets das Einvernehmen des Betreibers.<br />

Flexibel im Kleinmaßstab<br />

„Als Nachbarn in der Region können wir<br />

viele Fragen direkt und persönlich klären.<br />

Es ist einfach das Verständnis da“,<br />

zeigt Biogasbauer Rinser die Vorteile auf,<br />

„mithilfe der Stadtwerke können wir anspruchsvollere<br />

Energiedienstleistungen<br />

anbieten, anstatt unseren Biogasstrom<br />

einfach pauschal vergütet ins Netz einzuspeisen.“<br />

Der Land- und Energiewirt hatte<br />

erst zwei BHKW zu je 45 kWel im Einsatz.<br />

Nach der Umstellung auf Direktvermarktung<br />

wurde ein drittes Aggregat gleicher<br />

Größe hinzugebaut. Dieses läuft täglich<br />

Immer mehr Anlagen verschiedenster Art und vor<br />

allem immer mehr Biogasanlagen nehmen am<br />

Regelenergiemarkt teil. Die steigende Zahl an Anbietern<br />

führt zu fallenden Preisen, zumal der Regelenergie-Bedarf<br />

offenbar nicht steigt: Dem Marktbeobachtungs-Unternehmen<br />

Neon-Energie zufolge<br />

sind zwar die Wind- und Solarenergiekapazitäten<br />

in Deutschland seit 2008 verdreifacht worden. Der<br />

Regelenergiebedarf sank in der gleichen Zeit jedoch<br />

um 20 Prozent, die Regelenergiekosten gar um 70<br />

Prozent. „Es gibt eine Reihe anderer Faktoren, die<br />

ebenfalls Einfluss auf den Regelleistungsbedarf haben:<br />

Kraftwerksausfälle, Lastprognosefehler, Stundensprünge,<br />

die Größe der Regelzone und, indirekt,<br />

der Ausgleichsenergiepreis. Einige dieser Faktoren<br />

haben den Einfluss des Wind- und Solar-Booms offensichtlich<br />

überkompensiert“, argumentiert Lion<br />

Hirth von Neon.<br />

Die Primärregelleistung ist die einzige Disziplin, in<br />

der das Marktvolumen und auch die Preise seit 2013<br />

leicht gestiegen sind. Die – vor allem positive –<br />

Primärreserve ist daher der einzige Regelenergiebereich,<br />

in dem die Preise noch einträglich sind.<br />

Allerdings erwächst auch hier den Biogasanlagen<br />

schon eine neue Konkurrenz: Zu Schwarmstromspeichern<br />

zusammengeschaltete Solarbatterien<br />

sind schwer im Kommen! Langfristig kann die Situation<br />

auf dem Regelleistungsmarkt nur durch gravierende<br />

Strukturveränderungen im Strommarkt,<br />

wie den Kernenergieausstieg oder die Überführung<br />

von Braunkohlekraftwerken in Reserve, verbessert<br />

werden.<br />

von 16.00 bis 20.00 Uhr und fährt damit<br />

die Hochpreisphase ab. Theoretisch könnte<br />

Rinsers Anlage, die über eine Standleitung<br />

mit den Stadtwerken verbunden ist, auch<br />

jetzt schon so gesteuert werden, dass sie<br />

das Verteilnetz in der Region stabilisiert.<br />

„Wir glauben an ein Netz ‚von unten nach<br />

oben‘“, sagt Gilbert Vogler von den Stadtwerken<br />

Rosenheim. Noch würden die Netze<br />

jedoch von oben nach unten reguliert,<br />

wofür der Regelenergiemarkt das beste<br />

Beispiel sei. Vogler hält Biogasanlagen als<br />

die prädestinierte Ausgleichsenergie für<br />

Verteilnetze in ländlichen Regionen. Die<br />

Stadtwerke Rosenheim würden sich deshalb<br />

schon jetzt die Frage stellen: Welche<br />

Märkte können Biogasanlagen nach Ablauf<br />

der EEG-Vergütung bedienen?<br />

56


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Praxis<br />

Auffallend sei, dass der größte Teil der Vergütung,<br />

der jetzt noch mit der Marktprämie<br />

erzielt werde, ersetzt werden müsse (siehe<br />

Abbildung 1). Es sei schon abzusehen,<br />

dass dies nicht mit nur einem Instrument<br />

zu schaffen sei. Biogasanlagen der Zukunft<br />

müssten daher auf einen „Cross-Over Market“,<br />

also auf alle verfügbaren Märkte mit<br />

besonderem Fokus auf die Wärmeverwertung,<br />

ausgerichtet werden. Die Stadtwerke<br />

Rosenheim, die ihre eigenen Erzeugungseinheiten<br />

in den gleichen Märkten vermarkten<br />

müssten, würden sich hier als Partner<br />

der Anlagenbetreiber anbieten.<br />

Lokal erzeugen, überregional<br />

verkaufen<br />

„Wir wollen Strom aus der Region für die<br />

Region“, benennt Vogler die Prämisse der<br />

Rosenheimer. Die Vermarktung erneuerbaren<br />

Stroms an der Börse müsse langfristig<br />

ersetzt werden durch eine Vermarktung in<br />

der Region. Daher wollen die Stadtwerke<br />

Strom nicht nur aus dem Umland kaufen,<br />

sondern ihn auch im Umland außerhalb der<br />

Stadtgrenzen verkaufen.<br />

Der Entwicklung wurde jetzt vorgegriffen<br />

und im September ein Stromprodukt eingeführt,<br />

das ausschließlich aus Erneuerbaren<br />

Energien des ländlichen Raumes um<br />

Rosenheim stammt. Der „Rosenheimer<br />

Landstrom“ soll dadurch ein regionales<br />

Stromprodukt sein, „das diesen Namen<br />

auch verdient“. Abnehmer sollen vor allem<br />

Menschen sein, die aktiv heimische, regenerative<br />

Energien unterstützen wollen.<br />

Biogasproduzent Josef Grießer (rechts) montiert den Schaltkasten der Stadtwerke Rosenheim an die Wand;<br />

links Stadtwerke-Mitarbeiter Alexander Eder.<br />

Durch die im EEG <strong>2017</strong> ermöglichte „regionale<br />

Grünstromkennzeichnung“ können<br />

die Stadtwerke über das Herkunftsnachweisregister<br />

des Umweltbundesamtes die<br />

Strommengen aus ihren regionalen Anlagen<br />

nachweisen. Im Wesentlichen basiert<br />

der „Rosenheimer Landstrom“ auf Biogasstrom<br />

und dessen Regelbarkeit sowie auf<br />

Wasserkraft. Die Integration von Photovoltaikanlagen<br />

soll verstärkt in den nächsten<br />

Jahren angegangen werden.<br />

„Biogas basiert auf der Landwirtschaft<br />

und hat eine Doppelfunktion: Es ist eine<br />

der Stärken unserer Region und zugleich<br />

einer der Trümpfe der Erneuerbaren Energien“,<br />

werben die Rosenheimer für ihr<br />

neues Stromprodukt. Gerade weil die Biogasanlagen<br />

im Rosenheimer Land an die<br />

Bauernhöfe angepasst sind und zu einem<br />

Großteil Gülle und Mist verwerten, kann<br />

auf eine große Nachfrage gehofft werden.<br />

„Die Volksbank-Raiffeisenbank mit allen<br />

Filialen, mein Nachbar und ich – wir haben<br />

schon den Rosenheimer Landstrom“, sagt<br />

Christian Rinser.<br />

Autor<br />

Christian Dany<br />

Freier Journalist<br />

Gablonzer Str. 21 · 86807 Buchloe<br />

Tel. 0 82 41/911 403<br />

E-Mail: christian.dany@web.de<br />

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57


praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Foto: www.agrar-press.de<br />

Drohne schützt Rehkitze<br />

bei Energiepflanzenernte<br />

Im Rahmen eines Pilotprojektes im Bodenseeraum werden<br />

junge Wildtiere per Infrarotkamera aufgespürt und gerettet.<br />

Von Bernward Janzing<br />

Wenn am Morgen die Sonne<br />

den Boden der Felder<br />

und die Pflanzen erwärmt,<br />

muss Andreas Hammer<br />

seine Arbeit bereits erledigt<br />

haben. Wenn es erst warm wird, ist es<br />

für seine Aktion zu spät. Hammer ist Mitbegründer<br />

des Rehrettung Hegau-Bodensee<br />

e.V., eines jungen Vereins, der mit Drohnen<br />

per Infrarotkamera Rehkitze in den Feldern<br />

aufspürt. Das geht natürlich immer nur so<br />

lange, wie die Umgebung kühler ist als die<br />

Temperatur des Tierfells. Spätestens zwischen<br />

10.00 Uhr und 11.00 Uhr ist es mit<br />

der Technik vorbei. Dann sind die Vegetation<br />

und der Erdboden so warm geworden,<br />

dass sich das gesamte Bild der Kamera in<br />

rote Töne färbt und ein eventuell verstecktes<br />

Kitz nicht mehr sichtbar ist.<br />

Jeder Landwirt kennt das Problem: Von April<br />

bis Juli setzen die Muttertiere ihre Rehkitze<br />

ab; gut getarnt im hohen Gras sind sie<br />

perfekt vor ihren Fressfeinden geschützt.<br />

Da die Jungtiere geruchlos sind, finden<br />

selbst Spürhunde sie nicht. Und weil sie<br />

sich bei Gefahr an den Boden pressen statt<br />

zu flüchten – dafür sorgt ihr Drückinstinkt –<br />

sind sie modernen Mähmaschinen schutzlos<br />

ausgeliefert. Nach Zahlen der Vereins<br />

Rehrettung fallen jährlich bundesweit bis<br />

zu 500.000 Wildtiere landwirtschaftlichen<br />

Mähmaschinen zum Opfer, darunter etwa<br />

100.000 Rehkitze, die getötet oder grausam<br />

verletzt werden.<br />

Nun soll moderne Technik ihnen das Überleben<br />

sichern. „Wir haben in der vergangenen<br />

Saison 29 Kitze gerettet“, sagt Hammer.<br />

Auf keinem der Felder, die er und seine<br />

Helfer vor der jeweiligen Mahd überflogen<br />

hatten, seien Kitze zu Schaden gekommen.<br />

„Wir hatten also eine Trefferquote von 100<br />

Prozent“, sagt der Multi kopter-Pilot.<br />

Beruflich ist Hammer in einer ganz anderen<br />

Branche tätig: Er hat ein Immobilienbüro in<br />

Überlingen am Bodensee. Als Freund der<br />

Modellfliegerei beschäftigte er sich früh<br />

auch mit Drohnen, gut ein halbes Dutzend<br />

davon hat er heute in seinem Büro stehen.<br />

Was anfangs Hobby war, kam ihm bald auch<br />

beruflich zugute: Er fing an, per Drohne Fotos<br />

von den Häusern zu machen, die er zum<br />

Kauf anbot.<br />

Eines Tages kam er mit Landwirt Markus<br />

Traber von der BioEnergie Traber GbR im<br />

badischen Mühlingen in Kontakt, der ihn<br />

mit dem ständigen Problem der Kitzsuche<br />

konfrontierte. Um das per Drohne zu<br />

bewerkstelligen, war allerdings eine Wärmebildkamera<br />

mit hoher Auflösung nötig.<br />

Die gab es zwar zu kaufen, doch um sie an<br />

einem Multikopter zu befestigen, war dann<br />

doch ein wenig handwerkliches Geschick<br />

nötig. Aber es gelang, und Hammer konnte<br />

loslegen. Alle Arbeit, alle Investitionen<br />

beruhten auf Eigeninitiative der Akteure,<br />

sagt Hammer. Um dem Projekt anschließend<br />

eine organisatorische Basis zu schaffen,<br />

gründeten er und seine Mitstreiter<br />

einen gemeinnützigen Verein mit Sitz in<br />

Radolfzell. Die Liste der Unterstützer ist<br />

inzwischen lang, auch die Kreisjägervereinigung<br />

Konstanz und der Badische Landwirtschaftliche<br />

Hauptverband sind bei der<br />

Aktion mit dabei.<br />

Kaum gegründet ist der Verein im Bodenseeraum<br />

bereits etabliert. Landwirt Traber<br />

war einer der ersten, der den Einsatz der<br />

fliegenden Wildretter auf seinen Feldern erleben<br />

durfte. Ein Kitz wurde auch bei ihm<br />

entdeckt, es wurde eingesammelt und –<br />

nachdem Traber dann gemäht hatte – wieder<br />

ausgesetzt. Die Mutter kam sodann und<br />

führte das Kitz in ein nahegelegenes Getreidefeld.<br />

Ein voller Erfolg also. Die Zielsicherheit<br />

hat Traber überzeugt: „Das ist ein<br />

großer Fortschritt für die Landwirtschaft.“<br />

Deswegen will der Verein nächstes Jahr<br />

umso engagierter weitermachen. Er bietet<br />

58


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> praxis<br />

den Landwirten seine Dienste kostenlos an,<br />

hofft aber natürlich stets auf eine Spende.<br />

„Wir stehen dann morgens mitunter schon<br />

um 5.00 Uhr an der Wiese“, sagt Hammer.<br />

Idealerweise habe er am Vortag bereits die<br />

GPS-Koordinaten des betreffenden Feldes<br />

übermittelt bekommen oder die Daten aus<br />

dem baden-württembergischen Flächen-<br />

Informationssystems Fiona.<br />

Einen Hektar in maximal sechs<br />

Minuten abgescannt<br />

GPS-gesteuert fliegt die Drohne das Gebiet<br />

dann autonom ab, in Hanglagen muss man<br />

sie allerdings nachjustieren. In etwa 35 Metern<br />

Höhe über dem Erdboden zieht sie ihre<br />

Bahnen und hat dabei einen Streifen von<br />

etwa 30 Metern Breite im Blickfeld. Mit 8<br />

bis 9 Kilometern pro Stunde bewegt sie sich<br />

über das Feld, während alle Beteiligten –<br />

Landwirte, Jäger, sonstige Interessierte –<br />

auf mobilen Bildschirmen oder Video-brillen<br />

das Blickfeld der Drohne verfolgen können.<br />

„Ein Hektar haben wir in vier bis sechs<br />

Minuten gescannt“, sagt Hammer. Wolle<br />

man das Feld ablaufen, sei man zehn Mal<br />

so lange unterwegs, und selbst mit Hund<br />

entgehe einem manches Tier.<br />

Die Wärmekamera indes erspäht vor dem 8<br />

bis 12 Grad Celsius kühlen Untergrund die<br />

Tiere mit Felltemperatur von etwa 25 Grad<br />

Celsius zielsicher. Erscheint dann ein roter<br />

Punkt auf den Bildschirmen, reduziert der<br />

Pilot die Flughöhe der Drohne und die Helfer<br />

werden aktiv. Mit Gras umwickelt wird<br />

das Jungtier vorübergehend in einem Umzugskarton<br />

verstaut, nach der Mahd wird es<br />

dann wieder ausgeleert und mit Gras überdeckt.<br />

Wichtig ist dabei, dass es keinen menschlichen<br />

Geruch annimmt, sein natürlicher<br />

Schutz vor Feinden wäre dann dahin. Es<br />

muss alles gut geplant sein, denn nach dem<br />

Flug der Drohne muss das Feld in zwei Stunden<br />

gemäht sein. Das Tier muss nämlich<br />

spätestens nach drei Stunden wieder an<br />

seinem Platz liegen, länger sollte es nicht<br />

von der Mutter getrennt sein. Wenn Jäger<br />

mit dabei sind, werden die Tiere mitunter<br />

markiert, damit später ihre Herkunft nachzuvollziehen<br />

ist.<br />

Drohnenflüge schützen Tiere<br />

und Viehfutter<br />

Die Kitz-Erkennung rettet nicht nur die Tiere,<br />

sie bringt auch dem betreffenden Landwirt<br />

Vorteile. Zum einen werden Heu und<br />

Silage nicht verunreinigt, schließlich ist die<br />

Gefahr von Botulismus beim Vermähen von<br />

Tieren immer groß. Der Landwirt schafft<br />

sich zudem Rechtssicherheit, denn immer<br />

häufiger werden heute Strafen gegen Landwirte<br />

verhängt, wenn ihnen unzureichende<br />

Schutzmaßnahmen vorgehalten werden<br />

können. Und das gute Gefühl bei der Mahd<br />

gibt es durch den Drohnenflug obendrein.<br />

Die Rehretter vom Bodensee können die gesamte<br />

Nachfrage bislang gar nicht befriedigen.<br />

„Wir hätten in der vergangenen Saison<br />

bereits gleichzeitig fünf Drohnen einsetzen<br />

können“, sagt Hammer. Aber die müssten<br />

erst einmal angeschafft werden, und<br />

man braucht entsprechend viele Piloten.<br />

Langfristig sei es das Ziel, die Fluggeräte<br />

so zu konfigurieren, dass die Landwirte sie<br />

alleine bedienen können;<br />

bislang sind bei<br />

jedem Einsatz noch<br />

fünf bis acht Personen<br />

vor Ort.<br />

Eine Herausforderung<br />

liegt natürlich<br />

auch darin, dass es<br />

ein Saisongeschäft<br />

ist; alle Anfragen<br />

kommen innerhalb<br />

weniger Wochen. Die<br />

erste wie die zweite<br />

Mahd des Grünlandes<br />

sind es, die für<br />

die Rehkitze gefährlich<br />

sind. Aber auch<br />

bei der Ernte von<br />

Ganzpflanzensilage,<br />

wie zum Beispiel von<br />

Weizen, Roggen oder<br />

Triticale, oder der Ernte von Wicke und<br />

Weidelgras kann die Technik gute Dienste<br />

leisten.<br />

Im Herbst auch Wildschweinsuche<br />

im Mais möglich<br />

Spätere Kulturen sind dagegen aus Sicht<br />

des Rehkitz-Schutzes unproblematisch,<br />

weil die Jungtiere dann schon flüchten können.<br />

Sie werden verjagt und kommen in den<br />

nächsten Stunden nicht mehr auf das Areal<br />

zurück. Das Drohnensystem kann aber auch<br />

im Herbst noch eingesetzt werden, etwa um<br />

Wildschweine im Mais zu erkennen, die ansonsten<br />

beim Mähen im Rudel flüchten und<br />

damit – zum Beispiel für angrenzenden Verkehr<br />

– eine Gefahr darstellen können. Das<br />

Drohnenkonzept vom Bodensee soll nun<br />

Foto: Markus Traber<br />

weiter optimiert werden, es wird auch in Politik<br />

und Wissenschaft bereits mit Interesse<br />

verfolgt. „Das baden-württembergische<br />

Landwirtschaftsministerium will einen Algorithmus<br />

entwickeln, der anhand der Wärmebilder<br />

die Rehkitze selbst erkennt“, sagt<br />

Hammer. Auch die TU-München sei in die<br />

Weiterentwicklung des Systems eingebunden.<br />

Die Initiatoren hoffen außerdem, dass<br />

sich auch in anderen Teilen Deutschlands<br />

entsprechende Initiativen gründen.<br />

Längst tun sich weitere Einsatzgebiete für<br />

die Infrarot-Drohne auf. Auch vermisste<br />

Personen seien damit zu detektieren, sagt<br />

Hammer, ebenso habe die DLRG schon wegen<br />

der Suche nach Schwimmern nachgefragt.<br />

Und die Tierrettung Südbaden zeigt<br />

Interesse, weil das System ihr helfen kann<br />

Die Rehrettung Hegau-Bodensee e.V. spürt per Drohnen, die mit einer<br />

Infrarotkamera ausgestattet sind, Rehkitze in Feldern auf. Sie sind damit<br />

sehr erfolgreich und haben in der Saison 2016 29 Kitze gerettet.<br />

bei der Suche nach entlaufenen Tieren. In<br />

der Branche der Erneuerbaren Energien<br />

gebe es ebenfalls weitere Einsatzbereiche,<br />

sagt Hammer. Infrarotaufnahmen von Photovoltaikanlagen<br />

könnten helfen, defekte<br />

Module zu erkennen. Und ein Flug über<br />

eine Biogasanlage könne anhand der Oberflächentemperaturen<br />

des Fermenters Auffälligkeiten<br />

zutage fördern. Die Drohne hat<br />

damit zweifellos auch die Landwirtschaft<br />

erreicht.<br />

Autor<br />

Bernward Janzing<br />

Freier Journalist<br />

Wilhelmstr. 24a · 79098 Freiburg<br />

Tel. 07 61/202 23 53<br />

E-Mail: bernward.janzing@biogas.org<br />

59


praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Novelle TA Luft<br />

Welche Konsequenzen hat sie<br />

für den BHKW-Betreiber?<br />

Seit ihrem Bestehen wurde die Technische Anleitung zur Reinhaltung der Luft bislang<br />

viermal überarbeitet. Dabei haben sich die Anforderungen für die Anlagenbetreiber ständig<br />

verschärft. Nun steht eine weitere Novellierung der Verwaltungsvorschrift bevor!<br />

Von Dr. Stefan Binder<br />

Bei den Stickoxid-<br />

Emissionen werden die<br />

deutschen Vorgaben an<br />

EU-Recht angepasst.<br />

Für die Praxis bedeutet<br />

dies, dass der Grenzwert<br />

für Gas-Ottomotoren<br />

unverändert bei<br />

500 mg/m 3 bleiben<br />

wird. Neu jedoch ist,<br />

dass sich künftig auch<br />

Zündstrahlmotoren<br />

an diesen Wert halten<br />

müssen, was eine<br />

Halbierung des bislang<br />

geltenden Höchstwertes<br />

bedeutet.<br />

Die Technische Anleitung zur Reinhaltung<br />

der Luft (TA Luft) ist eine Verwaltungsvorschrift,<br />

die sich aus dem Bundes-Immissionsschutzgesetz<br />

(BImSchG) ableitet.<br />

Sie ist Mittel zum Zweck, um bundeseinheitliche<br />

und rechtlich verbindliche Anforderungen<br />

für Anlagen zu formulieren, die nach der 4. Bundes-<br />

Immissionsschutzverordnung (4. BImSchV) genehmigungspflichtig<br />

sind. Im Bereich der Bioenergie sind<br />

dies vor allem Blockheizkraftwerke (BHKW) zur Erzeugung<br />

von Strom und Wärme mit einer Feuerungsleistung<br />

größer 1 Megawatt (MW).<br />

Während ihres mehr als vierzigjährigen Bestehens<br />

wurde die TA Luft im Turnus von etwa zehn Jahren<br />

und zuletzt im Jahr 2002 überarbeitet. Für die Notwendigkeit<br />

einer erneuten Novellierung gäbe es laut<br />

Umweltbundesamt (UBA) beziehungsweise Bundesministerium<br />

für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit<br />

(BMUB) diverse wichtige Gründe. So<br />

habe sich im zurückliegenden Jahrzehnt der Stand<br />

der Technik, dokumentiert mit den entsprechenden<br />

Durchführungsbeschlüssen in den europäischen Best-<br />

Verfügbare-Technik-(BVT)-Merkblättern, entscheidend<br />

geändert. Außerdem müsse die Verwaltungsvorschrift<br />

der EU-Richtlinie für mittelgroße Feuerungsanlagen<br />

(MCP-Richtlinie) angepasst und der Neueinstufung<br />

von Formaldehyd als kanzerogener Stoff durch die EU<br />

Rechnung getragen werden. Ein weiteres Motiv besteht<br />

darin, dass mit den Vorgaben der Novelle der Versuch<br />

unternommen werden soll, einen möglichen irregulären<br />

Betrieb bestehender Anlagen zu unterbinden. Dazu<br />

werden Maßnahmen gefordert, die eine unautorisierte<br />

Verstellung der Motorparameter sowie eine Manipulation<br />

beziehungsweise Entfernung von Katalysatoren<br />

verhindern sollen.<br />

Neuer Grenzwert für Formaldehyd<br />

bereits im Vollzug<br />

Wie bereits im Biogas Journal 1_2016 berichtet, hat<br />

das BMUB mit der Veröffentlichung einer Vollzugsempfehlung,<br />

die unverändert in die Novelle der TA Luft<br />

übernommen werden soll, hinsichtlich des Formaldehyd-(HCHO)-Emissionswertes<br />

einen Sonderweg beschritten. So<br />

wurde bereits zum Februar 2016<br />

unter Federführung der Bund/<br />

Länder-Arbeitsgemeinschaft<br />

für Immissionsschutz (LAI) ein<br />

neuer Grenzwert festgelegt, der<br />

bundesweit bindend ist.<br />

Begründet wurde die Notwendigkeit<br />

eines vorgezogenen Formaldehyd-Grenzwertes<br />

mit der<br />

rechtskräftigen Einstufung von<br />

Formaldehyd durch die EU als<br />

wahrscheinlich krebserregend.<br />

Da der Stoff bisher innerhalb<br />

der Stoffklasse 1 der TA Luft<br />

nicht namentlich als karzinogen<br />

aufgeführt ist und zudem eine<br />

untypische Wirkschwelle hat,<br />

kann er keiner der Klassen mehr<br />

zugeordnet werden. Die LAI sah<br />

sich also gezwungen, eine Son-<br />

Foto: www.agrar-press.de<br />

60


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> praxis<br />

Nicht<br />

vergessen!<br />

BI<br />

GAS Journal<br />

Der Anzeigenschluss für die Ausgabe 2_<strong>2017</strong> ist der 3. Februar <strong>2017</strong><br />

Wir suchen bundesweit einen genehmigungsfähigen<br />

oder genehmigten Standort für eine<br />

Biogasanlage zur Biomethaneinspeisung.<br />

Die Fläche muss ein ausgewiesenes Gewerbe-,<br />

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61


praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

derregelung festzulegen. Demnach liegt<br />

also künftig der Emissionsgrenzwert für<br />

Neuanlagen, die nach dem Inkrafttreten<br />

der Vollzugsempfehlung errichtet werden,<br />

bei 30 Milligramm pro Kubikmeter (mg/m 3 )<br />

und für Anlagen mit Inbetriebnahmedatum<br />

ab 1. Januar 2020 bei 20 mg/m 3 .<br />

Auch Bestandsanlagen müssen sich mittelfristig<br />

an dem Wert von 30 mg/m 3 orientieren,<br />

wozu ihnen eine Übergangsfrist<br />

eingeräumt wurde. So müssen BHKW, die<br />

genehmigungspflichtig sind und derzeit den<br />

Formaldehyd-Wert von 60 mg/m 3 als Vorgabe<br />

haben, bereits zum 5. Februar 2018 den<br />

reduzierten Grenzwert erreichen. Anlagen<br />

dagegen, die den Emissionsminderungs-<br />

Bonus beziehen und nachweislich unter 40<br />

mg/m 3 Formaldehyd emittieren, haben dazu<br />

ein Jahr länger Zeit.<br />

Weitere neue Grenzwerte für<br />

BHKW-Emissionen<br />

Daneben sieht die neue TA Luft noch weitere<br />

Reduzierungen von Abgasemissionswerten<br />

vor. So werden die Schwefeloxid-(SOx)-<br />

Höchstwerte nach europäischer Vorgabe<br />

von derzeit 310 mg/m 3 auf 89 mg/m 3 begrenzt.<br />

Dies ist ein Wert, der bei Einsatz einer<br />

Entschwefelungstechnologie für einen<br />

Großteil der Anlagen erreichbar sein dürfte,<br />

wie Untersuchungen gezeigt haben.<br />

Auch bei den Stickoxid-(NOx)-Emissionen<br />

orientiert man sich am EU-Recht. Für die<br />

Praxis bedeutet dies, dass der Grenzwert<br />

für Gas-Ottomotoren unverändert bei 500<br />

mg/m 3 bleiben wird. Neu jedoch ist, dass<br />

sich künftig auch Zündstrahlmotoren an<br />

diesen Wert halten müssen, was eine Halbierung<br />

des bislang geltenden Höchstwertes<br />

bedeutet. Eine Vorgabe, die auch bei<br />

optimaler Motoreneinstellung sicher nicht<br />

einfach umzusetzen sein wird!<br />

Die geplante Reduzierung des Kohlenmonoxid-(CO)-Wertes<br />

von 1.000 mg/m 3 auf weniger<br />

als ein Drittel des derzeitigen Höchstwertes,<br />

nämlich auf 300 mg/m 3 , scheint<br />

zwar auf den ersten Blick sehr drastisch zu<br />

sein. Bei Einsatz eines Katalysators aber ist<br />

dieser Wert auch dauerhaft einhaltbar.<br />

Als wesentliche Neuerungen soll es neben<br />

einem Staub-Emissionsgrenzwert für Zündstrahlmotoren<br />

zusätzlich für alle Motoren<br />

einen Gesamt-Kohlenstoff-(Gesamt-C)-<br />

Höchstwert geben, und zwar als Maß für<br />

die Methan-Emissionen. Dieser Wert liegt<br />

bei 1,3 Gramm pro Kubikmeter (g/m 3 ) und<br />

könnte gerade bei älteren Aggregaten, die<br />

schlecht gewartet sind, doch erhebliche<br />

Probleme bereiten. Spezielle Katalysatoren,<br />

die die Methanausscheidungen im Abgas<br />

reduzieren können, sind derzeit noch<br />

extrem teuer und nicht lange haltbar. Auch<br />

die Optimierung des Motorbrennraumes<br />

hinsichtlich eines niedrigen Gesamt-C-<br />

Wertes wird derzeit erforscht und ist deshalb<br />

nicht Stand der Technik!<br />

Neue Anforderungen an die<br />

Emissionsmessungen<br />

Neben der Verschärfung der Emissionsgrenzwerte<br />

soll mit der Novelle der Verwaltungsvorschrift<br />

vor allem bewirkt werden,<br />

dass diese auch kontinuierlich eingehalten<br />

werden! War es bislang so, dass die<br />

Emissionsgrenzwerte – mit Ausnahme der<br />

Formaldehydnachweise für den Emissionsminderungs-Bonus<br />

– im Rhythmus von drei<br />

Jahren gemessen werden mussten, sieht<br />

die novellierte TA Luft jährliche Messungen<br />

vor.<br />

Bestandteil der Untersuchung sollen drei<br />

Messungen im Volllastbetrieb sein, wobei<br />

weitere Messungen im Teillastbetrieb noch<br />

im Gespräch sind. Jeder dieser Einzelwerte<br />

darf künftig den Höchstwert zwar nicht<br />

überschreiten, die Messtoleranz soll aber<br />

zugunsten des Betreibers vom ermittelten<br />

Wert abgezogen werden. In der Vergangenheit<br />

gab es Fälle, in denen Anlagenbetreiber<br />

aus wirtschaftlichen Gründen nach der<br />

Messung Katalysatoren ausgebaut oder die<br />

Motoren auf Kosten höherer NOx-Emissionen<br />

wirkungsgradoptimiert eingestellt<br />

haben.<br />

Dies zum Anlass nehmend sollen in die TA<br />

Luft Anforderungen aufgenommen werden,<br />

die die Funktionalität der Abgasreinigung<br />

überwachen und damit die Einhaltung der<br />

Grenzwerte garantieren sollen. So werden<br />

für die NOx-Werte die kontinuierliche Messung<br />

mit Sensoren, wie sie aus dem Lkw-<br />

Bereich bekannt sind, oder bei größeren<br />

Motoren auch die Erfassung der Parameter<br />

über die Kennfeldlinien vorgeschlagen.<br />

Beides Kontrollmöglichkeiten, die mit<br />

überschaubarem Aufwand realisierbar wären!<br />

Sehr viel höhere Kosten dagegen würde die<br />

Technik für die stetige Überwachung der<br />

CO-Emissionswerte verursachen, wie sie<br />

vorgeschlagen wurde. Grundgedanke dabei<br />

ist, dass über diesen Parameter auch<br />

Rückschlüsse auf das Funktionieren des<br />

Katalysators und damit die Einhaltung des<br />

Formaldehyd-Wertes möglich sein sollen.<br />

Eine Folgerung, die in Expertenkreisen bezweifelt<br />

wird!<br />

Fazit: Die Novelle der TA Luft soll – nicht<br />

zuletzt auch aufgrund massiven Druckes<br />

auf europäischer Ebene – noch in dieser<br />

Legislaturperiode verabschiedet werden.<br />

Laut Stand des letzten Entwurfes ist neben<br />

der Reduzierung des Formaldehyd-Wertes,<br />

der Kraft einer Vollzugsempfehlung für<br />

Neuanlagen bereits seit Februar gefordert<br />

wird, auch eine Verschärfung anderer Emissionsgrenzwerte<br />

vorgesehen.<br />

Dabei sind die geforderten Werte nach dem<br />

derzeitigen Stand der Technik mit mehr<br />

oder weniger großem finanziellen Aufwand<br />

umsetzbar. Mit der Kombination aus Aktivkohlefilter<br />

und Oxi-Kat, die bereits auf vielen<br />

Anlagen eingesetzt werden, dürften die<br />

HCHO-, SOx- und CO-Höchstwerte jedoch<br />

machbar sein!<br />

Neben der Investition in Abgasreinigungssysteme<br />

werden dem Anlagenbetreiber<br />

künftig aber auch zusätzliche Kosten<br />

durch häufigere Messintervalle entstehen.<br />

Wie die Funktionalität der Abgasreinigungssysteme<br />

geprüft beziehungsweise<br />

die kontinuierliche Einhaltung der Emissionsgrenzwerte<br />

überwacht werden kann,<br />

wird derzeit noch heftig diskutiert. Dabei<br />

stößt der Vorschlag einer kontinuierlichen<br />

Überwachung der CO-Emissionen auf heftige<br />

Kritik. Weiterhin ist nicht abschließend<br />

geklärt, wie dem Problem einer möglichen<br />

Manipulation durch den Anlagenbetreiber<br />

begegnet werden kann. Die Verplombung<br />

des Katalysators als mögliche Maßnahme<br />

ist umstritten!<br />

Autor<br />

Dr. Stefan Binder<br />

Leiter des Referates Firmen und Technik<br />

Fachverband Biogas e.V.<br />

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Tel. 0 81 61/98 46 807<br />

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62


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Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> praxis<br />

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63


praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Kreuzfahrtschiffe<br />

Reststoffpotenziale<br />

zur Biogaserzeugung<br />

schlummern<br />

im Rumpf<br />

Foto: AIDA CRUISES<br />

Kreuzfahrten haben sich zu einer der beliebtesten Urlaubsreisen weltweit entwickelt.<br />

2016 werden laut Kreuzfahrtverband CLIA 24 Millionen Menschen auf eine Kreuzfahrt<br />

gehen, 2 Millionen mehr als im Jahr 2014. Die Abfall- und Abwasserentsorgung ist auf<br />

großen Schiffen eine komplexe Angelegenheit. Grund genug, um sich über die bioenergetischen<br />

Nutzungsoptionen Gedanken zu machen.<br />

Von Jessica Hudde, Maik Orth und Thilo Seibicke<br />

Experten prognostizieren dem Trend Urlaub<br />

auf dem Schiff weiteres Wachstum. Um die<br />

notwendigen Passagierkapazitäten bereitstellen<br />

zu können, werden <strong>2017</strong> 27 neue<br />

Hochsee-, Fluss- und Spezialkreuzfahrtschiffe<br />

in Dienst gestellt. Die größten Schiffe bieten<br />

heute Platz für über 5.000 Passagiere. Daher werden<br />

sie häufig auch als schwimmende Kleinstädte bezeichnet.<br />

Neben dem eigentlichen Schiffsbetrieb muss auch der<br />

Hotelbetrieb an Bord aufrechterhalten werden. Der<br />

Bedarf an Energie ist enorm, ebenso das Aufkommen<br />

an Abwasser und Abfall. Die Kreuzfahrtreederei AIDA<br />

CRUISES ist Marktführer in Deutschland und hat sich<br />

zum Ziel gesetzt, sein unternehmerisches Handeln so<br />

umweltverträglich wie möglich zu gestalten.<br />

Besondere Herausforderungen dabei bestehen in der<br />

Entsorgung der Abwasser- und Abfallmengen. Zwar<br />

existieren praktikable Entsorgungsmöglichkeiten an<br />

Land und leistungsfähige Behandlungsanlagen an<br />

Bord, diese gelangen aufgrund steigender Umweltanforderungen<br />

aber allmählich an ihre Grenzen, sind aus<br />

energetischer Sicht zum Teil ineffizient und kostenintensiv.<br />

Das Interesse an alternativen Entsorgungsmöglichkeiten<br />

ist daher sehr groß.<br />

Das Innovations- und Bildungszentrum Hohen Luckow<br />

e.V. (IBZ) ist eine gemeinnützige Forschungseinrichtung<br />

mit Arbeitsschwerpunkten in den Bereichen:<br />

ffmaritime Technologien,<br />

ffnachwachsende Rohstoffe/Erneuerbare Energien<br />

ffund Nachhaltige Entwicklung.<br />

Das IBZ beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit<br />

der Produkt- und Verfahrensentwicklung sowie der<br />

Prozess optimierung im Bereich der Biogaserzeugung.<br />

Ende 2012 hat das IBZ gemeinsam mit der Kreuzfahrtreederei<br />

AIDA CRUISES eine Studie erarbeitet, in der<br />

die Biomassepotenziale an Bord eines Kreuzfahrtschiffes<br />

aufgedeckt und deren Energiegehalte hinsichtlich<br />

einer möglichen Biogaserzeugung und -verwertung ermittelt<br />

wurden. Die Stoffeigenschaften der anfallenden<br />

Biomasse eignen sich hervorragend für den Biogasprozess.<br />

Die Trockensubstanzgehalte liegen mit bis zu 15<br />

Prozent in einem optimalen Bereich für den Betrieb<br />

mesophiler Biogasreaktoren. Aufwendige Trocknungsverfahren,<br />

sprich Energiekosten, könnten eingespart<br />

werden.<br />

Bei dem betrachteten Kreuzliner der AIDA-Flotte handelt<br />

es sich um ein Schiff der Sphinxklasse mit einer<br />

Kapazität von 2.500 Passagieren. Im Rahmen der<br />

Studie wurde das bestehende Entsorgungssystem des<br />

Schiffs analysiert, es wurden Proben unterschiedlicher<br />

biogener Materialien zu unterschiedlichen Aufbereitungsstufen<br />

entnommen und stofflich charakterisiert,<br />

Gasertragstests durchgeführt und Möglichkeiten zur<br />

Verwertung des Gases an Bord aufgezeigt.<br />

64


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> praxis<br />

Herausforderungen der Entsorgung an Bord<br />

Derzeit wird das an Bord anfallende Abwasser durch<br />

leistungsfähige Kläranlagen gereinigt, bevor das Permeat<br />

ins Meer geleitet und der Abwasserschlamm<br />

gemeinsam mit Speiseresten gesammelt, entwässert,<br />

getrocknet und verbrannt wird. In geschützten Fahrgebieten,<br />

wie zum Beispiel der Ostsee, ist das Betreiben<br />

entsprechender Verbrennungsanlagen mittlerweile verboten.<br />

Der sogenannte Dried Biosludge muss in dem<br />

Fall gelagert und landseitig abgegeben werden.<br />

Die zur Lagerung notwendige Trocknung an Bord bedingt<br />

einen sehr hohen Energiebedarf und führt zu Geruchsemissionen.<br />

Aufgrund der Abfallkategorisierung<br />

gemäß VO (EG) Nr. 1069/2009, in der Abfälle hinsichtlich<br />

ihres Risikos für die Gesundheit von Mensch und<br />

Tier eingestuft werden, handelt es sich bei Küchenabfällen<br />

aus internationalem Verkehr um Material der Kategorie<br />

1, die bedenklichste Form mit besonders hohen<br />

Entsorgungsanforderungen.<br />

Grundsätzlich können diese Abfälle an Land nicht<br />

energetisch genutzt und müssen in einer genehmigten<br />

Anlage verbrannt werden. Alternative Verarbeitungsmethoden<br />

sind in der Durchführungsverordnung (EG)<br />

Nr. 142/2011 verankert. Hier ist auch ein gesondertes<br />

Biogasverfahren aufgeführt, das aus energieeffizienter<br />

Sicht mit vorgeschalteter Drucksterilisation und<br />

Hy drolyse allerdings negativ eingeschätzt wird. Die<br />

Entsorgung der Abfälle mit besonderer Abfallkategorie<br />

lassen sich die zuständigen Entsorger teuer bezahlen.<br />

Daher werden Speisereste vorzugsweise durch die<br />

Reedereien im Meer entsorgt. Nach MARPOL ANNEX<br />

V (Internationales Übereinkommen zur Verhütung der<br />

Meeresverschmutzung durch Schiffe) ist das immer<br />

noch erlaubt.<br />

Das Einleiten des Abwassers in die Ostsee wird künftig<br />

stark eingeschränkt. Der Meeresumweltausschuss der<br />

internationalen Schifffahrtsorganisation IMO (International<br />

Maritime Organisation) hat Anfang des Jahres<br />

neue Regularien zum Einleiten von Schiffsabwasser beschlossen.<br />

Die neuen Prüfvorschriften für Abwasseraufbereitungsanlagen<br />

[MEPC.227(64)] enthalten zur Reduzierung<br />

der Nährstoffeinträge in die Ostsee erstmals<br />

verbindliche Einleitgrenzwerte für Phosphor und Nitrat.<br />

Hinsichtlich der Einhaltung dieser Grenzwerte gelangen<br />

an Bord installierte Abwasseranlagen überwiegend<br />

an ihre Grenzen. Alternativ können Passagierschiffe ihr<br />

Abwasser künftig auch an speziellen Auffangeinrichtungen<br />

der Häfen entsorgen. Allerdings sind in vielen<br />

Häfen aufgrund der Unsicherheiten hinsichtlich der<br />

tatsächlichen Abwassermengen noch gar keine entsprechenden<br />

Einrichtungen geschaffen. Das Interesse<br />

an alternativen Behandlungsmöglichkeiten an Bord<br />

und Entsorgungsmöglichkeiten an Land seitens der<br />

Reedereien ist daher sehr groß.<br />

65


praxis<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Ergebnisse<br />

Während der Untersuchungen wurden<br />

folgende Materialströme beprobt:<br />

ffSchwarzwasser frisch aus dem<br />

Schwarzwassertank<br />

ffGrauwasser frisch aus dem<br />

Grauwassertank<br />

ffSpeisereste zerkleinert aus der<br />

Vakuumunit<br />

ffDried BioSludge als Gemisch aus<br />

Abwasserschlamm und Speiseresten<br />

ffFrittenfette<br />

ffFlotatfette aus dem Fettabscheider<br />

Für alle Fraktionen wurde der Gasertrag im<br />

Batch-Maßstab nach VDI 4630 bestimmt.<br />

Die höchsten Gaserträge wurden mit den<br />

Fettfraktionen, dem BioSludge und den<br />

Speiseresten erzielt. Die Gaserträge aus<br />

dem Grau- und Schwarzwasser sind eher<br />

gering, allerdings fallen diese Stoffe in<br />

sehr großen Mengen an. Hinsichtlich des<br />

limitierten Platzbedarfes an Bord macht<br />

die Vergärung der frischen Abwasserfraktionen<br />

daher keinen Sinn, da große Lagerkapazitäten<br />

und Fermenter notwendig<br />

wären.<br />

Die Behandlungsanlagen an Bord scheiden<br />

die Feststoffe der Abwasserfraktion mit zunehmendem<br />

Reinigungsgrad aber immer<br />

weiter ab, sodass die feste energiereiche<br />

Fraktion im Abwasserschlammtank wiederzufinden<br />

ist. Abwasserschlamm und Speisereste<br />

werden entwässert und zum Bio-<br />

Sludge gemischt. Da die Speisereste auch<br />

einzeln beprobt wurden, ist vergleichend<br />

festzustellen, dass aus dem gesamten abgepressten<br />

Abwasserschlamm in etwa die<br />

gleiche Energiemenge erzeugt wird wie mit<br />

Speiseresten.<br />

Daher sollte das Abwasserpotenzial unbedingt<br />

mit genutzt werden. Im Vergleich zu<br />

landwirtschaftlichen Biogasanlagen ist die<br />

zu erzielende Leistung mit einer mittleren<br />

Anlagenleistung zu vergleichen. Hinsichtlich<br />

des Energiebedarfes eines Kreuzfahrtschiffes<br />

macht diese Leistung aber nur<br />

einen sehr geringen Anteil aus. Daher ist<br />

die Reederei auch nicht unbedingt an der<br />

Energieerzeugung interessiert, sondern<br />

vielmehr an alternativen Entsorgungsmöglichkeiten<br />

unter Einhaltung der geforderten<br />

Umweltauflagen sowie an der Steigerung<br />

der Effizienz des Gesamtsystems und Kosteneinsparungen.<br />

Durch den Wegfall der notwendigen Trocknung<br />

und durch die Einsparung der Entsorgungskosten<br />

könnten auf nur einem Schiff<br />

etwa 160.000 Euro je Jahr eingespart werden.<br />

Die Leistungsseite könnte durch die<br />

Verwertung des erzeugten Biogases etwa<br />

um weitere 190.000 Euro je Jahr erhöht<br />

werden, wobei hier die Substitution von<br />

MDO (Marine Diesel Oil) als Kraftstoff<br />

durch Biogas zugrunde gelegt wurde. Die<br />

Nutzungsmöglichkeiten von Biogas an<br />

Bord der Schiffe sind sehr vielfältig. Sinnvoll<br />

wäre beispielsweise die Nutzung als<br />

thermische oder elektrische Hilfsenergie<br />

während der Hafenliegezeiten zur Reduktion<br />

gasförmiger Schiffsemissionen in den<br />

Häfen.<br />

Auch die fortschreitenden LNG-Technologien<br />

in der Schifffahrt bieten Nutzungsmöglichkeiten.<br />

Um aber möglichst wenig<br />

Technologien an Bord zu installieren, die<br />

durch Fachpersonal aufwendig betreut<br />

und gewartet werden müssen, bevorzugt<br />

die Reederei eher die Abgabe der Abfälle<br />

an Land. Die Leistung einer Landanlage<br />

könnte in dem Fall sogar durch Abfälle<br />

anderer Schiffe ergänzt werden. Allein<br />

auf der Ostsee finden jedes Jahr etwa 350<br />

Kreuzfahrten statt. Die Auswirkungen auf<br />

Kosten ersparnisse, der Beitrag zu einer<br />

regenerativen Energieerzeugung und die<br />

positiven ökologischen Effekte wären beachtlich.<br />

Ausblick<br />

Aufgrund der Vielfalt der Ideen zur Umsetzung<br />

einer maritimen Biogasanlage hat das<br />

IBZ Hohen Luckow e.V. das Netzwerk „Biogas<br />

Maritim“ gegründet. Hier arbeiten derzeit<br />

zwölf Unternehmen aus den Bereichen<br />

Energie und Umwelt gemeinsam an technischen<br />

Lösungen zur Nutzung der Abwasserund<br />

Abfallpotenziale aus dem maritimen<br />

Sektor. Dabei werden sie von unterschiedlichen<br />

korrespondierenden Einrichtungen<br />

wie dem Fachverband Biogas, der Hafenentwicklungsgesellschaft<br />

Rostock oder<br />

wissenschaftlichen Einrichtungen wie der<br />

FH Stralsund und der Universität Rostock<br />

unterstützt.<br />

Die größten Hürden bei der Umsetzung der<br />

Ideen sehen die Unternehmen in den rechtlichen<br />

Anforderungen, insbesondere den<br />

eingeschränkten Möglichkeiten aufgrund<br />

der Abfallkategorisierung bei landseitiger<br />

Nutzung, aber auch in den Umweltanforderungen<br />

des Anlagenbetriebs an Bord.<br />

Daneben müssen strenge Sicherheitsvorschriften<br />

an Bord und Möglichkeiten der<br />

weitestgehend autarken Betriebsweise auf<br />

See berücksichtigt werden.<br />

Die Technologieentwicklungen müssen<br />

zudem im Einklang mit den Bedürfnissen<br />

und Anforderungen der Reederein und<br />

Werften sowie den betreffenden Häfen<br />

stattfinden. Das Netzwerk arbeitet eng<br />

mit dem Landesamt für Landwirtschaft,<br />

Lebensmittelsicherheit und Fischerei<br />

Mecklenburg-Vorpommern als zulassende<br />

Behörde zusammen und hat beispielsweise<br />

eine gemeinsame Strategie für die landseitige<br />

anaerobe Verwertung unter Einhaltung<br />

der rechtlichen Abfalleinordnung nach EU-<br />

Recht erarbeitet. Ziel ist die Aufnahme des<br />

Verfahrens als alternative Verarbeitungsmethode<br />

in die VO (EG) Nr. 142/2011, um<br />

die Genehmigung eines energieeffizienten<br />

Verfahrens EU-weit zu vereinheitlichen und<br />

zu vereinfachen. Dazu ist Anfang Dezember<br />

2016 das Projekt „Waste and Sludge to<br />

Energy (WAS2E)“ für eine Laufzeit von zwei<br />

Jahren gestartet.<br />

Darüber hinaus arbeiten die Netzwerkpartner<br />

an einer Vielzahl anderer Vorhaben<br />

zusammen, zum Beispiel an der Entwicklung<br />

einer Abwasserbehandlungsanlage an<br />

Bord, gekoppelt mit einer Anaerobstufe,<br />

die neben dem Abwasserschlamm und organisch<br />

belastetem Abwasser auch Speisereste<br />

vergären soll. In einem EU-Projekt im<br />

Rahmen der EU-Strategy for the Baltic Sea<br />

Region werden die Technologien in die Ostseeanrainerstaaten<br />

übertragen.<br />

Das Netzwerk wird vom Bundesministerium<br />

für Wirtschaft und Technologie gefördert<br />

und ist offen für weitere kompetente Netzwerkpartner,<br />

die ihre Leistungen zugunsten<br />

der Netzwerkziele einbringen können.<br />

Ansprechpartner<br />

Jessica Hudde<br />

IBZ Hohen Luckow e.V.<br />

Maik Orth<br />

IBZ Hohen Luckow e.V.<br />

Thilo Seibicke<br />

Carnival Maritime GmbH<br />

Netzwerk Biogas Maritim<br />

Bützower Str. 1a<br />

18239 Hohen Luckow<br />

Tel. 0 38 29/57 41 24<br />

E-Mail: jessica.hudde@ibz-hl.de<br />

www.biogas-maritim.ibz-hl.de<br />

66


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> praxis<br />

Biogas_115x77_EVIT.qxp_EVIT 27.10.16 13:37 Seite 1<br />

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67


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Stärkere Wärmenutzung in<br />

Biogasanlagen kann sich lohnen<br />

Die vielfältige Nutzung von Wärme aus Biogasanlagen mit Vor-Ort-Verstromung trägt schon heute zum Kampf<br />

gegen den Klimawandel und zur Rentabilität der Anlagen bei. Es gibt aber durchaus noch Potenzial, und viele<br />

Betreiber überlegen, noch mehr Wärme zu nutzen. Je nach Anwendung sind durchschnittliche Arbeitspreise<br />

zwischen 0,9 Cent pro Kilowattstunde (ct/kWh) für Holztrocknung und 3,5 ct/kWh für die Beheizung von<br />

Krankenhäusern erzielbar. Die Unsicherheit nach Auslaufen der EEG-Förderung hält viele Betreiber aber von<br />

einer Investition ab.<br />

Von Prof. Dr. Carsten Herbes und Verena Halbherr<br />

Für die ökologische Beurteilung<br />

einer Biogasanlage ist die Frage<br />

der Wärmenutzung ganz entscheidend.<br />

Die meisten Blockheizkraftwerke<br />

erreichen einen<br />

elektrischen Wirkungsgrad von etwa 28<br />

bis 47 Prozent (FNR 2016), bei modernen<br />

Blockheizkraftwerken (BHKW) wird häufig<br />

von rund 40 Prozent ausgegangen. An<br />

Wärme entstehen noch einmal 34 bis 55<br />

Prozent (FNR 2016) der im Biogas enthaltenen<br />

Energie.<br />

Für den Eigenwärmebedarf, hauptsächlich<br />

für die Fermenterheizung, werden meist<br />

zwischen 10 und 30 Prozent der erzeugten<br />

Wärme verbraucht (Durchschnitt etwa 27<br />

Prozent) (DBFZ/IWES 2015), außerdem<br />

gibt es geringfügige Wärmeverluste. Der<br />

Gesamtwirkungsgrad kann also durch Nutzung<br />

der zur Verfügung stehenden Wärme<br />

von etwas über 50 Prozent auf bis zu 90<br />

Prozent gesteigert werden. Werden die eingesparten<br />

CO 2<br />

-Mengen oder Treibhausgasmengen<br />

angerechnet, so können der Biogasanlage<br />

in einer Treibhausgasbilanz die<br />

Mengen gutgeschrieben werden, die in der<br />

Wärmenutzung, zum Beispiel einem Mehrfamilienhaus,<br />

ansonsten durch eine Erdgas-<br />

oder Erdölheizung entstanden wären.<br />

Aber nicht nur ökologisch, sondern auch<br />

finanziell kann sich eine stärkere Wärmenutzung<br />

lohnen. Werden in einer Anlage<br />

mit einer elektrischen Leistung von 500<br />

kW el<br />

bei 8.000 Betriebsstunden im Durchschnitt<br />

200 kW th<br />

Wärme genutzt, können<br />

bei einem KWK-Bonus von 3 ct/kWh und<br />

einem Arbeitspreis für die Wärme von 4 ct/<br />

kWh Zusatzerlöse von rund 110.000 Euro<br />

pro Jahr erzielt werden. Selbst bei einem<br />

Wärmepreis von nur 2 ct/kWh liegen die<br />

Zusatzerlöse noch bei knapp 78.000 Euro<br />

pro Jahr.<br />

Je nachdem, ob und wie viel der Anlagenbetreiber<br />

in Wärmenetze und andere Infrastruktur<br />

investiert, ist das eine Maßnahme,<br />

die sich zum Teil deutlich besser rentiert<br />

als die Biogasanlage selbst. Es gibt aber<br />

in der Praxis noch eine Reihe offener Fragen.<br />

So gab es bislang keine belastbaren<br />

Daten darüber, welche Wärmepreise erzielbar<br />

sind und welche Preismodelle vorherrschen.<br />

Auch gehen die Angaben darüber,<br />

wofür die Wärme genutzt wird, zum Teil<br />

auseinander.<br />

In einer gemeinsamen Studie sind der<br />

Fachverband Biogas e.V. (FvB) und die<br />

Hochschule für Wirtschaft und Umwelt<br />

Nürtingen-Geislingen (HfWU) deshalb folgenden<br />

Fragen nachgegangen:<br />

ffIn welchen Anwendungen wird die<br />

Wärme genutzt?<br />

ffWelche Arbeitspreise werden in den<br />

verschiedenen Anwendungen erzielt?<br />

Abbildung 1: Anteil verschiedener Wärmenutzungen an den Nennungen in der Umfrage (%)<br />

Fermenterheizung<br />

Wohngebäude<br />

Holztrocknung<br />

Firmengebäude<br />

Getreidetrocknung<br />

Sonstige öff. Gebäude<br />

Schule oder Kindergarten<br />

n = 602 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 80% 90% 100%<br />

ffWelche Preis- und Vertragsmodelle<br />

werden hauptsächlich eingesetzt?<br />

ffWas planen die Betreiber hinsichtlich<br />

einer stärkeren Wärmenutzung in der<br />

Zukunft?<br />

ffWas sind die Hauptbarrieren für eine<br />

stärkere Wärmenutzung?<br />

Der vorliegende Artikel basiert auf einer gemeinsamen<br />

Online-Umfrage von FvB und<br />

HfWU, die, einschließlich einer telefonischen<br />

Nachfassaktion, vom 1. Juni bis zum<br />

8. September 2016 durchgeführt wurde.<br />

2.724 Anlagenbetreiber – die Mitglieder<br />

des Fachverbands Biogas sind – wurden per<br />

E-Mail angeschrieben. Vorher wurden mehrere<br />

Pretests vorgenommen, um sicherzu-<br />

68


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

Abbildung 2: Anteil verschiedener Wärmenutzungen an der erzeugten<br />

Menge aller teilnehmenden BGA (%)<br />

Fermenterheizung<br />

Öffentliche Gebäude<br />

Holztrocknung<br />

IHR PARTNER FÜR FÖRDER-,<br />

DOSIER- UND ZUFÜHRTECHNIK<br />

Schule oder Kindergarten<br />

Wohngebäude<br />

Firmengebäude<br />

DER KLASSIKER: VARIO<br />

Getreidetrocknung<br />

n = 602<br />

0% 5% 10% 15% 20% 25% 30% 35% 40% 45%<br />

stellen, dass die Umfrage gut verständlich<br />

und nicht zu lang ist. Die Ausschöpfungsquote<br />

lag bei etwa 22 Prozent und damit<br />

ein Mehrfaches über den bei Online-Umfragen<br />

üblichen Ausschöpfungsquoten.<br />

Hinsichtlich der Verteilung der teilnehmenden<br />

Anlagen auf Größenklassen und<br />

Inbetriebnahmejahre wurde eine hohe<br />

Übereinstimmung mit dem deutschen<br />

Gesamtbestand erzielt. Geografisch waren<br />

Anlagen aus Bayern etwas überrepräsentiert.<br />

Ergebnisse der Online-Befragung<br />

Art und Umfang der Wärmenutzung<br />

Zu den Anteilen der insgesamt genutzten<br />

Wärme wurden bereits in der Vergangenheit<br />

Studien erstellt, so vom DBFZ und<br />

IWES (DBFZ/IWES 2015). Es wird häufig<br />

davon ausgegangen, dass heute zirka die<br />

Hälfte der für eine Nutzung außerhalb<br />

der Anlage selbst (also nach Abzug der<br />

Fermenterheizung etc.) zur Verfügung<br />

stehenden Wärme genutzt wird. Besonders<br />

interessant ist aber, wie viel Wärme<br />

tatsächlich an Dritte abgegeben wird. Hier<br />

zeigt die von uns durchgeführte Umfrage,<br />

dass bei 32 Prozent der antwortenden Anlagen<br />

die nach extern abgegebene Wärme<br />

nur 10 Prozent der Gesamtwärmeleistung<br />

ausmacht.<br />

Bei der Anwendungsart der Wärmenutzung<br />

wird, nicht weiter überraschend, am häufigsten<br />

die Fermenterheizung genannt. Auf<br />

den nächsten Plätzen folgt die Beheizung<br />

von Wohngebäuden, die Holztrocknung,<br />

die Beheizung von Firmengebäuden und<br />

die Getreidetrocknung (siehe Abbildung 1).<br />

Betrachten wir dagegen die Wärmemengen,<br />

ergibt sich ein anderes Bild: Zwar ist auch<br />

mengenmäßig die Fermenterheizung am<br />

stärksten, dann folgt aber die Beheizung<br />

sonstiger öffentlicher Gebäude (öffentliche<br />

Gebäude, die weder Schulen, Kindergärten,<br />

Schwimmbäder, Krankenhäuser oder<br />

Seniorenheime sind), die Holztrocknung<br />

und die Beheizung von Schulen und Kindergärten.<br />

Mengenmäßig spielt die Getreidetrocknung<br />

nur eine untergeordnete Rolle<br />

(siehe Abbildung 2). Bei Detailanalysen<br />

fällt auf, dass größere Anlagen tendenziell<br />

mehr Wärme abseits der Fermenterheizung<br />

nutzen. Große Unterschiede bei der Wärmenutzung<br />

nach Bundesländern gibt es<br />

dagegen nicht.<br />

Preise und Angebotsgestaltung<br />

Was bieten die Betreiber nun externen Abnehmern<br />

an? Nur etwa ein Drittel der Verträge<br />

garantieren eine Vollversorgung. Das<br />

heißt, die Biogasanlagenbetreiber müssen<br />

dafür in der Regel zur Sicherheit noch einen<br />

Wärmekessel vorhalten. Die Biogasanlagenbetreiber<br />

sind in den meisten Fällen<br />

auch Eigentümer und/oder Betreiber der<br />

Wärmenetze. Die nächstgrößeren Anteile<br />

machen bei Eigentümern und Betreibern<br />

der Wärmenetze Bürgerenergiegenossenschaften<br />

aus.<br />

Im Mittel erzielen die Betreiber einen<br />

durchschnittlichen Arbeitspreis von 2,6<br />

ct/kWh für die Wärme ihrer Anlage. Das<br />

Spektrum reicht dabei von einer kostenlosen<br />

Abgabe der Wärme bis hin zu Spitzenpreisen<br />

von 9 ct/kWh. Es ist klar erkennbar,<br />

dass es „hochwertige“ und „weniger hochwertige“<br />

Wärmenutzungen gibt. So liegt der<br />

Durchschnittspreis bei der Holztrocknung<br />

69<br />

UMBAUTEN ANDERER<br />

SYSTEME AUF VARIO<br />

DER MOBILE VARIO<br />

DER VARIO TROCKNER<br />

SUBSTRAT VARIABEL<br />

MADE<br />

IN<br />

GERMANY<br />

Terbrack Maschinenbau GmbH<br />

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D - 48691 Vreden<br />

Tel.: +49 (0) 2564 394487 - 0<br />

Fax: +49 (0) 2564 394487 - 99<br />

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Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Abbildung 3: Arbeitspreise: Mittelwert pro Nutzungsart (ct/kWh)<br />

Krankenhaus<br />

Schule<br />

Sonstige öff. Gebäude<br />

Wohngebäude<br />

Gewächshaus<br />

Getreidetrocknung<br />

Holztrocknung<br />

Minimum<br />

n = 598 0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 4<br />

Abbildung 4: Mittelwerte Vergütungshöhen für verschiedene<br />

Angebote/Eigentümer/Betreiber (ct/kWh)<br />

Mittelwert<br />

Vergütungshöhe<br />

nach Versorgungsart<br />

Keine<br />

Vollversorgung<br />

Vollversorgung<br />

n = 441<br />

Mittelwert<br />

Vergütungshöhe nach<br />

Eigentümer Wärmenetz<br />

Anderer<br />

Eigentümer<br />

Betreiber BGA<br />

oder mit BGA in<br />

Verbindung<br />

Mittelwert<br />

Vergütungshöhe nach<br />

Betreiber Wärmenetz<br />

Anderer<br />

Eigentümer<br />

Betreiber BGA<br />

oder mit BGA in<br />

Verbindung<br />

0 1 2 3 4 5 n = 418 0 1 2 3 4 n = 376 0 1 2 3 4<br />

bei 0,9 ct/kWh, bei der Beheizung von Gewächshäusern<br />

bei 2,2 ct/kWh und bei der<br />

Beheizung von Krankenhäusern bei 3,5 ct/<br />

kWh (siehe Abbildung 3). Bei der Analyse<br />

nach Bundesländern, Inbetriebnahmejahren<br />

und Größenklassen waren keine großen<br />

Unterschiede in den Preisen erkennbar.<br />

Einen deutlichen Einfluss hingegen übte<br />

das Angebot aus: Bei Vollversorgungsverträgen<br />

lag der Arbeitspreis im Schnitt bei<br />

3,9 ct/kWh, ohne Vollversorgung bei 2,2 ct/<br />

kWh. Wichtig für die Preishöhe ist auch, wer<br />

Eigentümer und Betreiber des Wärmenetzes<br />

ist. Ist die BGA oder eine verbundene<br />

Gesellschaft Eigentümer und/oder Betreiber<br />

des Wärmenetzes, so liegt der Preis etwa<br />

doppelt so hoch wie in anderen<br />

Fällen (siehe Abbildung 4).<br />

Wärmelieferverträge laufen<br />

in der Regel sehr lange, meist<br />

zwischen 10 und 15 Jahren.<br />

Deshalb ist für die langfristige<br />

Wirtschaftlichkeit der Mechanismus<br />

der Preisanpassung<br />

entscheidend. Hier dominieren<br />

klar der Fixpreis und die Anpassung<br />

in Anlehnung an Indizes<br />

(siehe Abbildung 5). Diese Indizes<br />

sind meist der Ölpreis,<br />

aber auch der Gaspreis oder<br />

der landwirtschaftliche Erzeugerindex.<br />

Jährliche fixe Steigerungen,<br />

zum Beispiel mit 2<br />

Prozent pro Jahr, sind dagegen<br />

kaum verbreitet.<br />

Abbildung 5: Preismodelle (Anzahl Nennungen)<br />

Fixpreis<br />

Steigerung in Anbindung an einen Index<br />

Steigerung nach Inflationsrate<br />

Jährliche fixe Steigerung<br />

n = 1.050 0 100 200 300 400 500 600<br />

Die Zukunft aus Sicht<br />

der Betreiber<br />

Was steht einer stärkeren Wärmenutzung<br />

entgegen? Für die meisten Betreiber ist<br />

es der Unterschied im Wärmebedarf zwischen<br />

Sommer und Winter. Das heißt, im<br />

Winter wird die Wärme bereits vollständig<br />

genutzt und die rechnerischen jährlichen<br />

Reserven ergeben sich nur aus der geringeren<br />

Nutzung im Sommer (siehe Abbildung<br />

6). An zweiter Stelle steht aber schon die<br />

Unsicherheit, was mit der Anlage nach Auslaufen<br />

der EEG-Förderung passiert. Weite<br />

Entfernungen zum nächsten Nutzer und<br />

mangelnde Wirtschaftlichkeit aus anderen<br />

Gründen sind ebenfalls wichtige Barrieren.<br />

Rund ein Drittel der antwortenden Betreiber<br />

hat sich bereits entschlossen, die Wärme<br />

in den nächsten beiden Jahren stärker<br />

zu nutzen oder plant das konkret. Weitere<br />

23 Prozent sind noch unentschlossen.<br />

70


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

Abbildung 6: Gründe für momentane geringe Nutzung (%)<br />

Im Winter vollständige Nutzung, im Sommer Bedarf gering<br />

Auslaufen EEG-Förderung<br />

Nicht wirtschaftlich<br />

Weite Entfernung zum nächsten Nutzer<br />

Nutzer sind nicht bereit, ausreichenden Preis zu zahlen<br />

Sonstige Gründe<br />

Risiko Zusatzinvestition<br />

Gärproduktrocknung möglich, aber nicht wirtschaftlich<br />

Verbraucher fordern eine Vollversorgung mit Garantie<br />

Würde die Wärme nutzen, bekomme aber keine Finanzierung<br />

Nicht dazu gekommen, mich zu kümmern<br />

n = 392<br />

0 10 20 30 40 50 60 70 80 90<br />

Mehr als ein Drittel ist unentschlossen oder<br />

befindet sich in ersten Vorüberlegungen.<br />

Das Potenzial für die Nutzung höherer Wärmemengen<br />

ist also für die Branche durchaus<br />

groß. Nur ein Viertel ist sich sicher,<br />

keine stärkere Wärmenutzung umzusetzen.<br />

Dabei spielt wieder die Unsicherheit über<br />

die Zeit nach Auslaufen der EEG-Förderung<br />

eine große Rolle.<br />

Fazit: Die Befragung hat gezeigt, wie vielfältig<br />

die Wärmenutzung der Biogasanlagenbetreiber<br />

bereits heute ist. Es wurde<br />

auch deutlich, dass sich in hochwertigen<br />

Anwendungen durchaus attraktive Arbeitspreise<br />

für die Wärme erzielen lassen. Die<br />

Anlagenbetreiber denken zum Teil schon<br />

sehr konkret über eine stärkere Wärmenutzung<br />

nach. Aber insbesondere die Planungsunsicherheit<br />

für die Zeit nach Auslaufen<br />

der EEG-Förderung ist ein großes<br />

Investitionshemmnis, das trotz zum Teil<br />

noch langer Restförderzeiten bereits heute<br />

seine bremsende Wirkung entfaltet.<br />

Ein herzlicher Dank geht nochmals an die<br />

engagierten Mitglieder und MitarbeiterInnen<br />

des Fachverbandes, die diese Umfrage<br />

unterstützt haben.<br />

Autoren<br />

Prof. Dr. Carsten Herbes<br />

Verena Halbherr<br />

Institute for International Research on Sustainable Management<br />

and Renewable Energy<br />

Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-<br />

Geislingen<br />

Neckarsteige 6-10<br />

72622 Nürtingen<br />

E-Mail: carsten.herbes@hfwu.de<br />

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71


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Verlöten einer<br />

Wärmeleitung: Bei<br />

ordnungsgemäßer Verschweißung,<br />

Verlegung<br />

und Wartung haben die<br />

Leitungen eine Lebensdauer<br />

von mehreren<br />

Jahrzehnten. Hersteller<br />

geben oft 30 bis 50<br />

Jahre an. Im Dämmschaum<br />

der Rohre kann<br />

ein Leckagewarnsystem<br />

integriert werden.<br />

Wärmenetze mit Schlüsselfunktion<br />

für die Energiewende<br />

Laut einer Studie des DLR (2011) beträgt der Anteil der Fernwärme am Raumwärmemarkt<br />

in Deutschland annähernd 14 Prozent. Etwa 1.400 Netze sind mit einer Länge von rund<br />

19.000 Kilometern und einer Anschlussleistung von etwa 57.000 Megawatt thermisch<br />

installiert. Zur Erreichung der CO 2<br />

-Minderungsziele der Bundesregierung muss laut Szenarien<br />

des Bundesumweltministeriums (BMU) der Anteil der Fern- und Nahwärme im deutschen<br />

Wärmemarkt deutlich gesteigert werden. Die im Jahr 2050 genutzte Wärmemenge<br />

aus Erneuerbaren Energien soll zu 60 Prozent auf Wärmenetzen beruhen.<br />

Von PD Dr. Marianne Karpenstein-Machan<br />

In Dänemark sind bereits 60 Prozent der Haushalte<br />

an die Fernwärme angeschlossen [Leitungslänge<br />

zirka 24.000 Kilometer (km) bei 5,5 Millionen<br />

(Mio.) Einwohnern (EW); in Deutschland 19.000<br />

km bei 80 Mio. EW]. Hier wird seit Jahrzehnten das<br />

Wärmepotenzial der großen stadtnahen Kraftwerke genutzt,<br />

um die Städte und Gemeinden mit Raumwärme<br />

zu versorgen.<br />

Zukünftig können Wärmenetze eine wichtige Schlüsselfunktion<br />

zur Integration Erneuerbarer in den Wärmemarkt<br />

einnehmen. Sie eignen sich als Bindeglied<br />

zwischen Strom- und Wärmemarkt und sie schaffen die<br />

Bedingungen, um Erneuerbare Energien bestmöglich<br />

zu nutzen (Positionspapier KEA 2014). Neben der Biomasse<br />

werden in Zukunft auch Großflächen-Solarthermie,<br />

Abwasser-Wärme sowie Power-to-Heat aus Ökostrom<br />

eine wichtige Rolle spielen. Auch die Potenziale<br />

zur Nutzung von Industrieabwärme in Wärmenetzen<br />

sind erheblich. Ein Mix aus verschiedenen Wärmequellen<br />

kann sowohl in urbanen, verdichteten Räumen als<br />

auch in ländlichen Regionen genutzt und über die Wärmeleitungen<br />

verteilt werden. Wärmenetze sind daher<br />

langfristig zu investierende und betreibende Infrastrukturprojekte,<br />

die die Energiewende voranbringen.<br />

Nahwärmenetze halten Einzug in<br />

ländliche Regionen<br />

In den vergangenen 12 Jahren sind in Deutschland über<br />

150 Bioenergiedörfer entstanden. Ihr Kern bildet das<br />

Wärmenetz. Mit Bioenergiedörfern und dezentralen<br />

72


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

Biomasse-Heizwerken haben Nahwärmenetze Einzug in<br />

ländliche Regionen gehalten. Bisher wurden vornehmlich<br />

in städtischen Bereichen Fernwärmenetze verlegt.<br />

Eine klare Abgrenzung zwischen den Begriffen Fernund<br />

Nahwärmenetz gibt es nicht.<br />

In einer Studie über Bioenergiedörfer, die erstmals<br />

2011 durchgeführt und in 2016 wiederholt wurde,<br />

konnten Informationen zu Initiatoren, Betreiberstruktur,<br />

zum technischen Konzept, zum Nahwärmenetz,<br />

zu den Wärmepreisen sowie zu sozialen Aspekten und<br />

Erfolgsfaktoren erhoben werden (Karpenstein-Machan<br />

et al. 2013). An dieser Stelle sollen die aktuellen Ergebnisse<br />

zum Thema Nahwärmenetz und zu den Wärmekosten<br />

wiedergegeben werden.<br />

Abbildung 1 zeigt, in welchem Jahr die ausgewählten<br />

Bioenergiedörfer mit der Wärme- und Stromlieferung<br />

begonnen haben. Zum Zeitpunkt der zweiten Studie<br />

sind die untersuchten Dörfer 6 bis 11 Jahre in Betrieb<br />

und verfügen damit über weitreichende Erfahrungen<br />

mit ihren Energieanlagen. In den untersuchten Bioenergiedörfern<br />

variieren die Nahwärmenetzlängen zwischen<br />

850 und 10.000 Metern. In der Mehrzahl der Dörfer<br />

wurde im Dämmschaum der Leitungsrohre (Stahlmantelrohre)<br />

ein Leckagewarnsystem installiert, in dem<br />

permanent die elektrische Leitfähigkeit gemessen wird<br />

(siehe Abbildung 2, blaue Säulen). In acht Dörfern<br />

wurde auf ein Leckagewarnsystem verzichtet, beziehungsweise<br />

es wurden Kunststoffrohre aus Polyethylen<br />

verwendet, in denen diese Form der Überwachung<br />

aufgrund einer nicht vorhandenen elektrisch leitenden<br />

Metallschicht nicht möglich ist.<br />

Die Anzahl der Wärmekundenanschlüsse variiert zwischen<br />

11 und 65 pro Kilometer (Abbildung 3). In den<br />

beiden Dörfern mit den höchsten Anschlusszahlen liegt<br />

eine dichte Bebauung mit Wohnkomplexen und mehrgeschossigen<br />

Wohnhäusern vor, die anderen Dörfer weisen<br />

eine eher ländliche Struktur mit lockerer Bebauung auf.<br />

Die Wärmeübertragung in die Gebäude der Wärmekunden<br />

erfolgt in 16 Dörfern mittels Wärmetauscher, hier<br />

ist der Wasserkreislauf des Netzes vom hausinternen<br />

Wasserkreislauf durch den Wärmetauscher getrennt. In<br />

vier Dörfern erfolgt eine Direkteinspeisung der Wärme<br />

über das Wasser des Nahwärmenetzes (siehe Abbildung<br />

3, dunkelblaue Säulen). Hier ist lediglich eine Hausübergabestation<br />

installiert, in der Regel- und Messgeräte<br />

(Wärmemengenzähler) enthalten sind. Damit bei<br />

Direkteinspeisung ein Leck in der Hausanlage nicht zu<br />

größeren Wasserschäden führt, wird vor dem Anschluss<br />

eine Druckprüfung im hausinternen Wasserkreislauf<br />

vorgenommen, um eventuelle Schäden an den Rohrleitungen<br />

festzustellen.<br />

Wartung und Wasseraufbereitung sehr<br />

unterschiedlich<br />

16 Bioenergiedörfer geben an, dass das Nahwärmenetz<br />

gewartet beziehungsweise kontrolliert wird. 13 tun dies<br />

in Eigenregie mit eigenen Mitarbeitern, in drei Dörfern<br />

Fotos: Dr. Marianne Karpenstein-Machan<br />

bestehen Verträge mit Fremdfirmen. In vier Dörfern wurde<br />

bisher keinerlei Wartung durchgeführt. In einem dieser<br />

Dörfer soll nun eine automatische Wasseraufbereitung<br />

mit Nachspeisung nachgerüstet werden, nachdem<br />

eine Leckage mit großem Wasserverlust aufgetreten<br />

war, die erst spät erkannt wurde.<br />

Die Art der Wasseraufbereitung und die Kontrollintervalle<br />

sind in den Dörfern sehr unterschiedlich. Untenstehende<br />

Liste zeigt die Nennungen zur Frage der Aufbereitung<br />

des Wassers im Nahwärmenetz:<br />

ffautomatische Wasseraufbereitung und<br />

Neutralisierung,<br />

ffbiologische Zusätze/Harzfilter,<br />

ffNeutralisierung,<br />

ffpH-Wert-Anhebung bei Bedarf,<br />

Abbildung 1: Startjahr der Energielieferungen in den<br />

ausgewählten Bioenergiedörfern<br />

Anzahl Dörfer<br />

6<br />

5<br />

4<br />

3<br />

2<br />

1<br />

0<br />

Quelle: Karpenstein-Machan<br />

5<br />

3<br />

2<br />

Jahr des Startes der Energielieferung<br />

4<br />

Zukünftig können Wärmenetze<br />

eine wichtige<br />

Schlüsselfunktion zur<br />

Integration Erneuerbarer<br />

in den Wärmemarkt<br />

einnehmen. In den<br />

vergangenen 12 Jahren<br />

sind in Deutschland<br />

über 150 Bioenergiedörfer<br />

entstanden.<br />

Ihr Kern bildet das<br />

Wärmenetz.<br />

3 3<br />

2005 2006 2007 2008 2009 2010<br />

73


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Abbildung 2: Länge der Nahwärmenetze in 20 Bioenergiedörfern<br />

Länge NWN in Metern<br />

10.000<br />

9.000<br />

8.000<br />

10.000<br />

9.500<br />

7.000<br />

6.000<br />

7.400<br />

5.000<br />

4.000<br />

3.000<br />

2.000<br />

1.000<br />

2.300<br />

2.500<br />

5.000<br />

2.500<br />

2.500<br />

2.500<br />

2.300<br />

4.000<br />

2.500<br />

5.500<br />

2.050<br />

4.700<br />

3.028<br />

850<br />

5.500<br />

3.000<br />

3.500<br />

0<br />

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T<br />

Quelle: Karpenstein-Machan<br />

Dörfer<br />

Blaue Säulen: Netz mit Leckagenwarnsystem, orange Säulen: Netz ohne Leckagenwarnsystem.<br />

ffEinsatz von Salzen,<br />

ffIonenaustauscher, Na-Sulfat, automatisch<br />

bei Wasserzufuhr,<br />

ffEntsalzung, Enthärtung, Einsatz von<br />

Salztabletten,<br />

ffautomatische Reinigung und Entgasung<br />

bei Nachspeisung, Salzzugabe,<br />

ffEinsatz von Filtern,<br />

ffEntmineralisierung mit Zusätzen,<br />

ffTeilstromfiltration, Nachspeisung mit<br />

Deidrat,<br />

ffWasseraufbereitung mit Ionenaustauscher.<br />

Auch die Prüfungs- und Wartungsintervalle<br />

variieren in den einzelnen Dörfern sehr stark.<br />

Bei automatischer Wasseraufbereitung ist<br />

über Computerprogramme eine permanente<br />

Kontrolle möglich. Wenn keine automatische<br />

Reinigung und Neutralisierung stattfindet,<br />

werden in den meisten Dörfern, die<br />

eine Wartung bejaht haben, Messungen des<br />

pH-Wertes vorgenommen. Diese erfolgen, je<br />

nach Dorf, ein, zwei, vier oder sogar fünf Mal<br />

im Jahr. Über die Wartungsarbeiten am Netz<br />

werden die Kunden in zwölf Bioenergiedörfern<br />

nicht informiert, weil in der Regel laut<br />

Betreiber keine Beeinträchtigungen in der<br />

Abbildung 3: Wärmekundenanschlüsse pro Kilometer<br />

Anzahl<br />

Anzahl Anschlüsse/km<br />

70<br />

60<br />

65<br />

50<br />

40<br />

48<br />

30<br />

32<br />

20<br />

10<br />

17<br />

23<br />

11<br />

21<br />

19<br />

16<br />

22<br />

16<br />

27<br />

26<br />

23<br />

19 20<br />

25<br />

14<br />

12<br />

19<br />

0<br />

A B C D E F G H I J K L M N O P Q R S T<br />

Quelle: Karpenstein-Machan<br />

Dörfer<br />

Hellblaue Säulen: Anschlüsse mit Wärmetauscher, dunkelblaue Säulen: Direktanschlüsse ohne Wärmetauscher.<br />

74


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

Abbildung 4: Abschreibungsdauer des Nahwärmenetzes in den<br />

untersuchten Bioenergiedörfern<br />

Mischen – Fördern –<br />

Zerkleinern<br />

7<br />

Anzahl Nennungen<br />

6<br />

5<br />

4<br />

3<br />

2<br />

1<br />

0<br />

6<br />

4<br />

2<br />

1 1 1<br />

15 Jahre 20 Jahre 25 Jahre 30 Jahre 40 Jahre 48 Jahre<br />

Quelle: Karpenstein-Machan<br />

Abschreibung Nahwärmenetz<br />

Ihr Partner für die Energie<br />

der Zukunft<br />

Wärmeversorgung eintreten, da sie in Zeiten<br />

ohne Wärmelieferung stattfinden oder<br />

nur kurze Zeit andauern und dadurch die<br />

Wärmekunden nichts von den Wartungsarbeiten<br />

merken. In den anderen acht Dörfern<br />

werden die Wärmekunden über E-Mail oder<br />

postalisch informiert. Aber auch hier ist die<br />

Aussage der Betreiber einheitlich: Es gibt<br />

kaum bis keine Beeinträchtigungen in den<br />

Zeiten der Wartung.<br />

Keine großen Probleme mit dem<br />

Nahwärmenetz<br />

Die Betreiber beschreiben die Nahwärmenetze<br />

als nicht sehr wartungsintensiv.<br />

Probleme treten meist am Anfang der Inbetriebnahme<br />

auf, später dann seltener. In der<br />

nachfolgenden Übersicht sind die genannten<br />

Probleme im Zusammenhang mit dem<br />

Nahwärmenetz aufgelistet:<br />

ffAnfangs Filter verstopft<br />

ffFalsches Material im Wärmetauscher,<br />

jetzt gegen Edelstahlplattenwärmetauscher<br />

ausgetauscht<br />

ffBagger hat Nahwärmenetz herausgerissen<br />

ffEinige Wärmetauscher mussten gereinigt<br />

werden<br />

ffBruch eines Einmalkugelhahns<br />

ffEinmal eine Pumpe am Eingang ins<br />

Nahwärmenetz gewechselt<br />

ffLeckage im Nahwärmenetz, 300 Liter<br />

Wasserverlust, Leck mit Wärmebildkamera<br />

gefunden<br />

ffIn einem Einfamilienhaus gab es im<br />

Estrich eine Undichtigkeit im Direkt-<br />

Rohrleitungssystem, dieses ist erst nach<br />

deutlichem Wasseraustritt entdeckt<br />

worden. Jetzt sind Wärmetauscher in<br />

drei Häusern verbaut worden – keine<br />

Probleme mehr.<br />

Wärmerohrleitungen haben bei ordnungsgemäßer<br />

Verschweißung, Verlegung und<br />

Wartung eine Lebensdauer von mehreren<br />

Jahrzehnten. Hersteller geben oft 30 bis<br />

50 Jahre, manche sogar darüber hinaus an.<br />

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass die<br />

Betreiber der Bioenergiedörfer die Nahwärmenetze<br />

über einen unter der Lebensdauer<br />

liegenden, kürzeren Zeitraum abschreiben.<br />

Abbildung 4 zeigt, dass in den meisten Dörfern<br />

die gewählte Abschreibungsdauer zwischen<br />

20 und 30 Jahren liegt.<br />

Eine repräsentative Befragung der Wärmekunden<br />

ist im Rahmen dieser Studie nicht<br />

durchgeführt worden. Im Rahmen der Interviews/Fragebogen<br />

sind die Betreiber (Bürgermeister,<br />

Ortsvorsteher, Hauptakteure<br />

des Projektes) nach der Zufriedenheit der<br />

Wärmekunden befragt worden. Die Frage<br />

wurde in allen Fällen mit ja, sehr zufrieden<br />

oder zufrieden beantwortet. Nachfolgend<br />

sind einige Blitzlichter aus den Antworten<br />

wiedergegeben:<br />

ffTrotz des niedrigen Ölpreises große<br />

Zufriedenheit, da in der Vergangenheit<br />

schon viel gespart wurde.<br />

ffZufrieden, weil die Nahwärme bequem<br />

ist: „Wir brauchen uns um nichts zu<br />

kümmern“.<br />

75<br />

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Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Abbildung 5: Jährliche Gesamtkosten für die Nahwärmeversorgung in den Bioenergiedörfern im Vergleich zu den Heizkosten<br />

bei Wärmeerzeugung im eigenen Heizölkessel in 2011 (blaue Säulen) und 2016 (rote Säulen)<br />

Euro<br />

4.500<br />

Vollkosten Öl 2011 = 4.422 Euro<br />

4.000<br />

3.500<br />

Vollkosten Öl 2016 = 3.370 Euro<br />

3.000<br />

2.500<br />

2.000<br />

1.500<br />

1.000<br />

500<br />

0<br />

Dorf A<br />

Dorf B<br />

Dorf B2<br />

Quelle: Karpenstein-Machan<br />

Dorf C*<br />

Dorf E<br />

Dorf F<br />

Dorf G<br />

Dorf H*<br />

Dorf I1<br />

Dorf I2<br />

Jahr 2011<br />

Dorf J<br />

Dorf K<br />

Dorf L<br />

Dorf M<br />

Jahr 2016<br />

Dorf N<br />

Dorf O1<br />

Dorf O2<br />

Dorf P<br />

Dorf Q<br />

Dorf R<br />

Dorf S*<br />

Dorf T<br />

Dorf U<br />

Blaue Linie: Vollkosten für fossile Wärmeversorgung in 2011. Orange Linie: Vollkosten für die fossile Wärmeversorgung in 2016<br />

ffZufrieden, wir haben jedes Jahr drei bis<br />

fünf neue Wärmekunden.<br />

ffSehr zufrieden, es gab keinen Tag mit<br />

Störungen.<br />

ffWeitgehend zufrieden, es wird aber auch<br />

gemurrt wegen des niedrigen Ölpreises.<br />

Nahwärme immer noch günstiger<br />

als Ölheizung<br />

Bereits in 2011 wurden die Gesamtkosten<br />

der Nahwärme im Vergleich zur fossilen<br />

Wärmeerzeugung im eigenen Haus mit einem<br />

eigenen Ölkessel verglichen. Die Befragung<br />

zu den Wärmepreisen wurde 2016<br />

wiederholt. In die Vollkostenrechnung der<br />

Nahwärmeversorgung wurden der Grundpreis<br />

und der Arbeitspreis, die Anschlussgebühr,<br />

die Einlage in die Gesellschaft sowie<br />

die kalkulatorischen Zinsen für Anschlussgebühr<br />

und Einlage in die Gesellschaft berücksichtigt.<br />

Es wurde von einem durchschnittlichen<br />

Wärmeverbrauch pro Jahr von 30.000 Kilowattstunden<br />

ausgegangen. In 2011 betrugen<br />

die Gesamtkosten für den Nahwärmebezug<br />

zwischen 500 Euro und 3.763 Euro.<br />

Die sehr niedrigen Gesamtkosten von 500<br />

Euro bis 1.400 Euro im Jahr sind in den<br />

Dörfern zu verzeichnen, in denen entweder<br />

die Wärme auf einen Zeitraum von 20 Jahre<br />

verschenkt wird und die Wärmekunden lediglich<br />

eine hohe Anschlussgebühr bezahlt<br />

haben oder der Wärmepreis 70 Prozent des<br />

Gaspreises beträgt oder nur ein niedriger<br />

Wärmepreis vereinbart wurde und keine<br />

weiteren Anschlussgebühren zu bezahlen<br />

waren.<br />

In diesen Dörfern besteht allerdings kein<br />

Anspruch auf Vollversorgung mit Wärme<br />

durch die Betreiber der Anlage, sodass<br />

eventuell notwendige Spitzenlasten durch<br />

die Wärmekunden selbst bereitgestellt<br />

werden müssen. Da diese Biogasanlagenbetreiber<br />

keine redundanten Anlagen zur<br />

Wärmeversorgung betreiben, können sie die<br />

Wärme sehr günstig bereitstellen. Im Mittel<br />

aller 20 Bioenergiedörfer lagen die Kosten<br />

für die Nahwärmeversorgung im Jahr 2011<br />

bei 2.278 Euro pro Jahr inklusive Mehrwertsteuer.<br />

Beim Vergleich mit einer Ölzentralheizung<br />

müssen hier die Anschaffungskosten für<br />

eine Ölheizung, das Öllager, Schornsteinfegergebühren<br />

sowie Reparatur und Wartung<br />

bei den Fixkosten berücksichtigt werden.<br />

Unter Einbeziehung des Ölpreises (Stand<br />

2011: 85 Cent pro Liter inkl. MwSt.) und<br />

des Wirkungsgradverlustes bei eigener<br />

Heizung kommt man zu jährlichen Gesamtkosten<br />

für eine Ölzentralheizung, die<br />

2011 bei 4.320 Euro lagen. Die Nahwärme<br />

war damit im Mittel um 48 Prozent günstiger.<br />

In 2016 sind die Gesamtkosten für<br />

die Nahwärme durchschnittlich um 9 Prozent<br />

angestiegen und liegen im Mittel aller<br />

Dörfer bei 2.482 Euro inklusive Mehrwertsteuer<br />

(siehe Abbildung 5). Im Vergleich zu<br />

einer mit Öl befeuerten Heizung liegen die<br />

Wärmegestehungskosten bei 3.370 Euro.<br />

Die Nahwärmeversorgung ist 2016 immer<br />

noch um 25 Prozent günstiger als die Ölheizung,<br />

trotz eines deutlich gesunkenen<br />

Ölpreises, der mit 0,51 Euro pro Liter (inklusive<br />

Mehrwertsteuer) in die Berechnung<br />

eingeflossen ist.<br />

Hinweis: Im Biogas Journal 2_17 lesen Sie<br />

in Ergänzung zu diesem Artikel ein Interview<br />

mit Gunter Brandt von der Gesellschaft<br />

für umweltfreundliche Technologien (GUT)<br />

e.V. Darin schildert er seine Erfahrungen mit<br />

Nahwärmenetzen.<br />

Autorin<br />

PD Dr. Marianne Karpenstein-Machan<br />

Universität Göttingen<br />

Interdisziplinäres Zentrum für Nachhaltige Entwicklung<br />

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76


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Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

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77


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Welcher Maissortentyp für<br />

die Biogasanlage?<br />

Mais hat sich in den letzten Jahren zum wichtigsten Co-Substrat in Biogasanlagen mit<br />

nachwachsenden Rohstoffen entwickelt. Aktuell wird in Deutschland eine Anbaufläche von<br />

rund 900.000 Hektar mit einem Marktwert von etwa 1,35 Milliarden Euro zur Biogasproduktion<br />

genutzt. Die Bereitstellung von kostengünstigem Substrat ist essentiell für einen<br />

wirtschaftlichen Betrieb von Biogasanlagen. Das heißt, es sind Maissorten mit einer hohen<br />

Ertragsleistung und einer hohen spezifischen Biogasausbeute gefordert.<br />

Von Jürgen Rath, Antje Herrmann, Hauke Heuwinkel, Vasilis Dandikas und Fabian Lichti<br />

Aufgrund einer immer notwendiger werdenden<br />

ökonomisch und ökologisch effizienten<br />

Biogasproduktion wird die Bewertung<br />

der Ertragsleistung sowie der spezifischen<br />

Biogasausbeute weiter an Bedeutung gewinnen.<br />

Die spezifische Biogasausbeute (BGA) für Mais<br />

zeigte bis zum Jahr 2007 eine relativ große Variation<br />

von 459 bis 938 Normliter (l N<br />

) kg -1 organischer Trockenmasse<br />

(oTM), die unter anderem auf unterschiedliche<br />

Aufbereitungsformen (getrocknet-unsiliert,<br />

siliert, gehäckselt bis vermahlen) der Maispflanzen<br />

zurückzuführen ist. Erste Ansätze zur Schätzung der<br />

Biogasausbeute (Baserga, 1998; Keymer & Schilcher,<br />

1999; Amon, 2007; Kaiser, 2007) kamen zu widersprüchlichen<br />

Aussagen hinsichtlich der Bedeutung<br />

Foto: fotolia_atoss<br />

einzelner Inhaltsstoffe bzw. Futterqualitätsparameter<br />

für die Konversion in der Biogasanlage.<br />

In der Folge entstand eine kontroverse Diskussion zur<br />

Frage der Bedeutung des Kolbens bzw. der Gesamtmasse<br />

in der Bewertung von Maissorten für die Biogasnutzung.<br />

Auch die Frage der Notwendigkeit getrennter<br />

Züchtungsprogramme für die Biogaserzeugung bzw.<br />

den Einsatz in der Fütterung von Wiederkäuern wurde<br />

thematisiert. Als Referenzmethode zur Messung<br />

des Potenzials der Biogasausbeute von Substraten im<br />

Labor ist der Batchversuch ein sehr zeit- und kostenintensives<br />

Verfahren. Züchtungsunternehmen benötigen<br />

jedoch Verfahren, die mit wenig Aufwand frühzeitig<br />

eine Selektion interessanter Genotypen für den Landwirt<br />

ermöglichen.<br />

Kooperationsprojekt<br />

Diese unbefriedigende Situation führte dazu, dass in<br />

der Arbeitsgruppe Züchtung des Deutschen Maiskomitees<br />

ein Projekt initiiert wurde mit den Zielen, (i) mögliche<br />

Sortenunterschiede in der BGA zu quantifizieren,<br />

(ii) den Zusammenhang zwischen BGA und einzelnen<br />

Inhaltsstoffen bzw. Qualitätsparametern von Silomais<br />

zu analysieren sowie (iii) daraus ein Modell zur Schätzung<br />

der potenziellen BGA abzuleiten, was dann (iv)<br />

die Charakterisierung eines Mais-Idiotyps zur Biogasnutzung<br />

ermöglicht. An einem unabhängigen Datensatz<br />

sollten das zu entwickelnde Modell sowie weitere<br />

in der Literatur verfügbare theoretisch (Baserga, 1998;<br />

Keymer & Schilcher, 1999; Weißbach, 2010) bzw.<br />

empirisch abgeleitete Schätzmodelle (Kaiser, 2007)<br />

validiert werden. Hierzu wurden in den Jahren 2007<br />

bis 2009 und 2013 bundesweit Feldversuche an bis zu<br />

19 Standorten durchgeführt (Abbildung 1). In den Versuchen<br />

standen zwischen 35 und 49 Maisgenotypen,<br />

die zum Teil zu zwei verschiedenen Terminen beerntet<br />

wurden. Damit wurde eine breite genetische und umweltbedingte<br />

Variation bei Inhaltsstoffen, Futterqualitätsparametern<br />

und BGA sichergestellt.<br />

78


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

Feldversuche und Probenschemata 2007-2009. 2013-<br />

Zeitschrift „mais“, Biogasjournal<br />

Abbildung 1: Versuchsdesign und Vorgehensweise bei Probennahme und -aufbereitung<br />

Material und Methoden<br />

4 Jahre (2007-2009; 2013) Feldversuche; 14 bis 19 Orte; 1 bis 2 Erntetermine<br />

Aufbau einer Varianz (Genotyp * Umwelt) zur Abdeckung der Variation von BGA, Inhaltsstoffen und<br />

Umwelteffekten auf Maisgenotypen<br />

Methoden- und Modellentwicklung 2007/2008<br />

49/42 Hybriden; 18/17 Orte<br />

Validierung 2009<br />

35 Hybriden; 14 Orte<br />

Validierung 2013<br />

40 Hybriden; 19 Orte<br />

Inhaltsstoffanalyse über NIRS<br />

2007 dezentral; 2008 - 2013 zentral<br />

2007: 1.439<br />

2008: 1.188<br />

2009: 856<br />

2013: 595<br />

Mischproben;<br />

Mischproben;<br />

Mischproben;<br />

Mischproben;<br />

Selektion von 263<br />

Selektion von 166<br />

Selektion von 134<br />

Selektion von 160<br />

Proben<br />

Proben<br />

Proben<br />

Proben<br />

Batch-Test mit 2-Liter-Fermenter; 3 Labor-Wdh.<br />

Inokulum und Monitoring des Prozesses (mikrokristalliner Cellulose + “Standardmais“)<br />

Die Datensätze der Jahre 2007 und 2008 dienten einerseits<br />

methodischen Optimierungen im Referenzlabor<br />

und andererseits der Entwicklung eines Modells zur<br />

Schätzung der BGA aus Inhaltsstoffen. Eine Validierung<br />

der Schätzfunktion wurde anhand der Datensätze<br />

aus 2009 und 2013 vorgenommen; ergänzend mittels<br />

einer weiteren Versuchsserie 2014.<br />

Die Inhaltsstoffe und Futterqualitätsparameter aller<br />

Proben wurden mittels Nah-Infrarot-Reflexions-Spektroskopie<br />

(NIRS) zentral erfasst. Auf Basis dieser Ergebnisse<br />

wurden Teildatensätze selektiert, die jeweils<br />

die gesamte Variation in der Probenqualität eines<br />

Jahres repräsentierten. Die Bestimmung der BGA erfolgte<br />

jeweils an diesen Teildatensätzen im Batchtest-<br />

Verfahren am Institut für Landtechnik und Tierhaltung<br />

(ILT) der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft<br />

(LfL). Der Batchanalytik ist dabei mit Blick auf das Ziel<br />

der Studie große Aufmerksamkeit gewidmet worden.<br />

Die Präzision und Wiederholbarkeit des Batch-Test-<br />

Verfahrens konnte deutlich verbessert werden.<br />

Ein Parameter reicht nicht aus<br />

Die Analysen der Inhaltsstoffe und Futterqualitätsparameter<br />

dokumentieren im Datensatz 2008 eine breite<br />

Abbildung 2: Multiple lineare Regressionsgleichung zur Schätzung<br />

der spezifischen Biogasausbeute (BGA), nach Rath et al. (2014)<br />

BGA (l N<br />

/ kg oTM) = 106,41 – 64,24 ADL + 33,89 HCEL +<br />

97,15 XL – 28,45 XZ<br />

ADL: Lignin, HCEL: Hemicellulose, XL: Rohfett, XZ:<br />

reduzierende Zucker; alle Inhaltsstoffe in % der TM<br />

Variabilität. Zwischen den geprüften Maisgenotypen<br />

konnte über die sechs Standorte eine Spannweite von<br />

665 bis 747 (∆ 82) l N<br />

kg -1 oTM festgestellt werden. Von<br />

den Zellinhaltsstoffen zeigten Rohfett (XL) und Stärke<br />

(XS) eine signifikant positive Korrelation zur BGA (Tabelle<br />

1).<br />

Lignin (ADL) wies die höchste signifikant negative Beziehung<br />

zur BGA auf, während die weiteren Zellwandbestandteile<br />

(NDF, ADF, Cellulose, Hemicellulose)<br />

durch eine tendenziell negative Beziehung zur BGA<br />

charakterisiert waren. Die Enzymlösbare organische<br />

Substanz (ELOS) sowie die Umsetzbare Energie (ME)<br />

zeigten hingegen eine signifikant positive Beziehung<br />

zur BGA. Es konnte jedoch kein Inhaltsstoff bzw. Futterqualitätsparameter<br />

alleine (monokausal) die beob-<br />

79


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Abbildung 3: Validation der entwickelten multiplen linearen Regressionsfunktion sowie<br />

verschiedener anderer Schätzmodelle sowie deren Vorhersagegüte<br />

800<br />

750<br />

Baserga r = 0,20 m = 0,00 p = 0,11<br />

Weissbach r = 0,15 m = 0,03 p = 0,21<br />

Rath r = 0,48 m = 0,47 p < 0,01<br />

Kaiser r = 0,21 m = 0,02 p = 0,10<br />

Keymer § Schilcher r = 0,24 m = 0,01 p = 0,05<br />

geschätzte BGA (I N<br />

kg -1 oTM)<br />

700<br />

650<br />

600<br />

550<br />

500<br />

500 550 600 650 700 750 800<br />

beobachtete BGA (I N<br />

kg -1 oTM)<br />

2009: 27 Genotypen, 1-5 Standorte, n = 66.<br />

r = Korrelationskoeffizient<br />

m = Steigung der Regressionsfunktionen<br />

p = Signifikanzniveau<br />

grau = Winkelhalbierende<br />

Schätzmodell BIAS RMSEP RMSEP(c) Spannweite<br />

Baserga 82 96 49 6<br />

Weißbach -21 53 49 51<br />

Rath -78 92 50 247<br />

Kaiser -121 130 49 21<br />

Keymer & Schilcher -127 136 49 11<br />

BIAS: Systematische Abweichung<br />

RMSEP: Mittlerer Vorhersagefehler<br />

RMSEP(c): Mittlerer Vorhersagefehler korrigiert um die systematische<br />

Abweichung<br />

80


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

achtete Variation der BGA in ausreichendem Umfang<br />

erklären. Der nächste Schritt bestand folglich darin,<br />

eine multiple lineare Regression zur Schätzung der<br />

BGA über eine Kombination von Zellinhaltsstoffen,<br />

Zellwandbestandteilen und Futterqualitätsparametern<br />

zu entwickeln.<br />

Multipler Ansatz notwendig<br />

Es konnte ein Multiples-Lineares-Regressions (MLR)-<br />

Modell von hoher statistischer Güte mit einem korrigierten<br />

multiplen Bestimmtheitsmaß von R² = 0,78,<br />

bei einem Signifikanzniveau von p


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Tabelle 1: Monokausale Korrelation von Inhaltsstoffen und<br />

Futterqualitätsparametern zur spezifischen Biogasausbeute<br />

(BGA; l N<br />

kg -1 oTM)<br />

Parameter<br />

Korrelations -<br />

koeffizient (r)<br />

Trockensubstanzgehalt % (TS) 0,41<br />

Rohprotein 1 in % der TM (XP) 0,03<br />

Rohfett 1 (XL) 0,66**<br />

Stärke 1 (XS) 0,52*<br />

Reduzierende Zucker 1 (XZ) -0,45<br />

Rohfaser 1 (XF) -0,48<br />

Neutral-Detergenzien-Faser 1 (NDF) -0,47<br />

Säure-Detergenzien-Faser 1 (ADF) -0,49<br />

Hemicellulose 1 (HCEL) -0,37<br />

Cellulose 1 (CEL) -0,46<br />

Säure-Detergenzien-Lignin 1 (ADL) -0,70**<br />

Enzymlösbare organische Substanz 1 (ELOS) 0,50*<br />

In-vitro-Verdaulichkeit der organische Masse 1 (IVDOM) 0,50*<br />

Enzymunlösbare organische Substanz 1 (EULOS) -0,51*<br />

Umsetzbare Energie (ME) 0,61*<br />

1<br />

in % der TM; * = p


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

Globalstrahlung in der Einlagerungs- und Abreifephase. Bedingt<br />

hierdurch war der Datensatz zur Validierung nicht orthogonal über<br />

Standorte, Sorten und Erntetermine strukturiert. Die Bewertung<br />

der Modellgüte erfolgte aus diesem Grund auf Basis einer Einzelwertbetrachtung<br />

(Genotyp × Standort = EW) und demzufolge<br />

konträr zum Vorgehen bei der Erstellung der MLR, die auf Genotyp-<br />

Mittelwerten über Standorte (MW) beruht.<br />

In die Validierung wurden zudem vier schon publizierte Modelle<br />

zur Abschätzung der Biogasbildung herangezogen. Als zentrales<br />

Ergebnis kann festgehalten werden, dass alle fünf geprüften Modelle<br />

eine positive Korrelation (r = 0,15 bis r = 0,48) zwischen<br />

gemessener und geschätzter BGA aufweisen, dass jedoch kein<br />

Modell vollständig überzeugte (siehe Abbildung 3).<br />

Der Batchtest ergab eine mittlere BGA von 712 l N<br />

kg -1 oTM mit<br />

einer Standardabweichung (SD) von 50 l N<br />

kg -1 oTM. Die vorhandene<br />

Spannweite der Maisproben im Batchtest von 214 l N<br />

kg -1 oTM<br />

wurde durch das eigene Modell leicht vergrößert (+ 15 Prozent),<br />

während diese von den anderen Modellen auf 51 bis 6 l N<br />

kg -1 oTM,<br />

mit einer Steigung (m) nahe null, reduziert wurde. Neben der Korrelation,<br />

der Steigung und der Abbildung der Spannweite ist die<br />

Frage der systematischen Verzerrung (Über- bzw. Unterschätzung;<br />

BIAS) und der Präzision (zufälliger Fehler; RMSEP) zu beachten.<br />

So zeigt das Modell nach Baserga eine mittlere systematische<br />

Überschätzung von 82 l N<br />

kg -1 oTM mit einem zufälligen Fehler von<br />

96 l N<br />

kg -1 oTM und einer massiven Einengung der Spannweite auf<br />

6 l N<br />

kg -1 oTM. Dagegen weist das Modell nach Weißbach eine leicht<br />

verbesserte Wiedergabe der Spannweite auf. Die Ansätze von Keymer<br />

& Schilcher sowie Kaiser zeigen hingegen einen hohen BIAS<br />

und einen hohen Fehler in der Präzision bei gleichzeitig deutlich<br />

eingeschränkter Wiedergabe der genetischen Spannweite.<br />

Eine Abbildung der sortenspezifischen Unterschiede in der BGA<br />

ist mit den bisherigen Schätzmodellen aus der Literatur folglich<br />

nicht möglich. Diese Aussage konnte durch weitere Validierungen<br />

am Kalibrationsdatensatz 2008 und Versuchsserien in den Jahren<br />

2013 und 2014 bestätigt werden. Nur das MLR-Modell war in der<br />

Lage, Unterschiede in der Qualität quantitativ weitgehend korrekt<br />

einzuordnen.<br />

Fehlereinschätzung Robustheit<br />

Das MLR-Modell zur Schätzung der BGA zeigte in der Validation<br />

am Datensatz 2009 eine mittlere Korrelation (r = 0,48) zum<br />

Batch-Test mit einer mittleren Steigung (m = 0,47) und einem<br />

Signifikanzniveau von p


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Sortenprüfungen für Biogas!<br />

Mais ist das wichtigste Substrat in Biogasanlagen mit nachwachsenden Rohstoffen. Die<br />

Maiszüchtung stellt zunehmend spezifisch für die Nutzungsrichtung Biogas selektiertes Sortenmaterial<br />

zur Verfügung. Unternehmensübergreifend werden seit 2014 Versuche zur Bewertung<br />

der Eignung von Maissorten für die Biogasproduktion durchgeführt. Die Ergebnisse<br />

dieser Versuche kann der Landwirt und Biogasanlagenbetreiber ab Dezember 2016 im Portal<br />

„Biogas-Sorten.de“ zur Optimierung seiner Sortenwahl für Mais in der Nutzungsrichtung Biogas<br />

aktiv nutzen.<br />

Es werden nur Sorten geprüft, die über die nationale Wertprüfung in Deutschland zugelassen<br />

wurden, in der EU-Biogassortenprüfung (EUB) überdurchschnittliche Leistungen gezeigt<br />

haben oder sich beim Landwirt bereits als Biogasmais bewährt haben. Die Darstellung der<br />

Ergebnisse erfolgt nach Anbaugebieten und weitergehenden Zusammenfassungen regional<br />

und/oder überregional (Großraum) bzw. bundesweit.<br />

Tabelle 3: Standardfehler des Mittelwertes (S.E) in Prozent (%) und absolut<br />

(abs.) für ausgewählte Abreife-, Ertrags-, Inhaltsstoffe- und Bewertungsparameter<br />

für den Wiederkäuer bzw. die Biogasanlage 2007, 2008 und 2013 der<br />

geprüften Maisgenotypen (Basis Genotyp × Standort; n = 407); (Rath, 2015)<br />

Parameter S.E % S.E abs.<br />

Trockenmasseertrag dt ha -1 (GTM) 2,01 4,31<br />

Trockensubstanzgehalt % (TS) 1,49 0,52<br />

Stärkegehalt % der TM (XS) 2,49 0,86<br />

Stärkeertrag dt ha -1 (XSHA) 3,25 2,41<br />

Umsetzbare Energie MJ kg -1 TM (ME) 0,62 0,07<br />

Energieertrag GJ ha -1 (NELGJ) 2,22 3,02<br />

Biogasausbeute l N<br />

kg -1 oTM (BGA; Batchtest) 3,14 22,1<br />

Biogasausbeute l N<br />

kg -1 oTM (pBGA; MLR-Modell) 2,02 12,1<br />

Silomais unter anderem anhand einer geschätzten<br />

Verdaulichkeit basierend auf einer enzymatischen Invitro-Methode,<br />

die im Labor wesentlich einfacher zu<br />

standardisieren ist.<br />

Der Standardfehler des Mittelwertes (S.E) für die vorhergesagte<br />

BGA (pBGA) beträgt 2 Prozent und liegt erwartungsgemäß<br />

über dem Niveau des S.E der Umsetzbaren<br />

Energie (ME), aber unter dem des Stärkegehaltes<br />

(XS) (Tabelle 3). Für die Schätzung der ME für Silomais<br />

kann eine geringere Differenzierung der Genotypen und<br />

damit ein geringerer S.E unterstellt werden, da in der<br />

Entwicklung des Modells – im Gegensatz zur Biogasformel<br />

– reine Restpflanzen, Ganzpflanzen und reine<br />

Körner eingeflossen sind.<br />

Die ME-Formel ist zur „Schätzung des Energiegehaltes<br />

von Maisernteprodukten in der Rinder- und Schweinefütterung“<br />

entwickelt worden und nicht spezifiziert für<br />

den „engeren“ Bereich der gehäckselten Ganzpflanze.<br />

Es liegt also beim Anwender, wie er diese Schätzformel<br />

einsetzt und die Ergebnisse interpretiert. Grundsätzlich<br />

gilt, dass die Anwendung von Formeln, die auf Basis<br />

empirischer Daten entwickelt wurden, naturgemäß<br />

auf den Wertebereich des Ursprungsdatensatzes eingeschränkt<br />

ist. Eine Extrapolation kann zu einem deutlich<br />

höheren Schätzfehler führen.<br />

Es konnte aus dem Gesamtdatensatz ergänzend abgeleitet<br />

werden, dass es einen hohen Beitrag der Umwelt<br />

(Standort, Witterung etc.) auf die Inhaltsstoffmatrix<br />

von Mais gibt. Dies gilt jedoch unabhängig von der Biogasbewertung<br />

auch für die anderen bereits genutzten<br />

Parameter, zum Beispiel der näherungsweise geschätzten<br />

Verdaulichkeit (ELOS) in der Beratung für den Wiederkäuer.<br />

Eine Steigerung der Präzision und Minimierung<br />

der systematischen Unter- bzw. Überschätzung<br />

von allen Inhaltsstoffparametern und abgeleiteten Zielgrößen<br />

wie der ME bzw. BGA lässt sich nur durch eine<br />

möglichst hohe Anzahl von Standorten (Umwelten) in<br />

der Mittelwertbildung erreichen.<br />

Fazit: Die Einführung eines getrennten nationalen Zulassungs-<br />

und Prüfsystems für Biogasmais gegenüber<br />

Futtermais wäre sowohl aus Sicht der Züchtung als<br />

auch aus der des Landwirtes und des Betreibers von<br />

Biogasanlagen folgerichtig. Nur durch die Berücksichtigung<br />

der spezifischen pflanzenphysiologischen Wirkung<br />

auf Ertragsbildung und Qualität kann zukünftig<br />

eine breitere genetische Sortenvielfalt mit höherem<br />

nutzungsspezifischem Leistungspotenzial, verbunden<br />

mit positiven Effekten auf die Nachhaltigkeit bzw. Ökoeffizienz,<br />

zur Verfügung stehen.<br />

Der Landwirt könnte je nach Betriebstyp (Biogas,<br />

Milchvieh, Mast, Kombination) und Leistungsfähigkeit<br />

seines Standortes die entsprechende Sortenwahl<br />

vornehmen. Ungeachtet hiervon ist in weiteren Validationsexperimenten<br />

und zur Weiterentwicklung der<br />

MLR das entstehende neue genetische Material für<br />

die Nutzungsrichtung Biogas zu integrieren, um stetig<br />

bei Anwendung innerhalb der Grenzen des Modells zu<br />

bleiben.<br />

Hinweis: Die Ergebnisse wurden im Detail in<br />

wissenschaftlichen Zeitschriften publiziert.<br />

Autoren<br />

Dr. Jürgen Rath<br />

Deutsches Maiskomitee e.V. (DMK)<br />

53119 Bonn<br />

Tel. 02 28/92 658 11<br />

E-Mail: j.rath@maiskomitee.de<br />

Prof. Dr. Antje Herrmann<br />

Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung<br />

Grünland und Futterbau/Ökologischer Landbau<br />

CAU Kiel<br />

Prof. Dr. Hauke Heuwinkel<br />

Fakultät für Land- und Ernährungswirtschaft<br />

Hochschule Weihenstephan-Triesdorf<br />

Vasilis Dandikas und Dr. Fabian Lichti<br />

Institut für Landtechnik und Tierhaltung<br />

AG Wirtschaftsdüngermanagement und Biogastechnologie<br />

Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft, Freising<br />

84


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Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

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85


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Futtergräser: Lässt sich deren Effizienz<br />

als Biomasselieferant steigern?<br />

Foto: Dr. Bernhard Ohnmacht<br />

4-Schnittvariante<br />

(Parzellen im Vordergrund)<br />

und 2-Schnittvariante<br />

(Parzellen im<br />

Hintergrund).<br />

In einem groß angelegten Verbundprojekt haben sich Züchter, Wissenschaftler und ein<br />

Anlagenbauer zusammengefunden, um die Produktlinie Futtergräser als Biomasselieferant<br />

zu optimieren. Die Ergebnisse sind auch für den Biogas-Landwirt interessant.<br />

Von Dr. Bernhard Ohnmacht<br />

Der zunehmende Einsatz von Kraftfutter zur<br />

Sicherstellung einer hohen Milchleistung<br />

führt zu einem Rückgang der Tierhaltung auf<br />

den klassischen Grünlandstandorten wie<br />

den Mittelgebirgen. Bereits heute werden<br />

etwa 25 Prozent der Grünlandstandorte nicht mehr zur<br />

Erzeugung von Grundfutter benötigt. Eine Verordnung<br />

der Europäischen Union (EU-VO 1307/2013) fordert jedoch<br />

im Rahmen des Greenings Landbewirtschaftungsmethoden,<br />

die dem Klima- und Umweltschutz förderlich<br />

sind, was ein Umbruchverbot für Dauergrünland,<br />

Wiesen und Weiden mit einschließt.<br />

Folglich müssen alternative Möglichkeiten zur Verwertung<br />

der Grünlandaufwüchse gefunden werden. Zur Sicherstellung<br />

der weiteren Bewirtschaftung der Flächen<br />

stellt die Erzeugung von Biomasse zur energetischen<br />

Verwertung eine sinnvolle Alternative dar. Grassilagen<br />

sind derzeit mit einem Anteil von über 10 Prozent das<br />

zweithäufigste Substrat, das in Biogasanlagen eingesetzt<br />

wird. Diese Silagen sind eine sinnvolle Ergänzung<br />

zur Maissilage, die einen Anteil von über 70 Prozent<br />

hält. Es werden also in Zukunft Sorten und Erntesysteme<br />

für verschiedene Grasarten benötigt, die gleichmäßig<br />

hohe Erträge als nachwachsender Rohstoff für die<br />

Energiegewinnung liefern.<br />

In einem umfangreichen Forschungsprojekt arbeiteten<br />

drei Züchtungsunternehmen, zwei Forschungsinstitute<br />

sowie ein Anlagenbauer zusammen. Es wurde die gesamte<br />

Produktionskette der Futtergräser von der Züchtung<br />

bis zum Einsatz in der Biogasanlage mit einbezogen,<br />

um Ansätze für eine Optimierung zu finden. Dabei<br />

wurden neue Wege in der Zuchtmethodik, ein Modellansatz<br />

zur Bestimmung des optimalen Schnittzeitpunktes,<br />

Alternativen im Düngungsmanagement und der<br />

Schnitthäufigkeit sowie der Einsatz von Futtergräsern<br />

in der Biogasanlage untersucht.<br />

In einem dreijährigen Feldversuch an vier Standorten<br />

wurden neun Grasarten mit insgesamt elf Sorten der<br />

mittleren Reifegruppe geprüft. Nach einem späten Aussaattermin<br />

2010 wurden die ersten beiden Hauptnutzungsjahre<br />

und nach einer frühen Aussaat 2012 das<br />

erste Hauptnutzungsjahr ausgewertet. Dazu wurde eine<br />

übliche 4-Schnittvariante mit einer Variante verglichen,<br />

bei der die Zahl der Schnitte auf zwei und der Einsatz<br />

des Stickstoffdüngers um ein Drittel reduziert wurden.<br />

Die Ermittlung des Gasbildungspotenzials erfolgte nach<br />

den Empfehlungen der VDI-Richtlinie 4630 – Vergärung<br />

organischer Stoffe. Über einen Zeitreihenernteversuch<br />

wurde am Beispiel von Deutschem Weidelgras ein mathematisches<br />

Modell entwickelt, um den für die Biogasproduktion<br />

optimalen Schnittzeitpunkt zu bestimmen.<br />

Spezifische Methanausbeute vs.<br />

Biomasseertrag<br />

Die spezifische Methanausbeute, das heißt der Methanertrag<br />

in Normliter (l N<br />

) bezogen auf 1 Kilogramm<br />

(kg) organische Trockensubstanz (oTS), wies vergleichsweise<br />

geringe Unterschiede zwischen den Arten beziehungsweise<br />

Sorten auf. Die mittlere Methanausbeute<br />

der untersuchten Sorten lag bei der 4-Schnittvariante in<br />

allen drei Versuchsjahren bei etwa 317 l N<br />

/kg oTS mit einer<br />

Spannweite von rund 30 l N<br />

/kg oTS zwischen der bes-<br />

86


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

Abbildung 1: Abhängigkeit der Methanausbeute und des Methanertrages vom Trockenmasseertrag im 1. Hauptnutzungsjahr<br />

Methanausbeute [l N<br />

/kg TS]<br />

500<br />

400<br />

300<br />

200<br />

100<br />

Methanausbeute<br />

y = -29,762x + 322,6<br />

R 2 = 0,3616<br />

y = -19,624x + 342,55<br />

R 2 = 0,3612<br />

0<br />

0,500 1,000 1,500 2,000<br />

Trockenmasseertrag [kg / m 2 ]<br />

Methanertrag [m 3 N /ha]<br />

6000<br />

5000<br />

4000<br />

3000<br />

2000<br />

1000<br />

Methanertrag<br />

y = 2898,6x + 287,63<br />

R 2 = 0,981<br />

y = 2680,3x + 233,26<br />

R 2 = 0,9814<br />

0<br />

0,500 1,000 1,500 2,000<br />

Trockenmasseertrag [kg / m 2 ]<br />

4-Schnitt<br />

2-Schnitt<br />

Mittelwerte der 10 Sorten über 4 Orte, Gesamtertrag der Schnitte 1-4 bzw. 1-2.<br />

ten und der schlechtesten Sorte. Einen großen Einfluss<br />

hatte der Schnitttermin. In der reduzierten Variante mit<br />

nur zwei Schnitten, also bei verzögertem Schnitttermin,<br />

sank die mittlere Methanausbeute auf 290 bis 270 l N<br />

/kg<br />

oTS mit einer Spannweite von 40 bis 50 l N<br />

/kg oTS. Der<br />

Biomasseertrag je Hektar (Methanausbeute x Trockenmasseertrag/ha)<br />

ist im Vergleich zur Methanausbeute<br />

der weitaus bedeutendere Faktor, um hohe Methanhektarerträge<br />

zu erzielen (Abbildung 1).<br />

Für die energetische Nutzung kann der Bestand später<br />

als zum für die Futtergewinnung üblichen Zeitpunkt zu<br />

Beginn des Ährenschiebens geschnitten werden, solange<br />

der Massezuwachs des Bestandes die zunehmende<br />

Verholzung durch Lignineinlagerung übertrifft. Der optimale<br />

Schnittzeitpunkt kann über einen mathematischen<br />

Modellansatz bestimmt werden.<br />

Zur Ermittlung der spezifischen Methanausbeute der<br />

untersuchten Gräser sind keine aufwändigen und damit<br />

teuren Batchversuche nach der VDI-Richtlinie 4630 erforderlich,<br />

weil sich gezeigt hat, dass die Unterschiede<br />

der Methanausbeute zwischen den Arten und Sorten nur<br />

wenig größer waren als der ermittelte Methodenfehler<br />

der Batchversuche. Eine bessere Sortenunterscheidung<br />

innerhalb der einzelnen Aufwüchse kann dagegen erreicht<br />

werden, wenn über die enzymunlösliche organische<br />

Substanz (EULOS) und den Aschegehalt die fermentierbare<br />

organische Trockensubstanz (FOTS) und<br />

darüber die Methanausbeute des frischen Erntegutes<br />

berechnet wird (nach Weißbach 2008, Landbautechnik<br />

6: 356-358).<br />

Mit dieser Methode entfallen mögliche Fehlerquellen,<br />

die bei der Silierung und bei der Durchführung des<br />

Batchtests auftreten können. Das Ergebnis ist weniger<br />

fehlerbehaftet und damit näher an der tatsächlichen<br />

Sortenleistung (Pfitzner et al. 2010, Journal für Kulturpflanzen<br />

62: 451-460). EULOS kann im Vergleich<br />

zu den Batchtests relativ einfach mittels Nahinfrarot-<br />

Spektroskopie (NIRS) bestimmt werden.<br />

Aussaattermin und Arten bzw. Sortenwahl<br />

Bei später Aussaat sollte Welsches bzw. Deutsches Weidelgras<br />

gewählt werden, da sich diese Arten vor dem<br />

Winter noch ausreichend schnell entwickeln und damit<br />

im Vergleich mit den anderen Grasarten im Folgejahr<br />

am leistungsfähigsten sind. Rohrglanzgras und Knaulgras<br />

benötigen eine längere Vorwinterentwicklung, um<br />

den Bestand zu etablieren. Insbesondere das Rohrglanzgras<br />

benötigt einen Aussaattermin im Frühsommer,<br />

um im folgenden ersten Hauptnutzungsjahr den<br />

vollen Ertrag zu bringen. Da die Unterschiede in der<br />

Methanausbeute innerhalb der Art nur gering sind, ist<br />

bei der Sortenwahl der Biomasseertrag je Hektar entscheidend.<br />

Die Unterschiede im Methanertrag zwischen den Arten<br />

und Sorten zeigen sich vor allem beim ersten Schnitt,<br />

wenn die Pflanzen Ähren bzw. Rispen schieben. Bei<br />

rein vegetativem Wachstum, das heißt beim 3. und 4.<br />

Schnitt sind die Unterschiede vergleichsweise gering.<br />

Insbesondere bei nur zwei Schnitten ist der Schnitttermin<br />

von entscheidender Bedeutung, da dem Verholzungsgrad<br />

bei fortgeschrittener Pflanzenentwicklung<br />

eine immer größere Rolle zukommt.<br />

Welchen Arten der Vorzug gegeben wird, hängt entscheidend<br />

vom Aussaattermin und dem Trockenmasseertrag<br />

ab. Der tendenziell höhere Rohfasergehalt<br />

beim Knaulgras sowie der stärker ansteigende Rohfasergehalt<br />

bei spätem Schnitttermin bei Welschem<br />

Weidelgras, Glatthafer und Knaulgras verringern den<br />

Methanertrag. Welche Arten sich am besten eignen,<br />

zeigen die Methanhektarerträge.<br />

Methanhektarertrag<br />

Wichtig ist, was sich rechnet, das gilt auch für den<br />

Biogas-Bauern! Für die Arten- und Sortenwahl ist letztendlich<br />

der Methanertrag je Hektar ausschlaggebend.<br />

Bei spätem Aussaattermin, im Projekt ortsabhängig<br />

zwischen dem 7. und 23. September, liefern die Weidelgräser<br />

bzw. der Wiesenschweidel (Festulolium) im<br />

ersten Hauptnutzungsjahr die höchsten Methanerträge<br />

(Abbildung 2). Hier ist die 4-Schnittvariante eindeutig<br />

überlegen. Den höchsten Methanertrag lieferten im<br />

ersten Nutzungsjahr die beiden Welschen Weidelgräser<br />

mit mehr als 5.000 l N<br />

Methan je Hektar. Im zweiten<br />

Nutzungsjahr fallen die Weidelgräser jedoch zurück.<br />

87


Wissenschaft<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Abbildung 2: Kumulierter Methan-Hektarertrag (Normkubikmeter/ha).<br />

Sortenmittelwerte über vier Standorte, nach Schnittvariante getrennt<br />

Methanertrag [m³N/ha]<br />

N<br />

6.000<br />

5.000<br />

4.000<br />

3.000<br />

2.000<br />

1.000<br />

2011 1. Hauptnutzungsjahr<br />

4. Schnitt<br />

3. Schnitt<br />

2. Schnitt<br />

1. Schnitt<br />

0<br />

6.000<br />

2012 2. Hauptnutzungsjahr<br />

5.000<br />

4.000<br />

3.000<br />

2.000<br />

1.000<br />

0<br />

6.000<br />

5.000<br />

4.000<br />

3.000<br />

2.000<br />

1.000<br />

2013 1. Hauptnutzungsjahr (Wh.)<br />

0<br />

Welsches Weidelgras 4S<br />

„Ligrande“ 2S<br />

Welsches Weidelgras 4S<br />

„Gisel“ 2S<br />

Deutsches.Weidelgras 4S<br />

„Respect“ 2S<br />

Deutsches Weidelgras 4S<br />

„Aubisque“ 2S<br />

Wiesenschweidel 4S<br />

„Lifema“ 2S<br />

Rohrschwingel 4S<br />

„Lipalma“ 2S<br />

Wiesenschwingel 4S<br />

„Cosmonaut“ 2S<br />

Wiesenlieschgras 4S<br />

„Tiller“ 2S<br />

Knaulgras 4S<br />

„Lidaglo“ 2S<br />

Glathafer 4S<br />

„Arone“ 2S<br />

Rohrglanzgras 4S<br />

„Lipaula“ 2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

Methanertrag [m³N/ha] N Methanertrag [m³N/ha]<br />

4S<br />

2S<br />

N<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4S<br />

2S<br />

4. Schnitt<br />

3. Schnitt<br />

2. Schnitt<br />

1. Schnitt<br />

4S: 4-Schnittvariante; 2S: 2-Schnittvariante<br />

88


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Wissenschaft<br />

Einige Arten benötigen einen frühen Aussaattermin,<br />

um schon im Folgejahr gute<br />

Grünmasse und damit auch Methanerträge<br />

zu liefern. 2012 wurde deutlich früher<br />

ausgesät (25. Mai bis 15. Juni), was zur<br />

Folge hatte, dass Rohrschwingel und Rohrglanzgras<br />

im Folgejahr die besten Erträge<br />

lieferten. Beim Rohrschwingel wurde hier<br />

mit vier Schnitten der höchste Methanertrag<br />

erzielt. In einigen Fällen lagen die Methanerträge<br />

der reduzierten Schnittvariante<br />

jedoch über denen der 4-Schnittvariante.<br />

Bei den Weidelgräsern, insbesondere beim<br />

Welschen Weidelgras war im zweiten Nutzungsjahr<br />

ein starker Abfall im Methanertrag<br />

zu beobachten.<br />

Das Rohrglanzgras lief beim späten Saattermin<br />

an drei Orten nur ungenügend oder<br />

gar nicht auf. Nach früher Aussaat und<br />

flacher Ablage konnte hier 2013 nur ein<br />

Hauptnutzungsjahr ausgewertet werden.<br />

Zusammen mit dem Rohrschwingel hatte<br />

das Rohrglanzgras nach dem frühen Saattermin<br />

den höchsten Methanertrag, wobei<br />

bei Wiesenlieschgras, Glatthafer und<br />

Rohrglanzgras die reduzierte Variante mit<br />

nur zwei Schnitten der 4-Schnittvariante<br />

überlegen war.<br />

Vier Schnitte oder nur zwei mit<br />

reduzierter Düngung?<br />

Einzelne Sorten lieferten in der reduzierten<br />

Variante mit über 4.000 m³N/ha sehr gute<br />

bzw. bessere Methanerträge als im üblichen<br />

Managementsystem mit vier Schnitten.<br />

Nach dem frühen Saattermin lieferte<br />

die Rohrschwingelsorte „Lipalma“ und in<br />

der Variante mit reduziertem Faktoreinsatz<br />

die Rohrglanzgrassorte „Lipaula“ den<br />

höchsten Methanertrag. Das Rohrglanzgras<br />

benötigt dafür optimale Aussaatbedingungen,<br />

früher Aussaattermin, flache Aussaat<br />

und ausreichende Bodenfeuchte für eine<br />

gute Jugendentwicklung. Leider ist die Sorte<br />

Lipaula nicht mehr lieferbar und derzeit<br />

keine andere Sorte zugelassen. Aktuell ist<br />

bei Rohrglanzgras nur Saatgut unbestimmter<br />

Herkunft im Handel.<br />

In einigen Fällen liegt die Variante mit reduziertem<br />

Faktoreinsatz im Methanertrag nur<br />

wenig unter dem entsprechenden Ertrag<br />

der 4-Schnittvariante. In der reduzierten<br />

Variante kann durch Einsparungen beim<br />

Ernteaufwand und bei der Düngung, zwei<br />

statt vier Arbeitsgänge und um ein Drittel<br />

geringere Kosten bei der Stickstoffdüngung,<br />

bis zu einem gewissen Grad ein geringerer<br />

Methanertrag in Kauf genommen<br />

werden.Bei später Aussaat sind im ersten<br />

Nutzungsjahr die Weidelgräser, insbesondere<br />

die Welschen Weidelgräser, im Vorteil.<br />

Hier hat die 4-Schnittvariante Ertragsvorteile.<br />

Besonders das Welsche Weidelgras<br />

fällt jedoch im zweiten Nutzungsjahr bereits<br />

stark ab, sodass es sich nicht für eine<br />

Dauernutzung empfiehlt.<br />

Optimaler Erntezeitpunkt, ein<br />

Modellansatz<br />

Für Deutsches Weidelgras wurde im Rahmen<br />

des Projektes ein Modellansatz entwickelt,<br />

der zeigt, dass der optimale Erntezeitpunkt<br />

für die Biogasproduktion später<br />

liegt als der für die Futterproduktion übliche<br />

Termin zum Beginn des Ähren- bzw.<br />

Rispenschiebens. In das einfach gehaltene<br />

Modell gehen die Temperatur, die Bodenfeuchte<br />

sowie die Globalstrahlung ein. Als<br />

optimaler Schnittzeitpunkt wurde der Zeitpunkt<br />

gewählt, zu dem der verdauliche Ertrag,<br />

das heißt die Differenz zwischen dem<br />

Trockenmasseertrag und dem absoluten<br />

Rohfasergehalt, maximal ist.<br />

Der optimale Schnittzeitpunkt ist dabei vor<br />

allem beim ersten Schnitt von Bedeutung,<br />

da später im Jahr weniger Blütenstände gebildet<br />

werden, die in der Entwicklung stärker<br />

zur Rohfaserbildung beitragen. Frühe<br />

Weidelgrassorten der mittleren Reifegruppe<br />

können für einen maximalen Methan-<br />

Hektar-Ertrag bis zu 20 Tage, späte Sorten<br />

etwa 7 Tage später geschnitten werden. Das<br />

Modell wurde für das Deutsche Weidelgras<br />

entwickelt, kann aber für andere Arten<br />

angepasst werden. Vorteil eines späteren<br />

Schnittes ist der höhere Ertrag zum optimalen<br />

Erntezeitpunkt, der mit zunehmender<br />

Pflanzenentwicklung niedrigere Rohascheund<br />

Rohproteingehalt.<br />

Dadurch wird die vergärbare Substanz optimiert,<br />

bei gleichzeitig geringerer Gefahr<br />

der Hemmung des Gärprozesses durch Abbauprodukte<br />

des Proteins. Der zu einem<br />

späteren Erntetermin höhere Trockenmassegehalt<br />

bedeutet außerdem, dass gegebenenfalls<br />

kürzer angewelkt bzw. weniger<br />

Wasser transportiert werden muss. Die<br />

Bedeutung des Schnittzeitpunktes nimmt<br />

im Laufe des Jahres bei den Folgeschnitten<br />

ab, da die Halmbildung im Wesentlichen zu<br />

den ersten Schnitten erfolgt und die Gefahr<br />

einer Verholzung des Bestandes im Verlaufe<br />

der Vegetationszeit geringer wird, da<br />

kaum mehr neue Halme gebildet werden.<br />

Fazit: Es gibt Gräser, die bei verringertem<br />

Faktoreinsatz konkurrenzfähig sind. Für<br />

die Biogasgewinnung lassen sich demnach<br />

sowohl Kosten durch eine Verringerung der<br />

Schnittzahl als auch durch die Verringerung<br />

der Stickstoffdüngung erzielen. Durch<br />

die geringere N-Düngung wird darüber hinaus<br />

die Gefahr des Stickstoffeintrags ins<br />

Grundwasser reduziert. Das für Deutsches<br />

Weidelgras entwickelte Modell lässt sich<br />

zur Ermittlung des optimalen Erntezeitpunktes<br />

prinzipiell auch für andere Arten<br />

anpassen.<br />

Der vollständige Forschungsbericht ist bei<br />

der Fachagentur für Nachwachsende Rohstoffe<br />

unter www.fnr.de unter Projektförderung/Projekte<br />

und Ergebnisse, Förderkennzeichen<br />

22016209, einsehbar.<br />

Ausblick<br />

Die Projektergebnisse zeigen, dass es gute<br />

Ansätze zur Optimierung des Faktoreinsatzes<br />

gibt, um effizient Substrat für die Biogasanlage<br />

aus Futtergräsern zu gewinnen.<br />

Wichtig ist es dabei, den Verholzungsgrad<br />

des Bestandes gering zu halten. In der<br />

2-Schnittvariante könnte der Einsatz von<br />

Sorten der späten Reifegruppe sinnvoll<br />

sein, bei der Nutzung von Sorten der mittleren<br />

Reifegruppe ist ein Management mit<br />

drei Schnitten möglicherweise Erfolg versprechender.<br />

Der für Deutsches Weidelgras entwickelte<br />

Modellansatz lässt sich noch ausbauen. Ein<br />

weiterer Schritt wäre die Weiterentwicklung<br />

des Modells für andere Grasarten und<br />

Grünlandflächen mit Gras-/Leguminosen-<br />

Mischungen. Hierbei ist es sinnvoll, die<br />

Reifezeiten der Arten und Sorten aufeinander<br />

abzustimmen, um den optimalen Erntezeitpunkt<br />

aller Komponenten zu treffen.<br />

Das Vorhaben wurde durch das Bundesministerium<br />

für Ernährung und Landwirtschaft<br />

über die Fachagentur für Nachwachsende<br />

Rohstoffe e.V. (FNR) unter Beteiligung der<br />

Gemeinschaft zur Förderung von Pflanzeninnovation<br />

e.V. (GFPi) gefördert.<br />

Autor<br />

Dr. Bernhard Ohnmacht<br />

Julius Kühn-Institut<br />

Bundesallee 50 · 38116 Braunschweig<br />

Kontakt über Dr. Torsten Thünen<br />

Tel. 05 31/596-2317<br />

E-Mail: torsten.thuenen@julius-kuehn.de<br />

www.julius-kuehn.de<br />

89


International<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Bogotá<br />

Kolumbien<br />

Die Kunst des Downsizing<br />

Die ÖKOBIT GmbH aus Föhren plant und realisiert eigentlich große, technisch<br />

anspruchsvolle Biogasanlagen. Vor drei Jahren hat das Unternehmen eine Anlage<br />

entwickelt, die in jeden Garten passt. Wie es dazu kam und wer von der Kleinstanlage<br />

profitiert.<br />

Von Claudia Lohmann<br />

Bild oben: Absolventen<br />

des Biogaslehrgangs<br />

„Biogas Tutorium“<br />

mit ihren Teilnahmezertifikaten<br />

an der<br />

Pazifikküste Nariños.<br />

Am Anfang stand so etwas wie eine Wette.<br />

2012 wollte Christoph Spurk, Mitbegründer<br />

und Geschäftsführer der ÖKOBIT<br />

GmbH, seine Kollegen von der Technik<br />

davon überzeugen, dass sich mit wenigen<br />

Basiskomponenten eine so schlichte wie kostengünstige<br />

Biogasanlage entwickeln lässt. Auslöser für die<br />

interne Diskussion war das im selben Jahr novellierte<br />

EEG mit seiner Förderung für 75-kW-Anlagen. Schnell<br />

war auch bei ÖKOBIT allen klar, dass die viel kleineren<br />

Gülle- und Mistanlagen technologisch angepasst werden<br />

mussten, um wirtschaftlich zu sein.<br />

Doch welche Komponenten in welcher Qualität sind<br />

eigentlich für eine effiziente Low-Tech-Biogasanlage<br />

unverzichtbar? Spurk, selbst Diplom-Ingenieur der<br />

Versorgungstechnik, Abfallexperte und seit 16 Jahren<br />

mit ÖKOBIT im Hochtechnologiebusiness, beschloss,<br />

technologisch noch einmal ganz von vorne anzufangen.<br />

Während seine Kollegen sich auf die EEG-konforme<br />

Anlagenentwicklung konzentrierten, begann der Kopf<br />

des Unternehmens in seiner Freizeit zu forschen. Dabei<br />

ging es ihm nicht darum, Alternativen zur 75-kW-<br />

Anlage zu entwickeln.<br />

Als Biogasprofi der ersten Stunde wusste Spurk, dass<br />

das Grundprinzip der Methanerzeugung aus organischen<br />

Abfällen bereits mehrere tausend Jahre alt ist.<br />

Auch, dass etwa in Indien und Nepal bereits – eher<br />

weniger als mehr – funktionierende Kleinstanlagen betrieben<br />

werden, war bekannt. Spurk fand heraus, warum<br />

keiner der drei gängigen Anlagentypen zum Erfolgsmodell<br />

geworden ist: Probleme gibt es mit Korrosion<br />

und damit Gasverlusten und Schwankungen beim Gasdruck.<br />

Hohe Materialkosten sowie hohe Aufwände für<br />

Transport und Wartung lassen die vorhandenen Lösungen<br />

suboptimal ausfallen. Zudem führt die Notwendigkeit,<br />

Substrate zu verdünnen, zu einem wenig umweltverträglichen<br />

und mancherorts nicht zu realisierenden<br />

Wasserbedarf. Vor allem aber stellen Sinkschichten im<br />

Behälter ein funktionales Defizit dar und verringern die<br />

Gasausbeute erheblich.<br />

Das Fazit seiner Recherche lautete: Die zukünftige<br />

ÖKOBIT-Kleinstanlage muss leicht zu transportieren,<br />

zu errichten und zu betreiben sein. Sie muss einen geringstmöglichen<br />

Verschleiß aufweisen. Und: Ein Rühraggregat<br />

ist unverzichtbarer Bestandteil jeder gut funktionierenden<br />

und effizienten Anlage. Mit einem Satz<br />

einfacher Komponenten, die, wenn möglich, überall<br />

auf der Welt verfügbar sein sollten, wollte Spurk seine<br />

Minianlage ausrüsten. Das Vorbild für sein Rühraggregat<br />

fand er im Museum, in Trier.<br />

Test im eigenen Garten<br />

Die meisten Komponenten einer HoMethan (von<br />

„home“ und „Methan“) – so der Name der patentierten<br />

90


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> International<br />

Mini-Biogasanlage – sind, einschließlich der Sicherheitstechnik,<br />

in jedem Baumarkt erhältlich. Einzig<br />

der Fermentersack ist eine Speziallösung der ÖKOBIT<br />

GmbH. Im Frühjahr 2013 war es Zeit für einen Test,<br />

und Christoph Spurk errichtete den Prototypen seiner<br />

Anlage einfach im eigenen Garten. Eine Grube wurde<br />

ausgehoben und mit der Spezialfolie abgedeckt. Der so<br />

entstandene Erdfermenter wurde mit Rasenschnitt gefüttert.<br />

Da der Installationsmonat Mai noch relativ kühl<br />

ausfiel, begann die „Gasernte“ erst im Juni. „Eines<br />

Abends kam meine Tochter aus dem Garten in die Küche<br />

und sagte: „Wir haben Gas!“, erinnert sich Spurk.<br />

Vermittelt durch die RLP AgroScience GmbH, einer<br />

landeseigenen gemeinnützigen Gesellschaft in Rheinland-Pfalz,<br />

entstand ein Kontakt zwischen ÖKOBIT<br />

und Colácteos, einer landwirtschaftlichen Kooperative<br />

in Pasto, Region Nariño, Kolumbien. Colácteos interessierte<br />

sich sehr für HoMethan, weil sie hofften, damit<br />

in der Region gleich mehrere Probleme zu lösen. Einerseits<br />

waren die Bauern bisher auf Energieimporte angewiesen.<br />

Lokales Kapital wanderte in die Beschaffung<br />

teurer fossiler Brennstoffe wie Flüssiggas oder Diesel<br />

sowie Düngemittel. Gleichzeitig litten die Wälder von<br />

Páramo la Paja Blanca unter dem Brennholzbedarf<br />

zur Wärmeerzeugung. Andererseits wurde erhebliches<br />

Biomasse-Potenzial verschwendet, was zudem zu Umweltproblemen<br />

führte – denn die Arbeiter auf den Farmen<br />

kippten die Gülle aus der Tierhaltung einfach in<br />

die Umgebung. Ein Abfallmanagement existierte nicht.<br />

Fotos: Ökobit<br />

Technologie- und Wissenstransfer<br />

In Nariño musste sich also dringend etwas ändern.<br />

Gemeinsam mit der deutschen sequa gGmbH und der<br />

kolumbianischen Berufsbildungseinrichtung SENA<br />

Regional Nariño wurde ein zweijähriges, aus DeveloPPP-Mitteln<br />

des BMI gefördertes Projekt entwickelt.<br />

Von zentraler Bedeutung für das zwischen 2014 und<br />

2016 realisierte Vorhaben war neben der Installation<br />

und Inbetriebnahme mehrerer HoMethan-Anlagen<br />

der Know-how-Transfer. Im Rahmen eines Train-The-<br />

Trainers-Biogas-Tutoriums schulte ÖKOBIT gemeinsam<br />

mit SENA drei Tage lang vor Ort zunächst zehn Lehrer<br />

theoretisch und praktisch. Diese gaben ihr Wissen später<br />

an ihre Auszubildenden weiter, denn so schnell wie<br />

möglich sollten lokale Fachkräfte die Kleinstanlagen<br />

selbstständig errichten, betreiben und warten können.<br />

Biogasproduktion auf 3.000 Metern Höhe<br />

HoMethan wird ausschließlich mechanisch betrieben<br />

und benötigt solare Strahlung, damit sich das Substrat<br />

im Inneren des Erdfermenters erwärmt. Bei einer<br />

Fermentertemperatur von 22 Grad Celsius beginnt die<br />

stabile prozessbiologische Methanproduktion. Von den<br />

zehn zwischen 2014 und 2016 installierten Anlagen<br />

wurde eine beim Centro Agroindustrial y Pesquero, dem<br />

auf null Höhenmetern gelegenen Schulungszentrum<br />

der SENA in Pasto, aufgestellt. Die übrigen neun Anlagen<br />

errichteten die nunmehr ausgebildeten lokalen<br />

Mitstreiter in landwirtschaftlichen Betrieben auf 2.600<br />

bis 3.300 Metern über dem Meeresspiegel.<br />

HoMethan musste an die Bedingungen in den Anden<br />

angepasst werden, denn für eine kontinuierliche Gasproduktion<br />

waren die Temperaturen in dieser Höhe<br />

nicht ausreichend.<br />

Doch auch dafür hatte Christoph Spurk bereits in seinem<br />

Garten mit einer Wintervariante vorgesorgt. Seine<br />

Gärgrube hatte im Herbst eine einfache Dämmung erhalten<br />

und obendrauf stand nun ein kleines Treibhaus<br />

aus Folie und Holzlatten. Genau so eines bekamen<br />

auch die hochgelegenen HoMethan-Anlagen in der Region<br />

Nariño.<br />

ÖKOBIT baute die erste HoMethan-Biogasanlage in<br />

Pasto auf und begleitete noch drei weitere Projekte.<br />

Ab der zweiten Anlage übernahm die Kooperative die<br />

Installation. Zwei der drei Anlagen wurden von Auszubildenden<br />

errichtet und in Betrieb genommen. Der angestrebte<br />

Know-how-Transfer war also gelungen. Und<br />

auch die Unabhängigkeit von Baumaterial und Komponenten<br />

aus Deutschland wurde, wie vorgesehen, erreicht;<br />

nur die spezielle Abdeckfolie wurde aus Föhren<br />

importiert.<br />

Die zehn HoMethan-Anlagen wurden an ihren jeweiligen<br />

Standort angepasst. Wie alle ÖKOBIT-Biogasan-<br />

Oben: Betrieb der Kleinanlage<br />

in der Berufsbildungseinrichtung<br />

SENA<br />

Centro Lope in Pasto im<br />

Bezirk Nariño auf 2.658<br />

Metern Höhe.<br />

Unten: In einem<br />

Lehrgang werden die<br />

Kursteilnehmer in Sachen<br />

Biogaserzeugung<br />

geschult.<br />

91


International<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Blick über die Farm<br />

Chambacú auf 3.266<br />

Metern Höhe in der<br />

Nähe von Pasto, Bezirk<br />

Nariño.<br />

Biogasanlage auf der<br />

Farm San Rafael auf<br />

3.136 Metern Höhe in<br />

Guachucal im Verwaltungsbezirk<br />

Nariño.<br />

lagen ist auch die neue Kleinstanlage substratflexibel<br />

ausgelegt. Das heißt, es können sowohl Gülle als auch<br />

organische Abfälle und selbst aus europäischer Sicht<br />

exotische landwirtschaftliche Restprodukte wie Kaffeebohnenschalen<br />

eingesetzt werden.<br />

Großer Nutzen für kleine Betriebe<br />

Die Vorteile für die kolumbianischen Agrarbetriebe<br />

liegen auf der Hand, wie das Beispiel eines Milchproduktionsbetriebs<br />

zeigt: HoMethan produziert hier bei<br />

200 Kilogramm Gülle-Eintrag täglich 5 Kubikmeter<br />

Biogas. Das entspricht monatlich etwa 75 Kilogramm<br />

Flüssiggas oder 90 Litern Diesel. Das Gas wird in der<br />

Hauptsache zum Kochen (bis zu 10 Stunden täglich)<br />

oder zur Erwärmung von Wasser zum Waschen und Putzen<br />

eingesetzt. Zusätzlich kann der Milchbauer pro Tag<br />

etwa 200 Kilogramm Bio-Düngemittel produzieren.<br />

Zu einem durchschnittlichen Bauernhof der Kooperative<br />

gehören 4 bis 5 Hektar Weideland und Getreideanbauflächen<br />

sowie ein Gemüse- und Ziergarten.<br />

Die Gärreste werden auf diesen Flächen ohne weitere<br />

Behandlung als Dünger eingesetzt. Mit großem Erfolg:<br />

„Unsere Viehweiden sind viel grüner und die Graswurzeln<br />

sind länger und stärker. Und die ‚Palomilla de la<br />

Papa‘ (Südam. Tomatenmotte) ist<br />

verschwunden“, berichtet Jorge Meneses,<br />

Mitglied der Genossenschaft<br />

Colácteos, über die Verbesserungen<br />

auf seiner Farm La Pradera auf<br />

3.266 Metern Höhe.<br />

Und auch die aus der ungeregelten<br />

Mist- und Gülle-Entsorgung<br />

resultierenden Probleme, wie die<br />

Geruchsbildung, wurden gelöst.<br />

Albeyro Quintero ist ebenfalls Mitglied<br />

der Genossenschaft Colactèos<br />

und betreibt die Farm El Imacal auf<br />

3.013 Metern Höhe. Er berichtet<br />

von weiteren Vorteilen: „Der Rauch<br />

in der Küche ist verschwunden, seit wir Biogas statt<br />

Holz verwenden – und wir sind jetzt unabhängig von<br />

der Gasversorgung. Außerdem habe ich den Biodünger<br />

für Gras, Getreide, Gemüse und Blumen verwendet.<br />

Die Erträge sind ähnlich wie beim Mineraldünger. Der<br />

Kreislauf wurde einfach geschlossen.“<br />

Anfängliche Widerstände wurden<br />

überwunden<br />

Die Amortisationszeit für eine HoMethan-Anlage lag<br />

im Projekt durch LPG- und Düngereinsparungen bei<br />

durchschnittlich 18 Monaten.<br />

Bis zu all diesen bemerkenswerten Ergebnissen war es<br />

technologisch ein vergleichsweise kurzer, kulturell jedoch<br />

ein etwas längerer Weg, berichtet Projektmanagerin<br />

Montserrat Lluch Cuevas: „Es bestand zunächst die<br />

Herausforderung, unsere Technologie in den landwirtschaftlichen<br />

Prozess zu integrieren und die Menschen<br />

vor Ort davon zu überzeugen.“<br />

Die Arbeiter auf den Höfen sträubten sich anfangs gegen<br />

eine geregelte Sammlung von Mist und Gülle. Erst<br />

als die erste HoMethan-Anlage Gaserträge brachte, war<br />

das Eis gebrochen. Von da an waren alle Beteiligten mit<br />

Begeisterung dabei. „Für ÖKOBIT geht es nicht zuletzt<br />

um die Mission“, verdeutlicht Christoph Spurk, „über<br />

Kleinstanlagen lässt sich das Bewusstsein für den enormen<br />

Nutzen von Biogasanlagen in Schwellenländern<br />

schärfen. Auf diese Weise können wir, so unsere Hoffnung,<br />

zukünftig auch neue Märkte für unsere Hochtechnologielösungen<br />

erschließen.“<br />

Ein Folgeprojekt in Kolumbien wurde bereits vereinbart:<br />

Gemeinsam mit SENA wird ein nachhaltiges<br />

Wohnhaus einschließlich Biogasanlage errichtet.<br />

Autorin<br />

Claudia Lohmann<br />

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92


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> International<br />

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93


Aus der<br />

Verbandsarbeit<br />

Bericht aus der Geschäftsstelle<br />

Biogas Convention<br />

erfolgreich veranstaltet<br />

In den verschiedenen Fachreferaten des Fachverbandes<br />

Biogas e.V. nehmen die Beratungsanfragen weiter stark zu.<br />

Das liegt nicht nur an dem seit Jahresbeginn neu in Kraft<br />

getretenen EEG, sondern auch an thematischen Baustellen<br />

wie TA Luft, dem Entwurf der NElE-Verordnung des BMWi,<br />

dem neuen Energiepaket der EU oder der Erstellung neuer<br />

Merkblätter und Stellungnahmen.<br />

Von Dr. Stefan Rauh und Dipl.-Ing. agr. (FH) Manuel Maciejczyk<br />

Die Verbandsarbeit war in den zurückliegenden Wochen sehr stark<br />

durch die Vorbereitung und Durchführung der Biogas Convention<br />

im Rahmen der EnergyDecentral in Hannover geprägt. Eine umfangreiche<br />

Berichterstattung zu den Inhalten der Tagung finden<br />

Sie ab Seite 18. Erstmals wurde die traditionelle Jahrestagung<br />

des Fachverbandes Biogas e.V. in Kooperation mit der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft<br />

in dieser Form durchgeführt.<br />

Im Ergebnis zeigen die zahlreichen Diskussionen in den Plenumsveranstaltungen,<br />

Workshops und ebenfalls am Rande stattgefundener Gremiensitzungen<br />

des Verbandes, dass die Biogasbranche einen sehr großen Informationsund<br />

Beratungsbedarf hat. Dies war auch auf der Messe zu spüren. Sowohl<br />

am neu konzipierten Stand des Fachverbandes mit noch mehr Platz zum<br />

Austausch als auch an den Ständen der anderen Aussteller wurde angeregt<br />

diskutiert und wurden neue Erkenntnisse gesammelt.<br />

Der Fachverband wird diesen Bedarf und Wissensdurst aufgreifen und durch<br />

geeignete Formate und Veranstaltungen bedienen. Schlussendlich muss die<br />

Branche die nächste Zeit nutzen, um sich für die kommenden – nicht einfachen<br />

– Jahre fit zu machen.<br />

Fachverband geht erste Schritte zur Service-Gesellschaft<br />

Die im Rahmen der letzten Mitgliederversammlung beschlossene Gründung<br />

einer Service-Gesellschaft wurde im Oktober zur Umsetzung gebracht. Voraussichtlich<br />

ab Januar <strong>2017</strong> bietet der Fachverband Biogas über die Fachverband<br />

Biogas Service GmbH Beratungen, Schulungen und sonstige Dienstleistungen<br />

an. Sämtliche Dienstleistungen werden in Abstimmung mit den<br />

relevanten Gremien im Fachverband abgestimmt. Als erste Aktivitäten sind<br />

Intensivschulungen zum Thema „Ausschreibungen“ geplant.<br />

94


Engagiert. Aktiv. Vor Ort. Und in Berlin: Der Fachverband Biogas e.V.<br />

Das Referat „Hersteller und Technik“ hat<br />

sich in den vergangenen Wochen intensiv<br />

mit dem Entwurf einer Verordnung zum<br />

Nachweis von elektrotechnischen Eigenschaften<br />

von Energieanlagen (NElEV) des<br />

BMWi auseinandergesetzt. Im Rahmen<br />

dieser Verordnung soll zukünftig die Zertifizierungspflicht<br />

für Erzeugungseinheiten<br />

und -anlagen in der Mittelspannungsebene<br />

rechtsverbindlich vorgeschrieben werden.<br />

In seiner Stellungnahme hat sich der Fachverband<br />

Biogas e.V. sehr kritisch zum geplanten<br />

Verordnungsentwurf geäußert,<br />

da neben der Unverhältnismäßigkeit der<br />

Sanktionen bei Nichtvorliegen eines Zertifikates<br />

vor allem der Zeitpunkt des geplanten<br />

Inkrafttretens der NElEV große Probleme<br />

für die Branche bedeuten kann. So soll<br />

die Zertifizierungspflicht am 1. Juli <strong>2017</strong><br />

bindend werden, ohne Gewähr, dass die<br />

neuen technischen Richtlinien dafür bis<br />

dahin fertiggestellt sind. Das gemeinsam<br />

vom Fachverband Biogas, der DWA und der<br />

DVGW entwickelte Merkblatt DWA M-377/<br />

DVGW G 436-1 „Biogas-Speichersysteme,<br />

Sicherstellung der Gebrauchstauglichkeit<br />

und Tragfähigkeit von Membranabdeckungen“<br />

ist inzwischen im Weißdruck veröffentlicht<br />

worden. Mitglieder des Fachverbandes<br />

Biogas können das Merkblatt zu<br />

ermäßigten Konditionen beziehen. Hierzu<br />

werden wir in den nächsten Tagen eine Information<br />

an alle Mitglieder verschicken.<br />

Novelle der TA Luft<br />

Im Zuge der Novelle der TA Luft hat der<br />

Fachverband Biogas unter Federführung<br />

des Referates Genehmigung eine umfassende<br />

Stellungnahme erarbeitet, die am 2.<br />

Dezember 2016 fristgerecht beim BMUB<br />

eingereicht wurde. Zur Vorbereitung der<br />

Stellungnahme und der am 6. Dezember<br />

2016 stattgefundenen Anhörung der beteiligten<br />

Kreise fanden diverse Gespräche und<br />

Abstimmungen mit den internen Gremien<br />

sowie anderen Verbänden – insbesondere<br />

mit dem deutschen Bauernverband (DBV),<br />

dem Verband Deutscher Maschinen- und<br />

Anlagenbau e.V. (VDMA) sowie den Verbänden<br />

der Abfallwirtschaft statt. Die Stellungnahme<br />

ist auf der Webseite des Fachverbandes<br />

Biogas abrufbar.<br />

Neben der TA Luft beschäftigte sich das<br />

Referat Genehmigung auch mit der Erstellung<br />

einer kritischen Stellungnahme zum<br />

Entwurf des Landesentwicklungsplans<br />

Nordrhein-Westfalen. Hier drohen massive<br />

Einschränkungen und Probleme für die<br />

Weiterentwicklung von bestehenden privilegiert<br />

im Außenbereich errichteten Biogasanlagen.<br />

Weiterhin „abwarten!“ heißt es<br />

im Hinblick auf die AwSV – denn ein neuer<br />

Entwurf der Düngeverordnung liegt weiterhin<br />

nicht vor. Der Fachverband Biogas e.V.<br />

hat aber zum Umweltbericht über die in der<br />

Düngeverordnung geplanten Maßnahmen<br />

über das Referat Abfall, Düngung und Hygiene<br />

eine Stellungnahme eingereicht. Diese<br />

ist ebenfalls auf der Homepage zu finden.<br />

Merkblätter und Arbeitshilfen<br />

werden überarbeitet<br />

Die Arbeit im Referat „Qualifizierung und<br />

Sicherheit“ war geprägt von zahlreichen<br />

Mitgliederanfragen in Bezug auf Qualifikationsanforderungen<br />

beim Betrieb von<br />

Biogasanlagen und Biomethananlagen<br />

sowie sicherheitsrelevanten Details wie<br />

Ex-Zonen-Einteilung, Sicherheitsabstände<br />

usw. Über den Schulungsverbund Biogas<br />

konnten inzwischen über 4.000 Betreiber<br />

beziehungsweise verantwortliche Personen<br />

von Biogasanlagen erfolgreich geschult<br />

werden.<br />

Derzeit arbeiten diverse Arbeitsgruppen im<br />

Rahmen des AK Sicherheit an der Ausgestaltung<br />

neuer Arbeitshilfen, die den Betreibern<br />

die Umsetzung der rechtlichen<br />

Vorgaben erleichtern sollen. Zum einen<br />

wird das Merkblatt M-001 Brandschutz auf<br />

Biogasanlagen derzeit komplett überarbeitet.<br />

Darüber hinaus arbeiten die Arbeitsgruppen<br />

an Arbeitshilfen zur Umsetzung<br />

der Vorgaben hinsichtlich arbeitsmedizinischer<br />

Prävention, der Installation geeigneter<br />

Prozessleittechnik sowie der Ausgestaltung<br />

des Sicherheitsfachberaters.<br />

Veröffentlichung einer<br />

internationalen Sicherheitsbroschüre<br />

sowie eines Branchenführers<br />

für Güllekleinanlagen<br />

Mit der finanziellen Unterstützung durch<br />

die Deutsche Gesellschaft für Internationale<br />

Zusammenarbeit (GIZ) konnte das Referat<br />

Qualifizierung und Sicherheit in Kooperation<br />

mit dem Referat Internationales die<br />

Sicherheitsbroschüre „Safety first! Guidelines<br />

for the safe use of biogas technology“<br />

erstellen. Diese bisher nur auf Englisch verfügbare<br />

Sicherheitsbroschüre gibt weltweit<br />

anwendbare Empfehlungen hinsichtlich<br />

des sicheren Betriebs von Biogasanlagen.<br />

In der ersten Jahreshälfte <strong>2017</strong> wird die<br />

Broschüre in weitere vier Sprachen (Spanisch,<br />

Französisch, Portugiesisch und Indonesisch)<br />

übersetzt. Die Broschüre sowie<br />

weitere Informationen sind auf der Webseite:<br />

www.biogas-safety.com abrufbar.<br />

Ebenfalls im Rahmen der Biogas Convention<br />

wurde der Branchenführer für Güllekleinanlagen<br />

veröffentlicht. Darin werden<br />

in aller Kürze die Rahmenbedingungen<br />

für kleine Biogasanlagen auf der Basis von<br />

Gülle und Mist skizziert. Im folgenden Teil<br />

zeigen Hersteller erfolgreich umgesetzte<br />

Projekte aus der Praxis. Damit liegt endlich<br />

Immer wenn wir Energie brauchen, kann Biogas liefern:<br />

Bei Tag und Nacht, bei Wind und Wetter.<br />

Regional. Verlässlich. Klimafreundlich. Biogas kann‘s!<br />

95


Verband<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Vorne: Dr. Claudius da Costa Gomez (links), Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Biogas<br />

e.V., unterzeichnete am Rande der Biogas Convention in Hannover den Kooperationsvertrag.<br />

Rechts neben ihm setzt Jens Elsner, Senior Manager EZ-Scout-Programm bei der Deutsche<br />

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), seine Unterschrift unter den Vertrag.<br />

Der Kooperationsvertrag besiegelt die Verlängerung der Zusammenarbeit/Kooperation zwischen<br />

dem Fachverband und der GIZ.<br />

Dahinter stehen, von links: Fachverbands-Vizepräsident Hendrik Becker, Fachverbandspräsident<br />

Horst Seide, Bernhard Zymla, KC-Leiter Energie und Verkehr bei der GIZ, und Clemens<br />

Findeisen, EZ-Scout im Fachverband Biogas e.V.<br />

eine Broschüre vor, die Landwirten mitgegeben werden<br />

kann, die sich für den Bau solcher Anlagen interessieren.<br />

Auf der EuroTier/EnergyDecentral fand sie bereits<br />

reißenden Absatz.<br />

Energiepaket der EU-Kommission<br />

veröffentlicht<br />

Die EU-Kommission veröffentlichte am 30. November<br />

2016 ihr Energiepaket, mit dem die Energiepolitik<br />

Europas neu ausgerichtet werden soll. In einer ersten<br />

Bewertung des Referates Internationales muss jedoch<br />

festgehalten werden, dass das Paket einige maßgebliche<br />

Schwächen aufweist und die Chance verpasst,<br />

die Erneuerbaren Energien in Europa weiter voranzubringen.<br />

Insbesondere die Einschränkungen beim Einspeisevorrang<br />

und fehlende Mechanismen zur Zielerreichung<br />

des 27-Prozent-Anteils von Erneuerbaren Energien<br />

bis 2030 sind als sehr problematisch einzuschätzen.<br />

Dies gilt auch für die verpflichtenden grenzüberschreitenden<br />

Ausschreibungen, die die unterschiedlichen<br />

Bedingungen der Länder nicht angemessen genug berücksichtigen.<br />

Zudem sind die Ausbaupfade im Wärme-<br />

und Kältesektor sowie im Transportsektor äußerst<br />

unambitioniert. In den zuständigen Verbänden auf<br />

europäischer und nationaler Ebene (EBA, EREF, BEE,<br />

FvB usw.) wird das Paket sowie der weitere Umgang<br />

damit intensiv erörtert.<br />

Foto: Isabel Winarsch<br />

Bei diversen AHK-Geschäftsreisen und Vorträgen<br />

(zum Beispiel in Thailand, USA, Brasilien, Kolumbien,<br />

Slowakei und Simbabwe) konnten Mitarbeiter des<br />

Referates Internationales über die Deutsche Biogaswirtschaft,<br />

den Fachverband Biogas und die Erfahrungen<br />

in Deutschland berichten. Während der BIOGAS<br />

Convention hatte der Fachverband Biogas zusammen<br />

mit dem Indischen Biogasverband (IBA) eine Delegationsreise<br />

für Vertreter der Regierung und Wissenschaft<br />

aus Indien organisiert. Die Delegation war eine ganze<br />

Woche in Deutschland, in der sie Biogasanlagen,<br />

Forschungsinstitutionen und die Biogas Convention<br />

besucht haben.<br />

Mitgliederservice im Dauereinsatz wegen<br />

Stromsteuer und Nachhaltigkeitsnachweis<br />

beim Zündöl<br />

Die Novelle des EEG <strong>2017</strong> sorgt bereits für Arbeit im<br />

Mitgliederservice. Unter anderem soll rückwirkend<br />

zum 1. Januar 2016 eine Regelung greifen, nach der<br />

sich EEG-Vergütung und Stromsteuerbefreiung bei<br />

kaufmännisch-bilanzieller Stromeinspeisung entgegenstehen.<br />

Die katastrophale Folge für die betroffenen<br />

Betreiber ist, dass für diesen Strom die Vergütung<br />

entfällt.<br />

Da das EEG und das Stromsteuergesetz nicht abgestimmt<br />

sind, gibt es keine einfache Lösungsmöglichkeit.<br />

Das Referat Energierecht und -handel steht im<br />

intensiven Austausch mit dem Bundeswirtschaftsministerium,<br />

um „die Kuh vom Eis zu bekommen“. Aufgrund<br />

der großen Tragweite des Problems fragen zahlreiche<br />

Betreiber im Mitgliederservice an. Momentan<br />

deutet sich eine Lösung über das EEG-Änderungsgesetz<br />

an, die jedoch nicht einfach ist und entsprechend<br />

für eine hohe Anzahl an Mitgliederanfragen sorgen<br />

wird.<br />

Eine weitere Regelung des EEG <strong>2017</strong> wirft ebenfalls<br />

ihre Schatten voraus. Betreiber, die Biodiesel oder<br />

Pflanzenöl einsetzen, müssen ab Beginn des kommenden<br />

Jahres nachweisen, dass ihr Zündöl nachhaltig ist.<br />

Die Nachweisführung erfordert neben einer Registrierung<br />

bei der Bundesnetzagentur auch die Beantragung<br />

eines Nabisy-Kontos bei der BLE (Bundesanstalt für<br />

Landwirtschaft und Ernährung). In beiden Fällen konnte<br />

der Mitgliederservice wertvolle Hinweise geben.<br />

Autoren<br />

Dr. Stefan Rauh<br />

Geschäftsführer<br />

Dipl.-Ing. agr. (FH) Manuel Maciejczyk<br />

Geschäftsführer<br />

Fachverband Biogas e.V.<br />

Angerbrunnenstr. 12 ∙ 85356 Freising<br />

Tel. 0 81 61/98 46 60<br />

E-Mail: info@biogas.org<br />

96


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Verband<br />

Mathias Waschka<br />

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97


Verband<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Regionalgruppe Mecklenburg-Vorpommern<br />

Von den vielen kleinen Leuten<br />

an vielen kleinen Orten<br />

Ein afrikanisches Sprichwort lautet:<br />

„Wenn viele kleine Leute an<br />

vielen kleinen Orten viele kleine<br />

Dinge tun, können sie das Gesicht<br />

der Welt verändern.“ Der<br />

Leitspruch der 10. Internationalen Konferenz<br />

für nachhaltige Regionalentwicklung<br />

im Solarzentrum Mecklenburg-Vorpommern<br />

in Wietow bei Wismar begleitet die<br />

Biogasbranche eigentlich von Beginn an.<br />

Das ist durch die Entwicklung des Biogassektors<br />

beginnend mit der ersten Biogasanlage<br />

im Jahre 1996 in Mecklenburg-Vorpommern<br />

belegt.<br />

Die Biogasszene hat evolutionäre Fortschritte<br />

gemacht. Mehr als das: Selbstbewusst<br />

haben wir die Erfolge beim Übergang<br />

von fossilen zu Erneuerbaren Energie auch<br />

in Mecklenburg-Vorpommern registriert.<br />

Das belegt der Anteil Erneuerbarer Energien<br />

am Primärenergieverbrauch mit über 25<br />

Prozent und am Bruttostromverbrauch mit<br />

über 50 Prozent. Die Arbeit der Regionalgruppe<br />

konnte bisher ein wichtiger Unterstützer<br />

dieser Entwicklung sein.<br />

In den 17 Jahren ihres Bestehens, die mit<br />

der Gründung am 11. September 1999 begann,<br />

konnte sie von dem stetigen Aufstieg<br />

profitieren. Zur Landwirtschaftsausstellung<br />

MELA in Mühlengeez bei Güstrow am 17.<br />

September 2016 konnte auf die genau genommen<br />

888 Wochen marketingwirksam<br />

aufmerksam gemacht werden. Jetzt sind<br />

die vielen kleinen Leute an vielen Orten<br />

gefragt. Wir erkennen, dass die Biogasnutzung<br />

noch flexibler und noch besser für die<br />

Wärmebereitstellung genutzt werden kann.<br />

Die Wertschöpfungskette lässt vielfältige<br />

Speichermöglichkeiten zu. Viehhaltung<br />

und Feldwirtschaft können organisch kombiniert<br />

werden, ohne dass wir bestimmte<br />

Pflanzen allein als Energiepflanzen verstehen.<br />

Die Möglichkeiten sind vielfältig, die rechtlichen<br />

Rahmenbedingungen eher nicht.<br />

Deshalb ist die Mobilisierung regionaler<br />

Einsatzmöglichkeiten zu unterstützen.<br />

Unsere Potenziale: Erneuerbarer Strom vor<br />

Ort, eine leistungsfähige Landwirtschaft,<br />

maritime Traditionen im Maschinenbau<br />

und qualifizierte Menschen. Das erfordert<br />

eine wirkliche Vernetzung auch dieser Potenziale.<br />

Also an vielen kleinen Orten viele<br />

kleine Dinge tun. Die afrikanischen Wahrheiten<br />

sollten wir mehr in den Mittelpunkt<br />

stellen.<br />

Autor<br />

Dr. Horst Ludley<br />

Regionalgruppensprecher<br />

Bützower Str. 1a · 18239 Hohen Luckow<br />

Mobil: 01 75/162 13 94<br />

E-Mail: HLudley@t-online.de<br />

Regionalgruppe Niederbayern<br />

42. Biogasstammtisch in Rottersdorf<br />

Der 42. Niederbayerische Biogasstammtisch,<br />

der am 8. November<br />

in Rottersdorf bei Landau<br />

gemeinsam von C.A.R.M.E.N.<br />

e.V. und der Regionalgruppe<br />

Niederbayern des Fachverbandes Biogas<br />

e.V. veranstaltet wurde, fand unter den Betreibern<br />

große Resonanz. Über 100 Besucher<br />

nutzten die Gelegenheit, sich fachlich<br />

mit Berufskollegen auszutauschen und in<br />

mehreren Vorträgen über aktuelle Themen<br />

zu informieren.<br />

Nach der Begrüßung und Einführung durch<br />

den Regionalgruppensprecher Franz Winkler<br />

beschäftigten sich die ersten beiden Vorträge<br />

mit der Zuckerrübe. Markus Klein von<br />

der Südzucker AG stellte das Angebot seiner<br />

Firma dar, an Biogasanlagenbetreiber vertraglich<br />

vereinbarte Mengen an Zuckerrüben<br />

zu liefern. Als vorteilhaft stellte er insbesondere<br />

die aufgrund der Jahresverträge<br />

hohe Flexibilität sowie den angestrebten<br />

Vertragsabschluss bis spätestens Ende März<br />

heraus, was eine Planung der Maisaussaat<br />

noch ermöglichen würde. Daran anschließend<br />

berichtete Sebastian Schaffner von<br />

der KWS Saat AG über Vor- und Nachteile<br />

des Zuckerrübenanbaus für Biogasanlagen<br />

und gab den Betreibern wertvolle Tipps zur<br />

passenden Ernte- und Konservierungstechnik.<br />

Im Hauptvortrag des Abends stellte<br />

Rechtsanwalt Dr. Helmut Loibl von der Regensburger<br />

Kanzlei Paluka Sobola Loibl &<br />

Partner verschiedene Möglichkeiten zur Optimierung<br />

von Biogasanlagen unter Berücksichtigung<br />

der durch das EEG vorgegebenen<br />

Rahmenbedingungen vor. Ausgangspunkt<br />

seiner Ausführungen war, dass Bestandsanlagen<br />

spätestens nach 20 Jahren in das sogenannte<br />

Ausschreibungsregime wechseln<br />

müssen, um im Rahmen des EEG weiter<br />

betrieben werden zu können.<br />

Angesichts des im Regelfall deutlich unter<br />

der bisherigen Vergütung liegenden maximalen<br />

Gebotspreises plädierte er dafür, zusätzliche<br />

Einnahmequellen zu erschließen.<br />

Hier standen für ihn nennenswerte Wärmeverkaufseinnahmen<br />

und der Flexibilitätszuschlag<br />

im Mittelpunkt. Er riet zu prüfen, ob<br />

statt der üblichen doppelten Überbauung<br />

nicht auch eine höhere bis zu fünffache<br />

Überbauung infrage kommen könnte, da<br />

hierdurch bei einer 500-kW-Anlage Einnahmen<br />

bis zu 100.000 Euro zu erzielen seien.<br />

Auch rechnete er vor, dass der optimale<br />

Zeitpunkt für die erstmalige Teilnahme an<br />

Ausschreibungen vier Jahre vor Ende der<br />

Vergütungsdauer sei. Vor dem Hintergrund<br />

der drohenden Erhöhung des erforderlichen<br />

Gärproduktlagerraums brachte er eine Leistungsreduzierung<br />

ins Spiel. Schließlich ging<br />

er noch auf verschiedene von ihm konkret<br />

erlebte Szenarien ein, die für Betreiber zum<br />

rückwirkenden Verlust der Vergütung, teilweise<br />

in Millionenhöhe, führen können. Die<br />

Hauptgefahren, so Loibl, liegen hier in versäumten<br />

Meldepflichten ins Anlagenregister<br />

der Bundesnetzagentur, Nichterfüllung<br />

der technischen Anforderungen des Einspeisemanagements<br />

sowie in bestimmten<br />

Teilbereichen der Stromsteuerbefreiung.<br />

Text: C.A.R.M.E.N. e.V.<br />

98


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Verband<br />

Regionalgruppe Nordrhein-Westfalen<br />

MdBs informierten sich vor Ort<br />

Auf Einladung des Regionalgruppensprechers<br />

des Fachverbandes<br />

Biogas in NRW, Hendrik<br />

Keitlinghaus, diskutierten der<br />

energiepolitische Sprecher der<br />

CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Thomas<br />

Bareiß, und der CDU-Bundestagsabgeordnete<br />

Reinhold Sendker in einem Experten-<br />

Treffen der regionalen Bioenergie-Branche<br />

mit zahlreichen Landwirten aus dem Kreis<br />

Warendorf. Thema war neben der Reform<br />

des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG)<br />

vor allem die Verknüpfung von Landwirtschaft<br />

und Bioenergie. Gemeinsam mit<br />

weiteren Praktikern der Bioenergie wurden<br />

zuvor zwei Projekte in Bad Waldliesborn<br />

und Delbrück besichtigt. Man könne<br />

hier hervorragend erkennen, welch große<br />

Potenziale die Bioenergie biete und wie<br />

vorbildhaft die Energiewendeziele regional<br />

umgesetzt werden könnten. Nach Meinung<br />

vieler ebenfalls anwesenden Wärmekunden<br />

Regionalgruppe Schleswig-Holstein<br />

Netzanschluss bei Flexibilisierung<br />

Foto: Fachverband Biogas e.V.<br />

Bildmitte: MdB Thomas Bareiß und MdB Reinhold<br />

Sendker zu Besuch auf der Biogasanlage von<br />

Bernhard Schültken in Delbrück.<br />

(allein 55 im Dorf Lippling bei Delbrück)<br />

biete die Bioenergie neue, kostengünstige<br />

Perspektiven, sie fördere lokale Wertschöpfung<br />

und leiste einen bedeutenden<br />

Beitrag zur Energiewende und damit zum<br />

Umwelt- und Klimaschutz. „Wir sehen die<br />

Bioenergie als vollintegrierten Teil der regionalen<br />

Energieversorgung und setzen uns<br />

für weitere gewinnbringende Synergien<br />

ein. Dafür erwarten wir aber auch die Unterstützung<br />

der Politik. Mit dem aktuellen<br />

EEG vernachlässigt man auf fatale Art und<br />

Weise den ländlichen Raum“, so Hendrik<br />

Keitlinghaus. Zweites Thema der Diskussion<br />

war dann die weitergehende Verknüpfung<br />

von Landwirtschaft und Bioenergie.<br />

Aufgrund von Überschussproduktionen in<br />

der Landwirtschaft kam es zuletzt zu hohen<br />

Einkommensverlusten. Die Bioenergie<br />

biete sich hier als zweites Standbein für<br />

die Landwirtschaft an und stabilisiere als<br />

äußerst flexibler Energieträger die bedarfsgerechte<br />

Stromversorgung in Deutschland.<br />

Mit hocheffizienten und standortangepassten<br />

Biogasanlagen sowie einer konsequenten<br />

Kopplung mit den Sektoren Wärme und<br />

Mobilität könne die Bioenergie Wirkungsgrade<br />

bis 85 Prozent erreichen.<br />

Dieses Potenzial müsse mit einem moderaten<br />

Netto-Zubau moderner Biogasanlagen<br />

umfänglich ausgeschöpft und zielgerichtet<br />

eingesetzt werden.<br />

Autor<br />

Hendrik Keitlinghaus<br />

Regionalgruppensprecher<br />

Kettelerstr. 47 · 59329 Diestedde<br />

Tel. 0 25 20/9 31 18-0<br />

E-Mail: info@keitlinghaus-umweltservice.de<br />

Das EEG 2014 und auch das<br />

EEG <strong>2017</strong> schreiben eines<br />

ganz klar fest: Wer in Zukunft<br />

Strom aus Biogasanlagen auf<br />

den Markt bringt, muss seine<br />

Anlage flexibel fahren können und mindestens<br />

das Doppelte seiner installierten elektrischen<br />

Leistung zubauen.<br />

Viele Anlagen setzen sich mit der Vorgabe<br />

auseinander, auch um die sogenannte<br />

Flexprämie als Starthilfe generieren zu<br />

können. Es zeigt sich aber immer mehr,<br />

dass der Weg bis zur Flexibilisierung sehr<br />

steinig sein kann. Erster Knackpunkt ist<br />

der Netzanschluss. Der vorhandene Netzanschlusspunkt<br />

reicht häufig nicht aus<br />

und das EEG schreibt dem Netzbetreiber<br />

nur vor, im angemessenen Zeitraum einen<br />

Netzverknüpfungspunkt anzubieten. Der<br />

kann aber schon einmal mehrere Kilometer<br />

von der Anlage entfernt sein. Die Zuleitung<br />

zum Anschlusspunkt muss der Betreiber<br />

legen. Folge ist: Viele Projekte scheitern<br />

schon an der Stelle.<br />

Das Ministerium für Energiewende in<br />

Schleswig-Holstein hat diese Problematik<br />

erkannt. Die Landesregierung sieht die<br />

Rolle von Biogas in der Energiewende als<br />

wichtiger Partner im Bereich Flexibilisierung<br />

und Wärme. Daher lud sie zu einem<br />

Gespräch zwischen dem Energieversorger<br />

Schleswig-Holstein Netz AG (SH-Netz) und<br />

dem Fachverband Biogas ein.<br />

Dr. Benjamin Merkt, Bereichsleiter Netzausbau<br />

der SH-Netz sprach sich eindeutig<br />

für Biogas als wichtiger Partner der Energiewende<br />

aus, da die Anlagen in der Lage<br />

seien, die volatilen Energien auszugleichen<br />

und im Hinblick auf die Abschaltung der<br />

konventionellen Kraftwerke wichtig für die<br />

Netzspannung seien. Vor dem Hintergrund<br />

muss die Flexibilisierung der Anlagen ausgebaut<br />

werden.<br />

Allerdings muss auch mit der gesetzlichen<br />

Vorgabe der Wirtschaftlichkeit gearbeitet<br />

werden. Daher ist der Anschluss einzelner<br />

Biogasanlagen nur an einem entfernten<br />

Einspeisepunkt möglich. Hier wäre es wichtig,<br />

die Planungen der Anlagenbetreiber<br />

besser zu kennen und in die Netzplanung<br />

einzubeziehen.<br />

Die individuellen Entscheidungen der einzelnen<br />

Anlagenbetreiber zu bündeln, ist<br />

nach Ansicht des Fachverbandes Biogas<br />

schwer. Allerdings könnte eine unverbindliche<br />

Abfrage schon sehr hilfreich für die<br />

Planung sein. Es wurde in dem Gespräch<br />

vereinbart, mit der Konformitätserklärung,<br />

die jeder Betreiber bis Ende Februar abgeben<br />

muss, eine unverbindliche Abfrage<br />

über die Planung eines Einstiegs in die<br />

Flexibilisierung zu erstellen, die dann von<br />

der SH-Netz als erste Planungsgrundlage<br />

genutzt werden kann. Im Abgleich mit<br />

anderen EE-Anlagen kann es hier zu ganz<br />

neuen Synergien kommen.<br />

Autorin<br />

Dipl.-Ing. agr. Silke Weyberg<br />

Regionalreferentin Nord<br />

Fachverband Biogas e.V.<br />

99


Verband<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Regionalgruppensprecher<br />

Manfred Gegner verabschiedet<br />

Regional<br />

büro<br />

ost<br />

Unter dem Motto „Chancen und Risiken“<br />

fand am 28. November die 11.<br />

Brandenburger Biogas-Fachtagung in<br />

der Industrie- und Handelskammer<br />

(IHK) Potsdam statt. Der Einladung zu<br />

der von der Brandenburger Landesregierung,<br />

der IHK Potsdam und dem Landesbauernverband<br />

in enger Zusammenarbeit mit dem<br />

Fachverband Biogas organisierten Veranstaltung folgten<br />

etwa 100 Teilnehmer, damit war die Fachtagung<br />

sehr gut besucht.<br />

Nach der Begrüßung durch Dr. Mathias Plöchl, BioenergieBeratungBornim<br />

und ETI-AG Biogas, sprach<br />

der Minister für Ländliche Entwicklung, Umwelt und<br />

Landwirtschaft des Landes Brandenburg, Jörg Vogelsänger,<br />

ein Grußwort. Dabei stellte der Minister unter<br />

anderem den wichtigen Beitrag von Biogas zur Energiewende<br />

und zum Klimaschutz heraus und ging auf neue<br />

Herausforderungen für die Branche ein.<br />

Dann wurde es emotional. Nach einer kurzen Einführung<br />

in die Tagung durch Torsten Stehr, IHK Potsdam,<br />

Fachbereichsleiter Innovation, Umwelt, Energie, wurde<br />

der langjährige Regionalgruppensprecher des Fachverbandes<br />

Biogas e.V., Manfred Gegner, für die Region<br />

Berlin-Brandenburg verabschiedet. In den Dankesworten<br />

von Minister Vogelsänger, Jörg Stehr und dem<br />

Abteilungsleiter im Umweltministerium, Dr. Günther<br />

Hälsig, wurde der große persönliche Einsatz von Manfred<br />

Gegner für die Entwicklung der Biogasbranche in<br />

Brandenburg gewürdigt.<br />

Anerkennung fand vor allem auch die immer offene und<br />

ehrliche Zusammenarbeit mit den Ministerien und Institutionen.<br />

Für alle Teilnehmer sichtbar wurde die langjährige<br />

und hervorragende Zusammenarbeit auch mit<br />

dem Landesbauernverband Brandenburg in der Rede<br />

des Präsidenten des LBV, Henrik Wendorff. Der Präsident<br />

würdigte besonders den immerwährenden Einsatz<br />

Gegners für die landwirtschaftlichen Biogasanlagen<br />

und das Einbeziehen der Bewirtschafter von Investorenanlagen,<br />

von denen es in Brandenburg eine große<br />

Anzahl gibt. Die in enger Zusammenarbeit mit Dr. Karsten<br />

Lorenz ins Leben gerufenen und inzwischen über<br />

30 durchgeführten Betreiberstammtische bei Landwirten<br />

spiegeln diese erfolgreiche Zusammenarbeit wider.<br />

Einige Eckdaten aus der Biogas-Vita Manfred Gegners<br />

wurden nochmal in dessen Dankesrede sichtbar:<br />

ff15 Jahre ehrenamtliche Tätigkeit als Regionalgruppensprecher<br />

in Berlin-Brandenburg, mit 184<br />

Mitgliedern die größte Regionalgruppe im Osten.<br />

RG-Sprecher Manfred Gegner (rechts) erhält die Glückwünsche<br />

von Brandenburgs Bauernpräsident Henrik Wendorff.<br />

ffVon 2001 bis 2009 Präsidiumsmitglied im<br />

Fachverband Biogas, hier war er die Stimme<br />

Ostdeutschlands.<br />

ffMitarbeit an drei EEG, häufige Dienstreisen nach<br />

Osteuropa, damit die Grundlagen mit gelegt für den<br />

Europäischen Biogasverband und die weitere Internationalisierung<br />

des Fachverbandes Biogas e.V.<br />

Bis zur Wahl der neuen Regionalgruppensprecher in<br />

<strong>2017</strong> fungiert Manfred Gegner als Stellvertreter des<br />

amtierenden Sprechers Gerd Hampel.<br />

Die 11. Biogasfachtagung in Brandenburg wurde fortgesetzt<br />

mit einem anspruchsvollen fachlichen Programm.<br />

Der Präsident des Landesbauernverbandes<br />

Brandenburg, Henrik Wendorff, und Dr. Karsten Lorenz<br />

vom LBV stellten den Stand und die Perspektiven von<br />

Biogas in Brandenburg vor. Dabei wurden auch hier die<br />

unsäglichen Folgen der EEG 2014 und <strong>2017</strong> für die<br />

weitere Entwicklung der Biogasbranche festgestellt.<br />

Der Geschäftsführer des Fachverbandes Biogas e.V., Dr.<br />

Stefan Rauh, ging im folgenden Vortrag „Wie weiter im<br />

neuen EEG – EEG <strong>2017</strong> und das Ausschreibungsmodell“<br />

sehr detailliert auf die neuen Herausforderungen<br />

ein, vor denen besonders die Anlagenbetreiber stehen,<br />

die ihre Anlagen nach dem Auslaufen der EEG-Vergütung<br />

weiterführen wollen. Speziell die rechtlichen Fragen<br />

des EEG <strong>2017</strong> ergänzte Dr. Hartwig von Bredow von<br />

der Kanzlei von Bredow Valentin Herz Rechtsanwälte.<br />

Den ersten Vortragsblock rundete Thorsten Birth vom<br />

Fraunhofer Institut für Fabrikbetrieb und Automatisierung<br />

mit seiner Sicht zu den Perspektiven von Biogas<br />

ab. Noch vor der Mittagpause sprach Dr. Bernd Dutsch-<br />

Foto: IHK Potsdam<br />

100


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Verband<br />

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101


Verband<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Vollbesetzter Versammlungsraum<br />

in Bösleben.<br />

RG-Sprecher Erhard<br />

Oelsner bei seiner<br />

Eröffnungsrede.<br />

mann vom Abfallentsorgungsverband Schwarze Elster<br />

zur Abfallvergärung in Südbrandenburg, Dr. Sebastian<br />

Tews von der Biothan GmbH ergänzte mit seinen Erfahrungen<br />

mit der Abfallvergärung aus dem Landkreis<br />

Fulda.<br />

Zum Motto der 11. Biogasfachtagung „Chancen und<br />

Risiken“ referierte Prof. Dr. Frank Baur, wissenschaftlicher<br />

Leiter der IZES gGmbH aus Saarbrücken. Als<br />

Basisvortrag vor den sich anschließenden<br />

Praxisberichten<br />

stellte Martin Schulze, Naturenergie<br />

Martin Schulze, seine<br />

mit Gerd Hampel aufwändig<br />

erstellte Analyse der Biogasanlagen<br />

in Brandenburg vor.<br />

Im Ergebnis der Studie zeigte<br />

sich, dass sich in ihrer Struktur,<br />

Größe und den eingesetzten<br />

Substraten ähnelnde Anlagen<br />

tatsächlich auch ähnliche<br />

Probleme aufweisen. Schulze<br />

riet deshalb, in Zukunft zu<br />

themenorientierten Stammtischen<br />

auf der Grundlage der<br />

Ergebnisse der Analyse einzuladen. Schulze stellte<br />

den Praxisbericht aus dem Landwirtschaftsbetrieb in<br />

Gartz (Oder) aus Krankheitsgründen des Referenten<br />

selbst vor. Der zweite Praxisbericht wurde von Jürgen<br />

Frenzel von der Agrar-GbR Wittbrietzen gehalten. Den<br />

Abschluss der Tagung bildeten die beiden Vorträge von<br />

Susanne Theuerl vom Leibnitz Institut für Agrartechnik<br />

und Bioökonomie, Potsdam zu aktuellen Forschungen<br />

im Bereich Biogas aus Sicht einer Mikrobiologin.<br />

Im Berichtszeitraum fand eine weitere Biogas-Veranstaltung<br />

in der ostdeutschen Region statt. Die 3.<br />

Biogas-Fachtagung in 2016 und insgesamt jetzt schon<br />

44. im Freistaat Thüringen wurde am traditionellen<br />

Standort in der Bauernscheune in Bösleben veranstaltet.<br />

Auch schon traditionell von den drei Veranstaltern<br />

Fachverband Biogas, Regionalgruppe Thüringen (diesmal<br />

federführend), dem Thüringer Bauernverband und<br />

der Thüringer Landesanstalt für Landwirtschaft sehr<br />

Fotos: Anja Nussbaum, TBV<br />

gut organisiert und vorbereitet, folgten mehr als 120<br />

Teilnehmer, vorwiegend Anlagenbetreiber, der Einladung.<br />

Damit konnten die Veranstalter einen neuen<br />

Teilnehmerrekord verzeichnen. Nach den Grußworten<br />

des Thüringer Regionalgruppensprechers Erhard Oelsner<br />

musste das wieder anspruchsvolle Programm leider<br />

nach einem krankheitsbedingten Ausfall von Anton<br />

Baumann aus Wangen umgestellt werden. Anstelle der<br />

Ausführungen des Sachverständigen für Biogasanlagen<br />

zum Bauzustand und Sanierungsbedarf von Biogasanlagen<br />

und der Bedeutung der vorbeugenden Wartung für<br />

einen optimalen Betriebszustand sprach Dr. Gerd Reinhold<br />

von der TLL Jena zu ersten Ergebnissen der aktuellen<br />

Thüringer Betreiberumfrage zur Wärmenutzung und<br />

zu Handlungsoptionen aus der Anschlussförderung im<br />

EEG <strong>2017</strong>.<br />

Weitere Vorträge wurden von Robert Wagner,<br />

C.A.R.M.E.N. e.V. Straubing, zum Thema „ORC-Technik<br />

– Wirtschaftlichkeit und Grenzen“ und Dr. Jürgen<br />

Müller, TLL Jena, zu Betriebszweigabrechnung und<br />

-vergleich von Biogasanlagen gehalten. Nach der Pause<br />

sprach Thorsten Breitschuh, BELANU Werdershausen,<br />

über Effizienzreserven in landwirtschaftlichen Biogasanlagen,<br />

er wertete hierbei auch Umweltgutachten aus.<br />

In jeder folgenden Biogas-Fachtagung soll zukünftig ein<br />

Erfahrungsbericht eines Anlagenbetreibers zum Vortrag<br />

kommen. In Bösleben sprach Sylvio Key, Agra-Milch<br />

e.G. Frohndorf, über seine Erfahrungen aus mehr als 10<br />

Jahren Anlagenbetrieb.<br />

Eine gewohnt angeregte Diskussionsrunde folgte, operative<br />

Fragen wurden angesprochen. Hierbei bekam<br />

auch Uwe Welteke-Fabricius, Die Flexperten, Kassel,<br />

die Gelegenheit, Inhalte der neu gestarteten Flex-Info-<br />

Tour vorzustellen, die am 6. Dezember auch in Bad<br />

Klosterlausnitz Station machte. Nach dem Schlusswort<br />

durch Erhard Oelsner und dem gemeinsamen Mittagessen<br />

fand das Regionalgruppentreffen der RG Thüringen<br />

statt. Thematisiert wurden hier vor allem die im<br />

kommenden Jahr anstehenden RG-Wahlen, die Biogas<br />

Convention in Hannover und die Gründung der Service-<br />

GmbH im Fachverband.<br />

An dieser Stelle möchte ich mich für die gute Unterstützung<br />

von so vielen Mitgliedern unseres Fachverbandes<br />

Biogas im vergangenen Jahr bedanken. Vielen herzlichen<br />

Dank dafür! Es hat sich wieder gezeigt. Nur gemeinsam<br />

kommen wir unseren selbst gesteckten Zielen näher. Im<br />

kommenden Jahr <strong>2017</strong> wird es nicht einfacher für uns,<br />

packen wir es bitte wieder gemeinsam an.<br />

Autor<br />

Dipl.-Ing. agr. Volker Schulze<br />

Regionalreferent Ost<br />

Fachverband Biogas e.V.<br />

Alfred-Hess-Str. 8<br />

99094 Erfurt<br />

Tel. 03 61/26 25 33 66<br />

E-Mail: volker.schulze@biogas.org<br />

102


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Verband<br />

Politischer Herbst in Niedersachsen<br />

Regional<br />

büro<br />

NORD<br />

Die Niedersächsischen Energietage<br />

sind immer gesetzt.<br />

Anfang November trafen sich<br />

Vertreter von Wissenschaft<br />

und Verbänden traditionell<br />

in Goslar in der Kaiserpfalz<br />

zu der Veranstaltung, die<br />

vom Energieforschungszentrum Niedersachsen<br />

organisiert wird. Viele Innovationen<br />

wurden vorgestellt und oft auch der einzige<br />

Weg, wie die Energiewende funktioniert.<br />

Schade, denn etwas mehr Offenheit für die<br />

unterschiedlichen Player der Energiewende<br />

wäre für die Politikberatung sehr förderlich.<br />

In diesem Jahr war der Niedersächsische<br />

Wirtschaftsminister Olaf Lies zu Gast. Er<br />

zeigte sich beeindruckt von den Fortschritten<br />

und Möglichkeiten der Energiewende,<br />

hat aber immer noch ein Herz für die Kohle.<br />

Er sprach über die Notwendigkeit der konventionellen<br />

Kraftwerke für die Netzstabilität.<br />

Was dem Fachverband aufzeigt, dass<br />

dringender Informationsbedarf über die<br />

Möglichkeiten gerade von Biogas besteht.<br />

Dies scheint ein generelles Problem der<br />

SPD in Niedersachsen zu sein. Im Kommunalwahlkampf<br />

im Landkreis Rotenburg lobte<br />

sich die SPD für die krassen Einschnitte in<br />

der Förderung von Biogasanlagen. Für uns<br />

ein Anlass, mit der SPD-Landtagsfraktion<br />

das Gespräch zu suchen. Hier trafen wir auf<br />

eine sehr gut informierte stellvertretende<br />

Fraktionsvorsitzende Renate Geuther, die<br />

im Landkreis Cloppenburg viel Kontakt zu<br />

Biogasanlagenbetreibern hat und durchaus<br />

Unterstützung für den Aufbau von Zukunftsperspektiven<br />

für Biogas anbot. Die<br />

Gesprächspartner waren sich einig, dass<br />

neben der Rolle von Biogas bei der Netzstabilität<br />

auch Dienstleistungen für den Klimaschutz<br />

beispielsweise durch Güllevergärung<br />

eine wichtige Rolle einnehmen.<br />

Dass Klimaschutz ein immer wichtigeres<br />

Argument für die Erneuerbaren ist, zeigte<br />

die Klimakonferenz der norddeutschen<br />

Länder in Hannover. Die Umweltminister,<br />

-senatoren oder Staatssekretäre aus Niedersachsen,<br />

Schleswig-Holstein, Mecklenburg-<br />

Vorpommern, Hamburg, Bremen und Berlin<br />

diskutierten mit Vertretern unterschiedlichster<br />

Verbände und Institutionen über<br />

Anpassungsstrategien an den Klimawandel.<br />

Dass neben den Anpassungsstrategien insbesondere<br />

die Beschlüsse von Paris umgesetzt<br />

werden müssen, war Konsens. Um dies<br />

mithilfe der Erneuerbaren Energien umzusetzen,<br />

werden allerdings andere zukunftsweisendere<br />

Rahmenbedingungen benötigt.<br />

Das kam bei einer weiteren Veranstaltung in<br />

Niedersachsen zum Ausdruck.<br />

Der 3. Niedersächsische Windbranchentag<br />

fand in Hannover statt, und der Fachverband<br />

Biogas war als Kooperationspartner<br />

mit dabei. Nachdem Staatssekretär Rainer<br />

Baake seine Vorstellungen der Energiewende<br />

verkündete, bei denen die Speicherproblematik<br />

keine Rolle spielte, wurde im<br />

Verbändedialog deutlich, dass die Herausforderung<br />

der Energiewende das gemeinsame<br />

Agieren aller Erneuerbaren Verbände ist,<br />

um den Vorstellungen des Wirtschaftsministeriums<br />

eine eigene Idee der Energiewende<br />

entgegenzustellen.<br />

Es wurde vereinbart, in Niedersachsen enger<br />

verzahnt miteinander zu arbeiten und<br />

gemeinsame Stellungnahmen zum Klimaschutzgesetz<br />

und zur Nachhaltigkeitsstrategie<br />

abzugeben.<br />

Ein Ansatz zur Zusammenarbeit und für<br />

konkrete Projekte kann in einer Initiative des<br />

Innovationszentrums Niedersachsen liegen.<br />

Mit dem Ziel, Energiegenossenschaften zu<br />

professionalisieren und regionale Energieversorgungsprojekte<br />

zu implementieren,<br />

kam das Innovationszentrum auf den Fachverband<br />

Biogas zu. Anfang nächsten Jahres<br />

ist geplant, eine erste gemeinsame Veranstaltung<br />

mit den Verbänden der Erneuerbaren<br />

Energien, dem Landvolk und 3N durchzuführen,<br />

um ein Modell Niedersachsen für<br />

die Energieversorgung zu entwickeln.<br />

Autorin<br />

Dipl.-Ing. agr. Silke Weyberg<br />

Regionalreferentin Nord<br />

Fachverband Biogas e.V.<br />

Warmbüchenstr. 3 · 30159 Hannover<br />

Tel. 05 11/36 70 428<br />

E-Mail: silke.weyberg@biogas.org<br />

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103


Verband<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Über 70 Teilnehmer<br />

kamen zum Flex-<br />

Infotag im schon<br />

traditionellen Veranstaltungsort<br />

Dorfgemeinschaftshaus<br />

Bad<br />

Saulgau-Friedberg.<br />

Starke Flexibilisierung als Königsweg?<br />

Regional<br />

büro<br />

süd<br />

Der Fachverband Biogas e.V. unterstützte<br />

einen der ersten bundesweiten Flex-Infotage<br />

„Flexibilisierung und Wärmenutzung“<br />

der Initiative von „KWK-kommt“ in Bad<br />

Saulgau-Friedberg. Das große Interesse signalisierten<br />

die über 70 Teilnehmer, weit<br />

überwiegend Betreiber von Biogasanlagen. Die insgesamt<br />

sehr positiv bewertete Tagung wies im Bereich der<br />

Flex-Eignung der BHKW noch weitergehenden Informationsbedarf<br />

auf.<br />

Als entscheidende Motivation stellte der Veranstalter<br />

Adi Golbach eindrücklich die Treibhausgas-Einsparung<br />

unter Würdigung von Wärmenutzung im Kraft-Wärme-<br />

Kopplungs-(KWK)-Betrieb der Biogasanlagen heraus.<br />

Den Strommarkt mit seinen beachtlichen Preisspannen<br />

in der täglichen Preisentwicklung erläuterte Marcel<br />

Kraft vom Stromvermarkter CLENS. An der Börse ließen<br />

sich unter anderem im EPEX-Spotmarkt deutliche<br />

Zusatzerlöse zur jetzigen Festvergütung mit Marktprämie<br />

erzielen. Dazu gehören nach seinen Worten die drei<br />

Erfolgsfaktoren:<br />

1. Marktunterschiede (spreads) erkennen und nutzen.<br />

2. Die Vorhersagekompetenz des Stromvermarkters.<br />

3. Die sicheren Verfügbarkeiten seitens der Biogasanlagen-Blockheizkraftwerke<br />

(BHKW).<br />

Die Prognose der Strompreise an der Börse sei tendenziell<br />

gleichbleibend bis leicht abnehmend. Dabei seien<br />

aber im Tagesverlauf zu beobachtende sowie saisonale<br />

Unterschiede – mit im Winter höheren Preisen als<br />

im Sommer – festzustellen. Die Flexibilisierung werde<br />

angereizt sowohl im EEG 2012/14 mit der Flexprämie<br />

von 130 Euro pro kW der Flexleistung als auch im EEG<br />

<strong>2017</strong> mit dem Flexzuschlag von 40 Euro pro kW installierter<br />

Leistung. Beides könne in Anspruch genommen<br />

werden für jeweils maximal 10 Jahre.<br />

Wichtig zu berücksichtigen: Die Flexprämie ist an den<br />

Festvergütungszeitraum gebunden, der Flexzuschlag<br />

an den (bezuschlagten) Ausschreibungszeitraum. Für<br />

Foto: Fachverband Biogas e.V.<br />

ein 500-kW-BHKW belaufen sich die Erlöse aus der<br />

Flexprämie bei „doppelter Überbauung“ (zusätzlich<br />

500-kW-BHKW-Leistung) auf etwa 58.000 Euro, bei<br />

maximal möglicher Flexibilisierung (5-facher Überbauung<br />

= zusätzliche 2.000-kW-BHKW-Leistung) liegen<br />

sie bei etwa 162.000 Euro. Für Bene Müller von Solarcomplex,<br />

einem der erfolgreichsten Planer und Betreiber<br />

von Bioenergiedörfern und selbst Biogasanlagenbetreiber,<br />

steht fest, dass es zwei entscheidende Säulen<br />

einer zukunftsfähigen Biogasanlage gibt: den flexiblen<br />

Betrieb und eine gute Wärmenutzung!<br />

Aus dem Preisgeschehen an der Börse unterschied Uwe<br />

Welteke-Fabricius von den „Fl(ex)perten“ die vier verschiedenen<br />

Segmente:<br />

1. Die positive Regelleistung als Systemdienstleistung.<br />

Sie dient zum Beispiel der Korrektur von Prognosefehlern.<br />

Sie ist mit aktuell 4 bis 5 Gigawatt (GW)<br />

Marktvolumen klein und zeigt volatile Preise.<br />

2. Der Börsen-Spotmarkt (EPEX Spot). Er dient<br />

der Börse unter anderem als Marktplatz für den<br />

täglichen Stromhandel: mit 50 bis 80 GW Leistung<br />

als Terminkontrakte ein großes und interessantes<br />

Volumen!<br />

3. Zwei Auktionen für den nächsten Tag (day-ahead).<br />

4. Den Liefertag selbst betreffenden Stromhandel<br />

(Intraday, bis 45 Minuten vor Lieferung). Die<br />

Preis-(=Erlös)-entwicklung zeigt für die negative<br />

Regelleistung deutlich nach unten. Die EPEX-dayahead-Preise<br />

sind beachtlich stabil. Börsen-Szenarien<br />

zur Zukunft der Spotmarkt-Preise gehen davon<br />

aus, dass mit dem Atomausstieg die Volumina zu 2.<br />

bis 4. deutlich ansteigen werden und zunehmend<br />

volatilere Preise mit im Verhältnis zu heute (0 bis<br />

8 ct/kWh) unglaublichen Spannen von 0 bis 15 ct/<br />

kWh entstehen werden.<br />

Daraus folgt, dass die Stromvermarktung die Biogasanlage<br />

nach den günstigsten Erlösbedingungen steuern<br />

können muss mit einem täglich auf die Erlöse hin optimierten<br />

Fahrplan. Diese Erlösmöglichkeiten lassen sich<br />

durch eine saisonale Verschiebung der Stromproduktion<br />

in den hochpreisigeren Winter (Substrat als Speicher)<br />

verbessern, die mit einem höheren Wärmeabsatz parallel<br />

läuft. Damit ist die aus derzeitiger Sicht maximale<br />

Erlössituation der Vor-Ort-Verstromung erreicht.<br />

Für die Annäherung an eine betriebsspezifische Lösung<br />

können folgende Gedanken als Leitschnur dienen:<br />

1. Was ist der heutige genehmigte Bestand?<br />

2. Verschiedene Varianten prüfen mit den erforderlichen<br />

Investitionen: Erweiternde Flexibilisierung in<br />

verschiedenen Stufen [zum Beispiel Überbauung<br />

plus 50 Prozent, plus 100 Prozent (= doppelte)<br />

104


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Verband<br />

plus 400 Prozent (= max.) oder Werte dazwischen]<br />

und reduzierende Flexibilisierung in vergleichbaren<br />

Stufen.<br />

3. Auswirkungen auf die Wärmenutzung? Saisonale<br />

Verschiebung der Strom- und Wärmeproduktion<br />

sinnvoll.<br />

4. Wie sieht die Perspektive bezüglich des Genehmigungsrechts<br />

aus: Bin ich „gedeckelt“ oder wäre eine<br />

Genehmigung für die Flexibilisierung vorstellbar –<br />

unter Umständen unter Inanspruchnahme von<br />

externer Hilfestellung?<br />

5. Wo entstehen zusätzliche einmalige/laufende<br />

(Mehr-)Kosten?<br />

6. Welche Erträge können sich ergeben? Rat:<br />

Erfahrenen Stromhändler hinzuziehen.<br />

Für die Biogasanlage ist dann eine Betriebsentwicklungsplanung<br />

mit Varianten der Flexibilisierung, der<br />

erforderlichen Investitionen einschließlich in der<br />

Wärmeversorgung, der genehmigungsrechtlichen und<br />

technischen Rahmenbedingungen und deren Veränderbarkeit<br />

sowie der Erlössituation zu erarbeiten. Nicht<br />

vergessen werden darf folgende Überlegung, wenn die<br />

Anschlussvergütung (Ausschreibung) in Anspruch genommen<br />

werden soll: Eine „doppelte Überbauung“ ist<br />

(aktuell) einfach, aber eine höhere Überbauung kann<br />

wirtschaftlich deutlich interessanter sein. Schon dadurch,<br />

dass bei einer Mehrfach-Überbauung sich die<br />

Jahreslaufzeit des BHKW reduziert und sich daraus<br />

eine für den Ausschreibungszeitraum ausreichende<br />

Lebensdauer ergeben kann.<br />

Übrigens: Bayern gewährt als einziges Bundesland eine<br />

explizite Beratung dazu, die kostenlos und unabhängig<br />

den Biogaslandwirten zur Verfügung steht – eine politisch<br />

klare Ansage für die Energiewende mit Biogas<br />

als Kitt zwischen den volatilen Erneuerbaren Energien<br />

Sonne und Wind! Zu den vorgenannten Aspekten werden<br />

in Baden-Württemberg im Jahr <strong>2017</strong> vertiefende<br />

Veranstaltungen stattfinden, damit Biogas die ihm zustehende<br />

Rolle tatsächlich übernimmt.<br />

Autor<br />

Dipl.-Ing. RU Otto Körner<br />

Regionalreferent Süd<br />

Fachverband Biogas e.V.<br />

Gumppstr. 15 ·78199 Bräunlingen<br />

Tel. 07 71/18 59 98 44<br />

E-Mail: otto.koerner@biogas.org<br />

105


Verband<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Klimaschutz light<br />

Gastbeitrag von Harald Uphoff, kommissarischer Geschäftsführer<br />

des Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) e.V.<br />

Da hatte die Verhandlungsrunde<br />

in Marrakesch bereits begonnen,<br />

als das Geschacher um<br />

den deutschen Klimaschutzplan<br />

erst noch einmal richtig<br />

an Fahrt aufnahm. Nach monatelangem<br />

Gezerre kam ein Plan zustande, den hierzulande<br />

Umweltschützer, Erneuerbare-Energien-Verbände<br />

und auch Teile der Industrie<br />

unisono kritisierten.<br />

In Marrakesch hingegen kam der deutsche<br />

Klimaschutzplan dann doch recht gut an –<br />

weil er immerhin auf internationalem Terrain<br />

der erste Ansatz war, der während<br />

der Verhandlungsrunde vorgelegt wurde.<br />

Immerhin hatten alle Staaten in Paris die<br />

Aufgabe mit nach Hause genommen, eine<br />

nationale Maßnahmenplanung zu erarbeiten,<br />

um die vereinbarten Ziele erreichen zu<br />

können.<br />

Bei aller Freude in Marrakesch – das<br />

grundlegende Problem bleibt ungelöst:<br />

Was im Klimaschutzplan 2050 beschlossen<br />

wurde, reicht bei weitem nicht, um<br />

die Klimaschutz-Beschlüsse von Paris zu<br />

erreichen. Nachjustieren ist also an allen<br />

Stellen nötig.<br />

Doch halten wir zunächst fest, was gut ist<br />

am deutschen Klimaschutzplan 2050.<br />

Erstens: Es gibt ihn überhaupt. Bis zum<br />

Schluss konnte man nicht mit Sicherheit<br />

davon ausgehen. Zweitens: Der Plan<br />

schreibt konkrete Ziele für die einzelnen<br />

Sektoren vor, wie viel CO 2<br />

sie einsparen<br />

müssen. Das ist ein erster Schritt und dafür<br />

hatte sich der BEE öffentlich auch immer<br />

wieder eingesetzt.<br />

Die Sektorenziele sind jedoch bei weitem<br />

noch nicht ambitioniert genug, um unsere<br />

verbindlichen Klimaschutzziele zu erreichen.<br />

Wenig verbindlich zeigt sich der<br />

Plan auch an anderer Stelle: In der Pfadbeschreibung<br />

bis 2050 bleibt offen, wie viel<br />

Treibhausgase nun bis 2050 weniger ausgestoßen<br />

werden sollen. Im Vorfeld war es<br />

einer der größten Streitpunkte, wo sich eine<br />

Industrienation wie Deutschland im Feld<br />

zwischen 80 bis 95 Prozent Verminderung<br />

einsortiert. Die Diskussion um die Zahlen<br />

beendet nun die Formulierung „weitgehende<br />

Treibhausgasneutralität bis 2050“.<br />

Darüber hinaus bleibt unklar, wie die Emissionen<br />

gesenkt werden sollen. Aus Sicht<br />

des BEE kann das nur mit einem deutlich<br />

stärkeren Ausbau der Erneuerbaren Energien<br />

gelingen, der Hand in Hand mit deutlich<br />

verbesserten Effizienzmaßnahmen gehen<br />

muss. Weder Ausbauziele noch Zeitpläne<br />

werden jedoch im Klimaschutzplan benannt.<br />

Beides wäre nötig, um einen verlässlichen<br />

Rahmen zu schaffen, der Investitionen<br />

in eine moderne Energieversorgung<br />

anreizt. Denn eine planlose Energiepolitik<br />

schadet nicht nur dem Weltklima, sondern<br />

auch der deutschen Wirtschaft.<br />

Verbindliche Ausbaukorridore wären besonders<br />

für die Bioenergie hilfreich, die<br />

mit den vergangenen EEG-Novellen deutlich<br />

beschnitten wurde und mancherorts<br />

einen harten Kampf ums Überleben führt.<br />

Der Klimaschutzplan 2050 erkennt die<br />

wichtige Rolle der Bioenergie, setzt dabei<br />

aber vor allem auf Rest- und Abfallstoffe.<br />

Im landwirtschaftlichen Bereich setzt der<br />

Klimaschutzplan auf die Vergärung von<br />

Gülle. Das ist gut, weil gerade auch die<br />

Landwirtschaft gefragt ist, ihren Beitrag<br />

zum Klimaschutz zu leisten. Schlecht ist,<br />

dass beim Einsatz von Anbaubiomasse keine<br />

weitere Entwicklung gesehen wird. Die<br />

Energiewende ist für den BEE nur mit dem<br />

vielseitigen Einsatz von Biomasse denkbar.<br />

Entscheidend für einen zügigen Ausbau<br />

der Erneuerbaren Energien ist ein fairer<br />

Wettbewerb, in dem die wahren Preise der<br />

fossilen Energieerzeugung einerseits und<br />

die der Erneuerbaren andererseits gezeigt<br />

werden. Ein Preis auf Kohlendioxid würde<br />

schnell aufzeigen, wer von den Energieträgern<br />

das Rennen macht. Der BEE hält<br />

einen Preis für den CO 2<br />

-Ausstoß für ein unverzichtbares<br />

Element auf dem Weg in eine<br />

saubere Energieversorgung.<br />

Er hat deshalb jüngst vorgeschlagen, in<br />

Deutschland eine CO 2<br />

-Bepreisung einzuführen<br />

und im Gegenzug die Stromsteuer<br />

abzuschaffen. Das wäre endlich ein<br />

ernsthafter Schritt, die ökonomischen<br />

und ökologischen Folgekosten der fossilen<br />

Energieträger transparent zu machen.<br />

Klimaerhitzung sowie Umwelt- und Gesundheitsschäden<br />

durch den Kohleabbau<br />

und die Kohlenutzung stehen da an oberster<br />

Stelle. Würden sie eingepreist, könnte<br />

die fossile Energieerzeugung nicht zu den<br />

heute marktüblichen Preisen angeboten<br />

werden<br />

Nach dem Durchbruch beim Weltklimagipfel<br />

in Paris stand in Marrakesch nun<br />

mehr das operative Geschäft auf der Agenda:<br />

globale Regeln für den Klimaschutz,<br />

Umsetzung und Überwachung der nationalen<br />

Maßnahmen, um die internationalen<br />

Zielvereinbarungen einhalten zu können.<br />

Wie schwierig das im Detail werden wird,<br />

haben die teils schwierigen Verhandlungen<br />

in Marrakesch ebenso gezeigt wie die<br />

in Deutschland.<br />

Und dann war da noch die US-Wahl, die<br />

die internationalen Klimaschutzbemühungen<br />

nicht einfacher machen wird. Umso<br />

wichtiger wird es sein, dass Deutschland<br />

international positive Zeichen setzt und<br />

die Energiewende als Chance für die wirtschaftliche,<br />

ökologische und soziale Entwicklung<br />

von Deutschland vorantreibt, anstatt<br />

selbst auf der Stelle zu treten.<br />

Damit Deutschland seiner Vorreiterrolle<br />

wieder gerecht wird, kann der Klimaschutzplan<br />

2050 daher nur ein erster<br />

Schritt sein. Denn mit Platz 29 im aktuellen<br />

Klimaschutz-Index von Germanwatch,<br />

der während der Konferenz in Marrakesch<br />

veröffentlicht wurde, können wir uns auf<br />

der nächsten Weltklimakonferenz in Bonn<br />

nicht sehen lassen.<br />

106


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107


Verband<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

„Bihugas“ – den Urlaubern zuliebe<br />

Die Geschichte der modernen Biogasnutzung – Teil 1: Bayern.<br />

Von Bernward Janzing<br />

Es war nicht die Energie, die Bayern zum<br />

Biogas führte, es war die Gülle. „Gülle und<br />

Urlauber, das verträgt sich nicht“, sagt rückblickend<br />

Johann Sedlmeier, der ehemalige<br />

Direktor der Landmaschinenschule in Triesdorf.<br />

Und deswegen fing der Vordenker an zu überlegen,<br />

wie der Gülle ihr strenger Geruch genommen werden<br />

könnte. Um dieses Ziel zu erreichen, war die anaerobe<br />

Vergärung die Technik der Wahl. Und so kam auch der<br />

Begriff „Bihugas“ auf, für Bio-Humus, wegen der guten<br />

Düngeeigenschaften der Gärüberreste.<br />

„Was man mit der Energie machen sollte, wusste man anfangs<br />

noch nicht“, erinnert sich Sedlmaier, „zumal es für<br />

die Verstromung noch keine Technik gab.“ Also habe man<br />

in den Siebzigerjahren damit begonnen, Schwimmbäder<br />

zu beheizen. Auf den Höfen habe manch einer sich einen<br />

Brenner in die Waschküche gestellt, um mit dem Biogas<br />

zu kochen. In der Küche wollten die Leute das Gas nicht<br />

haben, denn es roch stark, weil es nicht entschwefelt<br />

war. Schon in den Jahrzehnten zuvor hatte es einzelne<br />

Anlagen gegeben. Die Industrie- und Handelskammer<br />

Nürnberg-Mittelfranken berichtet von einer Biogas-Anlage<br />

der Vierzigerjahren in einem landwirtschaftlichen Gut<br />

in Olching bei München, die jedoch bei einem Bombenangriff<br />

im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde.<br />

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Bayerische Klöster nach dem Krieg Vorreiter<br />

Nach dem Krieg waren es vor allem die bayerischen<br />

Klöster, die die Technik nutzten, zum Beispiel in<br />

Nieder altaich in Niederbayern ab den Sechzigerjahren.<br />

Zu den ersten gehörte eine<br />

Anlage im Kloster Benediktbeuern,<br />

die ab 1955 Gas für<br />

die Klosterküche produzierte.<br />

Sie nutzte den Mist von 180<br />

Großvieheinheiten. Allerdings,<br />

erinnert sich der bayerische<br />

Biogaspionier Anton Perwanger<br />

(damals bei der Landtechnik<br />

Weihenstephan), musste in Benediktbeuern<br />

mehr Energie in<br />

die Beheizung des Fermenters<br />

gesteckt werden, als später an<br />

Ertrag rauskam.<br />

Perwanger war zeitweise der<br />

wichtigste Protagonist des<br />

Biogases in Bayern. Er baute<br />

zwischen 1976 und 1986<br />

rund 50 Prototypen-Anlagen<br />

im Freistaat. Und jede einzelne davon, sagt er heute,<br />

sei wirtschaftlich zu betreiben gewesen. In den frühen<br />

Achtzigerjahren waren es vor allem die Praktiker auf den<br />

Höfen, die Erfahrungen mit dem Biogas sammelten. Auf<br />

dem Hof Hingerl in Seebäck/St. Wolfgang entstand eine<br />

Selbstbauanlage mit einem gebrauchten Öltank. Auf<br />

dem Hof Hundschell in Weinhub, nur 300 Meter entfernt<br />

von Hingerl, eine Anlage in ähnlicher Bauweise;<br />

die beiden Landwirte halfen sich gegenseitig beim Bau.<br />

Und auf dem Hof Abt in Batzenhofen entstand – ebenfalls<br />

in Eigenregie – eine Anlage für die Gülle von 60<br />

Mastbullen.<br />

Auf dem Hof Wallner in Gilching wurde bereits 1980<br />

mit Hilfe der Landtechnik Weihenstephan eine Anlage<br />

gebaut, in der die Gülle von 500 Mastschweinen verwertet<br />

wurde. „In dieser sehr interessanten Anlage sind der<br />

Fermenter und die Gasspeicherung mittels Gasglocke<br />

zusammengefasst“, schrieb die Bundschuh-Biogasgruppe<br />

später im Zusammenhang mit einer Besichtigungsfahrt<br />

dorthin. Die Glocke schwamm auf der Gülle.<br />

Triesdorfer Aktivitäten<br />

Auch die Landmaschinenschule in Triesdorf hätte Anfang<br />

der Achtzigerjahre gerne eine Versuchsbiogasanlage<br />

aufgebaut. Doch im Landwirtschaftsministerium<br />

ließ man Sedlmaier abblitzen: „Wir haben schon Anlagen,<br />

die nicht funktionieren“, habe man ihm geantwortet,<br />

„wir brauchen keine weiteren.“ Bald kam die<br />

Einrichtung dann aber doch zu einer Anlage – durch<br />

einen cleveren Schachzug. „Wir wollten herausfinden,<br />

was mit dem Substrat passiert, wenn es aus dem Fermenter<br />

kommt“, sagt Sedlmaier. Also baute er ab 1984<br />

zwei Behälter, um genau dies messen zu können. „So<br />

entstand das Prinzip des Nachgärers, das bislang nicht<br />

bekannt war.“<br />

Inzwischen brachte die Biogasgruppe im Bundschuh,<br />

die in Württemberg sehr aktiv war, auch in Bayern das<br />

Thema verstärkt auf. Sie hielt Biogastagungen ab, die<br />

Sedlmaier auch deswegen in Erinnerung blieben, weil<br />

es hieß, man möge zur Übernachtung seinen Schlafsack<br />

mitbringen. Anfangs ging es alleine um die Gülle, erst<br />

1992 habe man begonnen, auch Pflanzen zu vergären.<br />

„Ob Pflanzen auch autark vergoren werden können, war<br />

anfangs noch unklar“, erinnert sich Sedlmaier. Aber es<br />

klappte: „Das war eine große Erkenntnis.“ In Triesdorf<br />

wurde nun bald der Ausbildungsgang „Fachagrarwirt<br />

Erneuerbare Energien – Biomasse“ angeboten.<br />

Und noch eine Innovation hat Triesdorf vorangebracht:<br />

die Trockenvergärung, das Garagensystem. In diesem<br />

108


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Verband<br />

Zusammenhang konnte das Spektrum der Substrate<br />

auch auf Abfälle erweitert werden. Eine der ersten Anlagen,<br />

die Abfälle nutzten, war jene von Werner Rück in<br />

Gerbersdorf (Gemeinde Merkendorf) in Mittelfranken.<br />

Sie wurde 1995 mit einer Leistung von 30 Kilowatt in<br />

Betrieb genommen und später kontinuierlich erweitert.<br />

Verwertbar waren damit auch Getreidechargen, die für<br />

den menschlichen Verzehr nicht geeignet sind, sowie<br />

Ernterückstände, Treber, Speisereste, Fettabscheiderinhalte<br />

und Molkereiprodukte. Die Verstromung erfolgte<br />

Anfangs über einen Opel-Motor.<br />

Ekkehard Schneider beflügelte<br />

erste Initiativen<br />

Ein großer Vordenker und Praktiker in Bayern war der<br />

Münchener Ekkehard Schneider. Im Jahr 1983 hatte<br />

er seine Stelle als Elektroingenieur bei AEG aufgegeben,<br />

um sich als unabhängiger Planer voll dem Thema<br />

Biogas widmen zu können. Er war Mitbegründer der<br />

Biogasgruppe im Bundschuh sowie des Graskraft e.V.<br />

und des Fachverbandes Biogas. Für die junge Szene<br />

war er einer der wichtigsten Experten – sehr kompetent<br />

und auch ein guter Kommunikator.<br />

Beflügelt durch Schneider und den Bundschuh wurden<br />

bald weitere Anlagen aufgebaut. Eine zum Beispiel im<br />

April 1986 bei Josef Holzapfel, einem Agraringenieur<br />

im bayerischen Landsberg-Ellighofen. 160 Mastbullen<br />

lieferten genug Gülle. „Früher habe ich 14.000 Liter<br />

Heizöl verbraucht, letzten Winter nur 1.600 Liter“,<br />

berichtete der Betreiber anschließend. Das Reaktorunglück<br />

von Tschernobyl im Frühjahr 1986 gab der Branche<br />

weiteren Auftrieb.<br />

Einer der frühen Pragmatiker war Hans Hochreiter. Auf<br />

dem elterlichen Hof in Steinau/Schnaitsee testete er<br />

das Vergären von Fettresten und nutzte das Gas in einem<br />

umgebauten Motor eines Opel-Rekord. 1985 realisierte<br />

er so seine erste Biogasanlage, deren Generator<br />

und Schaltanlage er selbst gebaut hatte.<br />

Anfangs setzte er als Rohstoff nur Rindergülle ein. Mit<br />

der Energie heizte er sein Wohnhaus, den Strom verbrauchte<br />

er selbst für Melkmaschine und Kühlung. 15<br />

Kilowatt (elektrisch) brachte das Aggregat, doch weil<br />

der örtliche Stromversorger kaum Vergütung bezahlte,<br />

speiste Hochreiter anfangs gar nicht ein. Erst im Jahr<br />

darauf entschied er sich, Überschüsse ans Netz abzugeben,<br />

trotz der weiterhin geringen Vergütung von nur<br />

2,3 Pfennig je Kilowattstunde. Ende der Achtzigerjahre<br />

startete Hochreiter auch die Co-Fermentation, setzte<br />

auch Abfälle aus der Biotonne und vom Schlachthof ein.<br />

Aus Öltanks wurden Fermenter<br />

Bis in die frühen Neunzigerjahre hinein nutzten die Akteure<br />

für die Anlagen mitunter noch jene Bauteile, die<br />

gerade auf den Höfen verfügbar waren. „Steht ein geeigneter<br />

gebrauchter Stahltank (zum Beispiel Öltanks<br />

von 30 bis 100 Kubikmeter Inhalt) zur Verfügung, dann<br />

wird darin in der Regel das Durchflussverfahren angewendet“,<br />

schrieb Ekkehard Schneider noch im Jahr<br />

1991 in einem Fachbeitrag. Und er beschrieb auch,<br />

wer die Biogas-Landwirte jener Zeit waren. Einen unmittelbaren<br />

Zusammenhang zwischen ökologischem<br />

Landbau und der Erzeugung von Biogas gebe es zwar<br />

nicht, bilanzierte Schneider: „Ob Demeter-Hof oder industrielle<br />

Massen-Tierhaltung, Biogas lässt sich immer<br />

herstellen.“ Allerdings zeige sich in der Praxis, „dass<br />

ein Landwirt, der biologisch anbaut, von seiner Einstellung<br />

her eher für die ökologisch ebenfalls sinnvolle Gewinnung<br />

von Biogas und Humus aufgeschlossen ist.“<br />

Das Interesse der Landwirte für das Biogas resultierte<br />

auch daraus, dass landwirtschaftliche Produkte inzwischen<br />

durch die Überproduktion so billig geworden<br />

waren, dass die Betriebe kaum noch kostendeckend<br />

produzieren konnten. Der Staat gründete sogar Auffangbetriebe,<br />

um die Flächen zu sichern. Alternative Geschäftsmodelle<br />

als Energiewirt waren also willkommen.<br />

Schub durch Stromeinspeisungsgesetz<br />

So schritt in den frühen Neunzigerjahren die Professionalisierung<br />

der Biogas-Branche mächtig voran. Zwei<br />

Faktoren waren der Auslöser. Zum einen die Erkenntnis,<br />

dass Pflanzen auch autark vergoren werden können;<br />

das schuf neue Potenziale. Und zum zweiten gab<br />

es ab 1991 das Stromeinspeisungsgesetz, das erstmals<br />

auskömmliche Vergütungen für die Einspeisung<br />

von Strom aus Biogas garantierte. Bei der Entwicklung<br />

fiel auf, dass die technischen Entwicklungen allesamt<br />

von jungen Firmen kamen, oft von Einzelkämpfern.<br />

„Etablierte Unternehmen“, sagt Sedlmaier, „entdeckten<br />

das Biogas erst später“.<br />

Einer der bayerischen Pioniere war die Firma Schmack<br />

Biogas, erst in Regensburg ansässig, später in Burglengenfeld.<br />

Am Anfang der Firma stand eine Marktlücke.<br />

Drei Brüder wollten eine Biogasanlage kaufen für den<br />

elterlichen Hof, zur Verwertung von Junghennenmist.<br />

Doch das Projekt war auf diese Weise nicht realisierbar,<br />

weil beim besten Willen keine Firma zu finden war,<br />

die eine solche Anlage errichten konnte.<br />

Also gründeten die drei Schmack-Brüder im März<br />

1995 eine eigene Firma zum Bau und Betrieb der Anlage.<br />

Nachdem sie feststellten, dass ihr Know-how bei<br />

Landwirten der Umgebung auf reges Interesse stieß,<br />

nahm das Unternehmen seinen Lauf. Und wie es so<br />

oft ist mit Pionieren: Irgendwann landen sie unter dem<br />

Dach eines größeren Unternehmens; Schmack Biogas<br />

ist heute eine Tochterfirma des Heizungsbauers Viessmann.<br />

Autor<br />

Bernward Janzing<br />

Freier Journalist<br />

Wilhelmstr. 24a · 79098 Freiburg<br />

Tel. 07 61/202 23 53<br />

E-Mail: bernward.janzing@t-online.de<br />

109


Verband<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Schwäbische Tüftler<br />

wagen den Neustart<br />

Die Geschichte der modernen Biogasnutzung –<br />

Teil 2: Baden-Württemberg<br />

Von Bernward Janzing<br />

Die Zeit schien reif für einen<br />

neuen Anlauf. Die technischen<br />

Probleme der Fünfzigerjahre<br />

waren zwar noch allenthalben<br />

präsent, doch das sollte einige<br />

Tüftler im deutschen Südwesten in den<br />

frühen Achtzigerjahren nicht abschrecken<br />

Die von Hans-Jürgen Schnell entwickelte sogenante „100.000-Mark-<br />

Biogasanlage“. Später spezialisierte er sich auf die BHKW-Technik.<br />

– sie nahmen sich des Biogases erneut an<br />

und gründeten erste Arbeitskreise im Allgäu<br />

und in Oberschwaben. Bald stiegen<br />

auch die ersten Bauern ein. „Das Umfeld<br />

der Bastler beflügelte die Landwirte, sie<br />

wurden mutiger, zu investieren“, sagt heute<br />

rückblickend Franz Pfau vom Landwirtschaftsamt<br />

Ravensburg. Und warum passierte<br />

das gerade in Baden-Württemberg?<br />

„Es hing an einigen sehr aktiven Personen.“<br />

Die Erfahrungen der frühen Nachkriegszeit<br />

waren wenig motivierend gewesen. Es<br />

konnte nur Wärme erzeugt werden, denn<br />

brauchbare Motoren zur Verstromung gab<br />

es noch nicht. Auch der Gärprozess lief oft<br />

nicht stabil, die Brühe schäumte. Und weil<br />

es noch keine ausreichende Isolierung für<br />

den Fermenter gab, wurde dessen Inhalt<br />

im Winter mitunter so kalt, dass der bakterielle<br />

Prozess zum Erliegen kam. Gleichwohl<br />

hatten damals schon einige Landwirte<br />

versucht, das Biogas zu nutzen, getrieben<br />

durch die Mangelwirtschaft nach dem<br />

Zweiten Weltkrieg. Fritz<br />

Weber in Untersontheim<br />

bei Schwäbisch-Hall war<br />

unter den Pionieren, er<br />

konstruierte 1953 eine<br />

Anlage. Auch Dieter<br />

Reusch aus Bernloch auf<br />

der Schwäbischen Alb<br />

nutzte seit 1958 seine<br />

Gülle energetisch.<br />

Als sich die Pioniere in<br />

den frühen Achtzigerjahren<br />

des Themas erneut<br />

annahmen, waren<br />

die Probleme natürlich<br />

nicht verflogen. „Die<br />

Fotos: Franz Pfau<br />

Rührwerke gingen ständig<br />

kaputt“, erinnert sich<br />

Pfau, „in den Gesprächen<br />

der Arbeitskreise ging es<br />

meistens um Störungen“.<br />

Ein Kraftwerksaggregat mit einer<br />

elektrischen Leistung von 12 Kilowatt aus<br />

dem Hause Fiat war immerhin seit 1973<br />

auf dem Markt. Es trug den Namen „Total<br />

Energy Modul“, kurz: „Totem“. Es war jedoch<br />

sehr wartungsintensiv.<br />

Lipp: Aus Futtersilos wurden<br />

Gülle- und Gärbehälter<br />

Und dennoch: Es gab einige Firmen, Landwirte<br />

und Bastler, die sich nicht bremsen<br />

ließen in ihrem Elan. So auch Xaver Lipp<br />

im württembergischen Tannhausen, einem<br />

kleinen Dorf auf der Ostalb. Seit 1958<br />

fertigte seine Firma Lipp bereits Silos für<br />

Schnittgut, Getreide, Schrot oder Flüssigdung.<br />

Dabei setzt sie bis heute auf einen<br />

patentierten Doppelfalz, der ermöglicht,<br />

dass das Edelstahlsilo vor Ort gefertigt<br />

wird, indem es aus einem Blechband spiralförmig<br />

gewickelt wird. Im Jahr 1971<br />

bereits dachte der Firmenchef über Erneuerbare<br />

Energien nach. Alternative Energien<br />

sagten die Menschen in der Szene um<br />

diese Zeit noch. Also startete er auf dem<br />

familien eigenen Gutshof erste Versuche,<br />

indem er ein Silo als Reaktorbehälter für<br />

eine Vergärung nutzte.<br />

Ein früher Kunde Lipps war Landwirt<br />

Paul Eberle aus Renningen. Er wollte vor<br />

allem den Geruch seiner Schweinemast<br />

mindern. Er entschied sich 1980 für den<br />

Bau einer Biogasanlage. Sie hatte einen<br />

liegenden Fermenter mit Paddelrührwerk,<br />

um Schwimmschichten zu vermeiden. Den<br />

Strom verbrauchte Eberle anfangs komplett<br />

selbst, weil er für die Einspeisung nur<br />

1,6 Pfennig pro Kilowattstunde bekommen<br />

sollte. Erst 1987 stellte er seine Anlage<br />

auf Netzparallelbetrieb um, nachdem der<br />

Energieversorger ihm nun je nach Tagesund<br />

Jahreszeit 4 bis 8,6 Pfennig gewährte.<br />

Am Anfang ging es den Pionieren ohnehin<br />

nicht primär um die Energie, sondern um<br />

den verbesserten Dünger. „Der entgaste<br />

Dünger ist mundgerecht für die Pflanzen“,<br />

sagte Eberle einmal.<br />

Eine weitere Biogasanlage System Lipp<br />

entstand 1981 auf der Erlacher Höhe, einer<br />

Sozialeinrichtung der Diakonie im Rems-<br />

Murr-Kreis. Auch hier, wie bei einigen<br />

weiteren Projekten, war die Bundschuh-<br />

Biogasgruppe involviert, deren Namen sich<br />

aus der Bundschuh-Bewegung der Bauern<br />

herleitete, die in den Jahren 1493 bis<br />

1517 gegen den Adel und die Obrigkeit zu<br />

Felde zogen. Wichtige Unterstützung kam<br />

auch von der Bauernschule Hohenlohe in<br />

Kirchberg/Jagst-Weckelweiler, die das Thema<br />

bereits Mitte der Siebzigerjahre wieder<br />

aufgegriffen hatte. Allein in der Region Hohenlohe<br />

unterstützte die Bauernschule 15<br />

Anlagen durch ihr Wissen.<br />

Einer der baden-württembergischen Pioniere<br />

war auch Josef Fluhr vom Kramerhof<br />

in Bad Wurzach-Haidgau. Ein anderer war<br />

der Biobauer Rainer Gansloser, der in Hermaringen<br />

eine Anlage mit einem liegenden<br />

Stahltank für 50.000 D-Mark baute und<br />

damit fortan jährlich 2.500 D-Mark Heizund<br />

6.600 D-Mark Stromkosten in seinem<br />

Betrieb einsparte. Ein durchaus wirtschaftliches<br />

Projekt.<br />

110


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Verband<br />

In den Achtzigern ging es in<br />

Aulendorf los<br />

Auch die Forschung im Südwesten nahm<br />

sich in den Achtzigerjahren des Themas an.<br />

In Aulendorf, dem heutigen Landwirtschaftlichen<br />

Zentrum Baden-Württemberg, wurde<br />

1981 eine Biogasanlage errichtet, die Gülle<br />

und Futterreste verwertete. Die zwei Gasmotoren<br />

von Mercedes liefen täglich 10 bis<br />

14 Stunden, die Generatoren erzeugten am<br />

Tag etwa 500 Kilowattstunden Strom. Die<br />

Stadtwerke Ulm nahmen Überschussstrom<br />

ab, doch das war nicht die Hauptmotivation:<br />

„Es ging uns in erster Linie darum, den Wirtschaftsdünger<br />

zu verbessern, speziell seine<br />

Fließfähigkeit“, sagt Hans-Georg Kunz, der<br />

bis 2005 Mitarbeiter am Landwirtschaftlichen<br />

Zentrum in Aulendorf war.<br />

Zugleich baute auch die Uni Hohenheim ein<br />

Biogas-Labor auf und experimentierte fortan<br />

in 15-Liter-Fermentern, von<br />

denen etwa 20 Stück aufgebaut<br />

wurden. Die Hochschule machte<br />

auch Versuche mit Schleppern,<br />

die mit Biogas betrieben<br />

wurden, und förderte eine<br />

Anlage auf dem Muthof in der<br />

Gemeinde Forchtenberg, die –<br />

von der Biologie her nicht ganz<br />

einfach – mit Hühnerkot betrieben<br />

wurde.<br />

Gottfried Gronbach war damals<br />

an der Uni Hohenheim. In den<br />

Jahren 1978 bis 1980 machte<br />

er Messungen an Prototypen<br />

der Anlagen, doch das Thema<br />

schien bald schon wieder auf<br />

dem absteigenden Ast zu sein:<br />

„Ab 1983/84 erlahmte das Interesse<br />

auf offizieller Seite, etwa<br />

in der Forschung, nachdem die<br />

Ölpreise wieder rapide gefallen<br />

waren“, erinnert sich der Ingenieur heute.<br />

Einige Unternehmer glaubten dennoch<br />

an das Biogas. Gronbach selbst auch, der<br />

1985 in Wolpertshausen die Firma Novatech<br />

gründete. Bis heute hat sie mehr als<br />

150 Hofbiogasanlagen in ganz Deutschland<br />

gebaut.<br />

Ein anderer Pionier ist Erwin Köberle, der<br />

noch heute im schwäbischen Obermarchtal<br />

Geschäftsführer der von ihm gegründeten<br />

Firma Biogaskontor ist. Er hatte im Jahr<br />

1984 den Landwirt Erich Holz vom Karlshof<br />

in Aspach bei Backnang für eine Pionieranlage<br />

gewinnen können. Diese nutzte<br />

einen gebrauchten Heizöltank aus Stahl als<br />

Fermenter, auch die anderen Teile kamen<br />

überwiegend vom Schrott. Hilfreich für<br />

Köberle war, dass Landwirt Holz ein guter<br />

Multiplikator war. Er hatte auch einen guten<br />

Draht zum baden-württembergischen Landwirtschaftsminister<br />

Gerhard Weiser, der<br />

bald staatliche Biogasberater einstellte –<br />

und somit weitere Projekte im Land anstieß.<br />

Motor knackte 10.000-Stunden-<br />

Marke<br />

Die Biogastechnik war nun nicht mehr<br />

aufzuhalten. Im hohenlohischen Standorf<br />

nahm im Oktober 1986 Landwirt Ulrich<br />

Heynold eine Anlage in Betrieb, ebenfalls<br />

entwickelt zusammen mit den Biogasleuten<br />

vom Bundschuh. Und natürlich nutzte auch<br />

er als Kraftwerk ein Totem. 80.000 D-Mark<br />

investierte er in die gesamte Anlage, die<br />

Überlandwerke Jagstkreis bezahlten ihm<br />

Frühe Gülle- und Gärbehälter aus dem Hause Lipp.<br />

immerhin 12 Pfennig je Kilowattstunde.<br />

11.800 Stunden lief sein erster Motor, immerhin.<br />

Bald wurde das Spektrum der Substrate<br />

breiter. In Weissach im Tal nutzte ab 1989<br />

eine Kläranlage Faulgas in Kraft-Wärme-<br />

Kopplung, ebenfalls mit Fiat-Totem. Aus<br />

heutiger Sicht war alles noch etwas hemdsärmelig:<br />

Die Wartung werde „nicht streng<br />

nach Wartungsplan gemacht“, sondern<br />

vom Klärmeister „nach Bedarf erledigt“,<br />

heißt es im Protokoll einer damaligen Biogas-Informationsfahrt.<br />

„Die Ventile werden<br />

selbst poliert und der Ventilsitz wird von<br />

der örtlichen Fiat-Werkstatt nachgeschliffen.“<br />

In Garnberg bei Künzelsau baute Fritz<br />

Frank auf dem heutigen Demeter-Hof eine<br />

Biogasanlage mit unterirdischem Güllelager<br />

und separatem Gasspeicher. Natürlich<br />

wiederum mit Fiat-Totem. Gefüttert wurde<br />

die Anlage vor allem mit Klee. Eine weitere<br />

entstand bei Franz Heubuch in Leutkirch-<br />

Luttolsberg. Und manch ein Landwirt experimentierte,<br />

indem er seine Güllegruben<br />

kurzerhand mit Polyurethan ausschäumte<br />

und als Fermenter nutzte.<br />

Biogas kommt ins Badische<br />

Noch immer war es vor allem der östliche<br />

Landesteil, der das Biogas nutzte. Helmut<br />

Friedrich, Landwirt im Bräunlinger Stadtteil<br />

Bruggen im Schwarzwald-Baar-Kreis, gehörte<br />

zu den Pionieren, die das Biogas auch<br />

im badischen Landesteil populär machten.<br />

Als er 1991 den Betrieb von seinem Vater<br />

übernahm, fiel der Entschluss<br />

zum Bau einer Biogasanlage,<br />

fünf Jahre später war sie vollendet.<br />

Sie hatte schon eine ganz<br />

ansehnliche Größe: 200.000<br />

Kilowattstunden Strom erzeugte<br />

sie fortan im Jahr – sowie<br />

ausreichend Heizwärme für<br />

sein Wohnhaus.<br />

Zwischenzeitlich hatte sich die<br />

Branche erheblich professionalisiert.<br />

Das war auch Hans-<br />

Jürgen Schnell aus Amtzell zu<br />

verdanken, einem gelernten<br />

Kfz-Mechaniker und Maschinenbauer.<br />

Er war gerade 25<br />

Jahre alt, als er 1992 auf dem<br />

elterlichen Hof im Allgäu seine<br />

erste Biogasanlage installierte.<br />

Das Material holte er sich in<br />

großen Teilen vom Schrottplatz;<br />

er war zu dieser Zeit noch mitten<br />

im Studium.<br />

Es blieb nicht bei seiner Privatanlage, bald<br />

verkaufte er Biogasanlagen und erdachte<br />

das Konzept der „100.000-Mark-Anlage“,<br />

einer Anlage zum Fixpreis. Später spezialisierte<br />

sich die Firma Schnell auf die Zündstrahlmotoren<br />

und wurde damit zum Marktführer<br />

– ehe der Gasmotor den Zündstrahler<br />

zurückdrängte.<br />

Trotz seiner frühen Aktivitäten liegt Baden-<br />

Württemberg heute bei der Stromerzeugung<br />

aus Biogas hinter dem Bundesmittel<br />

zurück: Gut 3 Prozent des landesweiten<br />

Strombedarfs wird aus Biogas gedeckt, in<br />

Deutschland sind es rund 5 Prozent.<br />

111


Recht<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

Illegaler Anlagenbetrieb –<br />

ich doch nicht!?<br />

Wie kann der Betrieb einer Biogasanlage eine Straftat sein? Auch wenn diese Vorstellung etwas grotesk erscheint,<br />

die Grenze zum illegalen Anlagenbetrieb ist schnell überschritten. Zudem sind die Anlagenbetreiber<br />

mehr und mehr gezwungen, eventuelle Verstöße selbst in die Öffentlichkeit zu tragen. Kein Betreiber sollte<br />

dieses Thema auf die leichte Schulter nehmen.<br />

Von Dr. Helmut Loibl<br />

Schon wer seine Biogasanlagen<br />

flexibilisieren will, kann schnell<br />

in die Fänge der Staatsanwaltschaft<br />

geraten, wie das folgende<br />

einfache Beispiel zeigt: Ein<br />

Anlagenbetreiber betreibt eine Biogasanlage<br />

mit 500 kW installierter Leistung.<br />

Bereits vor einem halben Jahr hat er einen<br />

Genehmigungsantrag für ein Flex-BHKW<br />

mit weiteren 900 kW eingereicht, das Genehmigungsverfahren<br />

dauert und dauert,<br />

ein Ende ist nicht absehbar.<br />

Das BHKW war schon lange bestellt und<br />

wurde vor einer Woche geliefert. Jeder Betreiber<br />

weiß zwar, dass es ohne Genehmigung<br />

nicht in Betrieb genommen werden<br />

darf, aber die Raten laufen, es verdient<br />

kein Geld, zumindest für den Probebetrieb,<br />

damit der Umweltgutachter sein<br />

Flex-Gutachten machen kann, wird es ans<br />

öffentliche Netz angeschlossen. Nach ein<br />

paar Wochen ist das Umweltgutachten da,<br />

das BHKW wird beim Netzbetreiber in den<br />

Flexbetrieb gemeldet. Nach einem weiteren<br />

halben Jahr kommt schließlich doch die<br />

Genehmigung. Alles gutgegangen, meinen<br />

Sie? Das dicke Ende kommt aber noch!<br />

Jedem Anlagenbetreiber muss das Stichwort<br />

„Anlagenregisterverordnung“ etwas<br />

sagen: Wer verpflichtet ist, seine Anlage<br />

beziehungsweise die jeweilige Änderung<br />

an seiner Anlage dorthin zu melden, hat jeweils<br />

drei Wochen Zeit, diese Meldung vorzunehmen.<br />

Macht er dies nicht, verliert er<br />

grundsätzlich seine komplette EEG-Vergütung<br />

bis zu dem Zeitpunkt, zu dem er seine<br />

Meldepflicht nachholt (unter Umständen<br />

kann diese Sanktion auf „nur“ 20 Prozent<br />

reduziert werden, aber das ist nicht Thema<br />

dieses Beitrags). Meldepflichtig sind insbesondere:<br />

1. Alle Änderungen der installierten Leistung<br />

nach dem 1. August 2014.<br />

2. Der erstmalige Einstieg in die Flexprämie<br />

nach dem 1. August 2014 und<br />

3. grundsätzlich jede Genehmigung nach<br />

dem 28. Februar 2015 (vereinfacht<br />

dargestellt).<br />

Im vorgenannten Beispielsfall sind also drei<br />

(!) Meldungen nötig: Sobald das BHKW installiert<br />

ist, muss die Erhöhung der Leistung<br />

gemeldet werden. Die Teilnahme an der<br />

Flexprämie erfordert eine zweite Meldung<br />

und nachdem endlich die Genehmigung da<br />

ist, muss binnen drei Wochen eine dritte<br />

Meldung erfolgen. Unterbleibt eine dieser<br />

Meldungen, besteht die Gefahr, dass die<br />

gesamte EEG-Vergütung weg ist.<br />

Werden die Meldungen aber ordnungsgemäß<br />

vorgenommen, bringt sich der Anlagenbetreiber<br />

selbst in Teufels Küche:<br />

Schließlich muss er in einem öffentlich zugänglichen<br />

Register für jedermann sichtbar<br />

dokumentieren, dass er bereits ein halbes<br />

Jahr vor seiner Genehmigung ein BHKW illegal<br />

in Betrieb genommen hat!<br />

Illegalität ist schnell erreicht<br />

Die Grenzen zum illegalen Anlagenbetrieb<br />

sind schnell erreicht: Bereits dann, wenn<br />

eine Biogasanlage ohne oder nicht in Einklang<br />

mit einer immissionsschutzrechtlichen<br />

Genehmigung betrieben wird, liegt<br />

eine „Umweltstraftat“ nach dem Strafgesetzbuch<br />

(StGB) vor. Also schon dann,<br />

wenn die Biogasanlage nicht exakt so gebaut<br />

ist, wie es nach den abgestempelten<br />

Plänen der Fall sein sollte, ist der Tatbestand<br />

erfüllt.<br />

Gleiches gilt, wenn die zahlreichen Nebenbestimmungen<br />

des Genehmigungsbescheids<br />

nicht eingehalten sind. Oder wenn<br />

andere Einsatzstoffe in die Anlage eingebracht<br />

werden als diejenigen, die in der Genehmigung<br />

stehen. Am schlimmsten sind<br />

aber immer die Fälle, in denen andere oder<br />

gar mehr BHKW an der Anlage stehen, als<br />

die Genehmigung vorsieht.<br />

Viele werden jetzt denken, dass in ihrem<br />

Bescheid gar keine Einsatzstoffe ausdrücklich<br />

benannt sind, auch ist von bestimmten<br />

BHKW keine Rede. Vergessen<br />

Sie solche Gedanken bitte gleich wieder:<br />

Jeder Anlagenbetreiber hat mit seinem Genehmigungsantrag<br />

eine Beschreibung oder<br />

Ähnliches bei der Genehmigungsbehörde<br />

eingereicht, dort sind sowohl das oder<br />

die BHKW als auch die Einsatzstoffe beschrieben.<br />

Und auf diesem Papier befindet<br />

sich immer der Genehmigungsstempel der<br />

Behörde. Das heißt, dieses Papier ist umfassend<br />

Teil der Genehmigung und muss<br />

eingehalten werden.<br />

Da mittlerweile fast alle Biogasanlagen eine<br />

immissionsschutzrechtliche Genehmigung<br />

benötigen (Grenzen: 1 MW Feuerungswärmeleistung,<br />

1,2 Millionen Normkubikmeter<br />

Biogasproduktion, 3 Tonnen Gaslager,<br />

6.500 Kubikmeter Gärrestvolumen, mehr<br />

als 10 Tonnen Abfalleinsatz/Tag), liegt fast<br />

jeder Verstoß gegen die Genehmigung im<br />

strafrechtlichen Bereich.<br />

Umgang mit Behörde/<br />

Staatsanwaltschaft<br />

Überprüft wird der illegale Anlagenbetrieb<br />

regelmäßig von der Genehmigungsbehörde<br />

oder von Staatsanwaltschaft und Polizei.<br />

Dem Betreiber wird eröffnet, was ihm vorgeworfen<br />

wird, er wird hierzu angehört. Bereits<br />

hier ist größte Vorsicht geboten: Kein<br />

Anlagenbetreiber sollte hier ohne Beistand<br />

112


Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Recht<br />

fachlich spezialisierter Rechtsanwälte<br />

Aussagen treffen! Hier braucht man nicht<br />

nur einen Anwalt, der sich mit Biogas auskennt,<br />

sondern zudem einen Strafrechtsspezialisten.<br />

Gerade diese Anfangsphase sollte keiner<br />

auf die leichte Schulter nehmen: Bedenken<br />

Sie bitte immer, es geht im Ergebnis<br />

sogar um Ihre persönliche Freiheit (es sind<br />

bereits mehrfach Freiheitsstrafen wegen illegalem<br />

Betrieb von Biogasanlagen ausgesprochen<br />

worden, wenn zwar bislang wohl<br />

auch immer „nur“ auf Bewährung, aber das<br />

bedeutet, dass beim nächsten Verstoß ein<br />

längerer Gefängnisbesuch ins Haus steht!).<br />

Wer kommt denn da dahinter?<br />

Früher war es so, dass nach meinen persönlichen<br />

Erfahrungen fast alle Verfahren<br />

auf Nachbaranzeigen zurückgegangen<br />

sind, nicht zuletzt von konkurrierenden<br />

Biogasbetreibern. Diese Zeiten sind allerdings<br />

lange vorbei: Bereits seit vielen Jahren<br />

müssen Netzbetreiber alle relevanten<br />

Daten wie eingespeiste Kilowattstunden,<br />

bezogene Boni, Anlagenstandort etc. auf<br />

ihrer Internetseite veröffentlichen.<br />

Jeder, also auch jeder Behördenmitarbeiter,<br />

kann dort nicht nur sehen, wie viel Umsatz<br />

Sie machen, sondern die Kilowattstunden<br />

durch die Jahresstunden teilen und so<br />

schnell feststellen, ob eingespeiste und<br />

genehmigte Leistung zusammenpassen.<br />

Und wie es heute ist, zeigt das Eingangsbeispiel:<br />

Die Anlagenregisterverordnung<br />

zwingt den Anlagenbetreiber selbst, seine<br />

eventuellen Fehler öffentlich zugänglich im<br />

Anlagenregister zu dokumentieren.<br />

Mit welcher Strafe muss<br />

man rechnen?<br />

Die drohenden Strafen sind vielfältig: Bei<br />

gravierenden Verstößen – hierunter zählt<br />

meist auch der nicht genehmigte Zubau<br />

einer nicht unbeachtlichen Leistung –<br />

drohen zunächst in der Regel um die 90<br />

Tagessätze an Strafe. Das bedeutet, dass<br />

man den Lohn, den man an 90 Tagen erwirtschaftet,<br />

als Strafe abgeben muss. Bei<br />

Folgeverstößen ist man dann erfahrungsgemäß<br />

schnell bei sechs Monaten Freiheitsstrafe<br />

auf Bewährung. Zudem droht immer<br />

der sogenannte Verfall, also der Grundsatz,<br />

dass ein Straftäter die Früchte seiner illegalen<br />

Handlung nicht behalten darf: Der<br />

Staat schöpft also regelmäßig das, was zu<br />

Unrecht an EEG-Vergütung erlangt wurde,<br />

ab. Hier kann guter anwaltlicher Beistand<br />

helfen, weil Genehmigungsbehörden und<br />

Staatsanwaltschaft nur selten in der Lage<br />

sind, die doch sehr komplex gewordene<br />

EEG-Vergütung richtig zu berechnen.<br />

Erfahrungsgemäß trifft den Anlagenbetreiber<br />

häufig eine andere Sanktion aber am<br />

meisten: Viele Anlagenbetreiber sind nebenbei<br />

passionierte Jäger. Wer eine strafrechtliche<br />

Verurteilung mit mehr als 60<br />

Tagessätzen (da ist man schnell dabei!)<br />

erhält, gilt als „unzuverlässig“ und muss<br />

seinen Waffenschein abgeben. Hiergegen<br />

lässt sich juristisch kaum etwas machen –<br />

Jäger müssen also in besonderer Weise darauf<br />

achten, dass sie entweder kein Risiko<br />

eines illegalen Anlagenbetriebes haben<br />

oder innerhalb ihrer Gesellschaft nicht in<br />

verantwortlicher Position stehen.<br />

Noch ein Tipp zur Einlassung: Bitte sagen<br />

Sie niemals, dass das zusätzliche BHKW<br />

nur deshalb eingeschaltet wurde, weil Sie<br />

wegen der bereits laufenden Raten das<br />

Geld benötigen: Wer aus Gewinnsucht handelt,<br />

begeht einen besonders schweren Fall<br />

einer Umweltstraftat und erhöht seine Strafe<br />

damit beträchtlich!<br />

Ablauf des Verfahrens<br />

Nach einer ersten Anhörung kann das Verfahren<br />

unterschiedlich ablaufen: Erfolgt<br />

die Anhörung bei der Genehmigungsbehörde,<br />

sollte dringend das offene Gespräch gesucht<br />

werden, es ist erfahrungsgemäß immer<br />

besser, das Verfahren bei der Behörde<br />

zu belassen und dort einvernehmlich eine<br />

angemessene Strafe zu verhandeln. Ist der<br />

Verstoß zu gravierend, wird die Sache an<br />

die Staatsanwaltschaft gegeben. Regelmäßig<br />

wird dem Betroffenen hier ein Strafbefehl<br />

mit einer konkreten Strafe zugestellt.<br />

Wird diese akzeptiert, ist die Sache erledigt.<br />

Ist der Betreiber mit der ausgesprochenen<br />

Strafe nicht einverstanden oder sieht die<br />

Staatsanwaltschaft von vornherein den<br />

Verstoß als gravierend an, geht die Angelegenheit<br />

an das Strafgericht. Das bedeutet,<br />

dass der Fall in aller Öffentlichkeit – meist<br />

auch mit Pressebegleitung – verhandelt<br />

wird. Spätestens hier ist die Einschaltung<br />

eines auf Strafrecht spezialisierten Anwalts<br />

unumgänglich.<br />

Wie kann ich Vorsorge treffen?<br />

Das Beste für jeden Anlagenbetreiber ist<br />

also, erst gar nicht in eine solche Situation<br />

zu gelangen. Dabei ist eines ganz realistisch<br />

zu sehen: Bei der Fülle der heute<br />

geltenden Rechtsvorschriften ist es kaum<br />

noch möglich, ohne permanente Rechtsberatung<br />

jegliches Risiko komplett auszuschalten.<br />

Allerdings interessieren sich<br />

Staatsanwaltschaft und Strafgericht regelmäßig<br />

nicht für „kleine“ Verstöße gegen<br />

Nebenbestimmungen in Genehmigungen.<br />

Gleichwohl sollte jeder Betreiber einer Biogasanlage<br />

versuchen, alles nach bestem<br />

Wissen und Gewissen einzuhalten.<br />

Erfahrungsgemäß gibt es hier zwei erfolgversprechende<br />

Mittel:<br />

1. Jede Änderung, die an einer Anlage<br />

vorgenommen wird, ist zuvor mit einem<br />

spezialisierten Rechtsanwalt abgesprochen.<br />

Die meisten spezialisierten<br />

Anwälte in diesem Bereich arbeiten<br />

auf Stundenhonorarbasis, sodass die<br />

Kosten dieser Beratung überschaubar<br />

sind und vor allem in keinem Verhältnis<br />

stehen zu dem, was ansonsten droht,<br />

wenn Fehler gemacht werden.<br />

2. Einmal im Jahr geht der Betreiber<br />

zusammen mit seinem Anwalt oder<br />

Fachplaner seine gesamte Genehmigung<br />

mit allen Plänen und Nebenbestimmungen<br />

durch und prüft, ob alle<br />

Vorgaben (noch) eingehalten sind.<br />

Hierbei ist auch ein Rundgang um die<br />

Anlage nötig, kaum eine Anlage bleibt<br />

über Jahre unverändert. Werden hier<br />

Änderungen festgestellt, sind diese<br />

nachgenehmigen zu lassen, nicht<br />

eingehaltene Nebenbestimmungen<br />

müssen umgesetzt werden.<br />

Fazit: Der „beste“ illegale Anlagenbetrieb<br />

ist nicht der, der nicht entdeckt wird, sondern<br />

der, der gar nicht stattfindet. Sorgen<br />

Sie dafür, dass kleinere Unstimmigkeiten,<br />

die es an vielen Anlagen gibt, zeitnah beseitigt<br />

werden, sodass kleine Probleme erst<br />

gar nicht zu großen werden.<br />

Autor<br />

Dr. Helmut Loibl<br />

Rechtsanwalt und Fachanwalt für Verwaltungsrecht<br />

Sprecher des Juristischen Beirates<br />

im Fachverband Biogas e.V.<br />

Paluka Sobola Loibl & Partner<br />

Prinz-Ludwig-Straße 11<br />

93055 Regensburg<br />

Tel. 09 41/58 57 10<br />

E-Mail: loibl@paluka.de<br />

www.paluka.de<br />

113


Impressum<br />

Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong><br />

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Dr. Claudius da Costa Gomez (V.i.S.d.P.)<br />

Andrea Horbelt (redaktionelle Mitarbeit)<br />

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Tel. 0 81 61/98 46 60<br />

Fax: 0 81 61/98 46 70<br />

E-Mail: info@biogas.org<br />

Internet: www.biogas.org<br />

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RA Dr. Oliver Frank*<br />

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RA‘in Katharina Vieweg-Puschmann LL.M.<br />

* Fachanwalt für Verwaltungsrecht<br />

** Fachanwalt für Insolvenzrecht<br />

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Druck: Druckhaus Fromm, Osnabrück<br />

Auflage: 10.000 Exemplare<br />

Das BIOGAS Journal erscheint sechsmal im Jahr auf Deutsch. Zusätzlich erscheinen<br />

zwei Sonderhefte und zwei Ausgaben in englischer Sprache.<br />

Die Zeitschrift sowie alle in ihr enthaltenen Beiträge sind urheberrechtlich<br />

geschützt. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung des<br />

Verfassers wieder, die nicht unbedingt mit der Position des Fachverbandes<br />

Biogas e.V. übereinstimmen muss. Nachdruck, Aufnahme in Datenbanken,<br />

Onlinedienste und Internet, Vervielfältigungen auf Datenträgern wie CD-<br />

Rom nur nach vorheriger schriftlicher Zustimmung. Bei Einsendungen<br />

an die Redaktion wird das Einverständnis zur vollen oder auszugsweisen<br />

Veröffentlichung vorausgesetzt. Für unverlangt eingehende Einsendungen<br />

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Biogas Journal | 1_<strong>2017</strong> Recht<br />

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