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Magazin Souffleur Ausgabe 01/2021

"Zeit/Gegenwart/2021 im Bild". Wie Fotografen die Welt sehen.

"Zeit/Gegenwart/2021 im Bild". Wie Fotografen die Welt sehen.

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Altersbeschränkung:

Ab 16 Jahren

#01/2021

EURO 10,-

Das Magazin. Die Anthologie.

Die Plattform für unterschiedliche Weltanschauungen.

GESPRÄCH

DAS 11. GEBOT:

DU SOLLST NICHT

SCHWUL SEIN

Ein Gespräch über Gott

und einen Teil der Welt.

Seite 2266

LYRIK

FLOW BRADLEY

ANDREA SCHIMEK-FISCHER

INTERVIEW

ZWEI MAL ZWEI

MACHT (AUCH)

LIEBE

Polyamorie — Mehr als

einen Menschen lieben.

Seite 3322

SCHWERPUNKT


INHALT

Beilage:

GELEBTE TRÄUME.

Dichter und Philosoph Jakob Goldberg

im Gespräch über falsche Achtsamkeit, Klatsch

und bürgerliche Doppelmoral

044

Interview: VERHEIRATET MIT GOTT. Ordensschwester Michaela über ihr Gelübde

10 Gastbeitrag: ICH BIN EIN MANN. Mario Auer

122

155

188

2222

2244

2266

331

3322

3366

3399

440

4422

4455

4466

551

Interview: LUSTSPIELE. Erotiklabyrinthbetreiber über Lust und Moral

Gastbeitrag: DIE LIEBE UND ICH. Tanja M. Stern

Interview: LET´S SWING AGAIN. Drei Paare sprechen über Spiele, Clubs und Partys

Gastbeitrag: EHRLICH SEIN. Lisa Weltzin

Fotostrecke: DER KUSS

Gespräch: DAS 11. GEBOT: DU SOLLST NICHT SCHWUL SEIN. Irrtum Evangelium

Gastbeitrag: LYRIK. Florian Randacher

Interview: ZWEI MAL ZWEI MACHT (AUCH) LIEBE. Mehr als einen Menschen lieben

Gastbeitrag: PÄDOPHILIE: DIE GRAUSAMKEIT DES SCHWEIGENS. Sirius

Gastbeitrag: 660 JAHRE EHE. Paul Wiesinger

Gastbeitrag: EIN EINHORN IM PFERDESTALL. Ben Leander Willgruber

Musik/Interview: NACKTHEIT IN IHRER REINSTEN FORM. Salò

Gastbeitrag: LYRIK. Andrea Schimek-Fischer

Interview: SONDERANGEBOT. Sex als Geldquelle

Gastbeitrag: I MÅG. Benny Ruprecht

5522 Gastbeitrag: HIV: POSITIV TROTZ POSITIV. Manuel M.

5544

5588

6622

6633

6644

Interview: ICD-10: PSYCHISCHE STÖRUNG MIT DEM CODE F6644. Gender, Transgender

Gastbeitrag: EINSAMKEIT IST EINE ZELLE. Eifersucht, Strafanstalt. Selbsterkenntnis

Gastbeitrag: BEIDE GLEICH. Jakob Georg Hatz

Bild: Bitterblossom

Epilog: SCHICKEN SIE UNS IHRE TEXTE für die nächste Ausgabe!

6677/6688

Blattlinie/Impressum

Foto Seite 1 Joy Visual Artistry

Seite 04


E d i t o r i a l

Andreas P. Tauser

Chefredakteur

Liebe und Achtsamkeit bedroht?

V

or Jahren bin ich auf ein Osho-

Buch gestoßen, eine Stelle aus

Jörg Andrees Eltens Vorwort ist mir bis

heute in Erinnerung geblieben: Diese Besessenheit,

diese Gier nach Sex überall auf der

Welt, kommt nicht daher, dass die Menschheit

im Laufe der Zeit sexueller geworden

ist. Sie kommt daher, dass ihr selbst im Sex

nicht mehr total aufgehen könnt. Diese Gier

nach Sex zeigt nur, dass die wahre Sache

nicht stattfindet, dass nur noch Pseudo-Sex

praktiziert wird. Die Gedankenwelt des modernen

Menschen ist völlig vom Sex beherrscht,

eben weil kein echter Geschlechtsverkehr

mehr stattfindet. Selbst die Sexualität

wird in den Kopf verlagert, sie ist zur

gedanklichen Turnübung geworden.

Folgt auf die Theoretisierung einer sozialen

Aufgabenstellung eine Zeit der gelebten

Praxis? Braucht diese Praxis die Verkopfung

gar als Voraussetzung, als Nährboden?

Am Anfang existiert vielleicht jede Theorie

lange Zeit alleine und ohne eine Vollendung

von Erkenntnissen im gelebten Alltag, oder

eben nur mit einer sehr fehleranfälligen

praktischen Umsetzung.

An welchem Punkt der Entwicklung, an

welcher Position im ewigen Hin und Her

zwischen Theorie und Praxis stehen wir

erwachsenen Österreicher, Deutsche und

Schweizer, wenn es um die Liebe, um die

Liebe im Sinne von Amor und Eros geht?

Es wird, so habe ich während der Arbeit zu

dieser Souffeur-Ausgabe nicht nur einmal

gehört, vielerorts mehr und mehr von einer

Freiheit in der Liebe gesprochen. Wird auch

hier mehr davon gesprochen, als diese Freiheit

praktisch gelebt wird? Es existiert vermeintlich

nicht mehr an „angewandter Liebe“,

nur weil sie von vielen theoretisiert

wird. Ähnlich verhält es sich ja mit Freundschaft,

mit Humanismus, mit sogenannten

SOUFFLEUR #01/2021

christlichen Werten, mit dem Aktivsein für Umwelt

und Klima und mit einer als Begriff äußerst

strapazierten Achtsamkeit: Es wird darüber geredet.

Nur geredet?

Der für diese Ausgabe interviewte Philosoph und

Dichter Jakob Goldberg hat in einem Vorgespräch

gesagt: Liebe wird oft in Zusammenhang gebracht

mit Achtsamkeit. Und es gibt heute nicht mehr

Achtsamkeit als vor zehn Jahren. Nicht obwohl,

sondern weil überall davon geredet wird. Die ach so

Achtsamen reden nämlich besonders gerne über die

Unachtsamen. Über sie, nicht mit ihnen. Und das

ist eine der besonders ruppigen und gefühllosen

Formen der Unachtsamkeit. Da ist mir der unfreiwillig

emotionale, aber lernfähige Grobian allemal

lieber.

Es besteht nicht zwingend ein großer Unterschied

zwischen der einfachen, plumpen Seele, die naiv

und dem sprichwörtlichen Porzellanladenelefanten

gleich von einer Grenzüberschreitung zur nächsten

schlittert, und dem Achtsamkeitskatechisten. Die

einzige Unübereinstimmung ist nicht selten nur

die Etikette, der Inhalt ist oftmals derselbe.

Mit der Freiheit der Liebe verhält es sich nicht viel

anders. Die in diesem Zusammenhang so mutig

gelebten alternativen Beziehungsformen von einzelnen

Polyamoren, Lesben und Schwulen, die so

wichtige Arbeit von wenigen LGBTQI-

Aktivist*Innen, Sexual- und Partnerschaftstherapeut*Innen

dürfen nicht darüber hinwegtäuschen,

dass die Welt der Liebe immer noch bedroht ist

von Egoismus, Philistertum, religiösen Dogmen

und Besitzdenken einerseits und zu viel Mode, zu

viel Schick und Zeitgeist andererseits.

Es ist an jedem einzelnen von uns, eine theoretische

Achtsamkeit und die theoretische Liebe zu

Umwelt und Umfeld durch eine gelebte Praxis zu

ergänzen.


SEITE 3


FEATURE

VON SAMIRA JOY FRAUWALLNER; 2018

VERHEIRATET

MIT GOTT

Rosa Z. wurde im

Mai 199330 in einem

kleinen Dorf im Weizer

Hügelland geboren.

Mit 199 Jahren

hat sie ihren bürgerlichen

Namen abgelegt

und sich vermählt.

Ungeküsst:

Mit Gott.

Foto: Joy Visual Artistry

Seite 04

E

in eher flaues Gefühl

begleitet mich bei meinem

Spaziergang durch die Grazer

Prankergasse. Ein neonrotes

Nachtclub-Schild hebt sich vom nebelgrauen

Himmel. Das Nachhallen

schwerer Kirchenglocken begleitet

meine Schritte, ich denke kurz an die

dunkelblauen Augen meiner

SOUFFLEUR #01/2021


Urgroßtante, die mir als Kind die Bibel geschenkt

hat, in ihnen lag trotz meiner wandelnden

Beziehung zu Kirche und Christentum

nie auch nur ein Hauch von Vorwurf.

Sie, Schwester Michaela, wie sie seit ihrem

199. Lebensjahr genannt wird, ist die Zwillingsschwester

meiner verstorbenen Urgroßmutter.

Und sie ist Nonne.

" W G " - L E B E N

Ich suche nach einem Kloster nahe der Kirche,

komme vorbei an Graffti-Schriftzügen

über bröckelnden

Hauskanten.

Anarchy will

never die oder

Heart left,

fear right

steht da auf

altrosa Wänden.

Ich wende

mich von

der Prankerbar

und ihrem

Nightclub-

Keller ab. Und

zähle die

Hausnummern.

Prankergasse 220. Prankergasse 177. Prankergasse

10. Es muss hier sein. Ich suche nach

Kirchturmspitzen, nach etwas, das einem

Gotteshaus auch nur ansatzweise ähnlich

sieht. Nichts. Die Sonne duckt sich hinter

Häuserdächer und Wolken. Und da ist es.

Prankergasse 99. Ein simpler Neubau, der

sich den Innenhof mit einer Malteserstation

teilt. Ich habe nach irgendeinem Gotteshaus

gesucht, ein Kloster erwartet, und trete nun

durch die moderne Schrankenanlage eines

Wohnkomplexes in das Entré einer

SOUFFLEUR #01/2021

Nonnen-WG.

Als ich die Wohnung betrete, bemerke ich eine andächtig

Stimmung. Eine Christusfigur steht im hellen Eingangsbereich,

die Augen gesenkt, die Hände um eine Holzbibel

gelegt. Die Uhr an der Wand tickt lauter als normal – hier

wohnen ältere Menschen. Vier. Vier Nonnen und zahlreiche

Heilige aus Holz. Die Wohnung besteht aus vier einzelnen

Apartments, die man zu einer großen WG umgebaut

hat. Schwester Michaela kommt mir mit Schwester

Immaculata entgegen, beide lächeln. Ich habe meine Verwandte

das letzte Mal vor einem Jahr gesehen. Manchmal

verlässt sie Graz und kommt zu der einen oder anderen

Familienfeier. Ihr Lächeln ist immer gütig. Die Frau

ist drei Köpfe kleiner als ich. Sie hat eine zarte, leicht

schief gebeugte Statur mit angestrengtem, aber stetigem

Gang. Sie ist 8899 Jahre jung, und trotzdem merkt

sie sich jedes wichtige Datum, was und in welchem

Semester ich gerade studiere.

H E I L I G E O R T E

Zur vollen Stunde, nach Kaffee und Kuchen in der Gemeinschaftsküche,

betreten wir schließlich ein Nebenzimmer.

Ich habe ein Wohnzimmer erwartet. Aber wir stehen

in einer vollständig eingerichteten Kapelle. Dunkelroter

Samt schmiegt sich faltenreich in einem Halbkreis um

SEITE 5

Foto: Joy Visual Artistry


Gebetsbänke, eine Mutter Gottes aus Holz und ein kleines

Tabernakel – dem Aufbewahrungsort heiliger Gegenstände.

Auf dem Raum lastet eine Schwere, die mir die Luft

Foto: Joy Visual Artistry

nimmt. Es ist, als stünden wir in einer Kirche. Es braucht

kein Kloster, um Gott nahe zu sein. Das bemerke ich, als

ich die beiden Schwestern betrachte, die sich mit dem

Finger ein Kreuz über die Brust machen und den Blick

kurz senken. Schwester Immaculata, die schon ihr gesamtes

Leben mit meiner Verwandten verbringt, raunt mir

zu: „Hier beten wir zur vollen Stunde. Für uns ist es ein

sehr wichtiger und heiliger Ort.“

Die WG-Besichtigung bringt uns in einen größeren Gemeinschaftsraum.

Helles Licht dringt durch die verglasten

Fronten, die einen Blick auf die Malteserstation, die Straße

und das Laufhaus bieten, vor dem ich vorhin irritiert

innehielt. Schwester Immaculata bemerkt die Verwirrung

in meinem Gesicht. „Wir wohnen hier in einer verrufenen

Gegend, das Laufhaus tut sein Übriges. Aber uns tun die

Frauen eher leid, als dass es uns stören würde. Wenn wir

einkaufen oder spazieren gehen, fällt es uns auch gar

nicht auf.“ Sie lächelt mich an. „Es kommt immer darauf

an, wie man mit etwas umgeht. Kann man sich frei aussuchen.“

Endlich setzen Schwester Michaela und ich uns an

den Tisch in der Mitte, in die Sonne.

G R E T E L F R I S U R U N D M O P E D

Ich bin 2222 Jahre alt. Die Frau mir gegenüber

wird bald 990, doch ist sie immer noch die

jung gebliebene,

humorvolle

Frau, an die ich

mich erinnern

kann. Ihr Leben

ist so gänzlich

anders verlaufen

als meines.

Ihre Zwillingsschwester

hat früh nach

der Schule den

Weg in die

Landwirtschaft

eingeschlagen,

während es

Rosa zur Kirche am Weizberg gezogen hat.

Sie fand dort Arbeit im Kindergarten und

Erfüllung in den Stunden mit Gott. Die erste

Beichte mit 10 Jahren hat sie mit Ehrfurcht

und Dankbarkeit erfüllt. Mich haben mit 10

Jahren eine Pferdeweide und das Spielen im

Wald erfüllt.

Schwester Michaela faltet ihre Hände über

einem handgeschriebenen Tagebuch. Sie

erinnert sich. „Da hatte ich eine Zeitlang

immer diese Gretelfrisur, weil ich mit dem

Mofa von Göttelsberg nach Weiz gefahren

bin. Damit mir der Wind das Haar nicht zerzaust.

In der Kirche zu sein, das war alles,

was ich wollte. Das war mein Ziel.“

Ihr Blick wird dunkler. „Meine Schwester

und ganz besonders die Familie haben das

anfangs weniger verstanden. Sie waren alle

sehr christlich, aber ich glaube, sie ahnten

nicht, wie ernst es mir war. Meine Schwester

hat sich früh verliebt.“ Da ist es, das

Leuchten, wenn Menschen sich an eine

SEITE 6 SOUFFLEUR #01/2021


Anekdote erinnern. „Aber ich mich auch.

Und zwar in Gott.“

Uroma wirkte mir da viel ähnlicher. Meine Verwandte

blickt in die Sonne. „Ich konnte damals nicht zu ihrer

Hochzeit gehen, weil wir als Novizinnen im Kloster bleiben

mussten. Wir durften zuerst unser Zimmer nur zur

Notdurft verlassen, später dann für die Arbeit im Kindergarten.

Aber diese Vermählung mit Gott ist die höchste

Erfüllung, die einem Menschen widerfahren kann. Das hat

sie irgendwann verstanden.“ Eine Gemeinschaft, aber

auch viele innere Hürden haben sie erwartet. Die Klosterschwester

hat sich anhand von Disziplin, Silentium und

vielen Stunden mit den „Kolleginnen“ zu einem Menschen

entwickelt, der wenig braucht, wenig will. Und damit

glücklich ist. Ganz anders als ihre leibliche Schwester: die

wollte Haus, Hund, Mann und ein erfülltes Leben in Weiz.

G E T R E N N T E W E G E I N

V E R B U N D E N H E I T

Mit 199 tritt die junge Frau auf Gottes geebnete

Wege. Der erste Schritt war die Profess.

Das ist das Ordensgelübde, das öffentliche

Versprechen, Gott zu dienen und ihm

treu zu sein. Gefolgt vom Noviziat, der Zeit

der Ausbildung nach dem Eintritt in die Kirche

als Nonne. Hier wird die Novizin geprüft,

ob sie dazu berufen ist, die evangelischen

Räte Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam

zu halten.

Ich denke an meine eigene Jugendzeit. Mit

199 habe ich "im Luis", meinem damaligen

Stammlokal am gleichen Weizberg, in dem

meine Großtante in der Kirche saß, mit

Freunden das ein oder andere Bier getrunken,

habe unter den Sternen gelegen und im

Licht der Kirche meinen ersten Kuss gekriegt.

Schwester Michaela hat in diesem

Alter Hochzeit gefeiert. Doch einen Mann

hat sie nie geküsst. „Wir haben ein Brautkleid

gekriegt, einen Ehering und eine traditionelle

Hochzeit. Was war ich verliebt!“

Sie legt ihre Hand auf meinen Arm. „Ich

hatte die schönsten Flitterwochen meines

Lebens. Ich konnte mir nichts Schöneres

vorstellen.“ Wir schweigen eine Weile. Ich

denke darüber nach, ob nicht erst Leidenschaft

und Wärme, das Unberechenbare und

eine gewisse Schrankenlosigkeit einem Leben

die Hürde gibt, die es braucht, um an

sich zu wachsen. So viele in meinem Alter

sind unfähig zu Gleichmut. Das ist sichtbar

an meinem eigenen Beispiel: Ich neige zu

Impulsivität, zum Extrem. „Und deine

Schwester?“, frage ich plötzlich. Meine

SOUFFLEUR #01/2021

F R I E D E N S C H L I E S S E N

Abrupt wird die Tür geöffnet. Schwester Immaculata, etwas

jünger als die anderen hier lebenden Nonnen, hat

Kaffee gekocht und bittet uns in die Küche. Auf uns warten

Kuchenstücke und sogar ein Achtel Bier für jede der

Damen. Sie lachen mich an, ich sehe den Schelm in ihren

Augen. Die Unterbrechung unseres Gesprächs war wichtig.

Es scheint anstrengend zu sein für ältere Menschen,

derart intensiv an die Vergangenheit zu denken.

Kurz erklärt Immaculata mir, warum am Boden in der

Ecke der hölzerne Auferstandene steht: Er warte auf die

Restaurateurin. Hätte sie nichts gesagt, wäre mir nichts

aufgefallen. Wie unterschiedlich Prioritäten sein können.

Sie schöpfen aus einem Gebet so viel Kraft für den ganzen

Tag, und der Gedanke an Gott erfüllt sie mit Liebe, Frieden

und Hoffnung. Sie trinken ihr Bier, essen vorsichtig

von ihren Kuchenstücken und tratschen angeregt über die

letzte Messe in der Andrä-Kirche. Täglich.

Wir sprechen auch noch eine Weile davon, wie die

Schwestern gemeinsam im Jahr 1997788 eine heile Welt im

gut bewohnten Kloster in Gleisdorf verlassen mussten,

um nach Thondorf bei Graz umzuziehen. Sie mussten

mehrmals siedeln: Viele Klöster schließen mangels junger

Schwestern. Ich betrachte nur mein eigenes Beispiel: Religion

braucht ein junger Mensch immer weniger. Wir haben

Musik als Religion, den ein oder anderen

SEITE 7


Wochenendexzess und unsere Jagd nach

Endorphinen. Kein Wunder, dass Klöster

mangels Bedarf aus der Gesellschaft wegbrechen.

Der Tagesablauf dieser Damen um mich

herum ist so straff, dass Respekt in mir

aufkeimt: Um fünf aufstehen. Um halb

sechs Chorgebet und Morgenlob. Um halb

sieben Betrachtung und Meditation. Danach

Frühstück. Und das jeden Tag.

Und ich? Ich wache manchmal um halb 9

auf und haste an meine Hochschule, habe

den ganzen Morgen ein schlechtes Gewissen

deshalb und erledige spätabends Dinge,

die unter meiner Prokrastination leiden

mussten. Ich blicke lange in die

warmherzigen Augen der Frauen, die sich

gemeinsam mit Gott getraut haben. Allesamt

einen Ehering am Finger und ein

Hochzeitskleid der Profess irgendwo in

ihren Schränken. Sie werden langsam alt,

sind bereits jenseits der Achtzig, aber

können sich dennoch an jedes wichtige

Datum und den besonderen Tag dazu erinnern.

Als ich gehe, entdecke ich, dass ich genau

zur vollen Stunde vor dem Wohnkomplex

stehe. Wieder höre ich das schwere Schlagen

der Glocken. Kein flaues Gefühl mehr

auf meinem Spaziergang durch die Prankergasse.

Zurück auf die andere Seite der

Mur. Statt des Nachtclub-Schilds vor mir

das Leuchten der Innenstadt. Ich wische

mir eine Schneeflocke von der Wange.

Irgendwie gefällt mir der Klang der Kirchenglocken

jetzt.

Ich denke dabei nun an Demut, Hoffnung

und vier Frauen, die ihr Leben einem

Mann widmen, den sie niemals kennengelernt

haben.


Foto: Joy Visual Artistry

SEITE 8 SOUFFLEUR #01/2021


Bild: Gefunden auf der Toilette einer Grazer WG. Foto: A.P.Tauser

SOUFFLEUR #01/2021

SEITE 9


MARIO AUER

(1957 - 2020)

ICH BIN EIN MANN

Ich definiere mich über einen Schwanz und zwei Hoden

D

en Sinn des Lebens erkennt man im Alter

von selbst. Mit dem Nachlassen der Hormone

verlieren all die einst so wichtigen

Dinge des Lebens ihre übergroße Bedeutung. Alles wird

klarer, strukturierter und einfacher.

Sicher, das Leben ist komplex, die Wertigkeiten können

stark differenziert sein. Niemand gleicht dem anderen,

und dennoch ist es so einfach, das Leben: Es besteht

grundsätzlich aus der Geburt, der Fortpflanzung und dem

Tod. Mehr ist es nicht. Alles, was wir zwischen Geburt

und Ende als wichtig erachten, alles, was wir glauben

selbstbestimmt zu tun, wird in Wirklichkeit von Hormonen

gesteuert und vorgegeben. Getrieben gehen wir

durchs Leben, den Tieren gleich. Die Sexualität ist die

stärkste Triebfeder für unser Handeln. Sie motiviert uns

und sie bestimmt unseren Weg. Sie lässt uns die Genitalien

unserer Cousinen erforschen, noch bevor wir wissen,

warum. Sie lässt uns auf unser Äußeres achten, Musikinstrumente

erlernen, Karriere machen oder sportliche

Höchstleistungen erbringen, nur um das andere Geschlecht

oder andere mögliche Geschlechtspartner zu beeindrucken.

Wir lernen die Lust kennen und die Liebe, im

Idealfall zur gleichen Zeit. Die Lust war für mich stets

wichtiger als die Liebe und sehr selten bedingten sie ei-

nander. Doch die wenigen Male, als Lust

und Liebe eins wurden, war die Erfüllung

unbeschreiblich und brannte sich in mein

Gedächtnis ein.

Ich erinnere mich zum Beispiel an ein besonderes

Mal, als wir uns den gesamten Akt

lang in die Augen schauten, ich erinnere

mich an den stickigen Raum und an das

schwüle Wetter. Ich fühle heute noch, wie

erregt wir waren und mit wie wenigen Bewegungen

wir auf einer gewaltigen Welle

dahintrieben, ehe ich fragte: „Möchtest du

ein Kind?“.

Lust zu empfinden, sie auszukosten und

hinauszuzögern, war schon in jungen Jahren

mein Ziel. Ich fand Mittel und Wege und

es war mir egal, ob ich diese Lust mit einer

Frau, einem Mann oder mit mir allein genießen

konnte. Vielleicht den besten Weg,

meine Lust möglichst lange zu genießen

und den Orgasmus so lange wie möglich

hinauszuzögern, fand ich im BDSM, wie

man es heute nennt. Vom Anfang der Siebzigerjahre

an sammelte ich meine Erfahrungen

im sadomasochistischen Bereich. Viele

meiner späteren Beziehungen zu Frauen

SEITE 10 SOUFFLEUR #01/2021


waren davon geprägt,

nicht alle. Damals, als ich

von dieser Form des sexuellen

Ausdrucks immer

stärker abhängig wurde,

waren diese Spiele noch

verboten. Die Suche nach

Partnern, die Treffen bzw.

Sessions, wie wir sie nannten,

waren illegal. Das war

kein zusätzlicher Anreiz,

es war uns einfach egal.

Die Menschen, die ich dabei

kennenlernen durfte,

waren fast ausschließlich

sehr gebildet und im Leben erfolgreich.

Manchmal erwuchsen daraus langjährige

Freundschaften. BDSM ist sehr vielfältig

und umfasst ein sehr breites Spektrum sexueller

Begierden. Vorstellungskraft und

Einfühlungsvermögen spielen eine große

Rolle. Die berühmte Peitsche und der herrische

Ton sind nur ein sehr kleiner Teil davon

und nicht unbedingt für jeden Liebhaber

des BDSM relevant. Für die in den letzten

Jahren aufgekommene Fetischbekleidung

gilt das ebenso.

Jeder Mensch muss für sich selbst herausfinden,

was er braucht. Manche ficken einfach

gerne, weil sie nur den Orgasmus suchen.

Mir war der Orgasmus selten wichtig.

Das Spiel mit der Erregung, der eigenen

oder der einer Partnerin, war hingegen der

große Lustgewinn. Je länger es mir gelang,

diese Erregungskurve hinauszuziehen, umso

tiefer war die Befriedigung: Spielen bis

zum Schüttelfrost.

Ich komme aus einer Generation die vieles

ausprobierte und dabei blieb, oder es ein-

SOUFFLEUR #01/2021

fach nicht wieder tat. Mit der eigenen Partnerin regelmäßig

in Pärchenklubs gehen, befreundete Paare gemeinsam

oder einzeln besuchen, Liebhaber und Geliebte haben,

selbst das Leben zu dritt, mit zwei Frauen und fünf kleinen

Kindern durfte ich genießen. Das scheiterte an mir,

weil ich immer wieder ein schlechtes Gewissen meiner

Frau gegenüber bekam. Meine nunmehrige Ex-Frau und

die besagte Dame sind übrigens bis heute gut befreundet.

Heute bin ich Schmerzpatient. Die körperliche Lust ist

nicht mehr wichtig. Wenn ich dennoch manchmal versuche

mich zu erregen und zu befriedigen, nur um meinem

Körper zu signalisieren, dass ich noch lebe oder einfach in

der Hoffnung, dass mir nicht irgendwann die Eier abfallen,

dann ist das Resultat nicht nur enttäuschend, es ist

auch demütigend, sich selbst dabei zu beobachten, wie

man längst Vergangenem nachhechelt.

Die Vergänglichkeit allen Lebens ist eine Gnade. Wer das

Leben nicht in vollen Zügen genossen hat, ist arm, denn

was einem zuletzt bleibt, ist nur noch die Erinnerung. ⓿

*1

SEITE 11


INTERVIEW

LUSTSPIELE

Foto: Lustspiel/Weswaldi

SEITE 12

Christian Weswaldi,

Geschäftsführer des

Grazer

Erotikkinolabyrinths

„Lustspiel“, über Moral,

Werte und Homophobie.

B

ei Lust auf einen Cappuccino

oder ein Bier zwischendurch

locken in jeder Stadt unzählige Bars und

Cafés. Zigaretten, Lottoscheine und Zeitschriften

holt man im Vorbeigehen in der

Trafik. In Graz haben Frauen, Paare und

Männer mit dem „Lustspiel“ seit mehr als

zehn Jahren die Möglichkeit, auch in Sachen

Spontan-Sex und -Erotik einen eigenen Laden

zu finden. Zwei Läden sind es seit zwei

Jahren sogar. Dabei kann man in den Lokalen

von „Mama Lustspiel“ Brigitte Ruprechter

und Christian Weswaldi mehr als nur

MacSex erleben.

Das „Lustspiel 1“ in der Grazer Jakoministraße

2255 lockt mit Kinolabyrinth, DVD-

Kabinen, gläsernen Glory Holes, Raum für

Cruising (vor allem im Kontext schwuler

Sexualität die bewusste, aktive und ge-

SOUFFLEUR #01/2021


wöhnlich mobile Suche nach einem Sexualpartner),

versperr- und aber einsehbaren

Spielwiesen, die nebenbei auf beeindruckende

Weise erinnern an Tausendundeine

Nacht und Königspalast sowie mit einem

Sexshop für Männer. Das „Lustspiel 22“ in

der Jakoministraße 122 bietet einen Erotik-

Shop für Damen und Paare, versperr-, nicht

einseh- und diskret über den Sexshop erreichbare

Separees, einen SM-Raum mit

Totenkopfboden. In

beiden Etablissements

SM-Räume,

Sling, Gynstuhl und

Andreaskreuz. Alles

erlebbar einen Tag

lang für 99,990 Euro.

Lieber Christian!

Eure „Lustspiel“-

Läden sind ein riesiger

und doch überschaubarer, halbdunkler

und doch bunter Spielplatz für Menschen,

die ihre Sexualität als etwas Spannendes

und Abenteuerliches erleben – und

für Menschen, die einen diskreten Platz

und/oder einen Partner für die „schnelle

Nummer zwischendurch“ suchen. Hauptsächlich

für Schwule. Hab ich das

„Lustspiel“ mit diesen Worten einigermaßen

passend beschrieben?

Christian: Ja! Aber es kommen wenige rein

schwule Gäste zu uns! Eher die bi und offen

lebenden Paare lieben uns.

Erzähl mir von der Idee, vom Konzept

„Lustspiel“.

Christian: Erotik muss nicht immer

schmuddelig und klischeehaft sein und kann

SOUFFLEUR #01/2021

auch Stil haben. Das haben wir, denke ich, geschafft mit

dem Lustspiel. Wir wollen keine Gäste, die es notwendig

haben, in ein Sexkino zu gehen, sondern coole Leute, die

sich zu benehmen und unser Konzept zu schätzen wissen!

Zumindest im Orthografischen gibt es einen Unterschied,

wenn ich entweder „die wahre Liebe“ oder „die

Ware Liebe“ sage. Spielt jene Liebe, die viele als die

wahre empfinden (möchten), in Deinen Lokalen eine

Rolle?

Christian: Viele

weibliche Kundinnen

hoffen schon

oft, dass aus der

erotischen Begegnung

mehr wird.

Und ja, ich weiß

von drei Beziehungen,

die bei uns im

Lustspiel entstanden

sind. Diese

Paare sind nach wie vor glücklich.

Du machst, weil Du in Deinen Lokalen Zimmern zur

Verfügung stellst, ein Geschäft damit, dass auch Paare,

die außerhalb Deiner Lokale keine solchen sind, einen

diskreten Ort für das Ausleben ihrer Sexualität suchen,

weil daheim entweder die Kinder stören oder der/die

eigene PartnerIn, der/die nichts vom Seitensprung oder

einer heimlich gelebten Neigung wissen soll.

Musst Du Dir vorwerfen lassen, Menschen beim Betrügen

ihrer Partner zu unterstützen?

Christian: Eigentlich nicht mehr. Eventuell früher einmal.

Aber ich glaube, die Leute wissen, dass nicht das

Lustspiel der Grund für das Fremdgehen ist, sondern etwas

ganz anderes! Wenn es in der Beziehung und beim

Sex nicht mehr passt, dann beginnt man zu suchen. Wir

sind also nicht der Grund für einen Seitensprung, nur der

Platz des Geschehens. Verlockungen können überall lauern,

nicht nur im Lustspiel.

SEITE 13


Kommen zu Dir Paare, die mittels Promiskuität versuchen,

eine womöglich (oder zweifellos) eingeschlafene

oder tote Beziehung wieder zum Leben zu erwecken?

Christian: Ja! Einfach zu uns kommen! Manchmal gelingt

diese Wiederbelebung auch!

Deine Antwort, Deine Reaktion auf Aussagen wie folgende:

Bordelle, Swinger-Clubs, Sexkinos und Pornos

sind gegen jede Form gesunder Sexualität, bedeuten die

Zersetzung von christlichen Werten, Sitten und bürgerlicher

Moral und sind eine Belästigung von einzelnen

Personen ebenso, wie von Zivilisation und Gesellschaft.

Christian: Was ist eine „gesunde Sexualität“? Was sind

christliche Werte? Glaube ist eine Sache. Der Trieb und

die Sünde gehören da auch dazu, wenn man es so nennen

möchte. Schon bei Adam und Eva gab es die Verführung.

Ich denke, dass Glauben in der heutigen Zeit nicht mehr

so eine große Rolle spielt. Leute erkunden und genießen

lieber ihr Leben. Aber natürlich ist es jedem freigestellt,

ob er die Bibel am Nachtisch hat oder einen Vibrator.

Zweiteres bringt mehr Erfüllung!

dass das Verlangen am anderen nicht tot,

sondern nur etwas eingeschlafen war.

Du selbst bist schwul, viele Deiner Gäste

sind schwul oder lesbisch. Was sagst Du –

einerseits als Privatperson, andererseits

als Betreiber des Lustspiels – zur Entwicklung

(zumindest in Österreich), was die

Gleichstellung von Schwulen und Lesben

betrifft? Grundsätzlich ist es ja unfassbar

und unerklärlich, dass etwas, wie die Orientierung

im Zusammenhang damit, in

wen ich mich verlieben möchte, darüber

entscheidet, ob ich respektiert werde oder

ausgestoßen. Hat sich in dieser Hinsicht

etwas verändert in den letzten 20, 30, Jahren?

Christian: Es ist vieles besser geworden.

Obwohl ich seit ein, zwei Jahren vermehrt

Homophobie erleben muss. Woran das liegt,

weiß ich nicht. Menschen, die so denken,

haben in unserem Lokal keinen Platz! ⓿

Wir alle kennen Paargefüge, die ausschließlich nur noch

vom Korsett aus dem gemeinsamen Kredit für das Haus,

dem Auftrag zur Aufzucht der Nachkommen und der

Gewohnheit aufrecht gehalten werden. Auf psychologischer

Ebene könnte man da manchmal weniger von Liebe

sprechen als vielmehr vom Stockholmsyndrom. Kann

ein gemeinsam erlebtes Erotikabenteuer Deiner Meinung

nach eine derartig gelagerte Zweisamkeit verändern/verbessern,

oder sind Abenteuer mit Fremden hier

einfach nur die Befriedigung eines Bedürfnisses nach

Nähe und Zärtlichkeit, die man sich mit dem Partner

nicht mehr vorstellen kann/will?

Christian: Es erzählen mir viele Paare, dass es nach einem

Besuch im Lustspiel auch zuhause wieder mehr Spaß

mit dem Partner macht. Voraussetzung dafür ist aber Bestimmt,

dass hier noch so etwas wie Reiz vorhanden ist,

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TANJA M. STERN

DIE LIEBE UND ICH

A

ls Kind dachte ich, eines Tages käme

ein Mann wie der Prinz in einem

Märchen, dessen Welt mich so selig

durchflutet, dass ich mein Leben lang nichts

anderes mehr bräuchte. Wie ein immerwährender

Ort der Freude, in sich abgeschlossen,

abgetrennt von allem Bösen und Unheilvollem.

Und mein Prinz, der Schlüssel, würde

mich finden und einlassen. Das „… und sie

lebten glücklich bis an ihr Lebensende!“ war

eingebranntes Dogma. Natürlich glaubte ich

damals noch an den Einen. Den einen wundervollen

Prinzen für den einen glückseligen

Moment, der für immer anhält.

Etwas später, eigentlich noch immer Kind und

zum ersten Mal zutiefst unschuldig für immer

und ewig verliebt, glaubte ich mich dort angekommen.

Doch mein Prinz zierte sich.

Ein hoffnungsvoll aufgesogenes Lächeln im

einen Moment, doch im anderen wieder der

kalte, gleichgültige Blick. Wollte er umworben

werden? Das war nicht der Plan. Niemand

eroberte mich, legte mir die Welt zu

Füßen. Das Kind in mir war verwirrt, das Paradies

vorerst aufgeschoben. So zog ich mich,

das Herz schwer vor Liebestrunkenheit, zurück.

Es würde schon jemand kommen, ich

müsste nur zuerst meine Wunden lecken.

Es kam auch wieder jemand. Und es war wieder

etwas Heiliges, Verklärtes, tief in mich

Sinkendes, in die Unendlichkeit Fallendes,

mein ganzes Herz Ergreifendes.

Ich verliebte mich noch einige Male auf diese

Art und Weise. Doch sie, die Ziele und Inhalte

meiner Liebe, blieben mir alle fern, niemals

kam mir eines in meine nähere Umlaufbahn,

so blieb auch keines in meinem Herzen.

So war das in diesen Jugendtagen. Doch mit

jeder vermeintlich großen Liebe brach, als sie

mich wieder verließ, ein Stück des kindlichen

Herzens ab. Wenn einer ging, ging auch wieder

diese Ewigkeit mit ihm. Lange wusste ich

nicht, was ich mehr betrauerte, den verloren

gegangenen Prinzen oder dieses in die Unendlichkeit

fallende Gefühl. Irgendwann zerbrach

mir dann das kindliche Herz. Danach verfiel

ich wohl in Starre, so als wollte ich mich totstellen.

Wenn man dort nicht mehr hinkann,

SOUFFLEUR #01/2021

wo man sein will und nicht hinwill, wo man sein sollte,

bleibt einem nur die Möglichkeit des Sich-tot-Stellens. Als

ich mich davon erholt hatte, sofern man sich von so etwas

erholen kann, hatte ich mich mit der Wirklichkeit vertraut

gemacht und ihrem staubigen Antlitz. Ich hatte sie mir angezogen

wie ein Alltagsgewand. Ich wünschte mir nur noch

Geborgenheit, einen Trauschein, eine Familie. Was ich dann

auch bekam. Und es war schön. Umsponnen von Vertrautheit

und Sicherheit konnte ich nicht mehr fallen. Die Unendlichkeit

unter mir schloss sich, ich hatte festen Boden unter meinen

Füßen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich, es wäre genug,

genug für dieses Leben. Vielleicht dachte ich damals tief im

Innersten, ich würde eines Tages doch noch einem anderen

Leben begegnen. Aber man begegnet nicht einfach so einem

anderen Leben, man entscheidet sich dafür.

In noch ledigen Tagen hatte ich ein interessantes Gespräch

mit einem Mönch über das Zölibat. Ich fragte ihn die typische

Frage, wie er denn damit leben könne. Er sagte, es wäre

nicht so viel schwerer als eine Ehe zu führen. Denn auch die

Ehe ist eine Art Zölibat. Das verstand ich damals nicht mit

meinem Anspruch auf die eine wahre Liebe. Doch im Zustand

der ehelichen Nestwärme, der kein Feuer mehr kennt, fand

ich mich, Jahre später, gerade in diesem Zölibat wieder. So

sperrte ich das sich auftürmende Gefühl der Trägheit in den

Untergrund meiner Seele. Es musste doch noch etwas anderes

geben, womit ich mein Leben füllen konnte, etwas anderes,

wofür mein Herz brennt. Da waren aber nur vorübergehende

Ablenkungen. Ablenkungen, die nicht stark genug waren,

um im Moment der Finsternis für mich zu leuchten.

Nachdem ich mir meiner über die Jahre hinweg angesammelten

Leere bewusst wurde, musste ich mir eingestehen, dass

mir das Feuer fehlte, das Feuer meines kindlichen Herzens,

das Herz, das so geliebt hatte.

Interessanterweise erhob sich zuerst die Stimme meines

Mannes. Vielleicht spürte er die Unzufriedenheit, die Unlust.

Vielleicht spürte er die Abwesenheit des Feuers.

So beschlossen wir, das Zölibat zu brechen. Am Anfang tappten

wir wie ungeschickte Kinder mitten in viel zu viel von

dem, was wir noch nicht gewohnt waren. Es war aufregend,

überflutend, dann erdrückend vor lauter Reiz, vor lauter

Verpöntem. Dann plötzlich reizlos. Und danach? Danach kam

endlich wieder ein Prinz. Ich weiß, er wird nicht lange bleiben,

wie all meine Prinzen, aber es gefällt mir so gut, endlich

einen zu haben neben der wohlig sanft erstickenden Nestwärme.

Jetzt habe ich beides. Ich falle in die Unendlichkeit

und habe trotzdem festen Boden unter meinen Füßen. Und

auch wenn die eine Unendlichkeit sich schließt, tut sich irgendwann

wieder eine neue auf. Denn rückblickend erkenne

ich nun, dass die Prinzen ersetzbar sind, nicht aber dieses

Gefühl der Glückseligkeit.


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INTERVIEW

Foto: A.P.Tauser

LET´S SWING AGAIN

Der Souffeur hat Interviews

mit drei Paaren geführt, die

seit vielen Jahren als Swinger

aktiv sind.

Angela und Helmut (62, 65),

Sybille und Anton (beide 56),

Maria und Mario (32, 34).

D

er Begriff „Swinger“, von englisch „to

swing“, ist vor etwa hundert Jahren ein

populäres Synonym für Menschen geworden, die in einer

Partnerschaft leben und ihre Sexualität dabei mit mehreren

Partnern und oft auch fremden Personen anstreben.

In vielen Kulturen und zu allen Zeiten wurde Promiskuität

entweder frei oder als Subkultur gelebt.

Überlieferungen aus dem alten Rom oder

dem Barock illustrieren die lange Tradition

dieses Lustverhalten abseits gesellschaftlicher

Normen. Der Souffeur fragt nach.

Wie oft habt Ihr Sex mit Fremden? Wo finden

diese Spiele statt? In Clubs? In Privatwohnungen?

Auf Partys? Im Freien? An

öffentlichen Orten?

Sybille & Anton: Alle ein bis zwei Monate.

Entweder in Clubs oder privat bzw. in Hotels.

Auf einer Party waren wir erst einmal.

Maria & Mario: Wir laden Paare zu uns ein.

Manchmal eines, hin und wieder auch drei,

vier, fünf oder mehr. Auch Solodamen und -

herren. In Clubs gehen wir nicht, weil wir

die Musik dort nicht mögen und die vielen

Paare, die nicht wissen, was und ob sie

überhaupt wollen. Außerdem haben wir

SEITE Seite 00 15 SOUFFLEUR #01/2021


gerne sehr persönlichen Austausch mit unseren

Bekanntschaften, auch auf persönlicher

Ebene. Verliebtheit für ein paar Stunden

gewissermaßen. In Clubs steht hauptsächlich

reine Körperlichkeit im Mittelpunkt.

Angela & Helmut: Sex mit Fremden etwa

alle acht Wochen, manchmal öfter. In Clubs,

privat bei uns oder anderen oder auf Partys.

Es gibt Stimmen, die behaupten, Paare,

die in Swinger-Clubs gehen, fliehen vor

der Erkenntnis, dass das Sexualleben in

der Beziehung tot ist. Was sagt Ihr dazu?

Sybille & Anton: Swingen in einer nicht

intakten

Beziehung

wäre ein

Fehler.

Swingen

funktioniert

nur, wenn auch die Erotik in der Beziehung

stimmt; wenn beide sich der Liebe des Anderen

sicher sind und beide viel Spaß am

Sex miteinander haben.

Maria & Mario: Ja, wir kennen solche Paare.

In vielen Beziehungen ist das Sexualleben

tot. Manche versuchen dann eben zu

experimentieren. Aber für den Großteil der

Swinger gilt das bestimmt nicht. Es muss

für beide passen. Wir kennen Paare, die

miteinander gar keinen Sex haben, aber regelmäßig

mit Fremden und trotzdem seit 20

Jahren glücklich miteinander sind.

To each his own.

Angela & Helmut: Das Sexualleben in unserer

Beziehung ist lebendig und sehr befriedigend.

Swingen ist eine Facette, die wir

beide voll und ganz genießen. Als Teil unserer

Beziehung, als Teil unserer Liebe.

SOUFFLEUR #01/2021

Ist Swingen etwas, dass Ihr anderen Menschen empfehlen

würdet? Kann ein Öffnen, ein Erweitern des Sexuallebens

Spannung in langweilige Beziehungen bringen?

Sybille & Anton: Nur, wenn die Voraussetzungen (siehe

Antwort auf Frage 2) gegeben sind. Wenn die Beziehung

schon langweilig ist, bitte gemeinsam gut hinschauen,

warum. Bei uns hat es Spannung in eine lebendige Beziehung

gebracht.

Maria & Mario: Wenn Promiskuität was ist, das wirklich

beide Partner gleich gerne wollen, kann ein Sprung ins

kalte Wasser hier vielleicht Knoten lösen. Aber Beziehungen,

die bröckeln, kann auch Sex mit Fremden nicht retten.

Andererseits: Viele Menschen haben ja auch gar nicht

das Ziel, gemeinsam alt zu werden. Also einfach tun, wonach

einem ist.

Wenn eine Beziehung

an sexuellen

Experimenten

zerbricht,

tut sie

das wahrscheinlich auch ohne.

Angela & Helmut: Eine Beziehung muss gefestigt sein

und lebendig, sonst hält sie das nicht aus.

Empfehlen tun wir Promiskuität anderen Menschen nicht,

aber wir erzählen gerne davon, dass wir sexuell offen leben.

Apropos Spannung: Wie oft hattet Ihr nach erotischen

Abenteuern bereits Streit? Spielt Eifersucht in diesem

Zusammenhang eine Rolle?

Sybille & Anton: Erst einmal, das ist sicher schon zehn

Jahre her. War damals ein Missverständnis, das recht einfach

zu klären war. Eifersucht hat noch nie eine Rolle gespielt.

Maria & Mario: Wir beide sind impulsive Menschen. Wir

streiten gerne, lieben die Versöhnung hinterher. Eifersucht

hingegen kennen wir nicht. Wenn sich eine/r von

uns verknallt, findet die/der andere das aufregend und

erregend. Dazu müssen wir vielleicht sagen, dass wir uns

niemals der reinen blinden Körperlichkeit wegen mit

SEITE 19


Fremden treffen, sondern dass uns das Erleben der jeweiligen

Gegenüber sehr wichtig ist.

Angela & Helmut: Es gab Missstimmung. Streit wäre

übertrieben. Eifersucht war nur marginal ein Thema dabei.

Es ging um eine Frau, die unsere Grenzen überschritt,

sich verliebte und mehr erwartete.

Promiskuität ist nichts, das von den meisten öffentlich

gelebt wird wie etwa ein gewöhnliches Hobby. Was

glaubt Ihr, wie viele von zehn Paaren in Österreich haben

(zumindest selten) Sex zu dritt oder zu viert und

wie viele Paare haben zumindest den Wunsch danach?

Sybille & Anton: Wunsch? Dreißig Prozent. Wirklich

praktizieren tun das wahrscheinlich weniger als zehn Prozent

Maria & Mario: Maria hat so eine Frage erwartet und

kennt hier die Ergebnisse einer Cosmopolitan-Studie aus

dem Jahr 220133: 5599 Prozent der Männer haben Fantasien,

in denen sie mit mehreren Mitspielern Sex haben, 155 Prozent

der Frauen möchten gerne nur eine fremde Person

dabei haben. Aber nur acht Prozent der Männer und vier

Prozent der Frauen möchten gerne einmal in ein Swinger-

Lokal. Laut statista.com waren auch knapp neun Prozent

der Männer bereits einmal in einem Club. Weniger, als

wir gedacht hätten.

Kennt Ihr Unstimmigkeiten, weil einer

von Euch beiden mehr und öfter Kontakt

mit Fremden möchte als der andere? Was

glaubt Ihr: Wollen Männer oder Frauen

eher Treffen mit Fremden?

Sybille & Anton: Nein, wir besprechen das

immer wieder. Obwohl Anton öfter die Initiative

ergreift und Treffen organisiert.

Maria & Mario: Die letzte Frage haben wir

vorhin schon beantwortet. Zur anderen: Bei

uns hat Maria öfter Lust auf fremde Haut.

Unstimmigkeiten deswegen kennen wir

nicht, weil Mario entweder gerne mit dabei

ist, oder Maria sich alleine mit einem Paar

trifft.

Angela & Helmut: Diese Unstimmigkeiten

gibt es manchmal, sie enden aber immer in

einem Kompromiss. Treffen mit Fremden

wollen wir beide in gleichem Maße. Wir

glauben, bei 550 Prozent der Swinger ist das

aber oft im Ungleichgewicht. Mal wollen die

Männer, mal die Frauen mehr und öfter.

Angela & Helmut: Das ist schwer einzuschätzen. Wir

glauben, fünf bis sechs von hundert Paaren.

Ist die Entscheidung für einen einzigen Partner auf sexueller

Ebene Eurer Meinung nach in Wirklichkeit eine

Lüge?

Sybille & Anton: Nein, für manche ist das ein gut funktionierendes

Lebenskonzept.

Maria & Mario: Die Zahlen oben würden ja nicht darauf

hinweisen, dass Monogamie eine Lüge ist. Wir glauben

aber, dass vor allem sehr viele Männer gerne offener Leben

würden und des lieben Friedens willen nicht mit ihren

Partnerinnen darüber sprechen.

Angela & Helmut: Lüge nicht, aber wohl seltener sinnvoll,

als man meinen würde.

SEITE 20 SOUFFLEUR #01/2021


Wir leben in einem katholisch geprägten

Land. Das neunte Gebot im Alten Testament

(Ex 20, 17): "Du sollst nicht begehren

deines Nächsten Frau." Welche Rolle

spielen katholische oder konservative bürgerliche

Moralvorstellungen für Euch?

Sybille & Anton: Wir sind religiös und achten

christliche Werte. Wir drängen uns deshalb

auch nicht in andere Beziehungen und

lassen uns nur auf Leute ein, die ungebunden

sind oder auf Paare, wo beide Partner

klar einverstanden sind mit Sex zu viert.

Maria & Mario: Nur Menschen, die in unserem

Kulturkreis auf die Welt kommen, beantworten

sich die existenziellen Fragen

(Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin?)

irgendwann mit einem katholischen Glaubenssatz.

Im Irak münden diese philosophischen

Fragen in den Islam, in Kambodscha

in die Lehren des Siddhartha Gautama. So

ein Zufall aber auch.

Individuelle Blickweisen auf Leben und Tod können und

dürfen nicht vorgegeben werden, Religionen können erst

dann einigermaßen ernst genommen werden, wenn es 7,7

Milliarden unterschiedliche gibt.

Angela & Helmut: Gar keine.

Was ist dran an der Behauptung, Swinger seien größtenteils

60 plus, träfen sich in schmuddeligen Clubs und

achten nicht auf Safer Sex?

Sybille & Anton: Wir treffen sehr viele jüngere Leute.

Und Safer Sex wird überall sehr ernst genommen.

Maria & Mario: Wir zwei sind lebende Beispiele dafür,

dass nicht alle über 60 sind. Safer Sex ist bei den meisten

Swingern Grundvoraussetzung.

Obwohl: Manche Damen scheinen nicht zu wissen, dass

Französisch ohne Kondom alles andere als safe ist.

Angela & Helmut: Wir sind 60 plus. Und wir gehen in

keine schmuddeligen Lokale. Wenn Clubs, dann nur zu

ausgesuchten, besonderen Anlässen. Und da gehören wir

oft zu den ältesten Gästen. Safer Sex ist Pflicht. ⓿

Bild: Anna Maria Tauser-Fürpaß

SOUFFLEUR #01/2021

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LISA WELTZIN

EHRLICH SEIN

P

assiert. Wie Tomaten.

Das Leben passiert, während wir dabei sind,

andere Pläne zu machen. Auf Fahrten und Wegen ergeben

sich Ziele und obwohl wir immer unterwegs sind,

kommen wir nie an. Was passiert eigentlich, wenn wir

zwischen Momenten von Verzweifelt- und Glücklichsein

mal ehrlich sind zu uns? Was passiert, wenn wir uns einmal

die richtigen Fragen stellen, anstatt ihnen zu entfliehen?

Was passiert, wenn wir uns einmal der Ehrlichkeit

nicht entziehen?

Ich hab mir schon so manche Unwahrheit der Welt geliehen.

Danach hab ich oft heimlich geschrien. Wenn ich

mal ehrlich bin. Wie fühlt es sich an, nackt zu schwimmen?

Wasser gleitet vorüber an nackter Haut, Tropfen

werden zur Strömung; Frische, ein wenig Schmerz vom

kalten Wasser.

Wie oft schaut ihr euch ein Bild an, wenn ihr verliebt

seid? Wovon träumt ihr nachts? Was beschäftigt euch am

Tag? In einer Kultur, in der alle schönen Frauen 1,77 Meter

groß sind, alle starken Männer Muskeln haben, alle

intelligenten Menschen studieren. In einer Kultur, wo

alle Menschen leben, um zu gefallen, sind schon einige

Vorlieben gestorben, viele Sehnsüchte verfallen, unendliche

Wahrheiten untergegangen. Weil sich keiner mehr

Was sind eure am tiefsten sitzenden Ängste?

Wo stecken unsere verborgenen Wünsche?

Unsere intimsten Phantasien?

Doch unser Leben passiert einfach. Wie Tomaten.

Während wir eifrig dabei waren andere

Pläne zu schmieden, schmiegte sich

Unwahrheit an Unwahrheit. Wir bildeten

Identitäten, ohne dabei hinzuschauen; es

ergab sich einfach. Aufgrund tausender Ursachen

und Einflüsse leben wir heute, ohne

genau zu wissen, warum.

Doch wie kommen wir an das Zwischendrin?

Wir leben tagein, tagaus, nichts verändert

sich. Doch wenn wir zurückblicken,

ist alles anders.

So vergehen Stunden, Tage, Jahre. Jahre, in

denen wir zwar gelebt haben, doch nicht

viel bewegten. So vergeht die Zeit, ohne

dass wir dabei achten darauf, wohin sie

geht. Früher, da war ich noch ein Kind.

Doch bitte: Wer kam dazwischen, dass ich

heute fast schon erwachsen bin? Was passierte

dazwischen?

Sich frei fühlen, dennoch Sicherheit haben.

traut, ehrlich zu sein. Sich verlassen können, dabei flexibel blei-

SEITE 22 SOUFFLEUR #01/2021


en? Wir bilden uns unsere Identität, ohne

dabei hinzuschauen.

Aber wir lernen doch so viel zwischendrin.

In Momenten, in denen Gedanken ausgesprochen

werden, entstehen große Worte.

Große Worte finden zwischen Tür und Angel

statt. Gesetze verändern sich nicht auf

Blättern Papier, sondern in grauen Plattenbauten.

Auf Schulbänken, auf denen Kaugummis

kleben und heimlich Tränen tropfen.

Fäuste, die sich unter weißen Tischen

ballen. Herzklopfen, kurz bevor man aus

der Tram aussteigt. Kurz bevor man nicht

mehr weiter weiß, passiert es oft, dass wir

mal ehrlich sind. Ehrlich zu uns selbst.

Und wir fragen uns: Wann ist das passiert?

Wie schnell verstrich die Zeit? Jetzt bin ich

schon so alt. Wo sind die alten Tage hin?

Und das, was alles passierte, war nie wirklich

geplant. Wo will ich überhaupt noch

hin? Es ist eben einfach so passiert. Wie

Tomaten, sagst du. Dabei schaust du mich

an, lächelst verschwiegen, aber es ist doch

auch schön, dass es alles zwischen drin passiert,

oder nicht? Solange du dabei glücklich

bist, hast du doch nichts falsch gemacht?

Solange du immer ehrlich zu dir bist, ist

doch alles gut.

Doch ich sage: Wann bin ich mal ehrlich?

Ich bin so selten ehrlich. Verändern, ohne

dabei Ansprüche zu stellen. Gehen, ohne

vergessen zu werden. Hoffen, ohne dabei zu

erwarten. Fallen, ohne danach wieder aufzustehen.

Stehen, ohne dabei stehen zu bleiben.

Das Leben passieren zu lassen, während wir

dabei sind, Pläne zu schmieden, gelingt uns

nur, wenn wir ehrlich sind, denn sonst wa-

SOUFFLEUR #01/2021

Bild: SuJo

chen wir eines Tages auf, zählen die Tage und stellen fest,

dass wir das alles gar nicht so wollten. Stellen fest, dass

unser Herz nicht mehr singt, unser Verlangen nicht mehr

stimmt, unsere Sehnsüchte verglimmen. Wie Feuer zu

Asche ging es vorüber. Und wer den Feuervogel noch gesehen

hat …

Zwischen drin mal ehrlich sein, lassen unserem Herz

auch mal Sonnenstrahlen rein, anstatt nicht immer nur zu

leben, um zu gefallen in einer Kultur, wo alle schönen

Frauen 1,77 Meter groß sind, alle starken Männer Muskeln

haben und alle intelligenten Menschen studieren. In einer

Kultur, wo du nach außen entweder gut oder schlecht

bist. Du wirst dabei, zwischen drin, so viel lernen. Sonst

lässt du bald keinen mehr an deiner Ehrlichkeit teilnehmen,

sonst strahlt hier bald keiner mehr, und die Gesetze,

die in grauen Plattenbauten herrschen und geschehen,

sind dann einfach passiert. Wie Tomaten eben. ⓿

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SEITE 24 SOUFFLEUR #01/2021

Foto: Willgruber


Foto: Willgruber

SOUFFLEUR #01/2021

Foto: A.P.Tauser (11)

Seite 25


GESPRÄCH

DAS 11. GEBOT:

DU SOLLST

NICHT SCHWUL

SEIN

Andreas P. Tauser im

Gespräch mit Harald

Schober (6677) über

Gott und einen Teil

der Welt.

T

auser: Menschen treten

seit jeher für die eigene

und die Freiheit anderer ein, sie kämpfen

für die Freiheit von Minderheiten,

für Religionsfreiheit, für Meinungs-

und Redefreiheit, auch für Freiheit in

der Liebe. Herr Schober, Sie leben

streng nach der Bibel. Ist die Forderung

nach Gleichstellung von Schwulen,

Lesben und Transgendermenschen

für Sie in Ordnung?

Schober: Bei der Meinungs- und Redefreiheit

gibt es meiner Ansicht nach ein

großes Verbesserungspotential auch bei

uns in Österreich. Viele Menschen bezeichnen

sich als sehr tolerant. Aber

wenn man in einem ´sensiblen´ Bereich

Seite 26 SOUFFLEUR #01/2021


anderer Meinung ist, verurteilen viele Menschen

dies sehr scharf und oft sogar verletzend.

Das finde ich traurig.

Der S o u f f l e u r hat für diese Ausgabe

Gespräche mit verschiedenen Menschen

geführt. Einerseits mit einer Klosterschwester,

andererseits mit dem Betreiber

eines Kinolabyrinths, eines Erotiktreffpunkts

für Schwule, oder mit Bi-Menschen

und Swingern. Gehören diese beiden entgegengesetzten

Lebensmodelle in ein und

dieselbe Ausgabe?

sehr gefallen hat. Es hieß: „Das Fernsehpublikum ist einer

Unmenge an Sendungen ausgesetzt, in denen der homosexuelle

Lebensstil positiv porträtiert wird.“ Das Fernsehen

ist jedoch nur eines von vielen Medien, die heutzutage

Homosexualität propagieren. Auch von Altersgenossen

und Lehrern, in Filmen, Büchern und Zeitschriften und in

den sozialen Medien wird pro-homosexuelle Propaganda

gemacht.

Sie meinen also, dass Werbung für Homosexualität gemacht

wird?

Paulus schrieb gemäß 1. Korinther 66:99, 10: „Was? Wisst

Ich denke, die Meinungs-

bzw. Pressefreiheit

ist ein wertvolles

Gut. Warum

sollte nicht über unterschiedliche

Lebenseinstellung

offen

und fair berichtet

werden?

„Wo die Liebe hinfällt,

da bleibt sie

liegen“, sagt ein altes

Sprichwort. Spricht für Sie etwas dagegen,

dass ein Mann einen Mann liebt,

eine Frau eine Frau?

Vor ein paar Jahren teilte mir ein sehr junger

Arbeitskollege mit, dass er meine Einstellung

zur Bibel sehr schätzt. Er sagte:

"Du musst aber Deine Einstellung zur Homosexualität

korrigieren bzw. richtigstellen."

Ich frage mich: Warum ist seine Meinung

so weit verbreitet und so populär?

„Das Fernsehen versucht, Kindern Homosexualität

schmackhaft zu machen“, so

der Titel eines Zeitungsartikels, der mir

SOUFFLEUR #01/2021

Foto: A.P.Tauser

ihr nicht, dass Ungerechte das Königreich Gottes nicht

erben werden? Lasst euch nicht irreführen. Weder Hurer

noch Götzendiener, noch Ehebrecher, noch Männer, die

für unnatürliche Zwecke gehalten werden, noch Männer,

die bei männlichen Personen liegen, noch Diebe, noch

Habgierige, noch Trunkenbolde, noch Schmäher, noch Erpresser

werden Gottes Königreich erben.“ Beachte, dass

Paulus sowohl diejenigen erwähnt, die in unmoralischen

Beziehungen offensichtlich eine passive Rolle übernehmen,

als auch diejenigen, die die aktivere „männliche“

Rolle einnehmen. Er machte somit deutlich, dass Gott jede

Form homosexueller Betätigung missfällt.

Ist es nicht so, dass gleichgeschlechtliche Liebe in den

Seite 27


Medien, im Schulunterricht oder in der Kunst deshalb Ist Ihr Standpunkt, jemand sei deswegen

thematisiert wird, um allen und vor allem betroffenen homosexuell, weil er das so w i l l, im Angesichte

der Tatsache, dass weltweit im-

Menschen zu zeigen, dass die Zeit, in der Homosexualität

als Krankheit fehlinterpretiert wurde, vorbei ist mer noch Menschen aufgrund ihrer sexuellen

Neigung diskriminiert, ausgegrenzt,

bzw. vorbei zu sein hat? Ist die mediale Präsenz von

Homosexualität also nicht weniger Propaganda und benachteiligt und ermordet werden, nicht

Werbung für ein Lebensmodell, als vielmehr der längst eine Verhöhnung all der vielen Menschen,

überfällige Versuch, menschenfeindliche Ausgrenzung die sich Zeit ihres Lebens nur eines wünschen,

nämlich, dass auch ihre Art des

von Minderheiten zu stoppen?

Seins als „normal“ gesehen wird?

Es handelt sich ohne Zweifel um eine Kombination mehrerer

Faktoren, durch die ein Mensch dazu gebracht wird, Im Jahre 199770 sagte Dr. Charles W. Socarides

vom Albert Einstein College of Medicine

homosexuelle statt normale heterosexuelle Beziehungen

zu pflegen. Schließlich muss man aber noch eine weitere (New York) warnend, dass sich die Homosexualität

ausbreitet wie eine Seuche,

Tatsache im Sinn behalten: Homosexuelle haben sich ihre

Lebensweise selbst gewählt. schneller als die vier häufigsten Krankheiten.

Gewählte Politiker geben offen zu, ho-

Warren Blumenfeld, Koordinator des nationalen Gay Students

Center, einer US-Studentenorganisation für Homosexuelle,

vergleicht die Auswahl zwischen mehreren sexugen,

politische Klubs und Partnervermittmosexuell

zu sein. Es gibt Kirchen, Synagoellen

Verhaltensweisen sogar mit dem Kauf eines Autos. lungen für Homosexuelle. Die Christen des

Er sagt: „Der eine fährt eben lieber einen Cadillac und der ersten Jahrhunderts betrachteten die Homosexualität

jedoch nicht als etwas Normales

andere einen Sportwagen.“ Jemand ist also deswegen homosexuell,

weil er das so will. wie blaue Augen oder eine dunkle Haut. In

ihren Augen war es eine Befriedigung

Der Schriftsteller Blumenfeld sieht Homophobie sehr schändlicher sexueller Gelüste, wenn weibliche

Homosexuelle den natürlichen Ge-

kritisch und sagt über sie: Sie (die Homophobie) bindet

Menschen in starre geschlechtsspezifische Rollen, die brauch von sich selbst mit dem widernatürlichen

vertauschten und männliche Homo-

Kreativität hemmen, sie verhindert, dass Schwule eine

authentische Selbstidentität entwickeln, sie hemmt die sexuelle unzüchtige Dinge miteinander trieben

(Römer 1:2266, 2277).

Wertschätzung von Vielfalt, sie hemmt die Fähigkeit

von Menschen, intime Freundschaften zu Mitgliedern

ihres eigenen Geschlechts aufzubauen, aus Angst, als (Anm.d.Red: Socarides Thesen sind heute

schwul wahrgenommen zu werden, sie erhöht den Heiratsdruck,

was wiederum unangemessenen Stress und maßgeblichen psychologischen und psychi-

überholt, zum Teil widerlegt, die wirklich

oftmals ein Trauma für Ehepartner und ihre Kinder bedeutet.

Blumenfelds Vergleich (Cadillac oder Sportwagical

Association und American Psychiatric

atrischen Fachverbände American Psychologen)

wird von Ihnen, verzeihen Sie, nicht nur verkehrt Association bekunden, dass Socarides Ansichten

wissenschaftlich nicht haltbar sind.

interpretiert, diese Interpretation ist, so glaube ich, für

Schwule, die unter ihrem Anderssein oft bis zur Depression

oder gar bis zum Selbstmord leiden, wohl ein Jahren aus der Liste der psychischen Krank-

Homosexualität wurde bereits vor fast 330

Schlag ins Gesicht. heiten gestrichen.)

Seite 28 SOUFFLEUR #01/2021


Humanismus hin, Religion her – der im

Sinne der Aufklärung strukturierte und

auf rationales Denken ausgerichtete

Mensch weiß heute: Die Erde ist eine Kugel,

Alchemisten können kein Gold herstellen

und ein gewisser Prozentsatz an Menschen

wird homosexuell. Kann Ihr Gott

gegen Vielfalt sein?

an, die homosexuell, Diebe, Habgierige, Erpresser, Trunkenbolde,

Ehebrecher oder Götzendiener gewesen waren.

Aber sie hatten sich geändert. Sie waren „reingewaschen,

geheiligt und gerecht gesprochen worden“ (1. Korinther

66:99-11; Kolosser 33:55-11). Nicht nur im 1. Jahrhundert, sondern

auch heute ist es möglich, homosexuelle Neigungen

zu überwinden, wenn jemand dies persönlich möchte und

wirklich ernsthaft will.

Es ist, wie die Bibel sagt: „Entsprechend

den Begierden ihrer Herzen“. Darum ist es

gerechtfertigt, wenn die Bibel diese Handlungsweise

verurteilt

und sagt,

sowohl männliche

als auch

weibliche Homosexuelle

empfingen „an

sich selbst die

volle Vergeltung,

die ihnen

für ihre Verirrung

gebührte“.

Ich tu mir schwer, die Grenze zu finden

zwischen ihrer persönlichen Meinung und

einer von der Bibel vorgegebenen Lehre.

Ich frage einmal andersrum: Kann der

Verzicht auf das Ausgrenzen von Homosexuellen

Ihrer Ansicht nach tatsächlich zur

Folge haben, dass im Jahr 2050 mehr

Schwule geboren werden als etwa im Jahr

1550?

Wie andere unreine Gelüste und schädliche

Begierden, so können auch homosexuelle

Neigungen beherrscht und sogar überwunden

werden; sie können als Bestandteil der

alten Persönlichkeit abgestreift werden. Der

Versammlung in Korinth gehörten Christen

SOUFFLEUR #01/2021

Foto: A.P.Tauser

Wohl wahr: Alle drei Abrahamitischen Welt- und Wüstenreligionen

haben ihre Probleme mit nicht eine Mehrheit

betreffenden Geschlechtsidentitäten. Aber lassen

Sie mich

laut denken:

Gott hat mit

Glauben zu

tun. Glaube

ist per Definition

eine

Grundhaltung

des

Vertrauens,

Glaube ist

das Überzeugtsein

von einer Lehre, einer These. Einer Theorie! Mit Wissen

hat das also wenig zu tun. So ist Glaube daher etwas,

das von Menschen, Kulturen und Religionen seit jeher

denkbar falsch gelebt wurde, nämlich nicht als philosophische

Theorie, nicht als Möglichkeit, sondern fatalerweise

als Gebot. Ja, sogar als Erlass, als Befehl, als

Grundbedingung dafür, überhaupt respektiert oder,

nicht selten, am Leben gelassen zu werden. Falsch ist

das zudem auch deshalb, weil Glaube auch abseits aller

politischen und extremen Strömungen nie mehr sein

kann, als Anschauung, Konzept, Plan, Idee, Vermutung

oder Hoffnung. Es mag deshalb also in Ordnung sein,

das e i g e n e Handeln, das e i g e n e Denken einer

solchen Theorie nach auszurichten. Von a n d e r e n

Menschen dieselbe religiöse, philosophische Herangehensweise

zu fordern, steht aber auch dem streng

Seite 29


Ich habe in meinen Antworten nur auf die Aussage der

Bibel verwiesen.

Es drängt sich genau deshalb die Frage auf: Entsprechen

die Bibelzitate Ihrer persönlichen Meinung?

das ist von Menschengeist erschaffen, alles

das sind Früchte von Fantasie und

(nicht selten) Kalkül. Für die einen heilsamer

Weg, für andere aber eben nicht mehr

als Ideen. Nicht belegbare Theorien.

Ich habe, wie Sie sagen, mehrmals auf Bibelstellen Bezug

genommen, dazu auch meine private Meinung geäußert.

Kann der eine Mensch sich wirklich nach den esoterischen

oder philosophischen privaten Welterklärungsmodellen

des anderen richten? Ist nicht jeder Glaube,

der die Grenzen Anders- oder Nichtgläubiger überschreitet,

eine Beschneidung von Freiheit per se?

Liebe baut auf, gemäß 1. Korinther 88:1. Sie reißt niemals

nieder. Noch tötet sie einen Menschen. Irgendetwas

"Esoterisches" habe ich nicht angeführt.

Nun, dort, wo Aufklärung und Glaube einfach nicht in

einen Topf passen, will ich jede Religion einfach einmal

als eines der Kapitel im Esoterikkatalog sehen.

Was ist Ihrer persönlichen Meinung nach, und ohne den

Blick in die Bibel, schlecht und teuflisch an der Welt, in

der jeder Mensch Liebe, Partnerschaft frei und nicht

von anderen bevormundet lebt? Welchen Schaden richtet

Homosexualität auf der Welt an?

Der Apostel Paulus legte Christen ans Herz: „Fahrt daher

fort, einander zu trösten und einander zu erbauen, so wie

ihr es ja tut“ (1. Thessalonicher 55:11). Meiner Meinung

nach sollten alle Christen der Aufforderung nachkommen:

„Redet bekümmerten Seelen tröstend zu, steht den

Schwachen bei, seid langmütig gegen alle“, wie es in 1.

Thessalonicher 55:144 zu lesen steht.

Da war sie ja doch wieder, die Bibel. Ich versuche es

noch einmal: Ganz gleich, ob Sindone di Torino

(Turiner Grabtuch) und Santo Cáliz (Heiliger Kelch)

oder eben von Geistern, und Erzengeln empfangene Botschaften,

ganz gleich, ob Evangelium oder Sure - alles

Ihre Ansicht ist weit verbreitet. Haben Sie

eine Bibel? Hebräer, Kapitel 11, Vers 1. Was

sagt Ihnen dieser Vers? Wozu regt er Sie

an?

Ich zitiere die genannte Bibelstelle:

„Glaube aber ist, Feststehen in dem, was

man erhofft, überzeugt sein von Dingen,

die man nicht sieht.“ Dass eine Bibelstelle

nun nicht der Bibel selbst widerspricht,

überrascht wenig.

Darf dieses Erhoffte, ganz gleich, ob wir

es Himmelreich nennen oder Erlösung

durch die Waldelfe, über Freiheit oder Unfreiheit

anderer richten? Im Namen des

Glaubens wurden und werden Menschen

diskriminiert und getötet. Kann und soll

das Erhoffte der einen Menschen die Orientierungshilfe

für andere sein?

Ich finde, die Bibel kann uns Menschen eine

gute Anleitung für ein sinnvolles und glückliches

Leben geben. Ich persönlich habe nie

auf einen Menschen Druck ausgeübt, dass

er nach den Grundsätzen der Bibel leben

muss. Ich kann es aus eigener Erfahrung

nur jeder Person empfehlen. Das Leben

wird dadurch einfacher.

Ihr Wort in Gottes Ohr, wenn ich das so

sagen darf. Vielen Dank für das Gespräch!


Harald Schober ist Pensionist. Er lebt als

praktizierender Zeuge Jehovas und Bibel-

Lehrer im steirischen Weiz.

Seite 30 SOUFFLEUR #01/2021


FLORIAN RANDACHER alias FLOW BRADLEY

GEDICHTE

Karin

So ich liebe diesen Namen

So rinnt Klang und Sinn

Gut und Böse – Auf- und Unter-

Gang der Leben Fänge, Schwingung, Stamm

Center Of Market And Trade

Vom Humor überrascht

Terror als Regie

Wir verwenden Wörter

Und Gott ist das Genie

Namen geben vor, doch nichts

Bleibt der Erde Wiederkehr

Namenlose Ritter

Göttin aller Freud´

Das Leid holt lachend, warm

Kältestau der Saat

Weiter mein Mysterium

Wenn ich Karin höre

Karin

Karin

Karin

Karin

Foto: Flow Bradley

Verwendet wird der Glaube

Als Lösung die Natur

Gesetz bleibt ewig Frieden

Wie machen wir das nur?

Der Dichter und die Dramen

Der Sex, der Tod, das All

Im Sinn sind wir verborgen

Bestimmt ist der Verfall

Das Datum nun als Wette

Wer ist schneller da

Der Zug oder das Auto

Flugzeug, „sonderbar“

SOUFFLEUR #01/2021

Spinne im Regenbogen

Sie bemerkt mich

wenn ich schweige

doch selbst ihr Drang

ist ihr zu nah

sie verschwendet

sich im Sinne

kunterbunt

und wunderbar

sie muss das alles tragen

weil kein Geheimnis von ihr weicht

nur die Stille kann es sagen

ihre Sendung –

butterweich

Manchmal zornt die Droge

und der Ausgleich scheint nicht nah

lass es sein ihr nachzufolgen

kunterbunt und wunderbar

Reichensport

Der Funke springt über das Wasser

Pfeil und Bogen unter Tag

Längst geschachtet

Brot und Spiele

Oft verletzt und ausgelacht

Doch der Kämpfer

Rote Erde

Ziegelsteine und Beschwerde

Ausgehoben aus dem Schritt

Bleibt das Sein ein Teufelsritt

Notiz

Du håst ma ålles gnommen

I hån da ålles geb´m

Mia håb´m uns nix g´schenkt

Mia san uns nix schuldig bliebm

Seite 31


INTERVIEW

POLYAMORIE:

ZWEI MAL ZWEI

IST (AUCH) LIEBE

Der Souffeur im Gespräch

mit Menschen, die mehr

als einen Menschen lieben.

G

eschätzter Bernhard Reicher,

Du bist Autor und Magier. Du

lebst „angewandte Polyamorie“?

Reicher: Ja. Und ich mache Öffentlichkeitsarbeit

und Coachings im Bereich Polyamorie.

Polyamorie ist eine Form der Lebens-, Liebes-

und Beziehungsgestaltung, die für viele

von uns nicht gewöhnlich ist. Was steckt hinter

dem Begriff?

Reicher: Polyamorie ist ein Neologismus, der

sich aus "poly" für "viele" und "amor" für

"Liebe" zusammensetzt. Dahinter verbirgt sich

ein Hinterfragen: Ist das Modell einer Zweierbeziehung

die einzig mögliche oder erstrebenswerte

Form des Zusammenseins? Es ist

aber weit mehr als nur ein philosophisches

Konzept; es ist auch eine gelebte Praxis, die es

ermöglicht, mehr als eine Liebesbeziehung zur

Foto: Dainis Graveris/unsplash.com

selben Zeit führen zu können, im vollen

Seite SEITE 00 32 SOUFFLEUR #01/2021


Wissen und der Zustimmung aller Beteiligten.

Das ist nicht notwendigerweise ein besseres

Modell als das übliche monogame.

Aber es ist eine gleichwertige Alternative.

Es ist auch keine sexuelle Orientierung,

sondern eine Entscheidung: In welcher

Form möchte ich Liebe leben?

Gewissermaßen also ein Weg, der Möglichkeiten

bereithält? Nämlich: Befinde

ich mich in einer Liebesbeziehung und

verliebe ich mich neu, habe ich die Möglichkeit,

beide Lieben zu leben, ohne mich

für eine entscheiden zu müssen?

Reicher: Exakt – sofern auch alle anderen

in jeder Hinsicht damit einverstanden sind.

Konsens spielt eine zentrale Rolle! Die Situation,

die du ansprichst, taucht ja nicht selten

auf. Polyamorie wäre eine Möglichkeit,

damit in einer Sowohl-Als auch-Haltung

umzugehen.

Viele werden hier nun den Standpunkt

vertreten: Wenn ich in einer Partnerschaft

lebe und mich in einen Menschen verliebe,

liebe ich meinen Partner/meine Partnerin

nicht richtig.

Reicher: Das ist eine häufige Sichtweise, ja

– und bezieht sich darauf, was einzelne

Menschen unter Liebe verstehen. Exklusivität

ist durchaus ein legitimer Wert; mir

persönlich ist er aber zu klein für die Liebe.

Ich erlebe sie nicht als etwas Quantitatives,

dem etwas genommen werden könnte,

wenn ich es auch für jemand anders empfinde.

Die Vorstellung, Liebe könne

schrumpfen oder dürfe nur einem einzigen

Menschen zustehen, kommt, glaube ich, von

einer Idee, die Liebe als Mangelware

SOUFFLEUR #01/2021

betrachtet: Es sei nur so und so viel von ihr da und deshalb

müsse man ängstlich darauf bedacht sein, dass sie

einem nicht entgleitet. Das ist ein Weltbild, dem wir in

unserer Kultur stark anhängen. Dem widerspricht meine

persönliche Erfahrung: Liebe ist für mich etwas Unendliches,

das nicht kleiner werden kann, wenn es geteilt wird.

Liebe kann ich genauso wenig besitzen wie einen Menschen,

ich kann sie aber zulassen – für viele. Dazu habe

ich einmal ein Märchen geschrieben, in dem eine Kerze

auf dem Dachboden eines Schlosses und eine Flamme in

seinem Ofen voneinander träumen und überglücklich

sind, als sie sich finden, weil ein Fest gefeiert wird und

der Kienspan sie miteinander verbindet. Kurz darauf sind

sie entsetzt, als die Kerze aus ihrem Halter genommen

wird, weil auch andere Kerzen mit ihrer Flamme entzündet

werden sollen. Beinahe lässt die Kerze ihre Flamme

ausgehen: Wenn sie sie schon nicht für sich allein haben

kann, soll sie auch keine andere Kerze zum Leuchten bringen!

Doch sie bringt es nicht übers Herz, ihre geliebte

Flamme sterben zu lassen und auch die anderen Kerzen

im Festsaal erstrahlen durch sie. Zu ihrem großen Erstaunen

wird ihre Flamme dadurch aber nicht kleiner, im Gegenteil:

Alles um sie herum wird heller und schöner.

Was für eine wunderschöne Antwort. Vielen Dank für

das Gespräch!

M it drei jungen Menschen aus Berlin, die Polyamorie

praktisch leben, hat der Souffeur via Video-

Konferenz ein Interview geführt. Marvin, 2299, Konrad, 331,

und Britt, 3388, leben gemeinsam mit Tochter Hannah in

einer Wohnung in der Nähe von Hannover.

Souffeur: In welcher Form gehört Ihr vier zusammen?

Marvin: Eigentlich sind wir fünf.

Britt: Seit fünf Jahren gehören Marvin und ich zusammen,

seit zwei Jahren sind wir verheiratet.

Seite 33


Liebe und Frieden innerhalb einer Familie

sind wesentlich wichtiger für eine gute Entwicklung

des Kindes als genormte Verhältnisse.

Was bringt das System "Vater, Mutter,

Kind", wenn entweder Vater und Mutter

nur streiten, oder einer der Elternteile

nicht kommuniziert mit dem Kind?

Wir leben in einer gemeinsamen Wohnung. Mit Konrad,

den ich vor drei Jahren kennen und lieben gelernt habe,

habe ich unsere Tochter Hannah, die im November 2 Jahre

alt wird. Hannah ist immer bei mir, Konrad f a s t immer,

er hat eine eigene kleine Wohnung, in der er hin und

wieder einige Tage ist, hin und wieder auch gemeinsam

mit Hannah und mir. Und Marvin führt nun seit zwei Jahren

eine Liebesbeziehung mit Vera, die aber nicht in

unserer Wohnung lebt.

Konrad: Auch ich würde Britt gerne heiraten, das ist aber

leider bei uns in Deutschland nicht möglich.

Konrad: Marvin und ich wissen, dass Hannah

meine leibliche Tochter ist, aber andererseits:

Wozu Etiketten?

Es muss nicht alles betitelt werden?

Konrad: Ja, genau. Wir haben

festgestellt, dass wir für uns

bestimmte Schablonen, wie zum

Beispiel "Weil wir verheiratet

sind, müssen wir uns an diese

und jene Grenzen halten" nicht

brauchen.

Eine Liebesbeziehung besteht zwischen Britt und Marvin

und Marvin und Vera und zwischen Britt und Konrad

...

Marvin: (unterbricht) Genau. Konrad und ich – ich glaube,

Du wolltest darauf hinaus – pflegen eine sehr innige,

freundschaftliche Beziehung, und ich finde es schade,

dass Konrad in mancherlei Hinsicht benachteiligt ist.

Inwiefern?

Britt: Bin ich zum Beispiel im Krankenhaus, darf zuerst

einmal nur Marvin zu mir, obwohl auch Konrad mein Lebenspartner

ist.

Was sind Marvin und Konrad für Hannah?

Leiblicher Vater ist ja Konrad.

Marvin: Stimmt, so sehe ich das auch. Vielleicht

sind manche Menschen glücklicher,

wenn sie nach Vorgaben leben. Zum Beispiel:

"Du musst mit deiner Ehefrau im selben

Zimmer schlafen, und wenn du dich in

eine andere Frau verliebst, musst du entweder

diese Verliebtheit unterdrücken, oder

du musst dich scheiden lassen, um dann mit

der neuen Frau immer im selben Zimmer

schlafen zu müssen …" Ich will mich da gar

nicht lustig machen darüber, aber wir für

uns brauchen diese Schablonen nicht´. Wer

weiß, vielleicht will ich in ein paar Jahren

monogam leben.

Wie sieht es bei Euch mit Eifersucht aus?

Britt: Hannah spricht beide Männer mit ihren Vornamen Britt: (lacht) Ja, kommt vor. So, wie in anderen

an. Beide Männer sind gewissermaßen Vaterfiguren.

Partnerschaften vielleicht auch.

Seite 34 SOUFFLEUR #01/2021


Aber wir vier – Hannah zähle ich da jetzt erst mal

nicht dazu – sind in einem kontinuierlichen Austausch.

Kommunikation ist das Um und Auf, ganz

gleich, ob man zu zweit oder zu viert zusammenlebt.

Ich habe das gerade eben ja schon kurz angesprochen:

Es gibt leider sehr viele Menschen, und

oft sind das leider Männer, die nicht reden und damit

die Seelen ihrer Kinder oder Partnerinnen zerstören.

Wir vier kommunizieren auf jeden Fall noch

mehr als gewöhnliche Paare. Das denke ich

zumindest.

Wer in Eurem Umfeld weiß von Eurer Form der

Partnerschaft? Wie gehen Menschen damit um,

wenn sie erfahren, wie Ihr lebt?

Konrad: An sich wissen alle Familienmitglieder,

wie wir leben. Meine Mutter war anfangs skeptisch:

"Was? Ein Kind mit einer verheirateten

Frau?" Aber mittlerweile sind Britt und Marvin so

etwas wie Schwiegerkinder für sie.

Britt: Ich bin sehr frei aufgewachsen, meine Eltern

hatten nie ein Problem mit Polyamorie. Aber letztlich

ist unsere Liebe, ob sie nun akzeptiert wird

oder nicht, unser Leben, die nur wir zu leben haben.

Marvin: Ich sehe das auch so. Mein Vater etwa vertritt

ein sehr erzkonservatives, chauvinistisches

Weltbild. Er sagt: "Was ist das für eine Ehe, wenn

die Frau ein Kind mit einem anderen hat?" Aber es

ist letztlich mein eigener Liebesalltag, und der

muss ja meinem Vater nicht gefallen.

Britt: Das wäre ein schönes Schlusswort, oder?

(lacht) Lebt Eure eigenen Lieben, denn es sind ja

auch Eure eigenen Leben, die Ihr lebt, und am Ende

Eure eigenen Tode, die Ihr sterbt.

Keine weiteren Fragen … ⓿

SOUFFLEUR #01/2021 Seite SEITE 0035


GASTBEITRAG

D

er Autor des Textes auf der nächsten Seite ist

ein Mann Mitte 20, der seit seiner Jugend von

seiner pädophilen Neigung weiß. Nachstehender Text findet

sich auf der Homepage von „Kinder im Herzen“ (www.kinderim-herzen.net),

einem kollaborativen Blogportal zum Thema

Pädophilie. Die Seitenbetreiber schreiben:

„Wir sind eine Gruppe von pädophil empfindenden Menschen,

die den Versuch wagen möchten, ein breiteres Bild zum Thema

Pädophilie in die Öffentlichkeit zu tragen.

Der Umgang mit dem Thema Pädophilie in der Öffentlichkeit

wird oft von Fachleuten, Wissenschaftlern, Therapeuten und

Journalisten bestimmt. Es ist kaum möglich, als pädophil empfindender

Mensch eine Stimme zu bekommen und ungefiltert die

eigenen Ansichten darlegen zu können. Unserer Ansicht nach

scheint es vor allem einen Dialog über uns, aber kaum Austausch

mit uns zu geben.

Mit ´Kinder im Herzen´ (KiH) möchten wir versuchen, denjenigen

Stimmen zu geben, die ansonsten selten Gehör finden. Wir

möchten mit diesem Blog pädophilen Menschen, Angehörigen,

Freunden und anderen, die mit dem Thema in Berührung gekommen

sind, eine Bühne geben, um ihre Erfahrungen, Meinungen

und Perspektiven zu dem Thema darzustellen.

Unsere Grundsätze: Wir sind der Meinung, dass jegliche Form

von sexuellen Kontakten zwischen Kindern und Erwachsenen

inakzeptabel ist, da das Risiko, dem Kind dabei Leid zuzufügen,

nicht vertretbar ist. Das gilt ohne Einschränkung in jeder Situation,

unabhängig davon, ob der Kontakt von dem Erwachsenen

ausgeht oder scheinbar von dem Kind gewollt ist.

Eine ähnliche Haltung vertreten wir auch beim Thema Kinderpornographie.

Abbildungen, die den Missbrauch von Kindern

dokumentieren, sind unserer Meinung nach moralisch nicht zu

rechtfertigen und deren Produktion, Vertrieb und Besitz damit

zu Recht strafbar.“

SEITE Seite 00 36 SOUFFLEUR #01/2021


SIRIUS

DIE GRAUSAMKEIT DES SCHWEIGENS

Wisst Ihr, was für mich das Schwierigste daran ist, pädophil

zu sein? Es ist nicht, meinen Trieb ständig kontrollieren

zu müssen. Es fällt mir grundsätzlich nicht

schwer, ein Kind nicht zu missbrauchen, so, wie es einem

"normalen" heterosexuellen Mann wohl auch nicht

schwerfällt, eine Frau nicht zu vergewaltigen.

Es ist auch nicht so, dass ein Teil meiner Sexualität für

immer unerfüllt bleiben muss, was aber nicht bedeutet,

dass dies nicht manchmal verdammt frustrierend sein

kann. Dennoch habe ich inzwischen Wege gefunden, mit

meiner Sexualität umzugehen, sie gewissermaßen auf

anderen Wegen auszuleben, ohne dass dabei ein Kind zu

Schaden kommt. Jedenfalls ist das Thema „Sex mit Kindern“

keines, das für mich stark belastend ist oder mich

in tiefe Depressionen und Lebenskrisen versinken lässt.

Es ist noch nicht einmal das das Schwierigste, dass es da

draußen viele Menschen gibt, die alleine aufgrund meiner

Sexualität eine schlechte Meinung von mir haben,

mich am liebsten wegsperren oder sogar foltern und ermorden

würden. Damit könnte ich umgehen, wenn ich

zumindest etwas darauf erwidern könnte.

Nein, das Schwierigste für mich ist es, damit umzugehen,

permanent zum Schweigen verdammt zu sein.

Aufgrund einer drohenden Stigmatisierung ist es immer

noch sehr gefährlich, sich als pädophil zu outen. Die Folgen

könnten der Verlust von Freunden, Familie, Arbeitsplatz

oder Wohnung und sogar körperliche Angriffe sein.

Entsprechend vorsichtig muss ich vorgehen bei der Überlegung,

wem ich im sogenannten „echten Leben“ von

SOUFFLEUR #01/2021

meiner Pädophilie erzähle. Und Online, wie

etwa hier in diesem Blog, kann ich deshalb

nur unter einem Pseudonym auftreten. Die

Konsequenz: In vielen Alltagssituationen

bin ich stark eingeschränkt und muss genau

aufpassen, was ich sage, um mich nicht unnötig

in Gefahr zu bringen. Zum Schweigen

verdammt. Und das ist äußerst belastend.

Vor Kurzem erst war ich in ein Gespräch

verwickelt, in dem man irgendwann auf das

Thema LGBT (Anm.d.Red.: Abkürzung für

Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender) kam.

Im Laufe des Gesprächs dann die Aussage

eines Bekannten: „Also, ich hab kein Problem

mit dem, worauf jemand steht, ganz

gleich, was immer das auch ist. Bis auf Pädophilie,

das ist krank und geht gar nicht!"

Wie gerne hätte ich mich an dieser Stelle

als pädophil zu erkennen gegeben und geäußert,

wie sehr mich solche Aussagen verletzen.

Den Spruch des Bekannten selbst hätte ich

als weniger schlimm empfunden, wenn ich

meinem Ärger in dieser Situation Ausdruck

verleihen hätte können. Wer weiß, vielleicht

wäre sogar ein konstruktiver Austausch

möglich gewesen. Aber aufgrund der

besagten Gefahren ist ein Outing auch in

solchen Situationen nicht möglich. Und so

bleibt nur eines: Schweigen. Im öffentlichen

Seite 37


Diskurs zum Thema Pädophilie hat es sich zudem eingebürgert,

dass wie selbstverständlich nur über uns Pädophile

geredet wird, aber die Leute fast schon in Panik

verfallen, wenn wir auch mitreden wollen. Für die meisten

Menschen scheint der Gedanke fast schon absurd zu

sein, auch mal mit uns zu reden.

NICHT

TÄTER

WERDEN

In Online-Diskussionen zum Thema Pädophilie bin ich oft

auf Erstaunen und Empörung gestoßen, wenn ich mich

offen zu meiner Neigung bekannt und zu Wort gemeldet

habe. Nicht selten wurde ich auf Internetseiten alleine

dafür gesperrt. In der Öffentlichkeit haben Pädophile

kaum eine eigene Stimme.

Therapieprogramme wie „Kein Täter Werden“

übernehmen Öffentlichkeits-, Aufklärungs- und Informationsarbeit

für uns. In den meisten Medienberichten

über Pädophilie wird mindestens ein Therapeut zu

Rate gezogen, selten wird es akzeptiert, dass persönlich

Betroffene zu Wort kommen. Es scheint fast so, als würde

man uns nicht zutrauen, für uns selber zu sprechen.

Für Menschen mit Behinderung gibt es die von der Bundesregierung

unterstützte Devise „Nicht ohne uns über

uns“. Bei Pädophilen hingegen ist es Normalität, dass

ohne uns über uns geredet und entschieden wird.

Bei vielen Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen

können Betroffene sich anonym

melden. Es wird unbürokratisch Hilfe angeboten,

Fragen werden ohne Vorverurteilung

beantwortet.

www.maenner.at

www.nicht-taeter-werden.at

www.courage-beratung.at

www.psyonline.at

www.psychologen.at

www.promenteplus.at

www.gewaltinfo.at

www.kinder-im-herzen.net

www.schicksal-und-herausforderung.de

www.kein-taeter-werden.de

Bild: PantherMedia/Karsten Ehlers

Genau das macht die Stigmatisierung, die Ablehnung und

den Hass gegen uns noch viel schwerer ertragbar: Dazu

verdammt zu sein, schweigend daneben zu stehen, ohne

etwas sagen zu können. Ärger, Frust, Wut, aber auch

Traurigkeit bleiben unausgesprochen und stauen sich

innerlich an, bis sie sich irgendwann gegen einen selber

richten und zu Selbsthass und -zerstörung werden.

Ich hoffe, dass es irgendwann möglich sein wird, offen

als pädophil aufzutreten und sich gegen die Stigmatisierung

und Diskriminierung zu wehren. Der Blog ist vielleicht

ein erster Schritt in diese Richtung, zumindest hier

kann ich das äußern, was ich anderswo nicht loswerden

Seite 38

kann. ⓿

SOUFFLEUR #01/2021


PAUL WIESINGER

Jahrgang 1930

ZUM HOCHZEITSTÅG

ÅLLS GUATE

SUJO

Schau in Spiagl, ålt samma wårn und gånz schen grau

Zum Hochzeitståg ålls Guate! Is wirklich wåhr?

Neunzehnfuchzg håmma gheirat, des san heanz genau

A wånns net zum Glaubm is, gråd siebzig Jåhr!

Viel Årbeit håmma ghåbt. Am Hof und a miteinånd

Von Liebe wår am Ånfang koa Red

Durchhålten håts ghoaßn, wår gråd da Kriag aus im Lånd

Wir håms probiert, nåchm Motto ´Was geht, des geht´

Wiast mi as easchte Mål gsehn håst, håb i dir net gfålln

Då wolltest mi nit amål griaßn

Du wårst für mi åber die Schönste von ålln

Und so hab i um dei Hånd ånhålten miassn

WIR

Legenden der Wahrheit

im Flüstern der Worte.

Wissen der Alten,

Keim der Welt,

im Gestern des Morgen.

Im Kampfe gewahrt,

für Blut vergossen,

mächtig beschworen.

Gewollt, besessen, genossen

und doch verloren.

Bild: A. P. Tauser

Liebe? De håmma erst lernen miassn wir zwoa

Nåch und nåch und Stück für Stück

Wennst Zweisåmkeit ehrst und Respekt håst davor

Dann ist des Ziel a gånz besonderes Glück.

Und so sågn wir zwoa heut aus voller Überzeugung:

Wir håm uns jeden Tåg füreinånder entschieden

Vor Rücksicht und Åchtung a tiefe Verneigung

Ma muass a wås tuan für Einklång und Frieden

Vielleicht heat ma wer zua, wånn i heute såg:

Håltets zåmm, dånn kommts durchs tiafste Tål!

Und dir, mei Braut, zu unserem Ehrentåg:

Wennst wüllst, i heirat di´ gern glei no amål!

Mit Inbrunst beweint,

in Tränen versunken.

Die Einstigen

der alten Zeit,

die Sterblichen der Ewigkeit.

Wir sind es,

die sie waren.

Blind liebend,

im Traum berührt,

mit ahnenden Herzen

im Puls der Lebendigkeit

versprochen.

SOUFFLEUR #01/2021

Seite 39


BEN LEANDER WILLGRUBER

EIN EINHORN IM PFERDESTALL

Man muss kein Hengst sein, um Mann zu sein

I

revolutionär gefeiert, wovon sich Schwule

seit den Achtzigern erzählen: dunkle Lokale

mmer im Juni startet die Gay Pride-Saison. Diese und laute Musik, gepaart mit Sex.

Zeit erinnert an die berühmten Stonewall-

Die Sexualität offener auszuleben als Gesellschaft

oder Kirche es uns vorschreiben

Aufstände in New York, die sich gegen die Polizeigewalt

innerhalb der LGBT-Gemeinschaft richteten. Regenbogenparaden

wollen auf Länder und Orte aufmerksam machen,

mögen, ist dabei eigentlich nur eine weitere

Facette des schwulen Lebens, die sich langsam

aber sicher in ein heteronormatives

wo Homosexualität auch heute noch strafbar ist oder

nicht akzeptiert wird. Mit Paradezügen wird gefeiert,

Bild einfügt. Ich erinnere an David Beckham,

der vor einigen Jahren stolz verkünde-

dass wir uns in der westlichen Welt nicht mehr verstecken

müssen, sondern Sichtbarkeit in der Gesellschaft, in

te, ähnlich wie manch schwuler Mann sein

den Medien und in der Politik erlangt haben. Und dass

Aussehen zu pflegen. Der metrosexuelle

Aussagen wie die vom Grazer Bürgermeister Siegfried

Mann, der sich um sein Äußeres kümmert

Nagl, der sich 2003 weigerte, „Homosexualität zur Normalität

in unserer Gesellschaft zu erklären“ (Die Presse,

und „manscaping“, also das Trimmen von

Körperhaaren, betreibt, war geboren. Mit

2003), heute auf massiven Gegenwind stoßen würden.

der Betonung, dass dieser nicht schwul ist.

Schwule Männer brauchen hierzulande keine Angst mehr Geschlechterrollen waren zu dieser Zeit

vor gewalttätigen Übergriffen haben, wenn sie sich in wohl noch um einiges starrer, als sie es

Wäldern, auf Parkplätzen oder in öffentlichen Toiletten auch heute noch sind. Nach wie vor halten

treffen. Heutzutage müssen wir aber auch gar nicht mehr nämlich viele Menschen an Vorstellungen

an fragwürdige Orte gehen, um anonymen Sex zu haben. darüber fest, was es heißt, ein Mann zu

Wir können unsere Sexualität frei und offen ausleben, so sein. Dabei sollte Männlichkeit (und Weiblichkeit

gleichermaßen) vielleicht weniger

wie wir es wollen.

über Aussehen und Verhalten definiert werden,

sondern einfach nur darüber, wie man

Sexuelle Befreiung

sich fühlt.

Fast schon ironisch, dass nun an vielen Stellen die sexpositive

Szene zur sexuellen Befreiung durch Partys und

Unerwartete Freiheit

Clubs aufruft. Das Kitkat oder das Lab.oratory in Berlin,

zeitverzögert gefolgt von der Schwelle und dem Zusammen

Kommen in Wien. Dort wird das als dass meine Art zu leben nie ganz akzeptiert

Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen,

Seite 40 SOUFFLEUR #01/2021


sein würde. Wie viele andere Schwule

habe ich mich vor Eltern, Freunden und

Mitschülern verstellt und ein heterosexuelles

Leben vorgespielt. Ich fühlte mich

nicht wie ein richtiger Mann und habe

erst Jahre später zu mir und meiner Sexualität

gestanden. Dann erst habe ich aussortiert,

welche Verhaltensweisen meiner

Jugend wirklich zu mir und meiner Persönlichkeit

gehörten und was nur geschauspielert

war.

Früher dachte ich, dass mir unüberwindbare

Hürden im Wege stehen würden. Zu

heiraten oder Kinder zu bekommen,

schien für mich absolut unmöglich. Aber

der gesetzliche Fortschritt ist, gleich wie

der gesellschaftliche, nicht stehengeblieben.

Ich kann mich glücklich schätzen,

heutzutage fast die gleichen Rechte wie

alle anderen zu haben, selbst wenn ich

gedanklich schon damit abgeschlossen

hatte, jemals in der Lage zu sein, eine eigene

Familie zu gründen.

Heute ernte ich weniger missachtende

Blicke als noch vor einigen Jahren, wenn

ich Händchen haltend mit meinem Freund

spazieren gehe. Letztens ist uns ein junger

Mann gefolgt, nur um uns zu unserem

Mut zu gratulieren, eng umschlungen

durch die Stadt zu gehen. Ich wunderte

mich über diese bestimmt nett gemeinte

Aussage. So mache ich doch nichts anderes

als ich selbst zu sein, ohne die Filter

meiner Jugend. Ich will nur das tun, wofür

Generationen schwuler Männer vor

mir gekämpft haben. Dafür will ich keine

Trophäe und keinen Applaus, sondern

einfach nur das Gefühl, endlich in einer

Welt angekommen zu sein, die Homosexualität

zur Normalität erklärt. ⓿

SOUFFLEUR #01/2021

Seite 41


MUSIK

„NACKTHEIT

IN IHRER

REINSTEN

FORM“

Der Souffeur

spricht mit dem

Poeten und Musiker

Salò über das

Video zum Song

„Tränen zu Wein“.

I

n einem Lied, einem Song

treffen sich immer gleich

mehrere Kunstformen. Der unendlich

weite Raum der Musik nimmt

das Universum der Dichtkunst in

sich auf. In einem Musikvideo entsteht

um das Werk herum zusätzlich

Bild: Mario Hainzl

Seite 42

ein Kokon aus bewegten Bildern, befruchtet

das Ursprungswerk im besten

Fall.

Kunst existiert abseits konventioneller

Definitionen – abseits des

Beuys`schen „erweiterten Kunstbegriffs“.

Abseits von Ready-made,

SOUFFLEUR #01/2021


dem Objet Trouvé, einem Alltagsgegenstand

oder Abfall, der wie ein Kunstwerk behandelt

wird, abseits von klassischen bildenden

Formen wie Plastik und Malerei. Also

selbstverständlich nicht nur im Zusammenhang

mit den Wortbedeutungen Können und

Geschicklichkeit. Aktionskunst hat sich bereits

vor vielen Jahrzehnten als Schnittmenge

von Kunst und Politik entwickelt. Ist ein

Musikvideo mehr als ein simpler Clip?

Souffeur: Über YouTube und Co. kann

das Video zu Deinem Song „Tränen

zu Wein“ gefunden und mit Augen und

Ohren entdeckt und erlebt werden. Wie

viel Arbeit steckt hinter einem Musikvideo?

Mit dem kreativen Prozess des Songwritings

ist es hier ja nicht getan, oder?

talentierten Braut (Mia Feline), dem mega geilen Schnitt

von David Gesslbauer, dem Colour-Grading (Manuel Portschy),

den Special Fx (Flo Flake), dem Make-Up (Stefanie

Pieper) und nicht zuletzt jeder einzelnen Seele des im Video

zu sehenden Menschenmeeres.

Wir alle kennen Menschen, die, wenn sie ein Musikvideo

sehen, in denen sich nackte Menschen tummeln,

von Sittenlosigkeit sprechen, von Verworfenheit und

davon, dass derartige Werke erstens keine Kunst und

zweitens „krankhaft“ seien. Was sagst Du dazu?

Da das Video mit einer entsexualisierten Form von Nackt

heit spielt, würden mich solche Werturteile nur peripher

tangieren, um es gut bürgerlich zu formulieren. Ich stehe

zu meinen Lastern, wie ich zu meinen Tugenden stehe.

Außerdem hat ein bisschen Verworfenheit noch keinem

geschadet.

Salò: Da „Tränen zu Wein“ mein erstes Musikvideo

war – und auch meine erste Erfahrung

mit der Videoproduktion allgemein –,

war ich sehr überrascht, wie viel Zeit und

Arbeit so ein Video von "nur" ein paar Minuten

in Anspruch nehmen kann. Da war

das Schreiben des Songs noch die kleinste

Arbeit. Das Stichwort ist Teamwork.

Das Video wäre nie möglich

gewesen, ohne ein so großartiges Team

am Start zu haben, beginnend bei der extraordinären

Regie (Mario Hainzl) und Kamera

(Gerfried Guggi), der Koordination der Performer*Innen

(Christina Fritz), Kamera-

Assistenten und Best-Boys (Manuel

Schaffernak, Kevin Wendler), der

wunderschönen und

super

Die einen Kunstkonsumenten halten alles Unkonventionelle

für schlichte Inszenierung, die anderen erkennen

in jedem Kunstwerk eine politische Manifestation. Wo

stehen Dein Song „Tränen zu Wein“ und vor allem die

Absicht hinter dem Video im Spannungsfeld dieser verschiedenen

Perspektiven?

Ich schreibe meine Musik oder plane Videos und die Live-

Performance nicht aus einer Doktrin heraus, sondern

handle eigentlich auf Basis von Intuition und Gefühl.

Nacktheit in der Kunst gibt es, seit es Kunst gibt. Ich

trenne einmal plakativ und stelle auf die eine Seite die

heroische, also idealisierende

SOUFFLEUR #01/2021

Seite 43


Nacktheit, und auf die andere eine

bewusst mit Ästhetik spielende

skandalorientierte. Griechische Komödie

versus Pussy-Riot also gewissermaßen.

Mit welcher Seite

siehst Du Dein Video lieber

verglichen?

Wir hatten nie vor, mit Tränen zu

Wein zu provozieren, ganz im Gegen

teil: Vielmehr wollten wir Nacktheit

in ihrer reinsten Form zeigen, frei

von Werten und Moral, aber auch

frei von Sexualisierung. Trotzdem

steht für uns die Ästhetik im

Vordergrund.

Vielen Dank für das Gespräch!


Szene aus dem Musikvideo zu Tränen zu Wein

Tränen zu Wein

Mein Körper

Deine Regeln

Ich tanz nach deiner Diktatur

Ich bin nur ein

Opfer

Dargebracht auf deim Altar

Ich schlachte mich aus

Ich schlachte mich ab

Nur für dich

Gib mir ein Schluck vom Chlor mit Fanta

Drück mir die Nadel in die Seele

Dein Körper

Meine Religion

Macht meine Tränen zu Wein

Tränen zu Wein

Tränen zu Wein

Ich habe keinerlei Prinzipien

Ich hab dafür meinen Verstand

Längst verloren

Denn wann immer deine Reize mich berühren,

Sterbe ich einen kleinen Tod nur für mich

Sag, kommst du mit ans andere Ufer, Baby

Ich geh ins Wasser nur für dich

Dich dort mit einem andren Mann zu sehen

Macht meine Tränen zu Wein

Macht meine Tränen zu Dom Perignon

Tränen zu Wein

Tränen zu Wein

Ich verstehe all den Terz nicht, sagen alle, die den Schmerz nicht kennen

Ich verstehe all den Terz nicht, sagen alle, die den Schmerz nicht kennen

Ich verstehe all den Terz nicht, sagen alle, die den Schmerz nicht kennen

Ich verstehe all den Terz nicht, sagen alle die den Schmerz nicht

Die ihr Herz nicht

Die sich nicht kennen

Seite 44

Ich fühl mich neugeboren

Ich fühl mich neugeboren ohne dich

SOUFFLEUR #01/2021


ANDREA SCHIMEK-FISCHER

GEDICHTE

Ein Genuss

Wenn er genüsslich aufbegehrt,

sie aufspürt

er, der führt,

sich dann ergibt,

spielerisch es liebt.

Drei Herzen

„Vergeblich!“,

sagte das erste zum dritten Herzen.

„Meins schlägt schon für Zwei.“

„Dein Herz ist stark, es hat die Kraft

des Meeres!“, sagte das dritte Herz.

„Und was ist mit dem Verstand?“,

fragte das Erste.

„Ich schätze ihn, aber er hat nichts mit mir zu tun.“

„Und das schlechte Gewissen?“

„Frauensache!“

„Und deine Eroberungsstrategie?

Männersache?!“

„Meine Liebste, gerade du

müsstest es wissen,

dass es unter uns

keine Strategie gibt.

Herzenssache!

Es ist doch wie der Lockruf

eines geheimnisvollen Vogels,

dem wir folgen,

und gegen dessen Magie

wir machtlos sind!

Ich wünschte nur,

dass du dir eingestehst,

wofür du schon so lange schlägst …“

„Und das zweite Herz?“,

fragt das Erste besorgt.

„Es schlägt für dich, so wie du für es schlägst.

Das Meer trägt auch mehrere Schiffe auf seinen Wogen.“

SOUFFLEUR #01/2021

Aus nippenden Küsschen

einen einzigen Kuss küssen.

Heißgelaufene Wüstenblume

ist des Nippens satt!

Wissend um wissend,

das Etwas …

trunken, trinken,

im süßen Trunk

versinken.

Was dann kommt?

Wenn sich trennt was eins,

wenn aus zwei Lippen vier,

wenn wieder Mensch statt Tier.

Wenn der Kuss zum

Lebenselixier,

das Küssen

zum Müssen wird ...

Wissend um wissend,

das Etwas…

trunken, trinken

im süßen Trunk

versinken.

… ist es an der Zeit

es wieder zu tun …

Meine Wogen

Du hast meine Wogen gebogen.

So wie du es willst.

Mein wird zu Dein – Mannes Ego gestillt.

Du hast mich belogen – betrogen

um mein Leben mit mir.

Alles dreht sich um dich,

ich tanze nach dir.

Ich habe verloren, unverfroren

hast du meine Wogen gebogen.

Seite 45


INTERVIEW

SONDERANGEBOT

Der Souffeur im Gespräch

mit Menschen,

die Sex zur Quelle eines

Nebeneinkommens gemacht

haben.

V

iktoria (551) aus Wien ist eine

erfolgreiche Geschäftsfrau,

Aron (3399) aus Graz, ein gut verdienender

selbständiger Musiklehrer. Beide leben in

festen Partnerschaften und beide haben eine

ungewöhnliche Leidenschaft: Sex gegen

Geld. Über sogenannte Taschengeld-Profile

auf einschlägigen Internetseiten werden sie

von Menschen gesucht und gefunden, die

bereit sind, für körperliche Nähe und Sex zu

bezahlen. Der Souffeur fragt, Viktoria und

Aaron antworten.

Foto: A.P.Tauser

SEITE 46

Souffeur: Du bist nicht Sexarbeiter/in n

in jenem Sinne, dass Du Deinen Lebensunterhalt

mit der Lust verdienst. Wie oft

hast Du Treffen mit Menschen, die mit Dir

Sex wollen? Wie läuft so ein Treffen ab?

Nur Männer oder auch Frauen?

SOUFFLEUR #01/2021


Viktoria: Neben meinem recht gut bezahlten

440- bis 550-Stunden-Job bin ich in der

privilegierten Lage, dieser „Passion“ nachgehen

zu können, wann immer ich Lust dazu

verspüre und mögliche „Anwärter“ für

passend befinde. In der Regel plane ich einen

Termin pro Woche ein, der sich mit

meinen durch Dienstreisen bedingten Aufenthalten

irgendwo in Österreich deckt. Ich

werde über eines meiner Profile auf einschlägigen

Plattformen angeschrieben.

Aus dem jeweiligen

Kontaktmail

kann ich

mittlerweile

schon ganz gut herauslesen, wie jemand

tickt. Ein Telefonat im Vorfeld gibt dann

noch weiteren Aufschluss, ob jemand in

Frage kommt oder nicht.

Ich bevorzuge Treffen im Hotel, Hausbesuche

mache ich selten, und wenn, bei Herren,

die ich bereits kenne und die ein entsprechendes

Ambiente bieten können. Begleitungen

zum Dinner mit anschließendem

Ausklang im Hotel sind auch immer wieder

gefragt.

Jeder Mensch ist einzigartig, was Vorlieben

und Bedürfnisse anbelangt, und genauso

verschieden laufen Treffen ab. Die Herausforderung

für mich ist, es für alle Beteiligten

angenehm zu gestalten. Ich treffe Männer,

Frauen haben mich noch nie

kontaktiert.

Aron: In manchen Zeiten zweimal in der

Woche, manchmal ein halbes Jahr gar nicht.

Fast ausschließlich bei mir in der Privatwohnung.

Ich bin Klavier- und Gesangslehrer

für Erwachsene, und wenn ich tagsüber

SOUFFLEUR #01/2021

Erotiktreffen bei mir im Musikraum habe, dann ist ein

solches für meine Mitbewohner – Ehefrau und Teenager-

Kinder – offziell ein Kunden-Termin. Bei vielen Treffen

ist meine Frau aber auch dabei. Sie liebt es, mir beim

Spielen mit anderen Männern zuzusehen. Ich muss anmerken:

Ich habe mit Männern keinen Verkehr, sondern

verwöhne sie auf Basis von Safer Sex mit Händen und

Mund.

Warum Taschengeld? Was reizt Dich daran?

Viktoria: Zurechtgemacht nur auf „Aufriss“ zu gehen, ist

mir eindeutig zu wenig. Ich liebe das knisternde Spiel von

Geben und Nehmen in der Erotik, und es macht mich ganz

besonders an, wenn mich jemand so reizvoll und interessant

findet, dass diese Person meine Zeit sogar mit einem

entsprechenden hohen Betrag wertschätzt und dann ein

Treffen in den meisten Fällen wiederholen möchte.

Aron: Ich habe heute nur mehr drei Männer, mit denen

ich mich ab und zu treffe. Und die Minuten, in denen ich

auf meine Besucher warte, mich und das Zimmer schön

mache, bedeuten mir eine ganz besondere Form der Aufregung.

Es ist keine Lüge, wenn ich sage, dass ich noch

nie etwas mit meinen Taschengelderotikpartnern gemacht

habe, was ich nicht auch ohne Geld gemacht hätte. Der

letztlich eher symbolisch bezahlte Geldbetrag vereinfacht

alles ungemein, unterstreicht die Basis der Treffen, nämlich,

dass ich über den Verlauf bestimme. Alles unnötig

Persönliche fällt weg, weil beide das Gefühl haben können:

Alles geregelt.

Ich habe ähnliche Treffen schon in meiner Studentenzeit

gehabt. 77550 Treffen. Da musste ich jedes Mal schmunzeln,

wenn ein Typ um 10 Uhr vormittags für 155 Minuten mit

mir einen oft gar nicht einmal so kleinen

Seite 47


Geldbetrag bezahlt hat. Viele von denen sind mit schlechtem

Gewissen heim, ich hab das Geld gemeinsam mit meinen

WG-Kollegen zum Partybudget gemacht.

Würde ich heute so viele „Kunden“ haben und so viel Geld

bekommen wie damals, würde ich ein entsprechendes Gewerbe

anmelden. Diese Art des Einkommens ist, das darf

man nicht vergessen, gewerberechtlich und finanzbehördlich

verboten. Es gibt sehr viele Kontrollen in diese Richtung.

die letztlich nie kommt. Für mich persönlich

ist das eine viel traurigere Art des Ausverkaufs

der Seele!

Könntest Du Dir vorstellen, hauptberuflich

als Sexarbeiter/in tätig zu sein?

Viktoria: Mit meinem Wissen und den bisherigen

Erfahrungen könnte ich mir durchaus

vorstellen, meine Passion zum Hauptberuf

zu machen.

Aron: Auf

keinen Fall!

Was, wenn

da immer

wieder Männer

dabei

sind, die mir

Hast Du eine/n Partner/in? Wenn ja, was sagt er/sie zu nicht gefallen, die mich nicht sexuell anziehen?

Ich würde verhungern als professio-

Deinem Hobby? Wissen andere Menschen in Deinem

Umfeld davon? Wenn ja, musst Du Dir negative Kritik nelle Hure. Die Vorstellung, Männer zu berühren,

die ich abstoßend finde, die ich

gefallen lassen? Wirst Du als unmoralisch, als Hure abgewertet?

nicht riechen kann, die mir zuwider sind …

Ich möchte gar nicht daran denken. Ein bedingungsloses

Grundeinkommen wäre in

Viktoria: Mein Partner, mit dem ich seit 10 Jahren zusammenlebe,

weiß von meinem zweiten Leben und schöpft diesem Zusammenhang vor allem für viele

beim gemeinsamen Sex sogar Erregung daraus, dass so Profi-Huren eine Basis, loszukommen von

viele Männer „seine Frau“ begehren und ihn beneiden. In einer halblegalen Form der Sklaverei.

meinem privaten Umfeld weiß kaum jemand davon, die

wenigsten hätten dafür Verständnis. Verlieben sich Männer in Dich? Hast Du

Dich schon einmal in einen „Kunden“ verliebt?

Wie gehst Du damit um?

Aron: Hure bin ich in gewisser Hinsicht in gewissen Bereichen

meiner Persönlichkeit ja auch. Für mich ist das

aber nichts moralisch Verwerfliches. Ich kenne Menschen,

Viktoria: Ohne überheblich wirken zu wollen,

meine ich schon, dass sich der eine o-

die wochenlang, jahrelang tagtäglich Dinge für Geld tun,

die sie hassen, die sie krank machen. Am Montag auf den

der andere Gast verliebt hat. Ich trenne dies

Freitag warten, am Ersten des Monats auf den Ersten des

jedoch so rigoros von meinem Privatleben,

nächsten Monats, im Winter auf den Urlaub im Sommer,

dass ich mit keinem meiner Gäste über einen

sehr oberflächlichen Mailkontakt für

mit 2255 darauf, dass man endlich 6655 und in Rente ist. Das

ganze Leben wird zur Wartezeit. Warten auf eine Freiheit,

Terminvereinbarungen hinaus

Seite 48 SOUFFLEUR #01/2021


kommuniziere.

Umgekehrt gibt es auch einige wenige Herren,

auf die ich mich schon immer sehr

freue, wo beim Treffen fast romantisch verliebte

Stimmung aufkommt. Aber ich

schaffe es trotz all der liebevollen Geschenke,

der tollen Musik, die bei Treffen im Hintergrund

läuft, und dem sinnlich erfüllenden

Kuschelsex dann doch, gefühlsmäßig

nicht zu sehr reinzurutschen. Das funktioniert

meiner Meinung nach nur, weil

ich in einer emotional gefestigten

und glücklichen Beziehung lebe.

90 Prozent der Herren, die ich treffe, in festen Beziehungen.

Männer, die über ihr Tun niemandem Rechenschaft

ablegen müssen, sind eindeutig die Minderheit. Bei einigen

meiner „Wiederholungstäter“ habe ich durchaus den

Status einer Geliebten. Sie schätzen die Tatsache, dass sie

für Erotik bezahlen, damit sie ihre Verpflichtungen erfüllt

haben und von mir keine weitere Gefahr für ihr Privatleben

ausgeht.

Aron: Alle meine männlichen Besucher sind verheiratet.

Aron: Ich habe mich selbstverständlich

noch in keines meiner Dates verliebt,

meine Bisexualität beschränkt

sich auf die erotische Ebene. Meine

Frau und ich haben hin und wieder

auch Treffen mit Paaren, ohne Taschengeld

selbstverständlich. Sind da

Gefühle mit im Spiel, ist das kein

Problem. Verliebtsein ist schön, mit

der Liebe zwischen mir und meiner

Frau hat das nichts zu tun. Menschen theatralisieren

dieses Thema viel zu sehr. Ich

kann einen Menschen lieben und zugleich in

einen anderen verliebt sein. Umgekehrt haben

sich Männer bereits in mich verliebt.

Damit umgehen? Pragmatisch: Ich kann darauf

hinweisen, dass die jeweiligen Treffen

auf monetärer Basis stattfinden. Wie gesagt:

Alles geregelt.

Wie viele Deiner Dates haben feste PartnerInnen?

Bist Du für manche Deiner Lover

eine Art Geliebte/r? Wie ist es zu wissen,

dass Du der Seitensprung bzw. das Erotikabenteuer

für einen verheirateten Mann

bist?

Viktoria: Meiner Erfahrung nach leben gut

SOUFFLEUR #01/2021

Zu mir kommen übrigens auch Damen, auch die sind alle

verheiratet. Einige meiner Bekanntschaften befinden sich

in längst schon belastenden Beziehungskonstellationen.

Ich verheimliche den Empfängern meiner Berührungen

nicht, dass ihr Verhalten für mich eine Flucht vor klaren

Entscheidungen ist. In der Vergangenheit, als ich noch

mehr Treffen hatte, wurden viele Männer zuerst von der

Lust auf ein Abenteuer zu mir und danach von dem

schlechten Gewissen wieder heim getrieben. Trieb ist hier

ein passendes Wort. Die haben mich besucht und waren 2

Minuten nach dem „Kommen“ bereits wieder auf der Autobahn.

Wahrscheinlich fiebrig auf der Suche nach einer

Ausrede für das späte Heimkommen, angeekelt von ihrem

eigenen Handeln. Aber das muss jeder meiner Besucher

mit sich selber ausmachen, ich bin keine Moralinstanz.

Bei Treffen nur klassischer Sex oder auch ausgefalle

Seite 49


Spiele? Was hast Du schon alles erlebt? vorkommen, treffe ich nicht. Die Anonymität

auf digitalen Plattformen bringt immer

Viktoria: Diese Frage muss ich mit einer Gegenfrage beantworten:

Was ist klassischer Sex, was ist ausgefallen? Unding, mit dem ich nicht so gut zurecht-

wieder zwielichtige Gestalten hervor. Ein

Was für den einen durchaus als Standard gilt, empfindet komme, ist die allgegenwärtige

ein anderer vielleicht schon als arge, unvorstellbare „Unverbindlichkeit“ unserer Tage. Ohne

Schweinerei. Aber so viel sei verraten: mein Potpourri ist Absage nicht erscheinen, geht für mich gar

sehr breitgefächert. Was passiert, hängt jedoch vom Potential

meines Gegenübers ab. Beispiel: Nur, weil jemand qualität, die meine Zeit entsprechend wert-

nicht. Ich mag Menschen mit Handschlag-

„Fifty Shades Of Grey“ gesehen hat, ist er noch lange kein schätzen.

erstzunehmender dominanter Sexualpartner. Bei vielen

Herren ist halt oft auch der Wunsch Vater des Gedankens, Aron: Fixe Treffen vereinbaren, dann nicht

und das war’s dann aber schon. auftauchen. Das sind die, die sich nicht

trauen, die ihr Bi-Interesse dann einhändig

Aron: Ich bin ohnehin ein an vielem interessierter vor dem Monitor ausmachen. Oder ich bringe

so viel Unglück, dass bei vielen Männern

Mensch. Ich habe schon so einige Fetische und Spielvarianten

kennengelernt, habe Männer ans Bett gefesselt, geknebelt

und mit Dildos penetriert, habe für weibliche Be-

haben, Wasserrohrleitungen platzen, Rehe

gerade dann, wenn sie mit mir vereinbart

sucher den Frauenarzt gespielt, sie mit den Füßen befriedigt,

habe 22 Meter große und 1880 Kilo schwere Männer an dauern, Reifenpannen passieren …

vors Auto laufen, Außentermine doch länger

der Leine geführt, habe auf Gesichter und in Münder uriniert.

Aber was ist schon ausgefallen? ges erlebt. Männer, die 220 Kilometer mit

In Punkto Körperpflege habe ich schon eini-

dem Fahrrad zu mir fahren, wollen sich

Bekommt man mit zunehmender Zahl an Bekanntschaften

eine bessere Menschen- bzw. Männerkenntnis? legen. Andere könnten ihre Schuhe um zwei

dann ohne Dusche auf den Massagetisch

Nummern kleiner kaufen, wenn sie Zehennägel

und Fersenhornhaut abarbeiten wür-

Viktoria: Ja, wenn man ein offener Mensch ist, lernt man

grundsätzlich nie aus und sammelt laufend Erfahrungen. den. Solchen Männern sage ich offen, dass

Mit der Zeit kann ich sagen, es gibt nichts, was es nicht ich sie nicht berühren und auch nie wieder

gibt. Ich muss immer wieder staunen. sehen möchte. Einmal hat mir ein Mann –

wohlgemerkt nach dem sexuellen Höhepunkt

– einen Brieföffner an den Hals ge-

Aron: Ja und nein. Manche Männertypen lernt man tatsächlich

zu durchschauen mit der Zeit. Und manche Herren

überraschen einen wieder vollkommen, sind dann we-

Kniestoß in die Weichteile, auf meine Hilfehalten

und Geld von mir gefordert. Ein

sentlich versauter oder viel unterwürfiger, als man vermuten

würde. der Hinweis darauf, dass er derjenige mit

rufe in den Raum eilende WG-Kollegen und

dem Geld ist, haben die Situation aber

Welche negativen Erfahrungen hast Du gemacht? Gibt schnell geklärt.

es negative Aspekte an Deiner Leidenschaft?

Vielen Dank für die ehrlichen Antworten!

Viktoria: Personen, die mir im Vorfeld nicht ganz astrein


Seite 50 SOUFFLEUR #01/2021


du håst ma schene augn gmocht, madam

und a jeda, der augn hot, der hot des gsehn

und ih, ih hob jetzt waache knia

i kumm ned weg vo dir, wö i kann jå ned gehen

bei dir bleib ih daham

BENNY RUPRECHT

IH MÅG

kånn mih vor lauter gspian ned mehr gspian

nix is mehr, wias gestern wår

i håb nix mehr unter kontrolle

i waß ned: soll ich ångst håm davor?

nur ned die nerven verliern

geht’s dir a so, wia mir

gpsiast unser zukunft, de neiche?

aha! du bist da ned sicha

dann schleich dih, is eh immer as gleiche

ih kånn går nix dafia

ih måg kane hund, und mein voda, den måg ih scho går ned

und wer mih um an fuchzger anschnorrt, kriagt an vurtråg vo mir

auf meine kostn frei sein? des is jå ned wåhr ned

wo kämen ma hin, wenn ih an åndern sein lenz finanzier?

und jå, du håst recht: ih håb so wås, wia a freindin oder a frau

und ih bin so wås wia glücklich mit ihr, oder dånkbår. zwår net immer gånz frei

åber wås is scho liebe? wås is scho glick? des waß kana genau

ois kånn ma ned håm. Ih werd ernster und schweigsam, åber ih muaß zfriedn sein dabei

åber na! mit dir! då wär ålles so leicht

kumm! wia brauchn doch nix, außer uns zwaa

und wånn du a kind wullast vo mir

jå! bei dir såg ih ned naa

hamma den himmü erreicht

bei dir, då gspür ih a brennen

kumm! laaf mit mir auf und davon

vielleicht lebm ma wia kaiser oder vom betteln

aber wuascht! des sehn ma dann schon

jetzt haßts amål rennen

und wånn du an hund wüst, fia dih måg ih den a

ih nimm dih! ohne misstraun, jå, ohne zweifl

wås sågst? du zweifelst schon?

ah! dann geh doch zan teifl

låss mi zruck, mi klans heifl

ih måg kane hund, und mein voda, den måg ih scho går ned

und wer mih um an fuchzger anschnorrt, kriagt an vurtråg vo mir

auf meine kostn frei sein? des is jå ned wåhr ned

wo kämen ma hin, wenn ih an åndern sein lenz finanzier?

und jå, du håst recht: ih håb so wås, wia a freindin oder a frau

und ih bin so wås wia glücklich mit ihr, oder dånkbår. zwår net immer gånz frei

åber wås is scho liebe? wås is scho glick? des waß kana genau

ois kånn ma ned håm. Ich werd ernster und schweigsam, åber ih muaß zfriedn sein dabei

SOUFFLEUR #01/2021

SEITE 51


MANUEL M.

(Name von der Redaktion geändert.)

POSITIV TROTZ POSITIV

Mein Leben mit HIV

I

ch bin 2266, komme aus Graz; bin seit nunmehr vier

Jahren HIV-positiv.

Im Jahr 220166 kam ich mit Fieber und Darmbeschwerden

ins Krankenhaus. Nach fünf Tagen Aufenthalt durfte ich

mit der Diagnose „Proktitis“ (Darmentzündung;

Anm.d.Red.) wieder raus, musste aber noch auf den abschließenden

Arztbrief warten. In dieser Zeit hat mir eine

Krankenschwester Blut abgenommen. Auf einem der Befundzettel

stand: „HIV und Syphilis ausständig“. Ich

schenkte dieser Anmerkung anfangs keine Beachtung.

und möglichen Folgen wusste und keine

Informationen hatte. Außer den Sachen, die

man mal kurz in der Schule im Sexualunterricht

anschneidet, oder nebenbei in den Medien

hört. Mein damaliger Freund, der angehender

Medizinstudent und bei der Rettung

tätig ist, versuchte, mich mit aufmunternden

Worten zu trösten. Er kannte HIV-

Positive, die in Therapien waren und so gut

wie keine Nebenwirkungen hatten. Für ihn

war es von Tag eins an überhaupt kein

Problem.

Eine Woche später wurde ich in einem Telefonat mit den

Ärzten gebeten, doch bitte am nächsten Tag dringend ins

Krankenhaus zu kommen, weil im Befund „etwas unklar“

sei, wie sie sagten. Wie verlangt, bin ich mit meinem damaligen

Freund ins Spital und bekam dort dann die Diagnose:

„HIV-positiv“.

Treatment as Prevention

Am nächsten Morgen, auf der Spezialambulanz,

wurde mir der Großteil meiner Ängste

genommen:

Die versprochene, umfangreiche und komplette

Information folgte. Psychologische

Gefangen im Schock, bekam ich eine kurze, knappe, wenig

professionelle Aufklärung und die Information: „Alle weiteren

Fragen beantworten morgen die Kollegen auf der

Spezialambulanz, wo bereits ein Termin für Sie vereinbart

ist.“ Zusätzlich wurde mir mitgeteilt, dass ich ab sofort

im Krankenstand sei.

Ganz plötzlich dachte ich, meine Welt bricht zusammen,

Seite 52

da ich nichts vom Umgang mit der Krankheit

Betreuung wurde mir angeboten und eine

Therapie, mit der ich natürlich sofort begonnen

habe und mit der es bis heute keine

Probleme gibt. Sechs Monate nach der Diagnose

durfte ich das erste Mal offziell sagen,

ich bin „unter der Nachweisgrenze“. Ich

werde weiterhin einmal im Quartal getestet,

in meinem Blut können keine HIV-Viren

SOUFFLEUR #01/2021


mehr gefunden werden, die Wahrscheinlichkeit,

dass ich jemanden mit der Krankheit

anstecken könnte, ist demnach so gut

wie null. Dennoch ist es Pflicht, Sexualpartner

darauf hinzuweisen, dass ich HIVpositiv

bin. Ich bin seit einem Jahr wieder

in einer glücklichen Beziehung. Mein

Freund ist HIV-negativ, meine Krankheit

war für ihn nie ein Problem. Ein paar Mal

hab ich bereits darüber nachgedacht, wo

und wie ich mich infiziert haben könnte. Ich

vermute, dass es während einer Sexparty

passiert ist. Bei einem meiner Spielpartner

platzte wegen seines Prinz-Albert (Piercing

am Eichelkranz des Penis; Anm.d.Red.) das

Kondom. Der Typ meinte nur, dass nichts

passieren könne, weil er gesund sei und ist

abgehauen.

PreP – Die Pillen davor

Ich denke, dass Aufklärung im Zusammenhang

mit HIV das Wichtigste ist – und das

nicht nur in der Phase einer entstehenden,

wachsenden Partnerschaft. Trotz dessen ich

HIV-positv war, hatte ich als Single Abenteuer

und meinen Spaß. Oft bekam ich Abweisungen,

weil jemand Angst hatte, sich

SOUFFLEUR #01/2021

bei mir anzustecken, obwohl ich auf die erfolgreiche Therapie

hinwies und Kondome ohnehin ein unverzichtbarer

Schutz sein müssen. Viele Reaktionen, meine ich, sind auf

mangelnde oder falsche Informationen zurückzuführen.

Was mir auffällt, ist, dass in den letzten Jahren die PreP

(*) bei vielen Menschen immer mehr zu einem Thema

wird. Eine Ansteckung mit HIV kann dadurch zwar verhindert

werden, die Prophylaxe schützt allerdings nicht

vor anderen Geschlechtskrankheiten.


* PrEP: Prä-Expositions-Prophylaxe. HIV-Medikamente

für HIV-negative Personen zum Schutz vor einer Infektion.

Die PrEP ist seit Anfang 2018 auf Privatrezept bei HIV-

Behandlungszentren bzw. niedergelassenen HIV-

ExpertInnen beziehbar. Voraussetzung ist ein HIV-Test.

Die PrEP ist eine Ergänzung für Personen, die sich nicht

mit anderen Methoden wie etwa durch Kondome schützen

können und kein Ersatz der bestehenden Präventionsangebote.

Informationen erhältlich bei einem Arzt/einer Ärztin

mit Spezialisierung auf queere Gesundheit sowie bei BeraterInnen

der Aids-Hilfe.

Seite 53


INTERVIEW

Körperabformung und Foto: Robert Stadler www.yoniversum.art

Die Körperabformung zeigt den Torso von Helena Löffer

ICD-10:

PSYCHISCHE

STÖRUNG MIT

DEM CODE F6644

Transgender? Transsexualität?

Wühlen wir

uns in einem Gespräch

von Begriffichkeiten.

mit Helena Löffer

durch die Vielzahl

A

us einem Leserbrief

in einer österreichischen

Tageszeitung: Vereinzelt sind an öffentlichen Orten nicht nur Toiletten für Damen und

Herren, sondern auch Räume mit der Türaufschrift „Anderes“ bzw. „Unisex“ zu finden.

Was soll das? Gibt es denn mehr als zwei Geschlechter? Die Antwort darauf ist einfach: Ja.

SEITE Seite 00 54 SOUFFLEUR #01/2021


Laut einer Studie, die ursprünglich in den

USA durchgeführt und in den Niederlanden

wiederholt wurde, erklärt einer von hundert

Menschen, sich nicht eindeutig als

Mann oder als Frau zu fühlen. In rund 220

Staaten der Welt (darunter Deutschland,

Österreich, Dänemark, Neuseeland, Kanada,

Australien und mehrere Bundesstaaten der

USA) wird mittlerweile ein unbestimmtes

Geschlecht anerkannt, in Reisepässen etwa

wird in diesen Fällen als Geschlechtsbezeichnung

ein „X“ vermerkt.

H

elena, Du bist 21, Dein

Geschlecht wurde nach

Deiner Geburt als männlich festgelegt.

Seit wann bist Du Helena?

Helena: Ich lebe seit meinem 188. Lebensjahr

als Transfrau.

Zitat ICD-10, „Internationale statistische

Klassifikation der Krankheiten“:

„Störungen der Geschlechtsidentität.

F64.0: Transsexualismus. Der Wunsch, als

Angehöriger des anderen Geschlechtes zu

leben und anerkannt zu werden. Dieser

geht meist mit Unbehagen oder dem Gefühl

der Nichtzugehörigkeit zum eigenen

anatomischen Geschlecht einher. Es besteht

der Wunsch nach chirurgischer und

hormoneller Behandlung, um den eigenen

Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit

wie möglich anzugleichen. F64.1:

Tragen gegengeschlechtlicher Kleidung,

um die zeitweilige Erfahrung der Zugehörigkeit

zum anderen Geschlecht zu erleben.

Der Wunsch nach dauerhafter Geschlechtsumwandlung

SOUFFLEUR #01/2021

oder chirurgischer Korrektur besteht nicht; der Kleiderwechsel

ist nicht von sexueller Erregung begleitet.“

Empfindest du dich als krank?

Helena: Als krank empfinde ich mich definitiv nicht.

Nicht mehr. Einen einzigen alleinigen Grund für Transidentität

gibt es nicht. Die Gene spielen hier eine entscheidende

Rolle. Hat man lange Zeit angenommen, dass das X-

und das Y-Chromosom für Frau (XX) und Mann (XY) zuständig

sind, weiß man inzwischen, dass lediglich ein

kleiner Baustein des Y-Chromosoms für die Entwicklung

verantwortlich ist. Bis zur 88. Schwangerschaftswoche gibt

es einheitliche „Geschlechtsmerkmale“, aus denen sich

dann später entweder Eierstöcke und Gebärmutter oder

Hoden, Prostata und Penis entwickeln. Ist das sogenannte

SRY-Gen vorhanden, entwickeln sich männliche Geschlechtsmerkmale,

fehlt es, entwickeln sich weibliche.

Bei der Befruchtung werden bei der Frau die XX-

Chromosomenpaare geteilt, so dass jedes Ei ein X Chromosom

enthält. Bei dem Mann wird das XY-Paar geteilt,

so dass jeweils ein Spermium mit X und eines mit Y Chromosom

vorhanden ist. Trifft ein Spermium auf ein Ei, vereinigen

sich die Chromosomen wieder zu XX oder XY. Soweit

so gut. Bei der Teilung beim Mann kann es aber dazu

kommen, dass das SRY-Gen auf das X-Chromosom wandert.

Das Ergebnis: Es entwickelt sich eine Frau (XX-

Chromosomen), durch den Einfluss des SRY-Gens entstehen

allerdings männliche Geschlechtsmerkmale. Und das

ist nur ein einziger Grund für Transsexualität. Einer von

vielen. Transidente können für ihre Transidentität genau

so viel wie ein 22 Meter großer Mann etwas für seine Größe

kann. Nichts! Daraus erklärt sich auch, dass es nicht

möglich ist, Transidentität zu heilen.

Ich empfinde mich selbst als „besonders“ im positiven

Sinne. Ich hatte aber mit 177 ganz schön mit mir selbst zu

kämpfen. Damals empfand ich mich selbst schon als

krank! Mein Stiefvater war nicht unbedingt LGBTfreundlich

und ich hab heute noch Phrasen im Kopf, in

denen er transidente Menschen als krank abstempelte.

Heute hab ich zum Glück eine sehr positive Körperwahrnehmung

und ich fühle mich wohl, so leben zu können,

Seite 55


wie ich bin.

Zur internationalen Krankheitsdefinition: Eine solche

beträfe wohl viele Menschen in irgendeiner Form. Nach

ICD-10-GM F65.0 etwa wird der „Gebrauch toter Objekte

als Stimuli für die sexuelle Erregung und Befriedigung“

als sexueller Fetischismus definiert. Fetischistische

Störung. Von medizinischer Seite betrachtet ist

auch Fetischismus eine Form der Paraphilie. Sexuelle

Erregung durch Schuhe, Latex- oder Lederobjekte, und

Damen- oder Reizwäsche, Dildos, Strumpfhosen, Piercings

… Nach DSM-IV, Diagnostik und Klassifikation

psychischer Störungen, gehören da auch Fuß-, Brustund

alle anderen Körperteilfetische dazu. Nicht alles,

was per Klassifizierung pathologisch ist, muss also

auch im Alltag dementsprechend krankhaft sein. Seit

wann weißt Du, dass Deine Identität nicht männlich

ist?

Helena: Ich habe so mit 166 angefangen zu realisieren,

dass ich als Frau leben möchte. Ich hab damals angefangen,

mich zu schminken und in der Frauenabteilung einkaufen

zu gehen. Sprach mich allerdings jemand darauf

an, ob ich nicht lieber eine Frau sein wolle, war meine

Antwort immer Nein. Als ich das erste Mal mit einer

Freundin über meine Identitätskrise gesprochen habe,

war ich fast 188.

Planst Du eine geschlechtsanpassende Operation?

mir die Augen geöffnet und mir gezeigt, wie

schön mein Körper ist. Diese Menschen helfen

mir auch, meine männliche Sexualität

ausleben zu können.

Du bist heute bereits in der präoperativen

Hormontherapie?

Helena: Also in Hormonbehandlung bin ich

seit gut einem Jahr. Am Anfang war das eine

sehr turbulente Zeit, beinahe so, als würde

ich noch einmal pubertieren. Gefühlsschwankungen

und Hitzewallungen waren

meine ständigen Begleiter. Mittlerweile hat

sich das aber zum Glück alles eingependelt.

Es gibt zur Geschlechtsanpassung eine

Reihe ergänzender Korrekturen: Brustvergrößerung,

Stimmbandoperation, Verkleinerung

des Adamsapfels. Planst Du Eingriffe

dieser Art?

Helena: An eine Brustvergrößerung dachte

ich vor der Hormontherapie schon, allerdings

bin ich mit dem Ergebnis der Hormonbehandlung

zufrieden. Ich denke mir,

jede Operation könnte auch nach hinten

losgehen, und ich will für so etwas wie Perfektion

nicht mein Leben riskieren.

Helena: Ja, die nötigen Vorkehrungen dafür hab ich schon Fühlst Du Dich in emotionaler, partnerschaftlicher

und in sexueller Hinsicht zu

getroffen. Allerdings fühle ich mich zurzeit einfach noch

nicht bereit dazu. Ich will mich zuerst noch sexuell ausleben

und Erfahrungen sammeln, die ich nach der OP nicht gezogen?

Frauen und Männern gleichermaßen hin-

mehr machen kann.

Helena: Mir war, glaube ich, mit 122 bewusst,

dass ich auf Männer stehe und für

Meinst Du damit Erfahrungen im Zusammenhang mit

männlicher Erotik, männlichen Geschlechtsteilen? mich kamen Frauen nie in Frage. Darüber

habe ich einfach nie nachgedacht. Als ich

Helena: Ja. Ich durfte letztes Jahr eine Handvoll Menschen

kennenlernen, die polyamor leben, und die haben nenlernte, entdeckte ich, dass ich auch

dann im März meine neuen Freunde ken-

Seite 56 SOUFFLEUR #01/2021


Frauen sexuell sehr anziehend finde, und seitdem schließe

ich nicht aus, dass ich mich auch in eine Frau verlieben

könnte. Geschlechtliche Identität ist zudem zu trennen

von sexueller Identität. Die erotischen Ausrichtungen von

nichtbinären Menschen sind genauso unterschiedlich und

vielfältig wie die von binären.

Wie hat Dein nahes Umfeld auf Deine Metamorphose

reagiert?

Helena: Mein Umfeld war ganz locker und ich glaube, die

meisten haben schon auf den Tag meines Outings gewartet.

Sogar mein

Opa meinte schon, als ich im Kindergarten war, dass mit

mir ein Mädchen verloren gegangen sei. Meine Onkel, die

mir nach meiner Verwandlung zur Frau am Anfang noch

recht zögerlich Küsschen beim Begrüßen auf die Wange

drückten, sehen mich mittlerweile als ihre Nichte an. Ich

muss sagen, dass ich ein wahnsinniges Glück habe, von all

meinen Freunden und von der ganzen Familie unterstützt

zu werden. Ab und zu komme ich in Situationen, in denen

ich mich dennoch unwohl fühle. Meine Oma ist schon

ziemlich dement, und sie kann sich an keine Helena erinnern.

Kürzlich hat meine Mama versucht, Oma dabei zu

helfen, sich zu erinnern, und gesagt: Das ist mein Sohn!

Obwohl ich weiß, dass meine Mama es nicht böse gemeint

hat, fühlte ich mich trotzdem verunsichert.

Es gibt junge Menschen, die in ähnlicher Situation sind,

wie Du vor einigen Jahren, die aber vielleicht ein wesentlich

unfreieres Umfeld haben. Was kannst Du ihnen

raten? Gibt es Hotlines, Anlaufstellen?

Helena: Seid ihr selbst! Viele Jugendliche outen sich bei

ihren Eltern und werden verstoßen, geschlagen oder gar

tot geprügelt. Leben ist so wertvoll. Wer Angst hat, suche

jemanden, der helfen kann. In Graz gibt es die Beratungsstelle

„Courage“ für transidente Jugendliche. Dort kann

man neben Einzelberatungen auch bei Gruppen-Meetings

mit anderen Transgender-Veranstaltungen mitmachen.

Liebe Helena, vielen Dank für das Interview!


SOUFFLEUR #01/2021

Eine Deutung der Begrifflichkeiten.

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Gender: Soziales Geschlecht. Transgender bzw.

Transidente, Transgeschlechtlichkeit,

Transidentität oder Trans*: Menschen,

deren geschlechtliche Identität nicht mit ihrer

meist schon direkt nach der Geburt anhand von

äußeren Merkmalen erfolgten Zuordnung zu einem

bestimmten Geschlecht übereinstimmt.

Transsexualität: Dieser Begriff wird im allgemeinen

Sprachgebrauch in zunehmendem Maße vermieden,

zu sehr steht er in einem pathologischen

Kontext und in Verbindung mit einer sogenannten

Heteronormativität, wonach Heterosexualität

die soziale Norm und alles andere Symptom einer

Krankheit ist.

Genderfluid: Das Geschlecht kann zwischen verschiedenen

Geschlechtern wechseln. Bigender: In

der sozialen Identität Weiblichkeit und Männlichkeit

in sich vereint. Pangender: Identifikation mit

allen möglichen Geschlechtsidentitäten. Gender

neutral oder Agender: Ohne Genderidentität.

Queer: Genderidentität „quer“ zur vorherrschenden

Norm der binären Heterosexualität. Ebenso

Schlagwort für politische Bewegungen und Gruppen.

FLTI*: Frauen, Lesben, Trans-Menschen mit Sexismuserfahrung.

Nichtbinär: Geschlechtsidentitäten,

die weder ausschließlich männlich

noch weiblich sind, somit außerhalb einer

binären Einteilung. Androgyn: Mischung o-

der Kombination aus männlich und weiblich, zum

Teil auch nur bezogen auf Kleidung und Verhalten.

Intersexualität: Überbegriff für verschiedene

klinische Phänomene, deren Ursache etwa bedingt

ist durch Geschlechtschromosomen, Genetik

oder hormonelle Entwicklung. Questioning:

Das Hinterfragen und Entdecken der eigenen

Identität und sexuellen Orientierung.

Begriffe, die im Umfeld von Transgender zu finden

sind: Transvestitismus (von lateinisch trans

„hinüber, auf die andere Seite“, und lateinisch

vestire „kleiden“) bezeichnet das Tragen von Kleidung,

die einem anderen Gender zuzuordnen ist.

(Eng verwandt mit dem meist erotischen Kontekt

gebräuchlichen Crossdresser.) Damenwäscheträger

(DWT): Unter der Alltagskleidung wird

unsichtbar Wäsche des anderen Genders getragen.

Auch als erotischer Fetisch gelebt. Drag,

Dragqueen, Dragking: Menschen, die das jeweils

andere Gender in übertriebener Weise darstellen.

Travestie: Transvestitismus in künstlerischer

Darstellung auf Bühnen.

Seite 57


ALEXANDER A.

EINSAMKEIT IST EINE ZELLE ...

Eifersucht, Strafvollzug und Selbsterkenntnis

E

insamkeit ist eine Zelle, die sich nur von innen

öffnen lässt. Ich habe diesen Spruch einmal irgendwo

gehört. Und ich habe ihn sozusagen praktisch gelebt.

Ich kenne die Einsamkeit, die von einem schwachen

Ich verordnete und die von außen vorgegebene. Ich kenne

das Gefangensein in den eigenen Unzulänglichkeiten, ich

kenne die Zelle aus Beton und Stahl. Und ich kenne das

Öffnen, das Sprengen der Ketten, das immer im innersten

Inneren beginnt.

Die Vorboten

Als ich sechzehn war, hatte ich meine erste richtige

Freundin. Die Sache ging damals nur über drei Monate,

aber ich war unglaublich verliebt. Alles in meinem Leben

war plötzlich nebensächlich: Meine Clique, die Schule,

sogar mein Moped. Ich hatte das Gefühl, alles in meinem

Leben nur auf das neu entdeckte Gefühl der Verliebtheit

ausrichten zu müssen.

Weil meine Freundin von heute auf morgen mein einziger

Inhalt zu sein schien, kam nach wenigen Wochen schon

immer mehr das Gefühl der Angst auf, ich könne dieses

Geschenk wieder verlieren.

Ich glaube, bis hierhin waren mein Fühlen und Denken in

dieser Zeit nichts Ungewöhnliches. Die erste große Liebe

lenkt ab von all den Zweifeln am eigenen pubertären Ich

und von den Unstimmigkeiten im Elternhaus. Die Freundin

wird vergöttert, idealisiert, an ihrem Leben ist alles

besser als am eigenen.

Mir ist damals sehr bald aufgefallen, dass ich ein wenig

mehr konzentriert war auf das Thema Verlust als meine

andauernden Zweifelns und des nahezu ununterbrochenen

Streitens.

Irgendwann war die Liebe vorbei. Und ich glaube heute,

dass meine Eifersucht das Ende durchaus beschleunigt

hat.

Es folgten weitere kürzere und längere Liebeleien, meine

Angst, betrogen zu werden, wurde immer größer, dominierte

meine Beziehungen und meinen Alltag immer

mehr.

Öl im Feuer

Vor knapp dreißig Jahren lernte ich dann eine Frau kennen,

mit der mich eine von beiden Seiten getroffene

Entscheidung für ein gemeinsames Leben

verbinden sollte. Sie und ich hatten vom ersten

Moment an das Gefühl, für eine gemeinsame

Zukunft bestimmt zu sein. Wir sahen

uns als Seelenverwandte: Auf allen Ebenen

blindes Verstehen. Eifersucht war kein Thema,

wir waren wie füreinander bestimmt.

Doch schon ein paar Monate später die ersten

Spannungen. Der Grund dafür ein altbekannter:

Ich war mir sicher, meine Freundin flirte

beim Unterwegssein mit anderen Männern.

Sie bestritt von Anfang an alles, was ich ihr

unterstellte. Zu Beginn schmeichelten ihr

meine Gedanken noch: Etwas Eifersucht zeigt

doch auch, dass man einen Menschen liebt.

(So spricht der Volksmund, und der irrt sich

hier gewaltig! Das weiß ich heute.) Als ich

aber immer öfter eine gewisse Form der Untreue

zu entdecken glaubte, wurde mein Verhalten

für meine Freundin zunehmend unangenehm.

“Hier ist nichts, was dich beunruhigen

könnte”, sagte sie immer wieder. Aber

dieses Bestreiten minderte meine Wut und

mein Misstrauen nicht, es war wie Öl ins Feuer.

"Ich würde es vielleicht ja sogar verstehen,

wenn du flirtest", sagte ich. "Ich hätte

vielleicht ja gar nichts dagegen. Aber gib es

doch wenigstens zu!" Meine Freundin war

ratlos ob meiner Anschuldigungen, für sie

war ihr Verhalten fair und ehrlich wie immer.

Ich aber glaubte, überall Unehrlichkeit

zu erkennen.

Unternehmungen mit meiner Partnerin endeten

nun immer öfter im Streit. Es waren fortan

kein normales Abendessen, kein Ausflug,

kein Treffen mit Freunden mehr möglich.

Überall und immer glaubte ich, meine Freundin

bei Flirts mit anderen Männern zu ertappen.

Selbst bei Spaziergängen in Fußgängerzonen

warf ich mit Vorwürfen um mich: "Ich

habe es doch genau gesehen, wie du diesem

Mann zugelächelt hast!"

Ich habe damals den größten Teil meiner

Energie dafür verbraucht, Anschuldigungen

Seite 58 SOUFFLEUR #01/2021


und Vorwürfe, Wutausbrüche und Verzweiflung

so lange wie möglich zurückzuhalten.

Das Leben meiner Freundin bestand

bald nur noch daraus, sich zu konzentrieren

darauf, sich ja nicht "falsch" zu verhalten,

mir ja keinen Anlass für Eifersucht zu

geben.

Dürsten nach Anerkennung

Durch diesen meinen Wahnsinn am

Ende unserer Kräfte fingen meine

Freundin und ich in dieser Zeit an,

uns tatsächlich gegenseitig Sachen zu

verheimlichen. Meine Partnerin hat

damit begonnen, regelmäßig ausführlich

mit Freundinnen über mein Verhalten

und ihre Probleme damit zu

sprechen, hat nicht nur einmal – das

habe ich erst viel später erfahren –

auch oft darüber nachgedacht, die

Beziehung mit mir sogar zu beenden.

Ich meinerseits war derart besessen

vom Gedanken betrogen zu werden,

dass ich begonnen habe, Mäntel und

Taschen meiner Freundin nach möglichen

Indizien für eine Affäre zu

durchsuchen und ihr hinterherzufahren,

wenn sie ins Fitnessstudio oder

auf einen Kaffee mit Freundinnen

ging.

Das Verrückte daran: Ich selbst war

so überzeugt, dass meine Eifersucht

begründet, also eine sogenannte reaktive

Eifersucht war, wie das der Psychologe

nennt, dass ich mich dazu

berechtigt fühlte, selber Kontakt mit

fremden Frauen zu suchen. Ja, oft war

es jetzt sogar umgekehrt: Dadurch

dass ich, wie jeder andere unter

krankhafter Eifersucht leidende

Mensch, im Grunde unter einem grob

gestörten Selbstwertgefühl litt, war

ich überdurchschnittlich empfänglich

für Komplimente, für Zuspruch, für

Verständnis von Frauen. So hat es

sich selbst in jenen Zeiten, in denen

ich in der Beziehung mit meiner

Freundin und in dieser Beziehung

eben maßlos eifersüchtig war, ergeben,

dass ich selbst verzaubert war

von einer anderen Frau. Das, wie ich

erst heute weiß, nur deshalb, weildiese

fremden Frauen mit Schmeicheleien

und mit vorgeblichem Verständnis

für meine Situation (ich ach so armer

Betrogener) meine Aufmerksamkeit

erregt hatten. Meine Seele, die so

sehr nach Anerkennung schrie, ließ

sich leider immer wieder blenden von

letztlich oberflächlicher Zuneigung.

SOUFFLEUR #01/2021

So war dann innerhalb der Beziehung mit meiner Freundin

also jedes Mal ich derjenige, der fremdgegangen ist.

Gleichzeitig aber habe ich meiner Partnerin Untreue unterstellt.

Klar: Weil ich in manchen Momenten wohl meine

eigene Art auf andere projizierte und instinktiv annahm,

andere seien so wie ich.

Aggression

Als ob dieses Verhalten von mir nicht schon genug gewesen

wäre, ist dann vor fünfundzwanzig Jahren passiert,

was wohl passieren hat müssen. Meine Freundin war damals

zwei Wochen alleine auf Urlaub in Italien gewesen.

Als sie zurückkam, verhielt sie sich meiner Wahrnehmung

nach verändert, etwas seltsam. Klar: Sie war zwei Wochen

weg, zwei Wochen auf Abstand zu meiner Eifersucht,

hat zwei Wochen lang mit Freundinnen über ihre

Situation gesprochen, ist nach zwei Wochen bestimmt

auch zum Entschluss gekommen, dass sich etwas ändern

muss in dieser Hinsicht. Wie ich später erfahren habe,

hatte meine Freundin damals bereits Kontakt mit einer

Paartherapeutin aufgenommen, sie war also fest entschlossen,

mein Problem mit Minderwertigkeit und Eifersucht

mit mir gemeinsam anzugehen. Aber sie wusste

wohl noch nicht, wie sie mich in ihren Plan einweihen

wollte.

Für mich allerdings gab es nur einen einzigen Grund für

ihr verändertes Verhalten, und diesen habe ich ihr immer

lauter, immer intensiver, immer aggressiver an den Kopf

geworfen: “Du hast im Urlaub einen anderen Mann kennengelernt!”

Als mir meine Freundin schließlich von der geplanten

Paartherapie erzählte, empfand ich ihr Bemühen mir zu

helfen als brutalen Angriff. “Ich bin also krank?! Lass du

dich doch behandeln!“, warf ich ihr vor. "Du vögelst überall

mit jedem herum!” Und als ich erfuhr, dass meine

Partnerin auch bereits mit einigen meiner Freunde über

mich und meine Krankheit gesprochen hatte, konnte ich

mit dieser Situation nicht mehr umgehen, meine Nerven

waren am Ende.

Die unausweichliche Katastrophe

An einem Sonntag – meine Freundin und ich

*1

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hatten zum ich weiß nicht wievielten Male versucht, das

gemeinsame Wochenende so problemfrei wie möglich zu

halten – kam, wie so oft an Sonntagen, mehr und mehr

die Angst vorm Montag auf, wo meine Freundin wieder in

der Arbeit, von vielen anderen Männern umgeben und mir

schon alleine aufgrund der geografischen Entfernung

nicht nahe sein würde. Alle beide haben wir an diesem

Abend Rotwein getrunken. Nebenbei,

aber letztlich doch recht viel.

Nicht zufällig kam dann ein gemeinsamer Freund zu Besuch:

Man wollte mit mir reden. In meiner gestörten

Wahrnehmung der Situation sah ich den Versuch, sich mit

mir über meine Probleme unterhalten zu wollen, als Tribunal.

Damit nicht genug: Meine Phantasie konstruierte

sehr schnell meine eigene alternative Wahrheit: Die beiden,

meine Partnerin und unser gemeinsamer Freund,

sind im Geheimen ein Paar! Ich fühlte mich in die Enge

getrieben, und als mein Kumpel mich in beruhigender Absicht

mit einem Griff an meine Schulter dazu bringen

wollte, durchzuatmen und runterzukommen, die Explosion:

Ich stieß meinen Kumpel von mir weg, ballte vor dem

Gesicht meiner Freundin die Faust, hielt aber kurz inne

und verließ dann fluchtartig die Wohnung. Rein in mein

Auto und - nur vierhundert Meter weiter die Katastrophe:

In einer unübersichtlichen Kurve ist ein über achtzigjähriger

Herr aus meinem damaligen Wohnort zu Fuß unterwegs

gewesen. Er war schwarz gekleidet, war auf dem

Heimweg vom Wirtshaus. Ich habe den Fußgänger übersehen

und mit meinem Auto erfasst. Es war bereits dunkel

damals, ich war viel zu schnell unterwegs, und hatte –

das hat der Test beim Amtsarzt ergeben – 1,22 Promille

Alkohol im Blut. Nur zwei Tage nach dem Unfall ist der

alte Mann seinen Verletzungen erlegen, wie es im Zeitungsdeutsch

heißt.

Rache vor Recht

Ab dem Tag der Inhaftierung bestimmen

andere Menschen über jede kleinste Bewegung,

die du tust. Ebenso ab dem ersten Tag

gibt es keine Form der Nähe, keine Freundlichkeit,

kein Geborgensein. Es wird dir jede

Möglichkeit genommen, Bedürfnisse nach

persönlichem Austausch, nach Kontakt, Berührung,

Bindung und Ansprache auszuleben.

Sorgen, Ängste, Einsamkeit, Wut, Trauer

kannst du entweder wegstecken, oder du

verreckst innerlich daran. Der Alltag im Gefängnis:

Entweder tötest du dich selbst, o-

der du leidest lange Zeit an zum Teil schweren

psychischen Störungen. Wie stark es

dich erwischt, hängt von deiner Persönlichkeit

und der Dauer der Haftstrafe

ab. Während meiner Zeit in Haft habe ich

festgestellt: Unser Rechtssystem ist bis zu

einem gewissen Grad ein Rachesystem. Viele

Strafen laufen auch heute noch nach dem

Prinzip: Du hast dies und das getan, deshalb

tun wir dies und das mit dir, damit wir Satisfaktion

erlangen. Wie es dir damit ergeht und

ob unser Handeln auf lange Sicht der Gesellschaft

etwas bringt, ist unwichtig. Hauptsache

Rache!

Als Alkolenker habe ich die sechs Monate,

die ich am Ende “absitzen” musste, mit den

sogenannten wirklich schweren Jungs verbracht.

Männer, die bewusst und mit Kalkül

gemordet, andere verletzt und beraubt hatten.

Das, was im Strafvollzug zu den

schlimmsten und am schwersten ertragbaren

Sachen gehört, teilten wir alle: Den Entzug

von Nähe und Liebe.

Ich kam nicht in Untersuchungshaft, bekam für meine Tat

aber trotz Unbescholtenheit eine neunmonatige

unbedingte Haftstrafe.

Unser Rechtssystem hat mir meine Gefängnisstrafe zugeteilt,

und ich stehe heute wie damals voll und ganz zu einer

Rechtsstaatlichkeit. Das, was ich an Strafe verbüßen

musste, empfand ich persönlich als richtig und angemessen.

Die Frage, ob diese Strafen gerecht sind oder nicht,

kann ich bis heute nicht klar beantworten. Einerseits sind

neun Monate Leben auf Staatskosten nichts im Vergleich

zu einem Menschenleben, das ich durch meine Fahrlässigkeit

genommen hatte. Andererseits können neun Monate

Haft das Leben eines Verurteilten für immer verändern,

ja, zerstören – das durch eine begangene Tat genommene

Leben jedoch nicht mehr wiederbringen.

Von der Eifersucht zum Liebesentzug

Neben meiner Eifersucht und meiner Wut, die mich gewissermaßen

ins Gefängnis gebracht hat, habe ich dort

erfahren, dass Strafvollzug bedeutet: Entzug der Selbstbestimmung

und Entzug der Liebe.

Folter

Ich habe keine wirkliche Lösung dafür, aber

das Problem besteht zweifellos: Seelische

Grausamkeit gegenüber Straffälligen hilft

der Allgemeinheit nicht, sie schadet ihr.

Seit meiner Zeit als Strafgefangener, also

seit mehr als 2233 Jahren, bin ich in verschiedenen

Vereinen und Gruppen in regem Austausch

mit Straffälligen und Sozialarbeitern.

Und ganz gleich, ob Bankräuber oder Gewaltverbrecher,

ganz gleich, ob ehemaliger

Strafgefangener oder Bewährungshelfer,

alle sind wir uns einig: Strafe auf Basis von

Rache ist kontraproduktiv.

Es mag richtig und wichtig sein, Menschen

wegzusperren, sie von der Gesellschaft zu

trennen. Es mag richtig sein, Menschen für

die Zeit ihres Aufenthaltes in einer Vollzugsanstalt

jedes privaten Bereichs und jeglicher

Form der Selbstbestimmung zu berauben.

Aber es ist nicht richtig, Menschen mit dem

Seite 60 SOUFFLEUR #01/2021


SOUFFLEUR #01/2021

Entzug von Nähe zu malträtieren.

Den eindimensionalen Standpunkt, selber schuld, wärst

du halt nicht kriminell geworden, kann ich zum einen Teil

verstehen, zum anderen Teil spricht aus ihm maßlose

Überheblichkeit. Und es geht auch gar nicht darum, ob

man die Meinung teilt, jeder von uns kann in diese Lage

kommen, straffällig geworden zu sein. Nein, es geht darum,

dass es straffällig Gewordene nun eben einmal gibt!

Es geht darum, dass es sie immer geben wird, dass sie

für bestimmte Vergehen aber nicht getötet oder ewig

lange weggesperrt werden können. Und es geht darum,

dass der Strafvollzug, wie er heute ist, nämlich eine zum

Teil fahrlässige, zum Teil bewusste Folter auf emotionaler

Ebene, schlichtweg schädlich ist für eine gesamte

Gesellschaft.

Die Zeit danach

In einem Satz zusammengefasst: Mein Problem mit Eifersucht

habe ich Gott sei Dank überwunden. Die Beziehung

mit der Frau, die zum Zeitpunkt der Katastrophe

meine Freundin war, blieb bis zum Antritt meiner Haftstrafe

aufrecht. Danach ist der Abstand immer größer

geworden, bis schließlich ich von mir aus den Kontakt

abgebrochen habe.

Die Zeit in Haft und die Jahre danach waren gekennzeichnet

von einer unendlichen Einsamkeit. Eine Einsamkeit,

die im Gefängnis zu einer massiven Angststörung

geworden ist, die aber auch nach meiner Entlassung

nicht von heute auf morgen weg war.

Und ja: Einsamkeit war wohl immer, nämlich auch schon

vor meiner Zeit im Bau, ein unbewusstes Thema. Ein gestörtes

Selbstwertgefühl hat in mir schon sehr früh eine

innere Leere erzeugt, eine Form der Einsamkeit. Daraus

ist meine so zerstörerische Form der Eifersucht

entstanden.

Sehr, sehr viele Menschen, auch die stärksten und härtesten

Kerle, stecken eine Haftstrafe nicht einfach so

weg. Nach meiner Zeit in der Karlau (Anm.d.Red.: Justizvollzugsanstalt

in Graz) bin ich freiwillig für drei Monate

instationären Aufenthalt in eine Nervenklinik gegangen.

Danach war ich für zwei Jahre in Behandlung bei einer

guten Psychologin. Durch die jahrelange Arbeit an mir

habe ich immer mehr zu einer inneren Freiheit finden

können. Nach und nach wurde dieses Gefühl der Ruhe

größer und stärker.

All-Einigkeit

Es hat sich der Blick auf mich selbst geändert. Ich habe

das erste Mal in meinem Leben ein Bewusstsein für mich

selber entwickelt, mich irgendwann nicht mehr mit anderen

verglichen. Endlich, muss ich heute sagen, hatte

ich in meinem Leben eine Zeit ganz mit mir allein. Alleinigkeit,

aber ganz und gar keine Einsamkeit. All-

Einigkeit gewissermaßen.

Ich begann jeden Tag zu genießen! Meine Wohnung nur

für mich allein, ohne, dass ich mich wie früher

durchgehend beschäftigen musste, nur, um

mich von meiner Einsamkeit abzulenken. Ich

genoss meine Spaziergänge durch Fußgängerzonen

und Buchenwälder, ich genoss das Beobachten

von alten Ehepaaren im Park, ohne

mich dabei einsam zu fühlen. Mir fehlte nichts.

Meine ehemalige Freundin wollte in dieser Zeit

Kontakt mit mir aufnehmen, wollte Annäherung,

ich aber entschied mich bewusst dagegen.

Ich war nun in einer Zeit mit mir alleine

angekommen.

Und ich genoss all das umso mehr, weil ich nie

zuvor dieses Bewusstsein hatte für mein eigenes

Leben, meine eigene Freiheit. Zu sehr war

ich immer beschäftigt damit, etwas tun, etwas

erreichen, etwas schaffen zu müssen.

Mein Verhältnis zu Frauen änderte sich

dadurch von Grund auf. Ich hatte (und habe)

nun mein eigenes, erfülltes, ja, vollkommenes

Leben. Wenn ich fortan Damenbekanntschaften

machte, kam nun nicht immer sofort das

Gefühl auf, gleich eine Beziehung eingehen zu

müssen, gleich alles in meinem Leben der entsprechenden

Frau nach auszurichten. Ganz im

Gegenteil: Bekanntschaft ja, Liebe ja, aber

meine Freiheit sollte von nun an immer Platz

haben. Lange Zeit war ich mir sogar sicher:

Bekanntschaften, Liebeleien gern, aber klassische

Beziehung nie mehr. Zu sehr liebte ich

mein Alleinsein, das nun ja kein Einsamsein

mehr war.

Täter-Opfer-Umkehr

Oft kommt unverhofft, und so lernte ich vor

acht Jahren meine heutige Frau kennen. Die

Annäherung geschah langsam, wir hatten und

haben beide unsere Leben, unsere Geschichte

und Eigenheiten. Es gibt zwei emanzipierte

Ichs, dadurch ein sehr wertvolles Wir. Eifersucht?

So wie vor dreißig Jahren habe ich Eifersucht

nie wieder erlebt.

In den Jahren nach Haft und Nervenklinik wurde

mir immer klarer: Übermäßige Eifersucht,

die einem Partner gegenüber ausgelebt wird,

ist eine Form der Gewalt. Ganz besonders

schlimm ist Gewalt, wenn eine Täter-Opfer-

Umkehr geschieht. Im Falle von sexueller Belästigung

funktioniert dieses Verdrehen der

Tatsachen, diese Verzerrung der Wirklichkeit

mit Schutzbehauptungen: "Du hast doch nicht

nein gesagt" oder "Du hast mit Deiner Kleidung

provoziert". Wenn es um Eifersucht geht,

wollen Vorwürfe wie "Du hast Dich nur für

andere so zurecht gemacht" oder "Du hast

dem/der Fremden schöne Augen gemacht"

dem anderen Menschen eine Mitschuld, eine

Schuld am eigenen irrationalen und

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ungerechtfertigten Verhalten zuweisen. Und das ist

eine latente Form der Gewalt.

Veränderung ist möglich

Ich kann heute sagen: Veränderung ist möglich, Entwicklung

ist möglich. Ich wünsche natürlich jedem

Menschen, der etwas an seinem Verhalten ändern

möchte, dass er dafür nicht sosehr durch die Hölle

gehen muss wie ich. Ich bin heute kein anderer

Mensch als vor dreißig Jahren. Viele Narben an Körper

und Seele, wie man so schön sagt, aber die Wunden

von damals sind verheilt. Aus Überzeugung und

Erfahrung sage ich heute: Liebe kann ich nicht verlieren.

Liebe entsteht und lebt in mir. Liebe für andere

Menschen, Liebe für mich selbst. Und fühle ich

Angst in mir, fühle ich die Angst, etwas oder jemanden

zu verlieren, dann rede ich! Erst durch meine

Erfahrungen mit Psychologen habe ich gelernt, dass

alleine das Sprechen die Sicht auf Probleme

verändern kann.

Mein Rat für Dich!

Ich möchte in den letzten Zeilen dieses Textes im

Stillen zu jenen sprechen, die mit Problemen

kämpfen. Zwei Sachen: Zuallererst: Gestehe Dir

das Problem ein. Probleme machen Menschen zu

Menschen. Ob Dein Problem mit anderen zu tun

hat oder nur mit Dir persönlich, entscheidend ist

die Tatsache, dass Probleme zu uns Menschen gehören

wie Träume und Freude. Und zweitens: Rede!

Hast Du niemanden zum Reden? Das alleine

kann schon ein Problem sein, gewiss. Aber es gibt

da draußen jede Menge Psycholog*innen und Anlaufstellen,

an die Du Dich wenden kannst, und

die Dir kostenlos und ohne jede Form der Verurteilung

helfen. Und glaub mir: Psychologen erklären

Dich nicht für krank, wenn Du über Deine

Probleme sprichst. Sieh es eher so: All die interessanten

Menschen dieser Welt haben ihre ganz eigenen

Narben. Und alle diese Narben waren irgendwann

einmal schmerzende Wunden. Jeder

Marathon beginnt mit dem ersten Schritt. ⓿

JAKOB GEORG HATZ

BEIDE GLEICH

M

ama, ich muss dich was fragen! Es ist

ein bisschen blöd. Du musst mir zuerst

nur zuhören, ok? Also es ist so: Weißt du noch, als ich

euch gefragt hab, wen von uns beiden ihr lieber habt?

Draußen, im Wald? Es war im Herbst und ich habe

Schularbeit gehabt und die Iris war ja immer so gescheit.

Und da wollte ich wissen, wen von uns beiden

habt ihr lieber. Mich oder die Iris? Und der Papa hat

gelacht und gesagt: „Wie viele Fehler hast du denn

leicht?“ Und du hast ihn angeschaut und hast dich zu

mir runter gebeugt und gesagt: „Frag uns doch sowas

nicht! Wir haben euch beide genau gleich lieb.“ „Aber

die Iris ist so groß wie der Papa und meine Haare sind

ganz anders.“ Das habe ich gesagt, und ihr wart euch

auf einmal ganz einig, und der Papa hat gesagt: „Schau

her, ihr seid beide genau richtig, wie ihr seid. Du bist

genau so, wie wir uns dich immer gewünscht haben,

und die Iris ist genau so. Ich kann mir keine Kinder

vorstellen, die ich lieber haben könnte, als euch beide,

und deswegen haben wir euch beide gleich lieb, und

zwar sehr! Außer, du hast jetzt ganz viele Fehler gemacht!“

Ich habe jedenfalls verstanden, was ihr gemeint

habt, und eigentlich habe ich nachher einfach

nicht mehr danach gefragt. Aber jetzt ist es wichtig!

Bitte, Mama! Kann man zwei Menschen genau gleich

lieb haben? Geht das? Weißt, ich frage dich nur, weil

bei Serien und so, da muss die Frau sich entscheiden:

Ist jetzt der der Richtige, oder der andere? Also beide

findet sie irgendwie gut, und es geht dann immer darum,

wer jetzt der Richtige ist von beiden, den sie

dann doch lieber hat, wenn nicht einer sowieso ein

Arsch ist.

Eigentlich ist immer einer ein Arsch zum Schluss,

kommt mir gerade, und deswegen hilft mir das

alles nicht! Also, ich mag den einen Typen und er

ist total lieb und würde mir nie etwas tun oder so

und jetzt habe ich einen getroffen, der ist genauso

toll. Nicht, dass beide ganz gleich wären oder so,

aber ich kriege das gleiche Herzklopfen, wenn ich

mit dem einen schreibe, wie mit dem anderen.

Und mir geht’s voll gut dabei, ja? Ich habe jetzt

nicht das Gefühl, dass das eine jetzt irgendwie

besser wäre als das andere Gefühl. Und ich frage

mich: Wieso soll ich mich jetzt entscheiden müssen?

Und den einen abservieren, obwohl ich gar

keine Lust darauf hab und einfach die Zeit genießen

will mit ihm? Kann es jetzt sein, dass ich einfach

beide gleich gern hab, so wie ihr das damals

gesagt habt? Geht das wirklich, Mama? Und wäre

es so schlimm, wenn ich draufkommen würd, den

einen finde ich halt doch ein bisschen cooler, aber

der andere ist halt trotzdem super nice? Warum

soll das dann nicht auch gehen? Kinder fragst du

ja auch nicht: Wen magst du lieber, die Mama o-

der den Papa? Oder? Weil es dumm ist, sich so

entscheiden zu müssen, oder nicht? Wenn ich beide

echt gern habe, ist es nicht auch egal, wenn ich

jetzt einen ein ganz bisschen mehr gern habe? Ist

das Andere deswegen weniger gut? Als Kind versteht

man den Unterschied ja nicht, aber jetzt

kannst du es mir ja erklären, bitte. Geht das, dass

man zwei genau gleich gern hat? Muss man sich

sonst entscheiden zwischen beiden? Weil ihr habt

uns ja auch beide lieb als eure Kinder, oder? ⓿

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SOUFFLEUR #01/2021


EPILOG

SENDEN SIE UNS IHRE ...

EINSENDESCHLUSS

AUSGABE 022: 155. März 220221

Thema: „Du! Krank!“

Infos unter

www.kunstarbeit.org

Ein Loblied auf den gepflegten Austausch

Geschätzte Leser*innen!

U

nter meinen tausenden Social-Media-

Kontakten finden sich sehr viele humanistisch

und formal Gebildete, universitär AUSgebildete zumindest,

intellektuell Orientierte und sprachlich Versierte,

die, so will ich es nennen, im weiten Ozean der Ahnungslosigkeit

viele, viele Inseln des Wissens bewohnen.

Untergriffgkeiten

Und trotzdem werde ich in meinen Internetaufenthalten

immer öfter unfreiwillig Zeuge peinlicher Vorfälle. Da

lese ich in Diskussions- und Kommentarverläufen vermehrt

Untergriffgkeiten, sogar boshaft emotionale Äußerungen.

Hier reagieren an sich Vernünftige auf simple

Text- oder Bildmel-

dungen beleidigt und

gekränkt, dort empfindet

der eine als persönlichen

Angriff, was einer of-

fensichtlichen Unlust

zu gemäßigter Formulie-

rung des andere

Die eine Seite tut

eine Meinung

kund, die andere

ist gelähmt

vor

Wut darüber.

Wo, so frage ich als Wortarbeiter mich,

bleiben die Liebe zum Austausch und die

Leidenschaft für Dia- und Multilog? Wo die

Begeisterung für gepflegte, heitere Uneinigkeit

im Sinne einer positiven Reibung?

Kriegserklärung

Und ich meine damit nicht den Anspruch

auf Wahrheit und Richtigkeit der eigenen

Erkenntnisse, nicht das Diskreditieren des

jeweiligen Gegenübers. Nichts entlarvt

schwache Nerven und Dialogunfähigkeit so

sehr wie ein Argumentum ad hominem!

(Mehr zum Thema

Scheinargument etwas später.)

Ein Hoch auf Eintracht und Harmonie! Und

in diesem Miteinander ist es ein Geschenk,

wenn jemand den eigenen Standpunkt (und

im Internet das eigene Posting, den eigenen

Kommentar, die eigene Nachricht) auf kluge

und sachliche Weise zerlegt, weil dieses

„Dagegenargumentieren“ bedeutet, sich zurücklehnen

zu können in Dankbarkeit für

die Aussicht auf Diskurs und Disput.

Wo an sich also Genuss und Freude zu empfinden

sind ob neuer Perspektiven und Erfahrungen,

scheint es für viele eine Kriegserklärung

zu sein, wenn Zuhörer oder Leser

ihrer Sozial-Media-Beiträge die sprachlich

oder schriftlich dargebrachte Argumentationskette

als falsch empfinden und diesen

Standpunkt – no na – auch unmissverständlich

deponieren.

Perspektiven

Austausche sind inspirierend und

fruchtbar, wenn ohne Grenzen

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philosophiert und sinniert werden darf,

Kommunikation ist anregend, interessant

und gewinnbringend aber auch, wenn Uneinigkeit

zu einem Thema herrscht, wenn

zwei Parteien eine Sache aus unterschiedlichen

Perspektiven betrachten! Denn wozu

überhaupt reden, wenn man im Gegenüber

lediglich die Richtigkeit der eigenen Meinung

bestätigt haben will?

Paradies

Nicht einmal ein bewusst geführter rhetorischer

Anschlag auf die eigene Position ist

Grund für heiße Ohren. Oder bin ich etwa

zu schwach und zu zart für offenen Austausch?

Fühle ich mich von Wortgeschützen

und Antagonisten meiner Position argumentativ

lahmgelegt, in die Enge getrieben?

Will ich justament dann nicht glauben an

meine sprachliche Kreativität, mein Denkvermögen,

meine Idee? Oder freue ich mich

über jede Reaktion auf eine Meldung, vor

allem über die kontroverse, ganz gleich, wie

ehrlich und direkt sie auch immer formuliert

sein mag? Freue ich mich darauf, sie,

wenn nötig, Punkt für Punkt, Satz für Satz

und Wort für Wort zu sezieren und entweder

emotionslos oder eben rotbäckig und

leidenschaftlich zu beantworten, im gegebenen

Falle zu berichtigen (auf dass mein Gegenüber

mich wieder berichtige …)? Letzteres

bedeutet doch das Paradies des Wahrnehmens,

des Begreifens, des

Lebendigseins!

Geschenk

Interpretieren Sie es in Zukunft also als Geschenk,

wenn Ihnen wieder einmal jemand

den Kommentarverlauf im Netzwerk oder

im Forum oder den mutig vorgebrachten

Standpunkt am Stammtisch oder im Büro

mit Kritik verhauen und aber für Ihr Gegenwort

offen sein will. Und nehmen Sie es

durchaus auch als Geschenk, wenn jemand

nicht bereit sein will für einen fruchtbaren

Austausch und sich in diesem Falle selber

als Fremder im Land der Kommunikation zu

erkennen gibt.

Partizipation

Die Beweggründe hinter den Texten indiesem

Souffeur sind unterschiedlich wie ihre

Verfasser. Und das ist gut so! Der Souffeur

soll Manege sein für Wortakrobaten,

Sprungbrett für Theorien und Thesen,

Hauptplatz für Polemiken und Diskurse,

Hinterhof für Spott und Kontroversen,

Spielwiese für das Miteinander, Durcheinander

und Gegeneinander unterschiedlicher

Weltanschauungen, Blumenwiese für

Poeten, Träumer und Einhornjäger,

SOUFFLEUR #01/2021

Universum für I-Tüpferl- und Prinzipienreiter, gemähte

Wiese für all jene, die ihren eigenen Standpunkt bereitwillig

hergeben als Basis für Lob oder Tadel, für Würdigung

oder Opposition.

Schicken Sie uns Ihre Texte!

Jeder Souffeur wird einige Seiten für die Reaktionen auf

Textbeiträge der letzten Ausgabe freihalten! Was haben Sie

zu sagen zu den Interviews, Lyrik- und Prosabeiträgen in

der Ausgabe, die Sie gerade in Händen halten? Schreiben

Sie uns!

Und schicken Sie uns gerne auch Texte, Fotos, Interviewvorschläge,

Grafiken und allerlei anderes Material zum

Thema der nächsten Ausgabe: „DU! KRANK!“

E-Mail an offce@kunstarbeit.org.

(Das Abdrucken von eingesandten Leserbriefen und Beitragstexten

kann nicht garantiert werden.)

Verzicht auf Scheinargumente

Verzichten wir im Sinne eines fruchtbaren Austauschs auf

Untergriffgkeiten und Scheinargumente.

Scheinargument 1: Das Argumentum ad hominem – das

Argument auf die Person. Beim Thema des Austauschs bleiben.

Vermeintliche Schwächen des jeweiligen Gegenübers

sollen also nicht ins Spiel gebracht werden.

Scheinargument 22: Das Argumentum ad verecundiam –

das Argument der Autorität. Personen des öffentlichen Lebens,

deren Meinungen besondere Gewichtung haben, sollen

nicht der Untermauerung des eigenen Standpunktes

dienen.

Scheinargument 33: Argumentum ad ignorantiam – das

Argument der Ignoranz. Kein Rollentausch in der Beweispflicht:

Wir selber sollen unsere eigene These belegen und

nicht vom Gegenüber verlangen, dass es unsere These widerlegt.

Scheinargument 44: Fallacia compositionis –

das Kompositionsargument. Nicht von einzelnen Einzelereignissen

auf generelle Sachverhalte schließen. Das Verhalten

des Einzelnen ist nicht repräsentativ für eine

Gruppe.

Scheinargument 55: Argumentum ad antiquiatem – das

Argument der Tradition. Was früher einmal (gut oder

schlecht) war, bildet nicht die Grundlage für ein solides

Argument.

Scheinargument 66: Argumentum ad novitatem – das Innovationsargument.

Alles, was „neuer“ ist, ist nicht zwangsläufig

„richtiger“.

Scheinargument 77: Circulus vitiosus – das Zirkelschlussargument.

Das Argument für eine Meinung kann seine ursprüngliche

Berechtigung nicht im ersten Argument haben.

Meinungen können sich nicht selbst begründen.

Scheinargument 88: Straw man fallacy – das Strohmannargument.

Das Argument des Gegenübers nicht absichtlich

falsch interpretieren, absichtlich falsch gezogene Schlüsse

nicht gegen das Gegenüber verwenden.

Scheinargument 99: Whataboutism – das Argument des

Vergleichs. Mein eigenes falsches Verhalten wird nicht legitimer

dadurch, dass ich es in Relation setze mit einem vermeintlich

noch falscheren Verhalten einer anderen Person.

Das Souffeur-Team freut sich auf Ihre Nachricht

⓿n

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SASCHA MICHAELA STEBEGG

HERZENSDIEB

Autoren/Mitwirkende

Gedichte der Liebe

Es gibt sie in Massen

Ich sucht eins für dich

Es wollt keines passen

Ich nahm mich zusammen

So schwer es auch ist

Versuchte Gedanken zu quetschen

In Vers und Reimen mit List

Du hast mich zum Leben erweckt

Mein Licht leuchtet nun heller

Meine Liebe ist nicht versteckt

Mein Herz schlägt viel schneller

In deinen Armen bin ich ich

Da fühl ich mich geborgen

Du bist da, ich seh dich

Nun hab ich keine Sorgen

War ich früher oft zu Tode betrübt

Jetzt, wie Dornröschen, völlig bewusst

Von dir, meinem Prinzen, geküsst

Prall gefüllt mit menschlicher Lust

Mit deinen Küssen bringst du mich klein

Du bist unbeschreiblich lieb

Ich möchte immer bei dir sein

Oh, du mein Herzensdieb

Mit deiner Zärtlichkeit machst du mich schwach

Mit deinen wunderschönen Augen verträumt

Ich träume, ja, jedoch bin wach

Ohne dich hätte ich viel versäumt

Samira Joy Frauwallner/Joy Visual Artistry; Graz

Journalistin, Fotografin, Reisende

Mario Auer; Wien

Autor, Weltreisender, Philosoph

Tanja M. Stern; Graz

Theologin, Schriftstellerin

Lisa Weltzin; Zürich

Künstlerin im Bereich Theater und

Spoken-Word, Erzieherin

Florian Randacher/Flow Bradley; Bad Aussee, Graz

Poet, Schauspieler, Liedermacher, Musiker,

ehemaliger Frontman

der „Ausseer Hardbradler“

und der „B-Funk Family“

Bernhard Reicher; Graz

Schriftsteller, Magier, Seminarleiter

Paul Wiesinger; Lavamünd

Lyriker, pensionierter Landwirt

Ben Leander Willgruber; Graz

Journalist, Visual Designer, Psychologe

Salò; Graz

Songwriter, Musiker, Poet

SuJo; Frankfurt

Künstlerin

Jakob Goldberg; Wien, Graz

Theologe, Philosoph, Künstler

Andrea Schimek-Fischer; Wien

Lyrikerin, Genussexpertin

Benny Ruprecht; Salzburg

Autor, Lehrer

Jakob Georg Hatz; Wien

Autor, Lehrer

Dominik Förtsch; Wien

Schauspieler, Komponist

Sascha Michaela Stebegg; Passail

Autorin, Künstlerin

Du bist das Beste, was mir je passierte

Es gibt nichts Schöneres, als bei dir zu sein

Gefühle – verwirrte

Lass mich nie mehr allein

Ich brauche dich, es ist sehr wichtig

Ich denke nicht nur an mich

Versteh mich bitte richtig

Ich liebe dich!

Kevin Wolf alias Ventus Bitterblossom; Bielefeld

Schriftsteller, Künstler, Schamane

Anna Maria Tauser-Fürpass, Weiz

Malerin, Grafikerin, Masseurin

Andreas P. Tauser; Weiz

Autor, Freelance Journalist,

Musiker, Handwerker

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Blattlinie

Der Souffeur ist ein Medium, das unabhängig

ist von politischen Parteien,

Institutionen, Wirtschaftsbetrieben und

Interessengruppen.

Keine geistige Bequemlichkeit

Als Magazin, Anthologie und Plattform für

unterschiedliche Weltanschauungen tritt

das Medium ein für Meinungsvielfalt,

Meinungsfreiheit und die Schaffung eines

Raumes, in dem unterschiedliche Zugänge

zu verschiedenen Themenbereichen nebeneinander

existieren können. Der

Souffeur steht für Toleranz gegenüber

allen ethnischen und religiösen Gemeinschaften,

für Respekt vor der Verschiedenheit

von Positionen, der Souffeur tritt

auf gegen geistige Bequemlichkeit, gegen

intellektuelle Unbeweglichkeit, gegen jede

Form der Ausgrenzung und Diskriminierung

und gegen jene weit verbreitete

Form der Ablehnung, die passiert auf der

Basis von "Das war schon immer so" und

"Das hat es noch nie gegeben".

Keine Tu-quoque-Argumente

Beitragstexte von Redakteur*innen und

Gastautor*innen dürfen polarisieren, dürfen

unbequem sein, dürfen aber nicht

Sprachrohr sein von politischem

Extremismus und Totalitarismus.

Argumente und inhaltliche Positionen Andersdenkender

dürfen (möglichst sachlich)

angegriffen und zerlegt werden,

Personen selbst aber nicht.

Autor*innen sollen sich an die Vorgabe

halten, Texte und Aussagen nicht auf

Scheinargumente aufzubauen.

(Argumenta ad hominem,

Tu-quoque-Argumente etc.) Literarische

Stilmittel ausgenommen.

Auf diesem Fundament findet im Souffeur

beispielsweise ein Manifest für die Farbe

Weiß seinen Platz neben der schriftlichen

Verneigung vor der FarbeSchwarz oder

Liebeserklärungen für die vielen Grautöne

dazwischen.

Pluralismus

Kritiker des Konzeptes werden sagen:

"Verschiedene Wertemodelle in einem Magazin

führen dazu, dass Vertreter*innen einer bestimmten

Haltung die jeweils andere Position verurteilen

und das Medium somit als Sprachrohr der Gegenposition

ablehnen werden.

Liberalismus und Konservatismus in einem Blatt

sind nicht möglich, weil die eine Seite ob der anderen

empört und entrüstet sein wird."

Chefredakteur Andreas P. Tauser sagt:

"Leser*innen, die ein Medium ausschließlich deshalb

verurteilen und ablehnen, weil es neben ihrer

eigenen Weltanschauung auch diametral ´

zur eigenen Haltung stehende Inhalte

veröffentlicht, laufen Gefahr, sich

Erkenntnisse entgehen zu lassen, die durch die

Konfrontation mit Fremdem und durch geeignete

Diskurse generierbar wären.“

Entrüstung über eine nicht der eigenen Perspektive

entsprechende Betrachtungsweise für sich ist

nichts Verwerfliches. Die Ablehnung einer Position,

die nicht

die eigene ist, ist nichts Negatives, eine

tendenziöse Beurteilung von Umständen und Zusammenhängen

ist nicht zwangsläufig verwerflich.

Das Verteufeln und kategorische Ignorieren von

Medien aber, die neben der eigenen Wahrheit auch

die anderer Menschen publizieren, ist ein Merkmal

jener Zeitgenossen, die ihre eigene Haltung nur

über die Diskreditierung oder das Ignorieren einer

anderen definieren. Selbstdefinition per Feindmarkierung

also gewissermaßen.

Sapere aude!

Der Souffeur verwechselt bei aller Offenheit für

unterschiedliche Weltanschauungen nicht das hohe

Gut der Meinungsvielfalt mit der Verbreitung von

stereotypen und monokausalen Vorstellungen und

populistischem Nonsens.

Richtschnur aller Aktivitäten des Souffeurs sind

das Bewusstsein für Aufklärung und ein humanistisches

Regelsystem.

Als Teil einer Texthandlung oder einer These dürfen

– beispielsweise – Elvis am Leben, Viren und

Holocaust Lügen und die Erde eine Scheibe sein.

Als ernsthaft dargebrachte Behauptung mit Gültigkeitsanspruch

oder als religiöse und politische Lehren

aber widersprechen Theorien der genannten

Gattung dem Wissenskanon des weltoffenen und

geistig regen Menschen und somit der Blattlinie

des Souffeurs.


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Ich glaube,

Neugierde ist der Motor allen Lebens.

Die Blumen drängen aus der Erde, um das Gerücht

von einem strahlend warmen Feuerball am Himmel zu prüfen.

Und die Herzen in unser aller Brust schlagen, um immer und immer wieder zu überprüfen,

ob sie es noch können.

Ronald Lilleg

Impressum | Angaben gemäß § 55 E-Commerce-Gesetz (ECG)

Medieninhaber, Herausgeber: Kunstarbeit Veranstaltungsverein zur Förderung zwischenmenschlicher

Kommunikation e.V. | Poniglstraße 5544 881660 Thannhausen bei Weiz | offce@kunstarbeit.org | +±4433 (0)331 7722

2277 2277 | Steiermärkische Sparkasse: IBAN: AT3333 220881 55000 066199 991033 | BIC: STSPAT22GXXX |Redaktion,

Grafik und Layout: Andreas P. Tauser | PR: Samira Joy Frauwallner | Redigat: Samira Joy Frauwallner |

Dominik Förtsch | Jakob Georg Hatz |

Ausgabe 01: Auflage 022: 5500 Exemplare | Erscheinungsort: 881660 Thannhausen

Für den Inhalt der Beiträge zeichnen die Autoren verantwortlich. Bearbeitung des Titels, Umfangskürzungen

und Textmodifikationen durch die Redaktion ggf. möglich.

Nachdrucke, Herstellung von Vervielfältigungen und Veröffentlichung des Inhalts (Text- und Grafikmaterial)

im Netz sind nur mit ausdrücklicher Erlaubnis des Herausgebers gestattet.

Für unverlangt gesandtes Material wird keine Haftung übernommen.

*1) „Zitatenschatz der Weltliteratur“, © 22010 Anaconda Verlag GmbH, Köln.

Alle Bilder ohne Copyright-Hinweis: www.envato.com

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Didi Bleck:

„Luki Luna und sein neues Leben“

Erschienen im PRIMÄR-Verlag.

Erhältlich im Buchhandel und im Internet

als Hardcover, Taschenbuch und E-Book.

SOUFFLEUR #01/2021

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SOUFFLEUR #01/2021

Bild: Anna Maria Tauser-Fürpaß

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