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Frankreich erleben - Vorschau Heft Nr.82

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DAS UNABHÄNGIGE FRANKREICH-MAGAZIN Nr. 82 · Frühling 2022

TERRITOIRE DE BELFORT · CORRÈZE · PÉRIGORD · CENTRE-VAL DE LOIRE · PARIS

Land-Art XXL

Saype: von Belfort in die weite Welt

Château des Milandes

« Mein Leben, das ist Joséphine! »

Centre-Val de Loire

Eine faszinierende Reise durch eine duftende Welt

Brouage

Die Zitadelle der

geplatzten Träume

Meymac-près-

Bordeaux

Der erfinderische Bluff der

Weinhändler

Umwelt Die schönsten Bäume Frankreichs

Literatur Michel Houellebecq: der Porträtist des Hexagons

Rezept La Madeleine de Proust

www.frankreicherleben.de

Deutschland 6,90 €

Österreich 7,60 €

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Frankreich & Benelux 8,10 €

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EDITORIAL

Liebe Leserin,

lieber Leser,

seit mehreren Monaten müssen wir

alle feststellen, dass die derzeitige

Pandemie in einigen Bereichen

sehr gravierende Preiserhöhungen

nach sich zieht. Die Presse ist davon nicht ausgenommen,

der Anstieg ist zum Teil sogar spektakulär. Die

Papierpreise steigen aufgrund der höheren Preise für

Rohstoffe und Transporte ins Uferlose. Unsere

Lieferanten – mit denen wir echte solidarische

Partnerschaften pflegen – haben uns

aufgrund der für sie ebenfalls schwierigen

Situation alleine für Papier eine Steigerung

von 45 bis 50 % für 2022 angekündigt.

Da schlechte Nachrichten niemals

alleine kommen, setzt die Deutsche

Post, ein unverzichtbarer Partner um

Ihnen, liebe treue Abonnenten, das

Magazin zuzustellen, ihre seit Jahren

andauernde Preissteigerungspolitik

fort. Nicht nur, dass das Porto für

den Versand des Magazins an die

deutschen Empfänger seit 2018

um fast 10 % gestiegen ist, im

selben Zeitraum erhöhten sich

auch die jährlichen Kosten für den

Service « Presse Distribution », mit

dem Verlage günstigere Versandpreise

nutzen können, um 25 %! Dabei ist

noch gar nicht berücksichtigt, dass sich

sowohl die Kosten für die Distribution des

Magazins an den Handel wie auch unsere

eigenen Fahrtkosten im Rahmen unserer

Reportagen aufgrund der gestiegenen

Treibstoffkosten ebenfalls erhöhen.

Kurz, alle Preise steigen, und das in

einem bislang nicht gekannten Ausmaß.

In den letzten Jahren haben wir alles darangesetzt,

Preiserhöhungen nicht an unsere Leser weiterzugeben.

Knapp 14 Jahren blieb der Preis für das Magazin

mit 5,90 € unverändert! Dies ist in unserer Branche

ohne Frage eine Ausnahme, auf die wir meines Erachtens

stolz sein können. Um Frankreich erleben

weiterhin in der bekannten Qualität anbieten

zu können und gleichzeitig ein finanzielles

Gleichgewicht zu bewahren, mussten wir

uns nun jedoch dazu entschließen,

den Preis auf 6,90 € zu erhöhen.

Wir sind uns darüber bewusst, dass

sich diese Steigerung für Sie zu

allen anderen addiert und einen

Einfluss auf Ihre Kaufkraft hat.

Allerdings ist dieser Schritt heute unabdingbar,

um die Unabhängigkeit und den

verlegerischen Anspruch von Frankreich erleben

weiterhin zu gewährleisten und die wirtschaftliche

Grundlage nicht zu gefährden.

Ich hoffe auf Ihr Verständnis für diesen

Schritt und danke Ihnen sehr herzlich für Ihre

Unterstützung und Treue. Genießen Sie den

Frühling und lassen Sie sich von der vorliegenden

Ausgabe, die wir wie immer mit viel Herzblut

erstellt haben, zu neuen Entdeckungen inspirieren!

Titelbild: Im April 2020 realisierte der aus Belfort stammende Künstler

Saype auf dem Gebiet der Schweizer Gemeinde Leysin ein riesiges Fresko

mit dem Titel « Beyond Crisis ». Für das Werk mit einer Fläche von mehr als

3000 m² benutzte er Farben, die aus natürlichen Pigmenten, Kohle und

Kreide bestehen und vollständig biologisch abbaubar sind. In einer Zeit,

die vor allem durch die Coronaviruspandemie bestimmt war, wollte Saype

mit seinem Kunstwerk eine Botschaft voller Hoffnung und Optimismus

in die Welt senden. (Foto: Valentin Flauraud im Auftrag von Saype)

Jean-Charles Albert

Chefredakteur

jc.albert@frankreicherleben.de

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 3


INHALT

Rezept · 90

Loiret · 22

Brouage · 32

Land-Art · 54

Natur · 70

Meymac · 48

Kulturerbe · 80

Château des Milandes · 38

4 · Frankreich erleben · Frühling 2022


Rennes

Nantes

Bordeaux

Rouen

78 · Paris

32 · Brouage

Lille

Straßburg

22 · Chilleurs-aux-Bois

22 · Meung-sur-Loire

Tours

Dijon

48 ·Meymac

Montpellier

Toulouse

Marseille

Lyon

38 ·Château des Milandes

Unterwegs in Frankreich

22 Loiret

Eine faszinierende Rundreise durch

die duftende Welt der Rosen

Das Departement Loiret gilt seit dem 18. Jh. in Frankreich als

Wiege der Rose. Vor einigen Jahren kam man dort auf die Idee,

einen Parcours einzurichten, auf dem Interessierte sowohl

botanische, landschaftliche, kulturelle als auch touristische

Erfahrungen machen und gleichzeitig diesen kleinen Winkel

Frankreichs erkunden können: die Route de la Rose.

32 Brouage

Die Zitadelle der geplatzten Träume

Die Geschichte von Brouage ist die einer Stadt, die einst

eine bedeutende Rolle im europäischen Handel spielte,

bevor sie in Vergessenheit geriet. Sogar der Ozean, dessen

Wasser früher die Befestigungsmauern umspülte,

hat sich inzwischen ganz von ihr zurückgezogen …

38 Château des Milandes

« Mein Leben, das ist Joséphine! »

Joséphine Baker war eine entschlossene und mutige Ikone,

die gegen Nazismus und Rassismus kämpfte. 32 Jahre

lang lebte sie im Château des Milandes, das sie zu einem

« Zentrum der Brüderlichkeit » machen wollte. Heute setzt

sich Angélique de Labarre ebenfalls sehr entschlossen

und mutig dafür ein, dieses Kulturerbe zu schützen und

die Erinnerung an Joséphine lebendig zu erhalten.

48 Pays de Meymac-près-Bordeaux

Der erfinderische Bluff der Weinhändler

Obwohl das friedliche Dorf Meymac knapp 300 Kilometer

von den Weinbergen des Bordelais entfernt liegt, kamen

Bauern dieser Gegend um 1865 auf die Idee, sich für Weinproduzenten

aus dem Bordelais auszugeben. Als regelrechte

« Marketingpioniere » erfanden sie zu diesem Zweck eigens

eine Herkunftsbezeichnung: Meymac-près-Bordeaux

Frankreich heute

54 Land-Art

Saype: XXL-Bilder mit optimistischen Visionen

Der Autodidakt Saype malte bereits auf der ganzen Welt

mit biologisch abbaubarer Farbe riesige poetische Fresken

ins Gras, die eine Lebensdauer von ungefähr einem Monat

haben. Er sprach mit uns über seinen Werdegang und seine

nach wie vor starke Verbindung zum Territoire de Belfort.

66 Literatur

Michel Houellebecq: der Porträtist des Hexagons

Vor Kurzem erschien Michel Houellebecqs achter Roman

mit dem Titel anéantir (Vernichten). Wie immer beim « Star »

der französischen Literatur war dies in Frankreich ein verlegerisches

Ereignis erster Güte, das sorgfältig inszeniert

wurde und dem man sich nur schwer entziehen konnte.

70 Natur

Die schönsten Bäume Frankreichs

Im Rahmen eines Wettbewerbs stehen Jahr für Jahr außergewöhnliche

Bäume im Rampenlicht. Die Besonderheit dieses

Wettstreits liegt vor allem darin, dass diese nicht von Fachleuten

ausgewählt werden, sondern von « Menschen wie du und ich ».

78 Restaurierung

Notre-Dame de Paris: umstrittene Neugestaltung

des Innenraums

Die Restaurierungsmaßnahmen nach dem schrecklichen

Brand der Kathedrale Notre-Dame am 15. April 2019 haben

zu teilweise polemischen Auseinandersetzungen geführt. Ein

Bericht über eine emotional und medial geführte Diskussion

um Kulturerbe, wie nur Franzosen sie führen können …

Art de vivre

80 Kulturerbe

Die Mission photographique hat nichts

von ihrer Aktualität verloren

Im Verlauf des Jahres 2022 werden 200 besondere Fotografen

Frankreich bereisen. Ihre Aufgabe: das Staatsgebiet und

seine Bewohner im Rahmen eines offiziellen öffentlichen

Auftrags der französischen Regierung zu fotografieren.

Der Titel dieser Mission lautet « Röntgenbild von Frankreich:

Blick auf ein Land in der Gesundheitskrise ».

90 Chantals Rezept

La Madeleine de Proust

92 Kulturschock

Der neue zweisprachige Personalausweis

94 Produkt

« Der Geschichtenerzähler » Lunii

Die Geschichte eines kleinen, seltsamen Kästchens im minimalistischen

Design, das Kinder im Alter von drei bis acht

Jahren problemlos bedienen, überall hin mitnehmen und

mit dem sie ihre eigenen Geschichten kreieren können.

3 Editorial

6 On en parle

12 On lit

14 On lit en France

16 On regarde

18 On surfe

20 On écoute

65 Leserbriefe

86 Nach bestellungen

96 Guéwen a testé

98 Impressum

98 Vorschau

Frankreich erleben im Internet: www.frankreicherleben.de

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 5


22 · Frankreich erleben · Frühling 2022


Die Route de la Rose

im Loiret

Eine faszinierende Rundreise durch

die duftende Welt der Rosen

Das Departement Loiret liegt rund 150 Kilometer südlich

von Paris und gilt seit dem 18. Jahrhundert in Frankreich

als Wiege der Rose. Viele Botaniker und Pflan-

zenzüchter wurden vom fruchtbaren Boden und dem

für die Kultur dieser Blume optimalen Klima angezogen

und entwickelten ein fachspezifisches Know-how, aus

dem wiederum ein lokaler Wirtschaftszweig entstand.

Um diesen nach wie vor aktiven Sektor aufzuwerten,

kam das Departement vor einigen Jahren auf die Idee,

eine Route de la Rose einzurichten. Es entstand ein bei-

spielloser Parcours, auf dem man sowohl botanische,

landschaftliche, kulturelle als auch touristische Erfah-

rungen machen und dabei diesen kleinen und häufig

verkannten Winkel Frankreichs erkunden kann.

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 23


UNTERWEGS IN FRANKREICH Nouvelle Aquitaine / Charente-Maritime

Brouage

DIE ZITADELLE DER GEPLATZTEN TRÄUME

32 · Frankreich erleben · Frühling 2022


Die Citadelle de Brouage, auf halbem Weg zwischen Rochefort und der Île

d’Oléron, ist in mehrfacher Hinsicht einen Abstecher wert: Nicht nur, weil der Ort

2017 in den begehrten « Club » der Plus beaux villages de France aufgenommen

wurde, sondern auch, weil sich hinter der ruhigen Atmosphäre der im typischen

Stil der Charente erbauten Häuser eine sehr interessante und bewegte Geschichte

verbirgt. Die Geschichte einer Stadt, die einst eine bedeutende Rolle im

europäischen Handel spielte, bevor sie in Vergessenheit geriet. Sogar der Ozean,

dessen Wasser früher die Befestigungsmauern umspülte, hat sich inzwischen

ganz von ihr zurückgezogen …

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 33


UNTERWEGS IN FRANKREICH Nouvelle Aquitaine / Périgord

38 · Frankreich erleben · Frühling 2022


Château des

Milandes

« Mein Leben,

das ist Joséphine! »

Von den vielen Schlössern im Périgord (Dordogne)

ist das Château des Milandes vermutlich

eines der erstaunlichsten und anziehendsten. Das

1489 erbaute weitläufige Sc hloss ist heute nicht

nur meisterhaft renoviert und unterhalten, sondern

dieses bemerkenswerte Denkmal der Renaissance

ist auch der Ort, an dem sich 1937 eine

der außergewöhnlichsten Frauen des 20. Jahrhunderts

niederließ: Joséphine Baker (1906-

1975). Sie war der erste große schwarze Star der

Geschichte, eine entschlossene und mutige Ikone,

die gegen Nazismus und Rassismus kämpfte. 32

Jahre lang lebte sie an diesem Ort, träumte davon,

ihn zu einem « Zentrum der Brüderlichkeit »

zu machen. Hier erzog sie ihre « Regenbogenfamilie

», die aus 12 Adoptivkindern aus der ganzen

Welt bestand, bevor sie 1969 auf schändliche Weise

zur Räumung gezwungen wurde. Heute setzt

sich eine andere Frau, Angélique de Labarre,

ebenfalls sehr entschlossen und mutig dafür ein,

dieses Kulturerbe zu schützen und die Erinnerung

an Joséphine lebendig zu erhalten.

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 39


FRANKREICH HEUTE Land-Art

SAYPE

XXL-Bilder mit optimistischen Visionen

54 · Frankreich erleben · Frühling 2022


Guillaume Legros, alias Saype – der Name steht für Say und Peace

–, ist mit gerade einmal 32 Jahren bereits einer der weltweit renommiertesten

zeitgenössischen Künstler Frankreichs. Der Autodidakt

mit einer abgeschlossenen Ausbildung als Krankenpfleger

stammt aus dem Departement Territoire de Belfort und begeistert

sich neben Kunst für Ökologie und Drohnen. Auf der ganzen Welt

malte er bereits mit biologisch abbaubarer Farbe riesige poetische

Fresken ins Gras, die eine Lebensdauer von ungefähr einem Monat

haben. 2019 wurde er vom berühmten amerikanischen Magazin

Forbes als « eine der 30 einflussreichsten Persönlichkeiten unter 30

Jahren im Bereich Kunst und Kultur » bezeichnet. Trotzdem ist er

bodenständig geblieben. Er sprach mit uns über seinen Werdegang

und seine immer noch starke Verbindung zum Territoire de Belfort.

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 55


FRANKREICH HEUTE Land-Art

Nebenstehend: « Beyond

Walls, Step 4: Berlin »,

(Deutschland) 2019. Unten:

« Beyond Walls, Step 9: Cape

Town », (Südafrika) 2021; « Un

nouveau souffle », Moléson

(Schweiz) 2021; « Beyond

Walls, Step 10: Ouidah »,

(Benin) 2021. Rechte Seite:

« Beyond Walls, Step 1:

Paris », (Frankreich) 2019.

58 · Frankreich erleben · Frühling 2022


Frankreich erleben · Frühling 2022 · 59


FRANKREICH HEUTE Literatur

Michel Houellebecq

Der Mann, der den Franzosen ins Ohr schreibt

Drei Jahre nach Sérotonine hat Michel Houellebecq, der bekannteste fran zö sische

Gegenwartsautor der Welt, seinen achten Roman mit dem Titel anéantir veröffentlicht.

In Deutschland ist das Buch nur wenige Tage danach unter dem Titel

Vernichten* erschienen. Wie immer beim « Star » der französischen Literatur, war

dies in Frankreich ein verlegerisches Ereignis erster Güte, das sorgfältig inszeniert

wurde und dem man sich nur schwer entziehen konnte. In den Medien waren

bereits – mehr oder weniger überzeugende – Kritiken, Analysen und Interpretationen

in einer Endlosschleife erschienen und hatten leidenschaftliche Diskussionen

ausgelöst. Doch was steckt wirklich hinter dem « Phänomen Houellebecq »?

Vor allem: Wie äußert sich dieser über Frankreich und die Franzosen?

66 · Frankreich erleben · Frühling 2022


Neben dem traditionellen Auftakt der Literatursaison

im September gibt es in Frankreich ein

zweites wichtiges Datum

für literarische Neuerscheinungen,

nämlich die Rentrée littéraire

d‘hiver, die sich ab Anfang

Januar über eine Periode von

acht Wochen erstreckt. 2022 sollen

(laut Livres Hebdo/Electre

Data Services) in diesem Zeitraum

545 französische und ausländische

Romane und Erzählungen

erscheinen, von denen

anéantir von Michel Houellebecq

zweifellos am meisten erwartet

wurde. Wobei das Warten

de facto geschickt inszeniert war:

Erst am 17. Dezember 2021 –

also nicht gerade früh für ein 734

Seiten umfassendes Werk – versandte

der Verlag 600 Exemplare

an die Presse mit der Auflage, bis

zum 30. Dezember (eine Woche

vor dem Erscheinungstag, dem

7. Januar

2022) absolutes Stillschweigen

über die Handlung zu bewahren.

Einige Tage zuvor entstand dann

ein Wirbel um eine (unabsichtlich?)

im Internet veröffentlichte

Raubkopie, genauso

wie es bereits im

Jahr 2015 bei Soumission

der Fall war. Zudem

wurde mit 300 000 Exemplaren

eine spektakuläre

Erstauflage gedruckt

… Alle diese Indizien

lassen darauf schließen, dass Autor und

Verlag (Flammarion) alles darangesetzt haben,

die Leser begierig auf das Buch zu machen. Als

ob dahinter die Absicht stünde, aus dem Roman

ein regelrechtes « Lustobjekt » zu machen, ganz

nach dem Beispiel des amerikanischen Giganten

Apple bei der Lancierung seiner Produktneuheiten … Eine

Marketingtechnik, die bis dato in der Welt der französischen

Literatur nicht sehr verbreitet war …

Doch damit nicht genug der Innovation. Das « Packaging

» von anéantir unterscheidet sich grundlegend von

den bisherigen Werken und macht daraus ein in seiner Art

einzigartiges Buch. Diese Vorgehensweise ist in Frankreich

selten, vor allem in einem derartigen Ausmaß an

Details und Subtilität. Der Unterschied liegt zum einen

im Äußeren: Houellebecq selbst äußerte vor der Veröffentlichung

dem Verlag gegenüber eine ganze Anzahl an

Sonderwünschen, denen man nachgekommen ist: Das

Buch besitzt nun einen für Frankreich absolut ungewohnten

Hardcovereinband; auf der vierten Umschlagseite ist

kein Text, obwohl die Franzosen

gerade die Zusammenfassung auf

der Rückseite äußerst gern lesen;

es enthält ein elegantes rotes Lesezeichen

nach dem Vorbild der

prestigeträchtigen Buchreihe La

Pléiade; das Papier ist besonders

dick und vergilbt daher nicht;

der Text wurde in der eleganten

Schrift Garamond gesetzt, die

einen hohen Lesekomfort bietet.

Es ist also unbestritten, dass –

abgesehen vom Geheimnis um

das Buch – jedes Detail durchdacht,

ja sehr sorgfältig durchdacht

wurde, damit anéantir den

Leser auch optisch sofort in Bann

zieht. Doch sieht man von den

Äußerlichkeiten ab, scheint es,

als ob Houellebecq die Leser vor

allem durch seine Texte verführt.

Es sieht ganz danach aus, als

würde er den Franzosen genau

die Worte ins Ohr flüstern, die sie gerne hören möchten,

die sie in gewisser Weise brauchen …

Gewohnheiten sprengen

Alles begann mit einer sehr besonderen

Positionierung. Michel Houellebecq unternahm

seine ersten Schritte in der Welt der Literatur

zwar mit Gedichten und einem Essay

über den amerikanischen Schriftsteller Howard

Philipps Lovecraft (H. P. Lovecraft. Contre

le monde, contre la vie, Éditions du Rocher,

1991), doch vor allem seine Romane machten

ihn zu dem Phänomen, das er heute ist. Und

dabei lassen sich die Bücher des Schriftstellers,

dessen amerikanischer Verlag Random

House sagt, er sei « der wichtigste französische

Schriftsteller seit Camus », schwierig in die

klassischen Schubladen literarischer Genres

einordnen: Roman, Essay, Dichtung,

Krimi, Biografie, Science-

Fiction … In jedem der Werke

Houellebecqs steckt von allem etwas.

Und genau das ist zweifellos

einer der Gründe für den Erfolg.

Auch anéantir weicht nicht von

diesem Prinzip ab: Mitten im Präsidentschaftswahlkampf

2027 gerät

das Leben des fünfzigjährigen

Paul Raison – ein Träumer und

Einzelgänger – durch den Herz-

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 67


FRANKREICH HEUTE Natur

70 · Frankreich erleben · Frühling 2022


Die schönsten

Bäume

Frankreichs

Es ist einer der sympathischsten Wettbewerbe

Frankreichs: Die französische Forstverwaltung

(ONF) organisiert in Zusammenarbeit mit der

Zeitschrift Terre Sauvage seit rund zehn Jahren

einen Wettbewerb, bei dem – nach einer Vorauswahl

auf regionaler Ebene – der Arbre de

l’Année, der Baum des Jahres, gekürt wird. Der

Wettbewerb existiert im Übrigen auch auf europäischer

Ebene. Im Rahmen dieser Aktion stehen

die außergewöhnlichsten Bäume des Hexagons

im Rampenlicht. Die Besonderheit dieses

Wettstreits liegt vor allem darin, dass die Bäume

nicht von Fachleuten aufgrund ihrer ästhetischen,

biologischen oder historischen Merkmale

ausgewählt werden, sondern dass « Menschen

wie du und ich » Bewerbungen für einen

bestimmten Baum einreichen können. Oft sind

dies Gruppen, beispielsweise eine Familie, eine

Schule oder Bewohner eines Dorfes. Die Bewerbungen

drücken die gemeinsame Verbindung

aus, die diese Menschen zu « ihrem » Baum haben,

den sie auf diese Weise würdigen und

schützen möchten. Daher ist dies mehr als

« nur » ein Wettbewerb, es ist ein humanes

Abenteuer, das Mensch und Natur verbindet.

2021 wurden 200 Bäume präsentiert, wir zeigen

Ihnen die prächtigen Exemplare, die je einen der

vier Preise erhielten.

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 71


FRANKREICH HEUTE Natur

74 · Frankreich erleben · Frühling 2022


3 – P ublikumspreis: der Kastanienbaum

vom Place Audran

Dieser Baum, dessen Alter auf 330 Jahre geschätzt

wird, steht im Herzen des Wohnviertels La Châtaigneraie.

Ursprünglich war er mitten auf einer Wiese

gepflanzt worden. Vom « Wiesenbaum » wurde er also

im Laufe der Jahrhunderte zum « Stadtbaum », worüber

sich die Bewohner ganz besonders freuen. Diese Kastanie

wird Frankreich bei der Wahl zum « Europäischen

Baum des Jahres » vertreten. (www.treeoftheyear.org)

La Celle-Saint-Cloud (Yvelines), Île-de-France

Frankreich erleben · Frühling 2022 · 75


ART DE VIVRE Kulturerbe

Fotografieren im Auftrag des Staates

Die Mission photographique hat nichts von ihrer Aktualität verloren

Im Verlauf des Jahres 2022 werden 200 besondere

Fotografen Frankreich bereisen. Sie wurden

von einer Jury ausgewählt und werden vom

Staat bezahlt. Ihre Aufgabe: das Staatsgebiet und

seine Bewohner im Rahmen eines offiziellen öffentlichen

Auftrags der französischen Regierung

zu fotografieren. Der Titel dieser Mission lautet

« Röntgenbild von Frankreich: Blick auf ein Land

in der Gesundheitskrise ». Auch wenn diese Initiative

heute auf einem politischen Plan zur Unterstützung

der Presse basiert, ist eine derartige

staatliche Auftragsvergabe eine Art Tradition, die

auf das Jahr 1851 zurückgeht. Damals wurden

erstmals fünf Fotografen mit einer Mission photographique

beauftragt.

Heute weiß so gut wie niemand mehr, dass die

Schlösser Chenonceau und Chambord, die Arenen

von Nîmes und Arles, die Kathedralen von Straßburg

und Reims, die Befestigungsmauer von Carcassonne

oder auch das Aquädukt Pont du Gard nicht zuletzt deswegen

herausragende und geschützte Monumente des französischen

Kulturerbes sind, weil fünf Fotografen im Jahr 1851

im Rahmen einer staatlichen Mission in ganz Frankreich

diese und viele andere Denkmäler fotografierten. Bei den

Fotografen handelte es sich um Gustave Le Gray (1820-

1884), Auguste Mestral (1812-1884), Édouard Baldus

(1813-1889), Hippolyte Bayard (1801-1887) und Henri Le

Secq (1818-1882). Sie waren die Pioniere der Mission photographique

– damals Mission héliographique genannt – und

erstellten als Erste im Auftrag des Staates Außenaufnahmen,

um damit ein Zeugnis von den vielfältigen französischen

Monumenten abzulegen und die Bedeutung ihres

Schutzes beziehungsweise ihrer Restaurierung aufzuzeigen.

Auf diese Weise leisteten die fünf mit ihrer Arbeit einen

Beitrag dazu, dass sich der Begriff « Kulturerbe » in Frankreich

im Bewusstsein der Menschen verankerte.

80 · Frankreich erleben · Frühling 2022


ART DE VIVRE Rezept

Als Marcel Proust noch ein Kind war, gab ihm seine Tante immer

kleine Madeleines, die sie in Tee eintunkte. Als Erwachsener machte

der Schriftsteller zufällig die Erfahrung, dass der Geschmack eines

Madeleines bei ihm Erinnerungen an seine Kindheit wachrief. Das

Phänomen, dass eine Erinnerung an die Vergangenheit plötzlich

durch etwas ganz Alltägliches ins Gedächtnis gerufen wird – in diesem

Fall durch den Geschmack oder Geruch eines einfachen Gebäcks –

inspirierte Proust zu einem seiner berühmtesten Texte in « Der Weg

zu Swann », dem ersten Band der « Suche nach der verlorenen Zeit ».

Seitdem ist « La Madeleine de Proust » ein geläufiger Ausdruck in

der französischen Sprache, mit dem man etwas bezeichnet, das mit

einer subjektiven Erinnerung verbunden ist. Abgesehen davon ist das

kleine Gebäckstück in Muschelform, das ursprünglich aus Commercy

(Lothringen) stammt, nach wie vor ein Klassiker der französischen

Patisserie. Es ist zeitlos, und sowohl Klein als auch Groß verzehren

es gerne als Nachmittagsimbiss zu einem Tee oder einer heißen

Schokolade. Auch ich mag es so am liebsten. Bonne dégustation!

La Madeleine

de Proust

Für ca. 24 Madeleines

Zubereitung: etwa 20 Minuten

Kühlzeit: mindestens eine Stunde,

im Idealfall 12 Stunden

Backzeit: 10 Minuten

90 · Frankreich erleben · Frühling 2022

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