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Tim Roßberg | IMAGINED DIMENSIONS

Wechselnde, international arbeitende Künstler*innen interpretieren die historischen Räume mit Licht und Farbe und begeistern die Besucher in den Wintermonaten mit beeindruckenden Lichtinstallationen. In dieser Saison wird der deutsche Künstler Tim Roßberg unter dem Titel »Imagined dimensions« die Räume im DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst durch Lichtprojektionen und Sounds in Bewegung setzen. Audiovisuelle Inszenierungen geben Anlass über unsere Vorstellungen von Raum zu reflektieren. Die installativen Arbeiten erweitern die gegebene Architektur des Ortes und unsere Erfahrungswirklichkeit um weitere Dimensionen. Tim Roßberg gestaltet aus Licht, Videoprojektion, Objekt und Sound Hybridwerke, die vielschichtige Bild- und Wirkungsräume offenbaren. Sie oszillieren zwischen kühlem Konstruktivismus, sinnlicher Inszenierung und kosmischer Unendlichkeit. Speziell für das Kloster Gravenhorst konzipiert, vergegenwärtigen die raumfüllenden Environments Realität und Imagination — Eine Einladung an die Sinne.

Wechselnde, international arbeitende Künstler*innen interpretieren die historischen Räume mit Licht und Farbe und begeistern die Besucher in den Wintermonaten mit beeindruckenden Lichtinstallationen.

In dieser Saison wird der deutsche Künstler Tim Roßberg unter dem Titel »Imagined dimensions« die Räume im DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst durch Lichtprojektionen und Sounds in Bewegung setzen. Audiovisuelle Inszenierungen geben Anlass über unsere Vorstellungen von Raum zu reflektieren. Die installativen Arbeiten erweitern die gegebene Architektur des Ortes und unsere Erfahrungswirklichkeit um weitere Dimensionen. Tim Roßberg gestaltet aus Licht, Videoprojektion, Objekt und Sound Hybridwerke, die vielschichtige Bild- und Wirkungsräume offenbaren. Sie oszillieren zwischen kühlem Konstruktivismus, sinnlicher Inszenierung und kosmischer Unendlichkeit. Speziell für das Kloster Gravenhorst konzipiert, vergegenwärtigen die raumfüllenden Environments Realität und Imagination — Eine Einladung an die Sinne.

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Tim Roßberg | IMAGINED DIMENSIONS


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INH


EINFÜHRUNG 8—13

Vorwort | Tim Roßberg 8—9

Einführung | Sara Dietrich 10—13

IMAGINED DIMENSIONS 14—33

IM MUSEALEN RAUM 34—49

Museumsquartier Osnabrück | Entglitten 36—41

Germanisches Nationalmuseum Nürnberg 42—43

Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück 44—47

Galerie F6, Schöppingen 48—49

ALT

NEUE ORTE 50—73

KUNST IM ÖFFENTLICHEN RAUM

Fallen 52—57

Transforming space 58—63

Facelift 64—67

Diverse Projekte 68—73

EXPERIMENTE MIT 74—89

LICHT, SOUND & ARCHITEKTUR

Lightroom Serie 75—81

In transit 82—83

Insides 84—85

Scanner lines 86—87

Ephemere Achsen 88—89

KURATORISCHE PROJEKTE 90—133

Lichtsicht 7 Projektionstriennale 94—107

Martin Hesselmeier — Poesie der Materie 108—113

Smart Nature 114—117

European Media Art Festival INIT 118—118

Tangency / So urban! 120—123

Shining_Gap | Festival für Lichtkunst 124—133

ANHANG & BIOGRAPHIE 134—143


LICHT

RAUM

ILLUSION



Tim Roßberg

WAS

WILLSTE‘

MACHEN?

Die Einladung, eine Einzelausstellung in einem etablierten

Kunsthaus zu erarbeiten, wenn das gesamte Gebäude

samt professionellem Team und Fördermittel bereitstehen,

war für mich das reinste Vergnüngen. Mit großem planerischen

und materiellen Aufwand wurde die Schau vorbereitet.

Während der Aufbauphase kristallisierte sich immer mehr

heraus, dass das Ausstellungshaus coronabedingt keinen Publikumsverkehr

zulassen darf. Letzlich gab es keinen einzigen

Öffnungstag. Die fertig installierte Ausstellung existierte

zwar, konnte aber nicht erlebt, rezipiert oder wahrgenommen

werden. Wenn der Kern der Auseinandersetzung sich genau

mit ebendieser Wahrnehmung, der physischen Konfrontation

von Werk und eigener Empfindung beschäftigt, ist die Situation

zusätzlich enttäuschend. Aber, was willste‘ machen?

Natürlich wollte ich die Ausstellung dennoch möglichst ideal

aufbauen, obwohl mir bewusst war, dass sie abgesehen vom

Team des Kunsthaus Gravenhorst von niemandem erlebt werden

kann. Umso größer war die Motivation, das Projekt in

Form dieses Kataloges zu dokumentieren.

Sie halten nun meinen buchgewordenen Versuch, die Ausstellung

„Imagined Dimensions“ mitzuerleben in den Händen.

Auf vielen Seiten werden Sie QR-Codes finden, die dazu einladen,

die abgebildeten Kunstwerke zusätzlich als Videos zu

erleben. Die Konzeption, Gestaltung und Produktion des 136

Seiten starken Kataloges fand überwiegend in der Lockdownphase

im Frühjahr 2021 statt. Viel Vergnügen beim Lesen,

QR-Codes Scannen, Durchblättern.

8


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Sara Dietrich

IMAGINED

DIMENSIONS

Tim Roßberg | Imagined Dimensions

Winterlicht-Ausstellung im DA, Kunsthaus

Kloster Gravenhorst | 29.11. – 14.02.2021

Imagined Dimensions ist zugleich Titel der Ausstellung,

wie auch programmatischer roter Faden

der Winterlicht-Ausstellung im DA, Kunsthaus

Kloster Gravenhorst. Das 1256 gegründete

Zisterzienserinnenkloster im nördlichen Münsterland

präsentiert als Kunsthaus seit 2004

zeitgenössische, spartenübergreifende Kunst im

Spannungsfeld ortsspezifischer Setzungen und

historischem Kontext. Das Format „Winterlicht“

versteht sich als Ausstellungsreihe zeitgenössischer

Lichtkunst, die seit 2006 als fester

Bestandteil im jährlichen Kunstprogramm im

Innen- und Außenraum des ehemaligen Klosters

Werke international renommierter Lichtkünstler*innen

zeigt.

Die besondere Art der Raumerfahrung in den

Winterlicht-Ausstellungen ist geprägt durch

den künstlerischen Eingriff mittels der immateriellen

Medien Licht, Sound und Video. Dabei

gehen die künstlerischen Arbeiten unmittelbar

in Dialog mit der historischen Architektur

und den räumlichen Besonderheiten, wie dem

Klangvolumen, der Raum-und Lichtausdehnung.

An dieser Stelle setzt Tim Roßberg mit

seiner Ausstellung „Imagined Dimensions“ an,

die die Räume des DA, Kunsthaus durch audiovisuelle

Inszenierungen in Bewegung, gar ins

Vibrieren bringen. Die Grenzen vom sinnlich

erfahrbaren Raum und unsere Vorstellungen

von Räumlichkeit beginnen sich zu verschieben,

auseinander zu driften und einen Blick in weitere

Dimensionen zu imaginieren. Diese Erweiterung

der Erfahrungswirklichkeit lagert genau an dem

Punkt, zwischen Faszination und Beklemmung,

maximaler Ausdehnung und Leere – und schafft

so eine spannungsgeladene Intensität, die körperlich

spürbar ist.

Dieses Erleben resultiert aus der punktgenauen

Konzeption von Sound- und Licht-Animation im

Bezug zum räumlichen Kontext, die gleich einer

Partitur die Ausstellung rhythmisiert. Die weiträumige

Lichtinstallation Entglitten im großen

10


Saal markiert den Ankerpunkt. Als Projektionsfläche

und gleichzeitig raumbildendes Element

nimmt die Konstruktion in der Formgebung eines

Diptychons nahezu die gesamte Breite des

Raumes ein. Ähnlich zweier Flügel öffnet sie sich

dem Betrachtenden, lenkt die Aufmerksamkeit

zur Mitte hin und unterstützt damit die sogartige

Wirkung der präzise eingepassten Projektion.

Während sich die Formen und Strukturen

dem Zuschauenden immer wieder entziehen, so

scheint die Mitte stabiler Fixpunkt zu bleiben –

hier laufen die ephemeren Lichtgebilde gleichzeitig

zusammen und dehnen sich wieder aus.

Dieser pulsierende Rhythmus findet sich auch

in dem Sound der audiovisuellen Arbeit wieder.

Die Projektion dehnt sich dabei ähnlich dem

Klang über architektonische Grenzen hinaus

und erstreckt sich bis auf den Boden. Die dort in

Rot projizierten Flächen schaffen eine Verbindung

zum roten Licht im inneren Dachfirst und

setzen die Architektur des Klostergebäudes in

Beziehung zu den immateriellen Strukturen der

Projektion. Eher zart und meditativ erscheint

die Videoanimation Lichtinsel auf dem Boden,

die eine Art Kontrapunkt zur raumgreifenden

Installation darstellt. Die Faszination liegt in der

kreisenden Dynamik, die sich im harmonischen

Rhythmus von konzentrischen, über spiralförmigen

bis hin zu elliptischen Bewegungen stetig

verändert. Ohne End- und Anfangspunkt

kreisend um ein schwarzes Loch, übertragen die

Lichtinseln einen Eindruck der Ruhe und Ehrfurcht.

Dies mag in dem verwendeten Maßstab

begründet liegen – den Bewegungen liegen keine

geringeren Daten zugrunde als die unserer

Galaxie und ihrer Dynamik.

Auch die Videoanimation Cosmic depth thematisiert

eine Dimension jenseits unserer Vorstellungskraft

und setzt den realen Raum und seine

naturgegebenen Begrenzungen ins Verhältnis

zu einem Moment der Unendlichkeit. Mittels

einer schwebenden Projektionsfläche und der

akribisch darauf eingepassten Videoanimation

wird eine scheinbar unendliche Weite suggeriert

– wieder zurückgenommen, erneut aufgebaut,

umgekehrt um sich dann wieder zu öffnen. Takt-

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geber für das dynamische Spiel mit den Dimensionen

ist der Sound, der den Betrachtenden

von vorne und hinten umklammert und stärker

in die illusorischen Bildwelten hineinzieht.

Die Vorstellung von Dimensionen, als das leitende

Thema der Ausstellung, erfährt in der

Lichtinstallation im Gewölbe eine haptischere

Umsetzung. Lichtbänder ziehen sich durch den

gesamten Raum, bewegen sich scheinbar unbeirrt

von tragenden Mauern und Decken durch

die Architektur hindurch und schaffen eine

neue Gliederung. Im ambivalenten Dialog mit

den architektonischen Gegebenheiten werden

die charakteristischen Wölbungen an einer Stelle

betont und unterstrichen, an anderer Stelle

zerschneidet das Lichtband gedanklich die feste

Struktur und bahnt sich seinen eigenen Weg.

Noch näher an die Realität und ihre erfassbaren

Maßstäbe geht die Installation im Remter heran,

die den Betrachtenden mit ihrem unbewegten

Auftreten und der vergleichsweise enormen

Helligkeit überrascht. In der Form einer Materialcollage

oder eines Kulissenbaus entsteht eine

Mikroarchitektur, die mittels vielschichtiger

Durchbrüche und Überlagerungen sensible Perspektiven

erschafft. Die Dynamik kreieren die

Betrachtenden hier selbst durch das Abgehen

der Installation, das nah kommen und wieder aus

der Ferne betrachten.

Das Kunsthaus-Gebäude steht mit dem Außenraum,

der weiträumigen Klosteranlage, im engen

Dialog. Diese mögliche Verzahnung von Innen

und Außen greift die ortsspezifische Dynamik

auf und führt zu einer Erweiterung des Ausstellungsdisplays.

Die mit der Corona-Pandemie

einhergehenden Restriktionen veranlassten Tim

Roßberg, seine Videoinstallation Entglitten im

Westflügel in dem Sinne auszudehnen, dass der

Sound über außenangebrachte Lautsprecher in

den Umraum des Klosters drang. Durch die großen

Flügeltüren war zudem ein visuelles Erleben

möglich.

Schwarz-Weiß, Materie-Leere, On-Off – wie

ein Code zieht sich das Rhythmische durch

die gesamte Ausstellung. Die Installationen

oszillieren zwischen kühlem Konstruktivismus,

sinnlicher Inszenierung und kosmischer Unendlichkeit.

Speziell für das Kloster Gravenhorst

konzipiert, vergegenwärtigen die raumfüllenden

Environments Realität und Imagination — eine

Einladung an die Sinne und unsere Vorstellungskraft.

Sara Dietrich

Stellv. Leiterin DA, Kunsthaus Kloster Gravenhorst

Fotos: Michael Jezierny

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» Schein und Sein sind auf verschiedenen

Ebenen hochgradig

spannend für meine Arbeit. «

Tim Roßberg


Fotos: Michael Jezierny

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O.T.

Lichtinstallation, 2020

Scheinbar pures Licht durchtrennt,

rhythmisiert und gliedert

die gegebene Architektur. Der Reiz

der Arbeit entfaltet sich insbesondere

in den Bereichen, in denen sie

nicht existiert — In den bewusst gesetzten

oder durch die Stützpfeiler

des Klostergewölbes vorgegebenen

Unterbrechungen.

Unsere Wahrnehmung vervollständigt

die unsichtbaren Strecken

der Lichtlinie und imaginiert deren

scheinbare Kontinuität. Die in den

Raum gezeichneten Richtungen reagieren

in ihrer Dynamik unmittelbar

auf die Umgebung. Einerseits

betonen sie die Wölbungen der Decken,

anderseits widersetzen sie sich

diesen als gegenläufge Intervention.

Fotos: Angela von Brill

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LICHTINSEL (rechts)

Videoanimation im Loop, 2020

Licht ist nicht nur praktischer

Helfer im Alltag und potentiell

kreatives Gestaltungsmaterial,

vielmehr hat es alle Gebiete der

Wissenschaft und Technologie

tiefgreifend beeinfusst. Von den

frühen Versuchen, die Bewegung

der Sterne und Planeten zu verstehen,

bis hin zum Verständnis

der Bedeutung des Lichts in der

Biologie oder Medizin. Licht vom

Urknall bietet uns z.B. eine Vorstellung

vom Ursprung des Universums.

Die Heimatgalaxie des

Sonnensystems ist die Milchstraße,

in der die Erde samt unzähliger

Planeten verortet ist. Sie stellt nur

einen verschwindend geringen Teil

des Weltalls dar. Von der Erde aus

lassen sich mit aktueller Technik

mehr als 50 Milliarden Galaxien

beobachten.

Es ist das Licht, dass die Himmelskörper

sichtbar macht und uns

beim Anblick des Nachthimmels

eine Ahnung von den Dimensionen

des Kosmos vermittelt. In

kreisender Dynamik, getrieben

von gravitativen Kräften, definieren

die astronomischen Objekte

das Zentrum der Galaxie: Ein

schwarzes Loch. Sie zeichnen spiralförmige

oder elliptische Bewegungen

in die unendlichen Weiten

des Alls und bilden sogenannte

Lichtinseln.

Die sich unendlich transformierende

Bodenprojektion erlaubt ein

physisches Betreten dieser Insel.

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ENTGLITTEN

Übereck-Projektion, HD-Video mit Sound

3:25 Min, 2020

Etwas nicht Greifbares, ephemeres füllt die Räume

des ehemaligen Klosters: elektronische Sounds

fluten den Ausstellungsort und manifestieren sich

in einem orchestrierten Intervall von energievollen

Lichtimpulsen. Die für den Ausstellungsraum maßgeschneiderte

Videoprojektion ist eine Weiterentwicklung

der Arbeit „Entglitten“, die 2018 im großen Saal

des Museumsquartiers Osnabrück gezeigt wurde.

Das Zusammenspiel aus Projektion und Sound erzeugt

einen pulsierenden Wirkungsraum, dessen

architektonische Tiefe durch die Anordnung der Projektionsflächen

zusätzlich gesteigert wird. Im Dialog

mit dem Ausstellungsort realisiert sich das Video auf

einer diptychonartigen, zweiflügeligen Wand und erinnert

durch die raumöffnende Konstruktion an eine

Altarsituation.

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»Zwischen der Wirkung am

Computer und jener, die sich

im Raum physisch erleben

lässt, liegen Welten.

Irgendwo dazwischen lässt

sich das Wesen meiner

Arbeit aufspüren.«

Tim Roßberg

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O.T.

Lichtinstallation, 2020

Die intuitiv konzipierte Installation bündelt

Vorstellungen von Räumlichkeit und deren

Gestaltungsmittel: Linie, Fläche, Form, Muster,

Licht und Schatten. Die Arbeit oszilliert

zwischen Mikroarchitekur, Kulissenbau und

freier Materialcollage — Eine Art erweiterte

Bildhauerei.

Der Ausstellungsraum, der einst als Speisesaal

genutzt wurde, ist essenzieller Bestand der

Arbeit und bildet mit der temporär ein- gezogenen

Kunst eine Einheit. Der Ort wurde bei

der Gestaltung der Installation vom Künstler

mitgedacht und soll auch vom Betrachter auf

diese Weise erlebt werden.

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Foto: Michael Jezierny


» M anchmal sind

es die letzten

Handgriffe, die

alles vollenden

oder ruinieren.«

Tim Roßberg

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KUNST IM

MUSEALEN

KONTEXT

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Dr. Mechthild Achelwilm

Das Felix-Nussbaum-

Haus pulsiert

Tim Roßberg im Osnabrücker Felix-Nussbaum-Haus: „Entglitten“

D

ie leeren Museumsräume werden von Tim Roßberg, Lichtkünstler

und Kurator, durch Lichtprojektionen und Sounds in Bewegung

versetzt. Speziell auf die verschiedenen Räume abgestimmte

Lichtinszenierungen gehen sensibel auf die unterschiedlichen Raumatmosphären

ein. Mal ziehen sie die Besucher*innen magnetisch in die

Räume, dann rhythmisieren sie des Besucher*innen Gang, potenzieren

in ihnen liegende Empfindungen oder schaffen an anderer Stelle

kontemplative Ruhezonen. Spannungsvolle Lichtlinien und Raster

schweben über die Architektur und scheinen den ruhenden Wänden

Atem einzuhauchen. Am Ende des 20-tägigen Jubiläumsprogramms

schickt Tim Roßberg das Gebäude selbst auf die Bühne und lässt über

die neu entdeckten Seiten staunen.

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Planraum

Museumsquartier Osnabrück


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Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Kuratiert von Pirko Julia Schröder, 2017

MÄANDER

Sobald es in der Kartäuserkirche dunkel ist, wird der Sandsteinboden

zur Projektionsfläche. Die audiovisuelle Installation

„Mäander“ skizziert mögliche Routen durch den

Raum, die sich als Irrwege entpuppen und die Frage nach

dem richtigen Weg stellen. Die dynamischen Linienkompositionen

werden zunehmend rasanter und lösen sich in einer

Flut aus Licht und Sound auf, die die Wahrnehmung der Besucher*innen

auf die Probe stellt. Lichtstrahlen stellen eine

Verbindung zwischen den Besuchern und dem Ort her. Das

Durchschreiten und Wahrnehmen der Szenerie wird zum

Abenteuer mit hypnotischer Wirkung.

Ausstellungstext, Germanisches Nationalmuseum Nürnberg

Vorausgegangen ist der Installation in Nürnberg eine Testversion,

die im Rahmen der Lichtkunstnacht 2017 im Künstlerdorf

Schöpping präsentiert wurde (nächste Seite).

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Scanner Lines III

Kunstpreis-Ausstellung

Felix Nussbaum Haus,

Osnabrück, 2017.

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Scanner Lines III

Felix Nussbaum Haus,

Osnabrück, 2017

Scanner Lines II

Wasserbecken, 180°-

Projektion, Sound

Bürgergehorsam, Turm

Osnabrück, 2015

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KUNST IM

ÖFFENT—

LICHEN

RAUM

NEUE

ORTE


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Foto: Timo Bourdon


Museumsquartier, Osnabrück 2020

FALLEN

Roßberg und Wamhof beschäftigen sich in ihrer

Videoarbeit mit der Mehrdeutigkeit von

‚fallen‘. Einerseits mit der Bewegung des Fallens

und andererseits mit der zeitlichen Dimension.

Zahlreiche Gegenstände gleiten vom oberen Rand

der vertikalen Architektur hinunter ins Nichts.

Die Geschwindigkeiten der Fallbewegungen der

Objekte entsprechen jedoch nicht den Erwartungen.

Der Begriff der ‚Slow Motion‘ wird sinnlich

erfahrbar. Fällt ein leichtes Blatt schneller als

eine schwere Billardkugel zu Boden, entsteht ein

thematisch offenes Feld. Das Zusammenwirken,

der Rhythmus und die Reihenfolge der überwiegend

fallenden Gegenstände beeinflussen

das Narrativ und fordern, auch durch den Realisationsort,

eine Neuinterpretation. Eines haben

die Objekte zudem gemeinsam: Sie alle wurden

unserem Alltag entnommen und sind uns sehr

vertraut. In der Vergrößerung und begleitet von

kosmischen Sounds verändern sich die Wirkung

und der Symbolgehalt der Gegenstände. Das

vertikale Museum des Felix-Nussbaum-Hauses

wird zum Träger der Projektion und definiert den

Aktionsraum der Fall-Studien. ‚fallen‘ spielt mit

den Erwartungen des Publikums und hebelt die

Naturgesetze der Gravitationskraft auf poetische

Weise aus. Ein vertikal angelegtes Ballett aus Alltagsobjekten

bespielt die gegebene Architektur.

Christine Wamhof, geboren 1971 in Osnabrück,

† 2020 in Osnabrück.

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Koproduktion: Roßberg / Wamhoff: Fallen

2019/2020

Foto: A. Havergo

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TRANSFORMING

Das Blühen der

Geometrie

SPACE

Kulturnacht 2018, Rathausplatz Osnabrück

Drei Hochleistungsprojektoren bespielen die umliegenden

Fassaden des Marktplatzes und lassen sie für die Dauer der

Kulturnacht in einem neuen Licht erstrahlen. Dabei werden Details,

Dimensionen und Farbigkeiten des Ortes in den Fokus der

Aufmerksamkeit gerückt. Geometrische Linienkompositionen

tasten die Gebäude ab und reagieren auf deren charakteristische

Merkmale. Architekturen werden transformiert, Größenverhältnisse

verschoben.

Der Ort wird zu einem verdichteten Licht- und Erfahrungsraum,

der sich verstärkt durch experimentell-elektronische Sounds audiovisuell

erleben lässt. Klang und Projektion sind exakt aufeinander

abgestimmt und geben dem Raum eine temporäre Energie

und Spannung – Frei nach Goethe: „Die Stimmung, die von der

Baukunst ausgeht, kommt dem Effekt der Musik nahe“.

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» Die Stimmung,

die von der Baukunst

ausgeht, kommt dem

Effekt der Musik nahe. «

Johann Wolfgang von Goethe



Transforming space

Kulturnacht 2018,

Osnabrück

Foto: Angela von Brill.

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European Media Art Festival

Osnabrück 2016

FACELIFT

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Fotos: Timo Bourdon



Facelift, 2016

Foto: Timo Bourdon


Finde dein Licht

Kloster Gravenhorst, Rheine

2018

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Tapetenwechsel

Schöppingen, 2018

70


O.T.

Hochschule Osnabrück

2015

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Visualisation for Chopin

Künstlerdorf Schöppingen, 2013

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Fassadenprojektion

Schöppingen, 2013

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Simple structures

Hafen Osnabrück

EXPERIMENTE

MIT LICHT,

SOUND UND

ARCHITEKTUR.

74


Roomlight

Kinetische Lichtskulptur

Galerie Stadtcafé,

Osnabrück 2013.

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Lightroom

One night stand

Hafen Osnabrück, 2012

Foto: Karsten Michaelis.

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Lightroom

One night stand,

Hafen Osnabrück, 2012

Foto: Karsten Michaelis.

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Roomlight

Stadtgalerie Osnabrück, 2013

Foto: Tim Roßberg

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Between

Random Thoughts of a Daily Light

Kunstverein Weißes Haus

Wien, 2015.

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In Transit

Interaktive Lichtinstallation,

Schöppingen 2014

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Insides

Das Richtfest

Radolfzell / Konstanz

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Scanner Lines

Galerie F6,

Schöppingen, 2014

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Ephemere Achsen

Künstlicher Nebel, Spiegel, Licht

Schöppingen, 2013.

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KURATORISCHE

PROJEKTE


» An exhibition is in many

ways a series of conversations.

Between the artist and

viewer, curator and viewer,

and between the works of art

themselves. It clicks when

an exhibition feels like it has

answered some questions,

and raised even more. «

— Thelma Golden


Neben der eigenen künstlerischen Praxis arbeitet

Tim Roßberg seit 2017 auch als Kurator und

widmet sich zunehmend der Präsentation zeitgenössischer

KünstlerInnen. Den Startschuss in diesem

Tätigkeitsfeld markiert die Gründung des Shining_Gap

| Festival für Lichtkunst. 10 eingeladene

Künstlerinnen und Künstler bespielten den Botanischen

Garten Osnabrück und lockten an nur vier

Öffnungstagen rund 3.500 BesucherInnen in die

Open-Air-Ausstellung.

KURATORISCHE

PROJEKTE

Die Erfahrungen, die er dabei sammelte und der unerwartet

große Erfolg des Festivals motivierten und

inspirierten zu neuen Projekten. Es folgten verschiedene

Ausstellungen wie zum Beispiel die Einzelausstellung

„Martin Hesselmeier — Die Poesie der Materie“

im Kunstraum hase29. Zusammen mit Prof.

Dirk Manzke und Elisabeth Lumme organisierte Tim

Roßberg mit „Tangency“ ein Projekt im öffentlichen

Raum, das seine Erweiterung in der Gruppenausstellung

„So urban“ fand. Die Ausstellung „Smart

Nature“ wurde ebenfalls in einem Kuratorenteam —

gemeinsam mit dem langjährigen Marta-Kurator Dr.

Michael Kröger und Elisabeth Lumme — realisiert.

Beauftragt vom European Media Art Festival leitete

Tim Roßberg 2018 den Media Campus und organisierte

an verschiedenen Orten in Osnabrück Ausstellungen,

darunter auch Werke von Studierenden,

die im Rahmen seiner Lehrtätigkeit an der Universität

Osnabrück entstanden sind.

M

it rund zwei Jahren Vorbereitungszeit ist die

international renommierte Lichtsicht 7 Projektionstriennale

in Bad Rothenfelde das bislang

größte und einflussreichste Projekt, das Tim Roßberg

zusammen mit dem Künstler und Professor Michael

Bielicky von der Staatlichen Hochschule für

Gestaltung Karlsruhe durchführte. Weltberühmte

Stars der Videokunst wie u.a. Jeffrey Shaw, Eija-Liisa

Ahtila, Wang Dongling, Natalie Bookchin, Refik

Anadol und Julius von Bismarck nutzen die Dornenwände

der Gradierwerke und der Salinen als größte

Leinwand Europas und schaffen eine 1000 m lange

Galerie im öffentlichen Raum. Coronabedingt wurde

die Lichtsicht 2020 nach nur 10 Tagen beendet

(übliche Laufzeit vier Monate). Beim Restart der

Lichtsicht 7 wird Tim Roßberg im Herbst/Winter

2021/2022 erneut den Posten des Projektleiters

bekleiden.

92


Während der Künstler in der ersten Reihe steht und

sich durch seine Werke am zeitgenössischen Kunstgeschehen

beteiligt, liegt die Aufgabe des Ausstellungsmachers

darin, in Form einer Sekundär-Existenz im

Schatten der KünstlerInnen zu agieren, um das übergeordnete

Narrativ einer Schau zielorientiert in die Welt zu

setzen - aber stets in unmittelbarer Beziehung zur Kunst.

Die Vorbereitung einer Ausstellung ist aufgrund der unzähligen

Schritte ein mühsamer, aber höchst befriedigender

Prozess, wenn das Abwägen und Verwerfen, die

Komposition der Show und das Arrangement der einzelnen

Arbeiten sich spätestens bei der Eröffnung zu einem

beabsichtigten Erlebnis finalisiert.

Als Künstler-Kurator ist man keiner Institution, Sammlung

oder Tradition verpflichtet und kann seinen eigenen

kunsthistorischen Kontext schaffen. Trotz aller künstlerkuratorischer

Freiheit ist das Wissen über Methoden und

Werkzeuge der Museumsdidaktik sehr dienlich und hilft

dabei, Arbeiten zu erläutern, sie zielgruppenorientiert zu

vermitteln, sie letztlich zum Sprechen zu bringen

Ein besonderer Reiz der Doppelfunktion als Künstler und

Kurator liegt außerdem darin, beide Perspektiven mit den

jeweils entsprechenden Erwartungen, Anforderungen und

Bewertungskriterien zu kennen.

»Zwischen den

Stühlen fühle

ich mich am

wohlsten.«

v.l.n.r. Christian Meyer (Technischer Leiter),

Michael Bielicky (Kurator), Tim Roßberg

(Projektleiter). Foto: Angela von Brill.

Auf die Frage eines Journalisten, welche Rolle Tim Roßberg

am meisten gefällt: Die des Künstlers, des Lehrers, des Kurators ...

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Lichtsicht 7 Projektions-Triennale

2020/21 (Wiederholung 2021/22)

Das Experiment

geht weiter

Ein Erlebnisbericht von Dr. Sabine Weichel-Kickert

Es ist 18:00 Uhr – Ankunft in Bad Rothenfelde, Nordseite des

Neuen Gradierwerkes: Nach einem Regentag öffnen sich die

Wolkenschichten und die durchbrechende Sonne verbreitet ein

apokalyptisches Licht über dem Kurort, der sich für die große Eröffnung

der Projektions-Triennale Lichtsicht 7 gerüstet hat.

19:30 Uhr – Es ist schon dunkel, aber die cyanblauen Lichtstreifen

entlang der Projektoren beleuchten die Szenerie. Sie korrespondieren

mit dem Laserstrahl, der vom Kurmittelhaus aus seine

Lichtbotschaft in den Abendhimmel sendet und den Menschen

den Weg zur Lichtsicht 7 zeigt. Auf der gesamten Länge des Gradierwerkes

weht jetzt ein virtueller blauer Bühnenvorhang, der

das Ereignis, untermalt von Varietémusik, ankündigt. Überall sind

Menschen unterwegs, Familien mit Kindern, ältere Menschen mit

Gehhilfen, junge Leute – alle ganz diszipliniert mit Mundschutz,

wie es die neueste Auflage des Sicherheitskonzeptes verlangt.

Das Team des NDR Fernsehens hat sich auf der Wiese aufgebaut

und wartet auf eine Liveschaltung, die den Bürgermeister, Klaus

Rehkämper, zur besten Sendezeit für die Zuschauer Zuhause, zu

Wort kommen lassen soll.

20:00 Uhr – der Countdown hat begonnen, die Uhr läuft rückwärts,

immer mehr Menschen versammeln sich auf der Wiese

vor der virtuellen Bühne, die Musik schwillt dramatisch an, bis

sich um 20:30 Uhr der Vorhang öffnet. In einem fulminanten

filmischen Rückblick wird in 4:40 Minuten die Geschichte der

Lichtsicht von ihrem Beginn 2007 bis heute in einer temporeichen

Text-Bild- Collage vermittelt. Sie endet mit dem Satz: „Das

Experiment geht heute weiter.“ Dies ist ein erster emotionaler

Höhepunkt der Vernissage, der vom Publikum mit großem Beifall

belohnt wird. Christian Meyer, der technische Leiter, von Anfang

an dabei, hat diesen gelungenen filmischen Auftakt aus dem

Archivmaterial zusammengeschnitten.

21.00 Uhr – Der Bürgermeister, Klaus Rehkämper zählt von 10

auf 0 herunter, das Publikum zählt mit, die Lichtsicht 7 ist eröffnet,

alle Videos laufen.

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Refik Anadol, ein gefragter Künstler, der auch für

die NASA arbeitet, visualisiert Luftströme, die am

Flughafen Istanbul „Bosphorus“ gemessen wurden,

und verwandelt die über 400 m lange Gradierwand

(250 m Projektionsfläche) auf der Nordseite in ein

türkisfarbenes, schäumendes Wolkenmeer, untermalt

von einem sphärischen Klangteppich.

Zwei weitere Arbeiten von Künstlern mit Weltniveau

werden auf dieser gigantischen Wand präsentiert,

die man sich für einen zweiten Rundgang vormerken

sollte: Wang Dongling, der chinesische Großmeister

zeitgenössischer Kalligrafie, zeichnet jahrtausendealte

Dichtkunst auf die Gradierwände. Eine Weltpremiere

der kontemplativen Art. Und der australische Pionier

der Medienkunst, Jeffrey Shaw mit einer aktuellen

Überarbeitung von Sarah Kenderdine, lässt in einem

endlos scheinenden Algorithmus, Menschengruppen

wie Puppen in immer neuen Konstellationen fallen

und wieder aufstehen. Der Titel der Installation, „Fall

Again, Fall Better“ bezieht sich auf Samuel Becketts

Zitat: „Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei.

Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.“

An Ende der Wand, die Windmühle rechts oben

noch im Blick, bewegt man sich auf die Wasserfontänen

zu. Dort steht bereits eine Menschenmenge,

um Distanz bemüht, und bestaunt die dreidimensionalen

kinetischen Formenspiele von Max Hattler.

Weil das so faszinierend ist, verweilt man gern noch

etwas und genießt auch die darauffolgende Arbeit von

Lydia Hoske, die regenbogenbunte Seifenblasen zu

atmosphärischen Klängen auf dem Wasserschild blubbern

lässt. Damit verlässt man die verzauberte Welt

der harmlosen fröhlichen Sinneserfahrungen und begibt

sich in brisantere Welten.

Das bereits im Vorfeld kontrovers diskutierte Meisterwerk

von Lu Yang, „Delusional Crime and Punishment“,

welches 2015 in Venedig auf der Biennale

gezeigt wurde, spaltet die Gemüter. Die einen empfinden

das comicartige, 15-minütige Video als eine

Bedrohung, vor der Besucher gewarnt werden müssen,

die anderen als eine „ermüdende Wiederholung“

von Höllenqualen, die der geschlechtslose Avatar der

Künstlerin von seiner seriellen biotechnischen Erschaffung

bis hin zu Bestrafungsritualen im Jenseits

erleiden muss. Gerade diese Kontroverse macht jedoch

die Qualität der künstlerisch brillant konzipierten

und technisch versiert umgesetzten philosophischen

Reflexion einer christlich konnotierten Weltsicht aus.

Nach dieser intellektuellen Herausforderung verspricht

der Rosengarten ein wenig Erholung, in dem

man bei dem milden Wetter auf einer Bank Platz nehmen

kann, um sich auf die in Cannes preisgekrönte

Arbeit „Grand Bouquet“ der Japanerin Nao Yoshigai

einzusehen. Man fühlt sich zunächst an Memento

Mori und Vanitas Darstellungen erinnert, wenn aus

dem überbordenden Blumenbouquets, aus dem Mund

der Künstlerin selbst hervorgewürgt, langsam wieder

Wurzeln schlagen und schließlich Humus entsteht.

Auf der Metaebene jedoch schwingt eine tiefere Botschaft

zur „Me Too“-Bewegung und der unterdrückenden

Auswirkung patriarchaler Strukturen mit.

A

m Anfang der südlichen Gradierwand erwartet

den Besucher ein 67-minütiges Monumentalwerk

von Julius von Bismarck. Als ehemaliger Meisterschüler

von Olafur Eliason beschäftigt er sich mit

Natur- und Wetterphänomenen. Für seine, derzeit

in der Bundeskunsthalle Bonn, präsentierte Arbeit,

„Feuer mit Feuer“, filmte er die verheerenden Waldbrände

in Kalifornien. Diese Naturkatastrophe birgt

jedoch eine fast romantisch verklärte Schönheit, die

durch die extrem verlangsamten und kaleidoskopisch

gespiegelten Bilder an die sogenannte „Tintenklecks-

97


bilder“ des Schweizer Psychoanalytikers Herman Rorschach

erinnert. Von Bismarck verweist mit seiner Arbeit

auf die Beherrschung und Nutzung von Feuer, als

eine der ältesten Kulturtechniken unserer Zivilisation,

und damit auf die Wechselwirkung zwischen Gefahr

und Schönheit, Zerstörung und Neuanfang. Auf den,

von Solewasser plätschernden, kristallinen Projektionsflächen

des Gradierwerks entwickelt die Arbeit im Kontrast

mit den spektakulären Feuerbildern irritierende

neue Reize.

Zur körperlichen Ertüchtigung sollte man sich jetzt der

datengesteuerten Installation „Eternal Dream“ von Simon

Weckert und Phillip Weiser an der Stirnseite des

Neuen Gradierwerkes zuwenden. Ein Sprung in die Luft

im vorgegebenen Quadrant verhilft zu einem Flug über

die tiefblaue Wand in die Cloud. Mit einer Nummer

versehen, kann man seinen ewigen Flug auf der Website

eternal-dream.digital im Netz weiterverfolgen. Scheinbar

harmlos nimmt diese Arbeit hochaktuelle Diskurse

um die Verwertung der Daten im Netz auf.

Wer jetzt noch die Energie aufbringt, sich zwei wesentliche

Positionen der diesjährigen Lichtsicht zu betrachten,

begebe sich zum Alten Gradierwerk. Natalie Bookchins

hochaktuelle Videocollage von Demonstranten

zur Black Lives Matter Bewegung zeigen den Widerstand

gegen die systemische Gewalt gegen schwarze

Amerikaner. „The act of changing something‘s position“

wird exklusiv und zum ersten Mal während der

Eröffnung der Triennale in Bad Rothenfelde gezeigt.

Auf der Parkseite des Alten Gradierwerkes schließlich

erwartet den Besucher ein zutiefst naturverbundenes

hochaktuelles Statement zum aktuellen Fichtensterben

in unseren Wäldern. Das Porträt einer querschwebenden

sich im Wind wiegenden Fichte, der finnischen

Künstlerin Eija-Liisa Ahthila, vertreten durch die legendäre

Marian Goodman Gallery New York. Mit diesem

monumentalen Porträt von 80 Metern Länge und 12

Metern Höhe wird dieser Gattung ein eindrückliches

Denkmal gesetzt.

Ein Fazit: Entgegen allen Behauptungen stellt sich mir

die Lichtsicht 7 durchaus nicht als konzeptlos dar. Die

virulenten Themen unserer Zeit, wie die Bedrohung der

Natur, die Unterdrückung von Minderheiten in unserer

Gesellschaft, die Datensicherheit im Internet, sind von

internationaler Tragweite und Bedeutung. Dazwischen

gibt es auch Spielräume für künstlerische Experimente

und neue ästhetische Erfahrungen.

98


99

Jeffrey Shaw / Sarah Kenderdine

Fall again, fall better (2020)

Foto: Angela von Brill.


Eija-Liisa Ahtila

Horizontal (2011)

Foto: Angela von Brill.

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101


Julius von Bismarck

Feuer mit Feuer, 2020

Miao Xiaochun

Gyro Dance, 2017

Natalie Bookchin

The act of changing something‘s

position, 2020

Max Hattler (rechts)

X, 2012

Fotos: Angela von Brill.

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103


104


Nao Yoshigai

Grand Bouquet,

2020 (links)

Lydia Hoske

Essenz, 2020

Simon Weckert & Phillip Weiser

Eternal Dream, 2020

Nao Yoshigai

Grand Bouquet,

2020

Fotos: Angela von Brill.




Kunstraum hase29, 2019—2020

Martin

Hesselmeier

— Die Poesie

der Materie

Im Kunstraum hase29 rollen Lichtpartikel entlang von wellenförmigen

LED-Bahnen auf und ab, beschleunigen und

verlangsamen, pendeln hin und her. Der Kölner Künstler

Martin Hesselmeier macht Licht in seiner raumgreifenden

Installation auf ungewöhnliche Weise erfahrbar. Das Aufeinandertreffen

von Kunst und Forschung zeigt sich eindrucksvoll

in der mit dem Internationalen Lichtkunstpreis prämierten

Installation „The weight of light“ (das Gewicht des Lichts).

Denn das Licht der Installationen erleuchtet den verdunkelten

Ausstellungsraum variabel und erscheint wie flüssige

Masse. Synchron zur Bewegung des Lichts wandert auch der

Klang der Installation im Ausstellungsraum.

Martin Hesselmeier

Die Poesie der Materie

(Ausstellungsansichten)

Kunstraum hase29, 2019

108


Aus der Eröffnungsrede

[...] In der Alltagssprache wird der Ausdruck „Materie“ oft synonym

für „Material“ oder „Substanz“ benutzt. Im Sinne von „Thema oder

Gegenstand einer Untersuchung, einer Wissenschaftsrichtung oder

eines Unterrichtsfaches“, spricht man auch gern von einer komplizierten

Materie“.

In dieser Ausstellung geht es genau um diese Vieldeutigkeit von Materie:

Die hier ausgestellten Arbeiten beschäftigen sich wirklich mit

komplizierten Themen und verschiedensten Materialien.

Was die Kunst von Martin Hesselmeier aus meiner Sicht auszeichnet,

ist, dass ihm der Spagat zwischen inhaltlicher Tiefgründigkeit

und der Übersetzung von wahrnehmungsbasierten Experimenten in

ästhetisch faszinierende Objekte oder Installationen gelingt. Während

seine Arbeiten den Rezipienten im ersten Moment visuell beeindrucken,

locken sie uns – wie Motten angezogen vom Licht - an

und stoßen eine Tür auf, hinter der sich enormes Fachwissen und

komplexe Fragestellungen verbergen, wie z.B. im Falle der Installation

„The weight of light“. So elegant, zart, gar meditativ die Arbeit

wirkt, ist sie die künstlerische Verdinglichung einer Frage, die sich

wahrscheinlich nur die Wenigsten von uns jemals stellten: Welches

Gewicht hat das Licht?

The weight of light

Wenn es eine einfache Antwort gäbe, wie viel Licht wiegt, würden

wir es alle wissen. Es gäbe wahrscheinlich eine Art Reim, der uns

hilft, uns an die genaue Zahl zu erinnern. Stattdessen sind wir gezwungen,

durch komplizierte Halbantworten zu waten, die manchmal

ungefähr so klingen: „Ähm, es wiegt nur wenig, aber nicht soviel,

wie normale Dinge wiegen“. Lassen sie mich versuchen, Licht

ins Dunkel zu bringen. Stellen wir uns dazu eine ganz andere Frage:

Haben Photonen Masse?

Photonen sind das kleinste Maß an Licht, und nein, sie haben keine

Masse. Soweit klar? Licht besteht aus Photonen, also hat Licht keine

Masse und kann nichts wiegen. Aber nicht so schnell. Photonen haben

Energie! Einstein lehrte uns, das Energie gleich der Masse eines

Körpers, multipliziert mit der Lichtgeschwindigkeit im Quadrat ist

(E=mc^2). Wie können Photonen Energie haben, wenn sie keine

Masse haben?

Tatsächlich hat Einstein bewiesen, dass Energie und Masse dasselbe

sein können - alle Energie hat eine Form von Masse. Aber aufgrund

der Theorie (und der Tatsache, dass sich das Licht so verhält, als hätte

es Masse, da es der Schwerkraft unterliegt) können wir sagen,

dass Masse und Energie zusammen existieren. In diesem Fall würden

wir es relativistische Masse nennen - Masse, wenn ein Objekt in Bewegung

ist, im Gegensatz zum Ruhezustand. Die Antwort ist somit

theoretisch ein Mix aus Ja und Nein. Hat Licht eine Masse, die auf

der Badezimmerwaage gewogen werden kann? Ganz sicher nicht.

109


Mit der Industrialisierung des ausgehenden 19.

Jahrhunderts wird Licht zum Träger eines modernen

Fortschrittglaubens. Es beginnt die öffentlichen

Plätze der großen Metropolen Europas auszuleuchten

– zunächst im Dienste der Verbreitung und

Bewerbung von Ideen, Lebensstilen und Produkten.

Es ist die Kunst, die versucht, das Licht aus dieser

rein kommerziellen Indienstnahme zu befreien, jedoch

weniger als Reflexion gesellschaftlicher Umstände,

als vielmehr zur Behauptung einer ästhetischen

Gegenwelt.

Martin Hesselmeier steht mit seiner Arbeit in Beziehung

zu Künstlern wie Laszlo Moholoy-Nagy oder

dem Zero-Künstler Otto Piene, die Licht ebenfalls

als Material begreifen, das sich einsetzen lässt wie

Farbe in der Malerei, um damit ein „Neues Sehen“

zu etablierten. Auch ein Verweis zum Amerikaner

Dan Flavin ist naheliegend, der in den 1960er Jahren

im white Cube durch Leuchtstoffröhren, Wände,

Decke und Böden zu Trägern von Licht machte.

Lichtkunst in der Ausstellung „Die Poesie der Materie“

meint hier eine Kunst, die sich der technischen

Möglichkeiten von Licht bedient, um ihre eigene Erlebniskraft

zu erweitern: Raum für Poesie, Meditation,

sinnliche Phänomene.

Hesselmeiers Werke zelebrieren den bewussten

Umgang mit verschiedenen Materialien, als poetisch

sublime Interventionen, als dynamische Skulpturen,

die utopisch-assoziative Gegenwelten in unserer

Wahrnehmung entstehen lassen. Er spürt der phänomenologischen

Wirksamkeit des Lichts auf ganz

eigene Art nach. Ganz im Sinne der Systemästhetik,

verschmelzen die Kunstobjekte und ihre Umgebung

in unserer Wahrnehmung zu einem Ganzen. Die beiden

Lichtinstallation „The weight of light“ und „rotating

light“ halten sich nicht an Rahmen. Sie nutzen

den Raum als Ort ihrer Realisation. Diese Arbeiten

begrenzen sich nicht an ihren Objektdimensionen,

sondern wirken auf ihre Umgebung und uns Rezipienten

ein.

110


Seine Werke leuchten die Verbindung von Kunst, Technik

und Natur aus, und werfen Schlaglichter auf spannende

Fragen, die in Form von Kunst keine Wissenschaft

sind, sondern als Experimente fungieren. Es geht nicht

um die Erkenntnisse an sich, als vielmehr um unser aller

Wahrnehmung dessen, was Hesselmeiers Werke in uns

auslösen. Sie werden wissen, was ich damit meine, wenn

sie die Arbeit auf der Rückwand auf sich wirken lassen.

Kunst mit Licht ist nicht nur ein künstlerischer Ausdruck

von Energie, sondern auch Motor für Innovation und Gestaltung.

Dabei steht die Faszination des sinnlichen Erlebnisses

oft im Vordergrund. Dieses Erlebnis kann spektakulär

sein, wie bei derInstallation „The weight of light“.

Dieses Erlebnis kann aber auch verhaltene Akzente setzen,

wie im Falle der Arbeit „Photofeeback“, bei der die

Bewegungen von Mini-Robotern, als dynamische Zeichnung

auf Papier sichtbar werden. Die optische Sensation

steht im Vordergrund, aber immer kommt mindestens ein

weiteres Element hinzu: Der Einsatz einer neuen Technologie,

die Bearbeitung einer wissenschaftlichen Frage

oder die Berücksichtigung gesellschaftlicher Aspekte:

Genau das lässt sich bei Hesselmeiers Arbeit beobachten.

Er entwickelt reizvolle Ästhetik, nutzt modernste

Technologie und befasst sich mit Themen, die letztlich

uns alle betreffen: Energie, Energiegewinnung, individuelle

Wahrnehmung, Umwelteinflüssen auf Mensch und

Material.

Martin Hesselmeier

The weight of light

Kunstraum hase29, 2020

Foto: Angela von Brill.

Heute von Lichtkunst zu sprechen, kann sich nicht mehr

auf jene Künstlerinnen und Künstler beschränken, die das

Licht selbst zum Gegenstand der Betrachtung machen.

Außerdem ist aus meiner Sicht viel zu häufig eine Überbetonung

des Technologischen zu beobachten. Es sollte

vielmehr bedeuten, einen thematisch offenen Bereich zu

betreten, indem Licht als immaterieller Werkstoff oder

Referenz Eingang in die künstlerische Praxis findet, so

wie es Martin Hesselmeier praktiziert.

Die Ausstellungen „Poesie der Materie“ ist keinewegs

eine Lichtkunstausstellung, wenngleich der Eindruck

durch den ungewöhnlich dunklen Ausstellungsraum entstehen

kann. Neben den bereits erwähnten Werken,

präsentieren wir in hase29 drei weitere Arbeiten, deren

Fokus auf anderen Schwerpunkten, als dem Licht liegen.

Als Kunstlehrer kann ich es mir nicht verkneifen, ihnen

eine gedankliche Hausaufgabe mit auf den Weg zu geben:

Denken Sie einmal über das Zitat des schottischen

Dichters Robert Gilfillan nach, das da lautet: „Poesie

ist Wahrheit, die in Schönheit wohnt.“

111


Martin Hesselmeier & Andreas Muxel

The weight of light

Kunsthaus Rhenania, 2015.



Andreas Gehlen

Golukego

Kunstraum hase29, 2018

Foto: Frank Gillich.

114


Kunstraum hase29, 2018

Smart Nature

Natur erscheint uns heute, im frühen 21. Jahrhundert, längst

nicht mehr als die wilde, unberührte und unbekannte Seite

unserer Gesellschaft. Heute ist Natur buchstäblich lesbar

gemacht, programmierbar und nutzbar geworden. Vieles erscheint

heute wie künstlich zu neuem Leben erweckt – auch

und gerade in der Natur. Wo aber genau verlaufen heute die

neuen Grenzen zwischen künstlichem Leben und unbelebter

Natur? Welche Phantasien verkörpern sich etwa in einem toten

Stück aus Plastikrasen? Wie können aus Alaun, einer anorganischen

Salzverbindung, plötzlich Bilder eines künstlich erzeugten

Wachstums entstehen?

Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler hinterfragen in

ihren Arbeiten den sich wandelnden Naturbegriff auf unterschiedliche

Weise. Vielfach arbeiten sie an den Schnittstellen

zwischen Künstlichkeit und Natur und decken auf, wie sich

unser Verhältnis zur Natur durch die ästhetische Erfahrung

künstlicher Wachstumsprozesse verschoben hat. „smart Nature“

formuliert keine Vision, sondern eine künstliche Kreation

gewordene Realität, die Vieles möglich erscheinen lässt. Noch

nie war unser gegenwärtiges Bild von Natur so künstlich und

Kunst so nicht-natürlich wie heute.

Künstler*innen

Tobias Becker

Fabian Bürgy

Andreas Gehlen

Vlatka Horvat

Gereon Krebber

Dominique Koch

Peter Möller

Elisabeth Windisch

Kuratorenteam

Elisabeth Lumme, Dr. Michael Kröger, Tim Roßberg

115



Links: Fabian Bürgy, Embryomat, 2014

Mitte v.o.n.u.: Fabian Bürgy, Embryomat (Detail); Vlatka Horvat, Greener, 2014

Rechts: Gereon Krebber, Fitting, 2014.

117


European Media Art Festival

2018

Notizen

aus der

Wirklichkeit

Das European Media Art Festival ist in seiner Aktualität

so nah und relevant wie nie. In Zeiten von

Datenklau bei Facebook, Wahlbeeinflussung durch

Geheimdienste, drohenden Wirtschaftskriegen und

zweifelhaften Rüstungsexporten wird die Arbeit der

populistisch als „Lügenpresse“ bezeichneten Journalisten

kritisch hinterfragt. Scheinbar wahrheitssuchende

Akteure in den sozialen Medien und auf der

Straße haben begonnen, Kategorien wie Fiktion und

Realität zu vermischen und damit verschwimmen

zu lassen. Angesichts dieser gesellschaftlichen Verschiebung

reagiert die Kunst – sie begibt sich auf die

Suche nach der Wirklichkeit. Das diesjährige EMAF

thematisiert die Verbindung von Medienkunst und

Journalismus – unter dem Titel „Report - Notizen

aus der Wirklichkeit“. Dazu gibt es ein eigenes Themenschwerpunkt-Filmprogramm.

118


Als Plattform aufstrebender NachwuchskünstlerInnen

zeigt der Media

Campus INIT an fünf verschiedenen

Film- und Ausstellungsorten aktuelle

Arbeiten, die ein weites Feld künstlerischer

Positionen abdecken und

trotzdem miteinander verbunden sind.

Ob klangbildende Objekte, visuelle

Kunstwerke oder Filme: die Arbeiten

erweitern und ergänzen den medialen

Raum und laden ein zum interaktiven

Dialog zwischen BesucherInnen und

Installationen.

2018 fanden die Ausstellungen des

Media Campus INIT zum ersten Mal

an vier verschiedenen Orten statt, die

sich konzeptionell geschlossen präsentieren.

Der bereits bekannte Kunstraum

hase29 verwandelt sich in INIT

Spotlights, in dem die Exponate punktuell

und durch ein besonderes Lichtkonzept

herausstechen. Das Haus der

Jugend wird durch das INIT Team zu

INIT Perspectives. Die gezeigten Installationen

und Objekte haben thematisch

eine große Bandbreite. Vereint

werden sie durch eine sensible Wahrnehmung,

kritische Beobachtung und

eine sinnliche Realisierung im Raum.

Die mittlerweile leerstehende Theaterpassage

wird zur EMAF Experience

– ein neues, laborhaftes Ausstellungskonzept,

in dem Klassen von verschiedenen

Hochschulen und Akademien

ihre Werke vorstellen. Auch das BBK-

Kunst-Quartier ist ein Teil der INIT

Ausstellung. INIT Transfer arbeitet

mit Hilfe von Projection Mapping und

der Einbindung von dreidimensionalen

Objekten verschiedenste Themen

der Zeitgeschichte auf. Zudem hat das

INIT Team vier Kurzfilmprogramme

und einen Langfilm zu unterschiedlichen

thematischen Schwerpunkten

zusammengestellt. Außerdem präsentiert

die HBK Braunschweig ihr

thematisches Programm REPORT:

Bilder von der Wirklichkeit, das als Semesterarbeit

für das EMAF von den

Studierenden produziert wurde.

119


Kunstraum hase29

und im öffentlichen Raum, 2018

Tangency

So urban!

Die eingeladenen Künstlerinnen und Künstler haben

den Osnabrücker Neumarkt im Zeitraum von einer

Woche als Experimentierfeld genutzt. Ein Stadtraum

als Baustelle – die Kunstschaffenden erkundeten

den Ort mit unterschiedlichen künstlerischen Mitteln

und luden Passanten und Anwohner*innen dazu

ein, ihre gewohnten Bewegungs- und Blickrichtungen

einmal zu unterbrechen und neu auszurichten.

Wie können Räume, Nischen, Eingänge, Sichtachsen,

Materialität und Farbigkeit auf neue Weise

sichtbar gemacht werden? Wie erscheinen Dinge,

die im alltäglichen Umgang häufig übersehen werden

auf neue und interessante Weise? Welche Eingriffe

und Interventionen können die Wahrnehmung eines

gewohnten Umfelds verändern? Mit ihren Werken

luden insgesamt 8 Künstlerinnen und Künstler dazu

ein, an ungewöhnlichen Aktionen teilzunehmen und

dabei neue Aufmerksamkeiten zu erzeugen. Was gefällt

uns an Urbanität, was empfinden wir als störend,

gefährdend, kritisch?

Während die Aktionen und künstlerischen Interventionen

am Neumarkt bereits nach kurzer Zeit wieder

verschwanden, konnten die Werke der beteiligten

Künstlerinnen und Künstler in hase29 – Gesellschaft

für zeitgenössische Kunst weiterhin erkundet

werden. Die Ausstellung „So urban!“ bot die Möglichkeit,

Fragen zur Urbanität aus unterschiedlichen

Perspektiven neu zu reflektieren.

Künstler*innen

Clemens Behr || Stella Geppert | Jakob & Manila

Bartnik | Katerina Kuznetcowa & Alexander Edisherov

| Diana Sirianni | Elisabeth Windisch

Kuratiert von Prof. Dirk Manzke,

Elisabeth Lumme, Tim Roßberg

120


Elisabeth Windisch, O.T.

Neumarkt Osnabrück

Foto rechts: Angela von Brill

Foto links: Kerstin Hehmann


Oben: Diana Sirianni, A city portrait

Unten: Elisabeth Windisch, O.T.

Rechts (beide): Clemens Behr, Unfallgestell.

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123


Shining_Gap | Festival für Lichtkunst 2016

Mut zur Lücke

Das Shining_Gap Festival versteht sich als Forum für zeitgenössische

Lichtkunst in Verbindung mit einem außergewöhnlichen

Ausstellungsort. In einem Zeitraum von vier Tagen präsentieren

internationale und regionale Künstler_innen nach Einbruch der

Dunkelheit Arbeiten, die sich auf unterschiedliche Weise mit

dem Festivalmotto «Exploring new spaces» befassen. Neben

klassischen Lichtkunstwerken zeigt die interdisziplinäre Open-

Air-Ausstellung Videokunst, (Raum-) Installationen, Projektionen

und Malerei.

Der Botanische Garten Osnabrück öffnet erstmalig in den

Abendstunden seine Tore und lädt Besucher dazu ein, die

Kunstwerke und reizvoll illuminierte Kulisse auf neuartige Weise

zu erkunden. Vor über zwei Jahren entwickelte der heutige

Künstlerische Leiter - Tim Roßberg - beim Spaziergang durch

den Botanischen Garten Osnabrück die Idee, das Gelände am

Westerberg in einen Ausstellungsort für zeitgenössische Kunst

zu verwandeln. Die besonderen Gegebenheiten des Ortes, wie

z.B. die bizarren Felsformationen, die Bachläufe, der Teich und

die einmalige landschaftliche Vielfalt machen den Garten zum

idealen Experimentierraum und zur Spielwiese für Bildende

Künstler. Die Idee ist KünstlerInnen nach Osnabrück einzuladen,

um ortsspezifische Arbeiten zu gestalten, die die Pflanzenwelt

und Landschaft buchstäblich in ein neues Licht tauchen.

Mit rund 3.500 Besuchenden an nur 4 Abenden war das Festival

ein großer Erfolg und sorgte durch verschiedene Interventionen

im Stadtraum für Aufmerksamkeit (u.a. Lichtbus siehe

rechts unten, Performance-Walk Jan Philip Scheibe, Illuminationen

des Sparkassen-Hochhauses).

Teilnehmende Künstler*innen

Clemens Behr | Nikola Dicke | Irina & Marina Fabrizius | Andreas

Gehlen | Victoria Gentsch | Constantin Hartenstein | Sigrid

Sandman | Jan Philip Scheibe | Simon Weckert | Oleg Yushko |

Lisa Weber & Markus Walenzyk

Organisiert und kuratiert von Tim Roßberg

124


Links: Victoria Gentsch, Foto: Matthias Höing.

Mitte: Andreas Gehlen, Foto: Matthias Höing.

Rechts: 1. Andreas Gehlen, Foto: Matthias Höing. 2. Lisa Weber / Markus Wlaenzyk,

Foto: Jochen Thien Franck.

3. Tim Roßberg, Foto: Timo Bourdon.


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Links: Andreas Gehlen

Oben: Nikola Dicke

Rechts: Irina & Marina Fabrizius

Fotos: Matthias Höing.

129


„Ich wünsche mir Momente, in denen sich

die Kunstwerke und ihre Umgebung in der

Wahrnehmung verbinden und zu einem

Ganzen, zu einem Raum-Werk-Erlebnis

zusammenwachsen.“

Tim Roßberg


Links: Victoria Gentsch

Oben: Sigrid Sandmann

Unten: Clemens Behr

Fotos: Matthias Höing.

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Jan Philip Scheibe: Shouldered Street Light.

Foto: Matthias Höing.



ANH


ANG



Foto: Andreas Lechtape.


BIOGRAPHIE

AUSSTELLUNGEN

> 2021

Lichtkunst Spaziergang Reelkirchen

Imagined dimensions, Kunsthaus Kloster Gravenhorst (Einzelausstellung)

> 2020

Imagined dimensions, Kunsthaus Kloster Gravenhorst (Einzelausstellung)

Kunstpreis Ausstellung Museumsquartier Osnabrück

Fallen, Museumsquartier Osnabrück (zusammen mit Christine Wamhof)

> 2019

Finde dein Licht, Kloster Bentlage, Rheine

> 2018

Lichtkunstnacht, Schöppingen

20 Jahre 20 Tage, Felix-Nussbaum-Haus, Osnabrück

Osnabrücker Kulturnacht, Rathausplatz

Das Richtfest, Radolfzell / Konstanz

> 2017

GENERATE!° Festival für elektronische Künste, Schedhalle Tübingen

Lichtkunstnacht Schöppingen

Kunst am Bau, Herne

Lichtcampus Hochschule Hildesheim

Kunstpreis-Ausstellung Osnabrück, Kulturgeschichtliches Museum Osnabrück

Blaue Nacht Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum

> 2016

Internationale Sommerakademie für Bildende Künste & Medien, Venedig

Fassadenprojektion Stadtwerke Osnabrück

Gebäudemapping, Hasefriedhof

Fassadenmapping Heristo AG, Bad Rothenfelde

Kulturnacht Osnabrück

Lichtkunstnacht, Künstlerdorf Schöppingen

Fuchsbau Festival, Hannover

European Media Art Festival (EMAF)

> 2015

Random thoughts of a daily light, Kunstverein Weisses Haus | Wien

> 2014

European Media Art Festival (EMAF)

Kunstmesse, Metz | Frankreich

24/7, Projektwoche Kunsthalle Osnabrück

> 2013

Blauer Salon, Hamburg (u.a. mit Daniel Richter)

Raum/Richtung/Rhythmus, Künstlerdorf Schöppingen (Einzelausstellung)

Lightroom, Stadtgalerie Osnabrück (Einzelausstellung)

> 2012

Piepenbrock Kunstförderpreis Jahresausstellung

One Night Stand, Osnabrück (Einzelausstellung)

Tim Roßberg ist 1987 in Osnabrück

geboren. Er lebt und arbeitet in Osnabrück

und Rheine.

> 2011

Piepenbrock Kunstförderpreis Jahresausstellung

Urban Affairs, Lille | France

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KURATORISCHE ARBEIT

PREISE / STIPENDIEN

> 2022-2019

Projektleitung Lichtsicht 7 Projektionstriennale 2020 mit Kurator

Prof. Michael Bielicky

> 2019

„Martin Hesselmeier — Die Poesie der Materie“,

Kunstraum hase29 Osnabrück

> 2018

„So urban“, Kunstverein hase29,

mit Prof. Dirk Manzke & Elisabeth Lumme

„Tangency - Stadtverortung“, Neumarkt Osnabrück,

mit Prof. Dirk Manzke & Elisabeth Lumme

„Smart Nature“, hase29,

mit Dr. Michael Kröger & Elisabeth Lumme

Leitung European Media Art Festival, INIT EMAF

> 2017-2018

Workshop-Koordination mit Elisabeth Lumme: „Brutal schön“,

Marta Herford

> 2016

Gründung & Künstlische Leitung Shining_Gap | Festival für

Lichtkunst

> Seit 2016 verschiedene Projekte für die Gesellschaft für zeitgenössische

Kunst Osnabrück​

> 2020 Nominiert für Kunstpreis Osnabrück 2020

> 2018 Nominiert für den Hans Mühlenhoff-Preis für

gute akademische Lehre

> 2017 Stipendium/Artist in residence,

Stiftung Künstlerdorf Schöppingen

Nominierung Kunstpreis Osnabrück

> 2016 Stipendium Internationale Sommerakademie für

Bildende Künste und Medien, Venedig

Preis der Bürgerstiftung Osnabrück

2. Platz Spiekeroog Residenz, Projekt:

Influences „Reizklima“

> 2015 Nominierung Förderpreis des Landes Nordrhein-

Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler

> 2014 Stipendium/Artist in Residence,

Künstlerdorf Schöppingen

> 2013 Deutschlandstipendium 2

Stipendium/Artist in residence, Künstlerdorf Schöppingen

Ankauf Fotodokumentation „Lightroom“ durch

Kunsthalle Osnabrück

> 2012 Piepenbrock Kunstförderpreis

> 2011 Deutschlandstipendium 1

LEHRTÄTIGKEIT

AUSBILDUNG

Seit 2020 Lehrer, Arnold-Janssen-Gymnasium, Neuenkirchen

2019 Referendariat | Gymnasium St. Mauritz, Münster

2018 Blockseminar „Licht und Dramaturgie“,

Hochschule Osnabrück

2017/18 Lehrauftrag „Conversations with space - Orts- und

materialspezifische Videoprojektion 2.0“ | Universität Osnabrück

2017/18 Lehrauftrag „Eventmanagement im Kunstbereich“

Universität Osnabrück

2017 Lehrauftrag „Inszenierung und Dramaturgie“

Hochschule Osnabrück

Master of Education

Universität Osnabrück

Kunstakademie Lille, Charles de Gaulle Université,

Frankreich

Auslandsaufenthalt Ghana, Westafrika

Bachelor of Arts

Universität Osnabrück

Auslandsaufenthalt Australien

Abitur

2017 Workshop anlässlich des jährlichen FAMAB Awards

2015 Lehrkraft im Fach Kunst | Graf-Stauffenberg-Gymnasium

Osnabrück

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Impressum

Herausgeber | Editor

Texte | Texts:

Gestaltung | Design

Fotografien | Photography:

Tim Roßberg

Sara Dietrich, Tim Roßberg, Dr. Sabine Weichel-Kickert

Tim Roßberg

Timo Bourdon, Angela von Brill, Frank Gillich, Carsten Michaelis,

Matthias Höing, A. Havergo, Jochen Thien-Franck, Kerstin Hehmann,

Michael Jezierny, Tim Roßberg

Gedruckt in Deutschland | Printed in Germany

Auflage | Edition

150 Exemplare

Danksagung | Special thanks

Hier möchte ich mich bei allen Förderern, Institutionen, KuratorInnen und KollegInnen bedanken, die mich

bei der Realisierung dieses Kataloges unterstützt haben. Ein großes Dankeschön geht an die kulturelle Projektförderung

der Stadt Osnabrück und deren Leiterin Patricia Mersinger. Ebenfalls danken möchte ich Gerd

Andersen, Sara Dietrich, dem Team vom Kloster Gravenhorst, Josef Spiegel und Sigrun Brunsiek, Elisabeth

Lumme, Prof. Michael Bielicky sowie Christian Meyer von outdoorbeamer.com.

Meine besondere Wertschätzung und Danksagung gebührt meinen Eltern, meinen Geschwistern, meiner

großen Liebe Inga, meiner Familie und meinen FreundInnen, die mich in allen Situationen unterstützen und

ermutigen. Herzlichen Dank.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte

bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Bibliographic information published by the Deutsche Nationalbibliothek

The Deutsche Nationalbibliothek lists this publication in the Deutsche Nationalbibliografie; detailed bibliographic

data are available on the Internet at http://dnb.dnb.de .

ISBN 978-3-00-070001-9

© 2022 Studio | Tim Roßberg

Alle Recht vorbehalten | All rights reserved

Gefördert durch die kulturelle Projektförderung der Stadt Osnabrück

Kindly supported by

143


© 2022 Studio | Tim Roßberg

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