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18 USABILITY

wünschten Ergebnissen führen. Dabei ist es im Grunde belanglos, ob diese Ergebnisse eventuell vorhersehbar

gewesen wären oder nicht. Die Tatsache, dass man selbst mit negativen Folgen vergangener Entscheidungen

leben muss, engt die Freiheit der eigenen Entscheidungen in der Gegenwart ein und Neuerungen werden mit

Skepsis betrachtet.

Diese Erfahrungen führen dazu, dass für ein modernes Verständnis gesellschaftlicher Zeitabläufe der Begriff

der Reversibilität eine hohe Bedeutung erlangt. Ahrens et. al. (1994) umschreiben dies folgendermaßen:

„Nicht sichere Lösungen sind gefragt, sondern reversible Lösungen, die eine schnelle Anpassung an eine Realität

ermöglichen, die anders ausfällt, als man erwartet hat.“

Im modernen Zeitbegriff muss also der Unsicherheit bezüglich der Zukunft damit Rechnung getragen werden,

dass man zwar Entscheidungen aus der Vergangenheit nicht mehr ungeschehen machen kann, jedoch

bereit ist die Kosten zu tragen, die durch eine spätere Adaption an neue Umstände entstehen. Dass dies grundsätzlich

möglich ist, zeigen Beispiele aus der Vergangenheit wie die Einführung von bleifreien Kraftstoffen

oder die reduzierte Verwendung von FCKW.

Solche Adaptionen müssen in letzter Konsequenz auch dann in Kauf

genommen werden, wenn eine vollständige Substitution nicht auf Anhieb

möglich ist und Einbußen hingenommen werden müssen.

Mit einem Schaubild könnte man dieses Verständnis durch einen Verlauf

darstellen, der gezackt – also mit Rückschlägen – nach oben zeigt.

Der individuelle Blickwinkel

Verlässt man die kollektive „Vogelperspektive“ und betrachtet man das Phänomen Zeit aus der Sicht des

modernen Individuums, so stellt man fest, dass jeder Zeit haben möchte, Zeit sparen möchte, Zeit sinnvoll

verbringen möchte.

Wie wichtig den Menschen der Faktor Zeit ist, erkennt man daran, dass nicht mehr nur der Aufwand an Erwerbsarbeit

in Zeit gewichtet wird. Neben der klassischen „Arbeitszeit“ entwickeln auch die anderen Lebensbereiche

eine immer stärkere Zeitorientierung. Man spricht heute von Familienzeit, Ferienzeit, Hobbyzeit oder

Konsumzeit. Zeit scheint für die Menschen mehr geworden zu sein als nur Geld.

Aus der hohen Wertschätzung des Faktors Zeit resultiert das Verlangen der Menschen, möglichst detailliert

und frei über ihre Zeit bzw. die Phasen ihrer Zeit verfügen zu können. Am deutlichsten oder vielleicht auch am

frühesten war dieses Bestreben bisher in der Diskussion um flexible Arbeitszeiten zu beobachten. Doch auch

in anderen Lebensbereichen, z. B. beim Verhalten als Verbraucher, wird der Wille der Menschen zur „Moderation

der Eigenzeit“, wie Ahrens et. al. (1994) das Phänomen nennen, deutlich.

Zeitverwendung der Verbraucher

Bezieht man den eben beschriebenen Trend zur Moderation von Eigenzeit auf das Verhalten der Verbraucher,

so stellt man fest, dass moderne Menschen ein äußert breites, vielleicht teilweise sogar ambivalentes

Spektrum an Zeitverwendung zum Konsum nutzen.

Dies soll an zwei Beispielen möglicher Konsumsituationen verdeutlicht werden.

Ambivalente Konsumsituationen

Eine moderne Form des Einkaufens ist das sogenannte Online-Shopping. Im internationalen Vergleich

steht Deutschland 2002 laut TNS Emnid hinter den USA und Korea auf Platz drei der Internet-Einkäufer (vgl.

Global eCommerce-Report 2002, http://www.tnsofres.com/GeR2002/home.cfm). 42 % der deutschen Gesamtbevölkerung

(2001: 36 %) nutzen das Internet und immerhin über ein Viertel der Online-Gemeinde bzw.

11 % der Gesamtbevölkerung haben im Juni 2002 auch über das Internet eingekauft.

Fast alle online gekauften Waren werden direkt nach Hause geliefert. Man braucht damit für einen Einkauf

die eigenen vier Wände nicht zu verlassen. Dies trägt zur Bequemlichkeit bei und spart, weil man quasi nebenbei

einkauft, auch Zeit. Möchte man also z. B. Zeit mit Lesen verbringen, wird das nötige Medium – das Buch

– eben nebenbei online bestellt.

Eine völlig andere, aber ebenso moderne Konsumsituation ist die sogenannte Mall. Charakteristisch für

Malls ist, dass solche Kaufumgebungen von Grund auf „am Reißbrett“ entworfen werden und damit eine Fülle

von Gestaltungsmöglichkeiten bieten. Im Zentrum der Überlegungen zu Malls steht immer die „Vermittlung

spezifischer Erlebniswerte“ (Weinberg/Besemer, 1999, S. 239). Dem Kunden soll ein Einkaufserlebnis geboten

werden.

FORUM WARE 30 (2002) NR. 1 - 4

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