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32 USABILITY

Die Staubsaug-Sucht zeigt diesen Mechanismus deutlich an: je sauberer eine Wohnung gemacht wird, desto

sensibler wird die Wahrnehmung der Bewohner für das Phänomen Schmutz. Dabei ist Schmutz kein objektiver

Sachverhalt, sondern Ergebnis einer sozialen Übereinkunft: die im Dreck leben, merken dies nicht. Somit ist

der Staubsauger zugleich die Ursache des Problems, das er lösen soll. So paradox es auf's erste klingt: der

Staubsauger erzeugt Schmutz, denn Schmutz ist ein ästhetisches Phänomen der Wahrnehmung und Bewertung

einer Binnengrenze. Die soziale Aufgabe des Staubsaugers besteht darin, Aufmerksamkeit und ästhetisches

Unterscheidungsvermögen auf die Schmutzgrenze zu lenken, denn der Grad der häuslichen Sauberkeit gilt

zugleich als Darstellungmittel sozialer Unterschiede. Als ästhetisches Medium aber hat der Staubsauger seine

Erhebung zur multiplen Spielmaschine durchaus verdient.

Absurd wäre es, eine Rückkehr zum rein Funktionellen und Sachlichen zu fordern. Denn auch die Bedürfnisse

der Symbolisierung sind Bedürfnisse und die Techniken ihrer Befriedigung Techniken. Als Scheintechniken

erscheinen sie nur, solange man sie aus dem engen Blickwinkel des Funktionalismus betrachtet. Von der

postmodernen Annäherung der Geräte an die Spielzeuge können wir uns jedoch auch über das Ideologische

des traditionellen Funktionalismus aufklären lassen. Im Rückblick erscheinen dann die funktionalistischen

Geräte als ästhetisch-symbolische Darstellungsformen der mittlerweile historischen Idee des Funktionalismus:

der Idee, daß es so etwas geben könnte wie die reine, rationale Funktion. Was wir heute erstaunt zur Kenntnis

nehmen müssen, ist, daß es Rationalität nur gibt als Binnenrationalität und daß es Funktionen nur gibt, nachdem

eine willkürliche, irrationale, kulturelle Vorentscheidung darüber getroffen ist, worin denn ein Funktionieren

überhaupt bestehen soll. So schwer uns der Abschied vom Funktionalismus auch fällt - jedes rationale

System hat Ränder und ruht auf einem letztlich Unbegründbaren, Irrationalen auf. In den neuen Geräten verrät

sich vieles vom irrationalen Unbewußten der Technik. Insofern handelt es sich wirklich um "intelligente" Maschinen,

die als Medien, als dinggewordene Botschaften, ja nicht zuletzt als Fluchtpunkte menschlicher

Selbstaneignung, ihren Interpreten meist um eine Nasenlänge voraus sind.

(...)

* Dr. Wolfgang Pauser, freiberuflicher Essayist, Wien; Kontakt: w. pauser@pauser.net .

Hinweis: Der vollständige Text (Erstveröffentlichung: DIE ZEIT 23/1993, S. 36) erscheint im Herbst 2002 in: Löbbert, Reinhard

(Hrsg.): Der Ware Sein und Schein. Zwölf Texte über die Warenwelt, in der wir leben. Haan-Gruiten (Verlag Europa-Lehrmittel)

2002. ISBN 3-8055-9857-3.

FORUM WARE 30 (2002) NR. 1 - 4

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