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Lebenskultur - Das Magazin - Ausgabe April 2022

Das Magazin „Lebenskultur“ wirft in jeder Ausgabe zu einem bestimmten, weit gefassten Thema einen tiefgehenden Blick auf bemerkenswerte Geschehnisse und Menschen mit Bezug zur Stadt, zur Region und darüber hinaus. Wechselnde lokale Autoren machen sich daran, unser Leben und unsere Kultur in allen ihren Ausprägungen in Form von Portraits, Berichten, literarischen Texten, Essays oder ähnlichem zu schildern. Selbstverständlich dürfen Fotos nicht fehlen. Derart entsteht eine ganz spezielle Chronik, in der sich die aktuelle Stadtgeschichte mit Wechselwirkungen bis zum Weltgeschehen hin wiederfindet.

Das Magazin „Lebenskultur“ wirft in jeder Ausgabe zu einem bestimmten, weit gefassten Thema einen tiefgehenden Blick auf bemerkenswerte Geschehnisse und Menschen mit Bezug zur Stadt, zur Region und darüber hinaus. Wechselnde lokale Autoren machen sich daran, unser Leben und unsere Kultur in allen ihren Ausprägungen in Form von Portraits, Berichten, literarischen Texten, Essays oder ähnlichem zu schildern. Selbstverständlich dürfen Fotos nicht fehlen. Derart entsteht eine ganz spezielle Chronik, in der sich die aktuelle Stadtgeschichte mit Wechselwirkungen bis zum Weltgeschehen hin wiederfindet.

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AUSGABE 35 | APRIL 2022

MAGAZIN

LEBENSKULTUR DER STADT FELDBACH

Mitmenschen helfen

Mustertitel Mustersatz

von Michael Mehsner | S. 15

Mitmenschen helfen

Mustertitel Mustersatz

von Michael Mehsner | S. 15

Mitmenschen helfen

Mustertitel Mustersatz

von Michael Mehsner | S. 15


Werte Leserinnen und Leser!

Herzlich willkommen bei einem neu gestalteten

Magazin Lebenskultur der Stadtgemeinde

Feldbach. Die allererste Ausgabe

ist vor 10 Jahren, im März 2012, erschienen.

Eine Überarbeitung des Layouts und

eine Erweiterung des Umfanges erfolgte mit

der Ausgabe Nr. 15 anlässlich der Gemeindefusion

2015. Bisher sind 34 Ausgaben

erschienen. Wieder einmal, was in der Medienlandschaft

durchaus üblich ist, scheint

die Zeit gekommen, das Magazin einem Relaunch

zu unterziehen. Vielleicht ein wenig

mitausgelöst durch den grandiosen Wes

Anderson-Film „The French Dispatch“, der

die Geschehnisse rund um eine schon sehr

besondere Redaktion einer Zeitung in einer

französischen Kleinstadt schildert.

Nun, eine solche Redaktion kann ich Ihnen

ab sofort auch für unsere Zeitschrift anbieten,

vorerst einmal für das Jahr 2022,

Verlängerung nicht ausgeschlossen. Die

Autorinnen und Autoren haben, wenn man

EDITORIAL

das so sagen darf, deren „Spezialgebiete“

übernommen, welche den Ausgangspunkt

für ihre Texte bilden werden, um von dort

aus die Gedanken schweifen zu lassen. Wie

weit, das ist nur ihnen selbst überlassen.

Ein jeweils übergeordnetes Thema für die

einzelnen Ausgaben erübrigt sich damit.

Gemeinsames Ziel bleibt, die Lebenskultur

unserer Stadt und der Region abzubilden,

und darüber hinaus in Wechselwirkung zum

Weltgeschehen zu treten, zumal sich die

meisten Dinge heutzutage, in diesen globalen

Zeiten, nicht mehr voneinander trennen

lassen. Verpflichtet sehen wir uns, einen

tieferen Blick auf Besonderheiten zu werfen,

das, was die Menschen hier beschäftigt,

aufzuzeichnen und damit eine spezielle

südoststeirische Chronik zu verfassen.

Wie sich nun die Redaktion zusammensetzt,

entnehmen Sie bitte dem Inhaltsverzeichnis.

Auch Gastautoren, wie dieses Mal

Ernst Kleinschuster, werden immer wieder

dazustoßen. Somit bleibt mir vorerst nur,

Ihnen mit dem „neuen“ Magazin viel Freude

zu wünschen. Uns war es ein Vergnügen und

eine Ehre, dieses für Sie zu gestalten.

Ihr Michael Mehsner

PS: Da zwischen dem Redaktionsschluss

und dem Erscheinen des Magazins rund vier

Wochen liegen, finden sich in diesem, mit

Ausnahme einer Passage von Werner Kölldorfer,

und ungeachtet einer diesbezüglichen

Anregung aus unserem Kreis, keine

Bezugnahmen zur Ukraine-Krise, die ein

machtgieriger Aggressor ausgelöst hat, der

damit den Weltfrieden gefährdet. Die Stadtgemeinde

Feldbach bietet auf ihrer Website

umfassende Informationen an, auf welche

hiermit verwiesen wird, weitere Ansprechstelle

ist das BürgerInnenservice.

INHALT

FOTO TITELSEITE: „FISCHLANDSCHAFT“...................................................................von Andres Stern

3 LEBEN IM GARTEN – MIT FRÜHLINGSGEDANKEN ....................................................von Andrea Bregar

5 IN DER ZUKUNFT NICHTS NEUES ..............................................................................von Franz Jurecek

6 WIE SCHÖN, EIN PROVINZLER ZU SEIN......................................................................von Josef Kirchengast

(nach einer Idee von Helga Kirchengast)

7 OHNE WORTE ..............................................................................................................von Werner Kölldorfer

8 DIE HEXEN MEINER KINDHEIT (HEXEN – TEIL 1) ........................................................von Rainer Matthäus Parzmair

9 ZWISCHEN DOLCE VITA UND UNDICHTEN DÄCHERN .............................................von Mariella Schauperl

Mein Umzug an den „Caput Mundi“

11 WAS IST – EIN AKTUELLES SITTENBILD ......................................................................von Stefan Preininger

Eine Satire in drei Teilen – Teil 1: Mein Bekannter

12 DIE VERLORENE ZEIT UND DIE MUSIK .......................................................................von Ernst J. Kleinschuster

14 WAHRNEHMUNGSBLINDHEIT......................................................................................von Roswitha Dautermann

Ein Plädoyer für die Reduktion optischer Reize im öffentlichen Raum.

15 LIEBER BÜGELTISCH!...................................................................................................von Sandra Pfeifer

16 LIFE IS BIGGER .............................................................................................................von Michael Mehsner

18 FELDBACHS STARKE UND KREATIVE FRAUEN (TEIL 1)..............................................von Johann Schleich

19 WANTED (TEIL 1)...........................................................................................................von Roman Wallner

FOTO LETZTE SEITE.....................................................................................................von Mariella Schauperl

IMPRESSUM

Herausgegeben von der NEUEN Stadt Feldbach, www.feldbach.gv.at; Cover: Andreas Stern; Rückseite: Mariella Schauperl;

Fotos: Stadtgemeinde Feldbach, Autoren, Stock.Adobe.com; Layout: www.feldbach.gv.at; Druck: www.scharmer.at

2 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


VON ANDREA BREGAR

Wir sind angekommen im Frühling. Mitten

drin sind wir schon. Zumindest hier in

unserer Region, in der Südoststeiermark.

Die Jahreszeit, die GärtnerInnen aufblühen

lässt bevor es viele ihrer Blumen tun, die

alles neu macht, die wieder Sonne in Gemüter

bringt, denen der Winter ein bisschen

zusetzt. Zu letzteren zähl ich mich selbst.

Es ist schon spannend zu beobachten, wie

schnell sich die Stimmung ändern kann,

wenn es heller wird, die Sonne scheint und

das frische Grün sprießt. Wenn es draußen

nach Erde duftet, Bienen summen, Vögel

zwitschern und die Haut wieder frische Luft

spüren kann. Der Frühling macht so viel

mit uns. Er bringt Neues, lässt alles wachsen

und aufleben, und Samen und Knospen

werden zum Leben erweckt. Die Landschaft

wandelt sich vom südoststeirischen Winterbraun

ins südoststeirische Frühlingsgrün.

Leben im Garten –

mit Frühlingsgedanken

Samen sind übrigens wahre Kraftpakete und

Überlebenskünstler. In ihnen steckt alles,

was die Pflanze braucht, alles, was eine

neue Pflanze wachsen lässt. Und sie besitzen

manchmal unglaubliche Eigenschaften,

die sie jahrelang in Trockenheit, Nässe oder

Eis keimfähig halten. Manchmal keimen sie

sogar erst nach einem Brand. Sogenannte

Feuerkeimer behalten ihre Keimfähigkeit

bis zu 100 Jahre lang. Es gibt also Lichtkeimer,

Dunkelkeimer, Kaltkeimer, Warmkeimer,

Feuerkeimer … Wie bei uns Menschen,

oder? Jeder Mensch braucht etwas

anderes, um wachsen, gedeihen, fußfassen

und aufblühen zu können. Sonne und Wärme

brauchen wir aber alle. Licht und Grün

tun dem Menschen gut.

Was macht nun die Farbe Grün mit uns?

Fragt der Urlaubsgast den Bauern: „Sind das

Blaubeeren?“

„Na“, sagt der Bauer, „des san Schwoazbean.“

„Aber die sind ja rot!“

„Jo weils noch grea san.“

Einer meiner Lieblingswitze. Er sagt einiges

über unseren Umgang mit Farben im

Sprachverhalten aus. Die Farbe Grün wird in

so vielen sprachlichen Ausdrücken verwendet.

„Der ist noch grün hinter den Ohren.“

Hört man zwar nicht mehr so oft. Aber den

Reiferen unter uns ist der Ausdruck noch

geläufig. Oder „Dasselbe in Grün“, der „grüne

Daumen“, „auf einen grünen Zweig kommen“.

Grün wird oft mit Positiven in Verbindung

gebracht. Neuanfang, Wachstum,

alles in Ordnung – „im grünen Bereich“,

„grüne Ampel“, „grünes Licht“ auf sämtlichen

elektronischen Geräten, wenn sie betriebsbereit

sind. Aber: Der Zornige ärgert

sich auch „grün und blau“, und der Neidige

wird „grün vor Neid“. Grün zeigt uns oft

„giftig“, und auch Monster werden häufig

grün dargestellt.

In der Kunst wird Grün für Frische, Freiheit,

als beruhigende Farbe, als Symbol für

Fruchtbarkeit, Erneuerung und Wachstum

eingesetzt. Grün gilt als ausgleichende Farbe,

die das Gleichgewicht herstellt. Grün

entsteht aus Blau und Gelb. Man könnte

sagen, Grün verbindet also die innere Ruhe

von Blau mit der Inspiration von Gelb. Die

3


Werbung greift genau diese Eigenschaften

von Grün gerne auf. Verpackungen oder

Werbungen mit viel hellem Grün, Weiß,

Pflanzenbildern oder Ausdrücken wie „Die

Grüne Linie“ sollen uns vermitteln, dass im

Produkt „Natur pur“ enthalten ist. Das sogenannte

„Greenwashing“ von Produkten,

die einen besonderen Naturbezug zeigen

oder umweltfreundlich dargestellt werden

sollen, diese Eigenschaften aber nicht unbedingt

erfüllen, funktioniert.

Frisches, junges Grün: Grün wirkt also grundsätzlich

positiv auf uns. Dieses frische Grün

tut aber nicht nur unserer Seele und Psyche

gut sondern auch dem Körper in Form von

wichtigen Nährstoffen. Erwähnenswert ist,

dass besonders das wilde Grün im Frühling

einen sehr hohen Anteil an für den menschlichen

Organismus gesunden Inhaltsstoffen

besitzt. Es gibt Untersuchungsergebnisse,

die uns zeigen, dass das sogenannte Wildgemüse

und die Wildkräuter im Frühling

neben dem grünen Farbstoff Chlorophyll ein

Vielfaches an Mineralstoffen und Vitaminen

von unserem kultivierten Gemüse besitzen.

So enthalten zum Beispiel im Vergleich Kulturgemüse

und Wildkraut Kalzium pro 100 g

Pflanzenmasse: Kopfsalat 11 mg | Wiesenbärenklau

320 mg; Eisen pro 100 g Pflanzenmasse:

Spinat 4 mg | Vogelmiere 8,4 mg;

Vitamin C pro 100 g Pflanzenmasse: Brokkoli

114 g | Brennnessel 333 mg. Es genügt

also, jetzt im Frühling täglich eine kleine

Hand voll Wildkräuter und Wildgemüse in

die Schüssel mit Kopfsalat aus dem Garten

zu mischen, oder kleingeschnitten die Suppe

damit zu würzen, übers Butterbrot zu

streuen oder in den Aufstrich zu rühren. Wir

müssen gar nicht stundenlang Wildkräuter

sammeln, um dem Körper etwas Gesundes

zu tun. Es reicht eine wirklich kleine Menge.

Manchmal finden wir sie sogar als Unkraut

in unserem Gemüsebeet.

Rezept „Frühlingswrap“: Frühlingswraps sind

eine schnelle, einfache Jause und können

kreativ mit viel Frühlingsgrün gefüllt werden.

Kinder und Jugendliche lieben sie. Klassischer

Schinken-Käse Wrap mit viel Grün:

bester Schinken und Käse vom Bauern Ihres

Vertrauens, kernweiches Ei, und dazu Grün

und Bunt aus dem Garten und von der Wiese:

Wintersalate, Gartenkresse, Sauerampfer,

Wiesenbärenklau, frische Blattsalate, Veilchen,

Taglilienblüten, Vogelmiere, Rote Gartenmelde

… Den Wrap dick mit knackigem

Grün befüllen und einrollen. Vegetarischer

Wrap mit Frischkäse: Brennnesselspitzen

blanchieren, abtropfen und abkühlen lassen.

Zusammen mit gequetschtem Knoblauch,

Zitronensaft, Salz, etwas Muskatnuss und

Frischkäse verrühren. Die Wraps mit dem

Brennnesselfrischkäse und knackigen frischen

Salatblättern befüllen.

Also, Frühlingserwachen, raus mit uns, und

wer einen Garten hat ist jetzt wahrscheinlich

so richtig motiviert, alles wieder in

Form und zum Blühen zu bringen. Ich auf

jeden Fall :-)! Darum hier noch ein kleiner

Gartentipp: Wenn sich der Boden erwärmt

hat und die Keimlinge im Garten sprießen,

die mehrjährigen Stauden wieder austreiben

und ein Großteil der Gemüsepflanzen

gepflanzt sind, dann sollte der restliche

offene Boden zwischen den Gemüsereihen,

Blumen oder Sträuchern wieder gut bedeckt

werden. Mulchen ist mittlerweile kein

Fremdwort mehr und etwas sehr Wichtiges,

gerade in unserer Region. Das wichtige Bodenleben,

die Mikroorganismen, die unter

anderem für Nährstoffe im Boden zuständig

sind, leiden unter starken Witterungseinflüssen

wie Frost, Trockenheit, Hitze und

direkter Sonneneinstrahlung. Unsere Böden,

die meist sehr lehmig und verdichtet

sind, verschlämmen bei Starkregen, welcher

immer häufiger vorkommt. Die ungeschützte

Oberfläche des Bodens wird dabei sehr

hart. Es entsteht eine Kruste, die kaum

Sauerstoff durchlässt und im Frühling von

manchen Sämlingen nicht durchdrungen

werden kann. Schützen wir unsere Böden so

gut wir können, damit sie fruchtbar bleiben

– und im nächsten Frühling wieder ergrünen

können!

4 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


In der Zukunft nichts Neues

Wir schreiben das Jahr 2072. In gar

nicht allzu ferner Zukunft kommt alles wieder

ganz anders, oder genauso wie man

denkt. Die Regierung besteht inzwischen

aus fünf Parteien, die sich überhaupt nicht

mögen, aber gerade solche Beziehungen

halten länger. Diese Regierung macht das,

was sie immer tut, wenn es Probleme gibt,

sie tritt zusammen, beschließt eine Sonderkommission

für Sonderfälle einzusetzen

und geht wieder auseinander. Die Menschen

merken irgendwie, dass das nicht ganz in

Ordnung ist und schimpfen über die Regierung.

Viel lieber reden sie aber über die

gute alte Zeit, in der alles besser war.

So wurden in den dreißiger Jahren alle benzinbetriebenen

Autos eingezogen und durch

Elektroautos ersetzt. In den vierziger Jahren

wurde der afrikanische Kontinent mit Akkus

von desolaten E-Autos überschwemmt,

was Umweltkatastrophen und Vergiftungserscheinungen

der dortigen Bevölkerung

zur Folge hatte. Da sich in Afrika die Bewegung

„Saturdays for Futures“ (am Freitag

mussten sie arbeiten) heftig zur Wehr

setzte, war die Autoindustrie gezwungen,

die Produktion der E-Autos einzustellen.

In den fünfziger Jahren tauchten plötzlich

neue Autos auf, von denen keiner wusste,

womit sie betrieben wurden, man munkelte,

es sei wieder das gute alte Benzin. Großbritannien

ist wieder der EU beigetreten, dafür

sind Schottland, Wales und Nordirland aus

Großbritannien ausgetreten. In den sechziger

Jahren gab es endlich etwas Erfreuliches

zu berichten. Einhundert Jahre „The

Beatles“ und „The Rolling Stones“ wurde

gefeiert. Die großen Konzerthäuser rund um

VON FRANZ JURECEK

den Globus spielten die großen Klassiker

dieser beiden Bands, und die inzwischen

hochbetagten Kinder von Mick Jagger, John

Lennon und Paul McCartney mussten immer

wieder antanzen.

Nur noch wenige erinnerten sich an die

zwanziger Jahre, an die Pandemie und an die

damit verbundenen Lebensumstellungen. Es

sind allerdings sehr viele Gepflogenheiten

aus dieser Zeit geblieben, wie Verhaltensforscher

feststellten. Der Händedruck ist

einer (japanischen) Verbeugung gewichen.

Auf Dating-Portalen geben sehr viele Impfverweigerer

„entwurmt“ als positive Eigenschaft

an. Obwohl die Maskenpflicht längst

aufgehoben wurde, erfolgt das erste Date

meist mit Maske. Wenn diese nach einigen

Wochen abgenommen wird, ist vom Gegenüber

oft ein überraschter Gesichtsausdruck

wahrzunehmen. Bei Rockkonzerten hat sich

ein Abstand von zwei Metern im Publikum

eingebürgert, dieser Abstand kann sich je

nach Alkoholisierungsgrad entsprechend

verringern. Und es gibt Leute, die sammeln

Klopapier statt Briefmarken.

Im Gesundheitsbereich wurde inzwischen

eine Impfung entwickelt, die gegen alle bekannten

Viren wirkt und unmittelbar nach

der Geburt verabreicht wird. Inzwischen

arbeitet man daran, diesen Impfstoff mit

den Genen weiter zu geben, so dass künftig

überhaupt keine Impfung mehr notwendig

ist. Impfgegner wollen neuerdings für eine

Impfung demonstrieren, da es diese nicht

mehr gibt. Und da sich das nicht mehr ändern

lässt, wird von einem Teil der Impfgegner

überlegt, rückwirkend gegen diese

Impfung zu demonstrieren. Bei diesen Demonstrationen

werden neuerdings Masken

getragen, weil sich die Menschen nichts

vorschreiben lassen wollen. Es wurden mehrere

Anzeigen getätigt, da seit der Aufhebung

der Maskenpflicht wieder das Vermummungsverbot

gilt. Die Regierung kündigt

eine Maskenverbotspflicht für das ganze

Jahr an und beruft sich dabei auf irgendeine

Sonderkommission. Dieses Verbot kann

in vereinzelten Regionen am 5. Dezember

fallweise aufgehoben werden.

In den Krankenhäusern hofft man hingegen

auf Impfdurchbrüche, damit endlich wieder

Patienten aufgenommen werden. Seit der

neuen Impfung hat die Zahl der Patienten

ständig abgenommen. Die Ärzte sitzen mit

den verbliebenen Impfgegnern aus den

zwanziger und dreißiger Jahren zusammen

und spielen mit ihnen „Ich sehe was, was

du nicht siehst“. Die Impfgegner nennen das

Spiel hingegen „Ich sehe nichts, wo du was

siehst“. Die Regierung beschließt daraufhin,

solche Spiele zwischen Arzt und Patienten

zu verbieten (Empfehlung SOKO LKH). Vorläufig

sind allerdings keine Strafen vorgesehen.

Die Opposition wirft der Regierung vor,

das Land zu spalten. Die Opposition besteht

aus vier Parteien und wächst hin und wieder

durch Abspaltung einzelner Abgeordneter

auf sechs bis acht Parteien an. Seit Jahrzehnten

spricht man von einer Spaltung

des Landes, doch es gibt einen Lichtblick.

In sechs Jahren, am 21. Juni 2078, feiert

ganz Österreich das hundertjährige Jubiläum

des Sieges über Deutschland in Cordoba.

Und das ganze Land ist wieder geeint, wenn

auch nur für einen Tag.

5


Wie schön, ein Provinzler zu sein

„Sag‘, fällt dir da draußen nicht manchmal

die Decke auf den Kopf?“, fragte mich ein

lieber Freund, der in Graz lebt. Er spielte auf

unseren Wohnsitz im hintersten Winkel eines

Seitentales an. Dort sagen einander nicht nur

Hase und Fuchs, sondern auch Waldkauz und

Rehbock gute Nacht. Und Wildtauben gurren

ihr charmantes Guten Morgen, begleitet vom

Stakkato des Schwarzspechts und beendet

von einem lapidaren einfachen „Dutt“ (im

Gegensatz zum „Dutt-dutt“ der Haustaube).

Welche Decke sollte einem da auf den Kopf

fallen? In klaren, trockenen Nächten besteht

sie aus einem prächtigen Sternenhimmel,

den man in der Stadt mit ihrem permanenten

Elektrosmog nur erahnen kann. Aber der

Freund meinte es natürlich anders. Er spielte

darauf an, dass bei uns halt nichts los ist,

wie man so sagt. Wir leben ja in der tiefsten

Provinz, sind also Provinzler, um nicht zu sagen

Hinterwäldler.

Dazu fallen mir spontan die Bewohner des

Hinteren Bregenzerwaldes ein. Die sind nämlich

genau darauf mächtig stolz. Für sie ist

der Hintere Bregenzerwald der echte Bregenzerwald.

Und da der Bregenzerwald nicht nur

in Vorarlberg, sondern im ganzen restlichen

Österreich und darüber hinaus wegen seiner

Landschaft, seiner Architektur und seiner kulinarischen

Spezialitäten (Käse!) sehr positiv

besetzt ist, kann man diese Haltung nachvollziehen.

Man könnte sie freilich erst recht

hinterwäldlerisch nennen. Aber vermutlich

würden das die Hinterwälder (ohne hinteres

„l“!) erst recht als Kompliment auffassen.

Ohne den Hinterwäldern nahetreten zu wollen:

Vielleicht wird der geografische Provinzler

erst dadurch zum bespöttelten Provinzler,

dass er entweder kein Provinzler sein will

oder aber seinen Lebensraum zum Paradies

hochstilisiert, auf das andere nur neidisch

sein können. Und vielleicht hilft es, nach

der Herkunft des Begriffes zu fragen. Provinz

kommt vom lateinischen provincia (aus „pro“

VON JOSEF KIRCHENGAST (nach einer Idee von Helga Kirchengast)

– „für“, und „vincere“ – „siegen“). Im engeren

Sinn bezeichnete Provinz ein außerhalb

Italiens liegendes, erobertes, unter römischer

Herrschaft stehendes Gebiet. Bewohner von

Provinzen hatten erheblich geringere Rechte

als „echte“ Römer. (Eindrucksvoll geschildert,

unter anderem, in Robert Harris‘ Roman „Imperium“,

dem ersten Teil einer mitreißenden

Trilogie über Cicero.) Der Provinzler im Römischen

Reich war also ein Bürger zweiter

Klasse. Offensichtlich rührt daher auch der

negative Beigeschmack des Wortes Provinz.

Rom, damals (eingebildetes) Zentrum der

Welt, dessen Aufgabe es ist, allen anderen

Völkern Zivilisation und Kultur zu bringen:

Wie dieser Hochmut endete, ist bekannt. Und

trotzdem tragen wir, die Nachfahren der damaligen

Provinzler, ein nicht so kleines Stück

römischer Kultur in und mit uns.

„Die Provinz des Menschen“ nannte Elias

Canetti (1905-1994, Literaturnobelpreis

1981) seine Aufzeichnungen aus 30 Jahren,

von 1942 bis 1972. Diese Aufzeichnungen,

oft nur einige Zeilen, selten mehrere Seiten,

gehen weit über ein Tagebuch hinaus.

Es sind Stationen eines fortlaufenden

Denkprozesses, Zeugnisse eines Mensch-

Seins, dessen Unvoreingenommenheit und

Kreativität kaum Grenzen gesetzt sind. Die

Provinz des Menschen – das ist für Canetti

die Literatur. Der in Worte gefasste Prozess

der Mensch-Werdung, wenn man so will. In

Bulgarien geboren, erlernte Canetti erst mit

zwölf Jahren die deutsche Sprache. Als Kind

und später als junger Erwachsener lebte er

viele Jahre in Wien. Deutsch wurde, wie er

in der Provinz des Menschen bekennt, seine

eigentliche Heimat: „Die Sprache meines

Geistes wird die deutsche bleiben, und zwar

weil ich Jude bin.“ Es kennzeichnet die Tragik

unzähliger Juden in der mittel- und osteuropäischen

„Provinz“, dass Deutsch ihre

Sprache der Kultur und zugleich die Sprache

ihrer Mörder war. Im Sinne Canettis ist die

Provinz also der Ort, wo der Mensch sein

eigentliches Zuhause findet. Damit erhält

auch der ursprüngliche Wortsinn eine andere

Bedeutung: Provinz als Ort, den ich für mich

„besiegt“, also bewusst als Lebens- und Entfaltungsraum

gewählt habe. Das kann, muss

aber nicht das Dorf, die Stadt, die Region

sein, wo ich aufgewachsen bin. Entscheidend

ist, dass ich mich bewusst für diesen Ort entschieden

habe oder ihn bewusst akzeptiere.

Ob an einem solchen

Ort „etwas

los“ ist, hängt somit

zu einem Gutteil

von mir selbst

ab, von meinem

Beitrag zum kulturellen

und gesellschaftlichen

Leben. Ganz abgesehen

davon, dass Provinzler sowieso immer die

anderen sind. Für die Wiener, beispielsweise,

die Grazer; für die Grazer, beispielsweise, die

Feldbacher; für die städtischen Feldbacher,

beispielsweise, die Mühldorfer; für die Mühldorfer:

die Petersdorfer. Ein solcher wurde

ich zunächst eher zufällig. Ein solcher bin

ich inzwischen bewusst. Und zugleich ein

Feldbacher, ein Steirer, ein Österreicher, ein

Europäer, ein Erdenbürger. Von hinten her

betrachtet also immer ein Provinzler.

Fairerweise muss ich bekennen, dass es mir

das vielfältige kulturelle und gesellschaftliche

Leben und das kulinarische Angebot in

der Region leicht machen, mich als Provinzler

zu bekennen. Konsumieren allein aber

kann – buchstäblich – nicht abendfüllend

sein. Wer in einer Großstadt das Angebot der

sogenannten Hochkultur nutzt und regelmäßig

ins Theater, in die Oper, in den Konzertsaal

geht, selbst aber nicht das Geringste

zum Gemeinschaftsleben beiträgt, hat kein

Recht, über vermeintliche Provinzler die

Nase zu rümpfen. Das macht ihm übrigens

schon ein kurzer Trip auf der südoststeirischen

Route 66 klar.

Mehr lesen von

Josef Kirchengast im Blog:

www.joekirchengast.wordpress.com

6 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


Ohne Worte – wie soll da ein Text entstehen?

Hm, schwierig. „Da bin ich sprachlos“:

Das kann positive Anerkennung sein,

dass jemand die Grenzen meiner sprachlichen

Ausdrucksfähigkeit übersteigt, ist

aber gleichzeitig das Eingeständnis, dass

meine Sprache nicht ausreicht und ich

nichts (mehr) zu sagen habe. Wir sind auf

Worte, auf Wort-Sprache angewiesen, um

uns mitzuteilen, verständlich zu machen

(und stoßen dabei immer wieder an Grenzen).

Sprache/Sprechen bedeutet „Macht“

haben, „gewaltig“ sein (sprachmächtig,

Sprachgewalt).

Warum also „Ohne Worte“? Anlässe: Unlängst

feierte R(einhard) P(eter) Gruber

(*1947, Fohnsdorf), der den Ur-Steirer

„Hödlmoser“ 1973 in diese Welt entließ,

seinen 75. Geburtstag. Gruber war mehrmals

in Feldbach zu Gast, u.a. auch mit

seinen kongenialen „Asterix auf Steirisch“

– Übertragungen. Sein Hödlmoser ist in

seiner Sprach-„Gewalt“, besser: „Sprach-

Un-Kunst“ oder Sprach-Losigkeit reduziert

(er verfügt in der Sprache der Kommunikationstheorie

nur über einen Restricted Code

[RC], also einen sehr geringen Wortschatz.

Und dort, wo die Worte fehlen, dort tritt als

„Ersatz“ oft die pure Gewalt der Fäuste an

ihre Stelle):

gesprochen wird in einem wirtshaus in köflach,

im tiefen westen der steiermark.

köflacher bauer: „wouhea beistn tou?“

obersteirischer bauer: „neit fa to.“

k.b.: „sou schaust a aus, tou bleita troutl!“

o.b.: „hoiti papm, du westschtairische oaschsau!“

10 köflacher springen von ihren tischen auf.

die steirischen krankenkassen bleiben weiterhin

defizitär.

Noch tiefer reichen Erinnerungen an Franz

Innerhofer, (*1944, Krimml, Salzburg,

+ 2002, Graz), dessen 20. Todestag Bilder

an einen kurz vor dem Ende seiner Verzweiflung

Stehenden wiedererwecken; auch er

war in Feldbach – damals bereits in ziemlich

desolatem Zustand – zu Gast.

VON WERNER KÖLLDORFER

Ohne Worte

Warum also diese Überschrift? Weil es einer

geschafft hat, mit seiner („Helden“)-Figur,

einem spracharmen, redefaulen Steirer, einen

kultisch verehrten „Typen“ zu erschaffen

– der Autor selbst, er studierte in Wien,

sich in der Welt der Wörter, der Sprache,

sehr gut zu bewegen wusste/weiß ... Er

verfügt(e) über einen sehr „elaborierten

Code“ (EC), einen hoch entwickelten Wortschatz,

der ihm seine Sprach-Gewalt, sein

Spiel mit Sprache ermöglichte.

Sprache und Sprechen stehen für Macht/

Ohnmacht im realen Leben/im Beruf/in

den Beziehungen. Wer nicht über (ausreichend)

Sprache verfügt, ist macht-los, der

hat nichts zu sagen (aus Mangel an Worten

und Bildern im Kopf) und wenig zu

reden (was seinen Einfluss, seine „Macht“

betrifft). Sprache und Sprechen als Eintrittskarten

in eine Welt der Vielfalt, der

Möglichkeiten, wenig Sprache als Hindernis

für ein abwechslungsreiches Leben, als Reduktion

auf ein Leben in Unfreiheit. „Eine

Sprache mehr, ein Leben mehr.“ (Benjamin

L. Whorf) Was bedeutet da demgemäß erst

das Können/Kaum-Können nur seiner eigenen

(Mutter-)Sprache? „Die Grenzen meiner

Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ (L.

Wittgenstein) Wer wenig Sprache hat, hat

auch nur einen kleinen (Denk-)Horizont,

was sich meist auch in seinem (sozialen)

Umfeld/Umgang auswirkt.

Wer mehr Sprache(n) (Wörter) hat, der

wird (geistig) flexibler, der hat mehr „Bilder“/Ideen/Verstand/Verständnis

im Kopf,

der kann sich nicht nur „etwas“ Diffuses,

sondern „vieles“ (Reales, Mögliches) vorstellen,

denn: „Worüber du nicht reden

kannst, da musst du schweigen“ (wieder

Wittgenstein), wo du kein Bild (=Wort) im

Kopf hast, darüber kannst du logischerweise

auch nicht sprechen, das gibt es für dich

auch gar nicht. Alle unsere „Bilder“ im Kopf

(Ideen, Wünsche, Ausdrucksmöglichkeiten

…) sind sprachgebunden: Wo kein Wort,

da auch kein Bild, d.h. da bleibt gar nichts.

Als Mädchen/Frau (Mädchen/Frauen haben

in unserer Welt in der Regel mehr Sprachkompetenzen

als Burschen/Männer, werden

aber anders kurz/kürzer gehalten als durch

die Sprache) gehst du „ohne Worte“ „den

Weg in die Heirat oder sonst irgendwie zugrunde.“

(Elfriede Jelinek, „Die Liebhaberinnen“)

Wer die Sprache hat, über sie verfügen kann,

der hat auch die Macht (wie man das derzeit

im Krieg gegen das freie Wort, die Pressefreiheit

in Russland so abstoßend deutlich

vorgeführt bekommt!). Wer die Sprache hat,

bestimmt die Worte, die Meinungen, die

„Wahrheit“ (schlag nach bei George Orwell,

„1984“). Wortmonopol bedeutet Macht, und

Macht „be-recht-igt“ (welches Recht?) zur

Anwendung von realer Gewalt (Erniedrigen,

Ausgrenzen, Verprügeln, Vergewaltigen,

Wegsperren, Ermorden). Karl Kraus nannte

eine „verluderte Sprache“ verantwortlich

für eine verluderte Politik. Wer die Hoheit

über die Sprache hat, der dominiert, hat das

Gewaltmonopol. Das heißt, es gibt „die da

oben“ und „die da unten“ – und Unebenbürtigkeit

führt immer zu ausgeübter/erlittener

Gewalt, das sind Allmachtsfantasien

auf der einen Seite, Hilf- und Machtlosigkeit,

Ohnmachtsgefühle auf der anderen

Seite. Wer auch „nur“ sprachliche Ohnmacht

erlebt, der sucht sich/braucht (nach Alfred

Adler) auf der „sozialen Hühnerleiter“ zu

seiner eigenen Psychohygiene jemanden,

der noch weiter unten steht, und wenn die

Wörter nicht ausreichen, weil man sie nicht

hat, dann bleibt nur die körperliche Gewalt

anstelle der verbalen: „Und willst/kannst

du nicht (freiwillig) mein ‚Bruder‘ sein, so

schlag ich dir den Schädel ein!“

Dieses Scheitern zwischen einer Welt der

Nicht-Sprache und einer Welt voller Sprache

ist es, die den Wert/die Notwendigkeit

von Schule und Bildung aufzeigen.

Sprach-Können ist Voraussetzung für ein

Leben zumindest in der Möglichkeit des

Glücklich-Seins. Innerhofer besuchte kaum

die Grund-/Pflichtschule (er durfte dies

nicht!), Wolfgruber verließ die Hauptschule

mit der Meinung, dass er neun Jahre vollkommen

umsonst die Schule „vergeudet“

habe. (Wolfgruber, „Auf freiem Fuß“) Beide

erkannten den Wert von Bildung, von Lesen

(!) als Voraussetzung für Denken und Sichausdrücken-Können,

machten als berufstätige

Erwachsene die Abendmatura. Auch

andere Altersgenossen Innerhofers, alle aus

dem deutschen Raum, schmissen ebenfalls

früh die Schule, kamen aber darauf, dass

ohne Schule, ohne Bildung das Leben schon

gar/erst recht nicht das war, was sie gern

gehabt hätten (Beispiel: G. Wolfgruber,

„Niemandsland“), und die deshalb Abendmatura

nachmachten und sich mit Verspätung,

aber großer Willenskraft ihren Weg

ans „Licht der Bildung“ freikämpften, auch

wenn die anschließenden „Herrenjahre“

(wieder Wolfgruber) auch desillusionierend

sein konnten. Bildung ist nicht automatisch

das Himmelreich, aber gibt zumindest die

Möglichkeit der Himmelsleiter in die Hand.

7


Die Hexen meiner Kindheit

„Morgens früh um sechs

kommt die kleine Hex‘.

Morgens früh um sieb‘n

schabt sie gelbe Rüb‘n.

Morgens früh um acht

wird Kaffee gemacht.

Morgens früh um neun

geht sie in die Scheun‘.

Morgens früh um zehn

holt sie Holz und Spän‘.

Feuert an um elf,

kocht dann bis um zwölf.

Fröschebein und Krebs und Fisch,

hurtig Kinder, kommt zu Tisch!“

Sie zu fragen, ob Sie dieses Gedicht kennen,

ist gewiss überflüssig. Ein Blick ins Internet

zeigt, dass es sich bis heute bei vielen

Kindern großer Beliebtheit erfreut. Ich

lernte „Die kleine Hexe“ in der ersten Klasse

Volksschule kennen und lieben und sie blieb

mir in bester Erinnerung. Doch schon vorher

begegneten mir andere, nämlich böse

Hexen in den Märchen. Meine Mutter erzählte

mir diese in einer einfühlsamen Art und

Weise, sodass bei mir nicht die Angst vor

dem Bösen im Vordergrund stand sondern

der Sieg des Guten.

Dank der Brüder Jacob (1785-1883) und

Wilhelm (1786-1859) Grimm sind uns über

200 Märchen und Legenden in ihrer berühmten

Sammlung „Kinder- und Hausmärchen“

erhalten geblieben; in einigen spielen

natürlich auch Hexen eine Rolle. Die

Berühmteste von ihnen ist wohl die böse

Hexe bei „Hänsel und Gretel“. Ihre Illustrationen

aus den „Kinder- und Hausmärchen“

sind bis heute populär: eine alte, bucklige

Frau mit großer, krummer Nase und einer

Warze darauf; natürlich dürfen auch die

schwarze Katze und der Rabe nicht fehlen.

„Hu, hu, da schaut eine alte Hexe raus“ -

diese Zeile aus dem Kinderlied „Hänsel und

Gretel“ gehörte schon vor der Schulzeit zu

meinen Liedern, ohne dabei an Kannibalismus

gedacht zu haben. Das war mir ganz

und gar fremd.

Mein erstes Faschingskostüm – ich war damals

sieben Jahre alt – war nicht Cowboy

oder Indianer sondern Hexe. Es war mein

Wunsch, hatte mir viel Spaß gemacht und ich

wurde von den anderen Kindern auch nicht

gejagt. Ich wusste damals auch nichts von

einer „Hexenverfolgung“ in früheren Zeiten.

Kurze Zeit darauf bekam ich von meinen Eltern

zwei lustige Bücher des deutschsprachigen

Kinderbuchautors Otfried Preußler

VON RAINER MATTHÄUS PARZMAIR

geschenkt: „Räuber Hotzenplotz“ und „Die

kleine Hexe“. Ich las beide mehrmals mit

Begeisterung. Gerade im zweiten Buch von

Preußler aus dem Jahr 1957 stieß ich zum

ersten Mal auf eine Hexe, die gut werden

wollte. Der im „jugendlichen“ Alter von

127 Jahren stehenden kleinen Hexe mit

ihrem Raben Abraxas gelang es, die bösen

Hexen zu besiegen. Der Blocksberg, der in

der Erzählung eine wichtige Rolle spielt,

ist mit dem niedersächsischen Brocken im

Harz ident. Im 16. Jahrhundert wird dieser

Berg als Versammlungsort der Hexen in der

Walpurgisnacht genannt. Heutzutage feiern

viele Touristen, aber auch solche, die

meinen, Hexen zu sein, am Blocksberg vom

30. April auf den 1. Mai die Walpurgisnacht.

Das Datum ist auch verantwortlich, dass es

von mir in dieser April-Ausgabe den ersten

Teil zum Thema „Hexen“ gibt. Gestatten

Sie mir an dieser Stelle noch eine kleine

Anmerkung: Nicht von ungefähr trägt das

Mädchen Bibi, eine hilfsbereite Hexe, auch

den Namen „Blocksberg“.

Zum Glück hatte meine Familie bereits in

den 1960er-Jahren einen Fernseher. Warum

ich von Glück spreche? Ich durfte eine

liebe Hexe und einen guten Geist kennenlernen.

Es dreht sich dabei um die US-amerikanischen

Fernsehserien „Verliebt in eine

Hexe“ und „Bezaubernde Jeannie“. Da das

damalige Kinderprogramm im ORF nicht besonders

reichhaltig war, zählten die beiden

Serien zu meinen „Highlights“. Die Schauspielerin

Elizabeth Montgomery verkörperte

die liebenswerte Hexe „Samantha“, deren

Ehemann Darrin nicht magisch begabt war.

Das Besondere an Samantha war, dass sie

zum Hexen keinen Zauberstab brauchte.

Sie brauchte nur mit ihrer Nase zu wackeln

und schon erfüllten sich ihre Wünsche. Das

herrliche Nasen-Wackeln der Hexe prägte

sich fest in mein Gedächtnis ein. Die bezaubernde

Jeannie in der anderen Serie war

ein orientalischer, persisch sprechender,

guter Geist. Nach 2000 Jahren wurde sie

von ihrem späteren Ehemann Tony aus einer

Flasche befreit. Das unvergessliche Markenzeichen

von Jeannie beim Zaubern war das

Verschränken der Arme und das Blinzeln mit

den Augen. Die Rolle des Flaschengeistes

spielte die „bezaubernde“ Schauspielerin

Barbara Eden, die voriges Jahr ihr neunzigstes

Lebensjahr vollendete.

Gute und böse Hexen begleiteten mich in

meiner Kindheit, ohne negative Auswirkungen

auf meine Psyche zu nehmen. Es gab

niemanden, der mir mit diesen fiktiven Figuren

Angst machen wollte, und schon früh

konnte ich sie von der Wirklichkeit trennen.

Heute werden immer wieder Stimmen laut,

die meinen, dass die brutalen Märchen für

Kinder unzumutbar sind. Im Vorjahr fand

ich zu diesem Thema einen interessanten

Zeitungsartikel der Kinderpsychologin Dagmar

Zahradnik aus Wien; er lautet: „Sind

Märchen rückständig oder zeitlose Klassiker?“

Unter anderem hielt die Psychologin

folgendes fest: „Grausamkeit, die Erwachsene

in die Märchengeschichten interpretieren,

nehmen Kinder nicht so ausgeprägt

wahr. Die bildliche Vorstellung der in den

Ofen geschubsten und verbrennenden Hexe

ist objektiv gesehen durchaus ein grausamer

Akt. Jedoch empfinden Kinder dies im

situativen Kontext der Geschichte eher als

gerecht.“

Im nächsten „Magazin“ werde ich die Märchen-Hexen

zurücklassen und mich auf

Spurensuche nach den Hexen der Vergangenheit

und Gegenwart begeben. Vielleicht

haben Sie inzwischen einmal Zeit, über Ihre

eigenen Hexenerfahrungen der Kindertage

nachzudenken.

8 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


VON MARIELLA SCHAUPERL

Zwischen Dolce Vita und

undichten Dächern

Mein Umzug an den “Caput Mundi”

Mitte 2021, irgendwo zwischen Lockdowns,

Reisebeschränkungen und Sommerhitze,

beschloss ich meinem Leben einen

neuen Twist zu geben und mein (pandemiebedingtes)

Online-Masterstudium nun

in Präsenz fortzusetzen. Semiprofessionell

vorbereitet und voller Freude auf einen

neuen Lebensabschnitt zog es mich in den

Süden – in die “Eternal City”, das wunderschöne

Rom. Mein Leben fühlte sich für

kurze Zeit an wie im Bilderbuch: Modestudium

in Italien, täglich Sonnenschein und

Aperolspritz wohin das Auge reicht – Dolce

Vita hautnah. Doch, wie lebt es sich wirklich

am “Nabel der Welt”? Alles Pizza, Pasta,

Bella Ciao? Wo auch immer man lebt,

es gibt natürlich überall Vor- und Nachteile,

und wie man wohl vermuten mag, hat auch

das Leben in der Millionenstadt nicht nur

seine Sonnenseiten – das durfte ich sehr

schnell erfahren. Mir wurde bewusst: “It is

what it is” – manche Dinge muss man eben

einfach akzeptieren, dann lebt es sich viel

glücklicher.

Begonnen hat meine “Reise der Akzeptanz”

Anfang November, als ich nach ein paar Tagen

Heimaturlaub, mit Flugverspätung und

Zugstreik, gegen Mitternacht endlich wieder

in der römischen Innenstadt ankam.

Klatschnass vom Regen und hundemüde von

der Reise betrat ich meine Wohnung. Als

ich die Tür öffnete, schlug mir bereits ein

kalter Luftzug ins Gesicht. Kurz darauf fand

ich meine Küchenzeile total überschwemmt

vor. Es tropfte noch immer von der Decke,

daher entwickelte sich das Aufwischen mehr

oder weniger zu einer Sisyphusarbeit. Ich

beschloss, meine Vermieterin, eine etwas

ältere, sehr liebenswerte Lady aus Palermo,

anzurufen. Diese reagierte wenig schockiert

und erzählte mir, ich sei die Dritte ihrer

Mieter, die deswegen anriefe. Am nächsten

Tag kamen dann die Herren von der Hausverwaltung.

Diese waren gerade dabei, circa

30 Wohnungen, alle von dem Gewitter

beschädigt, abzuklappern. Nach drei Besuchen

dieser Herren regnet es nun endlich

nicht mehr in meine Wohnung (welche sich

übrigens nicht im Dachgeschoß befindet).

Gut einen Monat nach dem “stärksten Regen

seit Jahren” (wie mir einige Römer

versicherten), wachte ich frühmorgens

mit nassem Gesicht auf – Wasserrohrbruch

in der Wohnung über mir. Da ich wusste,

jeder Mensch, der mir in diesem Moment

helfen konnte, schläft noch, blieb mir nicht

viel mehr übrig als die Situation zu akzeptierten.

Ich wischte wieder alles weg und

stellte die paar Schüsseln, die ich besitze,

darunter. Am nächsten Nachmittag kamen

dann dieselben Herren wie im Vormonat.

Nach einer sehr langen Observierung der

Situation und einigen Versuchen, das Wasser

zu stoppen, gelang es endlich. Ich weiß

nicht, wie das alles repariert wurde, doch

dem Leichtsinn und dem Materialkoffer

(bestehend aus einem Plastiksackerl) der

Techniker zufolge wäre ich nicht schockiert

gewesen, wenn einfach das gute, alte Gafferband

zum Einsatz gekommen wäre. Doch

wie in jeder Situation gab es auch in dieser

Vorteile: Mein italienischer Wortschatz wurde

erweitert, und ich kenne jetzt Ausdrücke

wie “Scoppio del tubo d’acqua” für “Wasserrohrbruch”

oder “Cazzo, sta ancora gocciolando”

für “Mist, es tropft immer noch”.

Auch wenn meine Wohnung nicht die größte,

dichteste oder modernste ist, habe ich

mich Hals über Kopf in mein kleines Nest

9


verliebt und wahrlich ein zweites Zuhause

darin gefunden. Hierbei spielt natürlich

auch meine Lage eine große Rolle: Sobald

ich mein Appartement verlasse, befinde ich

mich zwischen dem Kolosseum und Vintageshops,

mitten im Stadtteil Monti. Durch die

zentrale Lage, sowie zu viel Pizza und Pasta,

bin ich die meiste Zeit zu Fuß unterwegs.

Hierbei bleibt jedoch zu sagen, dass

ich bei fast jeder Kreuzung ein bisschen um

mein Leben bange, denn das Klischee der

italienischen Straßen kann ich nur bestätigen

– sehr chaotisch, und rote Ampeln sind

mehr oder weniger ein nett gemeinter Vorschlag.

Mir wurde schnell klar, dass Autofahrer

in den meisten Fällen (hoffentlich)

schon wissen, was sie tun und den Fußgängern

einfach ausweichen. Daher Regel Nummer

1: Einfach immer weiter gehen. Auf den

chaotischen Straßen Roms darf natürlich

auch ATAC nicht fehlen. ATAC ist sozusagen

Roms GVB, und die Busse fahren von 6:00

bis 00:00 Uhr – wann genau oder in welchen

Intervallen sei dahingestellt. Da kann

es leicht passieren, dass man eine Stunde

oder auch mehr im strömenden Regen wartet,

denn sie kommen, wann sie wollen. Daher:

Wenn Öffis, dann Metro – etwas, das in

Rom tatsächlich sehr gut funktioniert.

So unorganisiert die Stadt in manchen

Dingen auch zu sein scheint, bei einer

Sache gibt es strenge Regeln: dem Essen.

Die Frage “Wie geht’s dir?” wird prinzipiell

ersetzt durch “Was hast du heute gegessen?”.

And I really think that’s beautiful.

Gestartet wird ein typisches Abendessen

mit Aperitivo, eines meiner liebsten, wenn

nicht sogar das liebste Ding am italienischen

Lifestyle – denn was gibt es besseres

als Spritz und italienisches Essen VOR

italienischem Essen?! Wenn ich die Wahl

hätte, würde ich mein Leben lang Aperitivi

machen. Die zentrale Rolle des Essens im

Leben der Römer wird auch bei den Zeitangaben

klar: Tischreservierungen werden

zum Beispiel einfach nur für “Dopocena”,

also nach dem Abendessen, gemacht. Der

genaue Zeitpunkt dafür ist ungewiss – irgendwann

zwischen 22:00 und 0:00 Uhr

eben. Für mich, einen Menschen, der zu

Pünktlichkeit erzogen wurde, ist das nicht

immer ganz so einfach. Daher habe ich

klare Regeln beim Treffen mit meinen italienischen

Freunden entwickelt: Haus erst

dann verlassen, wenn die andere Person

bereits in der Bar sitzt oder sich einfach

mit dem Smart (dem Lieblingsauto vieler)

abholen lassen.

Doch egal ob Verkehrschaos, undichte Dächer

oder verwirrende Zeitangaben, ich bereue

es keine Sekunde, für mein Masterstudium

nach Rom gezogen zu sein. Alles in

allem habe ich mich bereits gut eingelebt

und komme, Schritt für Schritt, immer besser

mit dem Lebensmotto “Si, ma con calma”

(Ja, aber mit Gemütlichkeit) klar. Aus

Rome wird schön langsam Home. Denn: Wie

kann man sich nicht in diese Stadt verlieben?

Mariella Gianna Schauperl wurde 1996

in Feldbach geboren und schloss im

Herbst 2020 ihr Bachelorstudium

„Informationsdesign, maj. Mediadesign”

an der FH Joanneum in Graz ab.

Im Februar 2021 begann sie ihr

Masterstudium „Fashion Studies” an

der La Sapienza in Rom. Neben ihrem

Studium freelanced die 25-Jährige als

Graphikdesignerin und Fotografin (u.a.

für das regionale Kunstfestival HOCHsommer

Art).

10 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


VON STEFAN PREININGER

Was ist – Ein aktuelles Sittenbild

Eine Satire in drei Teilen – Teil 1: Mein Bekannter

Mein Bekannter ist ein echter Ökofuzzi.

Manchmal denk ich mir, er übertreibt seine

Sache. An die Umwelt denken, okay, aber

warum gleich immer auf 120 %? Bevor mein

Bekannter Ökofuzzi wurde, war er so ein richtiger

Investmentfuzzi. Er wurde stinkreich,

indem er in etwas investierte, dass es eigentlich

nicht gibt und mit dem man grundsätzlich

nichts machen kann, das aber unter

enormem Energieverbrauch, Geldwäsche,

Terrorfinanzierung und Transaktionen für

Drogen-, Waffen- und Menschenhandel riesige

Gewinne abwirft. Er hat echt richtig hart

für sein Vermögen gearbeitet. Sein Problem

war, dass er einfach nicht wusste, wohin mit

der Kohle. Es sei nicht leicht, das viele Geld

wieder richtig zu investieren, sagt mein Bekannter.

Man werfe ja auch nicht gern Geld

aus dem Fenster. Das hat ihn komplett überfordert.

Burnout.

Er war dann echt ganz unten, der Arme.

Aber dann stand er wieder auf, fasste Mut

und steckte die ganze Knete in ein von ihm

gegründetes Unternehmen. Er hat gesagt:

„Ich möchte der Welt wieder das zurückgeben,

was ich ihr genommen habe. Nachhaltigkeit,

das ist jetzt mein Ding!“ Ihm war

es von Anfang an wichtig, die Hierarchien

in seinem Unternehmen flach zu halten. Die

körperliche Arbeit tue ihm gut. Trotz der

großen Verantwortung steht er auch heute

noch Seite an Seite mit seinen mittlerweile

über 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.

Er auf der einen, die Mitarbeiter auf der anderen

Seite. Die Tätigkeit seiner Belegschaft

besteht, glaube ich, in etwa darin, Schweröl

aus großen Fässern portionsweise in kleine

Schalen zu leeren, das Öl in den Schalen anzuzünden

und die leeren Fässer danach zu

stapeln. Die übriggebliebene Asche kommt

danach in kleine Flaschen. Die Flaschen

werden zur Aufbewahrung in ein Regal gestellt.

Was mit den Flaschen passiert, wissen

sie noch nicht ganz genau. Sie haben aber

überlegt, die Asche präventiv in kleinen Gebinden

abzupacken. „Präsentation ist heute

alles, vor allem bei regional hergestellten

Produkten“, sagt mein Bekannter, „und

nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit

gekommen ist.“ Hinsichtlich der leeren Fässer

arbeiten sie an einer Lösung, diese zu

recyclen. „Der technischen Fortschritt ist ein

Segen“, sagt mein Bekannter, „es finden sich

Lösungen für jedes Problem, irgendwann.“

Sowas, oder etwas Ähnliches, macht er. Er ist

so ein Visionär!

Das Business läuft richtig gut. Gerade mussten

sie ein weiteres Grundstück asphaltieren,

um Lagerfläche für die leeren Fässer zu

schaffen. Ihre Aufträge kommen mittlerweile

nicht nur von privaten Unternehmen aus dem

Bereich fossiler Energieträger, sondern auch

aus nationalen und supranationalen Förderprogrammen.

„Da ist schon Kohle drin“,

meint mein Bekannter, „denn immerhin gibt

es keinen Sektor, der so stark subventioniert

wird wie jener der fossilen Energieträger.

Und alles für die Umwelt!“ Da ging ich letztens

mit meinem Bekannten in eine Kneipe.

Ich sagte, es sei doch scheiße, was er mache.

Wozu Öl verbrennen? Da hat er mir vorgerechnet:

„Stell dir vor, wir würden es nicht

machen. Dann würde die Nachfrage nach Öl

sinken. Das drückt den globalen Ölpreis. Für

Betriebe und für Staaten wäre es dann nicht

mehr rentabel, auf erneuerbare Energien zu

setzen. Ein Nullsummenspiel. Erneuerbare

Energien sind aber wichtig!“

Außerdem sei es doch immer noch besser,

das Öl hier zu verbrennen. Stichwort höhere

Umweltauflagen. Stichwort Arbeitsplätze.

Stichwort Steuern.

Ja, da musste ich ihm Recht geben. Verstehen

Sie jetzt, was ich meine? Er denkt immer

an die Umwelt. Zum Beispiel ist sein Betrieb

CO2-neutral, hat ein Umweltsiegel bekommen.

„Die paar Euro für eine Biogasanlage

in Südafrika oder ein paar gepflanzte Bäume

in einer guatemaltekischen Plantage ist mir

der Klimaschutz allemal wert“, sagt mein Bekannter.

Er hat schon auch was verdient mit

der ganzen Geschichte. Ich finde ja, nachhaltiges

Engagement soll auch belohnt werden.

So manch einer würde jetzt sagen, es

reiche ihm. Aber mein Bekannter, jaja, dem

war das nicht genug. Er dachte noch einen

Schritt weiter und legte sein Geld in „Green

Investments“ an. Sie wissen schon, sowas

wie Biodiesel aus Palmen, oder Biogas aus

Mais, oder Atomkraftwerke, oder Erdgas. Das

war der Jackpot. Seine Vermögenswerte stiegen

rasant und er hätte sich locker mal eine

1000 Quadratmeter-Villa mit Infinity-Pool

hinstellen können. Aber da kamen wieder

seine grüne Seite und auch seine Bescheidenheit

zum Vorschein. Er hat die Größe

seiner neuen Hütte dann am Ende um 50 %

reduziert, Passivhaus, mit Photovoltaikzellen

am Dach und Schwimmteich statt Pool, Tesla

in der Garage. Modell X. „Als Chef eines großen

Unternehmens hat man eine besondere

Verantwortung gegenüber der Gesellschaft.

Kleines Elektroauto, wenig Nachhaltigkeit.

Großes Elektroauto, viel Nachhaltigkeit,

denn da ist der Unterschied zum Verbrenner

am krassesten“, sagt mein Bekannter.

Zum Ausgleich für seine Bescheidenheit und

für die Entbehrungen während der Pandemie

hat er sich schon was gegönnt: ein klitzekleines

Chalet in den Alpen und eine Miniwohnung

am See. „Aber da fällt fast kein

Energieverbrauch an“, sagt mein Bekannter,

„denn die werden eh nicht so oft genutzt.“

Ich dachte ja gleich: „Mann, Alter, was geht?

Jetzt bist du schon wieder drin im Hamsterrad!“

Aber mein Bekannter hat gelernt, einen

Ausgleich zu finden. Er fliegt jetzt zweimal

im Jahr auf Yoga-Retreat. Das ist heutzutage

doch kein Luxus mehr. Letzten Monat war er

auf den Malediven. Er ist nämlich der totale

Naturliebhaber. Er hat schon die ganze Welt

bereist. Durch seine Reisen ist er ein weltoffener

Mensch geworden. Er hat schon viel

gesehen. „Die Armen, wie glücklich sie doch

sind! Haben nichts und lächeln trotzdem

immer“, pflegt er stets zu sagen, wenn er

sieht, wie ihre Inseln versinken. Die ganze

Geschichte mit dem Klimawandel trifft die

Ärmsten schließlich am härtesten. Wenn er

in seinem Yoga-Turnsaal ein ayurvedisches

Räucherstäbchen entzündet, dankt er immer

dafür, dass es anderen nicht so gut geht wie

ihm.

Würden sich nur alle so verhalten, wie mein

Bekannter, wir hätten die Klimakrise längst

im Griff. Captain Kirk hatte schon Recht, als

er nach seiner Reise ins All meinte: „Wenn

nur jeder Mensch ins All fliegen würde, dann

würden wir verstehen, dass wir unsere Erde

schützen müssen.“ Ja, so ist es, mein Bekannter

und Captain Kirk, die haben noch

Visionen. Da können wir uns eine Scheibe

abschneiden, richtig investieren und aus der

Krise hinauswachsen!

11


Die verlorene Zeit und die Musik

Befasst man sich näher mit der Rolle der

Musik in den großen Werken der Weltliteratur,

wird man rasch fündig in Marcel Prousts

À la recherche du temps perdu (Auf der Suche

nach der verlorenen Zeit, 1913-1927).

Bei einem Blick ins Biographische findet

man den lebenslangen Freund Prousts, Reynaldo

Hahn (1874-1947), einen Musiker,

Komponisten und Direktor der Pariser Oper,

ebenso wie den Schulfreund Jacques Bizet,

den Sohn des Carmen-Komponisten, dessen

spätere Witwe als Madame Straus einen

Salon führte, in dem Proust häufig zu Gast

war, sowie den Jugendfreund Daniel Halevy,

Sohn des Opernkomponisten Jacques Fromental

Halevy. Proust konnte am Telefon

Direktübertragungen aus der Oper mitverfolgen

(Theatrophon), hatte 1907 im Hotel

Ritz ein Konzert veranstaltet und Jahre

später ein Streichquartett in seine Wohnung

eingeladen, um Werke Beethovens zu

hören – Musik hat ihn ein Leben lang begleitet.

Antike Mythologie, französische Gotik,

aktuelle Theater-, Ballett- und Opernaufführungen,

moderne Malerei seiner Zeit

und vor allem die Literatur seiner Freunde,

Kollegen, Widersacher und Vorbilder waren

ihm auf Grund einer umfangreichen Ausbildung

gut vertraut – man kann die gesamte

Recherche auch als Schilderung zeitgenössischer

Kunst lesen.

Wie sieht es nun im Einzelnen aus, wie

schildert ein Schriftsteller von Rang eine

flüchtige Kunstgattung wie die Musik in seinem

epochalen Werk? Wie beschreiben aber

auch umgekehrt die Komponisten Geschehnisse

mit außermusikalischen Mitteln? Man

kennt die sogenannte „Augenmusik“, bei

der im Sinne der lediglich sichtbaren, aber

nicht zu hörenden optischen Textausdeutung

in den Musiknoten, etwa bei „tenebrae“

(Dunkelheit), inmitten hohler weißer

Notenköpfe plötzlich gefüllte schwarze auftauchen,

oder bei „crucifixus“ unvermittelt

eine signifikante Häufung zahlreich auftretender

Kreuz-Vorzeichen zu sehen ist.

Diesen eher vordergründigen Bezug zur Musik

kann man auch bei Proust finden, wenn

es etwa um die Schilderung eines Musikabends

in Gegenwart des Charles Swann

geht: Auf der betreffenden Buchseite wimmelt

es von den Buchstaben pp, p, f, ff,

den Symbolen für die Dynamik in der Notenschrift,

die sich dem Leser allerdings

nur in der Originalsprache zeigen (Fischer

VIII, 141ff). Ähnlich gelagert sind Textstellen

mit lautmalerischer Faktur, in denen die

Marktrufe der Straßenhändler und vor allem

VON ERNEST J. KLEINSCHUSTER

die Klänge von Geige oder bestimmten Lagen

auf dem Klavier mit hellen oder dunklen

Vokalfärbungen nachgeahmt sind – nur

beim lauten Lesen erschließen sich diese

(dto. u. Luzius Keller, Proust lesen, 262).

Worum geht es Proust aber in erster Linie?

Diese bloße imitatio naturae war bereits

dem Symphoniker Beethoven allzu einfach

(Pastorale: Mehr Ausdruck der Empfindung

als Mahlerey), und Proust beschreibt meisterhaft

die Gefühle und Empfindungen des

verliebten Swann, wenn dieser bei einem

Konzert unerwartet la petite phrase (die

kleine Phrase) in der Violinsonate des Komponisten

Vinteuil wieder erkennt (Prousts

Hauptthema, la mémoire involontaire, die

unbewusste, unfreiwillige Erinnerung), die

damals seine inzwischen verklungene Liebe

zu Odette de Crécy untermalt hat und

deren Hymne sie war. In der Sekundärliteratur

wird seit langem gerätselt, wer denn

nun dieser Komponist sein könnte: So wie

die Figuren des Romans immer eine Mixtur

wirklich existierender Menschen sind – bei

Erscheinen der jeweiligen Bände begann das

Rätseln darüber, wer denn nun wer sei, und

Proust hat sich immer mit einem Hinweis

auf diese Vermischungen dagegen gewehrt

– kann man nur vermuten, dass es sich um

eine schriftstellerische Symbiose der Komponisten

Gabriel Fauré, Camille Saint-Saens,

César Franck, Henri Duparc oder Claude

Debussy handelt, von denen Proust einige

auch persönlich kannte.

Eine Musikproduktion von 2021 versammelt

denn auch unter dem Titel „Musik aus

Prousts Salon“ Werke dieser Komponisten,

von 2017 stammen Aufnahmen als La Sonate

de Vinteuil mit Violinsonaten von

Saint-Saens, Debussy, Hahn, Pierné; auch

die reizvollen Comics von Stéphane Heuet

(2006) bringen Szenen dazu. Im Film Le

temps retrouvé von Raoul Ruiz mit Catherine

Deneuve (1999) wird ein Werk von Jorge

Arriagada gespielt, im Fernsehfilm À la

recherche du temps perdu von Nina Companeez

(2011) eines von Bruno Bontempelli.

Dass Proust 1913 die skandalöse Uraufführung

des Sacre du printemps von Igor Strawinsky

selbst miterlebte und später nach

12 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


der Oper Le Renard desselben Komponisten

im Anschluss daran noch mit dem leider

schon etwas angetrunkenen James Joyce

zusammen saß, sei hier nur am Rande bemerkt.

Er war auch Zeuge der Uraufführungen

einiger Werke von Claude Debussy, der

ballets russes sowie von Darius Milhaud.

Ein Septett von Vinteuil wird im fünften

Band der Recherche aufgeführt, den Vermutungen

des Proust-Biographen George

D. Painter zufolge hat es Werke von Debussy

und Vincent d‘Indy als Vorbild, und

der Hörer erkennt freudig die kleine Phrase

aus der Violinsonate: … fand ich mich plötzlich

mitten in dieser für mich neuen Musik

im Schoß der Sonate Vinteuils wieder, und

wunderbarer noch als eine junge Maid kam

die kleine Phrase verhüllt, silberumfangen,

rauschend in schimmernden Klängen, leicht

und sanft wie Schleier auf mich zu, doch wiedererkennbar

unter diesem neuen Schmuck.

Meine Freude, sie wiedergefunden zu haben,

schwoll noch durch den so freundschaftlich

vertrauten, so schmeichelnden, so schlichten

Ton, in dem sie sich an mich wandte, nicht

ohne weiterhin die schillernde Schönheit auszuspielen,

die sie umstrahlte ... Während sich

die Sonate über einem lilienhaften, ländlichen

Morgengrauen auftat, ihre beschwingte

Offenherzigkeit ablegte, nur um sich über das

lockere und doch stabile Blättergewirr einer

rustikalen Laube von Geißblatt und weißen

Geranien zu breiten, begann das neue Werk

auf geschlossenen, glatten Flächen gleich denen

des Meeres an einem Gewittermorgen inmitten

einer schneidenden Stille und unendlichen

Leere … in einer rosigen Morgenröte

allmählich aus Stille und Nacht herausgelöst.

Dieses so neue Rot, das in der zarten, ländlichen,

offenherzigen Sonate völlig abwesend

war, färbte den ganzen Himmel gleich der

Morgenröte mit einer mystischen Hoffnung.

(Fischer V, 337/38).

… so bemerkte ich, wie ich mich plötzlich inmitten

dieser für mich neuen Musik im Herzen

der Sonate von Vinteuil befand: Wundervoller

noch als ein junges Mädchen trat das kleine

Thema mir entgegen, mit silbernen Hüllen

ausstaffiert, von blitzenden, leichten, schleierzarten

Klängen um und um überrieselt und

dennoch wiederzuerkennen in seinem neuen

Schmuck. … Ein völlig neues Rot, das der

zärtlichen, ländlichen und unschuldigen Sonate

völlig fehlte, färbte den ganzen Himmel

gleich der Morgenröte mit einer geheimnisvollen

Hoffnung. (Rechel-Mertens/Keller V, 355).

In einem seiner frühen Werke, Les plaisirs

et les jours (Freuden und Tage), finden sich

stimmungsvolle Portraits von Gluck, Mozart,

Chopin und Schumann, ebenso jene von

Watteau oder van Dyck. Dieses Werk enthält

auch die Essays Famille écoutant la musique

(Familie beim Musikhören), Sonate Clair de

lune (Mondscheinsonate) und die bekannte

Éloge de la mauvaise musique (Lobrede auf

die schlechte Musik):

Irgend so eine Arpeggienpassage oder irgend

so ein wiederkehrendes Motiv haben in der

Seele von mehr als einem Verliebten oder

Träumer die Harmonien des Paradieses oder

die eigene Stimme der Geliebten zum Klingen

gebracht. (Keller 2016).

Diese Arpeggien, diese Kadenz haben in der

Seele von vielen Verliebten oder Träumern

widergeklungen oder gar mit der Stimme der

vielgeliebten Frau. (Ernst Weiss 1926).

Die Recherche ist zugänglich in zwei vollständigen

Übersetzungen (eher literarisch

die eine von 1953/2012, Rechel-Mertens/

Keller, Suhrkamp, diese auch als Hörbuch

in 150 Stunden mit dem Burgschauspieler

Peter Matic; griffiger und direkt die neuere

von 2016, Fischer, Reclam) sowie in Teilen

(1928, Walter Benjamin und 2010, Michael

Kleeberg). Das 100ste Todesjahr 2022 wird

sicher noch Neues bringen.

Dr. Ernst Kleinschuster lebt als pensionierter

Musikwissenschaftler in Feldbach.

Nach seiner Ausbildung in Graz

und Berlin war er neben Tätigkeiten

in den Bereichen Ärzteverband sowie

Statistik Austria vorwiegend mit Urheberrecht

im Musikbereich, Musikmonographie

und -edition (Anton Faist),

Musikberichten (u. a. Korrespondent für

die Kleine Zeitung) und Kirchenmusik

befasst.

Luci serene von Monteverdi zeigen das leuchtende Augenpaar der Geliebten.

13


VON ROSWITHA DAUTERMANN

Wahrnehmungsblindheit

Ein Plädoyer für die Reduktion optischer Reize im öffentlichen Raum.

Unsere Wahrnehmung basiert auf der

Verarbeitung von Sinneseindrücken und deren

Interpretation über unser Gehirn. Diese

Interpretation wiederum ist beeinflusst

von unserer persönlichen und kollektiven

Prägung, sowie das Ergebnis von Lernprozessen

und Erfahrungen. Wahrnehmung ist

deshalb immer ein dynamischer Prozess und

von vielerlei Faktoren abhängig. Ein grundsätzliches

Prinzip dabei ist, dass wir viel

mehr wahrnehmen, als uns bewusst ist. Der

weitaus größte Teil dessen, was wir sehen,

hören, fühlen, schmecken oder riechen, findet

unbewusst statt. Wir haben, sozusagen,

„Filter“ eingebaut, die nur einen selektiven

Teil der Sinneseindrücke ins momentane Bewusstsein

durchlassen. Ein noch viel kleinerer

Teil schafft es in das Langzeitgedächtnis.

Das, was hier in Erinnerung bleibt, ist oft ein

konzentrierter Auszug aus zahlreichen Eindrücken,

die auch im Nachhinein bearbeitet

und verändert werden. Dieser Prozess findet

bei jedem Menschen individuell statt. So

lässt sich auch erklären, warum Menschen,

die die gleiche Situation erlebt haben, diese

völlig unterschiedlich wiedergeben bzw. darstellen.

Grundsätzlich gilt: Je mehr Eindrücke auf uns

einprasseln, desto stärker müssen wir Informationen

filtern, um diejenigen, die für uns

wichtig sind, zu empfangen. Diese Tatsache

wird in der Gestaltung des kollektiven Raumes,

wie z.B. bei Straßen, Plätzen, Gewerbegebieten

oder Geschäftsbereichen, meist

komplett außer Acht gelassen. Wie könnte es

sonst sein, dass, wenn wir unsere Straßen im

städtischen Umfeld genauer betrachten, uns

eine optische Überflutung an Informationen

über Schilder, Plakate, Lichter, Fahnen, Werbungen,

Verkehrszeichen usw. trifft.

Wagen Sie einen Selbstversuch! Dieser sollte

aus Gründen der Verkehrssicherheit eher

beim „zu Fuß gehen“ durchgeführt werden!

Variante I: Nehmen Sie sich eine Strecke von

ca. 500 Metern im städtischen Bereich vor

und schauen Sie bewusst auf alle Schilder,

Zeichen, Beschriftungen, Werbelogos und

Lichtsignale. Entdecken Sie Neues? Variante

II: Schätzen Sie, wie viele oben genannte

Objekte innerhalb der Strecke vorkommen.

Gehen Sie die Strecke ab und zählen Sie die

tatsächliche Anzahl. Das Ergebnis wird sehr

unterschiedlich ausfallen, je nachdem welchen

Ortsteil man sich vorgenommen hat.

Der Bereich der Einkaufszentren im Vorstadtbereich

ist besonders ergiebig. Hier unterscheiden

sich die Städte in Österreich kaum

voneinander. Es reihen sich Werbeinformationen

und Firmenzeichen kombiniert mit

Plakaten und Fahnen so aneinander, dass die

Orientierung schwerfällt. Zudem versuchen

Firmen auch durch Vervielfachungen und

Wiederholungen von Werbeaufschriften noch

mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Da

die Reizüberflutung im Bereich der Augenhöhe

schon sehr massiv ist, weicht man zusätzlich

auch auf die oberen Bereiche aus.

Beleuchtete hohe Pylone mit Werbelogos

oder gar ein riesengroßer roter Sessel verkünden

auch den Menschen in der weiteren

Umgebung, dass es da etwas gibt.

Man könnte jetzt meinen, all diese Informationen

sind wichtig für den Verkehr, für

die jeweilige Firma, zur Orientierung etc. Im

Einzelnen mag das gelten, aber in der Masse

führt das beim Menschen zu einer Reizüberflutung

und dazu, dass unser Gehirn überfordert

wird.

Zudem tritt ein Effekt auf, dem wir uns nicht

entziehen können: Menschen sind „Gewohnheitstiere“.

Das führt dazu, dass wir Gewohntes

nicht mehr bewusst wahrnehmen.

So kann es sein, dass wir nicht einmal einschneidende

Veränderungen erkennen, wenn

wir uns in einem gewohnten Umfeld bewegen.

Man nennt das Veränderungsblindheit.

Diese auch Unaufmerksamkeitsblindheit genannte

Veränderungsblindheit ist die Nichtwahrnehmung

von Objekten, bedingt durch

die eingeschränkte Verarbeitungskapazität

des menschlichen Gehirns. Ein Werbeeffekt

ist hier nicht mehr gegeben. Problematischer

ist diese Veränderungsblindheit jedoch bei

Verkehrszeichen. Wird z.B. auf einer Straße

plötzlich eine neue Tafel mit einer Geschwindigkeitsbeschränkung

eingeführt, so werden

Verkehrsteilnehmer, die die Strecke täglich

fahren, diese mit großer Wahrscheinlichkeit,

nicht sehen. Dazu gibt es auch zahlreiche

Beispielvideos auf YouTube, die sogar für

einschlägige Schulungen verwendet werden.

Es lohnt sich, diese anzusehen! Sie werden

überrascht sein, wie „blind“ wir sind, wenn

unser Gehirn mit der Wahrnehmung „überfordert“

ist.

Was ist nun das Resultat aus dieser Erkenntnis?

Wie kann der öffentliche Raum, der ja für

uns da ist, gestaltet werden? Auf jeden Fall

sollte eine Reduktion stattfinden! Weniger

ist hier nicht nur unter ästhetischen Aspekten,

sondern tatsächlich auch aus werbestrategischen

und verkehrssicherheitsbedingten

Gründen, mehr! Haben wir nicht auch ein

Recht auf optische Ruhe? In der Akustik ist

es klar, dass zu viel Lärm Stress verursacht

und krank macht. Zu viele optische Reize

stressen uns jedoch auch, und man sieht

„den Wald vor lauter Bäumen“ nicht mehr.

14 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


VON SANDRA PFEIFER

Lieber Bügeltisch!

Gestern in den Abendstunden,

bist du – liebes Bügelbrett – verschwunden.

Ich glaubte es kaum doch war es leider wahr,

statt dir lag nur ein Zettel da:

„Jedes Bügelbrett ist in Wahrheit ein Surfbrett,

das seinen Träumen nicht gefolgt ist.“

(Das reimt sich nicht, Mist.)

Ich bin erschüttert, das habe ich wirklich nicht gewusst,

doch ich trage ihn mit Fassung, diesen Verlust.

Nach dem ersten Schock – ein paar Fragen bleiben:

Wohin wird dich deine neue Bestimmung noch treiben?

Warst du nicht immer glücklich hier bei mir?

Ich dachte du genießt wie ich die Wäsche für vier.

Oder auch das neue Dampfbügeleisen mit Station,

sei ehrlich, wer von deinen Kollegen hatte das schon?

Und das Panorama der Wäscheberge direkt vor deinem Gesicht,

gefiel dir das ganz ehrlich nicht?

Haben wir uns im Laufe der Jahre voneinander entfernt?

Nein, schlimmer, wir haben uns gar nie richtig kennengelernt!

Rückblickend waren auch unsere Gespräche einseitig und schlicht,

wie meistens, wenn einer nur schweigt und der andere nur spricht

und etwas dazwischen dann lautlos schallend zerbricht.

Du warst mir immer ein stabiler und stiller Kamerad,

ich stand hinter dir, mit vollem Dampf,

kein weißes Hemd war uns je zu fad.

Auf deine Reise will ich dir meinen Dank mitgeben,

genieß dein zweites neues Leben.

Lass dich mit Sonnenschein übergießen,

mögest du nun Salzwasser statt destilliertes Wasser genießen.

Verlass die alten Welten, tauche ein in neue Wellen,

brich auf zu starken Quellen, vergiss alle Bügelfaltenstellen.

Klapp nicht gleich zusammen wenn der starke Wind beginnt,

du hast gewagt und es stimmt, wer wagt gewinnt.

Dein Dasein als geduldiges Bügelbrett

war zweifellos sowas wie…hmmm...nett?!

Doch „nett“ ist die kleine Schwester von Schei…nkleister,

bis jetzt warst du Lehrling – werde ein Meister!

Flieg nur bitte nicht als erstes nach Hawaii,

denn man sagt dort lauert der Hai!

Andererseits: Haie sind ja doch eher Menschenfresser,

da hast du es als Surfbrett doch wirklich besser.

Und falls dich der Hai, der Sturm oder der Tod

dann doch versehentlich frisst:

Denk dran, dass es tausendmal besser ist,

in Freiheit mit Stolz dem Maul, dem Himmel,

oder der Sense entgegenzugehen,

als völlig verkannt in einer Rumpelkammer zu stehen!

SHAKA!

15


Letzten Herbst, als sich die Nebel zu

lichten begannen, schob ich mit einem

Moment das Überlegen beiseite, begriff

die Ehre und die Einmaligkeit des Anlasses

und sagte zu, bei diesem Ausflug ans

Meer dabei zu sein. In die eine Stadt, die

ich ohnehin zu meinen Heimaten zählte,

ohne jemals dort gelebt zu haben. Das

war meinen Vorfahren beschieden, also jenem

Zweig der Familie, dem ich mich dem

Herzen und Wesen nach zugehörig fühlte.

Verantwortlich dafür zeichnete meine

Großtante, die später zu einem meiner

Lebensmenschen werden sollte. Im Jahr

1900 kam sie dort zur Welt, am Meer, als

Tochter eines Finanzbeamten, kaiserlichköniglich

natürlich, wie es auch die Stadt

lange gewesen war. Der Urgroßvater ging

noch vor dem ersten großen Krieg in Pension,

die Familie zurück ins österreichische

Kernland. Viel noch ließe sich da erzählen.

Von einer Vergangenheit, die zu einem Teil

meiner Geschichte geworden war.

VON MICHAEL MEHSNER

Life is bigger

Von der Stadt sagt man wohl zu Recht,

sie hätte zu lange am Rand gelegen, zu

vielen Winden ausgesetzt, und zu vielen

Herren hätte sie dienen müssen, die ihre

Geschicke stets in andere Richtungen lenken

wollten. In den letzten Jahren hatte

sie sich herausgeputzt. Wir fühlten uns

wohl in dieser neuen Leichtigkeit, streiften

herum, Tramezzini mit Birra oder Spritz

im Sonnenuntergang am alten Hafen, ein

stummes Lächeln für die ebenso stumme

Statue dieses großen, einst hier ansässig

gewesenen irischen Schreibers, dann weiter

durch die Straßen, gut essen und trinken,

am nächsten Tag noch einkaufen, mit

dem Linienschiff die Bucht hinunter und

zurück. Freilich kam ich nicht umhin, meinen

Begleitern das Haus meiner Vorfahren

zu zeigen. Dieses hatte ich dank meiner

Erinnerung an frühere Gespräche, einen

alten Film, der einen Flug über die Stadt

zeigte, und einigen weiteren Recherchen

schon vor einiger Zeit ausgemacht, trotz

des Umstandes, dass die Straße seither

einen neuen Namen bekommen hatte. Zuletzt

blieben zwei Häuser übrig, von denen

ich mir dann eines aussuchte. Jenes, das

eben besser zur Familie eines kk Finanzbeamten

passte, der seinen Dienst zur See

leistete, auf einem kanonenbestückten

Boot, das im Dienste der Steuergerechtigkeit

die Küste hinunter bis nach Kataro

fuhr, währenddessen es Frau und Kindern,

bei aller Bescheidenheit, an nichts mangeln

sollte.

Aus Anlass der Reise hatte ich überlegt,

noch einen anderen, nicht weit entfernten

Ort aufzusuchen, mit dem mich ein wohl

noch höherer Berg an Gefühlen verband.

Aus einer anderen Vergangenheit freilich,

einer selbst erlebten, von der ich dachte,

es würde noch etwas Zeit vergehen müssen,

um sie in schöner Erinnerung wieder

aufzusuchen. Schließlich überredete ich

meine Begleiter, an dem noch verbleibenden,

schönen und warmen Sonntagnachmittag,

noch einmal, zum Abschluss

des Sommers, auf einen Sprung ins Meer

zu hüpfen. Draußen vor der Lagune, an

jenem vertrauten Ort, an den uns schon

so viele Reisen geführt hatten. Es passte,

und so fanden wir uns nach kurzer Anreise

im, von meist anderen Österreichern, gut

besuchten Strandbad wieder. Unsere Zelte

schlugen wir nahe am Wasser auf, zunächst

noch im warmen Sand, da es sich

nicht mehr lohnte, Liegen zu mieten, ab

16 Uhr waren sie ohnehin frei zu benützen.

Meine Begleiter zog es in Richtung

Strandbar, und mich überfiel die spontane

Idee, einen nahe gelegenen Coiffeur aufzusuchen,

gleich ums Eck in der Flanierstraße.

Einen ebenso wohl bekannten, mit

Namen Cesare, stets mit Sakko und Stecktuch

bekleidet, am Kopf eine lockige Mähne,

eine Tuba in der Auslage seines kleinen

Geschäftes, in dem gleich links neben

dem Eingang ein Schwarz-weiß-Foto vom

Meister selbst hing, das ihn als jugendlichen,

eleganten Tennisspieler zeigt, der

es, jedenfalls vom Aussehen her, früher locker

mit einem Vitas Gerulaitis oder einem

Björn Borg hätte aufnehmen können. Vor

Jahren einmal hatte er mit einem strikten

„No, no!“ abgelehnt, die mehr als schulterlangen

Haare unseres Sohnes noch ein wenig

kürzer zu schneiden als er es für richtig

befand. Was wir, von definitiv fachkundiger

Seite ausgesprochen, so akzeptierten.

„Cinque minuti“, ließ mich der Meister

wissen, nachdem ich um eine Audienz angefragt

hatte. So ergab sich eine Gelegenheit

auf einen Espresso im Cafe gegenüber.

Auch dieses war ein Ort aus der Vergangenheit.

Von meinem Platz aus überblickte ich

16 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


die Straße, durch die wir so oft spaziert

waren, von der Altstadt kommend, bis zum

Kiosk und zu dieser hervorragenden Eisdiele.

Alles war bestens abgespeichert in

meinen Gedanken. Gleich vor mir, die Villa

Romana, die, was mich sehr amüsierte, immer

den Zusatz „meuble“ in ihrem Namen

geführt hatte, längst war sie keine Pension

mehr. Für einen kurzen Moment konnte

ich mich selbst auf dem straßenseitigen

Balkon sitzen sehen, mit einem Buch in

der Hand, gleichzeitig das Geschehen auf

der Straße überblickend, und dann meinen

Sohn, dem das offensichtlich gefallen und

der sich das abgeschaut hatte, in derselben

Pose. Nun ja, ein bisschen etwas gibt

man ja doch weiter. Die Buchhandlung

gleich links existierte noch, dort hatten

wir uns einmal um exakt Mitternacht für

den gerade erscheinenden, neuen Harry

Potter angestellt.

In einem Moment bemerkte ich, dass Musik

den Gastgarten bespielte, ein Radiosender

offenbar, nicht zu laut, doch gut

wahrnehmbar. Das gerade zu hörende Intro

kannte ich nur zu gut, viel zu oft lief der

Song über die diversen Sender. Dieser Band

aus Athens, Georgia, die sich einst aufgemacht

hatte, das Land zu vermessen („Maps

& legends“), und das alles in höchst ehrbarem

Indie-Rock, hatte ich noch immer

nicht verziehen, dass sie sich, von einem

aufs andere, vom Teufel reiten ließ, um

in den Stadien dieser Welt aufzutreten.

Gleich würde die Stimme des Sängers einsetzen,

ein langgezogenes „Oooohh….“,

gefolgt von den Worten: „Life … is bigger

…“, und so weiter. „Assoziative Lyrik“,

fiel mir ein, was bedeutet, dass der Sänger

und zugleich Texter der Band, schon

lange hatte er sich den Kopf kahl geschoren,

keine wirkliche Geschichte zu erzählen

beabsichtigt, sondern einfach gut zusammen

passende Worte aneinander reiht,

die dann ein spannendes Ganzes ergeben,

dazu durchaus respektierliche Harmonien

und Refrains, in die sich die Hörer gerne

hineinfallen lassen würden. Der Sänger

sang also („oh no i’ve said to much …“),

und sang („that was just a dream …“), so

richtig schlau wurde man daraus nicht, was

ihn in diesem Titel so in Rage versetzte

(„losing my religion …“), dann ein kurzes,

den Pop-Charakter des Liedes keinesfalls

störendes Solo …

Das Lied ging dem Ende zu, ich selbst

hingegen befand mich noch immer am

Anfang. „Life is bigger“, diese allererste

Zeile hatte mich nicht mehr losgelassen.

Meine Gedanken schwirrten herum, rasten

auf und ab, quer durch die Zeiten und Geschehnisse,

vorbei an den Dingen, Menschen,

Orten, denen man sich verbunden

fühlte, dazu ein paar feuchte Begleiter,

die mir mein überschäumender Geist in die

Augen und auf die Wangen drückte. Alles

das, dieses große Ganze, das sich schlicht

wohl „Leben“ nennt, würde ich weiter mit

mir nehmen, auf dem Weg, der da noch zu

gehen sein würde. „Ist schon richtig so“,

dachte ich mir, und was sollte man auch

sonst denken und tun, und „größer“, ja

„größer“ war das allemal. Und so richtig

auch noch … Am Strand warteten meine

lieben Begleiter und das Meer auf mich.

Vorher noch rasch zum Coiffeur. Was die

Band anging, beschloss ich, ihr ab sofort

die Stadion-Phase zu verzeihen, obwohl

„Reckoning“, „Fables“ und „Pageant“ immer

meine Lieblingsalben bleiben würden.

Ungeachtet dessen stand für den Moment

fest: Eine Glatze würde es hier und jetzt

sicher nicht werden, da würden Cesare und

ich uns in diesem Fall einig sein.

17


VON JOHANN SCHLEICH

Die Brauereibesitzerin

Josefine Hold

Die Geigenlehrerin und

Pianistin Mina Knittelfelder

Dr. Olga Lehmann trat

bereits 1904 als Pianistin auf.

Emma Posch wurde 2018

Obfrau des Stadtchors.

Prof. Ella Kasteliz

Feldbachs starke und kreative Frauen

Ob als „Gräfin vom Raabtal“, als „Geigerin,

die Musik im Blut“ hat, als erste Obfrau

des Stadtchores oder als Künstlerin, spielten

Frauen in der Gesellschaftsgeschichte von

Feldbach vielfach eine wichtige Rolle. Doch

einige von diesen erfolgreichen Feldbacher

Frauen sind im Laufe der Zeit in Vergessenheit

geraten, wie wir in dieser Serie noch

sehen werden. Wegen der doch erheblichen

Anzahl an verdienstvollen Feldbacher Frauen

und dem vorgegebenen Platzrahmen für diese

Dokumentation, musste ich mich bei jeder

Frau, von meiner Warte aus gesehen, auf die

wesentlichsten Leistungspunkte beschränken

und diese Dokumentation auf einige Folgen

aufteilen.

Brauereibesitzerin Josefine Hold

(geb. 1852, verst. 1927)

Die Spurensuche nach erfolgreichen Frauen

beginnt wegen der fehlenden Aufzeichnungen

mit der Brauereibesitzerin Josefine

Hold erst im 19. Jahrhundert. Sie hat mit

dem Bau der Villa Hold, dem Brauhaus-Hotel

(später Gewerbehaus, Hauptplatz 30),

dem Braukeller und der Gruftkapelle am

Stadtfriedhof bis zum heutigen Tag deutliche

Spuren hinterlassen. Nicht umsonst

wurde sie bereits zu Lebzeiten als „Gräfin

vom Raabtal“ bezeichnet. Doch Aufstieg

und Fall reichten sich bei dieser Frau schnell

die Hände, sodass sie ihren Feldbacher Besitz

bereits 1902 verkaufen musste.

Mina (verst. 1938) und Mitzi Knittelfelder

Völlig in Vergessenheit geraten sind Mina

Knittelfelder mit ihrer Tochter Mina („Mitzi“).

Die geniale Geigerin und Pianistin

Mina war die erste Frau, die in den Männergesangsverein

(heute Stadtchor) eindringen

konnte und 1936 sogar als außerordentliches

Mitglied aufgenommen wurde.

Erstmals findet man die beiden Frauen im

Jahr 1904 bei der Liedertafel des Männergesangsvereines

in einem Programmheft. Als

besondere Ehrerbietung wird in der Chronik

des Männergesangsvereines erwähnt, dass

der Männerchor mit Fahne 1938 am Begräbnis

von Mina (Mutter) teilnahm.

Vom Feldbacher Damenchor zum Stadtchor

Bereits 1904 bestand in Feldbach auch ein

Damenchor, der am 19. Juni im Weißen Saal

der Brauerei bei der Liedertafel des Männergesangsvereines

mitwirkte. Bei dieser

Liedertafel treffen wir auch erstmals auf

die beiden Feldbacher Musikerinnen Mina

Knittelfelder (Violinsolo) und am Klavier

ihre Tochter Mina „Mitzi“ Knittelfelder.

Den Ton bei derartigen gemischten Konzerten

mit Damen- und Männerchor gab

der Männerchor an. Das nächste Mal wird

der Damenchor bei der Faschingsliedertafel

des Männergesangsvereines am 25. Februar

1906 erwähnt. Bei dieser Faschingsliedertafel

treffen wir wieder auf eine mitwirkende

Frau. Es ist die Feldbacherin Olga Lehmann,

die das „Lied der Deutschen in Österreich“,

das der Männerchor sang, am Klavier

begleitete. Namentlich kennen wir 1909 die

beiden Chorsängerinnen Anna Ledinegg und

Adrienne Maier.

Ab 1948 bemühte sich der Männergesangsverein,

den Frauenchor aufzunehmen. In

der Chronik steht: „Nicht unerwähnt soll

bleiben, dass unter anderem der Beschluss

gefasst wurde, zur Hebung der Sängerfreudigkeit,

wie überhaupt zur klaglosen Aufrechterhaltung

der Vereinstätigkeit mit den

sangeskundigen Frauen und Mädchen Feldbachs

Unterhandlungen auf Angliederung

mit lockerer Bindung anzubahnen. Der neu

gewählte Obmann (Rechtsanwalt Dr. Rudolf

Ressl) erklärte sich bereit, die Angelegenheit

in Kürze spruchreif zu machen.“

Der Frauenchor wurde 1950, anlässlich des

100-jährigen Bestehens des Männergesangsvereines,

mit dem Männerchor vereint. In

der MGV-Chronik steht: „Obmann Dr. Ressl

überreichte nach eingehender Würdigung

der Leistungen des Frauenchores im Auftrage

des Jubelvereines (100 Jahre MGV)

als sichtbares Zeichen ihrer Zugehörigkeit

zum Vereine jedem Mitgliede des Frauenchores

das Vereinsabzeichen.“ Jetzt hatte

der Frauenchor eine Obfrau und der Männerchor

einen Obmann. Jahrzehnte danach

wurden beide Chöre von einem Obmann geführt.

Und es dauerte bis 2018, also 168

Jahre, bis die erste Frau, Emma Posch, den

„gemischten“ Stadtchor als Obfrau übernehmen

konnte. Der von Männern bis in das

21. Jahrhundert dominierte Chor steckt im

Jahr 2022 in einer Männerkrise. Rund zwei

Drittel der Chormitglieder sind Frauen.

Prof. Ella Kasteliz (geb. 1911, verst. 1989)

Auf künstlerischer Ebene schrieb die Presse

1921 von der zehnjährigen Geigerin Ella

Kasteliz, dass sie ein „musikalisches Wunderkind“

sei. Kastleliz wurde als berühmteste

blinde Geigerin Österreichs und als

Frau, die Musik im Blut habe, bezeichnet.

Bei mehr als 5000 Konzertabenden war sie

in 15 Staaten der Welt zu hören. Sie war

die Besitzerin des weithin sichtbaren „Ansitzes

Geigenstöckl am Frauenhügel“ am

Stadtrand von Feldbach. Kasteliz war unter

anderem auch Geigenschülerin der zuvor

genannten Mina Knittelfelder.

18 MAGAZIN „LEBENSKULTUR“ - STADT FELDBACH


Am Morgen des 9.2. herrscht auf der

L216 Ausnahmezustand. Bereits am Vorabend

setzte heftiger Schneefall ein, der

immer noch andauert. Die winterliche

Dunkelheit wird vom Scheinwerferlicht der

Autos zerschnitten, die in einer nicht enden

wollenden Kolonne über die Fahrbahn

kriechen. Auch eine Gruppe von Schulkindern

kämpft sich durch die Schneemassen

hin zur nächsten Bushaltestelle. Dort angekommen,

bietet sich ihnen ein höchst

seltsamer Anblick. Als hätte die Kälte sie

an Ort und Stelle festgefroren, stehen sie

nun da und starren in das Wartehüttchen,

aus dem ein flackernder Schein dringt.

Manche reiben sich ungläubig die verschlafenen

Augen. Anderen steht der Mund

sperrangelweit offen. Denn in diesem

Hüttchen erblicken sie doch tatsächlich einen

waschechten Cowboy. Zumindest sieht

dieser Mann, der da mit verschränkten Armen

und den Beinen dicht am wärmenden

Lagerfeuer leise vor sich hin schlummert,

genauso aus, wie man sich einen richtigen

Cowboy eben vorstellt. Abgetragene braune

Lederstiefel, ausgewaschene Blue Jeans

mit schwarzen Chaps, kariertes Baumwollhemd,

darüber eine pelzgefütterte Jacke

und die breite Krempe eines Stetsons tief

im unrasierten Gesicht. Daneben liest ein

wildfarbener Appaloosa Pinto die aktuelle

Ausgabe einer bekannten Tageszeitung.

Immer noch glotzen die Kinder vor sich

hin. Der Pinto schielt kurz über den Rand

der Zeitung hinweg.

„Morgen!“, brummt er mit dem Hauch eines

Kopfnickens.

Dann widmet er sich wieder den Lokalnachrichten.

Nach unendlich lang scheinenden

Augenblicken wagt sich schließlich

ein kleines Mädchen, das mehr Schal

als Mensch zu sein scheint, einen halben

Schritt nach vorne. Diesmal senkt der Pinto

mit einem Seufzer seine Zeitung.

„Kann ich dir irgendwie behilflich sein?“,

fragt er in Richtung der jungen Grundschülerin,

der ein dünnes Rinnsal klarer Flüssigkeit

aus dem Nasenloch läuft.

„Ist der echt?“, schießt es plötzlich aus

ihr heraus.

Den Finger hat sie dabei wie die Spitze

eines Pfitschipfeils auf den Cowboy gerichtet.

Mit einem Stirnrunzeln zieht der Pinto

eine Augenbraue nach oben. Ohne den

Blick von der Kleinen abzuwenden, spricht

er den Schlafenden an:

„Franz, das Kind hier hat eine Frage.“

VON ROMAN WALLNER

Wanted

Doch der Angesprochene gibt keinen

Mucks von sich. Seufzend rollt der Pinto

seine Zeitung zusammen, stupst dem Mann

damit gnadenlos in die Rippen und ruft:

„FRANZ!“

Mit dem Geräusch eines Grizzlys, der unsanft

aus seiner Winterruhe gerissen wird,

schreckt der Mann hoch. Beinahe fällt ihm

dabei die gefleckte Banane aus dem Holster.

Noch bevor er zu einer bösen Schimpftirade

ansetzen kann, setzt der Pinto fort:

„Dieses Mädchen hier hat eine Frage an

dich, Franz.“

Überraschend schnell findet der Mann seine

Kontenance, während er hastig Stetson

und Banane zurechtrückt.

„Guten Morgen, Kleine! Guten Morgen Kinder!

Und ein herzliches Howdy euch allen!

Nun, was hast du denn für eine Frage,

Püppchen?“

Der Mann entblößt ein strahlend weißes

Lächeln. Seine Augen funkeln erwartungsvoll.

„Ich bin kein Püppchen“, retourniert das

Mädchen, „ich heiße Marie, bin siebeneinhalb

Jahre alt und ich und die anderen da

möchten bitte wissen, ob Sie ein echter

Cowboy sind.“

Der Mann richtet sich auf, bevor er nicht

ohne Stolz antwortet:

„Marie, liebe Kinder, es stimmt. Ich bin

tatsächlich ein Cowboy. So, wie er im Buche

steht. Und das hier, das ist mein Compañero,

mein Freund in allen Lebenslagen,

mein Hermano. Wir gehen zusammen durch

dick und dünn, sind echte Amigos. Nicht

wahr, Cornelius?“

„Sieht wohl so aus“, antwortet der Pinto

knapp, der nun die Kleinanzeigen studiert.

Marie wischt sich mit einem Ärmel den

Rotz aus dem Gesicht.

„Und was machen Sie und das Pferd hier in

unserem Wartehäuschen?“

Dem Cowboy ist das ungläubige Staunen

über diese Frage deutlich anzusehen.

„Was wir hier machen? Wir sind natürlich

auf dem Weg nach Westen!“

Keine zufriedenstellende Antwort für Marie.

„Und warum?“, fragt sie.

„Warum?“ Der Cowboy scheint geradezu

empört. „Weil alle echten Cowboys nach

Westen reiten! Immer nach Westen, bis

nichts mehr geht und dann erst recht wieder

weiter in vollem Galopp.“ Er hält einen

Moment lang inne. „Aber damit ist es jetzt

wohl vorbei. Das stimmt doch, oder Marie?

Kinder? Ihr könnt ruhig zugeben, dass unsere

Begegnung kein Zufall ist.“

Mit diesen Worten versteift sich der Cowboy

plötzlich. Er kneift die Augen zu kleinen

Schlitzen zusammen, während seine

Hand langsam Richtung Halfter wandert.

In der klirrenden Kälte bildet sein schwerer

Atem dampfende Wölkchen. Der Pinto

wiehert vor Anspannung auf. Dann biegt

der Schulbus in die Haltestelle ein. Ohne

dem Cowboy weiter Beachtung zu schenken,

laufen die Kinder los. Allein Marie

verabschiedet sich zuvor noch mit einem

kurzen Winken. Nachdem alle eingestiegen

sind, fährt der Bus wieder los. Das laut gebrüllte

„FUCK“, das dem Cowboy entfährt,

wird vom Dröhnen eines herannahenden

Räumungsfahrzeugs verschluckt. Kreidebleich

lässt er sich auf die Sitzbank nieder.

„Ich habe wirklich gedacht, meine Stunde

hat geschlagen“, bringt er schnaufend hervor.

„Was ist mit dem Anzeigenteil?“, fragt

er hoffnungsvoll.

„Leider auch nichts“, muss der Pinto zerknirscht

berichten. „Installateure, Maschinenschlosser,

Kellner, Postboten, Pflegehelfer

– alles wird gesucht, nur kein

Cowboy.“ Die beiden bleiben noch eine

Zeit lang sitzen, ohne ein weiteres Wort

zu wechseln. Als sich die Sonne über die

dunklen Hügel der Südoststeiermark quält,

machen sich Franz und Cornelius einmal

mehr auf nach Westen.

(Fortsetzung folgt)

19

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