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BOKU Magazin 1/2022

Inhalt 3 Editorial Rektorin Schulev-Steindl 4 Vorwort Vizerektor Obinger 6 Gastkommentar Rainer Schultheis 8 Innovation aus wissenschaftlicher Perspektive 10 BOKU:BASE 12 BOKU-Entrepreneurship Education 15 Youth Entrepreneurship Week 16 Die „Obstraupe“ 17 Bauer sucht Hof 18 Auf dem richtigen Holzweg 19 Abgeltung von Waldökosystemleistungen 20 [sic!] für innovative Studierende 22 ImproveM 23 Copernicus für Australien 24 Innovationen im waldbasierten Sektor 26 Technologietransfer 29 Forscher*innen als Gründer*innen 30 BOKU-Erfinderinnen über Geistesblitze 34 Open Innovation: How to? 36 Eine Waschmaschine für Viren 38 Von der Muthgasse an die Nasdaq 40 Evercyte: „Forever is just enough“ 42 Interview Regina und Johannes Grillari 44 Agrobiogel 46 Preisverleihungen an der BOKU 48 Partner*innen der BOKU 50 Wie die BOKU Gründer*innen unterstützt 52_BOKU-Spin-off BrightComSol 54 BOKU River Lab 56 Junge Forscher*innen ausgezeichnet 58 Interview Rektorin Eva Schulev-Steindl 61 Schwerpunkte der Vizerektor*innen 62_Porträt Vizerektor Karsten Schulz 64 Auftakt zum Jubiläumsjahr 67 Zukunftskonferenz „BOKU Featuring Future“ 68 Interview Kurt Weinberger 70 Interview Christian Eckermann 72 Doppelinterview Markus Mühleisen und Norbert Harringer 74 Interview Erwin Hameseder 76 Porträt Bernhard Spangl 79 Die innere Dimension der Nachhaltigkeit 82 INTRINSIC, ein neuer didaktischer Ansatz 84 Gender & Diversity 86 SPLITTER 87 Care4GREEN 88 ORF-Archiv an der BOKU-Bibliothek 90 Forschung: FAQ 91 Strategische Kooperation BOKU Umweltbundesamt 92 Quo vadis Bioökonomie? 94 boDEREC-CE

Inhalt

3 Editorial Rektorin Schulev-Steindl
4 Vorwort Vizerektor Obinger
6 Gastkommentar Rainer Schultheis
8 Innovation aus wissenschaftlicher Perspektive
10 BOKU:BASE
12 BOKU-Entrepreneurship Education
15 Youth Entrepreneurship Week
16 Die „Obstraupe“
17 Bauer sucht Hof
18 Auf dem richtigen Holzweg
19 Abgeltung von Waldökosystemleistungen
20 [sic!] für innovative Studierende
22 ImproveM
23 Copernicus für Australien
24 Innovationen im waldbasierten Sektor
26 Technologietransfer
29 Forscher*innen als Gründer*innen
30 BOKU-Erfinderinnen über Geistesblitze
34 Open Innovation: How to?
36 Eine Waschmaschine für Viren
38 Von der Muthgasse an die Nasdaq
40 Evercyte: „Forever is just enough“
42 Interview Regina und Johannes Grillari
44 Agrobiogel
46 Preisverleihungen an der BOKU
48 Partner*innen der BOKU
50 Wie die BOKU Gründer*innen unterstützt
52_BOKU-Spin-off BrightComSol
54 BOKU River Lab
56 Junge Forscher*innen ausgezeichnet
58 Interview Rektorin Eva Schulev-Steindl
61 Schwerpunkte der Vizerektor*innen
62_Porträt Vizerektor Karsten Schulz
64 Auftakt zum Jubiläumsjahr
67 Zukunftskonferenz „BOKU Featuring Future“
68 Interview Kurt Weinberger
70 Interview Christian Eckermann
72 Doppelinterview Markus Mühleisen und Norbert Harringer
74 Interview Erwin Hameseder
76 Porträt Bernhard Spangl
79 Die innere Dimension der Nachhaltigkeit
82 INTRINSIC, ein neuer didaktischer Ansatz
84 Gender & Diversity
86 SPLITTER
87 Care4GREEN
88 ORF-Archiv an der BOKU-Bibliothek
90 Forschung: FAQ
91 Strategische Kooperation BOKU Umweltbundesamt
92 Quo vadis Bioökonomie?
94 boDEREC-CE


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BOKU

DAS MAGAZIN DER UNIVERSITÄT DES LEBENS

Nr. 1 | April 2022

ISSN: 2224-7416

IMPACT DURCH INNOVATION

SWie die BOKU Erfindungen mit gesellschaftlichem Mehrwert auf

den Weg bringt und Entrepreneurship unterstützt

DER AUFTAKT ZUM

JUBILÄUMSJAHR

2022

INTERVIEW

REKTORIN

EVA SCHULEV-STEINDL

NEUE KONZEPTE

DES LEHRENS

UND LERNENS


INHALT

3 Editorial Rektorin Eva Schulev-Steindl

4 Vorwort Vizerektor Christian Obinger

6 Gastkommentar Rainer Schultheis

8 Innovation aus wissenschaftlicher Perspektive

10 BOKU:BASE

12 BOKU-Entrepreneurship Education

15 Youth Entrepreneurship Week

16 Die „Obstraupe“

17 Bauer sucht Hof

18 Auf dem richtigen Holzweg

19 Abgeltung von Waldökosystemleistungen

20 [sic!] für innovative Studierende

22 ImproveM

23 Copernicus für Australien

24 Innovationen im waldbasierten Sektor

26 Technologietransfer

29 Forscher*innen als Gründer*innen

30 BOKU-Erfinderinnen über Geistesblitze

34 Open Innovation: How to?

36 Eine Waschmaschine für Viren

38 Von der Muthgasse an die Nasdaq

40 Evercyte: „Forever is just enough“

42 Interview Regina und Johannes Grillari

44 Agrobiogel

46 Preisverleihungen an der BOKU

48 Partner*innen der BOKU

50 Wie die BOKU Gründer*innen unterstützt

52 BOKU-Spin-off BrightComSol

54 BOKU River Lab

56 Junge Forscher*innen ausgezeichnet

58 Interview Rektorin Eva Schulev-Steindl

61 Schwerpunkte der Vizerektor*innen

62 Porträt Vizerektor Karsten Schulz

64 Auftakt zum Jubiläumsjahr

66 Zukunftskonferenz „BOKU Featuring

Future“

68 Interview Kurt Weinberger

70 Interview Christian Eckermann

72 Doppelinterview Markus Mühleisen

und Norbert Harringer

74 Interview Erwin Hameseder

76 Porträt Bernhard Spangl

79 Die innere Dimension der Nachhaltigkeit

82 INTRINSIC, ein neuer didaktischer Ansatz

84 Gender & Diversity

86 SPLITTER

87 Care4GREEN

88 ORF-Archiv an der BOKU-Bibliothek

90 Forschung: FAQ

91 Strategische Kooperation BOKU

Umweltbundesamt

92 Quo vadis Bioökonomie?

94 boDEREC-CE

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EDITORIAL

BOKU/Christoph Gruber

O BOKU FEATURING FUTURE

Sehr geehrte Kolleg*innen!

Liebe Studierende!

EVA SCHULEV-STEINDL

Rektorin

Es ist mir eine große Freude, mich an dieser Stelle erstmals

als Rektorin an Sie, die Leser*innen des BOKU-

Magazins, wenden zu dürfen. Diese erste Ausgabe des

Jubiläumsjahres 2022 mit dem Themenschwerpunkt Innovation

und Entrepreneurship soll eine Visitenkarte für die

herausragenden Leistungen unserer Wissenschaftler*innen

und Studierenden sein.

Doch nicht nur das: Es sollen auch all jene vor den Vorhang

geholt werden, die die BOKU-Erfinder*innen auf ihrem Weg

zur marktreifen Realisierung ihrer Forschungsergebnisse

begleiten, sie bei der Unternehmensgründung und bei der

Patentierung ihrer Erfindung unterstützen oder Nutzungsflächen

für Start-ups und Spin-offs zur Verfügung stellen. Mit

der BOKU:BASE und dem Technologietransfer haben wir an

der Universität für Bodenkultur zwei Einheiten, die als Hubs

für den Innovationsgeist dienen, den es hier in solcher Fülle

gibt. Innovative Ideen brauchen nämlich auch ein Sprungbrett,

um nachhaltigen Mehrwert für die Gesellschaft entfalten zu

können.

Ihr Erfindungsgeist und ihre Innovationskraft begleiten die

BOKU bereits seit 150 Jahren, daher können wir im heurigen

Jubiläumsjahr auch mit Optimismus weiterhin „nachhaltig vorausschauen“.

Für mich persönlich ist es großartig, an die BOKU

zurückzukehren, die sich für mich von anderen Universitäten

unterscheidet – durch die Menschen, die hier studieren und

arbeiten und die Themen, die bunt, zukunftsweisend und gesellschaftlich

höchst relevant sind.

Die Inter- und Transdisziplinarität, die bereits seit 1872 fest in

der DNA der BOKU verankert sind, macht sie als Universität

prädestiniert für die Forschung an komplexen Fragestellungen

wie Klimaschutz, Biodiversität und Nachhaltigkeit. Was wir als

Rektorat gemeinsam für die BOKU beitragen wollen, damit

sie auch künftig eine international ausgerichtete „Green University“

ist, an der Spitzenforschung betrieben wird und an

der wir künftige Generationen ausbilden, um eine nachhaltige,

lebenswerte Zukunft für uns alle sicherzustellen, können Sie

ebenfalls in dieser Ausgabe lesen.

Ich danke allen Autor*innen für ihre Beiträge und hoffe, dass

wir auch in Zukunft noch von vielen BOKU-Innovationen und

-Erfindungen hören werden.

Viel Vergnügen beim Lesen!

Mit freundlichen Grüßen, Ihre

Eva Schulev-Steindl

IMPRESSUM: Medieninhaberin und Herausgeberin: Universität für Bodenkultur Wien (BOKU), Gregor-Mendel-Straße 33, 1180 Wien Chefredaktion: Bettina Fernsebner-

Kokert Redaktion: Hermine Roth Autor*innen: Michael Ambros, Michaela Amstötter-Visotschnig, Silvia Benda-Kahri, Lisa Bohunovsky, Florian Borgwardt, Julia Buchebner,

Elisabetta De Vito-Francesco, Karin Dögl, Agnes Doppelbauer, Mark Dürkop, Irene Fink, Helmut Frischenschlager, Christian Garaus, Helmut Gaugitsch, Elisabeth Gerhardt,

Martin Greimel, Regina Grillari, Johannes Grillari, Manfred Gronalt, Rainer Haas, Markus Heindl, Ines Hinterleitner, Nicole Hochrainer, Karl Hogl, Markus Immitzer, Alois

Jungbauer, Matthias Kaltenbrunner, Sigrid Karl, Bernhard Kastner, Ulrike Knaus, Bernhard Koch, Marie Kuborn, Alice Ludvig, Horst Mayr, Gibson S. Nyanhongo, Martina

Offenzeller, Alexandra Penicka, Martin Pernkopf, Ela Posch, Erik Reimhult, Florian Rüker, Georg Sachs, Ruth Scheiber-Herzog, Doris Schmidt, Lisa-Ariadne Schmidt, Eva

Schulev-Steindl, Rainer Schultheis, Stefan Stockinger, Rainer Schultheis, Alexandra Strauss-Sieberth, Team Organic Tool, Harald Vacik, Francesco Vuolo, Gerhard Weiß,

Andreas Zitek, Ivana Zivojinovic, Werner Zollitsch Grafik: Patricio Handl Cover: Adobe Stock Druck: Druckerei Berger Auflage: 7.500 Erscheinungsweise: 4-mal jährlich

Blattlinie: Das BOKU-Magazin versteht sich als Informationsmedium für Angehörige, Absolvent*innen, Freund*innen der Universität für Bodenkultur Wien und soll die

interne und externe Kommunikation fördern. Namentlich gekennzeichnete Artikel geben die Meinung der Autorin oder des Autors wieder und müssen mit der Auffassung

der Redaktion nicht übereinstimmen. Redaktionelle Bearbeitung und Kürzung von Beiträgen aus Platzgründen vorbehalten. Beiträge

senden Sie bitte an: public.relations@boku.ac.at Bei Adressänderung wenden Sie sich bitte an: alumni@boku.ac.at

Offenlegung: Offenlegung nach § 25 Mediengesetz: Medieninhaberin (Verlegerin): Universität für Bodenkultur Wien (BOKU),

Gregor-Mendel-Straße 33, 1180 Wien, Tel.: (01) 47654-0, Universitätsratsvorsitzender: Kurt Weinberger, Rektorin: Eva Schulev-

Steindl; erscheint quartalsmäßig; Erscheinungsort: Wien

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kontrollierten Quellen

BOKU Magazin 1 | 2022

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VORWORT ZUM

THEMENSCHWERPUNKT

Foto Wilke

O WIE DIE BOKU ENTREPRENEURSHIP UNTERSTÜTZT

CHRISTIAN OBINGER

Vizerektor für Forschung

und Innovation

Sehr geehrte Kolleg*innen!

Liebe Studierende!

Diese Ausgabe des BOKU-Magazins befasst sich

schwerpunktmäßig mit der Rolle unserer Universität

im kontinuierlichen Innovationsprozess, der für die

Wirtschaft und Gesellschaft von zentraler Bedeutung ist.

Die BOKU zählt zu den forschungsstärksten Universitäten

in Österreich. Mit 5,1 SCI/SSCI-Publikationen je Professur &

Äquivalente und einer Drittmittelquote von 30 Prozent des

Gesamtbudgets beziehungsweise einem Anteil des drittmittelfinanzierten

Personals am gesamten wissenschaftlichen

Personal von knapp über 50 Prozent (Basis uni:data 2020)

hat die BOKU in den vergangenen Jahren den Spitzenplatz

erobert.

Als Konsequenz dieser Aktivitäten sowie der ausgewogenen

Mischung aus Grundlagenforschung und angewandter Forschung

in Zusammenarbeit mit über 400 Partner*innen aus

Wirtschaft und öffentlichen Institutionen hat sich die Zahl

an Diensterfindungen, Patentanmeldungen, Verwertungsprojekten

und Ausgründungen in den vergangenen Jahren

signifikant erhöht. Im Vergleich zur letzten Leistungsvereinbarungsperiode

(LV16-18), verdreifachten sich in der LV19-21

die jährlichen Patentanmeldungen und gegründeten Spin-offs

(2021: 76 Patentanmeldungen, drei Verwertungs-Spin-offs).

Mit der Intensivierung und Professionalisierung des Technologietransfers

sowie der Etablierung der BOKU:BASE im

Jahre 2021, die unter anderem in dieser Ausgabe vorgestellt

wird, trägt die Universität für Bodenkultur Wien dieser rasanten

Entwicklung Rechnung und wird künftig das Thema

Entrepreneurship umfassend in drei wesentlichen Bereichen

unterstützen:

1. Entrepreneurship in der Lehre (BOKU:BASE Education),

2. in der Forschung (BOKU:BASE Research & IP) sowie

3. Bereitstellung von Labors und Räumlichkeiten für Spinoffs

und Start-ups an den Standorten Muthgasse, Türkenschanze

und Tulln (BOKU:BASE Labs & Infrastructure).

Die Beratung und Begleitung bei Ausgründungen und der

Organisation von Innovation Hubs wird dadurch weiter

verstärkt. Diese Ausgabe liefert wertvolle Hintergrundinformation

zu dieser wesentlichen Säule der Third Mission

an der BOKU, berichtet über zahlreiche Erfolgstorys und

holt Erfinder*innen vor den Vorhang. Ich wünsche Ihnen

eine spannende und anregende Lektüre.

Christian Obinger

4 BOKU Magazin 1 | 2022


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START-UPS, SPIN-OFFS & ENTREPRENEURSHIP

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Wir benötigen keine smarten Ideen,

wir benötigen gute Ideen

GASTKOMMENTAR VON RAINER SCHULTHEIS

Co-Founder und CEO des Start-ups Saphenus Medical Technology

Zukünftige Start-up-Gründer*innen sollten sich vorab eine Frage in der wohl am seltensten gebrauchten

Zeitform der deutschen Sprache stellen, dem Futur 2: Wird mein Unternehmen Menschen nachhaltig

geholfen haben?

Eine Meinungsumfrage unter jungen

Menschen in Österreich.

Frage: Was haben Sie für einen

Berufswunsch? Beliebteste Antworten:

1.: Ein Start-up gründen. 2.: Irgendwas

mit Medien machen. Ich bekenne, das

trifft auch auf mich zu. Ich bin Entrepreneur

und Gründer des Unternehmens

Saphenus. Und: ich habe irgendwas mit

Medien gemacht, bin Meteorologe und

langjähriger Wetterredakteur im ORF

Radio.

Die Hintergründe für den so beliebten

Berufswunsch Start-up-Gründer sind

vielfältig und nicht immer hehre. Da

schwingt dann schon bei dem einen oder

anderen mit: Auf die Schnelle mit einer

smarten Idee Geld machen. Nicht viel

arbeiten und sich wieder vom Acker machen,

bevor andere draufkommen, dass

diese smarte Idee gar nichts wert war.

DIE SINNFRAGE ALLER FRAGEN

Wir benötigen keine smarten Ideen,

wir benötigen gute Ideen. Was ist eine

gute Idee? Da möchte ich gleich einen

Satz eines anderen Gründers vor den

Vorhang holen, dem Virgin-Gründer

Richard Branson, der vor ein paar Jahren

bei einem Pitch-Event Jungunternehmer*innen

aufforderte, die ultimative

Sinnfrage zu stellen. Nämlich: Ist in ihrem

Unternehmen irgendetwas dabei, das

dem Menschen wirklich eine Hilfe ist?

Eine wichtige, richtige Frage. Vielleicht

nicht vom idealen Role Model eines Humanisten

postuliert, der sich gerade mit

seinem Kontrahenten Elon Musk um die

Saphenus

Vorherrschaft beim Privatiers-ins-All-

Segeln matcht. Den Kern trifft es aber.

Als ich vor sieben Jahren vor der Entscheidung

stand, ein Unternehmen zu

gründen, musste ich mich dieser Frage

nicht stellen. Ich bekam die Möglichkeit,

ein wirkliches Problem von Menschen

zu lösen, die eine Gliedmaße verloren

haben. Die Gründer von Saphenus haben

eine ganz neue Technik entwickelt, um

mithilfe des Sense of Touch Amputierten

den Phantomschmerz zu nehmen.

Heute ist die fühlende Beinprothese auf

dem Markt und das Projekt ist für mich

genauso aufregend wie am ersten Tag.

WAS WERDE ICH ERREICHT HABEN?

Ich darf mit Stolz sagen, dass ich mich als

Co-Founder von Saphenus an keine Startup-Gründer-Spielregeln

gehalten habe,

bei nur wenigen Pitches mitgemacht

habe, keine Converse-Schuhe trage und

auch der Hipsterbart ausgeblieben ist. Ich

wollte die Grundsätze meines früheren

Lebens nicht verlassen, und die sind als

Naturwissenschaftler stark von Nachhaltigkeitsprinzipien

geprägt.

Und so meine ich, prägen mich diese

Grundsätze auch heute. Geholfen hat

mir da eine Zeitform, die mich an den

Latein-Unterricht in der Schule erinnert

hat und die der bekannte Soziologe

Harald Welzer als Namen für seine Nachhaltigkeitsstiftung

vor ein paar Jahren

wählte. Die vergangene Zukunftsform.

Das Futur 2. Wie werde ich mein Unternehmen

geführt haben? Was werde ich

erreicht haben? Das lässt sich nämlich

viel leichter umsetzen als: Was möchte

ich erreichen? Oder wie wird das Geschäftsjahr

2023 aussehen? Probieren

Sie es aus, Sie werden merken, bei Zukunftsfragen

zeitlich zurückzuschauen,

das löst die Ängste und schafft Mut, gewisse

Charaktereigenschaften in seiner

Handlung zu bewahren.

Das Unternehmen Saphenus hat – und

das sage ich mit großer Demut – alle Förderungen

bekommen, die ein Unternehmen

bekommen kann. Ob von der Austria

Wirtschaftsservice (AWS) Preseed

und Seed, Forschungsförderungsgesellschaft

FFG (Basis Programme) dem Inkubator

Accent bis zu den europäischen

Förderprogrammen. Saphenus war das

erste österreichische Unternehmen, das

die Champions League der Förderungen,

den EIC Accelerator der Europäischen

6 BOKU Magazin 1 | 2022


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Kommission im Februar 2020 erhalten

hat. Februar 2020. Sie wissen ja, zwei

Wochen vor dem ersten Corona-Lockdown.

Ich brauche Ihnen nicht schreiben,

was gewesen wäre, wenn wir diese millionenschwere

Förderung nicht erhalten

hätten. Aber das sind diese Momente

in Unternehmen: Wir werden zweimal

Glück und einmal die Abwesenheit von

Pech gehabt haben. Wieder Futur 2.

MUT ZU GEMEINWOHL

STIFTENDEN IDEEN

Was sind schöne Momente im Leben

eines Unternehmers? Wenn man merkt,

dass den Menschen geholfen werden

kann. Mithilfe des Gefühls, Betroffenen

wieder health literacy und Lebensqualität

zurückgeben zu können. Amputierte von

Morphinen und Opiaten wegbringen zu

können.

Und wenn man merkt, dass man nicht

trotz, sondern wegen der nachhaltigen

Einstellung im Unternehmen erfolgreich

ist. Saphenus will den Phantomschmerz

weltweit reduzieren. Und das bedeutet,

in nicht entwickelnden Ländern überhaupt

erst einmal die prothetische Versorgung

zu ermöglichen. So ist es zum

Beispiel dank des gemeinnützigen Partners

Papillon International innerhalb von

kurzer Zeit in Tunesien gelungen, die

Voraussetzungen für diese Versorgung

zu schaffen. In einem Land, in dem 90

Prozent aller Amputierten im Rollstuhl

sitzen und unversorgt sind. 90 Prozent!

Und das, weil die vornehmlich aus den

westlichen Ländern kommenden Prothesen

unerschwinglich sind.

Ich möchte Sie ermutigen, eine sinnvolle,

Gemeinwohl stiftende Idee unternehmerisch

umzusetzen. Nicht dass Sie sich

nachher ärgern und im Futur 2 fluchen,

über eine nicht gesetzte Handlung in der

Vergangenheit: Ich werde diese Chance

nicht genutzt haben.


Mag. Rainer Schultheis ist Co-Founder und CEO

beim 2016 gegründeten österreichischen Unternehmen

Saphenus Medical Technology. Der studierte

Meteorologe ist außerdem seit 1998 Wetter-Redakteur

im ORF Radio, Gestalter von Sendungen

wie „Dimensionen“ und war Gründer und Gestalter

der Ö1 Wandersendung „Naturgemäß“. Er bekam

2004 für sein Buch „DonnerWetter“ den österreichischen

Klimaschutzpreis verliehen.

Saphenus hat sich zum Ziel gesetzt,

die Lebensqualität von

Menschen zu verbessern, denen

das Gefühl in den Beinen

fehlt, sei es durch Polyneuropathie

oder durch Amputation.

1,5 Millionen Amputierte und

7,5 Millionen Menschen mit Polyneuropathie und

schwerwiegenden sensorischen Problemen sind

europaweit betroffen. Saphenus hat eine bahnbrechende

Lösung nach dem bionischen Prinzip

entwickelt. Mit sensorischen Feedbacksystemen

wie dem Medizinprodukt Suralis bekommen die

Betroffenen das Gefühl des verlorengegangenen

oder stark sensorisch beeinträchtigten Fußes zurück,

fühlen wieder authentisch und das Gehirn

erhält wieder sensorische Informationen. Neben

den Geschäftsführern Aaron Pitschl und Rainer

Schultheis ist unter anderem Olympiasieger Toni

Innauer Co-Founder des Unternehmens.

BOKU Magazin 1 | 2022

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Bruno Scramgnon

Innovationsmanagement hat viele Facetten

Das Thema „Innovation“ aus einer wissenschaftlichen Perspektive. Ein Überblick über mein

Forschungsgebiet an der BOKU.

Von Christian Garaus

Die BOKU ist als Universität eine

zentrale Treiberin für Innovation.

Im Bereich der Grundlagenforschung

schaffen BOKU-Forscher*innen

die Basis für zukünftige Produkte und

Dienstleistungen. Auch in der angewandten

Forschung werden in Kooperationen

viele neue Ideen und Erfindungen in die

Wirtschaft hineingetragen, wie Rektorin

Eva Schulev-Steindl kürzlich anlässlich

der Eröffnungsfeier des Jubiläumsjahres

„150 Jahre nachhaltig vorausschauen“

unterstrich. Für die Wirtschaft und die

Gesellschaft generell werden Innovationen

immer zentraler, um im internationalen

Wettbewerb bestehen zu können.

Das sind gute Gründe dafür, sich dem

Thema „Innovation“ aus einer wissenschaftlichen

Perspektive zu nähern. Dazu

gehe ich in diesem Beitrag drei Fragen

nach: Was ist Innovation? Welche Arten

von Innovation gibt es? Wie lässt sich

Innovation managen?

WAS IST INNOVATION?

Innovation besteht einerseits aus der

Generierung einer neuen Idee/Erfindung

zur Lösung eines Problems und andererseits

aus deren erfolgreichen Kommerzialisierung

beziehungsweise Verbreitung.

Bezugnehmend auf den ersten Aspekt ist

die BOKU seit jeher ein zentraler Ort der

Ideen- und Wissensgenerierung. Zusätzlich

nimmt die BOKU auch beim zweiten

Aspekt eine immer aktivere Rolle ein,

um den Transfer von Invention zur Verwertung

zu ermöglichen. Zum Beispiel

offeriert die BOKU – unter anderem zur

Erfüllung ihrer Aufgaben im Rahmen der

Third Mission – Technologieangebote,

bei denen Erfindungen von BOKU-Forscher*innen

vom Team „Technologie-

8 BOKU Magazin 1 | 2022


transfer“ aktiv an Unternehmen herangetragen

werden. Weiters werden auch

Ausgründungen wie zum Beispiel das

BOKU-Spin-off „Agrobiogel“ gefördert,

das mit einem Biohydrogel unfruchtbare

Böden wieder fruchtbar macht und

auf Basis von Forschungsergebnissen

der BOKU von Unternehmen für eine

kommerzielle Nutzung weiterentwickelt

wurde.*

Auch im Rahmen der Lehre spiegelt sich

diese Orientierung wider. Beispielsweise

führen die Studierenden in meiner

Lehrveranstaltung „Marktforschung und

Marktanalyse“ in Kooperation mit dem

BOKU-Technologietransfer-Team reale

Marktstudien für BOKU-Technologien

durch. So wurde zuletzt das Marktpotenzial

von „TRIBOWOOD“ analysiert;

einer Erfindung vom Institut für Holztechnologie

zur besseren Abscheidung

von Holzstaub auf Basis des triboelektrischen

Effekts.

WELCHE ARTEN VON

INNOVATIONEN GIBT ES?

Die bereits angesprochenen technologischen

Innovationen werden zu einem

späteren Zeitpunkt häufig die Grundlage

von neuen Produkten oder Dienstleistungen.

Solche Produkt- und Dienstleistungsinnovationen

sind die wohl

sichtbarsten Ergebnisse von Innovationsaktivitäten;

z.B. SARS-CoV2-Antikörpertests,

die BOKU-Forscher*innen (mit-)

entwickelt haben.

Neben den angesprochenen technologischen,

Produkt- und Dienstleistungsinnovationen

lassen sich weiters auch

Prozessinnovationen (z. B. neue Methoden

oder Apparate) und organisationale

Innovationen (u. a. neue Arten der Arbeitsteilung

und -allokation) unterscheiden.

Besondere Aufmerksamkeit haben

in den letzten beiden Jahrzehnten auch

Geschäftsmodellinnovationen (d. h. neue

Wege, Wert für Kund*innen zu kreieren,

zu liefern und zu erfassen) erfahren.

Der Grad der Neuerung von Innovationen

lässt sich dabei anhand eines Kontinuums

zwischen inkrementell (d. h. auf

etwas Bestehendem aufbauend) und radikal

(d. h. etwas fundamental anders tun)

einordnen. Radikale Innovationen haben

einen revolutionären Charakter. Dabei

werden Märkte oft neu strukturiert,

indem bestehende Produkte gänzlich

ersetzt werden oder noch nicht dagewesene

Produktkategorien kreiert werden.

Inkrementelle Innovationen verbessern

ein Produkt, einen Prozess, etc. evolutionär

und führen oft dazu, dass der

Nutzen für Kund*innen erhöht wird oder

Kosten gesenkt werden. Innovationen,

die zentral für die Dekarbonisierung der

Energiewirtschaft sind, wie zum Beispiel

Solarpaneele oder Windkraft, waren bei

ihrer Einführung radikal neu; wettbewerbsfähig

wurden sie im Laufe der Zeit

durch viele inkrementelle Innovationen.

WIE LÄSST SICH

INNOVATION MANAGEN?

Die zentrale Idee von Innovationsmanagement

ist, die Innovationen nicht als

Ausnahme, sondern laufend entstehen zu

lassen. In Organisationen wird dazu meist

ein strukturierter Prozess verwendet, bei

dem Phasen in einer bestimmten Reihenfolge

durchlaufen werden müssen.

An vordefinierten Meilensteinen wird

darüber entschieden, ob ein Innovationsprojekt

fortgesetzt werden darf oder

nicht. Oft wird zur Visualisierung auf

ein Trichtermodell zurückgegriffen, da

zu Beginn viele Ideen generiert werden,

von denen im Laufe der Zeit die meisten

aussortiert werden. Während der Innovationsprozess

in der Vergangenheit meist

so gemanagt wurde, dass ausschließlich

auf Mitarbeiter*innen und ausgewählte

»

Innovation besteht einerseits

aus der Generierung

einer neuen Idee/Erfindung

zur Lösung eines Problems

und andererseits aus deren

erfolgreichen Kommerzialisierung

beziehungsweise

Verbreitung.

Christian Garaus

Partner*innen zurückgegriffen wurde,

hat sich dies mit dem Aufkommen des

Internets gewandelt. Unter dem Schlagwort

„Open Innovation“ werden Externe

in den Innovationprozess miteinbezogen.

Auch die BOKU setzt aktiv Maßnahmen,

um das Innovationspotenzial aller Mitarbeiter*innen,

Studierenden und der

Allgemeinheit noch besser nutzen zu

können, damit sie auch in Zukunft ein

zentraler Treiber für Innovation bleibt.

In dem Schwerpunkt „Open Innovation“

am Institut für Marketing und Innovation,

an dem ich forsche und lehre, werden

neuartige Methoden wie Crowdsourcing,

Ideenwettbewerbe und Hackathons erforscht,

die in der BOKU:BASE für die

Ideengenerierung zur Lösung von klimarelevanten

Fragestellungen eingesetzt

werden können.


* Weitere Details zu dieser innovativen Technologie,

die an der BOKU entstanden ist und nun

in einem Unternehmen weiterentwickelt wird,

finden Sie auf Seite 46.

Mag. Dr. Christian Garaus ist Assistenzprofessor

am Institut für Marketing und Innovation und Mitglied

des Beirats der BOKU:BASE.

Lukas Pelz

BOKU Magazin 1 | 2022

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Astrid Bartl

Grundstein für Gründungen – BOKU:BASE

BOKU Activities Supporting Entrepreneurship

Von Michaela Amstötter-Visotschnig, Doris Schmidt und Michael Ambros

Derzeit werden „Innovation“ und

„Entrepreneurship“ beinahe inflationär

benutzt. Zusammen mit

„Nachhaltigkeit“ sollen alle Probleme der

Gesellschaft und Wirtschaft fast magisch

gelöst werden. Doch ist das so? Und was

hat die BOKU:BASE damit zu tun?

Innovation bedeutet so viel wie „Neuerung“.

Der Begriff stammt vom lateinischen

„innovare“, welcher „erneuern“

bedeutet. Aus dem universitären Streben

nach neuem Wissen und der damit

verbundenen ständigen Erweiterung

„Mehr als die Vergangenheit

interessiert mich die Zukunft,

denn in ihr gedenke ich zu leben.“

Albert Einstein

des Bekannten und der Möglichkeit,

Zu sammenhänge zu verstehen, zu verändern

und zu gestalten, ergeben sich

Antworten auf dringende Herausforderungen

wie etwa den Klimawandel,

Pandemien oder Ernährungssicherheit.

Um diese Erkenntnisse, Technologien

und Wissen in der Praxis zur Anwendung

zu bringen, ist die Gründung von universitären

Spin-offs und Start-ups ein

elementarer Baustein.

„Never change a running system“ – ist

eine Strategie, die ökonomisch sinnvoll

10 BOKU Magazin 1 | 2022


sein mag, Innovationen aber oft im Weg

steht. Universitäre Gründer*innen setzen

neue Ideen um, die neue Technologie

beziehungsweise Herangehensweise

steht ganz im Fokus.

Die BOKU:BASE deckt die ganze Breite

unternehmerischen Handelns ab und

unterstützt Angehörige der BOKU mit

der Motivation „etwas zu tun“, einer vagen

Idee, einem innovativen Forschungsergebnis

sowie jene, die bereits ein valides

Geschäftsmodell entwickelt haben.

Unsere Vision für die BOKU ist es, „Die

unternehmerische Universität des Lebens“

zu sein und dadurch als Sprungbrett

für Innovationen, als Wegbereiterin

für Ideen, Technologien und Strategien

zur nachhaltigen Entwicklung in der Gesellschaft

beizutragen.

Dieses Ziel wird durch die Vermittlung

von unternehmerischem Wissen, die Entwicklung

eines impactorientierten Mindsets,

der Ermutigung zu verantwortungsvoller

Gestaltung und der Begleitung von

der Idee bis zum Unternehmen verfolgt.

Die BOKU:BASE gliedert sich in drei Bereiche:

BOKU:BASE EDUCATION

Unterstützung für Studierende

Für Studierende bietet die BOKU ein

breites Angebot an Lehrveranstaltungen,

wir machen diese sichtbar und entwickeln

neue Formate mit. Neben einem Fokus

auf die Umsetzung nachhaltiger Ideen

und dem Werdegang zum Start-up kooperieren

wir mit anderen Universitäten,

um inter- und transdisziplinäre Teams und

Ideen zu fördern. Für vielversprechende

Projekte gibt es die Möglichkeit, unseren

Co-Working-Space zu nutzen und sich

mit der Community zu vernetzen.

Zusammenarbeit der Unternehmen mit

der BOKU.

BOKU:BASE LABS & INFRASTRUCTURE

Laborflächen und Räumlichkeiten für

Spin-offs und Start-ups

Durch die Bereitstellung von Laborflächen

und Räumlichkeiten an unseren

Standorten Türkenschanze, Muthgasse

und Tulln soll gezielt das Prototyping und

Testen neuer Ideen und Produkte gefördert

werden. Ideen und wissenschaftliche

Erkenntnisse können die Teams hier

optimieren und bis zur Marktreife entwickeln.

Neben den wichtigen wirtschaftlichen

Kenntnissen braucht es für eine Gründung

auch das richtige Mindset. Eine

Gründung ist so individuell wie die Menschen,

die dahinterstehen. Neben Leidenschaft,

Instinkt, sozialer Kompetenz,

Motivation und Optimismus braucht es

Neugier. Neugier ist für uns das Streben

nach Wissen, gemischt mit der Bereitschaft,

sich überraschen zu lassen, zu

staunen und zu lernen. Die BOKU:BASE

vernetzt die Gründer*innen und hilft

dabei, diese Eigenschaften noch besser

zu nutzen.

Auch die Vernetzung untereinander, national

und international, spielt für aufstrebende

Spin-offs und Start-ups eine

wichtige Rolle. Die BOKU:BASE ist Teil

eines großen und stetig wachsenden

Netzwerks an Partner*innen und Kooperationen.

Für junge Gründer*innen

bietet die Veranstaltungsreihe Joint Forces

(zusammen mit WU und TU) einen

Rahmen, bei der Ideen gepitched, Co-

Gründer*innen gefunden und offene

Fragen gestellt werden können. Dieses

Event findet dreimal im Semester, jeweils

an einem anderen Standort statt.

Unser Team

Michaela Amstötter-Visotschnig

Research & Intellectual Property

Michael Ambros

Education & Sustainable

Development

Doris Schmidt

Labs & Infrastructure

zwei Monaten können Interessierte ihre

eigenen Geschäftsideen in interdisziplinären

Teams ausprobieren und werden

dabei von erfahrenen Gründer*innen

und Investor*innen unterstützt.

Ein Unternehmen zu gründen, ist eine

aufregende Reise, das Schwierigste ist der

Mut zu beginnen. Die BOKU:BASE begleitet

dich auf deiner Reise zum eigenen

Unternehmen!


LINKS

base.boku.ac.at

Astrid Bartl

BOKU:BASE RESEARCH & IP

Unterstützung für Forscher*innen

Forscher*innen bieten wir professionelle

Unterstützung bei der wirtschaftlichen

Umsetzung innovativer Ideen aus der

Forschung und betreuen den gesamten

Gründungsprozess eines Spin-offs. Als

erste Anlaufstelle unterstützen wir von

der ersten Idee bis zur Gründung und

sind Begleiter*innen bei der weiteren

Das ECN (Entrepreneurship Center Network)

hält weitere Möglichkeiten zur

hochschulübergreifenden Vernetzung

zwischen Universitäten und Fachhochschulen

in Österreich bereit. Im Frühjahr

2022 findet beispielsweise die Entrepreneurship

Avenue statt – eine Eventreihe,

um junge Menschen zu inspirieren

und zu motivieren, in die Start-up-Szene

einzutauchen. Über einen Zeitraum von

www.entrepreneurshipavenue.com

www.wu.ac.at/gruenden/unsere-angebote/eventformate/jointforces

BOKU Magazin 1 | 2022

11


Astrid Bartl

Wer braucht

unternehmerische Bildung?

Entrepreneurship Education an der BOKU – Möglichkeiten, die Zukunft mitzugestalten.

Von Michael Ambros

Die BOKU hat als Universität des

Lebens ein umfassendes Nachhaltigkeitsverständnis

entwickelt, das

auch nachhaltiges Unternehmer*innentum

aus multiplen Perspektiven miteinschließt.

Sie möchte ihre Studierenden

dazu befähigen, innovative und zugleich

zukunftsfähige Lösungen zu entwickeln.

Der Entrepreneurial Spirit soll bei den

Studierenden geweckt und unternehmerische

Kompetenzen sollen während der

gesamten Studienzeit gefördert werden.

Auf allen Karrierepfaden – von der universitären

Forschung (Innovation) über

strategisch-gestalterische Mitarbeit in

einer Organisation (Intrapreneurship)

bis zur Gründung eines Unternehmens

(Entrepreneurship im engeren Sinn) –

stärken unternehmerische Kompetenzen

die BOKU-Absolvent*innen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten.

ENTREPRENEURSHIP

EDUCATION

Im Rahmen der BOKU Activities Supporting

Entrepreneurship (BOKU:BASE)

strebt die BOKU geeignete Rahmenbedingungen

für Unternehmer*innentum

an. Im Bereich BOKU:BASE Education

liegt der Fokus auf der Erarbeitung unternehmerischer

Kompetenzen für eine

nachhaltige Entwicklung.

Bereits vor der Studienwahl kann die

Begeisterung für ein Themenfeld der

BOKU entfacht werden. Die Motivation

im Studium bzw. die Entscheidung für

eine bestimmte Studienrichtung kommt

mitunter von dem Wunsch, eine (gesell-

12 BOKU Magazin 1 | 2022


schaftliche) Herausforderung zu meistern

und die Zukunft mitzugestalten. In

diesem Sinne engagiert sich das Team der

BOKU:BASE etwa bei der Youth Entrepreneurship

Week (siehe Bericht S. 15),

einer Schnupperwoche für Schüler*innen

an Universitäten oder auf der Studieninformationsmesse

BeSt³ in Kooperation

mit BOKU4you.

Im Zuge des Studiums erhalten Studierende

Orientierung und Begleitung innerhalb

der Lehre und darüber hinaus.

Entrepreneurship zählt – wie auch Nachhaltigkeit

– zu den Querschnittsmaterien

und ergänzt somit das disziplinäre Fachwissen

um entsprechende Kompetenzen

für dessen Umsetzung. Das vielfältige

Angebot an Lehrveranstaltungen im Kontext

von Entrepreneurship kann grob in

Formate geclustert werden, die zur Wissensvermittlung

(Knowledge) beitragen

bzw. zu dessen Anwendung (Skills), und

solche, die die Entwicklung einer unternehmerischen

Haltung (Attitude) fördern.

Die Wissensvermittlung umfasst

im Wesentlichen betriebswirtschaftliche

Bereiche wie Finanzen, Marketing oder

auch Risikomodelle. Anwendung findet

das theoretische Wissen z. B. anhand von

Fallbeispielen in einem marktorientierten

Kontext in Form von Business Modellierung

oder Planung. Die unternehmerische

Haltung ist Teil der Persönlichkeit;

deren Entwicklung wird gefördert, wenn

Studierende ihre eigenen Ideen generieren

und in die Umsetzung bringen.

ERWEITERTES ANGEBOT

Mit Fokus auf die Umsetzung nachhaltiger

Ideen kooperiert die BOKU mit anderen

Universitäten, um inter- und transdisziplinäre

Teams und ganzheitliche Lösungen

zu fördern. Lehrveranstaltungen

wie Garage oder Sustainability Challenge

bieten die Möglichkeit zur Zusammenarbeit

mit Studierenden unter anderem

von WU, TU, Uni Wien oder Angewandte.

Potenzielle Gründungsteams lernen einander

nicht nur in Lehrveranstaltungen

kennen, sondern auch im Umfeld einschlägiger

Veranstaltungen, wie dem

BOKU Start-up Tag oder der BOKU-

WU-TU Reihe „Joint Forces“. Sie bieten

Raum für Austausch zwischen Interessierten

und bereits fortgeschrittenen

Gründer*innen, für Vernetzung mit der

Community – innerhalb der BOKU und

darüber hinaus. Zusätzlich gibt es für

vielversprechende Projekte die Möglichkeit,

den ersten Co-Working- Space

im Ilse-Wallentin-Haus zu nutzen. In

Kooperation mit dem students’ innovation

centre [sic!] (Seite 20) gestaltet

das Team der BOKU:BASE einen ergänzenden

Rahmen zur Förderung von

nachhaltigem Unternehmer*innentum

mit einer Mischung aus physischen und

virtuellen Räumen, Veranstaltungen und

Coachings.

FRUCHTBARE KOOPERATIONEN

UND ENTWICKLUNG

Entrepreneurship Education beschäftigt

uns auch in internationalen Kooperatio-

New course for doctoral students:

INNOVATION &

ENTREPRENEURSHIP –

FROM SCIENCE TO MARKET

The course introduces to entrepreneurship

and innovation. It motivates

participants to think about commercializing

their own research either

in form of a new venture or project

inside an established organization.

nen. Innerhalb der Europäischen Universitätsallianz

EPICUR fand im Herbst 2021

das erste EPICUR Entrepreneurial Lab

(EEL) statt, ein zweites ist für September

2022 in Vorbereitung. Geplant ist die

Weiterentwicklung dieses Formats in den

Folgejahren. Mit speziellem Fokus auf

Bioökonomie läuft aktuell auch ein internationaler

Kurs des Erasmus+ Projekts

FOEBE (Fostering Entrepreneurship for

the Bio-Economy).

Wertvolle Anhaltspunkte für die weitere

Lehr- und Lernentwicklung im Bereich

Entrepreneurship liefert – neben guten

Praxisbeispielen und dem Austausch im

Rahmen nationaler (z. B. ECN) und internationaler

(z. B. ICA) Netzwerke – das

INTRINSIC Projekt (Innovative Education

for Sustainable Entrepreneurship

in Life Sciences (siehe Artikel auf S. 82).

Gemeinsam mit den wissenschaftlichen

Zentren und entsprechenden Service-Einrichtungen,

insbesondere für

E-Learning & Didaktik, sowie Lehrenden

und Studierenden arbeiten wir daran,

Sustainable Entrepreneurship Education

umfassend an der BOKU zu verankern.

Wir folgen dabei einer weit gefassten

Definition von Unternehmer*innentum

und fokussieren vor allem auf die Förderung

einer entsprechenden Haltung

sowie die Entwicklung von Grundkompetenzen

für unternehmerisches Handeln

für eine nachhaltige Entwicklung.

BOKU START-UPS

Das Ergebnis des Engagements Entrepreneurship

im Rahmen der Lehre

zu fördern und Studierendenteams zu

unterstützen, zeigt sich auf vielfältige

Weise. Unternehmensgründungen wäh-

BOKU Magazin 1 | 2022

13


Pioniere Hut & Stiel.

Wolfgang Riepl

Felix Billiani

Kesselwerk: Zirbel- (oben) und Salbeiöl-Destillation.

Alpengummi: Die Gründerinnen Sandra

und Claudia.

rend, mit Abschluss des Studiums oder

nach ein paar Jahren Berufserfahrung

sind ebenso vertreten wie Versuche in

Form von Prototyping oder der Aufbau

eigener Projekte innerhalb bestehender

Organisationen. Während des Studiums

sind als Prototypen z. B. Klettergriffe aus

Hanffasern (Hemp Holds) im Zuge der

Lehrveranstaltung „Think+Make“ oder

eine Charge Apfelcider aus einer Streuobstwiese

(Eastcider) im Start-up-Track

der Sustainability Challenge produziert

worden. Die Gründer von Kesselwerk

haben ihre Bachelorarbeit dem ätherischen

Öl der Zirbe gewidmet; daraus

entstanden ist eine mobile Destille für

land- und forstwirtschaftliche (Neben-)

Produkte. Die Umsetzung des erworbenen

Fachwissens gelang auch den Gründerinnen

von Alpengummi – inspiriert

von „Innovations in sustainable forest

management“ – indem sie den fossilen

Hauptbestandteil von Kaugummi (Erdöl)

durch regeneratives Baumharz und

Bienenwachs ersetzt haben. Bereits etabliert

hat sich beispielsweise das vor zehn

Jahren aus einer Lehrveranstaltung heraus

gegründete Unternehmen Collective

Energy mit dem Angebot kunden- und

crowdfinanzierter Modelle zur Errichtung

von Photovoltaikanlagen. Weitere

innovative Produkte stammen von den

Pionieren Hut & Stiel, der Wurmkiste

oder der Obstraupe von Organic Tools

(Seite 16). Die Vielfalt an BOKU Start-ups

belegen auch Vereine wie Leila Wien, die

erste Bibliothek der Dinge oder Perspektive

Landwirtschaft mit einem Angebot

für außerfamiliäre Hofnachfolge und

einer eigenen Hofbörse (Seite 17).

Alle verbindet das „Entrepreneurial

Mindset“, die Haltung, mit der sie den

Herausforderungen in der Praxis begegnen.

Gepaart mit dem profunden

Nachhaltigkeitsverständnis an der BOKU

erwachsen so verantwortungsvolle Gestalter*innen

der Zukunft. •

SCHON GEWUSST?

Einige Produkte von BOKU

Start-ups gibt’s im Alumni-Shop:

alumni.boku.wien/shop

LINKS

www.alpengummi.at

www.collective-energy.at

www.wurmkiste.at

www.hutundstiel.at

www.kesselwerk.at

www.leila.wien

sc.rce-vienna.at

14 BOKU Magazin 1 | 2022


BOKU

Problem erkannt, Problem gebannt:

Schüler*innen entwickeln an der BOKU

nachhaltige unternehmerische Lösungen

Eine Rückschau auf die YOUTH ENTREPRENEURSHIP WEEK, bei der die BOKU:BASE im Oktober 2021

Gastgeberin war.

Von Irene Fink

Wir haben in dieser Woche ein

Problem gefunden, eine Lösung

dazu gefunden und ein Produkt

dazu entwickelt.“ So prägnant fasst eine

Schülerin der HAK/HAS Mistelbach zusammen,

was in diesen ereignisreichen

vier Tagen im Ilse-Wallentin-Haus an der

BOKU entstanden ist. Im Rahmen der

Youth Entrepreneurship Week haben sich

rund 40 Schüler*innen aus zwei Klassen

der Herausforderung gestellt, eine unternehmerische

Problemlösung zu entwickeln

und diese am Ende den kritischen

Köpfen einer Jury zu präsentieren. Die

BOKU:BASE fungierte dabei als Gastgeberin

und stellte durch Michael Ambros

als Mentor Expertenwissen zum Thema

nachhaltiges Unternehmertum zur Verfügung.

Florian Schanznig vom students‘

innovation centre [sic!] war ebenso involviert

wie auch Expert*innen aus der

Wirtschaft und der Start-up-Szene.

BOKU Magazin 1 | 2022

Über den gesamten Zeitraum hinweg

wurden die Schüler*innen von den Trainerinnen

Maja Dolinsek und Eva Kirchhofer

(Austrian Start-ups) begleitet, die

immer mit Rat und Tat zur Seite standen.

„Wir haben das Business Model Canvas

gemeinsam gemacht, Prototypen ausprobiert

und dann ging es auch sehr viel

ans Pitchen“, resümiert Dolinsek.

Die Resultate konnten sich jedenfalls sehen

lassen: Unter den prämierten Ideen

war „Your Water“, das die Vermeidung

von Einwegplastikflaschen zum Ziel hat,

und „Still Good“, eine Idee, die Lebensmittel

vor der Tonne retten will. „No

Touch“ könnte unseren täglichen WC-

Besuch hygienischer werden lassen, da

durch Sensoren Türklinken obsolet werden

und „Haken To Go“ kann sowohl dort

als auch an unzähligen anderen Orten

zum Einsatz kommen.

Insgesamt war es uns als BOKU:BASE ein

Anliegen, den Schüler*innen die ganzheitliche,

zukunftsorientierte Herangehensweise

der BOKU begreiflich zu machen

und ihnen die Relevanz von Nachhaltigkeit

in allen Dimensionen zu vermitteln.

Am ersten Tag kannten die Schüler*innen

die BOKU noch gar nicht und bei den

finalen Pitches zeigten sie auf beeindruckende

Art und Weise, welche innovativen

Geschäftsideen für eine lebenswertere

Zukunft in ihnen stecken.


entrepreneurshipwoche.at

15


Vielfalt als nachhaltige

unternehmerische Chance

Wie eine „Raupe“ für Streuobstwiesen

zu einem erfolgreichen Geschäftsmodell

wurde: Ein Werkzeug für großartige

Kleinbäuerinnen und Kleinbauern.

Von Team Organic Tools und Michael Ambros

Die Gründer der Organic Tools

GmbH, David Brunmayr (BOKU),

Lukas Griesbacher (BOKU) und

Stefan Bermadinger (TU), entwickeln

Werkzeuge für eine regenerative und

zukunftstaugliche Landwirtschaft. Den

Anfang machten sie auf den schönen und

artenreichen Streuobstwiesen Mitteleuropas.

Sie stellten fest: Das aufwendige

Sammeln von Verarbeitungsobst, diesem

Kulturgut, bereitet schon Generationen

von Landwirt*innen und Obstbäuer*innen

Kopfzerbrechen. „Die alten Mostbirnbäume

sind aus der Zeit von Maria

Theresia und das Obst klauben wir auch

noch wie Maria Theresia“, beschrieb es

einer ihrer Kund*innen.

Die Obstraupe beim Einsatz auf einer Streuobstwiese vor höchst interessiertem Publikum.

Organic Tools

Erntetechnik ist kaum verbreitet, da die

am Markt verfügbaren Geräte nicht den

Anforderungen der Ernte auf den vielfältigen

Streuobstwiesen entsprechen.

Darin sahen die Gründer die Chance, ein

Gerät zu entwickeln, das für die Ernte

auf Streuobstwiesen optimiert ist. Die

Obsternte muss sich wieder auszahlen

und die Bewirtschafter*innen sollen beim

Die 117 Geräte waren im Juli 2018 ausverkauft

– mit begeisterten Rückmeldungen

der Kund*innen. Einige hatten bis zu

30 Tonnen Obst geerntet, bei anderen

wollten die Kinder plötzlich wieder bei

der Obsternte mithelfen. Inzwischen

sind schon über 800 Obstraupen auf

den europäischen Streuobstwiesen im

Einsatz. Die Serienfertigung wurde gemeinsam

zeugen für Obstbau und Agroforst sind

– dank Kooperationen mit anderen Herstellern

– nun auch Hunderte Kleingeräte

für den diversifizierten Gemüsebau

erhältlich.

Farming Plus (02/2020), Obstraupe: Innovation

für Obstbauern (Videobeitrag)

www.farming.plus/de/c/obstraupe-

Obstklauben mehr Freude und weniger

mit Partner*innen in Österreich innovation-fuer-obstbauern.5696 •

Kreuzweh haben. Dafür brauchte es ein aufgebaut. Organic Tools möchte regional

und ohne Kompromisse produzieren

»

Gerät mit höchster Flexibilität und Funktionalität

zum besten Preis. Nach einer in-

und dabei sowohl ökologisch als auch

Unsere Zeit an der BOKU hat uns

gelehrt, systemisch zu denken. Wie

tensiven Prototypentwicklung im engen wirtschaftlich nachhaltig agieren.

können wir eine gesellschaftliche

Austausch mit Streuobstbewirtschafter*innen

entstand die erste Kleinserie Was mit Mostobst auf den traditionellen

Wirkung in die DNA unserer Firma

einbauen?

der Obstraupe in mühsamer Handarbeit. Streuobstwiesen begonnen hat, geht in

vielfältigen Agroforstsystemen weiter. Als Unternehmen sehen wir uns als

KEY FACTS

Von Karob über Mandeln, Pistazien bis Teil einer kleinbäuerlichen Revolution.

Wir sind die größten Fans unserer

ORGANIC TOOLS GmbH:

zu Edelkastanien – die Gründer stoßen

inzwischen auf großes internationales Kund*innen, die mit Leidenschaft und

O gegründet März 2018 in Wien

Interesse für eine Vielfalt an Obst- und im Einklang mit der Natur köstliche

O Produktion und Montage in

Nutzungsarten. Die Obstraupe scheint Lebensmittel kreieren. Dort sind die

Schörfling am Attersee

insbesondere für kleinstrukturierte Betriebe

eine Lücke in der Erntetechnik zu hause. Die Wertschöpfung und der

Fülle und die Vielfalt des Lebens zu-

O 9 Mitarbeitende

(Vollzeit-Äquivalente)

O Nettoumsatz 2021:

schließen.

Energieoutput pro Hektar und Input

sind ein Vielfaches im Vergleich zur

€ 700.000

O Gewinner bei Start-up-Wettbewerben

innovate4nature

Im Sinne der Gründungsidee von Organic industriellen Landwirtschaft.

Tools, „Werkzeug für die kleinbäuerliche BOKU-Alumni David Brunmayr

und Vielfalter Revolution“, ist auch das Angebot an und Lukas Griesbacher

Werkzeugen gewachsen. Neben Werk-

16 BOKU Magazin 1 | 2022


Perspektive Landwirtschaft

„Perspektive Landwirtschaft“ bringt

Hofübergebende und Hofsuchende zusammen

Der 2013 von BOKU-Studierenden gegründete Verein „Perspektive Landwirtschaft“ unterstützt Betriebsleiter*innen

ohne Nachfolge dabei, ihr Lebenswerk zu erhalten sowie zukünftige Landwirt*innen auf der Suche

nach einem Hof.

Von Miriam Aufdoppler und Florian Jungreithmeier

Zwischen einem Drittel und der Hälfte

der Betriebsleiter*innen hat kurz

vor der Pensionierung keine gesicherte

Nachfolge, wie Studien zeigen.

Die Gründe hierfür sind vielfältig, oft

kann oder will niemand in der erweiterten

Familie den Betrieb übernehmen.

Hier gilt es, Alternativen zur Aufgabe

des Betriebes durch neue Formen der

Betriebsübergabe und -führung zu bieten,

denn viele Bäuerinnen und Bauern

wünschen sich, dass ihr Lebenswerk in

gute Hände übergeben wird.

Gleichzeitig gibt es motivierte und innovative

Hofsuchende, die ihre Zukunft in

der Landwirtschaft sehen, darunter auch

viele BOKU-Absolvent*innen. Neben

der klassischen Bewirtschaftung wollen

immer mehr nach der Übernahme neue

Wege einschlagen, etwa in Form von Betriebskooperationen

oder Hofgemeinschaften.

Dadurch können Betriebszweige

und Arbeitsbereiche aufgeteilt sowie

arbeitsintensive Tätigkeiten gemeinsam

besser bewältigt werden. Auch die Pacht,

Miete oder Nutzung von Betriebsgebäuden

und Flächen ohne Übertragung

des Eigentums sind Optionen für den

Einstieg in die Landwirtschaft.

Wie aber kommen Betriebsleiter*innen

ohne Nachfolge und Hofsuchende zusammen?

Auf der Online-Plattform des

Vereins „Perspektive Landwirtschaft“,

aber auch bei Veranstaltungen werden

neue Räume der Begegnung geschaffen.

Wichtige Informationen und Tipps rund

um die Themen Hofnachfolge und Einstieg

in die Landwirtschaft werden online

bereitgestellt und Mitglieder können sich

auf der Hofbörse kennenlernen und vernetzen.

Ebenso führt der Verein Hofbesuche

durch und begleitet Hofübergaben.

In Zusammenarbeit und mit der Expertise

der Partner*innen, wie ÖBV Via Campesina,

Landjugend, LFI und LK Österreich,

können unterschiedlichste Bedürfnisse

von Interessierten gedeckt werden. Seit

2020 werden österreichweite Veranstaltungen

im Zuge einer LE (Ländliche

Entwicklung)-Fördermaßnahme in Kooperation

mit Lebensqualität Bauernhof

abgehalten und zwischenmenschliche,

rechtliche als auch betriebswirtschaftliche

Aspekte in einem vertrauensvollen

Rahmen beleuchtet.

Getragen wird der Verein von einem

ehrenamtlich tätigen Vorstand, einem

Büroteam und vielen aktiven Mitgliedern.

Deren Vision ist eine zukunftsfähige, vielfältige

und ökologisch verträgliche Landwirtschaft

sowie eine Gesellschaft, die

Landwirtschaft als reale, attraktive Berufsoption

zugänglich macht. Mitmachen

und Vielfalt schaffen, lautet das Ziel. •

KONTAKT

info@perspektive-landwirtschaft.at

+43 660 11 33 211

www.perspektive-landwirtschaft.at

DI Florian Jungreithmeier ist BOKU-Absolvent und

im Büroteam von „Perspektive Landwirtschaft“.

Miriam Augdoppler, MSc. ist Vorstandsmitglied

und BOKU-Absolventin.

BOKU Magazin 1 | 2022

17


Henrique Ferrera

Beetle ForTech: Auf dem richtigen Holzweg

BOKU-Start-up zur lückenlosen Herkunftsbestimmung von Rundholz gewann als erstes

Unternehmen sowohl Staatspreis bei den Galileo Masters als auch den Copernicus Masters.

Von Irene Fink

Illegaler Holzeinschlag, also das Fällen

von Bäumen unter Verstoß gegen national

geltende Rechtsvorschriften, ist

ein Problem von globaler Tragweite, das in

erheblichem Maße das Ökosystem Wald

schädigt – und gravierende soziale und

wirtschaftliche Ungerechtigkeit verursacht.

Die EU verfügt mit der Verordnung

zu Rechtsdurchsetzung, Politikgestaltung

und Handel im Forstsektor (FLEGT) und

der EU-Holzhandelsverordnung (EUTR)

über zwei zentrale Rechtsakte zur Bekämpfung

von illegalem Holzeinschlag.

Wirtschaftsakteur*innen, die Holz auf

dem europäischen Markt in Verkehr

bringen, sind somit per Gesetz dazu verpflichtet,

dessen Legalität nachzuweisen.

HOLZLIEFERKETTEN

AUFGESCHLÜSSELT

Das unter anderem von den beiden BOKU-

Studierenden Koimé-Simon Kouacou und

Sebastian Vogler gegründete Start-up

Beetle ForTech entwickelt technische

Lösungen zur Herkunftsbestimmung von

Rundholz. Gemeinsam mit Thi Phuong

An Nguyen sowie Matthias Sammer haben

es sich Kouacou und Vogler zum

Ziel gemacht, weltweit nachweisbar zu

machen, ob Holz legal geerntet wurde.

Durch ein innovatives Nachverfolgungssystem

wird die Aufschlüsselung von

Holzlieferketten durch automatisierte

Rohstoffkennzeichnung, Datenerfassung

und Informationsweitergabe auf der Basis

von Einzelstämmen ermöglicht. Alle

Teilsysteme sind auf die Anforderungen

der Industrie und eine Ausbreitung in

internationalen Holzbeschaffungsketten

ausgelegt.

Ende des vergangenen Jahres gewann

Beetle ForTech die österreichischen

Staatspreise bei den Galileo Masters und

den Copernicus Masters. Noch nie zuvor

ist es einem österreichischen Preisträger

gelungen, gleichzeitig in beiden

Technologiekategorien ausgezeichnet

zu werden. Der Jury gefiel besonders

die Anwendung einer Multi-Faktor-

Authentifizierung, die auf der Kombination

von Präzisionsortungsdiensten

und Erdbeobachtungsdaten der ESA

(European Space Agency) beruht. Zusätzlich

wurde das Start-up für das Galileo-Inkubationsprogramm

ausgewählt.

Diese von der Europäischen Kommission

finanzierte Initiative im Gesamtwert

von 62.000 Euro wird Beetle

ForTech dabei unterstützen, die Lösung

in Zusammenarbeit mit einer*m Partner*in

ihrer Wahl weiterzuentwickeln.

„Diese Auszeichnung empfinden wir

als eine immense Ehre“, betont Koimé-

Simon Kouacou. „Sie bekräftigt uns dabei,

den eingeschlagenen Weg beizubehalten

und weiter an der Realisierung unserer

Ziele zu arbeiten. An dieser Stelle würde

ich mich auch gerne bei allen Personen

und Institutionen bedanken, die uns bereits

so zahlreich unterstützt haben.“ •

Irene Fink ist studentische Mitarbeiterin am Zentrum

für globalen Wandel und Nachhaltigkeit.

18 BOKU Magazin 1 | 2022


Wieviel sind uns die Leistungen des

Waldes für unser Ökosystem wert?

Projekt NOBEL: Innovative Geschäftsmodelle für die finanzielle Abgeltung von Waldökosystemleistungen,

damit diese auch weiterhin erbracht werden können.

Von Harald Vacik

Harald Vacik

Geschäftsmodellen

UMFRAGE

Wenn Sie einen Wald bewirtschaften

oder Waldbesitzer*in in Österreich

sind, dann laden wir Sie auch gerne ein,

sich an unserer Umfrage zu beteiligen.

Wir arbeiten an einem europäischen

Vergleich, welches Interesse es gibt,

Waldökosystemleistungen zu vermarkten.

Kennen Sie die Möglichkeiten? Wären

Sie bereit, die Waldbewirtschaftung

und Planung anzupassen, um andere

Einkommensquellen neben dem Holzverkauf

zu generieren? Um die Ergebnisse

zwischen den Ländern besser vergleichen

zu können, benötigen wir auch

Ihre Unterstützung in Österreich. Bitte

nehmen Sie sich kurz Zeit, unseren Fragebogen

zu beantworten (die Umfrage

ist in Deutsch und Englisch verfügbar).

Im Rahmen des Forschungsprojektes

NOBEL (Innovative Geschäftsmodelle

und Mechanismen für eine nachhaltige

Bereitstellung und Abgeltung

von Waldökosystemleistungen) werden

unterschiedliche Ansätze zur finanziellen

Abgeltung für die Erbringung von

Waldökosystemleistungen sowie deren

nachhaltige Aufrechterhaltung diskutiert.

Diese Zahlungen sollen die Lücke

zwischen den steigenden Anforderungen

der Gesellschaft an die Erbringung von

Ökosystemleistungen und den Bewirtschaftungsmöglichkeiten

der Waldbesitzer*innen

schließen.

wirestock

Rahmen einer Auktion können dann von

Interessierten Gebote für „ihre Option“

abgegeben werden, die Alternative mit

dem höchsten Gebot wird dann vom

Waldbesitzer entsprechend umgesetzt,

wenn zumindest die zusätzlichen Kosten

für die Bereitstellung dieser Waldökosystemleistungen

durch die Auktion gedeckt

sind.


Informationen zum Projekt

https://nobel.boku.ac.at/

Für die Analyse der möglichen Tradeoffs

bei der gleichzeitigen Bereitstellung

mehrerer Ökosystemdienstleistungen

werden unterschiedliche Methoden und

Modelle eingesetzt und in Pilotdemonstrationen

angewendet. Ein Ansatz ist

dabei als besonders innovativ hervorzuheben,

weil ein neuer Weg beschritten

wird, um diese Payments for Ecosystem

Services (PES) zu ermöglichen. Auf einer

webbasierten Auktionsplattform können

Waldbesitzer*innen unterschiedliche Bewirtschaftungsoptionen

und die damit

verbundenen Waldökosystemleistungen

interessierten Käufer*innen anbieten. Im

Auktionsplattform als Prototyp

https://nobel.sefs.uw.edu/

Umfrage:

https://sondages.inrae.fr/index.

php/114549?lang=de

Ao. Univ.Prof. Dr. Harald Vacik ist Dozent am

Institut für Waldbau.

BOKU Magazin 1 | 2022

19


[sic!] Das students’ innovation centre

Die Anlaufstelle für nachhaltige Innovation für Studierende.

Von Marie Kuborn und Agnes Doppelbauer

students’ innovation centre

WAS MACHT DAS STUDENTS’

INNOVATION CENTRE?

Das [sic!] – students’ innovation centre

ist die Anlaufstelle für nachhaltiges, studentisches

Unternehmertum, fungiert

als Katalysator für nachhaltige Ideen und

baut die Brücke zwischen Studierenden

und den Angeboten von Hochschulen

sowie dem Ökosystem nachhaltigen

Unternehmertums.

„Unsere Vision ist eine Welt, in der sich alle

Studierenden ihres Veränderungspotenzials

bewusst sind und über den Mut und die

Fähigkeiten verfügen, Ideen für eine ganzheitlich

nachhaltige Zukunft umzusetzen.“

Mittels verschiedenster Formate versuchen

wir, Studierende in allen Phasen

zu unterstützen. Wir führen Projekt- und

persönliche Beratungen durch, haben einen

Podcast, [rec!orded], und veranstalten

das students’ innovation meet-up,

verschiedenste Workshops und die österreichische

Vorentscheidung des ClimateLaunchpads.

WAS HAT DAS [SIC!] BEWIRKT?

Das [sic!] besteht seit mittlerweile über

fünf Jahren. Unser letztjähriges Jubiläum

war Anlass dafür, zurückzublicken und

unsere bisherigen Leistungen zu erfassen.

Wir haben über 3700 Teilnehmer*innen

erreicht, 125+ Projektberatungen

durchgeführt, über 80 Veranstaltungen

organisiert, 60+ Start-ups inkubiert und

mehr als 50 Personen waren als Mitglieder

Teil des Erfolgs.

DAS STUDENTS’

INNOVATION MEET-UP

Das students’ innovation meet-up ist

eines unserer Veranstaltungsformate.

Das Meet-up ermöglicht einen Austausch

zwischen Studierenden, welche

an Innovationsprozessen, kombiniert mit

Nachhaltigkeit, interessiert sind sowie

Gründer*innen, und Repräsentant*in-

nen des Innovations-Ökosystems. Unser

jüngstes Meet-up hat sich dem Thema

Mobilität gewidmet, dabei wurden verschiedene

Perspektiven und Backgrounds

der Speaker verbunden. Sowohl junge

Gründer*innen eines Start-ups mit dem

Thema Carsharing als auch die Österreichischen

Bundesbahnen haben ihre

Innovationen und Ideen für eine nachhaltige

Mobilität mit uns geteilt und diskutiert.

Unser nächstes Meet-up wird im

April stattfinden. Wir freuen uns, wenn

wir dein Interesse wecken konnten und

du dabei bist!

DAS CLIMATELAUNCHPAD

Das ClimateLaunchpad (CLP) ist der

weltweit größte Wettbewerb für nachhaltiges

Unternehmer*innentum. Teilnehmen

kann jede*r. Die einzige Voraussetzung

ist eine Idee, die dem Klimawandel

entgegenwirkt oder sich mit

Klimawandelanpassung befasst. In über

60 Ländern weltweit werden jährlich

20 BOKU Magazin 1 | 2022


Tausende Ideen, mit dem Ziel, die Welt

zu verbessern, eingereicht. Das [sic!]

ist für die teilnehmenden Teams aus

Österreich zuständig. Die Teams können

sich bewerben und werden dann Schritt

für Schritt Richtung globales Finale begleitet.

Wenn du also gerne am CLP

teilnehmen möchtest, dann bewirb dich

jetzt mit deiner Idee bei uns!

[rec!orded]

Podcast über nachhaltiges Unternehmertum

von [sic!] in Kooperation mit

„Hör mal, wer die Welt verändert“.

„Hör’ mal, wer die Welt verändert“

setzt sich mit nachhaltigen und interdisziplinären

Umweltthemen auseinander

und bereitet komplexe Themen

einfach auf. Elf engagierte Studierende

beteiligen sich ehrenamtlich an diesem

Projekt, um Themen rund um Nachhaltigkeit

mehr Gehör zu verleihen.

Website https://hoermalwerdiewelt

veraendert.wordpress.com/

Instagram https://www.instagram.

com/hoermalwerdieweltveraendert/

Spotify https://open.spotify.

com/show/0cerjxUiy4kT-

ZEz9BG6RxN?si=46238e2f77c44057

WORKSHOPS FÜR

STUDIERENDE ALLER ART

Das [sic!] veranstaltet regelmäßig Workshops,

die zur Wissensvermittlung von

spannenden und aktuellen Themen dienen.

Wir wollen Studierenden die Möglichkeit

geben, sich fortzubilden, ihr Wissen

zu erweitern und immer auf dem

neuesten Stand zu bleiben. Unser letzter

Workshop wurde von [sic!]- Alumna Hannah

Wundsam geleitet. Sie ist CEO von

AustrianStartups, der größten Start-up

Plattform und Think Tank für Entrepreneurship

in Österreich. Sie hat uns über

die wichtigsten Schritte informiert, die

nötig sind, wenn man eine Idee hat und

gerne ein Start-up gründen möchte. Sie

hat uns Tipps und Tricks verraten, damit

wir uns im österreichischen Start-up-

Ökosystem auskennen und wissen, welche

Förderungen und Initiativen es gibt.

Wir freuen uns schon auf viele weitere

Workshops zu spannenden Themen!

UNSERE PROJEKTBERATUNG

FÜR STUDIERENDE

Schon seit Gründung des students’ innovation

centre bieten wir gratis Projektberatungen

für Studierende an. Zu unseren

Beratungen können alle kommen, die

eine Idee haben – egal, ob vage, konkret

oder schon in Umsetzung. Wir bringen

eine Außenperspektive ein, zeigen Methoden

und Konzepte auf und helfen bei

der Erarbeitung der nächsten Schritte.

Außerdem geben wir Orientierung beim

Lehr- und Unterstützungsangebot an der

BOKU und können bei Bedarf mit anderen

Menschen vernetzen sowie sinnvolle

Anlaufstellen auch außerhalb der BOKU

nennen. Wir sind in unserer Beratung

für alle Studierenden da, die nachhaltige

Ideen haben und damit die Welt ein

Stückchen besser machen wollen.

NEUGIERIG GEWORDEN?

Das students’ innovation centre lebt

vom Austausch mit den Studierenden

aller Richtungen und der Community

an gleichgesinnten Changemaker, also

melde dich bei uns. Egal, ob du zu einer

Beratung kommen möchtest oder einen

Workshop besuchen willst – einfach ein

E-Mail (office@sic-vienna.at) senden

oder das Kontaktformular auf unserer

Webseite www.sic-vienna.at ausfüllen.

Wir freuen uns über deine Nachricht!

Wer über unsere Tätigkeiten und Events

am Laufenden bleiben will, kann uns

gern auf unseren Social Media-Kanälen

Facebook, Instagram und LinkedIn mit

dem Namen @studentsinnovationcentre

abonnieren. Hast du Interesse, bei

uns mitzuwirken, dann füll’ unser Anmeldeformular

aus und wir melden uns

bei dir!


Veränderung ist gar nicht so ein-

»

fach! Zuallererst verlangt sie eine

klare Stoßrichtung – und dann auch

noch den Mut und den nötigen

Rückenwind zur erfolgreichen Umsetzung.

Kein Wunder also, dass es

oft beim Status quo bleibt. Die Welt

braucht aber ganz dringend Veränderung.

Genauer gesagt, sie braucht

sowohl Visionäre als auch Macher,

die so einen Wandel ankurbeln. Ich

bin daher froh darüber, dass die

BOKU:BASE diesen Visionären und

Machern die nötigen Werkzeuge dafür

in die Hand gibt. Sei es Hilfe bei

der unternehmerischen Umsetzung

einer Projektidee, die Anmeldung

neuer Technologien oder mit der

Unterstützung im Gründungsprozess.

Ein unerwartetes Forschungsergebnis,

eine ganz neu gedachte

Technologie oder ein nachhaltiges

Produkt, all das kann am Ende genau

jener „Zünder“ für die Veränderung

sein, die wir brauchen. Und damit

auch der Kompass für die Zukunft,

in die wir steuern. Ich wünsche allen

Involvierten viel Erfolg bei ihren

Vorhaben – auf ihren Ideen und

mit ihren Werkzeugen wird diese

Zukunft gebaut werden.

Alexander Van der Bellen

Bundespräsident

Wolfgang Zajc

BOKU Magazin 1 | 2022

21


ImproveM GmbH

Matthias Kaltenbrunner, Martin Pernkopf und Manfred Gronalt (v. li.) begleiten mit ihrem Unternehmen Fertigungsbetriebe in die digitale Welt.

ImproveM: Forschungsbasierte Lehre

und gründungsmotiviertes Forschen

Von Ulrike Knaus, Manfred Gronalt, Matthias Kaltenbrunner, Martin Pernkopf

ImproveM realisiert datenbasierte

Entscheidungsunterstützung für Betriebe

der Holzwirtschaft und setzt

dabei Simulations- und Optimierungsmodelle

ein. ImproveM schafft dadurch

kundenspezifische und individuelle Planungs-

und Entscheidungssicherheit

sowie optimierte Prozessabläufe. Dafür

werden entsprechende SimHeuristiken

und exakte Methoden der Optimierung

entwickelt. Die Modelle kommen sowohl

bei alltäglichen Entscheidungen wie

der richtigen Materialauswahl in einem

Produktionsprozess, als auch bei weitreichenden

Entscheidungen, wie über die

Errichtung neuer Produktionsanlagen

zum Einsatz.

Matthias Kaltenbrunner beschäftigt sich

schon seit seinem Bachelorstudium an

der BOKU mit Optimierungsmodellen.

Bachelor- sowie Masterarbeit und die

Publikationen für die Dissertation thematisieren

Produktionsplanung und die

Lösung von angewandten Optimierungsproblemen.

Seine Arbeiten basieren auf

konkreten Industrieprojekten und seine

Algorithmen sind nun im täglichen Einsatz.

Martin Pernkopf begann sich im Zuge

seiner Masterarbeit genauer mit Simulationen

auseinanderzusetzen. Das Thema

fesselte ihn so sehr, dass er beschloss, am

Institut für Produktionswirtschaft und

Logistik der BOKU tiefer in die Materie

einzutauchen und er arbeitete mehrere

Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter

bei vielen Projekten verantwortlich mit.

Bei ihren Lehrtätigkeiten und wissenschaftlichen

Arbeiten wurden sie von

Manfred Gronalt vom Institut für Produktionswirtschaft

und Logistik unterstützt.

So lag es nahe, dass sie Gronalt

bei der Gründung von ImproveM für

wissenschaftliche Fragen mit ins Boot

holten.

DIGITALER PROZESS-ZWILLING

Das innovative Unternehmen ImproveM

mit Sitz in Zeltweg begleitet Fertigungsbetriebe

auf dem Weg in die digitale Welt

und unterstützt diese durch mathematische

Modelle und animierte Simulationen

bei Fragestellungen in Produktion

und Logistik. Dabei wird ein Digitaler

Zwilling der Prozesse erstellt und animierte

Simulationen für verschiedene

Szenarien analysiert.

Von einer Optimierung der aktuellen

Produktion bis zur Planung neuer Standorte

ist es somit möglich, im Vorfeld die

nötigen Informationen für die passenden

Entscheidungsgrundlagen zu erhalten.

Für Unternehmen ist es im Vorhinein

schwer abzuschätzen, ob sich neue oftmals

sehr teure Investitionen auch wirklich

rechnen. Genau bei diesen Fragen

findet ImproveM die Antworten. •

www.improvem.at

22 BOKU Magazin 1 | 2022


COALA: Copernicus für nachhaltige

Landwirtschaft in Australien

Zugang zum COALA-Portfolio basiert auf einer Anwendungsprogrammierschnittstelle,

die an der BOKU entwickelt wird.

Von Francesco Vuolo und Markus Immitzer

European Union, Copernicus

Die datengestützte Unterstützung

von Entscheidungen und Abläufen

in der Landwirtschaft wird zunehmend

wichtiger. Im Projekt COALA

(Copernicus für sustainable Agriculture

in Australia) werden dazu innovative

Dienstleistungen und Produkte für

die Präzisionslandwirtschaft entwickelt.

COALA baut dabei auf umfangreiche

europäische Erfahrungen auf, und verbindet

diese in enger Zusammenarbeit

mit akademischen Einrichtungen und

Wirtschaftsakteur*innen in Australien.

In weiterer Folge sollen dadurch neue

Geschäftsmöglichkeiten im Bereich der

Erdbeobachtung, sowohl für die europäische

Industrie als auch den Dienstleistungssektor,

entstehen.

COALA ermöglich die Überwachung der

Pflanzenentwicklung, des Wasser- und

Nährstoffstatus und von Bewässerungsflächen.

Dazu werden innovative Algorithmen

auf der Grundlage von Sentinel-2-Erdbeobachtungsdaten

eingesetzt,

wobei die Datenprozessierung über die

neuen Cloud-Plattformen (DIAS) von

Copernicus erfolgt. Im Modul Bewässerungsmanagement

können Landwirt*innen

Informationen nutzen, die COALA

automatisch auf Basis von Satellitendaten

ableitet. Dadurch können Entscheidungen,

wie etwa wann und wie viel bewässert

werden soll, auf fundierten Daten

getroffen und somit Wasser, aber auch

Produktionskosten gespart werden.

Ein weiteres Produkt des COALA-Projekts

ist die Kartierung von Bewirtschaftungszonen.

Diese Karten fassen Bereiche

innerhalb eines Feldes zusammen,

die ähnliches Ertragspotenzial aufweisen

und in denen gleiche Bewirtschaftungskonzepte

angewendet werden können.

Damit geht eine Optimierung des Düngemitteleinsatzes

und die Reduktion von

negativen Auswirkungen auf die Umwelt

einher.

Der Zugang zum COALA-Portfolio basiert

auf einer Anwendungsprogrammierschnittstelle

(API), die an der BOKU vom

Institut für Geomatik entwickelt wird.

Mithilfe der COALA-API können komplexe

Modellierungsabläufe bei konkretem

Bedarf aktiviert und angepasst werden,

um Karten zu erstellen, die den Bedürfnissen

der Anwender*innen entsprechen.

Die Anfrage kann über eine beliebige

grafische Benutzeroberfläche, eine Webseite

oder in einer Open-Source-GIS-

Software wie Quantum GIS erfolgen.

Alle COALA-Produkte werden durch

eine interaktive API-Dokumentation

unterstützt, welche die einfache Umsetzung

erleichtert.

Neben der technischen Komponente zielt

COALA auch darauf ab, den kommerziellen

Wert der Dienste für eine breitere

Nutzer*innen-/Kund*innengemeinschaft

offen zu demonstrieren und zu validieren.

Ziel ist es, ein hohes Maß an Akzeptanz zu

erreichen und einen maßgeschneiderten

Geschäftsplan für einen nachhaltigen

Betrieb über das Projektende hinaus zu

entwickeln. Die Produkte und die Dienste

sind weltweit auf Abruf verfügbar, und

weitere Nutzer*innen sind herzlich eingeladen,

die COALA-API für ihre speziellen

Anwendungen auszuprobieren. •

Illustrationsvideo:

https://short.boku.ac.at/

o35q48

Dr. Francesco Vuolo und DI Dr. Markus Immitzer,

MSc. sind Senior Scientists am Institut für Geomatik.

BOKU Magazin 1 | 2022

23


Innovation und Entrepreneurship in

der waldbasierten Wertschöpfungskette

Innovationen im waldbasierten Sektor führen zu mehr Diversifizierung von Produkten und Dienstleistungen.

Das bringt mehr Einkommen für Unternehmen, unterstützt die Regionen und bringt den Sektor in eine

zukunftsfähige Bioökonomie, welche auch soziale Aspekte beinhaltet.

Von Alice Ludvig, Ivana Zivojinovic, Karl Hogl und Gerhard Weiß

Ivana Zivojinovic

Lindsey Corrigan PINTEREST

A

m Institut für Wald-, Umwelt- und

Ressourcenpolitik werden seit

mehreren Jahren Innovationsprozesse

in der Forst- und Holzwirtschaft

untersucht. Im Vordergrund steht dabei

die Frage, unter welchen Umständen

es zu Innovationen kommt und welche

Rolle die Politik dabei spielt. Ziel ist unter

anderem die Auslotung von Unterstützungsmöglichkeiten

von Seiten der Politik

und die Entwicklung von Handlungsoptionen

und -empfehlungen.

Das ist deshalb von Interesse, weil gerade

der waldbasierte Sektor ein stark

familienbasierter Sektor ist. Er wurde

oftmals als „traditioneller“ Wirtschaftsbereich

und als vergleichsweise wenig

innovativ angesehen. Manche der untersuchten

Innovationen sind „historische“

Innovationen, etwa die neu belebten

Techniken der Harznutzung in Österreich

(beispielsweise „Alpengummi“) oder die

Anwendung von alten Praktiken der Herstellung

von Grill-Holzkohle mit Umweltund

Bio-Zertifikaten. Gerade letzteres

wird von Unternehmer*innen mittels

Kursen beworben, in deren Mittelpunkt

das gemeinsame Erlebnis steht und nicht

allein das „Produkt“.

Nicht nur das „Traditionelle“ trifft oftmals

den Nerv der Zeit auf den Märkten. Auch

die Mischung aus Aktivität und dem „Stück

Wald“, das sich Städter*innen nach Hause

holen, wurde schon innovativ umgesetzt:

Etwa, wenn Christbaumerzeuger*innen

ihre Christbäume von den Kund*innen

selbst aussuchen und schneiden lassen

oder eine selbstständige Bergführerin

Kurse unter dem Titel „Kochen und Essen

von der Wiese“ anbietet. Die Ergebnisse

der Forschung zu solchen Innovationen

wurden unter dem Begriff „experience

economy“ am Institut für Wald-, Umweltund

Ressourcenpolitik publiziert.

KATALYSATOR

REGIONALER ENTWICKLUNG

Das „Neue“ einer Innovation kann auch

nur in der jeweiligen Region oder im

jeweiligen Marktsegment neuartig und

muss keine völlig neue Erfindung sein.

Damit wird über ein rein technisches

Verständnis von Innovationen hinausgegangen.

Viele der von Unternehmen und

Start-ups erfolgreich initiierten Innovationen

sind gemischte beziehungsweise

hybride Innovationen, wobei Produkte

gemeinsam mit Dienstleistungen vermarktet

werden. Insbesondere das mitverkaufte

Image wird von den Bewohner*innen

des urbanen Raums sehr gerne

angenommen. Das Stück vom „Land“ beinhaltet

nachhaltig produzierte regionale

Produkte gemeinsam mit Erinnerungen

an Aktivitäten und Erlebnisse.

Das Beispiel eines Unternehmens innerhalb

des Labels „Urlaub am Bauernhof“

24 BOKU Magazin 1 | 2022


zeigt Folgendes: Der Bergwaldbesitzer

sammelt im Gebiet keine Pilze, denn die

internationalen wie österreichischen

Gäste kommen wegen des „Schwammerlsuchens“.

Seine Zimmer sind auf

Jahre ausgebucht, weil es eine dermaßen

beliebte, entspannende Freizeitaktivität

wurde. Der Unternehmer erklärt nur die

Wege zu den besten Plätzen und zeigt die

essbaren Arten. Abends wird die „Beute“

der Gäste für sie zubereitet und serviert.

Durch die Erholungsfunktion des Waldes

hat der Betrieb damit sein Angebotsportfolio,

nebst den Produkten seiner

land- und forstwirtschaftlichen Betriebszweige,

diversifiziert und eine zusätzliche

Einkommensquelle geschaffen.

WERTSCHÖPFUNGSKETTEN

UND UNTERNEHMERTUM

Gerade für das Unternehmertum im

forstbasierten Sektor findet sich ein

noch ungenutztes Potenzial für Nichtholz-Waldprodukte

und -dienstleistungen.

Der Bereich der „waldbasierten

Wertschöpfungskette“ umfasst definitionsmäßig

nicht nur die gesamten Stufen

der Produktionsketten (also Holz-,

Faser-, Papier und Plattenindustrie, Holzbau

und Möbelerzeugung sowie Brennholz

und Biomasse), sondern auch alle

Nutzungen des Ökosystems Wald und

sonstige damit verbundene Dienstleistungen.

Diese umfassen den Tourismus

und die Erholungsnutzungen des Naturraumes

Wald, sportliche Aktivitäten

(Mountainbiken, Skitouren, Wandern)

sowie Bildungs- und gesundheitsbezogene

Nutzungen (Green Care Forest).

Einige dieser „Nutzungen“ sind durchaus

konfliktreich. Wie die jüngste Untersuchung

zur Entstehung der Mountainbike-Plattform

im Biosphärenpark

Wienerwald zeigt, erzielt die Einbindung

von Stakeholdern die besten Resultate

zum Ausgleich von „Zielkonflikten“

(Trade-offs). Die konkrete Fallstudie

wurde parallel mit Kolleg*innen der ETH

Zürich und des Freiburger Lehrstuhls für

Forstpolitik durchgeführt.

UND DIE POLITIK?

Für die regionale Wertschöpfung, die

Belebung der Regionen, die Natur-und

Landschaftspflege und die Verhinderung

Ivana Zivojinovic

der sogenannten Landflucht sollte von

Seiten der Politik innovativen Start-ups

und Unternehmen mehr Augenmerk geschenkt

werden. Auch für „soziale Innovation“

gibt es viel Spielraum. Soziale

Innovationen sollen gemeinschaftliche

Lösungen für lokal anstehende Probleme

schaffen. Dafür setzen regionale,

kleinteilige Förderungsschienen wie

LEADER/CLLD oder auch regionale Entwicklungsprogramme

seit vielen Jahren

gezielt thematische Schwerpunkte. Die

Nutzung dieser Programme ist leider mit

hohen bürokratischen Hürden verbunden

und an enge Bedingungen geknüpft

(etwa die Betriebsgröße). Innovationen

benötigen möglichst viel Offenheit und

Flexibilität von Instrumenten und das

Akzeptieren beziehungsweise Eingehen

von unternehmerischem Risiko. Offenheit

bedeutet weiters, dass politische

Programme auch für oftmals nicht rein

marktbasierte Innovationen offen sein

sollten. Nicht jeder Innovationsansatz

kann kurz- oder mittelfristig wirtschaftlich

erfolgreich sein.

Eine Reihe von Unternehmen konnte

ihre Innovationen ohne jedes Förderungsprogramm

umsetzen. Oft wird

auch gar keine „Einmischung“ von außen

gewünscht, um unabhängig zu bleiben.

Manche haben mit anderen gemeinsam

Vermarktungs-Labels ins Leben gerufen

(z. B. die „Naturparkspezialitäten“) oder

sind in Arbeitsgemeinschaften organisiert

(z. B. in den regionalen ARGEs für

Christbäume).

Dennoch müsste es weitere Anreize

der öffentlichen Hand geben und dabei

eine viel stärkere Berücksichtigung von

nicht primär technologisch orientierten

Innovationen. All das könnte und

sollte in die Umsetzung der Bioökonomiestrategie

eingebunden werden.

Bioökonomie reicht über die technische

und chemische Verarbeitung von

naturbasierten Rohstoffen hinaus. Sie

umfasst nach unserem Verständnis von

Innovation auch die Produkte, Dienstleistungen

und sozialen Tätigkeiten von

Waldbesitzer*innen, Unternehmer*innen

und Nutzer*innen. Damit wird dem veränderten

Nutzungsverhalten der Konsument*innen

Rechnung getragen. •

Publikationen

Weiss, G.; Ludvig, A.; Zivojinovic, I. 2020.

Four decades of innovation research in

forestry and the forest-based industries –

A systematic literature review, Forest Policy

and Economics, 120, 10228, https://doi.

org/10.1016/j.forpol.2020.102288

Weiss, G.; Hansen, E.; Ludvig, A.;

Nybakk, E.; Toppinen, A. 2021. Innovation

governance in the forest sector: Reviewing

concepts, trends and gaps. Forest

Policy and Economics, 130, 102506. DOI:

10.1016/j.forpol.2020.102288

Wilkes-Allemann, J.; Ludvig, A.; Gobs, S.;

Lieberherr, E.; Hogl, K.; Selter, A. 2022,

Getting a grip on negotiation processes:

Addressing trade-offs in mountain biking in

Austria, Germany and Switzerland, Forest

Policy and Economics, 136, 102683. https://

doi.org/10.1016/j.forpol.2021.102683

Živojinović, I., Weiss, G., Wilding, M., Wong,

J.L.G., Ludvig, A., 2020. Experiencing

forest products – An innovation trend by

rural entrepreneurs. Land Use Policy, 94,

104506. https://doi.org/10.1016/j.landusepol.2020.104506

LINKS

www.alpengummi.at

www.bpww.at

www.naturparkspezialitaeten.at

www.weihnachtsbaum.at

Dr. in Alice Ludvig und Dr. in Ivana Zivojinovic, MSc.

sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen am Institut

für Wald-, Umwelt- und Ressourcenpolitik, Univ.-

Prof. DI Dr. Karl Hogl ist Dozent am selben Institut

und DI Dr. Gerhard Weiß ist Senior Scientist.

BOKU Magazin 1 | 2022

25


Technologietransfer: Von der

Wissenschaft in die Wirtschaft

Wie innovative BOKU-Ideen zum Mehrwert der Gesellschaft verwertet werden.

Von Karin Dögl und Michaela Amstötter-Visotschnig

Shutterstock

Raoul Heinreich Francé, Begründer

der Biotechnik, beschreibt 1920 in

seinem Büchlein „Die Pflanze als

Erfinder“ seine Suche nach einer Lösung,

wie die Qualität von Ackerböden durch

gleichmäßiges Hinzufügen von Kleinstlebewesen

verbessert werden könnte. Er

hatte herausgefunden, dass diese nicht

nur den Boden lebendig halten, sondern

auch positive Einflüsse auf Erntefrüchte

haben. Die Herausforderung dabei: Eine

gleichmäßige Verteilung wollte nicht und

nicht gelingen. Weder Salz- noch Puderstreuer

waren geeignet, die nützlichen

Erdbewohner entsprechend in die Erde

zu transferieren, bis Francé die entscheidende

Idee hatte: Seine Überlegung war,

dass die Natur bereits Lösungen für diese

Problemstellungen gefunden haben

musste.

Tatsächlich meldete der Biologe und Botaniker

bald darauf die Erfindung eines

neuen Streukopfes für Haushalt und medizinische

Zwecke zum Patent an – und

zwar inspiriert von der Samenkapsel des

Mohns.

Rund 100 Jahre später haben Erfindungen,

die die Herausforderungen unserer

Zeit innovativ lösen sowie ihre dazugehörigen

Schutzrechte nichts an Relevanz

verloren, wie auch Debatten rund um

die Aufhebung des Patentschutzes auf

Covid-19-Impfstoffe deutlich zeigen. Ein

Patentschutz kann ein ausschlaggebendes

Tool für Unternehmen sein, in Hochrisikoprojekte

der F&E zu investieren und

26 BOKU Magazin 1 | 2022


das eigene „First Mover“-Risk am Markt

abzufedern. Darüber hinaus profitiert die

Forschung – neben der wissenschaftlichen

Publikation – von der Dissemination

angewandter Forschungsergebnisse

etwa durch Einsehbarkeit des aktuellen

Stands der Technik.

Der Universität für Bodenkultur Wien

kommt hierbei sicherlich eine besonders

relevante Rolle zu. Ihre Mission, zu einer

nachhaltigen gesellschaftlichen und

technischen Transformation beizutragen,

kann nur gelingen, wenn ihre wissenschaftlichen

Erkenntnisse beziehungsweise

ihr geistiges Eigentum auch gezielt

der Gesellschaft zur Verfügung gestellt

werden. Der Transfer von Technologien

und Innovationen in die Wirtschaft ist

dabei nur eine Seite derselben Medaille.

BERATUNG

Die Aufgabe des Technologietransfers,

der in der Serviceeinrichtung Forschungsservice

der BOKU angesiedelt

ist, ist die Vertretung der BOKU und

ihrer Forscher*innen bei der wirtschaftlichen

Umsetzung der generierten Forschungsergebnisse

beziehungsweise der

Schutz des geistigen Eigentums der Universität.

Die Servicestelle unterstützt

dabei auf vielfältige Art und Weise, um

den enormen Wissens- und Technologieschatz,

der an der BOKU generiert wird,

an die Gesellschaft weiterzugeben. Von

der Beratung vor einem Projekt bis zur

Verwertung von Patenten sind die Aufgaben

ausgesprochen facettenreich.

Im Mittelpunkt steht dabei, die Forschungsergebnisse

auf Herz und Nieren

zu prüfen, denn die geeignete Strategie

zum Schutz des geistigen Eigentums –

etwa durch Anmeldung eines Patents

– beinhaltet zahlreiche Aspekte und vor

allem mittel- bis langfristige Auswirkungen,

die gut aufbereitet sein wollen, um

die für die Universität, die Forscher*innen

und die Gesellschaft ideale Verwertungsstrategie

zu finden. Letztendlich soll eine

innovative BOKU-Idee eine Anwendung

auf dem Markt finden und damit der Gesellschaft

einen Mehrwert bringen.

Unter den Schutz von geistigem Eigentum

fallen sämtliche Forschungsergebnisse,

egal ob patentfähig oder nicht.

Von Marken- bis Sortenschutz, Anmeldung

von Gebrauchs- oder Geschmacksmustern

– die Palette an Schutzrechten

für innovative Ideen ist vielfältig. Ein

Schwerpunkt bei der Verwertung liegt

jedoch sicherlich auf der Patentierung

von Erfindungen.

BEWERTUNG

Wie weiß man eigentlich genau, ob man

eine Erfindung gemacht hat?

Rein formal ist eine Erfindung patentfähig,

wenn sie die Kriterien „neu“, „erfinderisch“

und „kommerziell bewertbar“

erfüllt.

In der Regel wird nach einer Erstabklärung,

um welche Art von Forschungsergebnis

es sich handelt, das für die Universität

verwertet werden kann, von den

Erfinder*innen, im Fall einer Erfindung,

offiziell eine Diensterfindung gemeldet.

Weiters kann es von ausschlaggebender

Relevanz sein, welche vertraglichen

Verpflichtungen seitens IP (intellectual

property) bereits vorhanden sind, etwa

im Rahmen von Kooperations- oder Förderverträgen

oder ob es sich um eine

Gemeinschaftserfindung mit weiteren

Erfinder*innen außerhalb der BOKU

handelt.

Sobald die Formalia sowie die rechtliche

Situation geklärt sind, geht es vornehmlich

darum, eine Evaluierung der eigentlichen

Technologie vorzunehmen.

Auf welchem Technologielevel befindet

sich das Forschungsergebnis? Gibt es

bereits einen Prototyp oder Proof of

Concept oder handelt es sich um eine

frühphasige Entwicklung? Wie sieht es

mit der Marktfähigkeit aus? Ist es noch

ein weiter Weg bis zu einem marktreifen

Produkt oder einer Dienstleistung oder

braucht es nur noch eine geringfügige

Weiterentwicklung für ein Unternehmen

bis zur Marktüberleitung?

Ebenfalls braucht es eine Betrachtung,

welche Märkte für potenzielle Unternehmenspartner*innen

interessant sind

und damit letztendlich, im Falle einer Erfindung,

welche Patentierungsstrategie

gewählt werden soll.

Die Patentanmeldung ist dabei in vielen

Fällen ein Türöffner. Neue Drittmittelprojekte,

attraktive Förderungen oder

neue Verwertungspartner*innen sind

nur einige Beispiele für den Benefit, den

Patente liefern können.

SCHUTZ & PATENTMANAGEMENT

Stellt sich nach eingehender Prüfung

heraus, dass die Erfindung patentfähig

und eine Patentanmeldung sinnvoll ist,

wird die Schutzrechtsstrategie in weite-

BOKU Magazin 1 | 2022

27


Adobe Stock

rer Folge festgelegt und eine erfahrene

Patentanwaltschaft mit der Anmeldung

des Schutzrechts für die Universität und

etwaige Mitanmelder*innen beauftragt.

Sobald eine Anmeldung erfolgt ist, ist die

Publikation der Ergebnisse möglich. Bis

zur Anmeldung eines Patents gilt strikte

Geheimhaltung – Gespräche mit Unternehmen

sollten daher nie ohne Unterzeichnung

eines CDA (Confidentiality

Agreements) gehalten werden (Mustervorlagen

bietet die Rechtsabteilung

der BOKU an) – da sonst der Aspekt der

„Neuigkeit“ nicht mehr gegeben ist und

ein Patentschutz unmöglich wird. Dies

gilt auch für Poster, Präsentationen, Vorträge

auf Konferenzen und ähnliches – all

diese Aktivitäten dürfen bei einer Erfindung,

die zum Patent angemeldet werden

soll, erst nach der Anmeldung erfolgen.

Im Fall von nicht patentfähigen Forschungsergebnissen

wird entsprechend

der Art des Ergebnisses eine passende

Strategie erstellt.

VERWERTUNG

Sofern es nicht bereits vertragliche Vereinbarungen

gibt, wie mit geistigem Eigentum

in Projekten umzugehen ist, wird

meist ein Tech Offer formuliert. Dies soll

in aller Kürze auf die Vorteile aufmerksam

machen und den Status der schutzrechtlichen

Situation darstellen sowie die

Möglichkeiten für Unternehmen bieten,

die Technologie zu erwerben. So kann

festgelegt werden, dass die Technologie

als Lizenz, also ein Nutzrecht daran, vergeben

werden soll oder die Rechte komplett

an ein Unternehmen übertragen

werden, dieses also selbst die Schutzrechte

erhält. Findet sich ein interessiertes

Unternehmen, geht es in weiterer Folge

darum, Verhandlungen aufzunehmen,

um einerseits ein Vergütungs- und Vertragsmodell

festzulegen, dessen Erlöse in

die Erfinder*innenvergütung fließen und

andererseits den Umgang mit der Technologie

kurz- und langfristig zu regeln. In

enger Abstimmung mit den Erfinder*innen

wird festgelegt, in welcher Form die

Verwertung erfolgen soll.

Zahlreiche Erfolgsbeispiele für die Umsetzung

von BOKU-Ergebnissen finden

Sie in dieser Schwerpunkt-Ausgabe des

BOKU-Magazins.

Dabei kann die BOKU besonders stolz

auf ihren Beitrag zur Third Mission sein:

von Covid-Antikörpertests über Biohydrogele,

von Röntgenbildgebung zu

Impfstoffen und vielem mehr. Die Universität

und ihre Forscher*innen nehmen

ihre Rolle – nämlich einen wesentlichen

Beitrag für die innovativen Lösungen für

die Welt von morgen zu finden – mehr

als ernst und werden mit diesem Engagement

sicherlich auch die nächsten

150 Jahre unsere Gesellschaft nachhaltig

mitgestalten.

Eine besondere Rolle im Rahmen des

Transfers von der Wissenschaft in die

Wirtschaft kommen dabei Ausgründungen

von BOKU-Forscher*innen zu, die

ihre an der Universität entwickelten

Technologien selbst in eine kommerzielle

Anwendung führen wollen. •

28 BOKU Magazin 1 | 2022


Spin-offs an der BOKU – wenn aus

Forscher*innen Gründer*innen werden

“It’s not about money, it’s about advancing knowledge changing the world“.

Dr. Megan Jones (CSO Laterns, California, USA)

Von Michaela Amstötter-Visotschnig

Spin-offs werden als eine attraktive

Schiene des Technologietransfers

angesehen. Die Umsetzung von Innovationen

wird dadurch oft erst ermöglicht.

Sie sind eine attraktive Karriereoption

für den akademischen Nachwuchs, wie

auch für etablierte Wissenschaftler*innen.

Die Möglichkeit, seine Zukunft selbst

zu gestalten und eigene Ideen und Forschungsergebnisse

umzusetzen, macht

den Reiz eines Spin-offs aus.

Doch was ist eigentlich ein Spin-off?

Spin-offs sind Unternehmen, die auf

Basis von an der Universität generierten

Forschungsergebnisse gegründet

werden, das heißt die Gründung wäre

ohne Nutzung dieser Forschungsergebnisse

oder eines daraus resultierenden

Schutzrechts nicht erfolgt.

Forschungsergebnisse, die an einer

Universität erzielt wurden, gehören der

Universität und müssen von einem zukünftigen

Spin-off, welches sie umsetzen

möchte, lizenziert werden. Voraussetzung

dafür ist, dass die zur Diskussion

stehenden Forschungsergebnisse als

Grundlage für die Gründung einer Firma

geeignet sind und die Rahmenbedingungen

für den Aufbau eines erfolgversprechenden

Unternehmens erfüllt werden.

Eine der wichtigsten Grundlagen für eine

erfolgreiche Gründung ist die intensive

Betreuung von Gründer*innen. Denn

der Schritt von der Wissenschaft in die

Wirtschaft ist ein herausfordernder. Um

diesen bestmöglich umzusetzen, hat die

BOKU das Format der BOKU:BASE entwickelt.

Von der Betreuung der ersten

Idee bis zum Zurverfügungstellen von

Infrastruktur sollen alle Mitglieder der

BOKU bei der Umsetzung ihrer Vorhaben

unterstützt werden.

Im Zuge der Beratung steht neben der

Erstellung einer geeigneten Schutzstrategie

für die Ergebnisse und die

Verhandlung eines Verwertungsvertrags

zwischen der Universität und dem

Spin-off auch die Erarbeitung eines Geschäftsmodells

und die Unterstützung

bei der Suche nach Finanzierung, etwa

beim Einwerben von Fördermitteln aus

einschlägigen Förderprogrammen beziehungsweise

die Vernetzung mit Business

Angels, Investor*innen oder durch

öffentliche Geldgeber*innen im Fokus.

Dies gelingt durch die mittlerweile umfangreiche

Expertise der Gründungsbegleiter*innen

an der BOKU, durch eine

Vernetzung mit erfolgreichen BOKU-

Gründer*innen und durch ein breites

Netzwerk an externen Partner*innen.

Durchhaltevermögen, Frustrationstoleranz

und Selbstvertrauen sind Eigenschaften,

die es für eine Gründung oft

braucht. Die BOKU begleitet mit der

BOKU:BASE die Spin-offs und ihre Gründer*innen

auf dieser Reise.

Oft ist der Weg zum Markt nur durch

weitere Forschung zu bewältigen. Auch

hier bietet die BOKU mit der Schaffung

der BOKU:BASE Labs in Kombination

mit der neuen Core-Facility Strategie

weitere Unterstützung an. •

KONTAKT

Spin-offs sind

Unternehmen,

die auf Basis von

an der Universität

generierten

Forschungsergebnisse

gegründet

werden, das heißt,

die Gründung wäre

ohne Nutzung

dieser Forschungsergebnisse

oder

eines daraus

resultierenden

Schutzrechts

nicht erfolgt.

Fragen zur Verwertung von

Forschungsergebnissen, Erfindungen,

Patenten oder Spin-offs tto@boku.ac.at

LINKS

https://boku.ac.at/fos/technologietransfer

und https://base.boku.ac.at/

BOKU Magazin 1 | 2022

29


„Natürlich sind Geistesblitze die Momente,

an die man sich gerne erinnert“

Die BOKU-Erfinderinnen Reingard Grabherr und Gordana Wozniak-Knopp erzählen aus ihrer Praxis und

was es heißt, erfinderisch tätig zu sein. Zwei erfolgreiche Forscherinnen über ihre Heureka-Momente und

„Sternsekunden“ und darüber, wie wichtig das Team und Ansprechpartner*innen für Erfindungen sind.

Interview: Karin Dögl

Sie gehören zu den aktivsten Erfinderinnen

an der BOKU. In welchen Bereichen

waren Sie bisher erfinderisch tätig?

Reingard Grabherr: Wir arbeiten hauptsächlich

im Bereich der Verbesserung

der rekombinanten Proteinherstellung,

zum Beispiel von E. colibasierten Produktionsprozessen

sowie an insektenzellbasierter

Herstellung von „Virus Like

Particles“ als Vakzinekandidaten, also

immer im Bereich der Molekularbiologie

und Molekularen Biotechnologie

im Zusammenhang mit der Herstellung

und großtechnischen Produktion von

Humantherapeutika.

Gordana Wozniak-Knopp: Der sich

schnell entwickelnde Bereich der Biotechnologie

bietet einen wachsenden

Raum für Innovationen. Insbesondere

verlangt das Gebiet der medizinischen

Biotechnologie geradezu nach der intensiven

Erforschung und Entwicklung

neuartiger Therapien mit dem Ziel,

Lebenserwartung, Lebensqualität und

Gesundheit zu verbessern. Im Zentrum

unseres Forschungsinteresses stehen die

Antikörper und andere antigenerkennende

Strukturen mit verbesserter Wirkung.

Universitäten haben im Rahmen der Third

Mission die klare Rolle und Aufgabe, Erkenntnisse

zum Mehrwert der Gesellschaft

möglichst in eine Anwendung zu transferieren.

Welche Auswirkungen hatten Ihre

bisherigen Erfindungen auf den Alltag der

Menschen?

Grabherr: Eines der Patente führte zur

Ausgründung des Spin-off-Unternehmens

enGenes Biotech GmbH. Dieses

Unternehmen hat maßgeblich zur Herstellung

von SARS-CoV2-Antigenen

beigetragen, die Entwicklung eines

österreichischen SARS-CoV2-Antikörpertests

ermöglicht sowie viele Institutionen

mit Material zur angewandten

Covid-19-Forschung versorgt. Andere

30 BOKU Magazin 1 | 2022


Patente, die gemeinsam mit Boehringer

Ingelheim Austria umgesetzt wurden,

helfen bei der schnelleren und

kostengünstigeren Herstellung verschiedener

proteinbasierter Medikamente.

Im Alltag trägt dies zu einem

gesicherten Zugang zu Therapien und

Diagnostik bei.

Wozniak-Knopp: Wenn die grundlegenden

Konzepte einer Technologie in

die Praxis übernommen werden sollen,

verlangt das natürlich immense

Arbeitskraft: Die Umsetzung der Idee

in unterschiedlichsten biologischen Situationen,

die nach einer neuartigen

Lösung suchen; die Beispiele von „best

in class“-Therapeutika, die in keinem

anderen Format so gut funktionieren

könnten, sollen hervorgebracht werden

und schließlich sollen auch die Grenzen

der Methode eruiert werden. Trotz aller

Komplexität des Konzepts und der Umsetzung

der Grundidee war für mich am

bedeutendsten, dass mehrere klinische

Studien mit unseren bispezifischen Antikörpern

durchgeführt werden. Die beteiligten

Personen wurden also trotz ihrer

kritischen Diagnose weiter therapiert,

haben eine bessere Lebensqualität und

die Aussichten auf Genesung.

Wie haben sich Ihre Erfindungsmomente

gestaltet?

Grabherr: Erfindungen macht man nie

allein, sondern immer in einem Team und

im Austausch mit anderen. Geistesblitze

hatte ich schon viele. Die meisten davon

wurden aber verworfen, weil sie nicht

umsetzbar waren. Solche Geistesblitze

entstehen aber aus einem Erkenntnisprozess.

Nach einer Idee folgt wieder

ein meist noch langwieriger Erkenntnisprozess

in mehreren Schritten und

in Kommunikation mit anderen Wissenschaftler*innen

und Anwender*innen. In

manchen Fällen kommt es dann zu einer

patentfähigen Erfindung.

Wozniak-Knopp: Natürlich sind die Geistesblitze

die Momente, an die man sich

gerne erinnert. Das sind die „Sternsekunden“,

die ganz schwer zu erklären

und rechtzufertigen sind. Die tatsächliche

Funktionalität der Erfindung, ein

machbares praktisches Verfahren und

schließlich die breite Anwendbarkeit,

sind die Eigenschaften, die über den tatsächlichen

Wert entscheiden. In dieser

Anfangsphase ist eine Idee wie ein Baby:

sehr klein, laut und aufwendig, aber überaus

toll, einzigartig und wunderschön

– wovon ich, so wie alle begeisterten

Eltern, schwer überzeugt bin, und wenig

Gehör für Widerrede habe.

Als zuständige Servicestelle für BOKU-Forscher*innen

bei der Verwertung von Forschungsergebnissen:

Wie hat sich für Sie

die Zusammenarbeit mit dem Technologietransfer

gestaltet?

Grabherr: Diese Zusammenarbeit war

immer unkompliziert, sehr hilfreich und

unterstützend auf allen Linien – von der

Idee bis zur Patentierung.

Wozniak-Knopp: Der Techtransfer der

BOKU ist hoch funktionell und sehr engagiert

darin, die Interessen und Rechte

der Forscher*innen zu vertreten. Beim

Aufsetzen der Verträge wird auf die speziellen

Situationen, Wünsche und Anliegen

eingegangen und das ist angesichts

der individuellen Natur der Erfindungen

sehr wichtig. Die Interaktion mit Unternehmenspartner*innen

wird respektiert

und hochgeschätzt.

Wie hat sich darüber hinaus die Zusammenarbeit

bzw. die Anbahnung mit der

Unternehmensseite gestaltet?

Grabherr: Wir haben sehr gute Erfahrung

mit Unternehmen als Forschungspartner*innen.

Meist kommen diese auf uns

zu und wir erarbeiten Konzepte und loten

Fördermöglichkeiten aus. Wir hatten

schon sehr viele geförderte, aber auch

nicht geförderte Projekte mit Industriepartner*innen,

die allesamt erfolgreich

waren und die meisten führten zu

langjähriger Zusammenarbeit in gegenseitiger

Wertschätzung. Unternehmen

sind natürlich unterschiedlich, aber viele

haben großes Interesse, ihr Patentportfolio

zu vergrößern und unterstützen uns

bei Erfindungen und deren Anmeldung.

Insgesamt sind die Kollaborationen mit

unseren industriellen Partner*innen sehr

spannend, kollegial und wichtig für unsere

Forschung und auch Lehre.

»

Geistesblitze hatte ich schon

viele. Die meisten davon wurden

aber verworfen, weil sie

nicht umsetzbar waren. Solche

Geistesblitze entstehen aber

aus einem Erkenntnisprozess.

Nach einer Idee folgt wieder

ein meist noch langwieriger

Erkenntnisprozess in mehreren

Schritten und nur in Kommunikation

mit anderen Wissenschaftler*innen

und Anwender*innen.“

Reingard Grabherr

Univ.-Prof. in DI in Dr. in Reingard Grabherr

ist Leiterin des Instituts für Molekulare

Biotechnologie, einem traditionell

sehr aktiven Forschungsbereich.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in

den Bereichen tierische Expressionssysteme,

Angewandte Virologie und

Proteinexpression.

Eva Kern

BOKU Magazin 1 | 2022

31


Dragos Condrea

Bezugnehmend auf Ihren reichen Erfahrungsschatz:

Was wollen Sie Ihren Kolleg*innen

an dieser Stelle mitgeben?

Grabherr: Der einzige Wermutstropfen

in meiner Vergangenheit war, dass

Firmen manchmal die Patente liegen

lassen, obwohl sie einen wertvollen Beitrag

für die Gesellschaft leisten könnten,

man selbst als Forscher*innen aber

dann auch nicht mehr viel damit weitermachen

kann und andere Kollaborationspartner*innen

dann enttäuschen

muss, weil man keinen Zugriff auf diese

Erfindung mehr hat. Also hier könnten

wir vielleicht versuchen, uns in Zukunft

mehr Rechte einzuräumen.

Wozniak-Knopp: Es ist sehr wertvoll,

sich mit den Expert*innen anderer Fachausrichtungen

zu umgeben, mit denen

man ein ehrliches und bereicherndes

Verhältnis hat. Die erfinderische Idee

wird erst mit ihrer Umsetzung aufleben.

Eure Industriepartner*innen sind eure

ersten Ansprechpersonen: Die zwei unterschiedlichen

Milieus wirken in dieser

Hinsicht mit, jedes auf seine Weise.

Wozniak-Knopp: Meiner Erfahrung nach

sind die Unternehmen am Schutz des

geistigen Eigentums immer interessiert.

In der Ausbauphase wird entschieden, ob

ein Patent das Weiterkommen der Technologie

unterstützen kann. Zu dieser Entscheidung

trägt auch die perspektivische

Ausrichtung der Entwicklung des Unternehmens

bei. Es wird festgelegt, ob die

Ergebnisse der universitären Forschung

publik gemacht werden können oder vorher

ein Patentschutz beansprucht wird.

Was braucht es aus Ihrer Sicht, um Forschungsergebnisse

gut von der Wissenschaft

in die Wirtschaft transferieren zu

können?

Grabherr: In erster Linie braucht es relevante

Forschungsprojekte mit Firmenpartner*innen.

Dafür müssen wir unser

Know-how an die Öffentlichkeit bringen,

um passende Partner*innen zu finden.

Wir brauchen entsprechende Förderungen,

die angewandte Forschung mitfinanzieren

und natürlich die Unterstützung

seitens des Forschungsservice.

Wozniak-Knopp: Als Forschungseinheit

pflegten wir immer ein sehr aktives

und offenes Verhältnis mit Unternehmenspartner*innen.

Von der Projektanbahnung

an war unsere Kommunikation

auf gegenseitigem Respekt gegründet.

Die Berichterstattung hat sich daher als

kollegialer Austausch gestaltet. Diese

Einstellung war unabdingbar für alle folgenden

Effekte des Projekts, zum Beispiel

gemeinsame Patente, Publikationen und

Personalaustausch.

Welche Vorteile bringt der Schutz von

geistigem Eigentum für eine Forscher*innenkarriere?

Grabherr: Für die Karriere als Forscher*in

sehe ich hier nicht so viele Vorteile. Publikationen

und öffentliche Vorträge zählen

oft mehr. Patente stärken aber sicher

die Kollaborationsbasis mit Firmenpartner*innen.

Ein großer Vorteil liegt auch

in der Möglichkeit der Spin-off-Gründungen.

Das stärkt den Wirtschaftsstandort

und bietet Arbeitsplätze. Außerdem ermöglichen

Firmenkollaborationen oft die

Finanzierung von Master- und PhD-Arbeiten

und bieten den Studierenden eine

praxisnahe Ausbildung sowie Einblick in

den Industriealltag.

Wozniak-Knopp: Die Mitwirkung an der

IP-Dokumenten-Verfassung war für mich

eine einzigartige Erfahrung. Das Gestalten

der Antworten auf die zentrale Frage:

„Ist das wirklich neu und macht das

was aus?“, habe ich erst lernen müssen,

sowie den Plan der notwendigen Experimente

gründlich umzudenken. Dadurch

32 BOKU Magazin 1 | 2022


Universität für Bodenkultur Wien

ZVG / Markus Hintzen

»

Gordana Wozniak-Knopp

In dieser Anfangsphase ist eine Idee wie ein Baby: sehr klein,

laut und aufwendig, aber überaus toll, einzigartig und wunderschön

– wovon ich, so wie alle begeisterten Eltern, schwer überzeugt

bin – und wenig Gehör für Widerrede habe.

Dipl.-Biol. in Dr. in Gordana Wozniak-Knopp, Senior Scientist am Institut für Molekulare

Biotechnologie, forscht unter anderem in den Bereichen Antikörperengineering,

Design und Selektion spezifisch bindender Proteine und Proteinengineering.

Mit rund 13 Diensterfindungsmeldungen in den vergangenen zehn Jahren zählt sie

zu den aktivsten BOKU-Forscher*innen. Dies drückt sich auch in rund 41 aktiven

Patentanmeldungen sowie 19 erteilten Patenten, basierend auf den genannten

Diensterfindungen, aus. Wozniak-Knopp wurde 2020 zur BOKU-Erfinderin des

Jahres gekürt.

wächst man auch als Person, und nicht

nur als Wissenschaftler*in.

Wo sehen Sie Ihre Rolle als BOKU-Forscherin,

den „Erfinder*innengeist“ an die

nächste Generation von Jungwissenschaftler*innen

weiterzugeben?

Grabherr: In meiner Forschungsgruppe,

aber auch in meinen Lehrveranstaltungen.

Wir reden viel über die Möglichkeiten,

Ergebnisse als Erfindungen anzumelden.

Mitarbeiter*innen meiner Gruppe

machen auch immer wieder bei Erfinderwettbewerben

(INiTS) mit. Das heißt,

meine Student*innen und PostDocs reichen

ihre Projekte ein. Nachdem wir sehr

viel angewandte Forschung machen, ist

es insgesamt wichtig, erfinderisch zu

sein. Wir sind sehr nah an der Industrie

und da muss man viel über praktikable

Lösungen nachdenken. Das machen wir

in der Gruppe. Da kommen meistens sehr

viele gute Ideen zusammen.

Wozniak-Knopp: Unser Labor ist offen

für die Master-, Bakkalaureats- und Praktikumsstudenten.

Mein Wunsch wäre,

die zukünftigen Kolleg*innen und „Macher*innen“

zu erziehen: Fachexpert*innen,

deren Hauptmotivation es ist, ihre

berufliche Zukunft mitzugestalten und

einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.


Das Interview wurde von der Servicestelle

Technologietransfer umgesetzt. Für etwaige

weitere Fragen rund um das Thema „Geistiges

Eigentum“ wenden Sie sich gerne an

tto@bokuac.at.

Ich bin überzeugt davon, dass Innovation

dort entsteht, wo Forschung,

Unternehmertum und eine hochwertige

Ausbildung ineinandergreifen.

Das unterstreichen auch

Forschungs- Kooperationen wie jene

zwischen der Landesgesundheitsagentur

»

und der Karl Landsteiner

Privatuniversität, der Institute der

BOKU in Tulln oder der WasserCluster

Lunz, die zeigen, dass bei uns im

Wissenschaftsland Niederösterreich

Wissenschaft, Forschung und Praxis

aufs Engste miteinander verbunden

sind. Entlang unserer Wissenschaftsachse

von Krems über Wieselburg

nach St. Pölten und Tulln bis nach

Klosterneuburg und Wiener Neustadt

finden sich auch hochwertige

Hochschulen, an denen wir jungen

Menschen eine hervorragende Ausbildung

und der heimischen Wirtschaft

hervorragend ausgebil dete

Fachleute ermöglichen. Die Brücke

zwischen Forschung und Praxis

schlagen wir außerdem mit unseren

Technologie- und Forschungszentren

und Technopolstandorten in Krems,

Tulln, Wiener Neustadt und Wieselburg.

Denn durch die Vernetzung und

Kooperation von Unternehmen und

Forschungseinrichtungen im Rahmen

gemeinsamer Forschung und Entwicklung

stärken wir den Standort

und ermöglichen Innovationen.

Johanna Mikl-Leitner

Landeshauptfrau von

Niederösterreich

BOKU Magazin 1 | 2022

33


Open Innovation: How to? –

Ein gelebtes Praxisbeispiel an der

BOKU in der Covid-Pandemie

Die SARS-Cov2-Pandemie hat uns gezeigt, wie schnell und effektiv unterschiedliche österreichische Expertisen

verknüpft werden können, um einen gesellschaftlichen Mehrwert zu liefern. An dieser Stelle dürfen wir Ihnen

einen ganz konkreten Beitrag der Universität zur Bekämpfung der Pandemie vorstellen, der unter anderem

durch einen offenen Zugang aller Beteiligten ermöglicht wurde.

Von Mark Dürkop

DCStudio

Austrian Institute of Technology (AIT) bei

der Testung zur schnelleren Selektierung

geeigneter Antigene und entwickelte

letztendlich sogar selbst einen eigenen

kommerziellen testbasierend auf einem

Pool aus Antigenen.

Kurz nach Ausbruch der SARS-

Cov2-Pandemie machten sich

BOKU-Mitarbeiter*innen des Departments

für Biotechnologie unter der

Leitung von Reingard Grabherr Gedanken,

wie die Universität ihren Beitrag zur

Pandemiebekämpfung leisten könnte.

Aufgrund breiter vorhandener Expertise

im Bereich der Produktion von biologischen

Erzeugnissen (etwa Proteine,

Plasmiden oder virus-like Particles) war

schnell entschieden, dass die BOKU ganz

konkret Antigene für Antikörpertests

zur Verfügung stellen könnte. Die Projektleitung

hierfür übernahmen Miriam

Klausberger und Mark Dürkop.

Das Problem dabei: Was dann? Hochreine

Antigene können zwar die Grundlage

für gute (Antikörper-)Tests sein, aber ein

hochspezifisches Set-up und eine grundlegende

Testevaluierung sind für ein erstklassiges

Testverfahren unumgänglich.

Dafür musste hinterfragt werden, wie

bestmögliche Voraussetzungen für einen

raschen Technologietransfer geschaffen

werden könnten, um damit auch einen

raschen Weg für Unternehmen zu ebnen,

diese Tests schnell vertreiben zu können,

gerade weil ein klarer gesellschaftlicher

Mehrwert zur raschen Bekämpfung der

Pandemie gegeben war. Es war notwendig,

Partner*innen für die Testentwicklung

zu finden und in weiterer Folge

die Forschungsbemühungen auf einen

schnellen Transfer und damit Möglichkeit

zur Marktreife zu konzentrieren. Dies

alles ohne geplantes Budget oder eine

vorhandene Struktur!

AKTIVE SUCHE NACH

PARTNER*INNEN

Um nun all diesen Anforderungen rasch

gerecht werden zu können, wurden mehrere

Strategien verfolgt. Einerseits wurden

proaktiv Partner*innen gesucht, um

die geplanten Tests zu verwirklichen. Mit

der Veterinärmedizinischen Universität

Wien und der Medizinischen Universität

Wien waren diese auch rasch gefunden

und zwar als kompetente Institutionen,

die bereits große Expertise in der Antikörpertestentwicklung

und Validierung

mitbrachten. Weiters beteiligte sich das

Durch die Zusammenarbeit war es daher

zunächst möglich, das Test-Set-up

mehrere Male zu überarbeiten und mit

einem großen Pool an menschlichen

Seren zu testen. Damit die hochreinen

Antigene nun im größeren Maßstab der

Gesellschaft in Form von Produkten und

Dienstleistungen langfristig am Markt

zur Verfügung gestellt werden konnten,

leisteten alle Partner*innen ihren Beitrag,

ihre Forschungsleistungen rasch an

– in diesem Fall – regionale österreichische

Unternehmen zu transferieren beziehungsweise

mit diesen zu kooperieren

(u. a. enGenes GmbH). Ebenso mündete

die kommerzielle Weiterentwicklung auf

Unternehmensseite etwa in der Produktion

und dem Vertrieb von CE-zertifizierten

Testkits durch das Unternehmen

Technoclone Gmbh.

Zum damaligen Zeitpunkt waren diese

entwickelten Antikörpertests sogar weltweit

die ersten, die auch quantitativ einen

Titer bestimmen konnten und zusätzlich

in der Lage waren, zwischen Infektion und

Impfung zu unterscheiden. Weiters wurde

auf Basis der von der BOKU entwickelten

Antigene von der Firma Genspeed Biotech

GmbH ein Point-of-Care -Testverfahren

entwickelt. Dadurch ist es seither

der breiten Öffentlichkeit möglich, über

Apotheken mittels einfachem Fingerstich

den eigenen SARS-CoV2-Antikörperstatus

in nur 20 Minuten zu erhalten.

34 BOKU Magazin 1 | 2022


Alexander Müller

Houska-Preisverleihung Publikumspreis 2021, v. li.: Christoph Binder (MUW), Reingard Grabherr (BOKU), Miriam Klausberger (BOKU),

Mark Dürkop (BOKU), Florian Grebien (VetMed Uni Wien).

OPEN INNOVATION

Was war die Basis, um so ein rasches

Agieren zu ermöglichen? Der Schlüssel

hieß Open Innovation, also die Öffnung

des Innovationsprozesses und damit der

Organisationsgrenzen aller Beteiligter,

um das neue Wissen zeitnah in neue Produkte

überführen zu können.

Die BOKU hat dazu ihren wesentlichen

Beitrag geleistet und verfolgt diesen Ansatz

nun auch konsequent weiter:

Um die Antigene einer noch größeren

wissenschaftlichen Community zur

Verfügung zu stellen und so Open Innovation

weiter zu fördern, entwickelte

die BOKU in Zusammenarbeit mit

dem Unternehmen Novasign GmbH

eine Online-Plattform, über die es

Forscher*innen weltweit möglich ist,

möglichst unkompliziert Zugang zu den

Antigenen der Universität zu erhalten. In

Zusammenarbeit mit der BOKU-Rechtsabteilung

und dem Technologietransfer

war es möglich, das Portal so aufzubauen,

dass interessierte Forscher*innen

Testmengen der unterschiedlichen

Antigene nach Unterzeichnung eines

Material Transfer Agreements zugesendet

bekommen. Diese Strategie hat

Screenshot BOKU-Materialplattform.

dazu geführt, dass die BOKU mehrere

Kooperationen und Publikationen mit

Forschungspartner*innen erfolgreich

aufsetzen konnte. Das Portal diente also

ganz konkret als Katalysator für internationale

Forschungskooperation. Aktuell

wird die Plattform nun weiterentwickelt,

um bereits vor der Registrierung Nutzer*innen

einen noch einfacheren und

breiteren Zugang zu Forschungsergebnissen

der BOKU zu ermöglichen. Dadurch

soll ermöglicht werden, dass die

von der BOKU generierten Ergebnisse

international noch sichtbarer werden,

die Nutzung der Forschungsergebnisse

breiter möglich ist und die Anbahnungschancen

auf konkrete Forschungskooperationen

noch weiter erhöht werden.

Diese österreichische Erfolgsgeschichte

wurde übrigens auch für den Houskapreis

eingereicht. Im September vergangenen

Jahres wurden die Projektleiter*innen

Miriam Klausberger und Mark Dürkop im

Zuge der Verleihung mit dem Publikumspreis

ausgezeichnet.


Dr. Mark Dürkop ist wissenschaftlicher Mitarbeiter

am Institut für Bioverfahrenstechnik.

BOKU Magazin 1 | 2022

35


Chromatografie:

Die Waschmaschine für Viren

Mithilfe des Trennverfahrens konnte ein patentierter Prozess zur Herstellung von Vakzinen und

Gentherapievektoren entwickelt und industrietauglich gemacht werden. Von Alois Jungbauer

Adobe Stock

Masernviren

Da ich in der Lehre an der BOKU

schon von Beginn meiner Wissenschaftskarriere

an mit Trennverfahren

in der Biotechnologie betraut wurde,

hat mich das Thema Chromatografie

immer beschäftigt und auch fasziniert.

Obwohl das Verfahren millionenfach in

der Industrie und Forschung eingesetzt

wird, ist es in der breiten Öffentlichkeit

nicht wirklich bekannt. Mithilfe dieses

Trennverfahrens werden ein oder mehrere

Stoffe in einem Gemisch aufgrund der

Adsorptionsfähigkeit an eine Oberfläche

identifiziert beziehungsweise aus diesem

gereinigt. Klingt sehr technisch und abstrakt

– ist aber eine effiziente Technologie:

Zucker aus Mais oder Kartoffelstärke

oder fast alle modernen Arzneistoffe

werden chromatografisch gereinigt.

In den späten 1990er-Jahren begann ich

mich für die sogenannten Monolithen

Die gedruckte poröse Struktur befindet sich

noch auf dem Druckträger, bevor sie in das

Stahlgehäuse eingesetzt wird.

für chromatografische Trennungen zu

interessieren. Das sind poröse Kunststoffblöcke,

durch die Stofflösungen

durchgepumpt werden. Somit ist es

auch möglich, partikuläre Substanzen

wie Viren effizient zu reinigen. Dies war

mein Zugang zur Forschung und Entwicklung

von Herstellungsprozessen für

virale Vakzine und Gentherapievektoren.

Vakzine braucht man in Zeiten der Covid-

19-Pandemie nicht zu erklären, sie werden

von den meisten in unserer Gesellschaft

als Segen empfunden – werden

aber auch, wie seit deren Erfindung zu

Kaiserin Maria Theresias Zeiten, die alle

ihre Kinder gegen Pocken impfen ließ,

aus verschiedensten Gründen abgelehnt.

Gentherapievektoren sind speziell veränderte

Viren, die aber nicht pathogen

sind und nach Verabreichung in einem

Organ, wie etwa der Leber, eine Substanz

36 BOKU Magazin 1 | 2022


acib GmbH

Labor für chromatografische Reinigung von Viren in der BOKU/acib Bionnanopartikel Facility, eingerichtet über ein FFG Infrastrukturprojekt.

produzieren, die ein Kranker nicht herstellen

kann, wie zum Beispiel einen nicht

vorhandenen Blutgerinnungsfaktor eines

Bluters. Keine Angst, das Erbgut wird

dadurch nicht verändert.

Eine Gruppe von enthusiastischen Wissenschaftler*innen

hat vor zehn Jahren

eine Firma namens Themisbio zur Herstellung

von Vakzinen mithilfe von Masernviren

gegründet. Die Reinigung der

Viren bereitete ihnen Schwierigkeiten,

da die Ausbeuten stark variierten. Ein

Konsulent der Firma, den ich bei meinen

Forschungsaufenthalten in Singapur am

„Bioprocessing Technology Institute“ und

der Firma Singvax kennengelernt habe,

hat der Firma Themisbio in der Muthgasse

11 einen Experten für die chromatografische

Reinigung von Viren in der

Muthgasse 18 ans Herz gelegt. Nachdem

die Verbindung hergestellt war, haben wir

in kooperativen Projekten einen patentierten

Prozess für die Produktion von

rekombinanten Masernviren mit chromatografischen

Verfahren entwickelt.

In einem Gemeinschaftsprojekt mit dem

Kompetenzzentrum acib, (das von der

BOKU mitgegründet wurde), konnte

unser Prozess industrietauglich gemacht

und zusammen mit Themisbio an Kontrakthersteller

in Frankreich, Deutschland

und den USA übertragen werden.

Da unser Prozess auch für andere Vakzine

eingesetzt wird, haben wir an der BOKU

und am acib damit einen wesentlichen

Beitrag zum Nachhaltigkeitsziel der UNO

„Good health and well being“ geleistet.

Der rekombinante Masernimpfstoff kann

für verschiedenste virale Impfstoffe eingesetzt

werden. Es wird nur die Oberfläche

des Virus dahingehend verändert,

dass es die Proteine der gewünschten

Vakzine trägt. Bei SARS-Cov2 ist dies das

sogenannte Spikeprotein. Masernviren

sind sehr effizient, instabil und groß. Die

Herausforderungen waren, einen Prozess

zu entwickeln, der in sich geschlossen ist

und relativ rasch durchgeführt werden

kann. Als erstes hat Themisbio, die mittlerweile

an MSD (Merck Sharp & Dohme)

verkauft wurde, einen Impfstoff gegen

Chikungunya, eine fieberhafte Viruserkrankung,

die hauptsächlich in Afrika

und Südostasien vorkommt und durch

Stechmücken übertragen wird, entwickelt.

Rückblickend kann ich sagen, dass

ein internationales Netzwerk, eine gute

Infrastruktur, ein gutes Team, aber auch

Zufall für den Erfolg verantwortlich sind.

Das Team ist aber entscheidend. Um die

Bildung von Forschungskooperationen

nicht nur dem Zufall zu überlassen, gibt

es die Technologietransferstelle/BOKU:

BASE, die die Wissenschaftler*innen mit

ihren Erfindungen bei Ausgründungen begleitet

und auch bei der Anbahnung von

Industriepartner*innen tatkräftig mithilft.

Literatur

Csar P., Jungbauer a., Kort A., Müllner M., Palmberger

D., Ramsauer k., Schrauff, S. Steppert, P.,

Tauber E. (2018) Europäische Patentanmeldung

mit dem Titel „Integriertes Herstellungs- und

Chromatographiesystem zur Virusproduktion“.

Dutra G., Satzer P, Jungbauer A. (2020). Europäische

Patentanmeldung mit dem Titel „Novel

Chromatography Bed“.

Steppert, P. Mosor, M., Stanek, L., Burgstaller, D.,

Palmberger, D., Preinsperger, S., Pereira Aguilar,

p., Müllner, M. Csar, P., Jungbauer, A.(2022). A

scalable, integrated downstream process for

production of a recombinant measles virus-vectored

vaccine. Vaccine 40:1323-1333

Univ.-Prof. DI Dr. Alois Jungbauer ist seit 1991

Professor am Institute of Bioprocess Science and

Engineering an der Universität für Bodenkultur

Wien. Er ist seit 2004 Miterfinder an 33 Erfindungen,

welche zu mehr als 50 Patentanmeldungen

führten. Derzeit arbeitet er auf dem Gebiet der

Bioprozesstechnik von Proteinen, Plasmiden und

Viren. Er hat mehr als 340 Veröffentlichungen

und zwölf Buchbeiträge sowie eine Monografie

mit dem Titel „Protein Chromatography, Process

Development and Scale Up“ veröffentlicht.

BOKU Magazin 1 | 2022

37


Adobe Stock

Bispezifische Antikörper – BOKU Spin-off

F-star von der Muthgasse an die Nasdaq

Monoklonale Antikörper (monoclonal

antibody, mAb) wurden

1975 von Köhler und Milstein 1

erstmals publiziert und stellen heute

die wichtigste Klasse von biotechnologisch

hergestellten Medikamenten

dar. Die Hauptanwendungsgebiete sind

die Behandlung von Tumor- und Autoimmunerkrankungen.

Auch viele andere

Krankheiten, wie zum Beispiel Virusinfektionen,

können mit mAbs erfolgreich

behandelt werden. So wurden im

Jahr 2021 von FDA und EMA, den zuständigen

Zulassungsbehörden in den

USA und der EU, mehrere mAbs für die

Behandlung von Covid-19 zugelassen.

Antikörper haben eine zentrale Funktion

bei der Abwehr von Krankheiten. Molekularbiologische

Methoden ermöglichen

uns heute das gezielte Engineering,

also das Maßschneidern und Optimieren

der Eigenschaften von mAbs im Labor,

womit sich Gordana-Wozniak-Knopp

und Florian Rüker in ihrer Arbeitsgruppe

am Institut für Molekulare Biotechnologie

(Department für Biotechnologie)

seit vielen Jahren beschäftigen.

Die Erweiterung des Wirkungspotenzials

von Antikörpern ist von sehr großem

Interesse. Eine Strategie dabei ist es,

Antikörper zusätzlich zu ihrer eigenen,

„klassischen“ Antigenbindungsstelle

mit weiteren Antigenbindungsstellen

auszustatten, wodurch sogenannte bispezifische

mAbs, also mAbs, die an zwei

verschiedene Antigene binden können,

engineert werden (Abb. 1). Dazu hatten

die beiden Forscher*innen im Jahr 2004

eine Idee, die zur wissenschaftlichen und

technologischen Grundlage des BOKU

Spin-offs F-star wurde 2 .

Abb. 1A zeigt ein typisches Antikörpermolekül,

dessen zwei identische Antigenbindungsstellen

blau gefärbt sind. Ein

solcher Antikörper kann also an ein bestimmtes

Antigen binden, und dabei an

maximal zwei identische Bindungsstellen

gleichzeitig andocken. Am Beispiel eines

Virus könnte es sich dabei um ein Oberflächenprotein

(z. B. das Spike-Protein

von SARS-CoV-2) handeln.

Florian Rüker und Gordana Wozniak-

Knopp erkannten, dass es möglich ist,

zusätzliche Antigenbindungsstellen

in die konstante Region (grau in Abb.

1A) von Antikörpern zu engineeren. In

38 BOKU Magazin 1 | 2022


Abb. 1: Erklärung siehe Text; die Abbildung wurde mit PyMOL, Version 2.0 Schrödinger, LLC generiert. © Florian Rüker, 2022

Privat

Privat

Gordana-Wozniak-

Knopp

Florian Rüker

Abb. 1B ist das

Resultat eines

solchen Engineerings

dargestellt:

ein bispezifischer

Antikörper, den

wir als mAb2 bezeichnen

und der

zusätzlich zu den

„klassischen“ blau

dargestellten Antigenbindungsstellen

zwei weitere

grün dargestellte

Bindungsstellen

mit anderer Antigen-Spezifität

trägt. Da sich die

Domänen beliebig

kombinieren lassen, ergibt sich ein sehr

breites, modulares Anwendungspotenzial

unserer Technologie.

ERSTE BOKU-AUSGRÜNDUNG

Dieses „Modular Antibody Engineering“

wurde 2005 in Kooperation mit dem

BOKU-Forschungsservice/Technologietransfer

zum Patent angemeldet und

führte 2006 zur Gründung des BOKU

Spin-offs F-star durch Florian Rüker,

Gordana Wozniak-Knopp, Gottfried

Himmler und Geert Mudde. Da es damals

noch keine Gründungszentren oder Biotech-Inkubatoren

in Wien gab, in die das

Spin-off hätte einziehen können, gelang

es gemeinsam mit Forschungsservice

und Rektorat, eine Möglichkeit zu finden,

um in den ersten zwei Jahren nach

Gründung von F-star Laborplätze am

Department für Biotechnologie nutzen

zu können. Die BOKU und F-star schafften

es, durch die gute Zusammenarbeit

aller Beteiligten, trotz der zu diesem

Zeitpunkt noch geringen Erfahrung auf

dem Gebiet der Ausgründungen gute

vertragliche Regelungen abzuschließen.

Diese Verträge waren die ersten dieser

Art, die von der BOKU abgeschlossen

wurden und bereiteten die Basis für

weitere Spin-offs der BOKU und deren

Anbindung an und Unterstützung durch

die Universität.

Florian Rüker war in der Gründungsphase

in Abstimmung mit der BOKU auch

der Chief Scientific Officer von F-star,

widmete sich aber ab 2007 wieder ganz

seinen universitären Aufgaben. Durch

Förderungen von AWS, FFG und FWF

sowie durch die Etablierung von zwei

Christian Doppler Laboren (Leitung

Christian Obinger beziehungsweise Gordana

Wozniak-Knopp) konnten Gordana

Wozniak-Knopp und Florian Rüker die

wissenschaftliche Kooperation mit F-star

weiterführen.

INTERNATIONALE PATENTE

Zusätzlich zu wissenschaftlichen Publikationen

entstanden daraus vier international

erteilte Patente sowie vier weitere

Patentanmeldungen. Diese Patente

wurden, professionell unterstützt durch

das BOKU-Forschungsservice/Technologietransfer,

zur Verwertung an F-star

übertragen. Die Beratung und Unterstützung

bei BOKU-Ausgründungen

wurde kürzlich durch die Gründung von

BOKU:BASE ganz wesentlich erweitert

und wird sicherlich Kolleginnen und Kollegen

ermutigen, diesen interessanten

und herausfordernden Schritt zu unternehmen.

F-star wuchs in der Folge dynamisch

und übersiedelte bald in BOKU-externe

Labors in Wien. Bedingt durch strategische

Entscheidungen der Investoren

erfolgte im Jahr 2010 die Übersiedlung

nach Cambridge, UK, wo F-star heute

mehr als 100 Mitarbeiter*innen beschäftigt.

F-star hat derzeit drei bispezifische

Antikörper für die Krebsimmuntherapie

in den klinischen Phasen 1 bzw. 2 und

weitere bispezifische Antikörper in der

präklinischen Entwicklung und ist seit

November 2020 an der Nasdaq notiert

(FSTX). Das Unternehmen, eines der ersten

BOKU Spin-offs, hat damit ein weiteres

Kapitel zu seiner beeindruckenden

Erfolgsgeschichte hinzugefügt. •

1 Köhler G, Milstein C.; Nature. 1975 Aug

7;256(5517):495-7.

2 Wozniak-Knopp G, et al.; Protein Eng Des Sel.

2010 Apr;23(4):289-97.

Ao. Univ.-Prof. DI Dr. Florian Rüker und Dipl.-

Biol. in Dr. in Gordana Wozniak-Knopp forschen

beide am Institut für Molekulare Biotechnologie.

BOKU Magazin 1 | 2022

39


Evercyte – forever is just enough

Mithilfe unsterblicher Zellen können neue Medikamente getestet und die Gefährlichkeit

chemischer Substanzen abgeschätzt werden.

Von Regina und Johannnes Grillari

Adobe Stock

Humane Zellen

Evercyte GmbH ist ein 2011 aus

wissenschaftlichen Ergebnissen

der Arbeitsgruppen von Regina

und Johannes Grillari (Department

für Biotechnologie, BOKU

Wien) ausgegründetes Unternehmen mit

Sitz in Wien. Evercyte startete mit der

Idee, relevante und standardisierbare

humane Zellen herzustellen, um verbesserte

In-vitro-Systeme („im Reagenzglas“)

für Forschung und Entwicklung

für die pharmazeutische, kosmetische

und chemische Industrie zur Verfügung

zu stellen.

Durch Einbringen der katalytischen

Untereinheit des Enzyms Telomerase

(hTERT) ist es auch gelungen, menschliche

Zellen, die normalerweise eine kurze

Lebensspanne in Kultur aufweisen, zu immortalisieren

und sogenannte „telomerisierte“

Zellkulturen zu etablieren, die

in ihren Eigenschaften den korrespondierenden

Normalzellen des humanen

Organismus sehr ähnlich sind.

EIGENSCHAFTEN UNVERÄNDERT

Diese Technik der Herstellung unsterblicher

Zellen wurde von Regina Grillari

schon lange vor Gründung von Evercyte

als ein Mittel angewandt, die Seneszenz

(„Zellalterung“), ein Hauptthema der damaligen

Forschung an der BOKU, zu umgehen.

Die Immortalisierung, also Zellen,

die sich immer weiter teilen, verändert

die zentralen und normalen Eigenschaf-

ten der Zellen nicht, sie teilen sich nur

unbegrenzt. Diese Testsysteme, welche

die humane In-vivo-Situation („im lebendigem

Objekt“) äußerst gut abbilden,

spielen in der Präklinik oder der

Toxikologie eine entscheidende Rolle,

da sie im Sinne der „3R“ (replace ment,

reduction and refinement) von Tierversuchen

mittlerweile unerlässlich bei der

Entwicklung und Austestung von neuen

Medikamenten sind, aber auch zur Abschätzung

der Gefährlichkeit von chemischen

Substanzen.

Sowohl Kosten als auch Entwicklungszeiten

bis zur Markteinführung neuer

Medikamente können deutlich reduziert

werden, da eben humane Zellen verwen-

40 BOKU Magazin 1 | 2022


Evercyte

REGINA GRILLARI

Regina Grillari, Otto Kanzler und Johannes Grillari, die Co-Founder von Evercyte.

det werden und entsprechend Substanzen,

die im Tier wirken und nicht giftig, im

Menschen aber nicht wirken oder toxisch

sind, rechtzeitig ausgefiltert werden

können. Neben vielen universitären Einrichtungen,

Start-ups und Pharmafirmen

verwenden derzeit auch acht der zehn

größten Pharmafirmen Evercyte-Zellen

für genau diese Anwendungen.

Als weitere – und immer zentralere –

Bedeutung von Evercyte-Zellkulturen

stellt sich die Verwendung als Zellfabriken

für die Herstellung komplexer

Biopharmazeutika dar, wobei ein

Schwerpunkt auf der Produktion von

extrazellulären Vesikeln (EVs, Exosomen)

gelegt wurde. EVs werden von Zellen

sekretiert und scheinen, wie im Falle von

mesenchymalen Stammzellen, ein äußerst

hohes therapeutisches Potenzial

– zum Beispiel in der Geweberegeneration

sowie als Wirkstoff-Targeting-Vehikel

– zu haben. In der Tat wurden schon

Entwicklungsprojekte mit Boehringer

Ingelheim und MDimune gestartet.

Da Evercyte-Wissenschaftler*innen kumuliert

über 100 Jahre wissenschaftliche

Expertise im Bereich Primärzellkultur

und zellbasierte Assay-Entwicklung mitbringen,

hat Evercyte beschlossen, auch

als eine Contract Research Organisation

(CRO) Zellkulturen und präklinische

Testmethoden auf Kundenwunsch zu

schneidern. Ein weiterer Schwerpunkt

ist das Überprüfen von Arzneimittelkandidaten

auf Wirksamkeit oder Toxizität.

Dabei ist natürlich die Seneszenz auch

wieder ein Thema, da vor Kurzem gezeigt

wurde, dass die Eliminierung seneszenter

Zellen altersassoziierte Erkrankungen in

verschiedensten präklinischen Modellen

verbessern oder sogar stoppen kann –

und somit bietet Evercyte besonders

gerne Screenings auf Senolytika, Wirkstoffe,

die seneszente Zellen spezifisch

abtöten können, an.

Evercyte ist mittlerweile ein etabliertes

Unternehmen mit sieben wissenschaftlichen

Mitarbeiter*innen. Durch die

konsequente Strategie des „gesunden“

Wachstums konnte Evercyte selbst zum

Startpunkt für weitere Spin-offs wie zum

Beispiel die TAmiRNA GmbH und die

Phoenestra GmbH werden. So erfüllt

Evercyte nicht nur die Hoffnung, wissenschaftliche

Ergebnisse aktiv umzusetzen,

vielmehr stärkt sie auch den Wirtschaftsstandort.

Mit der BOKU verbindet Evercyte nicht

nur ihre Entstehung und ihre technologische

Basis, die Nähe zur Alma Mater

Viridis spiegelt sich auch in der Rolle der

Forschenden als Mentor*innen und Vortragende

für potenzielle Gründer*innen

wider.


Interview Seite 42

COO/CSO und Co-Founder

bei Evercyte; Co-Founder und

Scientific advisor von TAmiRNA

und Phoenestra. Grillari war von

2008 bis 2018 Assoziierte

Professorin für Zellbiologie am

Department für Biotechnologie

der BOKU. Sie ist Absolventin der

Lebensmittel- und Biotechnologie.

Besonders hervorzuheben ist ihre

Beteiligung bei der Entwicklung

einer Methode, die es ermöglicht,

Zellen aus Urin in induzierte pluripotente

Stammzellen rückzuprogrammieren

und Urin als Ausgangsmaterial

für neuartige zellbasierte

Therapien zu nutzen.

Regina Grillari ist Autorin und

Koautorin von mehr als 70 wissenschaftlichen

Publikationen und

Miterfinderin bei sechs Erfindungen

an der BOKU, die zu 59 Patentanmeldungen

geführt haben.

JOHANNES GRILLARI

Co-Founder und Scientific Advisor

bei Evercyte, TAmiRNA GmbH,

Phoenestra GmbH und Rockfish

Bio GmbH. Er ist Außerordentlicher

Professor am Department

für Biotechnologie der BOKU und

leitet seit 2019 das Ludwig Boltzmann

Institut für Traumatologie. Das

Forschungszentrum in Kooperation

mit AUVA.

Johannes Grillari hat einen Abschluss

in Biotechnologie. Er hat

2013 das Christian-Doppler Laboratorium

für Biotechnologie der Hautalterung

ins Leben gerufen.

Er hat mehr als 180 wissenschaftliche

Artikel veröffentlicht und war

bei zwölf Erfindungen an der BOKU

Miterfinder, die zu 88 Patentanmeldungen

geführt haben.

BOKU Magazin 1 | 2022

41


„Ein Patent ist nichts Anrüchiges“

Regina und Johannes Grillari, über ihr wissenschaftliches Umfeld, ihre Motivation, ein Spin-off

zu gründen und welche Voraussetzungen es an der BOKU braucht, um Gründungen zu fördern.

Interview: Michaela Amstötter-Visotschnig

Privat

Was waren Ihre Beweggründe, neben Spitzenforschung

auch erfolgreiche Gründer*innen

zu werden?

Regina Grillari: Wir konnten uns in einem

Umfeld an der Universität entwickeln, in

dem die Verwertung immer mit im Zentrum

gestanden ist. Der Wunsch, die Dinge

dann auch selbst umzusetzen, ist schon

lange da gewesen. Die Translation und

die Entwicklung der Projekte waren die

größte Motivation für die spätere Gründung.

Dieses Umfeld hat mich sehr stark

geprägt.

War dadurch das Ziel der Forschung oftmals

schon zu Beginn klar?

Regina Grillari: Ja, es war wirklich von Beginn

an klar. Durch die Art der Forschung,

oft auch die Kooperationen mit Firmen,

war die Verwertung immer ein wichtiger

Teil. Selbst bei meiner Masterarbeit am

AKH war mein gewähltes Thema nahe

am Patienten. Dies hat mich fasziniert

und ich wollte einen Beitrag leisten, um

Menschen zu helfen.

Johannes Grillari: Für mich ist es sehr

ähnlich. Meine „wissenschaftliche Sozialisierung“

am Institut war in einem Umfeld,

das von Hermann Katinger, einem Pionier

der Biotechnologie, stark geprägt wurde.

Die Fragen: „Wem hilft das Ergebnis,

wer kann es brauchen, was machen wir

damit?“ wurden oft gestellt und haben

mich begleitet. Dies ist eine Denkart, die

er damals jedem mitgegeben hat. Trotz

der Grundlagenforschungsaktivitäten war

der Wunsch, selbst etwas zu gründen, früh

da. Doch es dauerte, bis der Wunsch mit

der Realität der Ergebnisse zusammengepasst

hat.

Welche waren die größten Schwierigkeiten,

denen Sie auf dem Weg zur eigenen Firma

begegnet sind?

Regina Grillari: Die Transformation aus

dem wissenschaftlichen Labor auf Industriestandards

war die erste Hürde. Es kom-

42 BOKU Magazin 1 | 2022


Adobe Stock

men völlig neue Themen, wie zum Beispiel

Qualitätskontrolle, dazu. Man muss sich

mit Kund*innen, Marketing, Verträgen

etc. auseinandersetzen. Dies ist eine große

Herausforderung. Wichtig ist auch, die

Bereiche, die man nicht selbst abdecken

kann, durch gute starke Partner*innen

zu ergänzen. Durch unseren Mitgründer

Otto Kanzler, der die wirtschaftliche Expertise

einbringt, können wir uns auf die

wissenschaftlichen Aspekte, die weitere

Entwicklung etc. konzentrieren.

Johannes Grillari: Und natürlich muss

man sich dann auch trauen.

Braucht es aus Ihrer Sicht ein gutes Team,

um eine Gründung erfolgreich zu machen?

Regina Grillari: Ja, ein gutes Team ist

essenziell.

Johannes Grillari: Oder man heiratet

gleich das Team (lacht).

Regina Grillari: Es braucht aus meiner

Sicht auch eine gewisse Naivität und ein

Urvertrauen, um einen solchen Schritt

zu gehen. Im Nachhinein war es vielleicht

manchmal ganz gut, nicht gewusst zu

haben, worauf man sich einlässt.

Regina, noch immer sind deutlich weniger

Frauen in Führungspositionen als Männer.

Welche Gründe sehen Sie dafür?

Regina Grillari: Diese Frage wird oft gestellt.

Vielleicht trauen sich Frauen eine

solche Position oft nicht zu und denken

zu viel darüber nach, was alles schief gehen

kann. Ich plane auch sehr gerne. Bei

einer Gründung kann man aber nicht alles

vorher planen. Aus meiner Sicht braucht

es die richtigen Partner*innen, unabhängig

vom Geschlecht, um eine Gründung

umzusetzen. Meine Motivation bei Evercyte

ist ungebrochen. Meine Aufgaben

sind immer neu und spannend. In erster

Linie bin ich nach wie vor Forscherin. Die

Kombination aus eigener Umsetzung und

Forschung ist für mich ideal.

Johannes Grillari: Regina ist COO und

CSO von Evercyte, vollkommen zurecht

und sehr erfolgreich. Eine solche Position

sollte immer nur mit Können zu tun haben.

Was wir aus der Altersforschung ableiten

können: Frauen haben eine leicht

längere mittlere Lebenserwartung. Man

hat bisher keinen echten biologischen

Grund dafür gefunden. Es gibt eine Interpretation

dazu, dass es an der höheren

Risikobereitschaft von Männern liegt.

Was braucht es an der BOKU, um Innovationen

umzusetzen?

Johannes Grillari: Das startet schon mit

der Ausbildung. Awareness bereits früh

im Studium; zum Beispiel die Lehrveranstaltungen

Garage (eine gemeinsame

Lehrveranstaltung mit TU Wien und

WU Wien) sind tolle Gelegenheiten, das

Thema zu beginnen. Auf wissenschaftlicher

Ebene braucht es ein Verständnis,

dass Patente helfen, die notwendigen

großen Investitionen in die Entwicklung

von wissenschaftlichen Ergebnissen in

am Markt erhältliche Produkte zu verwandeln,

indem sie vor Nachahmung

schützen. Keine Firma der Welt würde

sonst in solche Produktentwicklungen

investieren, ihre Investitionen würden

nicht mehr zurückkommen. Und: Patente

behindern die Grundlagenforschung ja in

keinster Weise. Vor dem Publizieren sollte

also immer die Frage nach dem sinnvollen

Umgang mit geistigem Eigentum gestellt

werden. Ein Patent ist nichts Anrüchiges.

Die BOKU hat eine Tradition und Expertise

bei der Unterstützung von Ausgründungen

und der Verwertung von

Patenten. Die BOKU:BASE ist ein weiterer

wichtiger Schritt, um den Standort

und die Forscher*innen auch optimal bei

einer Ausgründung zu unterstützen. Es

braucht ein flexibles Konzept, das von

der Idee bis zu Laborflächen den ganzen

Prozess unterstützt. Die Core Facilities

sind für viele junge Firmen essenziell. Die

Lösung, hier von der Ausbildung bis zur

Infrastruktur zu unterstützen, ist ein ausgesprochen

passendes Konzept, welches

die BOKU gerade umsetzt.

Welches Mindset sollte jungen Kolleg*innen

an der BOKU mitgegeben werden?

Regina Grillari: Man muss es mögen, etwas

aufzubauen und selbst umzusetzen.

Dies sollte früh erkannt und junge Forscher*innen

sollten unterstützt werden,

ihren Weg zu gehen. Und Mut kann man

nicht kaufen!


BOKU Magazin 1 | 2022

43


Agrobiogel

Agrobiogel: BOKU actively responding

to challenges facing humanity

The first 100 % wood-based hydrogel acts as small water and nutrient

reservoir right at the roots of the plants. By Gibson S. Nyanhongo

AGROBIOGEL GMBH

Agrobiogel GmbH is a BOKU spin-off

company founded in February 2021,

producing agricultural products that

increase soil water holding capacity,

enable efficient delivery of nutrients

to plants and increase soil fertility. The

company is based on a technology developed

by co-inventors Gibson S. Nyanhongo,

Georg Gübitz, Sabrina Bischof

and Andreas Ortner from the Institute

of Environmental Biotechnology. This

technology typifies the drive and pivotal

role BOKU is playing in advancing

and exploiting science for the benefit

of mankind.

AGROBIOGEL TECHNOLOGY

Agrobiogel (ABG) is the first 100 %

wood-based hydrogel. Hydrogels, also

known as water superabsorbents polymers,

are polymeric materials able to

absorb and store huge amounts of water.

When applied to the soil, ABG acts as

small water and nutrient reservoir right

at the roots of the plants. Based on these

properties, the major aim of Agrobiogel

GmbH is to help farmers/plant/forest

growers in both rural and urban centers

save irrigation water and protect plants/

crops from droughts. ABG will help them

overcome challenges caused by increasing

erratic rainfall patterns and droughts.

For example, increasing erratic rainfall

patterns and droughts have resulted in

21 % wheat and 40 % maize reduction

between 1980 to 2015 in Europe while

other parts of the world had devastating

consequences on food security,

44 BOKU Magazin 1 | 2022


Keith Nyanhongo

Ready agrobiogel

forests, animals and land degradation.

ABG’s ability to absorb and store huge

amounts of water (1g absorbs 2,000 %

water its weight in 30 minutes) during

raining periods and slowly releasing it

to the plants days long after the rains

have stopped, enables plants to survive

drought periods. This will go a long way

in improving the yields of farmers occupying

>80 % of world‘s rain fed cropland

contributing >60 % of the world‘s cereal

grains. Irrigation is currently using nearly

70 % of all freshwaters drawn from rivers,

lakes, and underground. This makes the

need for solutions for farmers or plants

lovers to improve water usage efficiency.

ABG alone or in combination with other

technologies such as drip-irrigation or

sprinklers will allow water savings up to

40 % and respective reduction of energy

and carbon emissions.

In addition, as wood-based product, AGB

mimics and ultimately degrades into humus,

and therefore has remarkable ability

to trap important plant cation nutrients

such as calcium, magnesium, potassium,

ammonium, manganese, zinc, iron.

Its slow degradation confers (only lost

11 % its water holding capacity in three

years) with many unique additional benefits

namely; (1) improving soil fertility

(converting agriculture nonproductive

soils into productive soils including degraded

and 100 % sand soils), (2) trapping

and acting as storage and slow delivery

fertilizer system thereby preventing

its leaching into the environment and

causing pollution, (3) trapping nitrogen-based

fertilizers thereby reducing

green-house gas emissions such as nitric

oxide. ABG will help reverse current

losses of agriculture productive

Keith Nyanhongo

soils. For example, from 2000–2013,

drought and desertification have resulted

in the loss of 12 million hectares agriculture

land and forced 10% of household

migration away from the intensely

drought-stricken areas over a three-year

period (2006–2008) while in Africa it

is affecting 70 % of the population who

are smallholder farmers. This has led to

increased food insecurity and increased

poverty. ABG also makes it possible to

grow plants in 100% sand soils, growing

forests in semi-arid, arid and desert

parts of the world.

SHORT JOURNEY OF AGROBIOGEL

Following the discovery, the lead inventor

Gibson S. Nyanhongo approached

BOKU’s technology transfer office

(TTO), namely in-house expert Michaela

Amstötter-Visotschnig for support

with patenting the technology and exploring

the possibility of starting a spinoff

company based

on the invention.

BOKU TTO happily

took over the

role of mentor in

providing strategic

assistance – one of

which was explaining

the different

Gibson S. Nyanhongo

routes inventors

could take. In addition, the TTO enrolled

Gibson Nyanhongo into the FFG entrepreneur

training program. This was one

of the most crucial steps which reinforced

the inventor’s conviction to start

a company. Even more interesting was

the introduction to the NÖ Technology

Park in Tulln and Lower Austria’s technology

incubator Accent. The experts on

site, Julia Uhlik and Michael Moll immediately

incorporateed Agrobiogel into

their program. In addition and with the

help of Accent, Agrobiogel was able to

apply for AWS pre-seed financing. As

from June 2021, plans for industrial production

were laid and luckily Agrobiogel’s

application for the AWS seed funding

was approved in December 2021. At

the same time Agrobiogel applied for

the competitive EU funding scheme EIC

accelerator and was awarded 3.4 million

Euro to establish their industrial production

plant while expanding globally.

»

In den vergangenen Jahrzehnten ist

es dank der starken Partner*innen am

Campus Tulln Technopol gelungen, Tulln

als hochwertiges, international renommiertes

Biotech-Zentrum zu etablieren.

Das war gleich aus mehreren Gründen

unser erklärtes Ziel: Wir wollten zukunftsträchtige

Ausbildungsmöglichkeiten

und Arbeitsplätze schaffen

und nicht zuletzt den Standort für die

Entwicklung grüner, smarter und zukunftsweisender

Technologien bieten,

die von Tulln aus um die Welt gehen.

Das Erfolgsgeheimnis ist aus meiner

Sicht die gelungene Kombination aus

Wissenschaft und Wirtschaft und die

großartige Zusammenarbeit der hochqualifizierten

Einrichtungen des Campus

Tulln. Bei uns fallen zukunftsweisende

Ideen auf einen fruchtbaren Boden.

Peter Eisenschenk

Bürgermeister von Tulln

By January 2022 – that is one year after

its formation – Agrobiogel started

its industrial production with a capacity

of 1,000 tons per year. This is a remarkable

achievement in a very short

amount of time – thanks to the support

system offered by BOKU Technology

Transfer Office, mentorship, financial

and infrastructure support provided by

Accent, AWS and ACIB. It is extremely

important to note that the interaction

between these organizations have been

very instrumental in moving Agrobiogel

to where it stand now.


PD Dr. Gibson Stephen Nyanhongo is researcher

at the Institute of Environmental Biotechnology.

Stadtgemeinde Tulln

BOKU Magazin 1 | 2022

45


Preisverleihungen der BOKU im

Bereich Innovation & Entrepreneurship

Wussten Sie, dass die BOKU für herausragende Leistungen von BOKU-Erfinder*innen und

-Gründer*innen eigene Auszeichnungen verleiht?

Von Nicole Hochrainer

Nach einer Vorauswahl durch den

Technologietransfer ermittelt

eine Fachjury, bestehend aus

Vizerektor Christian Obinger, Vizerektorin

Nora Sikora-Wentenschuh, Daniela

Kopriva-Urbas (Bundesministerium für

Bildung, Wissenschaft und Forschung),

Barbara-Annette Zahnt (BOKU Universitätsrat)

und Ursula Hunger (Österreichisches

Patentamt), die Preisträger*innen.

Welche Leistungen sollen hier konkret

vor den Vorhang geholt werden?

BOKU ERFINDUNG DES JAHRES

Mit der Verleihung des Preises BOKU

Erfindung des Jahres werden die Idee

und der innovative Charakter einer Erfindung

ausgezeichnet – und vor allem

die herausragendste Forschungsleistung

im Bereich schutzfähiger Innovationen

gewürdigt. Es bedarf keiner Einreichung.

Alle im Technologietransfer vollständig

eingegangenen Erfindungsmeldungen

nehmen automatisch an der Preisfindung

teil. Als Basis dienen dabei die Erfindungsmeldungen

der letzten drei Jahre.

Das Gewinner*innen-Team erhält einen

Geldpreis in der Höhe von 3.000 Euro.

Die herausragendsten Leistungen der

vergangenen Jahre kamen dabei aus ganz

unterschiedlichen Disziplinen.

CARBOFEED

2019 konnten die Erfinder*innen Diethard

Mattanovich, Brigitte Gasser, Michael

Sauer und Thomas Gaßler vom

Department für Biotechnologie die Jury

mit der Technologie „CarboFeed“ überzeugen.

In diesem Projekt wurde eine

Methode entwickelt, die es ermöglicht,

CO 2

mithilfe einer neuartigen Hefe zu

einem Tierfutterzusatz zu verarbeiten.

Damit soll CO 2

als Rohstoffquelle nachhaltig

nutzbar gemacht werden und hat

den zusätzlichen umweltfreundlichen Effekt,

dass keine weiteren landwirtschaftlichen

Flächen zur Tierfutterproduktion

gebraucht werden.

LIPOCALIN-SWITCH

Der Preis ging 2020 an die Erfinder*innen

Michael Traxlmayr und Charlotte

Zajc vom Department für Chemie mit

der Technologie „Lipocalin-Switch“. Die

Erfindung ist das Ergebnis exzellenter

wissenschaftlicher Forschung in Kooperation

mit der St. Anna Kinderkrebsforschung.

Sie zeichnet sich besonders

durch die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten

aus, die eine wirtschaftliche

Verwertung in vielen Bereichen möglich

macht. Mithilfe dieser Erfindung wird

die Sicherheit und Tumorspezifität der

CAR-T-Zelltherapie weiterentwickelt,

sodass wirksamere Therapien in die breite

klinische Anwendung gebracht und

weltweit neue entscheidende Impulse

für die Krebstherapie ermöglicht werden

können.

AGROBIOGEL

2021 überzeugten Gibson Nyanhongo,

Georg Gübitz, Sabrina Bischof und Andreas

Ortner vom Department für Agrarbiotechnologie

die Jury mit ihrer Erfindung

„Agrobiogel“. Diese Innovation

ist ein völlig neuartiges Gel auf Holzbasis,

welches dem Boden wie Dünger zugeführt

wird und Wasser speichert, das in

Trockenperioden wieder langsam an die

Pflanzen abgegeben wird. Das Produkt

baut sich im Verlauf von Jahren vollständig

zu Humus ab und verbessert dadurch

auch insgesamt die Bodenstruktur. Die

Technologie wurde an das BOKU Spin-off

Agrobiogel GmbH lizensiert.

BOKU ERFINDERIN DES JAHRES

Für den Preis BOKU Erfinderin des Jahres

werden weibliche Erfinder vor den

Vorhang geholt, um anderen Wissenschaftlerinnen

als Inspiration und Role

Model zu dienen, denn noch immer sind

Frauen an Erfindungen unterdurchschnittlich

häufig beteiligt. Ihr Einsatz

und ihre Vorbildwirkung wird, neben einem

Geldpreis, mit einem persönlichen

Video ausgezeichnet.

Das Team des Technologietransfers

screent dazu alle vollständig eingegangenen

Erfindungsmeldungen der vergangenen

drei Jahre. Weibliche Erfinder mit

einem Erfindungsanteil von 30 Prozent

und mehr werden der Jury vorgestellt.

Die Leistungen der letztjährigen Preisträgerinnen

zeigen auf anschauliche Weise

den geballten Forscherinnengeist an

der BOKU:

2019 ging der Preis ex aequo an Herta

Steinkellner, Brigitte Gasser und Reingard

Grabherr.

Herta Steinkellner ist ein Vorbild für junge

Forscherinnen und zeigt, dass es auch als

Forscherin eines kleinen Landes möglich

ist, große Probleme zu lösen. Sie setzt sich

besonders aktiv dafür ein, Frauen in der

Forschung sichtbarer zu machen.

Reingard Grabherr vereint außergewöhnliche

wissenschaftliche Leistungen

mit einem bemerkenswerten Gespür für

die Anwendbarkeit in der Wirtschaft.

Beispiele dafür sind ihre Erfahrung als

Leiterin eines Christian Doppler Labors

und ihre Rolle im Advisory Board des

BOKU Spin-offs enGenes GmbH.

Brigitte Gasser ist ein Vorbild für junge

Wissenschaftlerinnen. Ihre bisherigen

Forschungsleistungen spiegeln sich unter

anderem in ihrer außergewöhnlich

hohen Anzahl an Patentanmeldungen

und Erfindungen wider.

2020 erhielt Gordana Wozniak-Knopp

die Auszeichnung.

46 BOKU Magazin 1 | 2022


Fotos: BOKU

Links: IFA Tulln, 25-Jahr-Feier Erfinderinnen. V. li. Herta Steinkellner,

Christian Obinger, Reingard Grabherr, Brigitte Gasser.

Oben: V. li. Charlotte Zajc, Christian Obinger, Michael Traxlmayr

BOKU/Christoph Gruber

Gordana Wozniak-Knopp konnte die Jury

überzeugen, da sie nicht nur an außergewöhnlich

vielen Erfindungen und Patenten

beteiligt ist, sondern hier auch

noch mit einem hohen Erfindungsanteil

beeindruckte. Die Forscherin war auch

maßgeblich am Spin-off F-star Biotechnology

Ltd. beteiligt, das eines der erfolgreichsten

Ausgründungen der BOKU

darstellt.

2021 konnte Raphaela Hellmayr die Jury

überzeugen.

Raphaela Hellmayrs Engagement im

Bereich Umwelt und Ressourcen trifft

den Zeitgeist und entspricht den BOKU-

Werten, sodass sich Raphaela Hellmayr

perfekt als Role Model für angehende

Studierende eignet.

BOKU START-UP DES JAHRES

Auch die Innovationskraft von Gründer*innen

soll aufgezeigt werden:

Der BOKU Start-up Preis ist mit 3000

Euro dotiert und wird jährlich an Startups

mit BOKU-Bezug verliehen. Ausgezeichnet

wird die beste Start-up-Idee,

die zu einer Gründung führte. Junge

Unternehmen, deren Gründung nicht

länger als fünf Jahre zurück liegt, können

sich auf den ausgeschriebenen Preis bewerben.

Dabei zeigt sich, dass die Jungunternehmer*innen

einen wesentlichen Beitrag

zum Umgang mit den Herausforderungen

unserer Zeit liefern, wie die Preisträger*innen

der vergangenen Jahre

eindrucksvoll zeigen:

VIENNA TEXTILE LAB

2019 wurde das Start-up Vienna Textile

Lab gewählt. Das Wiener Start-up

erzeugt aus Bakterien natürliche Farbstoffe

zum Färben von Textilien. Diese

sind, im Vergleich zu synthetischen Farbstoffen,

bei Weitem umweltfreundlicher,

sowohl in der Herstellung als auch in der

Färbung selbst.

ORGANIC TOOLS

Das Start-up Organic Tools GmbH mit

der Obstraupe wurde zum BOKU Startup

2020 gewählt. Die Organic Tools

GmbH entwickelt und vertreibt smarte

Werkzeuge für Bewirtschafter*innen von

Agroforstsystemen. Durch eine einfache

und smarte Technologie hilft die Obstraupe

dabei, die wirtschaftliche Rentabilität

von Streuobstwiesen – als traditionelle

Agroforstsysteme – zu erhöhen

und so gleichzeitig ökologisch wertvolle

Lebensräume nachhaltig zu erhalten.

NOURIVIT TECHNOLOGIES

Der BOKU Start-up Preis 2021 ging an

die Nourivit Technologies GmbH. Die

Nourivit Technologies GmbH bietet

eine einfach zu handhabende, nachhaltige

und erschwingliche Alternative zu

Agro chemikalien. Das BOKU Spin-off

hat ein Produktportfolio entwickelt, das

auf leistungsstarken Mikroben (Bakterien

und Hefen) und nährstoffreichem

Kalzium basiert. Diese natürlichen,

mikrobiellen Biostimulanzien ermöglichen

Landwirt*innen und den mit ihnen

verbundenen Händler*innen, konstante

Erträge zu erzielen und gleichzeitig die

Verwendung von synthetischen Düngemitteln,

Fungiziden und auch Antibiotika

zu reduzieren.


ANMELDUNG

Die Ausschreibung für

den BOKU Start-up Preis

2022 ist bis

30. August geöffnet!

Nicole Hochrainer ist Mitarbeiterin im Technologietransfer

der BOKU.

BOKU Magazin 1 | 2022

47


Partner*innen und Kooperationen der BOKU

im Bereich Innovation und Entrepreneurship

Von Lisa-Ariadne Schmidt

acib – Austrian Centre of Industrial Biotechnology

ist ein internationales Kompetenzzentrum

für industrielle Biotechnologie,

das umweltfreundliche, wirtschaftlich

und technisch fortschrittliche Prozesse

für die Industrie entwickelt. Auf Grundlage

von Methoden und Werkzeugen der

Natur entstehen neue, verbesserte Anwendungen

und Produkte. acib versteht

sich als wesentliches Bindeglied zwischen

Forschung und Industrie und bildet ein

Netzwerk aus etwa 200 Partner*innen.

Auch die BOKU zählt zu den 18 Partner-

Universitäten – diese erfolgreiche Kooperation

hat bislang zu 40 gemeldeten

Erfindungen geführt, aus denen 22 Patentanmeldungen

hervorgingen.

Wood K plus – Kompetenzzentrum Holz

ist eine führende Forschungseinrichtung

für Holz und nachwachsende Rohstoffe

in Europa. Die Kernkompetenzen liegen

in der Materialforschung und Prozesstechnologie

entlang der gesamten

Wertschöpfungskette – von den Rohmaterialien

bis zum fertigen Produkt.

Die „Mission 2030“ sieht vor, Forschung

an nachhaltigen Materialien, Prozessen

und Technologien für industrielle Anwendungen

und Produkte aus nachwachsenden

Rohstoffen voranzutreiben. Dabei

werden Methoden und Grundlagen

erarbeitet, um ressourcenschonendes

Wirtschaften in der kreislaufgeführten

Bioökonomie zu ermöglichen. Die Kooperation

mit der BOKU hat bislang zu

15 gemeinsamen Erfindungen geführt.

FFoQSI – Austrian Competence Centre

for Feed and Food Quality, Safety

and Innovation sieht nachhaltige Verbesserungen

der Wertschöpfungsketten

pflanzlicher Futter- und Lebensmittel

sowie tierischer Lebensmittel im Mittelpunkt

seiner Forschung. Das Ziel ist,

die heimische Futter- und Lebensmittelproduktion

sicherer und nachhaltiger

zu machen und technologische Innovationen

zu fördern. Das betrifft auch

Produktionswege und -systeme, die für

den Gewinn und die Verarbeitung von

Lebensmitteln notwendig sind. Dies beginnt

mit dem Pflanzenanbau und reicht

über die Verarbeitung bis hin zur Verpackung

der Futter- und Lebensmittel.

aws – Austria Wirtschaftsservice ist

die 2002 gegründete Förderbank des

Bundes und ermöglicht durch gezielte

Förderungen Forschungs- und Kooperationsprojekte

sowie Gründungen und Patentverfahren.

Sie berät und unterstützt

zum Schutz und zur Verwertung von Erfindungen.

Für angehende Unternehmen

bietet die aws spezifische Informationsund

Serviceleistungen an, um diese von

der ersten Idee bis hin zum internationalen

Markterfolg bei der Umsetzung

innovativer Projekte zu unterstützen.

tecnet equity ist die Technologiefinanzierungsgesellschaft

des Landes

Niederösterreich und somit die erste

An sprechpartnerin für dort ansässige,

innovationsfreudige Forschungseinrich-

48 BOKU Magazin 1 | 2022


oberösterreich

linz

Niederösterreich

sankt

polten

Tulln

Wien

Wiener Neustadt

eisenstadt

BOKU /Grafik: BOKU Technologietransfer

salzburg

bregens

vorarlberg

tirol

innsbruck

tirol

salzburg

Kärnten

klagenfurt

steiermark

graz

burgenland

tungen. Über die Venture Capital Fonds

finanziert sie Unternehmensgründungen

und hilft bei der Entwicklung von Business

Ideen, Technologien und Innovationen.

w4i – Wings4innovation ist die österreichische

Tochter des KHAN-I-Fonds,

um nationale Grundlagenforschung bei

der Weiterentwicklung von Wirkstoffforschungsprojekten

professionell zu

unterstützen. w4i evaluiert Projektideen

und schlägt diese KHAN-I zur Finanzierung

vor. In den finanzierten Projekten

koordiniert der Fonds Arbeitspakete und

die Einbindung akademischer Projektgeber*innen.

Zudem wird akademischen

Partner*innen im Rahmen des „Scoutings“

geeigneter Projekte generelle

Beratung angeboten, als Translationsmöglichkeit

ihrer Ergebnisse sowie zu

Themen industrieller Arzneimittelforschung

und -entwicklung.

INiTS Universitäres Gründerservice Wien

ist der Wiener Business-Inkubator für innovative

forschungs- und technologiebasierte

Start-ups. Es unterstützt akademische

Einrichtungen bei Ausgründungen

und entwickelt Spin-offs. Unternehmen

wiederrum wird geholfen, sich mit Startups

auf dem Weg zum Erfolg zu vernetzen,

sodass beide Seiten profitieren.

accent ist der Hightech-Inkubator des

Landes Niederösterreich, dessen Ziel es

ist, hochinnovative Start-ups auf ihrem

Weg erfolgreich zu begleiten. Dabei sollen

technologische Entwicklungen nachhaltig

und wirtschaftlich umgesetzt werden.

Neben der finanziellen Unterstützung erhalten

Gründer*innen auch ein intensives

Coaching ausgewählter Expert*innen zu

relevanten Themen, wie beispielsweise

Marketing und Sales, Gesellschaftsrecht

und dem Umgang mit Investor*innen.

WTZ – Wissenstransferzentren leisten

einen Beitrag zur Intensivierung des

Wissenstransfers von der Wissenschaft

in die Wirtschaft und Gesellschaft. Dabei

wurden von den österreichischen

Universitäten und Fachhochschulen

drei regionale Wissenstransferzentren

geschaffen. Seit 2013 ermöglicht das

aws „Impulsprogramm“ den WTZs, den

Umgang mit geistigem Eigentum durch

Kooperationsprojekte zu optimieren und

weiter auszubauen. Vernetzungsmaßnahmen

zwischen Industrie und Wirtschaft

sollen gezielt den Informationsaustausch

verbessern, um schnelleren

Zugang zu neuen Erkenntnissen, Technologien

und Know-how zu gewährleisten.

ECN – Entrepreneurship Center Network

wurde 2012 auf Initiative des Instituts

für Entrepreneurship und Innovation

der WU Wien ins Leben gerufen, um die

universitätsübergreifende Vernetzung

zu diesem Thema zu fördern. Die mittlerweile

österreichweit teilnehmenden

Fachhochschulen und Universitäten tauschen

regelmäßig Erfahrungen zu Entrepreneurship-Aktivitäten

aus. Die BOKU

beteiligt sich sehr aktiv im ECN und

fördert Gründungsinteressierte durch

Vernetzung und Veranstaltungen. •

BOKU Magazin 1 | 2022

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Allem Anfang wohnt ein Zauber inne

Die BOKU:BASE unterstützt BOKU-Gründer*innen auf ihrem Weg

von der Idee zum marktreifen Produkt.

Von Doris Schmidt und Michaela Amstötter-Visotschnig

BOKU:BASE/Astrid Bartl

Junge dynamische Unternehmen, ob

Start-ups oder Spin-offs, sind die

Hoffnung, einen entscheidenden

Impuls für eine nachhaltige Entwicklung

zu leisten. Gerade im Biotech- und Life-

Sciences-Umfeld haben Unternehmen

am Beginn große Herausforderungen

zu bewältigen. Der Prozess von der Idee

zum ersten Produkt auf dem Markt ist

lange, der Weg kostenintensiv, von Rückschlägen

geplagt und am Ende nicht immer

erfolgreich.

Ein besonderes Problem ist die Verfügbarkeit

von leistbaren Laborflächen und

der Zugang zu wichtigen Core Facilities

mit teuren Spezial- und Großgeräten.

Während es für IT-Start-ups ein vielfältiges

Angebot an Kleinbüros, Co-Working-Spaces

und Inkubatoren gibt, sieht

die Situation für Biotech-Gründungen

eher schlecht aus. Die Nähe zu Universitäten

und Forschungszentren bietet sich

hier besonders an. Derzeit übersteigt die

Nachfrage nach solchen Flächen jedoch

das Angebot gravierend.

ZUGANG ZU

FORSCHUNGSINFRASTRUKTUR

An der BOKU ist mit der Umsetzung

der BOKU:BASE (BOKU ACTIVITIES

SUPPORTING ENTREPRENEURSHIP)

ein wichtiger Schritt zur Verbesserung

der aktuellen Situation gelungen. In den

BOKU:BASE Labs finden die jungen

Unternehmen, Spin-offs wie Start-ups,

neben passenden Laborflächen auch

den wichtigen Zugang zu spezieller

Forschungsinfrastruktur. Als Universität

kommt die BOKU auch hier ihrem

Bildungsauftrag durch das Angebot

an wichtigen Kursen unter anderem in

Erster Hilfe und Arbeitsrecht nach. Die

Unternehmen werden in regelmäßigen

Treffen über aktuelle Themen informiert

und angeregt, durch den gegenseitigen

Austausch voneinander zu lernen. In

dieser heiklen ersten Startphase, auch

„Tal des Todes“ genannt, müssen speziell

Wissenschaftler*innen sehr viel Neues

lernen und haben täglich mit neuen Herausforderungen

zu tun. Durch die Betreuung

der Spin-offs durch das Team

der BOKU:BASE und das Umfeld, das

die BOKU:BASE Labs bieten, werden die

Gründer*innen dabei optimal unterstützt.

Derzeit finden elf Unternehmen an der

BOKU Platz und es ist sogar ein erster

Generationswechsel zu spüren. Erfolgreiche

Unternehmen wie die DirectSens

GmbH haben die BASE Labs als Sprungbrett

genutzt, um jetzt komplett auf

eigenen Beinen zu stehen. Junge BOKU

Spin-offs wie die Rockfish Bio AG starten

gerade erst durch. Gründungen aus Forschungsförderung

wie dem FFG-Spin-off

Fellowship oder einem Research Studios

Austria wie zum Beispiel die Novasign

50 BOKU Magazin 1 | 2022


DirectSens ist ein Unternehmen, das

sich der Entwicklung von Biosensoren

widmet, die auf der Enzymtechnologie

der nächsten Generation basieren.

Getrieben wurde das Gründerteam

von dem Interesse, Ergebnisse

und Know-how aus ihrer bisherigen

Karriere als Wissenschaftler*innen

in Produkte umzusetzen. In den vergangenen

zehn Jahren hat das mittlerweile

auf ~20 Mitarbeiter*innen

angewachsene Team die Technologieplattform

entwickelt und verfeinert,

die in verschiedenen Produkten zum

Einsatz kommt, die Kund*innen bei der

Lösung ihrer spezifischen analytischen

Herausforderungen unterstützen.

GmbH können ihre Entwicklung weiter

beforschen.

WORKING SPACES

So vielfältig wie die BOKU sind auch die

dort entstehenden Gründungsideen.

Das Angebot der BOKU:BASE richtet

sich an alle Studierenden, Wissenschaftler*innen

und Mitarbeiter*innen. Um

diesen motivierten Menschen Raum für

die Entwicklung und Umsetzung ihrer

Ideen zu geben, hat die BOKU zum Beispiel

im Ilse-Wallentin-Haus Co-Working-Spaces

geschaffen. Das Angebot

an der BOKU wird kontinuierlich an allen

Standorten weiterentwickelt, um der

Verantwortung als Impulsgeberin für

Nachhaltigkeit und Innovation nachzukommen

Die Rockfish Bio AG ist ein Biotech-

Spin-off der BOKU, das sich auf die

Entwicklung von pharmazeutischen

Wirkstoffen zur Eliminierung seneszenter

Zellen konzentriert. Seneszente

Zellen entstehen im natürlichen

Alterungsprozess und sind als Verursacher

und Beschleuniger von altersbedingten

Krankheiten bekannt

(über 40 verschiedene Krankheiten!).

Wirkstoffe, basierend auf einem neuartigen

patentierten Zielstoffwechselweg,

waren besonders effektiv bei

Nierenzellen, weshalb chronisches

Nierenversagen als erste Leitindikation

ausgewählt wurde.

Novasign, ein junges BOKU Spin-off, ist darauf

spezialisiert mittels Prozessmodellierung

die Entwicklungszeiten von Bioprozessen

zu verkürzen. Dieses Vorgehen ermöglicht

bessere und stabilere Prozesse bei deutlich

verkürzten Entwicklungszeiten sowohl für

neu Biopharmazeutika als auch Biosimilars.

Um die eigene Zukunft selbst zu gestalten,

braucht es mutige und neugierige

Menschen, die sich den Herausforderungen

stellen, denn: Jedem Anfang wohnt

ein Zauber inne.

Bei Fragen zum Thema universitäre Gründungen

oder den Möglichkeiten zur Nutzung

in den Flächen der BOKU steht das

Team der BOKU:BASE gerne bereit. •

KONTAKT

Dr. in Doris Schmidt, Bsc. MSc.

base@boku.ac.at

LINKS

BOKU:BASE

www.base.boku.ac.at

Novasign

www.novasign.at

Rockfish Bio GmbH:

www.rockfishbio.com

DirectSens:

www.directsens.com

Die Autorinnen gehören zum Team der BOKU:

BASE.

Marija Kanizaj

Seit bald 150 Jahren ist die Universität

für Bodenkultur Wien wesentliche Impulsgeberin

für Innovationen im Bereich

Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

Deshalb kann ich als Bundesminister für

Bildung, Wissenschaft und Forschung

der

»

BOKU nur zur erfolgreichen Eröffnung

der BOKU:BASE gratulieren.

Angesichts der globalen wie vielschichtigen

Herausforderungen, mit

denen wir uns alle derzeit konfrontiert

sehen, braucht es mehr denn je den

engen Schulterschluss zwischen nachhaltiger,

universitärer Forschung und

verantwortungsvollem Unternehmertum.

Gerade die junge Generation ist

gewillt, die Welt zu einem Besseren

zu verändern. Sie weiß, wie wichtig es

ist, innovative Ideen rasch in die Tat

umsetzen, insbesondere bei so drängenden

Fragen wie dem Klimaschutz,

der Erderwärmung oder der Wasserknappheit.

Daher benötigen Studierende

und junge Forschende gerade

jetzt die bestmögliche Unterstützung

bei der Umsetzung ihrer Gründungsideen.

Die BOKU:BASE bietet ihnen

dafür die ideale Plattform. Sie ergänzt

die Wissenstransfer-Aktivitäten der übrigen

acht Wiener Universitäten, aber

auch aller anderen Hochschulen und

Forschungsstätten in Wien, insbesondere

des Wissenstransferzentrums Ost.

Gerade bei den Life Sciences ist der

Wissenschaftsstandort Wien tatsächlich

einer der zentralen Impulsgeber

Österreichs – mit der BOKU:BASE als

einem neuen Mittelpunkt.

Martin Polaschek

Bundesminister für Bildung,

Wissenschaft und Forschung

BOKU Magazin 1 | 2022

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Astrid Bartl

Der Gründer Behzad Shirmardi mit seinem Mitarbeiter Viktor Öberg.

Von der Grundlagenforschung in

die Anwendung – die Geschichte

des BOKU-Spin-offs BrightComSol

Von Erik Reimhult

Wie aus einem Wissenschaftler

mit der richtigen

Einstellung und Unterstützung

ein erfolgreicher

Unternehmer wurde.

Ein Teil des Reizes der Grundlagenforschung

ist, dass du nicht weißt,

wohin sie dich führt. Deine Neugierde

führt dich zu neuartigen Entdeckungen

und Erfindungen, aber mit einem

offenen Geist könntest du erkennen,

dass dein neues Wissen ganz andere

Probleme lösen könnte. Das BOKU Spinoff

BrightComSol GmbH ist eine solche

Erfolgsstory.

Die Geschichte beginnt 2013 mit einem

ERC (European Research Council) Consolidator-Projekt.

In diesem Grundlagenforschungsprojekt

hat ein Team, geleitet

von Erik Reimhult, am Department

für Nanobiotechnologie untersucht,

wie Nanopartikel mit Zellmembranen

interagieren. Eines der Teammitglieder

war Behzad Shirmardi, ein engagierter

Chemiker aus dem Iran. In seiner Doktorarbeit

erfand er eine Methode, um

die Oberfläche von magnetischen Nanopartikeln

für die medizinische Bildgebung

mithilfe von Ionenkomplexen zu

verändern, bevor sie mit einem Polymer

beschichtet werden, damit sie im Blut

unentdeckt bleiben.

Nachdem in Zusammenarbeit mit dem

Technologietransfer der BOKU die neuartige

Methode patentiert wurde, erfuhren

wir, dass ein kürzlich entwickeltes

Nanomaterial, Perowskit-Quantenpunk-

te (PQDs), trotz seiner erstaunlichen

Eigenschaften noch nicht verwendet

werden konnte.

Quantenpunkte sind Nanomaterialien,

die wie riesige Moleküle wirken. Wenn

man sie mit Licht bestrahlt, werden Elektronen

angeregt und sie geben Licht in

einer anderen Farbe ab, wenn sie wieder

herunterfallen. Im Gegensatz zu organischen

Farbstoffen verlieren sie viel weniger

Energie, haben präzisere Farben

und verlieren nie ihre Leuchtkraft. Damit

sie jedoch Licht in der gewünschten

Farbe aussenden, müssen sie genau die

richtige Nanostruktur und eine stabile

Oberfläche haben und vor der Umwelt

52 BOKU Magazin 1 | 2022


Behzad Shirmardi

sich heraus, dass unsere Erfindung sogar

besser für die Röntgenbildgebung als für

Fernseher geeignet ist.

SEI UNVOREINGENOMMEN

BOKU:BASE und der Technologietransfer

waren auf dieser Reise von unschätzbarem

Wert. Als wir unseren Weg zum

(bisherigen) Erfolg verfolgten, brauchten

wir flexible Unterstützung, und die bot

uns die BOKU: von der schnellen Anpassung

von Patentstrategien und Verträgen,

wenn sich unser Geschäft veränderte,

bis hin zur Anmietung flexibler

Räumlichkeiten, um zu wachsen. Wir haben

die klassischen Grundsätze gelernt.

Sei unvoreingenommen und arbeite mit

deinen Kund*innen zusammen, um deine

Technologie und dein Geschäft an den

Markt anzupassen und sei nicht auf deine

ursprüngliche Erfindung fixiert. Sie ist

nur ein Ausgangspunkt, um noch bessere

Erfindungen zu machen. In diesem Sinne

ist ein Start-up der Grundlagenforschung

ähnlich. Du formulierst und testest deine

Hypothese, aber die Welt wird dir brutal

sagen, ob sie richtig ist.

Die von BrightComSol

entwickelte polymere

Flüssigkeit, die mit

Perowskit-Quantenpunkten

durchsetzt ist, leuchtet

knallgrün, wenn sie mit

UV-Licht oder Röntgenstrahlung

bestrahlt wird.

geschützt werden. Damals ließen sich die

neuen PQDs nicht stabil zu Dünnschichtbauteilen

verarbeiten.

Wir waren überzeugt, dass unser Fachwissen

in der Entwicklung von polymeren

Nanopartikeloberflächen, die Werkzeuge

für die Herstellung von in Kunststoffen

eingekapselten PQDs lieferten, das

Problem lösen würde.

Nach weiteren Recherchen die unsere

Vermutung bestätigten, beschloss

Behzad Shirmardi, Vollzeitunternehmer

zu werden. BrightComSol GmbH wurde

am 13. März 2020, dem ersten Tag des

ersten Covid-Lockdowns, von Behzad

Shirmardi und Erik Reimhult gegründet.

Es war ein langer Weg mit mehreren

Änderungen und Optimierungen

unseres Geschäftsmodells und unserer

Technologie. Wir begannen mit der Entwicklung

von PQDs für Displays. Jetzt ist

BrightComSol Vorreiter bei PQD-basierten

Röntgen-Szintillatoren (Material,

das beim Durchgang von geladenen Teilchen

angeregt wird und diese Energie in

Form von Licht, meist im UV- oder sichtbaren

Bereich, wieder abgibt), die als

Kunststofffolie verkauft werden und mit

viel weniger Material- und Energieverbrauch,

niedrigeren Kosten und höherer

Leistung als vergleichbare Szintillatoren

hergestellt werden können. Es stellte

Obwohl fast jede Hypothese, die wir

zu Beginn formuliert haben, angepasst

wurde und die technischen Lösungen vier

Jahre später wenig mit den ersten Schritten

im ERC-Projekt gemeinsam haben,

hat Shirmardi mit BrightComSol gezeigt,

dass aus einem Wissenschaftler mit der

richtigen Einstellung und Unterstützung

ein erfolgreicher Unternehmer werden

kann. Heute ist der ehemalige BOKU-

Dissertant CEO des Unternehmens, das

immer noch vollständig im Besitz der

beiden Gründer ist, während er gleichzeitig

die Technologieentwicklung mit

BrightComSol mit weiteren Mitarbeiter*innen

in den BOKU:BASE-Labors

leitet.


Univ.-Prof. Dr. Erik Reimhult forscht am Department

für Nanobiotechnologie (DNBT) und ist

Co-Founder von BrightComSol.

BOKU Magazin 1 | 2022

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Fotos: Helmut Habersack

Wasserbaulabor/BOKU River Lab –

Innovatives Forschungsgebäude mit globalem Alleinstellungsmerkmal

Im Bereich „Public Lab“ sollen sich Besucher*innen künftig über Forschung und Prozesse in

Fließgewässern informieren und aktiv einbringen können.

Von Helmut Habersack

D

erzeit erfolgt auf einer Insel zwischen

Donau, Donaukanal und

Schleuse (Am Brigittenauer Sporn 3,

1200 Wien) die Errichtung eines modernen

Wasserbaulabors (WBL) mit einem

weltweit einzigartigen Labordurchfluss

von bis zu 10 m³/s ohne Pumpen (3 m

Wasserspiegeldifferenz zwischen Donau

und Donaukanal). Dieses Projekt stellt

die erfolgreiche Umsetzung der Aktivität

1 des EU-Donauraumstrategie-Flagship-

Projekts DREAM (Danube River REsearch

And Management) dar.

Am 26. Juni 2018 fand der Spatenstich

des neuen BOKU-Wasserbaulabors

im Beisein von Erich Unterwurzacher

(Direktor in der EU-Generaldirektion

Regionalpolitik und Stadtentwicklung),

Johanna Mikl-Leitner (Landeshauptfrau

von Niederösterreich), Michael Ludwig

(Bürgermeister der Stadt Wien) und

Heinz Faßmann (damaliger Bundesminister

für Bildung, Wissenschaft und

Forschung) statt. Die Bauarbeiten sollen

bis Ende Dezember 2022 fertiggestellt

werden. Der Umzug ist um den Jahreswechsel

2022/2023 geplant.

Der „Main Channel“ im Untergeschoß

stellt die Basis und das zentrale Element

des Wasserbaulabors dar, ist rund 100 m

lang, 25 m breit und 14 m hoch. Der

große Durchfluss mit Donauwasser (bis

zu 10.000 l/s) erlaubt Grundlagen- und

praxisorientierte Modellversuche, da

ein sehr großer Modellmaßstab bis 1:1

möglich ist, der gerade bei Versuchen

zum Beispiel mit Sedimenttransport entscheidend

ist, um Prozesse naturnah zu

simulieren.

Im ersten Stock befindet sich das „River

Lab“, wo vorrangig verschiedene komplexe

hydraulische Modelle mit Klarwasser

in variablen Maßstäben errichtet werden,

die nach erfolgreichem Versuchsablauf

ab- oder umgebaut werden; auch die

54 BOKU Magazin 1 | 2022


»Die Forschungsergebnisse

stärken die regionale Wirtschaft,

die Sicherung und Belebung des

Wirtschafts-/Industriestandorts

sowie die Kooperation mit dem

Planungssektor. Es entsteht ein

Hub für Innovationen,

Erfinder*innen, nationale

und internationale Forschung

und Entwicklung im Themenfeld

Wasserbau und fördert die

Öffentlichkeitsarbeit sowie mit

dem BOKU UNESCO Chair

und künftigen Optionen

den UN-Standort.

Helmut Habersack

Werkstätte ist in diesem Bereich situiert.

Auf der Ostseite entlang des „River

Lab“ sind der Bürotrakt, Speziallabore

und ein Lehrsaal für Computerbasierte

Gewässermodellierung untergebracht.

Außerdem wird Besucher*innen der Wissenschaftsbetrieb

durch ein angeschlossenes

Public Lab nähergebracht. Für den

mittelfristigen Ausbau ist im Außenbereich

ein Outdoor Stream Lab geplant.

Das WBL wird dazu

beitragen, ablaufende

Prozesse

in Flüssen besser

zu verstehen,

mathematische

Modelle zur Prozessbeschreibung

Helmut Habersack zu entwickeln, die

Auswirkungen von

flussbaulichen Maßnahmen zu prognostizieren

sowie innovative wasserbauliche

Methoden zur Verbesserung von Hochwasserrisikomanagement,

Wasserkraft,

Schifffahrt und Ökohydraulik unter Klimawandel

und Landnutzungsänderung zu

entwickeln. Mit diesen Daten und Ergebnissen

werden wissenschaftliche Grundlagen

geschaffen, die Lösungen für die

Praxis liefern (Wasserkraft: z. B. Reduktion

Stauraumverlandung, Schifffahrt:

z. B. Fahrwassertiefe, Hochwasserrisikomanagement:

z. B. Rückhaltebecken,

mobiler Hochwasserschutz, Ökologie:

z. B. Uferrückbau, Gewässervernetzung,

Wasserbau: z. B. Sohlstabilisierung).

Die Forschungsergebnisse stärken die

regionale Wirtschaft, die Sicherung und

Belebung des Wirtschafts-/Industriestandorts

sowie die Kooperation mit

dem Planungssektor. Es entsteht ein

Hub für Innovationen, Erfinder*innen,

nationale und internationale Forschung

und Entwicklung im Themenfeld Wasserbau,

weiters wird die Öffentlichkeitsarbeit

sowie mit dem BOKU UNESCO

Chair und künftigen Optionen der UN-

Standort gestärkt.

In einem Auditorium für zirka 200 Personen

werden die Lehre und themenspezifische

Veranstaltungen stattfinden,

es wird auch Raum und Technik für Videokonferenzen

zur Verfügung stehen,

unter anderem für die UNESCO World´s

Large Rivers Initiative. Weiters wird dort

gemeinsam mit dem „Public Lab“ Öffentlichkeitsarbeit

im Sinne der Third

Mission geleistet. Das „Public Lab“ bietet

für Besucher*innen und Interessierte die

Möglichkeit, sich über Forschung und

Prozesse in Fließgewässern zu informieren

und sich aktiv einzubringen. Dieser

Bereich soll Studierenden, aber auch

Schüler*innen, als „Knowledge Hub“ und

Versuchsareal zur Verfügung stehen und

zu Pädagog*innenweiterbildungen genutzt

werden.

Die Finanzierung des Baus mit Gesamtkosten

von zirka 49 Mio. Euro erfolgt

über vier von Habersack eingeworbene

und geleitete EU-Projekte (AT-HU, SK-

AT, AT-CZ, IWB) mit nationalen Kofinanzierungen

durch BMBWF, BMLRT, BMK,

BMDW, die Stadt Wien und dem Land

Niederösterreich.

Mit dem Bau des BOKU River Labs setzt

die Universität für Bodenkultur Wien

einen weiteren Meilenstein, um den

nachhaltigen Umgang mit Flüssen aktiv

zu gestalten. Es verbindet in einzigartiger

Weise Lösungen und Innovationen, um

negative Folgen, die durch den Eingriff

des Menschen in die Natur entstehen,

zu vermeiden und bereits entstandene

Schäden, etwa durch Uferrückbau, wieder

aufzuheben.


Univ.-Prof. DI Dr. Helmut Habersack ist Leiter des

Instituts für Wasserbau, Hydraulik und Fließgewässerforschung

am Department Wasser-Atmosphäre-Umwelt.

BOKU Magazin 1 | 2022

55


Junge Topforscher*innen mit dem tecnet|

accent Innovation Award ausgezeichnet

Bereits zum elften Mal wurde der gemeinsam von der BOKU, tecnet equity und accent

ausgeschriebene Innovation Award vergeben.

Im Mittelpunkt dieses Awards steht

die Frage nach der kommerziellen

Verwertbarkeit von Forschungsergebnissen.

Die Kandidat*innen sollten

hierzu erste eigene Überlegungen zur

wirtschaftlichen Umsetzung ihrer Forschungsergebnisse,

wie zum Beispiel

Kundennutzen, Marktpotenzial oder Patentschutz,

auf einem Poster darstellen

und vor einer Jury präsentieren.

Christoph Gruber | BOKU-IT

Den Sieg holten sich Catherine Thoma

und Wilfried Sailer-Kronlachner (MAP,

Institut für Holztechnologie und Nachwachsende

Rohstoffe) für ihr Projekt

„Bio-based binders for wood based panel

production“. Thoma und Sailer-Kronlachner

haben ein neuartiges biobasiertes

Bindemittel für die Holzwerkstoffproduktion

entwickelt. Mit dieser neuartigen,

von der BOKU und dem Kompetenzzentrum

Wood K Plus gemeinsam

entwickelten Technologie könnten Möbel,

die keine für die menschliche Gesundheit

schädlichen Stoffe wie Formaldehyd

enthalten, künftig nachhaltiger

produziert werden.

Der zweite Platz ging an Raphaela Hellmayr

und Roman Myna (MAP, Institut für

Holztechnologie und Nachwachsende

Rohstoffe), die mit ihren Forschungsergebnissen

einen wesentlichen nächsten

Schritt zur Entwicklung „triboaktiver

Werkzeuge für Feinstaubreduktion“ leisten.

Bei der an der BOKU entwickelten

Technologie geht es um die Verringerung

der Staubkonzentration beim Schneiden

oder Sägen mit handgeführten

Maschinen. Dieses Problem könnte

durch neuartige Sägeblätter mit einer

speziellen Beschichtung gelöst werden.

Diese könnten dafür sorgen, dass der

beim Schneiden oder Sägen entstehende

Holzstaub weniger stark elektrostatisch

aufgeladen wird, wodurch er sich schneller

absetzen kann und damit weniger

gefährlich für den Menschen ist.

V. li.: Doris Steinacher, Doris Agneter, Elisabeth Gludovacz, Wilfried Sailer-Kronlachner,

Catherine Thoma, Raphaela Hellmayr, Christian Obinger.

Der dritte Platz des tecnet accent Innovation

Awards ging an Elisabeth Gludovacz,

(DBT, Institut für Tierische Zelltechnologie

und Systembiologie), für ihr Poster

„Rekombinante humane Diaminoxidase

als neuartige Behandlungsmethode

für histamininduzierte Erkrankungen“.

Asthma, multiple Sklerose, Reizdarmsyndrom

– diese und viele weitere Erkrankungen

können durch Histamin ausgelöst

werden. Die von einem Team der

Medizinischen Universität Wien und der

BOKU rund um Elisabeth Gludovacz entwickelte

Behandlungsmethode mittels

rekombinanter humaner Diaminoxidase

könnte Histamin im Körper schneller und

besser abbauen, als es mit derzeitigen

Behandlungsoptionen möglich ist. •

tecnet equity ist die Technologiefinanzierungsgesellschaft des Landes

Niederösterreich. Über die Venture Capital Fonds investiert tecnet

equity in wachstumsstarke, innovative, technologieorientierte Unternehmen.

Mit dem „research-to-value“ (r2v) Programm unterstützt

tecnet NÖ Forscher*innen und Gründer*innen bei der Überführung ihrer Forschungsergebnisse

in marktfähige Produkte und Dienstleistungen. www.tecnet.at

Das accent ist der Hightech-Inkubator des Landes Niederösterreich.

Ziel des accent ist es, eine fruchtbare Basis für

hochinnovative Start-ups in NÖ zu schaffen und diese auf ihrem anfangs sehr

schwierigen Weg erfolgreich zu begleiten. Dadurch sollen technologische Entwicklungen

effektiv und nachhaltig wirtschaftlich umgesetzt werden. Neben der

finanziellen Unterstützung gibt es auch ein intensives Coaching. www.accent.at

56 BOKU Magazin 1 | 2022


DAS

NEUE

REKTORAT

Interview mit Rektorin Eva Schulev-Steindl

Vizerektor Karsten Schulz

Vizerektor Gerhard Mannsberger

Vizerektorin Nora Sikora-Wentenschuh

Vizerektor Christian Obinger

57


Fotos: BOKU/Christoph Gruber

„Das Besondere an der BOKU sind

die Menschen und die Themen“

Rektorin Eva Schulev-Steindl gibt im Gespräch mit Bettina Fernsebner-Kokert Einblicke in ihre

Pläne für die BOKU, erläutert wie sie die Studierbarkeit verbessern möchte und verrät, worin sie

ihren Ausgleich zum Arbeitsalltag findet.

Willkommen zurück an der BOKU. Wie fühlt

es sich an, als Rektorin wiederzukommen?

Eva Schulev-Steindl: Wunderbar! Es ist

ein schönes Gefühl, weil die BOKU eine

fantastische Universität ist. Ich war ja

bereits einmal sehr gerne sechs Jahre

als Professorin für Rechtswissenschaften

hier. Das außergewöhnliche an der Professur

war, dass ich die ganze Breite der

Rechtswissenschaften abdecken konnte

– sonst sind es ja meist nur einzelne Fächer

– und es war eine besondere Ehre,

dass ich damals Manfried Welan nachfolgen

durfte, der ja eine Legende an der

BOKU war und ist. Ich habe die BOKU

also in allerbester Erinnerung und freue

mich wirklich sehr, wieder hier zu sein.

Was zeichnet die BOKU aus und was unterscheidet

sie von anderen Unis?

Die BOKU ist eine ganz besondere Uni.

Das würde wahrscheinlich jede Universität

von sich sagen, aber ich kenne ja andere

Unis und habe daher den Vergleich.

Das Besondere an der BOKU sind die

Menschen und die Themen, die bunt, aktuell,

zukunftsweisend und gesellschaftlich

relevant sind. Die BOKU hat es geschafft,

trotz des enormen Wachstums,

das sie in den vergangenen 15 Jahren

erlebt hat, immer noch menschlich zu

bleiben: Man hat immer noch Kontakt

zueinander, Dinge können noch auf kurzem

Weg besprochen werden – das alles

macht den BOKU-Spirit aus.

Was sind Ihre Zielsetzungen für die kommenden

Jahre?

Da haben wir uns im Rektoratsteam

einiges vorgenommen. Wenn man von

außen kommt, sieht man, wie die BOKU

in der Wissenschaftslandschaft wahrgenommen

wird – und ich denke, da kann

man das Profil der BOKU noch etwas

schärfen.

58 BOKU Magazin 1 | 2022


In welche Richtung schärfen?

Über die Assoziation mit den traditionellen

Fächern hinaus sollte der Fokus auf

Studienrichtungen wie Biotechnologie,

Umwelt- und Bioressourcenmanagement

oder Umweltingenieurwissenschaften

liegen. Diese Breite unseres Angebotes

wird von den künftigen Studierenden

und der Gesellschaft noch nicht so wahrgenommen.

Gleichzeitig muss man aber

auch die klassischen Studienrichtungen

stärken, um im Wettbewerb bestehen zu

können. Eine weitere Frage ist, wie wir

mit der Praxis in Verbindung sind, mit

Fachhochschulen und Schulen – auch

hier wollen wir Kooperationen noch weiter

forcieren.

Ebenso wichtig ist es, dass auch die Forschung

kompetitiv bleibt. Für den Exzellenz-Cluster

des FWF gibt es derzeit 35

Bewerbungen, die BOKU ist mit anderen

Unis an mehreren Teams beteiligt. Mich

freut besonders, dass sie auch bei zwei

Einreichungen den Lead hat und es wäre

fantastisch, wenn es klappen würde. Wir

müssen uns selbstverständlich auch auf

europäischer Ebene um hochrangige

Forschungsmittel bemühen, der Green

Deal bietet da ja zahlreiche Möglichkeiten.

In den Universitätsrankings sind

wir gut platziert – das müssen wir halten

und noch ausbauen.

Ein besonders wichtiger Punkt ist, dass

wir die Studienbedingungen weiter verbessern

müssen. Eine der Säulen der

neuen Universitätsfinanzierung bezieht

sich auf die Anzahl der prüfungsaktiven

Studierenden und da können wir noch

zulegen. Wir werden gemeinsam mit dem

Senat und anderen Gremien versuchen,

die sogenannte Studierbarkeit zu verbessern.

Eine Rolle wird dabei auch spielen,

was wir in der Pandemie gelernt haben:

Das heißt, Digitalisierung in der Lehre, wo

es gut passt, beizubehalten und attraktive

neue Lehrformate zu gestalten.

Nicht zu vergessen ist die Third Mission,

also die Relevanz unserer Forschung auch

in die Gesellschaft zu tragen, was ja gerade

mit unseren Themen sehr wichtig ist.

Hier haben wir auch einen Bildungsauftrag

gegenüber der Allgemeinheit, wie

es etwa bei „Citizen Science“, wo Nicht-

Wissenschaftler*innen in die wissenschaftliche

Arbeit eingebunden werden,

bereits geschieht. Die zweite Dimension

der Third Mission ist die Kooperation mit

der Wirtschaft, die an der BOKU bereits

auf sehr hohem Niveau stattfindet – z. B.

über die vielen Christian Doppler Labors,

die wir haben. Wir sind eine der drittmittelstärksten

Unis, das soll so bleiben und

noch ausgebaut werden.

Ein Großteil der Studierenden muss neben

dem Studium arbeiten, wie kann für sie die

Studierbarkeit verbessert werden?

Das ist wahrscheinlich einer der Hauptfaktoren,

an dem wir ansetzen müssen.

Wir haben derzeit nicht die Möglichkeit,

ein richtiges Teilzeitstudium anzubieten,

aber wir müssen auf die Bedürfnisse

dieser Studierenden besser eingehen –

etwa, indem wir mehr Lehrveranstaltungen

am Abend anbieten. Wichtig ist auch,

»

mehr Mobilität für Studierende mit Betreuungspflichten

anzubieten – kürzere

Mobilitätsfenster und digitale Formate.

Wir haben in der Verfassung ein

Grundrecht auf Wissenschaftsfreiheit

verankert und das muss

gewahrt bleiben. Diese Freiheit

berechtigt uns aber auch, die

Politik dort, wo es notwendig

ist, gut zu beraten – etwa

beim Thema Klimawandel.

Eva Schulev-Steindl

Wie kann die BOKU im internationalen

universitären Umfeld auch künftig erfolgreich

sein?

Internationalität zu stärken, ist mir ein

wichtiges Anliegen. Wir wollen künftig

weitere englischsprachige Lehrformate

anbieten und planen ein Masterstudium

zu „Climate Change and Sustainability“,

mittelfristig auch ein englischsprachiges

Bachelor-Studium. Damit könnten wir

die BOKU noch attraktiver für Studierende

aus anderen Ländern machen.

Der Wettbewerb um Studierende ist in den

vergangenen Jahren härter geworden. Was

macht ein Studium an der BOKU für junge

Menschen attraktiv?

Wie gesagt, unsere Themen sind gesellschaftlich

relevant und unsere Absolvent*innen

haben sehr gute Aussichten

auf dem Arbeitsmarkt. Dieser Bedarf

wird noch steigen, weil Nachhaltigkeit

und Klimaschutz ja auch für Unternehmen

immer wichtiger werden. Es gibt

eine EU-Richtlinie zum Non-Financial

Reporting und da werden Klima- und

Nachhaltigkeitsdaten von den Unternehmen

verlangt. Dafür bietet ein BOKU-

Studium die idealen Voraussetzungen,

durch das Drei-Säulen-Prinzip unserer

Studienrichtungen können unsere Absolvent*innen

auch in den Unternehmen

gut an den Schnittstellen unterschiedlicher

Disziplinen arbeiten. Die BOKU ist

einfach eine tolle Uni, an der man viele

Kontakte und Freundschaften fürs Leben

schließen kann.

Sie sind Juristin und Betriebswirtin – wenn

Sie an der BOKU studieren würden, für

welche Studienrichtung würden Sie sich

entscheiden?

Wäre ich wieder kurz nach der Matura,

würde ich wegen meines Interesses an

Nachhaltigkeitsthemen an der BOKU

wahrscheinlich Umwelt- und Bioressourcenmanagement

studieren. Würde ich

heute mit meinen bisherigen Erfahrungen

zu studieren beginnen, würde ich

mich für Lebensmittel- und Biotechnologie

entscheiden. Das wäre für mich

wahrscheinlich eine ziemliche Herausforderung,

die ich aber annehmen würde,

weil mir dieses Studium völlig neue

Horizonte eröffnen würde. Impfstoffforschung

finde ich zum Beispiel unglaublich

spannend.

Wie beurteilen Sie das Spannungsfeld zwischen

den Universitäten und der Politik?

Beide Bereiche sind aufeinander angewiesen.

Wir als öffentliche Universitäten

werden überwiegend vom Staat

finanziert und schließen alle drei Jahre

Leistungsvereinbarungen. Da kann und

soll die Politik natürlich gewisse Vorgaben

für strukturelle und organisatorische

Rahmenbedingungen machen. Was ich

aber auch betonen möchte: Wir haben

in der Verfassung ein Grundrecht auf

Wissenschaftsfreiheit verankert und das

BOKU Magazin 1 | 2022

59


Eva Schulev-Steindl hat am 1. Februar

2022 das Amt als Rektorin der BOKU

angetreten. Die gebürtige Wienerin

hat an der WU Betriebswirtschaft und

an der Uni Wien Rechtswissenschaften

studiert sowie einen postgradualen

Master of Laws an der London School

of Economics and Political Science

erworben. Ihre Universitätskarriere

führte die Umweltjuristin nach der

Universität Wien ab 2008 für sechs

Jahre als Professorin für Rechtswissenschaften

an die BOKU, wo

sie ab 2009 auch stellvertretende

Senatsvorsitzende und Vorsitzende

der Schiedskommission war. Ab 2014

folgte die Berufung als ordentliche

Universitätsprofessorin für Öffentliches

Recht und Wirtschaftsrecht am

Institut für Öffentliches Recht und

Politikwissenschaft an der Universität

Graz. Eva Schulev-Steindl ist Mutter

einer 25-jährigen Tochter.

muss gewahrt bleiben. Diese Freiheit berechtigt

uns aber auch, die Politik dort,

wo es notwendig ist, gut zu beraten –

etwa beim Thema Klimawandel.

Welche Rahmenbedingungen sind für Sie

als Umweltrechtsexpertin notwendig, um

Auswirkungen der Klimaerwärmung einzudämmen

und gleichzeitig die Menschen

von der notwendigen Änderung unserer

Lebensweise zu überzeugen?

Der rechtliche Rahmen ist beim Thema

Klima in den vergangenen Jahren in den

Vordergrund gerückt. Durch den IPCC

(Intergovernmental Panel on Climate

Change) liegen die längst bekannten naturwissenschaftlichen

Fakten endgültig

auf dem Tisch. Mit Recht werden häufig

ausschließlich Sanktionen, Strafen und

Vorschriften assoziiert. Diese wirken

aber nicht immer – Stichwort Corona

–, wenn sie für die Menschen in ihrem

unmittelbaren Leben nicht einsichtig

sind. Ein Ansatz ist das sogenannte Nudging,

bei dem man Menschen sanft dazu

bringt, ihr Verhalten zu ändern.

Zwischen diesen beiden Polen bewegen

wir uns auch im Umweltrecht. Ein Beispiel,

um die Komplexität zu illustrieren:

Wir haben an der Uni Graz eine interdisziplinäre

Studie zum Thema Klima

und Verkehr gemacht, bei der die Befragten

angeben sollten, ob sie lieber

eine CO 2

-Steuer hätten oder ein Verbrennerverbot.

Überraschenderweise

war die Mehrheit für Zweiteres, was ja

ein deutlich härterer Eingriff wäre, als für

die sanftere Lösung einer Besteuerung.

Warum? Weil dem Aspekt Fairness, also

dass alle gleichermaßen betroffen wären,

mehr Gewicht beigemessen wurde.

Auf internationaler Ebene bräuchte es

endlich verbindlichere Vereinbarungen.

Das Pariser Abkommen hat bekanntlich

keinen Sanktionsmechanismus, sondern

ist im Wesentlichen nur eine Verpflichtung

zur Selbstverpflichtung. Das geht bis

in die nationalstaatliche Rechtsordnung

– unser Klimaschutzgesetz soll ja reformiert

werden und künftig auch einen besseren

Sanktionsmechanismus beinhalten.

Wie würden Sie Ihren Führungsstil beschreiben?

Partizipativ, kooperativ und kommunikativ.

Womit beschäftigen Sie sich gern in Ihrer

Freizeit? Wo finden Sie Ausgleich zum Berufsalltag?

In meiner Freizeit ist mir die Möglichkeit

zur Entspannung sehr wichtig. Dazu

gehören Wanderungen, etwa im Wienerwald

mit dem Hund meiner Tochter,

einem weißen Schäferhund – mit ihm

habe ich dort schon eine dreitägige Wanderung

gemacht. Ich treibe gerne Sport,

vor allem Rudern liebe ich, das ist der

ZWISCHENFRAGE

Bier oder Wein?

Wein.

Nachteule oder Early Bird?

Nachteule, mit viel Kaffee.

Kino oder Theater?

Kino.

Komödie oder Krimi?

Komödie!

Daheim oder unterwegs?

Ich bin gerne auf Reisen, Fernreisen

mache ich aus Klimaschutzgründen

aber eher nicht mehr.

Helene Fischer oder Adele?

Helene Fischer.

Was ist für Sie das vollkommene

irdische Glück?

Fröhlich und zufrieden in sich zu

ruhen.

Welche Fehler entschuldigen Sie am

ehesten?

Unabsichtliche.

Ihre liebsten Romanhelden und

-heldinnen?

Alle freiheitsliebenden Menschen.

Ihre Lieblingsgestalt in

der Geschichte?

Aus der Wissenschaftsgeschichte:

Marie Curie.

Welche Reform bewundern

Sie am meisten?

Die Digitalisierung.

Ihr Motto?

Never give up on a good thing!

beste Ausgleich zur „Kopfarbeit“– und

ich fotografiere und reise sehr gerne.

Was wünschen Sie der BOKU zum diesjährigen

150. Geburtstag?

Dass sie so jung, lebendig und neugierig

bleibt, wie sie die ersten 150 Jahre war.

60 BOKU Magazin 1 | 2022


Ziele und Arbeitsschwerpunkte der Vizerektor*innen

Foto Georg Wilke

Foto Georg Wilke

Christoph Gruber

MEINE ZIELE IM BEREICH

FORSCHUNG BIS 2026

Weitere Stärkung des einzigartigen

BOKU-Profils durch qualitativ hochwertige

Grundlagenforschung und angewandte

Forschung entlang der sechs

Kompetenzfelder. Verstärkte Teilnahme

an nationalen und europäischen Exzellenzprogrammen

sowie Weiterführung

der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft

im Rahmen von Kompetenzzentren und

Christian Doppler Laboren. Ausbau der

interdisziplinären Forschung auf Doktoratsebene

durch department- und standortübergreifende

Doktoratsschulen.

Verbesserung der hochwertigen Forschungsinfrastruktur

durch Weiterentwicklung

der Core Facilities sowie durch

Neuorganisation und Modernisierung

der Agrar- und Forstaußenstandorte

(BOKU Research Farm, BOKU Research

Forest). Verbesserte Unterstützung im

Innovationsprozess durch Stärkung des

Technologietransfers sowie Ausrollen

der drei Bereiche der BOKU:BASE (Education

& SDG, Research & IP, Labs &

Infrastructure). Verbesserung der Servicierung

im Projektsupport, beim Ausbau

von Open Science (Open Data, Open

Innovation, Citizen Science).

Zum 150. Geburtstag der BOKU wünsche

ich mir, dass sich das qualitative

Wachstum fortsetzt und die BOKU

ihre Sichtbarkeit im Rahmen ihrer Forschungs-

und Lehrkompetenzen im europäischen

Universitätenverbund weiter

erhöht.

Christian Obinger

Vizerektor für Forschung und Innovation

DIGITALISIEREN UND

DEN PERSONALSTAND HALTEN

Personal: Die größte Herausforderung

ist das Halten des Personalstandes, die

Nachbesetzung von Professuren und

Äquivalenten (in den nächsten drei Jahren

wird es 33 Pensionierungen geben),

Stabilisierung des Labor-, Technik- und

Verwaltungspersonals und damit das Erreichen

der vom Ministerium vorgegebenen

LV-Zielwerte. Weiters die Erhöhung

des Frauenanteils insbesondere bei den

Professuren und die Schaffung einer Behindertenstelle

je Verwendungsgruppe.

Organisation: Verbesserungen für Menschen

mit besonderen Bedürfnissen,

Ausbau der Betrieblichen Gesundheitsförderung

und der psychosozialen Gesundheit,

ISO 45001-Zetifikat (Sicherheit)

für die gesamte BOKU, Strukturanpassungen.

Digitalisierung: Fortführung Digitalisierungsoffensive

(BOKUdigital 2.0),

weitere Automatisierung von Verwaltungsabläufen

und Implementierung digitaler

Workflows, Ausbau der digitalen

Studien- und Studierendenverwaltung

sowie der digitalen Personalverwaltung,

weitere Digitalisierungen in Lehre und

Forschung (Next Generation Digitale

Forschungsinfrastruktur).

Ich gratuliere der BOKU zum 150-Jahr-

Jubiläum und wünschte ihr weitere 150

Jahre nachhaltiges Vorausschauen!

Gerhard Mannsberger

Vizerektor für Personal,

Organisation und Digitalisierung

NÄHRBODEN FÜR

WEITERENTWICKLUNG DER BOKU

Herausragende Lehre und exzellente

Forschung brauchen solide Finanzen und

nachhaltige Infrastruktur: Die Einhaltung

der finanziellen Rahmenbedingungen

war, ist und bleibt eine gemeinsame

Kraftanstrengung und ein effizienter

und effektiver Umgang mit den uns zur

Verfügung stehenden Mitteln ist daher

unumgänglich. Die Sicherung der Verfügbarkeit

der notwendigen Ressourcen

für Forschung, Lehre und Administration,

die Verbesserung der Serviceleistungen

durch laufende Evaluierung und

regelmäßige Feedbackschleifen sowie

der Ausbau und die Weiterentwicklung

von Strukturen und Prozessen werden

die kommenden Jahre im Fokus stehen.

Investitionen in die bestehende

Infrastruktur und Flächenerweiterungen

mit innovativen Raumkonzepten sollen

überdies einen optimalen Nährboden

für die Weiterentwicklung der BOKU

bilden.

Der BOKU wünsche ich zu diesem besonderen

Geburtstag wissbegierige Studierende,

engagierte Lehrende, mutige

Forschende, leidenschaftliche Mitarbeiter*innen,

strategischen Weitblick und

stets offene Türen.

Nora Sikora-Wentenschuh

Vizerektorin für Finanzen

Porträt Karsten Schulz, Vizerektor für Lehre,

Weiterbildung und Studierende, siehe Seite 62

und 63

BOKU Magazin 1 | 2022

61


Ein Mann, der gerne über

den eigenen Tellerrand blickt

Karsten Schulz, der neue Vizerektor für Lehre, Weiterbildung und Studierende, liebt es im Hörsaal zu stehen

und möchte ein englischsprachiges Bachelorstudium sowie ein Masterstudium zum Thema Klimawandel und

Nachhaltigkeit etablieren.

Von Bettina Fernsebner-Kokert

BOKU/Christoph Gruber

Es gibt in jedem Job Dinge, die man

einfach gerne macht. Für Karsten

Schulz bedeutet das, im Hörsaal

oder im Feld zu stehen und zu unterrichten.

Der Austausch mit den Studierenden,

sie zu befähigen, einen ganzheitlichen

Blickwinkel einzunehmen, der

gerne auch über den eigenen Tellerrand

reichen darf, liegt dem neuen Vizerektor

für Lehre, Weiterbildung und Studierende

besonders am Herzen. „Zu diesem

Werkzeugkasten, den ich den Studierenden

mitgeben möchte, gehören neben

den fachspezifischen Kenntnissen

und praktischen Fertigkeiten auch Soft

Skills wie Kommunikationsfähigkeit und

interkulturelle Offenheit“, beschreibt

Schulz seinen Zugang. Er selbst hat für

ein innovatives Hörsaal-Experiment, bei

dem er seinen Studierenden interaktiv

ein Niederschlags-Abfluss-Modellkonzept

nahebringt, 2017 den Schwanninger

Lehrpreis erhalten.

Diese Offenheit, Neues auszuprobieren

und klar vorgezeichnete Wege auch

einmal zu verlassen, haben auch den

bisherigen Lebensweg des 57-Jährigen,

der in der Nähe von Mönchengladbach

aufgewachsen ist, geprägt. Bevor ihn

sein wissenschaftlicher Werdegang

2013 ans Institut für Wasserwirtschaft

und Hydrologie der BOKU geführt hat,

hatte Schulz, der in Bayreuth Geoökologie

studierte, beruflich bereits an der

britischen Lancaster University, der TU

Braunschweig, der Universität Leipzig

und zuletzt an der LMU München Station

gemacht. Aktuell forscht er insbesondere

zur Nutzung Künstlicher Intelligenz

(KI) in Hydrologie und Wasserwirtschaft,

etwa zur verbesserten Prognose von

hydrologischen Prozessen und der Regionalisierung

von Modellparametern.

„EINE ART UNI-SCHOCK“

Bis heute ist Mathematik eine Passion

von Schulz. Nach dem dritten Platz beim

deutschen Bundeswettbewerb für Mathematik

kam für ihn nach dem Abi gar

nichts anderes als dieses Studium infrage.

„Der direkte Übergang von der Schule

an die Universität war dann allerdings

eher eine Art Uni-Schock“, erinnert sich

Schulz. Also ging es zunächst raus aus

der Uni und zum 20-monatigen Zivildienst

in einen Kindergarten für Kinder

mit geistiger Behinderung. „Eine wichtige

Erfahrung“, wie der neue Vizerektor

betont.

62 BOKU Magazin 1 | 2022


Privat

Nach dem Zivildienst entwickelte

sich die Idee, Maschinenbau zu studieren.

„Weil dafür ein Praktikum

erforderlich war, habe ich gleich

eine zweijährige Lehre als Maschinenschlosser

gemacht“, erzählt er

lachend. Wenn schon, denn schon.

Im Anschluss fuhr Schulz nach Kanada,

wo er den Yukon hinunter paddelte

– in diese Zeit fiel aber auch

der Beginn der Ökologiebewegung,

sein eigenes Engagement für Umweltschutz

hat in Schulz schließlich

die Entscheidung, Geoökologie zu

studieren, reifen lassen.

Der Anruf, ob er sich vorstellen

könnte, das Vizerektorat für Lehre

zu übernehmen, erreichte Schulz auf

einem Schneefeld auf der Zugspitze,

wo er gerade damit beschäftigt war,

Messgeräte aufzubauen. „Natürlich

bat ich um ein wenig Bedenkzeit“,

sagt er, „aber mein Entschluss fiel

dann doch rasch“. Davon, was er in

seiner neuen Funktion im Bereich

Lehre, Weiterbildung und Studierende

umsetzen möchte, hat Schulz

klare Vorstellungen: „Ein englischsprachiges

Bachelorstudium und ein

Masterstudium zum Thema Klimawandel

und Nachhaltigkeit fehlen an

der BOKU noch.“ In dieser Sache war

er sich sehr schnell mit der neuen

Rektorin und deren Vorstellungen

einig. Er findet außerdem, dass nicht

nur Studierende Auslandssemester

absolvieren, sondern auch die Mitarbeiter*innen

in der Verwaltung die

Gelegenheit haben sollten, in ihrem

Bereich an anderen Unis Erfahrungen

zu sammeln. Und: „Ich könnte mir,

ähnlich wie es bei Ärzten geregelt

ist, regelmäßige Fortbildungen für

Lehrende vorstellen.“

RADFAHRER, DER NIE EIN

AUTO BESESSEN HAT

Genügend Ausdauer bringt der Vater

zweier erwachsener Töchter jedenfalls

mit. Er hat nicht nur den Yukon

mit dem Kanu gemeistert, sondern

hat ebenso einige Marathons sowie

die Strecke von Florida nach Maine

mit dem Rad in den Beinen. Auch

in Wien radelt Schulz Sommer wie

Winter alle Strecken, ein Auto hat

er noch nie besessen. „Eines der

tollen Dinge an Wien ist, dass der

öffentliche Verkehr so gut ausgebaut

ist, dass man hier einfach kein Auto

braucht“, sagt er.

Neugierig und aufgeschlossen für

neue Erfahrungen wie er ist, liegt

es Schulz einfach nicht, eine ruhige

Kugel zu schieben. Es sei denn, es

geht um Pétanque, seinen Gegenpol

zum Alltagsstress. Denn: „Es ist ein

ruhiger, kommunikativer Sport, der

nicht so elitär ist wie andere und bei

dem ich mit Leuten aus ganz anderen

Lebensbereichen zusammenkomme

und das schätze ich ungemein daran.“

Da wäre er also wieder, der Blick über

den eigenen Tellerrand. •

ZWISCHENFRAGE

Bier oder Wein?

Weißbier in München, Radler nach dem

Sport und weißer Spritzer beim Heurigen.

Nachteule oder Early Bird?

Früher im Studium eher Nachteule – heute

nach 20 Jahren Kinder großziehen, die immer

früh wach waren, eher ein Early Bird.

Kino oder Theater?

Kino, aber auch das immer seltener.

Komödie oder Krimi?

Krimi! Meine absoluten Favoriten:

Sjöwall/Wahlöö und Jo Nesbø.

Daheim oder unterwegs?

Nach ein paar Wochen unterwegs komme

ich immer wieder gerne nach Hause – aber

auch umgekehrt!

Helene Fischer oder Adele?

Schade, dass Nirvana nicht zur Auswahl steht!

Was ist für Sie das vollkommene irdische

Glück?

Es sind die vielen kleinen schönen Momente

und Dinge, die das Leben lebenswert

machen.

Welche Fehler entschuldigen Sie am ehesten?

Fehler sind für mich ein wichtiger Teil eines

Lernprozesses, wichtig ist es, entsprechendes

Feedback zu geben – und auch anzunehmen.

Ihre liebsten Romanhelden und -heldinnen?

Homer Wells in „Cider House Rules“ von

John Irving

Ihre Lieblingsgestalt in der Geschichte?

… da fällt mir nicht wirklich eine ein, die ich

als Lieblingsgestalt bezeichnen würde.

Welche Reform bewundern Sie am meisten?

Solche die tatsächlich nachhaltig zu Verbesserungen

führen. Zwar keine Reform,

aber das Montreal Protokoll als erfolgreiches

internationales völkerrechtliches Abkommen

macht mir Mut.

Ihr Motto?

An dieser Stelle ein Zitat – „Gib einer Person

einen Fisch und du nährst sie für einen Tag;

lehre sie zu fischen und du nährst sie für ein

Leben lang!“

BOKU Magazin 1 | 2022

63


„Gäbe es heute die BOKU nicht bereits,

müsste man sie morgen erfinden“

Bunt, vielfältig, musikalisch, kritisch – mit einem Rückblick auf die vergangenen 150 Jahre sowie einem

Blick in die Zukunft wurde am 31. Jänner 2022 das Jubiläumsjahr der BOKU im Ilse-Wallentin-Haus eingeläutet,

das unter dem Motto „150 Jahre BOKU – nachhaltig vorausschauen“ steht. Von Bettina Fernsebner-Kokert

Als die Hochschule für Bodenkultur

am 15. Oktober 1872 im Palais

Schönborn eröffnet wurde, zählte

sie gerade einmal 100 Studierende.

Der Innovationkraft der BOKU, die seit

damals auf den drei Säulen Naturwissenschaften,

Technik sowie Sozial- und

Wirtschaftswissenschaften beruht, die

sich in allen Studienrichtungen wiederfinden,

habe dazu geführt, dass heute,

150 Jahre später, 11.000 Studierende ihre

Ausbildung an der BOKU absolvieren, so

Altrektor Hubert Hasenauer bei der Eröffnung

der Auftaktveranstaltung. „Wir

haben dieses innovative Forschungs- und

Lehrkonzept von den Gründervätern geerbt

und es ist die Aufgabe der Uni, die

jungen Talente zu fördern.“

„Einer pflanzt den Baum und die Nachfolger

ernten“, betonte der Forstwissenschaftler

Hasenauer bei der Rückschau

auf die vergangenen 150 Jahre, die er

gemeinsam in einer Diskussionsrunde

mit Altrektor Manfried Welan und Hermann

Katinger, dem Pionier der Biotechnologie

an der BOKU, unternahm. „Für

eine Spezialuniversität in einem kleinen

Land ist es erstaunlich, welche Größe

die BOKU hat.“

Wohl keiner hat sich mit der Geschichte

der BOKU so intensiv befasst wie

Manfried Welan, der erzählte, wie nach

der Schlacht bei Königgrätz 1866 und

dem daraus resultierenden Ausgleich

mit Ungarn ein Jahr später plötzlich alle

Agrarhochschulen in Ungarn lagen. Für

die neue „Hochschule für Bodencultur“

suchte man einen Standort, der möglichst

in der Nähe der Uni Wien, der TU

sowie der VetMed lag und fand ihn für die

nächsten 26 Jahre im Palais Schönborn

im 8. Bezirk.

Neben der Land- und Forstwirtschaft

kam 1883 das Studium der Kulturtechnik

und Wasserwirtschaft dazu, nach

den beiden Weltkriegen schließlich die

Gärungstechnik, die dank Hermann Katinger

schließlich zur heutigen Lebensmittel-

und Biotechnologie wurde.

Katinger betonte, dass „die BOKU auf

die Entwicklung von der analogen Betrachtungsweise

und Automatisation

zur digitalen sehr gut reagiert hat und

damit eine moderne, innovative Biotechnologie

ermöglicht. So kann die BOKU

auch in diesem Fach Antworten zu den

aktuellsten Fragestellungen erarbeiten.“

Doch Welan hat auch selbst für die Geschichte

der BOKU wichtige Entwicklungen

wie das Studium der Landschaftsplanung

und Landschaftsarchitektur

ermöglicht: „Dadurch gab es plötzlich

mehr Frauen an der BOKU und es wurde

viel pluralistischer. Demokratiepolitisch

wichtig daran war, dass es die einzige

Studienrichtung in Österreich ist, die

von Studierenden initiiert und durchgesetzt

wurde.“

Raffaela Schaidreiter, die die Auftaktveranstaltung

moderierte, erläuterte, warum

der Blick auf die 150-jährige Geschichte

der BOKU auch ein Fenster in die eigene

Familiengeschichte sei. Schaidreiter leitet

das ORF-Büro in Brüssel und ist selbst

BOKU-Alumna. „Ich habe Forstwirtschaft

studiert, so wie bereits mein Urgroßvater,

mein Opa und mein Vater und meine

Schwester hat Kulturtechnik und Wasserwirtschaft

studiert.“ Ihr beruflicher Weg

sei vielleicht nicht typisch, „es zeigt aber

auch, wie breit aufgestellt und mit welch

gutem Rüstzeug BOKU-Absolvent*innen

in den Berufsalltag starten können“.

In ihrem vielschichtigen und packenden

Poetry Slam „Boom! Ein Becher aus

64 BOKU Magazin 1 | 2022


Plastik“ gab Estha Sackl im Anschluss

Denkanstöße mit: „Wir lieben unseren

Hund und dann fressen wir ein Steak,

aber hey, es ist okay, Greta Thunberg

wird’s schon richten, sollen die anderen

doch auf ihren SUV verzichten. Wir lieben

den Regenwald und schmieren uns

dann Nutella auf das Brot, aber hey, das

ist okay, wir haben gerade ein Video von

Greenpeace auf Facebook gepostet –

gemeinsam schaffen wir das schon.“

„Wie nehmen die Studierenden heute

ihre Uni wahr?“, wollte Schaidreiter von

ihren nächsten Gesprächspartner*innen

wissen? Nina Mathies, stellvertretende

ÖH-BOKU-Vorsitzende sieht „eine der

größten Aufgaben unserer Generation

darin, die Klimakrise erfolgreich bewältigen

zu können“. Die BOKU stelle den

Studierenden dazu genau jenen Werkzeugkasten

bereit, um diese Probleme anzugehen

und zu lösen. Die ÖH-BOKU, die

ebenfalls ein umfangreiches Programm

zum Jubiläum geplant hat, wird unter

anderem die Studierenden dazu befragen,

„was diese sich in den kommenden

150 Jahren wünschen und wie die BOKU

diverser, feministischer und inklusiver

werden kann“, so Mathies.

„Viele junge Menschen kommen mit der

Hoffnung an die BOKU, mithilfe ihrer

Ausbildung auf die großen Herausforderungen

der nächsten Jahrzehnte reagieren

zu können – um etwa die Forst- und

Landwirtschaft klimaneutral zu machen“,

sagte Michael Spiekermann, UBRM-Student

und Austria’s Climate Youth Delegate.

„Aber ich denke, es geht noch mehr

und da muss die BOKU nachschärfen.“

Die BOKU, so Spiekermann, „steht für

ein Gefühl der Zusammengehörigkeit

und Freundschaft“.

In der zweiten Diskussionsrunde, die den

„Blick voraus“ warf, gab Rektorin Eva

Schulev-Steindl einen Ausblick auf die

kommenden 150 Jahre. „Die Stichworte

für die Zukunft haben wir gerade von

den jungen Menschen gehört, von Frau

Mathies, Herrn Spiekermann und auch

von Frau Sackl mit ihrem fantastischen

Poetry Slam. Die brennenden Themen

wie die Klimaproblematik liegen auf dem

Tisch und wir haben hier alles, was es

Fotos: BOKU/Christoph Gruber

braucht, um Lösungen anzubieten. Es

fehlt an der BOKU noch ein Lehrgang

oder ein Studium mit dem Fokus Klimawandel

und das möchte ich in meiner

Funktionsperiode gleich einmal angehen.“

„Wieviel Aktivismus darf Uni?“, wollte

die Moderatorin wissen. „Ich sehe die

BOKU an der vorderen Front, die Wissenschaftler*innen

haben hier auch eine

gesellschaftliche Verantwortung, sich in

den Diskurs einzubringen und ich sage

ihnen dabei den Rückhalt des Rektorats

zu“, so Schulev-Steindl.

Katharina Rogenhofer, Mitbegründerin

von Fridays for Future Österreich und

Sprecherin des Klimavolksbegehrens,

betonte, dass „angesichts der großen

Krisen junge Menschen aktiv geworden

sind – für sie gelten zukunftsträchtige

Studien wie die an der BOKU als Tool, um

aktuelle Herausforderungen nicht nur

zu verstehen, sondern auch Lösungen

dafür aktiv mitzugestalten zu können“.

Die BOKU sei großartig darin, wissenschaftliche

Netzwerke zur Verfügung

zu stellen.

Zugeschaltet aus Brüssel war Julie Anderson,

im Higher Education Unit der

EU-Kommission zuständig für den Bereich

Nachhaltigkeit. „Ich gratuliere der

BOKU für alles, was sie bereits erreicht

hat. Im Hochschulbereich wollen wir,

dass Universitäten wie die BOKU zu

Zentren für ökologische Nachhaltigkeit

werden, in denen es Partnerschaften

zwischen Universitäten, Forschungsinstituten,

Arbeitgeber*innen und der Zivilgesellschaft

gibt. Hier kann die BOKU

den Weg weisen und inspirieren.“

Dass die BOKU eine der führenden Nachhaltigkeitsuniversitäten

Europas sei, betonte

auch Kurt Weinberger, Uniratsvorsitzender

und Vorstandsvorsitzender der

Österreichischen Hagelversicherung im

Gespräch mit der Moderatorin. „Gäbe es

heute die BOKU nicht bereits, müsste

man sie morgen erfinden.“

Musikalisch begleitet wurde der Auftakt

von Sarah Mencari & Johannes Gschweidl

mit „Big Yellow Taxi“ von Joni Mitchell sowie

der BOKU-Blaskapelle mit „Brennan

dads guat“ von Hubert von Goisern und

dem „Earth Song“ von Michael Jackson.•

Jubiläumsprogramm

Jubiläumswebseite

Der Auftakt zum Jubiläumsjahr wurde in

Kooperation mit der Tageszeitung „Die Presse“

veranstaltet.

BOKU Magazin 1 | 2022

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Tulln-Wort-Bildmarke_4c.pdf 21.06.2012 14:26:10

Wie geht Zukunft?

BOKU Featuring Future“

Die zweitägige, international besetzte Konferenz möchte innovative

Antworten auf gesellschaftlich brennende Fragen geben.

Von Bettina Fernsebner-Kokert

D

ie BOKU als Universität der Nachhaltigkeit und des Lebens sucht stets den

Austausch mit der Gesellschaft und die Vernetzung mit anderen wissenschaftlichen

Fachbereichen, um gesellschaftlich relevante Lösungen zum Wohle

aller Menschen zu finden.

Daher ist es nur naheliegend, dass die BOKU als Höhepunkt des Jubiläumsjahrs

2022 am 24. und 25. Mai in die Aula der Wissenschaften in Wien einlädt, wo BOKU-

Forscher*innen mit spannenden Keynotespeakern, Wissenschaftler*innen, Vertreter*innen

aus der Wirtschaft und den Besucher*innen über folgende Themen

diskutieren werden:

1. Tag:

2. Tag

150 Jahre

BOKU

1872 - 2022

BOKU

Sommerball

am Campus Tulln

9. Juni 2022

Beginn: 20.00 Uhr

Einlass: 19.00 Uhr

Universitäts- und

Forschungszentrum Tulln

Ballkarte 20 €

Studierende 5 €

Karten ab 1.4.2022 erhältlich bei

Infos unter: sommerball@boku.ac.at

oder Tel. 0677/643 100 03

DANCING

ROUND THE

WORLD

www.boku-sommerball.at

Eröffnung:

Bundesministerin Elisabeth Köstinger

„Green Deal“

Keynote: Katharina Rogenhofer,

Mitbegründerin von Fridays for Future

Österreich

„Lebensräume der Zukunft“

Keynote: Gernot Wagner, Klimaökonom

an der New York University

Eröffnung:

Bundesministerin Leonore Gewessler

„Energie- und Mobilitätswende“

Keynote: Katja Schechtner, Mobilitätsforscherin

am Massachusetts Institute

of Technology (MIT)

„Gesellschaftlicher Wandel“

Keynote: Philipp Blom, Historiker,

Schriftsteller und Journalist

„Infrastruktur und Umwelttechnik“

Keynote: Thomas Rau, führender

Architekt auf dem Gebiet des nachhaltigen

und energieproduzierenden

Bauens

„One Health“

Keynote: Eckart von Hirschhausen,

Arzt, Fernsehmoderator, Schiftsteller

und Kabarettist

„Ernährungssicherheit und

Versorgung“

Keynote: Urs Niggli, Agrarwissenschaftler

und Vordenker des Biologischen

Landbaus

Wir freuen uns besonders, dass wir Barbara Stöckl und Tarek Leitner für die Moderation

der Zukunftskonferenz gewinnen konnten.

Wir danken unseren Sponsor*innen: Boehringer Ingelheim, Agrana, Österreichische

Hagelversicherung, SAN Group, ÖBB, Wiener Stadtwerke, RAW (Lagerhaus), Egger

sowie Raiffeisen Holding NÖ-Wien (Premiumsponsor des Gala-Abends am 24. Mai

in der Wiener Hofburg).

„Dancing

round the

world“

Unter diesem Motto des

diesjährigen BOKU-Sommerballs

am Campus Tulln kann

am 9. Juni 2022 das Tanzbein

geschwungen werden.

Der Kartenverkauf startet

am 1. April.

Laufend aktualisierte

Informationen sowie

die kostenlose Anmeldung

zur Konferenz

Medienkooperationspartnerin bei „BOKU Featuring

Future“ ist die Tageszeitung„Der Standard“.

66 BOKU Magazin 1 | 2022


BOKU Magazin 1 | 2022

67


ÖHV

„Der Bodenverbrauch ist ein Treiber der Klimakrise“

Kurt Weinberger, Vorstandsvorsitzender der Österreichischen Hagelversicherung und Vorsitzender des

Universitätsrates der BOKU, im Gespräch über die negativen Auswirkungen des zunehmenden Bodenverbrauchs

auf Klima und Lebensmittelversorgung sowie über Lösungsansätze und Anreizsysteme, die

diese Entwicklung eindämmen können. Interview: Bettina Fernsebner-Kokert

Derzeit werden in Österreich täglich im

Schnitt 11,5 Hektar verbaut, was der Größe

von 16 Fußballfeldern entspricht. Welche

Auswirkungen hat die Bodenversiegelung

auf die Sicherheit der Lebensmittelversorgung?

Weinberger: Die rasant fortschreitende

Bodenversiegelung hat enorme Auswirkungen

auf die Versorgung Österreichs

mit heimischen Lebensmitteln: Allein in

den vergangenen 50 Jahren wurden in

Österreich 300.000 Hektar beste Agrarflächen

durch Verbauung vernichtet. Das

ist mehr als die gesamte Ackerfläche

Oberösterreichs. Dabei hat Österreich

laut Grünem Bericht 2021 bereits jetzt

bei Getreide nur mehr einen Selbstversorgungsgrad

von 88 Prozent, bei Kartoffeln

von 85 Prozent, bei Obst und

Gemüse von rund 50 Prozent. Für mich

stellt sich hier die Frage: Wie sollen wir

mit immer weniger Boden zukünftige

Generationen ernähren?

Wie wirkt sich der Bodenverbrauch auf

das Klima aus?

Der Bodenverbrauch ist ein Treiber

der Klimakrise, da durch die Verbauung

von Äckern, Wiesen oder Wald ein

wichtiger Kohlenstoff- und Wasserspeicher

verloren geht. Die Erderwärmung

wird beschleunigt und Wetterextreme

werden weiter zunehmen. In Zukunft

werden wir daher vermehrt mit Überschwemmungen

rechnen müssen, da

bei Starkniederschlägen Wasser nicht

mehr abfließen kann. Doch auch extreme

Hitze- und Trockenperioden sind

längst keine Seltenheit mehr. Bemerkbar

macht sich das bei der Zahl der

Hitzetage, also Tage mit über 30 Grad

Celsius. Während es in den 1980er- und

1990er-Jahren sechs Hitzetage gegeben

hat, gibt es mittlerweile im Durchschnitt

20 solcher Tage. Also mehr als

das Dreifache. Die Konsequenz: Dürreperioden

nehmen zu!

Für die Gemeinden bringen die Gewerbegebiete

auf der grünen Wiese Kommunalsteuern.

Bedarf es Ihrer Ansicht nach einer

steuerlichen Regelung, um der Bodenversiegelung

entgegenzuwirken?

Faktum ist: Gemeinden stehen in einem

ständigen Interessenkonflikt, wenn es

um die Ansiedelung von Einwohnerinnen

und Einwohnern sowie Gewerbegebieten

geht. Es braucht daher eine stärker

übergeordnete Raumordnung, also auf

Landesebene beziehungsweise sollte

die Kommunalsteuer auf Bundesebene

eingehoben werden und im Wege des

Finanzausgleichs vermehrt an jene Gemeinden

verteilt werden, die sorgsam

mit den Ressourcen umgehen. Ganz allgemein:

Was nützt es, wenn wir uns beispielsweise

nur Gewinnmaximierung in

unserem wirtschaftlichen Handeln zum

Ziel setzen und dabei unser Naturkapital

– Boden, Luft oder Wasser – für immer

zerstören? Daher braucht es ein neues,

68 BOKU Magazin 1 | 2022


intelligenteres Wirtschaftsdenken. Eines,

das den Wohlstand einer Volkswirtschaft

nicht nur an der Kennzahl des Bruttoinlandsprodukts,

sondern auch am Erhalt

unseres Naturkapitals beurteilt. Nur so

können wir den Wohlstand unserer Gesellschaft

aufrechterhalten, ohne unsere

Umwelt als so wichtiges Kapital auf

Dauer zu schädigen. Wir müssen daher

deutlich bewusst machen: Ökonomie

und Ökologie sind keine Gegensätze,

sondern – vernünftig eingesetzt – ergänzen

sie sich gegenseitig. Genau darauf

setzen intelligente Volkswirtschaften

und kluge Unternehmen bereits.

Ein Faktor ist die Zersiedelung des ländlichen

Raums. Müssen wir uns dort vom

Traum vom Einfamilienhaus verabschieden

und uns mit mehrgeschoßigem Wohnbau

anfreunden?

Ausufernde Siedlungsränder und eine

niedrige Bebauungsdichte kennzeichnen

die österreichische Siedlungstätigkeit.

Diese Zersiedelung stellt ein großes Problem

dar. Wir haben in Österreich laut

Umweltbundesamt rund 40.000 Hektar

leer stehende Immobilien. Das entspricht

der Fläche der Stadt Wien. Dieser Leerstand

muss wieder in Nutzung gebracht

werden. Es kann nicht sein, dass Ortskerne

regelrecht aussterben, während

an den Ortsrändern weiter neue Wohnsiedlungen

und Gewerbegebiete entstehen.

Dabei muss uns auch bewusst

sein, dass es für jede neue Siedlung eine

neue Straße braucht, mit der wieder ein

Stück Boden unter Asphalt oder Beton

begraben wird. Zusätzlich gefährdet die

Zersiedelung auch die Schönheit unseres

Landes.

ÖHV

»

Als Vorsitzender des Universitätsrates

sehe ich die BOKU auch in

ihrer künftigen Entwicklung als

die führende Nachhaltigkeitsuniversität

in Österreich, an der

Studierende zu nachhaltig

denkenden und verantwortungsvollen

Persönlichkeiten

ausgebildet werden.

Kurt Weinberger

Die Bevölkerungszahlen in den urbanen

Räumen steigen und damit wachsen auch

die Städte immer mehr ins Grüne. Wie kann

der Bodenverbrauch im städtischen Bereich

eingedämmt werden?

Eine Umfrage der Statistik Austria hat

gezeigt, dass seit dem Jahr 2001 die

Flächenversiegelung mit 26,6 Prozent

deutlich schneller als die österreichische

Bevölkerung mit plus 10,9 Prozent

wuchs. Mit dem Bodenverbrauch stieg

auch die durchschnittliche Wohnfläche

pro Person an. Im Umkehrschluss bedeutet

das, dass wir in Österreich bei wachsender

Bevölkerung immer mehr Platz

zum Wohnen, aber weniger Fläche zur

Lebensmittelproduktion zur Verfügung

haben. Es gilt daher auch hier: Innenentwicklung

vor Außenentwicklung. Leer

stehende Immobilien müssen mithilfe

von Anreizsystemen vorrangig revitalisiert

werden, um den Bodenverbrauch

einzudämmen.

Die Forscher*innen an der BOKU arbeiten

an Lösungen zum Klima- und Bodenschutz.

Welchen Beitrag kann eine Kooperation

von Wirtschaft und Wissenschaft dazu

leisten?

Die Universität für Bodenkultur Wien

als die Nachhaltigkeitsuniversität nimmt

im Bereich Klima- und Bodenschutz mit

ihrer Grundlagen-, aber auch mit ihrer

praxisorientierten Anwenderforschung

eine führende Rolle ein. Die Wissenschaft

liefert wichtige Erkenntnisse, die

sowohl von der Politik als auch von der

Wirtschaft als Entscheidungsgrundlagen

herangezogen werden. In Zukunft wird

es vor allem darum gehen, das Wissen

der Universität noch mehr und verständlicher

in die Gesellschaft hineinzutragen.

Eine Kooperation von Wirtschaft und

Wissenschaft sehe ich daher als Notwendigkeit,

um gemeinsam Lösungen

zu erarbeiten, damit auch nachfolgende

Generationen in einer lebenswerten Umgebung

leben können.

Wo sehen Sie als Vorsitzender des Universitätsrates

die BOKU in ihrer künftigen

Entwicklung und was wünschen Sie der

Universität zum 150. Geburtstag?

Als Vorsitzender des Universitätsrates

sehe ich die BOKU auch in ihrer künftigen

Entwicklung als die führende Nachhaltigkeitsuniversität

in Österreich, an der

Studierende zu nachhaltig denkenden

und verantwortungsvollen Persönlichkeiten

ausgebildet werden. Wir sind die

einzige Universität in Österreich, die eine

ganzheitliche Ausbildung in Ökonomie,

Ökologie und Sozialem anbietet. Diese

Einzigartigkeit basiert auf dem Dreisäulen-Modell,

das Natur- und Ingenieurwissenschaften

mit Wirtschafts- und

Sozialwissenschaften kombiniert. Durch

dieses Alleinstellungsmerkmal haben die

BOKU und die Studierenden eine riesige

Chance, zu den großen Herausforderungen

unserer Zeit wie Klimakatastrophe,

Bodenverbrauch, Verlust der Biodiversität,

Weltbevölkerungsentwicklung

etc. Antworten für die Politik, die Wirtschaft

und die Gesellschaft zu geben.

Der Universität wünsche ich zum 150.

Geburtstag auch weiterhin neugierige

und kluge Köpfe, die den Mut haben,

Ideen aufzuzeigen, voranzutreiben, nach

außen sichtbar zu machen und Werte der

Nachhaltigkeit zu leben beziehungsweise

zu verkörpern und so ihren Beitrag für

eine nachhaltige Zukunft zu leisten. •

Die Österreichische Hagelversicherung ist eine

Sponsorin der BOKU-Zukunftskonferenz am

24./25. Mai 2022.

BOKU Magazin 1 | 2022

69


Philipp Lipiarski

BOKU-Absolvent*innen bringen ein sehr

fundiertes fachliches Know-how mit“

Christian Eckermann, Standortleiter der Biopharmazie Wien bei Boehringer Ingelheim, schätzt die BOKU

als verlässliche Forschungspartnerin im biopharmazeutischen Bereich, die junge, motivierte und talentierte

Wissenschaftler*innen hervorbringt. Mit dem Programm „Sustainable Development – for Generations“

möchte der Konzern dazu beitragen, nachhaltige Lösungen für globale Herausforderungen zu finden.

Interview: Bettina Fernsebner-Kokert

Boehringer Ingelheim und die Universität

für Bodenkultur Wien haben eine lange

Tradition der Zusammenarbeit. Was zeichnet

die BOKU aus Ihrer Sicht aus?

Christian Eckermann: Die BOKU ist eine

für unsere Branche bedeutende Universität

für die Ausbildung junger, motivierter

und talentierter Wissenschaftler*innen,

die mit Leidenschaft an der Entwicklung

verschiedener Technologien der Zukunft

arbeiten. Gleichzeitig ist sie eine verlässliche

Partnerin für unterschiedlichste Entwicklungsprojekte

mit einem Mehrwert

für eine noch nachhaltigere Produktion.

Über welche Skills verfügen die BOKU-Absolvent*innen,

die sie in der pharmazeutischen

Branche gefragt machen?

BOKU-Absolvent*innen, vor allem aus

den Fachrichtungen Lebensmittel- und

Biotechnologie, biomolekulare Technologie

sowie Verfahrenstechnik, bringen

ein sehr fundiertes fachliches Knowhow

mit.

Zusätzlich schätzen wir Soft Skills wie

etwa Team- und Kommunikationsfähigkeit,

ein hohes Maß an Eigeninitiative,

Begeisterungsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen.

Außerdem ist ein

Grundverständnis und Interesse für biopharmazeutische

Prozesse sowie GMP

(Good Manufacturing Practice) wichtig.

Wir sind immer auf der Suche nach

frischer Energie und innovativen Ideen

und freuen uns über talentierte Absolvent*innen

der BOKU, die zusammen

mit uns wachsen wollen.

Die im Vorjahr eröffnete biopharmazeutische

Produktionsanlage im 12. Bezirk stellte

die größte Investition in der Stadt seit

mehr als 40 Jahren dar. Was macht den

Standort Wien für Life-Sciences-Unternehmen

und im Speziellen für Boehringer

Ingelheim attraktiv?

Es zeichnen hier unterschiedliche Faktoren

für die Attraktivität des Standorts

verantwortlich, unter anderem die

stabilen wirtschaftlichen, politischen

und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen,

aber auch das klare politisches

Bekenntnis zur industriellen Forschung

und Produktion am Standort Österreich.

70 BOKU Magazin 1 | 2022


Weiters die Schaffung eines wirtschafts-,

investitions- und innovationsfreundlichen

politischen und gesellschaftlichen

Klimas in Österreich, auch um zukünftige

Investitionsentscheidungen positiv zu

beeinflussen. Und nicht zuletzt ein hohes

Bildungsniveau, das die Rekrutierung

hochqualifizierter Fachkräfte ermöglicht,

zum Beispiel wissenschaftliche

Fachkräfte für Biotechnologie oder die

Krebsforschung.

Ihr Konzern setzt am Standort Wien auf

Strom aus erneuerbarer Energie und Weiternutzung

des Abwassers. Was bedeutet

Nachhaltigkeit im pharmazeutischen Bereich?

Ziel von Boehringer Ingelheim ist es, die

Gesundheit von Mensch und Tier zu verbessern

– heute und in Zukunft. Dafür

haben wir einen Rahmen geschaffen:

„Sustainable Development – for Generations“.

Dieser umfasst die Säulen: More

Health, More Potential und More Green.

Durch unsere Aktivitäten in diesen drei

Bereichen wollen wir dazu beitragen,

nachhaltige Lösungen für globale Herausforderungen

zu finden. Diese sind

gute Gesundheit von Mensch und Tier,

gute Gesundheit von Gemeinschaften

und unseren Mitarbeiter*innen sowie

gute Gesundheit unseres Planeten. Innerhalb

dieser Säulen setzen wir einen

Fokus auf unterschiedliche Bereiche wie

etwa den Zugang zu Gesundheit, den

Bedarf an Medikamenten in Bereichen

nicht übertragbarer Krankheiten, den

Kampf gegen Infektionskrankheiten,

einen Beitrag zu sicheren Nahrungsmitteln,

die Förderung gesunder, inklusiver,

nachhaltiger Gemeinschaften sowie den

Umweltschutz.

Boehringer Ingelheim

»

Ganz im Sinne von ‚Sustainable

Development – for Generations‘

setzten wir uns hier klar das Ziel,

in Zukunft noch nachhaltiger und

kostengünstiger zu produzieren,

um dadurch mehr Patient*innen

weltweit Zugang zu lebensnotwendigen

Medikamenten

zu ermöglichen.

Christian Eckermann

Welche Herausforderungen wird es Ihrer

Ansicht nach für die biopharmazeutische

Industrie der Zukunft geben?

Als industrieweite Themen sehe ich den

Umgang mit Ressourcen wie Wasser und

Energie sowie die steigende Nachfrage

nach Expert*innen und Fachkräften als

Herausforderungen. Aus Anlagen- und

Prozesssicht wollen wir mit hochmodernen

Standards wie Robotics und Automatisierung

bis hin zur vollautomatisierten

Fabrik der Zukunft vorne mit dabei sein.

Ganz im Sinne von „Sustainable Development

– for Generations“ setzten wir uns

hier klar das Ziel, in Zukunft noch nachhaltiger

und kostengünstiger zu produzieren,

um dadurch mehr Patient*innen

weltweit Zugang zu lebensnotwendigen

Medikamenten zu ermöglichen. Eine

weitere Herausforderung, die ich aus

Anlagensicht sehe: Durch „Präzisionsmedizin“

– also individuell angepasste

Medizin – entstehen zum Teil neue Anforderungen

an die Produktion, wie etwa

die industrielle Produktion individualisierter

Medikamente im Kleinstmaßstab.

Sollten Ausbildungs- und Forschungsstätten

enger mit der Industrie zusammenarbeiten?

Wie gestaltet sich die Kooperation

zwischen Boehringer Ingelheim und

der BOKU?

Aus meiner Sicht gelingt wissenschaftlicher

Fortschritt nur durch Kooperationen

und Austausch. Daher finde ich

eine Zusammenarbeit in den Bereichen

Erforschung neuer biotechnologischer

Ansätze sowie auch in der Lehre und Ausbildung,

ganz wesentlich.

Wir haben seit vielen Jahren Forschungskooperationen

mit der BOKU. Viele dieser

Projekte widmen sich der gemeinsamen

biopharmazeutischen Forschung:

Etwa im Rahmen des Austrian Center of

Industrial Biotechnology (acib), an dem

die BOKU beteiligt und wo Boehringer

Ingelheim ein wichtiger Industrie- und

Forschungspartner ist. Oder die Zusammenarbeit

mit einem Christian Doppler

Labor zur angewandten Forschung im

Bereich der E.coli-Bakterien. Unsere Kooperation

umfasst auch Initiativen zur

Förderung junger Wissenschaftstalente.

Diese reichen von einem Post-Doc-Programm

für promovierte BOKU-Absolvent*innen

bis hin zu einer Lehrveranstaltungsreihe

zum Thema „Sicherheit am

Arbeitsplatz“, bei der Expert*innen von

Boehringer Ingelheim den Studierenden

praktische Einblicke in das sichere und

effiziente Arbeiten in der Pharmaindustrie

gaben.

Was wünschen Sie der BOKU zum 150.

Geburtstag?

Wir wünschen der BOKU für die künftigen

150 Jahre weiterhin allen erdenklichen

Erfolg in der Ausbildung junger

Wissenschaftler*innen sowie weiterhin

große Fortschritte in der Wissenschaft

und Forschung. Die BOKU leistet einen

wesentlichen Beitrag für eine nachhaltige

und gesunde Zukunft. Herzlichen

Glückwunsch zum Jubiläum! •

Boehringer Ingelheim ist ein Sponsor der BOKU-

Zukunftskonferenz am 24./25. Mai 2022.

BOKU Magazin 1 | 2022

71


Agrana

„Die Forschenden der BOKU setzen wichtige

Impulse für eine nachhaltige Zukunft für uns alle“

AGRANA will bis 2040 die Treibhausgasemissionen aus ihren Produktionsanlagen auf netto Null reduzieren,

bis 2050 soll über die gesamte Wertschöpfungskette nachweislich klimaneutral gearbeitet werden.

CEO Markus Mühleisen und CTO Norbert Harringer im Gespräch mit Bettina Fernsebner-Kokert.

Herr Mühleisen, Sie sind seit Mitte vergangenen

Jahres der neue CEO von AGRANA.

Was sind Ihre Zielsetzungen für die kommenden

Jahre?

Mühleisen: Zunächst einmal ist es mir

eine große Freude, an der Spitze von

AGRANA zu stehen und mit unserem

Team ein neues Kapitel in der Erfolgsgeschichte

des Unternehmens aufschlagen

zu dürfen. AGRANA hat sich in den 34

Jahren des Bestehens erfolgreich von

einem rein österreichischen zu einem

internationalen, gut positionierten und

diversifizierten Unternehmen für Nahrungsmittel

und Industriegüter weiterentwickelt.

Unser Ziel ist zunächst einmal,

in allen Bereichen effizienter zu werden

und die Ergebnisse zu verbessern.

Dann ist mir eine starke Kund*innen- und

Marktorientierung wichtig. Das heißt, wir

müssen näher an unsere Kund*innen heran

und gezielt schauen, wo es Chancen

im Markt gibt. Drittens möchte ich mit

dem Vorstand die strategische Weiterentwicklung

der AGRANA vorantreiben.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit für Sie?

Mühleisen: Nachhaltigkeit und insbesondere,

wie wir den Klimawechsel und

die Energiewende meistern, ist eine der

ganz großen Aufgaben, die wir alle momentan

haben. Daher finde ich auch das

BOKU-Motto anlässlich ihres Jubiläums

72 BOKU Magazin 1 | 2022


»

AGRANA hat in puncto Nachhaltigkeit

bereits viel Vorarbeit

geleistet, das heißt, unsere

Produkte, wie Bioethanol,

Thermoplastische Stärken und

Eiweißfuttermittel leisten durch

den Ersatz fossiler Produkte

und Erzeugung in einer Kreislaufwirtschaft

bereits heute

einen bedeutenden Klimaschutzbeitrag.

Norbert Harringer

die Treibhausgasemissionen aus unseren

Produktionsanlagen auf netto Null

reduzieren. Diese große Herausforderung

soll in vier Teilschritten zu jeweils

fünf Jahren bewältigt werden. Bis 2050

wollen wir dann über die gesamte Wertschöpfungskette

nachweislich klimaneutral

arbeiten. Dazu werden spätestens

ab 2030 – nach entsprechenden internen

und externen Vorbereitungen – ein

strukturiertes Emissionsmanagement

und Reduktionsmaßnahmen für unsere

Lieferkette eingeführt.

Herr Mühleisen, Sie waren immer in der

Nahrungsmittelindustrie tätig. Ist uns als

Gesellschaft die Bedeutung von Lebensmittelsicherheit

und funktionierenden Lebensmittelketten

ausreichend bewusst?

Mühleisen: Die Pandemie hat zweifellos

dazu beigetragen, dieses Bewusstsein zu

stärken. Ich erinnere an den Beginn der

Pandemie, als sich viele Menschen aus

Sorge vor Engpässen mit Lebensmitteln

auf Vorrat eingedeckt haben. Die Regale

blieben dennoch gut gefüllt. Nicht

umsonst ist die Lebensmittelindustrie

Österrreichs als „system- und versorgungsrelevant“

und wesentlicher Teil

der „kritischen Infrastruktur“ eingestuft

worden.

»

Nachhaltigkeit und insbesondere,

wie wir den Klimawechsel

und die Energiewende meistern,

ist eine der ganz großen

Aufgaben, die wir alle

momentan haben. Für mich ist

das ein sehr wichtiges Thema.

Und ich weiß, dass das auch für

unsere Kund*innen und für die

Gesellschaft insgesamt ein sehr

wichtiges Thema ist.

Markus Mühleisen

Georg Wilke

„150 Jahre nachhaltig vorausschauen“

sehr passend. Für mich ist das ein sehr

wichtiges Thema. Und ich weiß, dass das

auch für unsere Kund*innen und für die

Gesellschaft insgesamt ein sehr wichtiges

Thema ist.

Harringer: AGRANA hat in puncto Nachhaltigkeit

bereits viel Vorarbeit geleistet,

das heißt, unsere Produkte, wie

Bioethanol, Thermoplastische Stärken

und Eiweißfuttermittel leisten durch den

Ersatz fossiler Produkte und Erzeugung

in einer Kreislaufwirtschaft bereits heute

einen bedeutenden Klimaschutzbeitrag.

Darauf werden wir in der Zukunft noch

mehr Fokus legen.

AGRANA verfolgt erstmals eine Klimastrategie.

Wo setzt der Konzern bei seinem

Weg zur Klimaneutralität an?

Harringer: Wir haben für die angestrebte

Dekarbonisierung einen Plan mit konkreten

Projekten. Bis 2040 wollen wir

Die AGRANA vergibt seit 23 Jahren den

Förderungspreis für Wissenschaft und

Forschung an der Universität für Bodenkultur.

Was zeichnet die BOKU und ihre

Forschenden aus?

Harringer: Die BOKU zählt auf ihrem

Gebiet zu den führenden Universitäten

in Europa, Ich freue mich, dass AGRANA

mit der BOKU eine langjährige Partnerschaft

pflegt. Neben der Auftragsvergabe

für Forschungsarbeiten ist uns der

AGRANA-Forschungsförderungspreis

ein besonderes Anliegen, weil wir gezielt

junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

und deren Forschungen in den

für AGRANA wichtigen Bereichen Agrarökonomie

und Lebensmitteltechnologie

unterstützen wollen. Die Forschenden

der BOKU setzen wichtige Impulse für

eine nachhaltige Zukunft für uns alle.

Was wünschen Sie der BOKU zum 150.

Geburtstag?

Wir gratulieren der BOKU sehr herzlich

und wünschen ihr zu ihrem Jubiläum

alles erdenklich Gute und auch für die

kommenden Jahre weiterhin viel Erfolg!

Möge dieses Jubiläum Ansporn sein, sich

in den nächsten 150 Jahren als Universität

kontinuierlich weiterzuentwickeln.

Die Herausforderungen unserer Zeit, insbesondere

der Klimawandel mit seinen

Auswirkungen für die Natur und Umwelt,

fordern Antworten und kreative Ideen

von wichtigen wissenschaftlichen Einrichtungen

wie der BOKU. •

AGRANA ist ein Sponsor der BOKU-Zukunftskonferenz

am 24./25. Mai 2022.

BOKU Magazin 1 | 2022

73


Raiffeisen NÖ-Wien | Eva Kelety

„Es braucht Innovation, Kreativität und Mut“

Erwin Hameseder, Obmann der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien, im Gespräch mit Bettina Fernsebner-Kokert

über die Verpflichtung gegenüber künftigen Generationen und die heimische Landwirtschaft als Rückgrat

der Versorgungssicherheit.

Wie haben sich die Ansprüche an nachhaltiges

Wirtschaften im Lauf der Jahre

gewandelt?

Erwin Hameseder: Die Nachhaltigkeit ist

längst in der breiten Gesellschaft – und damit

auch in der Wirtschaft – angekommen.

Wir alle haben eine Verpflichtung gegenüber

den kommenden Generationen. Was

aktuell stattfindet, ist der Beginn eines

Transformationsprozesses, den Unternehmen

durchlaufen. Das ist eine komplexe

Herausforderung und die Unternehmen

brauchen hier Partner*innen, mit denen

die Balance zwischen wirtschaftlichem

Erfolg und ökologischer sowie sozialer

Verantwortung umgesetzt werden kann.

Was beinhaltet die Nachhaltigkeitsstrategie

der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien

und der Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien?

Es geht uns als Genossenschaft um

gesellschaftliche, soziale, ökologische

und wirtschaftliche Verantwortung in

den Regionen. Wir wollen aktiv einen

Beitrag leisten. Wir sind seit Jahren in

der Finanzierung und Erzeugung erneuerbarer

Energien engagiert und

unterstützen neue Technologien, um

ökologische Ziele erreichen zu können.

Weiters verpflichten wir uns zur Einhaltung

der Menschenrechte und lehnen

Geschäftsbeziehungen ab, die zu

deren Verletzung führen können. Die

Raiffeisenlandesbank NÖ-Wien will im

Kernbereich „Produkte & Services“

den Anteil klimafreundlicher Produkte

und Services am jeweiligen Portfolio

bis 2030 auf 25 Prozent erhöhen

sowie die Treibhausgas-Emissionen in

den Kundenveranlagungen bis 2030 um

mindestens 25 Prozent reduzieren. Ein

weiteres Ziel ist auch die Mobilität, hier

sollen die Emissionen um mindestens 50

Prozent reduziert werden.

Ein Geschäftsfeld ist der Agrarbereich.

Wie reagiert Raiffeisen NÖ-Wien auf die

Herausforderungen durch die Klimaveränderung?

Der Agrarsektor ist eine der zentralen

Säulen unserer Gesellschaft, unsere

Bauern sind das Rückgrat der Versorgungssicherheit.

Wir müssen alles dafür

tun, diesen Bereich bestmöglich zu

schützen. Gelingen kann das nur durch

stabile Partnerschaften und individuelle

Lösungen. Auch Innovationen sind

wichtig, wenn sich etwa die Ansprüche

an Produktionsanlagen verändern und

neue Lösungen gefragt sind. Aus der

74 BOKU Magazin 1 | 2022


Raiffeisen

Sicht einer Beteiligungs-Holding geht

es auch um das strategische Absichern,

dass Unternehmen ausreichend Innovationspotenzial

und budgetäre Mittel für

Forschung und Entwicklung aufbauen

können.

Welche Themen werden aus Ihrer Sicht in

Zukunft an Bedeutung gewinnen?

Es geht darum, die Weichen zu stellen,

damit auch die kommenden Generationen

lebenswerte Verhältnisse vorfinden.

Dieser Verantwortung darf sich niemand

entziehen. Das Spielfeld ist riesig, es

muss auf der gesamten Fläche angesetzt

werden. Alle sind gefordert, jede*r

Einzelne, die Wirtschaft, die Politik – es

braucht Innovation, Kreativität und Mut.

Wer auf Kohle setzt oder der Atomkraft

ein „grünes Mascherl“ umhängt, hat die

»„Es geht uns als

Genossenschaft um

gesellschaftliche, soziale,

ökologische und wirtschaftliche

Verantwortung in den

Regionen. Wir wollen aktiv

einen Beitrag leisten.“

Erwin Hameseder

Obmann der Raiffeisen-

Holding NÖ-Wien

Zeichen der Zeit nicht verstanden. Es

geht aber auch um eine neue soziale Verantwortung,

auch hier müssen spürbare

Weiterentwicklungen passieren, wenn

es um den Zusammenhalt des sozialen

Gefüges geht.

Was wünschen Sie der BOKU als der heimischen

Nachhaltigkeitsuniversität zum

150. Geburtstag?

Das universitäre Feld ohne die BOKU

wäre wie der Finanzplatz ohne Raiffeisen.

Ich freue mich auf die weitere Zusammenarbeit

und wünsche dieser ehrwürdigen

Institution nur das Beste. •

Die Raiffeisen-Holding NÖ-Wien ist Premiumsponsorin

des Gala-Abends in der Wiener Hofburg anlässlich

des 150-Jahr-Jubiläums am 24. Mai 2022.

BOKU Magazin 1 | 2022

75


LEHRE

Prüfung mit Aha-Effekt

Von Georg Sachs

Bernhard Spangl vom Institut für Statistik hat für seine innovativen Lehrmethoden den Staatspreis

für exzellente Lehre, „Ars Docendi“, erhalten. Kernstück ist ein zweistufiger Prüfungsmodus, bei

dem Studierende in der zweiten Phase gemeinsam an der Lösung der Aufgaben arbeiten.

M

ärz 2020. Wie über das gesamte

gesellschaftliche Leben bricht

die Covid-19-Pandemie auch

über die BOKU von einem Tag auf den

anderen herein und stellt das bisherige

Leben auf den Kopf. Vor allem der

Lehrbetrieb muss sich der neuen Situation

ohne Vorbereitung stellen: Ist es

möglich, die für das Sommersemester

geplanten Lehrveranstaltungen abzuhalten,

ohne dass die Studierenden an

die Uni kommen müssen? Und wenn ja:

in welchem Modus, mit welchen Hilfsmitteln?

Wird es möglich sein, auch Prüfungen

„in Distanz“ abzulegen?

Auch Bernhard Spangl vom Institut für

Statistik trifft die Situation unerwartet,

aber nicht ganz unvorbereitet. Bereits

seit Längerem hat man am Institut Prüfungen

zu Grundlagen-Lehrveranstaltungen

mittels „Multiple-Choice-Test“

durchgeführt. „Das haben wir schon

aufgrund der schieren Anzahl an Studierenden

so gehandhabt“, sagt Spangl.

Nahezu jede Bachelor-Studienrichtung

an der BOKU hat heute ihre eigene

Statistik-Lehrveranstaltung, kaum eine

Studie kommt ohne gute Datenanalyse

aus. Viele Studienrichtungen haben das

erkannt und weiten ihr Statistik-Lehrprogramm

aus. Spangl hält derzeit die

entsprechende Statistik-Einführung für

Studierende der Landschaftsplanung und

Landschaftsarchitektur. „In diesem Fach

ist Statistik erst im fünften Semester

vorgesehen, was den Vorteil einer geringeren

Dropout-Rate und einer größeren

Nähe zum Verfassen einer Bachelorarbeit

hat, wo man die statistischen

Kenntnisse mitunter schon gut brauchen

kann“, ist Spangls Erfahrung.

Die Werkzeuge, die in der Statistik selbst

verwendet werden, begünstigten einen

durch digitale Hilfsmittel unterstützten

Lehrbetrieb. So lassen sich mit dem Software-Paket

R einfach und automatisiert

statistische Aufgaben in großer Zahl erstellen.

Dazu kam, dass an der BOKU

schon seit Längerem die Lernplattform

Moodle in Verwendung stand, um Lehrveranstaltungen

elektronisch zu begleiten

und Tests mit Feedback abzuhalten

76 BOKU Magazin 1 | 2022


Adobe Stock

BMBWF/Martin Lusser

Bernhard Spangl bei der Preisverleihung 2021 mit Sabine Baumgartner, der damaligen

Vizerektorin für Lehre.

Das Distance Learning und das Bilden

von geschlossenen virtuellen Gruppen

in Breakout-Räumen wurde durch das

Konferenz-Tool Zoom ermöglicht.

LERNEN AUF AUGENHÖHE

Die Werkzeuge waren also vorhanden.

Dazu kam ein zweiter Baustein: Spangl

hatte sich mit didaktischen Methoden

beschäftigt, die im angloamerikanischen

Raum schon eine gewisse Verbreitung

gefunden haben und die kooperative

Elemente als integrative Bestandteile

der Lehre zum Einsatz bringen: „Der

Physiker Eric Mazur hat einen Ansatz

entwickelt, der sich ‚Peer Instruction‘

nennt. Dabei wird zum Beispiel eine Frage

gestellt, die alle Teilnehmer*innen zunächst

für sich beantworten. Dann wird

abgestimmt, welche Antwort die richtige

ist“, so Spangl. Gibt es verschiedene

Ansichten dazu, sollen die Studierenden

einander von ihrem jeweiligen Vorschlag

überzeugen. „In der Literatur geht man

davon aus, dass man eher bereit ist, von

jemandem etwas anzunehmen, der/die

ein ‚Peer‘ ist, also aus derselben Gruppe

wie man selbst.“

Spangl hat nun derartige, im Hörsaal

schon bewährte Methoden mit dem

in Zeiten der Pandemie notwendig gewordenen

Online-Setting verschnitten

und die elektronischen Tools dazu genutzt,

Elemente der Zusammenarbeit

auch in Zeiten des Distance Learning

umzusetzen. Eine dieser Methoden sind

sogenannte „Two-stage exams“. Die Idee

dahinter: Die Studierenden absolvieren

zunächst einen Test als Einzelleistung

und bekommen unmittelbar danach

dieselben Fragen in einer Gruppe noch

einmal vorgelegt. Auf diese Weise wird

eine kollaborative Komponente in die

Prüfungssituation mit eingebracht und

die Teilnehmer*innen erhalten unmittelbares

Feedback auf Fragen, die zunächst

offen geblieben sind. Dieses Feedback

beschränkt sich aber nicht nur auf die

Teilnehmer*innen aus der Gruppe selbst:

„Die Gruppe bekommt die Möglichkeit,

eine Frage so lange zu beantworten, bis

die Antwort stimmt“, erläutert Spangl

das Prinzip.

Wichtig sei dabei, dass vor dem zweiten

Teil keinerlei Information über das Abschneiden

in der ersten Phase übermittelt

wird, wie Spangl erklärt: „Das soll

verhindern, dass sich jemand der eigenen

Leistung sehr sicher ist und sich an

der Diskussion gar nicht mehr beteiligt.“

Ohnehin sei die Zusammensetzung der

Teams, die aus vier bis sechs Personen

bestehen, von Bedeutung. „Man muss die

Gruppen so zusammenstellen, dass das

Wissensniveau der einzelnen Studierenden

halbwegs gleich ist“, betont Spangl.

Auf dieses kann der/die Vortragende aufgrund

der Übungsleistung im Rahmen

der Lehrveranstaltung schließen. „Das

ist möglich, weil es sich dabei um eine

Vorlesung mit Übung, also eine Lehrveranstaltung

mit immanentem Prüfungscharakter,

handelt“, sagt Spangl. Das

erlaubte auch, die Studierenden schon

während des Semesters auf den neuen

Prüfungsmodus vorzubereiten. „Ein solches

System kann man nicht von heute

auf morgen einführen“, sagt Spangl, der

auch erlebt hat, dass ein allzu schneller

Umstieg scheitern kann. Es sei daher

wichtig gewesen, die neue Form der Prüfung

während des Semesters einzuüben,

wo es noch um nichts geht.

NEUE METHODIK ZIEHT KREISE

Auf diese Weise hat es gut funktioniert,

die neuen Methoden aus dem Hörsaal

in das Online-Tool zu übertragen.

Gleichwohl muss auch in einem solchen

BOKU Magazin 1 | 2022

77


Adobe Stock

Prüfungsmodus eine objektivierbare Beurteilung

der Studierenden möglich sein:

„In der Regel trägt die Einzelleistung

mit 80 Prozent zur Gesamtnote bei. Die

Gruppenarbeit ist ein Goodie, das zusätzlich

dazukommt“, betont Spangl. Zudem

erhält die Gruppe Punkteabzüge, wenn

sie mehrere Versuche benötigt, um eine

Frage richtig zu beantworten.

Den angehenden Landschaftsplaner*innen

und -architekt*innen hat diese Form

der Wissensüberprüfung jedenfalls gut

gefallen: „Ich habe die Studierenden gebeten,

mir freiwillig anonymes Feedback

zu geben. Dabei hat sich gezeigt, dass

dieser Prüfungsmodus sehr gut aufgenommen

wurde.“ Vor allem der zusätzliche

Lerneffekt, der durch den Austausch

mit den Peers entsteht, wurde sehr geschätzt.

Lernen kann in dieser Methodik

aber auch der Lehrende selbst: Schon

im Probelauf wird transparent, welche

Art von Aufgaben von den Prüflingen

selbstständig gelöst werden können.

Zusätzliche Einsichten lassen sich bei

der Prüfung selbst gewinnen: „Wir können

bei den Gruppendiskussionen im

Hintergrund mithören und viel über das

Verständnis der Studierenden lernen“,

sagt Spangl.

Überzeugt hat das didaktische Konzept

und der darauf aufbauende zweistufige

Prüfungsmodus aber auch die Jury des

Staatspreises „Ars Docendi“, bei dem

Spangl als Preisträger in der Kategorie

„Methoden des Distance Learning und

deren nachhaltiger Einsatz“ hervorging.

In der Würdigung hieß es: „Ein derartig

komplexer und auf Nachhaltigkeit angelegter

Wandel des Prüfungsansatzes

ist das Ergebnis umfangreicher und zielgruppensensibler

Planung. Und diese

Leistung der Lehrperson ist in Verbindung

zur Ad-hoc-Umstellung auf Distanzlehre

im Zuge der Corona-Pandemie

in höchstem Maße anerkennenswert.“

Die Pandemiesituation hat dabei durchaus

ein gutes Fenster für eine derartige

Innovation geschaffen: „Ich habe keinen

Widerstand gegen die neue Methodik

wahrgenommen, es war einfach nötig, innovative

Formate zu finden“, sagt Spangl.

Innerhalb der Mindestanforderungen, die

vom Studiendekan für Online-Prüfungen

festgelegt wurden, konnte sich Spangl

als Anbieter der Lehrveranstaltung frei

bewegen. Einen Punkt hebt der gelernte

Mathematiker dabei besonders hervor:

„Diese neuen Formen der Zusammenarbeit

während des Semesters zu trainieren,

kostet Zeit. Das geht nur, wenn man vom

traditionellen Lehrkonzept abweicht.“

Spangl bedient sich dabei eines Ansatzes,

den man „Flipped Classroom“ nennt: Dabei

wird der Lehrstoff selbst nicht frontal

unterrichtet, sondern von den Studierenden

selbst erarbeitet. Dafür bleibt dann

mehr Zeit für „Peer Instruction“.

Der Begriff „forschungsgeleitete Lehre“

hat in diesem Fall eine besondere

Be deutung bekommen. Spangl hat die

Didaktik der Statistik selbst zum Gegenstand

wissenschaftlicher Forschung gemacht

und darüber publiziert und auf

Konferenzen vorgetragen. „Meine eigene

statistische Forschung ist von einer

Grundlagen-Lehrveranstaltung zu weit

weg“, sagt der Forscher. Es gebe aber

sehr viel Literatur mit didaktischen Empfehlungen

zu dem nicht immer geliebten

Fach der Statistik. Dazu könne man nun

beitragen.


Der Autor ist Chefredakteur der Zeitschrift

Chemiereport/Austrian Life Sciences.

78 BOKU Magazin 1 | 2022


LEHRE

Die innere Dimension

der Nachhaltigkeit

Von Julia Buchebner, Werner Zollitsch,

Stefan Stockinger und Ines Hinterleitner

Wie transformative Lernsettings nachhaltigkeitsorientiertes Verhalten begünstigen können.

Fotos: Buchebner/Stockinger

Die fünftägige Praxiswoche im BOKU-Lehrforst war das Herzstück der Lehrveranstaltung im Sommersemester 2021.

Die Menschheit steht vor immer

komplexeren Herausforderungen.

Dennoch reichen die aktuellen

Strategien nicht, um einen grundlegenden

Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit

herbeizuführen. Einen Grund

dafür sehen viele darin, dass häufig nur

die Symptome der Krisen betrachtet

und tieferliegende Ursachen – wie etwa

Werthaltungen, Emotionen, Überzeugungen

oder Weltbilder – weitestgehend

ignoriert werden. Gerade diese

inneren Aspekte stellen jedoch wirksame

Hebelpunkte („deep leverages“)

für Systemveränderungen dar, die maßgeblich

beeinflussen, wie Menschen die

Welt wahrnehmen, über wirtschaftliche,

soziale und ökologische Krisen denken

und auf diese reagieren.

TRANSFORMATIVES LERNEN

IN DER HOCHSCHULBILDUNG

Intrapersonelle Aspekte des menschlichen

Lebens in bestehende Lösungsstrategien

miteinzubeziehen, stellt daher

einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu

einer nachhaltigen Gesellschaft dar. Dies

gilt auch für den Bildungsbereich. Damit

Studierende der zunehmenden Komplexität

gesellschaftlicher Probleme begegnen

und eine aktive Rolle als informierte,

resiliente und engagierte Akteur*innen

des Wandels einnehmen können, sind

ganzheitlichere Lern- und Lehransätze

abseits rein kognitiver und disziplinärer

Wissensvermittlung erforderlich.

Einen spannenden Zugang dazu bietet

die Theorie des „transformativen Lernens“

(Mezirow, 1990). Damit werden

Lernprozesse beschrieben, bei denen

zugrunde liegende Werte, Emotionen

und Weltbilder kritisch reflektiert und

dadurch strukturelle Veränderungen im

Denken, Fühlen und Handeln der Lernenden

angeregt werden. Es geht um

die Erfahrung, „das eigene Weltbild zu

sehen, statt mit dem eigenen Weltbild zu

BOKU Magazin 1 | 2022

79


Im Vordergrund stand

das praktische Erleben,

mit dem Ziel, eigene

Werte, Emotionen und

Weltbilder zu reflektieren

und neue Ansatzpunkte

für das Verhalten

im Außen zu finden.

sehen“, was zu neuen Einsichten, größerer

Handlungskompetenz sowie zu einem

veränderten Umgang mit sich selbst, der

Mitwelt und der Zukunft führt.

BOKU-LEHRVERANSTALTUNG

„DIE INNERE DIMENSION

DER NACHHALTIGKEIT“

Einen solchen transformativen Lernprozess

zu initiieren sowie Bewusstsein

für die Bedeutung innerer Aspekte im

Kontext von Nachhaltigkeit zu schaffen,

ist das Ziel der BOKU-Lehrveranstaltung

„Die innere Dimension der Nachhaltigkeit:

Die Rolle von Werten, Emotionen

und Weltbildern“ (SoSe, 3 ECTS, freies

Wahlfach).

Die Lehrveranstaltung (LVA) fand erstmals

im Sommersemester 2021 mit

rund 20 Studierenden statt. In zwei

Online-Einheiten wurden die theoretischen

Grundlagen zur inneren Dimension

geschaffen. Neben Inputs durch die

LVA-Leitung konnten die Studierenden

selbstgewählte Themen an der Schnittstelle

von innerer und gesellschaftlicher

Transformation im Eigenstudium vertiefen

und anschließend im Unterricht

präsentieren. Die Themen reichten von

der Glücksforschung über Empathie und

Altruismus bis hin zu Mensch-Natur-Beziehungen.

Darauf folgte eine fünftägige

Praxiswoche im BOKU-Lehrforst als

Herzstück der Lehrveranstaltung, die

von Julia Buchebner und dem externen

Trainer Stefan Stockinger geleitet wurde.

In dieser Woche stand das praktische

Erleben im Vordergrund, mit dem Ziel,

eigene Werte, Emotionen und Weltbilder

zu reflektieren und neue Ansatzpunkte

für das Verhalten im Außen zu finden.

UMGESETZTE THEMEN

UND METHODEN

Um die Studierenden in Kontakt mit ihrer

Innenwelt zu bringen, wurde auf ein breites

Spektrum transformativer (Hosting-)

Methoden zurückgegriffen. Einschlägige

Publikationen und Methodensammlungen

(siehe Literaturtipps auf Seite 81)

wurden schon bei der Entwicklung des

Curriculums herangezogen.

Die täglichen Workshops umfassten Themen

wie Wertekonflikte, Motivation und

Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit und Empathie,

die eigene Beziehung zur Natur,

der Einfluss von Ängsten auf das Nachhaltigkeitsverhalten

und im Speziellen

auch der Umgang mit Zukunftsängsten,

Fragen nach Sinnstiftung sowie der eigene

Beitrag in der Welt. Methodisch

wurden Dyaden (strukturierte Zweier-

80 BOKU Magazin 1 | 2022


FAZIT

Transformatives Lernen regt innere Veränderungen

an, die eine nachhaltige Entwicklung

begünstigen können. Mit Blick

auf die Dringlichkeit der gesellschaftlichen

Probleme sollten transformative

Lernsettings daher ausgebaut und gefördert

werden. Die BOKU-LVA „Die

innere Dimension der Nachhaltigkeit“

hat als Pionierprojekt erste Ansatzpunkte

zur möglichen Umsetzung aufgezeigt.

Weitere Forschung, Good-Practice-Beispiele

sowie der Austausch unter Lehrenden

sind jedoch erforderlich, will man

die relevanten Prozesse dahinter noch

besser verstehen und das Thema auf systemischer

Ebene verankern. •

gespräche), Reflexionsrunden, Gruppengespräche,

Coachings, Journaling,

Achtsamkeitsübungen, Naturerfahrung,

Tiefenökologie, Emotionsarbeit und Gemeinschaftsbildung

eingesetzt.

Die Wirkung der angewandten Übungen

wurde täglich reflektiert und diskutiert.

Zudem wurden die Erfahrungen

in Form von Reflexionsjournalen durch

die Studierenden festgehalten. Diese

Journale wurden von einer Teilnehmerin

im Rahmen ihrer Masterarbeit ausgewertet,

zudem wurden vertiefende

Interviews geführt. Dadurch konnten

wertvolle Erkenntnisse über die Wirkung,

den Nutzen, die Grenzen sowie die Voraussetzungen

von transformativen Lernprozessen

im Kontext der nachhaltigen

Hochschulbildung gewonnen werden.

Die Ergebnisse zeigen, dass die tiefere

Auseinandersetzung mit der eigenen

Person erhebliche Potenziale für mehr

Nachhaltigkeit bietet: Der Glaube, selbst

etwas verändern zu können, wird gestärkt;

durch Rückbesinnung entstehen

Dankbarkeit und Wertschätzung für

die Natur; mehr Selbstakzeptanz führt

zu einem positiveren Umgang mit sich

selbst und anderen; Bewusstsein für die

eigenen Werte hilft Wertekonflikte zu

reduzieren; aus Achtsamkeit kann neue

Kraft geschöpft und Resilienz gestärkt

werden; das eigene Konsumverhalten

wird stärker reflektiert; mehr Klarheit

über die eigenen Ziele und Visionen führt

zu hoher intrinsischer Motivation, diese

auch umzusetzen.

Literaturempfehlungen

• “A Transformative Edge: Knowledge, Inspiration

and Experiences for Educators

of Adults” (2020) (Erasmus + Project

“Hosting transformation”)

• Buchebner J., und Stockinger S.: „Innen

Wachsen – Außen Wirken. Eine nachhaltige

Zukunft beginnt in uns selbst.“

Ennsthaler Verlag, 2021.

• “The Inner Pathways Guide for Facilitators:

Design and implementation in

the field of education for sustainability”

(2020) (Erasmus + Project “Inner Pathways

towards Sustainability”)

• “The Inner Development Goals: Transformational

Skills for Sustainable Development”:

www.innerdevelopmentgoals.org

• Wamsler, C. et al. (2021) ‘Linking internal

and external transformation for

sustainability and climate action: Towards

a new research and policy agenda’, Global

Environmental Change, 71(October),

p. 102373.

Die Zukunftsalchemisten

Pirado Verde

DI in Julia Buchebner ist Senior Scientist am Zentrum

für Globalen Wandel & Nachhaltigkeit (gWN) der

BOKU, das von Univ.-Prof. DI Dr. Werner Zollitsch

geleitet wird.

DI Stefan Stockinger ist selbstständiger Trainer

& Nachhaltigkeitsreferent bei Pirado Verde und

Co-Founder des Vereins „Die Zukunftsalchemisten“.

Ines Hinterleitner schreibt ihre Masterarbeit an

der BOKU zu transformativen Lernprozessen im

Kontext einer nachhaltigen Hochschulbildung.

BOKU Magazin 1 | 2022

81


LEHRE

INTRINSIC – ein innovativer Ansatz

des Lehrens und Lernens von

„Sustainable Entrepreneurship“

Wie Studierende zu einer unternehmerischen Denkweise und inneren Haltung befähigt werden können, die

auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist.

Von Andreas Zitek und Alexandra Strauss-Sieberth

VISION

Um Lehrende an Life Sciences-Universitäten

dabei zu unterstützen, bestehende

Lehrveranstaltungen systematisch mit

innovativen Lehr- und Lernaktivitäten zur

Förderung eines „Sustainable Entrepreneurial

Mindsets“ bei den Studierenden

zu ergänzen, wurden im Rahmen einer

strategischen Erasmus+ Partnerschaft

zwischen acht europäischen Universitäten

und der Association for European

Life Science Universities – ICA im Rahmen

des Projektes INTRINSIC - „INnovative

educaTion for sustaInable entrepreneurShip

In Life Sciences“ innovative

Herangehensweisen und Materialien gemeinsam

erarbeitet.

WAS VERSTEHT MAN

UNTER „SUSTAINABLE

ENTREPRENEURSHIP“?

„Sustainable Entrepreneurship“ – eine

„nachhaltigkeitsorientierte unternehmerische

innere Haltung und Denkweise“

– wird als eine zentrale handlungs- und

wertorientierte Kompetenz für die erfolgreiche

Bewältigung der globalen Herausforderungen

des 21. Jahrhunderts,

vor allem auch hinsichtlich der Erreichung

der Sustainable Development

Goals (SDGs), gesehen. Nur entsprechend

ausgebildete, wertorientierte und

effektiv handelnde Absolvent*innen sind

in der Lage, sozialen, ökologischen und

wirtschaftlichen Wert mit Nachhaltigkeitsbezug

für andere in der Gesellschaft

zu schaffen.

Eine Kombination aus sechs Querschnittskompetenzen

(siehe Abb. 1) wurden

als zentral für erfolgreiches „Sustainable

Entrepreneurship“ identifiziert

(Ploum et al. 2018 und Lans et al. 2021,

Abb. 1), und bilden den Ausgangspunkt

für entsprechende Lernaktivitäten. Life

Freepik Company

Sciences-Universitäten, welche sich

aufgrund ihrer inhaltlichen Ausrichtung

naturgemäß intensiv mit nachhaltigkeitsrelevanten

Themen beschäftigen und

auch aktiv für eine nachhaltige Entwicklung

auf Gesellschaftsebene einsetzen,

tragen hierbei eine besonders große

Verantwortung, ihre Absolvent*innen so

zu qualifizieren, dass das Gelernte auch

erfolgreich für eine nachhaltige Transformation

der Gesellschaft umgesetzt

werden kann.

DAS „SUSTAINABLE ENTREPRE-

NEURIAL MINDSET“ ALS

HANDLUNGSLEITENDE DENKWEISE

Basierend auf einer erweiterten Sichtweise

von „Entrepreneurship Education“

zielt das Konzept von „Sustainable Entrepreneurship

Education“ somit nicht

nur auf die Gründung neuer Unternehmen

ab, sondern grundsätzlich auf die

Entwicklung einer unternehmerischen

Denkweise und inneren Haltung („Sustainable

Entrepreneurial Mindset“), welche

auf Nachhaltigkeit als normativem Wert

aufbaut.

Das „Sustainable Entrepreneurial Mindset“

wird dabei als Konstellation von

Motiven, Fähigkeiten und Denkprozessen

verstanden, die Studierende in die

Lage versetzen soll, ausgehend von den

eigenen Interessen Chancen zu erkennen

und zu nutzen, um erfolgreich Ideen,

Projekte, Produkte sowie Verfahrensweisen

zu entwickeln und umzusetzen,

die einen Beitrag zur Nachhaltigkeit

leisten. In enger Beziehung dazu steht

der „Effectuation- Ansatz“, eine eigenständige,

risikominimierende Logik des

unternehmerischen Handelns und Entscheidens,

die es ermöglicht, die Zukunft

ausgehend von den eigenen Kompetenzen

und Interessen gemeinsam mit

anderen aktiv zu gestalten, auch wenn

die Situation unsicher und eine Vorhersage

oder Planung schwer möglich ist.

Im INTRINSIC-Projekt wurden beide Ansätze

zu einer Herangehensweise vereint,

wie es im folgenden Erklärvideo (Abb. 2)

dargestellt ist.

ENTWICKLUNG VON

„SUSTAINABLE ENTREPRENEUR-

SHIP“-KOMPETENZEN AUS

DIDAKTISCHER SICHT

Das genannte „Sustainable Entrepreneurial

Mindset“ und die damit verbundenen

Kompetenzen können aus didaktischer

Sicht nur entwickelt werden, wenn Studierenden

über einen längeren Zeitraum

regelmäßig und systematisch entsprechende

Lernaktivitäten angeboten

werden. Eine Einbindung von entsprechend

didaktisch an der Entwicklung des

82 BOKU Magazin 1 | 2022


Abb. 1: Pyramide der Kompetenzen für „Sustainable Entrepreneurship“ (Lans et al. 2021).

schreiben Sie bitte einfach an didaktik@

boku.ac.at oder den Projektkoordinator DI

Dr. Andreas Zitek, MSc. (andreas.zitek@

boku.ac.at).


Literatur:

Lans, T., Lubberink, R., Ploum, L.,

Ammann, M. & Gondwe, S. 2021. Entrepreneurial

Learning at the Boundary:

How to Learn From a Local Cheese

Maker. Entrepreneurship Education

and Pedagogy 4, 527-548.

10.1177/2515127420925015

Abb. 2: Erklärvideo zur „Sustainable Entrepreneurial“ Journey.

„Sustainable Entrepreneurial Mindsets“

orientierten Aktivitäten in bestehende

Lehrveranstaltungen, wo das Erlernte

auch gleichzeitig Ausgangspunkt für eine

nachhaltigkeitsorientierte Wertschaffung

werden kann, bietet neben spezialisierten

Entrepreneurship-Angeboten

dabei die beste Möglichkeit, inhaltliches

Lernen mit der Entwicklung eines „Sustainable

Entrepreneurial Mindsets“ an

Life Sciences-Universitäten zu fördern.

Hochschullehrende spielen dabei eine

zentrale Rolle bei der Auswahl und Vermittlung

dieser Inhalte und Kompetenzen,

die es den Studierenden ermöglichen,

bedeutsame Lernerfahrungen für

die Entwicklung einer nachhaltigen unternehmerischen

Denkweise zu sammeln

und ihre eigenen Interessen beziehungsweise

ihr eigenes Potenzial zu entdecken.

Wenn Sie Interesse haben, die vorgestellten

Konzepte in Ihr Lehr- und Lernkonzept für

Ihre Lehrveranstaltung einfließen zu lassen,

Ploum, L., Blok, V., Lans, T. & Omta, O.

2018. Toward a validated competence

framework for sustainable entrepreneurship.

Organization & environment 31,

113-132.

DI Dr. Andreas Zitek, MSc. und DI in Alexandra

Strauss-Sieberth, BEd. sind in der Servicestelle

Lehrentwicklung im Bereich E-Learning und

Didaktik tätig.

BOKU Magazin 1 | 2022

83


GENDER &

DIVERSITY

Vielfalt gemeinsam gestalten

Wie sieht es mit der Inklusivität an der BOKU aus?

Die UN-Behindertenrechtskonvention hat eine breite öffentliche Debatte um die Bildungssituation

von Menschen mit Behinderungen ausgelöst und wirft unter anderem die Frage

auf: Wie inklusiv ist das österreichische Hochschulsystem?

Von Ruth Scheiber-Herzog

L

aut der Studierenden-Sozialerhebung

2019 geben rund zwölf Prozent

der Studierenden an, eine

gesundheitliche Beeinträchtigung zu

haben, die sich auf ihr Studium auswirkt.

Noch immer erschweren bauliche, kommunikative,

strukturelle und didaktische

Barrieren das Studium beeinträchtigter

Studierender. Daten belegen: Beeinträchtigte

Studierende brauchen länger

bis zum Studienabschluss, unterbrechen

das Studium öfter und wechseln das Fach

bzw. die Hochschule häufiger als nichtbeeinträchtigte

Studierende.

Unstrittig ist: Die BOKU ist „inklusiv“

angelegt, was sich zum Beispiel in der

Vielfalt ihrer Angehörigen widerspiegelt

oder in der Zulassung zum Studium, das

allen Interessierten, soweit die erforderlichen

Voraussetzungen erfüllt wurden,

offensteht. Ebenso werden zahlreiche

Services zur Unterstützung angeboten,

wie:

O Angepasste Prozesse für Bewerber*innen/Studierende

mit Beeinträchtigung

bei der Studienzulassung

O Behindertenbeauftragte und spezifische

Beratungsstellen vor Ort

O Externe psychologische Anlaufstelle

O Alternative Prüfungsmodalitäten

O Buddy-System im Rahmen einer

freien Wahl-LV

Gleichwohl gibt es aber immer noch

multiple Barrieren, auf die Menschen

mit Beeinträchtigungen im Studien- und

Arbeitsalltag treffen. Die Erfahrungen

aus dem pandemiebedingten Distance-

Learning zeigen, dass virtuelle Vorlesungen

für mobilitätseingeschränkte Personen

erleichternd sind, aber gleichzeitig

die Isolation für psychisch kranke Personen

oder Online-Kurse ohne Untertitel

für gehörlose Personen erschwerend

sein können.

„Die BOKU bekennt sich zur Gleichstellung

von Menschen mit Behinderungen bzw.

chronischen oder psychischen Erkrankungen

und schafft Rahmenbedingungen und

setzt gezielte Maßnahmen für die gleichberechtigte

Teilhabe im gesamten Lehr-,

Forschungs- und Verwaltungsbetrieb.“

Die BOKU möchte in einem immer

komplexeren Arbeits-, Forschungs- und

Gleichstellungsplan

der BOKU

Wien

Studienumfeld allen

Angehörigen vielfältige

und gleichberechtigte

Chancen bieten. Dafür

ist es notwendig, nicht

nur auf Probleme und

Barrieren zu reagieren,

sondern vorausschauend

zu agieren, indem

neue Rahmenbedingungen geschaffen

werden. Dabei soll mit der Implementierung

einer partizipativ angelegten

BOKU-Diversitätsstrategie das Ziel

verfolgt werden, mittels eines strategischen

Gesamtkonzeptes sowohl konkrete

Veränderungen auf struktureller

Ebene zu realisieren, als auch durch die

Anerkennung und Wertschätzung der

Unterschiedlichkeit von Angehörigen

der Universität aktiv zu einem Strukturwandel

beizutragen.

Ein erweitertes Verständnis von Inklusion

schließt ein chancengleiches, gleichberechtigtes

und diskriminierungsfreies

Studier- und Arbeitsumfeld für alle

BOKU-Angehörigen ein und geht somit

weit über eine rein bauliche Barrierefreiheit

hinaus.


84 BOKU Magazin 1 | 2022


Alte

Barrieren,

neue

Möglichkeiten

Ein Tagungsrückblick

Von Helena Lackenberger

Am 10. November 2021 hostete

die BOKU als Teil des Netzwerks

Diversität österreichischer Hochschulen

die Tagung zum Thema „Inklusion

und Behinderung an der Hochschule“.

Organisiert von der Koordinationsstelle

für Gleichstellung, Diversität und Behinderung

(BOKU) wurde ein virtueller

Raum für aktuelle Diskurse rund um die

Themen Inklusion, Diversität und Partizipation

geschaffen.

Tagung Netzwerk

Diversität österr.

Hochschulen

Eine kritische Bestandsaufname

im Rahmen

dieser Tagung zeigte:

An den Hochschulen

gibt es noch viel zu

tun. Das verdeutlicht

zum einen die Tatsache,

dass bis heute noch keine

einzige Hochschule

in Österreich die Beschäftigungspflicht,

die im Behindertengleichstellungsgesetzt

geregelt ist, erfüllt. Zum anderen

macht die Gruppe der Studierenden mit

Behinderung, chronischer Erkrankung

oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen

einen nicht unbeträchtlichen Anteil

von ca. zwölf Prozent aus. Die weitaus

größte Gruppe bilden hier Studierende

mit psychischen Beeinträchtigungen. Ein

ausführlicher Tagungsbericht sowie die

im Plenum erarbeiteten To-dos, wie z. B.

die Notwendigkeit einer adäquaten Ressourcenausstattung

der entsprechenden

Servicestellen, finden sich auf der Homepage

der Koordinationsstelle. •

Rektorin Eva Schulev-Steindl und Sabina Thaler durchschneiden das Band zur Eröffnung der Vitrine

am Internationalen Frauentag.

Eröffnung Inge Dirmhirn

Erinnerungsvitrine

Am internationalen Frauentag wurde die Erinnerungsvitrine zu Ehren der

ersten Professorin an der BOKU feierlich eröffnet und dauerhaft installiert.

N

ach würdigen Eröffnungsworten

durch Rektorin Eva Schulev-

Steindl berichtete Monika Sieghardt

über Inge Dirmhirns Leben und

Wirken. Mit ihrer internationalen Karriere

hinterlässt die 1925 geborene Inge Dirmhirn

Spuren in Norwegen, dem Kongo

und den USA, wo sie etwa als Professorin

für Biometeorologie an die Utah State

University berufen wurde. Nach ihrer

Berufung als erste ordentliche Universitätsprofessorin

an die BOKU (1981) engagierte

sie sich im Aufbau des Instituts für

Meteorologie und Physik und widmete

sich in ihren Forschungsschwerpunkten

u. a. der Agrarmeteorologie, der Strahlungs-

und Hochgebirgsforschung und

der Mikro- und Topoklimatologie.

Inge Dirmhirn war Mentorin und Wegbereiterin

für Frauen in einer männerdominierten

Disziplin und förderte auch

internationalen wissenschaftlichen Nachwuchs,

wie Stana Simic in ihren Grußworten

betonte. Helga Kromp-Kolbs

Aufforderung, den Mut zu haben, Gestaltungsmöglichkeiten

zu ergreifen,

erscheint im Lichte des internationalen

Von Ela Posch

Frauentags einmal mehr als Appell, die

aktuelle Situation unserer Gesellschaften

und unseres Planeten in ihrer Komplexität

ernst zu nehmen und im Sinne der Teilhabe,

Chancengleichheit und Weitsicht

zu agieren.

Inge Dirmhirn ist vielen Mitarbeitenden

und Freund*innen als offener und mutiger

Mensch in Erinnerung geblieben. Als

Naturwissenschaftlerin hat sie zahlreiche

Mitstreiter*innen für Ideen begeistert

und visionäre Impulse in die Umsetzung

gebracht. An der BOKU wird seit 2008

der Inge Dirmhirn Förderpreis für genderund

diversitätsspezifische Masterarbeiten

und Dissertationen sowie ein Inge

Dirmhirn Stipendium zur Förderung von

Masterarbeiten vergeben. Das Inge Dirmhirn

Laufbahnstellen-Programm wurde als

Frauenförderungs-Maßnahme im wissenschaftlichen

Bereich eingerichtet.

Erinnerungsstücke bezeugen die Vielfalt

von Dirmhirns beeindruckendem Lebensweg,

der 2008 zu Ende ging. Die Vitrine

kann im Erdgeschoß des Gregor-Mendel-Hauses

vor dem Seminarraum der

Meteorologie besichtigt werden. •

BOKU/Christoph Gruber

DI in Ruth Scheiber-Herzog ist Leiterin, Ela Posch,

PhD., Helena Lackenberger, BSc. und Helene

Steiner, BSc. sind Mitarbeiterinnen der Koordinationsstelle

für Gleichstellung, Diversität und

Behinderung.

Inge Dirmhirn

Vitrine

Inge Dirmhirn

Stipendium

Inge Dirmhirn

Förderpreis

Laufbahnstellen

Programm

Nachruf Inge

Dirmhirn 2008

BOKU Magazin 1 | 2022

85


SPLITTER

Nachhaltig gesund – die BOKU-

Tage der Gesundheit 2022

Gib dein Bestes – spende Blut

Unter diesem Motto findet heuer

wieder der VAMPIRE CUP 2022

an der BOKU statt. Der Vampire

Cup ist eine Blutspendeaktion, die

in Form eines Wettbewerbes zwischen

den einzelnen Hochschulen

versucht, möglichst viele Personen

zum Blutspenden zu mobilisieren.

Die Hochschule mit den meisten

Spender*innen gewinnt den VC-Pokal und eine Urkunde.

Jährlich werden 350.000 Blutkonserven in Österreichs Spitälern

gebraucht – Blut ist das Notfallmedikament Nummer 1.

Termin: 3. Mai 2022 von 10-13 und 14-17 Uhr

Ort: Festsaal der BOKU

BOKU is chair of EPICUR’S

EDI working group

EPICUR – European University

has reached its final stage in

developing an Equality, Diversity

and Inclusion (EDI) strategy

and will present it at the EPICUR

Networking Conference in Vienna

from May 18 th –20 th (boku.

ac.at/en/epicur or epicur_conference_2022@boku.ac.at)

BOKU is the proud chair of the

working group (WG), established

by EPICUR experts in April of

2021. Led by BOKU’s Margarita Calderón-Peter, the working

group aims to exchange and develop EDI measures across the

university alliance. BOKU’s Coordination Office for Gender

Equality, Diversity and Accessibility appointed EDI expert

Tonica Hunter in May 2021 to coordinate between BOKU

and the EPICUR EDI WG. She has since then been integral to

the conceptualization of two strategic documents which will

forge a common reference for EDI measures and activities

across EPICUR: a “Principles” document and an “Action Plan”

measuring EDI actions and their impact through a set of Key

Performance Indicators (KPIs). The EPICUR Steering Committee

approved these two documents in 2021 and an official

signature of both is foreseen during the EPICUR Networking

Conference in Vienna May 18 th –20 th , 2022.

Gesunde Jause, take-away

Die Tage der Gesundheit sind fixer Teil des

Angebots der betrieblichen Gesundheitsförderung

der BOKU, das sich an alle Mitarbeiter*innen

und Studierenden richtet.

Diese werden vom Team Gesunde BOKU

der Stabsstelle für Arbeitnehmer*innenschutz und Gesundheit

gemeinsam mit der ÖH BOKU und unter Einbindung

der Koordinationsstelle für Gleichstellung, Diversität und

Behinderung organisiert. Erstmals ist heuer auch das gW/N

eingebunden.

Enge Zusammenhänge zwischen Gesundheit, Klima und

Nachhaltigkeit legen es nahe, dass sich die BOKU als Nachhaltigkeitsuniversität

verstärkt bemüht, Synergien zwischen

betrieblicher Gesundheitsförderung und Nachhaltigkeitsstrategie

zu nutzen. Wissenschaftlich gut belegt sind hier

insbesondere die Bereiche Mobilität und Ernährung, die

Anlass bieten, den eigenen Lebensstil zu hinterfragen. Einerseits

soll die individuelle Gesundheit erhalten bzw. verbessert

werden, andererseits soll es darüber hinaus gelingen, einen

gesellschaftlichen Beitrag zu einer nachhaltigeren Entwicklung

zu leisten.

Das 150-Jahr-Jubiläum der BOKU bietet eine hervorragende

Gelegenheit, Gesundheits- und Nachhaltigkeitsanliegen

gemeinsam und unter dem Motto „nachhaltig gesund“ zu

adressieren. Der erste Gesundheitstag, der am 17. Mai 2022

in Wien an der Türkenschanze stattfinden wird, stellt Mobilität

und physische Aktivität ins Zentrum und wird inhaltlich

in Kooperation mit dem gW/N veranstaltet. Der zweite

Gesundheitstag am 18. Oktober 2022 in Tulln am UFT wird

sich schwerpunktmäßig mit gesunder und nachhaltiger Ernährung

befassen.

Weitere Informationen:

boku.ac.at/gesunde-boku/gesundheitstag

86 BOKU Magazin 1 | 2022


Ein gemeinschaftlicher grüner Daumen

für das Grün in der Stadt

Von Michael Gräf

Bei Care4GREEN, einem Projekt für partizipative Erhaltungspflege für Grüne Infrastrukturen im Rahmen

von „Smart Cities Demo – Boosting Urban Innovation“, lernen Bewohner*innen, die sie umgebenden

Grünräume zu pflegen – und zu schätzen.

Den negativen Auswirkungen des Klimawandels wird verstärkt

durch den Einsatz von grüner Infrastruktur begegnet.

Diese wird als effiziente Maßnahme gesehen,

um urbaner Hitze entgegenzuwirken. Förderprogramme und

behördliche Vorgaben für Gebäudebegrünungen und Freiräume,

wie sie in Wien und anderen Städten existieren, sollen

dafür sorgen, dass mehr grüne Infrastrukturen im urbanen

Raum geschaffen werden.

unsplash

Neben den Investitionskosten fällt jedoch auch der Aufwand für

Pflege und Wartung der Pflanzen und Grünflächen an, um deren

Erhalt und Ökosystemdienstleistung in der Stadt sicherzustellen.

Es müssen daher gute, qualitätsvolle Freiräume entwickelt und

engmaschig gepflegt werden. In der Praxis kommt es jedoch

häufig zu Ausfällen und das Grün bleibt nicht langfristig erhalten,

da die üblichen Pflege-Intervalle beauftragter Firmen oft nicht

ausreichend sind. Das hat zur Folge, dass die positive Wirkung

der Pflanzen sowie die Biodiversität reduziert werden. Eine

klimaresiliente Stadt benötigt jedoch hochwertiges Grün auf

allen zur Verfügung stehenden Flächen. Gemeinschaftsgrünflächen

verkümmern häufig aufgrund unzureichender Pflege oder

Wohnbauträger scheuen mit Blick auf die Pflegekosten bereits

vorweg Investitionen in qualitatives Grün. Ein vielversprechender

Lösungsansatz, um die Qualität der Freiräume zu steigern,

ist die partizipative Einbindung engagierter Bewohner*innen

in Pflege- und Bewirtschaftungstätigkeiten von Grünräumen

(Innenhof, Grünfassaden, Dachbegrünungen, Urban Farming).

PFLEGE SCHAFFT BEZUG ZUM GRÜN

Ziel des Projektes Care4GREEN ist es, Hausgemeinschaften im

kommunalen und privaten Wohnbau zu befähigen, ihre Grünflächen

hochwertig und nachhaltig zu begrünen, den Grünbestand

zu erweitern und sich aktiv und dauerhaft bei der Pflege

zu engagieren. Um dies zu ermöglichen, werden Bewohner*innen

und Hausverwaltungen mittels Co-kreativer Workshops

eingebunden, um auf diesem Weg dem Bestand neue grüne

Infrastrukturen hinzuzufügen und um die Bewohner*innen

für die Pflege des sie umgebenden Grüns zu begeistern. Im

Idealfall entsteht dadurch eine Win-win-Situation: Die Bewohner*innen

sind zufriedener mit ihrem wohnungsnahen Grünraum

und können sich besser damit identifizieren. Gleichzeitig

steigt durch die private Übernahme von Pflegetätigkeiten die

Qualität der Begrünung bei gleichen oder sogar geringeren

Kosten für Hausverwaltungen und Bauträger.

Gemeinsam garteln für die grüne Umgebung.

Ziele des Projekts sind:

O die fachliche Ermächtigung der Bewohner*innen, um einfache

Pflegetätigkeiten fachgerecht durchführen zu können

O Muster- und Pflegeverträge zur rechtlichen Absicherung

der Bewohner*innen sowie Hausverwaltungen

O erprobte Anreizmodelle

O eine Open Access Plattform zur Unterstützung der Selbstorganisation

O sowie praxistaugliche Leitfäden für Hausverwaltungen/

Bauträger und Bewohner*innen zur Erhaltung hochwertiger

grüner Infrastrukturen

Care4GREEN wird aus Mitteln des Klima- und Energiefonds

gefördert und im Rahmen des Programms „Smart Cities Demo

– Boosting Urban Innovation 2020“ durchgeführt. •

DI Michael Gräf ist wissenschaftlicher Projektmitarbeiter am Institut

für Ingenieurbiologie und Landschaftsbau.

BOKU Magazin 1 | 2022

87


88 BOKU Magazin 1 | 2022


Außenstelle des ORF-Archivs

an der BOKU UB eingerichtet

Von Markus Heindl & Horst Mayr

Vor dem Hintergrund der aktuellen

Entwicklungen rund

um das Thema „Gesellschaftliche

Verantwortung von Forschung“

unternimmt die BOKU intensive

Bemühungen, Third-Mission-Aktivitäten

im Forschungsinformationssystem FIS

besser abzubilden, diese Leistungen nach

außen zu kommunizieren bzw. sie zugänglich

zu machen. Insofern gibt es nun

Erfreuliches für die Studierenden und

wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen

der BOKU zu berichten:

Zu Jahresbeginn konnte Vizerektor

Obinger eine strategische Kooperation

mit dem Österreichischen Rundfunk

(ORF) zur Einrichtung einer Außenstelle

des ORF-Archivs an der BOKU Universitätsbibliothek

abschließen. Ziel der

Kooperation ist die nicht kommerzielle,

wissenschaftliche Nutzung des Fernseh-

und Hörfunkarchivs des ORF, in

dem Studierende, Forscher*innen sowie

Lehrende der BOKU einen extra dafür

eingerichteten Recherche-Arbeitsplatz

(„mARCo“) für Forschungsaktivitäten sowie

die universitäre Lehre nutzen können.

In mARCo sind die Metadaten aller seit

1955 im ORF ausgestrahlten und erhaltenen

Sendungen verzeichnet. Allerdings

sind bisher nur Teile der Archivbestände

digitalisiert und damit als Vorschau-Medien

(keyframes, preview-Video, Audio)

in mARCo einsehbar. mARCo wird laufend

mit Digitalisaten erweitert. Interessierte

kontaktieren die BOKU, reservieren

den Recherche-Arbeitsplatz und

füllen einen Benutzungsantrag aus. In

diesem Formular ist u. a. das Forschungsgebiet

der Universität bzw. das Thema

der Recherche (z. B. für Masterarbeiten,

Dissertationen, aber auch Seminararbeiten)

zu dokumentieren.

Die Kooperation bietet für die universitäre

Lehre einen besonderen Vorteil an:

Werden Sendungen oder Beiträge für

die Lehre benötigt, die noch nicht digital

vorliegen, können Lehrende „on Demand“

eine Digitalisierung des Beitrags

beim ORF beantragen (sofern für diese

Beiträge bereits Videokopien vorliegen).

Das ORF-Archiv übernimmt die Bearbeitung

(Digitalisierung) sowie die Kosten,

wobei sich die Bearbeitungszeit u. a. nach

den Kapazitäten des ORF-Archivs richtet.

Diese Sendungen können nach der

Bearbeitung durch das ORF-Archiv wie

gewohnt in mARCo abgerufen werden.

Für die Präsentation in Lehrveranstaltun-

gen können einzelne Sendungen oder

Beiträge für einen begrenzten Zeitraum

digital zur Verfügung gestellt werden

(„Sammelkörbe“). Anfragen richten Sie

bitte an das Multimediale Archiv:

archivanfragen@orf.at

Nutzer*innen dieses Services erhalten

detaillierte ORF Benutzungshinweise.

Diese enthalten neben einer Beschreibung

des Recherche-Arbeitsplatzes oder

Beispielen für Suchabfragen auch Zitierregeln.

Eine korrekte, auch langfristig nachvollziehbare

Zitierung des ORF-Materials

muss beinhalten: ORF-Archiv, Titel der

Sendung, Untertitel bzw. Beitragstitel,

Name der*des Gestalter*in*s (lt. Insert

„Gestaltung“, „Bericht“, „Bearbeitung“)

und Sendedatum, eventuell auch Zählungen

von Folgen oder Teilen.

Interessierte nehmen bitte mit der BOKU

Universitätsbibliothek Kontakt auf. •

KONTAKT

Amtsdir. Markus Heindl, M.A.

BOKU Universitätsbibliothek

ub.support@boku.ac.at

BOKU Magazin 1 | 2022

89


FORSCHUNG: FAQ

BOKU-Forschung in Print & Web:

Medien-Kooperation mit Observer GmbH

Um die Leistungen der BOKU-Forscher*innen

für die (interessierte)

Gesellschaft besser dokumentieren

und gleichzeitig auch präsentieren

zu können, hat die Universität für Bodenkultur

Wien im Herbst 2021 eine Medien-Kooperation

mit der Firma Observer

GmbH abgeschlossen. Diesem Beschluss

ist eine mehrwöchige Testphase durch

das FIS-Team vorangegangen, am Ende

wurde dem Rektorat ein Vorschlag für

eine Umsetzung übermittelt.

Gemeinsam mit Lektor*innen der Firma

Observer GmbH wurde mit den Suchbegriffen

BOKU Forschung“ sowie

„Universität für Bodenkultur Wien Forschung“

ein Medienbeobachtungs-Auftrag

vergeben, der laufend angepasst

wird. Täglich wird ein Pressespiegel, basierend

auf Treffern in nationalen Printmedien

sowie Internetmedien aus Österreich,

Deutschland und der Schweiz,

an das FIS-Team übermittelt. Dieser

wird sofort auf Forschungsrelevanz

überprüft. Beiträge, in denen die BOKU

nur am Rande erwähnt wird, der Beitrag

also keine*m*r Forscher*in eindeutig

zugeordnet werden kann, werden nicht

verrechnet und daher auch nicht ins FIS

importiert. Veranstaltungsankündigungen

oder Erwähnungen der BOKU aufgrund

von Lebensläufen werden nicht

in den Pressespiegel aufgenommen.

Portale, die digitale Bezahlschranken

(Paywall) betreiben, werden von der

weiteren Medienbeobachtung vom FIS-

Team ausgeschlossen.

Über eine Schnittstelle werden die ans

FIS-Team übermittelten Metadaten

im Forschungsinformationssystem FIS

(aber auch in der Entwicklungsumgebung

von FIS3+) verspeichert.

4

4

Top-Medien

Noch im Frühjahr 2022 ist geplant, Beiträge

in Printmedien, für die eine Presse-Dokumentations-Nutzungs-System

PDN-Lizenzvereinbarung mit dem VÖZ

(Verband Österreichischer Zeitungen)

abgeschlossen werden konnte, im FIS

für die BOKU-Community sowie die

interessierte Öffentlichkeit im Profil

3

5

5

5

5

5

5

Von Horst Mayr

science.aps.at 24

diepresse.com

9

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Die Presse

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Der Standard

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6

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Kleine Zeitung Online

vnexplorer.net

Kurier

sn.at

Der Standard Online

Österr. Bauernzeitung

Der Kurier Online

0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 22 24

© Observer

Abb. 1: Überblick über die wichtigsten Medien (Print, Web), in denen im vierten Quartal 2021

über Forschungsergebnisse der BOKU berichtet wurde.

CLIPS

20

25

20

15

10

5

0

11. Okt.

25. Okt.

Chronologie

8. Nov.

BOKU

22. Nov.

5. Dez.

20. Dez.

© Observer

Abb. 2: Chronologische Entwicklung der Medienbeiträge zur BOKU-Forschung im vierten Quartal

2021. Auffallend ist der hohe Peak Ende Oktober (Waldbrand Hirschwang).

der BOKU-Forscher*innen sowie der

BOKU-Institute zugänglich zu machen.

Beiträge in Internetmedien sind ohnehin

zugänglich, sofern sie nicht durch

eine Paywall gesperrt sind. Auf Basis der

übermittelten Metadaten werden für das

90 BOKU Magazin 1 | 2022


STRATEGISCHE KOOPERATION

BOKU–UMWELTBUNDESAMT

Aktuelles aus der Kooperation

Von Florian Borgwardt

eine Zusammenarbeit stattfindet. Mit

dem Artikel zur Bioökonomie-Veranstaltung

wird ein aktuelles Beispiel in diesem

Magazin ausführlicher vorgestellt.

Rainer Ressmann

neue Forschungsinformationssystem

FIS3+ maßgeschneiderte Formulare

entwickelt, damit BOKU-Forscher*innen

jene Beiträge, die in internationalen

Medienkonzernen veröffentlicht

werden, im neuen System dokumentieren

können.

Was ist vonseiten der Forscher*innen

zu beachten?

O Informieren Sie das FIS-Team

fis@boku.ac.at, wenn Sie mit

inter-/nationalen Journalist*innen

einen Medienbeitrag planen

(z. B. Interview), insbesondere

wenn dieser in D-A-CH-Internetmedien

erscheinen soll.

O Achten Sie darauf, dass die BOKU,

das Department/Institut sowie

Ihr Name in dem Beitrag erwähnt

werden. Sofern auch noch das

Akronym eines Forschungsprojekts

im Medienbeitrag zu finden

ist, kann der Beitrag vom FIS-Team

auch einem Projekt zugeordnet

werden.

PDN

D-A-CH

KONTAKT

Presse-Dokumentations-

Nutzungs-System

Kunstwort für Deutschland,

Österreich und die Schweiz

DI Horst Mayr

horst.mayr@

boku.ac.at


Seit mittlerweile zwei Jahren begleitet

uns die Corona-Krise mit

umfassenden Veränderungen für

unser Arbeitsleben. Auch meine Arbeit

in der Koordinierungsstelle wurde und

wird davon stark beeinflusst. Dass ziemlich

alle Besprechungen und Veranstaltungen

online stattfinden, ist nun zwar

gewohnt, birgt aber auch Herausforderungen.

Einerseits funktionieren Online-

Meetings technisch sehr gut und bringen

in gewissen Situationen auch Vorteile.

Andererseits besteht ein zentraler Aspekt

meiner Arbeit auch im persönlichen

Kontakt und Austausch. Gerade

das Knüpfen von Kontakten sowie die

Diskussion von ersten Ideen zu möglichen

Kooperationen geschieht oftmals

informell. Durch das Wegfallen vieler

Möglichkeiten für informelle Gespräche,

wie z. B. Kaffeepausen, ging ein wichtiger

Anknüpfungspunkt praktisch komplett

verloren. Umso erfreulicher ist es, dass

es nach zwei Jahren Online-Betrieb eine

große Anzahl an Kooperationen zwischen

BOKU und Umweltbundesamt gibt. Besonders

freut mich die große Bandbreite

an unterschiedlichen Formaten, in denen

Jürgen Pletterbauer

Ein weiteres Beispiel, das ich kurz ansprechen

möchte, ist die Broschüre zu

Angelfischerei und Nachhaltigkeit, die

noch Ende des vergangenen Jahres erschienen

ist.

Für Ideen und Anfragen bezüglich Kooperation

mit dem Umweltbundesamt

stehe ich gerne für einen Austausch zur

Verfügung.


KONTAKT

LINKS

DI Dr. Florian

Borgwardt

florian.borgwardt@

boku.ac.at

http://short.boku.

ac.at/fos_

stratkoopbokuu

FFG Informationen zu Horizon Europe

www.ffg.at/Europa/Horizon-Europe

Ausschreibungsportal der EU

https://ec.europa.eu/info/

funding-tenders/opportunities/portal/

screen/home

www.umweltbundesamt.at/afin >Folder

Angelfischerei und Nachhaltigkeit in

Österreich

BOKU Magazin 1 | 2022

91


Adobe Stock

Quo vadis Bioökonomie?

Ein Veranstaltungsrückblick mit Ausblick

Text BOKU: Martin Greimel, Bernhard Kastner, Elisabeth Gerhardt, Bernhard Koch, Rainer Haas

Umweltbundesamt: Helmut Frischenschlager, Helmut Gaugitsch, Silvia Benda-Kahri, Martina Offenzeller

Strategische Kooperation BOKU – Umweltbundesamt: Florian Borgwardt

Die Bioökonomie hat sich zu einem

zentralen Konzept für die sozialökologische

Transformation von

Wirtschaft und Gesellschaft hin zu mehr

Nachhaltigkeit entwickelt. Ihr Verständnis

in Österreich geht in Richtung einer

wissensbasierten, nachhaltigen und biobasierten

Kreislaufwirtschaft, die durch

die Transformation des Wirtschaftssystems

auch einen Beitrag zur Bewältigung

globaler Herausforderungen wie

der Klima- und Biodiversitätskrise sowie

der Rohstoffknappheit leisten soll.

Ende November organisierten unter dem

Motto „Die Bioökonomie als Beitrag zu

einer nachhaltigen biobasierten Kreislaufwirtschaft:

Wie die Transformation

gelingen kann“ das Zentrum für Bioökonomie

der BOKU und das Umweltbundesamt

im Auftrag des Bundesministeriums

für Klimaschutz, Umwelt, Energie,

Mobilität, Innovation und Technologie

(BMK) eine Online-Veranstaltung mit

knapp 150 Teilnehmenden. Die Veranstaltung

war in drei Themenblöcke rund

um die Fragen „Wo stehen wir? Wohin

wollen wir? Wie kommen wir dorthin?“

gegliedert.

Zunächst wurde der aktuelle Stand zur

Bioökonomie erörtert, wobei die nationalen

Entwicklungen von Gottfried

Lamers (BMK) und Thomas Timmel (Bio-

Base GmbH) dargelegt wurden und die

europäische und internationale Perspektive

Peter Wehrheim von der Europäischen

Kommission vorstellte. Bevor in

drei Breakout-Sessions die sozialen, ökologischen

und ökonomischen Herausforderungen

einer bioökonomischen Transformation

diskutiert wurden, präsentierte

die Journalistin Christiane Grefe von

der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“

eine kritische Analyse des Status quo

der Bioökonomie unter dem Titel „Das

Gleiche in Grün?“. Grefe unterstrich

einerseits die Komplexität, die mit dem

Umbau hin zu einer biobasierten, nachhaltigen

und sozial verträglichen Wirtschaft

verbunden ist (grafisch dargestellt

in der Abbildung), betonte andererseits

aber auch, dass die Voraussetzungen für

eine erfolgreiche Transformation mittlerweile

vorhanden wären bzw. sich in

den letzten Jahren deutlich verbessert

haben. Da die natürlichen Ressourcen für

eine Bioökonomie limitiert sind, spielen

neben dem technologischen Fortschritt

inbesondere Verteilungsfragen und Prio-

92 BOKU Magazin 1 | 2022


BOKU Zentrum für Bioökonomie

Grafisches Protokoll des Vortrags von Christiane Grefe, das die Komplexität, Herausforderungen, aber auch Anknüpfungspunkte der Bioökonomie

verdeutlicht.

ritätensetzung, aber auch ein geändertes

Konsumverhalten (Stichwort Suffizienz)

eine wichtige Rolle.

Dass dabei technologische Innovationen

sowie ein institutioneller Wandel integrale

Bestandteile der Problemlösungen sind,

ist von allen Teilnehmenden einstimmig

anerkannt worden. Darüber hinaus haben

die Diskussionen in den Breakout-Sessions

aber auch die zentrale Rolle von

Werthaltungen und individuellem Verhalten

für das Gelingen der Transformation

erkennen lassen. Eine Kritik am bestehenden

System allein wird jedenfalls

nicht ausreichen, es braucht ebenso neue

Ideen und Vorschläge, wie wir als Gesellschaft

ein zukunftsfähiges, biobasiertes

Wirtschaftssystem bauen wollen, um die

vorhandenen Ressourcen sparsam, effizient

und nachhaltig einsetzen zu können.

Auffallend waren die über alle drei thematischen

Schwerpunkte hinweg unabhängig

voneinander formulierten

Herausforderungen, wie z. B. eine verbesserte

Bewusstseinsbildung, die Anpassung

rechtlicher Rahmenbedingungen

(Steuern und Fördern), die Einbindung

bestehender Industriestrukturen

in den Transformationsprozess oder die

Berücksichtigung von Zielkonflikten.

Die meisten dieser Herausforderungen

haben weder sektorale Ursachen noch

sektorale Lösungen. Daher kann nur ein

gemeinsames und evidenzbasiertes Vorgehen

über alle Akteur*innengruppen

der Bioökonomie hinweg in eine nachhaltige

Zukunft leiten. Der Aufbau eines

breiteren Umweltbewusstseins sollte

bereits in der Schul- und beruflichen

Ausbildung der zukünftig Wirtschaftenden

gelegt werden. Weiters müssen

neue Werte sowie sozio-ökonomische

und ökologische Bewertungen, die ein

biobasiertes, nachhaltiges und sozial verträgliches

Wirtschaften ermöglichen,

in wissenschaftlichen und gesellschaftlichen

Diskursen erarbeitet werden, die

zukünftig neben der technisch-ökonomischen

Betrachtung des Wirtschaftssystems

einen wesentlich höheren Stellenwert

einnehmen.

Die Schlussdiskussion zeigte auf, dass

neben bereits bestehenden noch viele

weitere Initiativen und Schulterschlüsse

notwendig sind, um alle Mitwirkenden

der Bioökonomie an Bord zu holen und

die Transformation zu einer biobasierten

Kreislaufwirtschaft umzusetzen. Als Ergebnis

der Veranstaltung konnten dem

BMK dazu wertvolle Anregungen für die

zukünftige Gestaltung von politischen

Rahmenbedingungen mitgegeben werden.

Die konkreten Beiträge zur Transformation

liefern aber weiterhin auch

alle Menschen individuell. •

LINK

https://boku.ac.at/zentrum-fuerbiooekonomie/netzwerktaetigkeit

BOKU Magazin 1 | 2022

93


oDEREC-CE:

European project dealing with pharmaceuticals

and personal care products in water

Board for detection and assessment of pharmaceutical drug residues in drinking water – capacity building for

water management in Central Europe (CE).

Von Elisabetta De Vito-Francesco

T

he project boDEREC-CE is a cooperation

between twelve institutions

from seven countries. The

main objective is to prepare an integrated

management system for waterworks,

regarding pharmaceuticals and personal

care products (PPCPs) in drinking water

sources.

The activities consist of monitoring certain

PPCPs in eight pilot areas in Europe,

creating tools to support their management

in waterworks and drinking water

catchments and preparing recommendations

for legislative changes in drinking

water standards.

Due to technology development and

consumerism, the subject of pollutants

occurring in the environment,

which have not been monitored yet,

as PPCPs, is obtaining more attention.

“boDEREC-CE implements an innovative

approach, introducing pilot areas

in Central European countries for the

purpose of monitoring PPCPs. Their

presence has been unknown until few

years ago and the knowledge about it is

not comprehensive. That might be solved

by developing a common plan of actions

and policy at the EU level. boDEREC-CE

concentrates not only on testing the

PPCPs behaviour, but also on the assessment

of the efficient elimination of these

pollutants using various drinking water

treatment technologies. The main result

will be an innovative decision tool based

on a model, which, considering the future

legal thresholds, may be used as an early

warning tool”, emphasises the Project

Leader Josip Terzić, Croatian Geological

Survey, Department of Hydrogeology

and Engineering Geology.

The monitoring activities took place in

eight pilot sites in Austria, Croatia, Czech

Sampling campaign in Austria, consisting of on-site measured parameters (device in the background)

and collection of water sample (vial in the foreground).

Republic, Italy, Germany, Poland and

Slovenia. The 114 monitored substances

were analysed in a total of 267 water

samples. At the pilot sites, modelling

studies are carried out to simulate the

transport pathways of pollutants from

the source to water intake and identify

factors influencing the occurrence of

PPCP in water.

An important part of boDEREC-CE is

to improve awareness and knowledge

about PPCPs. This refers not only to

drinking water catchments and waterworks

but mainly to the society. “People

take more and more medicines every

year and we cannot imagine our lives

without cosmetic products. Although

PPCPs are present in the water environment

in trace concentrations, it is very

important to apply some moderation in

that regard. Use of natural cosmetics,

reducing the use of pharmaceuticals

are actions which may be implemented

by everyone of us”, adds the Communication

Manager Joanna Czekaj, Silesian

Waterworks PLC.


LINKS

www.interreg-central.eu/Content.

Node/boDEREC-CE.html

www.facebook.com/boderecce

94 BOKU Magazin 1 | 2022


Wie die BOKU Erfindungen mit

gesellschaftlichem Mehrwert

auf den Weg bringt und

Entrepreneurship unterstützt.

BOKU Magazin 1 | 2022

95


IMPACT DURCH

INNOVATION

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