Festspielzeit Frühling 2022
Das Magazin der Bregenzer Festspiele
Das Magazin der Bregenzer Festspiele
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DAS MAGAZIN DER<br />
BREGENZER FESTSPIELE<br />
FESTSPIEL<br />
ZEIT<br />
AUSGABE 2 | BREGENZER FESTSPIELE 20. JULI – 21. AUGUST <strong>2022</strong><br />
DER ZERFALL VON<br />
SEELENWELTEN<br />
Geschlossene Gesellschaft,<br />
Jean-Paul Sartres bekanntestes<br />
Stück, als Oster-Gastspiel<br />
EINE BÜHNE WIE<br />
EIN BLATT PAPIER<br />
Für Madame Butterfly<br />
erfindet sich die Seebühne<br />
wieder ganz neu<br />
KLINGENDE LANDSCHAFT<br />
DES HERZENS<br />
Die Komponistin Malika Kishino<br />
über ihren Zugang zu Musik und<br />
japanische Melodien in der Oper
12<br />
»Liebe und Schmerz<br />
haben keine<br />
Nationalität«<br />
Auf der Suche nach russischen<br />
Melodien: Umberto Giordanos<br />
Oper Sibirien<br />
INHALT<br />
4<br />
Eine Bühne wie<br />
ein Blatt Papier<br />
18<br />
Programmübersicht<br />
Das Programm der Bregenzer<br />
Festspiele <strong>2022</strong> im Überblick<br />
Alles neu am See: Die Bühne für<br />
Madame Butterfly entsteht<br />
8<br />
»Gute Technik<br />
und Sensibilität«<br />
Lucy Burge bringt Bewegung<br />
auf die Bühne<br />
16<br />
Von schnellen<br />
Autos und anderen<br />
Leidenschaften<br />
Was Giordanos Sibirien und<br />
Puccinis Madame Butterfly<br />
miteinander verbindet<br />
17<br />
Festspielshop<br />
20<br />
Der Zerfall von<br />
Seelenwelten<br />
Schauspieler Tobias Moretti in<br />
Jean-Paul Sartres Geschlossene<br />
Gesellschaft<br />
Neues zum Einstimmen auf<br />
die Festspielsaison <strong>2022</strong><br />
2
30<br />
Musikalische<br />
Reiselust<br />
24<br />
Eine Oper für<br />
einen Oktopus<br />
Junge Festspiele: Eine<br />
spielerische Reise zwischen<br />
Gestern und Heute<br />
34<br />
Sitzpläne<br />
und Preise<br />
Alle Aufführungen und<br />
Spielstätten im Überblick<br />
Impressum<br />
INHALT<br />
Die Entstehung einer neuen<br />
Oper zum Miterleben<br />
BREGENZER FESTSPIELE GMBH<br />
Platz der Wiener Symphoniker 1<br />
6900 Bregenz | Austria<br />
T +43 5574 407-5<br />
www.bregenzerfestspiele.com<br />
Herausgeber Bregenzer Festspiele GmbH<br />
Intendantin Elisabeth Sobotka<br />
26<br />
Klingende Landschaft<br />
des Herzens<br />
Die Komponistin Malika<br />
Kishino im Gespräch<br />
32<br />
»Wir sind die<br />
Wurzeln der Festspiele<br />
in der Region«<br />
Judith Salzmann im Gespräch –<br />
die neue Vorsitzende des<br />
Freundevereins der Bregenzer<br />
Festspiele<br />
Redaktion Kathrin Grabher, Lisa Kloos,<br />
Axel Renner, Olaf A. Schmitt<br />
Gestaltung moodley brand identity |<br />
Bregenzer Festspiele – Kathrin Grabher<br />
Druck Buchdruckerei Lustenau<br />
Lektorat Thorsten Bayer Text<br />
Tex te Jutta Berger (S. 5 ff.) | Arno Miller (S. 8 f.) |<br />
Hajo Wagner (S. 12 ff.) | Olaf A. Schmitt (S. 16, S. 27 ff.) |<br />
Dallmayr Kaffee (S. 9 r.) | Alexander Kerlin (S. 21 ff.) |<br />
Kathrin Grabher (S. 24 f.) | Thorsten Bayer Text (S. 30 f.) |<br />
Pzwei. Pressearbeit – Wolfgang Pendl (S. 32 f.)<br />
Abbildungsnachweise Matthias Horn (Titelbild –<br />
Geschlossene Gesellschaft, S. 2 r. u., S. 20 ff.) | Lisa Mathis<br />
(S. 2, S. 6 f., S. 8 f., S. 12, S. 31) | moodley brand identity<br />
(S. 2 l. u., S. 2 r. o., S. 3 l. u.) | akg-images / De Agostini /<br />
Biblioteca Ambrosiana (S. 2 m., S. 16) | Anja Köhler,<br />
andereart (S. 3 r.o., S. 3 r., S. 10, S. 25) | Jochen Quast<br />
(S. 3 m. o, S. 30) | Dietmar Mathis (S. 3 m. u., S. 33) |<br />
Lisa Kloos (S. 4) | akg-images / De Agostini Picture Lib. /<br />
A. Dagli Orti (S. 14) | akg-images / MPortfolio / Electa<br />
(S. 15) | Büro Magma – Magdalena Türtscher (S. 17 l.) |<br />
Dallmayr Kaffee (S. 17 r.) | Shutterstock (S. 18, S. 28) |<br />
Michael Königshofer (S. 24) | Keiko Goto (S. 26)<br />
Erschienen im März <strong>2022</strong>. Es gelten die<br />
AGB der Bregenzer Festspiele GmbH.<br />
Änderungen vorbehalten.<br />
Wir möchten darauf hinweisen, dass uns alle<br />
Geschlechter gleich wichtig sind, selbst wenn<br />
es uns manchmal nicht gelingen sollte, dies<br />
auch schriftlich auszudrücken.<br />
3
SPIEL AUF DEM SEE<br />
4
EINE BÜHNE<br />
WIE EIN BLATT<br />
PAPIER<br />
MADAME BUTTERFLY<br />
EIN MAGISCHES ZUSAMMENSPIEL AUS BÜHNENSKULPTUR,<br />
KOSTÜM UND LICHT WIRD DIE SEEBÜHNE FÜR MADAME BUTTERFLY.<br />
TECHNIKDIREKTOR WOLFGANG URSTADT BESCHREIBT DIE<br />
HERAUSFORDERUNGEN AN SEIN TEAM.<br />
5
SPIEL AUF DEM SEE<br />
117 Puzzleteile aus Stahl, Holz, Styropor und Verputz mussten für die neue Kulisse zusammengesetzt werden.<br />
Videos zum Aufbau gibt’s<br />
auf dem Youtube-Kanal<br />
der Bregenzer Festspiele:<br />
Wie ein Stück Papier,<br />
zerknüllt und ins Wasser<br />
geworfen, präsentiert<br />
sich die Seebühne im neuen Festspieljahr.<br />
Ein Spiegelbild der Seele<br />
sei dieses Papier, sagt Elisabeth<br />
Sobotka, Intendantin der Bregenzer<br />
Festspiele. Gespiegelt werden die<br />
großen Gefühle der zarten Cio-Cio-<br />
San, genannt Butterfly. Das traurige<br />
Schicksal des vom amerikanischen<br />
Marinesoldaten Pinkerton emotional<br />
und sexuell ausgebeuteten jungen<br />
Mädchens beschreibt Giacomo<br />
Puccinis Oper Madame Butterfly mit<br />
»kraftvoller, großer Musik«, so die<br />
Intendantin. Die große Seebühne<br />
wird in den nächsten beiden Sommern<br />
Schauplatz für ein tieftrauriges<br />
Kammerspiel.<br />
Ein ikonenhaftes Bild, »poetisch<br />
und voller Magie«, habe der kanadische<br />
Bühnenbildner Michael<br />
Levine für die Seebühne entworfen,<br />
schwärmt Wolfgang Urstadt, Technikdirektor<br />
der Bregenzer Festspiele.<br />
Aus den Ideen des Künstlers lassen<br />
Urstadt und sein Team mit zwölf<br />
Partnerfirmen das dreidimensionale<br />
Werk entstehen. Die wesentlichen<br />
Elemente: ein im Wasser treibendes<br />
Stück Papier, darauf eine feinsinnige<br />
japanische Landschaft gemalt,<br />
und ein Schiff, wie von Kinderhand<br />
6<br />
mit Elementen der amerikanischen<br />
Flagge bemalt.<br />
Für die Bühnenskulptur wurden<br />
117 unterschiedlich große Elemente<br />
aus Holz und Styropor in<br />
einer Montagehalle im Nachbarort<br />
Lauterach gefertigt. Sondertransporte<br />
brachten die Elemente zum<br />
See. Wie ein Puzzle wurden die Teile<br />
auf die Unterkonstruktion aus Stahl<br />
gesetzt und zusammengefügt. So<br />
entstand eine anfänglich blendend<br />
weiße, gewölbte Fläche im Ausmaß<br />
von 1.340 Quadratmetern. Nach und<br />
nach bekam die Skulptur Konturen.<br />
Bis Ende Mai wird auf ihrer Oberfläche<br />
das Gemälde einer japanischen<br />
Landschaft entstehen.<br />
Die Herausforderung der Bühnenskulptur<br />
besteht in der Täuschung.<br />
»Wir möchten die Leichtigkeit eines<br />
dünnen Papierblattes vermitteln«,<br />
sagt Urstadt, »und das bei einem<br />
Gewicht von rund 300 Tonnen.«<br />
Wie schafft man das? »Mit einem<br />
einfachen Trick, den jeder Maler<br />
und jede Malerin beherrscht, der<br />
heißt Perspektive«, erklärt der<br />
Technikdirektor. Die Bühnenflächen<br />
verjüngen sich nach außen, »sehen<br />
hauchdünn aus«. Die statische<br />
Umsetzung habe große Tüftelei<br />
erfordert: »Das Publikum soll ein
dünnes Blatt Papier sehen, die Bühne<br />
muss aber Schneelast und Wind<br />
standhalten und vor allem dem<br />
Wellenschlag des Bodensees.«<br />
Die Macht des Wassers, das von<br />
unten auf die Konstruktion wirkt,<br />
muss gebändigt werden. So wurden,<br />
um das Bauwerk vor den Kräften<br />
der Wellen zu schützen, acht spezielle<br />
Zug- und Druckanker in den<br />
Seeboden gesetzt. Ihre Aufgabe ist<br />
nun, die hohen Zugkräfte abzuleiten,<br />
die entstehen, wenn das<br />
Wasser von unten auf die dünnen<br />
Ränder des Papierbilds drückt.<br />
»Selbstverständlich haben wir mit<br />
größter Rücksichtnahme auf den<br />
Gewässerschutz gearbeitet, für den<br />
im Trinkwasserreservoir Bodensee<br />
sehr hohe Maßstäbe gelten«, fügt<br />
Urstadt hinzu.<br />
Technische Herausforderungen<br />
birgt auch die Oberflächengestaltung<br />
der Madame Butterfly-Kulisse.<br />
Die 117 Puzzleteile – das größte<br />
misst 17 Quadratmeter, das kleinste<br />
Element sechs – mussten ohne<br />
sichtbare Fugen zusammengebaut<br />
werden. Es galt, 47 Lautsprecheröffnungen<br />
unsichtbar für das Publikum<br />
im Papierbild zu platzieren<br />
und zudem zwischen den Wölbungen<br />
Öffnungen für die Auftritte der<br />
Künstlerinnen und Künstler so zu<br />
realisieren, »dass sich das Publikum<br />
wundern wird, woher die Menschen<br />
plötzlich auf die Bühne kommen«.<br />
beitet werden. Um sicherzugehen,<br />
dass nicht gesehen wird, was nicht<br />
gesehen werden soll, müsse man bei<br />
der Arbeit immer wieder ein paar<br />
Schritte zurücktreten, »die Bühne<br />
aus Publikumsperspektive betrachten«,<br />
erklärt Schulze seine Arbeit.<br />
Damit Materialien über zwei Saisonen<br />
Wind und Wetter standhalten,<br />
wird ihre Verwendung sorgfältig geprüft.<br />
Unter anderem werden Prototypen<br />
der Bauteile in sogenannten<br />
Bewitterungskammern künstlichen<br />
Wetterbedingungen ausgesetzt. In<br />
sechs Wochen können so zwei Jahre<br />
Kälte, Hitze und Feuchtigkeit simuliert<br />
werden.<br />
Die Bühne für Madame Butterfly<br />
wird ein Zusammenspiel aus Skulptur,<br />
traumhaften Kostümen und<br />
Lichteffekten, verspricht Urstadt.<br />
Damit die gewünschte Magie<br />
entsteht, wird auch mit digitalen<br />
Bühneneffekten gearbeitet werden.<br />
Verraten wird dazu nur so viel:<br />
Eine Woche lang dauert die digitale<br />
Vermessung der Bühne, die<br />
Basis für den Einsatz von Beleuchtung<br />
und Projektoren sein wird.<br />
Über die Effekte schweigt sich<br />
Urstadt noch aus. Schließlich soll<br />
das Publikum überrascht werden.<br />
SPIEL AUF DEM SEE<br />
MADAME BUTTERFLY<br />
Giacomo Puccini<br />
Oper in drei Akten (1904) |<br />
Libretto von Luigi Illica und<br />
Giuseppe Giacosa | In italienischer<br />
Sprache mit deutschen<br />
Übertiteln<br />
Premiere<br />
20. Juli <strong>2022</strong> – 21.15 Uhr<br />
Vorstellungen<br />
Alle Spieltermine finden<br />
Sie in der Heftmitte.<br />
MADAME BUTTERFLY<br />
Frank Schulze, Kascheur und Inhaber<br />
der Firma la mimesi, gestaltet<br />
zum 25. Mal die Bühnenoberfläche.<br />
In der Verantwortung des Kascheurs<br />
liegt es, durch Modellieren und<br />
Kaschieren Bühnenillusionen zu<br />
schaffen. Das Besondere an der<br />
Seebühne sei der Umgang mit dem<br />
Licht, sagt Schulze. »Die Bühnenskulptur<br />
wird tagsüber durch ständig<br />
wechselnde Lichtverhältnisse<br />
ausgeleuchtet und muss diesem<br />
Tageslicht standhalten.« Risse<br />
und Fehler würden sofort sichtbar.<br />
Entsprechend genau muss gear-<br />
Wie es sich für ein echtes Boot gehört, kam das Madame Butterfly-Papierschiff auf dem<br />
Wasserweg zur Bühne.<br />
7
»GUTE TECHNIK<br />
UND SENSIBILITÄT«<br />
LUCY BURGE BRINGT BEWEGUNG AUF DIE BÜHNE:<br />
DIE CHOREOGRAFIN FÜR MADAME BUTTERFLY LUD IM<br />
NOVEMBER TÄNZERINNEN UND TÄNZER ZUM CASTING<br />
SPIEL AUF DEM SEE<br />
Prüfende Blicke für Madame Butterfly:<br />
Choreografin Lucy Burge (Mitte) und<br />
Dance Captain Isabella McGuire-Mayes.<br />
6.<br />
November 2021, ein Samstag,<br />
und noch 256 Tage bis<br />
zur Premiere. Im Festspielhaus<br />
Bregenz erklingt gegen Mittag<br />
ein wohliger Soundteppich, irgendwo<br />
zwischen Pop, Fitnessstudio und<br />
Fahrstuhlmusik angesiedelt. An diesem<br />
Mittag sind 38 junge Damen und<br />
Herren zum Vortanzen für Madame<br />
Butterfly gekommen. Schon am<br />
Freitag hatten 43 andere ihre Chance<br />
wahrgenommen, und auch da begann<br />
es mit einem 20-minütigen Warm-up.<br />
Noch schaut alles sehr leicht aus. Als<br />
Laie ist man versucht zu sagen: Da<br />
könnte auch ich noch mithalten.<br />
Isabella McGuire-Mayes wäre mit<br />
Sicherheit anderer Meinung. Und die<br />
eigene Selbstüberschätzung, überhaupt<br />
solche anmaßenden Gedanken<br />
gehabt zu haben, wird sich eine halbe<br />
Stunde später kleinlaut aufgelöst<br />
haben. Was auf der Bühne leicht<br />
aussieht (und auch so aussehen soll),<br />
ist Knochenarbeit. Wir normalsterblichen<br />
Besucher kennen oder<br />
erahnen das bestenfalls aus Bob<br />
Fosses vierfach Oscar-prämiertem<br />
Film Hinter dem Rampenlicht von<br />
1979. Bei Isabella McGuire-Mayes<br />
geht es glücklicherweise weniger<br />
melodramatisch zu. Sie leitet das<br />
Casting als sogenannter Dance<br />
Captain – und ist damit für das Einstudieren<br />
der tänzerischen Bewegungsabläufe<br />
zuständig – sowie als<br />
Unterstützung des Choreografen.<br />
In diesem Fall der Choreografin Lucy<br />
Burge. Die Hoffnung, von ihr ins<br />
Madame Butterfly-Team aufgenommen<br />
zu werden, steht den jungen<br />
Leuten ins Gesicht geschrieben. Der<br />
Großteil der Teilnehmerinnen und<br />
Teilnehmer kommt aus Deutschland,<br />
Österreich und der Schweiz, viele<br />
sind extra aus Italien angereist,<br />
einige auch aus Großbritannien,<br />
Lucy Burges Heimat.<br />
Die Outfits der Tänzerinnen und<br />
Tänzer sind betont lässig und<br />
unaufdringlich. Die prägnanten<br />
weißen Streifen da und dort sind kein<br />
Wiedererkennungsmerkmal einer<br />
Bekleidungsmarke. Sie entpuppen<br />
sich bei näherem Hinsehen als einfache<br />
Stoff-Tapes, auf denen der<br />
Name der Kandidatin bzw. des Kandidaten<br />
steht. Manche haben noch<br />
ein Herzchen draufgemalt. Auffallen,<br />
aus der Menge hervorstechen. Das<br />
haben sich alle vorgenommen, die<br />
nun in Gruppen aus acht bis zehn<br />
Personen erstmals vor Lucy Burge<br />
bestehen müssen.<br />
Die Musikfarbe im Zuschauerraum<br />
wechselt. Sie klingt nun japanisch,<br />
stammt aber nicht aus der Puccini-<br />
Oper. Fächer sorgen für asiatische<br />
Anmutung und unterstreichen die<br />
Bewegungsabläufe der Tänzerin-<br />
8
Bis in die Fingerspitzen hat sich Lucy Burge genau überlegt, wie die Bewegungen aussehen sollen.<br />
nen und Tänzer, die die Requisiten<br />
auf- und zuklappen. Noch ist nicht<br />
alles auf Anhieb synchron, wie auch?<br />
Doch der Laie staunt, wie steil die<br />
Lernkurve nach oben geht. Manche<br />
bewegen sich scheinbar völlig gedankenverloren,<br />
anderen sieht man an,<br />
wie hochkonzentriert sie üben. Lucy<br />
Burge steht mit dem Rücken zum<br />
Zuschauerraum am Tisch und macht<br />
sich Notizen, wer für die Aufführung<br />
in Frage kommt. Oder nicht.<br />
Ein Fächer bricht. Ersatz liegt<br />
bereit, denn damit war zu rechnen.<br />
»The fan is your weapon!« – »Der<br />
Fächer ist eure Waffe!« Diesen Satz<br />
hat Lucy Burge jetzt schon mehrmals<br />
pauschal oder auch persönlich adressiert.<br />
Er ist jedoch im übertragenen<br />
Sinn und doppeldeutig gemeint.<br />
Einerseits symbolisiere der Fächer<br />
die Welt der Geishas in Madame<br />
Butterfly, andererseits will Burge<br />
ihre Ansage als gezielten Ansporn in<br />
diesem Casting verstanden wissen:<br />
»Ich suche ein Team aus«, sagt sie<br />
später im Interview, »es ist nicht<br />
unbedingt notwendig, im Casting<br />
genau das zu sehen, was später auf<br />
der Bühne ist. Manches vielleicht …<br />
Ich suche nach Tänzerinnen und<br />
Tänzern, die die Bedeutung und das<br />
Ziel der Choreografie erkennen und<br />
die eine gute Technik und Sensibilität<br />
haben.«<br />
Gerade die Fächer-Sequenzen,<br />
die bei diesem Casting geprobt<br />
werden, beinhalten diese Punkte.<br />
»Die Technik eines guten Tänzers<br />
macht 50 Prozent aus«, sagt Lucy<br />
Burge, die anderen 50 Prozent müsse<br />
die wechselnde emotionale Dynamik<br />
beisteuern, die ein guter Tänzer in<br />
seinen Körper zu packen vermöge.<br />
»Und ich brauche große Männer,<br />
doch unglücklicherweise sind sie hier<br />
alle ein bisschen klein …«, schiebt sie<br />
nach einer kurzen Überlegung nach.<br />
»Wir werden das vielleicht überdenken<br />
…« Sie stünden ja noch mehr als<br />
ein halbes Jahr vor dem eigentlichen<br />
Probenbeginn und »es ist noch ein<br />
kollaborativer Prozess.«<br />
Die ungezwungene Atmosphäre im<br />
Casting ist auffallend. Es wird viel<br />
gelacht. Gehört Humor zum Rezept<br />
der Choreografin, einen derartigen<br />
Wettbewerb möglichst stressfrei<br />
und fair zu gestalten? »Unbedingt!«,<br />
bekräftigt Lucy Burge. »Ich versuche,<br />
mit den einzelnen Menschen<br />
zu sprechen« – was angesichts der<br />
unüblichen Größenordnung schwierig<br />
sei –, »versuche, sehr präzise in<br />
meiner Beschreibung zu sein, frage<br />
nach, vermittle ihnen ein Gefühl<br />
der Größe und Entspannung. Disziplin<br />
ja, aber ich fuchtle nie mit dem<br />
Stecken! Ich weiß, wie sie sich fühlen,<br />
nämlich so, wie ich mich als junge<br />
Tänzerin gefühlt habe. Wenn da<br />
jemand Militantes vor einem stand –<br />
die haben sich damit alle keinen<br />
Gefallen getan.«<br />
Zehn Frauen und zehn Männer sind<br />
für die Bewegungschoreografie in<br />
Madame Butterfly auf der Seebühne<br />
vorgesehen, dazu ein vierköpfiges<br />
Team als Reserve. Nach gut einer<br />
halben Stunde Beratung der Jury<br />
aus Lucy Burge, Dance Captain<br />
Isabella McGuire-Mayes, Assistentin<br />
Rosita Steinhauser und Regieassistent<br />
Daniel Hackenberg versammelt<br />
Michael Csar, der Künstlerische<br />
Betriebsdirektor der Bregenzer Festspiele,<br />
die wartenden Tänzerinnen<br />
und Tänzer am frühen Nachmittag<br />
nochmals auf der Bühne. Er liest 13<br />
Namen vor, 13 von 38. Die Auserwählten<br />
erhalten, im Kreis stehend, von<br />
ihm grundsätzliche Informationen<br />
über die zu erwartende Zusammenarbeit,<br />
bevor sie in den Tiefen des<br />
Festspielhauses untertauchen, wo<br />
das Team der Kostümabteilung ihre<br />
Körpermaße aufnimmt.<br />
Ein fixes Ticket haben sie damit<br />
noch nicht in der Tasche. Sie wissen,<br />
es gibt kein weiteres Casting, die<br />
endgültige Auswahl fällt später auch<br />
mithilfe der Videoaufnahmen. Sie<br />
habe sehr gute Tänzerinnen und<br />
Tänzer hier in Bregenz gesehen,<br />
erklärt Lucy Burge nach der Vorauswahl,<br />
»aber nicht alle sind bereit für<br />
unser Stück.« Offen gesteht sie, dass<br />
auch sie sich »a little bit gaga!« fühle,<br />
jetzt, da auch sie ihre Konzentration<br />
ablegen darf. Es sei auch für sie sehr<br />
anstrengend gewesen. Spätestens<br />
zum Probenbeginn am 13. Juni wird<br />
sich zeigen, wen sie und ihr Team<br />
für den großen Auftritt auf der Seebühne<br />
ausgewählt haben.<br />
MADAME BUTTERFLY<br />
9
»Puccinis Musik trägt<br />
den Blick hoffnungsvoll<br />
in die Weite.«<br />
INTENDANTIN ELISABETH SOBOTKA<br />
ÜBER MADAME BUTTERFLY<br />
Gute Unterhaltung wünschen die Hauptsponsoren
OPER IM FESTSPIELHAUS<br />
»LIEBE UND<br />
SCHMERZ<br />
HABEN KEINE<br />
NATIONALITÄT«
Wie viel Russisches<br />
in Umberto Giordanos<br />
Sibirien steckt und<br />
warum diese Oper<br />
anstelle von Giacomo<br />
Puccinis Madame<br />
Butterfly uraufgeführt<br />
wurde.<br />
Umberto Giordano zählt mit<br />
Pietro Mascagni, Ruggero<br />
Leoncavallo, Francesco<br />
Cilea und Giacomo Puccini zur<br />
»Giovane scuola italiana«. Diese<br />
Komponistengeneration trat an<br />
der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert<br />
mit dem Anspruch an die<br />
Öffentlichkeit, in der Nachfolge<br />
von Giuseppe Verdi und in innerer<br />
Auflehnung gegen die herrschenden<br />
Konventionen, dem zeitgenössischen<br />
italienischen Musiktheater<br />
erneut internationale Geltung zu<br />
verschaffen. Dem dominierenden<br />
französischen Drame lyrique eines<br />
Jules Massenet und Charles Gounod<br />
ebenso wie dem deutschen Musikdrama<br />
eines Richard Wagner galt es<br />
entgegenzutreten. Es entstand der<br />
musikalische Verismo, der vor allem<br />
zu Beginn der 1890er- Jahre konsequent<br />
zeitgenössische Stoffe für<br />
die Opernbühne nutzte. Besonders<br />
Umberto Giordano ist es gelungen,<br />
bei Presse und Publikum gleichermaßen<br />
höchste Anerkennung zu erlangen.<br />
Es mag verwundern, dass er<br />
heute nur mehr mit Andrea Chénier<br />
und Fedora in den internationalen<br />
Spielplänen präsent ist, während es<br />
doch ein vielgestaltiges musiktheatrales<br />
Œuvre zu entdecken gilt, mit<br />
dem das gängige Opernrepertoire<br />
zu bereichern wäre.<br />
Bereits Umberto Giordanos dreiaktiges<br />
Melodramma Mala Vita, das<br />
mit dem Rückgriff auf die »Scene<br />
popolari« von Salvatore Di Giacomo<br />
einer dezidierten Zeitgenossenschaft<br />
verpflichtet ist, formulierte<br />
einen singulären Beitrag zum italienischen<br />
Musiktheater des Verismo.<br />
Im Rahmen einer Dramaturgie<br />
der harten Schnitte und schroffen<br />
Kontraste war es Ziel des Komponisten,<br />
der realistischen Handlung<br />
ein ebenso realistisches musikalisches<br />
Fundament zu geben. Er<br />
bezog sich auf (Volks-)Lieder und<br />
-Tänze, religiöse Tonfälle wie Choral<br />
und Orgelklang und integrierte sie<br />
in einen musikalisch avancierten<br />
Tonsatz. Das Spätwerk des Komponisten<br />
hingegen ist gleichsam<br />
eine Versuchsanordnung über<br />
Gattungen des Komischen im Horizont<br />
veristischen Komponierens:<br />
Madame Sans-Gêne ist eine Opera<br />
buffa, Giove a Pompei eine Operette,<br />
La cena delle beffe nutzt die italienische<br />
Novellengattung der Beffa, und<br />
Il Ré ist eine komische Fabel.<br />
Den genannten Werken Umberto<br />
Giordanos ist eines gemeinsam: die<br />
historische Betrachtungsweise der<br />
dargestellten Handlung – sei sie auf<br />
die handelnden Figuren oder auf<br />
konkrete Ereignisse bezogen – und<br />
ein vielfach abgestufter Einsatz von<br />
musikalischen Allusionen und Zitaten,<br />
um der Historie musikdramaturgischen<br />
Rückhalt zu verleihen.<br />
Ein Werk im Schaffen Giordanos<br />
lässt sich indes im Horizont dieser<br />
dramaturgischen Grundkonstante<br />
nicht begreifen: Sibirien (Siberia).<br />
Siberia ist ein Schicksals- bzw.<br />
Läuterungsdrama – wie der<br />
Musikwissenschaftler Egon Voss<br />
formulierte. In Anlehnung an Fjodor<br />
Dostojewskis Aufzeichnungen aus<br />
einem Totenhaus und inspiriert von<br />
Lew Tolstois Auferstehung (1899)<br />
hat der Librettist Luigi Illica die<br />
in einem sibirischen Straflager<br />
tragisch endende Liebesgeschichte<br />
zwischen Stephana und dem Soldaten<br />
Vassili auf die Bühne gebracht.<br />
Im Zentrum der Oper: die Entwicklung<br />
der Protagonistin Stephana<br />
von der Hetäre (einer hochangesehenen<br />
Prostituierten) zur Liebenden<br />
und schließlich zur Heroine.<br />
Insofern stand für Librettist und<br />
Komponist nicht die historische<br />
Perspektive, sondern die Logik<br />
der Handlung, der Kontrastreichtum<br />
der Szenen und letztlich die<br />
Wahrhaftigkeit der dargestellten<br />
Emotionen im Zentrum. Giordano<br />
nannte Siberia konsequent ein<br />
»Drama der Leidenschaften«. Und<br />
während Illica das Libretto jenseits<br />
der traditionellen Sprachformen<br />
des italienischen Musiktheaters<br />
ausarbeitete und sich an einer realistischen<br />
Diktion, das heißt an der<br />
gesprochenen Sprache orientierte,<br />
bildete die exakte realistische Fundierung<br />
der Handlung durch eine im<br />
russischen Idiom verankerte Musik<br />
den Ausgangspunkt der Vertonung.<br />
Giordano suchte Kontakt zu dem<br />
Maler Vladimir Schereschewski, um<br />
von dessen Erlebnissen in sibirischer<br />
Gefangenschaft zu erfahren;<br />
der Russlandkorrespondent des<br />
»Corriere della Sera« Luigi Barzini,<br />
SIBIRIEN<br />
13
OPER IM FESTSPIELHAUS<br />
Francesco Cilea, Umberto Giordano<br />
und Pietro Mascagni traten mit<br />
ihrer Musik den zu ihrer Zeit<br />
vorherrschenden französischen<br />
und deutschen Dramen kraftvoll<br />
entgegen.<br />
Giordanos Siberia wurde in der<br />
Spielzeit 1903/04 an der legendären<br />
Mailänder Scala uraufgeführt,<br />
ebenso wie Giacomo<br />
Puccinis Madame Butterfly.<br />
der gerade aus Sibirien zurückgekehrt<br />
war und zahlreiche Fotografien<br />
mitgebracht hatte, war ebenfalls<br />
ein wichtiger Garant für die<br />
authentische Vergegenwärtigung<br />
Sibiriens. Weitere Berichte – so<br />
zum kirchlichen Osterritual in<br />
Russland – verhalfen dazu, Handlung<br />
und Szene realistisch zu fundieren.<br />
Schließlich beschäftigte sich<br />
Giordano intensiv mit russischer<br />
Volks- und Kunstmusik, um von hier<br />
aus eine realistische Verankerung<br />
des Sujets in einem russischen Tonfall<br />
der Musik zu betreiben. Peter<br />
Tschaikowskis Ouvertüre 1812 bildete<br />
in diesem Kontext eine zentrale<br />
Inspirationsquelle.<br />
Die intensive<br />
Beschäftigung<br />
mit<br />
der Kunst<br />
und Kultur<br />
Russlands<br />
findet ihren<br />
konsequenten<br />
Niederschlag<br />
in<br />
der Partitur,<br />
bleibt der<br />
Oper nicht<br />
äußerlich,<br />
sondern<br />
dringt bis<br />
in ihr Innerstes<br />
vor. Im ersten Akt verweist<br />
Giordano mit der »Canzone di<br />
mugiki« (»Lied der russischen<br />
Bauern«) des Männerchors, die zu<br />
Beginn aus der Ferne erklingt, und<br />
dem Zitat der russischen Kaiserhymne<br />
auf die Herkunft der »Bella<br />
Orientale« Stephana. Im zweiten<br />
Akt – an der Grenze der Hungersteppe,<br />
auf dem Weg von Omsk<br />
nach Kolywan situiert – wird der<br />
Rekurs auf die russische Sprechweise<br />
intensiviert, wenn etwa das<br />
Orchestervorspiel in düsteren<br />
orchestralen Farben die endlose<br />
Weite der sibirischen Landschaft<br />
nachzeichnet oder in den Chorpassagen<br />
der Bauern und Händler und<br />
insbesondere mit dem Zitat des<br />
leitmotivisch verwendeten Lieds<br />
der Wolga-Schlepper Ej uchnjem<br />
Melos und Rhythmik russischer<br />
Musik adaptiert werden. Der dritte<br />
Akt – im Inneren des »Hauses<br />
der Stärke« in den Minen des<br />
Trans-Baikal – entwirft das Bild<br />
eines Straf- und Gefangenenlagers,<br />
in dessen Zentrum die Osterzeremonie<br />
mit dem Chorgesang »Cristo<br />
è risorto« steht. Streichertremoli,<br />
Glocken, Trompeten und Tamburin<br />
auf der Bühne vergegenwärtigen<br />
die verklärte, feierlich-besinnliche<br />
Stimmung der hereinbrechenden<br />
Osternacht; begleitet von einem<br />
Balalaika-Orchester feiern die Gefangenen<br />
des Straflagers das Osterfest<br />
– szenisch wie musikalisch am<br />
griechisch-orthodoxen Osterritual<br />
orientiert. Dass schließlich auch die<br />
Arien und Duette von Stephana und<br />
Vassili, die in ihrer lyrisch-emphatischen<br />
Geste als gleichsam exterritoriale<br />
Felder fungieren, durch<br />
Gestaltungselemente russischer<br />
Musik charakterisiert sind, trägt zur<br />
musikdramaturgisch schlüssigen<br />
Gesamtkonzeption von Siberia bei.<br />
Die Entstehung ebenso wie die<br />
Umstände der Uraufführung von<br />
Giordanos Siberia sind einigermaßen<br />
verwickelt. Während Giordanos<br />
Verleger Edoardo Sonzogno bereits<br />
am 26. März 1900 einen Vertrag mit<br />
Luigi Illica abschloss, in dem festgehalten<br />
wurde, dass Illica innerhalb<br />
von sechs Monaten ein Libretto<br />
abliefern solle, und Giordano sich<br />
verpflichtete, die Partitur in 20<br />
Monaten fertigzustellen, zog sich<br />
die Ausarbeitung der Oper bis in<br />
den Herbst 1903 hin – begleitet von<br />
einem regen Briefwechsel zwischen<br />
Librettist und Komponist, der dokumentiert,<br />
wie intensiv beide um die<br />
finale Konzeption der Oper ringen<br />
mussten. Das mag einer der Gründe<br />
sein, warum die vertraglichen Angelegenheiten<br />
zur Uraufführung erst<br />
sehr spät fixiert wurden: Am 9. Mai<br />
1903 unterzeichneten Edoardo<br />
Sonzogno und Giulio Gatti Casazza,<br />
der Generaldirektor des Teatro<br />
alla Scala, den Vertrag zur Uraufführung<br />
von Siberia für die Saison<br />
1903|04. Dieser späte Zeitpunkt<br />
der Einigung lässt indes auch einen<br />
anderen Grund vermuten, der<br />
weniger mit Giordano als mit dem<br />
14
Komponistenkollegen Giacomo<br />
Puccini zusammenhing. Der passionierte<br />
Autofahrer Puccini hatte am<br />
23. Februar 1903 einen schweren<br />
Autounfall, der ihn zwang, die Arbeit<br />
an seiner neuen Oper Madame<br />
Butterfly für mehrere Monate zu<br />
unterbrechen. Am 13. Mai 1903<br />
schrieb er desillusioniert: »Addio<br />
tutto, addio Butterfly, addio vita<br />
mia«. Und am 3. September 1903<br />
notierte er angesichts eines bevorstehenden<br />
Besuchs seines Verlegers<br />
Tito Ricordi: »Es scheint um meine<br />
Butterfly an der Scala zu gehen.<br />
Sie wird – wenn überhaupt – in die<br />
zweite Hälfte der Spielzeit wandern,<br />
aber das ärgert mich: Ich möchte<br />
nicht, dass irgendwer glaubt, ich<br />
würde mir mit Giordano ein Wettrennen<br />
liefern. Aber wahrscheinlich<br />
wird es so kommen: Er macht<br />
den Anfang, ich das Ende.« Die<br />
ursprünglich für die Eröffnung der<br />
Saison geplante Uraufführung von<br />
Madame Butterfly war nicht mehr zu<br />
halten. Siberia trat an die Stelle von<br />
Puccinis Oper, deren Uraufführung<br />
auf den 17. Februar 1904 verschoben<br />
wurde, so dass – zum ersten Mal in<br />
der Geschichte des Teatro alla Scala –<br />
in einer Saison zwei Opern zur Uraufführung<br />
gelangten. Die Premiere<br />
von Siberia am 19. Dezember 1903<br />
war ein großer Erfolg, diejenige von<br />
Madame Butterfly ein Desaster.<br />
Das mag in der antijapanischen<br />
Stimmung nach dem Ausbruch des<br />
Russisch-Japanischen Krieges am<br />
8. Februar 1904 begründet gewesen<br />
sein. Vielleicht war es aber ein gut<br />
vorbereiteter und von Parteigängern<br />
der beiden rivalisierenden<br />
Mailänder Verlagshäuser Ricordi<br />
und Sonzogno geschürter Skandal.<br />
Wenige Tage nach der Uraufführung<br />
von Madame Butterfly stand in der<br />
Hauszeitschrift des Ricordi-Verlags<br />
»Musica e musicisti« – ohne Angabe<br />
der Autorenschaft, aber Giulio<br />
Ricordi zugeschrieben – zu lesen,<br />
dass »alle Japaner Puccinis« von<br />
den Russen hinweggefegt worden<br />
seien; ein klarer Hinweis auf die im<br />
Konkurrenzverlag Sonzogno veröffentlichte<br />
Storia russa Siberia von<br />
Umberto Giordano.<br />
Giacomo Puccini unterzog Madame<br />
Butterfly nach dem Uraufführungsskandal<br />
einem umfassenden Überarbeitungsprozess;<br />
heute zählt<br />
die Oper zu den populärsten Werken<br />
des Komponisten. Umberto<br />
Giordanos Siberia wurde in den ersten<br />
Jahren nach der Uraufführung<br />
zwar international an zahlreichen<br />
Häusern präsentiert, konnte aber<br />
die Popularität von Andrea Chénier<br />
nie erlangen, obwohl die Partitur<br />
mit dem Variantenreichtum der<br />
vokalen Linie, der differenzierten<br />
Instrumentation und der fortschrittlichen<br />
Harmonik einen<br />
avancierten Stand des Komponierens<br />
bietet. Und dass es Giordano<br />
gelungen ist, das russische Idiom als<br />
musikalische Vergegenwärtigung<br />
von Szene und Handlung bruchlos<br />
in sein Komponieren zu integrieren,<br />
markiert fraglos die Singularität<br />
von Siberia im Kontext des italienischen<br />
Musiktheaters zu Beginn des<br />
20. Jahrhunderts.<br />
OPER IM FESTSPIELHAUS<br />
SIBIRIEN<br />
Umberto Giordano<br />
Tragödie in drei Akten (1903) |<br />
Libretto von Luigi Illica |<br />
In italienischer Sprache mit<br />
deutschen Übertiteln<br />
Premiere<br />
21. Juli <strong>2022</strong> – 19.30 Uhr<br />
Vorstellungen<br />
24. Juli – 11.00 Uhr<br />
1. August – 19.30 Uhr |<br />
Festspielhaus<br />
Koproduktion mit dem<br />
Theater Bonn<br />
SIBIRIEN<br />
15
VON SCHNELLEN<br />
AUTOS UND ANDEREN<br />
LEIDENSCHAFTEN<br />
MADAME BUTTERFLY & SIBIRIEN<br />
Schnelle Motoren liebte sowohl<br />
Giacomo Puccini als auch<br />
Umberto Giordano. Die Komponisten<br />
von Madame Butterfly<br />
und Sibirien verband die Leidenschaft<br />
für die noch junge Erfindung<br />
des Automobils. Puccini besaß<br />
ein Motorboot auf dem Lago di<br />
Massaciuccoli, in dessen Nähe er im<br />
Jahr 1900 bereits eine kleine Villa<br />
in Torre del Lago bezogen hatte.<br />
Er war passionierter Besucher der<br />
Internationalen Automobilausstellung<br />
in Mailand. 1901 steuerte er<br />
gemeinsam mit Giordano verschiedene<br />
Autowerkstätten an und berichtete<br />
davon Luigi Illica in einem<br />
Brief, worin er die großen Ideen der<br />
Der Komponist Alberto Franchetti in<br />
seinem Auto, begleitet von (v. l.) Luigi Illica,<br />
Umberto Giordano und Cesare Galeotti.<br />
WAS PUCCINIS MADAME BUTTERFLY UND<br />
GIORDANOS SIBIRIEN MITEINANDER VERBINDET<br />
beiden verkündete: 300 PS für ein<br />
»Theater-Automobil« und einen<br />
Bann für »zu schwere Opern«.<br />
Die beiden Komponisten teilten<br />
demnach auch privat gemeinsame<br />
Interessen und betrachteten sich<br />
nicht unbedingt als Konkurrenten,<br />
wie es die beiden italienischen<br />
Verlagshäuser, die ihre Werke publizierten,<br />
sehr wohl beförderten.<br />
Giulio Ricordi, der das Familienunternehmen<br />
mit Komponisten wie<br />
Giuseppe Verdi und Puccini zu<br />
Weltruhm führte, und Edoardo<br />
Sonzogno, der mit Pietro Mascagnis<br />
Cavalleria rusticana 1890 sozusagen<br />
das Gründungswerk des musikalischen<br />
Verismo sowie Giordanos<br />
Werke vertrat, sahen sich in einem<br />
erbitterten Wettstreit. Einen Höhepunkt<br />
darin markieren die Uraufführungen<br />
von Sibirien und Madame<br />
Butterfly, wie in diesem Heft auf<br />
Seiten 12 bis 15 nachzulesen ist.<br />
Verantwortlich für die Verschiebung<br />
der Premiere von Madame<br />
Butterfly – aufgrund derer Sibirien<br />
im Dezember 1903 an der Mailänder<br />
Scala aufgeführt wurde – war ausgerechnet<br />
ein Autounfall Puccinis,<br />
der den Komponisten zur Unterbrechung<br />
der Arbeit zwang. Die<br />
Gefährlichkeit der neuen Technologie<br />
war Puccini durchaus bewusst,<br />
bereits 1902 hatte er einen harmlosen<br />
Unfall gehabt und im Februar<br />
1903 schrieb er an Illica, dass er sich<br />
mit seiner späteren Gattin Elvira auf<br />
eine mehrtägige Autofahrt begebe:<br />
»Gott beschütze mich!«<br />
Auch der Librettist Luigi Illica<br />
verbindet die beiden Opern: Das<br />
Textbuch zu Sibirien verfasste<br />
Illica allein, Madame Butterfly<br />
entstand gemeinsam mit Giuseppe<br />
Giacosa. Bereits 1899 hatten Puccini<br />
und Illica eine Oper nach Fjodor<br />
Dostojewskis Aufzeichnungen aus<br />
einem Totenhaus in Erwägung<br />
gezogen und damit ein Werk, das<br />
schließlich eine der Quellen von<br />
Sibirien wurde. Mehrere Personen<br />
wirkten in den Uraufführungen beider<br />
Opern mit: Cleofonte Campanini<br />
hob als Dirigent beide Werke aus der<br />
Taufe. Für die Sopranistin Rosina<br />
Storchio schrieb Puccini die Rolle<br />
der Cio-Cio-San, sie sang auch die<br />
Hauptrolle Stephana in Giordanos<br />
Oper. Der Sänger des Pinkerton –<br />
Giovanni Zenatello – war auch als<br />
Vassili zu erleben. Wer den Sänger<br />
noch heute hören möchte, kann sich<br />
über den untenstehenden QR-Code<br />
auf Youtube das Duett aus dem<br />
ersten Akt von Madame Butterfly in<br />
einer Aufnahme aus dem Jahr 1911<br />
zu Gemüte führen.<br />
Giovanni Zenatello in<br />
Madame Butterfly, 1911<br />
16
VORFREUDE<br />
AUS DEM<br />
FESTSPIELSHOP<br />
Wenn innige Liebe und<br />
blindes Vertrauen zum<br />
Tode führen, Feigheit<br />
aber belohnt wird, kann es nur<br />
eins sein: große Oper.« So steht<br />
es in dem kleinen, liebevoll illustrierten<br />
Opernführer Oper einfach<br />
erklärt über Madame Butterfly<br />
und eigentlich wäre damit schon<br />
alles gesagt. Wer dennoch ein<br />
bisschen tiefer in diese und andere<br />
Opern eintauchen möchte,<br />
dem sei der Festspielshop der<br />
Bregenzer Festspiele empfohlen:<br />
Dort finden sich neben CDs und<br />
Geschenkartikeln zahlreiche<br />
neue Bücher zur Festspielsaison<br />
<strong>2022</strong>, darunter Textbücher zu den<br />
gezeigten Aufführungen, deren<br />
literarische Vorlagen sowie der erwähnte<br />
und andere Opernführer.<br />
Für alle, die gerne in Erinnerungen<br />
schwelgen, gibt es außerdem vergangene<br />
Festspielaufführungen<br />
auf DVD und Blu-Ray.<br />
Der Shop hat online unter<br />
www.bregenzerfestspiele.com<br />
rund um die Uhr geöffnet, an der<br />
Tageskasse im Festspielhaus von<br />
09.00–12.00 und 14.00–17.00 Uhr<br />
(an Werktagen; ab 25. Juni durchgehend,<br />
während der Saison auch<br />
abends bis Vorstellungsbeginn).<br />
Applauso!<br />
Manchmal kann man den<br />
Erfolg bei einer Tasse<br />
Kaffee »aussitzen«. Vor<br />
99 Jahren wurde an der Mailänder<br />
Scala die Uraufführung von Giacomo<br />
Puccinis Oper Madame Butterfly<br />
verschoben. Gezeigt wurde stattdessen:<br />
Siberia. Als schließlich ein<br />
Jahr später die dramatische Oper<br />
mit der japanischen Geisha zu sehen<br />
war, geriet dies zum größten Skandal<br />
der Mailänder Operngeschichte.<br />
Das Publikum tobte und kreischte,<br />
obwohl die Verantwortlichen mit<br />
einem Riesenerfolg von Madame<br />
Butterfly gerechnet hatten. Und was<br />
tat daraufhin Puccini? Cappuccini!<br />
Er trank Kaffee – was er immer gerne<br />
und reichlich tat – und änderte sein<br />
Werk an einigen Stellen ab. Drei Monate<br />
später wurde Madame Butterfly<br />
in Brescia aufgeführt. Applauso<br />
clamoroso!<br />
Einmal nicht zu reagieren, scheint<br />
in aufgeregten Zeiten genau das<br />
richtige Rezept zu sein. Bei einer<br />
Kaffeepause entspannen und den<br />
Klang einer der meistgespielten<br />
Opern der Welt auf sich wirken<br />
zu lassen.<br />
PARTNER DER BREGENZER FESTSPIELE<br />
Dallmayr wünscht Ihnen viel Genuss<br />
und eine wunderbare <strong>Festspielzeit</strong>!<br />
17
DAS FESTSPIEL-JAHR<br />
IM ÜBERBLICK<br />
SPIELPLAN <strong>2022</strong><br />
BURGTHEATER ZU GAST<br />
IM FESTSPIELHAUS<br />
GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT<br />
Jean-Paul Sartre<br />
Inszenierung Martin Kušej<br />
16. April – 19.30 Uhr<br />
17. April – 16.00 Uhr<br />
JUNGE FESTSPIELE<br />
DIE ZEITREISEMASCHINE<br />
Musikalische Leitung Lutz Rademacher<br />
Inszenierung | Bühne Detlef Heusinger<br />
Für Schulklassen: 12. & 13. Mai – 10.00 Uhr<br />
Für Familien: 12. Mai – 18.00 Uhr<br />
JUNGE FESTSPIELE<br />
VERGISSMEINNICHT<br />
Inszenierung Sara Ostertag<br />
Die Schurken<br />
Für Schulklassen: 20. & 21. Juni –<br />
9.00 Uhr und 10.30 Uhr<br />
Für Familien: 19. Juni – 10.30 Uhr<br />
OPERNSTUDIO AM KORNMARKT<br />
DIE ITALIENERIN IN ALGIER<br />
Gioachino Rossini<br />
Musikalische Leitung Jonathan Brandani<br />
Inszenierung Brigitte Fassbaender<br />
8., 10. und 12. Juli – 19.30 Uhr<br />
PFARRKIRCHE HERZ-JESU<br />
FESTMESSE<br />
17. Juli – 10.00 Uhr<br />
Dirigent Leo McFall<br />
Chorleitung Wolfgang Schwendinger<br />
Kirchenchor Herz-Jesu<br />
Kirchenchor Hohenems St. Karl<br />
Symphonieorchester Vorarlberg<br />
Joseph Haydn Theresienmesse<br />
SPIEL AUF DEM SEE<br />
MADAME BUTTERFLY<br />
Giacomo Puccini<br />
Musikalische Leitung Enrique Mazzola,<br />
Yi-Chen Lin<br />
Inszenierung Andreas Homoki<br />
20., 22., 23., 24., 26., 27., 28., 29.,<br />
30. und 31. Juli – 21.15 Uhr<br />
2., 3., 4., 5., 6., 7., 9., 11., 12., 13., 14., 16.,<br />
17., 19., 20. und 21. August – 21.00 Uhr<br />
OPER IM FESTSPIELHAUS<br />
SIBIRIEN<br />
Umberto Giordano<br />
Musikalische Leitung Valentin Uryupin<br />
Inszenierung Vasily Barkhatov<br />
21. Juli und 1. August – 19.30 Uhr<br />
24. Juli – 11.00 Uhr<br />
THEATER AM KORNMARKT<br />
DER STURM<br />
William Shakespeare<br />
Inszenierung Jan Bosse<br />
23., 25. und 26. Juli – 19.30 Uhr<br />
WERKSTATTBÜHNE<br />
KAPITÄN NEMOS BIBLIOTHEK<br />
Johannes Kalitzke<br />
Musikalische Leitung Johannes Kalitzke<br />
Inszenierung Christoph Werner<br />
27. und 29. Juli – 20.00 Uhr
FESTSPIELHAUS<br />
FRÄULEIN ELSE<br />
Musicbanda Franui | Maschek<br />
Remake des Stummfilms Fräulein Else<br />
nach Arthur Schnitzlers Novelle<br />
3. August – 17.00 Uhr<br />
KUNSTHAUS BREGENZ<br />
KONZERT IM KUB<br />
Mit Éna Brennan sowie Mitgliedern des<br />
Symphonieorchester Vorarlberg<br />
9. August – 21.00 Uhr<br />
OPERNSTUDIO AM KORNMARKT<br />
ARMIDA<br />
Joseph Haydn<br />
Musikalische Leitung Jonathan Brandani<br />
Inszenierung Jörg Lichtenstein<br />
15., 17. und 19. August – 19.30 Uhr<br />
ORCHESTERKONZERTE<br />
WIENER SYMPHONIKER<br />
25. Juli – 19.30 Uhr<br />
Dirigent Enrique Mazzola<br />
Peter I. Tschaikowski Der Sturm. Fantasie nach<br />
William Shakespeare op. 18<br />
Malika Kishino Konzert für Koto und Orchester<br />
Dmitri Schostakowitsch Symphonie Nr. 10 e-Moll<br />
31. Juli – 11.00 Uhr<br />
Dirigentin Karina Canellakis<br />
Ludwig van Beethoven Leonore-Ouvertüre Nr. 3<br />
Richard Wagner Siegfried, dritter Aufzug<br />
8. August – 19.30 Uhr<br />
Dirigentin Marie Jacquot<br />
Peter I. Tschaikowski Romeo und Julia.<br />
Fantasie-Ouvertüre nach William Shakespeare<br />
Dmitri Schostakowitsch Konzert für Violoncello<br />
und Orchester Nr. 1 Es-Dur<br />
Nikolai Rimski-Korsakow Scheherazade op. 35<br />
SPIELPLAN <strong>2022</strong><br />
WERKSTATTBÜHNE<br />
MELENCOLIA<br />
Brigitta Muntendorf | Moritz Lobeck<br />
Komposition Brigitta Muntendorf<br />
Ensemble Modern<br />
18. und 20. August – 20.00 Uhr<br />
SEESTUDIO | FESTSPIELHAUS<br />
MUSIK & POESIE<br />
24. Juli – 19.30 Uhr<br />
SCHMETTERLINGSEFFEKTE<br />
Mitglieder des Ensemble Modern<br />
Lesung Miki Sakamoto<br />
Werke von Malika Kishino, Yu Kuwabara u. a.<br />
31. Juli – 19.30 Uhr<br />
INNENWELTEN<br />
Gesang Marlis Petersen<br />
Klavier Stephan Matthias Lademann<br />
Erzähler Ulrich Reinthaller<br />
7. August – 19.30 Uhr<br />
FLY GANYMED<br />
Erzähler Nikolaus Habjan<br />
Musik Kyrre Kvam<br />
ORCHESTERKONZERT<br />
ORCHESTERAKADEMIE<br />
14. August – 11.00 Uhr<br />
Dirigent Andrés Orozco-Estrada<br />
Trompete Selina Ott<br />
Mitglieder der Orchesterakademie Bregenz <strong>2022</strong><br />
Herbert Willi DSONG für Orchester – Auszug<br />
in drei Sätzen (<strong>2022</strong>), Uraufführung<br />
Joseph Haydn Konzert für Trompete und<br />
Orchester Hob. Es-Dur VIIe:1<br />
Dmitri Schostakowitsch Symphonie Nr. 5<br />
d-Moll op.47<br />
ORCHESTERKONZERT<br />
SYMPHONIE ORCHESTER VORARLBERG<br />
21. August – 11.00 Uhr<br />
Dirigent Leo McFall<br />
Igor Strawinski Chant funèbre<br />
Sergej Prokofjew Konzert für Violine und<br />
Orchester Nr. 1 D-Dur op. 19<br />
Peter I. Tschaikowski Symphonie Nr. 5<br />
e-Moll op. 64<br />
Das ausführliche Programm der Bregenzer Festspiele <strong>2022</strong> finden Sie auf www.bregenzerfestspiele.com.
BURGTHEATER ZU GAST<br />
20
DER ZERFALL VON<br />
SEELENWELTEN<br />
ÜBER SARTRES GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT UND<br />
DIE LANGJÄHRIGE ERFOLGSGESCHICHTE VON SCHAUSPIELER<br />
TOBIAS MORETTI MIT DEM REGISSEUR MARTIN KUŠEJ<br />
GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT<br />
Stellen Sie sich vor, nach dem<br />
Tod ginge das Leben noch<br />
irgendwie weiter. Jedoch<br />
nicht, wie Sie es vielleicht entlang<br />
christlicher Vorstellungen erwarten<br />
würden, in einer Art ewiger<br />
Verzückung vor dem Gesang himmlischer<br />
Heerscharen; auch nicht<br />
im Gegenteil, zwischen Feuern,<br />
glühenden Eisen und den Schreien<br />
der ewig gefolterten Sünderinnen<br />
und Sünder. Nein, dieses Leben<br />
nach dem Tod ist anders, es ist zäh,<br />
gleichförmig, ohne jede Abwechslung,<br />
nicht einmal die Augen kann<br />
man hier schließen, das Licht<br />
brennt ohne Unterlass, Schlaf gibt<br />
es keinen, es ist stickig und warm,<br />
keine Fenster, keine Spiegel.<br />
Sie sind an diesem Ort jedoch<br />
nicht allein, sondern diese ewige<br />
Wohngemeinschaft besteht aus<br />
insgesamt drei Untoten, die für<br />
immer eine höllische Dreiecksbeziehung<br />
führen werden, eine<br />
Ménage-à-trois, die voller Missgunst,<br />
Eifersucht und Demütigung<br />
ist. Kein Ende abzusehen, keine<br />
Erlösung, kein Ausweg.<br />
Das ist die Grundsituation von<br />
Jean-Paul Sartres berühmtem<br />
Klassiker des Existenzialismus,<br />
Geschlossene Gesellschaft. Aber<br />
was ist das für eine merkwürdige<br />
Erfindung, diese Hölle des Eingesperrtseins<br />
und der quälenden<br />
Gleichförmigkeit, die der populärste<br />
Philosoph des 20. Jahrhunderts da<br />
gemacht hat – im Jahr 1944, als er in<br />
nur wenigen Wochen während der<br />
letzten Tage der deutschen Besetzung<br />
Frankreichs den Einakter in<br />
einem Rutsch herunterschrieb?<br />
Wollte er die bedrückende Atmosphäre<br />
im durch die Nazis unterjochten<br />
Paris veranschaulichen?<br />
Wollte er sich unterschwellig lustig<br />
machen über die groteske und<br />
brutale Bürokratie, mit der das<br />
Vichy-Regime die französischen<br />
Bürgerinnen und Bürger einsperrte<br />
und drangsalierte? Stimmt sicherlich<br />
beides.<br />
Aber es ging Sartre um mehr,<br />
nämlich um nichts weniger als den<br />
Kern seiner Philosophie; darum<br />
nämlich, was das Leben eigentlich<br />
ausmacht und wie man sich darin<br />
moralisch angemessen verhalten<br />
kann. »Man glaube nicht, dass<br />
das Problem des Todes mich interessiert:<br />
Es ist das Problem des<br />
Lebens von der Seite des Todes<br />
aus gesehen,« sagte Sartre im Hinblick<br />
auf seine Vorliebe für untote<br />
Figuren. Was er damit meinte, kann<br />
man an Geschlossene Gesellschaft<br />
anschaulich erklären. Denn die<br />
Menschen in dieser höllischen<br />
3er-Wohngemeinschaft haben in<br />
ihrer ewigen und eingeschlossenen<br />
Gegenwart so wenig zu erleben,<br />
dass sie ganz Erinnerung werden:<br />
Und da liegt es nun, abgeschlossen,<br />
ihr Leben, unabänderbar: Keine<br />
Entscheidung, keine Aktion ist<br />
widerrufbar, im Leben gibt es kein<br />
Umtauschrecht. Das ist die Marter,<br />
die die Figuren in diesem Stück<br />
ertragen müssen.<br />
Da ist Inès (Dörte Lyssewski),<br />
Postbeamtin, die ihre Geliebte so<br />
lange manipuliert und aufgerieben<br />
hatte, bis diese nachts den Gashahn<br />
aufgedreht hat. Und Estelle (Regina<br />
Fritsch), die ungewollt schwanger<br />
geworden war und dann vor den<br />
21
Augen ihres Geliebten die gemeinsame<br />
Tochter in den See warf. Und<br />
schließlich noch Garcin (Tobias<br />
Moretti), Revolutionär, Schriftsteller,<br />
Journalist, der sich genau in<br />
jenem Augenblick, als er Mut für<br />
seine gute Sache hätte beweisen<br />
müssen, wenig heldenhaft verhalten<br />
hat – und sich darüber hinaus<br />
schuldig gemacht hat, indem er<br />
seine Ehefrau über Jahre gequält<br />
und betrogen hat.<br />
BURGTHEATER ZU GAST<br />
»Du bist nichts andres als dein<br />
Leben«, sagt Inès im Stück. Was<br />
du gewollt hast, was du eigentlich<br />
gemeint hast, spielt keine Rolle.<br />
Sartres radikaler Gedanke bestand<br />
darin, die Menschen an ihren Taten<br />
zu messen. Und so besteht die Qual<br />
für die drei Sünderinnen Inès, Estelle<br />
und Garcin darin, auf ihr Leben<br />
zurückzublicken und dabei permanent<br />
erkennen zu müssen, dass sie<br />
gescheitert sind, dass sie ihren eigenen<br />
Idealen nicht gerecht geworden<br />
sind. Was bedeutet das alles nun für<br />
uns, für die Lebenden, die wir noch<br />
nicht tot sind? Vielleicht Folgendes:<br />
jede Entscheidung, vor der wir<br />
stehen, so zu treffen, dass sie aus<br />
der Perspektive der Toten, die wir<br />
einmal sein werden, gutzuheißen<br />
und wertzuschätzen sein wird.<br />
Tobias Moretti spielt in der<br />
Inszenierung des Wiener Burgtheaters<br />
in der Regie von Martin<br />
Kušej den gescheiterten Revolutionär<br />
Joseph Garcin. Für den<br />
Tiroler Schauspieler ist es bereits<br />
die fünfte Zusammenarbeit mit dem<br />
Direktor des Burgtheaters. Moretti<br />
ist seit Beginn von Kušejs Intendanz<br />
wieder festes Ensemblemitglied<br />
am Burgtheater. Von 2017 bis 2020<br />
war er in der Rolle des Jedermann<br />
bei den Salzburger Festspielen zu<br />
sehen, im Fernsehen zuletzt in der<br />
großen Beethoven-Verfilmung Louis<br />
van Beethoven.<br />
Moretti resümiert die Zusammenarbeit<br />
mit Kušej, die 2005 am Burgtheater<br />
mit der legendären Insze-<br />
22
»MARTIN KUŠEJ SCHONT WEDER<br />
SICH NOCH ANDERE. DAS SIND DIE<br />
HERAUSFORDERUNGEN, DIE ICH<br />
SUCHE, WENN ICH THEATER MACHE.«<br />
TOBIAS MORETTI<br />
nierung von Franz Grillparzers<br />
König Ottokars Glück und Ende<br />
begann: »Alle Figuren, die ich in<br />
seiner Regie erarbeitet habe, waren<br />
sehr verschieden. Wenn man jedoch<br />
genau hinschaut, entdeckt man<br />
aber eine Kontinuität, eine gewisse<br />
Ähnlichkeit in der Psychologie.<br />
Zunächst sind die Figuren linear<br />
und klar, aber dann kommt ein<br />
Haarriss ins Spiel und man erlebt einen<br />
radikalen Zerfall der Seelenwelt.<br />
Es sind alles sehr männliche Figuren<br />
gewesen, die irgendwann zerfallen!«<br />
Auf König Ottokar folgte 2008 die<br />
Figur des jungen Grenzgängers in<br />
Karl Schönherrs Weibsteufel, mit<br />
der das Burgtheater zum Berliner<br />
Theatertreffen eingeladen wurde.<br />
2011 dann spielte Moretti den<br />
Hofreiter in Arthur Schnitzlers<br />
Das weite Land, die Antrittsinszenierung<br />
Martin Kušejs am Münchner<br />
Residenztheater. 2015 schließlich<br />
erarbeitete das Künstlerduo<br />
beim Festival in Aix-en-Provence<br />
in einer kontroversen Inszenierung<br />
Mozarts Oper Die Entführung<br />
aus dem Serail, Moretti in der<br />
Sprechrolle des Bassa Selim.<br />
Und nun, sieben Jahre später,<br />
findet diese fruchtbare Partnerschaft<br />
ihren vorläufigen Höhepunkt<br />
in der Sartre-Inszenierung, die nun<br />
auch bei den Bregenzer Festspielen<br />
zu sehen sein wird. Moretti begibt<br />
sich als Garcin tief in die sartresche<br />
Hölle der Gleichförmigkeit und des<br />
stickigen Psychoterrors. »Ich<br />
recherchiere leidenschaftlich gern<br />
im Vorfeld zu den Figuren«, erklärt<br />
Moretti. »Und obwohl ich für diese<br />
Rolle nur sehr wenig Zeit hatte –<br />
insgesamt haben wir die Inszenierung<br />
in vier Wochen erarbeitet –,<br />
habe ich versucht, der Figur des<br />
Garcin tief auf den Grund zu kommen.<br />
Martin Kušej schont weder<br />
sich noch andere, mit ihm kann<br />
man die Figuren und die Stücke<br />
einerseits mit einer intellektuellen<br />
Klarheit sezieren, andererseits gibt<br />
es da ein radikales Bauchgefühl bei<br />
ihm, ein Gespür für den Zeitgeist,<br />
wie er Figuren und Geschichten in<br />
die Mitte einer Gegenwart stellt.<br />
Diese Leidenschaft steckt an. Und<br />
deshalb habe ich mich auf das Abenteuer<br />
eingelassen, trotz der kurzen<br />
Probenzeit, in dieses tolle Ensemble<br />
einzuspringen. Das sind die Herausforderungen,<br />
die ich suche, wenn ich<br />
Theater mache.«<br />
Sartres Geschlossene Gesellschaft<br />
entstammt einer anderen Epoche,<br />
einem anderen Zeitgeist, einem<br />
Europa im flächendeckenden<br />
Krieg. Und doch spürt man in<br />
dieser Inszenierung, dass der Text<br />
bis heute zu uns spricht, gerade<br />
in Zeiten der Pandemie und eines<br />
Krieges im Osten des Kontinents,<br />
den kaum jemand noch für möglich<br />
gehalten hätte. Kunst stellt Fragen,<br />
so schonungslos, wie es nur geht.<br />
Moretti fasst seine Arbeit mit Kušej<br />
noch einmal zusammen: »Kunst beinhaltet<br />
keine Lösung, in gar keinem<br />
Sinne, auch nicht in einem humanistischen.<br />
Kunst muss dich mit<br />
dem Rücken an die Wand klatschen,<br />
dass du aus deiner Komfortzone<br />
hinauskommst.« Diese Konsequenz<br />
im Leben hätte Sartre vermutlich<br />
gutgeheißen.<br />
BURGTHEATER ZU GAST<br />
GESCHLOSSENE<br />
GESELLSCHAFT<br />
Jean-Paul Sartre<br />
Deutsch von Traugott König<br />
Premiere<br />
16. April <strong>2022</strong> – 19.30 Uhr<br />
Vorstellung<br />
17. April – 16.00 Uhr |<br />
Festspielhaus<br />
Gastspiel des Burgtheater Wien<br />
GESCHLOSSENE GESELLSCHAFT<br />
23
EINE OPER FÜR<br />
EINEN OKTOPUS<br />
OPERNATELIER<br />
Die Entstehung einer Oper zum Miterleben:<br />
<strong>2022</strong> geht das Opernatelier in eine neue Runde.<br />
Nach den Uraufführungen von<br />
To the Lighthouse (2017) und<br />
Wind (2021) zog im Jänner<br />
<strong>2022</strong> ein neues künstlerisches Team<br />
in das Opernatelier der Bregenzer<br />
Festspiele und des Kunsthaus<br />
Bregenz ein: die belgisch-irische<br />
Musikerin Éna Brennan, der aus<br />
Lissabon stammende, in Wien und<br />
New York lebende bildende Künstler<br />
Hugo Canoilas sowie der britische<br />
Regisseur und Librettist Sir David<br />
Pountney. Zweieinhalb Jahre lang<br />
stellen sie sich der Herausforderung,<br />
für die Bregenzer Festspiele eine<br />
neue Oper zu schaffen. Mit welchen<br />
Gedanken, Erkundungen<br />
und Ideen<br />
sich das Trio auf<br />
dem Weg dorthin<br />
beschäftigt und<br />
welche Personen<br />
das Opernatelier<br />
im Laufe der Zeit<br />
ergänzen werden,<br />
können interessierte<br />
Besucherinnen und Besucher im<br />
Rahmen mehrerer Einblick-Veranstaltungen<br />
miterleben. Der erste<br />
Abend der neuen Reihe fand am<br />
25. Jänner <strong>2022</strong> im Kunsthaus<br />
Bregenz statt.<br />
AM ANFANG IST EIN OKTOPUS<br />
24<br />
Bevor sich das neu gebildete Team<br />
im KUB dem Publikum präsentierte,<br />
hatten Sir David Pountney und Éna<br />
Brennan den bildenden Künstler<br />
Hugo Canoilas zwei Tage zuvor<br />
erstmals persönlich getroffen, nach<br />
mehreren vorigen Videotreffen. Als<br />
Auftakt ihrer gemeinsamen künstlerischen<br />
Reise besichtigten sie in<br />
Bregenz jenen Ort, an dem das Werk<br />
2024 zur Uraufführung gelangen<br />
soll: die Werkstattbühne. Mit ihren<br />
45 mal 37 Metern ist die multifunktionale<br />
»Black Box« des Festspielhauses<br />
ein echter Rohdiamant.<br />
»In diese außerordentliche Bühne<br />
kann man nicht einfach einen Guckkasten<br />
hineinbauen, man muss die<br />
Dimensionen des Raums füllen«,<br />
erklärt Regisseur Pountney, dem<br />
bereits jetzt vorschwebt, das<br />
Publikum aktiv in die Aufführung<br />
miteinzubinden.<br />
Als einziger im Team ist er mit<br />
den vielfältigen Möglichkeiten der<br />
Werkstattbühne bereits vertraut,<br />
entstanden doch dort unter seiner<br />
Intendanz der Bregenzer Festspiele<br />
von 2004 bis 2014 zahlreiche<br />
Projekte. Einem großen Publikum<br />
ist der Regisseur durch seine<br />
Inszenierungen von Der fliegende<br />
Holländer, Nabucco, Fidelio und Die<br />
Zauberflöte auf der Seebühne sowie
der weltweit gespielten Oper Die<br />
Passagierin bekannt. Als erfahrener<br />
Übersetzer und Librettist wird<br />
Pountney auch den Text für die<br />
neue Oper schreiben. »Wir müssen<br />
gemeinsam einen skulpturalen<br />
Anhaltspunkt in der Oper finden«,<br />
so der Regisseur. Diesen könne der<br />
bildende Künstler Hugo Canoilas<br />
dann im Raum visualisieren.<br />
Aber wie findet man diesen Anhaltspunkt,<br />
wenn man buchstäblich<br />
vor dem Nichts steht? »Wir hören<br />
uns zu, tauschen uns aus und begegnen<br />
uns auf Augenhöhe«, beschreibt<br />
die Komponistin Éna Brennan das<br />
erste Herantasten an die neue<br />
Zusammenarbeit. »Das Resultat<br />
entsteht durch Teamarbeit«. Und<br />
das gemeinsame Fließenlassen der<br />
Gedanken erzeugt beim Lokalaugenschein<br />
bereits erste Bilder im Kopf:<br />
Ein Oktopus taucht auf.<br />
Opera als künstlerisches Zeichen im<br />
Corona-Lockdown 2020. Brennan,<br />
die nicht nur komponiert, sondern<br />
auch Geige spielt, singt und als<br />
Grafikdesignerin arbeitet, schöpft<br />
in ihrer Arbeit aus den Vollen. Sie<br />
steht mit unterschiedlichen Künstlerinnen<br />
und Künstlern auf der Bühne,<br />
wandelt zwischen den Genres,<br />
spielt mit elektronischen Klängen,<br />
improvisiert und experimentiert.<br />
KONZERT IM KUB<br />
Wie es mit der neuen Oper weitergeht<br />
und ob das Team des Opernateliers<br />
an seinem Oktopus festhält<br />
– oder umgekehrt? –, wird sich bei<br />
den nächsten Einblicken zeigen.<br />
Das Konzert im KUB am 9. August<br />
widmet sich ganz Éna Brennans<br />
musikalischem Kosmos. Gemeinsam<br />
mit Mitgliedern des Symphonieorchester<br />
Vorarlberg wird die Ausnahmekünstlerin<br />
ihre eigene Musik<br />
mit neu zu entdeckenden Werken<br />
der Musikgeschichte in einen anregenden<br />
Dialog bringen.<br />
Neugierig geworden?<br />
Rupture, Éna Brennans Beitrag für die<br />
20 Shots of Opera der Irish National<br />
Opera, gibt’s hier zum Nachschauen:<br />
EINBLICKE<br />
DAS SPIEL MIT KLANG UND FARBE<br />
Als die Künstlerin und die Künstler<br />
beim Einblick von dieser Geburtsstunde<br />
der Oper berichten, lauscht<br />
das Publikum im KUB gespannt.<br />
Was es genau mit dem Oktopus auf<br />
sich hat, bleibt ihm jedoch bis zum<br />
Schluss verwehrt. Sieht man sich<br />
die Arbeiten von Hugo Canoilas an,<br />
mag man vermuten, der Meeresbewohner<br />
ist seiner Ausstellung<br />
On the extremes of good and evil<br />
im Wiener mumok entsprungen,<br />
dessen Raum er in eine geheimnisvolle,<br />
begehbare Tiefseelandschaft<br />
verwandelte. »Jeder Arm eines<br />
Oktopus wird von einem eigenen,<br />
unabhängigen Gehirn gesteuert«,<br />
erklärt Canoilas und sinniert weiter.<br />
»Es könnte also ein Arm etwas<br />
wollen – und ein anderer Arm etwas<br />
ganz anderes.«<br />
Mit diesem Thema, dem Dialog<br />
mit sich selbst und der inneren<br />
Zerrissenheit, beschäftigte sich<br />
auch Éna Brennan in ihrer Kurzoper<br />
Rupture. Das rund acht Minuten<br />
lange Werk ist Teil der 20 Shots of<br />
Opera, einem international beachteten<br />
Video-Projekt der Irish National<br />
Sie erschaffen gemeinsam ein neues Musiktheaterwerk: Sir David Pountney,<br />
Éna Brennan, Hugo Canoilas und Dramaturg Olaf A. Schmitt (v. l. n. r.).<br />
25
ORCHESTERKONZERT<br />
26
KLINGENDE<br />
LANDSCHAFT DES<br />
HERZENS<br />
MALIKA KISHINO IM GESPRÄCH<br />
Die in Japan aufgewachsene, seit Jahren in Europa lebende Komponistin Malika<br />
Kishino spricht über Madame Butterfly als Zeichen für vergängliche Schönheit,<br />
japanische Melodien in der Oper und die verschiedenen kulturellen Einflüsse<br />
auf ihre Musik. Ihr Konzert für Koto und Orchester erklingt in einem Orchesterkonzert<br />
der Wiener Symphoniker, ein anderes Stück über ein japanisches Volkslied<br />
bei Musik & Poesie mit dem Ensemble Modern und der Autorin Miki Sakamoto.
Was bedeutet für Sie als in<br />
Japan aufgewachsene Frau<br />
Giacomo Puccinis Madame<br />
Butterfly? Wie haben Sie die Oper<br />
kennengelernt?<br />
ORCHESTERKONZERT<br />
Malika Kishino: Ich kann mich<br />
nicht genau erinnern, wann ich die<br />
japanische Bezeichnung Chô-Chô<br />
Fujin für Madame Butterfly zum<br />
ersten Mal gehört habe, es war im<br />
Fernsehen oder in einer Zeitungsankündigung<br />
der Oper. In Japan ist<br />
Chô-Chô (Schmetterling) eine Metapher<br />
für die vergängliche Schönheit.<br />
Diese Formulierung erzeugte in mir<br />
bereits die Vorstellung von etwas<br />
Verletzlichem und Schönem.<br />
Für mich ist Giacomo Puccinis<br />
Madame Butterfly nicht nur die<br />
tragische Geschichte einer unerwiderten<br />
Liebe zwischen einem<br />
unaufrichtigen Mann und einer<br />
jungen, armen Japanerin. Die Oper<br />
zeigt mir auch die Fantasie und<br />
das etwas zu stereotype Bild, das<br />
westliche Menschen im 19. Jahrhundert<br />
von Japan hatten. Andererseits<br />
handelt die Oper von ewig menschlichen<br />
Themen wie Mann und Frau,<br />
Okzident und Orient, Moderne und<br />
Tradition, Starke und Schwache,<br />
Tote und Lebende, Reiche und<br />
Arme … Sie handelt auch vom Konflikt<br />
der Kulturen und Religionen.<br />
Obwohl die Oper vor 120 Jahren<br />
komponiert wurde, spiegelt sie auch<br />
unsere momentane Situation in<br />
der Welt. Diese Tatsache ist für<br />
mich wichtig.<br />
Puccini versuchte, in seiner Komposition<br />
mit japanischen Melodien und<br />
Elementen, die er von europäischen<br />
Kollegen kennengelernt hatte, zu<br />
spielen und sie für seine Ästhetik zu<br />
adaptieren. Wie »japanisch« klingt<br />
die Musik in Ihren Ohren?<br />
Das Koto ist ein meist 1,80 m langes japanisches Saiteninstrument. Wie es klingt,<br />
ist am 25. Juli in Malika Kishinos Konzert für Koto und Orchester zu erleben.<br />
niert. Diese Melodie, die von zwei<br />
Japanern geschrieben wurde, beruht<br />
auf einer traditionellen Weise der<br />
japanischen Hofmusik Gagaku.<br />
Der deutsche Komponist Franz<br />
Eckert hat sie im westlichen Stil<br />
harmonisiert. Mir war es vertraut,<br />
die Nationalhymne zu hören, die<br />
japanisch klang, aber von einem<br />
Symphonieorchester gespielt wurde.<br />
Nachdem ich diese Version zum<br />
ersten Mal gehört hatte, fühlte ich<br />
mich sehr einzigartig.<br />
Diese japanischen Volkslieder und<br />
Melodiefragmente, die ich seit<br />
meiner Kindheit kenne, in Madame<br />
Butterfly zu hören, gefällt mir. Ich<br />
finde, dass Puccini diese japanischen<br />
Melodien sehr gut für Orchester<br />
gesetzt hat. Seine Art, diese Motive<br />
fragmentarisch zu nutzen, hat eine<br />
sehr effektvolle Wirkung.<br />
Sie hatten in Kyoto Jura studiert,<br />
bevor Sie zum Kompositionsstudium<br />
nach Paris und Lyon gingen. Welche<br />
Gründe haben zu dieser Entscheidung<br />
geführt?<br />
Schon immer wollte ich einen Beruf<br />
ausüben, dem ich mit Leidenschaft<br />
mein ganzes Leben widmen kann.<br />
Diese Idee mag vom Leben meiner<br />
Eltern kommen — ich wurde in einem<br />
buddhistischen Tempel in Kyoto<br />
geboren. Mein Vater ist Priester<br />
und kümmert sich gemeinsam mit<br />
meiner Mutter um den Tempel.<br />
Für meine Familie ist der Beruf<br />
28<br />
Zunächst möchte ich ein Beispiel<br />
erläutern: Die japanische Nationalhymne,<br />
die in der Oper benutzt wird,<br />
wurde kurz zuvor – 1880 – kompoetwas,<br />
dem man sich bis zum Ende<br />
seines Lebens widmet. Mit anderen<br />
Worten: Es gibt keine klare Grenze<br />
zwischen Beruf und Privatleben.<br />
Ich lernte zwischen meinem 6. und<br />
18. Lebensjahr intensiv das Klavierspiel.<br />
In meiner Jugend verbrachte<br />
ich die meiste Zeit mit Üben. Es<br />
schien mir attraktiv, etwas für mich<br />
selbst zu schaffen. Dank meiner Klavierstunden<br />
hatte ich etwas Wissen<br />
und Fertigkeiten für ein Kompositionsstudium.<br />
Es war für mich eine<br />
natürliche Wahl meines Lebens, mit<br />
dem Komponieren zu beginnen.<br />
In Paris war Yoshihisa Taira Ihr<br />
Lehrer, der 1966 von Japan nach<br />
Frankreich gekommen war. Welche<br />
Rolle spielten Herkunft und kulturelle<br />
Prägung in Ihrer Ausbildung?<br />
Eines der bedeutendsten Dinge, die<br />
ich von Yoshihisa Taira gelernt habe,<br />
ist die Tatsache, dass Kategorien wie<br />
Geschlecht, Nationalität, Zeitgeist<br />
keine Rolle für die Qualität der<br />
Musik spielen. Komponieren sollte<br />
frei sein. Er ermunterte seine Studierenden<br />
immer, frei und instinktiv<br />
ohne Vorbehalte zu komponieren,<br />
sodass wir Klänge finden, die unsere<br />
eigenen Ohren ausgewählt haben.<br />
Er sagte uns oft, dass der kulturelle<br />
Hintergrund einer Komponistin<br />
ganz natürlich hervorkommen kann,<br />
wenn der Komponist versucht, seine<br />
eigene Klangwelt zu finden. Und ich<br />
fühle genau so, wie er es sagte.
Nun leben Sie seit 2006 in Köln und<br />
erleben Aufführungen Ihrer Werke<br />
auf der ganzen Welt. Bei den Bregenzer<br />
Festspielen im Sommer werden<br />
zwei davon erklingen, die beide auch<br />
einen Bezug zu Ihrer Heimat haben.<br />
Wie würden Sie diese japanischen<br />
Spuren in Ihrer Musik beschreiben?<br />
Ich lebte bis zu meinem 24. Lebensjahr<br />
in Kyoto. Ich bin überrascht<br />
von mir selbst, wie sehr japanische<br />
Ästhetik mich beeinflusst, nicht nur<br />
in meiner Musik, sondern im Leben<br />
insgesamt. Natürlich gibt es auch<br />
viele Einflüsse aus Frankreich und<br />
Deutschland, wo ich die zweite Hälfte<br />
meines Lebens bisher verbracht<br />
habe. Aber prinzipiell speisen sich<br />
meine Sinne und Urteile, was ich als<br />
schön empfinde – wie Kontraste von<br />
Farben, Nuancen, Proportionen,<br />
Ausgewogenheit –, von den Erfahrungen<br />
der Kindheit und Jugend<br />
in Japan.<br />
»Für mich ist Musik wie<br />
Gartenkunst. Ich ordne das<br />
musikalische Material an und<br />
erschaffe ein Universum.«<br />
im siebten oder achten Jahrhundert<br />
von China nach Japan. Das klassische<br />
Koto hatte immer 13 Saiten.<br />
Die Geschichte des 17-saitigen Kotos,<br />
das auch Bass-Koto heißt, ist recht<br />
jung. Es wurde von Michio Miyagi<br />
1921 erfunden, um das klassische<br />
Koto zu begleiten. In meinem Koto-<br />
Konzert behandle ich diese beiden<br />
Instrumente manchmal unabhängig<br />
voneinander, manchmal wie ein einziges<br />
Instrument, wenn die Solistin<br />
beide Instrumente gleichzeitig spielt.<br />
Ich habe versucht, Klangmaterial zu<br />
entwickeln, das den Charakter und<br />
die Schönheit des Koto portraitiert.<br />
Die verschiedenen Instrumente werden<br />
auf drei unterschiedliche Weisen<br />
benutzt: erstens die Koto-Spielerin<br />
als Solistin, die alle musikalischen<br />
Materialien und Gesten hervorbringt.<br />
Zweitens die Harfe und das<br />
Klavier als Echo und Brücke zwischen<br />
Solistin und Orchester. Drittens das<br />
Orchester als Meta-Instrument, das<br />
vom Koto angetrieben wird.<br />
Saiten mit der Rückseite des Bogens.<br />
Im Kontrast dazu habe ich ein<br />
Volkslied aus Fukushima, Sohma<br />
Nagareyama, zitiert, als Motiv für<br />
den Menschen. Das Lied handelt von<br />
der Sehnsucht nach Hause und vom<br />
Wandel der Zeit. Ich wollte dieses<br />
Volkslied als Metapher für die Landschaft<br />
des Herzens behandeln, die<br />
jeder Mensch in sich trägt und die<br />
ein Anker seines Herzens sein kann.<br />
Die Natur spielt in Ihrer Musik eine<br />
große Rolle, über mehrere Jahre<br />
hinweg entstand der Zyklus Monochromer<br />
Garten. Könnte die unmittelbare<br />
Nähe zum Bodensee die Wahrnehmung<br />
Ihrer Musik beeinflussen?<br />
Unser Leben ist erfüllt von einzelnen<br />
Empfindungen, die kontinuierlich<br />
mit unseren Stimmungen verbunden<br />
sind. Diese subjektive Bewusstseinserfahrung<br />
individueller Momente<br />
heißt »Qualia«, ein bedeutendes Element<br />
in meiner Kompositionsweise.<br />
Das Wasser, der blaue Himmel, die<br />
Reflexion des Sonnenuntergangs auf<br />
dem Wasser, die Frische nach einem<br />
abendlichen Schauer … Der Blick auf<br />
den Bodensee wird meine Empfindung<br />
wachrufen. Ich möchte gern<br />
diese Empfindungen, die sich mit<br />
Worten nicht beschreiben lassen,<br />
in Klänge fassen. Trotzdem wäre es<br />
kein Stück, das die beeindruckende<br />
Landschaft des Sees illustriert.<br />
MALIKA KISHINO IM GESPRÄCH<br />
In Ihrem Konzert für Koto und<br />
Orchester trifft ein traditionelles<br />
japanisches Soloinstrument auf ein<br />
farbig instrumentiertes Orchester.<br />
Was hat Sie zu diesem musikalischen<br />
Dialog inspiriert?<br />
Die Struktur und die Anordnung des<br />
Materials in meinem Koto-Konzert<br />
sind von der japanischen Gartenkunst<br />
inspiriert. Ich schrieb dieses<br />
Konzert für den großartigen Musiker<br />
und Freund Makiko Goto, mit dem<br />
ich viele Jahre zusammengearbeitet<br />
habe und von dem ich so viel über<br />
das Koto lernen durfte. Das Koto ist<br />
ein gezupftes Halbrohrinstrument,<br />
ähnlich einer Zither, und das traditionelle<br />
japanische Instrument. Es kam<br />
Das Ensemble Modern spielt beim<br />
Musik-&-Poesie-Abend Schmetterlingseffekte<br />
Ihr Lamento für Violine<br />
und Viola, das mit einem Volkslied<br />
aus Fukushima arbeitet. In welchem<br />
Zusammenhang steht diese Melodie<br />
in Ihrem Stück?<br />
Lamento wurde für eine Benefiz-CD<br />
zugunsten der Erdbeben- und<br />
Tsunami-Opfer 2011 in Tōhoku<br />
komponiert. Das Stück beruht auf<br />
der Symbiosis, so der Titel der CD,<br />
von Natur und Mensch. Der physikalische<br />
Impuls der Natur wird vom<br />
Pizzicato der beiden Instrumente<br />
wiedergegeben, die rau fließende<br />
Energie durch das Schlagen der<br />
29<br />
Für mich ist Musik wie Gartenkunst.<br />
In einer vorgegebenen Zeit ordne<br />
ich das musikalische Material an,<br />
erzeuge eine Kurve von Klangenergie<br />
und erschaffe ein Universum. Was ich<br />
in meinen Kompositionen suche, ist,<br />
durch Klang nach innen etwas tief in<br />
mir auszudrücken und so in einem<br />
ruhenden Zustand anzukommen.<br />
Das gesamte Programm der Orchesterkonzerte<br />
und von Musik & Poesie<br />
finden Sie in der Heftmitte.<br />
Die Orchesterkonzerte<br />
werden präsentiert von
JUNGE FESTSPIELE<br />
MUSIKALISCHE<br />
REISELUST<br />
JUNGE FESTSPIELE<br />
Das Ziel ist gut zu erkennen.<br />
Auf dem Weg in den Proberaum<br />
der Volksschule Augasse<br />
fällt der Blick aus dem Fenster<br />
auf das Festspielhaus Bregenz, das<br />
nur zehn Gehminuten entfernt liegt.<br />
Dort werden Mitte Mai die Kinder<br />
in Detlef Heusingers Stück Die Zeitreisemaschine<br />
auftreten. 15 Kinder<br />
proben hier seit Monaten für ihren<br />
großen Auftritt. Amelie ist inzwischen<br />
dem Volksschulalter entwachsen<br />
– dem Superar-Chor ist sie treu<br />
geblieben. »Ich wusste gar nicht,<br />
dass wir bei einer Oper mitmachen.<br />
Das hat mich aber voll gefreut«,<br />
erzählt die Elfjährige. Ihre Chorkollegin<br />
Ronja sagt: »Dass uns da<br />
viele Leute zusehen, finde ich gut.«<br />
Ihr gefällt bei dem Projekt außerdem,<br />
dass sie sich zum Gesang<br />
auch bewegen.<br />
PROFESSIONELL UND INTEGRATIV<br />
Für Magdalena Fingerlos ist nicht<br />
nur das Festspielhaus das Ziel, sondern<br />
vor allem der Weg dorthin. Die<br />
ausgebildete Musikpädagogin und<br />
-therapeutin ist Standort- und Chorleiterin<br />
von Superar in Vorarlberg<br />
und Liechtenstein. Der Verein kooperiert<br />
seit der Kinder-Version der<br />
Carmen mit den Bregenzer Festspielen.<br />
Weitere Unterstützung kommt<br />
von der Musikschule Bregenz.<br />
30
Der hohe künstlerische Anspruch ist<br />
das eine. »Aber in erster Linie geht<br />
es um niederschwelligen, kostenfreien<br />
Zugang zu Musik und darum,<br />
den Selbstwert zu stärken und<br />
Gemeinschaft zu erleben«, erzählt<br />
Fingerlos.<br />
Es ist kein Auswahlchor, ein Vorsingen<br />
gibt es nicht. Der Qualität<br />
schadet diese Philosophie nicht, wie<br />
die Probe zeigt: schwierige Passagen<br />
mit abrupten Wechseln oder<br />
Dissonanzen – kein Problem. Neben<br />
Bregenz ist Altach ein weiterer<br />
Superar-Standort. Dort probt eine<br />
zweite Gruppe für Die Zeitreisemaschine,<br />
im April kommen die<br />
Kinder zusammen und bereiten sich<br />
gemeinsam im Festspielhaus vor.<br />
Umgesetzt wird das Stück vom<br />
Ensemble Die Schurken. Martin<br />
Schelling (Klarinette), Stefan Dünser<br />
(Trompete), Goran Kovacevic<br />
(Akkordeon) und Martin Deuring<br />
(Kontrabass) sind Musikvermittler<br />
aus Leidenschaft, wie Nina<br />
Steinschaden-Wolf bestätigt.<br />
Die Projektleiterin der Jungen<br />
Festspiele kennt die Künstler beispielsweise<br />
von der letzten Zusammenarbeit<br />
bei Paris! Paris! vor<br />
drei Jahren: »Die Schurken haben<br />
eine witzige, spielerische Art, den<br />
Kindern den Stoff näherzubringen,<br />
und lassen sie die Schwere des<br />
Themas nicht spüren. Ihnen gelingt<br />
es immer wieder, Spannungsmomente<br />
aufzubauen und die Kinder<br />
mitzunehmen.«<br />
FAMILIENOPERN BEI DEN<br />
BREGENZER FESTSPIELEN<br />
DIE ZEITREISEMASCHINE<br />
Vorstellungen<br />
Für Schulklassen<br />
12. & 13. Mai <strong>2022</strong> – 10.00 Uhr<br />
Für Familien<br />
12. Mai <strong>2022</strong> – 18.00 Uhr<br />
Koproduktion mit Landestheater<br />
Detmold und SWR Experimentalstudio,<br />
Kooperation mit Superar Vorarlberg<br />
VERGISSMEINNICHT<br />
Vorstellungen<br />
Für Schulklassen<br />
20. & 21. Juni <strong>2022</strong> – 9.00 Uhr<br />
FAMILIENOPER<br />
Inhaltlich geht es in Heusingers<br />
Familienoper um die Geschwister<br />
Frida und Felix, die 200 Jahre in<br />
die Vergangenheit reisen, um<br />
Gioachino Rossini in Paris zu besuchen.<br />
Der deutsche Komponist<br />
Detlef Heusinger kombiniert klassische<br />
und zeitgenössische Klänge.<br />
Und das erfolgreich, wie das Fachmedium<br />
nmz (neue musikzeitung)<br />
zur Uraufführung im Landestheater<br />
Detmold vor wenigen Wochen<br />
schrieb: »Eine Familienoper ist es<br />
auch wirklich. Denn an ihr werden<br />
alle Spaß haben: die 8-Jährigen<br />
nicht weniger als die 80-Jährigen.«<br />
Das könnte auch – kurzer Schwenk<br />
zurück in die Volksschule Augasse –<br />
bei Melanie aus dem Superar-Chor<br />
klappen. Die Neunjährige findet:<br />
»Singen macht großen Spaß, das<br />
ist das Richtige für mich. Ich habe<br />
Freunde zur Probe mitgebracht und<br />
sogar hier neue gefunden.«<br />
und 10.30 Uhr<br />
Für Familien<br />
19. Juni <strong>2022</strong> – 10.30 Uhr<br />
Kooperation mit Lucerne Festival,<br />
KölnMusik, Alte Oper Frankfurt,<br />
Aktion Demenz, Demenz Liechtenstein<br />
und dem Land Vorarlberg.<br />
Mit freundlicher Unterstützung<br />
SCHWIERIGES THEMA MIT<br />
LEICHTIGKEIT<br />
Ein abenteuerliches Konzertstück<br />
über Lebensfreude und Musik, die<br />
alles repariert: Das ist Vergissmeinnicht,<br />
die zweite Produktion der<br />
Jungen Festspiele. Im Mittelpunkt<br />
stehen vier gute Freunde, die in<br />
einem Altersheim leben. Einer von<br />
ihnen leidet an Demenz. Vieles hat<br />
er vergessen – jedoch nicht einige<br />
Melodien und Geschichten, die mit<br />
ihnen zusammenhängen. Also hauen<br />
die vier Freunde ab, hinaus in die<br />
große weite Welt.<br />
Für die Zeitreisemaschine bei den Bregenzer Festspielen stehen die Kinder<br />
des Vorarlberger Superar-Chors auf der Bühne. Am 16. Februar <strong>2022</strong> feierte<br />
das Stück am Landestheater Detmold Premiere. Den Trailer dazu gibt’s hier:<br />
31
»WIR SIND DIE WURZELN<br />
DER FESTSPIELE IN<br />
DER REGION«<br />
FREUNDE DER BREGENZER FESTSPIELE<br />
Die Bregenzer Festspiele faszinieren die Unternehmerin Judith Salzmann<br />
seit ihrer Jugend. Als neue Vorsitzende im Verein der Freunde will sie<br />
die Verwurzelung in der Region stärken: »Die Festspiele sind aus einer<br />
Bürgerbewegung entstanden und haben diesen Bezug zur Region nie verloren.«<br />
Mit leuchtenden Augen<br />
erzählt Judith Salzmann<br />
von der Veranstaltung am<br />
Vorabend: »Alle waren beseelt von<br />
dieser intensiven Atmosphäre, dem<br />
Einblick in die Probenarbeit, der<br />
Musik, den persönlichen Begegnungen<br />
mit den Künstlerinnen und<br />
Künstlern. Da kommen die Seelen<br />
in Schwingung!«<br />
Ihre Begeisterung ist spürbar.<br />
Mit den Gönnerinnen und Gönnern<br />
des Cercle der Bregenzer Festspiele<br />
hat Salzmann die musikalischen<br />
Proben zur Oper Armida besucht.<br />
Es war die erste Veranstaltung des<br />
Cercle seit Beginn der Pandemie<br />
und gleichzeitig die erste, die Judith<br />
Salzmann als Vorsitzende des<br />
Vereins der Freunde der Bregenzer<br />
Festspiele organisiert hatte.<br />
Seit November hat die 57-jährige<br />
Unternehmerin diese Funktion inne.<br />
1.100 Mitglieder zählt der Verein,<br />
darunter viele, die als Förderer oder<br />
Mitglieder des Cercle besondere<br />
Unterstützung leisten. Mit einem<br />
Beitrag von über 300.000 Euro<br />
ist der Verein ein wichtiger Geldgeber<br />
der Festspiele. Doch die<br />
finanzielle Unterstützung ist nur<br />
eines der Ziele, die sich Salzmann<br />
gesetzt hat.<br />
Was verbindet Sie mit den<br />
Bregenzer Festspielen?<br />
Judith Salzmann: Die Bregenzer<br />
Festspiele haben mich schon als<br />
junge Frau fasziniert. Mein Vater,<br />
ein Seilbahnplaner, hat im Sommer<br />
Kunden eingeladen und ich durfte<br />
sie zu den Aufführungen begleiten.<br />
Ich habe erlebt, wie begeistert<br />
sie waren, das war auch für mich<br />
ansteckend. Alfred Wopmann<br />
hat damals das Programm umgekrempelt<br />
und die Bregenzer<br />
Festspiele gemeinsam mit Franz<br />
Salzmann, meinem Onkel, neu<br />
ausgerichtet. Deshalb waren die<br />
32<br />
Festspiele natürlich auch in unserer<br />
Familie ein großes Thema.<br />
Nach dem Studium in Wien bin<br />
ich nach Bregenz zurückgekommen,<br />
da waren die Festspiele für mich<br />
ein Höhepunkt. Kultur, wie man sie<br />
sonst nur in der Großstadt findet.<br />
Was ist Ihnen da speziell in<br />
Erinnerung geblieben?<br />
Ich mag junges, experimentelles<br />
Programm, wie es vor allem auf<br />
der Werkstattbühne zu finden ist.<br />
Dem würde ich gerne noch stärker<br />
zur Geltung verhelfen. Auch die<br />
selten gespielten, manchmal<br />
anspruchsvollen Opern im Festspielhaus<br />
faszinieren mich sehr.<br />
Die Mischung mit dem klassischen<br />
Programm und den Inszenierungen<br />
auf der Seebühne machen für mich<br />
die Bregenzer Festspiele aus.<br />
Haben Kunst und Kultur in Ihrem<br />
Leben immer schon eine so große<br />
Rolle gespielt?
Seit meiner Jugend, ja. Neben<br />
meiner Familie und meinem<br />
Beruf ist Kunst und Kultur mein<br />
drittes großes Interesse. Ich war<br />
zehn Jahre lang im Vorstand des<br />
Freundevereins des Vorarlberger<br />
Landestheaters. Ich genieße auch<br />
sehr die spannenden Führungen<br />
im Kunsthaus Bregenz, die die<br />
KUB-Freunde organisieren. Es ist<br />
ein Privileg, dass wir solche Kulturinstitutionen<br />
in Bregenz haben,<br />
und ich habe immer versucht, einen<br />
Beitrag zu leisten, dass dieses Angebot<br />
in möglichst breite Kreise der<br />
Gesellschaft transportiert wird.<br />
JUDITH SALZMANN IM GESPRÄCH<br />
Das ist sicher auch eine Aufgabe des<br />
Vereins der Freunde der Bregenzer<br />
Festspiele. Was sind dort Ihre Ziele?<br />
Die Festspiele sind nach dem<br />
Zweiten Weltkrieg als Initiative von<br />
Bregenzer Bürgerinnen und Bürgern<br />
entstanden. Sie haben diesen<br />
Bezug nie verloren. Die Festspiele<br />
sind nicht irgendein Festival, das<br />
zufällig in Bregenz stattfindet. Unsere<br />
Vision ist es, diese Verbindung,<br />
diese Verwurzelung zu stärken und<br />
dabei die nächste Generation zu erreichen.<br />
Das ist im Vorstand unsere<br />
gemeinsame Vision. Wir möchten,<br />
dass dieses Gefühl erhalten bleibt:<br />
»Wir sind die Festspiele!«.<br />
Welche Aktivitäten werden Sie<br />
dazu setzen?<br />
Wir treten als Team auf mit einem<br />
super Mix aus vier erfahrenen,<br />
bestehenden Mitgliedern und drei<br />
neuen. Wir haben uns die Frage gestellt:<br />
Warum bin ich gerne Freund –<br />
also Mitglied im Freundeverein?<br />
So entwickeln wir gerade ein adaptiertes<br />
Programm. Es soll Erlebnisse<br />
bieten, die man sich nicht kaufen<br />
kann – genau wie gestern Abend<br />
beim Probenbesuch von Armida.<br />
Welche Ziele verfolgen Sie konkret?<br />
Wir haben eine gemeinsame Vision,<br />
aus der heraus wir unsere Angebote<br />
an die Mitglieder im Verein<br />
der Freunde entwickeln. Es wäre<br />
natürlich schön, wenn die Zahl der<br />
Freunde steigt und wir die Festspiele<br />
finanziell noch stärker unterstützen<br />
können. Dazu möchten wir auch<br />
Menschen in anderen Regionen ansprechen,<br />
etwa in Wien. Gleichzeitig<br />
wissen wir, dass wir hier von einem<br />
hohen Niveau starten.<br />
JUDITH SALZMANN<br />
studierte Biotechnologie in Wien<br />
und gründete 1992 ihr eigenes<br />
Ingenieurbüro in Bregenz.<br />
Im November 2021 übernahm sie<br />
von Gebhard Sagmeister das Amt der<br />
Vorsitzenden des Vereins der Freunde<br />
der Bregenzer Festspiele.<br />
33
SITZPLÄTZE UND PREISE<br />
Oper im Festspielhaus<br />
Sibirien<br />
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ROLLSTUHLPL ÄTZE<br />
PREISE Sibirien<br />
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RECHTS<br />
5<br />
MITTE MITTE RECHTS<br />
Kategorie 1 2 3 4 5 6<br />
EUR 150 132 115 98 60 28<br />
6<br />
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Orchesterkonzerte<br />
im Festspielhaus<br />
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LINKS<br />
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ROLLSTUHLPL ÄTZE<br />
1<br />
LINKS<br />
PREISE Wiener Symphoniker<br />
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GROSSER<br />
SAAL<br />
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MITTE<br />
RANG<br />
MITTE MITTE<br />
RECHTS<br />
Kategorie 1 2 3 4 5 6<br />
EUR 88 74 58 42 28 20<br />
1<br />
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12<br />
RECHTS<br />
13<br />
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13<br />
Premierenzuschlag<br />
pro Ticket EUR 25 (Kate gorie 1 und 2).<br />
Für die Premiere gilt ein eigener Sitzplan.<br />
PREISE Symphonieorchester Vorarlberg<br />
Kategorie 1 2 3 4 5 6<br />
EUR 54 46 38 32 25 20<br />
PREISE Werkstattbühne | Seestudio | KUB | Theater am Kornmarkt<br />
Der Sturm<br />
Theater am Kornmarkt<br />
Kategorie 1 2 3 4<br />
EUR 48 38 28 18<br />
Die Italienerin in Algier, Armida<br />
Theater am Kornmarkt<br />
Kategorie 1 2 3 4<br />
EUR 52 42 32 22<br />
Geschlossene Gesellschaft<br />
Festspielhaus<br />
Kategorie 1 2 3 4<br />
EUR 48 38 28 18<br />
Fräulein Else<br />
Festspielhaus<br />
Kategorie 1 2 3 4 5 6<br />
EUR 54 46 38 32 25 20<br />
Kapitän Nemos Bibliothek,<br />
Melencolia<br />
Werkstattbühne<br />
EUR 35<br />
Wiener Symphoniker,<br />
ganz persönlich<br />
Seestudio<br />
EUR 18<br />
Orchesterakademie<br />
Festspielhaus<br />
Kategorie 1 2 3<br />
EUR 32 24 16<br />
Vergissmeinnicht<br />
Festspielhaus<br />
EUR 8<br />
Für Schulklassen | mit Familienpass:<br />
EUR 6 pro Person<br />
Die Zeitreisemaschine<br />
Festspielhaus<br />
EUR 14<br />
Für Schulklassen | mit Familienpass:<br />
EUR 12 pro Person<br />
Musik & Poesie<br />
Seestudio<br />
EUR 28<br />
Konzert im KUB<br />
Kunsthaus Bregenz<br />
EUR 18<br />
34
Spiel auf dem See Madame Butterfly<br />
A<br />
B<br />
A<br />
B<br />
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C<br />
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B<br />
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FESTSPIEL-LOUNGE<br />
PREISE Madame Butterfly<br />
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PREMIUM - TICKET<br />
D/E<br />
AUFGANG<br />
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44<br />
SITZPLÄTZE UND PREISE<br />
Kategorie 1 2 3 4 5 6 7<br />
So–Do EUR 150 138 116 88 68 54 30<br />
Fr EUR 162 150 128 100 80 66 42<br />
Sa EUR 174 162 140 112 92 78 54<br />
Premium-Ticket So–Do Fr Sa<br />
EUR 270 282 294<br />
Festspiel-Lounge So–Do Fr Sa<br />
EUR 370 382 394<br />
ABSAGE- UND UMTAUSCH-<br />
REGELUNG<br />
Die Bregenzer Festspiele sind<br />
bemüht, die Vorstellung auf der<br />
Seebühne abzuhalten, und weisen<br />
darauf hin, dass gegebenenfalls<br />
auch bei Regen gespielt wird bzw.<br />
es zur Verzögerung des Beginns<br />
kommen kann. Wir empfehlen allen<br />
unseren Gästen daher, warmer und<br />
regensicherer Kleidung den Vorzug<br />
zu geben, auf Regenschirme aber<br />
zu verzichten, da diese die Sicht<br />
beeinträchtigen. Das Spiel auf dem<br />
See wird ohne Pause gespielt.<br />
KARTEN DER KATEGORIE 1, 2,<br />
DER FESTSPIEL-LOUNGE UND<br />
PREMIUM-TICKETS<br />
sind bei Absage oder einer Spielzeit<br />
der Seeaufführung unter<br />
90 Minuten für die halbszenische<br />
Aufführung von Madame Butterfly<br />
im Festspielhaus gültig und werden<br />
nicht rückerstattet. Bei einer Verlegung<br />
der Aufführung ins Festspielhaus<br />
befinden sich die Plätze der<br />
Kategorie 1 im Parkett, die Plätze<br />
der Kategorie 2 im Rang. Auf der<br />
Seetribüne nebeneinanderliegende<br />
Plätze können aufgrund der unter-<br />
schiedlichen Reiheneinteilung im<br />
Festspielhaus getrennt sein.<br />
KARTEN DER KATEGORIE 3 BIS 7<br />
sind nur für die Aufführung von<br />
Madame Butterfly auf der Seebühne<br />
gültig. Bei einer Verlegung der Aufführung<br />
ins Festspielhaus erhalten<br />
Besitzer dieser Karten dann den<br />
Kartenwert rückerstattet bzw. können<br />
nach Verfügbarkeit auf einen<br />
späteren Termin umtauschen, wenn<br />
die Aufführung auf der Seebühne<br />
nicht bzw. kürzer als 60 Minuten<br />
gespielt worden ist.<br />
Informationen zu COVID-19<br />
Die Bregenzer Festspiele passen<br />
ihr Präventionskonzept zur Eindämmung<br />
von COVID-19 laufend<br />
den gesetzlichen Bestimmungen an.<br />
Die aktuell geltenden Informationen<br />
für den Festspielsommer <strong>2022</strong><br />
finden Sie auf unserer Website<br />
www.bregenzerfestspiele.com in der<br />
35<br />
Rubrik »Besuch« – »FAQ«.<br />
Es gelten die Allgemeinen<br />
Geschäftsbedingungen der<br />
Bregenzer Festspiele GmbH.
Viel Vorfreude wünschen<br />
die Partner der Bregenzer Festspiele.<br />
HAUPTSPONSOREN<br />
GREEN ENERGY<br />
PARTNER<br />
PRODUKTIONSSPONSOREN<br />
GrECo International AG<br />
Hilti Foundation<br />
LIEBHERR-Turmdrehkrane<br />
Wiener Städtische Versicherung AG<br />
CO-SPONSOREN & PARTNER<br />
AGM<br />
Coca-Cola<br />
Dallmayr Kaffee<br />
Hendrick's Gin<br />
Kryolan<br />
Leica Camera<br />
Mohrenbrauerei<br />
Paul Mitchell<br />
Pfanner & Gutmann<br />
Rauch Fruchtsäfte<br />
Red Bull<br />
Ricola<br />
Römerquelle<br />
Schlumberger (Wein- und<br />
Sektkellerei)<br />
SUBVENTIONSGEBER<br />
PARTNER