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Retter in der Not

Man will sie nicht vor dem Haus haben. Wenn sie aber kommt, ist man trotzdem heilfroh. Ein Blick in die Arbeit der Ambulanz.

Man will sie nicht vor dem Haus haben. Wenn sie aber kommt, ist man trotzdem heilfroh. Ein Blick in die Arbeit der Ambulanz.

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AKTUELL

UNTERWEGS

Retter in der Not

Man will sie nicht vor dem Haus haben. Wenn sie aber kommt,

ist man trotzdem heilfroh. Ein Blick in die Arbeit der Ambulanz.

Eigentlich kann man sich glücklich

schätzen, wenn man Thomas Borm

nicht kennenlernt, während er im Dienst

ist. Denn tauchen er und sein Team in den

leuchtend gelb-roten Uniformen auf, ist ein

Unheil geschehen – sei es ein Beinbruch,

Hitzschlag oder Herzinfarkt. Manchmal,

nach eher harmlosen Unfällen, ist die Stimmung

auf der Fahrt ins Spital gelöst und gelassen,

manchmal aber zählt jede Sekunde

und Angehörige bangen um das Leben eines

geliebten Menschen.

Nach 30 Jahren als Rettungssanitäter

hat Thomas Borm schon so einiges miterlebt.

Seit 2017 ist er Leiter des Rettungsdiensts

im Kantonsspital Obwalden. Und

als solcher gewährt er uns einen Einblick in

die Arbeit der Ambulanz. Hier hat sich nämlich

in den vergangenen Jahren einiges getan.

Wenn heutzutage eine Ambulanz aus

Nidwalden, Luzern, Uri oder aus dem Bezirk

Küssnacht am Rigi auf den Obwaldner

Strassen unterwegs ist, dann haben sich

die Sanitäter nicht etwa verfahren. Vielmehr

zeigt sich dann die «hervorragende Zusammenarbeit»

der verschiedenen Rettungsdienste,

wie es Thomas Borm formuliert.

Kooperationen sind zwar nicht neu. Doch

erst 2018 erwuchs daraus das Pilotprojekt

«Rettungsdienst Zentralschweiz».

Borm erklärt, was es damit auf sich hat:

«Wenn Sie nach einem Unfall in Sarnen die

144 wählen, nimmt die Einsatzzentrale in Luzern

den Anruf entgegen.» Diese koordiniert

dann den Einsatz. Im «Normalfall» wird ein

Ambulanzfahrzeug des Kantonsspitals Obwalden

aufgeboten. Aber nicht zwingend.

Man stelle sich folgenden Fall vor: Ein Autounfall

in Lungern fordert mehrere Schwerverletzte.

Sofort machen sich die Ambulanzfahrzeuge

auf den Weg. Kurz darauf erleidet

ein Mann in Alpnachstad einen Herzinfarkt.

Gibt es nun eine Möglichkeit, dass sich eine

Ambulanz aus Stans oder Luzern um ihn

kümmert? Ja, die gibt es. Dies erfordert aber,

dass jemand den Überblick hat und genau

Ambulanzfahrzeug des Kantonsspitals Obwalden. Blick in die Einsatzzentrale in Luzern. Bild: LUKS


Thomas Borm (rechts), Leiter des Rettungsdiensts, mit dem erfahrenen Sanitäter Markus Gloor.

Bilder: ve

weiss, welche Ambulanzen wo im Einsatz

sind. Genau das ist die Hauptaufgabe der

Einsatzzentrale. Thomas Borm ist voll des

Lobes für deren Arbeit. «Eine so gute Einsatzzentrale

wie jene der Zentralschweiz habe

ich in meinem Berufsleben sonst nirgends

angetroffen.» Mit ein Grund ist, dass in dieser

Zentrale nicht etwa ein paar ahnungslose

«Telefonisten» sitzen, sondern ausgebildete

Sanitäter, die den Ernst der Lage sehr gut

einschätzen können. «Zudem sehen sie in

Echtzeit, wo sich die Ambulanzfahrzeuge der

Kantone Luzern, Obwalden, Nidwalden und

Uri gerade aufhalten», erklärt Borm. Auch

die Luftrettung, beispielsweise nach einem

Lawinenunfall in den Bergen, kann von hier

aus angefordert werden. «Schnellstmögliche

Hilfe für den Patienten» – so bringt Thomas

Borm das Credo des Zentralschweizer

Rettungsdiensts auf den Punkt. Wichtig zu

wissen: Kommt eine Luzerner Ambulanz in

Obwalden zum Einsatz, bedeutet dies keineswegs,

dass der Patient dann automatisch im

Kantonsspital Luzern landet. «Auch hier gilt

der Grundsatz: bestmögliche Hilfe für den

Patienten», so Thomas Borm. Bricht sich ein

Giswiler bei einem Unfall das Bein, wird er ins

Spital nach Sarnen gebracht. Erleidet er eine

komplizierte Verletzung der Wirbelsäule, ist

die Neurochirurgie im Luzerner Kantonsspital

vermutlich die bessere Lösung. All dies wird

situativ und in enger Absprache miteinander

entschieden. Auch die Zusammenarbeit mit

Kantonspolizei und Feuerwehr – Thomas

Borm betont dies ausdrücklich – laufe in

Obwalden ausgezeichnet. Dies gelte auch

für die gut etablierten First Responder in der

Zentralschweiz (in Obwalden beispielsweise

der Verein «Härz fir Obwaldä»).

Optik verschieden, Inhalt gleich

Die Ambulanzfahrzeuge der verschiedenen

Kantone unterscheiden sich zwar rein optisch

voneinander – jene des Kantonsspitals

Luzern beispielsweise sind weiss, jene

aus Obwalden leuchtend gelb. Bei der Ausstattung

hingegen (siehe auch Übersicht

nächste Seite) legt man grossen Wert auf


Wichtige Werte auf einen Blick

Reanimation auf Knopfdruck

Dies ist ein tragbares Diagnosegerät mit integriertem

Defibrillator. Ist der Patient «verkabelt»,

zeigt das Display wichtige Vitalfunktionen an

wie EKG, Blutdruck, Sauerstoffsättigung. Das

Gerät wird praktisch bei jedem Einsatz gebraucht.

Der Defibrillator kommt nur zur Anwendung,

wenn das Herz nicht so schlägt, wie

es sollte – oder gar nicht mehr schlägt. Weil die

Geräte akkubetrieben sind, sind voll geladene

(Ersatz-)Akkus vor jedem Einsatz Pflicht.

Ist eine Herzdruckmassage nötig, kommt dieses

Gerät zum Einsatz. Es handelt sich um ein

automatisches Thoraxkompressionsgerät. Der

Patient liegt mit dem Rücken auf dem hellblauen

Teil, das aussieht wie eine halbe Bahre. Das

hellgraue Ding ist eine Art Gürtel, der um den

Brustkorb geschnallt wird. Der Gürtel drückt

den Brustkorb rhythmisch zusammen. Wer

das Gerät in Aktion sehen will, findet Videos im

Internet, z.B.: youtu.be/cD1-KGzaRv8

Freie Atemwege und Beatmung

Das «Kleinmaterial»

Links zu sehen ist ein mobiles Absauggerät.

Damit können die oberen (Mund, Rachen) und

unteren Atemwege frei gemacht werden. Also

ähnlich wie das Schläuchlein im Mund beim

Zahnarzt – nur viel stärker und professioneller.

In der Tasche rechts ist das Equipment für

die Intubation (Schlauch zur Luftröhre) und die

Beatmung. Übrigens: Die Mund-zu-Mund-Beatmung,

die man früher in Erste-Hilfe-Kursen

gelernt hat, wird heute kaum mehr angewandt.

Die Herzdruckmassage ist viel wichtiger.

Dieser Koffer vereint verschiedene Utensilien

für die Erstversorgung, wie man es auch von

Erste-Hilfe-Koffern für den Privatgebrauch

kennt. Zusätzlich sind hier Infusionsbestecke

untergebracht, damit einem Patienten rasch

Medikamente in die Blutbahn verabreicht werden

können (intravenöser Zugang). Normale

Schmerztabletten sucht man vergebens. Hier

stehen Ampullen bereit, die einen Patienten mit

Beinbruch innert Sekunden in den siebten Himmel

befördern – also das wirklich gute Zeug.


Wissenswertes zur Ambulanz

Zusammenarbeit und die Anschaffung

gleicher Systeme. Heisst: Ein Obwaldner

Rettungssanitäter würde sich sofort

auch in einem Luzerner Ambulanzfahrzeug

zurechtfinden. Übrigens: Ab und

zu sieht man auch die «Mini-Ambulanz»

auf dem oberen Bild. Das Auto kommt

dann zum Einsatz, wenn es schneller als

die grossen Rettungswagen vor Ort sein

kann. «Ich bin relativ oft in diesem Fahrzeug

unterwegs», sagt Thomas Borm.

Die Ausstattung (siehe linke Seite) entspricht

zwar jener der grossen Ambulanzen,

allerdings werden im kleinen Fahrzeug

keine Patienten transportiert. Auch

dann nicht, wenn sich jemand «nur» das

Handgelenk gebrochen hat? «Nein. Erhalten

Patienten Schmerzmittel, müssen

auch ihre Vitalwerte überwacht werden»,

erklärt Borm. «Wenn sie plötzlich einen

Schwächeanfall haben oder ihnen übel

wird, sollen sie nicht einfach auf dem

Rücksitz eines Kleinwagens sitzen.»

Die Digitalisierung und Mobilität bringt

auch den Rettungskräften immer mehr

Vorteile. Die exakten Werte des EKGs

eines Patienten können beispielsweise

direkt ans Herzzentrum in Luzern übermittelt

werden. Mit dem Einverständnis

eines Patienten kann die Einsatzzentrale

auch dessen Mobiltelefon orten. «Gerade

bei Unfällen in den Bergen oder wenn

sich der Patient in einer für ihn unbekannten

Umgebung befindet, ist eine solche

Ortung Gold wert und kann Leben retten»,

betont Thomas Borm. (ve)

Kann man die Sirenen der Ambulanz, der

Polizei und der Feuerwehr unterscheiden?

Nein. In der Schweiz tönen die Sirenen der Rettungskräfte

gleich. Alle benutzen als Tonintervall

eine Quarte (cis-gis) mit gleicher Tonlänge. Das

tönt dann so: «Tüü-taa-tüü-taa». Andere Länder,

andere Sitten: In Österreich z.B. ist eine Unterscheidung

möglich. Dort macht die Ambulanz «Tüü-taatüü-taa»

(wie in der Schweiz), die Polizei dagegen

«Tatüü-tatü-tatü-tatüü» (anderer Rhythmus).

Darf die Ambulanz schneller fahren als erlaubt?

Ja, aber nur, wenn sie mit Blaulicht und Sirene unterwegs

ist. Dasselbe gilt auch für Polizei und Feuerwehr.

Allerdings muss das Tempo den Verhältnissen

angepasst werden. Kein Ambulanzfahrer

rast mit Tempo 100 durch ein Dorf. Die Sicherheit

der Ambulanz und anderer Verkehrsteilnehmer

geht vor. Ein Spezialfall sind einspurige Tunnels

mit Gegenverkehr wie der Sachsler Tunnel oder

der Lopper. Hier schalten Rettungsorganisationen

Blaulicht und Sirene aus, weil Autofahrer gar keine

Möglichkeit haben, auszuweichen.

Wie verhält man sich als Autofahrer,

wenn von hinten die Ambulanz naht?

Kommt drauf an. Wenn Rettungskräfte ohne Sirene

und Blaulicht unterwegs sind, gelten sie als

gewöhnliche Verkehrsteilnehmer. Mit Horn und

Blaulicht dagegen haben die Einsatzfahrzeuge immer

und überall Vortritt. Autofahrer weichen grundsätzlich

nach rechts aus. Mit der nötigen Vorsicht

dürfen Autofahrer auch auf ein Trottoir ausweichen

oder sogar ein Rotlicht überfahren, um der

Ambulanz Platz zu machen. Das Bundesamt für

Strassen schreibt dazu: «Ein Abweichen von den

Verkehrsregeln bleibt straflos, sofern dabei alle gebotene

Sorgfalt beachtet wird.» Eine Ambulanz im

Rückspiegel ist also kein Freipass zum Rasen. Ist

ein Ausweichen unmöglich: zügig weiterfahren und

baldmöglichst Platz machen. Strassen wie die A8

zwischen Sarnen und Alpnach stellen einen Spezialfall

dar. Bei normalem Verkehr weichen Autos auf

den Pannenstreifen aus, wenn die Ambulanz naht.

Bei Stau oder stockendem Verkehr dagegen ist es

klüger, wenn die Autos auf der Normalspur bleiben

und die Ambulanz den Pannenstreifen nutzt. (ve)

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