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Die Habanos Zigarre Teil 2: Zigarrenrausch-Stimmung

Im zweiten Teil sprechen wir darüber, wie der sogenannte „Zigarrenrausch“ stattgefunden hat; wie in Havanna unzählige, kleine Manufakturen auf nur etwa 10 km2 Fläche, Zigarren herstellten, und wie die Habanos Zigarre in aller Welt einen Grosserfolg feierte. Wir sprechen hier auch über die Führungsstile der damaligen Zigarren-Patrons und welche Angst die Angestellten vor ihnen hatten. Auch den Betrug von José Gener an seiner Familie besprechen wir und warum der Zigarrenring erfunden wurde. Wie das alles passiert ist, davon handelt dieser zweite Teil.

Im zweiten Teil sprechen wir darüber, wie der sogenannte „Zigarrenrausch“ stattgefunden hat; wie in Havanna unzählige, kleine Manufakturen auf nur etwa 10 km2 Fläche, Zigarren herstellten, und wie die Habanos Zigarre in aller Welt einen Grosserfolg feierte. Wir sprechen hier auch über die Führungsstile der damaligen Zigarren-Patrons und welche Angst die Angestellten vor ihnen hatten. Auch den Betrug von José Gener an seiner Familie besprechen wir und warum der Zigarrenring erfunden wurde. Wie das alles passiert ist, davon handelt dieser zweite Teil.

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1


© <strong>Zigarre</strong>n.Zone GmbH<br />

<strong>Die</strong> 4-teilige Reihe als Film und eBook „<strong>Die</strong> <strong>Habanos</strong> <strong>Zigarre</strong>“<br />

entstand im Auftrag der beiden offiziellen Kuba-<strong>Zigarre</strong>n<br />

Importeure:<br />

5th Avenue Produkts GmbH (für Deutschland, Polen und<br />

Österreich) und Intertabak AG (für Schweiz und Liechtenstein).<br />

Unter der grossartigen Mitwirkung von Claudia Puszkar:<br />

Recherche, Fotos, Co-Moderatorin in den 4 Filmen und Lektorat<br />

der 4 eBooks.<br />

<strong>Zigarre</strong>n.Zone GmbH<br />

Spinnlerstrasse 2<br />

4410 Liestal - Schweiz<br />

www.zigarren.zone<br />

genuss@zigarren.zone<br />

+41 79 305 21 45<br />

Vasilij Ratej<br />

2


Ramón Allones war der Erste, der seine <strong>Zigarre</strong>n in 25er Kisten<br />

gelegt hat. Aber dann lagen sie halt erst mal nur in Kisten.<br />

Natürlich konnte und hat jemand versucht, sich die Kisten zu<br />

beschaffen und andere <strong>Zigarre</strong>n reingelegt. Das wiederum führte<br />

dazu, dass man auch zur kleinsten Einheit, zur <strong>Zigarre</strong> selber<br />

gegangen ist, und sie zur Kennzeichnung, zu ihrem Schutz, mit<br />

einem Ring versehen hat.<br />

Claudia Puszkar<br />

3


PROLOG<br />

Herzlich willkommen zum zweiten <strong>Teil</strong> von vier „<strong>Die</strong> <strong>Habanos</strong><br />

<strong>Zigarre</strong>“. <strong>Die</strong>se vierteilige eBook-Reihe entstand aus der<br />

gleichnamigen Film-Serie.<br />

<strong>Die</strong> Filme sind kostenlos hier verfügbar.<br />

<strong>Die</strong> vier eBooks sind fast wie ein Roman aufgebaut. Zumindest<br />

aber wie eine Erzählung und Schilderung eines Gesprächs<br />

zwischen zwei Personen, die sich über das Internet miteinander<br />

unterhalten.<br />

Im zweiten <strong>Teil</strong> sprechen wir darüber, wie sich die<br />

<strong>Zigarre</strong>nindustrie bis hin zum so genannten „<strong>Zigarre</strong>nrausch“<br />

entwickelt hat; wie in Havanna unzählige, kleine Manufakturen<br />

auf nur etwa 10 Quadratkilometer Fläche <strong>Zigarre</strong>n herstellten und<br />

wie die <strong>Habanos</strong>-<strong>Zigarre</strong> in aller Welt große Erfolge feierte. Und<br />

warum und wann die großen Manufakturen errichtet wurden. Wir<br />

sprechen hier auch über die Führungsstile der damaligen <strong>Zigarre</strong>n-<br />

Patrons und welches Klima manchmal auch der Angst in den<br />

Fabriken herrschte. Auch den Betrug von José Gener an seiner<br />

Familie besprechen wir und warum der <strong>Zigarre</strong>nring erfunden<br />

wurde. <br />

In allen vier <strong>Teil</strong>en - im Film und in den eBooks - zu Gast ist die<br />

Expertin Claudia Puszkar.<br />

4


<strong>Die</strong> ZOOM-Verbindung steht, Vasilij und Claudia richten sich den<br />

Ton ein. „Hörst du mich?“ fragt Vasilij. Es knirscht in der Leitung.<br />

„Ja,“ antwortet Claudia. „Hallo, Vasilij! Wie gehts dir?“ -<br />

„Hervorragend,“ antwortet Vasilij. „Dankeschön! Ich hoffe, dir<br />

gehts auch gut?“ - „Ja, alles wunderbar,“ erwidert Claudia. „Schön<br />

dich zu sehen!“ - „Danke, gleichfalls! Claudia, ich mache jetzt<br />

einen Trick, den man aus dem Fernsehen kennt.“ Claudia lächelt<br />

und ist gespannt, was jetzt wohl kommen mag. Vasilij fährt fort:<br />

„Liebe Zuschauer, heute in der Sendung sprechen wir unter<br />

anderem über den Mord an Herrn Partagás. Da soll es wohl ein<br />

Techtelmechtel mit einer Frau gegeben haben. Was da aber genau<br />

passiert ist, das klären wir heute in der Sendung. Also, bleibt<br />

dran!“<br />

Claudia lächelt und sagt: „Das ist eine tolle Intro. Ich kann<br />

versprechen, die<br />

Geschichte ist wirklich<br />

spannend, oder zumindest<br />

das, was man davon<br />

weiß.“ Vasilij lacht und<br />

sagt: „Claudia, kannst du<br />

uns einen kleinen<br />

Überblick geben über die<br />

letzte Sendung? Da ging<br />

es um das Tabakmonopol, wie es gefallen ist und warum das so<br />

wahnsinnig wichtig war für die Entwicklung der kubanischen<br />

<strong>Zigarre</strong>.“<br />

5


KAPITEL 1:<br />

RÜCKBLENDE, LEGENDEN UND GESCHICHTEN<br />

Claudia fasst zusammen: „Der Tabakanbau, der Verkauf und der<br />

Handel waren durch die spanische Kolonialregierung streng<br />

reglementiert. Tabak wurde nach Europa exportiert und<br />

größtenteils als Schnupftabak verwendet. <strong>Die</strong> <strong>Zigarre</strong> spielte eine<br />

geringe Rolle. Es wurden zwar schon immer <strong>Zigarre</strong>n in Kuba<br />

hergestellt, seit Menschen auf Kuba leben. Aber sie spielten<br />

wirtschaftlich keine Rolle. Erst 1762, als die Briten für knapp ein<br />

Jahr die Hauptstadt erobert haben, wurde der Handel freigegeben.<br />

Das gab einen unglaublichen Schub für die <strong>Zigarre</strong>, weil plötzlich<br />

jeder <strong>Zigarre</strong>n herstellen konnte! Das hat die <strong>Zigarre</strong> in dieser Zeit<br />

selbst in Europa bekannt gemacht. Dann war erst mal wieder<br />

Schluss nach diesem einen Jahr. Es dauerte dann von 1763 bis<br />

1817, also fast nochmal 50 Jahre, bis das Tabakmonopol durch<br />

Ferdinand VII. offiziell aufgehoben wurde.“<br />

Das ist faszinierend, denkt Vasilij und Claudia fährt fort:<br />

„Und dort befinden wir uns jetzt, also sagen wir mal ungefähr<br />

1820. Denn das ist so mit Gesetzen, bis sie eingeführt sind, dauert<br />

es immer eine Weile. Also kann man sagen, ab 1820 ging die<br />

Geschichte wirklich richtig los.“<br />

Vasilij wird ungeduldig, weil er seinen Rodrigo endlich ins<br />

Spiel bringen möchte (siehe <strong>Teil</strong> 1). Claudia scheint seine<br />

Ungeduld zu bemerken, denn sie sagt schnell: „Wir hatten ja<br />

unseren Rodrigo, den du gerne in die Geschichte einführen<br />

wolltest, um endlich deine <strong>Zigarre</strong> zu bekommen.“ Vasilij nickt<br />

und freut sich. Endlich! „Jetzt ist wirklich genau der richtige<br />

Zeitpunkt,“ schließt Claudia ihre Zusammenfassung aus <strong>Teil</strong> 1. <br />

6


Kurze Rückblende: Im Jahr 1762, als die Briten den Markt<br />

geöffnet haben, entstanden in Havanna ganz viele kleine Betriebe<br />

oder Manufakturen (sie wurden Chinchales genannt), in denen<br />

<strong>Zigarre</strong>n hergestellt wurden. <strong>Die</strong>se Chinchales haben mehr oder<br />

weniger die ganze Zeit nach 1762 weiter existiert. Als dann der<br />

Markt 1820 komplett offen war, standen die Chinchales natürlich<br />

schon mal irgendwo in Havanna am Start. <strong>Die</strong> waren bereit! <br />

<strong>Die</strong> Briten erobern Havanna.<br />

Jetzt, im Jahr 1820, kann man davon ausgehen, dass schon so eine<br />

Art kleine <strong>Zigarre</strong>nindustrie existierte. <strong>Die</strong> haben nicht ganz von<br />

Null angefangen, aber es war noch nicht das, was dann in den<br />

Jahren später daraus geworden ist. Dann kam wirklich ein Boom<br />

und es passierte viel, worüber legendäre Geschichten erzählen.<br />

Manche sind wahr, manche übertrieben oder sogar erfunden. Eine<br />

legendäre Geschichte handelt von Ramón Allones. <strong>Die</strong>se<br />

<strong>Zigarre</strong>nmarke existiert heute noch. <br />

7


Ramon Allones <strong>Zigarre</strong>n.<br />

Über Ramón Allones wird erzählt, er sei in Kuba komplett arm<br />

angekommen. Er reiste dritte Klasse von Spanien nach Kuba, stieg<br />

vom Schiff und besaß nur das, was er am Leibe trug: ein paar<br />

durchgetretene Schuhe, eine alte Hose und vielleicht noch ein<br />

zerschlissenes Hemd. Er betrat also kubanischen Boden und sieht<br />

auf dem Boden eine Münze liegen. Er tritt sie mit dem Fuß voller<br />

Verachtung weg und meint: Schon jetzt fangen sie an mich zu<br />

verfolgen! Bald werde ich ganz viele von euch haben!<br />

Interessanterweise ist nicht bekannt, wie Ramón Allones es ohne<br />

Geld geschafft hat, eine <strong>Zigarre</strong>nmarke zu kreieren und so<br />

berühmt und reich zu werden. Denn normalerweise braucht es<br />

Geld, um etwas aufzubauen. Ganz ohne Geld geht es nicht.<br />

Vasilij lacht über diese kleine Anekdote und schüttelt den Kopf.<br />

Claudia lacht auch und sagt: „Also, jemand, der bettelarm ist, der<br />

ganz ohne Geld und wahrscheinlich schon halb verhungert<br />

ankommt, hätte der wirklich eine Münze weggeworfen?“ - „Nein,<br />

8


ganz sicher nicht,“ lacht Vasilij. Er denkt kurz nach. „Würde ich<br />

das machen? Nein, ich würde die Münze aufheben, ganz klar.“<br />

Claudia ist sichtlich amüsiert über diese Geschichte und sie<br />

ergänzt: „Das ist eine Geschichte, die sozusagen ins Kulturgut der<br />

Kubaner übergegangen ist. Solche Geschichten sind manchmal<br />

wie ein Märchen.“ <strong>Die</strong> wurden weitererzählt und weitererzählt,<br />

irgendjemand hat sie dann aufgeschrieben. Es gibt hier und da<br />

nette Geschichten, aber wir müssen uns natürlich immer fragen,<br />

ob sie tatsächlich wahr sind. <br />

Eine Geschichte ist die von Juan<br />

Conill und sie klingt glaubwürdig. Er<br />

war Katalane, der um 1820 nach Kuba<br />

gekommen ist. Man sagt, er habe gute<br />

Beziehungen zu den Behörden gehabt,<br />

was nie von Nachteil ist. Er kam nicht<br />

als armer Mann nach Kuba. Wie viel<br />

Geld er bei sich hatte, ist nicht<br />

bekannt. Aber zumindest hatte er so<br />

viel Geld, um sich in Pinar del Rio<br />

eine kleine Plantage zu kaufen, um<br />

dort erst mal selbst Tabak anzubauen. <br />

Er hat mit seiner kleinen Plantage<br />

Das Grab von Juan Conill. angefangen und sie dann relativ<br />

schnell erweitert. Hier und da kaufte<br />

er weitere Plantagen. So auch Jaime Partagás. „Das ist übrigens<br />

eines der Phänomene, auf die ich gestoßen bin.“ sinniert Claudia.<br />

„Bei solchen Käufen ging es zwar schon mit rechten Dingen zu,<br />

aber ob beide Seiten damit immer zufrieden waren, ist die andere<br />

Frage. <strong>Die</strong>se Plantagenbesitzer wie Partagás und Conill haben in<br />

Pinar del Rio Läden eröffnet. Dort konnten die Bauern einkaufen,<br />

was sie brauchten: Saatgut, Maschinen, Lebensmittel, Werkzeuge<br />

und so weiter.“<br />

9


Man muss sich in die Zeit und den Ort versetzen, lieber Leser:<br />

Pinar del Rio war weit weg von Havanna. Also waren die Bauern<br />

froh, dass sie vor Ort einkaufen konnten. <strong>Die</strong> Ladenbesitzer waren<br />

immer sehr großzügig, den Bauern Kredite zu gewähren, wenn sie<br />

die Ware nicht bezahlen konnten. Wenn die Kreditsumme<br />

irgendwann so gewaltig geworden war, dass die Bauern sich nicht<br />

mehr in der Lage sahen, ihre Kredite zurückzuzahlen, dann waren<br />

sie unter Umständen gezwungen, ihre Plantagen günstig zu<br />

verkaufen. Von Jaime Partagás ist gekannt, dass er auf diese Weise<br />

seine Geschäfte gemacht hat. So kam er also günstig an Plantagen<br />

und konnte sein Wirkungsfeld vergrößern. Auch Juan Conill hat<br />

das so gemacht.<br />

Conill hat zwar auch <strong>Zigarre</strong>n hergestellt, aber keine, die<br />

weltberühmt wurden. Aber er hat sehr viel Tabak angebaut. Er hat<br />

viele Menschen beschäftigt, nicht nur auf den Plantagen, sondern<br />

auch im Transportwesen. Der Tabak musste ja von Pinar del Rio<br />

nach Havanna gebracht werden. Das interessante ist: für Juan<br />

Conill haben den Transport unter anderen folgende Personen<br />

(heute berühmte oder noch bekannte spätere <strong>Zigarre</strong>nhersteller)<br />

erledigt: Jaime Partagás, José Gener (Gründer von „Hoyo de<br />

Monterrey“), Miguel Jané und Prudencio Rabell. So konnten sie<br />

viel über Tabak lernen.<br />

Denn beschäftigt man sich mit der Entstehung der<br />

<strong>Zigarre</strong>nmarken, stellt sich heraus, dass das Wissen über Tabak<br />

und <strong>Zigarre</strong>n entscheidend war und ist für den Erfolg im<br />

<strong>Zigarre</strong>nbusiness. <strong>Die</strong> <strong>Zigarre</strong> ist ein spezielles Produkt. Man<br />

muss wissen, wie man Tabak anbaut, wie man ihn erntet, wie man<br />

ihn danach weiter verarbeitet. Man muss wissen, wie man<br />

Tabakmischungen für die <strong>Zigarre</strong> komponiert und wie man die<br />

<strong>Zigarre</strong> rollt. Einfach einen Tabak-Wickel zu rollen ist schnell<br />

gemacht. Aber eine <strong>Zigarre</strong> herzustellen, die schmeckt und<br />

10


wirklich hervorragend ist, das ist eine ganz andere Geschichte.<br />

<strong>Die</strong>ses Wissen ist der Grund, warum einige Hersteller<br />

erfolgreicher waren als andere. <strong>Die</strong> einen wussten, was sie da<br />

machten, andere haben es sozusagen nur versucht.<br />

<br />

Anbaugebiete auf Kuba. Grün markiert: Pinar del Rio.<br />

„Etwa um 1840 herum gab es schon über 300 kleine<br />

Manufakturen in Havanna auf etwa 10 Quadratkilometer Fläche<br />

(in der heutigen Altstadt von Havanna und daneben im Stadtteil<br />

Centro Habana),“ begeistert sich Claudia und Vasilij gleich mit.<br />

„Das ist wirklich eine sehr kleine Fläche.“ sagt er. - „Und 20 Jahre<br />

später,“ erzählt Claudia weiter, „so um 1860 herum, waren es<br />

schon über 500. Also, das ist der Wahnsinn!“<br />

11


Havanna war damals so etwas wie eine große <strong>Zigarre</strong>nmanufaktur<br />

oder ein Freilichtmuseum der <strong>Zigarre</strong>nindustrie. In den Jahren<br />

1840/1845 herum wurden Marken gegründet und registriert, die<br />

heute noch existieren und die wir kennen: 1840 Ramón Allones<br />

und Punch, 1844 H. Upmann und 1845 Partagás und La Corona,<br />

um nur einige zu nennen.<br />

La Habana, Cuba, 1849.<br />

„Du bist in Havanna mal auf Spurensuche gewesen,“ fragt Vasilij,<br />

sichtlich fasziniert davon, was Claudia so lebendig erzählt. „Hast<br />

du denn viele dieser unzähligen, kleinen Häuser aus jenen Jahren,<br />

in denen sich Manufakturen befanden, gefunden? Wie oft hast du<br />

solche Entdeckungstouren gemacht?“ Claudia schließt kurz die<br />

Augen und lächelt. Sie versinkt in ihre Entdeckungsreisen durch<br />

Havanna. „Unzählige Male war ich in Havanna unterwegs, weil<br />

ich mir irgendwann sagte, ich muss mir das mal vor Ort<br />

12


anschauen.“ erzählt Claudia. „Ich habe alle Informationen, Namen<br />

und Adressen, die ich finden konnte, gesammelt und sie nach<br />

Straßen sortiert. Es gibt wirklich<br />

Straßen, da haben teilweise zehn<br />

Manufakturen auf einem kleinen<br />

Straßenabschnitt existiert! <strong>Die</strong>se<br />

Manufakturen existieren heute natürlich<br />

nicht mehr und man kann sie nur anhand<br />

der Straßennummern identifizieren.“<br />

<strong>Die</strong> allererste <strong>Zigarre</strong>nfabrik, die<br />

Claudia damals in Havanna besuchte,<br />

war die ehemalige Manufaktur der<br />

Marke „Romeo y Julieta“. Sie erinnert<br />

sich noch sehr genau. „Und da stand ich<br />

plötzlich vor einem riesigen Gebäude,<br />

und dachte: Wow! Also die<br />

<strong>Zigarre</strong>nindustrie, die muss schon<br />

immer gigantisch und bedeutend<br />

gewesen sein! Oder die alte Partagás<br />

Manufaktur hinter dem Capitolio, dieses<br />

prächtige und große Gebäude, herrlich!“<br />

Als sie sich dann in die Materie<br />

reinkniete, machte sie bald eine<br />

interessante Entdeckung.<br />

<strong>Die</strong> ehemalige<br />

Romeo y Julieta Fabrik.<br />

Claudia erzählt weiter: „Ich wollte<br />

natürlich mehr über die Geschichte<br />

erfahren. Und habe die Adressen abgeklappert, wo früher<br />

Manufakturen waren. Und dann waren da so winzig kleine Häuser<br />

und ich dachte: Okay, wow, in so kleinen Häusern haben sie<br />

angefangen. Und dann ist mir bewusst geworden, was für eine<br />

Entwicklung stattgefunden haben muss, dass aus so kleinen<br />

Betrieben plötzlich riesige, palastgroße Fabriken geworden sind.“<br />

13


<strong>Die</strong> alte Partagás Manufaktur hinter dem Capitol.<br />

Um so etwas zu entdecken, muss man sich vor Ort begeben. Das<br />

kann man sich nicht theoretisch erschließen. So etwas wird einem<br />

erst bewusst, wenn man vor einem Gebäude steht und einem die<br />

Dimensionen bewusst werden. „Da kriegt man plötzlich ein<br />

Gefühl dafür“, erzählt Claudia. „Das fand ich wirklich<br />

faszinierend. Ich meine, heute kennt man all diese berühmten<br />

Namen, aber die haben alle einmal ganz klein angefangen.“<br />

14


<strong>Die</strong> Calle San Miguel: H.Upmann, Partagás und Por Larrañaga hatten hier<br />

ihre ersten Adressen.<br />

Kommen wir zurück zur „Partagás“-Manufaktur, die sich hinter<br />

dem Capitol befindet. Dort steht immer noch das Gründungsjahr<br />

der Marke auf dem Dachgiebel: 1845. Und sie wird als<br />

„Königliche <strong>Zigarre</strong>n-Manufaktur“, Real Fabrica de Tabacos,<br />

bezeichnet. Allerdings befand sich die <strong>Zigarre</strong>nproduktion in<br />

diesem Gebäude nicht von Anfang an, sondern erst seit etwa 1900.<br />

Davor war der Firmensitz in einem Haus weiter rechts. <strong>Die</strong><br />

allererste Fabrik, ein Holzhaus, war ein kleines und bescheidenes<br />

Haus, das aber abgebrannt ist. An seine Stelle baute man dann ein<br />

etwas größeres. In den Jahren 1840/1845 herum waren die<br />

Firmensitze meist noch recht klein. Man hat erst mal eine kleine<br />

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Manufaktur aufgemacht oder einfach in einem Haus ein oder zwei<br />

Räume als Manufaktur genutzt.<br />

<strong>Die</strong> Partagás-Manufaktur, in der der Firmengründer wirkte.<br />

16


KAPITEL 2:<br />

STÜCK FÜR STÜCK IN DIE WELT HINAUS UND DIE<br />

ANGST VOR DEM PATRON<br />

Vasilij versucht sich das alles vorzustellen. Als er 2018 zum ersten<br />

Mal in Havanna war, ist ihm das alles überhaupt nicht aufgefallen.<br />

Zu überwältigend waren alle anderen Eindrücke für ihn. „Wie<br />

muss man sich das jetzt weiter vorstellen?“ fragt er. „Wie kamen<br />

diese <strong>Zigarre</strong>n in die Welt hinaus?“ Jetzt kommt die weitere und<br />

höchst spannende Etappe der <strong>Habanos</strong>-<strong>Zigarre</strong>. <strong>Die</strong> <strong>Zigarre</strong>n<br />

bekamen ihre Namen, Stück für Stück. <strong>Die</strong>jenigen Hersteller, die<br />

gute <strong>Zigarre</strong>n machten und gute Verbindungen zu Handelspartnern<br />

geknüpft hatten, die dann wiederum die <strong>Zigarre</strong>n irgendwohin<br />

brachten, waren schon mal gut im Geschäft. Dann gab es Andere,<br />

die auf diesem Weg versuchten mitzuschwimmen.<br />

2018: Vasilij besuchte Kuba.<br />

17


Jaime Partagás beispielsweise war jemand, der zunächst vom<br />

Erfolg eines Anderen profitieren wollte. Er ließ im Jahr 1845 seine<br />

Marke „Partagás“ registrieren. Etwa im Jahr 1848 meldete er eine<br />

weitere Marke an, namens „La Flor de Cabaña“. <strong>Die</strong> Marke<br />

„Cabaña“ existierte jedoch bereits, ein anderer Hersteller hatte<br />

diese schon weltweit<br />

bekannt gemacht, in<br />

Großbritannien war sie sehr<br />

beliebt. Auf der Kiste von<br />

Partagás´ „La Flor de<br />

Cabaña“ stand unten nur<br />

ganz klein: „de (von)<br />

Partagás y Comp.“<br />

Der Gründer Jaime Partagás.<br />

„Hoppla, er wollte auf den<br />

fahrenden Zug<br />

aufspringen,“ stellt Vasilij<br />

fest. „Genau!“ fährt Claudia<br />

fort. „Der damalige Besitzer<br />

Carvajal hat Partagás<br />

natürlich verklagt. 1854<br />

erging ein Urteil, was<br />

besagte, dass Jaime<br />

Partagás den Namen „La<br />

Flor de Cabaña“ nicht mehr<br />

benutzen durfte.“<br />

Es gab also bereits damals Markenrechtsstreitereien. Überhaupt<br />

war es mit den Markennamen wirklich ein Durcheinander. Das<br />

führte dazu, dass der Gouverneur von Havanna im Jahr 1855 einen<br />

Zusatzartikel in die Stadtverordnung aufnehmen ließ: Jeder<br />

Hersteller von <strong>Zigarre</strong>n musste seine Marken offiziell registrieren<br />

lassen. Und sehr schnell wurde ersichtlich, wie unglaublich viele<br />

18


Marken es damals gab! Manche der <strong>Zigarre</strong>nhersteller meldeten<br />

drei, fünf oder gar zehn Marken an. Mit dieser<br />

Registrierungspflicht kam dann ein wenig Ordnung und Ruhe ins<br />

Geschehen. <br />

Mittlerweile hat Rodrigo (du erinnerst dich?) meine <strong>Zigarre</strong><br />

gerollt. Oh, wie herrlich! Eine frische Habano! Anschneiden,<br />

anzünden, der erste Zug, genießen - herrlich. Jetzt können wir<br />

weiterreden!<br />

„<strong>Die</strong> Inhaber der <strong>Zigarre</strong>nmarken waren ja nicht immer unbedingt<br />

die angenehmsten Zeitgenossen.“ leitet Vasilij das Gespräch in<br />

eine neue Richtung. <strong>Die</strong> Geschichte zeigt, dass solche<br />

Führungspersönlichkeiten beeindruckende Menschen waren, im<br />

positiven, wie in mancher Hinsicht auch im negativen Sinn.<br />

Zunächst einmal muss man klar festhalten: Sie haben sich mit<br />

Tabak wirklich beschäftigt und ein immenses Wissen und<br />

Erfahrungen angeeignet. Das ist die gute Seite der Medaille. <strong>Die</strong><br />

Kehrseite: manche Manufakturbesitzer, beileibe nicht alle, wurden<br />

von ihren Angestellten aufgrund ihrer Art gefürchtet. Dazu gleich<br />

mehr. <br />

Aber kommen wir zunächst auf ihr Wissen zurück: Sie kannten<br />

Tabak in- und auswendig, konnten guten von schlechtem<br />

unterscheiden. Vom Anbau des Tabaks bis hin zur Herstellung der<br />

<strong>Zigarre</strong> wussten sie alles. Jeden einzelnen Schritt kannten sie bis<br />

ins letzte Detail. Sie haben sich am Anfang ihrer Laufbahn in die<br />

Materie vertieft und sich natürlich im Lauf der Zeit auch den einen<br />

oder anderen guten Kenner ins Boot geholt.<br />

19


Claudia erzählt weiter: „Ich glaube, dass die ersten<br />

Firmengründer, die wirklich erfolgreich waren und deren<br />

Markennamen ja auch heute noch existieren, sich ihren Erfolg<br />

verdient hatten. Das muss man ja auch mal anerkennen! Ich<br />

meine, das war jetzt nicht unbedingt so wie in den<br />

Goldgräberzeiten in den USA, wo es oftmals einfach Glück war,<br />

wenn jemand zu Reichtum gelangte, weil er auf eine ergiebige<br />

Goldader stieß.“<br />

Tabakballen.<br />

Klar ging es nicht ohne Glück, das brauchte man sicher auch auf<br />

Kuba, wie überall und jederzeit im Leben. Es war jedoch das<br />

Wissen, was zum Erfolg führte. Das waren Experten und man<br />

konnte denen nichts vormachen. <strong>Die</strong> wussten genau, wie dieses<br />

Business funktioniert. Und, wie gesagt, sie waren bereit, sich<br />

damit zu beschäftigen und sich dieses Wissen erst mal anzueignen.<br />

Nach ihrer Ankunft auf Kuba haben viele der Einwanderer und<br />

20


späteren Fabrikbesitzer erst einmal 10 bis 15 Jahre lang im<br />

Tabakgeschäft gearbeitet, Wissen angeeignet und Geld verdient.<br />

<strong>Die</strong>se heute berühmten Namen, das waren bei ihrer Ankunft in<br />

Kuba junge Männer zwischen 16 und 18 Jahren.<br />

Doch kommen wir nun zu den interessanten Stories, die man sich<br />

über manche der Fabrikbesitzer erzählt. Da kommt Claudia auf<br />

José Gener zu sprechen, Gründer der auch heute noch berühmten<br />

Marke „Hoyo de Monterrey“. „Der soll wohl so was wie das<br />

schwarze Schaf der Familie gewesen sein“, weiß Claudia zu<br />

berichten. So könnte er zu denjenigen gehören, deren Familien<br />

froh waren, sie loszuwerden, indem sie sie nach Amerika oder<br />

woandershin schickten, Hauptsache, weit genug weg. <br />

„Hau ab!“ ruft Vasilij ins Gespräch. „Wie bitte?“ fragt Claudia<br />

etwas verdutzt; aber sie merkt gleich danach, dass Vasilij den José<br />

Gener meinte.<br />

21


KAPITEL 3:<br />

GUT HEIRATEN, DER MORD AN JAIME PARTAGÁS<br />

UND DER BETRUG VON JOSÉ GENER<br />

Der Führungsstil von Jaime Partagás<br />

Immer wieder liest man in den Geschichten, dass diese<br />

ambitionierten jungen Männer mit dem Geld ihrer frisch<br />

angetrauten Ehefrauen eine Fabrik eröffnen oder eine Plantage<br />

kaufen konnten. Einige dieser jungen Männer haben also recht gut<br />

geheiratet. Man kann das sozusagen als Startkapital für die<br />

<strong>Zigarre</strong>nproduktion anrechnen. „Man sagt ja nicht umsonst, die<br />

erste Million wird vor dem Traualtar gemacht, heißt es zumindest<br />

hierzulande! Ich weiß nicht, ob dieser Spruch auch anderswo<br />

gilt.“, sagt Claudia und lacht. Vasilij wirft sofort ein: „Dann muss<br />

ich mal meine Frau fragen, wo die Million bleibt!“ Claudia fährt<br />

fort: „Deshalb muss man diese Geschichten vom armen<br />

Einwanderer, der es aus ganz eigener Kraft geschafft hat, reich zu<br />

werden, manchmal wohl relativieren.“ Aber sie haben das Geld<br />

gut angelegt. <br />

Welche Persönlichkeiten warten also auf uns? Da wäre Jaime<br />

Partagás. Er führte seine Manufaktur sehr erfolgreich. Aber auf<br />

eine Art und Weise, dass seine Angestellten regelrecht Angst vor<br />

ihm hatten. Das hat so weit geführt, dass selbst nach seinem Tod<br />

einige der Angestellten der festen Überzeugung waren, dass sie<br />

seinen Geist in der Manufaktur gesehen hätten. Einige von ihnen<br />

haben sich daraufhin sogar geweigert, die Manufaktur wieder zu<br />

betreten. Der Sohn und Erbe von Jaime, José Partagás, sah sich<br />

gezwungen, zwei katholische Priester zu holen, der eine Spezialist<br />

in Sachen Exorzismus, der andere im Umgang mit Weihwasser.<br />

Sie sollten die Räumlichkeiten reinigen.<br />

22


Doch für die Angestellten war das nicht genug. „<strong>Die</strong> Katholiken<br />

allein kriegen das nicht hin.“, war in etwa ihre Meinung. Deshalb<br />

holte man noch einen Babalao, einen Santería-Priester, in die<br />

Manufaktur. Er musste dafür sorgen, dass der Geist von Jaime<br />

Partagás mit allerlei Hilfsmitteln für immer aus dem Haus<br />

vertrieben wurde. „Das muss man sich mal überlegen,“ fährt<br />

Claudia fort, „jeder kennt vielleicht einen strengen Chef. Aber,<br />

dass du den Chef noch über den Tod hinaus fürchtest, da muss<br />

jemand schon wirklich furchterregend gewesen sein. Ich meine,<br />

dass man sich sogar noch von dessen Geist in der Fabrik verfolgt<br />

fühlt… Gut, man hat damals wahrscheinlich noch ein bisschen<br />

mehr an Geister geglaubt. Aber diese Story zeigt uns auch, wie es<br />

in so einer Manufaktur früher vielleicht zuging.“<br />

Der Mord an Jaime Partagás<br />

„Bevor er aber zu einem Geist werden konnte,“ sagt Vasilij,<br />

„musste Jaime Partagás erst einmal sterben. Ich hörte, da war<br />

irgendwie eine Frau involviert und eine Pistole. Was ist passiert?“<br />

Claudia denkt kurz nach und erzählt: „Das ist eine spannende<br />

Geschichte. Sie spielt 1868 auf der Plantage von Partagás in Pinar<br />

del Rio, eine sehr gute Tabakplantage. Jaime Partagás hatte Zeit<br />

seines Lebens mit allen möglichen Menschen Streitereien, so auch<br />

mit seinem Nachbarn Pedro Mató. <strong>Die</strong>ser Nachbar agierte ähnlich<br />

wie Jaime.“ <br />

<strong>Die</strong>ser Nachbar hatte eine Zeit lang versucht, durch Versetzen der<br />

Grenzsteine seine eigene Farm zu vergrößern und die von Partagás<br />

zu verkleinern. Deswegen gab es einen riesengroßen Streit. Eines<br />

Abends im Frühsommer des Jahres 1868 ritt Partagás nachts um<br />

23 Uhr im Dunkeln nach Hause. Er war in Begleitung eines<br />

Angestellten. Auf dem Weg wurden sie überfallen und Partagás<br />

mit einem Gewehr angeschossen. Der Angestellte konnte ihn noch<br />

zum Haus (andere sagen, ins örtliche Krankenhaus, beinahe zu<br />

23


jedem Detail der Geschichte gibt es Alternativen) bringen.<br />

Partagás erlag etwa einen Monat später seinen Verletzungen.<br />

„Wer hat es getan und warum?“, möchte Vasilij wissen und<br />

Claudia erzählt weiter. „Es gibt verschiedene Varianten und gleich<br />

mehrere Verdächtige. Schlussendlich verurteilt wurde ein<br />

freigelassener Sklave, Pedro Diaz. Er gestand, einen Auftrag für<br />

den Mord erhalten zu haben. Auftraggeber war der<br />

Geschäftspartner des Nachbarn Pedro Mató.“ Der Auftraggeber,<br />

ein weiterer Mann (der die Waffe besorgte), sowie Pedro Diaz<br />

wurden verurteilt. Dem Nachbarn Pedro Mató konnte man nichts<br />

nachweisen, er wurde freigesprochen.<br />

„Was hat denn das jetzt mit einer Frau zu tun?“ fragt Vasilij.<br />

Claudia lacht und sagt: „Es gibt eine ganze Menge weiterer<br />

möglicher Täter. Es heißt, dass Partagás unzählige Geliebte hatte<br />

und ein eifersüchtiger Ehemann ihn ermordet habe oder ihn<br />

ermorden ließ. Manchen dieser Ehemänner hatte er nicht nur die<br />

Frauen, sondern auch ihre Plantagen abgeluchst. Ein weiterer<br />

Verdächtiger war Carvajal, der nach dem Markenrechtsstreit<br />

zeitlebens ein Todfeind von Partagás blieb. Eine andere Version<br />

besagt, dass Partagás ein frühes Opfer des Unabhängigkeitskrieges<br />

(dazu mehr in <strong>Teil</strong> 3) gewesen sein könnte, in dem sich viele<br />

Plantagenarbeiter gegen ihre Arbeitgeber wandten. Aber, das sind<br />

Vermutungen. Sicher ist nur, dass sich Partagás nicht wenige<br />

Menschen zu Feinden gemacht hatte. Und deshalb hat sich keiner<br />

wirklich darüber verwundert, dass sein Leben durch einen brutalen<br />

Überfall beendet wurde. <br />

24


<strong>Die</strong> Gründung der <strong>Zigarre</strong>nmarke Hoyo de Monterrey und<br />

der Betrug an der Familie<br />

Auch José Gener war eine interessante Persönlichkeit. Er kam im<br />

Alter von 14 Jahren nach<br />

Havanna. Dort lebte ein <strong>Teil</strong><br />

seiner wohlhabenden Familie.<br />

Sein Onkel, Miguel Jané,<br />

arbeitete bei Juan Conill, wie<br />

später auch José Gener. Sein<br />

Onkel hatte es schon zu einem<br />

gewissen Wohlstand gebracht<br />

und besaß zwei gute<br />

Tabakplantagen. Eine davon hieß<br />

„Hoyo de Monterrey“. <strong>Die</strong><br />

Plantage existiert noch heute und man kann sie besuchen. Miguel<br />

Jané besaß außerdem eine <strong>Zigarre</strong>n- Manufaktur mit<br />

gleichnamiger Marke „La<br />

Majagua“ in Havanna. José<br />

Gener hat sich alles<br />

angeschaut, viel dabei gelernt<br />

und später gut geheiratet. Im<br />

Jahr 1850 kaufte er seinem<br />

Onkel die Plantage „Hoyo de<br />

Monterrey“ ab.<br />

<strong>Die</strong> Fabrik La Majagua<br />

von Miguel Jané.<br />

„Und jetzt wird die Story<br />

spannend: Was genau<br />

abgelaufen ist, kann man heute<br />

nicht mehr exakt<br />

zurückverfolgen. Aber<br />

irgendwie hat Gener es<br />

geschafft, wohl auch mit<br />

Dokumentenfälschung, dass<br />

25


sein Onkel und dessen Familie am Ende auf dem Papier nur noch<br />

Geschäftsführer und Angestellte waren und nicht mehr die<br />

Besitzer der Plantagen und Manufakturen. José Gener hat sie<br />

schlicht betrogen.“<br />

Das Eingangstor der Plantage Hoyo de Monterrey existiert auch heute<br />

noch.<br />

Und er war wohl auch ein Tyrann. In seiner Manufaktur „La<br />

Escepción“ hat er beispielsweise Lehrlinge, die etwas falsch<br />

gemacht hatten, regelmäßig über<br />

Nacht in der Fabrik nicht nur<br />

eingesperrt, sondern sogar<br />

festketten lassen. In einer Nacht hat<br />

es in der Manufaktur gebrannt, und<br />

diese armen Menschen wurden bei<br />

lebendigem Leib verbrannt. Wenn<br />

man solche Stories hört, dann kann<br />

<strong>Die</strong> Manufaktur<br />

La Escepción von José Gener.<br />

man die Angestellten verstehen,<br />

dass sie auch nach dem Tod des<br />

Chefs noch Angst vor ihm hatten.<br />

26


Solche Verhältnisse, wie damals mit Angestellten umgegangen<br />

wurde, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. <br />

Und es gibt auch Unglaubliches über das Begräbnis von José<br />

Gener zu berichten. Es gibt hier zwei Varianten.<br />

Variante 1 sagt, dass er 1890 Kuba verlassen hat. Der<br />

Unabhängigkeitskrieg war fast schon vorbei (darüber sprechen wir<br />

unter anderem in <strong>Teil</strong> 3 der Serie). Er soll die Insel mit folgenden<br />

Worten verlassen haben: „<strong>Die</strong>se Insel hat mir nichts mehr zu<br />

geben.“ Er hat die Unabhängigkeitsbestrebungen gehasst und<br />

wollte, dass alles so bleibt, wie es ist. Es soll eine Notiz geben, die<br />

besagt, dass er nach Spanien zurückgekehrt war und dort verstarb.<br />

Variante 2 unterscheidet sich gänzlich von der ersten Variante. Es<br />

handelt sich um einen Bericht über den Trauerzug anlässlich<br />

seiner Beerdigung im Jahr 1905. In diesem steht, dass der<br />

Trauerzug durch Havanna von den umliegenden Dächern mit<br />

Steinen und mit Säcken voller toter Ratten, Katzen und Hunde<br />

beworfen wurde. <strong>Die</strong> Menschen wollten damit ihre Abscheu und<br />

ihre Verachtung gegenüber José Gener zum Ausdruck bringen.<br />

Claudia ergänzt: „Ich glaube schon, dass die zweite Variante<br />

zutreffen könnte. Wenn man sich anschaut, wie er mit seinen<br />

Mitmenschen umgegangen ist, dann hat er viel Zorn und Wut auf<br />

sich gezogen. Und vielleicht waren die Menschen zu so einer Tat<br />

gegenüber den Trauernden dann auch fähig. Außerdem: Wer sollte<br />

sich eine solche Geschichte gänzlich ausdenken, wenn es nicht<br />

einen wahren Kern gäbe.“ Verbürgt ist diese Variante allerdings<br />

nicht. Ob es vielleicht einen Zeitungsbericht darüber gab, ist nicht<br />

bekannt. <br />

27


KAPITEL 4:<br />

RIESIGE, PRACHTVOLLE ZIGARREN<br />

MANUFAKTUREN ENTSTEHEN UND WARUM ES DEN<br />

ZIGARRENRING GIBT<br />

Prachtvolle Gebäude für die <strong>Zigarre</strong>nproduktion entstehen<br />

Manufaktur El Eden von Calixto Lopez.<br />

Schauen wir noch einmal auf die gesamte Entwicklung. Wir<br />

schreiben jetzt ungefähr das Jahr 1860. Einige <strong>Zigarre</strong>nmarken<br />

werden immer berühmter und die Produktion muss vergrößert<br />

werden. Um 1880 wurden deshalb Manufakturen errichtet, die<br />

imposant und riesig waren. Das Business muss sich für die<br />

Inhaber gelohnt haben. Denn sonst wären so große und prachtvolle<br />

Gebäude nicht errichtet worden. Vorher waren vorhandene und<br />

wesentlich bescheidenere Gebäude als Manufakturen genutzt <br />

28


Manufaktur La Meridiana von Pedro Murias.<br />

worden. <strong>Die</strong> neuen <strong>Zigarre</strong>nmanufakturen waren nicht nur<br />

funktional, sondern riesig und prachtvoll! <strong>Die</strong> gingen oftmals über<br />

einen gesamten Block.<br />

<strong>Die</strong>se Gebäude sind heute noch in Havanna zu finden. Natürlich<br />

hat der Zahn der Zeit an ihnen genagt, doch sieht man ihren<br />

früheren Glanz. Doch waren sie nicht nur imposant, sondern auch<br />

so konzipiert und gebaut, dass der Produktionsablauf perfekt war.<br />

Das ging soweit, dass einige Manufakturen eine eigene<br />

Pferdekutschenstaffel hatten, um die <strong>Zigarre</strong>n beispielsweise zum<br />

Hafen zu transportieren. <br />

Der <strong>Zigarre</strong>nring<br />

„Spannend finde ich auch, wie die <strong>Zigarre</strong>nringe entstanden sind,“<br />

sagt Vasilij. „<strong>Die</strong> <strong>Zigarre</strong>n lagen in den Kisten ohne<br />

Kennzeichnung und wurden in alle Welt verschifft. Und schon<br />

frühzeitig gab es Fälschungen. Es gibt die Theorie, dass der<br />

29


<strong>Zigarre</strong>nring erfunden wurde, um sich vor Fälschungen zu<br />

schützen. Ist diese Theorie belegt?“<br />

Claudia nickt und antwortet: „Ja, und eigentlich ist das auch ganz<br />

logisch. Wenn man sich die Entwicklung anschaut, dann folgt<br />

eines dem anderen: Zunächst wurden die <strong>Zigarre</strong>n lose verkauft,<br />

dann wurden sie in Kisten angeboten (zum besseren Transport).<br />

Später kamen diese wunderschönen Lithografien, die sogenannten<br />

Vistas, in die Kiste und auf die Kiste, um die <strong>Zigarre</strong>n von anderen<br />

unterscheiden, schützen, zu können und, als angenehmer<br />

Nebeneffekt, zur Verschönerung der Kisten. Und dann kam der<br />

<strong>Zigarre</strong>nring ebenfalls als Schutz vor Fälschung; dieser war<br />

sozusagen die kleinste mögliche Einheit, um eine <strong>Zigarre</strong> zu<br />

kennzeichnen. Ich denke, die <strong>Zigarre</strong>nhersteller wollten ihre<br />

Marken schützen.“ <br />

Ramon Allones war der Erste, der seine <strong>Zigarre</strong>n in 25er Kisten<br />

gelegt hat. Aber dann lagen sie halt erst mal nur in Kisten.<br />

Natürlich konnte und hat jemand versucht, sich die Kisten zu<br />

beschaffen und andere <strong>Zigarre</strong>n reingelegt. Das wiederum führte<br />

dazu, dass man auch zur kleinsten Einheit, zur <strong>Zigarre</strong> selber<br />

gegangen ist, und sie zur Kennzeichnung, zu ihrem Schutz, mit<br />

einem Ring versehen hat. <br />

„Um 1860 herum soll es Gustav Bock gewesen sein, der die ersten<br />

<strong>Zigarre</strong>nringe eingeführt hat.“ erklärt Claudia. Vasilij versetzt sich<br />

gedanklich in Gustav Bock hinein. Wie war das, als Gustav Bock<br />

seinen ersten <strong>Zigarre</strong>nring zwischen den Fingern fühlte? War er<br />

zufrieden damit? Was hat er den Grafikdesignern gesagt (gab es<br />

das damals überhaupt oder wie wurden sie genannt)? Hat er<br />

Skizzen angefertigt? Welche Maschinen wurden dafür verwendet?<br />

Vasilij versinkt immer mehr in diese Gedanken, bis er wahrlich in<br />

Havanna zu sein scheint. Hitze und Feuchte, viel Leben auf den<br />

Straßen, Gerüche vom Essen, vielleicht Musik aus einer engen<br />

30


Gasse in der Nähe, der Duft von <strong>Zigarre</strong>nrauch und der Traum von<br />

Erfolg.<br />

Gustavo Bock.<br />

Versunken in seine Gedanken, hat er den ersten <strong>Teil</strong> von Claudias<br />

weiterer Erzählung gar nicht mitbekommen. Plötzlich hört er<br />

wieder ihre Stimme, die langsam zu ihm durchdringt: „…war ja<br />

damals kostspielig und mit viel Arbeit verbunden, die Herstellung<br />

der Lithografien für die Vistas. <strong>Die</strong> wurden in einem aufwändigen<br />

Steindruck-Verfahren gefertigt. Damals gab es ja noch nicht diese<br />

Papierauswahl wie heute und auch die Drucktechnik steckte noch<br />

mehr oder weniger in den Kinderschuhen. <br />

Ich denke, auch die Herstellung des <strong>Zigarre</strong>nrings erforderte<br />

enormen Aufwand, genauso, wie den Ring auf der <strong>Zigarre</strong><br />

aufzubringen. Das hat kein <strong>Zigarre</strong>nhersteller aus Jux und Dollerei<br />

gemacht, sondern weil es notwendig war.“<br />

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Sehr seltene Vista aus der Spanischen Kolonialzeit. Fotografiert im The<br />

Chedi Andermatt, 2021, <strong>Zigarre</strong>n.Zone.<br />

32


Das kubanische Garantiesiegel erblickt das Licht der Welt<br />

<strong>Zigarre</strong>! Bei diesem Wort ist Vasilij wieder voll präsent und<br />

anwesend. Er steigt wieder ins Gespräch ein. „Also hat man den<br />

<strong>Zigarre</strong>nring erfunden, um einen weiteren Markenschutz zu haben<br />

und sich gegenüber<br />

anderen Marken<br />

abzugrenzen.“ - „Ja,<br />

genau,“ erwidert<br />

Claudia. „Im Jahr<br />

1889 kam eine<br />

weitere Sache<br />

hinzu: Das<br />

Garantiesiegel. Das<br />

war ein<br />

Herkunftsschutz,<br />

dass es sich um auf<br />

Kuba hergestellte<br />

<strong>Zigarre</strong>n handelt.<br />

Damals wurden<br />

bereits in den<br />

Vereinigten Staaten<br />

<strong>Zigarre</strong>n produziert,<br />

teilweise mit<br />

kubanischem<br />

Tabak. Auf die Echtheit der <strong>Zigarre</strong>n aus Kuba wollte man<br />

hinweisen.“<br />

Man kann also sagen: Jedes erfolgreiche Produkt wird gefälscht.<br />

Manch einer versucht, sich am Erfolg eines anderen Produktes zu<br />

beteiligen. <strong>Die</strong> Vistas, der <strong>Zigarre</strong>nring und das Garantiesiegel<br />

sind und waren dazu da, sich vor Fälschungen zu schützen.<br />

33


EPILOG<br />

Es bleibt nichts, wie es ist, obwohl man sich das vielleicht<br />

wünscht. Auch die <strong>Zigarre</strong>nindustrie wurde (und wird) beeinflusst<br />

von den Geschehnissen auf der Insel und auf der ganzen Welt.<br />

Etliche große und prachtvolle Gebäude, in denen <strong>Zigarre</strong>n<br />

hergestellt wurden, stehen für die Ewigkeit! Das hofft man<br />

zumindest. <strong>Die</strong> Gebäude stehen oftmals noch, aber nicht überall<br />

werden noch <strong>Zigarre</strong>n hergestellt. Damals berühmte Marken sind<br />

verschwunden, neue Marken kamen hinzu und etliche Marken von<br />

damals haben es bis in die heutige Zeit geschafft.<br />

Über sehr große Veränderungen um die Jahrhundertwende<br />

sprechen wir im dritten <strong>Teil</strong>. Der Internet-Talk ist für alle<br />

öffentlich zugänglich. Das eBook dazu erhalten die Mitglieder von<br />

<strong>Zigarre</strong>n.Zone Plus, einem exklusiven Club für Beiträge, Filme<br />

und eBooks, die nicht öffentlich sind. <strong>Die</strong> Mitgliedschaft ist<br />

kostenlos: https://go.zigarren.zone<br />

„Claudia, vielen herzlichen Dank für unser Gespräch! Ich freue<br />

mich auf den dritten <strong>Teil</strong>!“ - „Ja, ich auch, machs gut!“ antwortet<br />

Claudia, <br />

Klick, die ZOOM Übertragung ist beendet.<br />

34

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