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Sanierungsfall Globalisierung?

Warum der Welthandel sich neu erfinden muss – bitte diesmal nachhaltig. Das neue UmweltDialog-Magazin macht sich auf eine spannende Spurensuche nach den Ursprüngen der Globalisierung, was schief lief und was sich ändern wird.

Warum der Welthandel sich neu erfinden muss – bitte diesmal nachhaltig. Das neue UmweltDialog-Magazin macht sich auf eine spannende Spurensuche nach den Ursprüngen der Globalisierung, was schief lief und was sich ändern wird.

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Ausgabe 17

Mai 2022

9,00 EUR

Sanierungsfall

Globalisierung?

Warum der Welthandel sich neu erfinden muss –

bitte diesmal nachhaltig.

umweltdialog.de


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Globalisierung

Nicht lange schnacken, ...

EDITORIAL

... anpacken – diese norddeutsche Redensart beschreibt den Wunsch vieler Menschen,

dass Politik vor allem Lösungen aufzeigen und nicht so sehr Lösungswege diskutieren

soll. Bei der Finanzkrise, während Corona und jetzt im Krieg sind „Macher“ gefragt. Wer

abwägt, gilt als Zauderer. In einer Welt, die in Echtzeit reagiert, wird Reflexion zum Makel.

Der permanente Krisenmodus ist das neue Normal. Vor allem die eng verflochtene Weltwirtschaft

und das, was wir gemeinhin Globalisierung nennen, muss sich neu ordnen

und an vielen Stellen neu erfinden. Wir haben mit dem Weg in eine neue bipolare Struktur

– transatlantischer Westen mit demokratischen Staaten auf der einen und China und

Russland, die für Menschenrechtsverletzungen und Diktatur stehen, auf der anderen

Seite – einen Rückschritt in der Globalisierung vor uns. Die EU hat begonnen, ihre Außenbeziehungen

neu auszurichten. Aber relativ spät, wenn man sich China im Vergleich

anschaut. Die Seidenstraße-Initiative zeigt, dass China eine langfristige Strategie verfolgt.

In der aktuellen Ausgabe sprechen wir über Ursachen, aber vor allem mögliche künftige

Entwicklungen der Globalisierung. Der Prozess der Globalisierung ist nicht naturwüchsig,

sondern wird politisch gestaltet. Technische Möglichkeiten wie die Digitalisierung

oder die Verbilligung der Verkehrsströme sind nur Voraussetzungen, aber letztlich sorgt

der politische Gestaltungswille dafür, dass Globalisierung tatsächlich durch eine immer

intensivere wirtschaftliche Verflechtung stattfindet. Diese kann – das zeigt der Krieg in

der Ukraine – auch schnell gestoppt werden.

Das hat nicht nur Folgen für Lieferketten, über die wir ausführlich sprechen, sondern

auch für Nachhaltigkeit. Wird diese unterlassen, werden wir über ganz andere Fragen

als bezahlbare Benzinpreise reden müssen, zum Beispiel auch über bezahlbares Wasser

oder bezahlbare Nahrungsmittel.

Wer hat im Zeitalter des Anthropozäns also am ehesten die Kompetenz zur Problemlösung?

Demokratie oder Autokratie? Die Suche nach Antworten für die oben genannten

Probleme hat für die gesamte Menschheit hohe Priorität, und es hat den Anschein, dass

Autokratien besser in der Lage sind, diese Probleme einzudämmen. Über diese Verschiebung

der Akzeptanz von Autokratien einerseits und ihren Mangel an Legitimität andererseits

ist viel geschrieben worden, aber einer der Hauptgründe für diesen Hype um Autokratien

ist die Tatsache, dass ihre Befürworter glauben, dass das System der Autokratie

in der Lage ist, Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit, globale Erwärmung, Ungleichheit,

Korruption und Verlust der Artenvielfalt besser zu lösen als offene Gesellschaften.

Deutlich wird, dass Globalisierung zwar in der Diskussion meist als Spiel um Profite und

Ausbeutung begriffen wird. Aber tatsächlich greift das zu kurz: Am Ende geht es auch

um die Frage, in welcher Welt wir leben wollen, mit welchen Spielregeln, mit welchen

Werten und mit welchen Vorbildern.

Viel Spaß beim Lesen wünscht im Namen der gesamten Redaktion Ihr

Dr. Elmer Lenzen

Chefredakteur

Das nächste

UmweltDialog-Magazin

erscheint am 14.11.2022.


Globalisierung

Inhalt

GEOPOLITIK STATT GLOBALISIERUNG?

Die Globalisierung löst sich nicht auf,

sie verändert sich ......................................................................8

Dunkle Wolken für den Welthandel ...................................16

Alle drängen, sich von kritischen Geschäftspartnern unabhängig

zu machen. Wer seine Wirtschaft als erster von

nicht-erneuerbaren Rohstoffen frei bekommt, hat die Nase

vorn.

8

Die Zukunft ist VUCA – volatil, unsicher,

komplex und mehrdeutig. Im Fokus steht

dabei die Globalisierung. Schon lange in

der Kritik, wollen sie einige beerdigen,

andere instrumentalisieren. Richtig wäre

es, sie angesichts der neuen Realitäten

neu zu denken. Von diesem globalen

Netz hängen nämlich nicht nur Jobs und

Lieferketten ab, sondern auch Nachhaltigkeit

und Klimaschutz.

Mit Welthandel auch Weltanschauungen

exportieren ................................................................................20

Die Globalisierung macht eine Pause, sagt der Weltwirtschaftsexperte

Lukas Menkhoff und mahnt: „Ob multipolar

und multilateral gut miteinander harmonieren, haben wir

noch nicht wirklich ausprobiert.“

DEMOKRATIEN VS. AUTOKRATIEN?

Offene Gesellschaften versus digitale

autokratische Experimente ..................................................26

„Club of Rome“-Mitglied Stefan Brunnhuber erläutert, warum

letztere parasitär, kannibalisch und selbstbeschränkend

sind.

Navigieren durch Chinas Menschenrechtsbilanz .........36

Menschenrechtsverletzungen durch Sportswashing? Die

olympischen Spiele in Peking zeigen, wie schmal der Grad

ist zwischen gutem Gewissen und guten Geschäften.

Keine Angst vor China ...........................................................40

Wir brauchen die chinesische Wirtschaftsentwicklung nicht

überbewerten, aber Entwicklungsländern droht eine

Schuldenabhängigkeit gegenüber China. Mit Konsequenzen.

SCHWACHSTELLE LIEFERKETTE?

„Kaum ein Betrieb hat mit einem

weltweiten Lockdown gerechnet“ ......................................46

Gründe für Geschäftsunterbrechungen gibt es viele. Um

diese zu bewältigen, brauchen Unternehmen ein effektives

Business Continuity Management.

Advertorial | Symrise

Weit verzweigt und nachhaltig integriert –

die globale Lieferkette von Symrise .................................50


Globalisierung

Was kann ein kleines Unternehmen

schon bewirken? Viel! ............................................................52

In China erfolgt der Abbau Seltener Erden oft unter eher

schlechten Arbeitsbedingungen. Der Mittelständler Haas &

Co. Magnettechnik findet dafür pragmatische Lösungen.

Am Lieferkettengesetz führt kein Weg vorbei ...............54

Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz tritt erst nächstes

Jahr in Kraft, wird aber bereits intensiv diskutiert. Wenig

beachtet wird, dass auch in Deutschland intensiver auf

ESG-Risiken geachtet wird.

20

Nachhaltigkeit ist aufgrund des Klimawandels

zwingend. Da muss noch mehr passieren, völlig egal,

was sonst in der Welt los ist.

Der existenzsichernde Lohn:

Mehr als der Mindestlohn .....................................................58

Wie viel Lohn ist genug Lohn? Eine brennende Frage seit

den Tagen der industriellen Revolution um 1700, als Arbeit

zu einer Ware wurde.

WO BLEIBT DIE NACHHALTIGKEIT?

Was wird aus der Agenda 2030? ........................................64

Nach COVID-19 und nun dem Krieg in der Ukraine ist klar,

dass daraus nichts mehr wird. Besteht die Zukunft jetzt

nur noch aus lauter schlechten Optionen? Und müssen wir

vielleicht den Blick schon auf die Zeit nach der Agenda

2030 werfen?

Ist Klimapolitik ohne Sicherheitspolitik denkbar? ........68

Die Globalisierung ist erschöpft, sagt der renommierte Wirtschaftswissenschaftler

Michael Hüther im Gespräch mit

uns. Weiter gehe es nur, wenn wir künftig Nachhaltigkeit

nicht nur empathisch, sondern auch militärisch denken.

Folgen unterlassener Nachhaltigkeit ................................72

In Kriegszeiten rutschen Themen wie der Klimawandel unweigerlich

in den Hintergrund. Das wird sich rächen, warnt

Werner Widuckel. Für einen Kurswechsel fehlen uns aber

leistungsfähige Institutionen.

GESCHICHTE DER GLOBALISIERUNG

Kleine Geschichte der Globalisierung

und ihrer Kritik .........................................................................75

Der Begriff der Globalisierung meint keine aktuelle Periode

der Weltgeschichte, sondern einen Prozess, der wellenförmig

verläuft und von tiefen Einbrüchen unterbrochen wird.

Freihandel versus Protektionismus ..................................78

Die Idee am Anfang war simpel: Ohne Einfuhrhindernisse

kommt mehr Kundschaft aus dem Ausland. Es gibt mehr

Aufträge für Händler und Handwerker – das führt zu mehr

Wohlstand und mehr Steuern für die Staatskasse.

26

Die Illusion der Kontrolle: Autokratische Regime

sind davon überzeugt, dass sie nicht nur

menschliches Verhalten in großem Maßstab

kontrollieren können, sondern auch den Verlauf

einer Gesellschaft als Ganzes.

52

Es ist zwar nicht immer möglich, eine komplett

saubere Lieferkette zu haben, aber man kann viele Dinge

umsetzen, um die Bedingungen zu verbessern.


Globalisierung

Geopolitik statt Globalisierung?

Chinas Einflusssphäre wächst

USA

1980

China

Keine Daten

2000

2018

Quelle: Lowy Institute

6 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Russland expandiert dank Gruppe Wagner

Quelle: dashochformat.org

USA setzen auf Militärbasen

Honduras

Columbien

Grönland

Thule

Bermudas

Island

Norwegen

Großbrittannien

Belgien

Bosnien

Portugal

Spanien

6. Flotte Mittelmeer

Bahamas

2. Flotte Atlantik

Guantanamo

Puerto Rico

Mali

Sao Tomé Principe

(geplant)

Deutschland Jordanien

Polen

Tschechien

Ungarn

Kosovo Georgien

Türkei

Irak

Italien

Zypern

Israel

Ägypten

Saudi-Arabien

Djibouli

Turkmenistan

Oman

Kirgisistan

Tadschikistan

Afghanistan

Pakistan

5. Flotte

Indischer Ozean

Thailand

Diego Garcia

Singapur

Japan

Südkorea

Midway Wake-Island

Okinawa

Guam

Johnston-

Atoll

Marshall-

Inseln

Kwajalein-

Atoll

Hawaii

7. Flotte West-Pazifik

St. Helena

Vereinigte

Arabische Emirate

Bahrein,

Katar

Kuweit

Australien

Amerikanisch

Samoa

Quelle: Atlas der Globalisierung, Base Structure Report

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

7


Globalisierung

Die Globalisierung löst sich nicht auf,

sie verändert sich

Die 2020er waren als Dekade

des Wandels gedacht. Es sollte

der große gesellschaftliche

Umbruch Richtung Nachhaltigkeit

und Klimaschutz

werden. Einen Umbruch

erleben wir jetzt tatsächlich,

aber nicht wie geplant. Kriege

und Krisen haben das weltweite

Wir-Gefühl aufgebraucht.

Die Zukunft ist

VUCA – volatil, unsicher,

komplex und mehrdeutig. Im

Fokus steht dabei die

Globalisierung. Schon lange

in der Kritik, wollen sie einige

beerdigen, andere instrumentalisieren.

Richtig wäre

es, sie angesichts der neuen

Realitäten neu zu denken. Von

diesem globalen Netz hängen

nämlich nicht nur Jobs und

Lieferketten ab, sondern auch

Nachhaltigkeit und

Klimaschutz.

Von Dr. Elmer Lenzen

8 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Klimawandel, COVID-19, Kriege, Lieferkettenprobleme,

Hunger, Massenflucht

aus Ost und Süd – die Welt, wie

wir sie kennen, verändert sich rasant.

Viel Optimismus ist dabei in den letzten

Wochen und Monaten verbrannt. Die

Vorstellung, die Zukunft als ein Weiterführen

der Gegenwart zu gestalten, ist

ins Wanken geraten. Und damit auch

die politische und ökonomische Architektur

einer Epoche, die mit dem Fall

der Berliner Mauer 1989 einsetzte. Der

sogenannte Washington Consensus legte

seinerzeit eine globale Ordnung fest,

welche den Westen, sein Demokratieverständnis

und seine Wirtschaftsform als

Sieger bis in alle Ewigkeit verstand.

Vorbei. Schnee von gestern. Der permanente

Krisenmodus ist das neue Normal.

Vor allem die eng verflochtene Weltwirtschaft

und das, was wir gemeinhin

Globalisierung nennen, muss sich neu

ordnen und an vielen Stellen neu erfinden.

Es ist besser, die kriselnde Globalisierung

jetzt aktiv neu zu gestalten, als

sie bei der nächsten Krise den Populisten

und der Panik zu überlassen. In Bereichen,

in denen sich die Außenpolitik

mit „Megatrends“ wie Klimasicherheit,

Cybersicherheit und Datenschutz vermischt,

haben wir noch Zeit, einen überlegten

Ansatz zu entwickeln.

Der stille Abstieg der

Globalisierungsidee

Überraschen sollte uns die Entwicklung

eigentlich nicht. Die Zeichen der Zeit

standen schon länger auf Sturm. Der

Leiter der Abteilung Weltwirtschaft am

DIW Berlin, Lukas Menkhoff, findet:

„Die Vorstellung einer zunehmenden

Verflechtung in der Weltwirtschaft ist

schon seit gut zehn Jahren empirisch

nicht mehr festzustellen“. Bisher wurden

solche Fragen unter der Perspektive

von Effizienz und Wirtschaftlichkeit

diskutiert. Seit Corona und dem Krieg

in der Ukraine geht es zunehmend auch

um den Faktor Sicherheit – sei es Versorgungssicherheit,

Gesundheitsschutz

oder Landesverteidigung.

Nachhaltigkeit ist angesichts der globalen

Krisen wichtiger denn je. Es gibt

globale Herausforderungen wie den

Klimawandel, den demografischen Wandel,

den Corona-Wiederaufbau und viele

andere Entwicklungsziele, die entschiedenes

Handeln erfordern. Der daraus resultierende

soziale und wirtschaftliche

Wandel ist epochal. Es geht um nichts

weniger als den Übergang in ein neues

Zeitalter (Abschied von Bretton Woods,

Washington Consensus und Industriezeitalter

zugleich). Zugleich rückt die

Erreichbarkeit der SDGs in weite Ferne.

Eigentlich sollten die 2020er-Jahre eine

„Decade of action“, ein Aufbruch, werden.

Stattdessen leben wir in einer Dekade

der Krisen und Rückschläge.

Heute lebt weniger als die Hälfte der

Menschheit in Demokratien. Tendenz

sinkend. Globalisierung und Kapitalismus

sind umstrittener denn je. Es

häufen sich Analysen vom Ende der

Globalisierung, und selbst große Vermögensverwalter

wie BlackRock und

das Weltwirtschaftsforum in Davos empfehlen

eine Abkehr vom reinen Profitdenken.

BlackRock-Gründer Larry Fink

sieht den von Russlands Präsidenten

Putin angezettelten Krieg als radikalen

Einschnitt. Nach der Corona-Pandemie

gebe dies nun der Globalisierung den

Rest. „Wir hatten bereits erlebt, wie die

Verbindungen zwischen Nationen, Unternehmen

und sogar Menschen durch

die zwei Jahre andauernde Pandemie belastet

wurden“, so der BlackRock-Chef.

Unternehmen und Regierungen rund

um den Globus seien gezwungen, ihre

Abhängigkeit von Lieferketten für Fertigung

und Montage zu überdenken. Diese

seien bereits durch die Corona-Krise

infrage gestellt worden. >>

Fotos: Reverzní vyhledávání fotografií / 123rf.com

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

9


Globalisierung

Die internationalen

Konsequenzen

werden vielfältig sein:

Handelskonflikte,

der Austritt aus

internationalen

Organisationen oder

die Kündigung

internationaler

Abkommen und vor

allem die Weigerung,

gemeinsam an der

Fortentwicklung einer

neuen Weltordnung

mitzuwirken.

Was bedeutet eigentlich

Globalisierung?

Globalisierung verläuft nicht in einem

linearen Prozess des Immer-mehr,

Immer-weiter und Immer-schneller.

Stattdessen verläuft Globalisierung

in Wellen. Immer wieder wird sie von

Rückschlägen unterbrochen und kann

sogar völlig zum Erliegen kommen. Die

Vorteile der Globalisierung – durch den

freieren Fluss von Geld, Menschen, Ideen

und Handel – sind vielfältig. Doch

statt einer flachen Welt ist eine Welt

mit zerklüfteten Gipfeln und rauen, tiefen

Tälern entstanden, die durch Wohlstandsgefälle,

Verschuldung, politische

Rezession und Ungleichgewichte in den

Volkswirtschaften der Welt gekennzeichnet

ist. „Es ist ein kompliziertes

Thema, aber ich denke, dass die Globalisierung

insgesamt zurückgehen wird“,

glaubt der britische Wirtschaftswissenschaftler

Paul Donovan. Der Politikwissenschaftler

Ulrich Menzel schreibt in

einem exzellenten Essay zur gefesselten

Globalisierung: „Es versteht sich dabei

von selbst, dass Krisen der Globalisierung

nicht bereits beginnen, wenn sich

Globalisierungskritiker – die es zu allen

Zeiten gab – erstmals zu Wort melden,

sondern dann, wenn die Kritik so stark

wird, dass der globalisierungsbefürwortende

Diskurs nicht mehr hegemonial

ist.“

Heute treffen zwei ganz unterschiedliche

Globalisierungsmodelle aufeinander:

Auf der einen Seite der unternehmerische,

um den Preisvorteil bedachte

Ansatz von David Ricardo, und auf der

anderen Seite der rentenbasierte Ansatz

à la Hartmut Elsenhans. Menzel beschreibt

letztere Gruppe so: „Viele Globalisierungsgewinner

wie die Ölstaaten

am Persischen Golf, aber auch die rohstoffreichen

afrikanischen Staaten und

selbst Russland sind rentenbasierte und

nicht profitbasierte Ökonomien. Die hohen

Einkommen der Herrschenden bzw.

der Staatsklasse entstehen dort nicht

aus unternehmerischer Tätigkeit, sondern

aus der politischen Kontrolle über

einkommensträchtige Ressourcen. Folglich

wird ein Teil der Einkommen nicht

investiert, um international wettbewerbsfähig

zu bleiben, sondern für die

Organe des Sicherheitsapparats (Armee,

Polizei, Geheimdienste, Präsidentengarde

usw.) verausgabt, um die Macht und

damit den Zugriff auf die Rente zu behaupten.“

Rückbau, Pause oder Fragmentierung –

quo vadis Globalisierung? Sieben Trends

werden in Zukunft besonders wichtig:

1. Geopolitisierung statt

Ökonomisierung

Während der Corona-Pandemie hat sich

die Weltordnung nahezu unbemerkt

verschoben. Die zentralen geopolitischen

Krisen unserer Zeit sind nicht

verschwunden – und kehren nun mit

Macht zurück. Der tiefe Schock des Westens

über den Krieg in der Ukraine hat

zu einer sehr viel stärkeren Geopolitisierung

der Wirtschaftsbeziehungen geführt.

Wir beobachten, dass immer mehr

Länder versuchen, sogenannte kritische

Abhängigkeiten in ihren Wirtschaftsbeziehungen

zu reduzieren. Risiken der

Globalisierung werden neu evaluiert,

die Abhängigkeit von Rohstoffmärkten

wo immer möglich drastisch reduziert.

Lange Zeit hatten wir Angst davor, dass

alle Lebensbereiche ökonomisiert werden.

Seit der Finanzkrise 2008/2009 erleben

wir stattdessen eher eine Politisierung

aller Lebensbereiche. Der Staat soll sich

kümmern. Der Staat soll für Sicherheit

in einer zunehmend als unsicher erlebten

Welt sorgen.

10 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Der Westen nutzt immer gezielter die

Finanzmärkte als Sanktionswaffe.

So sprach man bezeichnenderweise

beim Ausschluss Russlands aus dem

SWIFT-System martialisch von der

„nuklearen Option“. Statt Wandel durch

Handel wird Handel also immer öfter

als Disziplinierungsmittel gesehen. Ein

Beispiel: Bei der ersten Russlandresolution

der UN enthielt sich Bangladesch

der Stimme. Litauen verweigerte im Anschluss

Bangladesch eine bereits zugesagte

Tranche von knapp einer halben

Million Corona-Impfdosen. Der zweiten

Resolution gegen Russland stimmte das

südasiatische Land zu.

Letztendlich schlägt sich das in höheren

Kosten nieder. Das ist der Preis

der Freiheit, glaubt die Sinologin Cora

Jungbluth: „Es läuft darauf hinaus, dass

die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung

künftig nicht mehr voll ausgeschöpft

werden. Vor dem Hintergrund

von drohenden hin zu realen Systemkonflikten

ist das eben der politische

Preis. Denn mit Abhängigkeiten geht

immer eine potenzielle politische Erpressbarkeit

einher.“

2. Blockhandel statt Welthandel?

Thieß Petersen von der Bertelsmann

Stiftung sagt im Interview: „Immer

mehr Länder schauen bei ihren außenwirtschaftlichen

Beziehungen nicht

mehr nur auf wirtschaftliche Aspekte,

sondern auch auf geopolitische Erwägungen.

Ein Beispiel dafür war unter

Donald Trump der Handelskonflikt zwischen

den USA und China. Da ging es

vordergründig um Handelsbilanz und

Ungleichgewichte. In Wirklichkeit ging

es aber um die Frage: Wer übernimmt

die weltweite Technologieführerschaft

in wichtigen Bereichen? Technologieführerschaft

ist nämlich die Basis für

wirtschaftliche Stärke, und wirtschaftliche

Stärke ist die Basis für politische

und militärische Stärke. Strafzölle und

Sanktionen werden deshalb an Bedeutung

gewinnen.“ Die internationalen

Konsequenzen werden vielfältig sein:

Handelskonflikte, der Austritt aus internationalen

Organisationen oder die Kündigung

internationaler Abkommen und

vor allem die Weigerung, gemeinsam an

der Fortentwicklung einer neuen Weltordnung

mitzuwirken.

Beide Blöcke werden sich teilweise gegeneinander

abschotten und um Randgebiete

konkurrieren – aktuell in Osteuropa,

künftig womöglich in Taiwan,

davon ist auch der wirtschaftspolitische

Journalist Henrik Müller überzeugt.

Im SPIEGEL schreibt er: „Der Handel

zwischen den Blöcken wird Schaden

nehmen, auch weil immer mehr Güterund

Dienstleistungstransaktionen Wissen

und Informationen („Intangibles“)

enthalten und Datenströme nach sich

ziehen. Lieferanten aus Ländern, die

nicht die gleichen Werte teilen, kein vergleichbares

Rechtssystem haben und als

Gegner angesehen werden müssen, sind

in der neuen Blockrealität keine vertrauenswürdigen

Handelspartner mehr.“

Außerdem werden sich durch die neue

geostrategische Lage sicher auch globale

Wertschöpfungsketten massiv verändern.

Darauf werden Unternehmen

reagieren müssen, und Investoren werden

sich die Frage stellen: Für welche

Unternehmensteile können wir langfristig

der beste Eigentümer sein? Henrik

Müller glaubt, dass globale Konzerne

mit feingliedrigen, weltumspannenden

Wertschöpfungsketten nicht mehr in die

kommende Zeit passen werden. „Westliche

Konzerne werden sich entweder aus

Teilen der Welt zurückziehen oder je

eigenständige Einheiten bilden müssen,

die weitgehend losgelöst von der Zentrale

agieren – mit begrenztem Austausch >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

11


Globalisierung

an Vorleistungen, Kapital und Wissen.“

Vor allem für kleine und mittelständische

Unternehmen ist das problematisch.

3. Verfügbarkeit statt Effizienz

Bisher war die Wirtschaftsordnung an

Effizienz orientiert. Henrik Müller sagt:

„Unternehmen reagierten sensibel auf

Preis- und Kostendifferenziale. Nun aber

werden viele Güter so knapp, dass es vor

allem um Mengen geht: um die reine

Verfügbarkeit knapper Güter, fast egal

zu welchem Preis – von Weizen über

Erdgas bis zu Neon für die Chipproduktion.“

Die zunehmende Hyper-Spezialisierung

und der Handel über immer tiefere

Wertschöpfungsketten bieten unbestritten

Effizienzvorteile, sind aber sehr

störungsanfällig. Darin unterscheidet

sich im Grunde eine Monokultur in der

Landwirtschaft wenig von einer graduierten

Lieferkette. Schon seit einigen

Jahren kann man beobachten, dass viele

international agierende Unternehmen

begonnen haben, ursprünglich komplett

nach Asien ausgelagerte Produktionen

zurückzuholen, umzuverteilen oder so

umzustellen, dass sie nicht in Realzeit

von der Lieferung abhängig sind. Thieß

Petersen bemerkt, dass die „bisherige

Globalisierung, die sich an der maximalen

betriebswirtschaftlichen Effizienz

orientiert hat, wie etwa Just-in-time-

Produktionen mit nur einem weltweiten

Anbieter, schon durch die Corona-Pandemie

ins Wanken gekommen ist. Von

diesem Globalisierungsmodell werden

wir uns verabschieden. In Zukunft werden

die Unternehmen wieder verstärkt

mit mehreren Zulieferern arbeiten.“

Seitdem Globalisierung immer öfter

auch unter geostrategischen Risiken

betrachtet wird, beschäftigen sich Politiker:innen

mit systematischen Kriterien,

welche kritischen Abhängigkeiten reduziert

werden müssen. Eine Richtgröße

in der Diskussion scheint zu sein, dass

die Versorgung nicht zu mehr als einem

Drittel von einem Anbieter bzw. einer

Anbieterin abhängen darf. Bei der Neuausrichtung

der Verteilwege sollen die

bisher ungeliebten Freihandelsabkommen

eine Schlüsselrolle einnehmen.

4. Demokratien vs. Autokratien?

Immer drängender stellt sich heute die

Frage: Sind unsere Strukturen in den

westlichen Demokratien zu langsam,

um die Krisen zu meistern? Machen

das autoritäre Systeme nicht besser? –

Da wird nicht lange debattiert, sondern

durchregiert. Die Biden-Administration

setzt gezielt auf das alte Schema des

Kalten Krieges von Gut gegen Böse, um

die Beziehungen zwischen den Großmächten

zu definieren. Heute liest sich

das als Demokratie gegen Autokratie –

diese Biden-Formel ist verlockend, aber

zu simpel. Es geht um Hegenomie, sagt

Professor Werner Widuckel: „Hegemonie

bedeutet Vorherrschaft. Es geht also

um die Frage, wer letztendlich als Macht

oder Machtblock geostrategisch bestimmt,

wie eine Weltordnung aussieht

bzw. welche Werteorientierung letztlich

herrscht. Hier wird sichtbar, dass das

Modell von westlicher Demokratie, Menschenrechten

und Rechtsstaatlichkeit

sich nicht automatisch durchsetzt, sondern

auch alternative Ordnungen dem

entgegenwirken – insbesondere seitens

Chinas und Russlands.“

Bisher hat der Westen mehr Partner, sei

es in politisch-militärischen Bündnissen

oder internationalen Institutionen.

Aber diese westlich geprägte internationale

Ordnung – sie zeigt sich gerade

in multilateralen Abkommen zu Klimaschutz

und Menschenrechten – erodiert

schon seit Jahren. „China suchte bisher

vor allem mit wirtschaftlichen Mitteln

12 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

nach Einfluss. Das könnte sich ändern“,

glaubt Henrik Müller. Und darin liegen

Konfliktpotenziale. Phasen des hegemonialen

Übergangs von der absteigenden

zu einer aufsteigenden Macht sind nämlich

immer Phasen der Fragmentierung

der Welt und damit potenziell konfliktreich.

Dabei wird uns seltener das Gut-gegen-Böse-Narrativ

von Joe Biden begegnen.

„Pessimistischerweise deutet vieles

darauf hin, dass die postglobalisierte

Weltordnung ein Wettstreit zwischen

dem Modell der liberalen Demokratie

und dem der gelenkten Demokratie (managed

democracies) sein wird“, glaubt

der Globalisierungsautor Michael O'Sullivan.

„Gelenkte Demokratien“ sind in

immer mehr Ländern im Aufwind. Die

Zahl der freien Demokratien geht dagegen

nachweislich zurück. Im globalen

Süden wächst die Wahrnehmung, dass

die Ideen einer liberalen Demokratie

möglicherweise nur etwas für den Westen

seien. Die tiefe Zerstrittenheit in einigen

westlichen Gesellschaften, insbesondere

die USA, wird hierfür als Beleg

und abschreckendes Beispiel herangezogen.

Vielleicht ist Bidens Narrativ daher

eher eine Chiffre, um die inneren Konflikte

in der US-Gesellschaft zuzuschütten?

Äußere Feinde waren dafür schon

immer gut.

5. Multipolar statt multilateral

Globale multilaterale Institutionen wie

die Vereinten Nationen oder auch die

Europäische Union haben in den letzten

Jahren enorm an Bindekraft verloren.

Erleben wir durch den Ukraine-Krieg

jetzt eine Rückbesinnung auf Gemeinsamkeiten?

Reicht das, um die Ursachen

für den Attraktivitätsverlust wettzumachen?

Die derzeitigen globalen Krisen werden

voraussichtlich zu einer neuen Fragmentierung

von noch nicht absehbarer

Intensität und Dauer führen. Das hat

strukturelle, institutionelle und ideologische

Ursachen. In dieser Situation

bräuchte es starke Institutionen. Dass

nationale Zentralbanken oder auch die

veralteten Instrumente wie Weltbank,

Internationaler Währungsfonds oder

Welthandelsorganisation diese Lücke

schließen können, ist unwahrscheinlich.

Lukas Menkhoff warnt: „Auch der Multilateralismus

wird davon begünstigt,

dass es stärkere Spieler gibt, die die Institutionen

zusammenhalten. Das wird

künftig schwieriger. Unsere Welt ist

multipolar, und ob multipolar und multilateral

gut miteinander harmonieren,

haben wir noch nicht wirklich ausprobiert.“

Diese Unterschiede kommen in den Verhandlungen

zum Ausdruck, die auf verschiedenen

Wegen geführt werden, erläutert

Aditi Sara Verghese, Leiterin der

Arbeitsgruppe Welthandel beim World

Economic Forum (WEF) in Davos. Einige

Verhandlungsansätze sind „multilateral“,

d. h. alle Mitglieder sind beteiligt,

und andere sind „plurilateral“, d. h. einige

Länder kommen auf der Grundlage

gemeinsamer Interessen voran.

Die derzeitigen

globalen Krisen

werden voraussichtlich

zu einer neuen

Fragmentierung von

noch nicht absehbarer

Intensität und Dauer

führen.

„Ein schönes Beispiel sind die Entwicklungsbanken,

die China initiiert, weil es

unzufrieden ist mit seiner Rolle in den

bestehenden Institutionen. In den klassischen

Bretton-Woods-Institutionen wie

Weltbank und Internationalem Währungsfonds

dominieren die Amerikaner

und Europäer“, erläutert Menkhoff. „Wir

finden das normal, weil es immer so war

und wir große Geldgeber sind. Aber andere

Länder finden das natürlich überhaupt

nicht normal und auch nicht gut.

Deshalb gründet China konkurrierende

Institutionen. Indien wird einen ähnlichen

Weg wie China beschreiten. In gewisser

Weise sind wir das selbst schuld,

wenn es uns nicht gelingt, die neuen >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

13


Globalisierung

globalen Realitäten zur Kenntnis zu

nehmen und in passende institutionelle

Arrangements zu überführen.“

6. Was ist Chinas Rolle?

Schon seit der Obama-Administration

ist die US-Politik damit beschäftigt, das

Ende des amerikanischen Jahrhunderts

und die Grundlagen einer multipolaren

Welt voranzutreiben. Dazu gehört grundsätzlich

auch eine Abkehr von der Rolle

des „Weltpolizisten“. In der „American

Decline“-Debatte steht China im Fokus.

Seit der Öffnung des Landes im Jahre

1978 hat China einen welthistorisch und

vor allem ökonomisch einmaligen Aufstieg

erlebt. Ulrich Menzel sagt: „Wenn

China ein zehnprozentiges Wachstum

erfährt, dann wachsen auch die Staatseinnahmen

und die Militärausgaben um

zehn Prozent jährlich. China stellt also

nicht nur die Position der USA als wirtschaftliche

Führungsmacht, sondern

perspektivisch auch ihren Status als internationale

Ordnungsmacht infrage.“

Als potenzieller Nachfolger der USA als

globaler Hegemon stellen sich für China

weitreichende Fragen. Bisher konnte das

Reich der Mitte als „Trittbrettfahrer“ von

einer westlichen Handelsordnung nutznießen,

ohne sich an den Kosten der Bereitstellung

dieser internationalen Ordnung

zu beteiligen. Menzel: „Gleichzeitig

profitierte die chinesische Wirtschaft

wie keine andere vom Liberalismus der

USA: Ohne den riesigen und für sie wichtigsten

amerikanischen Absatzmarkt

wäre das chinesische Industrie- und

Exportwunder nicht denkbar gewesen.“

Wenn China jetzt die Führungsrolle der

USA übernimmt, muss es künftig auch

für die Kosten der internationalen Ordnung

aufkommen, also insbesondere für

Sicherheit und Stabilität.

Chinas Ausweg aus diesem Dilemma besteht

darin, dass es nicht plant, die USA

aus ihrer kostspieligen Rolle als globale

Führungsmacht zu entlassen. Vielmehr

fokussiert sich China auf die Bereitstellung

einer Ordnung innerhalb ihrer

Einflusszone. Chinas Modell ist ein Club

von Staaten, die sich den Regeln Pekings

unterwerfen. Deutlich sieht man diese

Strategie bei der Entwicklung der Neuen

Seidenstraße, wo durch den Bau von Infrastrukturen

wie Eisenbahnen, Straßen,

Pipelines, Stromtrassen und großzügige

Kreditvergaben entsprechende Loyalitäten

aufgebaut werden. Ulrich Menzel

weist in diesem Zusammenhang auf die

historische Analogie zum Tributsystem

der Ming-Periode Anfang des 15. Jahrhunderts

hin.

7. Sternstunde der Populisten?

Das eigentliche Problem beim derzeitigen

hegemonialen Übergang von einer

US-geführten multilateralen Ordnung

hin zu einer multipolaren Ordnung besteht

darin, dass die Situation für die

USA einerseits eine Entlastung und Befreiung

ist. Man muss nicht mehr die „politische

Drecksarbeit“ machen, während

die eigenen Alliierten nur zuschauen.

Andererseits bedeutet der Abschied vom

Hegemonialen auch einen Statusverlust.

Mindestens drei große geistige Strömungen

beobachtet der Historiker Hans von

Trotha im Deutschlandfunk-Essay seit

Beginn des Jahrtausends: Da sind „ein

vulgärer Nationalismus, die Aufwertung

der Privatsphäre zum politischen

Raum für politisch nicht repräsentierte

Gruppen und schließlich ein politischer

Irrationalismus, dessen offensichtlichster

Vertreter Donald Trump ist.“

Besonders in den USA machen sich die

Folgen des Aufstiegs Chinas bemerkbar:

Während sich im „Rostgürtel“ der USA

und auf dem Land die Verlierer der Globalisierung

und Deindustrialisierung

sammeln, erleben die Städter an den

Küsten eine goldene Ära der Möglich-

14 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

keiten. Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum

Berlin schreibt im Tagesanzeiger:

„Der politische Wettbewerb

ist in Europa wie Nordamerika zweidimensional

geworden. Auf dem einen Pol

der kulturellen Konfliktlinie befinden

sich die mit hohem Human- und Sozialkapital

ausgestatteten akademisierten

neuen Mittelschichten. Sie leben urban,

sind ökonomisch privilegiert, folgen

einem kosmopolitischen Weltbild. Sie

legen Wert auf gendergerechte Sprache

und Klimapolitik. Ökonomisch zählen

sie zu den Begünstigten. Am anderen

Pol der Konfliktachse sammeln sich die

Kommunitaristen. Sie verfügen über einen

geringeren formalen Bildungsgrad,

befürworten einen starken Nationalstaat,

von dem sie strikte Migrationskontrolle,

sozialen Schutz und finanzielle

Förderung erwarten.“

Ulrich Menzel sagt: „Mit griffigen Slogans

wie ‚America first‘ und ‚Make

America great again‘ bestimmen die

Trumpisten seither den Anti-Globalisierungsdiskurs

– und bezeugen damit die

Dialektik einer Globalisierungspolitik,

die sich nun gegen ihr altes Machtzentrum

kehrt. Trotz der Abwahl Trumps

dürften Hoffnungen auf ein Zurück zur

Hegemonie des globalisierungsfreundlichen

Paradigmas vergebens bleiben.

Auch die jetzige Biden-Administration

muss den strukturellen Faktoren Rechnung

tragen und wird keineswegs alles,

was in der Trump-Ära an Antiglobalisierungspolitik

betrieben wurde, wieder

rückgängig machen können.“ ■

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zu fördern, ist Chance und Herausforderung

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Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

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15


Globalisierung

DUNKLE WOLKEN FÜR

DEN WELTHANDEL

Grafiken: NicoElNino / aepsilon / stock.adobe.com

Globalisierung bedeutete

lange Zeit, dass die Welt

zusammenwächst. Jetzt

zerfällt sie wieder in Einflusssphären.

Daher drängen alle

darauf, sich von kritischen

Geschäftspartnern unabhängig

zu machen. Das eröffnet

Chancen: Wer seine Wirtschaft

als erster von nichterneuerbaren

Rohstoffen frei

bekommt, hat die Nase vorn.

UmweltDialog: In den letzten Jahren haben wir beim Thema

Globalisierungskritik häufig über eher funktionale Missstände

geredet. Angesichts der Ukraine-Krise steht das ganze Gebilde

strukturell zur Diskussion zu. Was macht der Ukraine-Krieg mit

der Globalisierung?

Thieß Petersen: Ich glaube, dass die bisherige Globalisierung,

die sich an der maximalen betriebswirtschaftlichen Effizienz

orientiert hat wie etwa Just-in-time-Produktionen mit nur einem

weltweiten Anbieter, schon durch die Corona-Pandemie

ins Wanken gekommen ist. Von diesem Globalisierungsmodell

werden wir uns verabschieden. In Zukunft werden die Unternehmen

wieder verstärkt mit mehreren Zulieferern arbeiten.

Wir werden vielleicht auch Teile der Produktion ins eigene

Land zurückholen, wobei uns dann klar sein muss, dass dies

teurer wird, weil wir bewusst auf Vorteile der internationalen

Arbeitsteilung verzichten.

Hinzu kommt, dass immer mehr Länder bei ihren außenwirtschaftlichen

Beziehungen nicht mehr nur auf wirtschaftliche

Aspekte schauen, sondern auch auf geopolitische Erwägungen.

Ein Beispiel dafür war unter Donald Trump der Handelskonflikt

zwischen den USA und China. Da ging es vordergründig

um Handelsbilanz und Ungleichgewichte. In Wirklichkeit

ging es aber um die Frage: Wer übernimmt die weltweite

16 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Technologieführerschaft in wichtigen

Bereichen? Technologieführerschaft ist

nämlich die Basis für wirtschaftliche

Stärke, und wirtschaftliche Stärke ist

die Basis für politische und militärische

Stärke. Deshalb glaube ich das, dass wir

zu Beginn einer Zeit stehen, wo handelsbeschränkende

Maßnahmen – sei es

Subventionen für die eigenen Unternehmen,

Strafzölle oder Sanktionen – an Bedeutung

gewinnen werden. Die Zeit, in

der Handelsbeschränkungen abgebaut

wurden, ist vorbei. Wir werden in Zukunft

verstärkt protektionistische Maßnahmen

sehen.

Cora Jungbluth: Mein Eindruck ist

auch, dass wir eine sehr viel stärkere

Geopolitisierung der Wirtschaftsbeziehungen

sehen werden. Wir beobachten,

dass immer mehr Länder versuchen,

sogenannte kritische Abhängigkeiten in

ihren Wirtschaftsbeziehungen zu reduzieren.

Sei es Abhängigkeiten von Energieträgern

wie Kohle, Öl und Gas oder

auch Technologien wie Halbleiter oder

Mikrochips, die für die digitale Transformation

besonders relevant sind. Die Regierungen

sind auch zunehmend bereit,

die Mehrkosten dafür zu tragen.

Das läuft natürlich darauf hinaus, dass

die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung

künftig nicht mehr voll ausgeschöpft

werden. Vor dem Hintergrund,

dass wir uns von einem drohenden hin

zu einem realen Systemkonflikt zwischen

Demokratien auf der einen Seite

und Autokratien auf der anderen Seite

bewegen, ist das eben der politische

Preis. Denn mit Abhängigkeiten geht

immer eine potenzielle politische Erpressbarkeit

einher.

Ich habe manchmal den Eindruck, korrigieren

Sie mich gerne, als ob China das

Politische am Handel schon immer mitgedacht

hat – Stichwort Neue Seidenstraße

– während wir da vielleicht etwas naiv

waren?

Jungbluth: Die EU hat begonnen, ihre

Außenbeziehungen neu auszurichten.

Aber relativ spät, wenn man sich China

im Vergleich anschaut. Die Seidenstraße-Initiative

oder Made in China 2025

zeigen, dass China eine langfristige Strategie

verfolgt. China hat den Plan, bis

2049 weltgrößte Supermacht zu werden.

Von solchen langfristigen Perspektiven

sind wir in der EU weit entfernt. Aber

es gibt ein neues Verständnis dafür, dass

Wirtschaftsbeziehungen und Geopolitik

stärker und langfristiger zusammengedacht

werden müssen. 2019 hat die

EU ein neues Strategiepapier zu China

herausgegeben, worin sie erstmals die

Rivalität anerkannt hat. Und seitdem

werden immer mehr Instrumente entwickelt,

um mit der politischen Erpressbarkeit

umzugehen, die China und andere

Länder immer offensiver an den Tag

legen. Aber es ist noch eine relativ neue

Entwicklung, und insofern ist die EU da

noch nicht so optimal aufgestellt.

Herr Petersen, denken wir dann zukünftig

wieder in Blöcken?

Petersen: Eine ganz entscheidende Frage

ist, wie sich die weltweite Arbeitsteilung

nach dem Ukraine-Konflikt weiterentwickelt.

Das kann jetzt niemand

seriös vorhersagen. Wenn es darauf hinausläuft,

dass die Wirtschaftsbeziehungen

zwischen den USA und Europa auf

der einen Seite und Russland auf der anderen

Seite dauerhaft unterbrochen werden,

dann wird es sicherlich eine stärkere

Zusammenarbeit zwischen Russland

und China geben. Dann werden wir

tatsächlich zwei große Machtblöcke sehen.

Auf der einen Seite demokratische

Marktwirtschaften bestehend aus den

USA, Europa, Japan, Südkorea, Ozeanien,

Nord- und Südamerika. Und auf der

anderen Seite autokratische Staaten wie

China, Russland und deren Handelspartner.

Aber kommt es wirklich dazu? China

hätte dann weniger Exportchancen in

Richtung USA und Europa. Russland ist

bei aller Größe für China längst nicht so

wichtig als Handelspartner wie eben die

USA oder Europa. So ein Szenario hätte

für alle Beteiligten Nachteile. Europäer

und Amerikaner müssten dann auch

auf preiswertere chinesische Produkte

verzichten, Russland und China wiederum

hätten nicht mehr den Zugriff auf

moderne Technologien. Das wäre eine

Entwicklung, bei der es eigentlich nur

Verlierer gibt.

Jungbluth: Zum jetzigen Zeitpunkt ist

es wirklich ganz schwer, Perspektiven

aufzuzeigen. Der Schlingerkurs, den

China in der Ukraine-Krise fährt, zeigt

aber auch, dass es noch nicht eindeutig

ist mit der Blockbildung. Das ist gegenwärtig

noch keine volle Allianz der Autokratien.

Sobald China den Eindruck

gewinnt, es könnte ins Fadenkreuz der

westlichen Sanktionen geraten, sei es

direkt oder indirekt, ist ein sehr großes

Fragezeichen dahinter, ob sie sich

auf Russlands Seite schlagen. Denn

wie Thieß Petersen ja gesagt hat: Die

gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen

China und der EU und den USA

sind wesentlich größer als die zwischen

Russland und China. In konkreten Zahlen

heißt das: Ein Viertel des gesamten

chinesischen Außenhandels verteilt sich

auf die EU und die USA, aber unter drei

Prozent gehen auf Russland zurück.

Und es wäre eine sehr asymmetrische

Beziehung, weil Russland vor allem

Rohstoffe liefert und darüber hinaus

nicht viel zu bieten hat. Natürlich sind

Rohstoffe wichtig für die Wirtschaftsentwickung

in China, aber die sind auch

substituierbar. Auch China will zunehmend

erneuerbare Energien ausbauen,

sodass sich eine Juniorpartnerschaft für

Russland abzeichnen würde, wenn es

zu dieser Allianz käme. Russland unter

Putin macht jetzt nicht Eindruck, als ob

man sich dort mit einer Juniorrolle zufrieden

geben würde.

Unternehmensvertreter sagen, dass dieses

Entflechten von hochkomplexen Lieferketten

gar nicht so schnell geht. Das braucht

Zeit und Geduld – und die scheinen weder

Politik noch Öffentlichkeit zu haben.

Petersen: Was wir hier besprochen

haben, ist eher die Lehrbuch-Öko-

>>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

17


Globalisierung


Zumal Klimaneutralität

eigentlich im

Interesse aller

Staaten liegen

sollte, weil es

eben nur einen

Planeten gibt.

Dr. Cora Francisca Jungbluth

nomie, aber tatsächlich ist es natürlich

so, dass es in den Lieferketten durch

jahrelange Just-in-time-Produktion Verflechtungen

gibt, die nicht so schnell

aufgehoben oder ersetzt werden können.

Für Unternehmer ist das tatsächlich

ein ganz großes Problem: Ich habe

vielleicht nur einen Zulieferer, und der

sitzt in China. Der ist möglicherweise

sogar so eine Art Monopolist. Wie will

man so eine Situation ändern? In volkswirtschaftlichen

Modellen gehen wir

einfach davon aus, dass dies durch Vorleistungen

anderer Anbieter substituiert

wird und ein Anpassungsprozess an

neue Zulieferer stattfindet. In der Realität

ist das wesentlich schwieriger. Für

die betroffenen Unternehmen kommt es

zu ganz harten Unterbrechungen, von

denen niemand weiß, wie man das betriebswirtschaftlich

auffängt.

Jungbluth: Ein Vorhaben, das dann vorangetrieben

wird, ist, lokale Produktion

aufzubauen. Was brauchen wir in der EU,

um bestimmte Schlüsseltechnologien

zu produzieren? Wo beziehen wir die

Vorprodukte und Rohstoffe her? Welche

von den Ländern, die dahinter stehen,

sind möglicherweise Autokratien, die

uns politisch erpressen könnten? Kann

man diese Bestandteile der Lieferkette

zurückholen – sei es nach Deutschland,

nach Europa oder in sogenannte gleichgesinnte

Länder? Im Endeffekt sind die

kurzfristigen Folgen aber erhöhte Produktionskosten

und damit höhere Preise

für die Verbraucher.

Was ich da auch noch sehe, ist der Umgang

mit möglichen Doppelstandards.

Wenn sich Unternehmen durch die

Abkopplungstendenzen in der einen

Hemisphäre der einen Sorte Standards

unterwerfen müssen, und in der anderen

Hemisphäre den anderen Standards.

Dann werden wir im Prinzip in Zukunft

zwei Schienen der Globalisierung betreiben

müssen, und auch das geht für

Unternehmen natürlich einher mit erhöhten

Kosten. Vor allem für kleine und

mittelständische Unternehmen ist das

problematisch.

Wir haben in den vergangenen 20 Jahren

intensiv über die Welthandelsorganisation

WTO Regeln und Urheberrechte vereinbart

– immer mit dem Gedanken, ein

level playing field zu schaffen. In Ihrem

Szenario zerbricht diese Ordnung.

Jungbluth: In einer idealen Welt ist es

natürlich wünschenswert, die Welthandelsorganisation

als multilaterale Organisation,

an der möglichst viele Länder

beteiligt sind, wieder vollständig in ihrer

Funktionsfähigkeit herzustellen. Das ist

gegenwärtig aber überhaupt nicht absehbar,

wann und ob das je wieder sein

wird. Dann gibt es die zweitbeste Lösung:

Das sind bilaterale und regionale

Handelsabkommen, wo zumindest eine

größere Anzahl an Ländern oder Wirtschaftsregionen

zusammenkommen

und sich auf gemeinsame Standards

und Handelsbedingungen einigen. Das

ist etwas, was die EU zum Beispiel im

Asien-Pazifik-Raum gerade vorantreibt.

Damit einher gehen eben auch Arbeitsrechte,

Sozial- und Umweltstandards.

Sie sind bei einem modernen Freihandelsabkommen

mittlerweile Standard,

und das ist eine Möglichkeit für die EU,

diese Spielregeln zu exportieren und

dafür zu sorgen, dass in Regionen oder

Ländern, die ein Freihandelsabkommen

mit der EU anstreben, diese Standards

auch gewährleistet sind.

Das Pariser Klimaabkommen ist auch als

globales Thema definiert worden, ist auch

global ratifiziert worden, kann eigentlich

auch nur global gelöst werden. Wie passt

das dann noch in die Zeit?

Petersen: Es wird tatsächlich schwierig,

da eine Lösung hinzukommen. Dafür

bräuchten wir eigentlich einen weltweit

geltenden CO2-Preis, aber der ist

für mich momentan absolut utopisch.

Ein Weg dahin könnte ein sogenannter

Klima-Club sein, bei dem sich verschiedene

Länder zusammenschließen und

sich auf einen gemeinsamen höheren

CO2-Preis einigen. Dafür braucht man

allerdings eine große Anzahl von Partnerländern.

Wenn jetzt die EU und die

18 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

USA sagen, wir einigen uns auf so einen

Club, dann könnte das schon ein starkes

Signal sein. Der Vorteil wäre nämlich,

dass die Mitgliedstaaten ihre Güter

und Dienstleistungen ohne Handelsbeschränkungen

tauschen können. Und

Staaten, die nicht Mitglied des Clubs

sind, müssten entsprechende CO2-Importzölle

bezahlen. So könnte ich mir

einen Anreiz vorstellen.

Jungbluth: Zumal Klimaneutralität

eigentlich im Interesse aller Staaten

liegen sollte, weil es eben nur einen

Planeten gibt. Hier muss international

an einem Strang gezogen werden.

Die meisten Staaten weltweit haben

ja mittlerweile auch Klimaneutralitätsziele.

Meine Befürchtung

ist aber, dass gerade die

Entwicklung mit dem Krieg

in der Ukraine und die sich

aufdrängende Frage nach

einer Blockbildung diese

Klimaschutzziele stärker

in den Hintergrund rücken

lassen. Zumindest kurzfristig

stellt sich im Fall Chinas

zum Beispiel die Frage, ob

hier Kohle dann doch noch

weiter eine größere Rolle spielt.

Auch China will nicht abhängig von russischem

Gas werden, und erneuerbare

Energien werden ausgebaut. Aber das

geht nur langsam voran.

Petersen: Und dazu eine kleine positive

Anmerkung: Wenn es jetzt tatsächlich

dazu kommt, dass die USA

und Europa für sich entscheiden, die

Klimaneutralität ernsthaft anzugehen

und entsprechend mit höheren CO2

Preisen arbeiten, heißt es ja, dass perspektivisch

grüne Produkte und grüne

Technologien ein entscheidender Wettbewerbsvorteil

sind. Dann wird es aus

meiner Sicht aber auch immer schwieriger,

mit schmutzigen Produkten noch zu

punkten. Insofern könnte die negative

Erfahrung mit Russland auch noch mal

ein zusätzlicher Push sein, verstärkt

die ökologische Transformation voranzutreiben,

weil sie eben nicht nur dem

Klimaschutz dient, sondern auch die

Abhängigkeit reduziert.

Wir haben heute drei riesen Baustellen:

Die erste Großbaustelle ist der EU Green

Deal, also die klimaneutrale Transformation

der Wirtschaft in Europa. Die zweite

Baustelle ist der Wiederaufbau nach Corona,

und die dritte Baustelle ist jetzt die

geopolitische, über die wir gerade gesprochen

haben. Wie realistisch ist das, dass

wir alle drei gut umsetzen können?

Jungbluth: Im Prinzip greifen die Fragen

nach der Geopolitik und grüner

Transformation in gewisser Weise ineinander.

Insofern könnte das Ziel, bestimmte

kritische Abhängigkeiten zu

reduzieren, wie zum Beispiel Gas, damit

einhergehen, dass ein größerer Schritt

in Richtung nachhaltige Transformation

gemacht wird.

Petersen: Ich kann mir vorstellen,

dass die Unternehmen oder sogar die

Volkswirtschaften, die die digitale und

die ökologische Transformation erfolgreich

hinbekommen, die Gewinner der

Zukunft sind, weil nicht-erneuerbare

Rohstoffe naturgemäß begrenzt sind,

und irgendwann haben wir die nicht

mehr. Dann werden grüne Produkte

oder klimaneutrale Produkte und Produktionsverfahren

aus meiner Sicht ein

entscheidender Wettbewerbsvorteil für

die Zukunft sein. Länder, die das zuerst

hinbekommen, werden gewinnen. Und

umgekehrt: Länder, deren Wohlstand

darauf basiert, weiterhin fossile Energien,

also Erdöl, Erdgas und Kohle zu

exportieren, werden verlieren.

Wir danken Ihnen herzlich für das

Gespräch! ■

Dr. Cora Francisca Jungbluth

ist studierte Sinologin und arbeitet

als Senior Expert International

Trade and Investment bei der

Bertelsmann Stiftung.

Dr. Thieß Petersen

ist studierter Volkswirt und

heute Senior Advisor für

Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft

bei der Bertelsmann Stiftung.

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

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Globalisierung

Mit Welthandel

auch Weltanschauungen

exportieren

Die Globalisierung macht

eine Pause, sagt der

Weltwirtschaftsexperte

Lukas Menkhoff. Grund ist

die wachsende Politisierung

der Wirtschaft. Ob globale

Herausforderungen auch in

Zukunft noch globale

Unterstützung finden, ist

dabei offen. Menkhoff mahnt:

„Ob multipolar und multilateral

gut miteinander

harmonieren, haben wir noch

nicht wirklich ausprobiert.“

20 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

UmweltDialog: Beginnen wir mit einer

Begriffsbestimmung von Globalisierung!

Das meint eigentlich keine singuläre Periode

der Weltgeschichte, sondern verschiedene

Phasen. Welches Bild von Globalisierung

haben Sie im Kopf?

Prof. Dr. Lukas Menkhoff: Ich sehe

Globalisierung als langanhaltenden Prozess

seit dem 19. Jahrhundert. Wenn

man das über so einen langen Zeitraum

betrachtet, dann ist die Globalisierung

im Moment nicht zwingend beendet,

sondern sie nimmt sich vielleicht eine

Pause, und wir werden sehen, wie es

dann weitergeht.

Wie sieht diese Pause aus?

Die Vorstellung, dass wir eine zunehmende

Verflechtung in der Weltwirtschaft

haben, ist seit gut zehn Jahren

empirisch nicht mehr festzustellen,

sondern in der Summe stagniert die

internationale Verflechtung seit der Finanzkrise

2008/2009. Jetzt ist die Frage:

Woran liegt das? Die Antwort, glaube

ich, lautet, dass wir seitdem ein stärkeres

Maß an politisch verursachten Sanktionen

und Protektionismus haben und

damit den Außenhandel bremsen. Diese

Entwicklung wird durch die Corona-Epidemie

und aktuell den Ukraine-Krieg

noch einmal verstärkt.

Hinzu kommt, dass eine Globalisierungsentwicklung

nicht unendlich

weitergetrieben werden kann. Es wird

immer Wertschöpfung geben, die nur

im jeweiligen Land erbracht werden

kann wie zum Beispiel lokale Dienstleistungen.

Außerdem gibt es technische

Grenzen: Containerschiffe können

nicht beliebig groß werden. Dies ist ein

Beispiel für sinkende Grenzerträge der

Globalisierung, weil die Kostensenkung

im internationalen Handel nicht im bisherigen

Tempo fortgeschrieben wird.

Foto: vchalup / stock.adobe.com

Kostensenkung ist ein gutes Stichwort.

Lange haben wir – zumindest in Europa

Globalisierung rein betriebswirtschaftlich

betrachtet. Wo kann ich was billiger

produzieren? Mit Corona und dem Krieg

kommen jetzt auch politische und >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

21


Globalisierung

Foto: New Gary / stock.adobe.com

Wir haben vielleicht stärker darauf vertraut,

dass die multilaterale Weltordnung

hält. Diese Ordnung ist aus unserer

Sicht so schön, weil sie sehr stark

nach unseren Vorstellungen gestaltet ist.

Insbesondere Deutschland hat lange von

der Globalisierung und der multilateralen

Ordnung profitiert. Wie sehr wird uns die

globale Veränderung treffen?

Das wird davon abhängen, wie es weitergeht.

Es ändert sich offensichtlich etwas

in der Weltwirtschaft und der Weltpolitik,

und diese Änderungen sind nicht

zu unserem Vorteil als Volkswirtschaft.

Im Moment sind die Auswirkungen aber

noch begrenzt. Deshalb bin ich verhalten

optimistisch. Man kann sich an neue

Gegebenheiten anpassen, und die Welt

ist groß, so dass sich auch neue Möglichkeiten

eröffnen können. Wenn man jetzt

zum Beispiel den Fall Russland nimmt,

dann sind die Wirkungen der bisherigen

Sanktionen für die gesamte deutsche

Volkswirtschaft nicht so dramatisch,

wie es auf den ersten Blick erscheinen

mag (für einzelne Unternehmen natürlich

schon). Man wird sehen, wie schnell

sich die Unternehmen anpassen.

strategische Überlegungen mit in Betracht.

Werden wir ab jetzt nicht mehr nur

auf den Preis, sondern auch auf die Geopolitik

schauen?

Dem würde ich auf jeden Fall zustimmen.

Wenn man sich die Handelspolitik

der USA oder die strategischen Entscheidungen

von China anschaut, dann spielt

Politik schon längere Zeit eine Rolle.

Dort hat Handel jenseits der Ökonomie

eine klare politische Dimension, und

Entscheidungen zum Außenhandel werden

auch als ein Instrument benutzt, um

politisch etwas zu bewirken.

Waren wir Europäer da lange Zeit zu naiv?


Nachhaltigkeit ist

aufgrund des

Klimawandels

zwingend. Da

muss noch mehr

passieren, völlig

egal, was sonst in

der Welt los ist.

Wie sehen Sie hierbei die Rolle Chinas?

Manche werfen dem Land vor, bei globalen

Herausforderungen in der Vergangenheit

eher „Trittbrettfahrer“ gewesen zu

sein. Wird China künftig offensiver auftreten?

Trittbrettfahrer ist ein hartes Wort, aber

klar: Sie haben asymmetrisch agiert.

Das ist etwas, was man in einer Handelsordnung

sich entwickelnden Ländern

generell zugesteht. Sie werden anders

behandelt als bereits entwickelte Länder.

Bei den gegenwärtigen Wachstumsraten

wird China künftig immer umfassender

zu einer voll entwickelten Volkswirtschaft

werden. Damit kommt das Land

in eine andere Rolle, und das wissen die

Entscheidungsträger. Ein schönes Beispiel

sind die Entwicklungsbanken, die

China initiiert, weil es unzufrieden ist

mit seiner Rolle in den bestehenden Institutionen.

In den klassischen Bretton-

Woods-Institutionen wie Weltbank und

Internationalem Währungsfonds dominieren

die Amerikaner und Europäer.

Wir finden das normal, weil es immer

22 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

so war und wir große Geldgeber sind.

Aber andere Länder finden das natürlich

überhaupt nicht normal und auch nicht

gut. Deshalb gründet China konkurrierende

Institutionen.

Indien wird einen ähnlichen Weg wie

China beschreiten. In gewisser Weise

sind wir das selbst schuld, wenn es uns

nicht gelingt, die neuen globalen Realitäten

zur Kenntnis zu nehmen und in

passende institutionelle Arrangements

zu überführen.

Was muss sich in den multilateralen

Organisationen ändern, damit sie die

Herausforderungen unserer Zeit besser

handhaben?

Die Frage ist, ob sie überhaupt noch so

funktionieren können wie in der Vergangenheit

und wovon das Funktionieren

solcher Institutionen abhängt. Ich

finde es ein Stück weit plausibel zu sagen,

dass auch Multilateralismus davon

begünstigt wird, dass es stärkere Spieler

gibt, die die Institutionen zusammenhalten

und damit natürlich asymmetrisch

Macht und Gestaltungsmöglichkeiten

haben. Das wird künftig schwieriger.

Unsere Welt ist multipolar, und ob multipolar

und multilateral gut miteinander

harmonieren, haben wir noch nicht

wirklich ausprobiert. Im Moment sieht

es ja so aus, als würden sich Länder gegenseitig

blockieren. Das sehen Sie am

Beispiel der UN: Sobald vitale Interessen

der Vetomächte berührt sind, gibt

es ein Veto, und dann geht nichts mehr,

oder jedenfalls nichts, was von der UN

insgesamt getragen würde.

Bleiben dabei Themen wie Nachhaltigkeit

oder Klimawandel auf der Strecke?

Menkhoff: Nachhaltigkeit ist aufgrund

des Klimawandels zwingend. Da muss

noch mehr passieren, völlig egal, was

sonst in der Welt los ist. Und von daher

werden sich die Wirtschaft und die Wirtschaftspolitik

überall auf der Welt weiter

ändern. Zugleich ist das auch ein politisches

Instrument von unserer Seite: Wir

benutzen Nachhaltigkeit als Bedingung

im Außenhandel. Hierbei denken wir,

dass diese Verknüpfung von Handel und

Nachhaltigkeit eine gute Sache ist, aber

letztendlich versuchen wir damit auch,

ob bewusst oder unbewusst, über Präferenzen

oder Vorstellungen in anderen

Ländern mitzuentscheiden.

Lange Zeit galten Globalisierung und Demokratie

als Zwillingspaar. Jetzt erleben

wir, dass das eine auch ohne das andere

funktioniert. Ist eine Zukunft denkbar, in

der Globalisierung wächst und Demokratien

auf dem Rückzug sind?

Menkhoff: Auf jeden Fall, weil sie in

der Entstehungsgeschichte auch unverbunden

waren. Wenn wir an die frühen

Formen der Globalisierung denken,

dann hatte diese Phase mit Demokratie

nichts zu tun. Im Gegenteil, es war

eine imperialistische Zeit, in der die

frühe Globalisierung stattgefunden hat.

Von daher glaube ich, das sind durchaus

zwei Paar Schuhe. Und es gibt genug

Beispiele, an denen man sieht, dass

Länder sich wirtschaftlich erstaunlich

gut entwickeln können, ohne sich zu demokratisieren.

Das ist aus unserer Sicht

vielleicht etwas unerwartet, weil wir als

offene Gesellschaft überzeugt sind, dass

es Austauschbeziehungen zwischen

Marktwirtschaft und Demokratie gibt,

die sich gegenseitig begünstigen.

Jetzt verlangen aber gerade viele Politiker

und auch ESG-Investoren, dass Wirtschaft

immer auch einem moralischen Kompass

folgen soll. Ist das nicht im Widerspruch

zu Ihrer Aussage?

Im Prinzip spricht nichts gegen einen

moralischen Kompass, dem folgt die

Politik bereits heute, beispielsweise bei

Rüstungsexporten. Aber wie rigide soll

der gelten, und möchten wir mit den Folgen

leben? Wenn wir wirklich erwarten,

dass unsere Handelspartner sich alle so

ähnlich verhalten und so ähnlich denken

wie wir, dann können wir nur noch

im kleinen Kreis westlicher Länder handeln.

Den Rest der Welt gibt es dann als

Handelspartner für uns nicht mehr. Ich

weiß nicht, ob das so gewollt ist, und ich

weiß auch nicht, ob es besonders klug

ist.

Wir danken Ihnen herzlich für das

Gespräch! ■

Prof. Dr. Lukas Menkhoff

ist Leiter der Abteilung

Weltwirtschaft am DIW Berlin,

Professor für Volkswirtschaftslehre

an der Humboldt-Universität zu

Berlin und Mitglied der Finance

Gruppe an der HU Berlin. Seine

Forschungsschwerpunkte sind

internationale Finanzmärkte und

finanzielle Entwicklung.

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

23


Globalisierung

Demokratien vs. Autokratien

Die Demokratie verliert an Boden: Erstmals

seit 2004 verzeichnet der Bertelsmann

Transformationsindex (BTI)

mehr autokratische als demokratische

Staaten. Von 137 untersuchten

Ländern sind nur noch 67 Demokratien,

die Zahl der Autokratien steigt auf

70. Auch bei Wirtschaftsentwicklung

und Regierungsleistung zeigt die Kurve

nach unten, die Corona-Pandemie

hat bestehende Defizite noch deutlicher

zutage treten lassen. Einen Lichtblick

bietet zivilgesellschaftliches Engagement,

das sich vielerorts gegen

den Abbau demokratischer Standards

und wachsende Ungleichheit richtet.

Sehr demokratisch

9,00 – 10,00

8,00 – 8,99

7,00 – 7,99

6,00 – 6,99

5,00 – 5,99

4,00 – 4,99

3,00 – 3,99

2,00 – 2,99

0 – 1,99

Sehr autokratisch

Keine Daten

24 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Quelle: The Economist Intelligence Unit 2021

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

25


Globalisierung

Foto: DisobeyArt / stock.adobe.com

Offene Gesellschaften

versus digitale autokratische

Experimente

Von Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber

oder: Warum

letztere parasitär,

kannibalisch und

selbstbeschränkend

sind

Einführung

Betrachtet man die Entwicklung der letzten zehn Jahre, so ist

es offensichtlich, dass die westlichen Demokratien, die manchmal

auch als „freie Welt“ bezeichnet werden, vor grundlegenden

Herausforderungen stehen. Weit davon entfernt, dass

die liberale Demokratie das „Ende der Geschichte“ bedeutet,

wird dieses Regierungssystem durch Alternativen, vor allem

Autokratien, ersetzt. Dieser Wandel geht Hand in Hand mit

wachsenden globalen Herausforderungen wie der globalen

Erwärmung, asymmetrischen Kriegen, noch nie dagewesener

Ungleichheit, erzwungener Migration, Pandemien, den unbekannten

Auswirkungen der Automatisierung auf die traditionellen

Arbeitskräfte usw. In ihrem Buch mit dem Titel That

Used To Be Us stellen Thomas Friedman und Michael Mandelbaum

die Frage: „Was wäre, wenn die USA sich für einen

26 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Tag zu China erklären würden, um alle

Herausforderungen zu lösen, mit denen

wir konfrontiert sind, und sich dann entschließen

würden, zu einem offenen demokratischen

System zurückzukehren,

um alle seine Vorteile zu genießen?“ Mit

anderen Worten: Was ist die richtige politische

Agenda für das 21. Jahrhundert?

Sollte es mehr „offene Gesellschaften“

oder mehr Autokratien geben?

Freedom House stellte fest, dass in den

letzten 14 Jahren 64 Länder in Bezug auf

Menschenrechte, faire Wahlen, Rechte

von Minderheiten und Rechtsstaatlichkeit

schlechter bewertet wurden und

nur 37 Länder in diesen Bereichen eine

Verbesserung erfuhren. Betrachtet man

die Weltbevölkerung, so leben 39 Prozent

in freien Ländern und Gebieten, 25

Prozent in teilweise freien Ländern und

Gebieten und 36 Prozent in nicht freien

Ländern und Gebieten. Wenn wir die

Hälfte der Bevölkerung, die unter teilweise

freien politischen Bedingungen

lebt, den freien Regionen und Ländern

zurechnen und die andere Hälfte den

nicht freien, kann man sagen, dass zwar

etwa 50 Prozent der Weltbevölkerung

in freien Ländern und Regionen lebt,

die übrigen jedoch nicht. Am Ende des

Kalten Krieges sah es so aus, als ob autoritäre

und totalitäre Regime auf dem

Rückzug wären, aber der aktuelle Trend

zeigt das Gegenteil. Was den prozentualen

Anteil der freien Welt anbelangt,

so erhielt das Jahr 2020 den niedrigsten

Wert seit mehr als einem Jahrzehnt.

Diese empirischen Ergebnisse spiegeln

eine Aussage von Wladimir Putin, dem

Präsidenten der Russischen Föderation,

wider, in der er behauptete, dass „der

Liberalismus einfach überholt ist“. Die

folgende Grafik veranschaulicht dies:

Der große Niedergang der Demokratie

2009

-33

2008

2012

2007 -22

2011

2010 -20

-16

-17

-15

2013

-14

2014 2015

-29 -29

2016

-31

2017

-36

2018

-18

2019

-27

2020

-45

20052006

+31 -3

52

83

59 56 59

43

60

38

67

34 34

49

54

Democracy gap

Number of countries that improved

minus number of countries that declined

37

63

43

54

40

62

33

72

Number of countries

that improved

43

67

36

71

35

68

50

Number of countries

that declined

64

37

73

28

Quelle: Freedom House, 2021 Jahresbericht >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

27


Globalisierung

In offenen

Gesellschaften

legitimiert

sich der Staat

dadurch, dass

er die oft widersprüchlichen

Formen der

individuellen

Freiheit und

Verantwortung

jedes seiner

Mitglieder

ermöglicht,

schützt und

ausgleicht.

Problemlösung im Zeitalter des

Anthropozäns

Derzeit genießen diese autokratischen

Experimente erhebliche Unterstützung

– nicht nur in prominenten autokratischen

Ländern, sondern auch in der

westlichen „freien Welt“. In einigen Ländern

ist die Unterstützung für eine autokratische

Agenda sogar höher als Unterstützung

für die „freie Welt“. Über diese

Verschiebung der Akzeptanz von Autokratien

einerseits und ihren Mangel

an Legitimität andererseits ist viel geschrieben

worden, aber einer der Hauptgründe

für diesen Hype um Autokratien

ist die Tatsache, dass ihre Befürworter

glauben, dass das System der Autokratie

in der Lage ist, Probleme wie Armut, Arbeitslosigkeit,

globale Erwärmung, Ungleichheit,

Korruption und Verlust der

Artenvielfalt besser zu lösen als offene

Gesellschaften. Die Suche nach Lösungen

für die oben genannten Probleme

hat für die gesamte Menschheit hohe

Priorität, und es hat den Anschein, dass

Autokratien besser in der Lage sind, diese

Probleme einzudämmen. Empirisch

gesehen hat das autokratische System

seine Vorzüge: schnelle politische Entscheidungsfindung,

rasche Umsetzung

von Lösungen und straffe Skalierung

der Wirtschaft. Bei näherer Betrachtung

des autokratischen Systems stellt man

jedoch fest, dass es selbstbegrenzende

Faktoren gibt, die in die Autokratie

selbst eingebaut sind. Es stellt sich die

Frage, welche der beiden gegensätzlichen

Alternativen einen relativen Wettbewerbsvorteil

hat, um die anstehenden

Herausforderungen des Anthropozäns

zu bewältigen, das durch die Grenzen

des Planeten, durch Spillover-Effekte

und durch die allzeitige Vernetzung gekennzeichnet

ist. In diesem Zeitalter hat

die menschliche Spezies den Fahrersitz

eingenommen, nicht nur, um den Kurs

des Planeten zu bestimmen – was zu

globaler Erwärmung, Verringerung der

biologischen Vielfalt, Pandemien usw.

führt –, sondern auch durch die Bereitstellung

von Lebensformen für

Menschen in großen koordinierten Gesellschaften

und für die Befriedigung

menschlicher sozioökonomischer Bedürfnisse.

Dies ist eine Ära, in der es

keine wirkliche Ausstiegsoption, keinen

Plan B und keinen Neustartknopf gibt.

Zusammenfassend lässt sich fragen:

Welches von den beiden diskutierten

Systemen – offene Gesellschaften oder

Autokratien – ist besser geeignet, die

globalen Herausforderungen zu lösen?

Das Wesen einer offenen Gesellschaft:

menschenzentriert und offen für

Revisionen

Historisch gesehen sind „offene Gesellschaften“

– erstmals beschrieben von

dem österreichischen Philosophen und

Begründer des kritischen Rationalismus,

Karl Popper (1902–1994), – eine

konzeptionelle Antwort auf die Erfahrungen

des deutschen Faschismus und

des russischen Stalinismus, in denen

die individuellen Menschenrechte in

großem Umfang verletzt wurden. Offene

Gesellschaften spiegeln eine Gesellschafts-

und Verfassungsordnung wider,

in der persönliche Freiheit und gegenseitige

Kritik nicht nur die Grundlage für

individuelles Wohlergehen, wirtschaftlichen

Wohlstand und Frieden bilden,

sondern auch überlegene Instrumente

für die Lösung von Problemen und das

Streben nach Wahrheit und Kohärenz

sowohl in der Wissenschaft als auch in

der Religion. In offenen Gesellschaften

legitimiert sich der Staat dadurch, dass

er die oft widersprüchlichen Formen der

individuellen Freiheit und Verantwortung

jedes seiner Mitglieder ermöglicht,

schützt und ausgleicht.

Obwohl das Konzept der offenen Gesellschaft

historisch gesehen ein Beitrag des

Westens ist, handelt es sich um eine politische

Agenda, die auf jedes Land der

Welt angewendet werden kann. In einer

offenen Gesellschaft engagieren sich die

Menschen in einem kritischen, offenen,

furchtlosen und öffentlichen Dialog, um

Probleme zu lösen. Jedes Mitglied einer

solchen offenen Gesellschaft weiß, dass

dieses Streben nach einem besseren Leben

den Menschen in den Mittelpunkt

stellen sollte, offen für Revisionen sein

sollte, fehlerfreundlich sein sollte und

auf gegenseitiger Toleranz und Vertrau-

28 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

en beruhen sollte. Sie sind sich auch

bewusst, dass dieses Streben nach persönlicher

Freiheit potenziell mehr Kreativität,

Glück, Wohlstand, Gesundheit

und Wahrheit ermöglicht als jede Alternative.

Die offene Gesellschaft basiert

auf Pluralismus, gegenseitigem Respekt

und Demut, in dem Bewusstsein, dass

unser Wissen immer unvollständig, voreingenommen

und möglicherweise irreführend

sein wird. Dies erfordert eine

ständige faire, kritische und faktenbasierte

öffentliche Debatte; Untersuchungen

durch eine kritische und unabhängige

Presse; autonome wissenschaftliche

Bemühungen, die nach der Wahrheit suchen

und ein besseres Verständnis der

Wunder und Magie des Lebens ermöglichen;

und ein Bildungssystem, das die

Kreativität jedes Einzelnen freisetzt. In

offenen Gesellschaften gibt es Kontrollmechanismen,

die den Missbrauch von

Macht verhindern. In offenen Gesellschaften

werden die Preise für Waren

und Dienstleistungen in einem freien,

fairen und regulierten Marktsystem mit

Produkthaftung und unternehmerischer

Verantwortung gebildet, ohne die Wahrheit

über die sozialen und ökologischen

Externalitäten zu verschweigen. Darüber

hinaus sind es Gesellschaften, in denen

ein System der sozialen Sicherheit

funktioniert, d.h. niemand wird zurückgelassen,

die Rechte von Minderheiten

werden respektiert und die Stimmen

der Mehrheit werden akzeptiert. Offene

Gesellschaften formulieren Gesetze

– und setzen sie gegebenenfalls auch

um –, um gewählte politische Amtsträger

abzulösen, wenn sie ihren Pflichten

nicht nachkommen. Offene Gesellschaften

schützen die Menschenrechte und

beruhen auf der Überzeugung, dass

die Koexistenz anderer Meinungen, die

Kreativität des Einzelnen und die institutionalisierten

Formen der Kritik ein

Leben mit insgesamt größerer persönlicher

Freiheit, Wahrheit und Wohlstand

garantieren.

Dieses Idealbild der westlichen Welt

fand in den Jahren nach dem Fall der

Berliner Mauer 1989 großen Anklang.

Ein weiterer bedeutender Einfluss auf

die Darstellung der politischen Debatten

im Westen war die Konvergenzhypothese.

Diese Hypothese besagt, dass

der freie Handel mit autokratischen

Regimen organisch zu einer globalen

Konvergenz von Rechtsstaatlichkeit,

Minderheitenschutz, Gewaltenteilung,

Menschenrechten und freien Märkten

führt. Daher, so die Hypothese, wird

dieses westliche Wertesystem letztlich

weltweit umgesetzt und macht offene

Gesellschaften selbst stabiler und sicherer.

Dieses Narrativ rechtfertigt sogar

den Einsatz des Militärs bei humanitären

Interventionen (R2P: Responsibility

to Protect). Es scheint jedoch, dass diese

Form des expansiven Liberalismus mit

seinem missionarischen Proselytismus

zu weit getrieben wurde. Der Fehler

dieser Konvergenzhypothese ist, dass

sie nicht mehr falsifiziert werden kann.

Jedes Mal, wenn ein autokratisches Regime

einen vermeintlichen Fehltritt

begeht, wird davon ausgegangen, dass

das Regime „noch nicht am Ziel ist“

oder dass seine Reise in Richtung einer

offenen Gesellschaft noch Zeit braucht.

Es ist jedoch erwiesen, dass dies keine

Fehltritte waren – autokratische Regime

folgten einfach einem anderen Narrativ.

So wurde beispielsweise der Fall der

Berliner Mauer im Jahr 1989 im Westen

als Symbol für das Ende des Kommunismus

verwendet. In China war 1989 das

Jahr, in dem der Volksaufstand auf dem

Platz des Himmlischen Friedens niedergeschlagen

wurde, was eher ein Zeichen

für die Stärke als für das Ende des Kommunismus

war.

Das Verständnis der offenen Gesellschaften

von Demokratie und Menschenrechten

unterliegt jedoch der westlichen

Souveränität mit ihrem Anspruch

auf universelle Gültigkeit. Wenn Sie ein

Land mit einer hohen Rate an Armut,

Analphabetismus und Hunger besuchen,

können Sie zu dem Schluss kommen,

dass es sich lohnt, für universelle

Menschenrechte zu kämpfen. Gleichzeitig

können Sie aber auch feststellen,

dass es eine zeitliche Priorisierung und

geografische Gewichtung verschiedener

Werte geben kann. So werden die

Ziele der Überwindung von Armut und

Hunger, die Bereitstellung von Wohnraum

für jeden Einzelnen und die Gewährleistung

des allgemeinen Zugangs

zu grundlegender Bildung und zu >>

Foto: Miljan Lakic / istockphoto.com

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

29


Globalisierung

unter kollektive Narrative, die die politische

Agenda bestimmen, zu synchronisieren,

zu korrigieren und auszurichten.

Foto: VTsybulka / istockphoto.com

Gesundheitseinrichtungen schnell Vorrang

vor der Sicherung der Rechte auf

freie Meinungsäußerung, Pressefreiheit

und geografische Mobilität über

nationale Grenzen hinweg haben. Die

Menschen, die in offenen Gesellschaften

in Europa, den Vereinigten Staaten

und anderen westlichen Ländern leben,

müssen sich eingestehen, dass es

Gesellschaften geben kann, die andere

Prioritäten und Präferenzen haben. Es

gibt zum Beispiel Gesellschaften, deren

Mitglieder es vielleicht nicht für sehr

wichtig halten, dass jeder das Recht auf

freie Meinungsäußerung hat, sondern

deren Anliegen es ist, dass ihre Kinder

nicht mehr hungern, zur Schule gehen

und Zugang zu Trinkwasser haben.

Das autokratische System und seine

Zwänge

Während wir in offenen Gesellschaften

geteilte, ausgewogene und kontrollierte

Formen politischer Macht erleben, stützen

sich autokratische Regime auf reduzierte

oder gar keine verfassungsmäßigen

Beschränkungen ihrer politischen

Macht, die von einigen wenigen Auserwählten,

von einer Partei oder sogar von

einer einzelnen Person ausgeübt wird.

Man kann zwischen kommunitären Formen

von Autokratien (China) mit einem

Einparteiensystem, paternalistischen

Autokratien (Russland), die das herrschende

Individuum – oft als wohlwollenden

Autokraten bezeichnet – gegenüber

den Institutionen hervorheben,

und stammes- oder feudalistischen Formen

von Autokratien (Golfstaaten) mit

einer ausgeprägten Familien- oder Clanstruktur,

die oft militärische und/oder

religiös-fundamentalistische Züge aufweist,

unterscheiden. Allen diesen Arten

von Autokratien ist gemeinsam, dass sie

sich auf die Sicherheit, die Stabilität und

das wirtschaftliche Wohlergehen der

Nation konzentrieren, die die Notwendigkeit

der politischen Beteiligung der

Bürger, der individuellen Freiheit und

der Menschenrechte im traditionellen

westlichen Sinne überwiegen. Bei allen

Arten von Autokratien ist die Zustimmung

der Bevölkerung zu den Entscheidungen

des Herrschers höher als in den

meisten, wenn nicht allen westlichen

Demokratien und offenen Gesellschaften.

Autokratien ziehen es vor, ihre Bürger

durch Solidarität, Homogenität und

die Unterordnung individueller Rechte

Nehmen wir das Beispiel China. In der

chinesischen Kultur gilt das erfolgreiche

Kopieren des Meisters als besondere

Lernleistung. Je fehlerfreier dieser

Prozess abläuft, desto höher sind die

Lernkurve der Person und ihr Ansehen

in der Gesellschaft. Diese Kultur des

„Kopierens und Einfügens“ bedeutet,

dass derjenige, dem es gelingt, seine

Vorgesetzten zu imitieren, einen Vorsprung

genießt, weil er sich die ganze

Last der Vorstellungskraft, des Erfindens

und Produzierens, des Ausprobierens

und Scheiterns ersparen und sich

stattdessen ganz auf den Imitationsprozess

konzentrieren kann. Außerdem ist

die Autokratie in China beeindruckend

in ihrem Ausmaß und der Geschwindigkeit,

mit der Entscheidungen manchmal

umgesetzt werden. Die Verringerung

der Armutsquote, das Wachstum der

Mittelschicht, die steigende Zahl der

Studierenden in Bildungseinrichtungen,

die erhöhte Produktivität und die insgesamt

gestiegene Lebenserwartung in

China scheinen die Überlegenheit des

autokratischen Systems gegenüber der

schwerfälligen Entscheidungsfindung

in offenen Gesellschaften zu belegen.

Dasselbe scheint auch für andere Autokratien

zu gelten, die wir derzeit in Europa,

Afrika und Amerika erleben.

Gleichzeitig gehen jedoch eine Reihe

anderer kultureller Errungenschaften

verloren oder werden gar nicht erst

angestrebt, und kritische Debatte, Fehlerfreundlichkeit,

öffentlicher Diskurs,

individuelles Urteilsvermögen und autonomes

Denken sind Eigenschaften,

die nur in einer offenen Gesellschaft

gedeihen können. Autokratien müssen

sich auf Kopier- und Nachahmungsstrategien

verlassen, weil die ursprünglichen

Ergebnisse kritischer Beurteilung

nicht aus erster Hand verfügbar sind.

Im Allgemeinen wird davon ausgegangen,

dass wir in einer unsicheren und

komplexen Welt leben und daher mehr

kritisches Denken und weniger Nachahmung,

mehr unabhängiges Denken

30 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

als Nachahmung und mehr Freiheit und

kritische Autonomie als Kontrolle und

Herrschaft benötigen. Der autokratische

Herrscher muss sich auf Wissen und Informationen

stützen, die ihm nur durch

kritisches Urteilsvermögen zugänglich

sind. Er gibt vor, über Wissen zu verfügen,

das er nicht aus sich selbst heraus

generieren kann. Stattdessen muss es

aus anderen Quellen stammen. Betrachtet

man beispielsweise die Grundlagenforschung,

so wird dieses Argument

durch die geringe Zahl von Patenten

und Veröffentlichungen sowie die unzureichende

FuE-Infrastruktur in Ländern

und Gebieten unter autokratischer Herrschaft

gestützt. So sind die meisten in

China tätigen Forscher in offenen Gesellschaften

ausgebildet worden und stellen

einen versteckten Import westlicher

Werte und Standards in Autokratien

dar. Sie spielen die Rolle von „game

changers“ in Autokratien, indem sie

diese von innen heraus offener machen

(während sie ihre Kinder auf Schweizer

Gymnasien schicken).

Kannibalisierende, parasitäre und

selbstlimitierende Faktoren von

Autokratien

Mein Argument ist, dass die Autokratien,

die derzeit überall auf der Welt herrschen,

auf der Grundlage von Voraussetzungen

gedeihen, die sie nicht selbst

geschaffen haben. Diese Autokratien

sind selbstlimitierend und kannibalisierend,

dass sie eher früher als später

enden werden, da sie von Wissen abhängig

sind, das ursprünglich aus der freien

Welt stammt.

Die Aspekte der Preisgestaltung in freien

Wettbewerbsmärkten, eine rigorose

Debatte über Fakten in einem interdisziplinären

wissenschaftlichen Diskurs,

die freie öffentliche Rede, eine freie,

kritische und investigative Presse, eine

kreative und pluralistische Kulturszene

und der Aufbau von Sozialkapital auf

der Grundlage von zwischenmenschlichem

Vertrauen und gegenseitiger

Toleranz – sie alle gehen auf einen

menschen- und personenzentrierten

Ansatz zurück und sind jedem Versuch

überlegen, die Gesellschaft durch einen

kollektiven, nicht-demokratischen Topdown-Prozess

zu regulieren. Lebenslange

politische Führung oder jahrzehntelange

politische Machtausübung ohne

die Möglichkeit, durch einen gewählten

Vertreter ersetzt zu werden, ist kein Zeichen

von Macht, sondern von Schwäche

des betreffenden Systems. Dies zeigt,

dass dieses System auf eine öffentliche

und kritische Debatte verzichtet hat, um

seinen Willen durchzusetzen und umzusetzen.

Die zahlreichen kritischen Rückkopplungsschleifen,

die das Gleichgewicht

in einer offenen Gesellschaft aufrechterhalten

und genügend Flexibilität bieten,

um auf asymmetrische Schocks (wie die

globale Erwärmung oder Pandemien) zu

reagieren, die ihrerseits dezentralisierte,

unzensierte Informationen erfordern,

sind in Autokratien schlecht entwickelt.

Es muss darauf hingewiesen werden,

dass die von Autokratien auferlegte Zensur

die Kritik nicht erleichtert. Während

Kritik inklusiv und ein grundlegender

Bestandteil jeder offenen Gesellschaft

ist, da sie unterschiedliche Argumente

würdigt und versucht, den Status quo

zu verbessern, schafft die Zensur ein

Ingroup-Outgroup-Szenario derjenigen,

die dem Mandat des Herrschers folgen,

und derjenigen, die dagegen rebellieren.

Autokratien sind Orte, an denen Filme

und Medien, Verlage und Wikipedia,

Lehrpläne für Schulen und Universitäten

und sogar die Geschichte zensiert

werden, was zu Bürgern ohne Gedächtnis

und Menschen ohne kritischen Verstand

führt. In diesem Fall ist die Zensur

exklusiv und moralisierend.

In Autokratien wird der Prozess der Suche

nach Wahrheit, Freiheit, Fairness

usw. durch autokratisches Wissen und

eine parteipolitische Agenda ersetzt,

die der Führer vorgibt selbst entworfen

zu haben, die sich aber in Wirklichkeit

auf die Suche nach Wahrheit stützt, die

anderswo, nämlich in offenen Gesellschaften,

entsteht. Autokratien sind zu

homogen und zu sehr von oben nach

unten getaktet, um in einer komplexen,

nicht linearen Welt zu reagieren und

Lebenslange

politische

Führung oder

jahrzehntelange

politische

Machtausübung

ohne die

Möglichkeit,

durch einen

gewählten

Vertreter ersetzt

zu werden, ist

kein Zeichen von

Macht, sondern

von Schwäche des

betreffenden

Systems.

>>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

31


Globalisierung

Die Illusion

der Kontrolle:

Autokratische

Regime sind

davon überzeugt,

dass sie

nicht nur

menschliches

Verhalten in

großem Maßstab

kontrollieren

können, sondern

auch den

Verlauf einer

Gesellschaft

als Ganzes.

zu agieren, in der Ungewissheit und

Unvollständigkeit die Entscheidungen

des täglichen Lebens bestimmen. Das

gilt für die Politik ebenso wie für die

Unternehmenswelt. Dies gilt auch für

Einzelpersonen, kleine und große Gruppen

und Körperschaften sowie große

institutionelle Einrichtungen. Politische

Clan-Strukturen, in denen Familienmitglieder

des ursprünglichen Herrschers

der Autokratie ausgewählt werden, um

das Land oder das Territorium ohne

jegliche externe Prüfung zu regieren,

bedeuten, dass die Innovation und Kreativität

der besten und klügsten Köpfe

niemals entwickelt werden und dass die

fehlende Einbeziehung eines kritischen

dritten Sektors zu systemischer Korruption

führt. Weitere Beispiele zeigen,

dass ein kritischer Geist einem Geist,

der kollektiven Kontrollmechanismen

unterworfen ist, überlegen ist.

Offene Gesellschaften hingegen werden

durch einen dynamischen und dezentralen

Prozess angetrieben, der von kritischen

und freidenkenden Individuen

geleitet wird, die bereit sind zu scheitern

und ausreichend ermutigt werden,

persönliche Verantwortung zu übernehmen,

sei es im Unternehmertum, auf

der unbekannten und strengen Reise

wissenschaftlicher Entdeckungen, in

der Kreativität kultureller Ausdrucksformen,

in einer offenen, furchtlosen

öffentlichen Debatte über ihre eigenen

Zweifel, Unsicherheiten und unvollständigen

Kenntnisse, bei der alltäglichen

Entscheidungsfindung im privaten Bereich

und bei der Festlegung politischer

Agenden.

Trotz der Akzeptanz von Autokratien

durch die jeweilige Bevölkerung aufgrund

ihrer wirtschaftlichen und politischen

Macht und ihrer schieren Größe

beruhen Autokratien auf mindestens

zwei Formen von Illusionen, die dazu

führen, dass diese Autokratien sich

selbst begrenzen, parasitär sind und

sich selbst ausbeuten: die Illusion der

Kontrolle und die Illusion von Wissen

und Weisheit. Beide Illusionen führen

zu der falschen Annahme, dass die politische

Kontrolle von Autokratien und

die Macht, die sie über die Verbreitung

von Wissen ausüben, sie in die Lage versetzen,

die Herausforderungen des 21.

Jahrhunderts zu bewältigen und sie offenen

Gesellschaften überlegen machen.

Die Illusion der Kontrolle: Autokratische

Regime sind davon überzeugt, dass

sie nicht nur menschliches Verhalten

in großem Maßstab kontrollieren können,

sondern auch den Verlauf einer

Gesellschaft als Ganzes. Gesichtserkennungsprogramme,

die unkontrollierte

Anwendung künstlicher Intelligenz,

Sozialkreditsysteme, groß angelegte

staatliche Interventionen und Regulierungsbemühungen,

ein geschlossenes

Internet und öffentliche Videoüberwachung

sind Beispiele dafür, wie Autokratien

behaupten, einen gesellschaftlichen

Prozess zu kontrollieren und zu befehlen,

den offene Gesellschaften ganz

anders organisieren. Autokratischen

politischen Systemen fehlt es jedoch an

externen Rückkopplungsschleifen, wie

z. B. einer kritischen Presse und Medien,

freien und unabhängigen Anwälten

oder einem autonomen zivilen Sektor,

der unentbehrliches Wissen zur Bewältigung

der Herausforderungen der nahen

Zukunft bereitstellt. Ohne diese Bildung

von sozialem Kapital, das nur entsteht,

wenn freie und autonome Menschen

sich zur Zusammenarbeit entschließen,

haben autokratische Systeme im Vergleich

zu offenen Gesellschaften viel

weniger Kontrolle über externe und interne

Herausforderungen.

Die Illusion von Wissen und Weisheit:

Autokratische Regime sind davon überzeugt,

dass sie in der Lage sind, von

innen heraus genügend Weisheit und

Wissen zu generieren, um die Gesellschaft

zu regieren und systemische Herausforderungen

zu bewältigen. Dieses

autokratische Wissen ist jedoch eine

Illusion, denn diese Regime verlassen

sich auf die Informationen und das Wissen,

das in offenen Gesellschaften generiert

wird, das dann für die Zwecke autokratischer

Systeme missbraucht und

instrumentalisiert wird. Das Wissen,

die Weisheit und die Informationen, die

der Einzelne in offenen Gesellschaften

32 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

zur Lösung von Problemen erwirbt, sind

dem Wissen, der Weisheit und den Informationen

überlegen, die in Autokratien

aus erster Hand generiert werden.

Ein Einparteiensystem ist nicht in der

Lage, Weisheit auf die Art und Weise

zu generieren, wie es offene Gesellschaften

tun, d. h. auf eine dezentrale,

menschenzentrierte, kritische und fehlerfreundliche

Weise. Ein fehlgeschlagenes

staatliches Immobilieninvestitionsprogramm

beispielsweise erfordert

eine Sichtweise, die es ermöglicht, das

Programm zu korrigieren. In einem

autokratischen System ist die einzige

verlässliche Informationsquelle, über

die der politische Apparat verfügt, das

eigene Parteiprogramm. Im Gegensatz

dazu kann sich eine offene Gesellschaft

auf die freie Preisbildung auf freien

Märkten, eine kritische, investigative

Presse und eine Forschungsgemeinschaft

verlassen, die empirische Beweise

dafür liefert, wie die Fehler im Programm

zu korrigieren sind. In offenen

Gesellschaften gibt es mehr als nur eine

Stimme. Diese vielen Stimmen garantieren

den Fortschritt, bestimmen die

Lösungen für Probleme und führen auf

den Weg des kollektiven Wohlstands.

Wenn Wissenschaftler einen Bonus erhalten,

wenn sie Kurse über politische

Parteiprogramme anbieten, in denen

Ideologie und Parteizugehörigkeit wichtiger

sind als Kompetenz oder Professionalität,

in denen die Ausgaben für

die innere Sicherheit höher sind als für

Verteidigung und Militär, und in denen

sogar die Verfassung selbst dem Parteiprogramm

untergeordnet wird, kann

nicht davon ausgegangen werden, dass

ein solches System den globalen Herausforderungen

des 21. Jahrhunderts

gewachsen ist. Kein Parteiprogramm,

kein Militärregime und keine Ideologie

kann die in offenen Gesellschaften

entstehende Weisheit ersetzen. Mit

anderen Worten: Das gesellschaftliche

Immunsystem oder Frühwarnsystem

ist in Autokratien schwach, da

bei der Entscheidungsfindung Befehle

von oben nach unten vorherrschen.

Dieses Argument lässt sich noch einen

Schritt weiterführen. Autokratien

funktionieren nur, weil sie auf Errungenschaften

zurückgreifen können,

die sie nicht selbst garantiert oder

überhaupt erst hervorgebracht haben;

ihnen fehlt der endogene Faktor der

kritischen Selbstkorrektur, der für die

Entwicklung von Wissen in offenen Gesellschaften

entscheidend ist. Offene

Gesellschaften hingegen akzeptieren

die Meinungen von Rechts- und Linkspopulisten

und berücksichtigen auch

die Aspekte geschlossener homogener

ethnischer Lebensräume, wohl wissend,

dass niemand zu 100 Prozent

im Unrecht ist und dass jede Position

sich im Lichte gegenseitiger Kritik, offener

öffentlicher Debatten, einer freien

Presse und freier und autonomer Forschung

und Entwicklung rechtfertigen

muss. Wenn dieser Test nicht gelingt,

wird eine Position als falsch erwiesen

und innerhalb der offenen Gesellschaft

disqualifiziert. In diesem Sinne sind

autokratische Systeme parasitär und

selbstbegrenzend. Die Bedeutung ihres

politischen Einflusses entfällt, sobald

sie mit all den kulturellen Errungenschaften

konfrontiert werden, die für

offene Gesellschaften charakteristisch

sind: individuelle Kritik, Kreativität

und das Zusammenleben von heterogenen

ethnischen und sozioökonomischen

Gruppen. In Autokratien wird

Grundlagenforschung betrieben, werden

Patente angemeldet, werden auf

Märkten Preise gebildet, werden Journalisten

tätig. Diese Vorgänge sind also

bereits uneingestandene Inseln „offener

gesellschaftlicher Beziehungen“ innerhalb

einer autokratischen Dystopie.

Die folgende Grafik veranschaulicht die

Ergebnisse:

Offene Gesellschaften versus digitale Autokratien:

Warum Autokratien parasitär, kannibalisierend und

selbstlimitierend sind

creativity copy conformism

critics coexistence control

Open societies

order of freedom

Digital autocracies

order of command

>>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

33


Globalisierung

Foto: Sherman_Sham / istockphoto.com

Schlussfolgerung

Illiberale Demokratien, gelenkte Demokratien

und Einparteiendemokratien

– die alle in der einen oder anderen

Hinsicht als autokratische Regime

betrachtet werden können – sind nicht

identisch mit dem Verständnis von Demokratie

und Rechtsstaatlichkeit in offenen

Gesellschaften im Westen, auch

wenn sie einen ähnlichen Namen tragen.

Diese autokratischen Regime stellen

ein historisches Experiment dar, das

sehr vielversprechend war, aber schon

bald seine negativen Folgen zeigte. Auch

wenn dieses Experiment zunächst großartig

klingen mag, ist es eine regressive

Antwort auf die Herausforderungen des

21. Jahrhunderts. Offene Gesellschaften

hingegen leben von der Idee einer

liberalen Ordnung, die auf einem auf

den Menschen ausgerichteten Ansatz

beruht. Sie werden weder von der Vorstellung

einer erzwungenen Gleichheit

durch linke Narrative noch von einer

ausgrenzenden ethnischen Identität

durch rechte Narrative angetrieben.

Beide Narrative – wenn sie einen autoritären

Charakter annehmen – hängen

von der Illusion ab, Gesellschaften und

ihre Bürger kontrollieren zu können und

Informationen, Wissen und Einsichten

über Prozesse zu besitzen, die ihnen

nicht gehören. Der freie Verkehr von

Waren, grundlegende F&E-Aktivitäten,

kritische Presseberichterstattung und

die Entfaltung menschlicher Kreativität

setzen eine Ordnung der Freiheit voraus

und sind nur in offenen Gesellschaften

wirklich gegeben. Wer diesen Zusammenhang

zwischen liberaler Demokratie

und Fortschritt nicht begreift, wird

die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

nicht überleben. Würde die

Welt nur aus autokratischen Systemen

bestehen, gäbe es weder echten wissenschaftlichen

Fortschritt noch objektive

und kritische Nachrichten noch ein Maximum

an Kreativität und kultureller

Vielfalt.

Es geht also um die Frage: Regieren

durch Kontrolle, Konformismus und Kopieren

oder Regieren durch Kritik, Koexistenz

von Heterogenität und Kreativität?

Der Lauf der Geschichte wird zeigen,

welches Modell sich als erfolgreicher bei

der Bewältigung der Herausforderungen

des 21. Jahrhunderts erweist. Die

vorliegenden Erkenntnisse deuten darauf

hin, dass autokratische Systeme im

Vergleich zu offenen Gesellschaften bei

der Bewältigung der Probleme des 21.

Jahrhunderts am zweitbesten abschneiden.

Es stimmt zwar, dass offene Gesellschaften

nach außen hin zerbrechlicher

erscheinen, aber im Inneren weisen sie

aufgrund autonomer und selbstkritischer

Individuen eine größere Robustheit

auf. Sie erscheinen auf den ersten

Blick unbeholfen und langsam in ihren

Entscheidungen, zeigen aber Flexibilität

und Fehlertoleranz, wenn nötig, und

korrigieren sich selbst. In einer vollständig

vernetzten und komplexen Welt mit

zunehmender Ungewissheit, nichtlinea-

34 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

ren negativen Rückkopplungsschleifen

und Spillover-Effekten, asymmetrischen

Schocks und unbekannten Unbekannten

wird der Wettbewerbsvorteil von

Autokratien – sowohl in geografischer

als auch in zeitlicher Hinsicht – zu kurz

greifen oder sich als Fehlstart erweisen.

Sie bleiben parasitär, da sie von offenen

Gesellschaften abhängig sind, und kannibalisieren

sich selbst, da sie relevante

Informationen importieren müssen, die

nur in offenen Gesellschaften generiert

werden, und bleiben somit von Natur

aus selbstlimitierend.

Trotz der Rückschläge und Rückschritte

war es historisch gesehen immer ein

personenzentrierter Ansatz, der mehr

Wohlstand, mehr soziale Errungenschaften,

mehr wissenschaftliche Entdeckungen

und mehr Gesundheit ermöglicht

hat als jede andere Form des politischen

Systems. In den letzten Jahrhunderten

hat der Lauf der Geschichte gezeigt,

dass die Ergebnisse umso besser sind, je

perfekter ein menschenzentrierter Ansatz

umgesetzt wird. Das bedeutet nicht,

dass es keine Misserfolge, keinen Missbrauch

und keine Irreführung in Bezug

auf einen auf den Menschen ausgerichteten

Ansatz gegeben hat. Aber immer

dann, wenn eine Gesellschaft individuelle

Kreativität, Kritik und das Zusammenleben

heterogener Gruppen begünstigte

und Minderheiten und individuelle

Freiheit respektierte und schützte, wurden

mehr Wohlstand, Gesundheit und

Freiheit erreicht. Ich glaube, dass offene

Gesellschaften widerstandsfähiger sind,

weil sie fehlerfreundlicher, anpassungsfähiger

und restaurativer sind, was wiederum

möglich ist, weil sie kritischer

sind. Sie sind in der Lage, ihre eigenen

Selbstheilungskräfte in einer Weise zu

mobilisieren, die Autokratien nicht zur

Verfügung steht. Offene Gesellschaften

brauchen also keine Agenda für Weltfrieden

oder Global Governance, sondern

müssen lediglich ihre Attraktivität

durch ihren Vorbildcharakter unter Beweis

stellen.

Man muss sich eingestehen, dass Autokratien

nicht automatisch durch die

bloße Präsenz offener Gesellschaften zu

offenen Gesellschaften mit dem ihnen

innewohnenden Wertekanon werden.

Vielmehr ist es genau andersherum: Autokratien

brauchen offene Gesellschaften,

um sich stabiler zu machen, indem

sie sich das Wissen und die Diskussionen

offener Gesellschaften aneignen,

um ihre eigene Macht zu festigen.

Solange die freie Welt diese Autokratien

nicht nachahmt und kopiert, werden

wir aus dieser historischen Phase herauskommen.

Der zunehmende Einfluss

der Autokratien wird einmal mehr zeigen,

dass es nie ein Ende der Geschichte

oder ein Ende der Ideologie gibt, sondern

dass die freie Welt mit ständigen

Herausforderungen konfrontiert ist, die

vielleicht nie enden. In der Zwischenzeit

müssen wir uns jedoch eingestehen,

dass wir beide Systeme brauchen, wenn

wir den derzeitigen Zustand der Welt

betrachten. Offene Gesellschaften haben

durch öffentliche Debatten, eine freie,

investigative Presse, unkontrollierte

Kreativität, Preissignale in einem freien

Marktsystem, unzensierte Informationen

und einen rigorosen wissenschaftlichen

Diskurs in den Sozial- und Grundlagenwissenschaften,

die alle auf einem

personenzentrierten Ansatz beruhen,

ausreichend Wissen und Weisheit hervorgebracht;

folglich nutzen Autokratien

diese kulturellen Errungenschaften,

um Lösungen für die großen Herausforderungen

in ihren eigenen Ländern

(z. B. globale Erwärmung, Beseitigung

der Armut usw.) zu entwickeln und zu

skalieren.

In der Folge wird das Aufeinandertreffen

von offenen Gesellschaften und

Autokratien zur Entwicklung einer

nicht-hegemonialen Ära führen, in der

asymmetrische und wechselseitige Abhängigkeiten

vorherrschen, und nicht

zu einer weiteren Ära des Imperialismus,

in der jeder Vertreter davon überzeugt

ist, dass seine Weltanschauungen

vom anderen übernommen werden müssen.

Um das Bonmot des berühmten Biologen

E. O. Wilson neu zu formulieren:

„Autokratien sind ein interessantes Experiment,

aber sie haben die falsche Art

und die falsche Zeit erwischt.“ ■

Prof. Dr. Dr. Stefan Brunnhuber

ist Psychiater und Wirtschaftswissenschaftler;

Mitglied des

Kuratoriums der Weltakademie der

Wissenschaften und Künste;

Mitglied der Europäischen Akademie

der Wissenschaften und Künste;

Mitglied der Lancet Commission;

Mitglied des Club of Rome.

Die englische

Originalversion erschien im

Global Goals Yearbook 2021.

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

35


Globalisierung

Navigieren durch

Chinas Menschenrechtsbilanz

Von Ribhu Singh

Foto: CHROMORANGE / stock.adobe.com

36 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Zu den Winterspielen 2022 in

Peking strömten die

Besucher in Scharen, rund

150.000 Menschen waren

eingeladen, die Spiele zu

verfolgen. Die Gästeliste war

umfangreich und enthielt

viele Autokraten. Über 20 Premierminister,

Präsidenten und

Staatschefs wurden erwartet.

Einige Länder boykottierten

die Olympischen Spiele

jedoch diplomatisch.

Demokratische Mächte wie Australien,

Großbritannien und Kanada

verweisen auf ihre Abwesenheit

in Bezug auf Chinas Menschenrechtslage

und unterstreichen damit Pekings

Distanz und angespannte Beziehungen

zum Westen. Aber andere sind offen für

die chinesische Gastfreundschaft. Der

russische Präsident Wladimir Putin, der

ägyptische Präsident Abdel Fattah Al-Sisi

und der saudi-arabische Kronprinz

Mohammed bin Salman sind bemerkenswerte

Teilnehmer an den Veranstaltungen.

Die USA haben ihren Standpunkt gegenüber

Menschenrechtsverletzungen

in China deutlich gemacht. „China setzt

Zwang und Aggression ein, um die

Autonomie in Hongkong systematisch

auszuhöhlen, die Demokratie in Taiwan

zu untergraben, die Menschenrechte

in Xinjiang und Tibet zu verletzen und

Seeansprüche im Südchinesischen Meer

geltend zu machen, die gegen internationales

Recht verstoßen“, sagte US-Außenminister

Anthony Blinken in einer

Erklärung von Anfang 2021.

Die Ansichten der Amerikaner zeigen

einen ähnlichen Trend. Eine kürzlich

durchgeführte Umfrage von Pew Research

ergab, dass 67 Prozent der Amerikaner

China gegenüber eine ablehnende

Haltung einnehmen, verglichen mit

46 Prozent im Jahr 2018.

China hält einen Boykott indessen für

eine bloße Form der Manipulation seines

Images in der Welt. „Die Vereinigten

Staaten, Großbritannien und Australien

haben die Olympischen Spiele als

Plattform für politische Manipulationen

genutzt“, sagte Wang Wenbin, ein Sprecher

des chinesischen Außenministeriums.

Menschenrechtsverletzungen durch

Sportswashing

Die Olympischen Spiele werden weltweit

von mehr als drei Milliarden Menschen

verfolgt und sind somit eine gute Gelegenheit,

das Image eines Landes zu fördern.

Russland hat sein Image mit den

Olympischen Spielen 1980 und der Fußballweltmeisterschaft

2018 aufpoliert.

Als Peking 2008 die Olympischen Sommerspiele

ausrichtete, wurde die Veranstaltung

als „eine Kraft des Guten“ beworben

– im Gegensatz zu dem, was in

dem Land geschah, wie die Verhaftung

von Journalisten, die Unterdrückung

von Meinungen und der Missbrauch von

Arbeitsmigranten.

Das Internationale Olympische Komitee

(IOC) hat wenig unternommen, um

China für seine Handlungen zur Rechenschaft

zu ziehen, und dem Land

stattdessen erlaubt, die Winterspiele

2022 auszurichten. Die Entscheidung

des Komitees fiel 2015, als Chinas Präsident

Xi Jinping wegen Menschenrechtsverletzungen

wie Massenverhaftungen,

kultureller Verfolgung, systematischer

Misshandlung und Folter von uigurischen

Muslimen stark in der Kritik

stand. Die Regierung wurde auch wegen

der Verhaftung von Frauenrechtsaktivisten,

Journalisten und Anwälten zur

Unterdrückung der Meinungsfreiheit

kritisiert.

Die Vision des IOC, „die Menschlichkeit

zu feiern“, steht im Widerspruch zu den

Menschenrechtsverletzungen Chinas.

Es macht sich fast zum Komplizen. Die

dreimalige olympische Tennisspielerin

Peng Shuai versuchte, die Aufmerksamkeit

der Welt auf Chinas Konflikt mit den

Bürgerrechten zu lenken. Sie beschuldigte

auch einen ehemaligen Spit- >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

37


Globalisierung

Reicht ein

bloßer diplomatischer

Boykott aus,

um Chinas

gestärktem

Autoritarismus

etwas

entgegenzusetzen?

zenbeamten des sexuellen Missbrauchs.

China wies alle Vorwürfe zurück. Auch

das IOC drückte ein Auge zu.

„Das IOC hat sich vom Schweigen über

Pekings miserable Menschenrechtsbilanz

zur aktiven Zusammenarbeit mit

den chinesischen Behörden bei der Untergrabung

der Meinungsfreiheit und

der Missachtung angeblicher sexueller

Übergriffe hinreißen lassen“, sagte

Yaqiu Wang, leitender China-Forscher

bei Human Rights Watch. „Das IOC

scheint seine Beziehungen zu einem

großen Menschenrechtsverletzer über

die Rechte und die Sicherheit der olympischen

Athleten zu stellen.“

Ist ein diplomatischer Boykott

ausreichend?

Die Inhaftierung von rund 13 Millionen

Uiguren und ethnischen Kasachen

– einer türkisch-muslimischen

Gemeinschaft in China – und andere

Menschenrechtsverletzungen wie das

Verbot traditioneller sozialer Aktionen

in Tibet und die Untergrabung der Autonomie

der Bürger von Hongkong werfen

eine ernste Frage auf: Reicht ein bloßer

diplomatischer Boykott aus, um Chinas

gestärktem Autoritarismus etwas entgegenzusetzen?

Da das IOC nur wenig Aufmerksamkeit

schenkt, kann die Verantwortung, sich

gegen Chinas Verhalten zu wehren,

nicht nur auf den Schultern der Athleten

liegen. Die Rolle der großen Unternehmen

im Umgang mit China ist ein weiterer

Schritt um sicherzustellen, dass

Chinas Übertretungen nicht unkontrolliert

bleiben, da Veranstaltungen wie die

Olympischen Spiele von vielen Sponsoren

gesponsert werden, oft von globalen

Unternehmen. „Schweigen heißt mitschuldig

sein“, sagte die amerikanische

Biathletin Clare Egan gegenüber der

New York Times.

Zu den offiziellen Partnern der Olympischen

Spiele gehören unter anderem

Namen wie Allianz, Intel, Coca-Cola,

Toyota, Visa, Samsung, Procter & Gam-

38 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Foto: Artwell / stock.adobe.com

ble, Bridgestone, Airbnb und Alibaba.

„Visa, Coca-Cola und andere haben ein

ungewöhnlich niedriges Marketing-Profil“,

sagte Diana Choyleva, Chefvolkswirtin

bei Enodo Economics, gegenüber der

BBC und fügte hinzu, dass es multinationalen

Unternehmen in einer Zeit wie

dieser „immer schwerer fallen wird“,

neutral zu bleiben.

Die Partner spielen eine wichtige Rolle,

da sie Milliarden von Dollar ausgeben,

um mit der olympischen Marke in Verbindung

gebracht zu werden, die auch

einen wesentlichen Teil der Einnahmen

des IOC ausmacht. Als Human Rights

Watch die Allianz im Oktober 2021 fragte,

wie sie die Menschenrechtsproblematik

in China im Zusammenhang mit

ihrem Sponsoring betrachtet, sagte das

Unternehmen, dass es hinter der olympischen

Bewegung stehe und deren Ideale

„seit langem“ und unerschütterlich

unterstütze.

Aber wo zieht ein globales Unternehmen

die Grenze? „Wenn ich der Vorstandsvorsitzende

eines Unternehmens wäre,

das eine Menge Geld für das Sponsoring

einer Veranstaltung oder Organisation

ausgibt, würde ich sicherlich sicherstellen

wollen, dass diese Veranstaltung

oder Organisation ein gutes Licht auf

mich wirft“, fügte Egan hinzu, der auch

Vorsitzender des Athletenkomitees der

Internationalen Biathlon Union ist.

Andere Partner reagierten ähnlich diplomatisch.

Auf die Frage von Bloomberg

nach ihrer Beteiligung an den Olympischen

Spielen antwortete die Schweizer

Luxus-Uhrenmanufaktur Omega, dass

sie sich als globale Marke der „internationalen

Spannungen“ bewusst sei und

diese weiterhin sorgfältig beobachte.

„Wir glauben aufrichtig, dass die Olympischen

Spiele eine perfekte Gelegenheit

sind, sich im Geiste der Einheit auf einer

gemeinsamen Basis zu treffen“, so das

Unternehmen in seiner Antwort. Airbnb

sagte, dass es glaubt, dass China „ein

wichtiger Teil“ seiner Mission ist, Menschen

mit verschiedenen Hintergründen

weltweit zu verbinden.

Marktzugang und Gewinn steuern

Global agierende Unternehmen streben

nach Profit, aber sie müssen auch ihren

Ruf wahren – etwas, auf das sie achten

sollten, wenn sie eine Veranstaltung in

China sponsern. Aber das ist kein Spaziergang

für sie. Nike, H&M und andere

westliche Marken wurden in China mit

einem Boykott konfrontiert, nachdem

sie sich gegen Zwangsarbeit in Xinjiang

ausgesprochen hatten. Auch der Tweet

des damaligen General Managers der

Houston Rockets zur Unterstützung der

Proteste in Hongkong führte zu heftigen

Reaktionen, die Zensur nach sich zogen

und das Geschäft zwischen China und

der NBA gefährdeten.

Der Umgang mit den ethischen Risiken

bei Geschäften in China ist mit großer

Sorgfalt verbunden. Eine Geschäftstätigkeit

in China ist angesichts der derzeitigen

Arbeitsbedingungen riskant.

Frankreich hat beispielsweise eine

Untersuchung darüber eingeleitet, ob

Bekleidungsunternehmen wie Zara,

Skechers und andere von „Verbrechen

gegen die Menschlichkeit durch den

Einsatz von Zwangsarbeitern in China“

profitiert haben. In einer Zeit wie dieser

könnte ein Rückzug sinnvoll sein.

Die Unternehmen könnten alternative

Herstellungswege erkunden. Die Suche

nach Transparenz – die Veröffentlichung

ethischer Standards – ist ebenso

wichtig, da sie dazu beiträgt, dass Handlungen

und Abläufe bei der Ausübung

von Geschäften nachvollziehbar sind.

„In dem Maße, wie ein restriktiveres

Regulierungs- und Governance-System

in allen Bereichen – von chinesischen

Schulen und Universitäten bis hin zu

Unternehmen, Medien und Unterhaltung

– zum Tragen kommt, und zwar

oft abrupt und ohne Einspruchsmöglichkeit,

müssen Investoren in chinesische

Vermögenswerte die Risiken

sorgfältiger abwägen“, schreibt George

Magnus, ehemaliger Chefökonom von

UBS.

Die Reaktionen der Unternehmen auf

China sind unterschiedlich. Einige haben

ihre Tätigkeit mit Widerstand fortgesetzt,

andere haben sich zurückgezogen.

Dann gibt es Unternehmen, die

von China abhängig sind und sich offen

für die chinesischen Standards einsetzen.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit,

dass globale Unternehmen Stellung

beziehen – denn nur gleiche Wettbewerbsbedingungen

können uns weiter

bringen. ■

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

39


Globalisierung

Keine

Angst

vor

China

Von Sonja Scheferling

Wir brauchen die chinesische Wirtschaftsentwicklung

nicht überbewerten, sagt der

Volkswirt und Theologe Joachim Wiemeyer

in unserem Gespräch und sieht Deutschland

nach wie vor als Globalisierungsgewinner.

Entwicklungsländer warnt er aber vor einer

steigenden Schuldenabhängigkeit gegenüber

China.

UmweltDialog: Herr Professor Wiemeyer, der Soziologe Hartmut

Rosa sagt, durch technische Beschleunigung und die Steigerung

unseres Lebenstempos werden unsere Beziehungen zur Außenwelt

und zum Wohnort weniger stabil. Dreht sich die Welt für

manche von uns heute zu schnell?

Prof. Wiemeyer: Worauf bezieht sich denn der Beschleunigungsaspekt

exakt? Das müssen wir zunächst klären. In der

öffentlichen Wahrnehmung haben wir häufig eine Diskrepanz

zwischen technologischer Beschleunigung und der Realität.

Nehmen Sie als Beispiel den vermuteten Anstieg der Arbeitsproduktivität

in den letzten Jahren. Angesichts der Diskussionen

über die Digitalisierung müssten wir sehr schnell durch

den technischen Fortschritt das Wegrationalisieren von Arbeitsplätzen

sehen. Tatsächlich ist die Arbeitsproduktivität der

letzten Jahre sehr gering angestiegen, während die Zahl der

Arbeitsstunden und die Anzahl der Arbeitsplätze zugenommen

haben.

Auch die Dauer der Betriebszugehörigkeit ist in Deutschland

leicht gestiegen. Das heißt, dass Menschen nicht andauernd

ihren Arbeitsplatz wechseln, es sei denn es handelt sich um

Branchen, die insgesamt durch Flexibilität gekennzeichnet

sind; wie das Gaststättengewerbe etwa. Menschen verlassen

40 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Unsere Annahme, dass man Menschen

bei einer wirtschaftlichen Entwicklung,

die auf Innovation und Technologie beruht,

nicht ausschließlich zu freien,

mündigen Unternehmern machen könne,

sondern sie am politischen Entscheidungsprozess

im Sinne eines freien,

mündigen Bürgertums teilhaben lassen

müsse, hat sich bis jetzt noch nicht bewahrheitet.

vor allem wegen des Studiums ihren

Heimatort. Aber ansonsten ist die deutsche

Bevölkerung relativ immobil und

hat ihren Lebensmittelpunkt häufig wenige

Kilometer vom eigenen Geburtsort

entfernt.

Der Politologe Ulrich Menzel definiert

Globalisierung als die Kompression von

Raum und Zeit. Machen wir uns vielleicht

ein falsches Bild von Globalisierung, etwa

als einem sich immer weiter ausdehnenden

Prozess?

Ja, der Prozess der Globalisierung ist ja

nicht naturwüchsig, sondern wurde politisch

gestaltet. Technische Möglichkeiten

wie die Digitalisierung oder die Verbilligung

der Verkehrsströme sind nur

Voraussetzungen, aber letztlich sorgt

der politische Gestaltungswille dafür,

dass Globalisierung tatsächlich durch

eine immer intensivere wirtschaftliche

Verflechtung stattfindet. Diese kann

Foto: jeson / stock.adobe.com

– das zeigt der Krieg in der Ukraine –

auch schnell gestoppt werden.

Der Angriff Russlands auf die Ukraine

und die autokratische Herrschaft Putins

zeigen, dass weltweite wirtschaftliche

Verflechtung eben nicht zu einem automatischen

Ausbreiten freiheitlicher, demokratischer

Grundwerte führt. Wo lag der

Denkfehler?

Nach 1990 lag die Hoffnung in der Globalisierung,

dass man auch mit China

und Russland durch wirtschaftliche

Verflechtung insgesamt weltpolitisch

Gemeinsamkeiten entwickelt. Die

wirtschaftliche Zusammenarbeit sollte

den Wohlstand mehren und durch

Austausch, Reisen und Studien junger

Menschen sollte es zu einer Annährung

der unterschiedlichen politischen

Systeme in Richtung westlicher Werte

wie Menschenrechte und Demokratie

kommen.

Im Falle Chinas ist diese Entwicklung

aber noch offen. Sollten die repressiven

Maßnahmen der jetzigen chinesischen

Regierung die Wirtschaftskraft hemmen

und eine wirtschaftliche Stagnation auslösen,

wird das gesamtgesellschaftliche

Folgen für das Land haben.

Sie argumentieren, dass es einen Zusammenhang

zwischen Rohstoffreichtum und

mangelnder politischer Freiheit und gesamtgesellschaftlichem

Wohlstand gibt.

Wie das?

In Ländern wie Russland, Saudi-Arabien

oder auch in vielen Teilen Afrikas stellen

Rohstoffe diesbezüglich einen Fluch dar.

Hier sind diktatorische Regime durch

den Export von Öl, Gas et cetera reich

geworden, und eine herrschende Gruppe

hat sich jeweils alle wirtschaftlichen

Vorteile gesichert und gibt die Mittel zur

Absicherung ihrer Macht statt zur Entwicklung

des Landes aus.

Wie sich Rohstoffreichtum zum Wohle

aller nutzen lässt, zeigt sich im Gegensatz

dazu in Norwegen. Den Norwegern

ist es durch ihren Staatsfond gelungen,

die Rohstofferlöse der gesamten Bevölkerung

zugutekommen zu lassen.

Das heißt im Umkehrschluss, dass Rohstoffarmut

gesamtgesellschaftlich Vorteile

hat.

Japan und Deutschland etwa sind rohstoffarm.

Beiden Ländern blieb nach

dem Zweiten Weltkrieg nichts anderes

übrig, als in Menschen durch Bildung

zu investieren und auf dem Weltmarkt

hochfertige Qualitätsprodukte anzubieten

und Marktführerschaft zu erlangen.

In unserem Falle sind das Branchen >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

41


Globalisierung

wie der Automobilsektor, der Maschinenbau

oder die chemische Industrie.

Und mit unseren Exporterlösen sind wir

in der Lage, die Rohstoffe zu bezahlen,

die wir benötigen.

Die Globalisierung ist mit dem Versprechen

angetreten, dass freie Märkte den

größten Vorteil für alle bringen. Das wird

zunehmend auch in Industrienationen

hinterfragt. Wie muss eine neue Narration

lauten?

Deutschland als Ganzes gehört ganz

klar zu den Globalisierungsgewinnern.

Wir generieren Exportüberschüsse in

wichtigen Branchen und haben zahlreiche

„heimliche“ Weltmarktführer im

Mittelstand.

Natürlich hat sich durch die Globalisierung

und die Digitalisierung die Wirtschaft

strukturell gewandelt. Auch in

Deutschland haben wir einen großen

Niedriglohnsektor, in dem hauptsächlich

zugewanderte Menschen arbeiten.

Wer heute ein Päckchen von Amazon

bekommt, wird meistens von einem

Fahrer mit Migrationshintergrund beliefert.

Darüber hinaus gibt es natürlich auch

Branchen, die durch Billigexporte oder

internationale Konkurrenz bedroht sind

und in denen Menschen ihren Arbeitsplatz

verlieren. Hier liegen dann die Vorteile

der Globalisierung hauptsächlich

bei den Konsumenten, die ihre Produkte

günstig auswählen können. Wir können

aber die negativen Auswirkungen durch

sozialen Ausgleich weitestgehend kompensieren.

Das ist in den USA so nicht

passiert: Die schwach ausgestaltete

Regionalpolitik kann dort den Strukturwandel

durch wirtschaftspolitische

oder sozialpolitische Maßnahmen nicht

abfedern. Darüber hinaus hat die Mittelschicht

in den vergangenen 20 bis

30 Jahren keinen Einkommenszuwachs

verzeichnet und ist im Gegensatz zur

deutschen geschrumpft.

Damit spricht vieles für ein Modell der

sozialen Marktwirtschaft auf globaler

Ebene.

Foto: Gorodenkoff / stock.adobe.com

Ja, die Mehrzahl der Ökonomen rechnet

die Vorteile des internationalen Handels

aus, enthält sich aber Werturteilen

zur gerechten Verteilung. Wie die Globalisierungsgewinne

verteilt werden,

muss politisch entschieden werden.

Passiert das nicht, können bestimmte

Regionen oder Bevölkerungsgruppen

zu Globalisierungsverlierern werden,

finden sich in sozialen Protestbewegungen

wieder und wählen Politiker wie

Donald Trump.

Chinas Aufstieg wird von vielen argwöhnisch

beäugt. Wir gehen davon aus, dass

der Aufstieg des einen den Abstieg des

anderen bedeuten wird. Sind wir in Europa

nachher am Ende doch die Globalisierungsverlierer?

China hat ein niedrigeres Pro-Kopf-Einkommen

als die meisten europäischen

Länder. Im Vergleich zu Deutschland

hat das Land uns beim Bruttosozialprodukt

nur überholt, weil es 20 Mal so

viele Einwohner hat und deswegen eine

andere Wirtschaftsleistung erbringen

kann. Wachstumsraten von bis zu zehn

Prozent waren zwar beeindruckend,

aber man sollte diese Entwicklung auch

nicht überbewerten, weil die Abstände

im Pro-Kopf-Einkommen zwischen

Deutschland und China nach wie vor

sehr groß sind.

Natürlich versucht China, Unternehmen

wichtiger Schlüsseltechnologien aufzukaufen,

durch massive staatliche Subventionen

und Dumping führender Anbieter

zu werden und andere Länder in

diesen Bereichen abhängig zu machen.

Aber wie groß sind denn beispielsweise

unsere Investitionen dort? Nehmen wir

mal die Automobilindustrie. Jeder namenhafte

Autohersteller betreibt große

Fabriken in China. Gibt es im Gegenzug

einen chinesischen Autobauer in

Deutschland?

42 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Wie kann die Globalisierung darüber hinaus

so gestaltet werden, dass Entwicklungsländer

gleichermaßen an den Gewinnen

beteiligt werden?

Da gibt es zwei Ansatzpunkte: Erstens

muss die interne Struktur in den

Entwicklungsländern für ausländische

Investoren attraktiv sein. Eigene

junge kreative Menschen dürfen am

wirtschaftlichen Engagement nicht gehindert

werden. Komplementär dazu

müssen Infrastruktur und Bildungssysteme

so ausgebaut werden, dass sie

an den wirtschaftlichen Erfordernissen

ausgerichtet sind. Das passiert in vielen

Entwicklungsländern so nicht. Zweitens

müssen die Entwicklungsländer einen

freien Marktzugang ohne Zölle und andere

Handelshemmnisse bekommen.


Deutschland

als Ganzes

gehört ganz

klar zu

den Globalisierungsgewinnern.

Der Weg, den viele afrikanische Länder

gehen, sich von China Infrastrukturen

et cetera finanzieren zu lassen, um unabhängiger

von US-Amerika und Europa

zu sein, ist gefährlich, weil sie dadurch

in eine Schuldenabhängigkeit gegenüber

China geraten. Viele afrikanische

Länder schauen auf das chinesische

Wirtschaftsmodell, weil es dem asiatischen

Land gelungen ist, mehrere 100

Millionen Menschen aus der absoluten

Armut herauszuführen.

Globalisierung bedeutet für die meisten

eine Methode zur Optimierung von Wirtschaftswachstum.

Müssen wir mit Blick

auf Nachhaltigkeit und planetare Grenzen

nicht raus aus dem Hamsterrad?

Globalisierung

Wir müssen generell so wirtschaften,

dass dauerhaft menschliches Leben auf

unserem Planeten möglich ist und jeder

unter menschenwürdigen Verhältnissen

leben kann. Deswegen sind die Nachhaltigen

Entwicklungsziele der UN für

2030 so wichtig, denn es geht auch darum,

dass wir die absolute Armut überwinden

und die bestehenden globalen

Unterschiede zwischen den Ländern

angleichen. Anderenfalls wird es zu

weiteren Migrationsströmen und gesellschaftlichen

Konflikten kommen. Beim

Wirtschaftswachstum als Indikator für

Wirtschaftsleistung müssen wir wiederum

zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern

unterscheiden.

Denn in Entwicklungsländern ist erhebliches

Wirtschaftswachstum notwendig,

um die materielle Armut zu überwinden.

Dabei müssen die Entwicklungsländer

jene umweltschädlichen Phasen überspringen,

die wir in der industriellen Revolution

durchgemacht haben, um unseren

Planeten nicht weiter zu gefährden.

Das erfordert natürlich einen erheblichen

Technologietransfer. In Industrieländern

wie Deutschland lebt die Bevölkerungsmehrheit

im relativen Wohlstand. Hier

kauft man etwa Kleidungsstücke, weil

man sie haben möchte und nicht, weil

man sie unbedingt benötigt. Oftmals werden

sie dann nach kurzer Zeit entsorgt;

Shoppen wird zum Selbstzweck. Hier

stellt sich zu Recht die Frage, ob weiteres

Wirtschaftswachstum den Menschen

mehr Sinn und Lebensqualität bietet.

Vielleicht wären hier Aspekte wie eine

größere Zeitsouveränität durch eine Reduzierung

der Arbeitszeit und Lohnverzicht

geeigneter, um die Lebensqualität

der Menschen zu steigern. ■

Prof. Dr. Joachim Wiemeyer

war bis März 2021 Lehrstuhlinhaber

für Christliche Gesellschaftslehre

an der Katholisch-

Theologischen Fakultät der

Ruhr-Universität Bochum.

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

43


Globalisierung

Schwachstelle Lieferkette?

Das Zusammenspiel der Drehscheiben in den weltweiten Lieferketten

Textilindustrie

POL

CZE

FRA

PRT

AUT

CHE

HUN

ROM

DEU

ITA

SVK

BGR

LTU

SVN

HKG

MLT

FIJ

BRN

SIN

LAO

MON

PHI

HRV

CYP

MAL

SRI

GRC

TUR

RUS

LUX

ESP

IRL

GBR

AUS

PAK

MDV

BEL

THA

CHN

NPL

NLD

IND

NOR

CAM

TAP

SWE

JAP

DNK

KOR

FIN

LVA

VIE

EST

KAZ

KGZ

BRA

IDN

USA

MEX

CAN

BAN

BTN

Kapazitäten von Containerschiffen

im Weltseehandel in den Jahren

1980 bis 2020 (in Millionen dwt)

207

216

228

244

246

253

266

275

169

98

64

11

20

26

44

1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020

Quellen: UNCTAD; Clarkson Research Services

44 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Güter der Informations- und Kommunikationstechnologie

NOR

CZE

DNK

POL

ESP

ROM

SWE

AUT

GBR

ITA

MLT

CHE

FRA

PAK FIJ SRI BAN

MON

LAO

KAZ

KGZ

HKG

CAM

NLD

IRL

CAN

MEX

FIN

HUN

BEL

DEU

RUS

CYP

TUR

CHN

KOR

USA

BRA

BRN

THA

SVN

PRT

SVK

SVK

LVA

EST

LTU

HRV

LUX

GRC

AUS

NPL

IND

BTN

IDN

JPN

TAP

PHI

MAL

MDV

VIE

Quelle: WTO (2019) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Deutschland ist Nummer drei im Welthandel

16

14

12

10

8

6

4

2

0

China

USA

Deutschland

Japan

Frankreich

Großbritannien

Südkorea

Italien

2000

2020

Quelle: WTO; eigene Berechnungen der WELT

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

45


Globalisierung

Kaum ein Betrieb hat

mit einem weltweiten

Lockdown gerechnet

“Überschwemmungen, Cyber-Angriffe oder schwere Fabrikunglücke: Gründe

Von Sonja Scheferling

für Geschäftsunterbrechungen gibt es viele. Um diese zu bewältigen, brauchen

Unternehmen ein effektives Business Continuity Management (BCM).

Wie man ein leistungsfähiges Notfallsystem aufbaut, erläutert Beatrice Maier,

Principal Consultant, Lead Trainer, Auditor bei DNV in unserem

UmweltDialog-Interview. Sie ist Expertin in Sachen Krisenmanagement.

46 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Foto: industrieblick / stock.adobe.com

Wie groß ist die Abhängigkeit von einzelnen

Lieferanten? Können Logistikprozesse

aufrechterhalten werden? Welche

Rohstoffe oder Materialien können

knapp werden? Im Rahmen einer Business

Continuity Impact Analyse müssen

Unternehmen hier vorab kritische Stellen

im Unternehmen und innerhalb der

Lieferketten identifizieren, die zu Unterbrechungen

führen können. Wie sensibel

die Lieferketten sind, auch über die

COVID-Pandemie hinaus, zeigt sich jetzt

wieder anhand der neu entbrannten Diskussion

über ein Lieferkettengesetz.

BCM und ISO 22301 im Fokus

UmweltDialog: Deutschland profitiert

wie kaum ein anderes Land von internationaler

Arbeitsteilung. In der aktuellen

Krisensituation werden nun Stimmen

laut, die den Abbau globaler Lieferketten

fordern und die Produktion ins Inland

zurückholen wollen, um eine kontinuierliche

Versorgung relevanter Produkte zu

sichern. Wie praktikabel ist das?

Beatrice Maier: Aus meiner Sicht kommt

die Industrie heutzutage nicht ohne globale

Lieferketten aus. Es ist wichtig darüber

nachzudenken, in welchem Ausmaß

diese erforderlich sind und wie Unternehmen

sich in Krisenzeiten gegenüber

Produktionsausfällen absichern können.

Das ist generell schon Bestandteil eines

guten Business Continuity Managements.

Laut der ISO 22301 muss dieses

in der Lage sein, die Lieferung von Produkten

und Dienstleistungen innerhalb

eines akzeptablen Zeitraums mit vordefinierter

Kapazität fortzusetzen.

„Mit einem BCM soll sichergestellt werden,

dass die kritischen Geschäftsfunktionen

im Fall interner oder externer

Ereignisse aufrechterhalten oder zeitgerecht

wiederhergestellt werden können.

BCM zielt damit vor allem auf eine Minimierung

der Wirkungen solcher Ereignisse“,

schreibt Risknet. Wie bei jedem

Managementsystem müssen das BCM

in die Unternehmensstrategie verankert

und Verantwortlichkeiten definiert werden.

Ferner gilt es, Krisenszenarien und

deren Auswirkungen zu definieren. Gemäß

einer Business-Continuity-Strategie

müssen Pläne erarbeitet werden, die

„eine Wiederherstellung der geschäftskritischen

Prozesse und Ressourcen in

einer Krisensituation ermöglichen sollen.“

Der ISO-Standard 22301 bündelt die Anforderungen,

ein BCM systematisch >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

47


Globalisierung

zu implementieren und zu lenken. Auf

diese Weise sind Betriebe auf Krisen

und mögliche Betriebsunterbrechungen

vorbereitet, können auf diese reagieren

und nach einem Störungsfall die

Geschäftstätigkeit fortsetzen. Die ISO

22301 deckt die Bereiche Produktion,

Finanzen, Lieferkette, Gesundheit und

Sicherheit ab und ist auf jede Organisation

und Branche anwendbar.

Wie können Managementsysteme helfen,

Krisen wie die Corona-Pandemie zu steuern?

Gute Managementsysteme basieren generell

darauf, dass Unternehmen ihre

IST-Situation ermitteln. Wie stehe ich

finanziell da? Wie sind meine Organisations-

und Personalstrukturen? Wie

ist es um meine Wettbewerbsfähigkeit

bestellt? Wie sieht es in Sachen Umweltschutz

aus? Es geht immer darum, die

jeweiligen Geschäftsbereiche systematisch

zu analysieren und Maßnahmen

zu planen und regelmäßig zu überprüfen,

mit denen vorab definierte Ziele erreicht

werden.

Dasselbe gilt für Krisensituationen:

Hierbei muss vorab geklärt werden,

welche potenziellen Notfallsituationen

ein Unternehmen treffen können. Welchen

Risiken ist das Unternehmen mit

welcher Wahrscheinlichkeit ausgesetzt,

welche Konsequenzen haben diese für

die Geschäftstätigkeit und mit welchen

Maßnahmen können die Betriebsunterbrechungen

vermieden werden? Wie

wird im Falle des Eintretens eines Notfalls

durch vorausschauende Planung

betrieblicher Schaden abgewendet?

Überlegungen, wie im Falle einer Pandemie

vorzugehen ist, sollten bereits seit

der Vogelgrippe Bestandteil eines Managementsystems

sein.

Ich denke, dass nicht alle Unternehmen

auf die aktuelle Krise genügend vorbereitet

waren. Aber weniger im Hinblick

auf den weltweiten „Lockdown“ – kaum

ein Betrieb hat eine Krise dieser Größenordnung

in seine Wahrscheinlichkeitsberechnung

aufgenommen – als

vielmehr im Hinblick auf die Weiterführung

der Geschäfte zum Beispiel im Homeoffice

und die entsprechenden Kon-

48 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

“Es geht immer darum, die jeweiligen

Geschäftsbereiche systematisch zu analysieren

und Maßnahmen zu planen und regelmäßig zu

überprüfen, mit denen vorab definierte Ziele

erreicht werden.

sequenzen. Denn aus Sicht von Business

Continuity schließen sich hier wichtige

Fragen an: Sind Hard- und Software verfügbar,

sind die IT- und Datensicherheit

sowie der Schutz vor Cyber-Angriffen

ausreichend?

DNV unterstützt Unternehmen im Bereich

Business Continuity auf unterschiedliche

Arten. Beispielsweise bieten Sie Ihren

Kunden und Kundinnen Remote-Audits,

zahlreiche Informationen über Newsletter

und Webinare an oder führen (online)

Workshops durch. Was machen Sie auf

dem Gebiet außerdem?

Wir führen Zertifizierungen nach ISO

22301 durch. Aufgrund der aktuellen

Situation machen wir das bis zu einem

Foto: Siwakorn1933 / stock.adobe.com

bestimmten Punkt auch online. Je nach

Zertifikat müssen wir die Ergebnisse zu

einem späteren Zeitpunkt dann vor Ort

verifizieren.

Für die Kunden, die wir nicht zertifizieren,

bieten wir außerdem zahlreiche

Assessment-Services an, um die Stabilität

ihrer Krisenmanagements zu beurteilen.

Wo sind Lücken in der Ausführung?

Wo müssen Pläne nachgebessert

werden? Wie kommen die Unternehmen

nach einer Krise wieder in den Normalbetrieb?

Um ein aktuelles Beispiel zu

nennen: Unternehmen müssen sich

aufgrund des Corona-Virus Gedanken

über ihr Infektionsrisikomanagement

machen, um vorschriftsmäßig die Gesundheit

von Mitarbeitern und Kunden

zu schützen und ihre Geschäftstätigkeit

weiterführen zu können. Hierzu bieten

wir mit unserem Service „Reifegradbeurteilung

des Managements von Infektionsrisiken“

eine unabhängige Beurteilung

an. Neben einem ausführlichen

Ergebnisbericht und der Reifegraderklärung

kann das My-Care-Label zur

Kommunikation und zum Aufbau von

Vertrauen mit Kunden und Mitarbeitern

genutzt werden.

Über Ihre Homepage können Interessierte

außerdem ein kostenloses Online-Self-

Assessment machen, das Auskunft über

den Reifegrad ihres BCM gibt. Wie funktioniert

das?

Das Selbstbewertungs-Tool basiert auf

weltweiten Best Practices und den Anforderungen

der ISO 22301. Es ist Teil

unseres Online-Self-Assessment-Portals,

das verschiedene Standards abdeckt. Bei

der Durchführung müssen die User Fragen

zu Themen wie Führung, Risikomanagement,

Produktlebenszyklus, Kommunikation

oder Managementsystemen

beantworten und erhalten dann einen

Statusbericht über ihr BCM. Dieser kann

als PDF ausgedruckt werden. Wer Interesse

hat, kann im Nachgang dazu mit

unseren Experten über Verbesserungspotenziale

für sein BCM sprechen.

Vielen Dank für das Gespräch! ■

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

49


Advertorial

Globalisierung

Weit verzweigt und

nachhaltig integriert –

die globale

Lieferkette

von Symrise

Die Produkte von Symrise schaffen begeisternde

Geschmacks- und Dufterlebnisse, verbessern

die Eigenschaften von Nahrungsmitteln und

tragen zu Gesundheit und Wohlbefinden

bei – in über 150

Ländern weltweit. Konsequente

Kundenorientierung, hohe

Innovationskraft und die

gezielte Expansion in

neue Märkte bilden

die Grundlagen für

nachhaltiges, profitables

Wachstum.

Die rund 34.000 Produkte des Unternehmens

entstehen zum Großteil auf Basis

natürlicher Rohstoffe wie Vanille, Zitrus,

Zwiebeln, Fisch, Fleisch oder Blütenund

Pflanzenmaterialien und stammen

von allen Kontinenten. Diese Aromen,

Wirkstoffe, Parfümöle und sensorischen

Lösungen bilden in der Regel zentrale

funktionale Bestandteile in den Endprodukten

der Kunden. Zu ihnen gehören

Parfüm-, Kosmetik- und Lebensmittelhersteller,

die pharmazeutische Industrie

sowie Produzenten von Nahrungsergänzungsmitteln,

von Heimtierfutter und

Babynahrung. Der Konzern mit Sitz in

Holzminden ist mit mehr als 100 Standorten

in Europa, Afrika und dem Nahen

sowie Mittleren Osten, in Asien, den USA

sowie in Lateinamerika vertreten.

Derart komplexe Lieferketten langfristig

nachhaltig aufzustellen, bringt besondere

Herausforderungen mit sich.

Wesentlichkeit im Fokus: Verantwortungsvolle

Beschaffung

Foto: Nikolaus Urban / Symrise

Ein zentrales Thema der unternehmerischen

Tätigkeit von Symrise bildet die

verantwortungsvolle Beschaffung der

eingesetzten Rohstoffe. Symrise kann

nur so gut agieren wie seine Zulieferer.

Die weit verzweigten Lieferketten beginnen

oft bei Kleinbauern. Umso mehr Bedeutung

besitzen daher die Rahmenbedingungen

für die verantwortungsvolle

Beschaffung der Rohstoffe. Insgesamt

arbeitet Symrise mit mehr als 5.000

Lieferanten zusammen. Das umfasst die

Rohstoffbeschaffung sowie die Nutzung

von Dienstleistungen.

50 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Gleichzeitig ergeben sich für Symrise

Chancen. Denn mit enger und zukunftsgerichteter

Zusammenarbeit lassen sich

Lieferantenbeziehungen nachhaltig stärken

und Partnerschaften langfristig

fördern. Um das sicherzustellen, hat

Symrise die Rahmenbedingungen für

verantwortungsvolle Beschaffung in einer

Beschaffungsrichtlinie und einem

Verhaltenskodex festgelegt, der für alle

Lieferanten gilt. Für diese Einbindung

seiner Lieferanten schaffte es Symrise

2020 erstmals im CDP-Rating auf das

Supplier Engagement Leaderboard.

Sorgfalt walten lassen

Als im Juli 2021 das Sorgfaltspflichtengesetz

in Kraft trat, das die Verantwortung

deutscher Konzerne für Menschenrechte

und Umweltschutz entlang der

globalen Lieferkette regelt, hatte sich

Symrise gut vorbereitet. Denn bereits

im April hatte sich das „Responsible

Sourcing Steering Committee“ (RSSC)

gegründet, in dem die Nachhaltigkeitsabteilung

mit den Einkaufsleitern der

Geschäftsbereiche zusammenarbeitet.

Das Gremium soll Rohstofflieferanten

und die indirekten Zulieferer wie Dienstleister

oder Packmittellieferanten auf

Chancen und Risiken in Sachen Nachhaltigkeit

evaluieren. Es legt die Prozesse

für die Lieferantenbewertungen, die entsprechenden

Maßnahmen sowie die Einbettung

der Bewertungskriterien in die

Unternehmensprozesse fest. Auf diese

Weise lassen sich Lieferketten resilienter

machen und Symrise nimmt seine

Verantwortung in diesem Kontext wahr.

In Sichtweite: 100 % der

Lieferanten nach Nachhaltigkeitskriterien

bewertet

Symrise will seine Lieferketten weiter

und fortlaufend nachhaltiger gestalten –

sozial wie ökologisch. Deshalb hat sich

das Unternehmen zum Ziel gesetzt, bis

2025 alle Lieferanten (Rohstoffe und

Dienstleistungen) nach Nachhaltigkeitskriterien

zu bewerten. Außerdem soll

sich die Zahl der Lieferanten erhöhen,

die sich im Rahmen des „CDP Supply

Chain“-Programms eigene Umweltziele

setzen. Darüber hinaus strebt der Konzern

bis 2025 die 100 Prozent nachhaltige

Beschaffung von strategischen Agrarund

Aquakultur-Rohstoffen an.

Gemeinsam Lieferketten gestalten

Weil sich viele Prozesse in der Beschaffung

nur gemeinsam abbilden lassen,

beteiligt sich Symrise an gemeinsamen

Initiativen für verantwortungsvolle Beschaffung.

Dazu gehört auch die Initiative

für nachhaltige Agrarlieferketten

(INA), in der sich 34 Organisationen

und Unternehmen zusammengeschlossen

haben, um das geplante deutsche

Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz zu

bewerben. Dieses hat der Bund im Jahr

2021 beschlossen, um den Schutz der

Menschenrechte entlang globaler Lieferketten

zu verbessern.

Weiter engagiert sich Symrise seit März

2021 in der internationalen Initiative

AIM-Progress (Association des Industries

de Marque). Dazu gehören Konsumgüterhersteller

und Zulieferer, die sich

für Nachhaltigkeit und die Einhaltung

der Menschenrechte in der Lieferkette

einsetzen. Neben Symrise unterstützen

zahlreiche Unternehmen die Initiative.

AIM-Progress bietet ein Forum für Austausch,

gegenseitige Anerkennung von

Audits, Fortbildungen und Vernetzung.

Mehr und mehr Unternehmen will

Symrise zum kollaborativen Austausch

von Lieferantendaten in die SEDEX- oder

EcoVadis-Plattformen einladen, um einen

immer besseren Überblick über

deren Nachhaltigkeitswirken zu bekommen.

Das RSSC wird darüber hinaus zum

Beispiel die Rohstofflieferanten weiter

auffordern, am CDP-Supply-Chain-Programm

teilzunehmen. Das machen die

Holzmindener schon seit fünf Jahren. Im

Jahr 2021 haben sich so 60 Prozent der

Lieferanten, die Symrise angeschrieben

hat, an den Programmen für den Schutz

von Klima, Wasser und Wald beteiligt.

Mehr als 70 Prozent der Zulieferer haben

bereits Klimaziele definiert, die

damit verbundenen Maßnahmen haben

drei Millionen Tonnen CO 2

eingespart.

Nachhaltig bewertet

Auch Analysten und Investoren achten

verstärkt auf nachhaltig integrierte Lieferketten

im globalen Kontext. Die Ratingagentur

EcoVadis hat Symrise 2021

nach sieben Gold-Medaillen erstmals

den Platin-Status für seine nachgewiesene

Nachhaltigkeitsleistung verliehen.

Mit einem Score von 75/100 gehört es

damit zu den ein Prozent der von Eco-

Vadis am besten bewerteten Unternehmen.

EcoVadis beurteilt Unternehmen

weltweit in den vier Dimensionen Umwelt,

Soziales, Ethik und Nachhaltigkeit

in der Lieferkette. Zudem nutzt Symrise

die EcoVadis-Datenbank zur Bewertung

der Nachhaltigkeitsperformance seiner

Lieferanten. Gemäß seiner Responsible

Sourcing Policy fordert das Unternehmen

seine Geschäftspartner, die EcoVadis

mindestens mit „Bronze“ eingestuft hat,

dazu auf, den Gold-Status anzustreben.

Die Einstufung eines Lieferanten unterhalb

der Bronze-Kategorie kann zur

Beendigung der Geschäftsbeziehung

führen.

Für Herausforderungen gerüstet

Nachhaltig integrierte Lieferketten in

einer globalen Gesellschaft können

auch in Zeiten helfen, in denen sich die

Rahmenbedingungen plötzlich ändern.

So geschehen während der Corona-Pandemie.

Die Lieferketten haben sich in

vielen Bereichen sehr fragil gezeigt, was

Symrise dank seiner jahrelangen Bemühungen

um eine nachhaltige Rückwärtsintegration

seiner wichtigsten Rohstoffe

ausgleichen konnte. Die Produktion lief

weiter, was wiederum allen Beteiligten

entlang der Lieferkette zugutekam.

Die genannten Beispiele belegen, dass

Symrise Nachhaltigkeit zum integralen

Bestandteil seiner unternehmerischen

Tätigkeit gemacht hat. Die Rohstoffbeschaffung

bildet eines der zentralen

Themen, die das Unternehmen über verschiedene

Maßnahmen steuert. ■

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

51


Globalisierung

Was kann ein kleines Unternehmen

schon bewirken?

Fotos: RHJ / stock.adobe.com

Seltene Erden sind wichtiger Bestandteil vieler

moderner Produkte wie Smartphones oder auch

Windräder. In China erfolgt der Abbau allerdings

oft unter eher schlechten Arbeitsbedingungen.

Mit diesen Problemen in seiner Lieferkette wurde

auch das mittelständische Unternehmen Haas &

Co. Magnettechnik konfrontiert – und fand einen

pragmatischen Ansatz zur Lösung.

Von Elena Köhn

Wer ein Smartphone, einen Computer

oder ein Elektroauto sein Eigen nennt,

besitzt auch sogenannte Seltene Erden.

Denn diese Metalle sind essenzielle Materialien

für viele Hightechprodukte. Die

größten derzeit bekannten Vorkommen

der Seltenen Erden liegen in China, berichtet

der Bayerische Rundfunk. Mit

einem Marktanteil von rund 90 Prozent

der globalen Produktion habe das Land

damit eine Monopolstellung. Zwar gebe

es auch in anderen Ländern Vorkommen

Seltener Erden. Diese seien aber

zu gering, weshalb sich der Abbau nicht

lohnt. Der Abbau und die Verarbeitung

der Metalle in China sind allerdings mit

menschenrechtlichen und ökologischen

Risiken verbunden.

52 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Diese Erfahrung machte auch Haas & Co.

Magnettechnik. Dass Menschenrechte in

der Lieferkette auch für den deutschen

Mittelständler ein Thema sind, wurde

Christopher Haas allerdings erst richtig

klar, als das Unternehmen für einen

Kunden ein Nachhaltigkeitsaudit absolvieren

musste. Für die Herstellung der

Magnete, die nicht nur in Smartphones

und E-Autos, sondern auch in Windrädern

zum Einsatz kommen, benötigt

das etwa 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

starke Unternehmen nämlich

das seltene Erdenmetall Neodym. Dieses

wird unter schwierigen Bedingungen gewonnen:

„In den Minen verwenden die

Arbeiter Säuren, um den Rohstoff aus

dem Gestein zu waschen, wodurch radioaktives

Thorium freigesetzt wird“, erklärt

Geschäftsführer Christopher Haas

im Interview mit dem Online-Magazin

Markt und Mittelstand. „Das ist nicht nur

eine Belastung für die Umwelt, sondern

auch für die Arbeiter, da sie oft keine

ausreichende Schutzkleidung haben.“

Große Herausforderungen …

2011 nahm Haas & Co. seine Lieferkette

daher genauer unter die Lupe und identifizierte

zunächst mithilfe eines Mappings

die wichtigsten menschenrechtlichen

Risiken im Zusammenhang mit

seiner Geschäftstätigkeit. Dies bestätigte,

dass die größten Herausforderungen

im Bereich der Lieferketten liegen. Gegenüber

seinen direkten Lieferantinnen

und Lieferanten hat das KMU bereits

die Achtung der Menschenrechte in den

Einkaufsbedingungen festgeschrieben.

Der Mittelständler überprüft zudem

durch regelmäßige Besuche, ob die Anforderungen

auch eingehalten werden

und sucht dabei auch immer den direkten

Austausch mit seinen Geschäftspartnerinnen

und -partnern.

Bei einem seiner chinesischen Zulieferbetriebe

stellte Haas & Co. schließlich

Handlungsbedarf fest. Die mangelhaften

Arbeitsbedingungen machten sich auch

bei der Qualität der Produkte bemerkbar.

So hatte dieser Zulieferbetriebe zeitweise

mit Fluktuationsraten im Bereich Personal

von bis zu 40 Prozent zu kämpfen.

Der Grund: Rund um das chinesische

Neujahrsfest kehren Wanderarbeitende

oft gar nicht zu ihrer alten Arbeitsstelle

zurück, sondern suchen sich eine neue

Anstellung mit besseren Bedingungen.

Hieraus entstanden messbare Qualitätsprobleme

der importierten Waren und

erhöhte Kosten für Reklamationen und

Neuproduktionen.

… pragmatische Lösungen

Haas & Co. musste also Herausforderungen

angehen, die selbst für große Unternehmen

mitunter schwer lösbar sind.

„Es ist zwar im Moment nicht möglich,

bei Magneten eine komplett saubere

Lieferkette zu haben, aber wir können

dennoch einige Dinge umsetzen, um

die Bedingungen zu verbessern“, meint

Haas. Im Falle der chinesischen Fabrik,

die mit hoher Fluktuation zu kämpfen

hatte, regte das mittelständische Unternehmen

zum Beispiel verschiedene

Maßnahmen zur Verbesserung des Arbeitsschutzes

an. So baute der Lieferant

etwa Notschalter in Maschinen ein und

setzte die Unterkünfte der Wanderarbeiterinnen

und Wanderarbeiter instand.

Außerdem wurde Arbeitsschutzkleidung

zur Verfügung gestellt und den

Arbeiterinnen und Arbeitern angepasst.

Dank der besseren Arbeitsbedingungen

zeigten sich auch schnell Verbesserungen

im Betrieb: Die Fluktuation konnte

auf rund zehn Prozent gesenkt werden.

Dadurch stiegen die Produktivität und

Produktqualität, die Kosten wiederum

sanken. Die Investitionen in bessere

Arbeitsbedingungen lohnten sich also

auch wirtschaftlich für den Zulieferbetrieb,

weiß Haas. „Das war ein wichtiges

Argument für das Unternehmen,

um die Verbesserungen auch wirklich

umzusetzen.“

Um Transparenz gegenüber seinen Kundinnen

und Kunden zu schaffen, spricht

Haas & Co. zudem proaktiv an, wo (noch)

keine Verbesserungen möglich sind.

Damit möchte das mittelständische Unternehmen

entlang der gesamten Wertschöpfungskette

das Bewusstsein für

Menschenrechtsthemen schärfen, um

so langfristig und partnerschaftlich auf

Verbesserungen hinzuwirken. Die Umsetzung

der CSR-Maßnahmen hat aber

auch zahlreiche positive Auswirkungen

auf Haas & Co. selbst. Zum einen wird

das KMU damit seiner gesellschaftlichen

Verantwortung gerecht. Zum anderen

profitiert das Unternehmen finanziell

langfristig durch die Gewinnung von

Neukunden und Neukundinnen, denen

soziale Nachhaltigkeit und Menschenrechte

– nicht zuletzt auch aufgrund

steigender gesetzlicher Anforderungen

– wichtig sind. ■

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

53


Globalisierung

Am Lieferkettengesetz

führt kein Weg vorbei

Von Ulrich Klose und Milena Knoop

Grafik: merklicht.de / stock.adobe.com

54 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz

tritt erst

nächstes Jahr in Kraft, wird

aber bereits intensiv diskutiert.

Kritisiert wird einerseits,

dass es nur für sehr große

Unternehmen gelten soll,

andererseits bemängeln

Wirtschaftsverbände den

bürokratischen Aufwand.

Wenig beachtet wird, dass

Auftraggeber:innen nun auch

in Deutschland intensiver als

bislang auf umwelt- und menschenrechtliche

Risiken bei

ihren Zulieferbetrieben achten

müssen.

Bereits seit 2011 müssen Unternehmen

grundsätzlich auf die Einhaltung

der Menschenrechte in ihren Lieferketten

achten. Dazu verpflichten die

UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte (UNLP) ihre Mitgliedsstaaten,

darunter auch Deutschland.

Sonderlich erfolgreich waren die Bemühungen

der Bundesregierung in dieser

Hinsicht aber nicht. Zwar sah der 2016

verabschiedete Nationale Aktionsplan

Wirtschaft und Menschenrechte (NAP)

nach Angaben des Bundesministeriums

für Arbeit und Soziales vor, „dass bis

2020 mindestens die Hälfte aller Unternehmen

in Deutschland mit mehr als

500 Beschäftigten die im NAP beschriebenen

Elemente menschenrechtlicher

Sorgfalt in ihre Unternehmensprozesse

integriert haben.“ Allerdings ergab eine

Befragung zur Umsetzung der NAP-Ziele,

dass nicht einmal 20 Prozent der Unternehmen

dieser Pflicht ausreichend

nachkommen.

Für mehr Verbindlichkeit soll deswegen

nun das „Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz“

sorgen. Es tritt nächstes Jahr für

Betriebe mit mehr als 3.000 Beschäftigten

in Kraft. Laut Bundesministerium

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung soll es dazu beitragen,

die Einhaltung grundlegender Menschenrechtsstandards

sowie das Verbot

von Kinderarbeit und Zwangsarbeit in

den globalen Lieferketten durchzusetzen.

Große Unternehmen müssen dann

erkannte Menschenrechtsverletzungen

und Umweltzerstörungen im eigenen

Geschäftsbereich unverzüglich abstellen.

Bei unmittelbaren Zulieferbetrieben

muss wiederum ein Plan zur schnellstmöglichen

Beseitigung und Minimierung

der Verstöße erstellt werden. Bei

mittelbaren Zulieferbetrieben müssen

Auftraggeber:innen anlassbezogen tätig

werden.

Auf die letztendlich etwa 3.000 vom

Gesetz betroffenen Unternehmen – ab

2024 greift es bereits ab 1.000 Mitarbeitenden

– kommen damit neue Aufgaben

zu. Im Wesentlichen bestehen diese laut

Initiative Lieferkettengesetz darin, ein

Risikomanagement einzurichten, regelmäßig

Risikoanalysen zu möglichen

Menschenrechts- und Umweltverstößen

in der Lieferkette zu erstellen, ein Beschwerdeverfahren

einzurichten und

die Sorgfaltspflichtaktivitäten zu dokumentieren.

Wirtschaftsverbände beklagen

bürokratischen Aufwand

Darüber, wie stark die Belastungen für

die Wirtschaft werden und wie groß

der Nutzen des Gesetzes ist, gehen die

Meinungen auseinander. Die Initiative

Lieferkettengesetz, ein Bündnis von

mehr als 125 Organisationen, hebt hervor,

dass zum ersten Mal ein Gesetz in

Deutschland Unternehmen dazu verpflichte,

„Verantwortung für die Menschen

in ihren Lieferketten zu übernehmen“,

wie Koordinatorin Johanna Kusch

sagt. Sie kritisiert aber auch: „Das Gesetz

umfasst zu wenige Unternehmen

und macht zu viele Ausnahmen bei den

Sorgfaltspflichten. Es verweigert Betroffenen

den Anspruch auf Schadensersatz

und setzt leider kein Zeichen für den Klimaschutz

in Lieferketten.“

Skeptischer zeigen sich Unternehmensund

Wirtschaftsvertreter:innen. Das

Gesetz stelle „die Unternehmen unter

Generalverdacht und bürdet ihnen unnötig

Bürokratie auf“, beklagt etwa Thilo

Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des

Maschinen- und Anlagenbauverbands

VDMA. Er spricht sich für eine europäische

Regelung der Problematik aus. Felix

Pakleppa, Hauptgeschäftsführer des

Zentralverbands Deutsches Baugewerbe

(ZDB), warnt besonders vor Folgen für

die eigentlich gar nicht direkt adressierten

kleinen und mittleren Unternehmen.

Großunternehmen könnten ihre Lieferkettenverantwortung

auf die KMU abwälzen.

Diesen drohe dann durch neue

Dokumentations- und Berichtspflichten

die Überlastung.

In der Tat seien KMU mittelbar durch

das Lieferkettengesetz betroffen, bestätigt

Ceren Yildiz, wissenschaftliche

Mitarbeiterin „Umweltschutz in Lieferketten“

beim BUND, UmweltDialog

auf Nachfrage. Sie unterlägen aber >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

55


Globalisierung

Internationale Gesetze mit Fokus auf

Menschenrechte

Verschiedene internationale Gesetze regeln bereits

bestimmte Bereiche menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht.

Etwa beim Thema Konfliktmineralien.

So ist die EU-Verordnung, die sicherstellen soll,

dass die Mineralien Zinn, Tantal, Wolfram und Gold

aus konfliktfreien Quellen bezogen werden, seit

Januar 2021 in Kraft. In den USA wurde dazu 2010

der „Dodd-Frank Act“ verabschiedet, der ebenfalls

zum Ziel hat, die verantwortungsvolle Gewinnung

von mineralischen Rohstoffen zu fördern.

In Frankreich gibt es mit dem „Loi sur le Devoir de

Vigilance“ bereits seit 2017 ein Gesetz zur Umsetzung

der UN-Leitprinzipien, das bestimmte ökologische

und soziale Sorgfaltspflichten für große Unternehmen

verbindlich regelt. In den Niederlanden gibt

es seit 2019 das „Child Labour Due Diligence Law“,

das Unternehmen dazu verpflichtet, Kinderarbeit in

ihren Lieferketten zu verhindern.

Der 2021 in Norwegen verabschiedete „Transparency

Act“ verpflichtet Unternehmen ebenfalls dazu,

Sorgfaltspflichten im Hinblick auf Menschenrechte

und menschenwürdige Arbeit in der gesamten

Wertschöpfungskette zu erfüllen. Er gilt auch für

nicht in Norwegen ansässige Unternehmen, wenn

diese etwa Produkte oder Dienstleistungen dort

anbieten.

Der britische „Modern Slavery Act“ wiederum ist

seit 2015 in Kraft und verlangt von Unternehmen,

Informationen darüber zu veröffentlichen, wie sie

moderne Sklaverei in ihren Lieferketten vermeiden.

Sofern deutsche Unternehmen einen bestimmten

Anteil ihres Umsatzes durch Aktivitäten in Großbritannien

erwirtschaften, gilt das Gesetz auch für sie.

In Australien gibt es seit 2018 auch einen „Modern

Slavery Act“, der dem britischen Gesetzt ähnelt.

nicht der gleichen behördlichen Kontrolle

und Durchsetzung und müssten

nicht dieselben Auskunfts- und Risikomanagementpflichten

erfüllen.

Mittelständische Unternehmen wünschen

sich Rechtssicherheit

Anders als es die großen Verbände

darstellten, nehme er gerade bei mittelständischen

Unternehmen Unterstützung

für die Ziele des Gesetzes wahr,

merkte dagegen Friedel Hütz-Adams,

wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der

ökumenischen Organisation Südwind

e.V., kürzlich gegenüber der Presse an.

Die Unternehmen forderten vor allem

Rechtssicherheit. Denn derzeit verfügten

sie nicht über ausreichend Möglichkeiten,

ihrerseits ihre Zulieferer zu

kontrollieren. Zu mehr Gelassenheit

rät auch der Unternehmensberater und

ehemalige Menschenrechtsbeauftragte

der Bundesregierung Markus Löning im

Interview mit der taz: „Firmen werden

sich zusammenschließen, um Standardverfahren

zu entwickeln, die dem einzelnen

Unternehmen einen Teil der Arbeit

abnehmen. Branchenverbände arbeiten

an solchen Lösungen, wir ebenso.“

Im Sinne der Rechtssicherheit bringt

das Lieferkettengesetz tatsächlich einige

Verbesserungen, hebt die Initiative Lieferkettengesetz

hervor. Unternehmen,

die von Menschenrechtsverletzungen

56 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

in ihrer Lieferkette erfahren, könnten

nun das zuständige Bundesamt für

Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA)

zum Eingreifen veranlassen. Dieses

kann konkrete Maßnahmen anordnen.

Sogar Zwangsgelder von bis zu 50.000

Euro sind möglich. Bei wiederholten

Verstößen können Betriebe sogar für

drei Jahre von öffentlichen Aufträgen

ausgeschlossen werden.

Auch deutsche Lieferketten müssen

kontrolliert werden

In Deutschland ansässige Unternehmen

müssen sich nun also mehr Gedanken

über ihre Lieferketten machen – und

zwar auch über die inländischen Zulieferbeziehungen.

Denn auch wenn globale

Lieferketten – wie etwa für Kakao,

Aluminium oder Kleidung – in menschenrechtlicher

Hinsicht besonders

problematisch sind, herrscht auch in der

Bundesrepublik keineswegs eitel Sonnenschein.

Die Initiative Lieferkettengesetz

nennt unter anderem die Arbeitsbedingungen

in der Fleischindustrie, die

schlechtere Bezahlung von Frauen sowie

die Arbeitsbedingungen und das Lohndumping

in der Logistikbranche.

Heißt das konkret, dass deutsche Unternehmen,

die für ihre Kantine Lebensmittel

eines Fleischverarbeiters beziehen,

der wegen seiner schlechten Arbeitsbedingungen

ins Gerede gekommen ist,

nun eingreifen müssen? Ja, sagt Ceren

Yildiz zu UmweltDialog: „Menschenrechtsbezogene

Pflicht bedeutet für

Unternehmen, dass sie menschenrechtlichen

Risiken vorzubeugen haben oder

die Verletzung von Menschenrechten

zu minimieren oder zu beenden haben.

Diese Maßgabe gilt für den eigenen Geschäftsbereich,

den der Zulieferer und

bei substantiierter Kenntnis auch für

mittelbare Zulieferer.“ So sei es in Paragraph

2 des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes

geregelt. Sofort abgebrochen

werden muss die Geschäftsbeziehung

gemäß Paragraph 7 nicht. Scheiterten

Verbesserungsbemühungen aber, könne

auch dieser Schritt nötig werden. ■

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

57


Globalisierung

Der existenzsichernde

Lohn: Mehr als der

Mindestlohn

Von Ribhu Singh

Wie viel Lohn ist genug Lohn? Eine brennende

Frage seit den Tagen der industriellen Revolution

um 1700, als Arbeit zu einer Ware wurde.

58 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Fotos: Hyejin Kang / stock.adobe.com

Die Frage, wie viel Lohn für die geleistete

Arbeit angemessen ist, ist seit Jahrhunderten

Gegenstand von Debatten in

Vorstandsetagen und von Gesprächen

beim Abendessen zwischen Arbeitgebern,

politischen Entscheidungsträgern

und Wirtschaftswissenschaftlern. Die

Frage der angemessenen Entlohnung

ist nach wie vor ein klassischer Fall, bei

dem es um die Frage geht, wie lang ein

Stück Schnur wirklich ist.

Die Global Living Wage Coalition (GLWC)

definiert den existenzsichernden Lohn

als „das Entgelt, das ein Arbeitnehmer

an einem bestimmten Ort für eine

normale Arbeitswoche erhält und das

ausreicht, um dem Arbeitnehmer und

seiner Familie einen angemessenen Lebensstandard

zu bieten“. Andererseits

ist der Mindestlohn ein Begriff, der die

niedrigste Vergütung pro Stunde bezeichnet,

die einem Arbeitnehmer nach

den gesetzlichen Bestimmungen gezahlt

werden darf. Er ist lediglich der Ausgangspunkt,

um zu bestimmen, wie viel

einem Arbeitnehmer für seine Arbeit

gezahlt werden kann. Er berücksichtigt

nicht die Art des Lebensstils, den sich

ein solcher Lohn leisten und erhalten

kann. Das Konzept des existenzsichernden

Lohns geht über den Mindestlohn

hinaus. Es geht einen Schritt weiter und

untersucht, ob sich ein Arbeitnehmer

mit dem für seine Arbeit gezahlten Lohn

einen angemessenen Lebensstandard

leisten kann.

Da die Lebensbedingungen in den verschiedenen

Teilen der Welt unterschiedlich

sind, stellt sich die Frage, wie wir

bestimmen können, was ein angemessener

Lebensstil ist, ohne Gefahr zu laufen,

anmaßend zu sein. Richard Anker und

Martha Anker, Wirtschaftswissenschaftler

und Begründer der Anker-Methodik,

argumentieren, dass „Subjektivität kein

Hindernis für die Akzeptanz wirtschaftlicher

Konzepte ist”. Sie behaupten, dass

die meisten wirtschaftlichen Konzepte

teilweise auf Subjektivität beruhen, die

subjektive Faktoren wie das Bruttoinlandsprodukt

(BIP), Arbeitslosigkeit und

Armut berücksichtigen.

Bestimmung des existenzsichernden

Lohns

Der GLWC hat die Anker-Methode als

Standard für die Schätzung des existenzsichernden

Lohns festgelegt. Nach

der Anker-Methode beruht der Test für

den existenzsichernden Lohn auf zwei

Komponenten. Die erste Komponente besteht

in der Schätzung der Kosten einer

grundlegenden, aber angemessenen Lebensweise

für einen Arbeitnehmer und

seine Familie an einem bestimmten Ort.

Zweitens muss festgestellt werden, ob

der geschätzte existenzsichernde Lohn

den Arbeitnehmern auch gezahlt wird.

Um die Kosten für einen grundlegenden,

aber angemessenen Lebensstil für

Arbeitnehmer zu ermitteln, werden die

Lebenshaltungskosten in drei Kategorien

eingeteilt, nämlich Nahrungsmittel,

Wohnung und andere wesentliche

Bedürfnisse. Die Lebensmittelkosten

werden auf der Grundlage einer kostengünstigen,

nahrhaften Ernährung

ermittelt, die den Empfehlungen der

Weltgesundheitsorganisation (WHO)

und den lokalen Lebensmittelpräferenzen

entspricht. Auch die lokalen

Lebensmittelpreise werden berücksichtigt.

Die lokalen Wohnkosten werden

auf der Grundlage internationaler und

lokaler Standards für Anstand und

Würde geschätzt und von den lokalen

Wohnungsbehörden mitgeteilt. Die Ankler-Methode

verwendet eine Extrapolationsmethode,

um die Kosten für andere

Grundbedürfnisse wie Gesundheitsversorgung,

Bildung und Transport zu ermitteln.

>>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

59


Globalisierung

Um den geschätzten existenzsichernden

Lohn zu ermitteln, werden die geschätzten

Gesamtkosten für einen angemessenen

Lebensstandard für eine typische

Familie auf die für diesen Ort typische

Anzahl von Vollzeitbeschäftigten pro Familie

umgelegt.

Das Konzept des existenzsichernden

Lohns befasst sich mit der Frage, ob das

Entgelt ausreicht, um die Haushaltskosten

zu decken und eine Familie zu ernähren,

im Gegensatz zum Mindestlohn,

der lediglich vorschreibt, wie hoch das

Grundentgelt sein sollte, ein rechtliches

Konstrukt mit Gesetzeskraft, so Anker

& Anker. In der Vergangenheit haben

viele Arbeitgeber die Mindestlöhne so

niedrig wie möglich angesetzt, um große

Gewinnspannen zu erzielen und gleichzeitig

die gesetzlichen Bestimmungen

einzuhalten, was jedoch zu Lasten der

Arbeitnehmer ging.

Auseinandersetzung mit

ausbeuterischen Arbeitspraktiken

Der Mindestlohn wird häufig von politischen

Motiven und den Interessen

der politischen Entscheidungsträger

bestimmt. Die Regierungen formulieren

ihn, um konkurrierende Interessen

auszugleichen, die Armut zu verringern

und sicherzustellen, dass die Bedürfnisse

der Haushalte ausreichend gedeckt

sind. Außerdem wollen sie die Beschäftigung

und das Wirtschaftswachstum

ankurbeln. Der existenzsichernde Lohn

ist für Arbeitgeber nicht gesetzlich vorgeschrieben,

so dass die Arbeitnehmer

für ausbeuterische Arbeitspraktiken anfällig

sind.

Das Mindestlohnübereinkommen der Internationalen

Arbeitsorganisation (IAO)

dient Regierungen, Interessenvertretern

und der Öffentlichkeit als Leitfaden für

Grundlegendes

und oberstes Ziel

ist es, den

Arbeitnehmern

einen Mindestlohn

zu sichern, der

ihnen und ihren

Familien einen zufriedenstellenden

Lebensstandard

ermöglicht.

die Ableitung geeigneter Schätzungen

des existenzsichernden Lohns, wenn

Verhandlungen über die Festsetzung

des Mindestlohns geführt werden. In

Teil (a) des Übereinkommens wird ausdrücklich

darauf hingewiesen, was bei

der Festlegung der Höhe des Mindestlohns

zu berücksichtigen ist: „die Bedürfnisse

der Arbeitnehmer und ihrer

Familien unter Berücksichtigung des

allgemeinen Lohnniveaus im Lande, der

Lebenshaltungskosten, der Leistungen

der sozialen Sicherheit und des relativen

Lebensstandards anderer sozialer

Gruppen“.

Grundlegendes und oberstes Ziel ist es,

den Arbeitnehmern einen Mindestlohn

zu sichern, der ihnen und ihren Familien

einen zufriedenstellenden Lebensstandard

ermöglicht.

Das Streben nach einem existenzsichernden

Lohn ist nicht unproblematisch,

insbesondere in kapitalistischen

Gesellschaften. Im Laufe der Jahre haben

sich Arbeitnehmer gewerkschaftlich

organisiert, um für eine angemessene

Entlohnung zu kämpfen, und sind

oft auf Protest gegangen, um Druck auf

die Arbeitgeber auszuüben, damit diese

die Bedeutung der Arbeitskräfte anerkennen.

In Ländern wie Argentinien, Russland

und Südafrika gab es Proteste wegen

niedriger Löhne und der Notwendigkeit

eines angemessenen Lebensstandards.

Die Ereignisse vom 16. August 2012 in

Marikana, Südafrika, wo 34 Minenarbeiter

von der Polizei erschossen wurden,

während sie für eine Lohnerhöhung protestierten,

bleiben historisch. Der Vorfall

wurde als Marikana-Massaker bekannt

und hat ein Schlaglicht auf die ausbeuterischen

Arbeitspraktiken geworfen, denen

gering qualifizierte und angelernte

Arbeiter ausgesetzt sind. Gemessen am

Gini-Index der Weltbank ist Südafrika,

gefolgt von Namibia und Surinam, nach

wie vor das Land mit der weltweit größten

Ungleichheit, wobei die obersten ein

Prozent der Einkommensbezieher 20

Prozent des Einkommens für sich beanspruchen.

Der Verhandlungsprozess ist nach wie

vor recht schwierig, vor allem wegen

der kapitalistischen Ideale, die multinationale

Unternehmen antreiben. Schätzungen

des Lohnniveaus erfordern eine

gründliche Untersuchung von Arbeitsangebot

und -nachfrage sowie Konsultationen

mit den politischen Instanzen

und den Interessengruppen. Konflikte

sind unvermeidlich, wenn alle Parteien

ihre Interessen wahren wollen.

Die Ethical Trading Initiative (ETI) weist

darauf hin, dass, wenn die Budgets nicht

vollständig aufgestockt werden, wenn

die Löhne für einige Arbeitnehmer erhöht

werden, dies dazu führen könnte,

dass andere entlassen werden, wenn

die Unternehmen sich in einer Situation

befinden, in der sie sich keine großen

Arbeitskräfte leisten können, was zu

Arbeitslosigkeit führt. Dies würde folg-

60 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

lich den Zweck der Forderung nach einem

existenzsichernden Lohn zunichte

machen, da der Lebensstandard einiger

Arbeitnehmer angehoben und der anderer

gesenkt werden würde. In der ETI

heißt es weiter, dass gering qualifizierte

Arbeitnehmer in der Regel Gefahr laufen,

aus dem Arbeitsmarkt gedrängt zu

werden, weil ihre Fähigkeiten nicht als

würdig für die neu festgelegten höheren

Löhne angesehen werden.

Das Streben nach einem existenzsichernden

Lohn ist die eine Seite. Genauso

wichtig ist es, festzustellen, ob ein

existenzsichernder Lohn gezahlt wird.

Die Ankler-Methode trägt dem Rechnung,

indem sie berücksichtigt, wie die

Arbeitnehmer tatsächlich bezahlt werden.

Im Sinne der Methode schließt der

existenzsichernde Lohn die Bezahlung

von Überstunden aus, da diese während

der regulären Arbeitszeit geleistet werden

müssen. Die Arbeitnehmer sollten

nach Abzug der Steuern über ein ausreichendes

Einkommen verfügen, um

einen angemessenen Lebensstil führen

zu können, daher wird dies ebenfalls

berücksichtigt. Produktivitätsprämien

werden bei der Ermittlung des existenzsichernden

Lohns nicht berücksichtigt.

Schließlich bietet das Verfahren einen

Leitfaden zur Ermittlung des Arbeitsniveaus

in verschiedenen Arbeitsstrukturen,

z. B. Standard-, Zeit- und Saisonarbeit.

Der Weg zu einer gleichberechtigten

Gesellschaft, in der die Menschen einen

angemessenen Lebensstandard

oberhalb der Armutsgrenze genießen,

liegt noch weit vor uns. Dazu bedarf es

effizienter Verhandlungen und selbstloser

Kompromisse. So etwas wie ein

ausreichendes Gehalt gibt es nicht. Der

existenzsichernde Lohn ist ein Ansatzpunkt.


Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

61


Globalisierung

Wo bleibt die Nachhaltigkeit?

Ressourcenverbrauch,

in Anzahl Erden

Beispiel: Wenn alle Menschen der

Erde den Ressourcenverbrauch der

Deutschen hätten, wären statt einer

2,97 Erden notwendig (berücksichtigt

sind Tierhaltung, Holzproduktion, Fischerei,

Ackerbau, Infrastruktur und

CO 2

-Emissionen; Daten von 2016).

keine Daten

unter 1

1 bis unter 2

2 bis unter 3

3 bis unter 4

4 bis unter 5

5 und mehr

62 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Quelle: DER SPIEGEL; Global Footprint Network

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

63


Globalisierung

Was wird

aus der

Agenda

2030?

Von Dr. Elmer Lenzen

Viele Experten sagen, dass die

2020er-Jahre entscheidend

sein werden, um gute Transformationspfade

einzuschlagen.

Klimawissenschaftler des

IPCC etwa warnen, dass wir in

diesem Jahrzehnt wahrscheinlich

einige Kipppunkte des

Erdklimas überschreiten

werden. Diese Folgen sind

dann irreparabel. UN-Generalsekretär

Antonio Guterrés

erklärte die 2020er-Jahre

deshalb zur „Decade of

Action“. Nach COVID-19 und

nun dem Krieg in der Ukraine

ist klar, dass daraus nichts

mehr wird. Besteht die

Zukunft jetzt nur noch aus

lauter schlechten Optionen?

Und müssen wir vielleicht den

Blick schon auf die Zeit nach

der Agenda 2030 werfen?

Corona und Krieg haben einen sehr großen Einfluss

auf den Nachhaltigkeitsdiskurs. Das steht fest. Sei es

nur, weil wir die kostbare Zeit der 2020er-Jahre mit

anderen Problemen nutzen. Aber was diese Veränderung

konkret bedeuten wird, wissen auch die meisten Experten

nicht. In Texten liest man daher meist die unverfänglichen

allgemeinen Hinweise auf Wichtigkeit der Transformation,

Dringlichkeit der globalen Herausforderungen und daraus

abgeleitet die Ansicht, dass wir uns „Nichtstun nicht leisten

können“. Stimmt. Aber was tun?

Fast unser gesamtes Nachhaltigkeitsverständnis basiert auf

Erkenntnissen und Publikationen der letzten 30 Jahre und ist

in der Zeit des Washington Consensus nach 1989 gewachsen.

Die sogenannte Friedensdividende sollte zu guten Teilen in

Wohlstand, Wohlfahrt und nachhaltige Entwicklungsziele in-

64 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Foto: Manuel Elias / UN Photo

vestiert werden. Die UN-Umweltkonferenzen

im Rio-Format waren die ersten

großen multilateralen Ereignisse. Diese

bereiteten den Weg für die internationale

Klimapolitik (ausgehend von Kyoto

1997), internationale Organisationen

wie den WBCSD (1995) und UN Global

Compact (2000) sowie vor allem die

UN-Entwicklungsziele, SDGs (2015).

Wie Nachhaltigkeit ohne den Resonanzboden

der Globalisierung und der Hegemonie

des Westens aussehen soll, haben

wir noch nicht ausprobiert. Ansätze

zu CSR aus Indien oder China wurde

meist belächelt und kaum beachtet.

Vieles war der Ehrlichkeit halber auch

nicht so gut. Aber in einer multipolaren

Welt werden wir uns unweigerlich mit

unterschiedlichen Perspektiven auf ein

Thema beschäftigen müssen. Rigorose

Positionen nach dem Motto: „Das ist

so. Darüber brauchen wir nicht mehr

zu diskutieren“ werden wenig Chancen

haben. Gerade beim drängenden Thema

Klimaschutz müssen wir dringend neue

Formate finden, um die Folgeschäden

einzudämmen.

Aber auch in einer multipolaren Welt

gilt: Ein stabiler, offener Handel bringt

Wachstum, Größe, Innovation und

Technologieverbreitung mit sich, die

genutzt werden können, um die Dekarbonisierung

zu beschleunigen und

die Anpassung an den Klimawandel zu

erleichtern. Wie kann dieser Prozess

fortgesetzt werden, wenn der Globalisierung

die Geschäftsgrundlagen entzogen

wird?

1. Politik

Wir bräuchten jetzt eigentlich so etwas

wie eine globale Klima-Governance, um

den Klimawandel tatsächlich in den

Griff zu bekommen. Die Aussichten sind

schlecht. Der Volkswirt Thieß Peter- >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

65


Globalisierung

sen glaubt: „Es wird tatsächlich schwierig,

da eine Lösung hinzukommen. Dafür

bräuchten wir eigentlich einen weltweit

geltenden CO 2

-Preis, aber der ist für mich

momentan absolut utopisch. Ein Weg dahin

könnte ein sogenannter Klima-Club

sein, bei dem sich verschiedene Länder

zusammenschließen und sich auf einen

gemeinsamen höheren CO2-Preis einigen.

Dafür braucht man allerdings eine

große Anzahl von Partnerländern. Wenn

jetzt die EU und die USA sagen, wir einigen

uns auf so einen Club, dann könnte

das schon ein starkes Signal sein. Der

Vorteil wäre nämlich, dass die Mitgliedstaaten

ihre Güter und Dienstleistungen

ohne Handelsbeschränkungen tauschen

können. Und Staaten, die nicht Mitglied

des Clubs sind, müssten entsprechende

CO 2

-Importzölle bezahlen.“

2. Unternehmen

Fragen, die künftig im Zentrum unternehmerischer

Überlegungen stehen,

sind: Wo kommen Waren und Bauteile

her? Unter welchen Bedingungen, auch

politisch, wird produziert? Wie viel

Energie könnte bei einer Verlagerung

sofort eingespart werden? Wie sicher ist

investiertes Kapital in nicht-demokratischen

Staaten? Was vor ein paar Wochen

noch Vorreiter-Denken war, ist nun mit

rasanter Geschwindigkeit in der Realität

aktueller Management-Entscheidungen

angekommen. Viele dieser Fragen müssen

jetzt beantwortet werden.

Es gibt für Unternehmen eine klare Verbindung

zwischen Nachhaltigkeit und

dem ökonomischen Erfolg sowie der Zukunftsfähigkeit.

Studien haben gezeigt,

dass die Vernetzung der Transformationsthemen

den größten Effekt hat. Besonders

erfolgreich sind Unternehmen,

die gleichzeitig in Nachhaltigkeit und

Digitalisierung investieren. Man nennt

das die Twin Transformation.

Petersen: „Ich kann mir vorstellen,

dass die Unternehmen oder sogar die

Volkswirtschaften, die die digitale und

die ökologische Transformation erfolgreich

hinbekommen, die Gewinner der

Zukunft sind, weil nicht-erneuerbare

Rohstoffe naturgemäß begrenzt sind,

und irgendwann haben wir die nicht

mehr. Dann werden grüne Produkte

oder klimaneutrale Produkte und Produktionsverfahren

aus meiner Sicht ein

entscheidender Wettbewerbsvorteil für

die Zukunft sein. Länder, die das zuerst

hinbekommen, werden gewinnen. Und

umgekehrt: Länder, deren Wohlstand

darauf basiert, weiterhin fossile Energien,

also Erdöl, Erdgas und Kohle zu exportieren,

werden verlieren.“

3. Investoren

Investoren werden das Thema Nachhaltigkeit

nach dem Krieg stärker aufgreifen.

Klimakrise, Personalmangel und

Lieferkettenprobleme belasten Unternehmensperformances

und damit die

Rentabilitätserwartungen von Investoren.

ESG ist kein „nice to have“, sondern

wird fundamentaler Bestandteil von Anlageentscheidungen.

„ESG ist ein Trend,

der gekommen ist, um zu bleiben“, sagt

Steffen Puhlmann, ESG-Experte bei

FTI-Andersch. „Vor allem Mittelständler

stehen jetzt unter Druck, ESG-konforme

Management-Ansätze zu entwickeln“,

sagt er. „Denn sie waren bisher als zumeist

nicht berichtspflichtige Unternehmen

weniger von Regulatorik in diesem

Feld betroffen. Unternehmen können

nicht mehr warten, bis mögliche gesetzliche

Verpflichtungen greifen.“

4. Entwicklungsländer

Der Ukraine-Krieg bedroht die Ernährungs-

und Energiesicherheit. Die Versorgung

mit Getreide dürfte sich für

viele Entwicklungsländer dauerhaft verschlechtern

und verteuern. Sollten russische

Getreideexporte deutlich fallen,

etwa weil das Land einen Exportstopp

verhängt, stünden einige der ärmsten

Länder wohl vor einer schweren Hungerkrise.

„Russland und die Ukraine zählen

zu den wichtigsten Getreideexporteuren

der Welt. Zahlreiche afrikanische Staaten

sind von den Lieferungen abhängig

und könnten einen Ausfall oder Rückgang

auch langfristig nicht ersetzen“,

sagt Tobias Heidland vom Kieler Institut

für Weltwirtschaft. „Dies kann für einzelne

Länder dramatische Folgen haben,

im schlimmsten Fall drohen Hunger und

soziale Unruhen.“ Bei Energiefragen

sieht es nicht besser aus: Die hohen Kosten

belasten vor allem arme Familien,

die den Großteil des Einkommens für

Energie, Wohnen und Essen ausgeben.

Staatliche Hilfe ist unwahrscheinlich, da

sich die staatliche Schuldenquote während

der COVID-19-Pandemie in vielen

Ländern dramatisch verschlechtert hat.

Staatspleiten sind daher nicht unwahrscheinlich.

5. Beschleunigung der Energiewende

Die politische Bedeutung von Energieversorgung

ist heute jedem klar. Die

Konflikte werden deshalb zu einer

Beschleunigung der Energiewende,

insbesondere in Europa, beitragen. Bisher

machten Investoren ihre Anlageentscheidungen

im Energiesektor von

drei Kriterien abhängig: Erstens Versorgungssicherheit,

zweitens Kosten

und drittens Umweltauswirkungen. Die

ersten beiden Kriterien sprachen bisher

für fossile Energien. Die Sanktionspolitik

gegen Russland stellt diese Bewertung

auf den Kopf. Selbst wenn die

Energiekosten sich beruhigen sollten,

bleibt die Sorge um die Versorgungssicherheit.

Experten glauben, dass der Russlandboykott

der Strategie des EU Green

Deals in die Karten spielt. Maria Elena

Drew vom Vermögensverwalter T. Rowe

Price schreibt: „Interessanterweise gehören

zu den EU-Ländern, die sich am

stärksten gegen die Verabschiedung des

Abkommens gewehrt haben, auch einige

der Länder, die gegenüber Russland

am anfälligsten sind.“ Schon jetzt wird

massiv in den Ausbau von erneuerbaren

Energien investiert und es werden

gesetzliche und bürokratische Hürden

abgebaut. Der deutsche Bundeswirtschaftsminister

Robert Habeck (Grüne)

spricht von „ökologischem Patriotismus“:

„Die erneuerbaren Energien liegen

künftig im öffentlichen Interesse

und dienen der öffentlichen Sicherheit.

Das ist entscheidend, um das Tempo zu

erhöhen.“ ■

66 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


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Globalisierung

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Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

67


Globalisierung

Ist Klimapolitik

ohne Sicherheitspolitik

denkbar?

Von Sonja Scheferling

Die Globalisierung ist

erschöpft, sagt der renommierte

Wirtschaftswissenschaftler

Michael Hüther im

Gespräch mit uns. Weiter

gehe es nur, wenn wir

künftig Nachhaltigkeit nicht

nur empathisch, sondern

auch militärisch denken.

UmweltDialog: Wir erleben gerade einen

geopolitischen Zeitenwechsel. Welche Auswirkungen

ergeben sich für die industriellen

Beziehungen und den Welthandel?

Professor Hüther: Wir haben mit dem

Weg in eine neue bipolare Struktur –

transatlantischer Westen mit demokratischen

Staaten auf der einen und China

und Russland, die für Menschenrechtsverletzungen

und Diktatur stehen, auf

der anderen Seite – in der Tat einen

Rückschritt in der Globalisierung vor

uns.

Im Grunde genommen gehen wir in der

Entwicklung 30 bis 40 Jahre zurück.

Das wird sich auf unseren gesamten

Wertschöpfungsprozess auswirken: Die

Selbstverständlichkeit, mit der wir internationale

Märkte genutzt haben, wird

es so nicht mehr geben. Denn internationaler

Handel und internationaler

Austausch setzen ja ein gegenseitiges

Vertrauen in bestimmte Rahmenbedingungen

voraus. Das hat Russland durch

seinen Angriff auf die Ukraine zerstört

und China durch sein Schweigen mindestens

unterminiert.

Sie haben einmal an einer Studie unter

dem Titel „Geschäftsmodell Deutschland

auf dem Prüfstand“ mitgewirkt. Wie fällt

Ihr Urteil angesichts der aktuellen Entwicklungen

aus?

Das „Geschäftsmodell Deutschland“ ist

industriebasiert mit einem hohen Anteil

an industrieller Differenzierung,

ergänzt durch einen breiten Dienstleistungssektor.

Deswegen besetzen wir

wichtige Positionen in internationalen

Märkten und sind Exportweltmeister.

Die deutsche Wirtschaft ist hoch flexibel.

Insofern ist sie auch in der Lage,

sich diesen Veränderungen zu stellen

und sie zu meistern. Dennoch ändert

sich durch die aktuelle Entwicklung

die Perspektive, und wir müssen uns

fragen, wie und wo wir uns künftig engagieren.

Das ändert ein Stück weit die

gewohnte Geschäftsgrundlage des deutschen

Modells, Globalisierung überall

nutzen zu können.

Mit Ihrem Hinweis auf die neue bipolare

Struktur haben Sie bereits den Systemkonflikt

unterschiedlicher Herrschaftsformen

angesprochen, der sich auf die Globali-

68 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

sierung auswirkt. Francis Fukuyama hat

kürzlich in der NZZ geschrieben, dass eine

russische Niederlage „eine Wiedergeburt

der Freiheit“ ermögliche und den „Blues“

vom Niedergang der globalen Demokratie

vertreiben werde. Teilen Sie die Ansicht?

Putin hat der ganzen Welt verdeutlicht,

dass er kein verlässlicher Partner ist,

sondern das Völkerrecht missachtet und

Kriegsverbrechen begeht. Ich stimme

Fukuyama zu, möchte aber die normativen

Grundlagen unserer westlichen Tradition

konkretisieren. Diese beruhen auf

einem Dreiklang aus demokratischer

Selbstermächtigung des Menschen,

zivilgesellschaftlicher Teilhabe und

marktwirtschaftlicher Innovationsfähigkeit.

Die Paradigmen, die ich in meiner

Arbeit über die erschöpfte Globalisierung

aufgestellt habe, sind aktueller

denn je. Sie sind der Ausdruck eines

unterschätzten normativen Konfliktes,

der sich jetzt deutlich durch die bipolare

Systemstruktur zeigt und auf den wir

uns zurückbesinnen müssen, wollen wir

die Globalisierung zukunftsfähig gestalten.

Foto: Gorodenkoff / stock.adobe.com

Wir setzen auf unveräußerliche Menschenrechte,

Rechtsstaatlichkeit und

Gewaltenteilung. Bei der Wahl unserer

Handelspartner sehen wir das nicht so

eng, wie unser neuer Energielieferant

Katar zeigt.

Wenn man in einer globalen Struktur tätig

sein möchte, muss man Kompromisse

eingehen. Das muss man ganz nüchtern

betrachten. Versucht man ständig

den eigenen ethischen Kodex durchzusetzen,

handelt man am Ende nur noch

mit sich selbst. Im Augenblick sind wir

auch in einer gewissen Notsituation,

weil wir von russischem Gas unabhängig

werden wollen und weil der Zielkorridor

einer ausgebauten Infrastruktur

aus erneuerbaren Energien noch weit

entfernt ist. Da haben wir nicht so viele

Auswahlmöglichkeiten.

Für Unternehmen sind Menschenrechtsrisiken

in dieser Form schon lange >>

>>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

69


Globalisierung

ein Thema, denn ihr nachhaltiger Erfolg

ist auch von der Reputation abhängig.

Kunden können und wollen Druck auf

die Unternehmen ausüben, indem sie

bestimmte Produkte boykottieren, die

in Regionen unter menschenrechtswidrigen

Umständen hergestellt wurden.

Außerdem haben wir das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz,

das unternehmerisches

Handeln reglementiert. Ob

dieses in der aktuellen Situation so noch

durchführbar ist, ist aber fraglich.

Warum?

Wir benötigen von den Unternehmen

jetzt eine hohe Anpassungsfähigkeit

und Flexibilität, die nicht von strikten

Regulierungen verhindert wird.

Sie können einem Mittelständler nicht

erklären, warum er die Daten seiner

Lieferkette transparent darlegen muss,

während die Bundesregierung Energie

aus Katar bezieht. Auch die Verabschiedung

eines Lieferkettengesetzes auf europäischer

Ebene halte ich in der jetzigen

Phase nicht für sinnvoll. Wichtig ist

es, bestimmte rote Linien zu definieren,

die nicht überschritten werden dürfen.

Beispielsweise muss das strikte Verbot

von Kinderarbeit und Zwangsarbeit

gelten.

Herr Professor Hüther, lassen Sie uns konkret

über Nachhaltigkeit sprechen. Für

viele sind Nachhaltigkeit und die ökosoziale

Transformation unserer Gesellschaften

angesichts der veränderten Weltlage

wichtiger denn je. Wie sehen Sie das?

Nachhaltigkeit ist immer wichtig, weil

das bedeutet, dass wir die Ressourcen, die

wir haben, nicht überdehnen, sondern so

nutzen, dass auch künftige Generationen

daraus eine Möglichkeit ableiten können.

Mit Blick auf Klimaneutralität versuchen

wir nach 200 Jahren das Zeitalter fossiler

Energie zu beenden. Das ist eine gewaltige

Herausforderung, die gesellschaftlich

begleitet und moderiert werden muss,

um eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung

zu erreichen. Man muss immer wieder

testen, welche Ansätze funktionieren

70 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

und welche nicht, und lernend Neues

ausprobieren.

Im Augenblick ist die Situation so, dass

wir auch gar keine andere Möglichkeit

haben. Wir müssen uns energetisch autonomer

versorgen und unsere Energieversorgung

diversifizieren, um unsere

Gasabhängigkeit zu reduzieren. Auch

das bedeutet, dass wir den Weg in eine

klimaneutrale Energieproduktion beschreiten

müssen.

Für Sie hängen Klimapolitik und Sicherheitspolitik

zusammen. Wie das?

In den letzten Jahrzehnten haben wir

wichtige Themen in den Bereichen Außen-

und Sicherheitspolitik nicht ausreichend

benannt und dafür gestritten,

sondern nur die wirtschaftliche Dividende

eingestrichen. Diese Verantwortungslosigkeit

fällt uns jetzt auf die Füße. Wollen

wir international eine führende Rolle

in der Klimapolitik einnehmen, müssen

wir auch eine eigene Sicherheitsarchitektur

aufbauen und uns verteidigen

können. Nur so nehmen uns andere

Staaten ernst und sind bereit, klimapolitische

Forderungen unsererseits zu

akzeptieren.

Für einen nachhaltigen Wandel ist aber

nicht nur die globale Perspektive entscheidend,

sondern auch die Einführung technischer

Innovationen. Ist das nicht eine

Wette mit vielen Unbekannten, da wir weder

die Lösungen kennen noch absehbar

ist, ob und wann sie kommen?

Das ist aber immer so. Wir gehen ständig

Wetten auf die Zukunft ein, da wir

ja davon ausgehen, weiterzuleben und

unseren Beitrag zu leisten. Die Menschheitsgeschichte

hat gezeigt, dass die

Welt ein Innovationsstandort ist. Wir

können diese Herausforderungen meistern

und sind in der Lage, die notwendigen

Lösungen für eine nachhaltige

Transformation zu finden.

Vielen Dank für das Gespräch! ■

Prof. Dr. Michael Hüther

ist Direktor und Mitglied des

Präsidiums beim Institut der

deutschen Wirtschaft Köln.

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Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

71


Globalisierung

Folgen

Foto: Mike Mareen / stock.adobe.com

unterlassener

Nachhaltigkeit

In Kriegszeiten rutschen

Themen wie der

Klimawandel unweigerlich

in den Hintergrund.

Das wird sich rächen,

warnt Werner Widuckel.

Für einen Kurswechsel

fehlen uns aber

leistungsfähige

Institutionen.

Von Dr. Werner Widuckel

UmweltDialog: Kanzler Scholz spricht

angesichts des Ukraine-Krieges von einer

Zeitenwende. Was macht das mit der Globalisierung?

Prof. Dr. Werner Widuckel: Die Frage

der Globalisierung wird künftig sicherlich

sehr viel stärker auch unter dem

Gesichtspunkt von globalen geostrategischen

Abhängigkeiten diskutiert werden.

Handel wird auch als Machtinstrument

zur Durchsetzung politischer und

geostrategischer Ziele eingesetzt. Dieses

Denken ist eine ganze Weile in den Hintergrund

getreten, weil mit dem Fall des

Eisernen Vorhangs 1990 die Vorstellung

einer zunehmenden Konvergenz der

politischen Systeme und der Werteordnung

in der Welt vorgeherrscht hat. Das

hat sich letztendlich als eine Illusion

herausgestellt.

Wir erleben stattdessen jetzt eine beschleunigte

Aufrüstung. Das Stockholmer

Friedensforschungsinstitut SIPRI

weist schon seit einer Weile darauf hin,

dass die Militärausgaben stark wachsen.

Zugleich erleben wir eine Zunahme von

militärischen Auseinandersetzungen.

Ich habe mir heute Morgen im Vorfeld

des Interviews mal die Mühe gemacht,

die ganzen Krisenherde aufzuzählen,

die wir gegenwärtig haben. Ich bin weltweit

auf zwölf gekommen – wir leben in

alles andere als friedlichen Zeiten, und

das wirkt sich auch auf die Globalisierung

aus.

Kriege gab und gibt es, zynisch gesagt,

immer. Warum glauben Sie, dass die Veränderung

diesmal tiefer geht?

Es geht deshalb tiefer, weil die Auseinandersetzung

auch eine Frage von

Hegemonie ist. Hegemonie bedeutet

Vorherrschaft. Es geht also um die Frage,

wer letztlich als Macht oder Machtblock

geostrategisch bestimmt, wie

eine Weltordnung aussieht bzw. welche

Werteorientierung letztlich herrscht.

Hier wird sichtbar, dass das Modell von

westlicher Demokratie, Menschenrechten

und Rechtsstaatlichkeit sich nicht

automatisch durchsetzt, sondern auch

alternative Ordnungen dem entgegenwirken

– insbesondere seitens Chinas

72 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

und Russlands. Das Ganze geht einher

mit einem zunehmend aufgeladenen Nationalismus,

der im Übrigen durchaus

auch ein Problem westlicher Demokratien

ist. Das haben wir beispielsweise in

den USA unter Trump gesehen.

Wie wird sich das auf multilaterale Vorhaben

auswirken?

Es wird sicherlich zunehmend schwieriger

werden, globale Standards für Nachhaltigkeit

umzusetzen. Wir sehen das

bei internationalen politischen Abstimmungsprozessen,

die die Erderwärmung

begrenzen sollen. Bestimmte Staaten

haben hier massive Vorbehalte, weil sie

Wohlstandsverluste und auch entsprechende

soziale Unruhen und Auseinandersetzungen

befürchten. Wir verlieren

hierdurch wertvolle Zeit, die Klimakrise

zu bewältigen.

Viele sehen in Nachhaltigkeit und einer

öko-sozialen Transformation, gerade jetzt

auch vor dem Hintergrund der Energieabhängigkeit,

einen Ausweg aus dem derzeitigen

Krisenmodus. Teilen Sie das?

Wir werden letztlich um das Beschreiten

eines nachhaltigeren Pfads gar nicht

umhinkommen, weil wir anders die Frage

der Erderwärmung nicht in den Griff

bekommen, und wenn wir die Frage der

Erderwärmung wiederum nicht in den

Griff bekommen, werden auch lebensnotwendige

Ressourcen zunehmend

knapper. Das heißt, letztendlich haben

wir zu einem globalen Konsens für eine

nachhaltige Entwicklung gar keine Alternative,

weil andernfalls alle die Verlierer

wären.

Haben wir aus Ihrer Sicht die passenden

Institutionen und auch die Kraft, all diese

Herausforderungen gleichzeitig zu stemmen?

Ich gebe Ihnen recht, das ist sicherlich

die größte Herausforderung, und man

kann manchmal Zweifel haben, ob wir

die Kraft bzw. die passenden Institutionen

haben, diese zu bewältigen. Wenn

wir uns die reale Klimaentwicklung anschauen,

dann sehen wir, dass der Prozess

sehr viel schneller vonstatten geht,

als das Klimamodelle vor 20 Jahren prognostiziert

haben. Wir bräuchten jetzt

eigentlich so etwas wie eine globale Klima-Governance,

um den Klimawandel

tatsächlich in den Griff zu bekommen.

Und gleichzeitig brauchen wir einen

geostrategischen Interessenausgleich,

der uns von der Aufrüstungsspirale herunterbringt.

So gesehen fehlen uns globale Institutionen,

hier ein entsprechendes Regime

mit geeigneten Regeln auch tatsächlich

umzusetzen. Nach wie vor haben wir

eine Sichtweise, die von nationalen bzw.

Blockinteressen geprägt ist. Und solange

wir das nicht auflösen – Gorbatschow

hat das „Neues Denken“ genannt – und

wir den Gedanken eines europäischen

Hauses in ein globales Haus übersetzen,

werden wir es nicht schaffen.

UN-Generalsekretär António Guterres hat

die 2020er-Jahre eine Dekade der Aktion

genannt, in der wir Weichen stellen müssen,

weil uns sonst unwiederbringliche

Kipppunkte drohen. Ich habe allerdings

das Gefühl, dass wir uns in den 20ern mit

allem möglichen beschäftigen, wie Pandemien

und Kriegen, aber nicht mit den

anderen globalen Herausforderungen.

Rennt uns die Zeit davon?

Die Gefahr besteht in der Tat und das

wird dann auch zu wachsenden gesellschaftlichen

Auseinandersetzungen

führen – sowohl zwischen den Generationen

als auch zwischen Menschen,

die von diesen Entwicklungen sozial

unterschiedlich betroffen sein werden.

Das macht sich heute bereits bemerkbar

bei der Frage „Wie gleichen wir den Benzinpreis

aus?“. Angesichts der Folgen

unterlassener Nachhaltigkeit werden

wir über ganz andere Fragen als bezahlbare

Benzinpreise reden müssen, zum

Beispiel auch über bezahlbares Wasser

oder bezahlbare Nahrungsmittel.

Wir danken Ihnen herzlich für das

Gespräch! ■

Dr. Werner Widuckel

ist Professor für

Personalmanagement und

Arbeitsorganisation in

technologieorientierten

Unternehmen an der

Friedrich-Alexander-Universität

Erlangen-Nürnberg.

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

73


Globalisierung

Geschichte der Globalisierung

Jahr 1 1000 1500 1600 1700 1820 1850 1870

1. Indien Indien China China Indien China China China

2. China China Indien Indien China Indien Indien Indien

3.

Römisches

Reich

Türkei Italien Frankreich Frankreich Russland Großbritannien Großbritannien

4. Türkei

Gebiet der

spät. UDSSR

Frankreich Italien Japan Großbritannien Frankreich Russland

5. Ägypten Frankreich

Gebiet der

spät. UDSSR

Gebiet der

spät. UDSSR

Gebiet der

spät. UDSSR

Frankreich Deutschland Deutschland

Bei diesen Daten handelt es sich um Schätzungen, da Maddison

nur bis zum Jahre 2008 Daten erfasst hat. SPIEGEL ONLINE hat

die BIP-Werte für 2012 und 2030 auf Basis der von der Weltbank

prognostizierten BIP-Zuwachsraten hochgerechnet.

Jahr 1900 1913 1950 1970 1990 2008 2012 2030

1. USA USA USA USA USA USA USA China

2. 2. China China Sowjetunion Sowjetunion Japan China China USA

3. Großbritannien Deutschland Großbritannien Japan China Indien Japan Japan

4. Indien

Gebiet der

spät. UDSSR

Deutschland Deutschland Sowjetunion Japan Deutschland Indien

5. Deutschland Großbritannien China China Deutschland Deutschland Frankreich Deutschland

Quellen: Historical Statistics of the World Economy, Angus Maddison, Stand: März 2013

74 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Foto: Benjamin Haas / stock.adobe.com

Auszüge aus einem Essay von Ulrich Menzel

Kleine Geschichte

der Globalisierung

und ihrer Kritik

Der Begriff der Globalisierung meint keine

aktuelle Periode der Weltgeschichte, sondern

einen Prozess, der wellenförmig verläuft und von

tiefen Einbrüchen unterbrochen wird. Die Aufschwungphasen

sind durch ein exponentielles

Wachstum gekennzeichnet, bis Kipppunkte

erreicht werden. Parallel dazu verläuft ein

Prozess der Fragmentierung, der einzelne Länder,

Großregionen oder Teile einer Gesellschaft

betrifft, weil es immer Gewinner und Verlierer der

Globalisierung gibt.

Der Einbruch im Prozess der Globalisierung

reichte vom Ausbruch

des Ersten bis zum Ende

des Zweiten Weltkriegs. Die Weltwirtschaftskrise

der 1930er-Jahre im Anschluss

an den Schwarzen Freitag an der

Wallstreet, als Kipppunkt vergleichbar

mit der Lehmann-Pleite von 2008, sorgte

dafür, dass nach einer kurzen Phase

der erneuten Blüte des Welthandels in

den 1920er-Jahren das Internationale

Öffentliche Gut „Stabilität“ nicht mehr

gewährleistet war. Großbritannien war

dazu nicht mehr in der Lage, in den USA

fehlten in den folgenden Jahren der >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

75


Globalisierung

„Great Depression“ sowohl die Mittel als

auch der politische Wille. Die Massenarbeitslosigkeit

wurde mit dem New Deal

bekämpft und das keynesianische Denken

(Keynes 1936) gegenüber der Neoklassik

hegemonial: Dem Staat wurde

anstelle des Marktes wieder eine wichtige

Steuerungsfunktion beigemessen.

Die neuerliche Wende, um der Globalisierung

wieder freie Bahn zu verschaffen,

wurde erst auf der Bretton-Woods-Konferenz

1944 eingeleitet, als die USA das

Zepter in die Hand nahmen und sich

bereit zeigten, als internationale Ordnungsmacht

nicht nur für Sicherheit,

sondern auch für Stabilität zu sorgen.

Die auf amerikanische Initiative gegründeten

Organisationen Weltwährungsfonds,

Weltbank und GATT, woraus

später die WTO hervorging, lieferten die

institutionellen Rahmenbedingungen,

die mit dem „Washington Consensus“

von US-Administration und in Washington

ansässigen internationalen Organisationen

auch paradigmatisch zum

Ausdruck kamen. Seit den 1970er-Jahren

war es der von Milton Friedman

und seiner Chicago School propagierte

Neoliberalismus, der zunächst die Hegemonie

des Keynesianismus durchbrach,

um daraufhin das Handeln der Politik

zu bestimmen. Die neoliberale Politik

der Haushaltskonsolidierung, der Deregulierung

der Märkte, der Privatisierung

der Öffentlichen Dienste (bzw. der

Öffentlichen Güter) und Staatsbetriebe

wie Bahn und Post und der immer neuen

Zollsenkungsrunden, der Deregulierung

der Finanzmärkte, des Mediensektors

und anderer Dienstleistungen verschaffte

der später so genannten zweiten Welle

der Globalisierung freie Bahn. Waren

die Staaten in der ersten Welle noch die

Antreiber, so wurden sie in der zweiten

Welle zu den Getriebenen.

Damit sind wir in der Gegenwart, die

Ende der 1990er-Jahre begonnen hat.

Has globalization gone too far?, das

schmale Buch des hochdekorierten Ökonomen

Dani Rodrik (1997), markierte

den Auftakt der Globalisierungsskepsis.

Hier nämlich meldete sich eine renommierte

und fachlich hochkompetente

Stimme zu Wort. 2011 legte Rodrik

(2011) mit Das Globalisierungs-Paradox

nach, in dem er auf das Trilemma aus

Demokratie, nationaler Souveränität

und Hyperglobalisierung verwies. Damit

avancierte der türkische Ökonom

zur Leitfigur migrationsskeptischer linker

Brexit-Befürworter, die sich auch

in der Labour Party finden. Auf Rodrik

folgten aus unterschiedlichen Perspektiven

globalisierungskritische Beiträge

von Elmar Altvater und Birgit Mahnkopf

(1997), Joseph Stiglitz (2002) oder Walden

Bello (2005). Aus der frühen Globalisierungskritik

wurde der Antiglobalisierungsdiskurs,

der 2018/19 zu einer

regelrechten Welle anschwoll. Genannt

seien nur die Bücher Heiner Flassbecks

und Paul Steinhardts (2018) respektive

Michael Hüthers, Mathias Diermeiers

und Henry Goeckes (2018) für den

deutschsprachigen sowie Colin Crouchs

(2018) und Michael O’Sullivans (2019)

für den angelsächsischen Bereich. Die

zitierten Bücher sind wohlgemerkt alle

vor Ausbruch der Corona-Krise verfasst

worden und entstanden eher unter dem

Eindruck der Finanz- und Flüchtlingskrise.

Eine tiefe Bresche in die große Erzählung

schlägt nicht zuletzt der Klimawandel,

der seit 2019 dank der „Fridays

for Future“-Bewegung ins Bewusstsein

einer breiten Öffentlichkeit gedrungen

ist. Dessen Folgen in Form von Dürren,

Waldbränden, Starkregen, abschmelzenden

Gletschern und dem Schwund des

Polareises, Überschwemmungen und

Stürmen werden zunehmend auch für

Laien erfahrbar. Hier wird aber nicht

in erster Linie das populistische, sondern

das kosmopolitische Milieu globalisierungskritisch

mobilisiert. Der

massenhafte Verbrauch von Rohstoffen

und fossilen Energieträgern und damit

die Emission von CO 2

durch globalen

Handel, Massentourismus und Fleischkonsum

rücken den Zusammenhang

von Globalisierung und Klimawandel

in den Blick. Begriffe wie „Flugscham“,

die Kritik an Kreuzfahrten, Inlandsflügen

und SUVs, an Brandrodungen des

Tropenwalds – um Flächen für den Sojaanbau

zu schaffen, der die Massentierhaltung

hierzulande ermöglicht, die wiederum

die „Vorprodukte“ liefert für die

mit osteuropäischen Wanderarbeitern

„bestückten“ Schlachtbetriebe, um die

Kühlschiffe für den Schweinefleischexport

ausgerechnet nach China zu beladen

– prägen diesen globalisierungskritischen

Diskurs.

Sortiert man die Globalisierungsliteratur,

so lassen sich grob fünf Positionen

unterscheiden. Erstens der frühere

neoliberale Mainstream, der Globalisierungsprozesse

für grundsätzlich po-

76 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Foto: M-SUR / stock.adobe.com

sitiv hält und deshalb alles empfiehlt,

was diese fördert. Dieses Denken, das

jahrelang die Politik bestimmte, ist in

die Defensive geraten, auf jeden Fall ist

es nicht mehr hegemonial. Zweitens die

neoidealistische Position, die unterstellt,

dass die weitere Globalisierung zwar

nicht aufzuhalten ist, der Staat jedoch

als regulierende Instanz auf eine neue

Ebene gehoben werden muss, um unter

den Begriffen „Global Governance“

bzw. „Weltregieren ohne Weltregierung“

dem entfesselten Markt Paroli

bieten zu können. Bei diesem Ansatz

spielt die Durchsetzung internationaler

Normen, um die Macht durch das Recht

in den internationalen Beziehungen

zu ersetzen, eine zentrale Rolle. Diese

Position ist in der Debatte nahezu verstummt.

Drittens die neorealistische Position, die

behauptet, dass die Globalisierung nicht

auf multilaterale, sondern nur auf hegemoniale

Weise in geordnete Bahnen gelenkt

werden kann. Entscheidend ist für

sie die Weltordnungspolitik des „benevolenten

Hegemons“, der die Internationalen

Öffentlichen Güter bereitstellt und

dabei nicht nur sein Eigeninteresse, sondern

auch das Interesse der Gefolgschaft

der Freerider im Auge behält. Diese Position

hat derzeit mit der Problematik des

hegemonialen Übergangs umzugehen:

Der alte Hegemon schwächelt und verweigert

sich, der neue Anwärter ist noch

nicht bereit. Viertens die linken Globalisierungsgegner,

die durch die Rückkehr

des Staates in die Politik bzw. die

Renaissance des Keynesianismus eine

zumindest partielle Deglobalisierung

erzwingen wollen. Und schließlich fünftens

die rechten Globalisierungsgegner,

die zwar noch über kein stimmiges theoretisches

Konzept verfügen, aber bereit

sind, jede populistische Ad-hoc-Forderung

nach dem Motto „Man bräuchte

doch bloß …“ zu unterstützen. ■

Quelle: Prof. Dr. Ulrich Menzel: Corona und die

gefesselte Globalisierung, Berliner Journal für

Soziologie, Juli 2021.

Dieser Artikel wird unter der Creative Commons

Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht.

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

77


Globalisierung

Geschichte und Grundlagen des

Freihandels

Waren, die Grenzen überqueren, kosten

Geld: Zölle. Auf der

ganzen Welt. Seit

Jahrtausenden.

Lange erhoben

Landesfürsten

und Herrscher

in Europa Gebiets-

und Wegzölle

– eine Art

Maut – für die

Nutzung eines

Hafens oder

einer Straße.

Noch Ende

des 18. Jahrhunderts wurde allein bei

einem Transport von Köln nach Königsberg

eine Ware etwa achtzig Mal kontrolliert.

Foto: Calado / stock.adobe.com

Jahrhundertelang hat das niemanden

groß gestört – bis auf die Händler natürlich.

Wer Zölle erhob, hatte Macht.

In der Zeit des Absolutismus zwischen

dem 16. und 18. Jahrhundert nutzten

Herrscher, aber auch freie Städte das

aus: Sie schützten die heimischen Handwerker

und Manufakturen vor Konkurrenz

aus dem Ausland – zum Beispiel

78 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

durch besonders hohe Zölle auf die Einfuhr

von Wein oder Tuch.

Es war das Zeitalter des Merkantilismus,

in dem die Herrschenden erstmals

systematisch versuchten, ihre heimische

Wirtschaft zu lenken, um Hof und

Militär finanzieren zu können.

Erst Anfang des 19. Jahrhunderts begann

sich ein anderes Prinzip durchzusetzen,

das wir heute „Freihandel“

nennen.

Wegweisend waren dafür Ökonomen wie

Adam Smith. Der Schotte entwickelte in

seinem Buch „Der Wohlstand der Nationen“

bereits 1776 die These, dass jedes

Land im besten Fall nur die Güter herstellen

soll, die es günstiger oder schneller

produzieren kann als andere Länder.

Damit der Außenhandel angeregt wird

und der Wohlstand aller Länder steigt,

müssten gleichzeitig Handelshemmnisse

wie Zölle wegfallen.

Ohne Einfuhrhindernisse kommt in der

Theorie mehr Kundschaft aus dem Ausland.

Es gibt mehr Aufträge für Händler

und Handwerker – das führt zu mehr

Wohlstand und mehr Steuern für die

Staatskasse.

Eine ähnliche Idee hatte Anfang des 19.

Jahrhunderts der britische Wirtschaftswissenschaftler

David Ricardo mit seiner

Theorie der komparativen Kostenvorteile.

Demnach hilft es allen Staaten, wenn

sie Handel treiben – und sich die Produktion

bestimmter Waren aufteilen.

Ricardo begründete dies damit, dass

ein Land immer das Produkt herstellen

wird, bei dem sein Vorteil am größten

ist. Dadurch blieben auch für Länder mit

Kostennachteilen Bereiche übrig, auf die

sie sich spezialisieren könnten.

Ricardos Modell ist bis heute die theoretische

Grundlage für den weltweiten

Warenaustausch.

Gegenpart des Freihandels ist der Protektionismus.

Darunter versteht man

Maßnahmen von Ländern, die heimische

Wirtschaft zu schützen. So beschloss

Großbritannien Ende des 19. Jahrhunderts,

auf Waren müsse das Herkunftsland

angegeben sein. Damit sollten britische

Firmen vor Billig-Konkurrenz aus

dem Ausland geschützt werden – auch

aus Deutschland.

So entstand „Made in Germany“ – heute

ein Qualitätssiegel für deutsche Waren.

Die USA und andere Länder führten

nach dem Börsencrash von 1929 hohe

Einfuhrzölle ein. Sie wollten so ihre

Wirtschaft vor Konkurrenz durch Importe

schützen.

Viele dieser Bestimmungen gibt es heute

nicht mehr. Die Bundesrepublik Deutschland

und die Länder der damaligen Europäischen

Wirtschaftsgemeinschaft gründeten

1968 die Zollunion. Damit begann

das Ende der Zölle in Westeuropa.

Bis 1992, der Einführung des europäischen

Binnenmarktes, fielen auch andere,

sogenannte „nichttarifäre“ Handelshemmnisse

– wie nationale Normen,

Einfuhrquoten oder Kontingente, also

Mengenbeschränkungen – weg, die den

Austausch von Waren behinderten –

auch die Grenzkontrollen in weiten Teilen

Europas.

Wer Zölle

erhob,

hatte

Macht.

Der Warenaustausch innerhalb der EU

wuchs, vielerorts auch der Wohlstand.

Zölle gibt es aber noch immer. Und sie

sind nicht der einzige Weg für Staaten,

um Konkurrenz aus dem Ausland abzuwehren.

Auch staatliche Zuschüsse, also

Subventionen, dienen dazu, die heimische

Wirtschaft zu stützen.

Die EU bezuschusste zum Beispiel lange

den Verkauf von Milchpulver, Rindfleisch

oder Weizen auf den Weltmärkten

– dort verfielen in Folge die Preise.

Gerade im globalen Süden hatten es viele

Bauern schwer, auf den heimischen

Märkten ihre Erzeugnisse zu verkaufen.

Ein weiteres protektionistisches Mittel

sind Produktstandards, die die ausländische

Konkurrenz nicht erfüllt. Zum

Beispiel das Reinheitsgebot, das deutsche

Brauereien einst vor Bier aus dem

Ausland schützen sollte.

Lange hatte es so ausgesehen, als würde

der Protektionismus eine immer geringere

Rolle spielen. Der grenzüberschreitende

Warenaustausch wurde intensiver

und erfasste immer mehr Regionen auf

der Welt.

Nationale Regeln rückten in den Hintergrund,

globale und kontinentale Märkte,

auf denen große Unternehmen agierten,

wuchsen.

Die Welthandelsorganisation WTO arbeitet

seit 1995 mit ihren heute 164 Mitgliedsstaaten

am Abbau noch existierender

Handelsschranken.

Der Begriff Globalisierung hat sich in

den 1990er Jahren für diese Entwicklungen

durchgesetzt. Ermöglicht wurde sie

nicht nur durch eine Liberalisierung des

Welthandels, sondern auch durch rasante

Fortschritte bei Informations- und

Kommunikationstechnologien.

Die Globalisierung bringt Vor- und

Nachteile mit sich. So können Un- >>

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

79


Globalisierung

ternehmen Marktanteile in einem Land

verlieren, wenn ein ausländischer Konkurrent

auf ihren Markt kommt. Das

kann Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer

Jobs kosten.

Außerdem hat die Globalisierung die

unterschiedliche Entwicklung reicher

und armer Länder in den vergangenen

Jahrzehnten teilweise verstärkt. Ungleichheiten,

die vielfach schon seit der

Kolonialzeit existieren, wurden größer.

Vielen Schwellen- und Entwicklungsländern

hat der Handel mit der westlichen

Welt Nachteile gebracht: Multinationale

Firmen breiteten sich aus, die

Entstehung eigener Industrien wurde

gebremst. Eine nachhaltige Entwicklung

war unter diesen Bedingungen

schwierig.

Die Globalisierung bereitet heute aber

auch den westlichen Staaten zunehmend

Probleme: Der Wettlauf um besonders

günstige Preise geht oft zu Lasten

staatlicher, sozialer und ökologischer

Standards.

Dies belastet auch Teile der Bevölkerung

in den Industrienationen, die

teilweise Lohneinbußen hinnehmen

müssen.

Die Globalisierung hat in ihrer heutigen

Ausprägung also Gewinner – aber auch

Verlierer.

Globalisierung unter neuen

Vorzeichen

Smartphones aus China, Bananen aus

Ecuador, Kaffee aus Kenia, T-Shirts aus

Bangladesch, Autos aus Japan, Suchmaschinen

und Streaming-Dienste aus den

USA …

Viele der Produkte und Dienstleistungen,

die wir täglich nutzen, haben eine

lange Reise hinter sich. Oder sie werden

an einem tausende Kilometer entfernten

Ort bereitgestellt.

Manche sehen darin die Ursache für den

Aufstieg populistischer und nationalistischer

Bewegungen und Politiker. Befür-

Jahrzehntelang

kannte

der Güteraustausch

nur

ein Ziel:

Zuwachs.

Das sind die Auswirkungen der Globalisierung

– der weltweiten Verflechtung

von Politik, Kultur, Arbeitswelt – und

vor allem der Wirtschaft. Manche sagen,

die Globalisierung begann bereits vor

über 500 Jahren, mit der Ankunft von

Christoph Kolumbus in Amerika.

Verstärkt wurde sie später durch die

Erfindung von Dampfschiff, Eisenbahn,

Verbrennungsmotor, Düsenflugzeug,

Container, Telefon und Internet.

Geringere Transportkosten, bessere

Kommunikation und immer weniger

Handelshemmnisse führten seit den

90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts

noch einmal zu einer Beschleunigung

dieser Entwicklung.

Für viele ist die Globalisierung eine Erfolgsgeschichte.

Sie hat das Leben von

Millionen Menschen in Industrienationen

und Schwellenländern gravierend

verändert – und viele Jobs weltweit geschaffen.

Beispiel Europa: Exporte in Länder außerhalb

der EU sicherten im Jahr 2000

etwa 22 Millionen Arbeitsplätze. 2017

waren es rund 36 Millionen, also über

zwei Drittel mehr.

In Deutschland hingen zuletzt fast acht

Millionen Jobs vom Export in Länder außerhalb

Europas ab – also jeder Fünfte

und fast doppelt so viele wie zur Jahrtausendwende.

In anderen EU-Ländern – so etwa Frankreich,

Spanien, Italien oder Polen – war

die Entwicklung ähnlich.

Doch die Globalisierung bringt auch gravierende

Probleme mit sich. So verstärkt

sie die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen

Ländern des Nordens und des globalen

Südens.

Während die sich entwickelnden Länder

vorwiegend Rohstoffe wie Bananen,

Kaffee, Kobalt oder Erdöl exportieren,

stellen die Industrieländer und die aufstrebenden

Volkswirtschaften vor allem

hochspezialisierte Konsumgüter wie

Computer oder Autos her.

Die Entstehung weltweiter Lieferketten

hat zwar auch im globalen Süden neue

Fabriken – und neue Jobs – entstehen

lassen. Und die Ausfuhr von Industriegütern

ist dadurch auch in einigen dieser

Länder gestiegen. Doch Millionen

Arbeiter und Arbeiterinnen stellen

dort für sehr niedrige Löhne und unter

widrigen Bedingungen Kleider oder

Smartphones her. In Ländern, wo die

Arbeitsbedingungen besonders schlecht

sind, versuchen Menschen teilweise woanders

ihr Glück – und verlassen ihre

Heimatländer.

Auch im wohlhabenden Norden sorgt

die Globalisierung für Verwerfungen: Einige

der Produkte, die in den Schwellenländern

zu geringen Löhnen hergestellt

werden, sind wettbewerbsfähiger als die

aus den Industrieländern.

Vielfach sind neue weltweite Konkurrenzen

entstanden. Das hat Jobs im globalen

Norden gekostet. Gewerkschaften beklagen

geringe Lohnzuwächse. Zunehmende

Ungleichheit sorgt für Instabilität.

80 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


Globalisierung

Die weltweiten Lieferketten hatten lange

für einen Boom der Wirtschaft gesorgt.

Nun gibt es in der Fertigung immer weniger

zu globalisieren. Die Herstellung

wird zunehmend von der Automatisierung

bestimmt, Produktionsprozesse –

aber auch Absatzmärkte – werden wieder

regionaler. Zuletzt hing das auch mit

den wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Pandemie

zusammen.

Gleichzeitig ist ein rasantes Plus beim

weltweiten Austausch digitaler Dienstleistungen

zu beobachten – anders als

bei Industriegütern und beim Kapitalverkehr.

Nicht zuletzt ist China, lange nur Produktionsstätte

des Westens, zu einem

bedeutenden Wettbewerber auf dem

Weltmarkt geworden.

Foto: aerial-drone / stock.adobe.com

Dabei halfen dem Land eine gezielte

Strategie im Hightech-Bereich und die

Seidenstraßen-Initiative – der Versuch

der Regierung in Peking, die Wirtschaftsregionen

des Landes mit Teilen

Asiens, Europas und Afrikas zu integrieren.

Außerdem seine 1,4 Milliarden

Einwohner und Einwohnerinnen, also

potentielle Konsumenten und Konsumentinnen

– sowie Hunderte Millionen

weiterer auf Absatzmärkten im asiatisch-pazifischen

Raum.

worter protektionistischer Maßnahmen

haben auf der ganzen Welt Zulauf bekommen.

Globalisierungskritische Bewegungen

protestieren gegen den Abschluss von

Handelsabkommen. Und Handelskonflikte

haben weltweit zugenommen.

Experten und Expertinnen sprechen bereits

von Deglobalisierung. Noch hängen

aber weiter Millionen Arbeitsplätze weltweit

von Ein- und Ausfuhren ab, gerade

in Deutschland, wo sich die Im- und Exporte

seit der Jahrtausendwende mehr

als verdoppelt haben.

Wohin geht die Zukunft? Mehrere Faktoren

ändern derzeit das Gesicht der Globalisierung.

Jahrzehntelang kannte der

Güteraustausch nur ein Ziel: Zuwachs.

Vor allem zwischen den Industrienationen

und Ländern wie China oder Indien.

Doch das rasante Wachstum der vergangenen

Jahre stockt.

Der internationale Warenaustausch

wächst bereits seit einiger Zeit langsamer

als die Produktion.

Wie sich der Welthandel angesichts der

jüngsten Verwerfungen weiterentwickelt,

ist schwer absehbar.

Wenn die globale Rezession überstanden

ist, könnte China die USA jedoch irgendwann

als größte Wirtschaftsmacht

der Welt überholen. Nicht zuletzt –

aufgrund der Globalisierung. ■

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz

„CC BY-SA 4.0 - Namensnennung - Weitergabe

unter gleichen Bedingungen 4.0 International“

veröffentlicht. Autor/-in: Kai Schöneberg für bpb.de

Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de

81


Globalisierung

guter

Letzt

Zu

Kleidung: Überproduktion

landet auf Müllhalden

IMPRESSUM

UmweltDialog ist ein unabhängiger Nachrichtendienst

rund um die Themen Nachhaltigkeit und Corporate Social

Responsibility. Die Redaktion von UmweltDialog berichtet

unabhängig, auch von den Interessen der eigenen Gesellschafter,

über alle relevanten Themen und Ereignisse aus

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Grafik: strichfiguren.de / stock.adobe.com

Die Überproduktion der Fast-Fashion-Industrie verursacht

immer größere Müllberge im globalen Süden. Das

ist das Ergebnis einer Vor-Ort-Recherche von Greenpeace

Deutschland, die im Rahmen der „Fashion Revolution

Week“ veröffentlicht wurde.

Allein in Deutschland werden jährlich mehr als eine Million

Tonnen Altkleider gesammelt. Weniger als ein Drittel

wird in Deutschland als Secondhandware weiterverkauft.

Der Großteil wird nach Osteuropa und Afrika exportiert.

Doch viele Kleidungsstücke haben keinen Marktwert

mehr, weil sie defekt, verschmutzt oder für das örtliche

Klima ungeeignet sind. Die Recherchen haben ergeben,

dass 30 bis 40 Prozent der Importe nicht mehr verkauft

werden können. Sie landen gemeinsam mit der Überproduktion

auf Mülldeponien, in Flüssen oder werden unter

freiem Himmel verbrannt: weltweit eine LKW-Ladung pro

Sekunde.

„Es reicht nicht aus, das Wort ‚nachhaltig‘ auf Textilien zu

schreiben, ohne das Geschäftsmodell zu verändern“, sagt

Viola Wohlgemuth, Expertin für Ressourcenschutz von

Greenpeace. „Wir brauchen wie beim Klima ein internationales

Abkommen, das den Export von Textilmüll verbietet,

recyclefähiges Produktdesign vorschreibt und eine globale

Steuer, die das Verursacherprinzip mit einbezieht. Das

heißt, die Hersteller werden für die Kosten der Beseitigung

der verursachten Umwelt- und Gesundheitsschäden in der

gesamten Lieferkette finanziell verantwortlich gemacht.“ ■

Herausgeber:

macondo publishing GmbH

Dahlweg 87

48153 Münster

Tel.: 0251 / 200782-0

Fax: 0251 / 200782-22

E-Mail: redaktion@umweltdialog.de

Redaktion dieser Ausgabe:

Dr. Elmer Lenzen (V.i.S.d.P.), Sonja Scheferling,

Elena Köhn, Milena Knoop, Ulrich Klose

Bildredaktion:

Marion Lenzen

Gestaltung:

Gesa Weber

Lektorat:

Marion Lenzen, Milena Knoop

Klimaneutraler Druck, FSC ® -zertifiziertes

Papier, CO 2

-neutrale Server

© 2022 macondo publishing GmbH

© Titelbild: mattkusb / stock.adobe.com

ISSN

Digital: 2199-1626

Print: 2367-4113

82 Ausgabe 17 | Mai 2022 | Umweltdialog.de


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