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Frankreich erleben - Vorschau Heft Nr.83

Heft 83 - Sommer 2022

Heft 83 - Sommer 2022

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DAS UNABHÄNGIGE FRANKREICH-MAGAZIN Nr. 83 · Sommer 2022

BELFORT · CENTRE-VAL DE LOIRE · DRÔME · NORMANDIE · OKZITANIEN · PARIS

Mont Saint-Michel

Die Geheimnisse des « Gefängnisbergs »

Drôme

Die Schönheit der Dörfer

Rambouillet

Der Krieg der Schafe

Okzitanien

Céret, das « Mekka

des Kubismus »

Territoire de

Belfort

Die Stärke der Kleinen

Paris Streit um die « Schönheit » der Stadt

Rezept Tarte aux myrtilles

Tradition Das « Trou normand »

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EDITORIAL

Liebe Leserin, lieber Leser,

wenn man es sich innerhalb der Redaktion

zum Ziel gesetzt hat, « Sie, unsere

Leser, in Erstaunen zu versetzen! », dann

ist es nicht einfach, einen umfassenden Artikel über den

Mont Saint-Michel, einen der bekanntesten und meistbesuchten

Orte Frankreichs, zu verfassen! Über ihn scheint

schon alles gesagt und geschrieben worden zu sein.

Und doch haben wir nicht nur für das

Titelbild eine ganz ungewöhnliche Perspektive

– vom Dach der Basilika – gefunden,

sondern der Beitrag handelt zudem, wie Sie

feststellen werden, von einem ungewöhnlichen

und kaum beachteten Abschnitt der

Vergangenheit des Mont Saint-

Michel: von seiner Zeit als Gefängnis.

Selbst diejenigen, die glauben, den

Klosterberg zu kennen, werden ihn

unter diesem Aspekt neu entdecken!

Und nun noch ein paar Worte

an Sie, liebe Abonnentinnen

und Abonnenten. Es geht um

ein Thema, das uns am Herzen

liegt: den Schutz der Umwelt. Sie

haben sicherlich festgestellt, dass

die letzte Ausgabe (Nr. 82) zum ersten

Mal ohne die übliche Plastikhülle

in Ihrem Briefkasten steckte. Immer

mehr Verlage nutzen inzwischen diesen

neuen Service der Deutschen Post für

den Versand innerhalb Deutschlands.

Dies trägt dazu bei, eine große Menge an Plastikmüll zu

vermeiden, denn es ist allgemein bekannt, dass dieses Material

sehr umweltschädlich ist. Obwohl uns der Nutzen

dieser Umstellung für unseren Planeten sofort überzeugte,

muss ich ehrlicherweise zugeben, dass dennoch

eine gewisse Skepsis blieb. Wir wollten sicher sein, dass

die Magazine in einwandfreiem Zustand bei den

Empfängern ankommen. Die Deutsche Post hat

dies garantiert, wir haben darauf vertraut. Dass

es die richtige Entscheidung war, bestätigen

die Zahlen, die wir Ihnen nicht vorenthalten

möchten: Lediglich bei 0,2 % der im

Abonnement gelieferten Magazine gab

es eine Reklamation. Diese Quote ist

kaum höher, als es mit der Plastikverpackung

der Fall war. Insofern haben

wir entschieden, diese Versandart beizubehalten.

Sollte Ihr Exemplar aus unglücklichen

Umständen einmal nicht in einwandfreiem

Zustand bei Ihnen ankommen, kontaktieren Sie

einfach unseren Aboservice. Wir senden Ihnen

dann gerne ein neues Exemplar. Dieses wirtschaftliche

« Risiko » nehmen wir angesichts

der ökologischen Herausforderungen auf uns.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Lesen dieser

Ausgabe von Frankreich erleben und einen sonnigen,

heiteren Sommer voller schöner Entdeckungen!

Titelbild: Blick vom Dach der Basilika auf die

Bucht des Mont Saint-Michel (Manche).

Jean-Charles Albert

Chefredakteur

jc.albert@frankreicherleben.de

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 3


INHALT

Belfort · 68

Mont Saint-Michel · 24

Rambouillet · 46

Montrichard · 82

Paris · 78

Drôme · 36

Rezept · 92

Céret · 56

4 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Lille

Rennes

Nantes

Bordeaux

Rouen

24 · Mont Saint-Michel 78 · Paris

46 · Rambouillet

Tours

82 · Montrichard

Montpellier

Toulouse

Marseille

56 · Céret

Straßburg

68 · Belfort

22 · Dijon

Lyon

36 · Drôme

Unterwegs in Frankreich

24 Mont Saint-Michel

Die Geheimnisse des « Gefängnisbergs »

Der Mont Saint-Michel, das « Wunder des Westens », hat nichts von

seiner magischen Anziehungskraft auf Touristen und Pilger verloren.

Die Kehrseite des Erfolges: Die Besichtigung gleicht oftmals

einem « touristischen Pflichtprogramm ». Dabei ist es durchaus

möglich, sich für eine ganz andere Seite des Klosterbergs zu

interessieren: für die Zeit, in der der Mont ein Gefängnis war.

36 Drôme

Die Schönheit der Dörfer

Zwischen Vercors und Provence laden Flüsse und Wälder, Berge

und Lavendelfelder dazu ein, dem Alltag zu entfliehen! Unser

Vorschlag für eine 341 Kilometer lange Strecke, auf der Sie sechs

sehenswerte Dörfer in einer vielfältigen Landschaft entdecken.

46 Bergerie nationale de Rambouillet

Der Krieg der Schafe

Südwestlich von Paris liegt in einer abgelegenen Ecke des Parks

von Schloss Rambouillet eine ganz besondere Schäferei, die

erstaunlicherweise selbst bei Franzosen relativ unbekannt

ist, obwohl sie unter anderem einen regelrechten Schatz

besitzt: eine Herde mit Merinoschafen und -widdern, die sich

dadurch auszeichnen, dass sie niemals gekreuzt wurden.

56 Okzitanien

Céret, das « Mekka des Kubismus »

Braque, Chagall, Dalí, Dufy, Gris, Soutine und Picasso sind

nur einige Namen berühmter Künstler, die in Céret lebten

oder sich zumindest zeitweilig dort aufhielten. Der Ort besitzt

ein Museum, das mit einer der reichhaltigsten Sammlungen

Frankreichs nicht nur diese weltweit renommierten Meister

ihres Fachs würdigt, sondern sich auch dafür engagiert,

zeitgenössische Künstler bekannt zu machen. Ein Besuch.

Frankreich heute

66 Tourismus

Hotels: die Reform des französischen Sterne-Systems

Am 1. April 2022 trat im französischen Hotelwesen ein neues

Verfahren für die Vergabe der Sterne in Kraft. Eine Übersicht über

diese bedeutende Neuerung, die man als Tourist kennen sollte.

68 Territoire de Belfort

Die Stärke der Kleinen

Das Territoire de Belfort wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Trotz

der überschaubaren Größe – 609 km 2 – wollte man dort immer

hoch hinaus und agierte entschlossen, ganz nach dem Vorbild

der Symbolfigur, dem berühmten Löwen von Belfort. Ein Beispiel,

das zeigt, wie stark manchmal gerade die Kleinsten sein können.

78 Städteplanung

Streit um die « Schönheit » von Paris

Ist Paris die « schönste Stadt der Welt » oder ist Paris

« verwüstet »? Darüber wird in der Hauptstadt diskutiert,

zuweilen sogar sehr heftig. Worum geht es dabei? Wir haben

versucht, vor Ort etwas Klarheit in das Thema zu bringen ...

Art de vivre

82 Weintourismus

Wenn Loire-Schlösser Weinkeller illuminieren

In den Kellern von Maison Monmousseau in Montrichard werden

seit 1886 Schaumweine nach der Méthode traditionnelle

hergestellt. Die beeindruckenden Stollen sind die Kulisse für

ein ganz unerwartetes Erlebnis. Lesen Sie mehr über eine

schöne Art, die Region und ihre Weine zu entdecken!

92 Chantals Rezept

Tarte aux Myrtilles

94 Produkt

Louit Frères: der besondere Senf im kleinen Fass

Denkt man an Senf, fallen einem unweigerlich Burgund und die

« Hauptstadt des Senfs », Dijon, ein. Dabei gibt es noch einen

anderen Senf, den man kennen sollte und dessen Ursprung

überraschenderweise nicht in Dijon, sondern in Bordeaux liegt.

3 Editorial

6 On en parle

12 On lit

14 On lit en France

16 On regarde

18 On surfe

20 Am Tag als …

22 On écoute

77 Leserbriefe

88 Nach bestellungen

96 Guéwen a testé

98 Impressum

98 Vorschau

Frankreich erleben im Internet: www.frankreicherleben.de

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 5


UNTERWEGS IN FRANKREICH Normandie / Manche

Mont Sain

Die Geheimnisse des

24 · Frankreich erleben · Sommer 2022


t-Michel

« Gefängnisbergs »

Nähert man sich der Baie du Mont Saint-Michel lässt der Anblick der

pyramidenförmigen Silhouette der Insel mit ihrer Abtei auch heute

noch, mehr als 1300 Jahre nach der Gründung des Klosters im Jahr

708, niemanden gleichgültig. Das Betreten des felsigen Eilands ist

nach wie vor ein besonderes Erlebnis. Kein Zweifel, das « Wunder des

Westens » hat nichts von seiner magischen Anziehungskraft auf Touristen

und Pilger verloren. Die Kehrseite des Erfolges ist jedoch, dass

die Besichtigung eines solchen Anziehungspunktes oftmals einem

« touristischen Pflichtprogramm » gleicht, das keine Gelegenheit für

wirkliche Entdeckungen bietet. Dabei ist es durchaus möglich, sich für

eine ganz andere, vielfach unbekannte Seite des Mont Saint-Michel zu

interessieren: die Zeit, in der der Mont ein Gefängnis war, als das ehemalige

Benediktinerkloster in eine der bedeutendsten Haftanstalten

Frankreichs verwandelt worden war. Ein Thema, um ausgetretene

Touristenpfade zu verlassen und diesen besonderen Ort unter einem

ganz neuen und packenden Blickwinkel zu entdecken!

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 25


UNTERWEGS IN FRANKREICH Normandie / Manche

26 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Diskutiert man mit François Saint-James während

des Spaziergangs durch die Gassen der

Gemeinde Mont Saint-Michel, muss man darauf

gefasst sein, immer wieder unterbrochen zu werden.

Von allen Seiten ertönt ein « Hallo, wie gehts? » oder ein

« Tag François, alles klar? », sodass man den Eindruck

hat, sich in Begleitung einer lokalen Berühmtheit zu

befinden. Was im Grunde genommen nicht falsch ist.

Die meisten der noch verbliebenen rund 20 Einwohner

und derjenigen, die hier arbeiten, kennen ihn gut, denn

der Mann gehört sozusagen zum « Inventar ». Seit 1989

ist der « altgediente » Gästeführer der Abtei hier tätig,

lange Zeit wohnte er zudem hier, und schon immer

hegte er eine ausgeprägte Leidenschaft für den Felsen

und seine Geschichte. Beide kennt er wie seine Westentasche.

Wie die meisten seiner Kollegen trennt er sich

niemals von dem beeindruckenden Schlüsselbund mit

riesigen Schlüsseln, die ihm Zugang zu allen Räumen

der Abtei und den Respekt der Besucher verschaffen.

Wir haben einen Termin mit François Saint-James vereinbart,

weil er der Initiator einer der spannendsten und

ungewöhnlichsten Besichtigungen des Mont Saint-Michel

ist, die sich einer eher unbekannten Epoche widmet,

nämlich der Zeit, in der hier ein Gefängnis war:

Zunächst gingen die Mönche einer « Nebentätigkeit »

als Kerkermeister nach; in der Folge wurde aus der Abtei

ein bedeutendes Gefängnis, in dem knapp 600 Häftlinge

eingesperrt waren. Grund genug also, den Mont

einmal aus einer ganz anderen, ungewöhnlichen Perspektive

zu betrachten!

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 27


UNTERWEGS IN FRANKREICH Auvergne-Rhône-Alpes / Drôme

Drôme

Die Schönheit der Dörfer

36 · Frankreich erleben · Sommer 2022


km 0

Mirmande

601 Einwohner / Höhe: 195 m

Das Departement Drôme liegt an der Route nationale 7 – also an der berühmten

« Ferienstraße » – und kann sich stolz damit rühmen, dass auf seinem

Gebiet sechs Orte mit dem Qualitätslabel Les plus beaux Villages de

France liegen. Bereist man sie, entdeckt man nicht nur die Schönheit dieser

bemerkenswerten Dörfer, sondern wird sich darüber hinaus der erstaunlichen

geografischen Vielfalt der Gegend bewusst: Zwischen Vercors und

Provence laden Flüsse und Wälder, Berge und Lavendelfelder dazu ein, dem

Alltag zu entfliehen! Wir haben für Sie einen Streckenvorschlag ausgearbeitet,

der in einem Ort zwischen Valence und Montélimar beginnt und endet:

Mirmande ist gleichzeitig eines dieser « schönsten Dörfer », die fünf anderen

besuchen Sie im Verlauf der 341 Kilometer langen Strecke in Ihrem eigenen

Rhythmus. Idealerweise sollten Sie sich mindestens zwei bis drei Tage Zeit

dafür nehmen.

Der Anblick des hoch auf dem Hügel gelegenen

Dorfes Mirmande ist faszinierend. Das Auge wird

sofort von der ganz oben gelegenen – heute entweihten

– Kirche Sainte-Foy angezogen, die mittlerweile als Ausstellungsort

dient. Vor allem aber ist man darüber erstaunt, welche Harmonie der Ort ausstrahlt.

Die alten Dorfhäuser, deren Steine im Sonnenlicht goldgelb leuchten, liegen so

dicht beieinander, dass sie wie miteinander verschmolzen scheinen. Diese Bauweise ist jedoch

ein exzellentes Mittel, um sich vor dem Mistral, dem eisigen Nordwind, zu schützen.

Im Inneren ist das Dorf ein wahres Labyrinth blumengeschmückter Gässchen und Treppen.

Überall verstecken sich kleine Gärten, von einigen Stellen hat man einen herrlichen Ausblick

auf das Rhonetal und die Berge des Vivarais. Im Frühjahr verzaubert die Umgebung

den Besucher mit Tausenden blühender Obstbäume. Nachdem Ende des 19. Jahrhunderts

die meisten Seidenraupenzüchter der Gegend den Betrieb einstellten, sind es heute neben

den vielen Künstlern und Galerien, die das ganze Jahr über eine wichtige Rolle für das kulturelle

Leben spielen, vor allem Obstproduzenten (Kirschen,

Pfirsiche, Aprikosen, Kiwi …), die für die wirtschaftliche

Grundlage des Dorfes sorgen.

Office de Tourisme du Val de Drôme

Place du Champ de Mars

26270 Mirmande

www.valleedeladrome-tourisme.com

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 37


UNTERWEGS IN FRANKREICH Île-de-France / Yvelines

46 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Bergerie nationale

de Rambouillet

Der Krieg der Schafe

Rund 50 Kilometer südwestlich von Paris liegt in

einer abgelegenen Ecke des Parks von Schloss

Rambouillet eine ganz besondere Schäferei, die

man besichtigen kann. Die ehemals « königliche

Schäferei » – aus der in der Folge eine kaiserliche

und schließlich eine nationale wurde – befindet

sich in wunderschönen Gebäuden aus dem 18.

Jahrhundert. Erstaunlicherweise ist sie selbst bei

Franzosen relativ unbekannt, obwohl sie unter

anderem einen regelrechten Schatz besitzt: eine

Herde mit Merinoschafen und -widdern, die sich

dadurch auszeichnen, dass sie niemals gekreuzt

wurden. Genetisch entsprechen diese Tiere exakt

denen, die der spanische König 1786 Frankreich

schenkte und die der Ursprung für diese Schäferei

waren. Die Schafe wurden gegen alle Wechselfälle

der Geschichte des Landes sorgsam beschützt

und stellen heute einen einzigartigen und

sorgsam umhegten Tierbestand dar, der seinesgleichen

auf dem Globus sucht. Die unglaubliche

Geschichte dieser Schafe und der nationalen

Schäferei ist wahrlich einen Besuch wert …

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 47


UNTERWEGS IN FRANKREICH Okzitanien / Pyrénées-Orientales

Céret

56 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Ein Künstlerdorf

zwischen

Bergen und Meer

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 57


FRANKREICH HEUTE Tourismus

Hotels: die Reform

des französischen

Sterne-Systems

Am 1. April 2022 trat im französischen

Hotelwesen ein neues

Verfahren für die Vergabe der

Sterne in Kraft. Dies ist eine bedeutende

Neuerung im Bereich des Tourismus

in Frankreich, denn das bestehende

Klassifizierungssystem, das in den 1930er-

Jahren eingeführt wurde, ist zwar nicht obligatorisch,

wurde jedoch von den Hotelbesitzern

weitestgehend übernommen: 87 % der

rund 17 000 Hotels schmücken sich mit einem bis

maximal fünf Sternen. Was hat sich mit der « neuen

Klassifizierung 2022 » genau geändert? Übersicht über

eine Reform, die man als Tourist kennen sollte.

Die bislang bestehenden Hotelkategorien in Frankreich

gehen auf ein Gesetz vom 7. Juni 1937 zurück,

in dem 30 Kriterien definiert wurden, die der

Vergabe von bis zu vier Sternen zugrunde lagen. In der

Folge dauerte es lange, genauer gesagt bis 2009, bis es eine

weitreichende Reform gab: Für die immer mehr verbreiteten

Luxushotels, die sogenannten Palace, wurde mit fünf

Sternen eine neue Kategorie eingeführt. Vor allem aber

wurde damit berechtigterweise das – für Hotelbesitzer

« bequeme » – Prinzip der lebenslangen Einstufung abgeschafft.

Seitdem gilt der Grundsatz, dass die Sternekategorie

vom Hotel alle fünf Jahre neu beantragt werden muss,

was mit der Kontrolle durch eine zugelassene Einrichtung

einhergeht. Die bestehende Praxis ist im Übrigen nicht

länderübergreifend einheitlich. Jedes Land kann die Kriterien

für die Auszeichnung frei vergeben, sodass zum Beispiel

der Standard für zwei Sterne in Frankreich nicht

zwangsläufig dem eines anderen europäischen oder außereuropäischen

Landes entspricht. Seit 13 Jahren hat sich die

Vorgehensweise für die Klassifizierung französischer Hotels

allerdings nicht weiterentwickelt, zumal das System

relativ gut funktioniert. Auch wenn man durch das Aufkommen

von Reservierungsplattformen im Internet, wie

Booking.com oder Hotels.com, zunächst Befürchtungen

hegte, da dort die Beherbergungsbetriebe aufgrund der von

den Kunden vergebenen Noten bewertet werden, sind die

Sterne für Hotels nach wie vor ein wichtiges Auswahlkriterium,

auf das sich Gäste generell verlassen. Was allerdings

die Erwartungen der Hotelgäste angeht, so haben sich diese

seit 2009 zwangsläufig verändert, sodass eine Anpassung

des Verfahrens vonnöten wurde. Dies ist in Frankreich per

1. April 2022 erfolgt, ohne dass man nun gleich von einer

« Revolution » oder gar von einem « Großreinemachen » bei

den Sternen sprechen könnte. Man kann jedoch sagen,

dass diese Reform, ähnlich wie im Jahr 2009, das französische

Hotelgewerbe einen Schritt nach vorne bringt. Im

Übrigen gilt sie nicht nur für Hotels, sondern auch für andere

kommerzielle Beherbergungsbetriebe (Campingplätze,

Freizeitparks, Ferienwohnungen, Feriendörfer usw.).

Das Grundprinzip der Einstufung hat sich durch die

66 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Reform nicht geändert: Generell besteht nach wie vor

keine Pflicht, die Einstufung zu beantragen, die Entscheidung

liegt beim Betreiber selbst. Wenn sich dieser jedoch

mit einem oder mehreren Sternen schmücken möchte,

muss er dafür bestimmte Formalitäten abwickeln, indem

er ein offizielles Formular ausfüllt. Dieses Formular

umfasst heute eine lange Liste mit 243 Kriterien, wobei

es für jedes erfüllte Kriterium Punkte gibt. Je höher die

Gesamtpunktzahl ist, desto mehr Sterne kann der Betrieb

erhalten. Die Erfüllung einiger Kriterien ist Pflicht. Dies

kann für alle der fünf Kategorien (ein bis fünf Sterne) gelten,

was beispielsweise bei Anforderungen wie « saubere

Kleidung des Empfangspersonals » oder « Zimmer sauber

und in gutem Zustand (Wände, Boden, Decke) » relativ

naheliegend ist. Andere Kriterien sind dagegen von der

jeweiligen Kategorie abhängig. So muss beispielsweise die

Mindestfläche eines Doppelzimmers (inkl. Bad/Toilette)

in einem 1-Sterne-Hotel 10,5 m², in einem 2-Sterne-

Hotel 10,75 m², bei drei Sternen 13,5 m², bei vier Sternen

16 m² und bei fünf Sternen 24 m² betragen. Ein weiteres

Beispiel für ein « maßgeschneidertes » Kriterium ist das

Vorhandensein eines « funktionsfähigen » Tresors, der erst

ab einem Standard von vier Sternen vorhanden sein muss.

Dagegen müssen selbst in einem Hotel mit nur einem

Stern ausnahmslos alle Zimmer mit einem Spiegel ausgestattet

sein.

Was die neuen Anforderungen der Reform 2022 allerdings

auszeichnet, ist der deutlich gestiegene Stellenwert

der Nachhaltigkeit in der Bewertung. Für diesen Punkt

gibt es nun insgesamt 27 Kriterien, von denen 12 zwingend

erfüllt sein müssen, während es bisher nur drei waren,

die alle erfüllt sein mussten. Insofern muss jeder Anwärter

für einen oder mehrere Sterne unter anderem « mindestens

eine Maßnahme zur Reduzierung des Wasserverbrauchs »,

« das Vorhandensein eines Mülltrennungssystems für die

Gäste », « den Einsatz mindestens eines umweltverträglichen

Reinigungsmittels » sowie « die Ausbildung des Personals

im Hinblick auf Maßnahmen für einen sparsamen

Umgang mit Energie und Wasser sowie

im Abfallmanagement » nachweisen.

Obwohl diese Kriterien heutzutage

eigentlich auf der Hand liegen, zeigen

sie dennoch, dass man die Branche mit

sanftem Druck zur Erfüllung auffordern

muss.

Gleichzeitig passt sich die Reform

auch neuen Gewohnheiten aufseiten

der Gäste an. So wird zum Beispiel

bereits ab dem ersten Stern

eine Website verlangt,

« die den Betrieb, das

Angebot und die Preise

vorstellt », ebenso wie

« der Internetzugang

über ein drahtloses

Netz (WLAN) » und

zwar nicht nur in den öffentlichen Bereichen, sondern

auch in allen Zimmern, wobei das Angebot nicht zwangsläufig

kostenlos sein muss. Dies erfüllt mit Sicherheit die

Bedürfnisse großer Teile der Kunden, die solche Punkte

heutzutage als wesentlich einstufen.

Über einige der 243 Kriterien dieser langen Liste muss

man sich jedoch eher wundern. Obwohl inzwischen quasi

jeder ein Smartphone oder Tablet besitzt, ist « eine zusätzliche

freie Steckdose in der Nähe des Bettes » immer

noch nicht verpflichtend, dabei ist es naheliegend, dass

der Gast ein solches Gerät in Bettnähe aufladen möchte,

um es gleichzeitig nutzen zu können. Ebenso ist bedauerlich,

dass in den ersten vier Sterne-Kategorien für « die

Betten in allen Zimmern nur ein Mindestmaß » von 0,80

x 1,90 m (Einzelbett) beziehungsweise 1,40 x 1,90 m

(Doppelzimmer) gefordert ist. Das « berühmte » schmale

Doppelbett à la française mit einer Breite von nur 1,40 m

ist also nach wie vor kein Auslaufmodell. Nur für Häuser

mit fünf Sternen sind Doppelbetten vorgeschrieben, die

mindestens eine Größe von 1,60 x 2,00 m haben. Ebenso

mag es heute überraschen, dass zwar in allen Kategorien

systematisch eine « zusätzliche Decke » angeboten werden

muss, aber eben nur eine « Decke ». Nirgendwo ist in

dieser Klassifizierung von einer « Steppdecke » die Rede,

obwohl diese in Frankreich seit einigen Jahren immer

verbreiteter ist. Dieser Punkt wird viele Touristen nicht

zufriedenstellen, zumal, wenn sie aus dem Norden Europas

kommen. Gut zu wissen ist auch, dass der Gast erst ab

dem dritten Stern einen Bademantel im Zimmer erwarten

kann. Gleiches gilt für die Möglichkeit, das Frühstück im

Zimmer einzunehmen. Will man Zahnbürste und Zahncreme

im Badezimmer vorfinden, muss man allerdings in

einem 5-Sterne-Hotel absteigen, was zugegebenermaßen

den Preis für solche « kostenlosen » Hygieneartikel sehr in

die Höhe treibt … Beachten sollte man zudem, dass die

neuen Kriterien erst nach Ablauf der Fünfjahresfrist der

aktuellen Klassifizierung eines Hotels zur Anwendung

kommen. Ein Haus, das seine Sterne 2021 zuerkannt

bekam, ist demnach erst 2026 von den

Änderungen betroffen. Als Fazit lässt

sich festhalten, dass es sich hierbei um

eine eher halbherzige Reform handelt,

die zwar einige Veränderungen berücksichtigt,

jedoch keine bahnbrechende

Neuerung darstellt. Regierung und

Fachkreisen zufolge zielt die Reform

auf alle Fälle darauf ab, Frankreich

den Platz als « die Nummer eins

der weltweiten Reiseziele » zu

sichern. Die Zukunft wird

zeigen, ob sie ambitioniert

genug ist, dafür zu

sorgen, dass die Sterne

der französischen Hotels

nach wie vor hell

strahlen werden …

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 67


FRANKREICH HEUTE Hundertjahrfeier

68 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Territoire de Belfort

DIE STÄRKE DER KLEINEN

Das Territoire de Belfort in der Region Bourgogne-Franche-Comté ist die Nummer 90

der 101 französischen Departements. In diesem Jahr wird es 100 Jahre alt. Ein bedeutender

Geburtstag also, den man im Verlauf des gesamten Jahres würdig begeht.

Wir haben die Gelegenheit genutzt, um uns mit dem Präsidenten des Departements,

Florian Bouquet, über dieses liebenswerte Departement mit ausgeprägtem

Charakter zu unterhalten. Trotz der überschaubaren

Größe – 609 km 2 , eines der kleinsten des

Landes – wollte man dort immer hoch hinaus

und agierte entschlossen, ganz nach dem Vorbild

der Symbolfigur, dem berühmten Löwen

von Belfort. Ein schönes Beispiel dafür, wie stark

manchmal gerade die Kleinsten sein können.

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 69


FRANKREICH HEUTE Städteplanung

Ist Paris die « schönste Stadt der Welt » oder ist

Paris « verwüstet »? Die Frage mag provozierend

erscheinen. Und doch wird in der Hauptstadt

darüber diskutiert, zuweilen sogar sehr heftig.

Einwohner und Politiker werfen der amtierenden

Bürgermeisterin, Anne Hidalgo, teilweise vor, die

« Verwüstung » der Stadt auf dem Gewissen zu

haben, während die Betroffene selbst der Meinung

ist, alles daranzusetzen, um sie schöner zu

machen. Worum geht es dabei? Wir haben versucht,

vor Ort etwas Klarheit in das Thema zu

bringen …

Achtung, es ist ein heikles Thema! Sogar sehr heikel!

Wenn Sie mit Parisern zusammen sind und eine

heftige Debatte lostreten möchten, in deren Verlauf

ihre Gesprächspartner sprichwörtlich explodieren,

dann gibt es ein besseres Thema als die jüngsten Präsidentschaftswahlen:

Bringen Sie die Arbeit der seit 2014 eingesetzten

Stadtverwaltung und die mutmaßlichen – oder tatsächlichen

– Folgen für das Aussehen der Hauptstadt zur

Sprache. Dann können Sie sicher sein, eine erbitterte Diskussion

zu erleben. Eine Diskussion, wie Franzosen sie

gerne führen. Innerhalb nur weniger Minuten werden Sie

feststellen, dass von beiden Seiten die Argumente nur so

hageln: Für die einen – diejenigen, welche die sogenannte

« Verwüstung » der Hauptstadt anprangern – geht es sehr

wahrscheinlich um die « ausgesprochene Hässlichkeit », das

« Königreich der Nachlässigkeit », den « in der Politik vorherrschenden

schlechten Geschmack », um « Absurdität »

und « Inkompetenz ». Für die anderen – diejenigen, die diesen

Aussagen widersprechen – geht es dagegen um ein

« Experimentieren », eine « notwendige Entwicklung », die

« Anpassung an eine neue Welt », um « Modernisierung »,

« Wagemut » und « die Antwort auf die klimatischen Herausforderungen

». Der Dialog droht kompliziert zu werden!

Wappnen Sie sich vor allem mit Geduld, mit viel Geduld,

wenn Sie es darauf abgesehen haben, dass Ihre Gesprächspartner

am Ende zu einem Konsens kommen.

Denn wenn es um die Schönheit von Paris geht, sind die

78 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Debatten hitzig und die Meinungen festgefahren … Wie

konnte es überhaupt so weit kommen? Bevor wir dieser

Frage nachgehen, ist es vielleicht sinnvoll, durch die Straßen

der Hauptstadt zu streifen, um sich eine eigene Meinung

zu bilden. Diejenigen, die Anne Hidalgo und ihre

Politik anprangern, verbreiten seit etwas mehr als einem

Jahr via Twitter unter dem Hashtag #SaccageParis Fotos,

welche die Verunstaltung der Stadt dokumentieren sollen.

Denn sie sind der Ansicht, dass die Straßen heute besonders

« schmutzig », wenn nicht gar « eine Gefahr für die

Gesundheit » seien, « übersät mit Müll, der niemals eingesammelt

wird » und « bedeckt mit Hundekot ». Vor allem

aber – und das mache den Zustand nicht besser – würden

sie « durch neue Stadtmöbel entstellt » und seien « eine einzige

Baustelle ». Muss man sich vor diesem Hintergrund

für eine Ortsbegehung womöglich mit Stiefeln, Handschuhen

und einer Maske ausrüsten?

Sauber oder schmutzig?

Man kommt um die Feststellung nicht umhin, dass

der Zustand der Straßen zwar weit vom Idealzustand

entfernt ist, aber lange nicht so beklagenswert und katastrophal

ist, wie manche behaupten. Auf unserem immerhin

17 Kilometer langen Tagesmarsch durch Paris – von

Norden nach Süden und von Westen nach Osten – sehen

wir tatsächlich Papier auf der Erde liegen, nicht geleerte

und manchmal aufgeschlitzte Mülleimer, Zigarettenkippen

wohin das Auge reicht und in der Tat auch die wenig

appetitlichen « Hinterlassenschaften » von Hunden. Objektiv

gesehen ist dies jedoch nicht « schockierender » als

das, was wir von Paris oder von vielen anderen Städten

in Frankreich und auf der ganzen Welt leider seit vielen

Jahren gewöhnt sind. Es stimmt, dass sich die Stadt nicht

gerade als « tadellos sauber » rühmen kann, doch sie deswegen

gleich generell als « schmutzig » zu verunglimpfen,

scheint uns nicht richtig. Jeder Tourist, der bereits über

den Globus gereist ist, wird das bestätigen. Denn wo auf

der Welt findet man in dieser Hinsicht schon den Idealzustand?

Abgesehen vielleicht von Tokio, wo es den

Menschen nicht im Traum einfallen würde, ein Stück

Papier auf den Boden fallen zu lassen. Öffentliche Abfalleimer

sind dort sogar so gut wie verschwunden, da

man sie schlichtweg nicht mehr benötigt! Es ist jedoch

kein Geheimnis, dass der Bürgersinn der Pariser in Bezug

auf Sauberkeit von dem der Tokioter weit entfernt

ist.

Gewiss, dieses oder jenes Foto, das solche Missstände

in Großaufnahme zeigt und sofort auf Twitter oder Facebook

veröffentlicht wird, kann zu Recht beunruhigen.

Solche Bilder legen den Finger in die Wunde, indem sie

auf ein Problem, auf das nicht funktionierende Reinigungssystem

hinweisen. Sollen solche Fotos aber deswegen

mithilfe der sozialen Netzwerke als politische Waffe

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 79


ART DE VIVRE Weintourismus / Centre-Val de Loire / Loir-et-Cher

Monmousseau

Wenn Loire-Schlösser

Weinkeller illuminieren

Im Herzen des Loire-Tals, nur wenige Minuten von Schloss Chenonceau

entfernt, liegt eine regelrechte lokale Institution: die Keller von Maison

Monmousseau in Montrichard (Loir-et-Cher). Seit 1886 werden dort stille

Weine, vor allem aber die Spezialität des Hauses, Schaumweine nach der

Méthode traditionnelle, hergestellt. Die Weinkeller befinden sich in beeindruckenden

Stollen, die in den für die Gegend typischen Kalkstein – den sogenannten

Tuffstein – gehauen sind. Seit einigen Jahren ist dies für Besucher

die Kulisse für ein ganz unerwartetes Erlebnis: Die langen Gänge werden

durch eine einfache, aber wirkungsvolle Technik illuminiert, und die gelungene

Inszenierung ist gleichzeitig eine Hommage an die Schlösser der

Loire, die zum Teil mit dem an diesem Ort abgebauten Stein errichtet wurden.

Eine schöne Art, die Region und ihre Weine zu entdecken!

82 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Frankreich erleben · Sommer 2022 · 83


ART DE VIVRE Rezept

Wanderer wissen nur zu gut, dass die Heidelbeer-Tarte in einigen

Bergregionen Frankreichs ein beliebtes Dessert ist. Ich persönlich

mag die einfachste Version am liebsten, so, wie man sie normalerweise

in den Vogesen bekommt. Dort wird sie auch Tarte aux

brimbelles genannt, nach dem Namen, den man dem « schwarzen

Gold » der Region, den wilden Heidelbeeren, gegeben hat. In

den Vogesen werden Heidelbeeren in der Regel von Mitte Juni

bis Mitte Juli geerntet, allerdings ist das Sammeln mittlerweile so

beliebt, dass es inzwischen oftmals reglementiert ist. Doch das

ist kein Problem, denn heutzutage erhält man im Handel frische

Kulturheidelbeeren, mit denen man diese Tarte ebenso gut zubereiten

kann. Ein Genuss für Groß und Klein! Bon appétit!

Tarte aux

myrtilles

Für 6 Personen • Zubereitung: ca. 15 Minuten • Backzeit: ca. 45 Minuten

92 · Frankreich erleben · Sommer 2022


Zutaten:

Mürbeteig:

300 g Mehl

150 g in Würfel geschnittene Butter

½ TL Salz

3-4 EL Zucker

Etwas Wasser

Belag:

700 g frische Heidelbeeren

150 g Löffelbiskuits

120 g Zucker

Zubereitung:

• Für den Mürbeteig Mehl, Salz und

Zucker in einer Schüssel mischen,

Butter durch leichtes Kneten

mit den Fingerspitzen schnell

einarbeiten. Etwas Wasser (nicht

zu viel!) zugeben und zu einem

homogenen Teig verarbeiten.

• Teig auswellen und eine gebutterte

Tarteform damit auslegen. Teig

mit einer Gabel einstechen und

die Form für zehn Minuten in

den Tiefkühlschrank stellen.

• Währenddessen Löffelbiskuits

grob zerbröseln. Sie nehmen den

beim Backen entstehenden Saft

der Heidelbeeren auf, sodass

der Teig schön knusprig wird.

Heidelbeeren mit dem Zucker in

einer Schüssel mischen. Sobald

der Teig aus dem Tiefkühlschrank

kommt, zuerst die Brösel, dann die

gezuckerten Beeren gleichmäßig

auf dem Teigboden verteilen.

• Im auf 180-200 Grad vorgeheizten

Ofen 45 Minuten backen.

• Auf einem Gitter auskühlen lassen.

Frankreich erleben · Sommer 2022 · 93


GUÉWEN A TESTÉ

… Was ist ein « Trou normand »?

Das Trou normand, wörtlich übersetzt das « normannische

Loch », ist eine Institution in Frankreich! Es handelt sich dabei

um eine sehr alte kulinarische Praxis, die man vor allem im

Rahmen eines festlichen – und umfangreichen – Mahls, zum

Beispiel bei einer Hochzeit, findet. Während eines solchen

mehrgängigen Essens trinkt man in diesem Fall zwischen zwei

Gängen ein kleines Gläschen eines normannischen Obstbrandes:

einen Calvados.

Wozu dient das?

Ich gestehe, dass ich mir diese Frage selbst gestellt habe, als man mir das erste Mal

ein Trou normand anbot. Im Gegensatz zu mir schien die Sache für alle anderen

Gäste am Tisch klar zu sein. Meine Tischnachbarn erklärten mir dann, dass es für

die Verdauung nichts Besseres gäbe: Calvados ist immerhin eine Spirituose mit

einem Alkoholgehalt von 40 bis 45 % vol. Ihrer Meinung nach würde der enthaltene

Alkohol die Verdauung fördern. Ich gestehe, dass ich diese Erklärung

im ersten Moment als Ausrede einstufte, um den zusätzlichen Alkoholgenuss

zu rechtfertigen. Eine Vermutung, die sich bei Überprüfung im Übrigen

bestätigte: Mediziner sind der einhelligen Meinung, dass die Annahme,

Alkohol würde bei der Verdauung helfen, wahrlich eine Legende ist. Im

Gegenteil: Alkohol stört die Verdauung

sogar eher. Insofern hat das Trou normand

im Grunde genommen lediglich « einen

Nutzen » in Bezug auf die Geselligkeit …

Woher kommt diese Tradition?

Sie breitete sich im 17. und 18. Jahrhundert

aus, in einer Zeit, in der man anlässlich großer

Mahlzeiten gewöhnlich die Tradition der

sogenannten trois coups respektierte. Damit

sind drei Gläser gemeint, die man im Rahmen

einer reichhaltigen Mahlzeit konsumierte:

Das « Glas zuvor » (le coup d‘avant), das

heute Aperitif genannt wird; das « Glas danach

» (le coup après), heutzutage der Digestif;

und das « Glas in der Mitte » (le coup du milieu),

also dieses « normannische Loch », um

das es hier geht. Da festliche Mahlzeiten in

Frankreich aus vielen Gängen bestehen und

meist sehr lange dauern (drei bis vier Stunden

sind keine Seltenheit), sollten diese drei

96 · Frankreich erleben · Sommer 2022


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Gläser eines starken alkoholischen Getränks das Essen

« verdaulicher » machen. Die Tradition gab es im Übrigen

nicht nur in der Normandie, sondern in ganz Frankreich.

Was trinkt man als « richtiges » Trou normand?

Ich habe festgestellt, dass man in der Regel beim « Glas

in der Mitte » eine regionaltypische Spirituose trinkt,

das kann beispielsweise ein Cognac, ein Armagnac

oder ein Obstbrand sein, je nachdem, wo man sich

gerade befindet. Insofern ist es amüsant, wenn einem

Hunderte Kilometer von der Normandie entfernt, ein

Trou normand angeboten wird. Dennoch ist festzuhalten,

dass das echte Trou normand, das man beispielsweise

in einem Restaurant erhält, normalerweise aus einem

alkoholischen Getränk aus der Normandie besteht.

Gibt es diese Tradition nach wie vor?

Während der Aperitif und – im geringeren Maße – der

Digestif nach wie vor zu einem französischen Essen

gehören, ist dies beim Coup du milieu immer weniger der

Fall. Heute bietet man das Getränk noch in manchen

Restaurants – vorwiegend in sternengekrönten – in einer

etwas « leichteren » Ausführung an.

Dieses Trou normand der « neuen

Art » besteht oft aus einem Apfelsorbet,

das mit Calvados begossen

ist. Nach wie vor soll es die

Verdauung erleichtern und

den Appetit für die folgenden

Gänge anregen. Die Ehre der

Normandie ist somit gerettet!

Liebe Leserinnen und Leser,

in Situationen wie der jüngeren Vergangenheit

tun Aktivitäten wie Lesen und eventuell sogar

die Vorbereitung des nächsten Frankreichurlaubs

mehr denn je gut.

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