08.06.2022 Aufrufe

DVS_Bericht_375LP

Verwandeln Sie Ihre PDFs in ePaper und steigern Sie Ihre Umsätze!

Nutzen Sie SEO-optimierte ePaper, starke Backlinks und multimediale Inhalte, um Ihre Produkte professionell zu präsentieren und Ihre Reichweite signifikant zu maximieren.

2022<br />

<strong>DVS</strong>-BERICHTE<br />

Elektronische<br />

Baugruppen und<br />

Leiterplatten<br />

EBL 2022<br />

Intelligentes Design, intelligente<br />

Fertigung, Prüfung und Applikation


Nachhaltig, an die Umwelt gedacht.<br />

Mehr Infos unter:


Elektronische<br />

Elektronische<br />

Baugruppen und<br />

Baugruppen Leiterplatten und<br />

Leiterplatten<br />

EBL 2022<br />

EBL 2022<br />

Intelligentes Design, intelligente<br />

Fertigung, Prüfung und Applikation<br />

Intelligentes Design, intelligente<br />

Intelligentes Design, intelligente<br />

Fertigung, Prüfung und Applikation<br />

Fertigung, Prüfung und Applikation<br />

Langfassung der Vorträge der 11. <strong>DVS</strong>/GMM-Tagung<br />

Kurzfassung der Vorträge der 11. <strong>DVS</strong>/GMM-Tagung<br />

in Fellbach am 14. und 15. Juni 2022<br />

in Fellbach am 14. und 15. Juni 2022<br />

(Langfassung der Vorträge auf USB-Karte)<br />

Gemeinschaftsveranstaltung von<br />

Gemeinschaftsveranstaltung von<br />

<strong>DVS</strong> Deutscher Verband für Schweißen und<br />

<strong>DVS</strong> – Deutscher Verband für Schweißen und<br />

verwandte Verfahren e. V. und<br />

verwandte Verfahren e. V. und<br />

GMM VDE/VDI-Gesellschaft Mikroelektronik,<br />

GMM – VDE/VDI-Gesellschaft Mikroelektronik,<br />

Mikrosystem- und Feinwerktechnik<br />

Mikrosystem- und Feinwerktechnik


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek<br />

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;<br />

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.<br />

Titelbild:<br />

Gelebte Kooperation von Ingenieur und künstlicher Intelligenz im Dienst von Forschung und Entwicklung<br />

(© SEMIKRON International GmbH, Nürnberg)<br />

<strong>DVS</strong>-<strong>Bericht</strong>e Band 375<br />

ISBN 978-3-96144-166-2 (Print)<br />

ISBN 978-3-96144-167-9 (E-Book)<br />

Alle Rechte, einschließlich Übersetzungsrecht, vorbehalten. Nachdruck und Vervielfältigung dieses<br />

Bandes oder von Teilen desselben nur mit Genehmigung der <strong>DVS</strong> Media GmbH, Düsseldorf.<br />

© <strong>DVS</strong> Media GmbH, Düsseldorf ⋅ 2022<br />

Herstellung: Print Media Group GmbH, Hamm


Vorwort<br />

DATEN – Fluch oder Segen?<br />

Begriffe wie „Data-Mining, Cloud Solutions, Artificial Intelligence (künstliche Intelligenz) etc.“ sind heute<br />

aus dem Zeitalter der Digitalen Transformation nicht mehr wegzudenken. So ist es kein Geheimnis, dass<br />

in der modernen Baugruppentechnologie riesige Datenmengen anfallen. Bereits bei der Entwicklung und<br />

Konstruktion, der Materialbeschaffung und Lagerung, während der Fertigung, in der Qualitätskontrolle,<br />

beim Vertrieb und beim Anwender werden hier mit allen Kräften Daten generiert. Die Digitalisierung hat<br />

es möglich gemacht, diese Datenmengen zu erfassen, schnell weiterzuleiten und zu sammeln. Aber was<br />

machen wir mit diesen Daten?<br />

Die Forschung hat große Fortschritte gemacht und ermöglicht mit ihrem Spezialwissen das Verständnis<br />

vieler Phänomene und die zielgerichtete Entwicklung neuer Lösungen. Einige Generalisten haben auch<br />

einen guten Überblick über die Zusammenhänge der gesamten Prozesskette. Aber bei der Auswertung<br />

dieser Informationsfülle in der gesamten Breite und Tiefe bedarf es der Unterstützung durch künstliche<br />

Intelligenz, die in der Lage ist, aus diesen Daten typische Muster und bisher unbekannte<br />

Zusammenhänge aufzuspüren. Dabei besitzt die KI weder Phantasie noch Problembewusstsein, von<br />

moralischen und ethischen Abwägungen ganz zu schweigen. Hier bedarf es der menschlichen<br />

Intelligenz, die im besten Fall mit der künstlichen Intelligenz kooperiert.<br />

Wie wichtig dieses Problembewusstsein ist, zeigen uns aktuelle Diskussionen. So sollte die Gewinnung<br />

der Rohstoffe für elektronische Bauelemente und Baugruppen ökologische und humanitäre<br />

Mindeststandards erfüllen. Strategisch wichtige Technologien müssen auch in Europa verfügbar sein,<br />

das haben wir spätestens in der Pandemie erkennen müssen. Bereits mit Industrie 4.0 wurden die<br />

Arbeitsabläufe von Mensch und Maschine harmonisiert, so dass der Mensch von dieser Kooperation<br />

profitieren kann. Ebenso muss auch die Informationsverarbeitung zwischen Mensch und Computer<br />

harmonisiert werden, um eine effiziente und nachhaltige Fertigung innovativer und zuverlässiger<br />

Produkte zu optimieren. Es ist also essentiell, dass Anwender und Nutzer die Systematik verstehen,<br />

Chancen erkennen aber auch Möglichkeiten zur konkreten Umsetzung vermittelt bekommen.<br />

Dazu will diese Tagung auf dem Gebiet der elektronischen Baugruppen und Leiterplatten ihren Beitrag<br />

leisten und zur Diskussion anregen.<br />

Bernd Enser<br />

Vorsitzender der Programmkommission<br />

Prof. Dr. Mathias Nowottnick<br />

Wissenschaftlicher Tagungsleiter


Neue Steuerung Version 4<br />

Absauganlagen GmbH<br />

Absauganlagen GmbH<br />

Aktiv durch<br />

saubere Aktiv<br />

Aktiv Arbeitsluft<br />

durch<br />

durch<br />

saubere<br />

saubere Arbeitsluft<br />

der Menschen Arbeitsluft<br />

am Arbeitsplatz und<br />

‣ Anlagen von 1 bis zu<br />

Unsere Produkte schützen schonen die die die Gesundheit<br />

Umwelt!<br />

40 Arbeitsplätzen Unsere der Produkte Menschen schützen am am Arbeitsplatz die Gesundheit<br />

und<br />

‣ Anlagen von 1 bis zu<br />

der Menschen schonen am Arbeitsplatz die die Umwelt! und<br />

‣‣ Umwelt!<br />

40 40 Anlagen Geringe Arbeitsplätzen von Filterkosten 1 bis zu<br />

schonen die Umwelt!<br />

40 durch Arbeitsplätzen einmaliges<br />

‣ Geringe Pfandsystem<br />

Filterkosten<br />

‣<br />

durch durch Geringe<br />

einmaliges<br />

einmaliges Filterkosten<br />

‣ Extrem leise ca. 50 dB(A)<br />

Pfandsystem<br />

Pfandsystem<br />

durch einmaliges<br />

Pfandsystem<br />

– Bürolautstärke<br />

‣<br />

‣ Extrem Extrem<br />

ATEX leise leise ca.<br />

Version ca. 50<br />

50 dB(A)<br />

‣ Extrem<br />

dB(A)<br />

–<br />

Bürolautstärke<br />

Bürolautstärke leise ca. 50 dB(A)<br />

– Bürolautstärke verfügbar<br />

‣ ATEX Version<br />

‣‣ Kundenspezifische<br />

ATEX Version<br />

verfügbar ATEX Version<br />

Sonderlösungen verfügbar<br />

verfügbar<br />

‣ Kundenspezifische<br />

‣ Die Sonderlösungen<br />

Kundenspezifische<br />

Klepp Absauganlagen GmbH ist Ihr kompetenter Partner im Bereich<br />

Schadstoffabsaugung Sonderlösungen und Filtration. Egal ob Lötrauch, Gase, Dämpfe,<br />

Die Stäube, Klepp wir Absauganlagen haben die passende GmbH ist Lösung Ihr kompetenter für Ihre Anwendung!<br />

Partner im Bereich<br />

ist Ihr im Bereich<br />

Schadstoffabsaugung Die Klepp Absauganlagen und GmbH Filtration. ist Ihr Egal kompetenter ob Lötrauch, Partner Gase, im Dämpfe, Bereich<br />

ob Stäube, Schadstoffabsaugung wir haben die und passende Filtration. Lösung Egal für ob Ihre Lötrauch, Wir Anwendung!<br />

beraten Gase, Sie gerne! Dämpfe,<br />

Stäube, wir haben die passende Lösung für für Ihre Anwendung!<br />

Absauganlagen GmbH<br />

Unsere Produkte schützen die Gesundheit<br />

Gewerbepark Markfeld 8<br />

83043 Bad Aibling<br />

Tel. 08061 93 93 300<br />

E-Mail: info@klepp.de<br />

Gewerbepark Markfeld 8<br />

83043 Gewerbepark<br />

Gewerbepark Bad Aibling Markfeld<br />

Markfeld<br />

8<br />

Tel. 83043 83043 08061 Bad Bad 93 Aibling Aibling<br />

93 300<br />

E-Mail: Tel. Tel. 08061 08061 info@klepp.de 93 93 93 93 300 300<br />

E-Mail: info@klepp.de<br />

www.klepp.de<br />

Wir beraten Sie gerne!<br />

Wir Wir beraten beraten Sie Sie gerne! gerne!<br />

www.klepp.de<br />

www.klepp.de<br />

DAS VIELSEITIGE UNIVERSUM<br />

DER SCHWEISSTECHNISCHEN<br />

INFORMATION<br />

Jetzt entdecken auf www.home-of-welding.com<br />

<strong>DVS</strong> Media GmbH • Aachener Straße 172 • 40223 Düsseldorf<br />

Schweißen verbindet You‘ll Never Work Alone<br />

Schweißen verbindet! Aber nicht nur Stahl. Auch Menschen. Beruflich und privat. Über Ländergrenzen<br />

hinweg. Interkontinental.<br />

Dieses schweißtechnische Phänomen entdeckt und erlebt der Autor, gelernter Kupferschmied und<br />

Schweißfachmann, immer wieder während seiner beruflichen Weltreisen.<br />

„Querweltein“ stellt er vielmals fest, dass beim Schweißen stabile Verbindungen entstehen, die weit<br />

über das bloße Fügen von Werkstoffen hinausgehen: Das Schweißen und die Schweißtechnik verbinden<br />

überall Menschen miteinander.<br />

Über solch teils merkwürdig anmutenden Verbindungen klärt Sie diese unterhaltsame, vergnügliche<br />

Fach-, Sach- und Lachlektüre auf. Sie gewährt Branchenfremden faszinierende Einblicke in die Welt<br />

der Schweißtechnik und liefert selbst Branchenkennern so manche neue Erkenntnis.<br />

Schweißen verbindet<br />

Autor: Thiemonds, St.<br />

2., aktualisierte und erweiterte Auflage 2020<br />

320 Seiten<br />

Artikel-Nr.: 600089 | ISBN: 978-3-96144-078-8<br />

Preis: 15,00 Euro<br />

<strong>DVS</strong> Media GmbH • Aachener Straße 172 • 40223 Düsseldorf • T +49 211 1591-162 • F +49 211 1591-150 • vertrieb@dvs-media.info • www.dvs-media.eu


Inhaltsverzeichnis<br />

Vorwort<br />

EBL-Preis für den wissenschaftlichen Nachwuchs I<br />

Automatische Detektion und Klassifikation elektronischer Bauelemente in Röntgenaufnahmen<br />

auf Basis neuronaler Netze ......................................................................................................... 1<br />

J. Schmitz-Salue, O. Albrecht, M. Oppermann, T. Zerna<br />

Implementierung einer FE2-Multiskalensimulation zur Analyse von thermomechanischen<br />

Belastungen in Leiterplatten ........................................................................................................ 8<br />

A. Stegmaier, M. van Dijk, H. Walter, O. Wittler, W.H. Müller, M. Schneider-Ramelow<br />

Technologieentwicklung zur gezielten Manipulation elektronischer Bauelemente hinsichtlich<br />

definierter Strukturfehler............................................................................................................ 18<br />

V. C. Köst, M. Oppermann, T. Zerna<br />

Hochstrombelastbarkeit einer Multilagenkeramik (LTCC) für den Einsatz in<br />

leistungselektronischen Anwendungen ..................................................................................... 26<br />

L. Wolz, S. Käßner, J. Weber, M. Nowottnick<br />

EBL-Preis für den wissenschaftlichen Nachwuchs II<br />

Flexible sensor electronic for conditional monitoring of timing belts ......................................... 37<br />

D. Großkurth, L. Mennicke, K. Hofmann<br />

Thermal impedance evaluation of optimized PCB-based GaN HEMT Single-Chip-Prepackage<br />

using VGS Method .................................................................................................................... 43<br />

M. Ghebreslassie, B. Sharma, T. Huesgen<br />

Development of a 12 V/48 V bidirectional DC/DC converter for mild hybrid applications using<br />

PCB embedded MOSFET half-bridge prepackages ................................................................. 49<br />

K. B. Rawal, V. Polezhaev, T. Huesgen<br />

Intelligente Systemkonzepte und Designtools<br />

3D Luft- und Kriechstreckenanalyse für Multi-Board-Systeme .................................................. 55<br />

T. Bartels, D. Choy und B. Stube, Berlin; O. Müller<br />

HF-Charakterisierung der Embedding-PCB-Technologie-Toleranzen für Radar-<br />

Anwendungen .......................................................................................................................... 61<br />

C. Tschoban; O. Schwanitz, I. Ndip, H. Pötter, M. Schneider-Ramelow, Berlin; M. Schmied, R. Fiehler


Mit Kompetenz in die Zukunft – Die Analyse der Anforderungen an elektronische Baugruppen<br />

formuliert das erforderliche Wissen für die erfolgreiche Konstruktion langfristig zuverlässiger<br />

Leiterplatten .............................................................................................................................. 71<br />

A. Wiemers<br />

Automatisierte Datenaufbereitung für AOI / AXI Systeme ......................................................... 86<br />

M. Zistler<br />

Trends, Roadmaps, Sustainability<br />

Herausforderung Klimaneutralität: Handlungsoptionen für die Baugruppen- und Leiterplattenfertigung<br />

........................................................................................................................ 93<br />

K. Schischke, J. Rückschloss, M. Proske, D. Sánchez<br />

Additive Herstellungsprinzipien in der Elektronikfertigung, Herausforderungen und<br />

Möglichkeiten ........................................................................................................................... 99<br />

M. Schleicher<br />

Beispiel zur Umsetzung der Technischen Sauberkeit in der Leistungselektronik<br />

(Power Modul) ........................................................................................................................ 107<br />

N. Damak, M. Schleicher<br />

The Missing Link - Traceability beim Handlötprozess! ........................................................... 112<br />

J. Greß<br />

Zuverlässigkeit und Analytik I<br />

Vergleichsstudie zur Untersuchung partikulärer Verunreinigungen auf Oberflächen<br />

mithilfe von trockenen und nassen Extraktionsverfahren ....................................................... 115<br />

S. Höfs, Y. Müller, V. Burger, F. Petri, D. Werdelhoff, A. Zitz<br />

Verbesserung der Qualität von Schutzlacken ........................................................................ 120<br />

S. Strixner, H. Schweigart<br />

Detektierung von ionischer Kontamination unter Low-Standoff Bauteilen – Teil II ................. 128<br />

F. Gilbert, H. Schweigart<br />

Kondensat - Ursachen, Entstehung und Polymerisation ........................................................ 134<br />

V. Rawinski<br />

Intelligente Systemkonzepte und Simulation<br />

AgSn20 als neue Legierungsabscheidung für die Einpresstechnologie in automobilen<br />

elektrischen Anwendungen ..................................................................................................... 141<br />

W. Hügel, P. Jäckle, R. Paul


Analysen der thermisch-mechanischen Beanspruchungen an Hochleistungs-<br />

Fahrzeugcomputersystemen ................................................................................................... 147<br />

R. Dudek, R. Döring, H. Möller, S. Rzepka, P. Gromala, J. Mateus Bagetti, M. Eichhorst, B. Vandevelde, R. Lauwaert<br />

Neuartige thermische Analyse beim Layout von Leistungselektronik .................................... 157<br />

B. Schröder, B. Stube, S. Hoffmann; E. Hoene, Berlin; O. Müller<br />

Numerische Untersuchung des lastabhängigen Lötstellenversagens von Vielschichtkondensatoren<br />

für Automotive-Anwendungen ............................................................................. 162<br />

J. Gleichauf, Y. Maniar, Renningen; S. Wiese<br />

Traceability und Compliance<br />

Erkennung gefälschter elektronischer Bauelemente durch Auswertung von Röntgenbildern mit<br />

Convolutional Neural Networks (CNN) ................................................................................... 168<br />

J. Wilde, S. Dharani Parasuraman<br />

Vertrauenswürdige Elektronik – Keramikmodule und Baugruppen gegen Fälschung und<br />

Manipulation sichern .............................................................................................................. 176<br />

U. Krieger, F. Bechtold, C. Lehnberger, C. Lenz, P. Uhlig<br />

Änderung der Lötparameter und weltweite Folgen für die Leiterplattenindustrie und<br />

deren Bestücker ..................................................................................................................... 181<br />

E. Bojarski<br />

Industrie 4.0 /Machine Learning I<br />

Echtzeitkontrolle 4.0 - Wie die KI bei der Prozessregelung unterstützt .................................. 183<br />

A. Lindloff<br />

Predictive Maintenance und Condition Monitoring für Lötanlagen – KI4Service Cloud .......... 191<br />

J. Fleischmann, J. Göhringer, A. Reinhardt, A. Neiser<br />

Erzeugung von Bilddaten defekter THT-Lötstellen mittels Generative Adversarial<br />

Networks ................................................................................................................................ 196<br />

N. Thielen, F. Schröder, K. Schmidt, R. Seidel, C. Voigt, J. Franke, A. Reinhardt<br />

Industrie 4.0 / Machine Learning II<br />

Machine Learning für robuste Modellierung in der Material- und Prozessoptimierung<br />

von Leiterplattenbeschichtungen ........................................................................................... 203<br />

C. Schmitz, D. Schucht, J. Tekath<br />

Detektion mechanischer Fehleinstellungen an einem Drahtbonder mit Hilfe von Machine<br />

Learning Algorithmen ............................................................................................................. 210<br />

M. Brüggemann, K. Igl, J. Papadoudis, F. Klingert, M. Schellenberger, H. Gerlach, E. Stadler


Neue Materialien und innovative Bauweisen<br />

High Reliable Solders for Safety Automotive Applications – New Approaches for<br />

Cost-Effective Manufacturing ................................................................................................. 225<br />

J. Strüben, S. Fritzsche, M. Neidert, P. Prenosil, A. Goedecke, M. N. Vaidya<br />

Hochtemperaturstabile Lötverbindungen durch die Anwendung von Verbundlotmaterialien . 222<br />

A. Novikov, M. Nowottnick<br />

Beschreibung und Kalibrierung eines neuartigen Platinsensors für die hochdynamische<br />

Gastemperaturanalyse ........................................................................................................... 231<br />

L. Mennicke, D. Großkurth und K. Hofmann<br />

AVT – Silbersintern<br />

Silber-Sintern als Verbindungstechnik für Sensoren und Aktoren .......................................... 238<br />

M. Feißt, J. Wilde<br />

Temperaturabhängigkeit mechanischer Eigenschaften von Niedertemperatur-Silber-<br />

Sinterschichten und deren Modellierung für die Nutzung in FiniteElemente-Simulationen .... 244<br />

M. Lederer, Z. Gökdeniz, G. Khatibi, J. Nicolics<br />

Stabilität und Zuverlässigkeit von kupfergesinterten Leistungsmodulen mit dem Klett-Welding-<br />

Tape ....................................................................................................................................... 252<br />

D. Strahringer, S. Quednau, J. Wilde<br />

AVT – Weichlöten<br />

Entwicklung eines selektiven Lötprozesses für mikroelektronische Bauteile durch den Einsatz<br />

der Induktionserwärmung an in den Lotwerkstoff integrierten Suszeptoren ........................... 257<br />

D. Seehase, A. Novikov, F. Lange und M. Nowottnick<br />

Vorhersage des Lotdurchstiegs beim Miniwellenlöten im industriellen Umfeld mit Hilfe von<br />

maschinellen Lernverfahren ................................................................................................... 267<br />

R. Seidel, J. Franke, C. Kästle<br />

Neuer technologischer Ansatz für die Löttechnik auf Argumentation thermodynamischer<br />

Einflüsse bei Lötprozessen .................................................................................................... 275<br />

L. Skoda<br />

Funktions- und Schaltungsträger<br />

LogiPow – Leiterplattentechnologieentwicklung zur Integration von Leistungselektronik und<br />

Logik ...................................................................................................................................... 283<br />

J. Meyer, K. Meier, K. Bock, G. Lautenschläger, M. Röllig, R. Kuntsch, T. Rammer, M. Peuckert


Herstellung räumlicher Schaltungsträger mit keramischen Materialien mittels digitaler<br />

Fertigungsverfahren ............................................................................................................... 291<br />

D. Utsch, M. Ankenbrand, N. Milich, J. Franke<br />

Korrosion und Migration<br />

Untersuchung der Auswirkung ionischer Verunreinigungen in dünnen Spalten an realitätsnahen<br />

Aufbauten mit neuen miniaturisierten Bauelementen ............................................................. 297<br />

H. Schimanski, T. Fladung<br />

Feuchte- und Material-induzierte Fehlermechanismen in der Leistungselektronik ................. 303<br />

M. R. Meier, H. Schweigart<br />

Performance von Dünnschicht-Widerständen unter Schutzbeschichtungen .......................... 310<br />

E. Stern und T. Asperger<br />

Zuverlässigkeit und Analytik II<br />

Statistische Auswertung von Lebensdaueruntersuchungen an elektronischen Baugruppen mit<br />

Python .................................................................................................................................... 316<br />

F. Keil, D. Riehl und K. Hofmann<br />

Lebensdaueranalyse und -vorhersage von Leistungs-MOSFETs .......................................... 321<br />

J. Maxa, M. Nowottnick<br />

Produktionsbegleitende Dichtheitsprüfung von elektronischen Steuergeräten mit Druckluft . 328<br />

J. Lapsien<br />

Zuverlässigkeit und Analytik III<br />

Bewertung des Werkstoffverhaltens von Leiterplattenmaterialien unter Anwendung von<br />

beschleunigten Alterungstests ............................................................................................... 334<br />

H. Walter; M. van Dijk; O. Wittler; S. Huber; M. Schneider-Ramelow<br />

Möglichkeit der Frittspannungsanalyse zur Risikobeurteilung elektronischer Baugruppen bei<br />

Partikelbelastung ................................................................................................................... 344<br />

H. Schweigart, F. Gilbert, M. Kövi<br />

Autorenverzeichnis .............................................................................................................. 348


P F A R R<br />

Wir bringen Lote in Form<br />

• Erfahrung und Know-How seit fast 40 Jahren<br />

• 100% kundenorientierte Fertigung<br />

• Herstellung von kundenspezifischen Legierungszusammensetzungen<br />

• Hausinterner Werkzeugbau<br />

• Hochreine Weich- und Vakuumhartlote<br />

• Präzisionsstanzteile aus Kunststoff<br />

• Sputter Targets<br />

• Schmalbänder ab einer Breite von 0,5 mm und einer Dicke ab 11 µm<br />

• Präzisionsstanzteile ab einer Abmessung von 0,4 mm<br />

• Lotkugeln ab einem Durchmesser von 0,2 mm<br />

REINHEIT<br />

• Preforms Tape & Reel<br />

• Plattierte Halbzeuge<br />

Pfarr Stanztechnik GmbH<br />

Am kleinen Sand 1<br />

36419 Buttlar<br />

Tel: +49 36967 747 0<br />

Fax: +49 36967 747 47<br />

KONTAKT<br />

E-Mail: info@pfarr.de<br />

www.pfarr.de<br />

VIELFALT<br />

PRÄZISION<br />

Weichlöten - Trends und Entwicklungsschwerpunkte<br />

in der Leistungselektronik<br />

<strong>DVS</strong> <strong>Bericht</strong>e, Band: 310<br />

Vorträge der gleichnamigen Tagung<br />

in Hanau am 9. März 2015<br />

ISBN: 978-3-945023-37-2, Art-Nr.: 300310<br />

Preis: 120,00 €<br />

Weichlöten - Ist Korrosion vermeidbar?<br />

<strong>DVS</strong> <strong>Bericht</strong>e, Band: 331<br />

Vorträge der gleichnamigen Tagung<br />

in Hanau am 7. März 2017<br />

ISBN: 978-3-945023-89-1, Art-Nr.: 300331<br />

Preis: 100,00 €<br />

Weichlöten - Präzise Lötmontage von<br />

Sensoren und optoelektronischen<br />

Bauelementen<br />

<strong>DVS</strong> <strong>Bericht</strong>e, Band: 351<br />

Vorträge der gleichnamigen Tagung<br />

in Hanau am 8. Oktober 2019<br />

ISBN: 978-3-96144-056-6, Art-Nr.: 300351<br />

Preis: 100,00 €<br />

<strong>DVS</strong> Media GmbH • Aachener Straße 172 • 40223 Düsseldorf • T +49 211 1591-162 • F +49 211 1591-150 • vertrieb@dvs-media.info • www.dvs-media.eu


Automatische Detektion und Klassifikation elektronischer Bauelemente in<br />

Röntgenaufnahmen auf Basis neuronaler Netze<br />

J. Schmitz-Salue, O. Albrecht, M. Oppermann, T. Zerna, Dresden, Zentrum für mikrotechnische Produktion<br />

Die Bewertung von Röntgenaufnahmen elektronischer Baugruppen im Rahmen der Qualitätssicherung, aber insbesondere<br />

bei der Fehlersuche, ist bis dato zumeist ein aufwendiger manueller Prozess, bei dem die individuelle<br />

Erfahrung des Bewertenden eine entscheidende Rolle spielt. Im Rahmen einer Graduierungsarbeit wurde an der<br />

TU Dresden ein System entwickelt, mit dem Convolutional Neural Networks (CNN) trainiert werden können, um in<br />

Röntgenaufnahmen elektronische Bauelemente sicher zu erkennen. Für das Training der CNNs wird das Konzept<br />

des Transfer Learning verwendet.<br />

Zunächst wurde der Stand der Technik der Objekterkennung im Bereich der Aufbau- und Verbindungstechnik und<br />

artverwandter Fragestellungen ermittelt. Außerdem wurden unterschiedliche Ansätze zur Durchführung von Transfer<br />

Learning betrachtet. Zur Erzeugung geeigneter Trainingsdatensätze wurde ein Verfahren entworfen und umgesetzt.<br />

Mithilfe der Trainingsdatensätze konnten verschiedene Netzarchitekturen für die Bildklassifikation und Objektdetektion<br />

trainiert und evaluiert werden. Für das Transfer Learning wurden frei verfügbare Modelle einer anderen<br />

Domäne verwendet.<br />

Die Ergebnisse dieser Arbeit werden in diesem Paper vorgestellt. Sie zeigen, dass Transfer Learning eine geeignete<br />

Methode zur Reduzierung des Aufwands (Zeit, Datenmenge) bei der Erstellung von Klassifizierungs- und Objektdetektor-Modellen<br />

ist. Die erstellten Modelle zeigen dabei eine hohe Genauigkeit bei der Klassifikation und<br />

Objektdetektion auch bei unbekannten Ausgangsdaten.<br />

Anwendungen, die mit der Auswertung radiografischer Aufnahmen elektronischer Baugruppen in Zusammenhang<br />

stehen, können durch die vorliegenden Erkenntnisse effektiver gestaltet werden. Die vorgestellten Ergebnisse sollen<br />

als Grundlage für weitere Untersuchungen auf diesem Gebiet dienen.<br />

1 Einleitung<br />

Die zerstörungsfreie Prüfung und Beurteilung elektronischer Baugruppen und Bauelemente ist ein Teilbereich der<br />

Aufbau- und Verbindungstechnik (AVT). Häufig wird bei der Untersuchung der Lötstellen von Ball-Grid-Arrays oder<br />

gehäusten Modulen mit unbekannten Bauelementen Röntgenbildgebung verwendet, um verdeckte Strukturen<br />

sichtbar zu machen. Da sich Röntgenbilder der untersuchten Elemente bzw. Baugruppen jedoch deutlich von deren<br />

äußeren Erscheinungsbildern unterscheiden, kann es für den Betrachter mitunter schwierig sein, Strukturen zu<br />

identifizieren und ergänzend festzustellen, ob diese Störungen oder andere Auffälligkeiten aufweisen. Daher rührt<br />

die Überlegung, Aufnahmen automatisch mit zusätzlichen Informationen anzureichern, die dem Betrachter die Erkennung<br />

und Beurteilung erleichtern.<br />

Die automatische Objekterkennung in Bildern ist ein aktuelles Thema und erfährt durch die Verwendung von Methoden<br />

des maschinellen Lernens eine rasante Entwicklung [2]. In dieser Arbeit wurden insbesondere Verfahren,<br />

die auf der Nutzung von Convolutional Neural Networks (CNNs) basieren, untersucht. CNNs lassen sich als ein<br />

Teilbereich des Konzepts Künstliche Intelligenz verstehen und gehören dabei zu dem Gebiet des Deep Learnings.<br />

Dabei handelt es sich um Systeme, die mehrschichtig (deep) aufgebaut sind und die Informationsverarbeitung des<br />

Menschen nachahmen. Diese können im Gegensatz zum Machine Learning ohne äußere Anleitung lernen. Dafür<br />

benötigt das Training neuronaler Netze grundsätzlich eine große Menge annotierter Datensätze, um zugrundeliegende<br />

Strukturen und Muster erkennen zu können. Dies stellt im vorliegenden Kontext jedoch eine besondere<br />

Schwierigkeit dar, da bisher keine geeigneten Datensätze zur Verfügung stehen. Das Erzeugen eines Datensatzes<br />

gilt wiederum als aufwendigster und teuerster Prozess bei dem Entwurf derartiger Systeme. Um diesem Problem<br />

zu begegnen, wird das Konzept Transfer Learning vorgestellt. Mit diesem soll zumindest theoretisch die benötigte<br />

Datenmenge deutlich reduziert werden können. Ähnlich wie beim Menschen lässt sich das „Wissen“ über Strukturen<br />

von einer Domäne in eine andere übertragen. Dies ist beispielsweise mit dem Lernen einer neuen Sprache<br />

vergleichbar. Im Kontext von Bildverarbeitung mit CNNs wird sich dabei die Ähnlichkeit des Bildaufbaus zunutze<br />

gemacht. Ein Bild kann als Ansammlung vieler Ecken, Kanten, Kreise, Farben usw. gesehen werden. Diese groben<br />

Strukturen bilden Formen, die Kombination aus Formen bildet Objekte. Es ist bekannt, dass CNNs Bilder auf diese<br />

Art und Weise verarbeiten und so zunächst sehr grobe Merkmale extrahieren, die im weiteren Verlauf zu spezifischen<br />

Merkmalen heranwachsen. Für die Bildverarbeitung von alltäglichen Objekten stehen heute eine Vielzahl<br />

unterschiedlicher Modelle zur Verfügung, die direkt verwendet werden können.<br />

2 Bildklassifikation und Transfer Learning<br />

Der Ablauf einer Bildklassifikation mittels CNN ist in Bild 1 dargestellt. Dabei besteht das Modell aus dem sog.<br />

Backbone und dem Head. Der Backbone generiert durch Anwendung von Filtern Merkmale (Features) aus den<br />

Eingangsdaten und erzeugt Feature Maps. Diese werden im Head klassifiziert. Bei einem neu initialisierten neuro-<br />

<strong>DVS</strong> 375 1


nalen Netz sind die Filter zunächst sehr unspezifisch und werden im Rahmen des Trainings verfeinert. Dabei werden<br />

Datenpaare bestehend aus Bild und Klasse und einem Optimierungsalgorithmus angewendet.<br />

Bild 1. Ablauf einer Bildklassifikation<br />

Das Transfer Learning läuft prinzipiell gleich ab, wobei hier ein bereits trainiertes Modell modifiziert und weiter optimiert<br />

wird. Für die meisten Netzwerkarchitekturen zur Bildklassifikation werden Modelle auf Basis des Image-Net-<br />

Datensatzes angeboten.<br />

Für das Transfer Learning stehen grundsätzlich unterschiedliche Szenarien der Modifikation zur Verfügung (Bild 2)<br />

und folgen dabei dem Schema:<br />

1. Auswahl eines Basisnetzwerks<br />

2. Kopieren der ersten n Schichten (Filter-Kernel)<br />

3. Trainieren des Netzwerks mit dem Zieldatensatz<br />

Die Konfiguration des Zielnetzwerks (Wahl des Basisnetzwerks, die Zahl der transferierten bzw. neu initialisierten<br />

Schichten) ist frei in der Gestaltung und bleibt dem Anwender überlassen. Die genannten Parameter hängen jedoch<br />

von der Größe des Datensatzes, der Ähnlichkeit mit der Quelldomäne und der Anwendung ab und müssen in<br />

der Regel experimentell ermittelt werden. Generell wird empfohlen, vor allem bei sehr kleinen Datensätzen, lediglich<br />

die letzte Schicht auszutauschen und durch einen linearen Klassifikator zu ersetzen [3].<br />

a) Ausgangspunkt: Vortrainiertes Netz für eine bestimmte<br />

Aufgabe<br />

b) Szenario 1: Die vortrainierte Netzarchitektur wird vollständig<br />

transferiert. Die einzelnen Schichten können während des<br />

Trainings optimiert werden.<br />

c) Szenario 2: Es werden die ersten n Schichten transferiert<br />

und die letzten zwei mit zufälligen Werten initialisiert. Die<br />

transferierten Schichten können, die neu initialisierten Schichten<br />

müssen trainiert werden.<br />

d) Szenario 3: Das Netzwerk wird transferiert, nach der dritten<br />

Schicht abgeschnitten und zwei neue Schichten werden angehängt.<br />

Bild 2. Darstellung unterschiedlicher Transfer Learning Optionen. Grün entspricht der Quelldomäne und Violett der Zieldomäne.<br />

Die transferierten Gewichte sind mit WAi notiert. Die Kreise links und rechts repräsentieren die Ein- bzw. Ausgabeschicht. Die<br />

Schlösser zeigen die Option des Fine Tuning der Schichten an. (nach [3])<br />

3 Datensatz<br />

Die Anforderungen an einen Datensatz für das Training werden maßgeblich durch den Anwendungszweck festgelegt.<br />

Im Rahmen dieser Arbeit wurden zwei Anwendungen im Bereich der maschinellen Bildverarbeitung betrachtet.<br />

Dies ist zum einen die Bildklassifikation und zum anderen die Objektdetektion. Für die Bildklassifikation reicht<br />

es aus, Datenpaare (Bild und Klasse) zur Verfügung zu stellen. Für die Objektdetektion (Lokalisieren und Klassifizieren<br />

von Objekten in Bildern) sind die Trainingsdaten deutlich aufwendiger zu erstellen. In diesem Fall müssen<br />

sämtliche relevanten Objekte korrekt gekennzeichnet werden. Neben der Menge der Daten ist die Vielfalt der Aufnahmen<br />

ein wichtiger Faktor.<br />

Die Datensätze, die für das Training und die Versuche erzeugt wurden, basieren zum einen auf bereitgestellten<br />

Bilddaten eines Industriepartners (siehe Tabelle 1) und zum anderen auf eigens aufgenommenen Bildern an Testbaugruppen.<br />

Zur Beschleunigung des Prozesses wurden Röntgenbilder von Baugruppen mit den entsprechenden<br />

Entwurfsdaten automatisch annotiert. Um dies zu realisieren, wurden 2D-Codes in der Kupferschicht der Leiterplatte<br />

strukturiert, welche im Röntgenbild sichtbar sind und so eine eindeutige Zuordnung zwischen Bildausschnitt und<br />

Entwurfsdaten ermöglichen.<br />

Bei der Erstellung des Datensatzes wurden eine möglichst ausgewogene Klassenverteilung sowie eine hohe Vielfalt<br />

in den Aufnahmen berücksichtigt. Auf diese Weise wurden verschiedene Datensätze für das Training von Bildklassifikatoren<br />

sowie Objektdetektoren erzeugt.<br />

2 <strong>DVS</strong> 375


Mithilfe von Data Augmentation kann der Datensatz künstlich erweitert werden. Dabei handelt es sich um Bildtransformationen<br />

wie beispielsweise Spiegelungen, Verzerrungen, Hinzufügen von Bildrauschen.<br />

Tabelle 1. Informationen zu den Baugruppen der bereitgestellten Datensätze.<br />

Datensatz Baugruppe 1 Baugruppe 2<br />

Bestückung einseitig beidseitig<br />

Lagen einlagig mehrlagig<br />

Technologien SMT, THT SMT, THT<br />

Bauelemente<br />

Häufigste<br />

Bauelemente<br />

Besonderheiten<br />

1492 Objekte<br />

9 unterschiedliche<br />

Bauelement-Typen<br />

77 Package- / Footprint-Varianten<br />

Widerstand – 37%<br />

Kapazität – 22%<br />

Diode – 17%<br />

Kundenprodukt<br />

(Testbaugruppe)<br />

783 Objekte<br />

11 Bauelement-<br />

Typen<br />

57 Package- / Footprint-Varianten<br />

Widerstand – 56%<br />

Kapazität – 24%<br />

Diode – 8,3%<br />

Kundenprodukt, Aufnahme<br />

mit längerer<br />

Expositionszeit,<br />

dadurch geringeres<br />

Bildrauschen<br />

Für das eigene Testboard wurden sechs unterschiedliche (SMD) Bauelement- und Packagetypen verwendet. Dazu<br />

gehören im konkreten Fall:<br />

• Chip-Widerstand Gr. 0603<br />

• Chip-Kondensator Gr. 0603<br />

• Chip-Induktivität Gr. 0402<br />

• TVS Diode - Bidirektional, Package: SOD-882<br />

• Transistor, Package: HUSON3 (QFN / SON)<br />

• Schottky Diode, Package: SOT-143R<br />

Damit eine unausgeglichene Klassenverteilung vermieden wird, werden auf dem Testboard von allen o. g. Bauelement-Typen<br />

jeweils 50 Stück platziert (insgesamt 300 Bauelemente). Um dabei eine möglichst hohe Variation in<br />

den Aufnahmen zu erhalten, werden die Bauelemente nicht regelmäßig, sondern zufällig auf dem Board platziert.<br />

Im konkreten Fall hat das Board Abmessungen von 80mm x 100mm. Die zufällige Anordnung der Bauelemente ist<br />

im Bild 3 links anhand der Board-Datei aus dem Entwurfssystem zu sehen.<br />

In Kupfer strukturierte Aruco-Marken, Testplatine zur Untersuchung verschiedener<br />

Strukturgrößen (je Pixel: 0,25mm, 0,5mm, 0,75mm, 1mm und<br />

2mm)<br />

Bild 3. Board-Datei des Testboards (links) und integrierte Aruco-Marken (rechts).<br />

Damit die automatische Annotation der Bilddaten später leichter durchführbar ist, wurden zusätzlich spezielle Referenzmarken<br />

in Form von Aruco-Marken manuell auf der Leiterplatte platziert. Dabei handelt es sich um eine quadratische<br />

Struktur, mit der eine Zahl in Form einer Pixelmaske codiert wird. Diese Struktur wurde später zusammen<br />

mit den Bauelement-Anschlusspads in die Kupferschicht der Leiterplatte strukturiert. Ein Beispiel dieser Strukturen<br />

ist in Bild 3 rechts dargestellt. Bei Aruco-Marken handelt es sich um ein Referenzmarkensystem, das ursprünglich<br />

für den Bereich der Roboter-Navigation und Augmented Reality-Anwendungen entwickelt wurde und dort auch<br />

eingesetzt wird.<br />

<strong>DVS</strong> 375 3


Zur Vergrößerung der Datenmenge werden mehrere Aufnahmen pro Board durchgeführt, wobei das Testboard mit<br />

unterschiedlichen Strukturen überlagert wird (Bild 4).<br />

Bild 4. Testboard ohne und mit überlagerten Strukturen im Röntgenbild<br />

Damit eine automatische Annotation der Bilddaten gelingt, ist es notwendig, dass im Bild mindestens eine der Referenzmarken<br />

detektiert werden kann, besser wären jedoch zwei. Eine weitere Voraussetzung ist die Bereitstellung<br />

der zu dem Board gehörigen CAD-Daten in Form eines Board-Files. Die Verwendung von Aruco-Marken bietet<br />

gegenüber den gebräuchlichen Referenzmarken in Form von Kreisen, Quadraten oder Kreuzen einige Vorteile für<br />

die automatisierte Annotation. Es werden häufig nur Einzelaufnahmen von Teilen einer Baugruppe angefertigt.<br />

Obwohl auf diesen Bildern Referenzmarken abgebildet sein können, sind diese nicht einzigartig. Daher kann es<br />

schwierig sein, die betrachtete Bildregion der korrekten Position in den CAD-Daten zuzuordnen. Aruco-Marken<br />

besitzen neben der codierten Zahl auch ein Koordinatensystem, welches über die Kanten aufgespannt wird. Diese<br />

sind zumindest theoretisch in Subpixel-Genauigkeit detektierbar.<br />

Die auf der Leiterplatte platzierten Referenzmarken erlauben es, die Pixelgröße im Mikrometerbereich zu ermitteln.<br />

Darüber hinaus geben sie Auskunft über die Lage des betrachteten Bildausschnitts. Anhand der Lage der Referenzmarke<br />

im Bild und der berechneten Pixelgröße kann die Position und der betrachtete Ausschnitt in den CAD-<br />

Daten zugeordnet werden. Anschließend muss das Koordinaten-System der Bild- und CAD-Daten transformiert<br />

werden, so dass die Positionen korrespondieren und ein Offset berechnet werden kann. Danach lässt sich ermitteln,<br />

welche Bauelemente im Bildausschnitt sichtbar sind. Die so gewonnenen Informationen für das Bild werden<br />

anschließend in einer Tabelle gespeichert.<br />

Weitere Bearbeitungen zur Verbesserung und Erweiterung des Datensatzes wurden durchgeführt, z.B. die bereits<br />

erwähnte Data Augmentation unter Nutzung der Online-Plattform Roboflow. Tabelle 2 zeigt die Übersicht der erstellten<br />

Datensätze.<br />

Tabelle 2. Übersicht der erstellten Datensätze für Klassifikation und Detektion.<br />

Datensatz Quelle Klassen Kategorien & Instanzen Gesamt<br />

Klassifikation Intern 6 CC 380 SOD 294 2226 Bilder<br />

CR 361 SOT 417<br />

CL 376 SON 398<br />

Detektion 1 Intern 6 CC 398 SOD 391 144 Bilder<br />

CR 388 SOT 470 2459 Annotierungen<br />

CL 390 SON 422 Ø 17 Label / Bild<br />

Detektion 2<br />

Detektion 3<br />

Intern,<br />

Extern<br />

Intern,<br />

Extern<br />

4 Versuche und Ergebnisse<br />

1 Bauelement 3170 175 Bilder<br />

3164 Annotierungen<br />

Ø 18 Label / Bild<br />

7 CC 575 SOD 402 175 Bilder<br />

CR 775 SOT 579<br />

CL 393 SON 429<br />

andere 11<br />

3164 Annotierungen<br />

Ø 18 Label / Bild<br />

Zur Überprüfung, ob Transfer Learning und vortrainierte Modelle sich in diesem Anwendungsgebiet verwenden<br />

lassen, wurden Versuche im Bereich der Bildklassifikation und Objektdetektion durchgeführt. Hierbei wurde hauptsächlich<br />

der Einfluss von sogenannten Hyperparametern auf das Trainingsverhalten untersucht. Diese werden<br />

ausgehend von Standardwerten experimentell bestimmt. In dieser Arbeit standen folgende Hyperparameter im<br />

Mittelpunkt:<br />

4 <strong>DVS</strong> 375


• Learning Rate (Lernrate) – bestimmt, wie stark die Parameter im Optimierungsschritt geändert werden. Je<br />

höher sie ist, desto schneller „vergisst“ das Modell alte Informationen. Sie liegt typischerweise im Bereich<br />

von 10 −5 . . . 10 −3 .<br />

• Batch Size – Anzahl der Samples pro Trainingsschritt. Die Anzahl wird durch den Grafikspeicher limitiert,<br />

da dieser alle Zwischenergebnisse speichern muss.<br />

Wurde das Modell mit den Hyperparametern und der gewünschten Architektur konfiguriert, kann das Training<br />

durchgeführt werden. In einem Trainingsschritt erfolgt die Optimierung in Form der Minimierung einer Kosten- bzw.<br />

Verlustfunktion. Die Qualität des Modells lässt sich parallel zum Training mit dem Testdatensatz ermitteln. Eine<br />

regelmäßige Zwischenevaluation kann dabei eine Überanpassung des Netzwerks erkennen lassen.<br />

4.1 Bildklassifikation<br />

Die hier genutzten CNN-Modelle stammen von PyTorch [4]. Folgende Softwareversionen und Hardware wurden<br />

während der Versuche verwendet:<br />

• Python Version: 3.7.10<br />

• Grafikkarte: Tesla V100-SXM2-16GB<br />

• PyTorch Version: 1.8.1<br />

• Driver Version: 460.32.03<br />

• Torchvision Version: 0.9.1<br />

• CUDA Version: 11.2<br />

• W&B CLI Version: 0.10.32<br />

Für das Training der CNNs wird der Datensatz Klassifikation genutzt. Von jeder Klasse werden 60 Samples für das<br />

Testset (N = 360) zufällig ausgewählt, die verbleibenden Elemente werden für das Training verwendet.<br />

Es wurden mehrere Versuche mit unterschiedlichen Netzarchitekturen für die Bildklassifikation durchgeführt. Dabei<br />

wurden die Netze als “fixed-feature-extractor” verwendet. Das bedeutet, dass nur der Klassifikator (Head) trainiert<br />

wurde und der Backbone unverändert blieb. Die Versuche sollten Erkenntnisse liefern, ob sich bestimmte Architekturen<br />

in dieser Konstellation besser eignen als andere, welchen Einfluss “Hyperparameter” auf das Ergebnis haben<br />

und wie viele Trainingssamples erforderlich sind.<br />

Nach der Aufnahme von Referenzwerten und entsprechender Konfiguration des Modells - Auswahl der Netzarchitektur,<br />

Festlegung der Iterationen („Epochen“), Batch Size etc. - werden die Daten vorbereitet und anschließend<br />

das Modell trainiert und getestet. Die Erstellung des Trainingsskripts wird durch die Verwendung von PyTorch vereinfacht.<br />

Viele Funktionen sind bereits in einer hohen Abstraktionsebene verfügbar und lassen sich direkt verwenden,<br />

ohne dass detaillierte Kenntnisse in der Programmiersprache oder der Implementation neuronaler Netze notwendig<br />

sind.<br />

Bild 5. Einfluss unterschiedlicher Batch Sizes auf das Training am Beispiel von ResNet-152.<br />

Bild 6. Einfluss verschiedener Learn Rates auf das Training (links: AlexNet, rechts: ResNet-152)<br />

Es wurden praktische Versuche mit einer Reihe gängiger CNNs durchgeführt. Diese wurden dabei speziell auf ihre<br />

Eignung als Fixed Feature Extractor überprüft, da hierfür besonders wenig Trainingsdaten erforderlich sind. Dabei<br />

zeigte es sich, dass die meisten der getesteten Modelle in diesem Fall gute bis sehr gute Resultate liefern und<br />

andere ungeeignet sind. Die Modelle der VGG-, DenseNet-Familien sowie AlexNet zeigten in dieser Konfiguration<br />

die besten Resultate. Es stellte sich dabei heraus, dass der Parameter Learn Rate einen starken Einfluss auf die<br />

Trainingsqualität hat (Bild 6). Gegenüber Änderungen der Batch Size waren die Modelle unempfindlich (Bild 5). Die<br />

Untersuchung des Einflusses der benötigten Daten für das Training offenbarte, dass der veranschlagte Wert von<br />

<strong>DVS</strong> 375 5


100 Samples pro Klasse mehr als ausreichend war. Bereits nach 50 Samples waren keine wesentlichen Verbesserungen<br />

des Modells mehr erkennbar.<br />

4.2 Objektdetektion<br />

Im vorhergehenden Abschnitt konnte gezeigt werden, dass CNNs zur Klassifikation elektronischer Bauelemente in<br />

radiografischen Aufnahmen gut geeignet sind. Da die dort untersuchten Netze in Objektdetektoren häufig als<br />

Backbone eingesetzt werden, liegt die Vermutung nahe, dass sich auch für diesen Anwendungsfall gute Ergebnisse<br />

erzielen lassen. Für das Training des Objektdetektors wird in dieser Arbeit neben Detectron2 auch die YOLOv5-<br />

PyTorch-Implementation [6] genutzt. Aus dem Detectron Model Zoo [5] wurden hier die Architekturen Faster R-<br />

CNN (zweistufig, Two-Stage) und RetinaNet (einstufig, One-Stage) genutzt.<br />

Es wurde erneut der Einfluss der Batch Size auf den Trainingsprozess und die Ergebnisse untersucht. Dabei zeigte<br />

sich, dass die Reduzierung der Batch Size auf 2 (0,5x Startwert) oder Erhöhung auf 8 (2x Startwert) nur einen geringen<br />

Effekt auf das Training hat. Tabelle 3 zeigt dies beispielhaft für das Modell RetinaNet. AP (Average Precision)<br />

ist eine gängige Metrik zur Bewertung der Ergebnisse. APs, APm bzw. APl sind dabei bezogen auf Small Objects<br />

(Objektfläche < 1025 Pixel), Medium Objects (1025 bis 9216 Pixel) bzw. Large Objects (> 9216 Pixel).<br />

Tabelle 3. Einfluss der Batch Size<br />

Modell Batch Size AP APs APm APl<br />

RetinaNet (ResNet-101-FPN-3x) 4 (Startwert) 58,90 47,07 58,94 62,47<br />

2 60,25 50,54 60,72 62,14<br />

8 58,96 42,42 59,06 64,42<br />

In einem weiteren Experiment wurde der Einfluss von Frozen Layers untersucht. Darunter wird die Anzahl der<br />

Schichten verstanden, die während des Trainingsvorganges nicht optimiert werden. Die Grundeinstellung ist das<br />

„Einfrieren“ der ersten zwei Schichten. In den Versuchen wurden nun {3, 4, 6, 10} Schichten „eingefroren“. Dies<br />

hatte einen sehr starken Einfluss auf die Genauigkeit, insbesondere bei der Erkennung kleiner und großer Objekte<br />

(Tabelle 4).<br />

Tabelle 4. Einfluss „eingefrorener“ Schichten<br />

Modell Frozen Layers AP APs APm APl<br />

RetinaNet (ResNet-101-FPN-3x) 2 60,25 50,54 60,72 62,14<br />

3 58,86 41,57 59,64 60,75<br />

4 54,18 50,08 54,54 55,46<br />

6 47,03 23,03 50,33 39,18<br />

10 44,13 21,91 47,71 36,18<br />

Untersuchungen zum Einfluss der Learn Rate ergaben, dass eine Erhöhung derselben die Genauigkeit des Modells<br />

allgemein steigert.<br />

Abschließend sollte der Einfluss der „Qualität“ der bereitgestellten Trainingsdatensätze auf das Ergebnis bei der<br />

Objekterkennung an einem unbekannten Untersuchungsobjekt bewertet werden. Dazu wurden folgende Datensätze<br />

herangezogen und am Modell YOLOv5l trainiert:<br />

• Datensatz Detektion 1 (intern) mit 6 Klassen (Mehrklassen-Detektion)<br />

• Datensatz Detektion 1 (intern), wobei alle Klassen zu einer Klasse zusammengefasst wurden<br />

• Datensatz Detektion 2 (intern + extern) mit 1 Klasse<br />

• Datensatz Detektion 3 (intern + extern), mit 7 Klassen<br />

Es zeigte sich, dass die Qualität der Objektdetektion durch eine höhere Vielfalt und Datensatzgröße verbessert<br />

werden kann (Tabelle 5). Im Bild 7 sind die Ergebnisse der Objektdetektion aller vier Varianten für dasselbe Eingangsbild<br />

dargestellt. Dabei handelt es sich um den Ausschnitt einer Röntgenaufnahme einer realen Baugruppe<br />

(Einplatinencomputer Arduino), der zuvor in keinem der Datensätze enthalten war. Die Sicherheit und Menge der<br />

Detektionen ist in beiden Fällen nach dem Training mit einem kombinierten Datensatz erhöht.<br />

Tabelle 5. Einfluss der Datensatzqualität.<br />

Modell Datenquelle Klassen AP<br />

YOLOv5l intern 6 62,11<br />

1 65,31<br />

intern + extern 1 66,61<br />

7 68,01<br />

6 <strong>DVS</strong> 375


intern, k = 1 intern + extern, k = 1<br />

intern, k = 6 intern + extern, k = 7<br />

Bild 7. Einfluss der Datensatzqualität auf die Objektdetektion an unbekannten Eingangsdaten<br />

5 Zusammenfassung<br />

Es konnte gezeigt werden, dass das Transfer Learning eine geeignete Methode sowohl für die Klassifikation als<br />

auch für die Objekterkennung elektronischer Bauelemente in radiografischen Aufnahmen darstellt.<br />

Mit diesem Verfahren ist es möglich, innerhalb kurzer Zeit ein leistungsfähiges Modell zu trainieren, welches sich<br />

schon jetzt für verschiedene Anwendungszwecke in der automatischen Bildbewertung einsetzen lässt.<br />

Geeignete Trainingsdatensätze lassen sich mit einigem Aufwand generieren, werden aber zunehmend auch allgemein<br />

verfügbar sein. Es existieren eine Vielzahl geeigneter Softwareplattformen und vorgefertigter Modelle, die<br />

sich auch ohne tiefergehende Programmierkenntnisse auf die spezifischen Anforderungen anpassen lassen.<br />

Eine ausführliche Darstellung aller Arbeiten und erzielten Ergebnisse ist in [1] zu finden.<br />

Schrifttum<br />

[1] SCHMITZ-SALUE, Justin. Systementwurf zum Transfer Learning neuronaler Netze zur Objekterkennung von<br />

elektronischen Bauelementtypen in radiografischen Aufnahmen. Diplomarbeit. 2021. TU Dresden<br />

[2] SCHMIDT, Konstantin, et al. Enhanced X-Ray Inspection of Solder Joints in SMT Electronics Production using<br />

Convolutional Neural Networks. In: 2020, IEEE 26th International Symposium for Design and Technology in<br />

Electronic Packaging (SIITME). IEEE, 2020. S. 26-31.<br />

[3] YOSINSKI, Jason, et al. How transferable are features in deep neural networks?<br />

arXiv preprint arXiv:1411.1792, 2014<br />

[4] torchvision.models — Torchvision master documentation. [online].<br />

https://pytorch.org/vision/stable/models.html (18.06.2021)<br />

[5] facebookresearch/detectron2: Detectron2 is FAIR’s next-generation platform for object detection, segmentation<br />

and other visual recognition tasks. [online], https://github.com/facebookresearch/detectron2 (18.06.2021)<br />

[6] ultralytics/yolov5: YOLOv5 in PyTorch. [online]. https://github.com/ultralytics/yolov5 (18.06.2021)<br />

<strong>DVS</strong> 375 7


Implementierung einer FE 2 -Multiskalensimulation zur Analyse<br />

von thermomechanischen Belastungen in Leiterplatten<br />

A. Stegmaier, M. van Dijk, H. Walter, O. Wittler, W.H. Müller, M. Schneider-Ramelow, Berlin<br />

Die Mikrostruktur der in der Aufbau- und Verbindungstechnik eingesetzten Werkstoffe hat einen Einfluss auf das<br />

thermomechanische Verhalten. Dies in FEM-Simulationen zu berücksichtigen kann aufgrund der großen Skalenunterschiede<br />

eine große Herausforderung sein. Als neuer Lösungsansatz wird in dieser Arbeit eine Multiskalenmethode<br />

untersucht. Ziel dieser Arbeit ist die Implementierung der FE 2 -Multiskalenmethode, bei der das untersuchte Bauteil<br />

auf zwei miteinander gekoppelten Größenebenen simuliert wird. Diese Methode wird anschließend auf das Beispiel<br />

der Verwölbung einer Demonstratorprobe in Form einer Leiterplatte mit eingebetteten Komponenten erfolgreich angewandt.<br />

Die Leiterplatte ist ein Verbund aus Glasfasern und einer Matrix aus Epoxidharz. Für die Simulation werden<br />

die thermomechanischen Materialeigenschaften benötigt, wobei für das Epoxidharz ein linear viskoelastisches Materialmodell<br />

gewählt wird und die zugehörigen Materialparameter in dieser Arbeit experimentell bestimmt werden.<br />

Dazu werden Harzproben hergestellt, die aus Prepreg-Material extrahiert wurden. Mit diesen Proben wird mittels<br />

dynamisch-mechanischer Analyse (DMA) die temperatur- und zeitabhängige Steifigkeit in Form einer Prony-Serie<br />

bestimmt. Außerdem wird die Steifigkeit bei Raumtemperatur mittels eines Nanoindenterversuchs bestimmt. Zur Implementierung<br />

der FE 2 -Methode wird für die FEM-Software ANSYS eine User Material Subroutine in Fortran geschrieben.<br />

Mittels einfacher Beispiele (Einelementtests) wird die Implementierung validiert. Es zeigt sich, dass die<br />

periodischen Randbedingungen bessere Ergebnisse liefern, insbesondere bei Belastung senkrecht zur Faserrichtung.<br />

Anschließend wird ein repräsentatives Volumenelement (RVE) für eine reale Leiterplattenstruktur anhand von<br />

Schliffbildern modelliert. Nach geeigneter Vernetzung wird dieses RVE mit den bestimmten Materialparametern für<br />

die FE 2 -Simulation genutzt. Mit dieser Vorgehensweise wird eine vereinfachte Prozesssimulation der Demonstratorprobe<br />

mittels FE 2 durchgeführt. Es wird die Verwölbung der Probe ausgewertet und mit Messwerten verglichen. Es<br />

zeigte sich eine gute Übereinstimmung von Simulation und Messung.<br />

1 Einleitung<br />

Im Zuge der Miniaturisierung von elektronischen Systemen wird die Einbettung von sowohl aktiven als auch passiven<br />

Komponenten in Leiterplatten bereits seit mehreren Jahren industriell angewendet [1]. Damit sollen die Wärmeableitung<br />

verbessert und durch kürzere Signalwege parasitäre Effekte reduziert werden. Ein aktueller Trend ist die Einbettung<br />

bei Leistungselektronik, um dort die hohen Anforderungen an Miniaturisierung und Zuverlässigkeit zu erfüllen<br />

[2, 3, 4]. Eine Herausforderung bei dieser neuen Technologie besteht darin, die Verwölbung, welche beim Herstellungsprozess<br />

auftritt, in Grenzen zu halten, um somit die Qualität und Zuverlässigkeit der Folgeprozesse zu gewährleisten.<br />

Die Verwölbungseffekte entstehen durch unterschiedliche thermomechanische Eigenschaften der verwendeten<br />

Materialien (Kupfer, glasfaserverstärktes Epoxidharz), der Mikrostuktur der Leiterplatte (z.B. Volumenanteil<br />

und Ausrichtung der Glasfasern, Schichtaufbau) und chemischen Vernetzungsschrumpf während des Aushärtens<br />

[5].<br />

Um Einflüsse des Prozesses und der Mikrostruktur auf die Verwölbung zu untersuchen, werden Finite Elemente<br />

Simulationen durchgeführt. Um jedoch den wichtigen Einfluss der Glasfaserstruktur bei Leiterplatten zu berücksichtigen,<br />

werden die Eigenschaften typischerweise in einem homogenisierten anisotropen Werkstoffmodell zusammengefasst<br />

[6]. Dieser Ansatz beinhaltet jedoch das Problem, dass für jeden neuen Laminatwerkstoff für mehrere Richtungen<br />

Versuche durchgeführt werden müssen. Um den experimentellen Aufwand zu reduzieren, könnte die Mikrostruktur<br />

explizit berücksichtigt und gleichzeitig die Genauigkeit der Simulationen erhöht werden [7]. Für große und<br />

komplexe Modelle müsste jedoch wiederum eine Homogenisierung eingesetzt werden, um den Vernetzungsaufwand<br />

und die Rechenzeit in Grenzen zu halten. Ein einfacher Homogenisierungsansatz hätte jedoch den Nachteil, dass er<br />

keine bidirektionale Kopplung der mechanischen Belastungen berücksichtigen kann, welche für nichtlineares Werkstoffverhalten,<br />

wie bspw. Viskoelastizität oder chemischer Schrumpf, jedoch zwingend nötig wäre. Außerdem gehen<br />

dabei alle Informationen auf der Ebene der Mikrostruktur verloren. Einen möglichen Lösungsweg verspricht der<br />

FE 2 Ansatz [8], eine Multiskalenmethode, bei der die FEM-Modellierung auf zwei verschiedenen Größenskalen ausgeführt<br />

wird. Neben dem Gesamtaufbau (Abmessung im cm-Bereich), bei dem die Leiterplatte als homogen betrachtet<br />

wird, wird auch auf Mikroebene (µm-Bereich) ein Repräsentatives Volumenelement (RVE) modelliert, welches<br />

direkt mit dem Makromodell gekoppelt ist. Beide Skalen werden in der Simulation parallel gelöst, wobei die Ergebnisse<br />

der Mikroebene das makroskopische Verhalten bestimmen.<br />

Zur Anwendung des Modells werden die thermomechanischen Materialeigenschaften der einzelnen Komponenten<br />

des Verbundwerkstoffes (Harz und Glasfaser) benötigt. Mittels Standardverfahren werden die zeit- und temperaturabhängigen<br />

Eigenschaften des Harzes ermittelt. Dazu wurden spezielle Proben hergestellt. Durch Materialcharakterisierung<br />

des Verbunds (Leiterplattenmaterial) wird eine Validierung durchgeführt. Schließlich wird die FE 2 -Methode<br />

implementiert, an einfachen Beispielen validiert und auf eine Demonstratorprobe angewendet. Das Modell soll in<br />

Zukunft ermöglichen, den Einfluss der Mikrostruktur auf das thermisch-mechanische Verhalten eines Aufbaus zu<br />

untersuchen.<br />

8 <strong>DVS</strong> 375


2 Probenherstellung<br />

Für die Multiskalensimulation werden die Materialparameter der einzelnen Komponenten (Harz und Glasfaser) der<br />

Leiterplatte benötigt. Während die Glasfasern mit Literaturwerten hinreichend modelliert werden können, sind für das<br />

Harz auch die viskoelastischen Materialeigenschaften von Interesse. Da weder Materialdaten noch Proben des reinen<br />

Harzes zur Verfügung standen, wurden für die Materialcharakterisierung eigens Proben hergestellt. Dazu wird<br />

das Harz aus den Prepreg-Lagen extrahiert. Hierzu wird ein spezieller Schichtaufbau verpresst, der Kavitäten enthält<br />

(Bild 1). Dieser Prozess basiert auf der Veröffentlichung von Schmidt [9], jedoch vereinfacht, ohne strukturierte Kupferschichten<br />

zwischen den Lagen.<br />

Bild 1. Schichtaufbau für die Herstellung von reinen Harzproben.<br />

Bild 2. Röntgenaufnahme einer der Harzproben, die Defekte<br />

durch Lufteinschlüsse und Glasfasern zeigt.<br />

Ober- und unterhalb der Kavität befinden sich Prepregschichten, dazwischen Core- und Prepregschichten abwechselnd.<br />

Beim Verpressen unter erhöhter Temperatur kann so das verflüssigte Harz aus den Prepregschichten in die<br />

Kavitäten fließen. Die Coreschichten dienen zur Stabilisierung des Aufbaus. Nach dem Aushärten werden die einzelnen<br />

Proben aus der Leiterplatte gefräst. Auf einer Leiterplatte kann somit eine große Anzahl an Proben gewonnen<br />

werden.<br />

Um die Qualität der Proben zu beurteilen, wurden Röntgenaufnahmen erstellt. Der Ausschnitt einer Aufnahme ist in<br />

Bild 2 zu sehen. In dieser Probe sind zwei verschiedene Defekte erkennbar, die auch bei anderen Proben vorhanden<br />

waren. Zum einen sind in einigen Proben Lufteinschlüsse zu erkennen (weiß/hell in Bild 2). Diese Lufteinschlüsse<br />

sind allerdings auch mit bloßem Auge erkennbar und nicht in allen Proben vorhanden. Diese können also für nachfolgende<br />

Untersuchungen leicht aussortiert werden. Der zweite Defekt sind vereinzelte Rückstände von Glasfasern<br />

oder Faserbündeln (dunkle Streifen in Bild 2), die in den Proben noch zu finden sind. Mit bloßem Auge sind diese<br />

Defekte nur bei sehr dicken Faserbündeln zu erkennen, kleinere Defekte (also dünne Faserbündel) sind erst auf den<br />

Röntgenbildern erkennbar. Eine komplett faserfreie Probe konnte nicht gefunden werden. Dies muss also bei den<br />

folgenden Untersuchungen der Materialeigenschaften berücksichtigt werden. Eine mögliche Verbesserung der Probenherstellung<br />

könnte durch strukturierte Kupferlagen in den Coreschichten erreicht werden, wie in [9] beschrieben.<br />

3 Werkstoffcharakterisierung<br />

Zur Bestimmung der viskoelastischen Eigenschaften des Harzes wird die temperatur- und zeitabhängige Steifigkeit<br />

mittels dynamisch-mechanischer Analyse bestimmt. Um den Einfluss des Restfaseranteils zu berücksichtigen wird<br />

zusätzlich die lokale Steifigkeit bei Raumtemperatur mittels Nanoindentation gemessen.<br />

Die Nanoindentation wird an einem faserfreien Bereich der Probe durchgeführt. Dieser wird anhand der Röntgenbilder<br />

identifiziert. Bei diesem Versuch wird an der Probe mit einer Diamantspitze ein Krafteindruckversuch durchgeführt<br />

und eine Krafteindringkurve wie in Bild 4 (links) aufgenommen. Die Auswertung der elastischen Eigenschaften<br />

erfolgt nach [11] mit den Gleichungen<br />

1<br />

= 1 − νν2<br />

+ 1 − νν i 2<br />

(1)<br />

EE rr EE EE i<br />

und<br />

SS = dPP<br />

dh = 2<br />

√ππ EE r√AA. (2)<br />

Dabei ist EE rr der relative Modul, EE ii , νν ii sind der E-Modul bzw. die Poissonzahl des Indenters und EE, νν der E-Modul und<br />

die Poissonzahl der Probe. SS ist die Steigung der Entladekurve der Kraft-Eindringkurve (Bild 4, links).<br />

<strong>DVS</strong> 375 9


Es wurde hier die Partial-Unload Methode verwendet. Es werden mehrere Datenpunkte an einem Ort der Probe<br />

aufgenommen, in dem mehrere Kraft-Eindringkurven gemessen werden. Dazu wird die Indentation nicht in einem<br />

Schritt bis zur Maximalkraft gefahren (wie in Bild 4, links), sondern nur zu einem Teil der Maximalkraft, eine Entlastungskurve<br />

wird aufgenommen und dann an derselben Stelle erneut mit höherer Eindringtiefe indentiert. So werden<br />

mehrere Messpunkte für den E-Modul in einem Durchgang und an einem Ort aufgenommen werden. Diese werden<br />

über die maximal Eindringtiefe aufgetragen (Bild 4, rechts).<br />

Die sehr hohen Werte bei niedrigen Eindringtiefen lassen sich durch den sog. indentation size effect erklären, welcher<br />

zu erhöhten Steifigkeits- bzw. Härtewerten bei sehr niedrigen Eindringtiefen führt (einstelliger μm-Bereich) [12]. Der<br />

E-Modul im Nanoindenterversuch bewegt sich oberhalb einer Eindringtiefe von 2 µm im Bereich von 4-5 GPa. So<br />

wurde z.B. in [13] wurde für ein ähnliches Material ein Wert von ca. 5 GPa im Zugversuch ermittelt.<br />

Bild 3. Links: Schematische Darstellung des Indenterversuchs zur Ermittlung des E-Moduls (aus [11]). Rechts: Ergebnisse des<br />

Partial-Unload Indenterversuchs für die Harzprobe.<br />

Bild 4. Ergebnisse der dynamisch-mechanischen Analyse (DMA).<br />

Zur Bestimmung der viskoelastischen Eigenschaften des Harzes wird die dynamisch-mechanische Analyse (DMA)<br />

angewendet. Die Probe wird mit einer sinusförmigen mechanischen Zugbelastung bei verschiedenen Frequenzen<br />

und Temperaturen beansprucht. Es wird bei Temperaturen zwischen -40 °C und 250 °C in 5 K Schritten gemessen.<br />

Bei jeder Temperatur wird bei mehreren Frequenzen zwischen 0,5 Hz und 35 Hz gemessen. Das Ergebnis für Speichermodul<br />

E‘, Verlustmodul E‘‘ und Dämpfungsfaktor tan αα ist in Bild 5 aufgetragen. Es ist hier das Ergebnis der<br />

Probe mit der geringsten Steifigkeit aufgetragen, unter der Annahme, dass hier der geringste Anteil an Restfasern<br />

vorhanden ist. Mittels des Prinzips der Zeit-Temperatursuperposition wird eine Masterkurve konstruiert. Diese beschreibt<br />

zusammen mit einer Shiftfunktion das viskoelastische Verhalten für einen großen Temperatur- und Zeitbereich.<br />

Bild 6 zeigt die Konstruktion der Masterkurve. Unter der Annahme, dass die Restfasern sehr geringen Einfluss<br />

auf die viskoelastischen Eigenschaften haben, werden nur die Relaxationskoeffizienten und -zeiten für das Modell<br />

aus dieser Kurve extrahiert. Der Modul EE 0 (Relaxationsmodul zum Zeitpunkt t = 0) wird aus dem Nanoindenterversuch<br />

abgeleitet und zu 5 GPa gewählt. Die Gültigkeit wird im Folgenden numerisch validiert.<br />

10 <strong>DVS</strong> 375


Bild 5. Konstruktion der Masterkurve bei der Referenztemperatur 25 °C. Für eine bessere Übersichtlichkeit wurden die Kurven<br />

nicht für alle Temperaturen aufgetragen.<br />

4 Modell der Leiterplattenstruktur und numerische Validierung der Materialeigenschaften<br />

Für die numerischen Untersuchungen wird zunächst die Mikrostruktur der Leiterplatte modelliert. Dazu werden<br />

Schliffbilder der Leiterplattenstruktur ausgewertet. Die Bilder wurden mit einem Rasterelektronenmiskroskop aufgenommen.<br />

Mittels Bildbearbeitungssoftware wurden jeweils Ellipsen an die Faserbündel angepasst und deren Durchmesser<br />

sowie die Abstände zwischen den Faserbündeln vermessen (Bild 7). Da die Fasern nicht einzeln modelliert<br />

werden, wird der Durchmesser der Ellipsen proportional reduziert, um den Harzanteil zwischen den Fasern zu berücksichtigen.<br />

Dazu wurde der Flächenanteil der Fasern im Verhältnis zur Ellipsenfläche berechnet.<br />

Bild 6. Schliffbilder der Leiterplatte.<br />

Bild 7. 3D-Modell der Leiterplattenstruktur (links, Harzmatrix ausgeblendet) und Detail der Vernetzung für die numerische Simulation<br />

(rechts).<br />

Das finale 3D-Modell ist in Bild 8 (links) dargestellt. Nach einer Netzstudie wurde die Vernetzung in Bild 8 (rechts)<br />

für weitere numerische Simulation genutzt.<br />

Zunächst wird das Modell genutzt um die Materialeigenschaften mittels numerischer Simulation zu validieren. Für<br />

den Verbund (Laminate des Leiterplattenmaterials) liegen bereits Messdaten der temperatur- und zeitabhängigen<br />

Steifigkeit aus DMA-Messungen in Form von Masterkurven vor [5]. Daraus kann der zeitabhängige Relaxationsmodul<br />

EE(tt) für verschiedene Temperaturen bestimmt werden. In der Simulation wird ein Relaxationsversuch abgebildet,<br />

um EE(tt) zu ermitteln. Da sich die Eigenschaften des Verbunds in Kett- und Schussrichtung unterscheiden, werden<br />

Simulation und Experiment für beide in-plane Richtungen (Kett/x- und Schuss/y-Richtung) ausgeführt. Die<br />

Ergebnisse sind in Bild 9 aufgetragen.<br />

<strong>DVS</strong> 375 11


Bild 8. Ergebnisse von FEM-Simulation und Messung (DMA) des Verbunds. Es wurde der Relaxationsmodul E(t) über der Zeit<br />

bei verschiedenen Temperaturen aufgetragen. x-Richtung (links) und y-Richtung (rechts).<br />

Es ist zu sehen, dass das zeit- und temperaturabhängige Verhalten durch das Modell gut abgebildet wird. Es sind<br />

zwar Abweichungen vorhanden, vor allem in x-Richtung. Im Hinblick auf die getroffenen Annahmen wird das Modell<br />

dennoch als zufriedenstellend betrachtet. Damit ist gezeigt, dass das Mikrostrukturmodell die Eigenschaften der<br />

untersuchten Leiterplatte vorhersagen kann.<br />

5 Multiskalensimulation FE 2<br />

Das zuvor beschriebene Modell soll nun in einer Multiskalensimulation mit der FE 2 -Methode genutzt werden. Die<br />

Ausführungen in diesem Kapitel basieren auf der Veröffentlichung von Miehe [14] und dem Vorlesungsskript von<br />

Kochmann [15]. Bei der FE 2 -Methode wird die FEM-Simulation auf zwei Größenskalen berechnet, Mikroskala und<br />

Makroskala. Beide Skalen werden über im folgenden beschriebene Gleichungen gekoppelt. Das Grundprinzip der<br />

Methode ist, dass jedem Element des Makromodells Mikromodelle zugeordnet werden (ein Mikromodell pro Integrationspunkt,<br />

Bild 10). Es werden dann auf der Makroebene keine Materialgleichungen berechnet, sondern der Verzerrungstensor<br />

jedes Integrationspunktes wird durch geeignete Wahl der Randbedingungen auf ein Mikromodell<br />

übertragen.<br />

Bild 9. Schematische Darstellung des Prinzips der FE 2 -Methode. Jedem Element des Makromodells (links) wird ein Mikromodell<br />

(rechts) pro Integrationspunkt zugeordnet. Das Mikromodell ist hier vereinfacht als vernetzter Würfel dargestellt.<br />

Für eine geeignete Übertragung zwischen Mikro- und Makroskala muss die Hill-Bedingung [16]<br />

⟨σσ m ⋅ εε m ⟩ = ⟨σσ m ⟩ ⋅ ⟨εε m ⟩ (3)<br />

gelten. Die eckigen Klammern stehen für Volumenmittelung wie in der folgenden Gleichung (4) (analog für εε mm ). Für<br />

die Übertragung der Spannungen des Mikromodells auf das Makromodell wird die Volumenmittelung<br />

σσ MM = ⟨σσ mm ⟩ = 1 VV σσ mm dVV (4)<br />

Ω<br />

definiert. Hier bezeichnet σσ MM die Spannung auf der Makroebene am Ort des Integrationspunktes, σσ mm das Spannungsfeld<br />

im Mikromodell, VV das Gesamtvolumen des Mikromodells und Ω das Volumengebiet des Mikromodells.<br />

Die Übertragung des Verzerrungstensors auf das Mikromodell erfolgt mittels spezieller Randbedingungen, die auf<br />

dem gesamten Rand des Mikromodells definiert werden. In dieser Arbeit werden lineare und periodische Randbedingungen<br />

angewendet. Für die linearen Randbedingungen gilt auf dem gesamten Rand des Mikromodells<br />

uu = εε 0 ⋅ xx. (5)<br />

12 <strong>DVS</strong> 375


Dabei ist εε 0 der Verzerrungstensor aus dem Makromodell, der auf das Mikromodell übertragen wird. Für die periodischen<br />

Randbedingungen wird der Rand der Einheitszelle zunächst in zwei Bereiche ∂∂Ω = ∂∂Ω + ∪ ∂∂Ω − eingeteilt. Jedem<br />

Punkt xx + ist einem Punkt xx − zugeteilt, wobei für die Normalen an diesen Punkten nn + = −nn − gilt. Die Randbedingungen<br />

für den gesamten Rand der Einheitszelle erfüllen dann für jedes Paar die Gleichungen<br />

uu + − uu − = εε 0 ⋅ (xx + m − xx − m ) und<br />

tt − = −tt + (6)<br />

,<br />

mit dem Cauchy’schen Spannungsvektor tt. Die beiden Randbedingungsvorschriften sind schematisch in Bild 11<br />

dargestellt. Beide Randbedingungen erfüllen zusammen mit Gleichung (6) die Hill-Bedingung.<br />

Bild 10. Lineare Randbedingungen (links) und periodische Randbedingungen (rechts) für das Mikromodell.<br />

Da es bei dieser Multiskalenmethode keine analytischen Gleichungen für die Materialantwort gibt, werden die FE-<br />

Gleichungen (wie bei allen nichtlinearen Materialmodellen) iterativ mit dem Newton-Raphson-Verfahren gelöst. Um<br />

die Gleichungen in möglichst wenig Iterationen zu lösen, wird eine zum Materialmodell passende Tangentensteifigkeit<br />

(Materialtangente) benötigt:<br />

CC TT = ∂Δσσ<br />

∂Δεε . (7)<br />

Im Multiskalenmodell kann hierfür keine analytische Lösung gefunden werden. Eine Möglichkeit diese zu bestimmen,<br />

ist mittels numerischer Simulation. Es gilt in Voigt-Notation<br />

⎡ CC 11 CC 12 CC 13 CC 14 CC 15 CC 16<br />

CC<br />

⎢ 21 CC 22 CC 23 CC 24 CC 25 CC<br />

⎤<br />

26<br />

⎡ εε 1<br />

εε<br />

⎥ 2<br />

⎤ ⎡ σσ 1<br />

σσ 2<br />

⎤<br />

⎢<br />

CC 31 CC 32 CC 33 CC 34 CC 35 CC<br />

⎢<br />

36<br />

εε ⎥ ⎢<br />

⎥ ⎢ 3 σσ ⎥<br />

⎥<br />

⎢CC 41 CC 42 CC 43 CC 44 CC 45 CC 46 ⎥ ⎢εε = ⎢ 3<br />

⎥<br />

4 ⎥ ⎢σσ , (8)<br />

4 ⎥<br />

⎢CC 51 CC 52 CC 53 CC 54 CC 55 CC 56 ⎥ ⎢εε 5 ⎥ ⎢σσ 5 ⎥<br />

⎣CC 61 CC 62 CC 63 CC 64 CC 65 CC 66 ⎦ ⎣εε 6 ⎦ ⎣σσ 6 ⎦<br />

wobei hier das Δ weggelassen wurde. Werden dann bis auf eine Komponente alle Komponenten von Δεε auf Null<br />

gesetzt, so kann je eine Spalte von CC TT bestimmt werden. Die Komponenten von Δσσ werden dann durch Simulation<br />

der RVE und Mittelung erhalten, wie bereits für die jeweiligen Randbedingungen beschrieben. Somit kann durch<br />

sechs Simulationen am Mikromodell die Materialtangente bestimmt werden. Da in dieser Arbeit viskoelastisches<br />

Materialverhalten im Mikromodell genutzt wird, müssten diese sechs Simulationen in jedem Iterationsschritt zur Bestimmung<br />

der Tangente durchgeführt, was den Berechnungsaufwand erheblich erhöht. Es hat sich jedoch gezeigt,<br />

dass gute Konvergenz auch erreicht werden kann, wenn die Tangente nur einmalig berechnet und wiederverwendet<br />

wird, wobei im Mikromodell die Annahme von linearer Elastizität getroffen wird. Der E-Modul für das viskoelastische<br />

Material wird dabei zu EE = EE(tt = 0) gesetzt. Es wird also die elastische Tangente benutzt, um die Verschiebungsinkremente<br />

der nächsten Iteration zu berechnen, während die Spannungen mit dem viskoelastischen Modell berechnet<br />

werden. Dies führt zu mehr Iterationen, aber weniger Rechenaufwand in jeder Iteration.<br />

6 Implementierung und Validierung der FE 2 -Methode<br />

Die beschriebene Methode wurde in der FEM-Software ANSYS Workbench implementiert. Dazu wurde eine User<br />

Material Subroutine programmiert. Diese Funktion erlaubt dem Benutzer eigene Materialmodelle in Fortran zu implementieren.<br />

Die ANSYS Software übergibt in jeder Iteration den Verzerrungstensor (und andere Werte wie die aktuelle<br />

Zeit und Temperatur) als Eingabegrößen an die Subroutine. Aus diesen werden dann Randbedingungen, wie im<br />

vorherigen Abschnitt beschrieben, abgeleitet und das Mikromodell damit gelöst. Dann werden die Spannung und die<br />

Materialtangente zurückgegeben.<br />

Um die Funktion der implementierten FE 2 -Methode zu testen, werden einfache Einelementtests an repräsentativen<br />

Einheitsvolumen simuliert. Das Makromodell ist ein einzelnes würfelförmiges lineares Element mit 1 mm Kantenlänge.<br />

An jedem Integrationspunkt wird mittels der implementierten Subroutine ein Mikromodell berechnet. So kann<br />

die Materialantwort der FE 2 -Simulation betrachtet und mit erwarteten Ergebnissen verglichen werden. Es wird ein<br />

<strong>DVS</strong> 375 13


vereinfachtes Mikromodell verwendet, wie in Bild 12 gezeigt ist. Es wird linear elastisches Materialverhalten mit einem<br />

E-Modul von 5 GPa für die Matrix und 72 GPa für die Faser angenommen, sowie eine Poissonzahl von 0,3.<br />

Bild 11. Das Mikromodell für den Einelementtest.<br />

Um die Implementierung der FE 2 -Methode validieren zu können, muss ein geeignetes Modell zum Vergleich gewählt<br />

werden. Dazu wird ein FEM-Modell erstellt, das aus periodischer Fortsetzung des Mikromodells besteht und so ohne<br />

FE 2 -Methode auskommt. Es werden Zug- und Scherbelastungen in verschiedenen Richtungen simuliert. In Bild 13<br />

wurde die Reaktionskraft pro Fläche an den Randbedingungen für die verschiedenen Belastungen aufgetragen. Dabei<br />

wurde jeweils die relevante Komponente aufgetragen, die x-Komponente für Zug in x-Richtung, die y-Komponente<br />

für die zy-Scherung etc. Dabei wurden zum Vergleich die Werte des Einelementtests mit der FE 2 -Methode,<br />

sowie des Vergleichsmodells, mit drei periodisch fortgesetzten Mikromodellen in alle drei Raumrichtungen, dargestellt.<br />

Es ist zu sehen, dass die Werte gut übereinstimmen, mit nur leichten Abweichungen. Die Ergebnisse mit den linearen<br />

Randbedingungen überschätzen die Steifigkeit stets, was den erwarteten Ergebnissen entspricht. Die periodischen<br />

Randbedingungen liefern in allen Belastungsarten bessere Ergebnisse.<br />

Bild 12. Ergebnisse des Einelementtests für lineare Randbedingungen (LRB) und periodische Randbedingungen (PBC).<br />

Es wird außerdem die Verformung und Spannung des Mikromodells mit dem vollen Modell verglichen. Bild 14 zeigt<br />

die Verformung und die von Mises Vergleichsspannung. Es ist deutlich zu sehen, dass die Deformation auch im<br />

vollen Modell periodisch ist. Das Spannungsfeld im Vergleichsmodell und im Mikromodell stimmen gut überein. Bei<br />

den linearen Randbedingungen stimmen Verformung und Spannungsfeld nicht gut überein. An der Abbildung lässt<br />

sich gut erkennen, warum die linearen Randbedingungen die Steifigkeit des Makromodells überschätzen: durch die<br />

linear steigende Verschiebung auf dem Rand werden auch die steiferen Fasern stark gestreckt und nehmen so den<br />

Großteil der Spannungen auf. Dieser Effekt ist besonders stark bei Belastungen senkrecht zur Faser, da bei paralleler<br />

Belastung tatsächlich der Großteil der Spannungen durch die Fasern aufgenommen wird. Das ist auch in Bild 13<br />

daran zu sehen, dass die Zugbelastung in y-Richtung auch bei linearen Randbedingungen sehr gute Ergebnisse<br />

liefert.<br />

Die gemittelte Spannung (und damit die Reaktionskraft in Bild 13) liefert dennoch ähnliche Werte, so dass diese<br />

Randbedingungen auch geeignet sein können. Im Allgemeinen sollten die periodischen Randbedingungen aber bessere<br />

Ergebnisse liefern, weshalb diese auch im Folgenden genutzt werden.<br />

14 <strong>DVS</strong> 375

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!