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XPLR Magazin 01/2021

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N 2

Media Magazine

NEW WORK

CASES

Tipps und Learnings

aus der

Medienbranche

VON CODE

ZU CONTENT

Neue Maßstäbe

im Datenjournalismus

WIE MEDIEN

IN ZUKUNFT ARBEITEN


EDITORIAL

ServuS

wir sind:

Wir zeigen Dir Menschen, die die Medienwelt von

morgen gestalten, informieren Dich über

relevante Trends und entdecken für Dich innovative

Medienunternehmen aus Bayern.

Kaum eine Entwicklung beschäftigt die Branche aktuell

so sehr wie New Work. Im Zusammenspiel neuer

Kommunikationstools, veränderter Arbeitsumfelder und Werte

sowie zukunftsfähiger Führungskonzepte kommen Medienunternehmen

an einer Frage nicht mehr vorbei:

Wie werden wir in Zukunft arbeiten?

Dabei kommt ordentlich Bewegung in die Medienlandschaft.

Viele bayerische Firmen feilen bereits an

Organisationskonzepten, denken ihre Unternehmenskultur neu

oder setzen vielversprechende

Schwerpunkte für die Arbeitswelt von morgen.

Entdecke mutige Innovator:innen und inspirierende Cases

im aktuellen XPLR: Media Magazine.


NEW

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Innovation

New Work Cases

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WORK

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Alles digital?!

Virtuelles

Studio

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Always on!

Data

Data

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NOW

WAS IST

NEW WORK

FÜR DICH?

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Welcher

New Work Typ

bist Du?

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Meine Ideen:

8

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"Horen ist das

neue

Sehen"

3


INHALT

„Im Kern geht es bei New

Work nicht darum, Arbeit ‚neu‘

zu machen, sondern besser.

Und mit besser

meine ich menschlicher.“

Ines Thomas, Business Coach

02 WIE WERDEN WIR

IN ZUKUNFT ARBEITEN?

06 Q & A

Welche Stoffe funktionieren im Streaming-Markt

besonders gut? Ist Hören

das neue Sehen? Und wie sieht gute

Führungskultur aus? Media Innovators

geben Antworten auf Fragen, die die

Branche beschäftigen.

12 HERO STORIES

12 VON CODE ZU CONTENT

BR Data setzt beim

Bayerischen Rundfunk neue Maßstäbe

im Datenjourna lismus.

18 VERLAG HEUTE

Literatur wieder zum Gesprächsstoff

machen: Der Münchner Verlag &Töchter

mischt die Publishing-Branche auf.

24 ZUKUNFT IM BLICK

Prime Video DACH-Chef Dr. Christoph

Schneider sieht für den Streaming-

Markt großes Wachstumspotenzial.

30 INNOVATIONSSTUDIE 2021

XPLR: MEDIA zeigt, wie es um Medien-

Innovationen am Standort Bayern steht.

24

NEUE

34 GREEN SCREEN WAR GESTERN

Die Produktionsfirma Hyperbowl revolutioniert

die Bewegtbild-Produktion.

40 HOW TO NEWSLETTER

Sham Jaff beweist mit ihrem politischen

Newsletter „what happened last week?“,

dass das Format aktueller denn je ist.

46 NEW

PERSPECTIVES

46 HELLO FROM EVERYWHERE

Fotojournalistin Julia Leeb überschreitet

Grenzen. Mit 360-Grad-Aufnahmen

will sie zeigen, was außerhalb eines klassischen

Fotos passiert.

FORMATE, FEATURES

UND THEMEN

Dr. Christoph Schneider, DACH-

Geschäftsführer von Amazon Prime

Video, spricht über seine Strategie

für den Streaming-Riesen.

50 NEW WORK CASES

Wie lässt sich New Work konkret

umsetzen? Medienunternehmen

wie Google, Burda oder Vogel Business

Communi cations machen es vor.

55 AN DIE ARBEIT!

Business Coach Ines Thomas gibt

Tipps, wie New Work in Medienunternehmen

gelingt.

56 WELCHER NEW-WORK-

TYP BIST DU?

Office-Hipster oder Flexi-Fan? Finde

heraus, wie Du wirklich arbeitest!

COVER: MARCUS MÜLLER, VERENA KATHREIN, JULIAN BAUMANN, ROBERT FISCHER, SHUTTERSTOCK

FOTOS: ROBERT FISCHER, JANEK STROISCH, VERENA KATHREIN, GOOGLE LLC, PRIVAT

4


34

NEUE ÄRA DER

CONTENTPRODUKTION

Täuschend echt dank

LED-Technologie: Hyperbowl

löst den Greenscreen ab.

40

XPLR: MORE

Entdecke Innovationen

aus der bayerischen

Medienlandschaft:

xplr-media.com

SIE HABEN POST

In ihrem Newsletter

macht Sham

Jaff Nachrichten

sichtbar, die in der

internationalen Berichterstattung

zu

kurz kommen.

IMPRESSUM

Herausgeber

Medien.Bayern GmbH

Rosenheimer Straße 145e

81671 München

Tel.: +49 (0)89 68 999 - 0

Fax: +49 (0)89 68 999 - 199

E-Mail: info@xplr-media.de

Handelsregisternummer

Amtsgericht München; HRB 134726

USt.-IdNr.: DE 173127048

Geschäftsführer (verantwortlich)

Stefan Sutor (Vorsitzender) | Lina Timm

50

NEUE ARBEITSWELTEN

Wie geht New Work? Wir

haben hinter die Türen der

Medienhäuser in Bayern

geschaut.

Redaktion: Katrin Reichwald,

Nina Brandtner, Friederike Neubert,

XPLR: MEDIA in Bavaria |

Storyboard GmbH,

Wiltrudenstraße 5, 80805 München

Gestaltung: Storyboard GmbH

Druck: Peschke Druck GmbH,

Textstraße 4, 85599 Parsdorf

Medien.Bayern GmbH, Oktober 2021

46

GRENZEN

AUFBRECHEN

Julia Leeb ist als

Reporterin vor

allem in Krisengebieten

unterwegs.

5


Q&A

WELCHE THEMEN

TREIBEN DIE

MEDIENBRANCHE

UM? UND WO

LIEGEN DIE

POTENZIALE VON

MORGEN? HIER GIBT

ES ANTWORTEN.

WIE WIRD EIN

SERIENKONZEPT

ZUM ERFOLG?

Ohne Anke Greifeneder und Hannes

Heyelmann wäre die deutsche

Streaming- und Fernsehlandschaft um

einige erfolgreiche Serien ärmer.

Beide arbeiten bei WarnerMedia in

München: Greifen eder ist Vice President

Original Productions, Heyelmann

Head of Programming EMEA. Darüber

hinaus leitet er seit Kurzem die

Kinofilmproduktion für Deutschland,

Österreich und die Schweiz.

Wann überzeugt Sie ein Serienkonzept?

Greifeneder: Wenn die Geschichte

gut ist und die Charaktere mich berühren.

Ob Horror, Science-Fiction

oder Krankenhaus-Serie und ob die

Idee von hochdekorierten Autor:innen

stammt oder nicht, ist da egal. Manche

Themen liegen in der Luft, weil

sie dem Zeitgeist entsprechen. Bei

„Andere Eltern“ war das der Fall, einer

Mockumentary über eine Gruppe

von Eltern, die eine Kita gründen. Es

kommt vor, dass drei Produktionsfirmen

gleichzeitig ein Thema bei uns

pitchen. Wenn man so einen Trend

absehen kann, muss man das Thema

als Erster besetzen oder ungewöhnlich

umsetzen. Unser Ansatz ist, dass

wir breite Themen spitz und spitze

Themen breit erzählen.

So wie in Ihrer jüngsten Serie, „The

Mopes“ (Warner TV Comedy)? Da geht

es um psychische Erkrankungen, aber

anders, als man es aus Serien kennt.

Greifeneder: Wir wollten psychischen

Erkrankungen ein Gesicht geben, sie

greifbarer machen. Deshalb spielt

„The Mopes“-Hauptdarstellerin Nora

Tschirner eine personifizierte mittelgradige

Depression.

„The Mopes“ ist eine Dramedy-Serie,

eine Mischung aus Drama und Comedy.

Was muss gute Comedy heute können?

Greifeneder: Sie muss gar nichts, darf

aber alles. Humor ist so mannigfaltig

wie die Menschheit. Ich kann auch

über „Die nackte Kanone“ lachen. Da

weiß ich, was ich bekomme, nämlich

fünf Gags pro Minute: Es geht nicht

Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A /


Q & A

um die Weiterentwicklung der Figur,

sondern um Situationskomik. Wir

sehen uns mehr in der Tradition des

Storytellings, wo Humor durch die

Figuren entsteht. Damit hat man die

Chance, mehr Nuancen zu zeigen.

Wie entscheiden Sie, ob eine Serie verlängert

wird?

Heyelmann: Wir müssen das Gefühl

haben, dass die nächste Staffel

mindestens so gut wie die vorhergehende

ist, und natürlich muss die

aktuelle Staffel erfolgreich sein.

Greifeneder: Grundsätzlich erzählen

wir so, dass eine Staffel in sich abgeschlossen

ist. Das hat den Vorteil,

dass man nicht mit angezogener

Handbremse fährt und Sachen für

die nächste Staffel zurückhält. Wir

melken keine erfolgreichen Projekte

bis zum Ende, obwohl wir das

manchmal gut machen könnten.

Heyelmann: Bei „4 Blocks“ etwa.

Greifeneder: Die Fans hätten sich sehr

gefreut. Aber uns war wichtig, nach

drei Staffeln einen anderen Blickwinkel

zu zeigen, und das haben wir

mit „Para – Wir sind King“ gemacht.

„4 Blocks“ war sehr männerlastig,

„Para“ porträtiert vier junge Frauen

aus dem Wedding, die mit Geldsorgen

und teilweise begrenzten

Bildungschancen aufgewachsen

sind und versuchen, sich ein besseres

Leben zu erarbeiten.

FOTOS: DANIEL DELANG

Wie messen Sie Erfolg?

Heyelmann: Neben den reinen

Marktanteilen und Abrufzahlen

schauen wir auf die Aufmerksamkeit,

die eine Serie generiert, die Zufriedenheit

unserer Plattformpartner wie

Sky, Vodafone und Telekom, auf die

Presseresonanz und Auszeichnungen

– und zunehmend, ob ein Stoff auch

international funktioniert. Unsere

Serien „4 Blocks“, „Arthurs Gesetz“

und „Andere Eltern“ sind bei HBO

Max in Europa, wo der Service bald in

Spanien und den Nordics startet, sowie

in den USA zu sehen, „Para – Wir

sind King“ und „The Mopes“ werden

demnächst ebenfalls dort sowie in

Lateinamerika verfügbar sein.

Aus TNT wurde WarnerMedia: Das

Rebranding erfolgte im Herbst 2021,

„Warner ist die bekanntere Marke,

das wollen wir in Zukunft nutzen“, so

Heyelmann.

Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A 7


Q & A

IST HÖREN

DAS NEUE

SEHEN?

In Zeiten von Sprachassistenten wie

Alexa, Siri oder Cortana wird Sound

Branding, die akustische Wiedererkennung

von Marken, immer wichtiger.

Einer, der das Feld schon früh besetzte,

ist Michele Arnese. Der gebürtige

Italiener gründete 2009 in München

amp Sound Branding. Heute beschäftigt

seine international erfolgreiche,

mehrfach ausgezeichnete Agentur 30

Mitarbeiter:innen.

Sie bringen Marken zum Klingen – sind

Bilder nicht mehr stark genug?

Es ist heute für eine Marke sehr

schwer, noch mit Bildern aufzufallen.

Da haben wir eine Sättigung erreicht.

Etwas anderes spielt noch eine Rolle:

Das Gehör arbeitet viel schneller

als unsere Augen. Wir können pro

Sekunde drei bis vier Wörter bewusst

lesen, beim Hören dringen in derselben

Zeit rund elf Millionen akustische

Bits ins Unterbewusstsein. Es liegt

auf der Hand: Mit Sounds kann man

viel mehr ausdrücken.

Sie haben die SONIC DNA erfunden, ein

von Ihnen geschützter Begriff. Was verbirgt

sich dahinter?

Zu Beginn eines Auftrags betrachten

wir eine Marke wie eine Person aus

unterschiedlichen Perspektiven. Wir

FOTOS: SEBASTIAN ARLT (3), JULIAN BAUMANN

8

Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A /


destillieren all ihre Eigenschaften

heraus und überlegen, was deren

jeweilige musikalische Entsprechung

wäre. Zu fünf oder sechs wichtigen

Hauptbegriffen der Marke finden

wir sogenannte Sound Principles,

musikalische Gebote, die am besten

beschreiben, wie eine Marke klingen

und nicht klingen soll. Im Grunde

entwickeln wir für jedes Unternehmen

ein klangliches Vokabular,

mit dem wir dann seine akustische

Identität kreieren.

Früher gab es den Jingle am Ende eines

Werbespots. Er hat mit Sound Branding

vermutlich wenig zu tun, oder?

Genau, vor 30 Jahren wurde in den

letzten drei Sekunden des Werbespots

das Soundlogo gespielt. Die

Verbindung zwischen Sender und

Empfänger wurde in diesem Moment

geknüpft. Heute aber bewegen

wir uns in einer akustischen Welt:

Man spricht mit dem Sprachassistenten,

Apps geben Meldungen durch,

beim Pendeln hören wir Podcasts.

Wir hören unendlich viele Sounds,

jeden Tag. Das bedeutet unendlich

viele Möglichkeiten, mit einer Marke

in Berührung zu kommen.

Wie nutzen Marken die Sound-Identität?

Wir haben eine Software entwickelt,

mit der unsere Kunden auf Sounds

gemäß dem Storytelling zugreifen

können, hier spielt KI eine Rolle.

Wenn Mercedes-Benz einen neuen

Film drehen möchte, kann das

Kreativteam in unserem Archiv nach

Tonalitäten innerhalb der Mercedes-

DNA suchen. Ein anderes Beispiel:

In den USA verbindet die Kosmetikmarke

Dove Men+Care unsere

Musik nicht nur mit der klassischen

Werbung, sondern auch mit Content

für soziales Engagement, zum

Beispiel mit dem Film „Dads“ zum

Thema Männer in Elternzeit. Der

Dove-Sound schafft eine hohe Wiedererkennung,

er demonstriert aber

auch: Das Unternehmen engagiert

sich mit seiner Marktmacht für etwas

Sinnvolles und die Musik bildet eine

starke emotionale Verbindung.

WIE DIGITAL

IST DAS THEATER

DER ZUKUNFT?

Als erstes deutsches Theater hat das Staatstheater Augsburg

eine Stelle für Digitale Entwicklung geschaffen. Seit Herbst 2020

führt Tina Lorenz die Zuschauer:innen in den virtuellen Raum –

mit VR-Brille, Twitch und viel Experimentierfreude.

Was ist das Besondere an einem Theatererlebnis mit VR-Brille?

Das Gefühl von Präsenz. Im Gegensatz zu einem Stream, der lediglich

Ausschnitte eines Bühnenabends zeigt, taucht man mit VR-Brille komplett

in eine andere Welt ein. Die Zuschauer:innen haben den Eindruck, Teil

der Szene zu sein. Sie können den Schauspieler:innen auf Schritt und Tritt

folgen oder die Perspektiven wechseln. Ein immersives Theatererlebnis ist

unglaublich theaternah und es verlangt Konzentration.

Welche Anforderung stellt eine immersive Aufführung an Schauspieler:innen

und Regisseur:innen?

Für die Künstler:innen bedeutet VR-Theater eine bisher unbekannte Art

des Schauspielens. Sie sind bei der 360-Grad-Erfahrung mit der Kamera

allein, kein:e Regisseur:in macht im Hintergrund Anmerkungen. Das ist

zunächst beängstigend. Andererseits haben die Künstler:innen die Möglichkeit,

den Raum nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Und genau das

macht ja Theater aus, so wie man es auch von der Bühne kennt.

Gibt es noch andere Digitalformate,

die gut funktionieren?

Ja, unser Twitch-Kanal, er hat

mittlerweile 670 Follower:innen. Aufgrund

hoher Inzidenzwerte kam es

in Augsburg bereits Ende Oktober

2020 zum Shutdown. Genau da

sollte die Premiere des Tanztheaters

„Winterreise“ stattfinden. Wir mussten

umdisponieren und landeten

bei Twitch. Ähnlich wie Gamer, die

ihre Live-Spiele nebenbei kommentieren,

haben wir während des

Livestreams der „Winterreise“ eine

Art Watch-Party veranstaltet. Die

Dramaturgin und ich haben Fragen

aus dem Chat aufgegriffen und

mit der Community diskutiert.

Kommentare und Feedback

sind hier sehr direkt und

ungefiltert. Das Coole an

Twitch ist, dass alles auf

den Live-Moment und das

gemeinschaftliche Erlebnis

ausgelegt ist.

VORHANG

AUF FÜR VR:

Das ganze Interview

mit Tina Lorenz findest

Du unter

xplr-media.com/

magazin

Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A


Q & A

PASSEN NACH-

HALTIGKEIT UND

INFLUENCER-

MARKETING

ZUSAMMEN?

Die Mediengestalterin Charlotte Schüler

legt als Influencerin einen Fokus auf das

Thema Nachhaltigkeit. Auf Instagram

folgen ihr mittlerweile 45.000 Menschen.

Außerdem gibt die Münchnerin

Workshops und gründet gerade ein Fair

Fashion Label.

Wieso hast Du dich für das

Thema Nachhaltigkeit entschieden?

Meine Mutter hat schon früh

auf Plastik verzichtet und vor

acht Jahren einen eigenen

Unverpackt-Laden in München

eröffnet. Ich wollte ihr

Geschäft auf Social Media

unterstützen – meine Tipps

für ein plastikfreies Leben

kamen aber so gut an, dass

ich mich nach meiner Ausbildung

damit selbstständig

machen konnte.

Als Influencerin regt man doch

eigentlich zum Konsum an.

Widerspricht das nicht dem

Nachhaltigkeitsgedanken?

Ich teile ja nicht nur bezahlte

Inhalte auf meinen

Accounts, sondern auch

Upcycling-Ideen, DIY-Projekte

oder Secondhand-Outfits.

Wenn ich konkrete Produkte

vorstelle, sage ich nie: „Das

müsst ihr unbedingt kaufen!“

Ich will Möglichkeiten

zeigen, den eigenen Alltag

ohne viel Aufwand nachhaltiger

zu gestalten.

Kann man mit Social Media die

Welt besser machen?

Oft bekomme ich Nachrichten

von Menschen, die mir

folgen und dann zum ersten

Mal im Unverpackt-Laden

stehen. Jeder kann etwas ändern,

ohne das ganze Leben

umzukrempeln – man muss

einfach nur anfangen! Diese

Botschaft will ich verbreiten,

ohne Öko-Shaming und erhobenen

Zeigefinger.

WAS MACHT GUTE

FÜHRUNG HEUTE AUS?

Beim Medienkonzern Sky verantwortet Julia Laurion das Leadership

Development: Sie kümmert sich um die Entwicklung moderner Führung.

Wie würden Sie eine gute, zeitgemäße

Führung beschreiben?

Eine zeitgemäße Führung zielt schon

lange nicht mehr auf eine Kontrolle

der Arbeitnehmer:innen ab. Früher

hat der Chef eine Ansage gemacht,

die nicht hinterfragt werden durfte.

Das gilt heute als antiquiert. Gutes

Führungsverhalten sollte vielmehr

auf Vertrauen basieren und Mitarbeiter:innen

befähigen, die gesetzten

Ziele zu erreichen. Unsere Erfahrung

zeigt, dass ein Team auch ohne reine

Präsenzkultur hervorragend zusammenarbeiten

kann.

In Ihrer E-Mail-Signatur heißt es sinn-

gemäß: „Viele Leute arbeiten flexibel.

Falls Sie diese Nachricht außerhalb der

Kernarbeitszeit erreicht, bitte denken

Sie nicht, dass Sie sofort antworten

müssen.“ Macht das einen Unterschied?

Ich denke schon. Viele unserer

Führungskräfte haben das in ihrer

Signatur. Eine Arbeitsgruppe bei

Sky beschäftigt sich mit der Frage,

wie gut es den Leuten mit ihrer

Arbeit geht, auch über die Pandemie

hinaus. Kleine Maßnahmen wie

eine nette E-Mail-Signatur können

ein Signal sein. Ein anderes Beispiel:

Die Länge unserer Standardtermine

ist nicht mehr 30 und 60 Minuten,

sondern 25 und 50 Minuten – um bei

Meeting-Marathons kurze Pausen

zum Durchatmen zu garantieren.

Welche Qualifikationen müssen moderne

Führungskräfte mitbringen?

Führungskräfte bewegen sich immer

stärker hin zum Coach, Entwickler,

Feedback-Geber. Sie sind natürlich

Expert:innen auf ihrem Ge-

Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A /


Q & A

Chefredakteur Florian Festl vom Nachrichtenportal

FOCUS Online will seinen

Leser:innen konstruktiven Journalismus

bieten und nutzt dafür den „ Constructive

Score“: ein inhouse entwickeltes, auf

künstlicher Intelligenz basierendes Tool.

MACHT KI

JOURNALISMUS

KONSTRUKTIVER?

Wann ist ein Artikel für FOCUS online

konstruktiv?

Wenn er über die reine Nachricht hinausgeht.

Eine Perspektive aufzeigt.

Die Nachricht erweitert, indem er

eine Lösung für den Einzelnen oder

auch Lösungswege für unsere Gesellschaft

herausarbeitet. Rund um das

Weltklima gibt es extrem negative

Nachrichten, darüber berichten wir,

sie sind ja nun mal Realität. Gleichzeitig

erweitern wir den Blick auf die

Lösungen, die wir jetzt möglichst

radikal brauchen.

Der „Constructive Score“ misst, wie

lösungsorientiert ein Beitrag ist. Auf

welche Daten stützt sich das Tool?

Es gab für dieses KI-Tool eine lange

Lernphase. An die Software wurden

Inhalte verfüttert, die zuvor von

Journalist:innen geratet wurden.

Das heißt, menschliche Intelligenz

hat bestimmt, wie konstruktiv ein

Inhalt ist. Die Maschine hat daraufhin

erkannt, welche Sprachmuster,

welcher Wortschatz, welche grammatikalischen

Eigenheiten zugrunde

liegen, und bringt so Inhalt und Aussage

zusammen. Seit wir dieses Tool

nutzen, ist die Konstruktivität unserer

Inhalte um zehn Prozent gestiegen.

Das ist enorm.

Wie finden das die Leser:innen?

Die Verweildauer bei konstruktiven

Inhalten ist etwa zweieinhalbmal so

hoch wie bei üblichen Inhalten. Es

gibt ein tiefes Interesse für die dargestellten

Lösungen. Sie inspirieren

die Menschen, geben ihnen etwas

mit für ein echtes Gespräch.

XPLR:

KI-REPORT

FOTOS: BITSTREAM MEDIA LAB, SIMON KOY

biet, aber das Rollenprofil umfasst

heute mehr denn je auch die „Soft

Skills“: zuhören, Entwicklungsmöglichkeiten

aufzeigen, vertrauen,

Handlungsspielraum lassen. Eine

gute Führungskraft muss an ihre

Mitarbeiter:innen glauben. Auch

heute noch verteidigen Führungskräfte

ihre kleinen Fürstentümer. So

etwas blockiert den Gesamterfolg

des Unternehmens. Wir müssen

weg vom Silodenken, hin zu echter

Kollaboration.

Arbeitskultur lässt sich nicht von heute

auf morgen verändern, wo fängt man an?

Unternehmen müssen sich ganz

bewusst um ihre Arbeitskultur

kümmern. Von allein beginnt kein

Wandel. Es heißt immer „Selbstführung

vor Führung“: Führungskräfte

können lernen, einen guten Umgang

mit sich selbst zu finden. So kann

sich eine Grundsicherheit und auch

eine Entspanntheit aufbauen. Das

ist wichtig, um anderen vertrauen zu

können und auch Fehler zu erlauben.

Bei Sky haben wir ein verpflichtendes

Trainingsprogramm für Führungskräfte,

die neu in ihre Rolle starten.

Wie wirkt sich eine zeitgemäße Führung

auf das Innovationspotenzial eines

Unternehmens aus?

Innovationspotenzial und eine gute

Führung gehören fest zusammen.

Die kontrollbasierte Führung hat

Innovation de facto verboten, weil

man ja nichts hinterfragen und neu

gestalten durfte. Wer versucht, in

einer Null-Fehler-Kultur Innovationen

voranzutreiben, wird scheitern.

Mehr zum Thema KI im

Journalismus findest Du

unter xplr-media.com/

ki-report

Wer offen führt, potenziert das

Innovationspotenzial durch all die

Mitarbeiter:innen, die sich trauen,

sich einzubringen. Als Chefin oder

Chef kann ich einen Rahmen schaffen,

etwa Zeit und Methoden bereitstellen,

um Raum für Innovation zu

schaffen. Deutschland ist für seine

Qualität bekannt und diese Qualität

hat nach einer Null-Fehler-Kultur verlangt.

Sich davon zu lösen, ist nicht

einfach, aber notwendig, um am Ball

zu bleiben.

Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A / Q & A

11


HERO STORY

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CONTENT

BR DATA, DAS DATENJOURNALISTISCHE

TEAM DES BAYERISCHEN RUNDFUNKS, SPÜRT

IN DATENSÄTZEN GESCHICHTEN AUF.

UNVERZICHTBAR DABEI: PROGRAMMIER-SKILLS

UND FACHÜBERGREIFENDE ZUSAMMENARBEIT.

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TEXT

STEFANIE LINDNER

D A T A :

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13


HERO STORY

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sondern auch Programmieren beherrschen.

Zum einen, um auf einem professionellen

Level mit Entwickler:innen zu

sprechen. Zum anderen, um vernünftig

mit größeren Datensätzen zu arbeiten.

„Excel ist in den allermeisten Fällen nicht

dazu geeignet, Datenanalysen auszuführen.

Da sollte ich das Rüstzeug mitbringen,

gewisse Sachen selbst zu machen“,

erklärt Schöffel.

Oft arbeitet BR Data mit öffentlich zugänglichen

Datensätzen. Im Fall der

Corona-Berichterstattung zum Beispiel

Statistiken, quantitative Methoden

und Datenarbeit. Das klingt im

ersten Moment nach Wissenschaft

und IT, ist aber für eine junge Disziplin im

Journalismus unentbehrlich: Datenjournalist:innen

sammeln und analysieren große

Datenmengen und entwickeln daraus Geschichten.

Ein Bereich, der seit Beginn der

Covid-Pandemie einen deutlichen Schub

erfahren hat. „Corona hat auf der ganzen

Welt die Rolle von Datenexpert:innen aufgewertet,

weil die Pandemie hauptsächlich

in Daten zu fassen war“, sagt Robert

Schöffel. 2015 hat er gemeinsam mit Ulrike

Köppen beim Bayerischen Rundfunk BR

Data aufgebaut, das erste Datenjournalismus-Team

einer ARD-Anstalt.

Coden ist für Journalist:innen

Pflicht

Schöffel und seine Kolleg:innen sind seitdem

Geschichten auf der Spur, die sich

bisher in einem Daten-Wirrwarr versteckten.

Daraus entwickeln sie journalistische

Thesen – und das in den verschiedensten

Bereichen: Mit Datenschutz, Hacking-Vorfällen,

sozialen Medien und künstlicher

Intelligenz haben sich die Datenjournalist:innen

bereits beschäftigt. „Wie funktionieren

Algorithmen, wo diskriminieren

sie oder liefern anderweitig unerwünschte

Ergebnisse? Das ist ein Themenkomplex,

der uns in Zukunft stark beschäftigen

wird“, so Schöffel.

Um im Team erfolgreich zu sein, müssen

die Datenjournalist:innen des BR nicht

nur das journalistische Handwerkszeug,

mit den Daten des Robert Koch-Instituts

(RKI), auf die jeder zugreifen kann.

Nicht öffentliche Daten werden bei den

entsprechenden Institutionen angefragt.

Oder das Team erzeugt Datensätze

selbst, indem es Daten in größerem

Umfang aus Websites ausliest. Teilweise

kommen auch Informanten oder Whistleblower

mit vertraulichen Daten auf den

BR zu.

Thesen aus der Datenbasis

Unabhängig davon, wie die Journalist:innen

an die Datenbasis kommen: Der

Datenfokus muss beim Themenzuschnitt

von Anfang an berücksichtigt werden.

„Wenn man eine These entwickelt und

ganz am Ende sagt: ‚Jetzt hätte ich gern

noch eine Datenbasis dazu, um die Relevanz

zu erhöhen‘, klappt das meistens

nicht“, stellt Schöffel klar.

Wie lange das Team von BR Data an

einem Thema arbeitet, ist völlig unterschiedlich:

„Unsere Projekte reichen von

kleineren, tagesaktuellen Geschichten bis

Als Head of Statistics hat Oliver

Schnuck die komplexen Analysen der

BR-Data-Projekte im Blick.

FOTO: MAX HOFSTETTER

14

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hin zu monatelangen, auch investigativen

Recherchen, in denen zum Beispiel

intensive Kenntnisse der Datenanalyse

wichtig sind“, sagt Elisa Harlan, die seit

2018 das BR-Data-Team verstärkt. Für ihr

jüngstes Projekt beschäftigte sie sich mit

der Frage, wie neutral künstliche Intelligenz

in der Personalauswahl sein kann.

„Die Recherche hat – mit Unterbrechungen

– knapp zwei Jahre gedauert und wir

haben uns währenddessen immer wieder

motiviert weiterzumachen. Für diese Art

von Recherchen braucht man definitiv

einen langen Atem.“

Datenjournalismus

ist Teamwork

„Wo diskriminieren Algorithmen,

wo liefern sie unerwünschte Ergebnisse?

Diese Themen werden

uns in Zukunft stark beschäftigen.“

ROBERT SCHÖFFEL

Bei allen Projekten arbeitet BR Data eng

mit dem AI + Automation Lab zusammen,

das mittlerweile von Ulrike Köppen

geleitet wird und Expertise im Bereich

künstliche Intelligenz und Machine Learning

einbringt. Und mit BR Recherche,

dem investigativen Reporterteam des BR.

„Je nach Projekt stellen wir aus diesen

drei Teams – AI Lab, BR Recherche und

BR Data – ein Projektteam zusammen“,

erläutert Schöffel. Hinzu kommen BR-

Kolleg:innen aus anderen Fachbereichen.

Denn: Die Datenjournalist:innen bringen

zwar Skills aus ihrem Bereich, aber

oftmals kein Expertenwissen aus anderen

Gebieten mit. „Deshalb holen wir uns

Wissen dazu: von den jeweiligen Stellen

im BR. Wenn es ein Wirtschaftsthema ist,

0 1 0 1 0 0 1 0 1 0 1 0 0 0 1 0 1 0 1 0 0 1 0 1 0 1 0 0 0 1 15


HERO STORY

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Das Team von

BR Data hat es

sich zur Aufgabe

gemacht, aus

Daten spannende

Geschichten zu

ent wickeln.

den, ist je nach Projekt unterschiedlich.

Grundsätzlich stehen dem Team alle

Plattformen von BR und ARD offen. Im Fall

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Du willst mehr zum Einsatz

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Robert Schöffel hat 2015

BR Data mit aufgebaut

und leitet heute das Team.

sprechen wir dieses mit der Wirtschaftsredaktion

ab. Wenn es ein politisches Thema

ist, überlegen wir, ob und welche:n Politikreporter:in

wir mit an Bord nehmen.“

Damit die interdisziplinäre Teamarbeit

funktioniert, müssen von Anfang an alle

Partner an den Tisch geholt werden.

„Wichtig ist, dass man immer komplett

auf Augenhöhe ist“, betont Schöffel.

Dabei sind von allen Kreativität und

kontinuierliche Abstimmung gefragt – so

wie zuletzt bei einem TV-Beitrag zur AfD

im Superwahljahr: „Als das Projekt noch

im Planungsstadium war, wurden wir angefragt,

ob wir uns vorstellen können, Datenanalysen

beizusteuern. Wir haben uns

mit den Kolleg:innen darauf verständigt,

dass wir uns Telegram anschauen, weil

diese Plattform für die AfD eine wichtige

Rolle spielt. Dann haben wir einen technischen

Workflow entwickelt: Wie kommen

wir an die Daten, wie werten wir sie aus?

Die Ergebnisse haben wir zusammen

mit den Kolleg:innen und unabhängigen

externen Expert:innen am Ende eingeordnet

und in den Film gebracht. Das war

ein ständiges Absprechen – man muss

immer wieder kommunizieren.“

Auf welchen Kanälen die Rechercheergebnisse

von BR Data veröffentlicht wer-

der Analyse zur Social-Media- Präsenz der

AfD war das Ergebnis der Zusammenarbeit

nicht nur der 30- minütige Film,

der im Ersten ausgestrahlt wurde. Auch

mehrere Online-Artikel, Radiobeiträge,

Podcasts und Webvideos für die sozialen

Medien gaben Einblick in das Thema.

Fachübergreifende

Zusammenarbeit als Chance

Unabhängig davon, wie die Arbeitsergebnisse

aussehen und wo sie veröffentlicht

werden: Für Robert Schöffel liegt

das Potenzial von Datenjournalismus vor

allem in der fachübergreifenden Zusammenarbeit:

„Man kann unglaublich

viel voneinander lernen. Die Investigativkolleg:innen

sind zum Beispiel begeistert,

wenn sie merken, was technisch

überhaupt möglich ist, wenn man mit

Entwickler:innen zusammenarbeitet.

Andersherum finden Leute, die bei uns

programmieren und entwickeln, es

spannend, an investigativen Themen

mitzuwirken.“ Auch Elisa Harlan empfindet

die enge Abstimmung mit anderen

Fachbereichen als klaren Vorteil: „Ich genieße

es sehr, eigentlich immer im Team

zu arbeiten – mit Kolleg:innen, die ihre

Stärken zum Beispiel in der investigativen

Recherche haben und extrem gut vernetzt

sind, sowie mit unseren Programmierer:innen,

die die Daten so analysieren,

dass wir aus den Ergebnissen unsere

Geschichten erzählen können.“

FOTOS: PHILIPP KIMMELZWINGER, MARKUS KONVALIN, MAX HOFSTETTER

16

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Datenjournalist:innen

Bei BR Data ist technisches Knowhow

von Datenjournalist:innen

genauso gefordert wie investigative

Recherchearbeit. Als Journalist:innen

arbeiten sie gleichzeitig eng

mit BR Recherche zusammen.

Oft bringen sie Expertenwissen in

komplexen Themenfeldern wie

Rechtsextremismus oder Cybersicherheit

mit. Ihre journalistische

Herausforderung: die Ergebnisse

datenbasierter Analysen so aufzubereiten,

dass sie für Nutzer:innen

verständlich sind. Und auf jedem

BR-Kanal von Radio bis Social Media

funktionieren.

Webdesigner:innen

Für Datenvisualisierung und

interaktives Storytelling kommen

die Fähigkeiten der Web- und

Frontend-Designer:innen ins Spiel.

Digitale Inhalte stehen dabei im

Vordergrund. Online lassen sich

Daten am besten veranschaulichen

– zum Beispiel als Infografik

oder als interaktives Element auf

einer Webseite.

INSIDE BR DATA:

SO IST DAS

INTERDISZIPLINÄRE

TEAM AUFGESTELLT

Programmierer:innen

Die Skills von Programmierer:innen

sind gefragt, wenn es um

komplexe Datenanalysen oder

Automatisierung von Prozessen

geht. Reine Front- oder Backend-

Entwickler:innen gibt es bei

BR Data nicht. Die Informatikexpert:innen

sind breit aufgestellt,

beherrschen Programmiersprachen

von Python bis R und

bringen journalistisches Interesse

mit. Das Tech-Team ist mit dem AI

+ Automation Lab des BR verzahnt,

das mit automatisierten Methoden

und Machine Learning an journalistischen

Geschichten arbeitet.

Seit 2018 ist Elisa Harlan

Teil des BR-Data-Teams.

Eine ihrer zeitintensivsten

Recherchen drehte

sich um das Thema:

Wie neutral ist KI bei

der Personalauswahl?

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„WIR WOLLEN BÜCHER WIEDER ZUM GESPRÄCHSSTOFF MACHEN!“

HERO STORY

INTERVIEW AYLA AMSCHLINGER

18


&

VERLAG

HEUTE

TEXT

AYLA AMSCHLINGER

FOTOS

MARTINA BORSCHE

TÖCHTER

FOTOS: GETTY IMAGES/SPIDERSTOCK, GETTY IMAGES/ YULIYA

DER MÜNCHNER VERLAG &TÖCHTER DENKT DAS

PUBLIZIEREN NEU UND WILL LITERATUR NICHT

NUR ZWISCHEN BUCHDECKELN ERLEBBAR MACHEN.

WIE DIGITALE LITERATURVERMITTLUNG BEI

INSTAGRAM FUNKTIONIERT UND WARUM DIE ZUKUNFT

DES BUCHES MULTIMEDIAL IST, HABEN DIE

VERLE GERINNEN ELENA STRASSL, LYDIA HILEBRAND

UND LAURA NERBEL IM GESPRÄCH VERRATEN.

19


HERO STORY

Verlagsmenschen sind Überzeugungstäter:innen.

In München

gibt es davon besonders

viele: Mit über 140 Verlagen,

die jährlich mehr als 8.000 neue Bücher

produzieren und dabei rund 1,2 Milliarden

Euro Umsatz erzielen, gehört die bayerische

Landeshauptstadt zu den größten

Verlagsstädten der Welt. Verlagshäuser

wie C. H. Beck, Piper, Hanser oder Random

House sind hier angesiedelt. In der

Branche geht es kollegial zu, das große

Geld lockt bei unzähligen zu prüfenden

Manuskriptseiten nicht: Für die Arbeit

lesen Lektor:innen häufig in ihrer Freizeit,

Durchschnittsgehälter schneiden im

Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen

deutlich schlechter ab. Eine Prise Idealismus

braucht es also, um Verleger:in zu

werden. Und eine klare Vision dazu.

Lydia Hilebrand (links) und Elena Straßl (oben)

betreuen Presse und Podcast sowie

Veranstaltungen und Vertrieb bei &Töchter.

VERLAG MAL ANDERS

Abgeschreckt hat das die fünf Freundinnen

Laura Nerbel, Lydia Hilebrand, Jessica

Taso, Sarah Zechel und Elena Straßl nicht.

Seit 2019 hat München einen unabhängigen

Verlag mehr. Mit &Töchter verwirklichten

die Buchwissenschaftlerinnen ihren

Studientraum: „Wir haben uns zuallererst

aus Liebe zu den Büchern als Buchverlag

gegründet, weil wir gerne Bücher produzieren

und verkaufen wollten. Wir wussten

aber von Anfang an: Ein ganz klassischer

Buchverlag passt nicht zu uns. Es muss

digitaler sein“, sagt Elena Straßl, die sich

um Veranstaltungen und Vertrieb bei

&Töchter kümmert.

Digitale Konzepte, innovative Vermarktungsansätze

und nachhaltige Buchproduktion

– so will &Töchter den Zeitgeist

treffen: „Der Zusatz hinter unserem Namen

‚Verlag und mehr‘ steht dafür, dass

wir uns mit anderen Mitteln präsentieren.

Zum Beispiel mit einem Podcast und

einer Veranstaltungsreihe“, erklärt Straßl.

Mit diesen Angeboten trifft &Töchter auf

einen Markt, in dem es immer schwieriger

wird, Leser:innen zu erreichen. Die

Konsumgewohnheiten haben sich in den

letzten Jahren grundlegend verändert: Ein

riesiges Angebot an Inhalten auf vielen

verschiedenen Plattformen sorgt dafür,

dass die Aufmerksamkeitsspanne nachlässt.

Medien werden oft nebenbei konsumiert.

Doch Lesen erfordert Aufmerksamkeit;

eine Fähigkeit, die man kaum noch

mit Entspannung oder Freizeit in Verbindung

bringt. Das ist laut einer Umfrage

der Gesellschaft für Konsumforschung

der häufigste Grund, warum Menschen

immer seltener zum Buch greifen. „Dass

Leser:innen verloren gehen, ist ein sehr

präsentes Thema in der Verlagsbranche,

schon seit zehn Jahren. Man muss da aufpassen,

dass sich nicht ein Gefühl von ‚Wir

gegen den Rest der Welt‘ im Literaturbetrieb

einstellt“, meint Elena Straßl.

BOOKSTAGRAM:

AUS ANALOG WIRD DIGITAL

Gleichzeitig herrscht in den sozialen Medien

reges Treiben: Wo früher Buchblogger:innen

dem Feuilleton die Rezensionen

streitig machten, posten nun Bookstagrammer:innen

unter den Hashtags

#instabooks und #bookstagram. Die

Buch-Community organisiert sich, tauscht

sich über Neuerscheinungen aus oder hält

Treffen von Online-Buchclubs ab.

Genau in diesen Entwicklungen steckt

für &Töchter großes Potenzial: „Für Verlage

ist es am wichtigsten, sich zu öffnen

und auch mit anderen Medienformaten

zusammenzuarbeiten“, davon ist Lektorin

Laura Nerbel überzeugt. „Diese gewisse

Kulturhoheit, die einen vermeintlich von

anderen Medien abgrenzt, ist Quatsch.“

20


„Für Verlage ist es am wichtigsten,

sich zu öffnen und auch mit anderen Medienformaten

zusammenzuarbeiten.“

LAURA NERBEL

Auf ihrem Instagram-Kanal @und.toechter

legen die Verlegerinnen Wert auf Nahbarkeit

und den persönlichen Austausch.

Sie geben Einblick in ihren Arbeitsalltag,

stellen Autor:innen vor oder organisieren

Insta-Live-Talks mit anderen Literaturbegeisterten.

„Als Verlag hat man endlich

mal die Chance, durch Social Media die

Endkund:innen und Leser:innen direkt

anzusprechen. Sonst ist ja immer ein

Buchladen dazwischengeschaltet”, so

Lydia Hilebrand, PR- & Podcast-Beauftragte

bei &Töchter. Neben der eigenen digitalen

Präsenz setzt &Töchter auf gezieltes

Influencer:innen-Marketing für seine

Publikationen. Ihre Neuerscheinungen

senden die Verlegerinnen an inhaltlich

passende Bookstagrammer:innen, die die

Bücher dann auf ihren Kanälen vorstellen

und rezensieren.

LYRIK IM BOXRING

Bislang sind im

&Töchter-Verlag

erschienen:

„Schwarz wird großgeschrieben“,

hrsg.

von Evein Obulor

& Rosamag, „Great

Green Thinking“ von

Jennifer Hauwehde

& Milena Zwerenz,

„Glashauseffekt“ von

Alexander Sperling

und „About Shame“

von Laura Späth.

Nicht nur digital ist &Töchter umtriebig,

wenn es darum geht, Literatur erlebbar

zu machen. Mit ihrer Veranstaltungsreihe

„rauschen&Töchter“ stellen die fünf Frauen

Literatur-Events auf die Beine, die nur

noch wenig mit der klassischen Wasserglas-Lesung

zu tun haben – und erreichen

so völlig neue Zielgruppen: „Eine

unserer ersten Veranstaltungen fand in

einem Boxstudio in München statt, mit

über 90 Zuhörer:innen.

Für eine Lesung mit hauptsächlich unbekannten

Autor:innen ist das absolut

nicht selbstverständlich. Auch das Team

und die Mitglieder des Boxstudios waren

dabei, alle im Trainingsanzug. Die saßen

ganz ruhig da und haben den Lesungen

zugehört. Das war für uns ein bestätigender

Moment, dass unser Konzept funktioniert“,

erzählt Lydia Hilebrand stolz.

&Töchter-Lektorin Laura Nerbel liest Buchmanuskripte zwar

noch in ausgedruckter Form. Sonst beinhaltet das

Arbeiten im Verlag aber nur mehr wenige analoge Momente.


HERO STORY

140

Verlage sind mindestens in München

angesiedelt, Tendenz steigend. Große

Verlagshäuser wie Penguin Random

House, Droemer Knaur, dtv oder

C. H. Beck machen Bayern zu einem

vielfältigen Publishing-Standort.

25 %

der Leser:innen greifen seit der Corona-

Pandemie wieder häufiger zum Buch.

Dennoch verzeichnet die Branche einen

allgemeinen Schwund an Lesenden in

allen Altersgruppen.

238

Bewerbungen gab es 2020 für die

Wildcard der Frankfurter Buchmesse.

Durchgesetzt haben sich &Töchter, die

ihren Verlag offiziell bei der Eröffnungsfeier

vorstellen durften.

„Als Verlag hat man endlich mal die

Chance, durch Social Media die

Endkund:innen und Leser:innen direkt

anzusprechen. Sonst ist immer ein Buchladen

dazwischengeschaltet.“

LYDIA HILEBRAND

22


„Wir wussten von Anfang an:

Ein ganz klassischer Buchverlag passt nicht

zu uns. Es muss digitaler sein.“ ELENA STRASSL

FOTO: STUDIO SEIDEL

DIGITALE BERATUNG FÜR DEN

STATIONÄREN BUCHHANDEL

Doch gerade der Veranstaltungsbereich

hat durch die Corona-Pandemie einen

harten Einschnitt erfahren. Geschlossene

Buchläden und abgesagte Lesungen

verlangten den notwendigen Digitalisierungsschub

im Literaturbetrieb: Besonders

kleine lokale Buchläden, deren

Kerngeschäft sich bislang stark auf den

direkten Kundenkontakt und die persönliche

Beratung beschränkte, mussten

digital nachrüsten. Oft aber mangelt es an

Know-how, Zeit oder manchmal auch an

Mut. &Töchter erkannte den Bedarf in der

Branche – und entwickelte ein Geschäftsmodell:

Mit „studio by &Töchter“ vermitteln

die fünf Verlegerinnen ihre digitale

Kompetenz an Buchhandlungen, geben

Workshops für Mitarbeiter:innen oder setzen

gemeinsam mit ihnen Newsletter und

Online-Shops auf. „Am Ende des Tages

geht es ja doch nur gemeinsam“, erklärt

Laura Nerbel die Entscheidung, ins Beratungs-Business

einzusteigen. „Das Vertrauen

seitens des Buchhandels ist größer,

als wenn jemand von außen kommt. Und

gerade vertrieblich ist das ein komplizierteres

Thema als in anderen Branchen.“

GEMEINSAM DIE ZUKUNFT GESTALTEN

Einen Grund, an der Zukunft des Buches

zu zweifeln, gibt es nicht: Lesen hat im Corona-Jahr

2020 einen Aufschwung erlebt,

25 Prozent der Leser:innen greifen wieder

häufiger zum Buch, wie eine Befragung

der Gesellschaft für Konsumforschung im

Januar 2021 ergab. Die Umsatzbilanz der

Branche zeigt sich für Verlage stabil und

krisensicher.

XPLR: HOW

TO PUBLISH

Wie funktionieren digitale

Buchvermarktung und

nachhaltige Buchproduktion?

Finde es heraus auf:

youtube.com/c/

XPLRMEDIAinBavaria

Um als Verlag weiterhin dauerhaft wettbewerbsfähig

zu bleiben, ist es wichtig, den

digitalen Wandel mitzugestalten und sich

immer wieder neu auszuprobieren, da ist

sich das &Töchter-Team sicher. Dass es

mit seinen innovativen Ideen überzeugt,

zeigen nicht nur mittlerweile vier veröffentlichte

Publikationen und erfolgreiche

Crowdfunding-Kampagnen für die Projekte,

sondern auch eine Auszeichnung

aus Fachkreisen: 2020 gewann der junge

Verlag eine Wildcard für die Frankfurter

Buchmesse und setzte sich gegen 237

Einreichungen durch.

Dabei ist für die &Töchter-Verlegerinnen

vor allem eines für den Literaturbetrieb

entscheidend, um auch komplizierte

Zeiten zu meistern: das Besinnen auf die

gemeinsame Leidenschaft. „Man sollte

Neues nicht verteufeln, sondern in Gemeinschaft

tolle neue Sachen schaffen“,

fordert Elena Straßl. „Denn das ist ja auch

notwendig, um junge Leute wieder an die

Literatur heranzuholen.“

Verlag und mehr:

Das ist &Töchter

Verstaubtes Seitenrascheln war gestern. Seit

2019 mischen die Verlegerinnen Laura Nerbel,

Lydia Hilebrand, Jessica Taso, Sarah Zechel und

Elena Straßl die deutsche Verlagsszene auf.

Die Idee zur Gründung eines eigenen Verlags

kam den fünf Münchnerinnen im gemeinsamen

Buchwissenschaftsstudium. Dabei war

von Anfang an klar: &Töchter soll als Verlag

über das klassische Kerngeschäft des Bücherpublizierens

hinausgehen.

Neben bislang vier veröffentlichten Buchprojekten

organisiert &Töchter regelmäßig unter

„rauschen&Töchter“ Literatur-Events, hostet

mit „plauschen&Töchter“ einen eigenen Podcast

und bietet ein B2B-Geschäft für digitale

Buchhandelsberatung an.

Die fünf Verlegerinnen von &Töchter (von

links nach rechts): Sarah Zechel, Lydia Hilebrand,

Elena Straßl, Laura Nerbel und Jessica Taso.

23


HERO STORY

ZU

KU

NFT

BLICK


!

IM

NEUE FORMATE,

NEUE FEATURES,

NEUE THEMEN:

DEUTSCHLAND-

CHEF CHRISTOPH

SCHNEIDER SIEHT

BEIM STREAMING-

DIENST AMAZON

PRIME VIDEO

GROSSES WACHS-

TUMSPOTENZIAL:

„UNSERE DEUT-

SCHEN ORIGI-

NALS SIND EX-

TREM WICHTIG

FÜR DIE MARKE.“

INTERVIEW

CHRISTOPH HENN

FOTOS

ROBERT FISCHER

25


HERO STORY

Es gibt eine große Auswahl an Angeboten,

im Free-TV und bei Streaming-

Anbietern. Was macht Amazon Prime

Video, um sich von der Konkurrenz

abzuheben?

Wir schauen nicht auf die Konkurrenz,

sondern fokussieren uns auf die Kunden.

Uns interessiert, was sie möchten und

wie sie reagieren. Unsere Marktforschung

und das Kundenfeedback zeigen, dass

unsere große und breite Auswahl an

Inhalten extrem wichtig ist. Unser Ziel ist

es, für jede und jeden das Lieblingsprogramm

anzubieten.

Wie viel Zeit verbringen Sie vor dem

Fernseher, Herr Schneider?

Ich muss beruflich viel fernsehen, wobei

meine Kinder sagen würden: Du darfst.

Aber ich schaue auch privat mit der

Familie. Und das querbeet, Streaming,

Pay- und Free-TV.

Damit Sie stets den Markt im Blick

haben?

Ja, es geht mir um Überblick und Inspiration.

Aber ich muss nicht jedes Mal

etwas Neues lernen, oft suche ich einfach

Entertainment oder Entspannung mit

der Familie.

Wobei entspannt sich ein Bewegtbild-

Profi wie Sie?

Bei wirklich guten Sitcoms wie „Two and

a Half Men“ und bei Sport. Aber ich bin

auch offen für die Tanzsendungen, die

meine Frau liebt, oder die Comedy- und

Show-Formate, die meine Kinder gern

gucken.

„DEUTSCHLAND

IST PFLICHT,

DIE WELT

IST DIE KÜR.“

Über die Funktion Watch Party können

Nutzer:innen beim Schauen von Inhalten

chatten. Was versprechen Sie sich

davon?

Früher gab es das gemeinsame Seherlebnis

in der Familie, das berühmte

Lagerfeuer. Angesichts des gewachsenen

Angebots und unterschiedlicher Interessen

ist es heute schwierig, eine ganze

Familie für eine Sendung vor den Fernseher

zu bekommen. Dennoch wünschen

sich viele ein gemeinsames Erlebnis. Das

ermöglicht Watch Party, weil man an

unterschiedlichen Orten mit Freunden

gleichzeitig etwas anschauen und sich

dazu austauschen kann.

Gibt es weitere Funktionen innerhalb

Ihres Angebots, die Sie für innovativ

halten?

Unsere Download-Funktion, mit der

sich Inhalte für den Offline-Betrieb aufs

Smartphone oder Tablet herunterladen

lassen, war eine bedeutsame Innovation.

Das haben in der Folge alle anderen

Anbieter übernommen. Ein weiteres Feature,

das Amazon Prime Video vielleicht

zu einem kleinen Vorsprung verhilft, ist

X-Ray. Die Zuschauer und Zuschauerinnen

können mit X-Ray – zusätzlich zum

Bewegtbild – Informationen einblenden

lassen, zum Beispiel Namen und Viten

der Schauspieler. Besonders reizvoll ist

X-Ray im Sportbereich, wo man voraussichtlich

ab dem kommenden Jahr

jederzeit Analysen, Infos zu Spielern oder

die letzte Torszene abrufen können wird.

Unsere Analysen zeigen, dass diese Servicefunktion

intensiv genutzt wird.

DR. CHRISTOPH

SCHNEIDER

ist seit 2012 Geschäftsführer von

Amazon Prime Video DACH/Benelux.

Davor war er bei unterschiedlichen

Medienunternehmen wie

Hubert Burda Media, ProSiebenSat.1

und der Video-on-Demand-Plattform

Maxdome in leitenden Positionen

tätig: „All diesen Stationen

ist eines gemein: Der Kundenfokus

steht über allem. Egal, ob ich eine

Zeitschrift, einen Internetauftritt

oder einen Streaming-Service mache:

Die Inhalte müssen die Kunden

faszinieren, sonst gibt es keinen

Erfolg“, so Schneider.


„WIR WOLLEN BEI

PERSONALISIERTEN

PROGRAMMVOR-

SCHLÄGEN BESSER

WERDEN. DAS IST

SCHWIERIGER, ALS

MANCHE DENKEN.“

Sport gewinnt in Ihrem Portfolio

ohnehin an Bedeutung. In der Saison

2021/2022 steigt Amazon Prime Video

in die Übertragung der Champions

League ein – warum?

Wir fokussieren uns auf die Wünsche unserer

Kunden. Im Film- und Serienbereich

sind wir da schon sehr weit. Wir haben

im Lauf der Zeit festgestellt, dass auch

Sportdokumentationen unsere Kunden

ansprechen – zunächst Formate über

American Football, dann noch stärker Dokus

über Fußballvereine wie Manchester

City und Borussia Dortmund und schließlich

über Bastian Schwein steiger. Deshalb

waren wir froh, als wir den Zuschlag für

die Champions League bekamen.

Das Interview und Fotoshooting mit CEO Christoph

Schneider fand in der Deutschlandzentrale von Amazon

Prime Video in der Münchner Domagkstraße statt.

Viel Energie haben Sie zuletzt auch

in Sendungen wie die Comedy-Show

LOL mit Michael Bully Herbig gesteckt.

Welche Rolle spielen lokal produzierte

Formate für Ihr Wachstum in Deutschland?

Diese Formate, unsere deutschen Originals,

sind extrem wichtig für die Marke.

Damit differenzieren wir uns von anderen

Anbietern. Unsere Zuschauer schätzen

diese Inhalte besonders. LOL ist mit

Abstand das erfolgreichste Format, das

wir je in Deutschland gestartet haben.

Auch davor funktionierten mehrere

deutsche Originals hervorragend, etwa

die Schweinsteiger-Doku oder die Serien

27


HERO STORY

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ und „Der

Beischläfer“, dessen zweite Staffel bald

startet. Künftig kommen noch viele

weitere deutsche Originals: Wir starten

im Herbst die zweite Staffel LOL sowie

eine Dokumentation über den FC Bayern

München, Ende des Jahres unseren ersten

deutschen Original-Film „One Night

Off“ und haben viele weitere Projekte wie

die Fitzek-Verfilmung „Die Therapie“ und

die Comedy-Serie „Love Addicts“ angekündigt.

Auch ein Doku-Film über Robert

Lewandowski kommt dazu.

Sind lokale Inhalte auch für das internationale

Geschäft von Bedeutung?

Mein Credo ist: Deutschland ist Pflicht,

die Welt ist die Kür. Wenn ein Format

sehr authentisch ist, dann kann es auch

in anderen Ländern funktionieren. Wir

sind gerade auf einem guten Weg, mit

großen deutschen Produktionen auch

weltweit Publikum zu finden.

Wie viel Wachstumspotenzial sehen

Sie noch in Deutschland?

Insgesamt ist die Haushaltsdurchdringung

der Streaming-Dienste in Deutschland

eine der geringsten in Europa. Es

gibt also sehr viele Menschen, die noch

keine Streaming-Dienste nutzen, und

damit enormes Wachstumspotenzial.

Wer Streaming einmal für sich entdeckt

hat, nutzt im Schnitt zwei Dienste regelmäßig.

Aber die Neugier muss erst

geweckt werden. Neben den herausragenden

Inhalten überzeugt die Nutzerfreundlichkeit:

Beim Streaming kann

man zum Wunschzeitpunkt aus einem

riesigen Angebot wählen und zwischendurch

pausieren. Wer das einmal probiert

hat, will es meist nicht mehr missen.

auch. Sie ist für uns Antrieb und Herausforderung

zugleich. Wir wollen bei personalisierten

Programmvorschlägen besser

werden. Das ist schwieriger, als manche

denken. Obwohl wir über viele Daten verfügen,

ist es nicht leicht zu antizipieren,

auf welche Inhalte der oder die Einzelne

in einem bestimmten Moment Lust hat.

Nicht nur bei Angeboten herrscht Vielfalt,

sondern auch bei den Anbietern

– von Netflix, Disney und Apple bis zu

Warner Bros./HBO und NBC/Universal.

Ist der Markt groß genug für all die

Schwergewichte?

Dieses Marktsegment ist riesengroß und

ich sehe noch viel Wachstumspotenzial.

Wie gesagt, nutzen aktuell Haushalte, die

Streaming-Kunden sind, im Schnitt zwei

Services gleichzeitig. Auch das kann noch

wachsen angesichts von Monatsgebühren,

die in München zwei Tassen Cappuccino

entsprechen. Deutsche geben im

internationalen Vergleich wenig für Mediennutzung

aus, aber die Zahlungsbereitschaft

ist in den vergangenen Jahren

signifikant gestiegen. Daher glaube ich,

XPLR: VIDEO

Erlebe

Christoph Schneider

im Gespräch auf:

@xplrmediainbavaria

Kann dieses riesige Angebot nicht

auch überfordern?

Das glaube ich nicht. Die Generation

meiner Kinder versteht gar nicht mehr,

warum man Sendungen nur zu einer

bestimmten Uhrzeit sehen oder nicht beliebig

anhalten kann. Die Qual der Wahl

beim Streaming kenne ich persönlich

Da geht noch mehr: Christoph Schneider

ist überzeugt, dass große deutsche

Produktionen auch weltweit ihr Publikum

finden können.

28


„DIE ZAHLUNGS-

BEREITSCHAFT FÜR

STREAMING-SERVICES

IST IN DEN VER-

GANGENEN JAHREN

SIGNIFIKANT GESTIEGEN.“

dass es mehr Services geben wird – ob

jeder langfristig ein guter Business-Case

ist, wird man sehen.

Sie unterscheiden sich von Wettbewerbern

auch dadurch, dass Streaming

nicht das Kerngeschäft von Amazon

ist, sondern Teil des Kundenbindungsprogramms

Amazon Prime. Wirkt sich

das auf Ihre Arbeit aus?

Prime ist ein Angebot mit zahlreichen

Vorteilen, die über schnellen Versand

und Musikstreaming auch Videostreaming

mit Prime Video umfassen. Teil von

Prime zu sein, wirkt für uns tagtäglich

als Ansporn, das Angebot noch besser zu

machen. Video ist neben den Versandvorteilen

der mit Abstand wichtigste Vorteil

von Prime und für viele der Grund, eine

Mitgliedschaft abzuschließen. Prime-

Kunden wiederum sind die treuesten

Kunden von Amazon.

Wären Milliardeninvestitionen wie

kürzlich die Akquisition von MGM auch

möglich, wenn Prime Video nicht Teil

von Amazon wäre?

Unser Ziel ist ganz klar, dass wir selbst

profitabel sind. In Deutschland sind wir

da auf einem sehr guten Weg. Im Videobereich

geht es um viel Geld, weil die

Inhalte teuer sind. Deshalb laufen die

Businesspläne länger als zwei, drei Jahre.

Was versprechen Sie sich von der

MGM-Übernahme?

Die Übernahme wird derzeit in den

USA noch kartellamtlich geprüft. Der

MGM-Katalog umfasst Tausende tolle

Filme und Serien. Davon würden unsere

Kunden profitieren. Darüber hinaus besitzt

MGM viele wichtige IPs, also Rechte,

etwa an „James Bond“. Das ist ein großer

Schatz, aus dem man im Produktionsbereich

einiges machen kann.

Halten Sie vergleichbare Akquisi tionen

auch in Deutschland für

denkbar?

Das vermag ich heute nicht zu sagen.

Aber wir suchen immer nach tollen Programmen

und Produkten und arbeiten

mit allen Produktionsgesellschaften sehr

gut zusammen.

Sie tun das von München aus. Warum

ist die Stadt der richtige Ort für den

Deutschlandsitz von Amazon Prime

Video?

München ist neben Berlin für mich DIE

Filmstadt Deutschlands. Hier sitzen sehr

viele Filmstudios, Produktionsfirmen und

Fernsehsender. Natürlich spielt es eine

Rolle, dass auch Amazon seinen Hauptsitz

in München hat, aber für uns stand

nie zur Debatte, anderswo hinzugehen.

Wir sind hier sehr glücklich und München

ist auch ein wichtiger Produktionsstandort

für unsere deutschen Originals.

29


INNOVATIONSSTUDIE

ILLUSTRATION: Pia Bublies

2021

Wie innovativ ist der Medienstandort Bayern?

Was treibt Innovation an und was hemmt sie? Um ein Bild der Innovationslage in Bayern zeichnen zu

können, hat XPLR: MEDIA in Bavaria in Kooperation mit dem Marktforschungsinstitut GOLDMEDIA in einer umfassenden

qualitativen und quantitativen Studie über 250 bayerische Medienunternehmen befragt.

Die repräsentativen Ergebnisse zeigen, wie viel Pionierarbeit die Branche leistet und wo es noch Entwicklungsbedarf gibt.

ZU DEN TEILNEHMENDEN UNTERNEHMEN

63,8 %

der Medienunternehmen

sitzen in bayerischen Großstädten

(> 100.000 Einwohner).

30,3

%

der Unternehmen

sind Startups oder

junge Unternehmen

in der

Aufbauphase.

36,2 %

der Medienunternehmen

sitzen in einer Kleinstadt

oder mittelgroßen Stadt.

257 Medienunternehmen

aus 54 Städten

in Bayern haben an

der Befragung

teilgenommen.

Teilnehmende Branchen

Verlage Marketing & Werbung

Audio

Publishing & Presse

VR, XR, AR TV, Streaming & Film

Software & Games

6,8

Zum Standort:

Bayerische Medienunternehmen

schätzen den Standort Bayern im

Bundesvergleich als innovativ ein

(6,8 auf einer Skala von 0 bis 10).

Für 60 % der befragten

Unternehmen haben

Innovationen einen

hohen oder sehr hohen

Stellenwert.

30


DIE ERGEBNISSE

In diesen Bereichen

entwickeln

Medienunternehmen

bereits Innovationen:

38,5

%

Arbeitsprozesse

bzw. eine neue

Führungskultur

Dienstleistungen

oder Services

52,9

%

52

% Produkte

2026

40,8 %

In diesem Bereich planen

Medienunternehmen Innovationen:

Bis 2026 planen 40,8 % der Unternehmen neue,

innovative Geschäftsmodelle zu etablieren.

Das sind Schlüsselfaktoren

innovativer Unternehmenskultur:

56,1

%

Eigenverantwortung

bzw. Freiräume

der Mitarbeiter:innen

56,1

%

offenes Mindset

52

%

Kreativität im Team

fördern und leben

So testen Medienunternehmen

Innovationen:

46,7 % testen innovative Produkte

oder Dienstleistungen

durch Kund:innenbefragungen

46,7 %

37 %

37 % testen ihre Innovationen

bei qualitativen Tests,

36,2 % im Rahmen von

Marktforschung.

31


INNOVATIONSSTUDIE

Der Bedarf an Fachkräften ist hoch:

Knapp 90% der Medienunternehmen

haben Bedarfe an Fachkräften

verschiedener Spezialisierungen.

88,4

%

46,3

%

Im Bereich IT / Software ist

die Nachfrage am größten:

Fast jedes zweite Unternehmen

benötigt hier

Fachkräfte.

Das sind Treiber von Innovationen:

Veränderte Mediennutzung

60,6 %

Neue Kund:innenbedürfnisse

51,6 %

Neue Kanäle bzw. Plattformen

39,4 %

Digitale Technologien / KI

35 %

Der Stellenwert von Innovationen:

72 % der befragten Unternehmen sprechen

Innovationen einen hohen bis sehr hohen

Stellenwert zu.

72 %

Das hemmt Innovationen:

auf einer Skala von 1 (gar nicht) - 5 (sehr stark)

1 2 3 4 5

4,1

Fehlendes methodisches Wissen / fehlende Strukturen

3,7

Fehlende kreative Ideen

XPLR:

MORE

Die gesamte Studie

gibt es unter:

xplr-media.com/

studien

32


DIE LEARNINGS

Der Medienstandort Bayern punktet durch

eine gute Infrastruktur, viele finanzstarke

Tech- und Software-Unternehmen, institutionelle

Investoren und Förderstrukturen. Die

Voraussetzungen für Innovationen sind

gegeben.

Das veränderte Mediennutzungsverhalten

ist der größte Treiber für innovative

Lösungen. Technologischer Fortschritt

erhöht den Veränderungsdruck auf

klassische Medien-Bereiche.

3

Innovation braucht ein breites

Kreativitäts-Ökosystem. Der Wunsch nach

Plattformen für Wissensaustausch sowie

Vernetzung zwischen Unternehmen ist in

Bayern hoch.

Der Medienstandort Bayern hat ein starkes

Förder-Ökosystem. Einzelne Unternehmen

wünschen sich ein gezielteres Matching von

Förderbedarfen und -angeboten sowie eine

bessere Auffindbarkeit der Angebote.

4


5

Medienunternehmen

in Bayern sehen den

digitalen Shift des

Business-Models als

Kernherausforderung

der Zukunft.

Innovation betrifft

die gesamte

Unternehmenskultur.

6

7

Digitale Projekte

brauchen klare

Zuständigkeiten in

Unternehmen.

33


HERO STORY


BOWL

DAS PRODUKTIONSSTUDIO

HYPERBOWL KREIERT VIRTUELLE

BILDWELTEN AUF DEM LED

SCREEN – UND REVOLUTIONIERT

DAMIT DEN BEWEGTBILD-MARKT.

TEXT

KATHRIN HOLLMER

FOTOS

JANEK STROISCH

35


HERO STORY

Welten wechseln in

Hochgeschwindigkeit.

Mit Blick auf die

LED-Wand spielen die

beiden Programmierer

die Kulisse für

den nächsten Dreh

ein. Wo eben noch

eine einsame Landstraße

verlief (Foto

oben), stehen plötzlich

Wolkenkratzer.

FOTO: MARCUS MÜLLER

36


In der Halle C5 der Messe München

geht die Sonne auf und Sekunden

später wieder unter: Auf

den konkav geformten LED-Bildschirmen

der Hyperbowl kann

man der Natur erstaunlich rasant auf die

Sprünge helfen. Die rund 500 Quadratmeter

große LED-Fläche kann sich in die

Skyline einer fiktiven Stadt verwandeln,

genauso wie in einen dichten Nadelwald

oder eine Mondlandschaft.

In der Hyperbowl, einem virtuellen

360-Grad-Filmstudio, werden über eine

Echtzeit-3D-Software virtuelle Welten

dargestellt und reale Schauplätze aus der

ganzen Welt eingeblendet. Die Technologie

kommt aus Hollywood. Zum ersten

Mal wurde sie für die Serie „The Mandalorian“

eingesetzt. Im Frühjahr 2020, als

der Lockdown auch die Filmbranche

zum Stillstand brachte, haben

das Hamburger Planungsbüro

für audiovisuelle Medien TFN

und die Frankfurter Kreativstudios

ACHT und NSYNK

das erste europäische Studio

dieser Art in München gebaut.

Die drei Firmen arbeiten schon

seit Jahren zusammen, planen

und begleiten digitale Messeauftritte

von Autoherstellern.

„Bayern ist der perfekte Standort

für unser Studio“, sagt

Frank Foerster, CEO von Hyperbowl

und TFN. Die meisten

Julian F. Krüger,

Director of Virtual

Production, arbeitet

an der Schnittstelle

zwischen Produktionsfirmen

und

Studio.

deutschen Automobilhersteller, die zu

den wichtigsten Kunden von Hyperbowl

gehören, haben in Süddeutschland ihren

Firmensitz, und in der Messe München,

die pandemiebedingt nicht ausgelastet

war, gab es genug Platz für das Konstrukt

aus 2.000 LED-Modulen. Allein das LED-

Dach wiegt 16 Tonnen.

Technologie aus dem

Games-Bereich

Gegenüber der LED-Wand sitzen zwei

Programmierer vor mehreren Laptops

und Bildschirmen und spielen das virtuelle

Set für die kommenden Dreharbeiten

ein: eine Landstraße für den

Werbespot eines Autoherstellers.

Hinter der Hyperbowl steckt eine Spiel-

Engine, eine Plattform, auf der normalerweise

Computerspiele basieren. Sie wird

von Programmierer:innen über Computer

gesteuert. Diese können die interaktiven

Hintergründe und Objekte jederzeit

ändern und verschieben und so im Nu

unterschiedliche virtuelle Welten erschaffen.

Durch ein Tracking-System passen

sich die Hintergründe in Echtzeit an die

„Wir leisten

PIONIERARBEIT.“

FRANK FOERSTER

Bewegung der Kamera an: Während das

Auto im Werbespot gefilmt wird, zieht

der Wald an ihm vorbei – und es sieht

aus, als würde es daran vorbeifahren. Die

Kameraleute der Produktionsfirmen und

die Schauspieler:innen bewegen sich

während des Drehs in der virtuellen Umgebung

statt wie bisher üblich vor einem

Greenscreen. „In der Hyperbowl interagieren

Schauspielerinnen und Schauspieler

viel besser in den Szenen, weil sie sehen,

was passiert, und nicht einfach in einem

grünen Nichts stehen“, sagt Foerster.

Berechenbar und

nachhaltig

Das Drehen in der Hyperbowl

hat viele Vorteile, der offensichtlichste

ist die Planungssicherheit:

Im virtuellen Studio

ist man unabhängig von

Jahreszeiten und Wetter – oder

pandemiebedingten Reiserestriktionen.

„Ich bestimme,

wie viele Wolken am Himmel

sind oder ob es neblig ist“,

sagt Frank Foerster. „Theoretisch

kann man 24 Stunden

lang dieselbe Szene im selben

Tageslicht drehen und sie

jederzeit reproduzieren, neu

oder weiterdrehen.“ Speziell

bei langen Dreharbeiten, etwa

für Serien, ist das praktisch.

Für die perfekte Illusion wird

der Boden meistens real gebaut,

man könnte ihn aber

37


HERO STORY

auch in der Postproduktion virtuell einspielen.

Für den kommenden Werbespot

des Automobilherstellers verlegen zwei

Männer Gummi-Asphalt auf dem Boden

– passend zur Landstraße. Als Requisiten

stehen Säcke mit Schotter und Felsen aus

Plastik bereit. Der Aufwand für den

Setbau, schätzt Julian F. Krüger,

Director of Virtual Production bei

Hyperbowl, reduziert sich durch die

Technologie um bis zu 90 Prozent

– verglichen mit einem regulären

Filmset. „In der Regel spart das

Hyperbowl-Verfahren Geld ein“,

ergänzt Foerster, „wie viel, unterscheidet

sich von Dreh zu Dreh. Es

geht aber nicht immer nur um die

Kosten: Es gibt auch Motive, die sich

in der Realität nicht drehen lassen.“

Für Dreharbeiten reisen Schauspieler:innen

und Filmteams oft um

die ganze Welt – die Hyperbowl-

Technologie macht viele Reisen

überflüssig und Filmproduktionen

damit nachhaltiger. Zwar brauchen

die LEDs und Rechner viel Strom

– im Serverraum, dem „Gehirn“

der Hyperbowl, berechnen zehn

Computer die virtuellen Umgebungen

in Echtzeit –, doch die Messe

München hat bereits 2020 komplett

auf rein regenerativ erzeugten

Strom umgestellt.

Neue Storytelling-Welten

„Die Hyperbowl eröffnet

ganz neue Möglichkeiten im

STORYTELLING.“

Abgesehen von den Vorteilen in der

Praxis, sind in der Hyperbowl auch der

Kreativität keine Grenzen mehr gesetzt.

Julian F. Krüger ist als Director of Virtual

Production das kreative Bindeglied

zwischen Studio und Produktionsfirmen.

„Sehr oft werden beim Filmskript viele

Ideen gestrichen, einfach weil der Aufwand

zu groß ist“, sagt er. „Hier ist man

plötzlich völlig frei. Die Hyperbowl eröffnet

ganz neue kreative Möglichkeiten

im Storytelling.“ Im virtuellen Studio kann

man an Orten drehen, die normalerweise

nicht zugänglich sind, kann abstrakte

Welten entstehen lassen oder reale Umgebungen

täuschend echt abbilden: In

die Halle wurden schon der Sternenhimmel

in der Wüste, der Nordpol und

eine Mondlandschaft geholt. Um sich in

dem neuartigen Studio zu orientieren,

sagt Foerster, brauchen die Kreativen

meist einen halben Tag am Set. „Dann

beginnen sie, mit den zusätzlichen

Möglichkeiten neue Ideen zu spinnen.“

Etwas länger dauert die Umgewöhnung

bei der Drehplanung. „Einer der

beliebtesten Sätze bei jedem Filmdreh

ist: Den Hintergrund entscheiden wir in

der Postproduktion“, so Frank Foerster.

„Für einen Dreh in einem virtuellen Set

müssen die Hintergründe allerdings mit

angemessener Vorlaufzeit vorbereitet

werden, diese Entscheidungen also

früher getroffen werden. Dafür sieht der

Kunde am Set direkt das Resultat und

kann trotzdem noch Änderungen vornehmen.“

Meistens erstellt Hyperbowl die virtuellen

Welten gemeinsam mit den

Produktionsfirmen, für die die Tech-

JULIAN F. KRÜGER

XPLR: VIDEO

Du willst die

Hyperbowl in Aktion

sehen? Jetzt auf:

@xplrmediainbavaria

38


FOTO: MARCUS MÜLLER

CEO Frank Foerster (unten) hat

mit Hyperbowl eine neue Ära der

Contentproduktion eingeleitet.

Die 500 Quadratmeter große,

hochauflösende LED-Fläche ist

die erste ihrer Art in Europa.

nologie noch neu ist. Vor Ort können

die Kund:innen mit dem selbst programmierten

Steuerungs-Tool „Hyper

Control“ in die Szenen eingreifen, die

virtuelle Szene verschieben, Tageszeit

und Licht bestimmen. Bei jedem Dreh

sind Programmierer:innen dabei, die das

Ganze technisch unterstützen. Einer von

ihnen ist Dennis Boleslawski, der eigentlich

Computerspiele programmiert. In

virtuellen Filmstudios braucht man zunehmend

Entwickler:innen wie ihn. „Wir

produzieren nicht nur Filme, sondern

programmieren auch die Software um

und entwickeln ganzheitlich diese Produktionsweise

weiter“, sagt Boleslawski.

„Um die Technologie nach vorn zu bringen,

kooperieren wir auch mit Kamera-,

LED- und Software-Herstellern.“

als 30 Produktionen durchgeführt, überwiegend

Werbefilme, aber auch Keynotes

und Live-Produktpremieren für Unternehmen.

Die Kunden kommen aus der

ganzen Welt, darunter Audi, Mercedes

Benz, Volkswagen, Visa, Aldi und Amazon.

Für eine virtuelle Veranstaltung in Baden-

Württemberg ließ Foerster eine mobile

Mini-Hyperbowl bauen, demnächst könnten

zwei Serien im Studio gedreht werden.

Gegen Ende des Jahres, dem traditionellen

Umsatzhoch in der Werbebranche,

ist die Hyperbowl bereits besonders gut

gebucht. Trotzdem wird das Studio bald

umziehen, zunächst innerhalb der Messe

und zum Jahreswechsel 2022 in Bayern,

weil die Messe nicht dauerhaft eine Halle

reservieren kann. Foerster hofft dafür auf

Unterstützung aus der Politik. „Wir leisten

Pionierarbeit“, sagt er. „Wir wollen auch in

Zukunft Maßstäbe setzen und die Technologie

in Europa voranbringen.“

Maßstäbe in Europa setzen

Bisher hat das Hyperbowl-Team mehr

5,5 Meter hoch

und 40 Meter

lang: Die Leinwand

(hier von

hinten) besteht

aus 2.000 LED-

Modulen.

39


HERO STORY

INTERVIEW

LISA PRILLER-GEBHARDT

FOTOS

VERENA KATHREIN

„what happened

last week?“

NÜRNBERG, BAYERN

SHAM JAFF ERKANNTE FRÜH, DASS NEWSLETTER

WEIT MEHR SIND ALS WERBEMITTEL. SEIT

2014 VERSCHICKT SIE WÖCHENTLICH KURATIERTE

NACHRICHTEN AUS LÄNDERN, DIE IN DER

HERKÖMMLICHEN BERICHTERSTATTUNG ZU KURZ

KOMMEN. IM INTERVIEW VERRÄT SIE, WARUM

DER AUSTAUSCH MIT DER COMMUNITY SO

WICHTIG IST UND WAS EINEN ERFOLGREICHEN

NEWSLETTER AUSMACHT.

40


Absenderin

Sham Jaff kam im Alter von

acht Jahren aus Kurdistan im

Norden Iraks über Syrien nach

Nürnberg. Sie hat Politikwissenschaften

studiert, 2020

ihr Traineeship bei Siemens

beendet und beschlossen, sich

ausschließlich ihrer journalistischen

Arbeit zu widmen. Für

ihren Podcast „190220 – Ein

Jahr nach Hanau“ wurde sie

2021 mit dem Grimme Online

Award Information ausgezeichnet.

„Meine Leser:innen fühlen

sich von Mainstream-

Medien nicht abgeholt.“


HERO STORY

42


Sham, was hat dich auf die Idee gebracht,

einen Newsletter zu starten?

Meine jüngere Schwester Aya wollte ständig von mir hören, was in

der Welt passiert. An der Uni bin ich weiter in die Rolle der Weltpolitik-Erklärerin

hineingewachsen, denn auch Kommiliton:innen

hatten Fragen dazu, was gerade in Ghana passiert oder wie die

aktuelle Politik in Taiwan ist; also zu Themen und Regionen, mit

denen wir uns akademisch eher weniger beschäftigt hatten. Ich

habe mich immer gewundert, wieso. So habe ich angefangen,

Freund:innen und Bekannte schriftlich mit News zu versorgen.

„Wir ertrinken

in einer Flut von

Nachrichten.

Die Menschen

haben ein starkes

Bedürfnis nach

Kuratierung und

Einordnung.“

Du hast bereits auf das Medium Newsletter gesetzt, als es in

erster Linie für Werbezwecke verwendet wurde und es noch

keinen Hype um dieses journalistische Format gab. Welches

Potenzial hast du gesehen?

Als ich 2014 mit „what happened last week?“ anfing, wurde ich

belächelt, denn Newsletter galten als „old school“. Doch für mich

sind sie nach wie vor ein sehr intimer, direkter Zugang zu meinen

Leser:innen. Ich empfinde es als großen Vertrauensvorschuss,

wenn sie mir ihre E-Mail-Adresse geben. Der Hype um das Medium

rührt meiner Meinung nach daher, dass die Menschen ein

starkes Bedürfnis nach Kuratierung haben. Alle Medien kämpfen

um Aufmerksamkeit, was dazu führt, dass wir in einer schieren

Flut von Nachrichten ertrinken. Es ist der Mehrwert meines

Newsletters, dass ich mir Gedanken mache, welche Nachrichten

für meine Zielgruppe relevant sind. Damit komme ich diesem

großen Wunsch nach Einordnung entgegen.

Welche Zielgruppe erreichst du?

Die Mehrheit meiner 14.000 Abonnent:innen ist weiß und hat

einen akademischen Hintergrund. Sie kommen überwiegend aus

westlichen Ländern, jedoch sind unter den 100 Ländern, in denen

mein Newsletter gelesen wird, auch Staaten wie Französisch-

Guayana oder Bangladesch. Letztens habe ich mit ein paar

älteren Herren aus Ghana in einem Leser:innen-Interview gesprochen.

Alle meine Leser:innen eint das Gefühl, sie wüssten nicht

genug darüber, was sonst noch in der Welt passiert. Sie fühlen

sich von den Mainstream-Medien nicht abgeholt.

SHAM JAFF

Hat sich die Themensetzung seit dem Start 2014 verändert?

Früher galt mein Fokus mehr der gesamten Welt, heute sind es

die Kontinente Südamerika, Asien und Afrika. Einfach weil die

Themen dieser Kulturen in den Medien unterrepräsentiert sind.

Ich beschäftige mich vor allem mit sozialer Gerechtigkeit beziehungsweise

Ungerechtigkeit sowie dem Klimawandel.


HERO STORY

„Ich möchte nicht

nur den Konsum von

Nachrichten fördern,

sondern auch die

Diskussion darüber.“

SHAM JAFF

Welche Quellen nutzt du?

Ich nutze quasi alle Zeitungen, deren Sprache ich verstehe – in

Deutsch, Englisch, Arabisch, Kurdisch, Spanisch und Französisch.

Darunter sind Titel wie die „South China Morning Post“ oder die

„Prensa Libre“ aus Guatemala. Aber auch Berichte der Vereinten

Nationen oder des World Economic Forum fließen mit ein. Eine

weitere wichtige Quelle sind freie Journalist:innen aus aller Welt.

Ich habe über die Zeit für mich selbst eine kleine Liste erstellt.

In Zeiten von Fake News – wie prüfst du

die Echtheit der Nachrichten?

Gerade wenn es um politische Konflikte geht, sind eine Menge

Falschinformationen in Umlauf. Da wird auf beiden Seiten viel

Propaganda betrieben. Deshalb lasse ich mir da lieber Zeit, ehe

ich berichte. Ich recherchiere dann selbst und spreche auch mit

Journalist:innen vor Ort, um nicht zur Verbreitung von Falschinformationen

beizutragen.

Du ermunterst Leser:innen zu kommentieren,

beispielsweise, wenn sie die Lage anders sehen.

Warum ist dir diese Interaktion so wichtig?

Weil auch ich blinde Flecken habe. Ich kann nicht – wie ein

großes Medienhaus – auf ein internationales Journalist:innen-

Netzwerk zurückgreifen. Ich bin froh, wenn mich Menschen

auf weitere Aspekte aufmerksam machen. Außerdem möchte

ich nicht von oben herab über mir fremde Kulturen sprechen.

Unterstützung

für Medien-Innovationen

Die freie Journalistin Sham Jaff finanziert ihren

politischen Newsletter „what happened last week“

(whathappenedlastweek.com) hauptsächlich

über Spenden der Leser:innen sowie über ihre

wöchentliche Kolumne beim Podcast „Wochendämmerung“.

Sie ist darüber hinaus Teil des

aktuellen Batches des Media Startup Fellowship,

eines Förderprogramms des Media Lab Bayern,

das Macher:innen unterstützt, innovative, digitale

Medienprodukte zu entwickeln. Neben einer Fördersumme

von bis zu 50.000 Euro beinhaltet das

Fellowship Coachings, Kontakte zu Medienunternehmen

und einen Co-Working Space.

Du hast vor Kurzem die erste Community innerhalb

deines Newsletters gegründet: die Curious Group. Mit

welchem Thema beschäftigt sich die Community?

Hier steht die zentrale Frage „Was machen wir mit der Polizei?“

im Mittelpunkt. Nicht erst seit dem gewaltsamen Tod von George

Floyd oder dem rechtsterroristischen Attentat in Hanau wird

immer klarer, dass es nicht nur deutschlandweit, sondern auch

international wenig Kontrollinstanzen gibt. In der Curious Group

sind etwa 30 Personen, die sich zu diesem Thema per Zoom

austauschen und sich gegenseitig informieren. Das kommt

meinem Anliegen sehr entgegen, nicht nur den Konsum von

Nachrichten zu fördern, sondern auch die Diskussion darüber.

Du bist mit deinem Newsletter Teil des aktuellen Media-Lab-

Förderprogamms, das die Entwicklung innovativer Medienprodukte

finanziell unterstützt. Wofür nutzt du die Förderung?

Ich würde gern die Idee des Newsletters ausweiten. Es geht um

die Frage, welche neuen Formate möglich sind, um diese unterrepräsentierten

Themen einem weit größeren Personenkreis zu

erschließen. Vielleicht über Podcast-Serien oder andere Formate.

Es geht auch um die Frage, ob der Newsletter Grundlage für ein

Medienunternehmen sein könnte.

44


How to

newsletter

Vorab klar

definieren:

Inhalt + Optik

„Auch die Frage: ‚Welches Bedürfnis decke

ich mit dem Newsletter ab?‘ muss im

Vorfeld beantwortet werden.“

Was macht einen guten Newsletter aus?

Der wichtigste Punkt ist das Thema. Dieses muss klar identifiziert

werden. „Wie kann ich mit meinem Newsletter dazu beitragen,

etwas besser zu machen?“ Man sollte sich auch kritisch

hinterfragen: „Bin ich tatsächlich die richtige Person, die das

Thema behandeln kann?“ In einem zweiten Schritt muss geklärt

werden, wie man erzählen will und den Inhalt strukturiert.

Auch das Layout ist ein wichtiger Part.

Inhalt und Verpackung müssen also zum Lesen einladen?

Genau! Dazu gehört, dass man Themen skippen kann: Niemand

sollte den kompletten Newsletter lesen müssen. Bei „what happened

last week?“ ist man – ohne die beigefügten Links – in zehn

bis 15 Minuten durch.

Nicht länger als

15 Minuten

„Das drückt auch den Respekt

vor den Leser:innen aus.“

Wie gelingt es dir, Leser:innen zu gewinnen?

Bei mir läuft das in erster Linie über Mundpropaganda. Meine

Leser:innen finden den Newsletter wertvoll und kommunizieren

das in ihrem Bekannten- und Freundeskreis. Sie fungieren als

Multiplikator:innen.

Wie lange sitzt du an einem Newsletter?

Es ist tatsächlich ein Teilzeitjob, denn es ist ja nicht nur mit der

Analyse und der Zusammenfassung dessen getan, was in der vorherigen

Woche passiert ist. Ich erstelle zusätzlich jede Woche eine

Spotify-Playlist mit den neuesten Songs aus den Kulturen und

Regionen, die im Newsletter vorkommen. Außerdem habe ich

eine wöchentliche Kolumne beim Politik-Podcast „Die Wochendämmerung“

mit Katrin Rönicke und Holger Klein. Darin

beleuchte ich eines der behandelten Themen oder manchmal

auch neue. Zusätzlich beantworte ich alle E-Mail-Anfragen der

Leser:innen.

Passende

Vertriebsstrategie

finden

„Auch Werbung und gutes SEO

helfen, den Kreis zu erweitern.“

Inhalte crosspromoten

„Neben Playlist und Podcast möchte

ich künftig noch Workshops und

Online-Veranstaltungen anbieten.“

45


HELLO FROM EVERYWHERE

JULIA LEEB:

„Die 360-Grad-Technik

gibt dem Journalismus

die Glaubwürdigkeit

zurück.“

INTERVIEW

JULIA HÄGELE

FOTOS

JULIA LEEB

Frau Leeb, sind Sie ein furchtloser

Mensch?

Nein. Angst ist menschlich und kann ein

guter Ratgeber sein. Angst kann aber

auch lähmen, deshalb ist es Ermessenssache,

inwieweit man bereit ist, die Ängste

zu durchwandern. Ich verlasse mich oft

auf meine Intuition. Meine Themen liegen

häufig hinter der Angst.

Sie haben politische Unruhen im Kongo,

in Ägypten, Libyen, Syrien, Afghanistan,

im Südsudan und Iran dokumentiert –

was treibt Sie an instabile Orte?

Wir sehen nur die Menschen, die online

sind oder in den Medien gezeigt werden.

Aber die Welt ist groß – ich will sie verstehen,

mit eigenen Augen sehen und

diejenigen zeigen, die nicht von selbst

sichtbar sind.

Haben Sie das Gefühl, dass die Welt

durch die Digitalisierung zusammengewachsen

ist?

Es sind eigentlich immer die Gleichen, die zusammenwachsen.

Aktivisten, die in einer Diktatur leben, können

nicht einfach mal ein Selfie hochladen oder ihre Meinung

auf Facebook posten. Wir sehen sie nicht und trotzdem

sind sie da. Es ist ein Trugschluss zu denken, dass die Welt

überall so tickt wie bei uns.

Für Ihre Arbeit nutzen Sie oft XR-Technologie – wie

genau?

Ich arbeite mit einer 360-Grad-Kamera. So können sich die

Leser:innen und Zuschauer:innen selbst ein Bild davon machen,

wie es vor Ort ist. Es ist wichtig, dass sie sehen, dass

ich nichts verstecke. Im Prinzip hilft die 360-Grad-Technik,

dem Journalismus seine Glaubwürdigkeit zurückzugeben.

Mich hat immer interessiert: Was ist außerhalb des Fotos

passiert? 360-Grad-Aufnahmen sind die Antwort darauf.

Jedes Medium, das wir kennen, hat einen Rahmen – sei es

der Bildschirm des Computers, das Ölgemälde oder die

Zeitung. 360 Grad ist die Befreiung aus der Umrandung,

das ist die Revolution. Im Kongo sehe ich zum Beispiel eine

Frau vor mir, die mit mir spricht. Doch ich kann mich drehen,

sehe Männer mit Kalaschnikows herumlaufen, viele

Kinder ohne Schuhe. Unten sehe ich den Lehmboden. Das

erzählt mehr als ein klassisches Foto der Frau.

FOTO: PRIVAT

46


HERO STORY

DIE FOTOJOURNALISTIN UND FILMEMACHERIN

JULIA LEEB DOKUMENTIERT KRIEGSGESCHEHEN UND

REVOLUTIONEN. SIE HAT ES SICH ZUR AUFGABE

GEMACHT, MENSCHEN HINTER DEN KONFLIKTEN EINE BÜHNE

ZU GEBEN, UND MÖCHTE MIT 360-GRAD-AUFNAHMEN

DIE GRENZEN EINES KLASSISCHEN FOTOS AUFBRECHEN.

47


HELLO FROM EVERYWHERE

Julia Leeb

Menschlichkeit in

Zeiten der Angst

Reportagen über die Kriegsgebiete

und Revolutionen unserer Welt

Suhrkamp

Julia Leeb wurde in

München geboren.

Heute lebt sie abwechselnd

dort und

in Potsdam. 2021

erschienen ihre Reportagen

„Menschlichkeit

in Zeiten der Angst“

im Suhrkamp Verlag.

Sie sagten in einem Interview, Mama Masika sei die Person,

die Sie in Ihrem Leben am meisten beeindruckt hat.

Wer ist sie?

Mama Masika aus dem Kongo hat das Schlimmste erlebt, was

man als Mensch und als Frau erleben kann. Sie wurde mehrfach

vergewaltigt und musste zusehen, wie ihre Kinder vergewaltigt

wurden und ihr Mann umgebracht wurde. Eine Vergewaltigung

ist nicht nur eine körperliche Misshandlung, sondern auch eine

seelische Vernichtungstat. Mama Masika hätte allen Grund gehabt,

für den Rest ihres Lebens zu hassen, sich zu rächen oder wie

viele andere Frauen Autoaggressionen aufzubauen. Aber sie hat

sich entschieden, sich dem Guten zuzuwenden, und ein Heim für

Tausende Vergewaltigungsopfer gebaut, die dort sicher und stark

sein können. Mama Masika hat ein Tabu gebrochen: Sie hat begonnen,

die Täter zu stigmatisieren und nicht die Opfer.

„Für Frauen ist der Krieg nicht vorbei, wenn die letzte Bombe

gefallen ist“, schreiben Sie in Ihrem Buch. Warum interessieren

Sie vor allem die Frauen in Kriegsgebieten?

Extremsituationen verstärken die guten und schlechten Seiten

aller Menschen. Im Krieg gibt es Leute, die töten, und Leute, die

heilen und trösten, die lehren, Geschichten erzählen, Zuversicht

spenden, die vergeben können. Letztere denken ans Große und

Ganze. Und meiner Erfahrung nach gehören zu dieser Gruppe viele

Frauen. Sie haben bei Verhandlungen meist nichts zu melden,

das ist für mich nicht nachvollziehbar. Es sind meist die Täter, die

das Sagen haben. Die, die zerstört haben, und nicht die, die aufrechterhalten.

Ich habe es mir zur Aufgabe gemacht, diese Menschen

ins Licht zu stellen und die echten Held:innen zu zeigen.

Zu Ihren Vorbildern zählt unter anderem die Fotografin Anja

Niedringhaus. Sie kam bei der gleichen Arbeit, die Sie tun,

um. Ist die Angst vor dem Tod in Ihrer Arbeit präsent?

Julia Leeb

dokumentiert

Schicksale wie

das von Mama

Masika. Sie

hat im Kongo

ein Heim für

Vergewaltigungsopfer

gegründet

– und dabei

übermenschliche

Kräfte

bewiesen.

Jeder will überleben, das haben Menschen so an sich. Man muss

einen Weg finden, mit der Angst umzugehen, sonst ist man gehemmt.

Ich hätte nie gedacht, dass Anja

Niedringhaus etwas passiert. Sie wurde

2014 einen Tag vor der afghanischen Präsidentschaftswahl

umgebracht. Die Wahl

galt nicht als sehr gefährlich. Das zeigt,

dass dieser Beruf unkontrollierbar ist, egal,

wie lange man ihn ausübt und wie gut

man sich auskennt.

Sie schreiben auch, Sie reisen nicht,

um vom Krieg zu erzählen, sondern um

davon zu erzählen, was der Krieg mit

den Menschen macht. Was haben alle

Konflikte gemein?

Was man sagen kann, ist, dass die meisten

Kriege mit Ressourcen und Macht zu tun

haben. Menschen sind überall wunderbar

und brutal, sie können vergeben und vernichten,

verunsichern und trösten. Dem

Geheimnis Mensch komme ich einfach

nicht auf die Schliche.

Kennen Sie auch kreative Krisen,

Prokrastination und Passivität?

In meinem Kopf zumindest geht es immer

voran, ich habe tausend Ideen und

viele Projekte. Das ist manchmal ein Fluch,

aber meistens ein Geschenk. Was mich

frustriert, ist, wenn Projekte an der Bürokratie

scheitern. Ich arbeite aber international

mit tollen Leuten zusammen, die

fast immer einen Weg finden.

Wie gehen Sie mit Widerständen um?

Mein ganzes Leben wurde mir gesagt:

„Das geht nicht.“ Ich kann keine 360-Grad-

Filme machen, ich kann dort nicht hinfahren,

weil es keine Infrastruktur gibt oder

weil ich eine Frau bin. Wenn ich darauf

gehört hätte, würde ich heute noch warten.

Ich wollte zum Beispiel in die Nuba-

Berge im Sudan. Das geht nicht, es gibt

keine Flüge, hieß es. Ein Frachtflugzeug

brachte aber Medikamente in die Region.

Und dann ging es eben doch.

Sie haben unzählige Länder bereist.

Wie würden Sie Heimat für sich beschreiben?

W

48


HERO STORY

Bild links: 2013 in Nordkorea

– Julia Leeb fotografierte

meist heimlich. Oben: 2017

im Sudan – eine Soldatin

der Volksbefreiungsbewegung

Nord beim Training.

Unten: Februar 2011 in

Kairo – ein Soldat vor dem

Informationsministerium.

Heimat ist für mich an Menschen, Kultur und

Natur gebunden. Ich mag die Jahreszeiten

und die Alpen. Ich habe in Madrid studiert,

dort hat man mich „Heidi“ genannt, weil ich

mal gesagt habe, dass ich die Berge vermisse.

Ihr Buch ist Ihrer Familie gewidmet. Halten

Sie unterwegs Kontakt mit ihr?

Nein, sie weiß nicht Bescheid. Meine Familie

ist mein emotionales Fundament, ich kann

sie nicht mit reinziehen. Sie könnte mir ja gar

nicht helfen, wenn etwas passieren würde.

Ich tauche unter und bin von einem auf den

anderen Tag einfach weg. Da gibt es natürlich

viel Unverständnis, aber irgendwann

haben alle es akzeptiert.

Erinnern Sie sich an Ihre erste Kamera?

Meine Schwester und ich bekamen einen

kleinen analogen Fotoapparat geschenkt, in

den man einen Film einlegen musste. Man

hat damals ja noch zwei Wochen gewartet,

bis der Film entwickelt war – ein richtiges

Ereignis. Seither faszinieren mich Bilder und

das, was sie erzählen.

„Meine Familie ist mein emotionales

Fundament. Sie weiß nicht

Bescheid, wenn ich unterwegs bin – ich

kann sie nicht mit reinziehen.“

JULIA LEEB

49


NEW WORK CASES

E

X

N

E

P

L

O

R

E

W

NEW WORK HAT VIELE GESICHTER.

DAS KÖNNEN RAUMKONZEPTE SEIN,

TECHNOLOGISCHE ENTWICKLUNGEN,

ABER AUCH ANGEBOTE FÜR DAS WOHL-

BEFINDEN DER MITARBEITER:INNEN. WIR

HABEN HINTER DIE TÜREN DER MEDIEN-

HÄUSER IN BAYERN GESCHAUT UND

INSPIRIERENDE CASES GESAMMELT, DIE

UNSERE ARBEITSWELT BEREITS JETZT IM

KLEINEN UND GROSSEN VERÄNDERN.

FOTOS: SHUTTERSTOCK/GULART, SHUTTERSTOCK/DINKOOBRAZ, STOCKSY/ALESSANDRA DESOLE, NICK FRANK, FLORIAN GENEROTZKY/LAIF (3)

50


David+Martin –

den Markenkern erlebbar machen

740 Quadratmeter Altbau in der Münchner Innenstadt, rund 50

Arbeitsplätze und eine Bar im Büro – damit hebt sich die Kreativagentur

David+Martin beträchtlich von der Konkurrenz ab.

„Mein Mitgründer David Stephan und ich haben eine große

Leidenschaft für Genuss und Gastronomie“, erklärt Martin Eggert.

„Wir wollten für unsere Agentur ursprünglich eine Bar oder ein

Café mieten.“ Als sie keine passenden Räume finden, beschließen

sie, die Bar zu bauen. Mit allem Drum und Dran: Kristallgläsern,

dimmbarem Licht, guten Musikboxen. Ein Ort, um abends zusammenzukommen

und ausgelassen zu sein. „Die Bar macht einfach

Bock, unserem Team, aber auch unseren Kunden“, so Martin

Eggert. Hier wird die Unternehmenskultur der Agentur erlebbar,

die viele Kunden aus dem Food-and-Beverage-Bereich betreut.

Auch in den anderen Räumen steht bei David+Martin der Wohlfühlfaktor

im Vordergrund. Details wie eine riesige Hummerstatue

laden zum Schmunzeln, Social Rooms mit bunten Sesseln zum

Verweilen ein. „Wir sind ein Jugendtreff für Erwachsene“, fasst

Eggert zusammen, „wir wollen Spaß haben, nur dann können wir

gute Leistungen bringen.“ Sie haben mit ihrem Konzept Erfolg:

Im Corona-Jahr 2020 verdoppelte sich sowohl die Zahl ihrer Mitarbeiter:innen

als auch der Umsatz.

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O

R

K

51


NEW WORK CASES

Burda Verlag –

das Wohlbefinden der

Mitarbeiter:innen im Fokus

Seit dem Corona-Jahr 2020 haben alle Mitarbeiter:innen

von Hubert Burda Media die Möglichkeit, sich

mit Fragen rund um ihre mentale Gesundheit an das

Fürstenberg Institut zu wenden. Sie können bei dem

in München ansässigen Institut einen Termin für ein

persönliches oder virtuelles Beratungsgespräch vereinbaren.

Zuständig für das Angebot ist Stefanie Walz,

Referentin für Betriebliches Gesundheitsmanagement

bei Burda: „Die externe Beratung ermöglicht es, in

angenehmer Atmosphäre mit ausgebildeten Coaches

oder Psycholog:innen zu sprechen.“ Das Unternehmen

erfährt dabei nicht, wer die Beratung in Anspruch

nimmt, und auch Familienangehörige können den

Service frei nutzen. Die Zahl der Beratungsgespräche

ist nicht limitiert. „Die Beratung kann verhindern, dass

Probleme ‚verschleppt‘ werden und später zu ernsthaften

Erkrankungen oder Arbeitsausfällen führen“,

sagt Walz. Über solche und weitere Gesundheitsangebote

werden die Mitarbeiter:innen übrigens regelmäßig

im internen Newsletter „TakeCare“ informiert:

So können sie via Microsoft Teams am kostenlosen

„LunchBreak Yoga“ teilnehmen oder bei der „Aktiven

Pause“ am Arbeitsplatz mitmachen, um Verspannungen

im Schulter-Nacken-Bereich zu lösen.

Vogel Communications Group –

Raum für Begegnung schaffen

Weniger ein Büro, mehr ein Campus: spannungsräume fördern die Work-

So versteht die Vogel Communications

Group ihren Sitz in Würzburg unterstützen ein kollaboratives und

Life-Balance, offene Arbeitsflächen

mit rund 500 Arbeitsplätzen. Denn projektorientiertes Arbeiten. Sehr

sie profitiert dort von anderen

beliebt sind die Sonnenterrasse und

Unternehmen: Die Hochschule für -wiese mit Liegestühlen, aber auch

Angewandte Wissenschaften lässt die Boxen für konzentriertes, ruhiges

sich zum Beispiel mit einem KI-Studiengang

auf dem etwa 10.000 Qua-

weitere Veränderungen kümmert

Arbeiten. Damit nicht genug: Um

dratmeter großen Gelände nieder, sich zukünftig die firmeninterne

und auch Start-ups mieten sich regelmäßig

in der Vogel Gründerwerk-

Projektgruppe „Neue Arbeitswelten“.

statt ein. Der führende Anbieter für

Fachmedien, digitale Plattformen

und Fachkommunikation hat neben

der Zusammenarbeit mit anderen

auch die Weiterentwicklung seines

eigenen Unternehmens im Blick.

Für mehr Flexibilität, Austausch und

das Wohl der Mitarbeiter:innen hat

die Vogel Communications Group

New-Work-Konzepte umgesetzt.

„Wir haben unsere Unternehmensund

Arbeitskultur tiefgreifend weiterentwickelt“,

erklärt Dr. Gunther

Schunk, Director Public Relations.

Und das sieht dann so aus: Ent-

FOTO: ZDF/FRANK DICKS

52


Ruffinihaus –

vernetzt im Creative

Hub arbeiten

Mitten in Münchens Innenstadt finden

im Ruffinihaus Kulturschaffende und

junge Medienunternehmen ein Zuhause

und machen das Gebäude zum

Innovations-Hotspot. Das Ruffinihaus

am Rindermarkt beherbergte eigentlich

Verwaltungsbüros der Stadt. Bis es

2017 saniert werden musste. Seit 2020

kann das Kompetenzteam Kultur- und

Kreativwirtschaft der Stadt München

die erste Etage des Ruffinihauses als

Creative Hub zwischennutzen. Für

zwei Jahre arbeiten dort 50 Kreative

in 27 individuell eingerichteten Büros.

„Es geht darum, zu zeigen, was für ein

transformatorisches Potenzial in der

Branche steckt“, sagt Projektleiterin

Christina Schepper-Bonnet. Im Ruffinihaus

sollen sich die Kreativen nicht

nur untereinander vernetzen, sondern

auch mit der Wirtschaft – um „eine

wirkliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe

zu bewirken.“

FOTOS: ARCHIV HUBERT BURDA MEDIA/SABRINA C. MAIER, J. UNTCH/VCG (3)

53


NEW WORK CASES

Google – hybrid produktiv

zusammenarbeiten

Sie heißen „Campfire“, „Team Pods“, oder

„Camp Charleston“ und sind Teil eines neuen

hybriden Arbeitsmodells, das den Mitarbeiter:innen

in den Google-Büros weltweit mehr

Flexibilität verschaffen soll. „Als Unternehmen

sind wir nach wie vor der Meinung, dass die

persönliche Zusammenarbeit der Schlüssel

zum Aufbau einer Gemeinschaft, zur Förderung

von Innovationen, zur Unterstützung der

Kreativität und zur Lösung komplexer Probleme

ist. Bei Googles zukünftigem Arbeitsplatz

wird es darum gehen, Google zum effektivsten,

kreativsten und angenehmsten Ort zum

Arbeiten zu machen“, erklärt Cornelia Florig,

Market HR Cluster Lead Germany & Austria

bei Google.

Eine Herausforderung, die viele Medienunternehmen

aktuell umtreibt: Wie schafft

man in einer hybriden Arbeitssituation eine

produktive Meeting-Atmosphäre? Vernetzte

Outdoor-Arbeitsplätze, virtuelle Whiteboards

und runde Meeting-Boxen mit großen integrierten

Screens sorgen bei Google dafür, dass

die Mitarbeiter:innen künftig unabhängig

vom physischen Arbeitsort reibungslos kommunizieren

können. Und die Überlegungen

zu neuen Arbeitskonzepten haben gerade

erst begonnen, so Cornelia Florig: „Als datengetriebenes

Unternehmen gehen wir mit

Innovationsgeist an Pilotprojekte heran und

führen währenddessen genaue Beurteilungen

durch, damit wir uns auf der Grundlage der

gewonnenen Erkenntnisse anpassen können.

Ein wichtiger Faktor ist dabei das regelmäßige

Feedback unserer Kolleg:innen. Nur so

können wir Entscheidungen über unseren

künftigen Arbeitsplatz vollumfänglich fällen.”

XPLR: MORE

Noch mehr gute

Beispiele für Medienunternehmen

und New Work

findest Du auf

xplr-media.com

XPLR: MEDIA in Bavaria –

Räume flexibel nutzen

Bis 2020 bildete der Eventspace der Medien.Bayern

GmbH das Herz der Firmenräumlichkeiten in

München. Das Unternehmen, zu dem neben XPLR:

MEDIA in Bavaria unter anderem die Medientage

München gehören, nutzte ihn regelmäßig für Veranstaltungsformate

mit bis zu 100 Teilnehmer:innen.

Um digitale Veranstaltungen professionell produzieren

zu können und ein gutes Nutzererlebnis zu

schaffen, wurde der Eventspace nach Ausbruch der

Pandemie kurzerhand umfunktioniert: Stühle und

Konferenztische wichen einem professionellen Studio-Setting

zum Streamen von Online-Events. Auch

in Zukunft wird das modular aufgebaute Studio bestehen

bleiben und der Eventspace flexibel für analoge

oder digitale Events genutzt. „Die Coronapandemie

hat uns gezeigt, dass wir flexibel sein müssen

und vor Veränderung nicht zurückschrecken dürfen.

Mit unserem Studio haben wir das umgesetzt. Raumkonzepte

neu zu denken, ist ein wichtiger Schritt auf

dem Weg in die Arbeitswelt von morgen“, sagt Stefan

Sutor, Geschäftsführer der Medien.Bayern GmbH.

FOTOS: GOOGLE LLC (2), SEBASTIAN WIDMANN PHOTOGRAPHY, ASTRID ACKERMANN

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Unsere Arbeitswelt ist im Umbruch: Firmen organisieren sich neu und

Anforderungen an Mitarbeiter:innen ändern sich. Business Coach Ines

Thomas gibt Tipps, wie New Work in Medienunternehmen gelingt.

Frau Thomas, wie ändert sich die

Firmenkultur deutscher Medienhäuser

mit New Work?

INTERVIEW

MICHÈLE LOETZNER

„NEW WORK

BEDEUTET,

ARBEIT

MENSCHLICHER

ZU MACHEN.“

New Work ist als Buzzword ein Sammelbegriff

für all die grundlegenden Veränderungen,

die durch Digitalisierung und

gesellschaftlichen Wandel die Anforderungen

an Führung und Organisation neu

definieren. Aus meiner Sicht geht es bei

New Work nicht darum, Arbeit „neu“ zu

machen, sondern besser. Und mit

besser meine ich: menschlicher.

Was bedeutet das für

Medienunternehmen?

Unternehmen müssen Arbeitsumfelder

schaffen, in denen Menschen sich mit

ihrer Individualität und ihren Talenten

angstfrei einbringen können. Die Herausforderung

ist, die passende Interpretation

für die New-Work-Bedürfnisse der

Mitarbeitenden zu finden: Für welchen

Mitarbeitertypus will ich als Unternehmen

attraktiv sein? Welche Ansprüche haben

diese Menschen an Zusammenarbeit,

Strukturen, Führung? Welche Aspekte

von New Work sind für unsere Kultur und

strategischen Ziele geeignet? Hier kann es

naturgemäß keine Lösung geben, die für

alle passt. Medienunternehmen haben dabei

die besondere Herausforderung, dass

sich ihr Geschäftsmodell in sehr hoher

Geschwindigkeit ändert und sie deshalb

Arbeitsumfelder brauchen, in denen sich

„traditionelle“ und „neue“ Medienwelt

parallel gut entwickeln können.

Nicht nur Unternehmen müssen sich

anpassen, auch Mitarbeiter:innen. Welche

neuen Skills werden in Zeiten von

New Work erwartet?

Arbeitsumfelder, die mehr Autonomie,

Flexibilität und Sinnorientierung ermöglichen,

bedeuten im Umkehrschluss, dass

die Mitarbeitenden bereit sein sollten, Verantwortung

zu übernehmen, aktiv zu gestalten

und sich selbst weiterzuentwickeln.

„Auch selbst organisierte,

sehr autarke Teams

brauchen einen klaren

Rahmen, in dem

sie ihren Job machen.“

Das kann Druck verursachen. Woher

wissen Arbeitnehmer:innen, welcher

Arbeitstyp sie sind und was sie brauchen,

um sich in einem Arbeitsumfeld

wohlzufühlen?

Eine Indikator-Frage ist: „Wann bin ich bei

meiner Arbeit im Flow?“ Also, in welchen

Momenten und Kontexten bin ich mit

Leichtigkeit produktiv und kreativ und

habe einen selbstverständlichen Zugang

zu meinen Fähigkeiten? Über so eine

bewusste Reflexion lassen sich förderliche

Faktoren im Umfeld leichter erkennen.

Wie wichtig sind Strukturen bei New-

Work-Modellen?

Auch selbst organisierte, sehr autarke

Teams brauchen einen klaren Rahmen, in

dem sie ihren Job machen. Diesen Orientierungsrahmen

zu schaffen, ist weiterhin

eine wichtige Aufgabe der Führungskraft.

Gerade bei Remote und Hybrid Work

braucht es ein gemeinsames Verständnis

davon, wie die Kommunikation und

Zusammenarbeit im Team organisiert

wird. Teams sollten sich Meeting-Routinen

und verbindliche Regeln geben: Egal, ob

Mail, Video-Call, Chat. Es muss klar sein:

Welches Medium nutzen wir wofür? Welche

Themen gehören ins Daily-Stand-up-

Meeting – und welche Fragen klären wir

besser im 1:1-Gespräch? Um sich vor Burnout

und Überlastung durch eine „Always

on“-Mentalität zu schützen, sollten wir vor

allem im Homeoffice bewusst Grenzen

ziehen und Auszeiten nehmen.

Welche Funktionen erfüllen Büros zukünftig?

Eine Entwicklung ist, dass sich das Büro

vom Arbeitsort zum Begegnungsort

wandelt. Ein zeitgemäßes Raumkonzept

schafft ein gutes Umfeld, in dem Menschen

einander begegnen, um an ihren

Themen im Austausch gut arbeiten zu

können. Das physische Büro sollte die erwünschte

Unternehmenskultur spiegeln

und stärken. Wie soll es sich anfühlen, bei

uns, mit uns zu arbeiten? Wie wird dieses

Gefühl im Raum erlebbar? Ich bin immer

wieder fasziniert, wie intensiv Raumstrukturen

und -atmosphären Unternehmenskulturen

reflektieren und prägen.

55


ENTSCHEIDUNGSBAUM

W

START

Ich bin da flexibel

DAS BESTE AM

HOMEOFFICE

IST ...

E

R

BIN

MY

DESK IS

MY

CASTLE

Wer braucht

2021 noch

einen

Schreibtisch?

Ich teile vieles,

aber nicht meinen

Arbeitsplatz

Mein Smartoffice

mit dem perfekten

Multiroom-Sound

DIESER TAB

IST BEI

MIR IMMER

OFFEN

I

C

H

?

56

BUSINESS-

LUNCH ODER

JOGGING-

HOSE? IMMER

ERREICHBAR

ODER

NINE TO FIVE:

FINDE HERAUS,

WELCHER

NEW-WORK-TYP

DU BIST.

DIE

MITTAGS-

PAUSE ...

Findet in der Kantine statt,

da weiß ich, was ich bekomme

ILLUSTRATION: JONATHAN CALUGI

Ist für

Business-

Lunches

gebucht!

Bietet sich

an, um die

neuesten

Food-Hotspots

auszuchecken

MEIN

SLACK-

STATUS

LAUTET:

„Bitte nur per Mail

kontaktieren“

Der

Nachrichten-

Ticker!


Mein Outfit:

oben Business,

unten

Party!

Die tägliche Dosis

Matcha-Latte nach

der Yoga-

Morgenroutine

WENN

ICH

MORGENS

AUFWACHE

Scrolle ich

zuerst durch

meinen Social

Media Feed

Streame ich noch schnell

eine Folge der neuen

Hype-Serie!

Checke ich

die wichtigsten

Branchen-

Newsletter

VIDEO-

KONFE -

RENZEN

Finden

bei mir

prinzipiell

ohne

Kamera

statt!

Machen

meinen

Business-

Alltag

effektiver!

FLEXI-

FAN

LinkedIn, die

Reichweite baut sich

schließlich nicht von

allein auf!

Vor lauter Tabs

sehe ich den

Browser nicht

mehr

Sorgen dafür,

dass in Venedig

wieder Delfine

schwimmen

ALWAYS-

ON

SO

ME ...

Mein Kaffee

hat gerade

die Tastatur

geflutet

IM BÜRO

FINDET

MAN

MICH ...

Beim Chef, die

Beförderung

kommt schließlich

nicht von allein

OFFICE-

HIPSTER

„Heute

16 Uhr Biergarten,

wer

ist dabei?

„Call-Marathon,

antworte asap!“

Die Chance auf

mehr Kreativität und

Flexibilität

NEW

WORK

IST FÜR

MICH ...

Hinter

verschlossenen

Türen!

New

what?

Im Writers’ Room,

die catchieste

Headline draften

TRADITIONALIST:IN

AUFLÖSUNG


HERO STORY

WELCHER NEW-WORK-TYP BIST DU?

A

U

F

L

Ö

S

U

N

G

:

FLEXI-FAN

Während andere im

Home office verzweifeln,

geht der Flexi-Fan hier

richtig auf. Für ihn ist es

der beste Weg, sein Privatleben

und die Medienarbeit

unter einen Hut zu

bekommen. Oben schick

fürs nächste Zoom-Meeting,

darf es untenrum

auch mal die Jogginghose

sein. Es wird getextet und

gekocht, Videos geschnitten

und die Wäsche aufgehängt. Wenn ein Boss

denkt, hier geht Arbeitszeit verloren, irrt er sich

gründlich: Der Flexi-Fan geht in seiner neu gewonnenen

Freiheit so auf, dass seine Kreativität

und sein Output ungeahnte Höhen erreichen.

XPLR: Die wichtigsten Infos aus der Medienbranche

bekommt der Flexi-Fan in unserem

Newsletter – selbstverständlich to go.

OFFICE-HIPSTER

Selbstverwirklichung und die richtige Work-

Life-Balance sind die Go-to-Keywords des

Office-Hipsters. Bevor er morgens in die Gänge

kommt, checkt er seine Social Feeds und hört

in seinem Lieblings-Medienpodcast nach, was

in nächster Zeit Thema wird. Der Office-Hipster

braucht die Abwechslung zwischen Büro und

mobilem Arbeiten. Für die Extraportion

Kreativität geht er in den Writer’s Room oder versucht

sich an alternativen Arbeitsmethoden wie

Design-Thinking.

XPLR: Wo sich die Branche trifft, erfährt der Office-Hipster

in unserem Eventkalender.

ALWAYS-ON

Über Slack, Twitter und LinkedIn, auf Smartphone,

Smartwatch und Laptop – Always-ons

lieben es, immer und überall erreichbar zu sein.

Sie sind geborene Vernetzer:innen, die sich am

liebsten mit Kolleg:innen auf Messen, im Büro

oder in Zoom-Calls austauschen. Mobiles Arbeiten

ist für sie unverzichtbar und sie treiben mit

ihrem Ehrgeiz und ihrer Begeisterung Innovationen

in der Medienbranche voran.

XPLR: Mit unserer Media Map behält der Alwayson

die bayerische Medienbranche beim Vernetzen

im Blick.

TRADITIONALIST:IN

Traditionalist:innen

schätzen Routinetermine

wie die

morgendliche Themenkonferenz, die Struktur

ins Arbeitsleben bringen. Dank ihrer sorgfältigen

und effizienten Art ist auf sie immer Verlass.

Während sich ihre Kolleg:innen voreilig auf neue

Technologien und Gadgets stürzen, hinterfragen

Traditionalist:innen gerne mal den neuesten

New-Work-Trend, bis sie sich sicher sind, dass er

sie in ihrer Arbeit weiterbringt. Mit Desk-Sharing

können sie schon allein deshalb nichts anfangen,

weil jemand ihre personalisierte Tasse benutzen

könnte.

XPLR: Branchenwissen, übersichtlich aufbereitet,

bekommen Traditionalist:innen in unseren

Reports – gern auch ausgedruckt.

58


Du machst irgendwas mit

Medien und Innovation ist für Dich

mehr als ein Buzzword?

MAGAZIN

~


µ

REPORTS

& STUDIEN

k

¸

MEDIA

MAP

Wir haben

das passende

Angebot!

NEWS-

LETTER

e

EVENT-

KALEN-

DER

Ä

XPLR: MEDIA IN BAVARIA

XPLR-MEDIA.COM

59


JOIN THE

INNOVATORS!

XPLR: Media Magazine N o 2

xplr-media.com

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