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AUSGABE 25

18. Juni 2022

EUROPEAN MAGAZINE AWA R D WINNER 2022 POLITICS & SOCIETY /// INFOGRAPHIC

BEWEG

DICH!

Die besten Tipps von Deutschlands

bekanntestem Sportmediziner

ELVIS LEBT!

Das Kino-Comeback

des King of

ROCK ’N’ ROLL

Der Eibsee.

Als Gott Bayern

erschuf, hatte er

einen guten Tag!

Traumziele in

DEUTSCHLAND

Von den Alpen bis zur Küste:

wo Urlaub am schönsten ist

(die meisten davon mit dem 9-Euro-Ticket der Bahn erreichbar)

POLITIK

Auf welchem Auge sind Sie

blind, Ministerin Faeser?

PSYCHOLOGIE

Wie Kinder nach der

Pandemie Kraft finden

WIRTSCHAFT

Im Zukunftslabor von

Software-Gigant SAP


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E-PAPER LESEN:


Seite 4

Seite 6

EDITORIAL

Über Migranten, den Arbeitsmarkt,

richtige und falsche Anreize

Von Robert Schneider, Chefredakteur

Fo t o : P e t e r R i g a u d / F O C U S - M a g a z i n

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk,

dessen Talent zur Undiplomatie ich

gelegentlich schätze, hat diese Woche den

Vorwurf erhoben, viele seiner Landsleute

würden Deutschland wieder verlassen,

weil sie sich hier nicht willkommen fühlten.

Bestimmt haben Flüchtlinge aus der von

Russland überfallenen Ukraine in Deutschland

auch schlechte Erfahrungen gemacht,

haben erleben müssen, dass andere ihre

Notlage auszunutzen versuchen. Für die

deutsche Gesellschaft insgesamt und vor

allem für den deutschen Staat kann ich

den Vorwurf jedoch nicht gelten lassen.

Nur ein Beispiel: Seit dem 1. Juni haben

registrierte Flüchtlinge aus der Ukraine

hierzulande Anspruch auf Grundsicherung

wie jeder einheimische Arbeitslose

und anerkannte Asylbewerber statt auf

Unterstützung nur nach dem Asylbewerberleistungsgesetz.

Das hat Folgen für

unser System der sozialen Sicherung: Die

Bundesagentur für Arbeit schätzt, dass

sich im Laufe des Jahres mehr als 700 000

Leistungsberechtigte aus der Ukraine in

den Jobcentern melden werden – überwiegend

Frauen, die mit ihren Kindern

nach Deutschland gekommen sind, während

ihre Männer die Heimat verteidigen.

Zusammen mit dem ehrenamtlichen

Engagement vieler Bürger kann man,

wie ich finde, von gelebter Willkommenskultur

sprechen.

Was gerne vergessen wird: Schon vor

dem russischen Überfall auf die Ukraine

und der daraus resultierenden Fluchtbewegung

lag der Anteil der Hartz-IV-

Berechtigten mit Migrationshintergrund

bei etwas über 50 Prozent. Das ist in -

sofern bemerkenswert, als der Anteil der

Menschen mit Migrationshintergrund

an der Gesamtbevölkerung mit 27 Prozent

(2021) deutlich niedriger ausfällt.

Das sollte, das kann eine Gesellschaft

mit erheblichen demografischen Problemen

nicht hinnehmen – allein schon mit

Blick auf den akuten Mangel

an Facharbeitern nicht, der sich

immer stärker als entscheidendes

Wachstumshemmnis erweist.

Und deshalb kann man mit Skepsis auf

ein anderes Vorhaben der Ampel schauen:

das „Chancen-Aufenthaltsrecht“ von

Bundesinnenministerin Nancy Faeser.

Im Kern geht es darum, eigentlich ausreisepflichtigen

Ausländern, die fünf

Jahre oder länger geduldet in Deutschland

leben, für ein Jahr eine Aufenthaltserlaubnis

auf Probe zu geben, damit sie

sich in diesen zwölf Monaten für einen

unbegrenzten Aufenthalt qualifizieren

können. Wir reden also über Menschen,

deren Antrag auf Asyl vom BAMF und

häufig auch gerichtlich abgelehnt wurde

und die ihrer Ausreisepflicht nicht nachkommen,

auch wenn das in Einzelfällen

berechtigt sein mag.

Ich bin immer dafür, Menschen eine

Chance zu bieten. Gleichzeitig fällt mir

ein, was der griechische Migrationsminister

Notis Mitarakis im Oktober 2021

den westeuropäischen Industriestaaten

ins Stammbuch schrieb: „Anerkannte

Flüchtlinge bekommen hier dasselbe

Sozialpaket wie griechische Bürger:

weniger als 400 Euro pro Monat, keine

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SITZENGELASSEN

Günter Bannas über

den Attraktivitätsverlust

der FDP

DER HAUPTSTADTBRIEF

EXKLUSIV

FÜR

FOCUS

ABONNENTEN

Herausgegeben von Ulrich Deppendorf und Ursula Münch

Dieser Weg wird

kein leichter sein

Wie der Krieg in der Ukraine in einem

Verhandlungsfrieden enden könnte

Von Harald Kujat Seite 2

18. Juni 2022 | #32

kostenlose Unterkunft oder Mietübernahme.“

In Deutschland, Österreich oder

Schweden aber hätten sie Anspruch auf

Leistungen, die über den Gehältern der

Griechen lägen.

Im Klartext: Solange es keinen einheitlichen

Umgang in der EU mit Flüchtlingen

gibt, wird es Flüchtlingsströme aus

dem Süden in den Norden und Westen

der Gemeinschaft geben. Ich frage mich,

ob es wirklich klug ist, eine derart breite

Brücke aus dem Asylverfahren in eine

dauerhafte Einwanderung ohne Vorliegen

politischer Verfolgung oder anderer

Fluchtgründe zu bauen. Das wird sich

schnell herumsprechen in der Welt.

Befürworter solcher Lockerungen argumentieren

nicht zuletzt mit dem Mangel

an Facharbeitern und Arbeitskräften

in Deutschland. Doch in den Jahren

2015/2016 sind gut eine Million Menschen

zu uns gekommen, ohne dass sich

daran spürbar etwas geändert hätte. Im

Gegenteil: Viele Geschäfte, Handwerksbetriebe

und Unternehmen müssen Aufträge

ablehnen, Geschäftszeiten verkürzen

oder die Produktion runterfahren,

SACHSENRINGEN

Roland Löffler über

Stärke und Schwäche

der AfD im Freistaat

Herzlich Ihr

weil es an Personal fehlt. Aus

Kriegsflüchtlingen und politisch

Verfolgten werden nur in

wenigen Fällen Facharbeiter.

Die müssen wir schon gezielt

anwerben, bevorzugt in anderen

EU-Staaten.

Doch dazu hört man nichts von

den Ampelparteien, nichts vom

Wirtschafts- und Klimaminister,

nichts vom Finanzminister und

nichts vom Bundeskanzler – leider auch

nichts von der Union. Dabei ist die Frage,

wie künftig der Arbeitskräftebedarf gedeckt

werden soll, um einiges wichtiger

für die Zukunft des Landes als Tankrabatt

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FOCUS 25/2022 3


Großer Geburtstag

SAP-Gründer Hasso Plattner

beim Börsengang 1988.

Inzwischen ist der

Konzern schon 50

Seite 46

Holde Heimat

Innenministerin

Nancy Faeser (SPD)

und die Debatte

über den umstrittenen

Begriff

Seite 28

Kruder Komplize

Epstein-Gehilfe

und Modelagent

Jean-Luc Brunel soll

unzählige Frauen

missbraucht haben

Seite 22

Starkes Stück

Im Restaurant

„Hawksmoor“ in

London werden

die besten Steaks

der Welt gegrillt

Seite 104

Der neue VW Taigo ist ein echtes Gute-Laune-Mobil Seite 112

4 FOCUS 25/2022


INHALT NR. 25 | 18. JUNI 2022

Titelthema

Wirtschaft

46 SAP und das Rezept für Zukunft

Nach erfolgsverwöhnten Jahren steckt

Deutschlands einziger großer Softwarekonzern

in der Krise. Doch es gibt Hoffnung

69 Völlig losgelöst von Russland

Eine neue Generation europäischer

Vega-Raketen startet ins All

Kultur

Titel: Strandkorb: Jorg Greuel/Getty Images, Warner Bros. Bergsee: Ioana

Catalina E/ Shutterstock, Warner Bros.

Fo t o s : J o n a s H o l t h a u s f ü r F O C U S - M a g a z i n , V o l k s w a g e n A G , m a u r i t i u s i m a g e s

92 Sehnsucht Deutschland

Die schönsten Urlaubsorte liegen vor der

eigenen Haustür: warum wir uns auch

in diesem Jahr wieder am liebsten in den

deutschen Regionen erholen

96 22 Tipps für den Sommer 2022

Berge, Seen, Strand, Kultur und Kulinarik:

die reizvollsten Ziele zwischen Baltrum,

Allgäu, Seenplatte und Rheinland

Agenda

22 Vergiftete Träume

Er war einer der mächtigsten Männer der

Modeindustrie und Teil von Jeffrey Epsteins

Missbrauchsring: Jean-Luc Brunel. Vier

seiner Opfer erzählen ihre Geschichte

Politik

28 Was bedeutet Heimat, Frau Faeser?

Sie ist die erste deutsche Innenministerin

und steht schon seit Amtsantritt im

Sturm: Nancy Faeser im Gespräch über

wachsenden Extremismus, Migration und

einen umstrittenen Begriff

34 Lauterbach gegen die Mediziner

Der Gesundheitsminister legt ein neues

Triage-Gesetz vor, das auf deutschen

Intensivstationen für Unmut sorgt

36 Der Lastenträger

Topberater Jörg Kukies bereitet für Olaf

Scholz den G7-Gipfel in Elmau vor. Wer ist

der Mann, dem der Kanzler vertraut?

38 Politischer Datenstrudel

Luisa Neubauer brodelt, Frau Strack-Zimmermann

reist und Stephan Weil musiziert

40 Unten sind alle Kumpels gleich

Trotz Krieg laufen die Kohlekraftwerke

ukrainischer Oligarchen im Donbass weiter.

Ein Besuch 500 Meter unter der Erde

52 Der Weltbeweger

Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne

spricht über Krise, Krieg und Konjunktur

56 Geldmarkt

Wissen

60 Generation Corona

Kinder und Jugendliche litten stark unter der

Pandemie. Auch seelisch. Was muss passieren,

damit die Schäden nicht weiterwirken?

65 Wie der Krieg die Delfine tötet

Im Schwarzen Meer ist die Heimat der

Tiere und das gesamte Ökosystem bedroht

66 Von Menschen und Managern

Corinne Flick diskutiert, ob der Mensch den

Klimawandel noch beeinflussen kann

Ewiger Elvis

Luhrmanns

Werk beleuchtet

das schwierige

Verhältnis der

Poplegende zu

seinem Manager

Seite 70

70 Comeback des King

Baz Luhrmanns neuer Film „Elvis“ erzählt die

Geschichte des wohl größten Untoten der

Popgeschichte – und deutet sie neu

76 Überirdisch leise und höllisch laut

Unsere Filme, Alben, Bücher der Woche

geben sich seelenruhig und herzensmutig

78 Don versus Donald

Er ist einer der erfolgreichsten US-Autoren.

Doch jetzt gibt Don Winslow das Schreiben

auf – um Trumps Rückkehr zu verhindern

Leben

104 Das beste Steak der Welt

Das „Hawksmoor“ in London gilt als erste

Adresse für perfekt gegrilltes Fleisch. Wir

haben da mal nach ein paar Tipps gefragt

108 Feuer und Flamme

Ottolenghis Grillmöhren-Dip macht sich auf

dem Teller gut zu Steak

110 Der Freischwimmer

Kurz vor der WM: ein Gespräch mit Deutschlands

Welt-Langstreckler Florian Wellbrock

112 Lass den Taigo von der Leine

Entwickelt in Brasilien, gebaut in Spanien.

VW stellt ein internationales SUV vor

3 Editorial

6 Kolumne von

Jan Fleischhauer

9 Nachrichten

10 Fotos der Woche

16 Grafik der Woche

LNG-Terminals

18 Menschen

68 Echt irre

77 Salon

Rubriken

82 Bestseller

82 Impressum

113 Podcast von Thilo

Mischke

114 Die Einflussreichen

116 Leserbriefe

117 Nachrufe

117 Servicenummern

118 Tagebuch

Titelthemen sind rot markiert

FOCUS 25/2022 5


AGENDA

POLITIK

Anschein

Brunels Agentur Karin Models gehörte in den 80er

und 90er Jahren zu den einflussreichsten der

Modebranche. Mädchen aus der ganzen Welt

kamen damals nach Paris, um dort einen Vertrag

zu ergattern. Sie traten in Fashion Shows wie

diesen auf, wurden wichtigen Branchengrößen

vorgestellt – und in vielen Fällen durch Drogen

und Missbrauch am Ende psychisch gebrochen

22


GESELLSCHAFT

Vergiftete Träume

Sie reisten nach Paris, um groß rauszukommen, doch am

Ende wurde ihr Leben zerstört. Der einflussreiche Modeagent

Jean-Luc Brunel soll unzählige junge Models vergewaltigt

haben und Teil von Jeffrey Epsteins Missbrauchsring gewesen

sein. Hier erzählen vier seiner Opfer ihre Geschichte – von

Macht, Missbrauch und einer Industrie, die zu lange wegsah

TEXT VON LUCY OSBORNE

Foto: Laurent Zabulon/ddp images

FOCUS 25/2022

23


POLITIK

Unter Tage

Bergwerksdirektor

Ruslan Chawrenkow (r.)

inspiziert mit Ingenieuren

Equipment in der Kohlemine

von Perschotrawensk

Unter Tage sind alle Kumpels gleich

Trotz Krieg in unmittelbarer Nähe laufen viele Kohleminen im Donbass weiter. Ein Besuch

in einem Bergwerk des ukrainischen Oligarchen Rinat Achmetow, 500 Meter unter der Erde

E

lf Jahre harte Arbeit haben

Alexej zu einem Menschen

gemacht, der vieles ertragen

kann. „Ich habe nur Angst

um meine Familie.“ Mehr

hat der 26-jährige Schachtarbeiter

zum Krieg nicht zu

sagen. Er will nicht fortgehen von hier,

von Perschotrawensk im Osten der Ukraine,

dort, wo er sein ganzes Leben verbracht

hat – obwohl die Front nur 80 Kilometer

entfernt ist. Und er will schon gar

nicht seinen Job aufgeben, den er ausübt,

seit er 15 ist. Dabei ist der so strapaziös.

„Das ist meine Arbeit. Punkt“, sagt er.

Kumpels wie Alexej machen nicht viele

Worte, den größten Teil ihres Lebens

verbringen sie an einem Ort, an dem es

ohnehin zu laut ist zum Reden.

TEXT VON PHILIP MALZAHN FOTOS VON ANTONI LALLICAN

Alexej arbeitet 500 Meter unter der

Erde, in einer Kohlemine im Donbass.

Fünf Tage die Woche, acht Stunden lang

schuftet er dort. So war es in den vergangenen

sieben Jahren, seit der Konflikt mit

Russland begann, und so ist es auch jetzt

noch, während der Krieg im Osten immer

brutaler wütet. Er taucht dann ab in eine

andere Welt, in der nur zählt, ob man sich

auf den anderen verlassen kann.

Unten im Schacht navigiert Alexej eine

batteriebetriebene Zugmaschine aus Sowjetzeiten,

im Bergarbeiterslang „Karetta“

oder „Wagenkutsche“ genannt. Unter

heftigem Dröhnen und Quietschen transportiert

sie die Arbeiter über das 178 Kilometer

lange unterirdische Schienennetz.

Meist kutschiert Alexej seine Kollegen zu

einem Tunnel von weniger als 1,5 Metern

Höhe, wo sie auf Knien weiterrobben müssen,

um die Kohle zu erreichen. Dann fährt

er die Kumpel und den Ertrag des Tages

wieder zurück. Eine gefährliche Angelegenheit,

nicht nur wegen der Einsturzgefahr,

sondern auch, weil die Strecke

auf feuchtem Boden permanent repariert

oder umgebaut werden muss. Die Karetta

ist Alexej schon einmal entgleist. Bei

voller Fahrt.

Trotzdem kann er sich ein anderes Leben

nicht vorstellen, auch wenn der Krieg vor

seiner Haustür ein gutes Argument wäre.

Schon um seine Frau Marina und die kleine

Tochter Viktoria zu schützen. Dabei

ist Perschotrawensk, zu Deutsch „Erster

Mai“, nicht einmal eine besonders hübsche

Stadt. Das können auch die hier und

da gepflanzten Rosenstöcke nicht verde-

40 FOCUS 25/2022


UKRAINE

Fo t o : Thomas Trutschel/dpa (1)

cken. Heruntergekommene graue Mehrfamilienhäuser,

paar Supermärkte, einen

Park, viel mehr gibt es nicht. In den 1950er

Jahren für Schachtarbeiter gegründet, ist

in der Stadt die Steinkohle immer noch

der wichtigste Wirtschaftszweig.

Superreich und umstritten

Die Mine, in der Alexej arbeitet, wird seit

1970 betrieben, ihre grundlegende Infrastruktur

stammt noch aus Sowjetzeiten.

Auch die große Zugschaufel, die stündlich

960 Kubikmeter Kohle aus der Tiefe holt,

ist ein Original. Beim Namen

der Mine bittet die Sprecherin

der Anlage aus unerfindlichen

Gründen um Diskretion.

Vielleicht hängt das mit deren

Eigentümer zusammen, denn

seit Anfang der 2000er Jahre

gehört die Mine Rinat Achmetow,

dem reichsten Oligarchen

der Ukraine. Und einem

der umstrittensten.

Noch 2021 warf ihm der

ukrainische Präsident Wolodymyr

Selenskyj vor, in einen

angeblichen Putschversuch

verwickelt zu sein. Achmetow,

Der Pate Rinat Achmetow ist

Bergwerkbesitzer, dubioser

Oligarch und reichster Ukrainer

Liftführerin

Eine der wenigen Frauen

im Bergwerk: Natalja

Babak, 45, ist für den Lift

zuständig, der in

500 Meter Tiefe fährt

Gemeinschaft

„Ruhm den Bergarbeitern“

steht auf dem Plakat,

darüber eine Erinnerung

an den Sieg über Nazi-

Deutschland

Sowjeterbe

Am Rand der

Kleinstadt

Perschotrawensk

liegt

die seit 1970

betriebene

Mine. Teile der

Infrastruktur

stammen

noch aus der

Sowjetzeit

Profiboxer und Sohn eines Bergmannes

aus Donezk, galt zudem als Förderer des

früheren prorussischen Regierungschefs

Viktor Janukowitsch. Laut ukrainischen

Medien ermittelt die Staatsanwaltschaft

auch in 200 Fällen gegen die Geschäfte

des Magnaten. Zu dessen Holding SCM

gehören Medien, Banken, Versicherungen

und Stahlunternehmen wie Asowstal in

Mariupol, in dem sich die wochenlange

Besetzungstragödie abspielte.

Achmetows Kohle- und Stromerzeugerfirma

DTEK betreibe neun Minen in der

Ukraine und sei vor Kriegsbeginn

für mehr als 60 Prozent

der Steinkohleförderung verantwortlich

gewesen, erzählt

Minen-Direktor Ruslan

Chawrenkow, ein kerniger

Mann, der sich vom Lehrling

an die Spitze hochgearbeitet

hat. Wie viel es nach dem

Krieg sein werde? Achselzucken.

Man habe ohnehin

keine andere Wahl, als so

lange wie möglich weiterzuproduzieren.

Zu Kriegsbeginn

hätten die ukrainischen

Kohlevorräte ohne weitere

Förderung für zehn Tage gereicht.

DTEK fördert nicht nur Steinkohle,

sondern produziert etwa 27 Prozent des

Stroms in der Ukraine. Einen Teil der Kohle

nutzt das Unternehmen zur Stromerzeugung

in den eigenen Kraftwerken. Um

welche Mengen es sich dabei handele,

und wie viel an die eigene Regierung oder

ins Ausland verkauft werde, dürfe man

nicht sagen, so Chawrenkow. Das Energieministerium

werte diese Information

als strategisch wichtig und habe sie deshalb

zensiert. Doch so

viel könne man sagen:

Während in einer staatlichen

Mine die Produktionskosten

für

eine Tonne Steinkohle

etwa 12000 ukrainische

Griwna betrügen, koste

DTEK die Produktion

nur knapp über 900,

so der Minenchef. Und

das, obwohl der Durchschnittslohn

der Angestellten

mit 1000 Euro

im Monat weit über dem

Durchschnitt im Donbass

liege. Ein Grund

für die gesteigerte Effizienz

in DTEK-Minen

sei etwa die Installation eines Wi-Fi-Netzes

im Schacht. Mitarbeiter erhielten Aufgaben

direkt auf ihr Handy und könnten

so permanent mit ihren Vorgesetzten kommunizieren.

Inzwischen bemüht sich Achmetow, der

immer zwischen der Ukraine und Russland

lavierte, um eine eindeutige Haltung.

Seine Firma Metinvest produziert

jetzt Panzersperren und Stahlbetonblöcke

für die Ukraine. Das Land verlassen

wie manch andere Superreiche will

er auch nicht. „Ich warte aufrichtig auf

den Sieg der Ukraine“, erklärte er kurz

nach Beginn des Krieges. Und versprach

zugleich, eine Milliarde Griwna Steuern

an den kriegsgebeutelten ukrainischen

Staat im Voraus zu bezahlen. Zudem

überwies er rund 70 Millionen Euro für

humanitäre Hilfe und Unterstützung von

Streitkräften und Territorialverteidigung.

Das Geld floss über seine Stiftung und

den Fußballverein Schachtar Donezk,

den er 1996 übernahm. Der Klub spielt

seit der Übernahme von Donezk durch

prorussische Separatisten im westukrainischen

„Exil“.

Anders als der unerschütterliche Alexej

ergriffen zu Beginn des Krieges

FOCUS 25/2022 41


GELDMARKT

Die Finanz-Kolumne

von Georg Meck,

FOCUS-MONEY-

Chefredakteur

Spannung

Die Wiederverwertung

von

Energiespeichern

dürfte

zum Riesengeschäft

werden

Fo t o s : F r a n k R ö t h ; I l l u s t r a t i o n : V e c t o r S t o c k , C o m p o s i n g : Fo c u s M o n e y

Geldentwertung

Die Inflation, der

Spargel und die EZB

Die Geschichte der Geldentwertung

muss womöglich neu geschrieben

werden. Ausgerechnet die Spargelbauern

melden sich als vermeintlich

erste Opfer der Inflation.

Weil sie ihre Ware nicht loswerden,

mögen sie die Stangen gar nicht erst

aus dem Boden stechen und beenden

die Saison früher als sonst. Wegen der

Inflation sagen sie, die habe den

Leuten den Appetit auf den Spargel

verdorben. Das stimmt freilich nur

halb: Der Handel verkauft durchaus

Spargel, nur eben aus Ländern, die

ihn günstiger liefern. Wahr ist: Wenn

die Preise um acht Prozent steigen,

wie gegenwärtig der Fall, wird es für

viele eng in der Haushaltskasse. Noch

dazu können die wackeren Sparer

dem Geld auf dem Konto zusehen,

wie es schmilzt. Die rasante Geldentwertung

straft all jene Lügen, die

sie nicht hatten kommen sehen, allen

voran die Europäische Zentralbank

(EZB) und ihre argumentativen

Helferlein, welche die Sorge um die

Stabilität des Geldes als Ausfluss

einer krankhaften Inflationsfurcht der

Deutschen verunglimpft hatten. Man

möge nur nicht darüber reden, dann

werde schon alles gut, so die perfide

Argumentation. Diese Strategie ist in

sich zusammengebrochen, wie die

Horrorstatistiken jetzt fast täglich

beweisen. Nichts beschäftigt die

Menschen heute mehr als die

Geldentwertung, die Inflation belegt

laut einer Studie der Beratungsgesellschaft

Boston Consulting Platz

eins der Ängste in Amerika wie in

Europa. Zwei Drittel der Befragten

sorgen sich demnach um ihre

finanzielle Situation – und das sind

nicht nur Spargelbauern.

Quelle: Finanzwoche

Gleich mehrfach unter Strom

Millionen von Autobatterien sowie

Akkus aus Handys, Tablets

und Laptops stehen vor ihrem

zweiten Leben. Allein den US-Recyclingmarkt

für die Energiespeicher schätzen

Experten auf etwa 25 Milliarden Dollar

Umsatz jährlich. Dort bringen die ers -

ten (2017 verkauften) E-Fahrzeuge am

Ende ihres Lebens zyklus rund 250 000

Tonnen an Altbat terien auf die Waage.

Weltweit ist es eine Million. Und das

ist erst der Anfang. Der Unternehmensberater

Deloitte erwartet einen Absatzschub

bei Elektroautos von vier Millionen

(2021) auf 31 Millionen Fahrzeuge

2030. Tendenz: rasant steigend. Allein

um die Umweltbilanz der Stromer im

Lot zu halten, ist die Wiederverwertung

der Batterien ein Muss. Von diesem

stark wachsenden Geschäft dürften profitieren:

• Die Firma Aurubis, die mit ihrer neuen

Strategie „Metals for Progress. Driving

Börsenstimmung

Recycling

Quelle: Finanzen100

US-Aktien-Bewertung halbiert

D

er Standard-&-Poor’s-500-Index gilt als der

wichtigste Index für Dividendenwerte weltweit.

Er bündelt die 500 wertvollsten US-amerikanischen

Börsenfirmen und ist global das Aktienbarometer

mit der höchsten Marktkapitalisierung. Klar, dass

Investoren genau auf dessen Bewertung achten.

12-Monats-KGV im S&P 500

2013

15 19 21

2021

40

35

30

25

20

15

10

Aurubis

Und diese ist,

gemessen am Kurs-

Gewinn-Verhältnis

(KGV), von ihrem

2021er-Hoch von

durchschnittlich

36 auf moderate

18 gesunken – gut

für künftige Kursgewinne.

30

2017 18 19 20 21 2022

Luft holen Der deutsche Recycling-Spezialist

Aurubis wächst rasant, die Aktie hat Potenzial

Sustainable Growth“ im Recyclingbereich

weiter auf Wachstum setzt und

kräftig investiert (ISIN: DE0006766504).

• Die kanadische AG Li-Cycle, die der

größte Wiederverwerter von Lithium-

Ionen-Batterien in Nordamerika ist.

Laut Firmenangaben werden bis zu 95

Prozent der Metalle aus Akkus zurückgewonnen

(ISIN: CA50202P1053).

Deal der Woche

Euro

Insider kaufen

110

90

70

50

B

eim Betreiber der

größten deutschen

Wertpapierbörse in

Frankfurt sowie der Terminbörse

Eurex haben

mehrere Vorstände

massiv

eigene Aktien

erworben. Insgesamt

steckten sie mehr als 3,7

Millionen Euro in Anteile

ihres Unternehmens, das

immer mehr als Hochtechno

logiefirma wahrgenommen

wird – ein starker

Vertrauensbeweis.

56

FOCUS 25/2022

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