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Menschen aus Stadt und Landkreis Osnabrück

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Ludger Abeln

Holger Hartwig

Bodo Nussdorfer

VERWURZELT. PROFILIERT. ERFOLGREICH. Menschen aus Stadt und Landkreis Osnabrück

VERWURZELT. PROFILIERT.

ERFOLGREICH.

Menschen aus Stadt und Landkreis Osnabrück


VERWURZELT. PROFILIERT. ERFOLGREICH.

Menschen

aus Stadt und Landkreis

Osnabrück

Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem

Verkehrsverein Stadt und Land Osnabrück e. V.

Erste Ausgabe 2019


Das Buch erscheint im Verlagsbereich Regional medien.

Alle Rechte bei Kommu nikation & Wirtschaft GmbH,

Oldenburg (Oldb)

Redaktion: Olaf Burblys, Verlag Kommunikation & Wirtschaft GmbH

Rüdiger Kuhlmann, Verkehrsverein Stadt und Land Osnabrück e. V.

Printed in Germany 2019

Bilder: alle Fotos Bodo Nussdorfer, Bielefeld,

außer: S. 6 (privat); 97, 98 (Tim Rost, Oldenburg);

113, 114 (ZDF/Markus Hintzen)

Das Manuskript ist Eigentum des Verlages. Alle Rechte vorbehalten.

Auswahl und Zusammen stellung urheberrechtlich geschützt.

Druck: Silber Druck oHG, Lohfelden

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten

sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

ISBN: 978-3-88363-411-1


Inhaltsverzeichnis

INHALTSVERZEICHNIS

ANDRÉ PHILIPPS

MODERNISIERER MIT NEHMERQUALITÄTEN 8

ANDREE WESTERMANN

MIT MENSCHLICHER FLEXIBILITÄT ERFOLGREICH 12

ANTON HARMS

DER MACHER VOM ALFSEE 16

BARBARA HAVLIZA

DER SCHOCK MIT DEM MINIROCK 20

BORIS PISTORIUS

IMMER ZURÜCK NACH OSNABRÜCK 24

CARL-LUDWIG THIELE

MAN LEBT IMMER VON INNEN NACH AUßEN 28

CHRISTIAN WULFF

„ICH NEHME MICH MITTLERWEILE ZURÜCK“ 32

CHRISTOPH HÜLS UND DR. STEPHAN ROLFES

DIE ENTSCHLOSSENEN UMDENKER 36

CONNY OVERBECK

EIN LEBEN FÜR MUSIK UND PARTY 40

3


Inhaltsverzeichnis

GEORG PREUSSE

DAS SCHWARZE SCHAF HÄLT SICH IMMER IN DER MITTE AUF 44

GEORG STEGEMANN

DER UNABHÄNGIGE RUHEPOL 48

GERD HOOFE

ALLE JAHRE WIEDER EIN NEUES MINISTERIUM 52

HANS-GERT PÖTTERING

MEHR ALS EIN HALBES LEBEN FÜR EUROPA 56

HANS-JÜRGEN FIP

DEM FRIEDEN VERPFLICHTET 60

HARTMUT DIECKMANN

EIN FAMILIENUNTERNEHMER MIT DISZIPLIN UND LEIDENSCHAFT 64

HOLGER GLANDORF

BEIM FUßBALL VÖLLIG TALENTFREI 68

JOHN McGURK

TRÄUME SIND DIE WEGWEISER MEINER HOFFNUNG 72

JÜRGEN BRUNS-COPPENRATH

EIN MANN MIT KLAREN ZIELEN 76

DR. MARTIN EVERSMEYER

MIT GROßEM TEAM ALS „TRAINER“ ERFOLGREICH 80

NICOLAS GALLENKAMP

ALS JUNGER IMPULSGEBER AKZENTE SETZEN 84

4


Inhaltsverzeichnis

NORBERT GLASMEYER

EIN PERSPEKTIVGEBER MIT WEITBLICK 88

PAUL KIRCHHOF

AUßERHALB MEINES HOFFNUNGSHORIZONTES 92

RUDOLF SEITERS

WELTGESCHEHEN HAUTNAH 96

SABINE BULTHAUP

FRIEDA UND ANNELIESE – DIE VERRÜCKTEN VOM RADIO 100

STEFAN DELKESKAMP

WERTSCHÄTZUNG UND KLARHEIT ALS ERFOLGSGARANTEN 104

STEFAN HOLTGREIFE

EIN TAKTIKER MIT BODENHAFTUNG 108

DR. THOMAS BELLUT

DIE DEMOKRATIE MIT JOURNALISTISCHEN MITTELN VERTEIDIGEN 112

THOMAS BÜHNER

DER VATER VIELER MÄDCHEN IST DER WUNSCH NACH EINEM JUNGEN 116

ULLRICH KASSELMANN

DAS GLÜCK DER ERDE 120

DR. WOLFANG KÜHNL

TRADITIONSBEWUSSTER MODERNISIERER MIT MUT 124

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DIE AUTOREN

Ludger Abeln (LA) wird 1964 im emsländischen Meppen geboren.

Das Abitur absolviert er am Gymnasium Marianum. Nach der

Schulzeit beginnt er eine Lehre als Möbeltischler und macht den

Gesellenbrief. Dann geht es für zwei Jahre zur Bundeswehr in die

Reserveoffizierlaufbahn.

Zum Studium wechselt Ludger Abeln nach Hannover, beginnt

anschließend ein Volontariat beim Sender „Antenne Niedersachsen“.

Dort arbeitet er als Moderator, Redakteur und Nachrichtensprecher.

Nach Stationen von „Radio ffn“, „SAT 1“ über „TVN“ in Hannover wechselt

er zum NDR Fernsehen und moderiert zahlreiche Formate wie

„Hallo Niedersachsen“, „Lust auf Norden“, „Talk op Platt“, die „NDR-

Quizshow“ oder „Die Aktuelle Schaubude“. Nach dieser Zeit wird er

Pressesprecher und Kommunikationschef bei Volkswagen für das

Werk Emden.

Aktuell ist Ludger Abeln Leiter der Stabsstelle Netzwerkarbeit beim

Caritasverband für die Diözese Osnabrück und Vorstandsvorsitzender

der Caritasstiftung Osnabrück. Außerdem arbeitet er als Freier

Moderator, Autor und Mediencoach.

Holger Hartwig (HH) wird 1970 in Leer geboren. Der Journalismus

begeistert ihn früh, mit 15 Jahren verfasst er erste Texte für Zeitungen.

Nach dem Abitur folgt ein Volontariat, und ab 1990 baut er einen

Verlag in Vorpommern mit auf. Weitere Stationen führen ihn

in die Chefredaktion von Zeitungen in Rostock, Dresden, Potsdam und

Leer.

Nach einem Betriebswirtschaftsstudium an der Berufsakademie Ost-

Friesland arbeitet er in der Geschäftsleitung eines Medien hauses, um

dann als Vorstandsreferent unter anderem die Kommunikation bei

einer Wohnungsgenossenschaft zu verantworten.

2005 geht er zur Neuen Osnabrücker Zeitung als Redaktionsleiter

Emsland/Ostfriesland und übernimmt 2012 die Chefredaktion eines

Medienhauses in Schleswig-Holstein.

Anfang 2017 gründet der Kommunikationspsychologe (FH) und

systemische Coach die Agentur Hartwig3c. Das Portfolio des

Kommunikations- und Medienexperten reicht von der klassischen

Medienarbeit über Coaching und Seminare bis hin zur Begleitung von

Transformationsprozessen in Firmen und Moderationen.

6


DER FOTOGRAF

Bodo Nussdorfer wird 1956 in Marburg/Drau (Slowenien) geboren.

Sein Foto/Film- und Design-Studium absolviert er von 1984 bis 1990

an der Fachhochschule in Bielefeld, das er als seine Heimatstadt

bezeichnet und wo er bis heute als freischaffender Fotograf lebt.

In den vergangenen Jahren hat Bodo Nussdorfer seine Arbeiten zu

verschiedenen thematischen Schwerpunkten u. a. in Bielefeld, Berlin,

Tecklenburg, Puebla (Mexiko) und in Bruck an der Mur (Österreich)

immer wieder einem breiten Publikum vorgestellt.

Im Bereich Bildjournalismus arbeitet er seit 1986 an einer gesellschaftlich-sozialen

Studie unter dem Thema „Gegenüberstellungen“,

und im Themenfeld der künstlerischen Fotografie beschäftigt

sich der Bielefelder seit vielen Jahrzehnten unter dem Titel „Das

persönliche Fototagebuch“ mit der Einwirkung der Außenwelt auf

die biografische Karte. Dabei entsteht seit 1985 jeden Tag ein neues

Foto.

Für den Oldenburger Verlag Kommunikation & Wirtschaft ist Bodo

Nussdorfer seit mehr als 20 Jahren erfolgreich als Industrie- und

Porträtfotograf tätig.

Stadt und Landkreis Osnabrück sind vielseitig,

lebendig und von zahlreichen spannenden

Persönlichkeiten geprägt. Manche sind hier

geboren, haben ihre Erfolgsgeschichte aber

an anderen Orten der Welt fortgeschrieben.

Doch viele sind bis heute in der Region

ver wurzelt und haben durch ihr Engagement –

als öffentliche Person oder eher im Verbor -

genen – sichtbare Spuren in ihrem Wirkungs -

bereich hinterlassen.

Allen gemeinsam ist, dass sie innerhalb und

außerhalb von Stadt und Landkreis Osnabrück

wertvolle Botschafter sind und die Region sowie

die hier lebenden Menschen hervorragend

repräsen tieren.

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MODERNISIERER MIT

NEHMERQUALITÄTEN

ber drei Jahrzehnte steht der Name Thomas Philipps für

Erfolg im Bereich Sonderposten. Maßgeblichen Anteil an der

Expansion der Bissendorfer Firma, die heute in 260 Märkte

mit über 3000 Mitarbeitern ein Sortiment von über 30 000

Artikeln verkauft, hat André Philipps. Als Sohn des Gründers

Thomas Philipps war er viele Jahre „Feuerwehrmann“ und kennt

nahezu jeden Handgriff. „Es gibt wohl nichts bei uns, was ich nicht

gemacht habe“, sagt der 57-Jährige, der die Firma seit einer schweren

Krankheit seines Vaters (heute 81) hauptverantwortlich führt.

Seit der Namensgeber ausgeschieden ist, hat sich vieles verändert.

„Mein Vater hat unsere Firma sehr erfolgreich geführt. Bis zu seinem

Ausscheiden hat er beispielsweise im Einkauf den vollständigen

Überblick über alle Produkte, Mengen und Preise gehabt, die wir

unseren Kunden anbieten“, erzählt André Philipps. Der Erfolg gebe

seinem Vater recht. Nach seinem Ausscheiden sei es an der Zeit

gewesen, die Strukturen neu aufzustellen. „In unserem Geschäft hat

ANDRÉ PHILIPPS

geboren am 26. Januar 1962 in Osnabrück

verheiratet, drei Kinder

Sparkassenkaufmann

Geschäftsführer der Thomas Philipps

GmbH & Co. KG in Bissendorf

sich durch das Internet, die Globalisierung

und andere Einflüsse

vieles ver ändert. Um weiter erfolgreich

zu sein, müssen wir

zeitgemäße Wege gehen, zu

denen auch ein modernes Verständnis

von Zusammenarbeit, Vertrauen und Verantwortung im Miteinander

mit jedem Mitarbeitenden gehört.“ So habe er das Firmenprojekt

„TP 2020“ unter der Überschrift „Ohne Ver änderung werden

wir morgen nicht sein, was wir heute sind“ angeschoben. „Es geht

dabei nicht um hektische Aktivitäten, sondern darum, die Potenziale

der Mitarbeitenden im Austausch besser zu nutzen, noch besser zu

werden und sich den Herausfor derungen des Marktes zu stellen.“ Ziel

sei es, die Weichen auch für eine weitere Expansion zu stellen. Mitarbeiterschulungen,

ein neues Waren wirtschaftssystem, mehr soziale

Leistungen und Unternehmens veranstaltungen seien Bestandteile

des Zukunftsweges. „Wir wollen neue Standorte eröffnen, vielleicht

auch in Österreich, müssen es aber nicht“, so der Familienvater. Auch

wenn er Sparkassenkaufmann gelernt habe, gelte für ihn, dass das

Wachstum weiterhin ohne jeg liche Schulden erfolgen muss.

Mit dem Projekt „TP 2020“ schiebt Philipps einen Kulturwandel an,

der seine Handschrift trägt und den Leitungswechsel vom Vater auf

den Sohn unterstreicht. „Das kennen sicherlich viele: Mit seinem Vater

zusammenzuarbeiten, ist nicht immer einfach. Jede Generation hat

ihre Vorstellungen“, sagt er. Manchmal sei der Austausch mit seinem

Vater „schon eine harte Prüfung gewesen“. Mit Lob sei durchaus

sparsam umgegangen worden, und ihm sei immer bewusst

gewesen, dass sein Vater an ihn ganz besondere Ansprüche stellt.

8


André Philipps

„Auch sonntags im Büro zu sein und sich mit mir auszutauschen, war

für ihn eine Selbstverständlichkeit.“ Wie viele Stunden er pro Woche

arbeite? Darauf möchte Philipps, der auch eine Krebs erkrankung „mit

noch einmal ganz anderen Gedanken und Erfahrungen“ gemeistert

hat, nicht so genau antworten. 60 bis 70 seien es bestimmt.

Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich vorzustellen, dass es in

den vielen Jahren auch Momente gegeben hat, in denen die

Arbeit und der kritische Blick des Vaters als Chef keine Freude

bereitet haben. „Stimmt. Ich habe mir immer gesagt: Mein

gesamtes Leben lang habe ich gut gelebt und dafür bin ich

meinem Vater sehr dankbar. Deshalb kam es für mich nie in

Frage, in den Sack zu hauen.“ Es gehöre in jedem Job, bei jeder

Aufgabe dazu, auch einstecken zu können. Nehmerqualitäten

seien durchaus eine seiner Stärken. Im Vordergrund stehe

immer, eine gute Lösung zu finden. Vor allem seine Frau und

seine Kinder seien in kritischen Momenten („Die kennt doch

jeder“) stabiler Rückhalt gewesen. Über die Jahre hinweg habe

er sich neben seinem Vater seine Position in der Firma

erarbeitet. „Manches habe ich dann auch aus Überzeugung

etwas anders gemacht als mein Vater, obwohl ich wusste,

dass es anschließend die einkalkulierten kritischen Worte gab.“

Rückblickend sage er: „In der täglichen Zusammenarbeit habe

ich von meinem Vater beides gelernt: Vieles, wie man es

macht, manches, wie man es besser nicht macht.“ Aber mit

dieser Sichtweise „bin ich bestimmt nicht alleine“. Insgesamt sei er

dankbar für die „preußischen Tugenden“, die er mitbekommen habe,

und die Grundhaltung seines Vaters: „Geht nicht, gibt’s nicht.“ Zudem

habe sein Vater immer Wert darauf gelegt, dass „ich niemals die

Bodenhaftung verliere“.

10


Modernisierer mit Nehmerqualitäten

Fest steht für Philipps, dass das generationenübergreifende Zusammenspiel

ein wesentlicher Garant für das erfolgreiche Wachstum aus

dem Osnabrücker Land hinaus in die gesamte Bundesrepublik ist. „Wir

haben uns jeder auf seine Art gut ergänzt.“ Sein Vater habe mit dem

bis heute bestehenden System der selbstständigen Marktleiter ein

Erfolgsmodell geschaffen. „Das gibt es so in dieser Form nicht ein

zweites Mal.“ Zudem sei sein Vater sehr früh in Asien unterwegs

„Außerdem haben wir eine klare Preispolitik.

Bei uns gibt es vieles und vor allem Sonder posten

durchaus günstig. Bei allem, was wir dauerhaft

im Sortiment haben, ist der Preis stabil.“

gewesen und habe bereits 1987 erste Waren direkt und ohne

Zwischenhändler eingekauft. „Unser langjähriges Wissen über Produkte

und Lieferanten ist eines unserer Fundamente. Außerdem

haben wir eine klare Preispolitik. Bei uns gibt es vieles und vor allem

Sonder posten durchaus günstig. Bei allem, was wir dauerhaft im

Sortiment haben, ist der Preis stabil“, so Philipps. Dritter Grund für den

Erfolgsweg war die Entscheidung, nach der Wende in die neuen

Bundes länder zu gehen. „Am Tag, als die D-Mark dorthin kam, haben

wir den ersten Markt eröffnet. Auf eines bin ich stolz und auch davon

überzeugt, dass das unseren Erfolg dort geprägt hat: Wir haben –

anders als viele andere – immer den gleichen Preis für die Produkte

wie im Westen genommen.“ Die Zeit im Osten sei mit vielen neuen

Erfahrungen verbunden und auch hier „waren Nehmerqualitäten

durchaus gefragt gewesen, weil vieles völlig anders war und manches

nicht gleich funktionierte“.

Und heute? Die Märkte sind bei Weitem keine klassischen Sonderpostenmärkte

mehr. „Wir werden weiterhin mit Postenhandel unsere

Kunden überraschen, aber etwa 70 Prozent des Sortiments sind

immer verfügbar“, so Philipps, der in seiner knappen Freizeit gerne

Golf spielt. Die Mischung aus Sonderposten und Dauersortiment

(„Nur Zigaretten wird es bei uns nie geben.“) sei aus seiner Sicht

logisch. „Die Warenmengen, die wir heute bewegen, könnten wir nicht

mit klassischen Posten bestücken.“ Der Blick auf die Zentrallager in

Melle und in Brandenburg unterstreicht das. Dort werden Produkte

umgeschlagen, die etwa 8000 Lkws füllen. Deshalb sei vorstellbar,

dass „TP 2020“ auch dazu führt, „dass wir in der Firmenbezeichnung

das Wort Sonderposten herausnehmen“. Auch bei dieser Entscheidung

gehe es darum, die Mitarbeiter mitzunehmen, denn „sie haben

maßgeblichen Anteil an unserem kontinuierlichen Erfolg“.

Hat er in über 30 Jahren auch Fehler gemacht? „Natürlich. Jeden Tag.

Die gehören dazu. Aber es ist wichtig, nicht den Kopf in den Sand zu

stecken. Es gibt immer eine Lösung.“ Zu seinem Verhalten als Chef

fallen ihm selbstkritisch zwei Dinge ein: „Manchmal bin ich zu emotional

und etwas zu laut, und wenn ich von etwas überzeugt bin, neige

ich dazu, die anderen auch mal totzulabern.“

Philipps setzt große Stücke auf seinen Sohn Alexander, der im

Unternehmen als Einkaufschef arbeitet, und seine Tochter Theresa,

die Marketing und Kommunikation studiert. „Wenn es gelingt, unseren

Familienbetrieb für die nächste Generation gut aufzustellen, und

meine Kinder das Unternehmen fortführen, dann bin ich der stolzeste

Mensch unter der Sonne. Sie haben beide das Zeug dazu.“ Allerdings

werde er niemals den Fehler machen, seine Kinder in die Verant -

wortung zu zwingen. „Sie entscheiden, was für sie richtig ist. Und das

ist dann auch für unsere Firma das Richtige.“ |

HH

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MIT MENSCHLICHER

FLEXIBILITÄT ERFOLGREICH

enn Andree Westermann heute auf sein Unternehmen

schaut – die GVO Personal GmbH mit ihren etwa 5000

Mitar beitern –, dann wirken seine Erinnerung an die Startphase

1994 wie eine Reise in eine andere Welt. „Nach einer

Ausbildung zum Koch und einem Berufsjahr in Heidelberg habe

ich mit zwei guten Freunden die GVO gegründet. Unser erster großer

Auftrag, für eine Werbeagentur auf einem Harley-Festival in Wildenrath

ein exklusives Catering durchzuführen, war auf den ersten Blick

ein großartiger Start in die Selbstständigkeit. Leider ging die Agentur

aber in die Insolvenz und wir hatten nach nur wenigen Wochen mit

Schulden im sechsstelligen Bereich zu kämpfen“, erinnert sich der

Osnabrücker. Für das Trio sei die Situation damals extrem heraus -

fordernd gewesen: Entweder weitermachen und erfolgreich werden

oder das Unternehmertum direkt wieder an den Nagel hängen. „Wir

waren uns einig weiterzumachen und haben in den ersten Jahren

dann fast nur noch gearbeitet und uns mit Nebenjobs über Wasser

ANDREE WESTERMANN

geboren 1973 in Osnabrück

seit 1994 als Unternehmer tätig

Diplom-Kaufmann und Koch

Geschäftsführender Gesellschafter der

GVO Personal GmbH Osnabrück

gehalten.“ Bis heute sind dieses

unternehmerische Tempo und

die positive Grundeinstellung

spürbar. Die GVO mit ihrem

Hauptsitz in Osnabrück und

mittlerweile über 50 Nieder -

lassungen in Deutschland und Österreich hat sich zu einem Spezialanbieter

für personalintensive Dienstleistungen in der Tourismus-,

Catering-, Messe- und Kulturindustrie entwickelt.

Nach dem holprigen Start sei vor allem das Glück zum Fleiß dazu -

gekommen. „Wir haben ab Mitte der 1990er-Jahre vom boomenden

Motorsport partizipiert. So konnten wir Aufträge für namhafte

Automobilhersteller und Sponsoren akquirieren, beispielweise bei der

Deutschen Tourenwagen-Meisterschaft. Zu Beginn mussten wir

noch alles selbst machen – vom Lkw fahren, dem Auf- und Abbau

bis hin zum Kochen und Servieren.“ Unter der Woche habe er seinen

Zivildienst abgeleistet und am Wochenende dann halb Europa mit

der neuen Firma bereist. Es funktionierte. „Wir haben uns sehr schnell

einen guten Namen gemacht.“

Die jetzige GVO hat mit den damaligen Aktivitäten nur noch wenig

gemeinsam. „Wir waren damals eine klassische Veranstaltungs-Fullservice-Agentur

mit einer großen Wertschöpfungstiefe in fast allen

Eventdisziplinen. Dann veränderte sich dieser Markt grundlegend. Wir

mussten uns spezialisieren und haben uns für die spannende und

bedeutende Disziplin des Personals entschieden.“ So begann ein

umfangreicher Transformationsprozess. Heute umfasse das Leistungsportfolio

vor allem die Übernahme von personalintensiven

Dienstleistungen rund um die Hospitalityindustrie. Zwei Tochter -

12


Andree Westermann

unternehmen, eines für Studentenjobs (GVO Studyheads) und eines

speziell für das Management von Vorderhäusern in Kultureinrich -

tungen (GVO FOH – Front of House), runden das Angebot ab. Mit Blick

auf das negative Stigma Zeitarbeit sagt Westermann: „Natürlich

kenne ich die Vorurteile, die viele mit der Zeitarbeit verbinden.

Aber ein genauer Blick, vor allem in unsere Unternehmensgruppe,

gibt ein völlig anderes Bild.“ Für ihn gebe es als Intermediär

zwei gleichwertige Kunden: den Mitarbeiter und den

Auftraggeber. „Nur, wenn es uns gelingt, die jeweiligen

Interessen optimal aufeinander abzustimmen, sind wir nachhaltig

erfolgreich. Speziell in unserem Wirkungsfeld ist der

Mensch die begrenzte Menge, um die wir mit unseren Marktbegleitern

buhlen. Nur mit dem besten Angebot, einem effizienten

Prozess und fairen Bedingungen, die teilweise

wesentlich höher liegen als in der Einsatzbranche üblich, lassen

sich die richtigen Mitarbeiter für das Unternehmen gewinnen.“

Die letzten 20 Jahre kannten aber keineswegs nur eine

Richtung. Es gab permanent neue Herausforderungen. „Bis

zum Anschlag auf das World Trade Center ist es richtig gut

gelaufen. Mit dem Tag erlosch die Nachfrage nach Personal in

unserem Bereich in einem bis dahin unvorstellbaren Ausmaß.

Wir konnten gar nicht so schnell reagieren wie der Markt bei

unseren Kunden und damit auch bei uns die Nachfrage nach

Personal zusammenbrachen. Dabei haben wir auch die negative

Erfahrung gemacht, was es bedeutet, von Banken abhängig zu

sein. Diese Phase konnte nur mit viel Glück, Mut und Kreativität überstanden

werden – unter anderem haben wir selbst monatelang auf

ein eigenes Gehalt verzichtet und uns von unseren Familien ver -

pflegen lassen.“ Wenn etwas Positives aus dieser Erfahrung abzu -

14


Mit menschlicher Flexibilität erfolgreich

leiten sei, dann, dass „wir für die Folgejahre das Primärziel hatten,

die Banken von ihren Aufgaben zur Liquiditätssicherung komplett zu

entbinden“. Heute sei die GVO komplett eigenfinanziert.

Gefragt nach seinem Erfolgsprinzip, sagt Westermann: „Ich wusste

schon sehr früh, dass ich Unternehmer werden will. Mir war bewusst,

dass dazu hohes persönliches Engagement, Durchhaltevermögen,

Risikobereitschaft und Verlässlichkeit gehören.“ Die Ausbildung zum

Koch habe er gemacht, weil sie Kreativität erfordere und einen

direkten Weg in eine mögliche Selbstständigkeit aufzeigte. Seine Zielstrebigkeit

und Willensstärke unterstreicht der 46-Jährige auch auf

andere Art und Weise immer wieder. So überquerte er zum Beispiel

mit dem Mountainbike mehrfach die Alpen und lief erfolgreich die

42,195 Kilometer lange Marathonstrecke.

„Ich wusste schon sehr früh, dass ich Unternehmer

werden will. Mir war bewusst, dass dazu hohes

persönliches Engagement, Durchhaltevermögen,

Risikobereitschaft und Verlässlichkeit gehören.“

Westermann, der begleitend zur GVO-Geschäftsführung noch ein

Studium als Diplom-Kaufmann abschloss, legt viel Wert auf die

Freiheit, selbst entscheiden zu können. Daran habe 2017 auch der

mehrheitliche Einstieg der Lüdenscheider Firma persona service AG

& Co. KG – alle Altgesellschafter außer Westermann verkauften dabei

ihre Anteile – in die GVO nichts geändert. „Die Zusammenarbeit hat

für beide Seiten vor allem strategische Gründe. Sie bietet uns als

Unternehmen und auch meinen Mitarbeitern neue Entwicklungs-

möglichkeiten und spannende Perspektiven.“ Die GVO und ihre Tochtergesellschaften

seien im Tagesgeschäft nach wie vor eigenständig.

Wenn Westermann von der GVO spricht, dann fast immer in der

Wir-Form. Dahinter steckt seine Überzeugung, dass hinter jedem

erfolgreichen Unternehmen ein gutes Team steht. „Menschen, die

intrinsisch motiviert sind und eine hohe Flexibilität im Denken haben,

schaffen unternehmerische Erfolge.“ Ihm helfe dabei, dass ihm

nachgesagt wird, sehr gut die Potenziale seiner Mitarbeiter zu erkennen

und sie für Ziele begeistern zu können. „Man ist heute viel mehr

Coach statt Alleinentscheider.“ Ebenso sei ihm, so sagt er, wohl das

erforderliche Verkäufer-Gen in die Wiege gelegt worden. Von einem

Lebensmotto wird Westermann dabei nicht getragen – allerdings ist

er von den vier „M“ überzeugt: „In der Geschäftsleitung eines Unternehmens

muss man Menschen mögen.“

Für die nächsten Jahre hat sich Westermann, der „manchmal vielleicht

auch etwas zu direkt sein kann“, noch einiges vorgenommen. „Für

mich ist das Glas immer halbvoll und Chancen sind immer größer als

Risiken. Ich mag Herausforderungen und bin gespannt, was noch auf

mich wartet.“ Mit Blick auf seinen 12-jährigen Sohn sagt er, dass es

für ihn wichtig sei, jungen Menschen das richtige Bild von einem

Unternehmer zu vermitteln. „Mit dem Unternehmertum zahlt man

zwar einen hohen persönlichen Preis, aber diese Freiheit in der kreativen

Gestaltung und Selbstbestimmung ist es ohne Frage wert.“ Das

sei eine Analogie zum Kochen. „Auch da kann ich mit den Zutaten,

die ich selbst zusammenstelle, etwas nach meinen Vorstellungen

zubereiten.“ Welche Zutaten er künftig mit seinen Ideen versehe und

zum Erfolg führen möchte, „da bin ich total offen und flexibel“.

Auf jeden Fall könne er sich nicht vorstellen, seine Zeit irgendwann

ausschließlich auf einem Golfplatz zu verbringen. |

HH

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DER MACHER VOM ALFSEE

twa 340 000 Übernachtungen im Hotel, in 60 Ferienhäusern

und auf 750 Campingstellplätzen im Jahr, etwa 200 Mitarbeiter

und ein Jahresumsatz von mehreren Millionen Euro – das ist in

nüchternen Zahlen zusammengefasst das, was den Alfsee

Ferien- und Erlebnispark heute kennzeichnet. Der Mann, der für

die Entwicklung des Urlauberparadieses in der Gemeinde Rieste

maßgeblich verantwortlich ist, heißt Anton Harms. 2020 wird er nach

40 Jahren – davon 18 Jahre als Geschäftsführer – den Urlauber -

magneten im Osnabrücker Land wirtschaftlich gut aufgestellt an

seine Nachfolgerin übergeben.

Rückblende: Wir sind im Jahr 1980. Der Alfsee ist umgeben von

grünen Wiesen. Erste Ansätze für ein Erholungsgebiet mit dem Ziel

der touristischen Weiterentwicklung der Region sind gemacht. Eine

Wasserskianlage ist in Betrieb gegangen, erste Gäste kommen in die

Region, die bis dahin die „weiße Industrie“ kaum kannte. Für den

Campingplatz wird ein neuer Platzwart gesucht. Anton Harms,

ANTON HARMS

geboren am 6. März 1955

verheiratet, ein Kind, zwei Enkelkinder

1996–2011 Bürgermeister in Rieste

bis 2020 Geschäftsführer der Alfsee

Ferien- und Erlebnispark GmbH, Rieste

gebürtiger Ostfriese, staatlich

geprüfter Wirtschafter und

Landwirtschaftsmeister, ist auf

der Suche nach einer neuen

Arbeitsstätte. Der Liebe wegen

ist er in die Region gekommen

und geblieben. Es gibt einige Bewerber auf die Stelle, doch der

damals 24-Jährige bekommt den Zuschlag, wird 1981 Betriebsleiter

der Alfsee GmbH, die bis heute von der Samtgemeinde Bersenbrück

und dem Kreis Osnabrück betrieben wird. „Was seit dem 1. April 1980

alles passiert ist, hätte ich mir vor vier Jahrzehnten nicht im Ansatz

vor stellen können“, berichtet Harms. Er sei damals als Neuling in den

Bereich eingestiegen, und „deshalb hat es mir immer geholfen,

anderen Tourismusakteuren und den Gästen gut zuzuhören und

genau zu überlegen, was wir daraus für uns machen können“.

Seitdem ist viel passiert. Stück für Stück ist das Areal zum anerkannten

Ferien- und Erlebnispark mit einem Angebot für die gesamte

Familie geworden. Die Kartbahn, das Beach-Camp, das Labyrinth und

die Bullermeck-Halle (eine Indoor-Spieloase mit Hochseilgarten) sind

erfolgreiche Beispiele für den wachsenden Tourismusstandort. Gute

Angelmöglichkeiten, Planwagenfahrten, geführte Radtouren oder das

Alfsee-Diplom runden das vielfältige Angebot ab. „Als ich hier anfing,

war die Akzeptanz des Tourismus in der Bevölkerung gleich Null. Das

ist heute sicherlich anders“, freut sich „Toni“ Harms, wie er von den

meisten genannt wird.

Zuletzt sorgte der Ferien- und Erlebnispark mit dem Bau des Ger -

manenlandes für Aufsehen, einer stilecht eingerichteten Ferienhaussiedlung

mit Holzbauten, einem großen Abenteuerspielplatz mit

16


Anton Harms

Lagune sowie einem germanischen Langhaus. Die in germanischer

Bauweise erstellte Sauna- und Wellnessanlage, das „Germanenland“,

so stellt Harms mit einem Schmunzeln fest, sei eine seiner Ideen

gewesen, „für die ich zu Beginn einigen Skeptikern gegenüberstand“.

Für ihn habe aber immer festgestanden: „Wir haben nicht den

Vorteil einer guten Lage an der Nord- oder Ostsee. Also

müssen wir uns etwas Besonderes einfallen lassen und

dürfen, wenn wir etwas anpacken, nicht zu klein denken.“ Er

sei überzeugt gewesen, dass aus der Idee ein Erfolg werden

könne. „Wenn ich mir etwas überlegt habe, dann gilt: Ich

verfolge mein Ziel so lange, bis mir jemand begründet und

überzeugend klarmacht, dass ich auf dem falschen Weg bin.“

Wenn er sich auf den Weg zu einem Ziel mache, „dann gehe

ich vorwärts. Steine, die auf dem Weg liegen, werden beiseite

geräumt“. Manchmal sei er vielleicht zu ungeduldig oder im

Umgang mit anderen auch etwas zu bestimmend. Das sei für

seine Mitarbeiter mitunter eine Herausforderung, ebenso wie

seine Liebe zum Detail. „Es muss für unsere Gäste einfach alles

passen. Das erfordert von jedem bei uns im Team Aufmerksamkeit

und Achtsamkeit.“ Für ihn sei es wichtig, dass jeder an

seinem Platz agiert: „Wenn dann mal ein Fehler passiert, dann

ist das so, man muss dazu stehen und es gibt Lösungen.“ Ein

Lebensmotto habe er nicht. Am ehesten treffe es der Gedanke

„Geht nicht, gibt’s nicht“.

Seine Erfolge brachten Harms, der in seiner Freizeit gerne reist, nicht

nur im Osnabrücker Land, sondern auch in der gesamten Branche

einen guten Ruf ein. Der Campingplatz wird seit Jahren dauerhaft

unter den besten in ganz Europa nominiert. Ob als Landes -

vorsitzender oder Bundeschef des Bundesverbands der Camping -

18


Der Macher vom Alfsee

wirtschaft e. V. (BVCD) – sein Rat, seine Visionen und auch seine

Durchsetzungskraft waren gefragt. Auch in dieser Aufgabe überzeugte

er. 2019 erhielt er auf dem Deutschen Campingtag in Potsdam

den „Camping Star“, die höchste Auszeichnung des BVCD, als Anerkennung

für sein Lebenswerk.

Das Gen eines Unternehmers („Unternehmer steht für mich für etwas

unternehmen, anpacken, machen.“) hat Harms von zu Hause mit -

bekommen. Groß geworden ist er auf einem Hof in Bagband

zwischen Leer und Aurich. „Da musste ich schon früh mit anpacken

„Das war damals schon überraschend. Ich war

ja im Rat, aber als Zugezogener, der auch

noch evangelisch ist, rechnete ich mir wenig

Chancen aus.“

und mein Vater hat mir viel zugetraut.“ Er erinnert sich gern daran, als

er die Verantwortung für drei Hektar Land übernehmen durfte „und

dann dort Getreide anbaute, was damals noch sehr ungewöhnlich

war“. Den Hof habe später sein Bruder übernommen, er sei in die

Futtermittelindustrie gewechselt, „aber das war nicht meine Welt“.

Nicht nur für den Alfsee ist Harms rückblickend ein Glücksfall. Auch

für die Gemeinde Rieste, in der er seit vielen Jahren mit seiner Familie

lebt. Er engagiert sich ehrenamtlich in der Kommunalpolitik, wird erst

Vorsitzender der CDU-Fraktion und 1996 zum Bürgermeister gewählt.

„Das war damals schon überraschend. Ich war ja im Rat, aber als

Zugezogener, der auch noch evangelisch ist, rechnete ich mir wenig

Chancen aus.“ Umso deutlicher sei seine Wahl erfolgt. Wie schon bei

der Weiterentwicklung des Freizeitgebietes, beweist Harms Mut und

Geschick. „Als ich Bürgermeister wurde, hatte unsere Gemeinde etwa

2100 Einwohner und 100 Arbeitsplätze. 15 Jahre später waren es 3300

und über 1500 Jobs.“ Die wohl entscheidende Rolle habe dabei

die Schaffung von Gewerbeflächen – darunter der Niedersachsenpark

–, Wohngebieten und die Möglichkeiten der Erweiterung des

Feriengebiets gespielt. „Da war es schon ein großer Vorteil, dass ich

aus der Landwirtschaft komme, so gleich einen guten Draht zu den

Landwirten in der Gemeinde hatte und immer schon gut und gerne

verhandeln mochte.“ Wichtig sei ihm gewesen, sich auf das Wort

anderer und den vertrauensvollen Umgang mit Informationen immer

verlassen zu können. Manches Mal sei auch ein dickes Fell nötig

gewesen, „aber meine Frau und enge Freunde haben mir den Rücken

gestärkt, sodass ich Nackenschläge nicht in mich hineinfressen

musste.“

Im Frühjahr heißt es nun, als Geschäftsführer Abschied zu nehmen

vom Alfsee. Für Harms steht fest, dass er sich – wie schon nach der

Aufgabe des Bürgermeisteramtes – konsequent zurück ziehen wird.

„Ich bin dann mal weg und werde danach nichts mehr zum Thema

Alfsee sagen.“ Das könne er auch ruhigen Gewissens. „Ich bin überzeugt,

dass wir mit Sonja Glasmeyer eine sehr gute Nachfolgerin

gefunden haben, die viel Wissen, Erfahrung und durch ihre Zeit als

Betriebsleiterin bei uns viel Gespür für die Aufgaben mitbringt.“

So ganz ohne Aufgaben werde er den Ruhestand aber dann doch

nicht gestalten. „Ich bin sicherlich alles, aber kein Couch-Typ. Es gibt

bereits Anfragen, ob ich als Berater andernorts unterstützen kann.

Das werde ich gerne machen.“ Aber vor allem eines möchte er – der

„Mr. Alfsee“: zusammen mit seiner Frau ins Wohnmobil einsteigen

und in Europa unterwegs sein. So ganz wird ihn also auch im Ruhestand

das Thema Camping und Urlaub nicht loslassen. | HH

19


DER SCHOCK MIT DEM

MINIROCK

s ist der 13. März 1958 als Barbara Havliza als ältestes Kind einer

Dortmunder Unternehmerfamilie auf die Welt kommt. Der Vater

ist Kaufmann, die Mutter Hausfrau. Später kommen noch zwei

jüngere Brüder hinzu. In den ersten Jahren teilt sie sich ein

Zimmer mit dem älteren der beiden Jungs. Mit den üblichen

Zankereien, die es unter Kindern nun mal so gibt.

„Mein Bruder war ein ,Ärgerpott’. Ich hatte immer Angst vor Spinnen

und er hat das ausgenutzt. Ab und zu hat er eine von diesen

Gummispinnen unter meine Bettdecke gelegt und ich habe mich

natürlich tierisch erschrocken.“ Ansonsten verläuft die Kindheit typisch

für damalige Mädchen. Mit den Freundinnen spielt sie Gummitwist

oder Seilspringen. Beim Völkerball dürfen die Mädchen auch bei den

Jungs mitmachen. Sie sind viel draußen an der frischen Luft. Einen

Fernseher gibt es zwar schon in der Familie, aber das Sehen ist stark

reglementiert, für damalige Zeiten versteht sich. Die Grundschule ist

BARBARA HAVLIZA

geboren am 13. März 1958 in Dortmund

deutsche Richterin und Politikerin (CDU);

seit November 2017 Niedersächsische

Justizministerin; sie ist verheiratet, hat

zwei Kinder und zwei Enkelkinder.

eine „Zwergenschule“, in der

zwei Klassen in einem Raum

unterrichtet werden.

„Spannend waren für uns die

Kinder des ‚fahrenden Volkes‘,

wie man damals sagte. Diese

Kinder brachten eine unbekannte Welt in unsere Klasse. Für sie war

es sicher nicht so spannend, weil sie das ja kannten und sich

bestimmt immer fremd gefühlt haben.“

Barbara Havliza wechselt sehr jung auf ein katholisches Mädchengymnasium.

Für bestimmte Familien sei es erstrebenswert, ihre

Töchter im Glauben und darüber hinaus „frauentypisch“ erziehen zu

lassen, sagt sie. „Man konnte damals zwei Zweige wählen. Einer

davon war der hauswirtschaftliche, das sogenannte Puddingabitur.

Da lernte man unter anderem, wie man die Familie bestens um -

sorgen kann. Aber die wilden 1970er-Jahre waren schon ange -

brochen. Der Minirock war da etwas, das die Nonnen an der Schule

schockierte. Wir mussten alle knielange Röcke tragen. Wenn wir

morgens in die Schule kamen, mussten wir als erstes unsere langen

Hosen auf der Toilette ausziehen und im Rock erscheinen. Die älteren

Schülerinnen haben sich irgendwann nicht mehr drum geschert und

sind im Minirock gekommen. Ein Skandal!“

Sie wählt den nicht-hauswirtschaftlichen Zweig und gehört einer

Pilotklasse an, auf dem Weg zur Oberstufenreform. Neben Pflicht -

fächern wie Mathematik oder Deutsch, ohne die man kein Abitur

machen kann, wählt sie Biologie und Englisch als Leistungskurse und

neben Deutsch noch Geografie als Prüfungsfach. Ihr Ziel ist es,

20


Barbara Havliza

Medizin zu studieren. Dann kommt ihr aber die erste Liebe da -

zwischen. „Entweder lerne ich für einen Numerus Clausus von 1,3 –

der für Medizin notwendig war – oder ich freue mich darüber, dass

ich einen Freund habe. Ich habe mich für die Freude entschieden.

Mein Freund war etwas älter und studierte Jura. Nach dem

Abitur habe ich mich auch dafür in Münster eingeschrieben

und parallel dazu noch für Wirtschaftswissenschaften, was ich

aber schnell sein lassen habe.“

Münster gefällt ihr, besonders das Leben im Studentenwohnheim.

Es ist immer was los, sie bekommt viel aus anderen

Studiengängen mit. Ein fröhliches Leben. Studienübergreifend

ist auch ein besonderer „Schein“, den sie als erstes ablegen

muss. „Zuerst galt es, den ,Kneipenschein’ zu erwerben. Das

gehörte dazu, genauso wie die Feiern oder das Kochen in den

Gemeinschaftsräumen.“ Gegen Ende des Studiums mietet sie

ein kleines Apartment, um sich auf die Prüfungen vorzu -

bereiten. „Ich habe im 9. Semester das erste Staatsexamen

abgelegt und es dauerte nervenaufreibend lange, bis wir endlich

das Prüfungsergebnis bekommen haben. Danach wollte

ich eigentlich noch promovieren, hatte auch schon einen

Doktorvater, bin dann aber als Referendarin nach Osnabrück

gegangen und bekam schnell einen Nebenjob in einer großen

Rechtsanwaltskanzlei.“

Die neuen Aufgaben machen ihr Spaß – endlich raus aus der

Theorie, rein in die praktische Arbeit. Ihr Referendariat absolviert sie

im Landgerichtsbezirk Osnabrück. Der Liebe wegen wohnt sie mittlerweile

in der Friedensstadt. Sie schätzt den Kontakt zu den Mandant*innen.

Nach dem zweiten Staatsexamen wird sie Anwältin, weil

in der niedersächsischen Justiz gerade ein Einstellungsstopp herrscht.

22


Der Schock mit dem Minirock

„In der Kanzlei, in der ich bei einem befreundeten Anwalt tätig war,

habe ich mich vorwiegend um Familien- und Strafrecht gekümmert,

mein Kollege um Zivil- und Handelssachen. Ich habe damals schon

oft gedacht, dass ich gern auf der anderen Seite sitzen und die Fälle

entscheiden würde.“

1987 klappt es dann doch mit dem Justizdienst. Das Ministerium fragt

an, ob die alte Bewerbung noch gelte und sie Interesse habe. Sie

durchläuft die Assessorenzeit und wird 1992 Richterin am Landgericht

Osnabrück. Mittlerweile hat sie geheiratet. Sie hat zwei Kinder.

„Dazu gehörte auch der Missbrauch von Kindern.

Es geht wirklich an die Seele, wenn man von dem

Leid der Opfer erfährt. Das muss man aushalten.“

„Damals war ich zuerst in der Strafkammer, die unter anderem

für Strafsachen im Jugendschutz zuständig war. Dazu gehörte auch

der Missbrauch von Kindern. Es geht wirklich an die Seele, wenn man

von dem Leid der Opfer erfährt. Das muss man aushalten. Wir waren

eine großartig besetzte Kammer mit einem Vorsitzenden, von dem

ich ganz viel gelernt habe. Ich bin dann später Vorsitzende dieser

Kammer geworden.“

Ihr Mann ist Richter am Amtsgericht Osnabrück und später dessen

Vizepräsident. Über Fälle sprechen sie nur selten, eher über die

Tuscheleien auf den Fluren. Wenn das Paar Zeit hat, fährt es mit den

Kindern an die Nord- oder Ostsee, um dort die Ferien zu verbringen.

Neben dem Beruf engagieren sich die Havlizas in Osnabrück ehrenamtlich:

Barbara Havliza unter anderem für den Hospizverein.

Es folgt das dritte Richterexamen in Oldenburg. Sie wird danach

Vorsitzende am Landgericht Osnabrück und übernimmt die Jugendkammer

und die 2. Schwurgerichtskammer. Sie wechselt als

Direktorin an das Amtsgericht Bersenbrück. Unerwartet kommt eine

Anfrage ins Haus, mit der sie nicht rechnet: „Aus NRW kam das

Angebot, am Oberlandesgericht Düsseldorf Staatsschutzverfahren

zu verhandeln. Ich empfand das als eine große Ehre. Mir wurde aber

auch gesagt, was das bedeutet: komplexe Verfahren, Sicherheits -

fragen wie zeitweiliger Personenschutz, Schießtraining, Schusswaffe,

und einiges mehr. Die Klientel, über die man urteilen muss, gilt nicht

gerade als ungefährlich.“ Im Laufe dieser Zeit bekommt sie sogar

Morddrohungen. Sie verhandelt Fälle wie den der Kofferbomber, ein

Verfahren um die Düsseldorfer Zelle oder den Mordanschlag auf die

Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker.

Zur Politik kommt sie als Quereinsteigerin. Sie gehört dem CDU-

Schattenkabinett von Bernd Althusmann für das Justizministerium

an. Nach der Landtagswahl 2017 wird sie am 22. November als

Justizministerin im Kabinett von Ministerpräsident Stephan Weil

vereidigt. „Es war zwar eine komplett neue Herausforderung, aber

ich habe mich recht schnell eingearbeitet und übe das Amt mit großer

Begeisterung aus. Man ist in allen Bereichen der Justiz unterwegs,

verständigt sich mit anderen Ressorts und Ministerien, stimmt

sich ab. Das alles fordert einen sehr, es ist aber auch eine große

Bereicherung.“ In Osnabrück haben sich ebenfalls Veränderungen

ergeben. Ihr Mann ist mittlerweile im Ruhestand und das Ehepaar hat

zwei Enkelkinder. Wenn es die Zeit erlaubt, will Barbara Havliza in

Zukunft mit ihrem Mann neue Länder wie Neuseeland oder Kanada

entdecken. Oder es geht nach Italien, ein Land in Europa, das sie

besonders mag. |

LA

23


IMMER ZURÜCK NACH OSNABRÜCK

ch habe noch Erinnerungen an den Klingensberg, da habe ich das

Fahrradfahren gelernt. Wir hatten da einen Spielplatz, hinter der

Kindertagesstätte beim ,Bermudadreieck’, also dem Kneipenviertel,

mit einem runden Sandkasten. Da sind wir immer drum herum

gefahren. Den Sandkasten gibt es, glaube ich, immer noch.“

Boris Pistorius wird am 14. März 1960 in Osnabrück geboren. Der Vater

ist bei den Stadtwerken, die Mutter ist Hausfrau. Boris ist ein Sandwichkind,

hat jeweils einen älteren und einen jüngeren Bruder. 1966

zieht die Familie aus der Innenstadt in den Schinkel. Boris spielt mit

seinen Freunden Fußball, Verstecken, Räuber und Gendarm. Es ist

eine unbeschwerte Kindheit. „Wir haben uns auch mal die Knie aufgeschlagen

und Kirschen mit Kernen gegessen und waren – wann

immer es ging – draußen. Im Winter bis die Laternen angingen.“

Unter den Spielkameraden waren auch Kinder aus den ersten Gastarbeiterfamilien

aus Italien, Spanien und Portugal.

Er und seine Brüder spielten Fußball im örtlichen Schinkel 04, dem

großen Verein im Schinkel, den es heute nicht mehr gibt. Ihr Vater

hatte die Fußballjugendabteilung aufgebaut. Die Schulzeit schmeckt

BORIS PISTORIUS

geboren am 14. März 1960 in Osnabrück

SPD-Politiker; ehem. Oberbürgermeister

von Osnabrück (2006–2013);

seit 2013 niedersächsischer Minister für

Inneres und Sport

Boris Pistorius nicht wirklich.

Er gehört der Generation an,

die Kurzschuljahre absolvieren

muss, weil der Termin der Einschulung

von Ostern auf den

Sommer wechselt. Das bereitet

ihm am Gymnasium in der ersten Zeit Probleme. Die Naturwissenschaften

sind nicht seine Lieblingsfächer. In Mathematik reicht es im

Abitur nur zu einer Vier. Sprachen und Geschichte faszinieren ihn

mehr. Hier liegen seine Stärken. Seit 1972 gehört seine Mutter als eine

von wenigen Frauen dem Osnabrücker Stadtrat an und wird kurz

nach dem Abitur von Boris am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium 1978

Abgeordnete im niedersächsischen Landtag.

„Mein Abi habe ich mit den Fremdsprachen Englisch und Russisch

gemacht. Archäologe wollte ich werden. Aber als mir klar wurde, dass

dafür naturwissenschaftliche Begabung nötig ist, hatte sich das

erledigt. Ich habe mich dann umorientiert und erst einmal eine Lehre

als Groß- und Außenhandelskaufmann gemacht.“

Nach der Ausbildung wird er zum Grundwehrdienst eingezogen, soll

Fahrer für den Flugabwehrpanzer „Gepard“ werden. Sein Standort ist

die Steubenkaserne in Achim bei Bremen. Der Kommandeur entdeckt

in der Personalakte, dass Boris Pistorius einer der wenigen Rekruten

des Quartals mit Abitur ist. Außerdem stammt der Offizier aus

der DDR und spricht Russisch. Boris Pistorius wird nicht mehr in den

Panzer gesetzt, sondern als Kommandeursfahrer verpflichtet. Es ist

eine angenehme Verwendung, auch wenn er oft nachts raus muss,

um den Kommandeur zu chauffieren.

„Nach dem Wehrdienst wollte ich Diplomat werden. Vor allem Bewerber

mit Volkswirtschaft oder Jura hatten gute Aussichten. Also habe

ich in Osnabrück und Münster Jura studiert. Russisch und Englisch

24


Boris Pistorius

waren zwar sehr willkommen im Auswärtigen Dienst, Französisch war

aber trotzdem obligatorisch. Also habe ich das Jurastudium unter -

brochen und ein halbes Jahr in der Osnabrücker Partnerstadt Angers

verbracht, um dort Französisch zu studieren.“

Zurück in Deutschland setzt er das Jurastudium mit den

Schwerpunkten Öffentliches Recht, Europarecht, Staats- und

Verfassungsrecht fort. Als er von einem Diplomaten erfährt,

dass er mit seinen Russischkenntnissen prädestiniert für

den Ostblock wäre, ändert er seine Pläne: „Es wurde mir klar,

dass ich durch meine Russischkenntnisse vermutlich in den

ersten 10 bis 20 Jahren hinter dem ,Eisernen Vorhang’ sta -

tioniert worden wäre. Das hatte wenig Charme. Ich wollte

schließlich eine Familie gründen.“

1987 besteht er das erste juristische Staatsexamen in Hamm

(Westf). Nach dem Referendariat am Oberlandesgericht in

Oldenburg legt er auch das Zweite Staatsexamen ab, schließt

sich in Osnabrück einer Rechtsanwaltskanzlei an und sammelt

erste Erfahrungen. Nach einem halben Jahr entscheidet er sich,

in den Landesdienst zu wechseln. 1991 wird Boris Pistorius

vom niedersächsischen Innenminister Gerhard Glogowski

nach Hannover geholt und dessen persönlicher Referent. Er

bleibt bis 1996, zuletzt in Funktion des stellvertretenden Leiters

des Ministerbüros. „Ich hatte die ganze Zeit weiter in

Osnabrück gewohnt, bin jeden Tag gependelt und habe die

Stadt Hannover deshalb damals nie richtig kennengelernt. Ich hatte

damals schon Familie und lebte mit meiner Frau und meinen beiden

Töchtern in Osnabrück-Schinkel.“

1996 geht er ganz zurück nach Osnabrück und wird Dezernatsleiter

bei der Bezirksregierung Weser-Ems. Seit dieser Zeit gehört er auch

26


Immer zurück nach Osnabrück

dem Rat der Stadt Osnabrück an, wird stellvertretender SPD-Frak -

tionsvorsitzender und ist bis 2002 ehrenamtlicher Zweiter Bürgermeister

der Friedensstadt. Dann kommt sein großer Tag. Am

24. September 2006 wird er nach der Stichwahl mit 55 Prozent der

Stimmen zum Oberbürgermeister von Osnabrück gewählt und löst

Hans-Jürgen Fip ab. „Das war ein großer und schöner Einschnitt.

Ich hatte die Kandidatur natürlich gemeinsam mit meiner Frau

entschieden. Es war ein Traumjob: Kontakt mit vielen Menschen,

„Es ist einfach etwas Besonderes und Schönes,

Oberbürgermeister seiner Heimatstadt zu sein.“

Entscheidungen, die man im Stadtbild wiedersieht, direkte Kommunikation.

Ich war oft zu Fuß in der Stadt unterwegs, habe Menschen

getroffen. Ich habe diese vielen Begegnungen sehr gemocht. Es ist

einfach etwas Besonderes und Schönes, Oberbürgermeister seiner

Heimatstadt zu sein.“

Als Höhepunkte seiner Amtszeit empfindet er unter anderen die

Verleihung des Erich-Maria-Remarque-Preises an den schwedischen

Schriftsteller Henning Mankell mit Bundespräsident Horst Köhler als

Laudator. Auch der Besuch von Toni Blair und dessen Frau Cheri, die

ihn umarmt, als ob sie sich bereits dreißig Jahre kennen würden, ist in

Erinnerung geblieben. Ebenso eindrucksvoll war der Abschied der

Britischen Garnison im strömenden Regen. „Auch meine Ein bür ge -

rungskampagne war mir extrem wichtig und dass ich die Dokumente

im Friedenssaal persönlich überreicht habe.“

Nach der Landtagswahl in Niedersachsen 2013 wird Boris Pistorius

am 19. Februar 2013 in der konstituierenden Sitzung des Landtages

zum Minister für Inneres und Sport vereidigt. „Das Amt des Innen -

ministers ist eine ganz andere Tätigkeit, das Arbeitsfeld ist ein völlig

anderes. Die öffentliche Aufmerksamkeit ist deutlich größer und geht

seit einigen Jahren über Niedersachsen hinaus. Das Reizvolle an

dieser Aufgabe ist, dass man als Minister andere Spielräume hat, einer

starken parlamentarischen Kontrolle unterliegt und andere Gestaltungsmöglichkeiten

zur Verfügung stehen. Das Ministerium hat mir

aber sofort gelegen, vor allem, weil ich die Arbeit aus der Zeit mit

Innenminister Glogowski ja gut kannte.“

Trotz seines Ministeramtes bleibt der Lebensmittelpunkt seine

Heimatstadt Osnabrück. Mitten in der sogenannten Flüchtlingskrise,

in der sich Pistorius stark engagiert und sehr eingespannt ist, stirbt

seine Frau Sabine im August 2015 an Krebs, seine Mutter nur eine

Woche später. „Ich weiß bis heute nicht, wie ich diese harte Zeit überstanden

habe, es hat mich schwer mitgenommen, aber irgendwie

habe ich es – vor allem auch dank meiner erwachsenen Töchter –

geschafft.“

Im Oktober 2016 wird bekannt, dass Boris Pistorius mit Doris

Schröder-Köpf liiert ist. Mittlerweile hat er, auch durch diese Ver -

bindung, Hannover etwas besser kennengelernt.

„Sport treibe ich seit meinem vierten Lebensjahr. Fußball spiele ich

heute nicht mehr, bin aber immer noch begeistert und sehe mir auch

ab und zu Spiele von Hannover 96 an, wobei das derzeit nicht allzu

viel Spaß macht. Am liebsten sitze ich alle zwei Wochen auf meinem

Platz an der ,Bremer Brücke’ und fiebere mit ,meinem’ VfL Osnabrück.

Er wohnt weiterhin in Osnabrück, spaziert immer noch gern durch

die Stadt, spielt mit Freunden Doppelkopf oder genießt es, einfach

mal entspannt und unbeobachtet in einem Café zu sitzen. Zum Glück

gibt es für Boris Pistorius sein Osnabrück. |

LA

27


MAN LEBT IMMER VON INNEN

NACH AUßEN

ein Vater war Chirurg. An der Universität in Münster hat er meine

Mutter kennengelernt, die dort als Krankengymnastin arbeitete.

Nach seiner Facharztausbildung wurde er Oberarzt in Bochum.

Die Familie ist damals nach Polsum bei Gelsenkirchen gezogen,

wo ich eingeschult wurde. Ich erinnere mich noch daran, wie

meine Mutter, als sie das Fenster öffnete, von den Nachbarn gewarnt

worden war, sich mit ihrer weißen Bluse nicht aus dem Fenster zu

lehnen, da alle Fensterbänke voller Kohlenstaub waren.“

Carl-Ludwig Thiele wird am 9. August 1953 in Münster geboren. Er

zieht mit Vater und Mutter 1960 in das Waldkrankenhaus nach Bad

Rothenfelde-Strang, wo der Vater Chefarzt wird. Das Waldkrankenhaus

besteht noch aus einstöckigen Gebäuden, Holzbaracken, die

mit Teerpappe gedeckt sind. „Die Freunde meiner Eltern waren bei

Besuchen überrascht, dass wir in einer solchen Baracke wohnten.

Aber es war gemütlich eingerichtet und wir haben uns wohlgefühlt.

Damals habe ich gelernt, dass man immer von innen nach außen lebt

CARL-LUDWIG THIELE

geboren am 9. August 1953 in Münster

verheiratet, fünf Kinder, zwei Enkelkinder

Jurist und ehemaliger Politiker

Mitglied des Vorstands der Deutschen

Bundesbank (2010–2018)

und nicht umgekehrt.“

1966 zieht die Familie, dazu

gehören auch eine ältere

Schwester und ein jüngerer

Bruder, nach Osnabrück um.

Dort erlebt er seine prägenden

Jahre, seitdem fühlt er sich als Osnabrücker. „Ich habe sehr viel Sport

betrieben. Am Nachmittag Tennis beim OTHC und abends Basketball

beim OSC Osnabrück. Osnabrück war zu der Zeit eine Basketball-

Hochburg. Mit unserer Juniorenmannschaft vom OSC sind wir mehrfacher

Niedersachsenmeister geworden und mit dem Gymnasium

Carolinum Dritter bei den Deutschen Schulmeisterschaften.“ Die

Schule fällt ihm nicht sonderlich schwer. Seine Lieblingsfächer sind

Erdkunde, Mathematik und Deutsch.

Nach dem Abitur 1972 absolviert er seinen Wehrdienst und beginnt

anschließend mit dem Jurastudium an der Universität Erlangen/

Nürnberg. Nach vier Semestern geht er nach Münster und legt sein

Erstes Staatsexamen am Oberlandesgericht Hamm ab, das Zweite

Staatsexamen im niedersächsischen Justizministerium in Hannover.

Während seiner Referendarzeit renoviert er mit einem Freund die vom

Verfall bedrohte Wassermühle Knollmeyer im Nettetal, die zu den

ältesten Wassermühlen im Landkreis Osnabrück gehört und erstmals

1253 urkundlich erwähnt wurde.

1980 hat er die Gelegenheit, im Rahmen seiner Referendarausbildung

drei Monate für die Deutsche Auslandshandelskammer nach Johannisburg

in Südafrika zu gehen: „Ein faszinierendes Land. Wir waren

drei Referendare, haben uns in dieser Zeit ein altes Auto gekauft und

sind 20 000 Kilometer gereist. Wir sind auch mit einer Cessna in die

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Carl-Ludwig Thiele

Okavango-Sümpfe geflogen und haben dort eine unglaublich beeindruckende

Tier- und Pflanzenwelt erlebt.“

Nach seinem Zweiten Staatsexamen soll er als stellvertretender

Geschäftsführer der deutsch-iranischen Handelskammer nach

Teheran gehen. Es ist die Zeit von Ayatollah Khomeini. „Der

Geschäftsführer hat mich gefragt, ob ich Schach spielen

könne, denn das Leben nach Feierabend dort sei ganz anders,

sehr beschränkt im Vergleich zu westlichen Ländern.“ Carl-

Ludwig Thiele entscheidet sich gegen Teheran und wird

Rechtsanwalt in Osnabrück. Im Dezember 1987 heiratet er

seine Frau Petra, die ebenso wie seine Mutter Kranken -

gymnastin ist.

Seit 1979 ist er politisch aktiv. Wegen der Ostpolitik der FDP als

Entspannungspolitik – getragen von Genscher, Scheel und

Mischnick – tritt er in die FDP ein. Er ist Mitgründer der Jungen

Liberalen, die sich in dieser Zeit als zweite Jugendorganisation

neben den Jungen Demokraten etablieren und sie später

ersetzen. Auf sein Betreiben werden die „Julis“ von der FDP

Niedersachsen als erster Landesverband bundesweit als

Jugendorganisation der FDP anerkannt.

„1983 habe ich dann erstmals für den Bundestag kandidiert.

Die Auftaktveranstaltung fand in der Stadthalle Osnabrück

statt. Ehrengast und Hauptredner war Bundesaußenminister

Hans-Dietrich Genscher. Meine erste größere öffentliche Rede

habe ich mit großem Lampenfieber vor 1600 Besuchern gehalten.

1990 bin ich in den ersten gesamtdeutschen Bundestag gewählt

worden, der vom damaligen Alterspräsidenten Willy Brandt eröffnet

wurde. Während des Wahlganges zur Bundestagspräsidentin

Rita Süssmuth bin ich zu ihm gegangen und habe mich für seine

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Man lebt immer von innen nach außen

politische Arbeit und vor allem für seine auf Entspannung gerichtete

Ostpolitik bedankt.“

Als junger Abgeordneter wird er gleich in den Haushaltsausschuss

des Bundestages berufen, in dem er unter anderem für den Verteidigungsetat

zuständig ist – eine direkt nach der deutschen Einheit

hochpolitische Angelegenheit. „Ich durfte in einer russischen MIG 29

an der polnischen Grenze als erster Bundestagsabgeordneter

mitfliegen. Es war ein ungeheures Erlebnis, mit einer Geschwindigkeit

von 900 km/h neben einer zweiten MIG 29, die fünf Meter neben uns

flog, über den Braunkohletagebau der ehemaligen DDR an der polnischen

Grenze zu fliegen.“

„Damals wurde in der Politik noch gestritten,

heftig debattiert und das Steuerrecht teilweise

grundlegend geändert mit Milliardenentlastungen

für die Bürger.“

In dieser Zeit ist er bereits dreifacher Vater, die Kinder sind jung und

es ist, wie er sagt, ein Ritt auf der Rasierklinge, das Familienleben und

die politische Karriere unter einen Hut zu bringen. Sein besonderer

Dank gilt seiner Frau, die zu großen Teilen die Kinder allein erzieht und

den Haushalt managt. Zur Jahrtausendwende bekommt die Familie

noch zweimal Nachwuchs.

Von 1994 bis 1998 ist er Vorsitzender des Finanzausschusses des

Bundestages. „Damals wurde in der Politik noch gestritten, heftig

debattiert und das Steuerrecht teilweise grundlegend geändert mit

Milliardenentlastungen für die Bürger. Das Existenzminimum für alle

Bürger wurde deutlich erhöht und viele Geringverdiener wurden deutlich

entlastet. Etwa zwei Millionen Bürger mit niedrigem Einkommen

brauchten keine Steuern mehr zu zahlen.“

Besonders freut er sich darüber, dass nach seinem Modell das

Kindergeld und der Kinderfreibetrag bundesweit neu geordnet werden.

„Bis dahin waren viele Erwerbstätige mit niedrigem Einkommen

und steigender Kinderzahl finanziell bessergestellt, wenn sie gar nicht

erst arbeiten gingen – eine grobe Verletzung des Lohnabstands -

gebots. Mein Vorschlag bestand darin, das Kindergeld mit dem

steuerrechtlichen Kinderfreibetrag zusammenzuführen und als

negative Einkommensteuer zu regeln. Dadurch konnte das Kindergeld

von damals 70 DM auf 200 DM erhöht werden. Dieses System gilt

heute immer noch, wobei das Kindergeld mittlerweile auf 204 Euro

gestiegen ist.“

Im Jahr 2010 wird er in den Vorstand der Bundesbank berufen und

scheidet nach 20 Jahren Abgeordnetentätigkeit aus dem Bundestag

aus. „Als Vorstand der Deutschen Bundesbank habe ich unter

anderem dafür gesorgt, dass mehr als 50 Prozent des Deutschen

Goldes – mehr als 1700 Tonnen – in Deutschland gelagert sind.“

2018 wird Carl-Ludwig Thiele durch Bundesfinanzminister Olaf

Scholz und Bundesbankpräsident Jens Weidmann aus dem Vorstand

ver abschiedet.

„Ich befinde mich jetzt in der Resozialisierungsphase in meiner

Familie. Inzwischen bin ich glücklicher und stolzer Großvater zweier

Enkel. Neben meiner beruflichen Tätigkeit als beratender

Rechts anwalt engagiere ich mich ehrenamtlich im Förderverein

des Deutschen Historischen Museums, in der Berliner Numis -

matischen Gesellschaft und als Schirmherr der Patsy & Michael

Hull Foundation.“ |

LA

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„ICH NEHME MICH

MITTLERWEILE ZURÜCK“

ch bin katholisch, jedoch ökumenisch aufgewachsen. Das liegt

sicher daran, dass mein Vater evangelisch, meine Mutter katholisch

getauft waren. Auch meine Heimatstadt Osnabrück hat dazu beigetragen,

denn hier wird das Miteinander, die Ökumene, gelebt.“

Als Christian Wulff in der Geburtsklinik an der Schlagvorder Straße

in der Nähe des Hauptbahnhofs geboren wird, deutet nichts auf seine

politische Karriere hin. Wenn auch genau an diesem Tag, dem 19. Juni

1959, der erste Bundespräsident Theodor Heuss feierlich die Schlüssel

für das Schloss Bellevue in Berlin überreicht bekam.

Er wächst am Saarplatz, unterhalb des Westerbergs mit seiner

Schwester und seiner Mutter auf, besucht den St. Elisabeth Kindergarten,

später die Elisabethschule. Am Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium,

wo sich früh sein Blick für die politische Agenda in Deutschland

schärft, ist er ein Schüler wie jeder andere – mit Stärken und auch

Schwächen. Vor allem die Fächer Geschichte, Erdkunde, Religion,

Deutsch und Gemeinschaftskunde tragen dazu bei, dass er sich mit

den politischen Belangen der Republik beschäftigt.

CHRISTIAN WULFF

geboren am 19. Juni 1959 in Osnabrück

Bundespräsident der Bundesrepublik

Deutschland (2010–2012); zuvor Ministerpräsident

des Landes Nieder sachsen

(2003–2010)

„Mein

sozialdemokratischer

Vater hat mir früh eingeschärft,

dass es wichtig sei, sich eine

Meinung zu bilden. Eine Posi -

tionierung, die dafür Sorge

trage, dass zum Beispiel rechtsextreme

Parteien, wie damals die NPD, keine Chance bekommen, in

die Parlamente einzuziehen. Ich solle mich engagieren. Das hat mir

unter anderem auch den Antrieb gegeben, mich schon früh für

unsere Demokratie zu interessieren, mich zu informieren und mich

für sie einzusetzen.“

Seine politische Heimat findet er in der CDU. 1975 tritt er den Christdemokraten

in Osnabrück bei und ist in den Jahren 1976 bis 1980

niedersächsischer Landesvorsitzender und für zwei Jahre Bundesvorsitzender

der Schüler-Union. „Ich wollte immer, dass sich Deutschland

demokratisch weiterentwickelt. Mein Ansatz war es, die Gesellschaft

reformerisch weiterzubringen, nicht revolutionär zu verändern. Ich

hatte in der Schule durchaus politisch ambitionierte Lehrer, darunter

eindrucksvolle Sozialdemokraten. Wir waren also, auch durch meine

Arbeit in der Schüler-Union, immer in einem Diskussionsprozess.“

In dieser Zeit erkrankt seine Mutter an Multipler Sklerose. Für Christian

Wulff eine Dreifachbelastung: Schule, politische Arbeit, die Pflege der

Mutter. Das diszipliniert ihn. Er lernt, sich auf die für ihn wichtigen

Dinge im Leben zu konzentrieren. Die Krankheit seiner Mutter ist auch

der Grund, warum er nach dem Abitur sein Studium der Rechts -

wissenschaften mit wirtschaftswissenschaftlichem Schwerpunkt in

Osnabrück aufnimmt und in der Stadt bleibt. Bis 1994 arbeitet er in

einer Anwaltssozietät, der er bis 2011 angehört, und wechselt dann als

Osnabrücker Abgeordneter in den Niedersächsischen Landtag nach

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Christian Wulff

Hannover. Er wird Landesvorsitzender der CDU und Oppositions -

führer. „Jeder Politiker braucht Förderer und Wegbegleiter. Ich hatte

diese Rückendeckung aus Osnabrück und dem Emsland, von Walter

und Werner Remmers, Josef Stock, Fritz Brickwedde, Hans-Gert

Pöttering und Reinhard von Schorlemer. Das war besonders in

der Zeit wichtig, als ich zweimal hintereinander als Spitzenkandidat

der CDU für das Amt des Ministerpräsidenten gegen

Gerhard Schröder gescheitert war.“

Seine politischen Gegner in Hannover sind Schwergewichte,

die auch heute noch eine Bedeutung in der Bundespolitik

haben: Neben Gerhard Schröder sind das Sigmar Gabriel, Frank

Walter Steinmeier, Stephan Weil und Jürgen Trittin. Im dritten

Anlauf klappt es dann. 2003 wird er Ministerpräsident des

Landes Niedersachsen und bleibt es nach erfolgter Wiederwahl

im Frühjahr 2008 bis 2010, immer als direkt gewählter

Abgeordneter der Stadt Osnabrück. „Ich bin noch ein drittes

Mal als Ministerpräsident angetreten, weil ich in meinem

Heimatwahlkreis in Osnabrück eine wachsende Zustimmung

von allen Seiten bekommen hatte. Auch der Generationswechsel

spielte dabei sicher eine Rolle. Man wollte in Niedersachsen

einen jungen Spitzenkandidaten, der neue Impulse

setzt, aber auch mehrere Anläufe unternehmen konnte.“

Die Arbeit lastet Christian Wulff voll aus. Eine 90-Stunden-

Woche über viele Jahre lässt nur wenig Raum für Privates und

die Familie. Osnabrück ist in dieser Zeit ein Rückzugsort. „In dieser

Stadt wird ein gepflegtes Miteinander gelebt. Man kennt sich, weiß

voneinander. Es herrscht eine Kultur, die einer Friedensstadt würdig

ist. Oberbürgermeistern und Oberbürgermeisterinnen wie Carl Möller,

Ursula Flick und Hans-Jürgen Fip ist es zu verdanken, dass sich die

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„Ich nehme mich mittlerweile zurück“

Stadt in dieser Weise etabliert hat: mit vielen Städtepartnerschaften,

einem eindrucksvollen Felix-Nussbaum-Museum, mit lebendigem

Austausch zwischen den Religionen. Ich war früh Mitglied im soziokulturellen

Zentrum Lagerhalle, im Beirat der VHS, habe mich für die

Stadtbibliothek und das Stadttheater genauso eingesetzt wie für den

Erhalt der Arbeitsplätze beim Automobilbauer Karmann. Ich führe

heute noch begeistert ausländische Besucher durch die Stadt, zum

alten Stadtmodell im Rathaus, zum Dom und zur Marienkirche, zum

„In Osnabrück gibt es weniger Fremdenhass und

Rassismus als anderswo. Darauf kann die Stadtbevölkerung

sehr stolz sein!“

Ruwe-Brunnen, weise dort auf das friedliche Zusammenleben

zwischen Christen, Muslimen und Juden heute hin. In Osnabrück gibt

es weniger Fremdenhass und Rassismus als anderswo. Darauf kann

die Stadtbevölkerung sehr stolz sein!“

Als Horst Köhler Ende Mai 2010 überraschend vom Amt des Bundespräsidenten

zurücktritt, wird ein neues Kapitel im Leben von Christian

Wulff aufgeschlagen. Er setzt sich am 30. Juni 2010 im dritten Wahlgang

mit absoluter Mehrheit gegen Joachim Gauck durch und wird

zum 10. Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland

gewählt. Er ist damit der jüngste Bundespräsident, symbolisiert nach

Ansicht von Beobachtern zusammen mit seiner zweiten Frau Bettina

ein junges und modernes Deutschland. In seiner Amtszeit setzt er

sich für ein friedliches Miteinander aller in Deutschland lebenden

Menschen ein. Am 17. Februar 2012 tritt Christian Wulff von seinem

Amt als Bundespräsident zurück, ein Antrag auf Aufhebung seiner

Immunität war gestellt. Er musste sich in Hannover wegen des Vorwurfs

der Vorteilsannahme im Amt verantworten, wird aber 2014 von

allen Vorwürfen freigesprochen. Eine schwere Zeit für ihn.

Die Auseinandersetzung mit den Anschuldigungen, die permanente

Berichterstattung in den Medien zehren an ihm. In einem seiner

Bücher, „Ganz oben – Ganz unten“, setzt er sich mit dieser Phase

seines Lebens auseinander, erklärt seine Sicht, nüchtern, wie er sagt,

und ohne Emotionen. „Es ist ein Ringen mit Verletzungen, Ver -

leumdungen, falschen Beschuldigungen und der permanenten

Beobachtung meiner Person und meiner Familie. Eine Konsequenz

daraus ist, dass ich mich mittlerweile sehr zurücknehme, mich nicht

äußere zu Privatem und Persönlichem. Ich musste erleben, dass

Offenheit und Nähe zu Menschen ganz schnell ins Gegenteil

umschlägt. Es ist dann nichts mehr kontrollierbar.“

Christian Wulff lebt mit seinen Kindern in Burgwedel. Heute genießt

er es, sich die Zeit einteilen zu können, nicht mehr von Termin zu

Termin zu hetzen, sich aber weiter aktiv für Menschen und Institu -

tionen einsetzen zu können, die ihm am Herzen liegen. Er empfindet

eine große Dankbarkeit, so arbeiten und leben zu können. Er setzt

sich sehr dafür ein, dass die Deutschen die liberale Demokratie

verteidigen und sich gegen Rechtsextremismus und Populismus in

jeder Form wehren – gerade in einer Zeit, in der der NSU oder der

Anschlag von Halle auf grausame Weise zeigen, dass vieles, was wir

für selbstverständlich gehalten haben, es eben nicht mehr ist.

„Der Verfolgungsdruck muss erhöht werden, egal ob im Netz, auf der

Straße oder bei der Beobachtung von Gefährdern. Wir müssen Zivilcourage

zeigen und uns klar gegen Extremismus positionieren – auch

und gerade dann, wenn andere wegschauen! Ansonsten werden wir

unser Deutschland schon bald nicht mehr wiedererkennen.“ | LA

35


DIE ENTSCHLOSSENEN

UMDENKER

ie führen gemeinsam die Stadtwerke Osnabrück AG (SWO):

Vorstandsvorsitzender Christoph Hüls (l.) und Mobilitätsvorstand

Dr. Stephan Rolfes. Beide sind sich einig: eine äußerst

spannende Aufgabe in Zeiten, in denen die Rahmenbedingungen

in den Bereichen Energie und Mobilität stark wandeln.

Als hundertprozentige Tochter der Stadt Osnabrück prägt die SWO

mit ihren Dienstleistungen und Produkten zahlreiche Bereiche des

täglichen Lebens in und um Osnabrück. Etwa 1300 Mitarbeiter in der

Stadtwerke-Gruppe sind verantwortlich für die Netzinfrastruktur

(Strom, Straßenbeleuchtung, Telekommunikation, Gas, Wasser,

Abwasser) in der Stadt Osnabrück, den öffentlichen Personen -

nahverkehr, den Osnabrücker Hafen, die drei Bäder (Nettebad,

Moskaubad, Schinkelbad) sowie als neues Geschäftsfeld die Gebietsentwicklung

und den Immobilienbau. Hüls: „Unser Ziel ist es, Tag für

Tag an der Lebensqualität in der Stadt und der Region zu arbeiten.

CHRISTOPH HÜLS

Vorstandsvorsitzender der

Stadtwerke Osnabrück AG

DR. STEPHAN ROLFES

Vorstand Mobilität der

Stadtwerke Osnabrück AG

Wir wollen unser Portfolio stetig

ausbauen und an die Bedürfnisse

anpassen. Dabei setzen

wir auf nachhaltiges Handeln

zum Wohle der Umwelt, der

Kunden und der Region.“

Hüls ist von Hause aus Diplom-Ingenieur für Elektrotechnik, hat aber

in diesem Bereich nie gearbeitet. Nach dem Studium ging es für den

gebürtigen Ibbenbürener in die Unternehmensberatung und nach

Stationen bei den Stadtwerken Krefeld (2000–2008) und Detmold

(2008–2016) zu den Stadtwerken Osnabrück. „Ich bin nicht ziel -

gerichtet Energiewirtschaftler geworden – dieses spannende Thema

fasziniert mich aber umso mehr und bis heute. Wenn man einmal von

der Energiewirtschaft infiziert ist, dann lässt das einen nur ganz selten

wieder los.“

Die Themen der Daseinsvorsorge – Energie, Mobilität, Breitbandversorgung

und Wohnen – seien im Moment aktueller denn je. „Vor allem

das Umweltbewusstsein ist stark gestiegen. Es geht jetzt für uns

darum, nachhaltige Lösungen für die Zukunft zu entwickeln.“ Dabei

sei das kein „Strohfeuer oder Hype, sondern ein Trend, mit dem wir

umgehen müssen.“ Der 54-Jährige, der in seiner Freizeit seit über

45 Jahren in Ensembles und Orchestern Waldhorn spielt, ist überzeugt,

dass es sich lohnt dafür zu kämpfen, „Energie wieder selbstbestimmt

und bedenkenlos nutzen zu dürfen“. Es sei notwendig,

konsequent umzudenken. Das sei eine zentrale Aufgabe bis zur Mitte

dieses Jahrtausends. „Wir sind jetzt dabei, Energie als bewusstes

Element wahrzunehmen und einzupreisen. Wenn wir in der Lage sind,

36


Christoph Hüls und Dr. Stephan Rolfes

das gesamte System auf regenerative Energien in der Erzeugung und

Verwendung ohne Umweltbelastungen umzustellen, dann haben wir

auch kein Problem mehr mit der Nutzung.“

Der bewusste Umgang mit Energie sei für ihn immer eine Kernaufgabe

gewesen. Die Zeiten, in denen die Stadtwerke „einfach

nur Energie irgendwo einkauften und diese dann weiterverkauften“,

seien vorbei. „Wir hatten dieses Geschäftsmodell fast

100 Jahre. Das wird so nicht mehr funktionieren. Wir kommen

in eine Zeit, in der jeder Konsument auch zum Erzeuger wird.

Als kommunales Unternehmen nah am Menschen sehen wir

unsere Aufgabe darin, dem Bürger die Schnittstellenaufgaben

abzunehmen, um die er sich nicht kümmern möchte. Das ist

eine ganz neue Rolle.“

Für den Familienvater ist die Aufgabe „das ideale Umfeld, denn

wir haben hier reizvolle Potenziale und gehen ungewöhnliche

Wege“. Natürlich müssten die SWO dabei auch wirtschaftlich

arbeiten, „aber wir haben den Vorteil, dass wir keine Erträge

eins zu eins abführen müssen und mit Gewinnen auch andere

und neue Aktivitäten unterstützen können“. Um sein zukunftsorientiertes

Denken zu unterstreichen, zitiert er Paulo Coelho:

„Der sicherste Platz für das Schiff ist der Hafen – aber dafür

werden Schiffe nicht gebaut.“, und er ergänzt: „Also muss man

sich immer wieder auf den Weg zu neuen Ufern machen.“

Seine Mitarbeiter führt Christoph Hüls mit klaren Vorgaben und

Zielen und einem hohen Anspruch. Manches Mal hätten es die

Mitarbeiter dann auch nicht so leicht mit ihm, „denn wenn ich von

einer Idee überzeugt bin, braucht es schon sehr gute Argumente,

mich umzustimmen“. Und was ärgert ihn? „Unreflektiertheit von

Menschen, die es besser wissen müssten.“ Ihn störe es, wenn etwas

38


Die entschlossenen Umdenker

aus Versehen richtig ist“. Das könne für ein Unternehmen sehr

gefährlich werden. „Fehler dürfen passieren, aber sie dürfen nicht das

Ergebnis von Gedankenlosigkeit sein.“

Auf dem Weg, die Stadtwerke in die nächsten Jahrzehnte zu führen,

ist Dr. Stephan Rolfes der engste Partner von Hüls. Der Jurist kommt

aus der Verwaltung („Mein Großvater und Vater waren Gemeindebzw.

Stadtdirektor, und das war dann auch mein Berufsziel.“) und

ist vor fast zwanzig Jahren in den SWO-Vorstand gewechselt. „Mich

hat es damals nach den Jahren in der Landesverwaltung und als

Dezernent in der Kreisverwaltung Osnabrück gereizt, unterneh -

merisch tätig zu werden. Mit Mobilität hatte ich als Geschäftsführer

der Verkehrsgesellschaft Osnabrück bereits zu tun und wusste, wie

spannend die Aufgabe wird“, erinnert sich der gebürtige Bersen -

„Die Mobilität wird in den nächsten 20 Jahren

elektrischer, digitaler und sozialer werden.

Und sie wird ganzheitlicher angeboten werden.“

brücker. Er freue sich jeden Tag, seinen Teil dazu beizutragen, „wie das

Miteinander von Menschen besser wird“. Dabei kenne er keine 40-

Stunden-Woche. „Mobilität hat etwas mit der Wahrnehmung der

Umwelt zu tun. Und wenn ich unterwegs bin, dann schalte ich im

Prinzip nie ab.“

Ähnlich wie sein Kollege Hüls, sieht Dr. Rolfes bei der Mobilitätsfrage

einen Zeitenwandel kommen. „Die Mobilität wird in den nächsten 20

Jahren elektrischer, digitaler und sozialer werden. Und sie wird ganzheitlicher

angeboten werden. Es wird die Zeit kommen, in der

öffentliche Mobilität nicht mehr subventioniert werden muss.“ Für den

Kreis Osnabrück hoffe er, dass es gelinge, „ein effektives Mobilitätsmanagement

vom Straßenbau bis hin zum ÖPNV aus einer Hand

hinzubekommen“.

Um dieses Ziel zu erreichen, werde er – wie in der Vergangenheit –

vor allem als Netzwerker unterwegs sein. „Ich mag den Kontakt und

Dialog mit Menschen“, sagt Dr. Rolfes, der seit vielen Jahren – nebenbei

als Hobby – an der Hochschule Osnabrück als Honorarprofessor

Staatsrecht lehrt. Er bevorzuge immer das direkte Wort, denn „ich

mag keine Menschen, die Schleifen drehen und so zu Zeitdieben

werden“. Wenn er sich etwas wünschen könne, dann „etwas mehr

Empathie zu haben und etwas früher zu merken, wenn ich die

Interessen Dritter nicht ausreichend wahrnehme“.

Seit drei Jahren führen Hüls und Dr. Rolfes die SWO. Und wie funktioniert

der Arbeitsalltag zwischen zwei „Alphatieren“? Dr. Rolfes sagt es

mit der Art Humor, den beide am Gegenüber sehr schätzen: „Wie in

jeder Partnerschaft muss man das Gemeinsame lernen. In der Handwerksordnung

ist eine Lehrzeit von drei Jahren festgelegt, die man

bei guter Führung auf zwei Jahre verkürzen kann. Das ist uns

gelungen.“ Er schätze an seinem Kollegen besonders die Fähigkeit,

Zusammenhänge schnell zu erkennen und Ziele hartnäckig zu verfolgen.

Hüls freut sich über die Gelassenheit, die Dr. Rolfes ausstrahlt

„kombiniert mit der Überzeugung, die festgelegten Ziele zu erreichen“.

Beide sind sich einig, dass zwischen ihnen immer das richtige Maß

an Harmonie und Diskurs herrscht. „Wir haben mit einem konstruktiv-kritischen

Dialog eine respektvolle und hochproduktive Partnerschaft

aufgebaut“, so Hüls. Eine Partnerschaft, mit der das Duo mit

Entschlossenheit, neuen Ansätzen und – wenn gewünscht – auch

weiteren Aufgaben der Daseinsvorsorge noch viel für die Lebens -

qualität in der Region Osnabrück bewegen will. |

HH

39


EIN LEBEN FÜR MUSIK

UND PARTY

ir haben die Diskothek in Deutschland, die seit Längstem

unter dem gleichen Management läuft. Das liegt sicher auch

daran, das ich immer sehr gute Leute hatte, die mit mir

zusammen den Club geführt haben.“

Conny Overbeck ist Kult in Osnabrück. Der Hyde Park hat eine

bewegte Geschichte und zählt zu Recht zu den Veranstaltungsorten

der Stadt, der schon sehr viel gesehen hat. Dabei war eine solche Entwicklung

überhaupt nicht abzusehen.

Conny Overbeck wird am 5. Dezember 1952 in Osnabrück geboren.

Ihr Vater ist Postamtmann, ihre Mutter Hausfrau. Sie hat noch eine

Schwester, die neun Jahre älter ist. „Meine Schwester und ich waren

sehr weit auseinander. Ich kann mich daran erinnern, dass sie immer

auf mich aufpassen musste, was für sie sicherlich manchmal ein

wenig nervig war. Sie musste mir zum Beispiel beibringen, wie man

richtig die Straßenseite wechselt. Und auch sonst war ich so etwas

CONNY OVERBECK

geboren am 5. Dezember 1952

in Osnabrück

Seit 1976 Inhaberin, Erfinderin und

Fürsorgerin des legendären Hyde Parks –

Diskothek und Live-Club

wie das fünfte Rad am Wagen.

Heute verstehen wir uns richtig

gut.“

Conny Overbeck wächst in der

Innenstadt, am Bürgerpark, auf.

An die Grundschule, die evan -

gelische Bekenntnisschule, hat sie gute Erinnerungen. Sie hat einen

netten Lehrer, kommt in allen Fächern mit und erlebt diese Zeit als

sorgenfrei. „Ich weiß noch, dass wir viel auf dem Schulhof herumgerannt

sind. In der großen Pause gab es immer eine Flasche Kakao am

Milchpavillon. Das war damals richtig umweltfreundlich, die Flaschen

mussten wir ja zurückgeben. Da wurde noch nichts einfach so weggeworfen.“

Auch die Freizeit verbringt Conny draußen. Der Bürgerpark ist ganz in

der Nähe. „Verstecken“ oder „Räuber und Gendarm“ sind die damals

üblichen Spiele. Auf den Straßen ist noch nicht so viel los und deshalb

spielen die Kinder Schlagball, ohne vor dem Verkehr Angst haben zu

müssen. Im Winter laufen sie Schlittschuh und holen sich dabei auch

schon mal nasse Füße.

Als am Schölerberg neue Wohnungen von der Post für die Beamten

gebaut werden, zieht Conny mit ihrer Familie um. In der neuen Schule

kommt sie schnell klar. Sie ist eine der Klassenbesten, Mathe und

Geschichte sind die Fächer, für die sie sich am meisten begeistert.

Nach dem Schulabschluss geht es für zwei Jahre an die Handelsschule

mit dem Schwerpunkt Wirtschaft. Danach absolviert sie die

Fachoberschule. „Im ersten Jahr mussten wir, glaube ich, nur vier Tage

praktisch arbeiten. Ich habe in dieser Zeit bei der Sparkasse gelernt.

40


Conny Overbeck

Im zweiten Jahr war nur Schule. Mein Vater hatte eine Schwester in

Wuppertal. Die haben wir regelmäßig besucht und ich war auch in

den Ferien oft da. Deshalb bin ich zum Studium der Betriebswirtschaft

nach Wuppertal gezogen. Da wohnte ich mit drei anderen Mädchen

in einer Kellerwohnung, die dem Bruder von Johannes Rau,

dem ehemaligen Bundespräsidenten, gehörte.“

Es ist eine Zeit, in der sie viel rumkommt. Neben dem Studium

genießt sie die Clubszene und wechselt nach etwas mehr als

einem Jahr nach Osnabrück. Dort wird der Studiengang

mittlerweile ebenfalls angeboten.

„Damals gab es da nur Jungs, ungefähr 1500 Studenten und

drei oder vier Frauen. Die Dozententoiletten mussten deshalb

zu Damentoiletten umgebaut werden. Ich war in der ASTA, der

Studentenvertretung, und habe mich vielfältig engagiert. Wir

haben natürlich auch Partys organisiert. Später habe ich ein

Angebot bekommen, neben dem Studium in Rüschendorf bei

Damme zu arbeiten. Dort gab es, wie früher häufig, eine

Kneipe mit Saal und Lebensmittelhandlung, die Tanzschwoofs

organisierten. Dahin fuhren die jungen Leute aus der Umgebung

und haben gefeiert.“

Es sind lange Wochenenden. Conny Overbeck serviert, kellnert

in der Sektbar und arbeitet das Wochenende durch. Damit

verdient sie sich den Lebensunterhalt für ihr Studium. Dann

hört sie, dass ein Pächter des Schweizerhauses in Osnabrück

Personal sucht. Nachdem der nicht weitermachen will, bekommt

Conny das Angebot, den Laden zu übernehmen. Das ist 1976 und sie

gerade mal 24 Jahre alt. Sie wagt den Schritt.

„Wir haben mit dem Team im Garten gesessen und rumgesponnen,

wie man den Laden nennen könnte. Dabei ist uns dann der Name

42


Ein Leben für Musik und Party

,Hyde Park’ eingefallen. Das war quasi die Geburtsstunde eines neuen

Szeneclubs in Osnabrück, der zum Glück auch schnell angenommen

wurde.“ Von da an ist nichts mehr mit „Teestunde und Bierchen

trinken“, wie es vorher war. Für das erste Konzert kommt die unga -

rische Rockgruppe Omega nach Osnabrück. Der Hyde Park spricht

sich rum. „Wir hatten von Anfang an einen tollen Zulauf. Die Leute

kamen nicht nur aus der Stadt oder der Umgebung. Aus dem Südkreis,

Nordrhein-Westfalen und auch aus dem Norden und Westen

fuhren Hunderte nach Osnabrück, um zu feiern. Wir hatten ja meistens

freien Eintritt. Die Leute haben sich dann zu viert oder fünft in

ein Auto gesetzt und sind einfach gekommen.“

„Die Leute kamen nicht nur aus der Stadt oder

der Umgebung. Aus dem Südkreis, Nordrhein-

Westfalen und auch aus dem Norden und Westen

fuhren Hunderte nach Osnabrück, um zu feiern.“

Was für Conny Overbeck gut ist, finden die Anwohner lästig. Es regt

sich Widerstand gegen den Hyde Park. Es kommen Rufe auf, die

Diskothek sei eine „Drogenhöhle“. Die Anwohner beschweren sich bei

der Stadt. Die will eine Schließung des Hyde Parks erwirken. Dagegen

wehrt sich Conny Overbeck. Es dauert einige Jahre, bis es zu einem

Vergleich kommt. Der Hyde Park an der Rheiner Landstraße wird

geschlossen und soll an anderer Stelle wieder eröffnet werden.

„Am 31. Juli 1983 sollten wir um Mitternacht dicht machen. Die Disco

war rappelvoll und wir hatten jede Menge zu tun. Wir haben gar nicht

mitbekommen, dass sich draußen die Stimmung aufgeheizt hatte.

Die Leute waren enttäuscht, dass es nicht weitergehen kann. Es ist

zu Krawallen mit der Polizei gekommen.“

Sogar die Tagesschau und die BILD-Zeitung berichten über die

Auseinandersetzungen. Conny Overbeck findet einen neuen Standort.

Nach einigen Veranstaltungen in der Halle Gartlage errichtet sie

ein Provisorium am Fürstenauer Weg.

„Wir haben den Zirkus Carl Althoff gefragt, ob der uns dort ein Zelt

aufbauen kann. Das hat zum Glück geklappt, wobei das keine optimale

Lösung war. Es war im Winter kalt und die Toilettenwagen haben

eigentlich nicht gereicht. Und günstig war es auch nicht. Wir mussten

eine Monatsmiete von knapp 11 000 DM bezahlen. Wir haben dann

eingesehen, dass sich da was ändern muss.“

An gleicher Stelle wird ein Holzbau errichtet, der die Form des Zirkuszeltes

behalten hat. Bis zum Jahr 2000 bleibt es eine Übergangs -

lösung, die bei den Besuchern gut ankommt. Danach wird der

Pachtvertrag mit der Stadt nicht verlängert. Conny muss mit dem

Hyde Park erneut umziehen, zum Glück nur ein paar Meter weiter.

Diesmal ist es eine Stahlkonstruktion auf der gegenüberliegenden

Straßenseite.

„Das Publikum ist uns in all diesen Jahren treu geblieben. Heute

kommen sogar schon die Enkel unserer ersten Besucher von 1976 zu

uns. Wir hatten damals Bands wie Herman Brood, die Dead Kennedys

oder die Scorpions da und viele andere. Die ganze Deutsche Welle

war bei uns zu Gast von Fehlfarben bis DAF. Heute kümmere ich mich

nicht mehr selbst um die Auftritte, dafür habe ich mein Team. Und

ich bin eher die Rockerin, Hip-Hop ist nicht so mein Ding.“

Mittlerweile ist Conny Overbeck seltener im Hyde Park. Ihr Herz schlägt

aber weiterhin für die Musik und für Osnabrück: Und ohne den Hyde

Park und Conny Overbeck ist Osnabrück nicht vorstellbar. | LA

43


DAS SCHWARZE SCHAF HÄLT

SICH IMMER IN DER MITTE AUF

ch war ein schweres Kind, das dritte in der Familie, als ich im August

1950 in Ankum bei Osnabrück zur Welt gekommen bin. Meine

Mutter hatte mit meinen 56 Zentimetern und neun Pfund schwer

zu kämpfen!“

Georg Preusse wird in eine Geschäftsfamilie geboren. Die Eltern

haben einen „Elektroladen“, wie man in den 1950er-Jahren sagt. Nach

der Geburt von Georg Wilhelm Johannes Preusse kommen noch zwei

Geschwister dazu. Auch Großmutter Wilhelmine gehört zur

Familie. Wie das so ist, nach dem großen Krieg.

Weil die Mutter im Geschäft arbeitet, wird Klein Georg von seiner Oma

erzogen. Der wohlgenährte Junge entwickelt sich gut. Das ändert sich,

als er mit zwei Jahren an der Leiste operiert wird und kurz danach am

Blinddarm. „Dem Tod bin ich bei der zweiten OP direkt von der

Schippe gesprungen. Mein kleiner Körper hat die Strapazen aber nicht

allzu gut verkraftet.“, erinnert sich Georg Preusse.

Er wird kränklich, hat oft Lungenentzündungen, wird regelmäßig zur

Kur geschickt. Aus dem wohlgenährten Georg wird ein zerbrechlicher

GEORG WILHELM JOHANNES PREUSSE

geboren am 24. August 1950 in Ankum

Travestiekünstler und Schauspieler

Georg Preusse lebt in Hinwil in der Schweiz.

Junge, der sich mehr und mehr

zurückzieht. Er fehlt oft in der

Schule, kann sich gegen die

„Bauernjungs“, wie er sagt, auf

dem Schulhof nicht durchsetzen.

„Ich war nur glücklich, wenn ich allein war. Ich habe gern mit Puppen

gespielt und den Erwachsenen zugehört, was mir später genutzt hat.

Dabei habe ich gelernt zu erkennen, wann ein Mensch die Wahrheit

sagt und wann er lügt!“

Trotz dieser Einschränkungen und Kränkungen erinnert sich Georg

Preusse auch an außergewöhnliche Ereignisse. Die Preusses haben

den ersten Fernseher im Ort. Beim „Wunder von Bern“ sitzt das halbe

Dorf im Laden und sieht, unter lautem Gejohle, das Siegtor von

Helmut Rahn.

Georg Preusse merkt früh, dass er anders ist. Er ist der Stille, liebt

Blumen, Musik, die Shows von Heinz Schenk und Peter Frankenfeld.

Er will Klavier spielen lernen. Das darf aber nur seine Schwester, die

es gar nicht will. In Fräulein Strauß, seiner Nachhilfelehrerin, findet er

eine Frau, die, wie Oma Wilhelmine, zwar streng ist, aber die Talente

von Georg erkennt und fördert.

„Fräulein Strauß bestand auf das ,Fräulein’, obwohl sie schon 70 war.

Sie hat mir das Schönschreiben und Malen beigebracht. Bei aller Härte

spürte ich auch Liebe und Zuneigung.“ Georg wird in der Schule

besser. Er macht seinen Abschluss und lernt, weil es der Vater so will,

Funk- und Fernsehtechniker. Das Einzige, was Georg damit verbindet,

sind die Fernsehsendungen, die er liebt. Er hat zwei linke Hände, die

Theorie rettet seinen Abschluss. Er will weg aus Ankum.

44


Georg Preusse

„Ankum war für mich eine Art Sackbahnhof, man kommt nicht raus

und das Leben spielt woanders. Ich habe mein Fachabitur in Osnabrück

gemacht und bin dann 1971 nach Bielefeld gewechselt, um dort

Informatik zu studieren.“

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Er befreit sich aus den

alten Zyklen und Vorurteilen. Neben dem Studium arbeitet er

als Kellner und erfährt schnell, dass er mit seinem Witz, Esprit

und seiner Direktheit beim „Publikum“ ankommt.

„Für mich war das eine neue Erfahrung. Ich habe als Kind

Stücke für Kasperletheater geschrieben und aufgeführt, war

Obermessdiener, habe im Kirchenchor gesungen. Das waren

meine ersten Bühnen.“

Dies ist auch die Zeit, in der er erstmals als Frau auftritt. Das

kommt so gut an, dass er sich entscheiden muss, ob er

Berufsschullehrer wird oder sich ganz der Travestie verschreibt.

Anfangs fällt es ihm schwer, seinen Lebensunterhalt mit dieser

Kunst zu verdienen. Er bleibt dabei. „Mary“, sein zweites Ich, ist

frech und provokativ. Niemand soll merken, dass dahinter ein

Mann steckt. Er hätte sich lieber „Janus“, nach dem Gott mit den

zwei Gesichtern, oder „Uli Ulrich“, zwei Geschlechter in einer

Person, genannt.

Zu Hause in Ankum kommt das alles nicht gut an. „Mein Vater

hat mich quasi aus dem Haus geworfen. Sein Sohn als Frau

auf der Bühne. Er könne im Ort nirgends mehr hingehen und

müsse sich schämen.“ Die Bühnenkarriere nimmt Fahrt auf. Wenn

Georg Preusse als „Mary“ auftritt oder später mit Reiner Kohler als

Duo „Mary und Gordy“ auf den Bühnen der Welt unterwegs ist,

begeistern sie ihr Publikum. Sie gewinnen Preise, treten im Fernsehen

mit einer eigenen Show auf, sind bei anderen Entertainern zu Gast.

46


Das schwarze Schaf hält sich immer in der Mitte auf

Es läuft. Dabei hat Georg Preusse Zweifel. Kurz bevor die erste Fernsehsendung

mit ihm als „Mary“ gesendet werden soll, will er beim

Sender anrufen, damit sie nicht ausgestrahlt wird. Danach erlebt er

jedoch großen Zuspruch. Nachbarn und Freunde der Preusses

klopfen dem Vater von Georg auf die Schulter, sagen ihm, was für

einen tollen Jungen er hat.

„Meine Mutter hat mir später erzählt, dass mein

Vater geweint hat, als er sah, wie ich mich

ab geschminkt und damit meine Identität preis -

gegeben habe. Er hat gesagt, dass er mir Unrecht

getan habe. Wir haben uns dann später versöhnt.“

„Meine Mutter hat mir später erzählt, dass mein Vater geweint hat,

als er sah, wie ich mich abgeschminkt und damit meine Identität

preisgegeben habe. Er hat gesagt, dass er mir Unrecht getan habe.

Wir haben uns dann später versöhnt. Ihm fiel das schwer, er war im

Krieg gewesen, hatte eine andere Zeit erlebt, mit vielen Ressen -

timents. Später waren wir sehr eng. Als er im Sterben lag, hat er mich

zu sich ins Krankenhaus rufen lassen. Ich habe die ganze Nacht an

seinem Bett gewacht, und er ist dann früh morgens in meinen Armen

eingeschlafen.“

Abends steht Georg Preusse schon wieder auf der Bühne. Auch in

seinem Privatleben hat sich viel verändert. Nach einer unglücklichen

Beziehung, er wird von seinem Lebensgefährten so verprügelt, dass

er ins Krankenhaus muss, lernt er 1978 Jack Amsler kennen. Bei einem

Auftritt in der Schweiz sitzt er im Publikum. Er spricht „Mary“ an und

geht mit ihm als Frau aus.

„Dann hat er gesagt, dass ich mich abschminken soll, er wisse ja, wie

ich aussähe. Das hat mir sehr viel Sicherheit gegeben. Er wollte mit

dem Menschen zusammen sein, egal ob Georg oder ,Mary’.“

Jack Amsler wird sein Manager und Lebensgefährte. Die Familie

nimmt Georg schnell in ihre Mitte und Herzen auf. Er zieht in die

Schweiz. Die Ländlichkeit dort verbindet ihn mit Ankum. Jacks Mutter

nimmt ihn zur Seite und sagt: „Mein Gott, bist du dünn, du musst erst

mal was essen!“ Georg fühlt sich geborgen und geschätzt.

Das wilde und rasante Leben auf den Brettern der Welt geht allerdings

weiter. Georg und Jack finanzieren ihre Shows aus eigener Tasche,

mit vollem Risiko. Mittlerweile hat er mehr als 10 000 Auftritte auf

dem Showkonto. 2002 heiratet er Jack. Irgendwann erkennt er, dass

es so nicht weiter gehen kann. Es wird zu viel, zu schnell, zu auf -

wendig.

„Ich wollte immer selber bestimmen, wann ich die Bühne verlasse.

2010 war dieser Zeitpunkt erreicht. Jack und ich waren viel unterwegs,

einen richtigen Urlaub haben wir in den drei Jahrzehnten kaum

gemacht. Das wollten wir unbedingt ändern.“

Sie reisen mit dem Wohnmobil durch die USA, durch die Indianer -

reservate. Diese Kultur begeistert Jack. Das mit dem Haus auf Rädern

begeistert beide. Sie besuchen Freunde und Bekannte, wollen demnächst

nach Schweden. Auf die Bühne geht Georg Preusse nur noch,

wenn er sich für einen Stoff begeistern kann. Ob als Jedermann,

Kriegsheimkehrer Beckmann in „Draußen vor der Tür“ oder als Papst

Pius, er sucht sich seine Rollen gezielt aus.

Nach Ankum kommt er noch regelmäßig, besucht seine Familie mit

dem Camper. „Dann kann ich kommen und gehen, wie es mir gefällt,

und falle niemandem zur Last!“ Hier schließt sich der Kreis für den

schmächtigen Jungen aus dem Osnabrücker Land. |

LA

47


DER UNABHÄNGIGE

RUHEPOL

ich 60 Stunden und mehr in der Woche ausschließlich mit

Zahlen beschäftigen – das ist das Klischee, das zumeist mit

Wirtschaftsprüfern und Steuerberatern verbunden wird. „Ich

höre oft: ‚Das ist doch langweilig.‘ Das Gegenteil aber ist der

Fall.“ Der, der das sagt, ist Georg Stegemann, seit vielen Jahren

Standortleiter und Senior-Partner der PricewaterhouseCoopers

GmbH (PwC) mit dem Schwerpunkt Familienunternehmen und

Mittelstand in Osnabrück. Mit wenigen Worten unterlegt er, was für

ihn die Faszination der Wirtschaftsprüfung und Unternehmens -

beratung ausmacht. „Ein Unternehmen steht vor betriebswirtschaftlichen,

steuerlichen und rechtlichen Weichenstellungen. Dann

erarbeiten wir nicht nur Lösungen, sondern setzen diese auch in der

Praxis mit um.“

Stegemann ist die Begeisterung für seinen Beruf anzumerken. Dabei

war für ihn lange Zeit nicht klar, was seine berufliche Passion werden

würde. Nach dem Abitur am Gymnasium in Rheine sei er erst einmal

GEORG STEGEMANN

geboren am 17.September 1963 in Rheine

Diplom-Betriebswirt, Wirtschaftsprüfer

und Steuerberater

Standortleiter und Senior-Partner von

PricewaterhouseCoopers in Osnabrück

zur Bundeswehr gegangen. „Ich

wusste nicht, welcher Beruf

mich reizt. Als erstes habe ich

nach der Bundeswehr eine Ausbildung

zum Industriekaufmann

gemacht. Dabei lernte ich ein

Unternehmen mit all seinen Facetten kennen. Mir wurde klar: Ich

möchte einen Beruf haben, in dem ich Verantwortung übernehme.“

Somit führte ihn der Weg zum Studium der Betriebswirtschaft nach

Münster. „Das hat mir richtig Spaß gemacht. Wirtschaftliche Zusammenhänge

wirklich zu verstehen, begeistert mich bis heute.“

So richtig überraschend kam diese Orientierung nicht. Kaufmän -

nisches Denken und Unternehmertum gehörten in Stegemanns

Elternhaus dazu. „Mein Vater hatte einen Handwerksbetrieb und

meine Mutter ein Einzelhandelsgeschäft. Ich habe da in den Ferien

immer mitgearbeitet und so schon viel mitbekommen.“ Sehr gute

Noten im Studium sorgten dann dafür, dass er bei einem der damals

weltweit größten Wirtschaftsprüfungsunternehmen am Standort

Hannover anfangen konnte. Nach fünf Jahren und der Ausbildung

zum Steuerberater ging er 1996 nach Osnabrück und kam damit

wieder näher an die Heimat heran. „Damals war der Standort noch

keine Niederlassung von PwC. Wir waren aber sehr erfolgreich und

haben uns in der Folge vor etwa zwanzig Jahren in das große PwC-

Netzwerk eingebracht.“

Heute leitet Stegemann seit mehr als zwölf Jahren den Standort, der

mittlerweile 200 Mitarbeiter hat und – so formuliert es der Wirtschaftsexperte

selbstbewusst – „in der Region mit Abstand die

Nummer eins bei der Zahl der Mandanten ist“. Zu diesen gehören

48


Georg Stegemann

mittelständische Firmen aus dem Osnabrücker Land, dem Münsterland,

dem Emsland und der Grafschaft Bentheim genauso wie Global

Player mit Milliardenumsätzen. „Regionale Kenntnisse und eine enge

Verbundenheit zu den Menschen gehören für uns zu einer erfolg -

reichen Beratung dazu.“

Worauf kommt es denn bei der Beratung eines Unternehmens

bzw. Unternehmers an? Zuallererst auf den Faktor Mensch.

„Die Chemie sollte stimmen. Diplomatie gehört dazu. Sie

macht mit Blick auf den Beratungserfolg fast genauso viel

aus wie die fachliche Komponente.“ Denn es ist durchaus

eine Herausforderung, einen erfolgreichen Unternehmer zu

beraten, der „es ja nicht gewohnt ist, sich beraten zu lassen,

sondern seit vielen Jahren meist erfolgreich unterwegs ist“.

Der Niederlassungsleiter kennt natürlich auch die Klischees,

mit denen viele sein Unternehmen als eines der weltweiten

Big Four der Branche verbinden. „Ja, uns wird nachgesagt, dass

wir teuer sind und unsere Nachwuchskräfte schlecht bezahlen

und diese dann auch sehr viele Überstunden machen müssen“,

so Stegemann. Beides stimme nicht. „Wir sind bei den Stundensätzen

bei den für uns alltäglichen Aufgaben auf einer

Ebene mit anderen aus der Branche.“ Auch der Umgang mit

Berufsanfängern sei nachweislich nicht so. „PwC ist ein

verlässlicher Arbeitgeber, bei dem junge Leute die Chance

haben, in der Zusammenarbeit mit Experten aus der gesamten

Welt – etwa 250 000 Mitarbeiter in fast 160 Ländern – Tag für

Tag nach dem Studium viel zu lernen.“ Das weltweite Netzwerk sei

ein entscheidender Vorteil von PwC bei der Kundenbetreuung. „Wenn

beispielsweise eine der abstrusesten Fragen zu einer Zollrichtlinie in

einer chinesischen Provinz gestellt wird, dann finden wir auch darauf

50


Der unabhängige Ruhepol

eine Antwort.“ Die thematische Vielfalt und immer neue Herausforderungen

seien das faszinierende an seinem Beruf. „Es kommen

jeden Tag wieder völlig neue Aufgabenstellungen auf einen zu, die

man dann durch aufmerksames Zuhören, Netzwerke nutzen und

Recherchieren löst.“ Dabei stünden Menschen immer im Mittelpunkt.

„Geld ist für mich und für ein Unternehmen immer nur das Mittel zum

Zweck. Es geht am Ende immer darum, für die beteiligten Menschen

die besten Rahmenbedingungen zu schaffen.“ Vor allem, wenn es bei

Beratungen auch um Sanierungen gehe, „ist es wichtig, sich immer

bewusst zu sein, was Entlassungen für die Betroffenen bedeuten.

Wirtschaftsberatung umfasst eben deutlich mehr als die Zahlen, die

auf dem Papier stehen“, so der Experte.

„Geld ist für mich und für ein Unternehmen immer

nur das Mittel zum Zweck. Es geht am Ende

immer darum, für die beteiligten Menschen die

besten Rahmenbedingungen zu schaffen.“

Eine der größten Herausforderungen in den vergangenen über 20

Jahren im Job sei die Zeit nach der Finanzkrise 2008 gewesen. „Die

Banken waren da teilweise sehr nervös. Einige Unternehmen der

Region standen durchaus auf der Kippe. Als aber mit unserer Unterstützung

ein Weg für die Zukunft gefunden werden konnte, gibt

einem das Rückenwind auch für die Tage, die wohl jeder im Job kennt

und an denen es nicht so viel Freude macht.“

Stegemann, der seit zehn Jahren begeistert gemeinsam mit seiner

Frau Golf spielt und dabei die Zeit an der frischen Luft und mit Bewe-

gung zum Abschalten genießt, mag seine Chefrolle – vor allem „wenn

ich mit viel gegenseitigem Verständnis und Miteinander agieren kann

und nicht wirklich der Chef sein muss, weil alles gut läuft“. Er agiere

am liebsten mit Ausgeglichenheit und Humor – auch in schwierigen

Situationen. Nur selten lasse er sich von Hektik anstecken oder seinen

Mitarbeitern aus der Ruhe bringen.

So richtig begeistern kann er sich – neben einem erholsamen Urlaub

auf der Insel Mallorca – vor allem für Kunden, die aufgeschlossen,

zukunftsorientiert und innovativ unterwegs sind. „Erfolgreich beraten

kann man nur dann, wenn man sich sehr gut überlegt, welche Entscheidung

für ein Unternehmen wirklich die beste Lösung ist. Da ist

es wichtig, mit sich selbst und seiner Aufgabe zufrieden zu sein.“

Ehrenamtlich engagiert sich der 56-Jährige unter anderem im Vorstand

der Universitätsgesellschaft und im Beirat des Wirtschafts- und

Industrieclubs. „Das macht Freude, weil es ein guter Ausgleich zum

Job ist und wir beispielsweise an der Uni sehr dicht an jungen Menschen

dran sind.“ Apropos junge Menschen: Aus Sicht von Stegemann

wird sich die Zukunft der Region vor allem an der Frage entscheiden,

ob Unternehmen in der Lage sind, ausreichend Fachkräfte zu finden

und dann mit diesen ihre Geschäftsmodelle in Richtung Digi -

talisierung zu entwickeln. Wie das gelingen kann – auch dazu habe

PwC viel Expertise.

Stegemanns Ziel ist es, mit 60 Jahren aus seiner jetzigen Aufgabe

auszusteigen“. „Mir ist es in meinem Leben wichtig gewesen, eine

gewisse Freiheit zu erhalten. Ich sage mir immer: Ich muss nichts.“

Damit sei er gut durchs Leben gekommen. „Ich bin überzeugt: Je freier

sich jemand im Beruf fühlt, desto besser erledigt er seine Aufgaben.“

Und das gelte zuallererst auch für jeden Berater, denn „wirtschaftliche

Abhängigkeit engt das Denken leicht ein“. |

HH

51


ALLE JAHRE WIEDER EIN

NEUES MINISTERIUM

ittelnkirchen liegt im Alten Land, eine wunderschöne Landschaft

an der Elbe zwischen Jork und Grünendeich. Es war

damals eine dörfliche Struktur mit viel Obstanbau und viel

Wasser. Ich bin mit der Niederelbe und den kleinen Flüssen

des Alten Landes aufgewachsen.“

Gerd Hoofe wird am 19. Februar 1955 geboren. Sein Vater stammt aus

Schleswig-Holstein, ist Gärtnermeister und lernt seine Frau während

des Zweiten Weltkrieges in der Nähe von Warschau kennen. Sie ist in

einer Deutschen Siedlungsgemeinde aufgewachsen. Beide heiraten

in Kriegszeiten. Gegen Ende des Krieges flieht sie zu den Schwiegereltern

nach Schleswig-Holstein. Nach dem Krieg zieht das Paar ins

Alte Land. Dort bekommt der Vater von Gerd Hoofe nach seiner Entlassung

aus russischer Kriegsgefangenschaft eine Anstellung im

Obstbau, wird später Gärtnermeister bei der Stadt Stade.

Für Gerd Hoofe ist das Alte Land eine große Spielwiese. Mit seinen

Freunden erobert er die Deiche, die Flüsse und die bäuerliche Um -

gebung. Bauernhöfe, Angeln oder die Arbeit in der Ernte bestimmen

GERD HOOFE

geboren am 19. Februar 1955

in Mittelnkirchen

verheiratet, zwei Töchter

Jurist; seit Dezember 2013 Staatssekretär

im Bundesministerium der Verteidigung

seine Freizeit. „Es war eine freie

Kindheit mit viel Bewegung. Wir

durften Trecker fahren, es gab

noch kleine Viehbestände auf

den Höfen. Im Winter sind wir

Schlittschuh gelaufen auf den

Gräben und auf dem Börn. Der Vater eines Freundes war Tischler

und hat uns Eishockeyschläger gebaut. Die Schlittschuhe haben wir

uns damals unter die Schuhe geschnallt. Ab und zu sind wir auch ins

Eis eingebrochen. Das Fahren auf dem angetauten Eis war eine Art

Mutprobe.“

Die Sprache der Menschen ist Plattdeutsch, was Gerd Hoofe sehr gut

versteht und ab und zu auch noch spricht. Seine Schulzeit absolviert

er ohne Probleme. Zur Realschule nach Jork fährt er mit dem Rad,

zum Gymnasium nach Stade mit dem Bus. Nach dem Abitur

ver weigert er den Kriegsdienst, was zur damaligen Zeit mit vielen

Befragungen verbunden ist.

Dann nimmt er sein Studium der Rechtswissenschaften in Göttingen

auf. Es ist eine Zeit der politischen Auseinandersetzungen. Viele

Studentenvereinigungen kämpfen gegen das Establishment: „Unter

den Talaren, der Muff aus tausend Jahren.“ Diese Kämpfe erlebt Gerd

Hoofe hautnah an der Uni und in den Hörsälen. „Es war die Zeit der

RAF, Deutschland war vom Terrorismus geprägt. An der Uni tauchten

neue Bewegungen auf. In Göttingen gab es viele Gruppen, die sich

mit der politischen und sozialen Entwicklung in der Bundes republik

aber auch mit internationalen Fragen auseinandergesetzt haben.

Dabei wurden mitunter Hörsäle gestürmt. Auch ich habe mich politisch

interessiert und eingebracht.“ Er macht sein erstes Staats -

examen in Göttingen und will dann zum Referendariat nach

52


Gerd Hoofe

Oldenburg oder Osnabrück wechseln. Seine Freundin hat Verwandte

in Osnabrück. Ihm gefällt die Stadt, von der der bekennende HSV-Fan

bis dahin nur den VfL Osnabrück kannte. Er arbeitet zunächst am

Landgericht, ist nach dem zweiten Staatsexamen als Anwalt tätig,

spezialisiert auf Wirtschafts- und Insolvenzrecht.

„Mir war aber recht schnell klar, dass der Anwaltsberuf nicht

das Richtige für mich ist. Ich bin dann zur Oberfinanzdirektion

nach Münster gewechselt mit den Schwerpunkten Finanzrecht

und Steuerrecht. 1981 habe ich geheiratet, meine Frau war

Realschullehrerin in Hasbergen, wir haben zwei Töchter

bekommen.“

1985 wechselt er zum Landkreis Osnabrück und wird 1988

Dezernent und Vorstandsmitglied für die Aufgabengebiete

Soziales, Gesundheit, Schule, Verkehr, Finanzen, Personal und

Organisation. Ab 2002 ist er erster Kreisrat und Stellvertreter

des Landrates.

2003 folgt die große Veränderung. Christian Wulff wird

Ministerpräsident in Niedersachsen. Ursula von der Leyen wird

Ministerin und braucht einen Staatssekretär für das Sozial -

ministerium. „Wir kannten uns nicht, haben uns im Februar

2003 am Kröpcke in der Innenstadt von Hannover getroffen.

Nach dem positiven Gespräch hatte ich genau 24 Stunden

Zeit, um mich zu entscheiden. Ich habe mich noch am gleichen

Tag mit Familie und Freunden beraten und am nächsten Tag

zugesagt.“

Sein Aufgabenspektrum in Osnabrück passt perfekt zu seinem neuen

Anforderungsprofil. Er fährt nun sonntags nach Hannover, kommt

freitags nach Hause. 2005 dann der Ruf von Kanzlerin Angela Merkel.

Ursula von der Leyen übernimmt das Bundesfamilienministerium.

54


Alle Jahre wieder ein neues Ministerium

Wieder muss sich Gerd Hoofe entscheiden: „Wir hatten 2,5 Jahre

miteinander verbracht, es war eine sehr gute und vertrauensvolle

Zusammenarbeit. In Berlin mussten wir uns zügig in neue politische

Verhältnisse einarbeiten. Das war nicht immer ganz leicht. Berlin ist

nicht vergleichbar mit Hannover. Die mediale Begleitung ist viel

ausgeprägter, es wird mit harten Bandagen gekämpft, man darf sich

nicht ins Bockshorn jagen lassen und es ist wichtig, die Deutungs -

hoheit zu gewinnen und auch zu behalten. Das hat zum Glück sehr

schnell funktioniert.“

„Wir mussten uns beide wieder schnell

entscheiden, waren aber ein so eingespieltes

Team, dass wir nicht lange überlegt haben.“

Ursula von der Leyen ist als Interviewpartnerin sehr gefragt. Die

Zusammenarbeit mit Gerd Hoofe läuft, er berät sie in allen Themen.

Sie entwickeln innovative und zukunftsweisende Neuregelungen in

der Familien- und Gleichstellungspolitik – und einiges andere mehr.

Es gibt teilweise heftige Debatten im Parlament, das Team von der

Leyen/Hoofe setzt sich durch. „2009 kam der nächste Wechsel. Frau

von der Leyen wird Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Wir

mussten uns beide wieder schnell entscheiden, waren aber ein so

eingespieltes Team, dass wir nicht lange überlegt haben. Auch dieses

Gebiet kannte ich ja aus meiner Arbeit in Osnabrück und Hannover.“

Mittlerweile verbringt Gerd Hoofe die Wochen in Berlin und pendelt

wenn möglich mit der Bahn an den Wochenenden nach Osnabrück.

Keine leichte Zeit für die Familie, die oft auf ihn verzichten muss. Ihm

ist bewusst, dass seine Frau und seine beiden Töchter ein enormes

Maß an Toleranz für seine Ämter aufbringen. 2013 folgt dann ein

echter Einschnitt. Seit 2003 arbeitet Gerd Hoofe auf bekanntem

Terrain. Doch der Wechsel in das Bundesministerium der Verteidigung

ist ein komplett neues Arbeitsfeld für ihn.

„Das war ein Schritt in eine neue und unbekannte Welt. Wir mussten

uns innerhalb kürzester Zeit einarbeiten. Da gab es keine Schonfrist.

Als Weihnachtsliteratur habe ich mir jede Menge Bücher zum Thema

Verteidigungspolitik mitgenommen. Die Bundeswehr ist eine riesige

Organisation mit 250 000 Mitarbeiter*innen. Wir mussten die erstmal

lesen und verstehen. Zum Glück sind Frau von der Leyen und ich

sehr kommunikativ. Wir hatten beide viele Erfahrungen in der

Organisation von Ministerien und haben es schnell geschafft, uns

Respekt zu erarbeiten.“

Für die Zukunft brauchte es ein neues Mindset. Bisher waren die

Ausgaben für die Bundeswehr heruntergefahren worden. Jetzt sollte

der „Tanker“ umgelenkt werden, auch wegen der neuen internatio -

nalen Herausforderungen. Es galt, die Attraktivität zu steigern, Trendwenden

einzuleiten. „Nach der Wende hatten die Streitkräfte kaum

eine Bedeutung. Die Friedensdividende sollte eingefahren werden.

Jetzt sahen wir uns konfrontiert mit eingeschränkter Einsatzbereitschaft

wegen fehlender Ausbildung, fehlendem Personal, fehlendem

Material u. v. m. Vorher hieß es nur ,sparen, sparen, sparen‘. Alles

musste neu ausgerichtet werden, da hat man nicht von Anfang an

schöne Nachrichten.“

Demnächst erreicht Gerd Hoofe seine Altersgrenze. Ein Grund, warum

er den Wechsel von Ursula von der Leyen an die Spitze der

Euro päischen Kommission in Brüssel nicht mitgeht. Mit Annegret

Kramp-Karrenbauer ist zwar eine neue Zeit angebrochen, aber nichts,

was ihn noch auch der Ruhe bringen könnte. |

LA

55


MEHR ALS EIN HALBES LEBEN

FÜR EUROPA

eine Mutter hat mir erzählt, dass es ihr schwerge fallen ist, auf

dem Weg zum Krankenhaus, wo ich geboren wurde, an

unserem Haus in Bersenbrück vorbeizugehen. Dort waren

direkt nach dem Krieg polnische Soldaten einquartiert

worden.“ Der Krieg und seine Folgen: Wilhelm Pöttering wird

seit dem Frühjahr 1945 an der Ostfront vermisst, er wird nicht mehr

heimkehren. Agnes Sophie ist schwanger mit Hans-Gert, der im

September geboren wird. Dass er seinen Vater nie kennen lernen wird,

ist für Hans-Gert Pöttering noch heute schmerzhaft, jedoch auch die

Basis für sein späteres, politisches Leben. Nie wieder Krieg in Europa!

Es ist eine Zeit mit vielen Entbehrungen. Wilhelm Pöttering war Textilkaufmann,

hatte ein kleines Unternehmen.

„Meine Mutter, die eine einfache Bauerntochter war, hatte vom

Geschäft nur wenig Ahnung. Sie musste sich da hineinknien, damit es

für meinen drei Jahre älteren Bruder Manfred und mich weiter gehen

konnte.“ Es klappt. Das Geschäft blüht wieder auf und sichert der

HANS-GERT PÖTTERING

geboren am 15. September 1945 in

Bersenbrück

ehemaliger Präsident des Europäischen

Parlamentes

Hans-Gert Pöttering lebt in Bad Iburg.

alleinerziehenden Mutter ein aus -

reichendes Auskommen. Wichtig

für sie ist, dass die beiden Brüder

eine gute Schulbildung bekommen.

Das Leben in Bersenbrück

ist für Hans-Gert Pöttering bestimmt

von Schule, Freizeit und Kirche. Er hilft bei der Kartoffelernte,

voltigiert zusammen mit seinem Bruder Manfred, ist Messdiener. Um

sein Taschengeld aufzubessern, verkauft er nach den Gottesdiensten

die BILD-Post, eine katholische Zeitung. Nach der Grundschule wechselt

er an das Gymnasium Carolinum nach Osnabrück. Ein getakteter

Tagesablauf, der ihm auch bei seiner späteren Arbeit im Europäischen

Parlament zugutekommt.

„Bei mir musste immer alles geordnet sein. Mein Bruder und ich

mussten um halb sechs aufstehen, uns waschen, etwas frühstücken,

danach zum Bahnhof Bersenbrück und mit dem Zug zur Schule nach

Osnabrück. Das war für mich auch in Brüssel ganz wichtig. Den Tag

nicht zu hektisch und geregelt beginnen und vor allem nicht, wie andere

Ab geordnete es machen, schon beim Frühstück über Politik und

Tagesabläufe sprechen.“

Doch so weit ist es noch nicht. Er wechselt vom Carolinum, wo er einmal

hängen bleibt, an das Artland-Gymnasium nach Quakenbrück, macht

1966 als Bester des Jahrgangs sein Abitur. Besonders lebhaft in Er -

innerung ist ihm bis heute seine Rolle als Faust. Seine erste Begegnung

mit einer größeren Öffentlichkeit. „Ich musste jede Menge Stoff in

den Kopf bekommen. Dazu kamen noch Mimik und Gestik. Annegret

Klapphake aus Ankum war das Gretchen. Wie sehr es uns geprägt hat,

zeigt die Tatsache, dass sich das Ensemble noch heute trifft.“

56


Hans-Gert Pöttering

Nach dem Abitur kommt der Wehrdienst. Hans-Gert Pöttering verpflichtet

sich und landet für zwei Jahre bei den Panzergrenadieren

in Fürstenau, wird heimatnah eingesetzt, als Fähnrich entlassen und

später zum Reserveleutnant befördert.

Er hat keine weiteren Ambitionen bei der Truppe, will schnell

studieren. Er schreibt sich an der Universität in Bonn für den Studiengang

Politikwissenschaften und Geschichte ein. Ein halbes

Jahr später auch für Jura. Schon vorher hat Hans-Gert Pöttering

die Politik für sich entdeckt. In den frühen 1960er-Jahren tritt

er der Jungen Union bei, wird im Kreis Bersenbrück Bildungs -

referent. Das Hauptmotiv für sein Engagement ist die Europapolitik

von Konrad Adenauer. Er schließt beide Studiengänge ab,

promoviert zum Dr. phil.

„Zwei Studiengänge gleichzeitig war eine Menge Arbeit.

Ursprünglich wollte ich, weil es in der Familie meines Vaters viele

Lehrer gab, Studienrat werden. Das Studium der Politikwissenschaft

und der Geschichte hat mir Jura erträglich gemacht.“

In der Bundeshauptstadt Bonn findet er schnell eine Anstellung.

Von 1976 bis 1979 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter der

CDU/CSU-Fraktion beim stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden

Burkhard Ritz im Deutschen Bundestag.

In dieser Zeit lernt er seine Frau Ruth bei einer Reise nach Maastricht

kennen. Der neue Lebensmittelpunkt wird Bad Iburg. Hans-

Gert Pöttering ist viel unterwegs, sieht es jedoch als wichtig an,

eine Basis in der Heimat zu haben. Hier kommen auch die zwei Söhne

Johannes und Benedict zur Welt. 1979 ist das Jahr, in dem sich für Hans-

Gert Pöttering das Leben entscheidend ändert. Er wird ins Europäische

Parlament gewählt, nimmt seine Arbeit in Brüssel und Straßburg auf.

Er gehört der Fraktion der EVP, der Europäischen Volkspartei, an.

58


Mehr als ein halbes Leben für Europa

Den Kontakt nach Osnabrück verliert er dabei nicht aus den Augen, will

auch als EU-Abgeordneter ansprechbar bleiben. „Ich habe jungen

Kolle ginnen und Kollegen immer geraten, ein verantwortliches Amt im

Heimatwahlkreis zu übernehmen. Ich wurde 1990 Kreisvorsitzender der

CDU im Landkreis Osnabrück und habe das 20 Jahre lang gemacht.

Von den rund 130 Vorstandssitzungen habe ich nur eine verpasst. Ich

habe mich bemüht, verlässlich zu sein.“

Auch sonst nutzt er seine guten Kontakte in Brüssel. Er holt politische

Schwergewichte in den Landkreis: unter anderem den britischen

Premierminister Tony Blair, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank

Jean-Claude Trichet oder den Präsidenten der Europäischen Kommission,

Romano Prodi. Bundeskanzler Helmut Kohl sitzt auf dem Sofa

in seinem Wohnzimmer. Er ist es auch, der die Wichtigkeit von Vertrauen

in der Politik unterstreicht.

„Heute verhandeln wir miteinander. Ein Grund,

warum in Europa so lange Frieden herrscht.“

„Das hat Helmut Kohl uns jungen, deutschen Abgeordneten ins

Stammbuch geschrieben. Wir haben schnell erfahren, dass ohne Vertrauen

nichts geht in Europa. Früher haben die europäischen Nationen

aufeinander geschossen, wenn sie nicht mehr weiter wussten. Heute

verhandeln wir miteinander. Ein Grund, warum in Europa so lange

Frieden herrscht.“

Nicht nur zwischen den politischen Blöcken kommt es zu harten Auseinandersetzungen,

auch in der eigenen Fraktion knirscht es häufiger.

Als Fraktionsvorsitzender der EVP erlebt Hans-Gert-Pöttering das

hautnah. Er muss vermitteln, abwägen, Psychologe und Kümmerer

sein – sowohl für die großen Delegationen aus Frankreich, Großbri

tannien oder Spanien als auch für die kleinen aus Estland, Lettland

oder Portugal. Ihm kommt zugute, dass er seit 1979 ununterbrochen

bis zu seinem Ausscheiden 2014 im Parlament sitzt und führen kann.

Er beherrscht das politische Geschäft.

Neben vielen Erfahrungen bekommt er auch Auszeichnungen. Dazu

zählen Ehrendoktorwürden und Verdienstorden, unter anderen das

Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband der Bundesrepublik

Deutschland.

Die größte politische Ehre wird ihm zuteil, als er im Januar 2007 zum

Präsidenten des Europäischen Parlaments gewählt wird. Damit stehen

ihm weltweit die Türen zu Parlamenten und Königshäusern offen. Er

ist bei der Queen zu Gast, beim Tenno in Japan oder beim Papst in

Rom. Er erlebt, wie rasant sich die Welt verändert, auch Europa.

„Der Zustand der Europäischen Union ist zum Teil besorgniserregend.

Der Dialog muss weitergehen, wir müssen im Gespräch bleiben.

Es gibt allerdings eine rote Linie: Wenn Urteile des Europäischen

Gerichtshofes nicht mehr geachtet werden, dann ist Schluss.“

In diesem Zusammenhang ist ihm eine seiner Aufgaben besonders

ans Herz gewachsen: In seiner Antrittsrede zum Amt des Parlamentspräsidenten

2007 schlägt er die Errichtung eines Hauses der Europäischen

Geschichte vor. Dies wird vom Parlament unterstützt.

Er arbeitet daran entscheidend mit. Es steht im Europaviertel in

Brüssel.

Ganz loslassen kann Hans-Gert Pöttering die Politik nicht. Auch

heute noch werden seine Erfahrungen sehr geschätzt. Er sitzt in

verschiedenen Gremien in Europa, Deutschland und natürlich im

Landkreis Osnabrück |

LA

59


DEM FRIEDEN

VERPFLICHTET

ans-Jürgen Fip wird am 6. November 1940 in Bad Rothenfelde

geboren. Vor dem Zweiten Weltkrieg ist sein Vater

Außendienstmitarbeiter im Großhandel und gründet eine

eigene Firma für den Vertrieb von Ölen, Fetten und Seifen

vornehmlich für eine landwirtschaftliche Kundschaft. Seine

Mutter macht den Haushalt und versorgt die Kinder. Hans-Jürgen Fip

hat eine Schwester und einen Bruder. Kurz nach Kriegsende kommt

der Vater heim.

„Mein Vater hat ganz bescheiden wieder angefangen. Das war nach

dem Krieg nicht ganz so einfach. Auch wenn die Leute viel brauchten,

war nicht immer genug da, und das Geld fehlte damals ja bei vielen.

Wenn mein Vater unterwegs war zu den Landwirten in der Um -

gebung, hat meine Mutter auf das Telefon aufgepasst und die

Bestellungen aufgenommen.“

Hans-Jürgen Fip wächst in Osnabrück-Eversburg auf. Wie alle Jungs

in seinem Alter hält es ihn nicht zu Hause. Er spielt Fußball, baut

Hütten oder streift in der Umgebung herum, erkundet die Kriegs -

HANS-JÜRGEN FIP

geboren am 6. November 1940

in Bad Rothenfelde

ehemaliger SPD-Politiker und Ober -

bürgermeister der Stadt Osnabrück

(1991–2006), heute Ehrenbürger

trümmer. Als der Oberleitungsbus

in Osnabrück eingeführt

wird, wird eine Strecke von

Eversburg zum Rißmüllerplatz

eingerichtet. Jetzt steht die Welt

für Hans-Jürgen Fip offen.

„Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass wir dann mit dem O-

Bus in die Innenstadt ge fahren sind. Da gab es einen Verkaufsstand

mit Zeitungen, Zigaretten und auch Blockschokolade. Damals wurden

vom großen Stück kleine Blöcke abgebrochen. Das war für uns etwas

Besonderes.“

Als Hans-Jürgen Fip die Schule beendet, ist er 14 Jahre alt. Er beginnt

eine Lehre als Groß- und Einzelhandelskaufmann bei der „Demika-

Milcheinkaufsgenossenschaft“, die später von Edeka übernommen

wird. Nach dem Ende der Ausbildung ist er für einige Zeit angestellt.

Dann entscheidet er sich 1964, in die Firma seines Vaters einzu -

steigen. Er erkennt schnell, dass sich das kleine Unternehmen neu

ausrichten muss, und tritt in die Mineralölsparte ein. Die Wirtschaft

brummt, der Energieverbrauch steigt stetig. Die Firma wird gleich zu

Beginn Vertriebspartner in der Region Osnabrück für die Marke ARAL.

1970 heiratet er und wird Vater von drei Kindern, zwei Söhne und eine

Tochter. In dieser Zeit tritt Hans-Jürgen Fip der SPD bei. Er ist kein

Revoluzzer, die Wirren der 1960er-Jahre lassen ihn zwar nicht unberührt,

aber er gehört nicht zu den radikalen 68ern.

„Von den 68ern bin ich nie beleckt worden. Ich war damals stark

eingespannt in meinem Job und in meiner Familie. Auch mein Verhältnis

zu unserer Demokratie war anders. Ich gehöre der Generation

an, die noch persönlichen und engen Kontakt zu den Menschen hatte,

die im Krieg waren. Nach dem Krieg waren nicht alle gleich Feuer und

60


Hans-Jürgen Fip

Flamme für die Demokratie. Mir hat es auch politisch unheimlich

geholfen, beide Sichtweisen auf Deutschland zu kennen.“

1972 zieht Hans-Jürgen Fip für die SPD erstmals in den Rat der Stadt

Osnabrück ein, bekleidet verschiedene Posten. Er ist viele Jahre

Vorsitzender der Jusos in der Stadt und im Landkreis

Osnabrück und danach in Weser-Ems. Als er in dieses Amt

einzieht, ist Willy Brandt Parteivorsitzender und Hans-Jürgen

Wischnewski Bundesgeschäftsführer der Sozialdemokraten.

Beides Persönlichkeiten, die Hans-Jürgen Fip prägen.

„Die Osterweiterung unter Willy Brandt war ja nicht mit jedem

im Land zu machen. Die einen haben das als Verrat empfunden

– Brandt, Wischnewski und Bahr waren aber die Treiber

für die Versöhnung mit den osteuropäischen Ländern. Wir in

Osnabrück haben das als liberale Stadt mit der Verpflichtung

als Friedensstadt immer unterstützt.“

Er setzt sich schon früh für eine offene Gesellschaft ein,

begleitet die Gestaltung der Zukunft in Verantwortung für die

nachfolgenden Generationen. Die Demokratie und deren

Erhaltung und Verteidigung prägen ihn bis heute. 1972 ist für

Osnabrück auch ein Zeitenwechsel. Zum ersten Mal nach

Kriegsende erreicht die SPD in der Stadt die absolute Mehrheit.

Sie gewinnt vor allem mit dem Thema Friedens-und Außenpolitik.

Auch damals schon strahlt die Arbeit der Bundespartei

auf die Politik in den Ländern und Kommunen ab.

1986 wird er Fraktionsvorsitzender. 1991 wählen ihn die Ratsmitglieder

zum ehrenamtlichen Oberbürgermeister. Er wird Nachfolger der

Christdemokratin Ursula Flick. Dann kommt die Eingleisigkeit. 1997

tritt er als Direktkandidat für die SPD bei der Wahl zum Oberbürgermeister

an und gewinnt im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit

62


Dem Frieden verpflichtet

der Stimmen. Seine Wahlperiode endet 2006 altersbedingt. „Es war

bei meiner ersten Wahl ein Vertrauensbeweis für meine und unsere

Arbeit über die Parteigrenzen hinweg. Schon nach der Wahl 1991 zum

Oberbürgermeister waren die Themen gesetzt. Es ging um die Stärkung

von Osnabrück als Oberzentrum, den Ausbau der Hochschulen

und der kulturellen Aktivitäten in der Stadt, eine bessere Gesundheitsversorgung,

die Tourismus entwicklung sowie die Verwaltungs -

modernisierung. Da konnte ich viel bewirken und steuern.“

Osnabrück war die erste Stadt in Deutschland,

in der es ein hauptamtliches Büro

für Friedenskultur gab.“

Dazu gehört die Etablierung der Stadt Osnabrück als Friedensstadt.

Münster nennt sich „Stadt des westfälischen Friedens“, Osnabrück

wird zur „Friedensstadt“. Das Image wird – entwickelt und erarbeitet

mit Wegbegleitern – von Hans-Jürgen Fip stark vorangetrieben und

mit Leben gefüllt.

„Zum Profil der Friedensstadt Osnabrück gehören unter anderem das

Steckenpferdreiten, das Erich Maria Remarque-Zentrum, Terre des

Hommes oder auch die Deutsche Stiftung Friedensforschung. Der

Remarque-Friedenspreis wird von der Stadt und der Universität

gemeinsam vergeben. Beide richten auch die Osnabrücker Friedensgespräche

aus. Osnabrück war die erste Stadt in Deutschland, in der

es ein hauptamtliches Büro für Friedenskultur gab.“

Ein Höhepunkt in der Amtszeit von Oberbürgermeister Fip ist das

Jubiläum zum Tag des Westfälischen Friedens im Jahr 1998. In beiden

Städten, Münster und Osnabrück, werden 350 Jahre Friedensschluss

gefeiert. Alle Staatsoberhäupter aus den im Jahr 1648 daran beteiligten

Nationen kommen in die Stadt. Darunter Bundespräsident Roman

Herzog, König Carl Gustaf und Königin Silvia von Schweden, Königin

Margrethe II. von Dänemark, König Juan Carlos von Spanien, König

Albert von Belgien und Königin Beatrix aus den Niederlanden. Parallel

zu den Feierlichkeiten hat Osnabrück eine große Ausstellung ins

Leben gerufen.

Wichtig für Hans-Jürgen Fip ist die Aussöhnung mit den jüdischen

Mitbürgern. 1994 schreibt die Stadt einen Architekturwettbewerb für

den Bau des Felix-Nussbaum-Hauses aus. Nussbaum – ein Künstler

der Neuen Sachlichkeit – wurde 1901 in Osnabrück geboren. Er starb

1944 im KZ Auschwitz. Der Architekt Daniel Libeskind gewinnt die

Ausschreibung; 1998 wird das Haus mit zahlreichen Werken des

Künstlers eröffnet. Es ist eine Mahnung an kommende Generationen,

sich gegen Rassismus und Verfolgung aktiv einzusetzen.

„Es ist nicht nur ein Haus der Kunst, sondern auch ein Haus der

Begegnung und der Auseinandersetzung mit den Gräueln der Nazizeit.

Es geht um die zivilisatorische Frage und – gerade in der jetzigen

Zeit, wo Populismus und Rechtsradikalismus wieder erstarken – um

die Beschäftigung mit unserer Geschichte. So etwas darf nicht wieder

passieren, wir müssen uns mit unserer Geschichte weiter ausein -

andersetzen und klarmachen, dass unsere Form der Demokratie, der

Zivilisation und des friedlichen Zusammenlebens aller Menschen

nicht aufgeweicht oder sogar zerstört werden darf.“

Mit seinem 75. Geburtstag gibt Hans-Jürgen Fip alle Ehrenämter auf.

Es freut ihn besonders, dass die nächste Generation mittlerweile im

Unternehmen tätig ist. Nicht zuletzt wegen seiner Ehrenbürgerschaft

beschäftigen ihn die gesellschaftlichen und politischen Themen der

Stadt jedoch weiterhin. |

LA

63


EIN FAMILIENUNTERNEHMER MIT

DISZIPLIN UND LEIDENSCHAFT

r ist erst 14 Jahre alt, als für ihn die wohl wichtigste Weiche für

sein gesamtes Leben gestellt wird: Hartmut Dieckmann, heute

geschäftsführender Gesellschafter der DIECKMANN Bauen +

Umwelt GmbH & Co. KG. Der Osnabrücker erinnert sich: „Meine

Eltern waren sehr früh verstorben. Meine Tante – die Schwester

meines Vaters – und mein Onkel, die keine Kinder hatten, nahmen

mich auf. So bin ich damals nicht nur in einen anderen Haushalt,

sondern gleichzeitig auch in gewisser Weise in eine Firma gekommen.“

Eine Erfahrung, die ihn bis heute prägt. „Ich musste schon früh

ein hohes Maß an Selbstständigkeit entwickeln und habe – um mir

mein Taschengeld zu verdienen – im Betrieb, den ich heute leite, an

den unterschiedlichsten Stellen mitgearbeitet.“

Die Unternehmensgruppe DIECKMANN zählt heute zu den größten

Handwerksbetrieben im Nordwesten Deutschlands im Straßen- und

Tiefbau sowie in den Bereichen Entsorgung, Recycling und Umweltschutz.

„Jedes Projekt – für öffentliche und private Auftraggeber –

HARTMUT DIECKMANN

geboren 1956 in Osnabrück

verheiratet, zwei Kinder, ein Enkel

geschäftsführender Gesellschafter

der DIECKMANN Bauen + Umwelt

GmbH & Co. KG

folgt bei uns nach den gleichen

Grund sätzen: Wir bauen durchdacht,

schnell, wirtschaftlich und

umweltfreundlich.“ Der Osnabrücker

unterstreicht diese

Botschaft mit dem Hinweis:

„Wer mit uns zusammenarbeitet, der kann sich absolut darauf

verlassen, dass wir die Baustelle spätestens bis zum vereinbarten

Termin fertigstellen. Termintreue ist für mich ein Muss.“ Garant dafür

seien etwa 480 gut ausgebildete und motivierte Mitarbeitende, die

die vielen Projekte in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und

Mecklenburg-Vorpommern unter dem Firmenmotto „WIR von

DIECKMANN“ umsetzen. „Wir setzen bei allen Projekten auf eigene

Mitarbeiter und nur äußerst selten auf Subunternehmen“, betont der

63-Jährige.

Zurück zum heutigen Firmenchef. Nach einem Bauingenieurstudium

wird er Bauleiter, verantwortet einige Tochterunternehmen und

tritt Anfang 2000 in die Gesamtgeschäftsführung ein. „Bei allen

Stationen hat es mir geholfen, dass ich von der Pieke auf mitge -

arbeitet und nahezu jeden Handgriff mindestens einmal selbst

ausgeführt habe. Damit lässt sich die praktische Arbeit besser

be urteilen und wertschätzen.“ Die Zusammenarbeit mit seinem

dominanten Onkel, der bis 2012 die Verantwortung im Unternehmen

hatte, „war schon eine große Herausforderung für mich“. Zwei sehr

unterschiedliche Generationen trafen aufeinander „und ich musste

schon einiges an Durchhaltevermögen, die Fähigkeit zur Diplomatie

und die nötige Gelassenheit mitbringen“. Für ihn sei in all den Jahren

immer klar gewesen, „dass ich mit geschicktem Fädenziehen aus

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Hartmut Dieckmann

dem Hintergrund aktiv die notwendige Weiterentwicklung zu einem

modernen und erfolgreichen Unternehmen mitgestalte, um später

einmal die von meinem Opa gegründete Firma zu leiten“. Ihm habe

die Aufgabe sehr viel Spaß gemacht, und „mit der gewissen Cleverness

bzw. Schlitzohrigkeit, die man auf dem Bau immer

braucht, hat es gut geklappt“.

Die Zeit bei seiner Tante und bei seinem Onkel, die ihn erst

2004 offiziell adoptierten, hat Dieckmann stark geprägt. „Ich

habe nichts geschenkt bekommen, preußische Tugenden

waren Gesetz.“ Bescheidenheit, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit,

Disziplin – das seien vier Eigenschaften, die aus seiner Sicht

zwingend notwendig sind, um erfolgreich durch das Leben zu

gehen. Bei der Führung des Unternehmens setze er auf

Teamarbeit und die Übernahme von Verantwortung durch

jeden einzelnen Mitarbeiter. „Das hat sich bewährt.“ Gleich -

zeitig räumt er ein, „dass ich ganz gerne die meisten Sachen

auch einmal auf meinem Schreibtisch habe“. Schmunzelnd

fügt er hinzu: „Wenn in der Firma die Frage kommt, ob wir

irgendeine Arbeit schon einmal gemacht haben, dann will

keiner mit mir wetten.“ Wer ihn jedoch als detailversessen

beschreibe, liege daneben. „Informationsbesessen trifft es

eher. Ich kann mir auch einfach gut Zahlen und die Zusammenhänge

dahinter merken.“

Auf seine Mitarbeiter angesprochen, die meist eine sehr lange

Betriebszugehörigkeit haben, hat Dieckmann eine einfache Herangehensweise.

„Sie müssen ihre Arbeit vernünftig machen“, sagt er.

Vernünftig bedeute für ihn, dass auf den Baustellen zuverlässig agiert

wird. „Fehler passieren immer, dazu muss man dann stehen. Beim

ersten Mal kann ich gut verzeihen, passiert es ein zweites Mal, dann

66


Ein Familienunternehmer mit Disziplin und Leidenschaft

wird es schon schwieriger“, sagt er. „Management by Besenstiel“ wie

in früheren Zeiten sei nicht seine Welt, es gehe darum, positiv zu

motivieren. Laut werde er nur selten. Vernünftig bedeute auch, dass

die wirtschaftlichen Ergebnisse stimmen. „Unsere Firma funktioniert,

wenn die Zahlen stimmen. Der Laden muss laufen, so wie seit fast

hundert Jahren.“ Dazu gehöre aus Tradition auch die Maxime, dass

die erforderlichen Maschinen nicht geleast, sondern aus Eigenmitteln

gekauft werden.

„Wir verstehen uns als eine Familie, die – wenn

es mal außerhalb der Firma Probleme gibt – für

jeden einzelnen nach Lösungen sucht.“

Für die nächsten Jahre sieht Dieckmann eine der größten unter -

nehmerischen Herausforderungen in der Mitarbeitergewinnung und

in der Qualifikation. „Eine gute Ausbildung ist die beste Grundlage für

Erfolg“, sagt Dieckmann. Deshalb würde der Nachwuchs durch

gezielte Aktivitäten unterstützt, beispielsweise Schulungen durch

Senioren, die lange im Unternehmen waren. „Motivierte junge

Menschen zu finden, die klare Ziele verfolgen, ist eine schwierige

Aufgabe geworden. Im Straßenbau fehlen uns und der gesamten

Branche massiv Personal.“ Aktuell versuche man beispielsweise,

Mitarbeiter aus dem Kosovo für die Firma zu begeistern. Auch für

diese Mitarbeiter gilt: „Wir verstehen uns als eine Familie, die – wenn

es mal außerhalb der Firma Probleme gibt – für jeden einzelnen nach

Lösungen sucht.“ So gebe es einen Sozialfonds, der vom Betriebsrat

verwaltet wird. Aktivitäten wie Betriebssport oder eine bereichsüber-

greifende Weihnachtsfeier haben ebenfalls eine lange Tradition und

stärken das Wir-Gefühl.

Seine Frau Susanne hat Dieckmann, der gerne zur Jagd geht und viel

Zeit mit seinen guten Freunden verbringt, bereits Anfang der 1970er-

Jahre durch den Reitsport kennen- und liebengelernt. Die gelernte

Physiotherapeutin ist für ihn seit 1986 der stabile familiäre Rückhalt.

Sie hat ihm den Rücken frei gehalten, Kraft gegeben und sich um das

Wohlergehen und die Erziehung der Kinder Ann-Kathrin (31) und

Hendrik (29) gekümmert. Dieckmann weiß das sehr zu schätzen, „und

wenn ich mir rückblickend etwas wünschen könnte, dann wäre das

sicherlich, dass mir neben meiner Arbeit mehr Zeit für die Familie

geblieben wäre.“

Während die Tochter Ann-Kathrin nach einem Betriebswirtschaftsstudium

mit ihrer Familie in Düsseldorf lebt, hat es Sohn Hendrik nach

seinem Ingenieurstudium ebenso in die Baubranche verschlagen. „Er

ist ja wie ich sozusagen mit der Firma groß geworden, hat auch wie

ich damals an vielen Stellen mitgearbeitet. Aktuell arbeitet er in einer

Firma, die ähnlich wie unser Haus funktioniert“, freut sich der Vater.

Dort könne der Junior viel lernen, was später einmal auch in Osnabrück

gebraucht werde. Schon jetzt sind Ann-Kathrin und Hendrik als

Gesellschafter beteiligt und interessiert, ihren Vater zu unterstützen.

„Ich darf optimistisch sein, dass ich unseren Familienbetrieb in die

vierte Generation übergeben kann.“ Er sei gespannt auf die Herausforderung,

im täglichen Geschehen mit seinem Sohn zusammenzuarbeiten,

denn „wir sind schon sehr unterschiedlich und er wird mich

von neuen Ideen sicher erst überzeugen müssen“. Seine Kinder

können sich auf ein verjüngtes Führungsteam freuen und „auf einen

Vater, der gerne abgeben wird, denn ich möchte mit meiner Frau,

Kindern und Enkelkindern noch viel Schönes erleben“. | HH

67


BEIM FUßBALL VÖLLIG

TALENTFREI

olger Glandorf wird am 30. März 1983 in Osnabrück geboren

und wächst am Kalkhügel auf. Seine Kindheit ist unkompliziert

und in bester Erinnerung. Die beginnt mit der Zeit im Pius -

kindergarten. Er ist ein aufgeschlossener Junge mit großem

Bewegungsdrang. Er muss nur über die Straße laufen und ist

schon auf dem Schulhof, auf dem er mit den anderen Kindern nicht

nur den Sandkasten unsicher macht.

„Ich habe noch einige Freunde in Osnabrück. Die sehe ich leider viel

zu selten. Einen guten Kontakt habe ich immer noch zu Anna, meiner

Kindergartenfreundin. Auch wenn wir nur unregelmäßig miteinander

telefonieren ist es so, als ob wir uns gerade erst getroffen hätten.“

Die Schulzeit beginnt für Holger Glandorf an der Piusschule, die ebenfalls

nur ein paar Meter vom Elternhaus entfernt ist. Holger ist ein

guter Schüler. Das Lernen fällt ihm leicht. Er wächst katholisch auf,

wird Messdiener, sein Vater ist im Kirchenvorstand. Vom Geld, das er

HOLGER GLANDORF

geboren am am 30. März 1983

in Osnabrück

Handballprofi, Sportmanager

Holger Glandorf lebt in Flensburg.

zur Kommunion bekommt, kauft

er sich eine Nintendo-Spiele -

konsole.

„Ich glaube, da war das Starterpaket

mit Tetris, Fußball und

Super Mario dabei. Ich bin aber

froh, dass diese elektronischen Spielgeräte, die Kindern und Jugendlichen

heute viel Zeit rauben, noch nicht so verbreitet waren. Wir

waren viel lieber auf der Straße oder mit dem Fahrrad in der Gegend

unterwegs.“ Das Fernsehprogramm ist für ihn überschaubar, ein

wenig „Sesamstraße“ und später mit seinem großen Bruder „Knight

Rider“ mit David Hasselhoff.

Der Vater ist begeisterter Handballer, spielt wie Holgers Bruder, sein

Onkel und auch sein Cousin bei der SG OSC/Post SV Osnabrück, der

heutigen HSG Osnabrück.

„Ich weiß noch, dass mein Vater und mein Bruder mich oft zu den

Spielen mitgenommen haben. Ich durfte dann beim Aufwärmen die

ersten Bälle werfen. Ich habe zwar auch hobbymäßig Fußball gespielt,

aber da war ich, glaube ich, relativ talentfrei. Daraus wäre wohl nie

eine Sportlerkarriere geworden.“ Die liegt auf dem Handballfeld, auch

wenn es damals noch nicht abzusehen ist.

Nach der Orientierungsstufe wechselt er zum Graf-Stauffenberg-

Gymnasium. Seine Lieblingsfächer sind Sport, Erdkunde und Mathe,

mit Sprachen hat er es nicht so. Und dann ist da ja noch der Handballsport,

der mittlerweile einen großen Teil seiner Freizeit einnimmt.

Ein Freund des Vaters erkennt sein Talent, empfiehlt ihn bei den

Handballern der HSG Nordhorn. Da ist er 16 Jahre alt.

68


Holger Glandorf

Sein Leben ändert sich grundlegend. Neben der Schule trainiert er

vier- bis fünfmal in der Woche in Nordhorn, am Wochenende wird

gespielt. Er wird gefahren, meistens kommen seine Eltern mit. „Ich

wusste zwar, dass ich ein guter Spieler bin, aber ich habe zu dem Zeitpunkt

noch nicht darüber nachgedacht, Profi zu werden. Wobei

– ehrgeizig war ich immer schon.“

Nach der Schulzeit wechselt er ganz nach Nordhorn. Neben

Training und Spielbetrieb leistet er seinen Zivildienst ab. Der

Arbeitsplatz ist ein heilpädagogischer Kindergarten. Sein

Engagement lässt auch seine Betreuerin nicht unbeeindruckt.

„In der Zeit habe ich dann meine Frau kennengelernt. Ich war

ihr Zivi und später dann ihr Mann.“

Auch sportlich hat er Glück, welchem allerdings das Pech der

HSG zugrunde liegt. 2002 bekommt der Verein finanzielle

Probleme, einige gute Spieler müssen gehen. Das ist seine

Chance – und die nutzt er. Holger Glandorf hat schon einige

Einsätze in der Bundesligamannschaft absolviert und wird

Stammspieler. Sein Talent und seine Spielfreude zahlen sich

aus. Er trifft regelmäßig, wird zum Torgaranten und mit der

HSG 2002 Deutscher Vizemeister. Nur ein Jahr später debütiert

er in der Deutschen Handballnationalmannschaft – und wird

unverzichtbar für das DHB-Team. 2007 dann der Höhepunkt

seiner Handballerlaufbahn: die Weltmeisterschaft in Deutschland.

Ein Jahr nach dem „Sommermärchen“ der Fußballer kann

sich das DHB-Team unter Trainer Heiner Brand beweisen. Wobei sich

die Mannschaft in der Vorrunde schwer tut. Sie verliert sogar ein Spiel

gegen die Polen.

„Wir sind überhaupt nicht ins Turnier gekommen. Die Spielzüge haben

nicht gesessen, im Abschluss waren wir nicht so stark wie gewohnt.

70


Beim Fußball völlig talentfrei

Aber wir haben uns dann in der Hauptrunde richtig reingehängt und

sogar völlig unerwartet den Favoriten Frankreich geschlagen. Und

dann standen wir tatsächlich im Endspiel. Eine geniale Stimmung in

der Halle, das Publikum war quasi der achte Mann.“ Wieder ist der

Gegner Polen. Diesmal lassen die Männer um Holger Glandorf keinen

Zweifel an ihrem Siegeswillen. Das Team wird in Köln mit einem

29:24-Finalsieg Handballweltmeister. Das „Wintermärchen“ ist

perfekt!

„Wir sind richtig groß gefeiert worden. Danach hat der Handball in

Deutschland wieder an Bedeutung gewonnen, stand für kurze Zeit

im Blickpunkt. Der Sport wird leider nicht so unterstützt, wie er es

verdient hat. Da werden Viertligaspiele im Fußball übertragen, aber

Handball, Rudern oder andere Sportarten spielen für das Fernsehen

immer noch keine Rolle.“

„Meine Frau hat mir in diesen wichtigen

Jahren immer den Rücken frei gehalten und

macht das auch heute noch.“

Holger Glandorf will in Nordhorn bleiben. Er fühlt sich dort wohl, sein

erster Sohn wird geboren. Auch sportlich läuft alles rund. 2008 wird

er EHF-Pokalsieger. Dann die Insolvenz der HSG. Diesmal gibt es keine

Rettung, der Verein muss zwangsweise in die zweite Liga absteigen.

Er wechselt nach Lemgo, wird dort 2010 ebenfalls EHF-Sieger, ist viel

unterwegs. Mittlerweile ist sein zweiter Sohn geboren.

„Meine Frau hat mir in diesen wichtigen Jahren immer den Rücken frei

gehalten und macht das auch heute noch. Als Bundesligaspieler bist

du entweder beim Training oder beim Spiel. Und Urlaub kann man

nur im Juni oder Juli machen, ansonsten ist der Spielplan das Korsett.

Da muss man sich schon sehr einschränken.“

Die Zeit beim TBV Lemgo wird nicht die einfachste, einige Verletzungen

werfen ihn zurück. Dann kommt der nächste Wechsel. Mit seiner

Frau und seinen beiden Söhnen zieht es ihn 2011 in den hohen Norden

Schleswig-Holsteins. Die SG Flensburg-Handewitt wird sein neuer

Verein. Es kommen weitere Titel für den Osnabrücker dazu: 2012

Europapokalsieger der Pokalsieger, 2014 Champions-League-Sieger

sowie 2018 und 2019 Deutscher Meister. Holger Glandorf ist ein

verlässlicher Torjäger. Bis heute hat er die meisten Feldtore in der

Bundesligageschichte erzielt.

„Flensburg ist meine Heimat geworden. Hier fühle ich mich mit

meiner Familie richtig wohl. Wir sind Küstenkinder geworden, haben

eine tolle Nachbarschaft, haben uns einen Freundeskreis aufgebaut,

meine Kinder gehen hier zur Schule und spielen – Handball.“

Dabei ist es ihm wichtig zu erklären, dass er die beiden nicht drängen

musste. Der Vater ist eben auch sportlich ein Vorbild. Er unterstützt

seine beiden Jungs, aber sie dürfen den schulischen Teil nicht vernachlässigen.

Darauf achtet er, denn im Handballsport ist es nicht so

wie bei den Fußballprofis, da werden keine Millionen gescheffelt.

„Ich habe neben dem Handball Sportmanagement studiert. Das war

mir wichtig, gerade im Hinblick auf die Zeit nach der aktiven Phase.

Wer das nicht rechtzeitig erkennt, hat oft Probleme.“

Es ist die letzte Saison des hochtalentierten Handballers aus Osnabrück.

Im Sommer 2020 will er aufhören. Noch einmal das Derby

gegen den THW gewinnen, vielleicht noch einmal Meister werden. In

Zukunft wird er den Verein in der Geschäftsstelle unterstützen. Er wird

ein Küstenkind mit einem Herz für Osnabrück bleiben. | LA

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TRÄUME SIND DIE WEGWEISER

MEINER HOFFNUNG

eine Geburtsurkunde hüte ich wie einen Schatz. Sie ist meine

einzige neutrale Erinnerung an meine ersten Lebensjahre.“ John

Alexander McGurk wird am 21. Februar 1961 in Glasgow, Schottland,

geboren. Er liebt seine Heimat, die schottischen Highlands,

den Dialekt, den ansonsten niemand versteht. Die Zeit ist von

Arbeitslosigkeit, Trostlosigkeit und Lieblosigkeit geprägt. John wächst

in schwierigen Umständen auf. „Ich bin als Kind durch die Hölle

gegangen, und das ist keine Floskel, so habe ich es erlebt.“ Er kann

sich an keinen glücklichen Moment erinnern. Die Gegend ist geprägt

von marodierenden Jugendgangs, die das Recht in die eigene Hand

nehmen. John muss sich wehren, wächst ohne Liebe und Geborgenheit

auf. In einem Bericht des Kinderschutzbundes steht: „John ist

blass, er übergibt sich oft und trägt keine gute Kleidung. Die Chancen

auf eine vernünftige Zukunft liegen bei 0,0 Prozent!“ Aus heutiger

Sicht eine niederschmetternde Prognose.

JOHN McGURK

geboren am 21. Februar 1961 in Glasgow

Papiertechnologe, Extremsportler

John McGurk lebt in Osnabrück.

John hat noch sechs Geschwister,

die alle verwahrlosen. Der

Vater prügelt die Mutter, die

Kinder straft er mit Missachtung.

Er verliert den Glauben an das

Gute im Menschen, sucht die

Schuld für die desolaten Zustände bei sich. „Alle Wunden, die mir als

Kind und Jugendlicher zugefügt wurden, hinterließen böse Schatten

in meiner Erinnerung.“ Und dann passiert das Unfassbare, die Mutter

verlässt die Familie und kehrt nicht mehr zurück. Die Familie wird

auseinandergerissen. John kommt in ein Kinderheim und erlebt

wieder Brutalität und Zurückweisung. Die anderen Jungen haben

ähnliche Schicksale hinter sich, Mitleid ist hier fehl am Platz. Er muss

sich unterordnen. Kurz nach seiner Ankunft bekommt er den rauen

Ton zu spüren. „Einer der Jungs, ein großer dünner, machte mir klar,

wie die Hackordnung ist: ,Hör mal zu, du kleiner Wurm. Ich bin hier der

Boss und alle hören auf mein Kommando. Also, mach keinen Ärger.’“

„Ich war traurig, eingeschüchtert und verzweifelt.“ John wird in

den kommenden Jahren verprügelt, gedemütigt und unter Drogen

gesetzt. Er kapselt sich ab und versucht zu überleben. Er legt sich

einen Panzer zu.

Irgendwann ist der Alptraum Heim vorbei. John beginnt eine Malerlehre.

„Die Zeit der Lehre war für mich ein absolutes Privileg. Ich tat

alles, um zu zeigen, dass ich es draufhatte. Ich kam pünktlich, blieb

oft länger und gab mir bei der Arbeit die allergrößte Mühe.“

Nach der Lehre steht er erst einmal ohne Job da. Ein Schicksal, dass

er mit vielen anderen jungen Männern teilt. Er entschließt sich,

72


John McGurk

zur Armee zu gehen. Er wird angenommen. Körperlich ist er in keiner

guten Verfassung. Ihm wird klar, dass er es nur mit eisernem Willen

schaffen kann, und entdeckt das Laufen für sich. „Es dauerte Wochen,

bis ich erstmals sportliche Wettkämpfe gewann. Diesen ersten Platz

wollte ich mir nicht mehr nehmen lassen.“ Er bekommt

Auszeichnungen, die sein Selbstbewusstsein stärken.

Er wird dem Regiment „The Kings Own Scottish Borderers“

zugeteilt und nach Osnabrück versetzt. „Deutschland hat mich

nicht sofort überzeugt, aber ich war vom armen Schottland im

berühmten Deutschland gelandet.“ Doch schnell stellt er fest,

dass die englischen Soldaten nicht besonders beliebt sind. In

den Kneipen sind sie nicht erwünscht, es gibt oft Schlägereien,

vor allem untereinander. Er lernt seine erste Frau kennen, eine

Osnabrückerin. Sie bekommen eine Tochter, Kim, das Glück für

den jungen Mann von der Insel. Doch die Ehe hält nicht. „Wir

mussten erkennen, dass es nicht funktioniert, und haben uns

friedlich getrennt. Etwas Besonderes nach den vielen schlechten

Erfahrungen in meinem Leben.“

Zu diesem Zeitpunkt trinkt er zu viel und raucht ohne Maß.

1984 muss er nach England zurück, wird aus dem Militärdienst

entlassen und steht vor dem Nichts. England hat keinen Platz

für ihn. Er kehrt nach Osnabrück zurück und macht eine

Ausbildung zum Papiertechnologen bei Kämmerer. Er beginnt

wieder zu trinken und will nicht mehr. „Ich zündete mir eine

Zigarette an und trank Whisky, hatte Magenschmerzen und sagte mir:

John McGurk, du bist am Ende, endgültig.“

Er bricht zusammen, spuckt Blut. Dann ist es plötzlich taghell im

Zimmer. Eine Frau tritt ein und sagt: „John, Gott hat dir ein großes Herz

gegeben und hat Großes mit dir vor!“ Eine Erscheinung, die nur

74


Träume sind die Wegweiser meiner Hoffnung

wenige Augenblicke dauert, aber sein ganzes Leben verändert. Sein

Lebenswille, Hoffnung und Mut kehren schlagartig zurück. Er hört auf

zu trinken und zu rauchen, zieht nach Lotte. Es ist der Beginn seiner

karitativen Arbeit. „Ich brauchte keinen Alkohol mehr, musste mich

nicht mehr betäuben!“

In dieser Zeit lernt er seine zweite Frau Katja kennen, die ihm bei

einem Spaziergang auffällt. Ein gutes Omen ist, dass beide am

gleichen Tag Geburtstag haben. Mit ihr hat John zwei Kinder. 1990 wird

Nico geboren, 1993 Mandy. Er wird Mitglied bei UNICEF, bekommt

Kontakte zu Menschen und Sponsoren, die jeden Kilometer bezahlen,

den er für den guten Zweck läuft. Beim ersten Lauf 1997, der von

seinem Arbeitgeber unterstützt wird, kommen 20 000 DM für den

guten Zweck zusammen.

„Ich habe einen Kontakt in den Himmel

bekommen. Jeder Wettkampf, jeder Lauf

wurde ein Gebet voller Wertschätzung für

den Allmächtigen.“

Das Netzwerk wächst. Sein Markenzeichen bei den Läufen für Kinder

in Not wird der Kilt. Auch bei offiziellen Terminen tritt er mit der schottischen

Nationalkleidung auf. Und er betet zu Gott. „Ich habe einen

Kontakt in den Himmel bekommen. Jeder Wettkampf, jeder Lauf

wurde ein Gebet voller Wertschätzung für den Allmächtigen.“ John

bittet darin sogar konkret, dass es eines Tages eine Million Mark

werden mögen. Sein Engagement weckt das Medieninteresse.

Immer öfter unterstützen ihn hochrangige Politiker wie der Bundespräsident,

der niedersächsische Ministerpräsident oder der Ober -

bürgermeister von Osnabrück, Wirtschaftsbosse oder freiwillige

Helfer. Die braucht er auch, um seine vielen Hilfsprojekte umzusetzen.

Im Oktober 2008 gründet er zusammen mit seiner Frau Katja den

Verein „Sportler 4 a childrens world e. V.“ Ziele sind zum Beispiel der

Einsatz für gewaltfreie Erziehung, der Schutz vor Ausbeutung, die

Entfaltung der Persönlichkeit, Schule, Ausbildung und Selbstständigkeit.

In dem ehemaligen Schalke-Manager Rudi Assauer finden sie

einen pro minenten Unterstützer. Assauer wird Ehrenpräsident des

Vereins.

Neben seinem Beruf und seinem Engagement für den Verein und

insbesondere für Kinder, die dringend Hilfe brauchen, ist John McGurk

glücklich und dankbar, dass er die Chance hatte, sein Leben in neue

Bahnen zu lenken. Nicht allen Geschwistern ging es so. „Meine kleine

Schwester Jean hat sich wegen Missbrauchs das Leben genommen.

Ich wollte es immer anders machen als meine Eltern. Ich habe meinen

Kindern meine Liebe gegeben und Vertrauen in die Welt und ihre

Eltern. Ohne Kim hätte ich das alles sicher auch nicht geschafft. Mein

Sohn Nico hat gerade Nachwuchs bekommen und ihn nach mir

benannt. Jetzt gibt es auch einen John McGurk jr. Das macht mich

schon ein wenig stolz.“

Für seine karitative Arbeit ist John McGurk mit der Bürgermedaille der

Stadt Osnabrück und dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet

worden – sicherlich eine zusätzliche Motivation, mit seiner Arbeit für

Kinder in Not weiterzumachen.

Seine Erlebnisse, ungeschönt und mit allen Schattenseiten des

Lebens, hat er in seinem Buch zusammengefasst: „Aufstehen, Kilt

richten, weiterkämpfen!“ |

LA

75


EIN MANN MIT

KLAREN ZIELEN

s ist der 7. Juli 2013. Jürgen Bruns-Coppenrath tritt morgens

bei der Ironman-Europameisterschaft in Frankfurt an. Gut

13 Stunden benötigt der damals 49-Jährige für 3,86 Kilometer

Schwimmen, 180,2 Kilometer auf dem Rad und 42,195 Kilometer

in Laufschuhen zu Fuß. Um das Ziel zu erreichen, waren

viele Monate harter Vorbereitung voller Disziplin, Leidenschaft

und Willen gefragt. Eigenschaften, die dem Familienvater nicht

nur im Sport, sondern auch als Partner der Kanzlei PKF WMS Bruns-

Coppenrath & Partner nachgesagt werden.

„Ja, das stimmt. Um den Ironman zu bestehen, habe ich mir immer

wieder klare Ziele gesetzt. So, wie wir es hier mit unseren Partnern in

unserer Kanzlei jedes Jahr machen“, erzählt der Steuerberater und

Wirtschaftsprüfer. Aus seiner Sicht gelte für alle Lebenslagen: „Man

muss sich Ziele setzen, für die man brennt, die es Wert sind, sich

richtig anzustrengen.“ Ein Ziel dann auch zu erreichen, „ist ein

unbeschreibliches Gefühl“.

JÜRGEN BRUNS-COPPENRATH

geboren 1964 in Meppen

verheiratet, zwei erwachsene Kinder

Ironman und begeisterter Marathonläufer

Wirtschaftsprüfer und Steuerberater in der

PKF WMS Bruns-Coppenrath & Partner

Neben Fußball und Badminton

in Meppen begleitet ihn die

Laufleidenschaft seit Mitte der

1980er-Jahre. „Ich habe vom

Elternhaus, durch die Ausbildung

und auch durch den Sport gelernt,

dass Disziplin und Leidenschaft dazugehören. Sonst ist es

schwer, sich für Ziele zu motivieren und beispielsweise morgens oder

abends auch bei Schietwetter durch den Wald zu laufen – und das

bei einer Arbeitswoche, die bei mir fast immer 55 Stunden oder mehr

kennt.“

Auch der Umstand, dass er vor 18 Jahren nach vielen Jahren als Prüfer

beim Genossenschaftsverband den Sprung in die Selbstständigkeit

machte, ist das Ergebnis einer eindeutigen Zielsetzung. „Schon in

meiner Jugend habe ich meinen Freunden in lockeren, durchaus auch

trinkfesten Runden gesagt, dass ich einmal mein eigener Chef sein

möchte.“ Der Weg dahin sei durch viele Erfahrungen geprägt

gewesen – beispielsweise auch durch die Zeit als Zivildienstleistender.

Vor allem im Elternhaus sei früh unternehmerisches Denken gefragt

gewesen. Sein Vater war Unternehmensleiter einer Molkerei „und

da mussten dann alle mit anpacken. Ich habe schon mit 14 Jahren

die Milchgeldabrechnungen gemacht.“ Zahlen spielten somit schon

früh eine Rolle im Leben des heute 55-Jährigen.

Apropos Zahlen: Was fasziniert ihn bis heute, sich mit Unternehmenskennzahlen

zu beschäftigen und diese zu durchleuchten? Bruns-

Coppenrath: „Ganz einfach: Hinter jeder Zahl verbirgt sich ein

Sachverhalt. Zahlen komprimieren das Leben in einem Unternehmen.

Da stecken Risiko-, Bewertungs- und Zukunftsfragen dahinter und

76


Jürgen Bruns-Coppenrath

eine Bilanz ist ein ganz lebendiges Gebilde. Das zu analysieren, macht

unheimlich viel Spaß.“ Bei dieser Arbeit sei es ein großer Vorteil, dass

sich die Kanzlei in den letzten Jahrzehnten stark weiterentwickelt hat.

Dazu gehöre es, dass nicht nur in der Region ein großes Netzwerk

aufgebaut wurde, sondern „wir auch als Mitglied des PKF-

Verbundes weltweit auf Kompetenzen zugreifen können“.

Allein in Deutschland sind etwa 1300 Mitarbeiter unter diesem

Dach der selbstständigen Berater zusammengefasst.

Als Jürgen Bruns-Coppenrath damals gemeinsam mit Lutz

Strieder als Partner in die Kanzlei einstieg, die bereits 1931 von

Hermann Wilker gegründet wurde, hatte die Partnerschaft

50 Mitarbeiter, heute sind es fünfmal so viele an vier Standorten

im Bereich der IHK Osnabrück-Emsland-Grafschaft

Bentheim. Bruns-Coppenrath ist als „zweitältester“ Partner ein

„alter Hase“ bei PKF WMS Bruns-Coppenrath & Partner. Ein

langer Name, der mit WMS einerseits auf die drei Männer der

ersten Stunden verweist – die Herren Wilker, Müller, Schnüpke

–, andererseits auch für die zentralen Begriffe der Kanzlei

„Werte.Menschen.Strategien“ steht.

„Heute haben wir für alle Bereiche Spezialisten in den Themen

Wirtschafts prüfung, Steuer- und Rechtsberatung sowie

Consulting. Schritt für Schritt haben wir so unser Ziel erreicht,

als Berater in der Region einen gewissen Führungsanspruch

mit hochwertiger Qualität zu bieten.“ Selbstbewusst sagt er,

dass das täglich funktionierende Zusammenspiel der Experten, aber

auch das strategisch-langfristige Agieren ein Garant für diese

Aussage sei. Die für Kanzleien eher seltene ISO-Zertifizierung

unterstreiche das. Um den eigenen Anspruch an die Qualität dauerhaft

weiter gerecht zu werden, „sind wir Partner uns einig, dass wir

78


Ein Mann mit klaren Zielen

auch in den kommenden Jahren weiterhin ein großes Budget für die

Schulung unserer Mitarbeitenden bereitstellen“. Mit einem Schmunzeln

„legt“ Bruns-Coppenrath in Ergänzung zu den geschliffenen und

üblichen Berater-Formulierungen einen Satz nach, den wohl jeder

„Wer erfolgreich sein will, der muss sich

ständig weiterbilden, am Ball bleiben und

sich neu erfinden.“

Mitarbeitende mit ihm in Verbindung bringt: „Wir müssen einfach

jeden Katzendreck durch die Wand riechen können.“ Schließlich ist es

wichtig – und das sei schon bei der Wahl der Auszubildenden ein

zentraler Gedanke –, dass „man in unserem Beruf bei allen Fach -

begriffen und trockenen rechtlichen Definitionen vor allem mit

Menschen gut kommunizieren können muss“. Hinzu komme für

jeden Mitarbei tenden eine angeborene Neugier, denn „wer erfolgreich

sein will, der muss sich ständig weiterbilden, am Ball bleiben und

sich neu erfinden“.

Dass seine Mitarbeiter mit ihm einen Partner haben, der auch Ecken

und Kanten hat, sei ihm durchaus bewusst. „Manchmal wirke ich zu

distanziert, auch wenn ich das gar nicht sein möchte“, sagt er. Wahrscheinlich

wird diese Wahrnehmung auch durch einen anderen

Umstand geprägt. Mit einem Augenzwinkern ergänzt der gebürtige

Meppener: „Da bin ich wohl ein typischer Emsländer: Nicht kritisieren

ist Lob genug . . .“ Für ihn steht fest, dass ein Miteinander der Partner

und der vielen Mitarbeiter nur dann funktioniert, wenn jeder authentisch

bleibt und „wir uns mit gegenseitiger Wertschätzung bei klarer

Aufgabenverteilung vertrauen“.

Er ist überzeugt, dass die Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsbranche

am meisten von den Veränderungen durch die Digi -

talisierung betroffen sein wird. Bei allen Veränderungen sagt

Bruns-Coppenrath, der auch Lehrbeauftragter an der Hochschule

Osnabrück in den Masterstudiengängen Auditing, Finance and

Taxation ist: „Wir müssen uns immer wieder bewusst sein, dass es

unsere einzige Aufgabe ist, für den Kunden mit Leidenschaft in jeder

Situation und noch so schwierigen Ausgangslage so lange an einer

Lösung zu arbeiten, bis wir diese präsentieren können.“

Neben dem Beruf ist für Bruns-Coppenrath die Familie der zweite

zentrale Anker im Leben. Hier sei es seine Frau gewesen, die Lösungen

gefunden hat, wenn „durch meine Arbeitsbelastung immer mal

„Ohne eine Partnerin, die Verständnis für mein

hohes berufliches Engagement hat und meine

Laufleidenschaft mitträgt, funktioniert es nicht.“

hier und da Engpässe entstanden sind“. Er sei dankbar, für den Rückhalt.

„Ohne eine Partnerin, die Verständnis für mein hohes berufliches

Engagement hat und meine Laufleidenschaft mitträgt, funktioniert

es nicht.“ Ihm sei es immer wichtig gewesen, dass „wir beide gemeinsame

Zeit und Erlebnisse schaffen“. Qualität sei – wie auch im Beruf

– wichtiger als Quantität.

Bevor es nach einem langen Arbeitstag nach Hause geht, trifft sich

Bruns-Coppenrath häufig noch mit Freunden. „Auch das gehört für

mich dazu.“ An diesem Abend greift er zur Gitarre und macht Musik.

„Nur so aus Spaß.“ Ob er mal als Musiker auftreten wolle? Diese Frage

lässt er heute unbeantwortet . . . |

HH

79


MIT GR0ßEM TEAM ALS

„TRAINER“ ERFOLGREICH

om Zivildienstleistenden zum Klinikchef – so lässt sich plakativ

der Weg von Dr. Martin Eversmeyer zusammenfassen. In der Tat

hat der Sprecher der Geschäftsführung des Klinikums Osnabrück

seine ersten Erfahrungen mit der beruflichen Aufgabe, die sein

Leben heute prägt, in den städtischen Kliniken in Osnabrück ge -

sammelt. „Es stimmt sicherlich, dass die Zeit als Zivildienstleister den

Ausschlag für mein Berufsziel gab. Ich habe alle Bereiche eines

Krankenhauses für mich entdeckt und das, was ich erleben durfte, hat

mich fasziniert“, sagt Dr. Eversmeyer. Erst habe er beispielsweise in

der Urologie mit angepackt und als es in der Verwaltung einen

Engpass gegeben habe, „hat mich der Direktor aufgrund meiner

Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann eingebunden“.

Für den promovierten Diplom-Kaufmann ist jedoch klar: „Die

Rückkehr als Chef 2017 war kein langfristiger Plan, der aufgegangen

ist. Denjenigen, der mir das vor über 30 Jahren prophezeit hätte,

DR. MARTIN EVERSMEYER

geboren 1961 in Osnabrück

promoviert im Bereich

Medizinwissenschaft

Sprecher der Geschäftsführung Klinikum

Osnabrück GmbH

hätte ich mit großen Augen

angeschaut.“ Vielmehr hätten

Erfahrungen an verschiedenen

Stationen den Weg geebnet.

„Als dann die Stelle ausgeschrieben

wurde, war mir klar, dass ich

meinen Hut in den Ring werfe, da ich gerne beruflich in meine Heimat

zurückwollte.“

Zurück zu den Anfangsjahren. Unmittelbar nach dem Zivildienst

entscheidet sich der gebürtige Osnabrücker für ein Studium. „Heute

bezeichnet man den Studiengang als Gesundheitsmanagement.

Damals war diese Richtung völlig neu und nannte sich ‚Modell-

studiengang für betriebliche Einrichtungen des Gesundheitswesens“,

erinnert sich der 58-Jährige. Während des Studiums sei er nach

Los Angeles in die USA gegangen und erstmals mit dem dort gerade

eingeführten Fallpauschalen-System in Berührung gekommen. „Die

Erfahrungen mit diesem System, das wir ja heute auch in Deutschland

kennen, wurde dann Thema meiner Abschlussarbeit.“ Danach

folgten die ersten Jahre im Krankenhausmanagement, u. a. bei

den Paracelsus-Kliniken in Osnabrück. Und von 2003 bis 2017 war

Dr. Eversmeyer Vorstandssprecher des kommunalen Klinikums

Herford, das sich unter seiner Führung von einem Kreiskrankenhaus

zu einem Universitätsklinikum entwickelte.

Und was hat ihn in Osnabrück erwartet? „Viele Herausforderungen

sind schon sehr ähnlich zu Herford. Auch hier verstehe ich mich in der

Rolle eines Fußballtrainers, selbst wenn ich nie am Spielfeldrand

gestanden habe.“ Ein Trainer müsse seine Spieler motivieren und

80


Dr. Martin Eversmeyer

begeistern können. Sein Ziel müsse es sein, ein gutes Umfeld zu

schaffen – in seinem Fall durch die Bereitstellung von Rahmenbe -

dingungen, die eine erfolgreiche Medizin ermöglichen. Das „Traineramt“

meistert Dr. Eversmeyer mit drei seiner wesentlichen

Eigenschaften: Kommunikation, Verlässlichkeit und Fröhlichkeit.

„Diese drei Eigenschaften sowie das nötige fachliche

Wissen mit der damit verbundenen Fähigkeit, die Hintergründe

hinter nackten Zahlen zu erkennen, sind für mich die Grundlage

für erfolgreiches Arbeiten mit Teams.“ Hinzu komme, dass er

den aktiven Austausch untereinander sehr schätze. Von seinen

Mitarbeitern wünscht er sich Klarheit im Umgang. „Wenn man

ein Ziel verfolgt, dann wünsche ich mir, dass es direkt aus -

gesprochen wird, statt zu taktieren.“ Dann könne man gemeinsam

und zügig herausfinden, was in der jeweiligen Situation

mach- bzw. umsetzbar sei. Selbstkritisch fügt er hinzu:

„Manches Mal wäre etwas weniger Ehrgeiz ganz gut. Zu oft

möchte ich ganz viel sofort erreichen. Das kann andere auch

überfordern.“ Mit einem Schmunzeln ergänzt er: „Ich durfte bei

jeder beruflichen Station dazulernen. Heute bin ich schon viel

gelassener und längst nicht mehr so impulsiv.“

Ausgeglichen zu sein, sei für einen guten Trainer eine der wichtigsten

Fähigkeiten. Dr. Eversmeyer helfen dabei Sport und

Musik. In seiner Freizeit joggt er gerne, auch wenn es aufgrund

der nicht seltenen 60-Stunden-Arbeitswoche oft an Zeit dafür

mangelt. „Beim Sport bekomme ich den Kopf frei und kann sehr gut

abschalten.“ Freude bereitet ihm auch seit seiner Jugend das Gitarrespielen

und der Griff zur Fotokamera. „Beim Fotografieren betrachtet

man die Welt detailliert aus unterschiedlichen Perspektiven, so wie

ich es auch als Klinikchef bei allen Fragen mache.“

82


Mit großem Team als „Trainer“ erfolgreich

Das erste Ziel seiner Zeit in Osnabrück, den unter seinem Vorgänger

Frans Blok eingeleiteten Sanierungsprozesses erfolgreich abzuschließen,

wird Dr. Eversmeyer 2020 erreicht haben. „Bei einem Gesamtumsatz

von etwa 200 Mio. Euro inklusive der Tochterfirmen werden

wir etwa drei Mio. Euro Jahresüberschuss erwirtschaften. Das lässt

uns ruhiger in die Zukunft schauen, denn damit ist die dauerhafte

kommunale Trägerschaft gesichert.“ Die vielen Maß nahmen seit 2015

seien die Grundlage, die nächsten Jahre erfolgreich zu gestalten.

Dabei könne er mittlerweile auch auf eine Füh rungsmannschaft

„Ich bin überzeugt, dass wir auf Dauer nur

erfolgreich sind, wenn wir den großen und

bunten Strauß an Möglichkeiten, die der Gesundheitsmarkt

bietet, ebenso wie unseren Vorteil,

dass wir nicht auf Gewinnmaximierung aus -

gerichtet sind, für uns nutzen.“

zurückgreifen, die seine Handschrift trage. „In der obersten Managementebene

standen seit meinem Eintritt alters bedingt Wechsel an.

Ich musste – um in der Trainersprache zu bleiben – gute Neueinkäufe

tätigen und dafür sorgen, dass sich das Team neu einspielt. Das ist

uns gelungen.“

Es gelte nun, die Strategie des gesunden Wachstums mit einem

Anstieg des Umsatzes von jährlich etwa drei Prozent zu realisieren.

„Wer nicht mitwächst, der wird abgehängt. Ich bin überzeugt, dass wir

auf Dauer nur erfolgreich sind, wenn wir den großen und bunten

Strauß an Möglichkeiten, die der Gesundheitsmarkt bietet, ebenso

wie unseren Vorteil, dass wir nicht auf Gewinnmaximierung aus -

gerichtet sind, für uns nutzen.“ Zu diesem Wachstum gehörten auch

Investitionen in die Klinik. „In unserer Branche heißt es scherzhaft:

,Wenn du keinen Baukran an einem Krankenhaus siehst, dann musst

du dich fragen: Was ist da falsch gelaufen?’“ Helfen würde dabei auch,

wenn sich das Land wieder stärker in die Finanzierung der

Ausstattung der Kliniken einbringen würde. „Gute medizinische

Versorgung der Menschen ist eine Aufgabe der allgemeinen

Daseinsvorsorge. Uns fehlen für diese Aufgabe seit Langem pro Jahr

bis zu fünf Mio. Euro Unterstützung vom Land, die früher selbst -

verständlich waren.“ Er hoffe, dass sich das beginnende Umdenken

in der Politik fortsetze.

Eine zweite große Herausforderung sei die Frage der Personalgewinnung.

„Fachkräfte zu finden, wird immer schwieriger. Früher hatten

wir ausreichend Bewerbungen in der Schublade und konnten kurzfristig

reagieren. Heute müssten wir, um Engpässe zu vermeiden,

zehn Prozent mehr Mitarbeiter beschäftigen, was nicht machbar ist.“

Ziel sei es deshalb – neben einer transparenten und fairen Ent -

lohnung, attraktiven Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten und

guten Rahmenbedingungen – zum Beispiel mit familienfreundlichen

Arbeits zeiten, Fachkräfte zu binden. „Auf Dauer motiviert allein Geld

nicht“, ist Dr. Eversmeyer überzeugt. Wer in einem Krankenhaus

arbeite, der freue sich am meisten über die Genesung von Patienten.

„Wenn Patienten sagen ‚Ihr habt mir geholfen‘, dann ist das der

Applaus wie für eine Mannschaft, die gerade ein Spiel gewonnen und

sich den Pokal geholt hat.“ Und als „Trainer“ freue er sich über jeden

Erfolg, den er mit seinem großen Klinikteam und den fast 3000

Spielerinnen und Spielern Tag für Tag bereits erzielt hat und in den

kommenden Jahren noch erzielen möchte. |

HH

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ALS JUNGER IMPULSGEBER

AKZENTE SETZEN

r ist jung und erfahren zugleich: Nicolas Gallenkamp (35),

geschäftsführender Gesellschafter der Osnabrücker Nosta

Group. Zwar hatte er nach seinem Studium fest eingeplant, sich

„erst einmal den Wind in einem anderen Unternehmen um die

Nase wehen zu lassen, bevor ich im Familienbetrieb einsteige“,

doch daraus wurde nichts. Auf einem schwierigen Arbeitsmarkt habe

sich keine sinnvolle Option ergeben. Das Ergebnis: Mit 28 wurde er

direkt Assistent der Geschäftsleitung im elterlichen Unternehmen.

„Mir war durchaus die Gefahr des Eindrucks ‚von Beruf Sohn‘ bewusst“,

er innert sich Gallenkamp. Andererseits hätten ihn viele Mitarbeiter

schon als Schüler kennengelernt. „Ich habe in den Ferien oft

in der Firma mitgearbeitet, einige Bereiche kennengelernt, und so

wusste ich, was auf mich zukommt.“

Anders als für seinen älteren Bruder, der heute mit einem eigenen

Unternehmen für Krankenfahrdienste in Köln aktiv ist, habe für ihn

immer festgestanden, dass er die Firma, die aktuell 40 Standorte

NICOLAS GALLENKAMP

geboren am 11. September 1984

verheiratet, eine Tochter

Bachelor of Arts –

Internationales Business Management;

Geschäftsführender Gesellschafter der

Nosta Group, Osnabrück

mit etwa 750 Mitarbeitenden

hat, einmal führen wolle. „Meine

Eltern waren gelernte Bank -

kaufleute und gründeten 1978

Nosta als Spedition. Als zweite

Generation die Erfolgs ge -

schichte fortzusetzen, ist für mich immer Ziel und Ansporn zugleich

gewesen.“ Er schätze bis heute den unternehmerischen Mut seiner

Eltern. In den ersten Jahren nach der Gründung sei Nosta mit Kunden

aus den Bereichen Stahl und Papier gewachsen. Der Name Nosta ist

in gewisser Weise typisch für das, was Nicolas Gallenkamp aus

Erzählungen über seinen Vater, der früh verstorben ist, weiß. Er sei

der kreative Kopf gewesen, während seine Mutter dafür verantwortlich

war, die Ideen und Aufträge auch kaufmännisch in gute Bahnen

zu lenken. „Mein Vater fand, das Nosta ein guter Name sei, um das

Wichtigste für einen Dienstleister, den guten Kundenbezug, zu unterstreichen.

Nosta war ein Telexkürzel und stand für den ersten Kunden,

die Firma Normstahl.“ Bis heute nutze das Unternehmen diesen

Umstand, um deutlich zu machen, wer vom ersten Tag an im Fokus

allen Handelns stand: der Kunde.

Einen großen Aufschwung habe das Unternehmen nach der Deutschen

Einheit erlebt. „Nosta ist immer mit den Entwicklungen der

Kunden mitgegangen und hat sich so von einem klassischen

Spe diteur zu einem Fullservice-Dienstleister entwickelt.“ Heute biete

man zahlreiche Mehrwert- und Beratungsdienstleistungen rund um

das Thema Logistik, beispielsweise Lagerung auf einer Gesamtfläche

von 250 000 Quadratmetern an verschiedenen Standorten („Warehousing“)

oder einen sogenannten KV-Terminal für kombinierte

84


Nicolas Gallenkamp

Lkw- und Schienenverkehre. „Unsere Kunden definieren für uns die

Herausforderungen. Für uns gilt stets: Geht nicht, gibt’s nicht. Wir

prüfen die Aufgabe sorgfältig und legen dann fest, welche wirtschaftlich

tragfähige Lösung wir anbieten.“ Heute umfasst die Nosta Group

insgesamt sechs Unternehmen.

Wenn er über seine Kindheit und Jugend spricht, wird deutlich,

dass für die Familie viele schwere Momente und damit

verbundene Herausforderungen anstanden. „Mein Vater

wurde 1996 durch einen Hirnschlag zum Pflegefall. Meine

Mutter hat ihn bis zu seinem Tod 2004 zu Hause gepflegt, uns

drei Kinder erzogen und gemeinsam mit externen Geschäftsführern

das Unternehmen erfolgreich weiterentwickelt.“ Vor

dieser Leistung habe er höchsten Respekt. Auch als das

Schicksal 2006 ein zweites Mal mit dem Tod seiner Schwester

nach einer Leukämieerkrankung zuschlug, habe seine Mutter

keine Zweifel aufkommen lassen, dass es mit der Firma

weitergeht. „Diese Haltung ist Ausdruck unseres Selbst -

verständnisses. Nosta und die Mitarbeitenden sind von jeher

fester Bestandteil unserer Familie. Das Unternehmen saß zu

Hause eigentlich immer mit am Tisch.“ Gerade auch in den

schwierigen Momenten habe man sich aufeinander verlassen

können und „es kam von der Belegschaft viel zurück, als wir es

als Familie dringend brauchten“.

Gallenkamp ist mittlerweile acht Jahre im Familienbetrieb tätig

und hat Spuren hinterlassen. „Ich habe viele Bereiche hinterfragt und

dann neue Akzente setzen können.“ Dazu gehörte beispielsweise, die

Vertriebsabteilung und das Marketing komplett neu aufzustellen,

Abläufe zu straffen und neue Wege bei der Personalgewinnung und

-entwicklung zu gehen. Er sei dankbar, dass seine Mutter als ge-

86


Als junger Impulsgeber Akzente setzen

schäftsführende Gesellschafterin „stets höchstes Vertrauen in mich

hatte, mir bei der Markenentwicklung zugesprochen hat und ich frei

agieren konnte“. Mutter und Sohn hätten aber auch durchaus einen

„Findungsprozess“ hinsichtlich der beruflichen Zusammenarbeit und

dem Generationswechsel durchgemacht. „Heute sage ich: Wir haben

uns gegenseitig viele wertschätzende Impulse gegeben.“

Seit seinem Einstieg hat er ein Auf und Ab erlebt. „Als wir dann nach

Insolvenzen einiger Großkunden in eine Schieflage kamen und 2015

erstmals rote Zahlen schrieben, war mir schon mulmig. Ich war mir

aber sicher, dass der eingeschlagene Weg, der natürlich auch Geld

kostete, der richtige ist.“ Es sei für ihn eine alternativlose Aufgabe

„2018 aber ist der Knoten geplatzt. Die einge -

leiteten Maßnahmen haben gegriffen und wir

schafften das bisher erfolgreichste Jahr unserer

Unternehmensgruppe mit einem Umsatz

von etwa 210 Mio. Euro.“

gewesen, „im Wettbewerb mit anderen Logistikern unsere Vorteile

stärker herauszuarbeiten“. Der Turnaround habe zunächst auf sich

warten lassen. „2018 aber ist der Knoten geplatzt. Die eingeleiteten

Maßnahmen haben gegriffen und wir schafften das bisher erfolgreichste

Jahr unserer Unternehmensgruppe mit einem Umsatz von

etwa 210 Mio. Euro.“ Wenn man so wolle, dann sei er innerhalb

weniger Jahre durch den „Scheuersack“ geschickt worden, denn

„ich habe so viele Herausforderungen angehen und meistern

müssen, wie ich es mir nicht habe vorstellen können“.

In dieser Zeit habe er die Aufgabe gehabt, einen eigenen Führungsstil

zu entwickeln. Auch wenn er seinen Vater nie aktiv im Unternehmen

erlebt habe, sei er durch die Erzählungen älterer Mitarbeiter über ihn

in mancher Hinsicht ein Vorbild geworden. „Ich halte die kooperative

Führung für zeitgemäß. Mir ist es wichtig, dass ich für jeden Mit -

arbeiter ansprechbar bin, jeder seine Wertschätzung spürt, ich

empathisch und vor allem auch transparent agiere, damit die Belegschaft

weiß, wie meine Vision aussieht.“ Flache Führungsstrukturen

mit Verantwortung in der Fläche und eine hohe Agilität auf den Teamebenen

sind das Ziel. Nur schwer aushalten könne er es mit Mit -

arbeitern, die „gerne meckern und ausführlich ein Problem

beschreiben, statt konstruktiv nach Lösungen zu suchen – aber davon

gibt es auch nur sehr wenige“.

Für die nächsten Jahre sieht Gallenkamp – der im Studium einen

China-Schwerpunkt hatte, die asiatische Sprache spricht und eine

Zeit lang in Shanghai lebte – einige wichtige Aufgaben auf sich zu -

kommen. „Wir wollen weiter wachsen. Um das zu erreichen, haben

wir bereits einen Maßnahmenplan bis 2025 entwickelt. Am meisten

werden uns die Themen Internationalisierung und Digitalisierung

antreiben.“

Kraft tankt Gallenkamp vor allem bei seiner Frau und seiner zwei -

jährigen Tochter. „Meine Familie ist der wichtigste Rückhalt.“ Er joggt,

reist und fotografiert gern. Sein ganz persönliches Ziel für die nächsten

Jahre ist es, wieder besser abschalten zu können und sich mehr

Zeit für die Familie zu nehmen. Sich selbst besser zu organisieren,

„wäre ein guter Weg“. Apropos Weg. Gallenkamp ist mit seinem bisherigen

ganz zufrieden. „Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen als

Unternehmer zu sein und bin dankbar über die Möglichkeit, unseren

Familienbetrieb aktiv gestalten und führen zu dürfen.“ | HH

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EIN PERSPEKTIVGEBER

MIT WEITBLICK

eue Perspektiven aufzeigen und Chancen ermöglichen – das

ist der tragende Gedanke des beruflichen Wirkens von

Norbert Glasmeyer. Vor fast 50 Jahren hat der heute

80-Jährige erstmals eine Weiterbildung angeboten. Bis dato

ist daraus mit der Akademie Überlingen mit Sitz in Osnabrück

eine der größten, modernsten und erfolgreichsten Schulungsein -

richtungen in Deutschland geworden. Rund 150 000 Menschen

haben in fünf Jahrzehnten über eine Erstausbildung, Weiterbildung,

Umschulung oder Maßnahmen und Coachings für eine individuelle

Arbeitsmarkt integration Wissen und Impulse bekommen und für sich

eine neue berufliche Perspektiven gefunden.

Dabei war Glasmeyers Erfolgsweg in der Erwachsenenbildung so

zunächst weder geplant noch absehbar. Er wächst in einem kleinen

Dorf in der Nähe von Georgsmarienhütte auf. Nachdem er als kleiner

Junge den Krieg – auch mit der prägenden Erfahrung, verschüttet

NORBERT GLASMEYER

geboren 1939 in Georgsmarienhütte

verheiratet, zwei Söhne, acht Enkelkinder

Diplom-Volkswirt und -Theologe

heute Beirat der Akademie Überlingen,

Osnabrück

worden zu sein – überstanden

hat, geht er erfolgreich den

schu lischen Weg. Er ist der erste

aus dem Ort, der Abitur macht

und dann katholische Theologie

studiert. Er will Pfarrer werden.

„Alles läuft bis zur Diakonweihe und praktischer Arbeit in Lübeck wie

vorgesehen. Aber schon bald danach trifft er seine spätere Ehefrau

und fällt eine Entscheidung, die sein Leben komplett verändert: „Ich

wusste, dass das Zölibat für mich kein tragendes Lebensmodell sein

kann. Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Frau bis heute verlässlich

und kraftgebend an meiner Seite weiß.“ Und nun? Glasmeyer

entscheidet sich, nach Freiburg im Breisgau zu gehen. „,Weit weg’

war damals mein Gedanke.“ Im tiefen Süden der Republik beginnt

er ein Studium der Volkswirtschaft und schließt auch dieses erfolgreich

ab. „Volkswirtschaft und Theologie haben mehr gemeinsam,

als man auf den ersten Blick meint. Die meisten Fragen, die die

Menschen bewegen, haben auch immer einen ökonomischen

Aspekt.“

Parallel zum Studium arbeitet er bereits bei der Akademie Überlingen

am Bodensee als Honorardozent. Als er das Studium abschließt,

bietet sich ihm 1971 die Gelegenheit, in der alten Heimat in Osnabrück

einen neuen Standort aufzubauen. „Mich hat die Verantwortung für

Menschen angetrieben, die eine Arbeit suchen oder die sich innerhalb

ihrer Arbeit weiterentwickeln möchten. Immer wieder neue Ideen zu

haben, daraus Möglichkeiten zu entwickeln und so Perspektiven für

Menschen zu schaffen, ist eine erfüllende Aufgabe.“

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Norbert Glasmeyer

Der Aufbau aus dem Nichts gelingt. „Wir hatten zu Beginn zwei sehr

erfolgreiche Angebote, die dann jedoch kurzfristig ebenfalls von der

IHK angeboten bzw. vom Wirtschaftsgymnasium ohne Studien -

gebühren eingerichtet wurden.“ Glasmeyer erkennt schnell, was in

allen Folgejahren für den unternehmerischen Erfolg notwendig

ist: ein hohes Maß an Flexibilität und Kreativität. Sein gutes

Gespür für Entwicklungen und die Intuition, die passenden

Menschen für die Akademie einzustellen, tun ihr Übriges. „Mein

Chef bot mir dann bald an, die Filiale in Osnabrück zu kaufen.

Ich hatte neue Ideen – unter anderem die Übungswerkstatt für

den Hotel- und Gaststättenbereich – und war mir sicher, dass

es funk tioniert.“ Derartige Übungsfirmen gab es damals

bereits im kaufmännischen Bereich, für das Gewerbe waren

sie ein neues Angebot. „Es gab viele Widerstände zu über -

winden, weil einige der Meinung waren, dass die Übungswerkstätten

eine Konkurrenz zu bestehenden Betrieben seien.“

Letztlich habe sich die Idee dieser Werkstätten durchgesetzt,

die es beispielsweise auch in den Branchen Friseur-, Floristikund

Metallhandwerk gibt, und so „vielen Menschen im

gewerblichen Bereich neue berufliche Exis tenzen ermöglicht.“

In Bremen habe es sich sogar einmal ein Restauranttester im

Übungsbetrieb schmecken lassen – und sowohl Essen als

auch Ambiente für gut befunden. „Das zeigte, dass unsere

Qualifizierungsangebote über zeugten“, erinnert sich Glasmeyer

mit einem Schmunzeln.

In den folgenden Jahren und Jahrzehnten gelingt es, weitere Standorte

im norddeutschen Raum und nach der Wende auch in den neuen

Bundesländern aufzubauen. Dabei seien dann immer wieder neue

Angebote entstanden, die „ich gemeinsam mit den Arbeits ämtern,

90


Ein Perspektivgeber mit Weitblick

die einen guten Überblick über die Bedarfe hatten, und mit viel

Kreativität entwickelt habe“. Dabei galt es, risikobereit zu sein, Fantasie

zu haben und eine gewisse Frustrationstoleranz zu beweisen,

wenn es schwere Hürden zu nehmen galt. „Bei allen Aufgaben half

es mir auch, negative Erfahrungen mit Menschen aus dem

Gedächtnis streichen zu können und diesen dann wieder offen zu

begegnen.“

Die Herausforderungen über die vielen Jahre sind vielfältig. Das

Geschäft ist sehr zyklisch, „aber es ist uns gelungen, dass wir uns

kontinuierlich weiterentwickelt haben“. Noch heute wird die Akademie

im Wesentlichen von einem Leitbild getragen, das Glasmeyer selbst

verfasst hat und in seiner Handschrift als Druck an allen aktuell

40 Standorten mit ihren über 500 Mitarbeitern aushängt. Viele

„Bei allen Aufgaben half es mir auch, negative

Erfahrungen mit Menschen aus dem Gedächtnis

streichen zu können und diesen dann wieder

offen zu begegnen.“

Gedanken sind darin festgehalten. Der wichtigste ist für Glasmeyer,

immer fair in der Sache zu bleiben und menschlich miteinander

umzugehen.

2009 hat er sich aus dem aktiven Geschäft der Akademie Überlingen

zurückgezogen. Das sei gar nicht so einfach gewesen, aber „mit einer

gewissen Disziplin ging es“. Heute ist er stolz darauf, dass seine Söhne

Dr. Johannes-Peter Glasmeyer und Dr. Matthias Glasmeyer, Volkswirt

der eine und Betriebswirt der andere, die Firma in seinem Sinne

fortführen. „Sie haben sich bewusst dafür entschieden, nachdem sie

andernorts Erfahrungen gesammelt hatten.“ Beide haben seit dem

Einstieg in das Unternehmen neue Akzente gesetzt und – wie der

Vater es ausdrückt – „gezeigt, dass sie mit Umsicht, Weitsicht und

Achtsamkeit agieren“. Als Vorsitzender des Beirats verfolgt Glasmeyer

die Entwicklung weiterhin sehr genau. So ist die Akademie Überlingen

mit dem Tochterunternehmen apm (Akademie für Pflegeberufe

und Management) seit 2012 auch im Bereich der Pflegeberufe mit

Aus- und Weiterbildungen erfolgreich und mit mehr als 1500

Auszubil denden der größte private Anbieter deutschlandweit. Bei

allen Maßnahmen gehe es immer darum, Chancen zu ermöglichen

und Karrieren zu entwickeln. Insgesamt sind es heute rund 6000

Menschen, die sich in über 270 Angeboten an allen Standorten

in kaufmännischen, gewerblich-technischen und multimedialen

Trainingszentren sowie in virtueller Form weiterbilden – der Höchststand

in der Akademiegeschichte.

Seine Antwort auf die Frage, welche Ziele er in seinem Leben noch

verfolgt, verrät seine zweite große Leidenschaft: die Kunst. Bereits

seit 1959 sei ein Schwerpunkt dabei die Ikonenmalerei der

byzantinischen und griechisch-russischen Kunst. „Und schon bald

stehen interessante Ausstellungen von Albrecht Dürer in Wien oder

von Leonardo da Vinci in Paris an. Auch das umgebaute ‚museum of

modern art‘ in New York kenne ich noch nicht“, schaut er reiselustig

nach vorne. Ob er dann – wie in der Vergangenheit bereits ge -

schehen – wieder von einem seiner acht Enkelkinder begleitet wird,

steht noch nicht fest. Auf jeden Fall ist zu spüren, dass der Familienmensch

Norbert Glasmeyer mit seinem Lebensweg zufrieden ist. „Ich

mag mir überhaupt nicht vorstellen, auf was ich alles in meinem

Leben verzichtet hätte, wenn ich damals den Weg als katholischer

Geistlicher weitergegangen wäre.“ |

HH

91


AUßERHALB MEINES

HOFFNUNGSHORIZONTES

ch bin 1943 in Osnabrück geboren, in Haste groß geworden und

habe dort die Nachkriegszeit erlebt. Es ging einfach, aber sehr

herzlich zu.“ Paul Kirchhof wächst mit seinen Eltern und fünf

Geschwistern auf. Sein Vater kehrt früh aus der Kriegsgefangenschaft

zurück und wird Richter am Landgericht Osnabrück. An

diese Zeit erinnert sich Paul Kirchhof als eine glückliche Kindheit in

einer von der Mutter geprägten Familie. Er hat einen guten Draht zu

seinem Großvater, der eine Tischlerei besitzt. Ein Abenteuerspielplatz

für ihn und seine Freunde. „Mein Großvater war auch Figurenschnitzer.

Er hat christliche Motive und Wegmarken geschnitzt. Er hatte ein

Auge für Holz. Es musste viele Jahre lagern, damit es für den Bau von

Möbeln und für die künstlerischen Arbeiten taugte. Anhand des

Verlaufs der Maserung konnte er erkennen, ob es sich für den

Mantelwurf einer Figur eignen würde.“ Besondere Erinnerungen hat

Paul Kirchhof an Weihnachten. „Mir ist nachdrücklich im Gedächtnis

geblieben, dass der Opa uns beim Aufstellen des Christbaums

PAUL KIRCHHOF

geboren am 21. Februar 1943

in Osnabrück

Seniorprofessor und ehemaliger

Verfassungsrichter

Paul Kirchhof lebt in Heidelberg.

ermahnte, die Äste nicht mit so

vielen Kerzen und Kugeln zu

behängen, dass sie heruntergedrückt

würden. Ein Baum strebt

stets zur Sonne, Weihnachten

muss er zum Licht streben.“

Die Kindheit von Paul Kirchhof ist von Schule, Kirche und Spielen mit

den Freunden bestimmt. Sein anderer Großvater ist Schulrektor und

macht den Kindern bewusst, dass Bildung und Ausbildung ein Glück,

eine Chance ist: „Du musst nicht in die Schule gehen, du darfst.“

Deswegen ist er skeptisch, wenn die Erstklässler zum Schulbeginn

mit einer Schultüte getröstet werden. Die Einstellung des Großvaters

zur Schultüte teilt der Enkel nicht. Doch der Wille zur Bildung begleitet

ihn ein Leben lang. Er fährt Rad, spielt Fußball und bekämpft sich mit

den Jungs aus Haste schon einmal mit Brennnesseln. „Das war an der

Landwehr. Dort ging es leicht bergauf und wer oben war, hatte

natürlich einen Vorteil. Beim Fechten mit Brennnesseln haben wir

schnell den rich tigen Umgang mit dem Strauchwerk gelernt, aber

ohne Blessuren kamen wir nie nach Hause.“ Das Radfahren trainieren

sie querfeldein. Meister ist der, der am längsten bewegungslos auf

dem Fahrrad stehen kann.

„Es war eine schöne Zeit der Geborgenheit in der Familie. Die Kirche

vermittelte uns Vertrauen, der Polizist im Ort dagegen eher Respekt.

Die Nachbarschaft war eine Gemeinschaft des Wiederaufbaus und

der gegenseitigen Hilfe.“ 1951 wechselt der Vater von Paul Kirchhof

nach Karlsruhe an den Bundesgerichtshof. Die Familie wächst. Zu

Beginn in Haste waren es noch zwei Kinder, mittlerweile sind es fünf

geworden. Als der Vater eine Wohnung findet, zieht die Familie 1953

92


Paul Kirchhof

nach Karlsruhe. Paul Kirchhof besucht das humanistische Bismarck-

Gymnasium. Er findet an Germanistik und Sprachen Gefallen und

entdeckt die Leichtathletik als neuen Sport für sich. „Neben die Schule

tritt der KSC. Wir haben trainiert und trainiert, sind gelaufen und

gelaufen. Einer der älteren Trainingspartner, Carl Kaufmann,

Silbermedaillengewinner bei den Olympischen Spielen in Rom,

ist uns weit davongeeilt. Dieser Sport entwickelte eine eigene

Lebenskultur: ständige Bewegung, gesund essen, viel

schlafen, kein Alkohol, keine Zigaretten, außer, wenn wir einmal

beweisen wollten, dass wir Männer geworden sind.“

Das Bismarck-Gymnasium führt ihn in die Welt der Literatur,

der Philosophie und der Geschichte. Nach dem Abitur steht er

vor der Frage, Germanistik oder Jura zu studieren. Doch seine

Gespräche mit dem Vater und seine Besuche bei großen Strafprozessen

entfalten unterschwellig eine gewisse Wirkung. Er

schreibt sich in Freiburg für Jura ein, trifft dort auf heraus -

ragende Lehrer, entdeckt die Faszination der Rechtswissenschaften.

„Es war für mich ein prägender Start. Bald hatte ich

nicht mehr den geringsten Zweifel, dass Jura für mich das

richtige Fach war.“

Nach dem zweiten Semester absolviert er ein Auswärts -

semester in München, lernt dabei seine große Liebe kennen

und führt dort, entgegen der ursprünglichen Planung, sein Studium

zu Ende. Er kehrt nach Karlsruhe zurück und heiratet dort.

Der erste Sohn wird geboren. Nach Promotion und Zweitem

Staatsexamen bekommt er ein Angebot aus Heidelberg für eine

Assistentenstelle am Institut für deutsches und internationales

Steuerrecht. Dieses Thema ist ihm anfangs fremd. Doch bald erkennt

er, dass Finanzen und Steuern den Staat prägen.

94


Außerhalb meines Hoffnungshorizontes

Die Römer hatten sich weitgehend aus dem tributum (einer Kriegsanleihe)

finanziert, die sie in ständige Eroberungskriege drängte.

Die deutschen Kaiser mussten die Kosten des Reichs aus eigener

Schatulle bezahlen; wählbar waren deshalb nur wenige Großgrundbesitzer.

„Am Anfang der Demokratie steht die Idee, der Steuerzahler

selbst solle über die Höhe von Staatsausgaben und Steuern ent -

scheiden. Dieses Verfahren sichere eine maßvolle und gleichmäßige

Steuerlast. Doch heute versteht sich der Abgeordnete leider als

Vordenker für neue Ausgaben, also für Steuererhöhungen, nicht als

Garant maßvoller Steuerlasten.“

Mit 31 Jahren wird er Ordinarius an der Westfälischen Wilhelms-Universität

Münster, wird dort Prorektor, hält Vorlesungen im Staats- und

Steuerrecht. Er wohnt in Havixbeck, hat mittlerweile vier Kinder, ein

Grundstück für ein Haus ist auch schon gekauft. Doch dann kommt

„Für ein Amt beim Bundesverfassungsgericht

kann sich niemand bewerben. Man wird

berufen.“

ein Anruf aus Heidelberg, er möge sich auf den Lehrstuhl für Staatsund

Steuerrecht bewerben. Er folgt diesem Ruf, zieht mit seiner

Familie nach Ziegelhausen ins Neckartal, wo er noch heute mit Blick

auf den Königstuhl lebt. Den Gedanken, einmal in Karlsruhe Richter

zu werden, hatte er dabei nicht.

„Für ein Amt beim Bundesverfassungsgericht kann sich niemand

bewerben. Man wird berufen. Als ich eines Morgens in der FAZ

meinen Namen auf einer Liste des Bundesverfassungsgerichts las,

war ich sehr überrascht. Daran hatte ich nicht gedacht. Das war völlig

außerhalb meines Hoffnungshorizontes.“

Nach seiner Wahl bleibt er in Heidelberg. Die Kinder gehen dort zur

Schule. Er fährt jeden Tag rund eine Stunde nach Karlsruhe. Das Amt

füllt seine Tage aus. Der Zweite Senat, dem er angehört, muss damals

extrem wichtige Entscheidungen treffen. „Wir haben oft tagelang um

das richtige Urteil gerungen, in Fragen der Wiedervereinigung, zum

Vertrag von Maastricht oder dem Euro. Bei vielen dieser Fragen hat

uns der Text des Grundgesetzes oft allein gelassen. Vor allem die

Wiedervereinigung stellte uns vor neuartige Aufgaben. Nach den

Demonstrationen von Leipzig und Dresden hat die Welt den Atem

angehalten, ob die Mauer fällt oder gar ein dritter Weltkrieg droht. Die

gesamte Problematik wurde in der Entscheidung über den Einigungsvertrag

bewusst, in dem die Bundesrepublik und die DDR auch

Änderungen des Grundgesetzes beschlossen. Dabei war klar, dass

die Verfassung nicht durch eine Vereinbarung mit einem fremden

Staat geändert werden kann. Die Verfassungsänderung ist das Recht

des Staatsvolkes. Doch die Lösung lag darin, dass der Einigungsvertrag

keine Vereinbarung zwischen zwei Staaten war, sondern vom

deutschen Volk auf dem Weg zur Einheit beschlossen wurde. Der

Bundestag und die Volkskammer der DDR haben als Vertreter des

deutschen Staatsvolkes über diese Änderungen entschieden.“

Heute ist Paul Kirchhof Seniorprofessor für Staats- und Steuerrecht

der Universität Heidelberg. Er hält Vorlesungen, betreut Doktoranden,

diskutiert seine Texte mit den Mitarbeitern. Drei seiner Kinder sind

seinem Beispiel gefolgt und Juristen geworden. Der Älteste ist Kardiologe

und trägt aktuelle Fragen der Medizinwissenschaft in die

Diskussionen der Familie. Der Osnabrücker genießt mit seiner Frau

die neugewonnene „Herrschaft“ über die gemeinsame Zeit. | LA

95


WELTGESCHEHEN HAUTNAH

m Ende des Krieges war ich sieben Jahre alt, unser kleiner

Ort spielte im Krieg keine wichtige Rolle, Osnabrück aber schon.“

Rudolf Seiters wird in Bohmte groß. Deshalb kann er auch

hören, wenn alliierte Bomber Angriffe auf die Friedensstadt

fliegen. Der Waschkeller der Familie wird zum Luftschutzkeller,

die Nachbarn kommen dort unter und erleben zahlreiche

gemeinsame Bombennächte. „Meine Mutter hat mich dann in die

Badewanne, die im Keller stand, gelegt und mit Decken zugedeckt.

Erst als ich älter wurde, habe ich die Angst der Menschen und deren

Blicke verstanden“, erinnert sich Seiters.

Kurz nach Kriegsende kommen die Engländer. Als Besatzungsmacht

beziehen sie Quartier im Hause Seiters. Mit ein paar Habseligkeiten

muss Rudolf mit seinen Eltern und seinen drei Geschwistern in die

nahe gelegene Bäckerei umziehen, in zwei kleine Zimmer. Der Geruch

der Backstube ist Rudolf Seiters noch heute vertraut. Damals will

er Bäcker werden. „Die Zeitschrift BUNTE hat in meiner Bonner

Zeit mal einen Artikel zu Berufswünschen gemacht. Helmut Kohl

haben sie streichelnd neben eine Kuh gestellt, er wollte Bauer werden.

RUDOLF SEITERS

geboren am 13. Oktober 1937 in Osnabrück

ehemaliger CDU-Politiker und Präsident

des Deutschen Roten Kreuzes

Rudolf Seiters lebt in Papenburg.

Klaus Töpfer stand hinter einem

Tresen und zapfte Bier, und mich

hatten sie in eine Bäckerkluft

gesteckt, ich schob ein paar

Brotlaibe in den Backofen.“

Kindheit und Jugend sind entbehrungsreich,

aber das Wesentliche ist da. Alle müssen im großen

Garten mit anpacken. Die Birnen, Äpfel, Pflaumen und Kirschen

werden gepflückt, verkauft oder gegen Naturalien getauscht. Nach

seinem Abitur am Carolinum in Osnabrück entscheidet sich Rudolf

Seiters für Jura an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Das Leben dort ist sehr schlicht. Studentenbude, Ofen im Zimmer,

Toilette auf dem Flur. Manchmal ist es so kalt, dass Rudolf im Winter

mit dem Mantel ins Bett geht. Das Studium läuft planmäßig, genau

wie seine beiden Staatsprüfungen. Er geht jedoch nicht in den Beruf.

Die Politik hat ihn gefesselt. Nachdem er bereits in Bohmte einen

Ortsverband der Jungen Union gegründet hat, steigt er bis zum

Landesvorsitzenden der JU Niedersachsen auf. 1969 zieht er dann in

den Bundestag ein. Willy Brandt ist gerade erster sozialdemokra -

tischer Kanzler geworden. Damit müssen die Abgeordneten der

CDU/CSU auf der Oppositionsbank Platz nehmen. Die Älteren halten

das für einen „Betriebsunfall“. Die Jungen, wie der damals 31-jährige

Seiters, sehen das anders, wollen Reformen. An diesen kann er als

Fraktionsgeschäftsführer mitwirken. Rainer Barzel, der Vorsitzende

der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, holt den jungen Seiters an seine

Seite. Außerdem bekommt er einen Platz im sogenannten „Elferrat“,

dem geschäftsführenden Vorstand der Fraktion. Als dann Helmut

Kohl, der „schwarze Riese“ aus Rheinland-Pfalz, nach Bonn kommt,

verliert Rudolf Seiters seine Posten. Kohl etabliert stattdessen sein

Team.

96


Rudolf Seiters

„Dass ich nicht Fraktionsgeschäftsführer geblieben bin, das war ok.

Ich war ja Rainer Barzel gegenüber loyal. So hatte Kohl mich nicht auf

der Rechnung. Dass ich allerdings auch aus dem Bundesvorstand

weichen musste, das hat geschmerzt.“ Er denkt kurz darüber nach,

aus der Bundespolitik auszusteigen. Doch Seiters bleibt, vertritt zuerst

in Bonn und dann in Berlin seinen Wahlkreis, insgesamt

33 Jahre. Sein Hauptwohnsitz wird Papenburg, dort baut er ein

Haus.

„Ich habe immer gesagt, dass ich nah bei meinen Wählern sein

muss. Wir stehen im Telefonbuch, die Kinder sind hier zur

Schule gegangen. Wir gehen normal einkaufen, zur Kirche,

besuchen Freunde. Meine Frau hat es immer super gemanagt,

wenn ich nicht da war. Und sie hat mich mit ihrer Boden -

ständigkeit und ihrem Feingefühl für Menschen vor manchem

Fehler bewahrt.“

Im April 1989 mäht Rudolf Seiters seinen heimischen Rasen in

Papenburg, als das Telefon klingelt. Das Bundeskanzleramt ist

dran. Seiters verrät Kohl, was er gerade macht. „Das ist eine

sehr verdienstvolle Tätigkeit, aber die gibt es auch in Bonn.

Haben Sie einen schwarzen Anzug?“ „Herr Bundeskanzler,

den werde ich mir wohl besorgen können“, ist Seiters´ Antwort.

Kohl baut das Kabinett um, Schäuble wird Innenminister,

Seiters Kanzleramtsminister.

Die Zeit der großen politischen Eindrücke ist die Zeit der

Wende. 1989 bekommt er im Urlaub einen Anruf. Die Ständige

Vertretung der Bundesrepublik Deutschland in Ostberlin ist mit

117 Flüchtlingen absolut überfüllt. Seiters muss handeln. Er schließt

die Vertretung, wegen „hygienischer Mängel“, um die DDR-Führung

nicht auf eigenem Staatsgebiet zu provozieren. Es ist der Beginn des

98


Weltgeschehen hautnah

Endes der DDR. In den nächsten Wochen füllen sich die Deutschen

Botschaften in Budapest, Warschau und Prag. 661 DDR-Bürgern

gelingt es, über Ungarn nach Österreich zu fliehen. Bei einem

geheimen Treffen auf Schloss Gymnich bei Bonn wird Kohl in einem

Gespräch mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Nemeth ver -

sichert, dass man für alle Deutschen die Grenzen öffnen werde. „Kohl

hat danach mit dem russischen Präsidenten Gorbatschow telefoniert.

Ungarn gehörte ja zum Warschauer Pakt. Gorbatschow hat gesagt,

dass die Ungarn gute Leute seien. Da wussten wir, dass die Ausreisen

über Ungarn nicht behindert werden würden.“

Es geht jetzt Schlag auf Schlag. Mit Bundesaußenminister Genscher

fährt Seiters in die Deutsche Botschaft nach Prag und steht neben

ihm auf dem Balkon, als Genscher den Satz sagt, der in die Geschichte

eingegangen ist: „Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen,

dass heute Ihre Ausreise ...“ Der Rest geht im Jubel unter. Die Botschaftsflüchtlinge

dürfen über DDR-Gebiet in die Bundesrepublik

ausreisen. „Nicht alle haben die Einheit herbeigesehnt. Die Briten

waren nicht erfreut, die Franzosen nicht Feuer und Flamme, ganz zu

schweigen von den Russen. In den 2-plus-4-Gesprächen haben wir

dann alles auf den Weg gebracht. Die Einheit wurde vollzogen, ein

Glücksfall für die Deutschen, trotz aller Unterschiede, die bis heute zu

spüren sind!“, sagt Seiters.

Im November 1991 wird er Bundesinnenminister. Dann kommt Bad

Kleinen. Auf dem Bahnhof der ostdeutschen Stadt wird bei einem

Einsatz der GSG 9 im Juni 1993 der RAF-Terrorist Wolfgang Grams

durch eine Polizeikugel getötet. Auch ein Beamter kommt ums Leben,

Michael Newrzella. Über den Ablauf kommt es in den Medien zu

wilden Spekulationen. Es geht so weit, dass von einer Hinrichtung

Grams´ gesprochen wird. In der aufgeheizten Stimmung entscheidet

sich Seiters für den Rücktritt. „Ich wollte damit zeigen, dass der Staat

nichts vertuscht, und dem Ansehen des Amtes nicht schaden. Meine

Frau hat mich dabei unterstützt.“ Danach bleibt Rudolf Seiters Teil des

Bundestages, wird dessen Vizepräsident, bis er dann 2002 aus -

scheidet. „Es gab damals drei sogenannte ,Neunender’, also

Abgeordnete, die schon sehr lange durchgehend im Bundestag

waren. Ich habe nach 33 Jahren den Bundestag verlassen, um mich

anderen Dingen zu widmen.“

Als Präsident des Deutschen Roten Kreuzes (2003–2017) konnte er

viele seiner Erfahrungen und Kontakte einbringen, profitierte von

seiner Zeit als Kanzleramtsminister. Er war weltweit unterwegs, sah

„Wir sollten uns bewusst sein, was wir an

unserem Land haben, und dass unsere Art

zu leben nicht selbst verständlich ist.“

zahlreiche Katas trophen und half mit der Organisation. Beeindruckt

zeigte er sich stets vom hohen persönlichen Einsatz der ehrenamt -

lichen Mitarbeiter und seiner Mannschaft. „Das Gefühl, etwas wirklich

Gutes zu tun, hat mich im Amt immer bestärkt. Ich sehe aber auch in

die Zukunft. Wir leben in unruhigen Zeiten. Brexit, die nationalen

Egoismen in den USA, Ungarn oder Polen. Wir sollten uns bewusst

sein, was wir an unserem Land haben, und dass unsere Art zu leben

nicht selbst verständlich ist“, mahnt Seiters.

Er lehnt sich in seinen Stuhl zurück und blickt in seinen Garten inmitten

von Papenburg. Der Rasen wächst. Wenn er demnächst seinen

Rasenmäher rausholen wird, weiß er, wird der Kanzler mit Sicherheit

nicht mehr anrufen und er kann ihn in Ruhe zu Ende mähen. | LA

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FRIEDA UND ANNELIESE –

DIE VERRÜCKTEN VOM RADIO

ein Vater war selbstständiger Malermeister und begnadeter

Handwerker. Wir hatten ein Geschäft in dem kleinen Ort Rabber

bei Bad Essen.“

Sabine Bulthaup wird am 2. Februar 1962 geboren. Sie ist ein

Wildfang und in ihrer Lebhaftigkeit kaum zu bremsen. Weil die

Mutter ihrem Vater im Betrieb hilft, wird sie vor allem von ihrer Oma

Lina in die Tiefen des dörflichen Lebens eingeweiht und bekommt

die wichtigen Dinge des Lebens mit auf den Weg. Dazu gehören die

feste Verwurzelung in der Kirche, der Familiensinn und die Liebe zur

Musik. „Ich konnte den Katechismus rauf- und runterbeten und das

Gesangbuch war meine erste Playlist.“ Später leben, neben Oma Lina,

auch zwei Großtanten in der Familie – ein damals durchaus noch

typischer Mehrgenerationenhaushalt. Ihr Bruder Torsten kommt 1964

zur Welt.

„Ich war ein Kind, das die Reize der dörflichen Welt mit voller

SABINE BULTHAUP

geboren am 2. Februar 1962

in Oster cappeln

Radiomoderatorin, Kabarettistin,

Schauspielerin und Sängerin

Sabine Bulthaup lebt in Wiedenbrügge.

Inbrunst in sich aufgesogen hat. Mit meinen Freundinnen und Freunden

war ich immer auf Tour. Wir

haben alles unsicher gemacht

und mussten uns deshalb auch

ab und zu von den Nachbarn

was anhören. Eigentlich hat das

ganze Dorf alle Kinder erzogen.“

Die Türen zu Hause sind nicht verschlossen. Egal ob Verwandte,

Freunde oder Kunden des Vaters: Es ist ein offenes Haus, in dem viel

geredet, gelacht und gefeiert wird. Vor allem, wenn die Verwandtschaft

zu Festen anrückt, gibt es ein lautes Durcheinander an

Stimmen. „Da wurde dann oft Plattdeutsch gesprochen. Ich sollte das

nicht lernen, das war meiner Oma nicht recht, aber ich habe den Klang

und die Worte verinnerlicht und mich später auch getraut zu sprechen.

Für meine Zeit bei ‚Radio ffn‘ in Hannover und die Figuren, die wir uns

damals in der ‚Frühstyxradio‘-Redaktion ausgedacht und gespielt

haben, war das Gold wert.“

Die Grundschule absolviert sie an der dörflichen Schule und wechselt

nach der Realschule an das Gymnasium Bad Essen. Sprachen faszinieren

Sabine. Neben Englisch ist sie vor allem vom Französischen

begeistert, liebt den Klang der Sprache. Bad Essen unterhält eine

Städtepartnerschaft mit einem Ort in der Normandie, an der Nordküste

Frankreichs. Schon mit 13 Jahren fährt sie das erste Mal in das

Land ihrer Träume. Sie lernt Sophie kennen, mit der sie eine lange und

tiefe Freundschaft verbindet. Sie spielt Fußball, lernt Blockflöte und

Gitarre, ist Mitglied im Posaunenchor, engagiert sich in der Jugend -

arbeit. Der Tag könnte mehr als 24 Stunden haben und würde noch

nicht für alles reichen. Nach dem Abitur 1981 will Sabine erst mal weg

aus Rabber. Sie studiert in Frankreich, zusammen mit ihrer Freundin

100


Sabine (Anna Lina) Bulthaup

Sophie. Eine herrliche und, zum Glück für sie, strukturierte Zeit. „Wir

haben dort in Trimestern studiert, da war es schon angesagt, an den

Kursen teil zunehmen. Als ich dann für das Lehramtsstudium nach

Osnabrück gewechselt bin, war das etwas anders. Ich war es aus

Frankreich auch gewohnt, etwas schicker angezogen zu sein.

Manche Wollsockenträger von damals fanden das, glaube ich,

etwas affektiert. Das hat mir aber nichts aus gemacht.“

Sie schwänzt schon mal, halb so schlimm, da sie Französisch

mittlerweile fließend spricht und viel liest. In dieser Zeit entdeckt

sie die Musik ganz neu. Der Kultclub „Hyde Park“ an der

Rheiner Landstraße wird zu ihrem Wohnzimmer. Aus langen

Abenden werden spannende Nächte. Sie liebt den New-Wave-

Sound der 1980er-Jahre genauso wie Punk, Pop und später

auch Jazzrock. Bands wie The B 52‘s, The Clash, The Cure oder

auch Siouxsie and the Banshees und David Bowie graben sich

tief in ihr Musikgedächtnis ein. „Ich verbinde heute noch mit

bestimmten Sounds und Gerüchen spezielle Momente und

Ereignisse in meinem Leben und kann mich an sehr viele

Dinge erinnern.“

Sie macht das erste Staatsexamen für das Lehramtsstudium

in Englisch und Französisch für die Sekundarstufe 2. In dieser

Zeit ist sie schon viel in Bielefeld unterwegs. Bekanntschaften

mit Ingolf Lück, Georgie Red und anderen gerade aufsteigenden

Künstlern führen sie nach Hannover zum neu gegründeten

Sender „Radio ffn“. Dort wird ihr Talent entdeckt. Zusammen mit

Dietmar Wischmeyer und später Oliver Kalkofe sowie Oliver Welke

entsteht ein Team aus kreativen Köpfen, die fast sämtliche Freiheiten

bei der Gestaltung ihrer Programme nutzen und Kultradio schaffen.

„Ich wäre wahrscheinlich heute Lehrerin, wenn mich Dietmar

102


Frieda und Anneliese – die Verrückten vom Radio

Wischmeyer nicht aus dem Referendariat rausgequatscht hätte. Es

war sicher die kreativste Zeit damals. Wir haben derartig viel gelacht,

dass wir Bauchschmerzen hatten. Man hat uns fast alles durchgehen

lassen, und wir haben uns bei unserer Comedy immer auf unser

Bauchgefühl verlassen. Es gab aber Grenzen, die wir nicht über -

schritten haben.“

Zu den täglichen Serien, die die Gruppe ins Leben hievt, gehören

„Die Vierma“, „Die Fahrgemeinschaft“ und das sonntägliche „Frühstyxradio“.

Darin erinnern sich Sabine Bulthaup und Dietmar

Wischmeyer an ihre Kindheit im Osnabrücker Land: Sabine an Oma

„Es war sicher die kreativste Zeit damals.

Wir haben derartig viel gelacht, dass wir

Bauchschmerzen hatten.“

Lina und die Tanten, die sich beim Kaffeeklatsch nach zwei Glas Sekt

und einem Eierlikör lautstark auf Platt oder in breitem Osnabrücker

Dialekt über alles Mögliche unterhalten hatten – die Geburtsstunde

der Figuren „Frieda und Anneliese“.

Mit der Kultcomedy gehen Sabine und Dietmar bis 2012 auf Tour,

schreiben Theaterstücke und Programme, füllen große Säle. Vor

allem im Emsland und im Osnabrücker Land haben sie, wie im restlichen

Norden und Nordwesten, eine große Fangemeinde. „2001

wurde ich dann vom damaligen CDU-Oppositionsführer Christian

Wulff angesprochen, ob ich mir vorstellen könne, einen der Pressesprecherjobs

der CDU-Landtagsfraktion im niedersächsischen

Landtag zu übernehmen. Wie ich nun mal so bin, habe ich mich mit

Optimismus und Energie in die neue Aufgabe gestürzt.“

Dafür erntet sie an der einen oder anderen Stelle durchaus Unverständnis.

In dieser Zeit trifft sie ihren späteren Mann George Kochbeck

wieder, einen Musiker und Komponisten für Filmmusik. Das Leben

verändert sich, Sabine schlägt ein neues Kapitel auf.

„Ich dachte ja mit Anfang 40, ich hätte noch ganz viel Zeit bis zum

ersten Kind. Meine Freundin Sophie hatte schon vier und fragte mich

damals, worauf ich eigentlich noch warten würde. Und dann ging es

ganz schnell. 2003 haben wir geheiratet, 2004 ist zuerst Elias und

2006 Ennie auf die Welt gekommen. Ich liebe den Kontakt zu

Menschen und vor allem zu Kindern, die schon immer einen großen

Platz in meinem Leben hatten, aber es war ein völlig neues Lebensgefühl,

selbst Mama zu sein.“

Sabine Bulthaup wechselt 2003 in die niedersächsische Staatskanzlei,

bleibt aber parallel dazu der Comedy treu. Im Pressereferat kümmert

sie sich heute um Veranstaltungen – nicht zuletzt wegen ihrer

vielen Kontakte in die Künstlerszene. Aber auch in ihrem Privatleben

ist sie mit viel Engagement für andere unterwegs. „Ich mache nach

wie vor kleinere und größere Musikprojekte wie das „Woodstock-

Revival-Festival“ in Bückeburg mit 2000 Leuten. Ich engagiere mich

aber auch in der Kirche, habe neuen Mitbürgern geholfen, die deutsche

Sprache zu erlernen und hier anzukommen. Ich stelle gerne

Kontakte her, die anderen helfen können. Ich bin durchaus politisch.

Es geht schließlich um eine gute Zukunft für uns alle, und damit

meine ich auch meine Familie.“

Ab und zu kommt sie noch nach Osnabrück, aber vor allem nach Bad

Essen, wo ihr Vater und Bruder wohnen und sie noch viele Freunde

aus der alten Zeit hat.|

LA

103


WERTSCHÄTZUNG UND KLARHEIT

ALS ERFOLGSGARANTEN

apier, Wellpappe, Schaumstoff – diese drei Geschäftsfelder

wurden für die Delkeskamp Verpackungswerke seit 1896

Grundlage des Erfolges. Geführt wird das Familienunter -

nehmen aus Nortrup in vierter Generation durch Stefan Delkeskamp.

Der 58-Jährige hat dabei eine klare Philosophie. „Für mich

steht Unternehmensentwicklung vor allem auch für die Entwicklung

von Menschen. Maschinen kann man kaufen, Strukturen im Kopf

entwickeln, aber wenn es nicht die Menschen gäbe, die Ideen und

Maschinen mit Leben füllen, dann wäre kein unternehmerischer

Erfolg möglich.“ Und er sei stolz, „megafitte Mitarbeiter zu haben“.

Dabei war der Weg in den Familienbetrieb keine Selbstverständlichkeit.

„Ich hatte durchaus erst andere Ziele, wäre gerne in die Fliegerei

gegangen. Daraus ist zwar nichts geworden, aber bis heute bin ich

gerne als Privatpilot unterwegs.“ Dann aber sei auch der Gedanke

gekommen, dass ein Eintritt in das Familienunternehmen die Chance

STEFAN DELKESKAMP

geboren am 18. Oktober 1961 in Mannheim

Diplom-Kaufmann

verheiratet, 2 eigene und 2 Patchworkkinder

Geschäftsführender Gesellschafter der

Delkeskamp Unternehmensgruppe

bietet, wie der Urgroßvater,

Großvater und Vater Spuren zu

hinterlassen. „Ich habe gemerkt,

dass ich gerne Verantwortung

übernehme.“ Und das nicht mit

den Einschränkungen, die beispielsweise

die Arbeit in einem Konzern mit sich bringt. Diese

Erfahrung durfte der angehende „Macher“ über drei Jahre in der

deutschen Konzernzentrale bei der Linde AG in Wiesbaden sammeln.

Zudem habe er festgestellt, dass er das Unternehmer-Gen „Man

muss was unternehmen und nicht unterlassen oder abwarten“ in

sich trage und es ihm liege, mit Menschen zusammenzuarbeiten

und diese zu Zielen zu führen: „Mitarbeiter zu führen, Vertrauen zu

schenken und Aufgaben zu delegieren, gehört für eine Unter -

nehmung unserer Größe zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren.“

Heute hat die Delkeskamp Unternehmensgruppe, deren Motto schon

früh „Verpackungslösungen mit Verstand“ war, 720 Mitarbeiter und

30 Auszubildende an den drei Standorten Nortrup, Hannover und

Odry (Tschechien). Kontinuierlich wurde und wird weiterhin in

moderne Technik investiert „und so gelingt es, mit innovativem

Denken und zielstrebigem Handeln trotz starken Wettbewerbs langjährige

Geschäftsbeziehungen vor allem zu anderen familiengeführten

Firmen erfolgreich aufrechtzuerhalten und auszubauen“.

Die Jahre als Chef hätten ihn durchaus verändert. „Heute bin ich eher

ein Schnellentscheider. Besser eine Entscheidung als keine und ich

habe klare Vorstellungen, wie ich die Unternehmensgruppe und ihre

Mitarbeiter führen will.“ Dafür galt es auch, alte, wenngleich erfahrene

104


Stefan Delkeskamp

Strukturen aufzubrechen und eine neue Kultur zu etablieren. „Mir war

anfangs nicht klar, dass es eher Jahre als Monate dauern würde – aber

heute ist es geschafft!“ Dahinter steckt der Wunsch eines Chefs nach

mitdenkenden und verantwortungsvollen Mitarbeitern, die sich

zutrauen, Entscheidungen zu treffen. Ein verhasster Satz wie

„Das haben wir aber noch nie so gemacht“ gehört der Vergangenheit

an – Veränderungsbereitschaft ist mehr als gefragt.

Heute freue er sich, dass er die von ihm gewünschte Struktur

im Unternehmen implementieren konnte. Dazu gehöre auch,

dass Mitarbeiter Fehler machen dürfen. „Ich sage es unseren

Auszubildenden vom ersten Tag an: Es kann nicht immer alles

klappen. Wichtig ist, zu seinen Fehlern zu stehen und daraus

zu lernen. Wenn ich merke, dass jemand versucht, etwas

zu vertuschen oder einem anderen etwas in die Schuhe zu

schieben, dann gibt es kein Pardon!“ Darüber hinaus müsse

jeder Mitarbeiter lebenslang und „bis zu seinem Ruhestand

jeden Tag etwas dazulernen“. Wer das wolle, der passe gut ins

Team.

Als Chef müsse man vor allem die Bereitschaft zum Dele -

gieren, die Fähigkeit durch Wertschätzung zu motivieren und

die Kunst mitbringen, sich auch in schwierigen Situationen

nicht im Ton zu vergreifen. Wertschätzung gegenüber Mit -

arbeitern werde natürlich auch über Entlohnung deutlich. Es

waren schwere Jahre in der letzten deutschen Finanzkrise, in

denen kein Weihnachtsgeld gezahlt werden konnte. „Ich kann mich

noch gut an die Gespräche in Finanzkreisen erinnern, dass bereits

hinter vorgehaltener Hand Käufer für das Familienunternehmen parat

stünden. Wir haben dann alle zusammen die Situation gemeistert.

Als es uns wieder besser ging, habe ich diese Zahlungen auf freiwil-

106


Wertschätzung und Klarheit als Erfolgsgaranten

liger Basis und größtenteils nachgeholt.“ Auch das Sponsoring von

Kultur- wie Vereinsaktivitäten, der Bau eines Pflegeheims und aktuell

der eines Hauses für betreutes Wohnen sowie einer Beteiligung an

einer Nortruper Brauerei („Eine tolle Idee“) liegen dem Artländer

„Wer dieses Unternehmen führen will, der muss

mit Feuer und Flamme dabei sein, der muss für

unsere Produkte brennen!“

Unternehmer sehr am Herzen. Für den Diplom-Kaufmann, der seit

Kindesbeinen sehr viel Sport treibt und heute mit seiner zweiten Frau

nur zu gerne auch weltweit Golf spielt, ist jedoch die persönliche

Bindung an den Standort immer von Bedeutung gewesen. „Wir fühlen

uns im Ort und im Artland sehr wohl. Ich bin schon als Kind immer

mittendrin gewesen. Auch heute trinke ich gerne ein Bier auf allen

heimischen Festivitäten und wir kommen gut klar, wenn wir uns dann

wieder als Chef und Mitarbeiter begegnen.“ Unternehmer zu sein, sei

eine Funktion. So wie jeder andere Mensch eine Aufgabe habe, ohne

dass es etwas über seine menschliche Qualität ausdrückt.

2021 wird für das Unternehmen ein besonderes Jahr. Dann wird das

125-jährige Bestehen gefeiert und der Firmenchef wird 60. Bis zu

diesem Zeitpunkt möchte er die Zukunft des Unternehmens geregelt

haben. „Meine beiden Söhne wissen, dass sie sich bis dahin entscheiden

müssen, ob sie im Unternehmen aktiv mitarbeiten wollen.“ Er

macht dabei sehr deutlich, dass es „von Beruf Sohn“ in seinem Selbstverständnis

nicht gibt. „Wer dieses Unternehmen führen will, der muss

mit Feuer und Flamme dabei sein, der muss für unsere Produkte

brennen!“ Ob seine Söhne – die beide international studierte Kauf-

leute sind und in ihren aktuellen Jobs erfolgreich agieren – das für sich

so sehen, müssten sie ganz allein entscheiden. Was jedoch sein

Wunsch wäre, daran lässt er keinen Zweifel aufkommen. „Natürlich

hätte ich es gerne, wenn unsere Unternehmensgruppe auch in der

fünften Generation familiengeführt bleibt.“ Wie immer die Ent -

scheidung ausfallen werde, auf jeden Fall „werden unsere Mitarbeitenden

im Jubiläumsjahr eine klare Aussage bekommen, wie es in der

Unternehmensführung weitergeht“. Kurzum: Klarheit, die seinen

beruflichen Weg stets gekennzeichnet hat, wird auch bei der Nachfolge

gegeben sein. Er werde sich nach und nach aus dem aktiven

Geschäft zurückziehen, im eigenen Interesse, denn, so sagt er

schmunzelnd, „ich habe nicht vor, die Firma mit 80 am Ende dann an

einen meiner künftigen Enkel zu übergeben“.

„Wir verstehen uns in jeder Hinsicht so gut.

Sie ist für mich Rückhalt und guter Ratgeber

zugleich. Dafür bin ich ihr sehr dankbar.“

Schon heute genieße er es, irgendwo am Meer, in der Natur oder in

einer Stadt einen Cappuccino oder ein schönes Glas Wein zu trinken

und ein Gespräch zu führen mit Themen, die mit der Firma nichts zu

tun haben. Sich nach dem Abschied aus dem Familienbetrieb völlig

zur Ruhe zu setzen, kann er sich nicht vorstellen. Stattdessen reizt es

ihn, gemeinsam mit seiner Frau etwas völlig Neues und Anderes

anzufangen. „Wir verstehen uns in jeder Hinsicht so gut. Sie ist für

mich Rückhalt und guter Ratgeber zugleich. Dafür bin ich ihr sehr

dankbar.“ Man darf gespannt sein, was da noch kommt. | HH

107


EIN TAKTIKER MIT

BODENHAFTUNG

as Geschäft mit faltbaren Glaswänden – Stefan Holtgreife

kennt es von Kindesbeinen an. Der dreifache Familienvater

aus Borgloh erinnert sich. „Mitanpacken in Vaters Firma –

das gehörte als Schüler dazu. Ich habe schon früh alles

gemacht – vom Kopieren bis zur Mitarbeit in der Pro duktion.“

Aus heutiger Sicht sei das ein Glücksfall, ist der 44-Jährige überzeugt.

Als Chef der Firma Solarlux in Melle führt er 900 Mit arbeiterinnen und

Mitarbeiter in 15 Ländern und „weiß, was jeder unserer Mitarbeitenden

täglich beispielsweise in der Produktion leistet“.

Bis heute wirken Erinnerungen an die ersten Jahre nach „und sorgen

bei mir auch für die nötige Bodenhaftung“. Stefan Holtgreife blickt am

Firmenstandort um sich – dieser hat eine bebaute Fläche von 55 000

Quadratmetern. „Angefangen hat alles mit der Produktion der ersten

Fensterelemente in einem umgebauten Kuhstall. Wenn damals

jemand meinem Vater und seinem Partner Heinz-Theo Ebbert gesagt

hätte, dass daraus eine erfolgreiche Firma mit einem dreistelligen

STEFAN HOLTGREIFE

geboren am 15. Dezember 1975

in Georgsmarienhütte

verheiratet, drei Kinder

Geschäftsführer der Solarlux

GmbH (Melle)

Millionenumsatz wird, dann

hätten die beiden wohl nur den

Kopf geschüttelt.“ Ausgangspunkt

für den Weg in die Selbstständigkeit

war die Insolvenz

des Arbeitgebers. „Die beiden

waren die ersten, die an die Idee der thermisch getrennten Glasfaltwand

glaubten.“ So konnte vor über 30 Jahren erstmals ein Balkon

seinen Charakter erhalten und gleichzeitig als Wohnraum genutzt

werden. Bis 1990 seien sein Vater und Heinz-Theo Ebbert gemeinsam

unterwegs gewesen, dann sei Heinz-Theo Ebbert bei einem Auto -

unfall ums Leben gekommen „und mein Vater hat sich entschieden,

alleine weiterzu machen“. Die ersten Jahre hätten nicht vermuten

lassen, dass „wir heute weltweit so erfolgreich sind – mein Vater hielt

damals die Familie zeitweise auch als Musiker über Wasser“.

Musik spielt für Stefan Holtgreife immer schon eine besondere Rolle:

Er spielt Gitarre und tritt auch heute noch gemeinsam mit seinem

Vater auf. Zur Musik kam er über ein Lied, das er bei seiner Schwester

hörte: „Money for nothing“ von Dire Straits. Dieser Song sei so etwas

wie die Hymne der Firma. „Egal ob Messe oder Kundenveranstaltung

bei uns im Hause: Morgens zum Start drehen wir dieses Lied bei

einem Glas Sekt volle Pulle auf . . .“

Anlässe, die Musik aufzudrehen, gab es immer mehr. Die Idee der

Faltwand setzte sich durch. „Der internationale Durchbruch gelang

durch einen Lizenzvertrag mit einem japanischen Unternehmen.

Mein Vater sagt immer mit einem Augenzwinkern, dass er den Vertrag

nicht verhandelt, sondern beim Karaoke-Singen bekommen

habe.“ Umsatz und Mitarbeiterzahl stiegen, 1995 wurde in Bissendorf

108


Stefan Holtgreife

eine Produktionsstätte gebaut. „Zweiter großer Schritt war 1996 die

Zusammenarbeit mit der US-Firma NanaWall. Die haben unsere

Produkte ‚wie geschnitten Brot‘ verkauft.“ Neben größeren Mengen

gehörten auch einige Leuchtturmprojekte dazu, beispielsweise die

Fassaden im Stadion der New York Yankees. „Alle VIP- und

Presseboxen sind mit unserer Verglasung versehen. Die

Herausforderung war, dass die Fassaden den harten Bällen

und die Konstruktion den Erschütterungen auf der Tribüne

beim Jubel über einen Homerun standhalten müssen.“

Apropos USA: Das Land hat auch für den Weg des heutigen

Firmenchefs – er ist seit 2001 im Unternehmen und heute

Gesellschafter – eine besondere Bedeutung. „Wir wollten dort

eine Produktionsstätte aufbauen. Ich startete allein und hatte

nicht einmal einen Schreibtisch. Es gab keine ausgebildeten

Kräfte. In den ersten Wochen habe ich die Konstruktionen

selbst gebaut. Ich bin wirklich alles, aber kein Handwerker. Die

Zeit in den USA war in jeder Sekunde eine ganz außergewöhnliche

Erfahrung.“

Nach seinem Studium als Wirtschafts ingenieur und der

Qualifikation zum Master of Management arbeitete er

zunächst für zwei Jahre in einer IT-Firma. Zurück in der Heimat,

wartete eine Herausforderung, die viele Unternehmersöhne

kennen. Nun lautete die Frage: Wie kann es mit meinem Vater

und mir gut funktio nieren? Es habe zu Beginn öfter „geknallt“.

„Wir standen voreinander und stritten uns über den Weg zum Ziel –

aber niemals über unsere Werte und die Inhalte.“ Das habe mit den

unterschiedlichen Lebens- und Berufswegen zu tun. „Mein Vater ist

eine große Persönlichkeit, erfahren und ein Bauchmensch, der mit

Gespür die Firma aufgebaut hat. Ich habe zwar viel mitbekommen zu

110


Ein Taktiker mit Bodenhaftung

Hause, aber eben auch Management studiert und damit auf vieles

einen anderen Blick.“ Zudem sei es auch etwas anderes, „ob du die

Entwicklung eines funktionierenden Unternehmens Stück für Stück

verantwortlich gestaltet hast oder, so wie ich, von Null auf Hundert in

der Verantwortung stehst“.

„Ich hatte damals wahnsinnigen Respekt, in die

Fußstapfen meines Vaters zu treten. Es war alles

gut, bis ich den Notarvertrag für die Übernahme

der Anteile unterzeichnet habe. Dann bin ich erst

einmal in die Kirche gefahren.“

Ihm sei klar gewesen, „dass ich eine Taktik finden muss, wie ich mit

meinem Vater gut zurechtkomme“. Mit der Begleitung eines Mentors

aus Österreich habe er gelernt, „anders zuzuhören, manche Dinge

geschehen zu lassen und nicht immer dagegenzuhalten“. Geholfen

habe ihm auch seine Frau, die „immer ein verlässlicher Rückhalt für

mich ist“. „Sie sagte zu mir: ‚Stefan, Geduld ist eine Herzenssache und

Herzensbildung. Wenn du den anderen magst und echtes Interesse

hast, dann gebe ihm Zeit.‘“ Heute funktioniert das Miteinander von

Vater und Sohn gut. „Ich hatte damals wahnsinnigen Respekt, in die

Fußstapfen meines Vaters zu treten. Es war alles gut, bis ich den

Notarvertrag für die Übernahme der Anteile unterzeichnet habe.

Dann bin ich erst einmal in die Kirche gefahren.“ Heute verbindet er

seine Vorstellungen eines modernen Unternehmens und die Ideale,

die sein Vater mit einer Mischung aus Autorität und Demut vorgelebt

hat, zu einem erfolgreichen Konzept. „Ich schätze den Rat und seine

Erfahrung und bin dankbar, dass er mit unserem neuen Firmenstand-

ort maßgeblich die Weichen für die Zukunft mitgestellt und so für sich

einen tollen Schlusspunkt gesetzt hat.“

Den Ausgleich zum Job findet Stefan Holtgreife bei seiner Familie, bei

seinen Touren auf dem Mountainbike und bei seinem ehrenamtlichen

Engagement für den Jugendfußball des TuS Borgloh. „Vor allem der

Kontakt zu den langjährigen Freunden im Dorf, mit denen ich auch

beim TuS zusammen Fußball gespielt habe, ist mir wichtig. Es gibt

Momente, wo ich diesen Stammtisch brauche. Das erdet.“ Er habe

durchaus eine gewisse Erwartungshaltung an sich und sein beruf -

liches Umfeld. Das bringe Führungsverantwortung zwangs läufig mit

sich. „Vielleicht ist es meine Position, die für eine Schublade sorgt.

Oder auch mein Anspruch. Um es mit Worten meiner Leidenschaft

Fußball auszudrücken: Ich bin wohl eher kein Trainer für die Kreisklasse,

sondern für die Champions League und da will ich auch

gewinnen.“ Dazu gehöre es, mit jedem „Mitspieler“ – in seinem Fall

Mitarbeitenden – respektvoll umzugehen. „Jeder hat wie im Fußball

seine Position und Funktion an der Stelle, wo er seine Fähigkeiten am

besten einbringen kann.“ Er sei heute nicht mehr am Ball – sprich

im Blaumann – aktiv, sondern „ich kümmere mich um die erfolgreiche

Taktik“.

Für die nächsten Jahre hat sich Stefan Holtgreife, der gerne wieder

mehr Zeit für die Musik hätte, einiges vorgenommen. „Wir wollen

expandieren. Dafür ist es wichtig, dass wir die mannschaftliche

Geschlossenheit behalten.“ Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

müssten neugierig und antriebsstark bleiben und die Digitalisierung

der Firma vorangetrieben werden. „Wir dürfen nicht denken, dass der

Erfolg von gestern der Garant für den Erfolg von morgen ist. Dann

gelingt es uns auch weiterhin, mit unseren Fassadentechniken ein Teil

großartiger Architekturen in der gesamten Welt zu sein.“ | HH

111


DIE DEMOKRATIE MIT

JOURNALISTISCHEN MITTELN

VERTEIDIGEN

Thomas Bellut ist eingefleischter Journalist und mittlerweile

Intendant des ZDF. Klar vorgezeichnet ist dieser Weg nicht, als Thomas

Bellut 1955 in Osnabrück zur Welt kommt. Seine Eltern stammen aus

Neuenkirchen-Vörden. Er wächst dort als zweiter von vier Brüdern auf.

Jungenpower in einer eher ländlichen Umgebung. Vom Alter her sind

die vier Brüder nicht weit auseinander. „Das war die übliche Familienplanung

nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Bellut, der die Kindheit und

das Familienleben in Neuenkirchen genießt.

Sein Leben spielt sich nach der Schule auf der Straße und in der Umgebung

ab, mit Cowboy und Indianer spielen, Fußball und Raufen. Eine

freie, unbelastete Zeit. Es sind immer Kinder zum Spielen da, er muss

nur vor die Tür gehen. Bellut gehört zur Generation Babyboomer. Auf

der einen Seite schön, später jedoch durchaus eine Herausforderung.

„Mit dem Berufseinstieg habe ich gemerkt, dass sich viele in meinem

DR. THOMAS BELLUT

geboren am 8. März 1955 in Osnabrück

Intendant des ZDF (Zweites Deutsches

Fernsehen)

Thomas Bellut lebt in Mainz.

Alter um die gleichen Jobs be -

worben haben. Das hat es nicht

unbedingt einfacher gemacht,

meinen Berufswunsch umzu -

setzen.“

Nach der Grundschule wird sein Schulweg weiter. In Neuenkirchen und

auch im benachbarten Damme gibt es kein Gymnasium. Der Weg nach

Osnabrück ist zwar genauso weit wie der nach Vechta, die Familie

entscheidet sich jedoch für die Kreisstadt. „Ich musste jeden Tag mit der

Bimmelbahn nach Vechta zum Antonianum. Da konnte man sich auf

der Hin- und Rückfahrt um die Hausaufgaben kümmern. Ich hatte nicht

immer alles schon vorher fertig!“, erinnert sich Thomas Bellut.

Er ist ein Schüler mit klaren Prämissen. Latein zieht er durch, in den

Naturwissenschaften hapert es etwas, dafür liegen ihm besonders die

Fächer der Geisteswissenschaften. „Ich mochte vor allem Geschichte

und Politik, das hieß ja früher Gesellschaftskunde, auch Sport und Musik.

Der Weg in den Journalismus lag damit eigentlich sehr nahe. Gerade

der Unterricht in Geschichte und Politik war sehr viel diskussionsstärker

als heute. Das hat mich stark animiert Journalist zu werden.“

Außerdem ist Bellut katholisch „durchsozialisiert“. Er ist Messdiener,

Lektor und später auch Mitglied der Jungen Union. „Fernsehmoderator

wollte ich wahrscheinlich auch deshalb werden, weil ich damals in der

Kirche das erste Mal vor einem größeren Publikum vorlesen und

sprechen konnte. Das hat mir später im Beruf sehr geholfen, weil es mir

112


Dr. Thomas Bellut

nichts ausmachte, vor vielen Leuten zu stehen. Heute sind die Kirchen

ja nicht mehr ganz so voll wie noch in den 1960er-Jahren.“

Nach dem Abitur 1974 trennen sich die Wege von Thomas Bellut und

dessen Mitschülern. Viele beginnen Ausbildungen, zum Bespiel beim

Karosseriebauer Karmann in Osnabrück. Bellut studiert im nahe

gelegenen Münster an der Westfälischen Wilhelms-Universität

Politikwissenschaft, Geschichte und Publizistik und promoviert

1982.

Danach steigt er in den Journalismus ein, bekommt einen Praktikumsplatz

bei der Neuen Osnabrücker Zeitung. Sein Volontariat

macht er in Münster bei den Westfälischen Nachrichten.

„Ich habe mich vielfach beworben, unter anderem auch beim

NDR. Und es war keine Selbstverständlichkeit, wegen der großen

Konkurrenz einen Job zu bekommen. Bei der Zeitung habe ich

ein hervorragendes, journalistisches Rüstzeug mit auf den Weg

bekommen.“

Das führt ihn zum ZDF, wo er ein zweites Volontariat machen

muss. Geschadet hat es nicht. Beeindruckt ist Bellut von seiner

Zeit in Berlin, wo er zuerst für den Länderspiegel, dann im

Landes studio West-Berlin arbeitet. Er ist vor der Wende regelmäßig

im Ostteil der Stadt unterwegs, knüpft Kontakte zu

Kol legen und wird dann Referent des Programmdirektors. Aus

heutiger Sicht kommt das etwas zu früh. Den Mauerfall erlebt

er so nicht vor Ort in Berlin mit.

„Ich habe mich darüber damals maßlos geärgert, weil ich viele dieser

deutsch-deutschen Themen bearbeitet hatte. Ich hatte dann zum Glück

an Tag 2 nach der Öffnung der Mauer die Gelegenheit, mit der Sendung

Aspekte, die dem Programmdirektor unterstand, die unglaubliche Stimmung

in Berlin zu erleben.“

114


Die Demokratie mit journalistischen Mitteln verteidigen

Nach der Zeit als Assistent des Programmdirektors zieht es ihn zurück

in die Innenpolitik. Sie bleibt seine Leidenschaft. Er leitet die Redaktion

Blickpunkt, befasst sich auch dort häufig mit Ost-West-Themen. Hierbei

helfen ihm die Kontakte, die er in der Berliner Zeit geknüpft hat. Neben

der Politik begeistert sich Bellut für den Fiction-Bereich, geht häufig –

auch in Osnabrück – ins Kino.

Nach elf Jahren als Redakteur und Ressortchef für Innenpolitik wird

er Programmdirektor. Er ist jetzt verantwortlich für alles, was auf dem

Schirm und dahinter passiert. Er setzt Sendungen ab, hebt neue ins Programm

und muss sich dafür auch Kritik gefallen lassen. Zusätzlich muss

er sparen, ohne dass die Qualität des Programms leidet. Ein Balanceakt.

Überhaupt hat sich die Medienlandschaft rasant verändert, sagt Bellut.

„Zwar orientieren sich die Jungen stark am Netz,

der Abriss, also dass irgendwann die ,Alten’ weg

sind und von unten nichts nachkommt, findet

aber zum Glück nicht statt.“

„Viel verlagert sich ins Internet, jedoch stellen wir fest, und das ist auch

messbar, dass die Verweildauer in den ,herkömmlichen’ Medien immer

noch sehr hoch ist. Zwar orientieren sich die Jungen stark am Netz, der

Abriss, also dass irgendwann die ,Alten’ weg sind und von unten nichts

nachkommt, findet aber zum Glück nicht statt. Neue Lebenssituationen

kreieren offenbar wieder traditionelle Rezeptionsmethoden, also die

Art, wie man sieht und liest.“

In seiner Frau, Hülya Özkan, findet er eine verständnisvolle Partnerin.

Hülya Özkan ist ebenfalls Journalistin und arbeitet lange als Moderatorin

für ZDF-Sendungen wie Heute in Europa. Das ist häufig mit Anfeindungen

verbunden. Als eine der ersten deutsch-türkischen Moderatorinnen

bekommt Özkan zahlreiche Schmäh-und Hassbriefe. Die Türkei gehöre

nicht zu Europa, man solle die Sendung doch besser in Heute am

Bosporus umbenennen, sind noch die harmloseren Schreiben. Dies

beeinflusst auch das Familienleben. Mit ihren beiden Kindern spricht das

Ehepaar oft und intensiv, nicht nur darüber. Özkan versteht sich ganz

selbstverständlich als Deutsche mit türkischen Wurzeln. Die Kinder

wachsen mit beiden Kulturen auf, sprechen Türkisch und werden dabei

von Hülya Özkan begleitet. Politik und Medien spielen bei Thomas Bellut

und seiner Familie ganz selbstverständlich eine große Rolle. Der Sohn

ist ebenfalls Journalist, die Tochter hat BWL studiert, geht einen anderen

Weg.

Auseinandersetzungen mit Vertretern rechter Gesinnung haben in den

Augen von Thomas Bellut seit der verstärkten Aufnahme von Geflüchteten

in Deutschland im Jahr 2015 stark zugenommen. Sie haben sich

auf einem bedenklich hohen Niveau eingependelt, sagt er. Auch die

Moderatoren des ZDF werden regelmäßig verbal brutal angegriffen.

„Wir verteidigen unsere Moderatoren entschieden, auch juristisch. Wir

sind weiterhin extrem wachsam. Man kann sehen, wie schnell dieser

Firnis, dieser Mantel von Demokratie, der uns alle umhüllt hat, einge -

rissen wird. Es werden Diskussionen geführt, die wir alle nicht mehr

für möglich gehalten haben. Wir werden uns in der Berichterstattung

allerdings nicht beirren lassen und unsere Demokratie mit unseren journalistischen

Mitteln vor deren Feinden schützen.“

Demnächst wird er wieder mal in Richtung Norden fahren und Neuenkirchen

besuchen. Ein paar seiner Freunde aus der Schulzeit in Vechta

leben noch dort. Und er wird einen Abstecher nach Osnabrück machen,

„einer Stadt, die sich zum Glück nicht umwälzend verändert hat, nur

ansehnlicher geworden ist“, sagt Thomas Bellut |

LA

115


DER VATER VIELER MÄDCHEN IST

DER WUNSCH NACH EINEM JUNGEN

hören.“

eine Großeltern mütterlicherseits hatten eine Gastronomie mit

Landwirtschaft, einen richtig schönen Landgasthof. Wenn ich

als kleiner Junge dort übernachtet habe, habe ich mich oft

abends oben an die Treppe gesetzt. Da konnte ich das Ge -

klapper aus der Küche und die Stimmen aus dem Restaurant

Thomas Bühner, 3-Sterne-Koch, bekommt seine spätere Berufung

zwar nicht in die Wiege gelegt, er kann sich aber daran erinnern, dass

es ihn schon damals fasziniert hat. Geboren wird er am 13. April 1962

zusammen mit seinem zweieiigen Zwillingsbruder. Ein Jahr später

kommt seine Schwester zur Welt. Die ersten zwei Jahre wächst er in

Riesenbeck bei Hörstel auf. Dann zieht die Familie nach Paderborn.

Thomas Bühner wird in eine große Familie geboren. Sein Vater hat

acht Schwestern, seine Mutter sechs Geschwister. Vom Vater stammt

der Spruch: „Der Vater vieler Mädchen ist der Wunsch nach einem

THOMAS BÜHNER

geboren am 13. April 1962 in Riesenbeck

3-Sterne-Koch

Thomas Bühner lebt mit seiner Familie

in Osnabrück.

Jungen.“ Sein Vater arbeitet trotz

eines fehlenden Unterschenkels

(die Folge eines Tritts auf eine

Landmine) in seiner kleinen

Tischlerei. Thomas’ Bruder ist

handwerklich begabter. Wenn

Thomas in der Werkstatt mit anpacken will, bekommt er zu hören:

„Wenn du helfen willst, geh aus dem Licht.“

Kindheit und Jugend sind unkompliziert, er wächst behütet auf. „Es

gab bei uns weder Schläge noch Alkohol. Es war, ohne die Zeit zu

verklären, eine tolle Kindheit und Jugend. Wir sind weder mit einem

goldenen noch einem silbernen Löffel groß geworden. Ich kann mich

noch daran erinnern, dass ich ein Bonanza-Rad hatte, dafür aber kein

Kettcar. Wir sind auch nie mit den Eltern in Urlaub gefahren, haben

dafür die vielen Verwandten besucht. Als Kleinster durfte ich dann in

die Hutablage unseres Käfers krabbeln. Mein Vater hat geraucht,

meine Mutter wollte das Fenster nicht öffnen, weil es zog. Das ist

heute ein schweres Verbrechen an Kindern. Uns hat es nicht ge -

schadet. Ferngesehen haben wir nur sehr wenig, weil meine Mutter

uns immer an die frische Luft geschickt hat.“

Blödsinn veranstalten sie jede Menge. Die Eltern bauen 1972 ein

Eigenheim in einem Neubaugebiet. Ein Abenteuerspielplatz für

die zahlreichen Kinder aus der Nachbarschaft. In der Clique sind locker

25 Kinder. Irgendjemand ist immer da, mit dem man spielen kann.

„Wir haben damals einen Bunker gebaut. Wenn ich heute daran

denke, was hätte passieren können. Wenn der eingestürzt wäre, hätte

man uns sicher tagelang suchen müssen.“ Als sie eine Bude aus

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Thomas Bühner

Brettern von den Baustellen bauen, sollen sie diese wieder abreißen,

ansonsten würden das die Bauarbeiter erledigen. Die Jungs fackeln

sie kurzerhand ab. Wer es am längsten darin aushält, gewinnt die

Mutprobe.

Thomas Bühner kommt fast verletzungsfrei, bis auf einen

Dartpfeil im Nacken, durch seine Kindheit. Die Schule erledigt

er nebenbei. „Ich war richtig faul, hatte trotzdem gute Noten.

Meinen Eltern war das egal. Die wollten, dass ich die Hauptschule

schaffe und einen Beruf erlerne!“ Thomas macht den

Hauptschulabschluss, lässt sich vom Arbeitsamt beraten.

Polizist wäre doch ein passender Job! Das findet Thomas nicht.

Zur Auswahl stehen noch Bäcker, Koch oder Landwirt.

Er entscheidet sich für eine Lehre zum Koch, will zum

„Schweizer Haus“, der ersten Adresse am Platz. Vorher absolviert

er noch zwei Jahre eine schulische Weiterbildung an der

Berufsfachschule für Ernährung und Hauswirtschaft und wird

dann angenommen. Eine harte Zeit. Er wird angeschrien, erledigt

nur primitive Tätigkeiten. Seine Eltern wollen, dass er sich

eine neue Stelle sucht. Thomas Bühner zieht es durch, auch

wenn er, wie alle anderen Auszubildenden, ausgebeutet wird.

„Da gab es drei, vier, fünf Azubis und einen Gesellen. Ich wollte

wissen, wie man Vanillesoße macht. ,Wenn ich das wissen

wolle, solle ich doch die Eierschalen im Mülleimer zählen’, sagte

man mir. Wir mussten bis nachts arbeiten, am nächsten Tag

um viertel vor acht in der Schule sein. Weil unsere Lehrer die Bedingungen

kannten, durften wir bis um neun Uhr schlafen, damit wir

überhaupt aufnahmefähig waren. Ich habe mich dann gerächt, indem

ich meine Ausbildungszeit von der IHK von drei auf zweieinhalb Jahre

habe verkürzen lassen.“

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Der Vater vieler Mädchen ist der Wunsch nach einem Jungen

Ihn hält es danach nicht in Paderborn. Er wechselt ins Hilton nach

Düsseldorf. Eine völlig neue Welt mit neuen Eindrücken. Die Küchen -

brigade besteht aus rund 55 Köchen. „Das war damals eine tolle

Station: Günter Scherrer als Chef – ein Sternerestaurant mit einem

Bankett für bis zu 1200 Personen. Ich bin da aufgeschlagen wie auf

dem Mars. Außer einem ‚Guten Morgen‘ vom Boss gab es alle

Ansagen über den Chef de Partie. Ich bin gut klar gekommen. Am

Ende sprach er auch direkt mit mir. Er wollte unbedingt, dass ich mit

ihm in ein neues Restaurant wechsle.“

In Lippstadt lernt Thomas Bühner seine erste Frau kennen. Die ersten

drei Monate zoffen sie sich nur, sagt er. Am Ende finden sie doch

zusammen. Dann geht es weiter über Hamburg, Westerland nach

Baiersbronn. Er sammelt viele Erfahrungen und lernt auch, mit den

„Man darf sich einfach nicht anstecken lassen.

Für mich war eines klar: Ich wollte ein sehr guter

Koch werden. Dafür musste ich ein paar Mal links

und rechts abbiegen.“

ruppigen Seiten des Metiers klarzukommen. „Man darf sich einfach

nicht anstecken lassen. Für mich war eines klar: Ich wollte ein sehr

guter Koch werden. Dafür musste ich ein paar Mal links und rechts

abbiegen. Es war im Nachhinein eine sehr ungewöhnliche Karriere.

Ich war niemals Sous-Chef, ich war niemals Saucier, ich war oft

Entremetier und nur in zwei Betrieben Chef de Partie.“

Thomas Bühner entwickelt seine eigene Art zu kochen – lernt, sieht

nicht nur zu. Als er 1996 das „La Table“ in Düsseldorf übernimmt,

kostet es viele Anstrengungen, den Standard des Hauses hochzu -

halten, noch zu steigern. Der Restaurantführer Gault-Millau schreibt:

„Unsere Bitte an Thomas Bühner: Verhunzen Sie die teuren Produkte

nicht!“ Schnell steigert er mit seinem Team die Punktezahl; 1994 sind

es 14, 1997 schon 17. Sie heimsen einen Preis nach dem anderen ein:

Spitzenkoch des Jahres, Sommelier des Jahres, Restaurant des Jahres.

„Man hat uns gesagt: ,Kauft einen Hund, dann machen die den auch

noch zum Hund des Jahres.’ 1996 zahlte sich unsere Arbeit aus. Wir

haben den ersten Michelin-Stern bekommen, 1998 den zweiten.“

Um an seinem dritten Stern zu arbeiten, wechselt er 2006 in die Friedensstadt

Osnabrück. Im „La Vie“ kann er seine Visionen ausleben. Er

will Evolution statt Revolution. Der ausgezeichnete Ruf des „La Vie“

geht weit über die Grenzen der Stadt hinaus. 2011 bekommt Thomas

Bühner den dritten Stern, ist da angekommen, wo er hin wollte. Auch

privat findet er sein Glück. 2016 heiratet er eine Osnabrückerin. 2018

plötzlich die Schließung des Restaurants durch den Eigentümer.

Thomas Bühner ist sicher, dass es ausreichend andere Investoren für

das Restaurant gegeben hätte. Die Chance bekommt er allerdings

nicht. Er bleibt in Osnabrück, berät Kunden, die seine Expertise schätzen.

Ob in Hongkong, Taiwan, Korea, Singapur, Jakarta oder Peking:

Die Meinung von Thomas Bühner ist weltweit gefragt.

Osnabrück bleibt jedoch vorerst seine Stadt. Er wohnt mittendrin, fühlt

sich wohl. „Osnabrück hat ein tolles Theater, Kliniken, Schwimmbäder,

man kann alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigen. Es ist eine

junge Stadt mit vielen Studenten, aber auch mit Historie. Mir fällt auf,

dass die Osnabrücker das manchmal leider nicht zu schätzen wissen.“

Vielleicht, sagt er, gibt es irgendwann eine Aufgabe, die ihn dann doch

aus Osnabrück wegführt. Aber derzeit genießt er seine Art zu leben

und zu arbeiten. |

LA

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DAS GLÜCK DER ERDE

ch sollte Schlosser werden, weil der Hof für mich und meinen

Bruder nicht genug abwerfen würde.“ Ullrich Kasselmann sitzt in

einem großen, mit schweren Möbeln ausgestatteten Raum auf

seinem Hof in Hagen am Teutoburger Wald. Der Hof liegt ein -

gebettet in eine malerische Landschaft, die sich im Süden von

Osnabrück mit leichten Hügeln und höheren Erhebungen dahinzieht.

Die Friedensstadt Osnabrück ist nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt.

Von hektischem Treiben ist an diesem Tag nichts zu spüren. Der

Ort strahlt Ruhe und Gelassenheit aus, was nicht immer so ist. „Wenn

bei uns Horses & Dreams ansteht, dann ist hier genauso viel Trubel

wie auf der Maiwoche in Osnabrück

nur internationaler.“

Horses & Dreams und Future Champions sind die Pferdesport -

ereignisse für die Region und weit darüber hinaus. Mehr als ein -

tausend Pferde, ebenso viele Reiterinnen und Reiter, Prominente aus

Politik, Wirtschaft, Kultur, Sport und andere Zuschauer erleben an

einem Wochenende im April Pferdesport der höchsten Güte.

Ullrich Kasselmann

geboren am 20. Dezember 1947 in

Bad Rothenfelde

international erfolgreicher Pferdezuchtund

Pferdesport-Experte

Ullrich Kasselmann lebt in Hagen am

Teutoburger Wald.

Es war ein langer Weg bis hierher. Die Familie Kasselmann lebt nachweislich

seit dem 12. Jahrhundert

an dieser Stelle. Bauern, die seit

jeher die Äcker bestellt und Tiere

gezüchtet und versorgt haben.

Dieses Wissen beruht auf Chroniken, die Ullrich Kasselmann von Historikern

hat übersetzen lassen. Eigentlich hat er nur einen kurzen Abriss

erwartet. Daraus geworden ist ein Buch mit zweihundert Seiten,

die das bewegte Leben und die Geschichte der Kasselmanns über

Jahrhunderte beleuchten.

Das ist Ullrich Kasselmann nicht bewusst, als er den Auftrag dafür

erteilt. Als kleiner Junge bleibt ihm dieser Teil der Familienchronik

verborgen. „Ich bin hier auf dem elterlichen Hof groß geworden, mit

Pferden, Schweinen und Kühen und was man sonst so auf einem

Bauernhof erwartet. Ich bin damals mit Lederhosen, die ich übrigens

nie besonders toll fand, auf dem Hof herumgestromert. Ich musste

aber, das war völlig normal, bei allem mit anfassen. Egal ob Melken

oder Füttern, es war ein richtiges Bauernleben.“

Seine Eltern und Großeltern sind nicht nur Landwirte. Sie vermieten

Zimmer für die Sommerfrische an Städter und das schon Ende der

1930er-Jahre. Heute würde man Ferien auf dem Bauernhof dazu

sagen. „Es waren auch sehr bekannte Persönlichkeiten darunter, wie

die Familie des Kaffeeproduzenten Jacobs. Meine Großeltern hatten

sogar ein Schwimmbad. Einige meiner Tanten wurden eigens nach

Italien geschickt, damit sie dort Kochen lernen sollten. Das war schon

sehr besonders.“

120


Ullrich Kasselmann

Seine Mutter stirbt, als Ullrich Kasselmann gerade sechs Jahre alt ist,

er wird von seiner Großmutter großgezogen. Schule ist für den sportlichen

Jungen eher Nebensache. Er ist eng befreundet mit dem Sohn

eines Maschinentechnikers. Nach Abschluss der Schule beginnt er

eine Lehre als Schmied und Landmaschinentechniker. Der

Vater ist der Meinung, dass der Hof nicht groß genug ist, um

für beide Söhne den Lebensunterhalt zu gewährleisten. Doch

dann wird sein Vater krank. Auf dem Sterbebett bittet er Ullrich

zu sich.

„Auf dem Hof gilt seit jeher das Jüngstenrecht. Ich war somit

nicht vorgesehen, den Hof zu übernehmen. Mein Bruder war

damit einverstanden. Er ist heute Steuerberater und unterstützt

uns in dieser Funktion.“

Das ist der eigentliche Beginn für die Karriere von Ullrich

Kasselmann. Er macht den Hof und arbeitet in Verden. Dort

erlernt er sein pferdesportliches Handwerk bei Hans-Joachim

Köhler, einem anerkannten Hippologen. Er ist mehr als 18 Jahre

erfolgreicher Auktionsreiter und bildet Pferde bis zur Grand

Prix-Reife aus. In dieser Zeit lernt er seine Frau Bianca kennen.

Beide sind begeisterte Pferdesportliebhaber. Ullrich erkennt

das Talent seiner Frau und unterstützt sie wo er kann. Das wird

belohnt. Bianca Kasselmann gewinnt 1980 die Deutschen

Meisterschaften im Springreiten. Sie entdeckte durch ihn ihr

Faible für die Dressur und „sattelte um“. Und sammelte zahlreiche

Siege und Platzierungen auf Grand Prix-Niveau und den Titel

der Deutschen Berufsreiter-Championesse.

Da sitzt Ullrich Kasselmann in der Pferdevermarktung schon fest im

Sattel. „In der Zeit in Verden habe ich viele Kunden kennengelernt.

Meine Mixtur zwischen Reiter und Verkäufer hat es mir ermöglicht,

122


Das Glück der Erde

den entscheidenden Schritt zu gehen. Ich habe nie Berührungsängste

mit Menschen gehabt. Wenn ich irgendwo war, hatte ich immer einen

dunklen Anzug dabei. Das war ungewöhnlich für junge Menschen,

aber mir war klar, Kleider machen Leute.“

In einem solchen Anzug lernt er bei einem Reitturnier in Nörten-

Hardenberg den mehrfachen Reitolympiasieger Hans-Günter Winkler

kennen. „Der war dort zur Jagd und ich bin ebenfalls Jäger. Da musste

auf den Jagderfolg ein Schnaps getrunken werden. Das wurden dann

zwei oder drei. Ich war damals gerade 30 Jahre alt. Daraus hat sich

eine Freundschaft entwickelt. Später kamen noch Alwin Schockemöhle,

Dr. Reiner Klimke und Fritz Thiedemann dazu, alles extrem

erfolgreiche Reiter und Persönlichkeiten.“

„Meine Mixtur zwischen Reiter und Verkäufer hat

es mir ermöglicht, den entscheidenden Schritt

zu gehen. Ich habe nie Berührungsängste mit

Menschen gehabt.“

Ullrich Kasselmann lernt durch seine Freunde andere Top-Sportler

und viele neue Kunden kennen, die von der Arbeit und dem Pferderiecher

des jungen Mannes aus dem Osnabrücker Land begeistert

sind. Dies entwickelt er mit Paul Schockemöhle weiter.

„Ich bin es gewohnt, früh aufzustehen und lange zu arbeiten. Gesetzliche

Arbeitszeitregelungen gab es auf einem Hof, wie dem meiner

Eltern, nicht. Tiere füttern, sauber machen, ein Tag hat 24 Stunden,

ein Arbeitstag zwölf.“

Seit nun mehr als 40 Jahren veranstalten Ullrich Kasselmann und Paul

Schockemöhle die Performance Sales International Auktion. Dort

werden lediglich eigene Pferde ins Lot genommen. Nur am Anfang

wurden die Pferde angekauft. Heute werden die Pferde auf den

Gestüten Lewitz und Osthoff von Paul Schockemöhle und Ullrich

Kasselmann selber gezüchtet.

Die Geschäfte laufen international. Egal ob Europa, Australien, die

USA, Taiwan, China, Khatar oder der Oman: Kasselmanns Pferde

werden auf der ganzen Welt geschätzt. Mit dem Oman verbindet

ihn ein besonderes Verhältnis. Schon mehrmals hat er für den Sultan

sehr große Pferdeshows organisiert. „The Royal Equestrian & Camel

Festival“ mit rund 7000 Menschen, 1500 Pferden und 750 Kamelen,

komplett organisiert durch das Kasselman-Team mit TV-Übertragungen

in die ganze Welt.

Sein aktuelles Engagement gilt einer Internetplattform für die Vermittlung

und den Verkauf von Pferden. Auf ehorses gibt es 17 000

Angebote und alle 20 Minuten wird dort ein Tier verkauft. Zusammen

mit der Hochschule Osnabrück lässt er einen Boden entwickeln, der

auf Reitplätzen und Zuwegungen das Verletzungsrisiko der Tiere vermindert

und für Drainage sorgt. Dabei ist Ullrich Kasselmann eigentlich

schon Privatier. Die Verantwortung hat er an seinen Sohn Francois

abgegeben und eine Familienstiftung gegründet.

So ganz scheint das mit dem Ruhestand nicht zu stimmen. Wer

Ullrich Kasselmann kennt, der weiß, dass er auch im kommenden

Jahr wieder bei Horses & Dreams mitmischen wird. Neben dem

wirtschaftlichen Erfolg setzt er sich für Menschen ein, die Hilfe

be nötigen. Mit „Reiten gegen den Hunger“ fördert er Schulprojekte

in Uganda. Das Glück der Erde liegt wohl nicht immer nur auf dem

Rücken der Pferde |

LA

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TRADITIONSBEWUSSTER

MODERNISIERER MIT MUT

ch bin mit der Firma sozusagen am Küchentisch aufgewachsen.

Daher war für mich immer klar, dass ich irgendwann unseren

Familienbetrieb führen möchte. Das fühlte sich für mich schon als

junger Mensch natürlich an.“ Der, der das sagt, ist Dr.-Ing. Wolfgang

Kühnl. In fünfter Generation führt er heute als geschäftsführender

Gesellschafter die 1888 gegründete H. Kemper GmbH & Co. KG

in Nortrup, einem der in Europa marktführenden Hersteller von

Rohwurst-, Schinken-, Brühwurst-, Kochwurst- und Convenience-

Produkten.

Bevor Kühnl nach dem Studium der Lebensmitteltechnologie und

Promotion an der TU München zurück ins Artland kommt, geht es

zunächst in die USA zu Tyson Foods. Im Alter von 30 Jahren steht

dann die Rückkehr in das Familienunternehmen an, zunächst als

Assistent seines Vaters. 2015 übernimmt er die Geschäftsführung für

den Bereich Produktion und Technik, bevor er 2018 in die Gesamt -

verantwortung für das heute 1450 Mitarbeiter zählende Unter -

DR.-ING. WOLFGANG KÜHNL

geboren am 1. Februar 1981 in Osnabrück

verheiratet, zwei Kinder

Lebensmitteltechnologe; geschäfts -

führender Gesellschafter der

H. Kemper GmbH & Co. KG, Nortrup

nehmen tritt.

Pro Jahr werden etwa 95 000

Tonnen Fleischprodukte – das

entspricht etwa 9000 vollgeladenen

Lkws – in Nortrup, Dink -

lage und Cloppenburg (seit

2006 werden hier frittierte Geflügelprodukte hergestellt) produziert

und damit ein Jahresumsatz von etwa 400 Millionen Euro erreicht.

Trotz dieser großen Mengen kennt kaum jemand den Namen

Kemper. Den Grund dafür erklärt Dr. Kühnl: „Wir liefern eine breite

Palette an Fleischwarenerzeugnissen an nahezu alle großen Lebensmittelketten

in Deutschland unter den Eigenmarken des Handels.

Hinzu kommt etwa ein Fünftel des Absatzes in fast alle Länder

Europas.“ Ein Garant für den Erfolg ist die hohe Investitionsbereitschaft

und die Entscheidung, konsequent den Weg vom Handwerksbetrieb

in Richtung industrieller Produktion zu gehen.

Mitte der 1990er-Jahre wurde ein neues, hoch spezialisiertes Werk

für die Produktion von Rohwurst errichtet. „Wie auch die Investition

2011 in die sogenannte ‚Brüko‘ – das steht für Brühwurst und Kochschinken

– haben wir auch damals eines der modernsten Werke weltweit

für diese Produktgattung gebaut.“ In beide Werke zusammen

fließen etwa 110 Millionen Euro und zudem „nehmen wir jährlich bis

zu 20 Millionen Euro für laufende Modernisierungen in die Hand, sodass

es im letzten Vierteljahrhundert etwa eine Viertelmilliarde Euro

war“. Finanziert würden diese Investitionen traditionell aus den

Unternehmenserlösen und sorgen so für Unabhängigkeit. „Ein großer

Teil unserer Wertschöpfung liegt heute im Bereich der effizienten

Verpackung und weniger in der reinen Wurstproduktion. Wir inves-

124


Dr. Wolfang Kühnl

tierten frühzeitig mutig in die konsequente Automatisierung der

Abläufe, haben die Kernprozesse nicht ausgelagert und dabei auch

die Mitarbeiter, die im Schnitt mehr als 17 Jahre bei uns sind, mit -

genommen. Das sind heute unsere Stärken.“ Das Unternehmen habe

heute etwa genauso viele Automatisierungstechniker wie

Lebensmitteltechnologen. „Das ist schon ungewöhnlich für

unsere Branche.“

Ob er im Rückblick auf die vergangenen Jahre etwas anders

gemacht hätte? Der Familienvater antwortet mit einem klaren

„Ja!“. „Wenn ich heute noch einmal meinen beruflichen Weg

gehen würde, dann würde ich auf jeden Fall eine Lehre zum

Fleischer machen.“ Diese praktischen Fähigkeiten mit allen

Kenntnissen fehle ihm, beispielsweise wenn es um Rezepturen

gehe. Ansonsten ist er – der sich selbst als diszipliniert, rational

und den Menschen zugewandt einschätzt – mit seinem Weg

sehr zufrieden. „Die Verantwortung für ein Unternehmen als

Chef unabhängig zu tragen und gestalten zu können, begeistert

mich nach wie vor.“ Dabei sei es ihm wichtig, Aufgaben an

Mitarbeiter in klar umrissenen Aufgabenfeldern zu delegieren.

Schmunzelnd ergänzt er: „Ich versuche, meinen guten Leuten

nicht im Weg zu stehen . . .“ Der Umstand, dass zudem einige

leitende Mitarbeiter in den Ruhestand gegangen sind, „hat den

Generationswechsel in unserem Hause sicherlich auch er -

leichtert“.

Während andere Fleischlieferanten durchaus öfters für Schlagzeilen

in den Medien sorgen, ist es um Kemper eher ruhig bestellt. „Wir

stehen für nachhaltige Qualität und Konstanz im Geschmack“, sagt

Dr. Kühnl. Für mediales Aufsehen sorgte das Unternehmen jedoch

vor einigen Jahren, als der letzte Transrapid gekauft wurde. Hinter-

126


Traditionsbewusster Modernisierer mit Mut

grund ist, dass es Kühnls Urgroßvater Hermann Kemper war, der als

Ingenieur die elektromagnetische Schwebebahntechnik entwickelt

hat. „Als vor einigen Jahren der für die Strecke München zum Flug -

hafen entwickelte Zug versteigert wurde, war uns klar, dass wir den

Transrapid zu uns holen.“ Es sei dann darum gegangen, ein Nutzungskonzept

zu entwickeln. „Wir hatten Bedarf an kleinen Besprechungsräumen

u. a. für Kundengespräche und haben einfach zwei der drei

Sektionen mit vielen Bordmitteln und unter Einbindung von Aus -

zubildenden kreativ umgebaut.“ Die dritte Sektion ist komplett im

Originalzustand erhalten und könnte theoretisch noch auf einer

Trasse schweben. Aus heutiger Sicht sei dies ein guter Schritt

gewesen, denn „wir hatten viel positive Presse und sind froh, dass wir

das gemacht haben“.

Aktuell ist er dabei, für den Familienbetrieb die Weichen für die nächsten

Jahre zu stellen. „Wir sind in unserer Branche im Konzert der

großen Schlachtkonzerne eher ein kleiner Player. Zudem gibt es auch

im Handel eine starke Konzentration von immer weniger Abnehmern.

Um langfristig im Wettbewerb mit großen Fleisch- und Wurstfabrikanten

konkurrieren zu können, müssen wir wachsen.“ Dieses Wachstum

alleine auf die Beine zu stellen, wäre ein immenser Kraftakt.

„Vor behaltlich der Zustimmung durch das Kartellamt gehen wir einen

anderen Weg. Wir werden mit der H. & E. Reinert Westfälische Privat-

Fleischerei GmbH in Versmold zu einer neuen Holding unter dem

Namen The Family Butchers (TFB) zusammengehen.“ Die Partnerschaft

finde auf Augenhöhe statt. „Beide Unternehmen sind fami -

liengeführt, haben eine sehr ähnliche Philosophie und wir sind uns

einig, dass wir uns sehr gut ergänzen werden.“ Während Kemper für

seine hochmodernen Produktionsabläufe und hohe Qualitäts -

sicherung bekannt sei, verstehe sich Reinert neben der Herstellung

von Qualitätsprodukten auch sehr gut auf das Marketing. „Beide

Firmen funktionieren und haben ausgelastete Werke. Zusammen

sind wir dann in Deutschland die Nummer 2 unter den Herstellern.“

„Aus meiner Sicht ist dieser Schritt mutig, aber

alternativlos, um langfristig die Arbeitsplätze

am Standort zu sichern und so unser Traditions -

unternehmen zukunftsfähig zu halten.“

Natürlich sei es kein einfacher Schritt, sich von der vollständigen

Eigenständigkeit zu verabschieden, und es komme naturgemäß zu

Veränderungen in einigen administrativen Bereichen und damit auch

zu personellen Einschnitten. „Aus meiner Sicht ist dieser Schritt mutig,

aber alternativlos, um langfristig die Arbeitsplätze am Standort zu

sichern und so unser Traditionsunternehmen zukunftsfähig zu

halten.“ Dabei werde er sich auch weiterhin von den traditionellen

Werten des lokal verwurzelten Familienbetriebs leiten lassen, die

durch den Qualitätsanspruch, modernste Produktionstechniken und

das Vertrauen in festangestellte Mitarbeiter unterstrichen werden.

„Wir fusionieren aus der Stärke heraus. Ich freue mich auf die spannenden

Herausforderungen und bin mir sicher, dass wir gemeinsam

mit Reinert mit der TFB auch die nächsten Jahrzehnte erfolgreich

sind.“ Dabei wird er den Ausgleich für die beruflichen Aktivitäten wie

bisher in der Familie und auch mit regelmäßigen Urlauben, vorzugsweise

in Städten, finden. „Die Familie ist ein absoluter Ruhepol und

Rückhalt für mich. Wir haben zwei kleine Kinder. Die holen einen sehr

schnell aus dem Berufsalltag.“ Und darüber hinaus kocht er gerne –

natürlich vorzugsweise nicht vegetarisch . . . |

HH

127


Menslage

Quakenbrück

Berge

Badbergen

Nortrup

Neuenkirchen

Kettenkamp

Gehrde

Bippen

Eggermühlen

Bersenbrück

Ankum

Fürstenau

Merzen

Alfhausen

Rieste

Voltlage

Bohmte

Ostercappeln

Bramsche

Wallenhorst

Belm

Hagen

Osnabrück

Hasbergen

Georgsmarienhütte

Bissendorf

Bad Essen

Quelle: Hagar66 (commons.wikimedia.org)

VERWURZELT. PROFILIERT.

ERFOLGREICH.

Menschen aus Stadt und Landkreis Osnabrück

Bad

Iburg

Bad

Laer

Hilter

Bad

Rothenfelde

Dissen

Melle

Glandorf

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