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Ute Catrin Bührer: Kompetenzerweiterung im Alter (Leseprobe)

Welchen Beitrag kann kirchliche Bildung für und mit Ältere(n) leisten, um die vielfältigen Kompetenzen Älterer sichtbar zu machen? Wie kann in Zeiten des demografischen Wandels Beteiligungsgerechtigkeit begünstigt werden? Wie kann digitale Exklusion im Alter verringert, wie das intergenerationelle Miteinander gefördert werden? Die Autorin geht in vorliegender Monografie derlei Fragen nach – und entwickelt schließlich die Vision, Mentoring-Projekte mit Älteren als Keimzellen für generationenübergreifende Inklusions-Netzwerke zu gestalten. Hierdurch wird aufgezeigt, welches Potenzial dem Format des Mentoring innewohnt und: welchen Beitrag es leisten kann zur Wandlungs- und Innovationsfähigkeit von Kirche und zum Etablieren einer digitalisierten Zivilgesellschaft.

Welchen Beitrag kann kirchliche Bildung für und mit Ältere(n) leisten, um die vielfältigen Kompetenzen Älterer sichtbar zu machen? Wie kann in Zeiten des demografischen Wandels Beteiligungsgerechtigkeit begünstigt werden? Wie kann digitale Exklusion im Alter verringert, wie das intergenerationelle Miteinander gefördert werden?

Die Autorin geht in vorliegender Monografie derlei Fragen nach – und entwickelt schließlich die Vision, Mentoring-Projekte mit Älteren als Keimzellen für generationenübergreifende Inklusions-Netzwerke zu gestalten. Hierdurch wird aufgezeigt, welches Potenzial dem Format des Mentoring innewohnt und: welchen Beitrag es leisten kann zur Wandlungs- und Innovationsfähigkeit von Kirche und zum Etablieren einer digitalisierten Zivilgesellschaft.

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Ute Catrin Bührer

Kompetenzerweiterung

im Alter

Eine Untersuchung

der spezifischen Chancen

von Mentoring-Projekten für

die kirchliche Altenbildung

VDWI 65


Inhalt

Danksagung ........................................... 5

Geleitwort ............................................. 7

Geleitwort ............................................. 9

1 Einleitung ........................................... 25

Teil 1Theoretische Hinführung

2 Alterszuschreibungen im Wandel ................... 31

2.1 Hinführung ................................... 31

2.1.1 Historischer Rückblick ........................... 31

2.1.2 Die Ausdifferenzierung der späteren Lebensphasen

in ein drittes und viertes Lebensalter .............. 33

2.1.3 Die Sozialfigur der ›jungen Alten‹ ................ 35

2.2 Alternstheorien ................................ 36

2.2.1 Das Defizitmodell des Alterns .................... 36

2.2.2 Die Aktivitätstheorie ........................... 37

2.2.3 Die Disengagementtheorie ...................... 38

2.2.4 Konzeptionen zur Aktivität und Kontinuität ....... 40

2.2.4.1 Das Kontinuitätsmodell ......................... 40

2.2.4.2 Das SOK-Modell ............................... 41

2.3 Der Paradigmenwechsel vom individuellen Blick hin

zum aktivgesellschaftlichen Anforderungsprofil an

das Alter ...................................... 42

2.3.1 Lebensentwürfe des entpflichteten Ruhestands in

der BRD in den 1980er und frühen 1990er Jahren ... 42

2.3.1.1 Das Phänomen des ziellosen Aktivismus ........... 42

2.3.1.2 Sinnbilder des entpflichteten Ruhestandes ........ 43

2.3.2 Kontroverse Positionen zum entpflichteten

Ruhestand .................................... 44

2.3.2.1 Die Versorgungsperspektive ..................... 44


12 Inhalt

2.3.2.2 Die Anerkennungsperspektive ................... 45

2.3.2.3 Vergleichende Übersicht ........................ 47

2.3.3 Produktives Altern in den USA ................... 47

2.3.3.1 Das Konzept des productive aging ................ 48

2.3.3.2 Begriffliche Bestimmung des productive aging ..... 48

2.3.3.3 Die Erweiterung um die Forderung nach

partizipativer Gerechtigkeit ..................... 50

2.4 Zwischenbetrachtung zur Mehrdimensionalität der

Alterszuschreibung ›aktiv‹ ...................... 52

2.4.1 Das ›aktive Alter‹ als Form der Alterswürdigung .... 52

2.4.2 Erkennbare Ambivalenzen ...................... 53

2.5 Bilder und Ausprägungen des aktiven Alterns in der

BRD heute .................................... 55

2.5.1 Der Aufruf zur Mitverantwortung ¾lterer ......... 55

2.5.2 Die Normierung des aktiven Alters ............... 56

2.6 Das aktive Alter –Kritische Auseinandersetzung mit

ausgewählten Aspekten ........................ 57

2.6.1 Das Aktivbild des Alterns im Kontext von

Beschäftigung ................................. 57

2.6.2 Das Aktivbild des Alterns im Kontext familialer

Generationenbeziehungen ...................... 60

2.6.3 Das Aktivbild des Alterns im Kontext

gesellschaftlicher Generationenbeziehungen ...... 63

2.7 Schlussbetrachtung ............................ 65

3 Der alternde Mensch in christlicher Perspektive .... 69

3.1 Altern und der ältere Mensch in der Bibel ......... 69

3.1.1 Hinführung ................................... 69

3.1.2 Darstellungen des Alterns im Alten Testament ..... 70

3.1.3 Die neutestamentliche Dimension der Hoffnung ... 73

3.2 Ansätze zur Annäherung an den Begriff der

Endlichkeit .................................... 77

3.2.1 Zur Entwicklung eines Endlichkeitsbewusstseins .... 77

3.2.2 Zur Definition des Begriffs der Endlichkeit ......... 79


Inhalt 13

3.2.3 Zur Deutung des Lebens als Fragment ............. 80

3.2.3.1 Drei Dimensionen der Fragmentarität ............. 80

3.2.3.2 Fragmentarität als Alternative zum Mythos der

Machbarkeit ................................... 82

3.3 Grundlagen einer Kultur der Endlichkeit .......... 84

3.3.1 Die Ambivalenz zwischen Gottebenbildlichkeit und

Geschçpflichkeit ............................... 84

3.3.1.1 Das Spannungsfeld zwischen Akzeptanz und

innerer Abwehr ................................ 84

3.3.1.2 Das Spannungsfeld von Gottebenbildlichkeit und

Geschçpflichkeit ............................... 85

3.3.1.3 Zur Deutung der Gottebenbildlichkeit . ........... 86

3.3.1.4 Die Fragmentarität des Menschen im Lichte seiner

Gottebenbildlichkeit ........................... 87

3.3.1.5 Schlussbetrachtung ............................. 88

3.3.2 Die Verortung zwischen den Konzepten des

Pro-Agings und des Anti-Agings ................. 90

3.3.2.1 Zum Konzept des Anti-Agings ................... 90

3.3.2.2 Lebensbewältigungsstrategien i. S. e. Pro-Agings ... 92

3.3.2.3 Pro-Aging als Hinführung zu einer ars senescendi .. 93

3.3.2.4 Schlussbetrachtung ............................. 94

3.4 Das Alter als Endlichkeitsindikator menschlichen

Lebens ....................................... 96

3.4.1 Die Aneignung temporaler Kompetenz ........... 96

3.4.2 Das Erkennen der eigenen Angewiesenheit vor Gott 97

3.4.2.1 Das Werden zu sich selbst ....................... 97

3.4.2.2 Die Geschçpfwerdung . ......................... 98

3.4.3 Facetten der Vorbildfunktion ¾lterer .............100

3.5 Schlussbetrachtung ............................ 101

4 Bedingungen für Teilhabe und Engagement ¾lterer 103

4.1 Soziale Teilhabe im Alter durch Bildung ...........104

4.1.1 Die Rolle signifikant Anderer im Hinblick auf die

Persçnlichkeitsentfaltung im Alter ................ 104

4.1.2 Bildungsangebote imAlter ......................106

4.1.2.1 Gegenstand der Geragogik ...................... 107

4.1.2.2 Geragogik als intergenerationelles Lernen ......... 108


14 Inhalt

4.1.2.3 Weitere Leitbegriffe der Geragogik ............... 110

4.1.3 Schlussbetrachtung ............................. 112

4.2 Soziale Teilhabe im Alter durch

zivilgesellschaftliches Engagement ...............113

4.2.1 Engagement im Alter ...........................114

4.2.1.1 Relevante Faktoren für die Übernahme eines

Engagements durch ältere Menschen ............. 116

4.2.1.2 Positive Effekte durch Maßnahmen zur

Weiterbildung .................................118

4.2.2 Zwischenbetrachtung zur Mehrdimensionalität des

Engagements im Alter ..........................119

4.2.3 Engagement im Kontext von Pflege ..............122

4.2.3.1 Engagement als »dritte Säule« im Kontext von

Pflege ........................................123

4.2.3.2 Zur Gewährleistung der Arbeitsmarktneutralität von

Engagement ..................................124

4.2.3.3 Erwägungen zur Qualitätssicherung ..............125

4.2.4 Zur Monetarisierung von Engagement ............127

4.2.4.1 Das Risiko einer Instrumentalisierung bezahlten

Engagements ..................................127

4.2.4.2 Zur Gefahr der Etablierung eines Niedriglohnsektors 128

4.2.4.3 Finanzielle Entlohnung als Ermçglichung von

Wertschätzung und Verlässlichkeit ................129

4.2.4.4 Monetarisierung als Türçffner für gesellschaftliche

Teilhabe ......................................129

4.2.5 Ausblick auf zukünftige Entwicklungen –Vom alten

zum neuen Engagement ........................131

4.2.6 Konsequenzen für das Engagement ¾lterer im

Kontext von Pflege .............................132

4.2.7 Erwägungen zur Teilhabe Hochaltriger ............134

4.2.8 Schlussbetrachtung .............................135

4.3 Zum Einfluss digitaler Medien auf die soziale

Teilhabe im Alter ...............................138

4.3.1 Die Bedeutung von digitaler Technologie für die

Gestaltung der Lebensphase Alter ................138

4.3.2 Der Umgang mit den digitalen Technologien ...... 140

4.3.3 Erçrterung der Ursachen für die digitale Kluft

zwischen Jung und Alt ..........................142

4.3.3.1 ¾ltere als sog. digital immigrants .................142

4.3.3.2 Unterschiede bzgl. der Nutzungsspektren . ........ 143


Inhalt 15

4.3.3.3 Gründe fürgeschlechtsspezifische Benachteiligung 144

4.3.3.4 Ausblick ...................................... 145

4.3.4 Schlussbetrachtung .............................146

5 Transfer und Erweiterung der Potenziale ¾lterer

durch Mentoring .................................... 151

5.1 Bildung und Kompetenzerwerb ..................151

5.1.1 Lernen als Antwort auf die gegenwärtigen

Herausforderungen . ...........................151

5.1.2 Der Begriff der Kompetenz ......................152

5.1.2.1 Die Fähigkeit, Erfahrungen nutzbar zu machen .... 152

5.1.2.2 Kompetenz und Qualifikation ...................153

5.1.2.3 Zur Messbarkeit von Kompetenzen ...............154

5.1.3 Kompetenzentwicklung als Wertelernen ..........155

5.2 Beratung in Lern- und Veränderungsprozessen .... 156

5.2.1 Hinführung ................................... 156

5.2.2 Die Analyse von Beratungs-Geschehen mithilfe der

Referenztheorie der Synergetik ..................157

5.2.2.1 Die Theorie der Selbstorganisation ...............158

5.2.2.2 Die Orientierung an generischen Wirkprinzipien zur

Fçrderung von Selbstorganisationsprozessen ...... 159

5.2.2.3 Beratende als System-Umwelt und interagierende

Partnerinnen bzw. Partner ......................162

5.3 Formate der Beratung ..........................163

5.3.1 Coaching .....................................163

5.3.2 Supervision ....................................164

5.3.3 Mentoring .................................... 164

5.3.4 Kritische Diskussion ............................165

5.4 Mentoring als Beratungsformat ..................167

5.4.1 Grundsätzlich innewohnende Paradoxien ......... 167

5.4.2 Ambivalenzen bzgl. der Mentorierenden-Rolle ..... 167

5.4.3 Zum Einfluss der Mentoring-Beziehung auf die

Kompetenzentwicklung des Mentees .............169

5.4.4 Schlussbetrachtung .............................170


16 Inhalt

5.5 Mentoring –Eine Verortung im Rahmen von

bürgerschaftlichem Engagement ................. 171

5.5.1 Ermçglichung von Teilhabe für benachteiligte

Zielgruppen ...................................172

5.5.1.1 Initiative ›Senioren-Technik-Botschafter‹ ..........172

5.5.1.2 Projekt ›KommmiT‹ .............................173

5.5.1.3 Mentoring-Projekt ›Jobbrücke Freiberg‹ ...........174

5.5.1.4 Senioren-Medienmentoren-Programm ............ 175

5.6 Zur Relevanz der Programm-Koordinatorin resp. des

-Koordinators .................................175

5.7 Besondere Chancen und Herausforderungen für ein

Mentoring im Alter .............................177

5.8 Schlussbetrachtung ............................178

6 Theoriegeleitete Festlegung von

Strukturierungsdimensionen ....................... 183

6.1 Themenbereich ›Alterszuschreibungen im Wandel‹ 184

6.1.1 Alte werden immer älter versus Alte werden immer

jünger ........................................184

6.1.2 Aktivierung des Alters versus Entpflichtung des

Alters ......................................... 184

6.1.3 Versorgungsperspektive versus

Anerkennungsperspektive ....................... 185

6.1.4 Die Sozialfigur aktiver Alter zwischen

Wertschätzung versus Diskreditierung .............185

6.2 Themenbereich ›Der alternde Mensch inchristlicher

Perspektive‹ ...................................186

6.2.1 Alterslob versus Altersklage aus theologischer

Perspektive bzw. seitens christlicher Kirchen und

Verbände .....................................186

6.2.2 Anti-Aging versus Pro-Aging ..................... 187

6.2.3 Bruchstückhaftigkeit versus Perfektion ............ 188

6.2.4 Zeiterleben imAlter i.S.v. Endlichkeit versus

Ewigkeit ......................................189


Inhalt 17

6.3 Themenbereich ›Bedingungen für Teilhabe und

Engagement ¾lterer‹ ........................... 189

6.3.1 Der ältere Mensch als Subjekt versus Objekt ....... 189

6.3.2 Intergenerationelle Perspektive versus

intragenerationelle Perspektive ..................190

6.3.3 Monetarisierung versus Unentgeltlichkeit von

Engagement ..................................191

6.3.4 Altes versus neues Engagement .................. 192

6.3.5 Klassische Genderlogik versus

De-Gendering-Prozesse ......................... 192

6.4 Themenbereich ›Transfer und Erweiterung der

Potenziale ¾lterer durch Mentoring‹ ..............193

6.4.1 Geben versus Nehmen im Rahmen

intergenerationellen Mentorings, jeweils aus Sicht

der (älteren) Mentorinnen und Mentoren .........193

6.4.2 Ermçglichung des Lernens ¾lterer im expliziten

versus impliziten Sinne ..........................194

Teil 2Blick indie Praxis

7 Perspektiven kirchlicher Altenbildung .............. 199

7.1 Begriffsbestimmung ............................200

7.2 Die Rahmenbedingungen kirchlicher Altenbildung 200

7.2.1 Der Altersaufbau der großen christlichen Kirchen .. 200

7.2.2 Der normativ-kulturelle Wandel seitens des dritten

Alters .........................................202

7.2.3 Der zunehmende Sorgebedarf seitens des vierten

Alters .........................................203

7.3 Perspektiven zur Weiterentwicklung kirchlicher

Altenbildung ..................................205

7.3.1 Wandel bzgl. Wahrnehmung und

Rollenzuschreibung ............................205

7.3.1.1 Impulse für eine Öffnung dem dritten Alter

gegenüber ....................................206

7.3.1.2 Profilierung als Orte theologischer Sinnsuche ......207

7.3.1.3 Entwicklung von Milieubewusstsein und -toleranz .. 208

7.3.1.4 Selbstorganisation zulassen ...................... 210


18 Inhalt

7.3.2 Generationenübergreifendes Arbeiten ............ 211

7.3.3 Innovative Strukturen der Zusammenarbeit im

Sozialraum ....................................213

7.4 Schlussbetrachtung ............................ 214

8 Empirische Studie ................................... 215

8.1 Das Untersuchungsdesign ....................... 215

8.1.1 Der qualitative Forschungsansatz ................. 215

8.1.2 Die Erhebungsmethode der qualitativen

Dokumentenanalyse ............................ 216

8.2 Die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring ....... 217

8.3 Bestimmung des Analysematerials ............... 218

8.3.1 Gruppe A: Verçffentlichungen der

Arbeitsgemeinschaften kirchlicher Altenbildung ... 221

8.3.2 Gruppe B: Ergebnisberichte zu empirischen Studien 221

8.3.3 Gruppe C: Unternehmensinterne Richtlinien der

Evangelischen Heimstiftung ..................... 223

8.4 Zielsetzung und Forschungsfrage ................ 223

8.4.1 Richtung der Analyse ........................... 223

8.4.2 Differenzierung der Forschungsfrage ............. 223

8.5 Bestimmung der Analysetechnik ................. 223

8.6 Bestimmung der Kategorien und Bedingungen des

Kodierens .....................................224

8.7 Ergebnisaufbereitung ..........................225

8.7.1 Themenbereich ›Alterszuschreibungen im Wandel‹ 225

8.7.1.1 Alte werden immer älter versus Alte werden immer

jünger ........................................225

8.7.1.1.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe A .....................................225

8.7.1.1.2 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe B .....................................226

8.7.1.1.3 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe C .....................................228


Inhalt 19

8.7.1.2 Aktivierung des Alters versus Entpflichtung des

Alters ......................................... 229

8.7.1.2.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung ....... 229

8.7.1.3 Versorgungsperspektive versus

Anerkennungsperspektive .......................229

8.7.1.3.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung ....... 229

8.7.1.4 Die Sozialfigur aktiver Alter zwischen

Wertschätzung versus Diskreditierung ............. 230

8.7.1.4.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung ....... 230

8.7.1.5 Schlussbetrachtung im Hinblick auf die

Forschungsfrage ...............................231

8.7.2 Themenbereich ›Der alternde Mensch in christlicher

Perspektive‹ ...................................233

8.7.2.1 Alterslob versus Altersklage aus theologischer

Perspektive bzw. seitens christlicher Kirchen und

Verbände .....................................233

8.7.2.1.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe A .....................................233

8.7.2.1.2 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe B ..................................... 234

8.7.2.1.3 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe C .....................................236

8.7.2.2 Anti-Aging versus Pro-Aging ..................... 236

8.7.2.2.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung ....... 236

8.7.2.3 Bruchstückhaftigkeit versus Perfektion ............ 237

8.7.2.3.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung ....... 237

8.7.2.4 Zeiterleben imAlter i.S.v. Endlichkeit versus

Ewigkeit ......................................238

8.7.2.4.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung ....... 238

8.7.2.5 Schlussbetrachtung im Hinblick auf die

Forschungsfrage ............................... 239

8.7.3 Themenbereich ›Bedingungen für Teilhabe und

Engagement ¾lterer‹ ...........................240

8.7.3.1 Der ältere Mensch als Subjekt versus Objekt ....... 240

8.7.3.1.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe A ..................................... 240

8.7.3.1.2 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe B ..................................... 241

8.7.3.1.3 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe C ..................................... 242


20 Inhalt

8.7.3.2 Intergenerationelle Perspektive versus

intragenerationelle Perspektive .................. 243

8.7.3.2.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe A .....................................243

8.7.3.2.2 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe B .....................................244

8.7.3.2.3 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe C ..................................... 245

8.7.3.3 Monetarisierung versus Unentgeltlichkeit von

Engagement ..................................245

8.7.3.4 Altes versus neues Engagement .................. 245

8.7.3.4.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung ....... 245

8.7.3.5 Klassische Genderlogik versus

De-Gendering-Prozesse ......................... 246

8.7.3.5.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe A .....................................246

8.7.3.5.2 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe B .....................................247

8.7.3.5.3 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe C ..................................... 248

8.7.3.6 Schlussbetrachtung im Hinblick auf die

Forschungsfrage ............................... 248

8.7.4 Themenbereich ›Transfer und Erweiterung der

Potenziale ¾lterer durch Mentoring‹ ..............251

8.7.4.1 Geben versus Nehmen im Rahmen

intergenerationellen Mentorings, jeweils aus Sicht

der (älteren) Mentorinnen und Mentoren .........251

8.7.4.1.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung ....... 251

8.7.4.2 Ermçglichung des Lernens ¾lterer im expliziten

versus impliziten Sinne ..........................252

8.7.4.2.1 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe A .....................................252

8.7.4.2.2 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe B .....................................252

8.7.4.2.3 Ergebnisdarstellung und Zusammenfassung für

Gruppe C .....................................253

8.7.4.2.4 Zwischenanalyse zur Wirkungsentfaltung der

generischen Wirkprinzipien am Beispiel des

Bildungsformats ›Altersnoviziat‹ .................254

8.7.4.3 Schlussbetrachtung im Hinblick auf die

Forschungsfrage ...............................255


Inhalt 21

9 Das Mentoring-Programm der Evangelischen

Landeskirche in Württemberg (ELKW) .............. 257

9.1 Diskussion ....................................258

9.1.1 Formale Rahmenbedingungen ................... 258

9.1.2 Erçffnung von Reflexionsräumen . ...............259

9.1.3 Erforderliche Ressourcen ........................260

9.1.4 Ausgestaltung der Mentoring-Beziehung .......... 260

9.2 Schlussbetrachtung ............................ 262

10 Erçrterung der spezifischen Chancen von

Mentoring für die kirchliche Altenbildung .......... 265

10.1 Mentoring ist ein mçgliches Instrument gegen die

Vereinsamung ¾lterer .......................... 265

10.2 Mentoring schafft einen Rahmen fürdie

Würdigung des alternden Menschen als Subjekt ...266

10.3 Mentoring dient der erleichterten Transition in den

Ruhestand .................................... 266

10.4 Mentoring ermçglicht das diversitätsbewusste

Einbeziehen des dritten Alters ...................267

10.5 Mentoring schafft ein differenzierteres Bild vom

Altern ........................................ 268

10.6 Mentoring ermçglicht das Überwinden klassischer

Genderlogik ................................... 268

10.7 Mentoring kann Wege zu digitaler Souveränität

erçffnen ...................................... 269

10.8 Mentoring ermçglicht das flexible Aufgreifen neu

aufkommender Trends .......................... 269

10.9 Mentoring schafft einen Rahmen fürden

generationenübergreifenden Austausch ..........270


22 Inhalt

Teil 3Handlungsempfehlungen

11 Handlungsempfehlungen für die Entwicklung von

Mentoring im Kontext kirchlicher Altenbildung .... 273

11.1 Schnittstellen von Mentoring und

gesellschaftlichen Inklusionsanliegen gestalten .... 273

11.2 Einen Rahmen schaffen für die Bewusstmachung

und Weitergabe von Erfahrungswissen ........... 274

11.3 Das aktive Alter im Raum von Kirche als eigene

Zielgruppe definieren .......................... 274

11.4 Spezifische Angebote für den Übergang in den

Ruhestand entwickeln .......................... 275

11.5 Dem kompetenzorientierten, heterogenen Bild vom

Altern Gestalt geben ...........................276

11.6 Gendergerechtigkeit bewusst umsetzen .......... 276

11.7 Benachteiligte mit ihrer spezifischen Expertise zu

Wort kommen lassen ........................... 277

11.8 Sich abzeichnende gesellschaftliche Entwicklungen

aufgreifen .................................... 277

11.9 Sich bei der Ausgestaltung anden konkreten

Bedürfnissen älterer Menschen orientieren ........ 278

11.10 Die digitale Souveränität ¾lterer ermçglichen und

ausbauen .....................................278

11.11 Einen Rahmen schaffen für den

generationenübergreifenden Dialog .............. 278

11.12 ›Groß denken‹ –Aus kleinen Projekten große

Netzwerke der Inklusion und des Austauschs

werden lassen ................................. 279

11.13 Ausreichende finanzielle und personelle Ressourcen

bereitstellen ................................... 280

11.14 Einen Beitrag leisten zum Etablieren einer

digitalisierten Zivilgesellschaft ................... 280


Inhalt 23

Literaturverzeichnis .................................... 283

Internetquellen ........................................303

Abkürzungsverzeichnis ................................ 307

Abbildungs- und Tabellenverzeichnis .................. 309


Danksagung

Vorliegende Monografie wurde angestoßen durch meine Tätigkeit als Bildungsreferentin

bei der Evangelischen Heimstiftung. Die in der dortigen Stabsstelle

Theologie &Ethik geleistete Bildungsarbeit für und mit Ältere(n) umfasst Angebote

zur gelingenden Transition in den Ruhestand. Es werden Mentoring-

Projekte zur digitalen Teilhabe im Alter initiiert und die Umsetzung des Erfahrungswissens

ehemaliger Mitarbeitender in Initiativen für das Unternehmen

unterstützt. Hieraus entstand die Idee, die Möglichkeiten zur Kompetenzerweiterung

im Alter sowie die spezifischen Chancen von Mentoring im Rahmen

kirchlicher Bildung für und mit Ältere(n) differenziert im Rahmen eines Dissertationsprojektes

zu untersuchen. Mein ausdrücklicher Dank gilt in diesem

Zusammenhang dem Leiter der Stabsstelle, Herrn Dr. Thomas Mäule, für die

hilfreiche Unterstützung des Dissertationsprojektes, für alles interessierte Nachfragen

und kreative Weiterdenken.

Ganz herzlich möchte ich meinen beiden Beratern im Diakoniewissenschaflichen

Institut der Universität Heidelberg danken: Herrn Prof. Dr. Eurich

danke ich sehr für alle wertvollen Impulse, für seine sehr kompetente, äußerst

verbindliche Begleitung als Betreuer und Erstgutachter. Auch Herrn Prof. em. Dr.

Schmidt danke ich sehr für seine sehr freundliche undbereitwillige Übernahme

der Zweitbegutachtung.

Großzügig finanziell unterstützt wurde die Drucklegung dieser Dissertation

von der Diakonie Deutschland, der Evangelischen Landeskirche in Württemberg

und der Evangelischen Heimstiftung, wofür ich mich an dieser Stelle ausdrücklich

bedanken möchte.

Mein besonderer Dank gilt nicht zuletzt und von Herzen meiner Familie,

meinem Mann Andreas und unseren Kindern Solveig, Valentin, Leon und Katharina

sowie meinen Eltern, die mich in meinem Vorhaben stets tatkräftig unterstützt

haben.


Geleitwort

Herr Prof. Dr. Johannes Eurich

Auch die kirchliche Arbeit mit alten Menschen muss sich der Differenzierung

unterschiedlicher Alternsphasen annehmen. Längst wird neben einem dritten

Lebensalter vom vierten Alter gesprochen. Senior*innenkreise in Kirchengemeinden

sind oftmals im Durchschnitt nahe oder über 80 Jahre alt und gehören

eher dem vierten Lebensalter an. Dagegen sind die Menschen zwischen Eintritt

in den Ruhestand und dem vierten Lebensalter im kirchlichen Kontext unterrepräsentiert,

obwohl gerade diese Gruppe oftmals noch über eine gute Gesundheit

und Vitalität verfügt und ein großes Potenzial für gesellschaftliches

bzw. kirchliches Engagement besitzt. Hier setzt die vorliegende Dissertationsschrift

von Ute Catrin Bührer an. Sie untersucht die spezifischen Chancen von

Mentoring-Projekten für die kirchliche Altenbildung im Fokus einer »Kompetenzerweiterung

im Alter«.

Mentoring ist ein aus der Wirtschaftswelt bekannter Ansatz, der gerade

im Blick auf die vielfältigen Erfahrungen von Menschen imdritten Alter große

Chancen für die kirchliche Altenbildung eröffnet. Gleichzeitig geht Ute Catrin

Bührer differenziert auf die Analyse gesellschaftlicher Erwartungen, Rollenzuschreibungen

und Altersbilder ein und berücksichtigt auch gegenwärtig dominante

Entwicklungen wie die Digitalisierung. Proaktives Altern beschreibt nur

eine Seite von Alternsprozessen – die andere Seite besteht in Desintegrationsprozessen

alter Menschen, die nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben sozial

vereinsamen. Bührer kann anhand von neun Aspekten aufzeigen, inwiefern

Mentoring z. B. als Instrument gegen die Vereinsamung Älterer eingesetzt werden

kann oder einen Rahmen für die Würdigung des alternden Menschen als

Subjekt, auch im Rahmen intergenerationellen Austauschs, bildet. Ein besonderer

Fokus liegt auf Mentoring als Instrument zur Überwindung klassischer

Genderlogik, was anhand des Mentoring-Projekts der Ev. Kirche in Württemberg

untersuchtwird. Die Studie von Ute Catrin Bührer belegt eindrucksvoll,welchen

Beitrag Mentoring zum Empowerment und zur Integration von Älteren wie zur

persönlichen Weiterentwicklung im Alter darstellen kann und lässt auf einen

weiten Einsatz solcher Programme in der kirchlichen Praxis hoffen.


Geleitwort

Herr Dr. Thomas Mäule

Das vorliegende Buch verdankt sich der persönlichen, sodann praktisch-beruflichen

und wissenschaftlichen Beschäftigung mit Fragen des Alters. Die Reflexion

der Praxis verbindet sich mit dem Forschungsfeld der Gerontologie – und

dies in ansprechender undfachlich überzeugender Art undWeise. Die Autorin ist

Referentin in der Evangelischen Heimstiftung(EHS) für die Themen»Ehrenamt«

und »EHS-Senioren«. Sie ist verantwortlich für die Förderung und Begleitung

der 3.000 freiwillig Engagiertenund von über 1.000 ehemaligen Mitarbeitenden.

Ehrenamtliche und Pensionäre stellen immer wieder die Frage: wie wollen wir

zukünftig leben? Wie werden wir füreinander sorgen? Wer pflegt wen? Die

Evangelische Heimstiftung als großes Pflegeunternehmen mit 156 Einrichtungen

in Baden-Württemberg steht im Spannungsfeld von Wünschen und Bedürfnissen,

Widrigkeiten und Möglichkeiten. Im Siebten Altenbericht (2017)

wird auf die große Bedeutung von Netzwerken verwiesen. Das Modell der »Caring

Communities«, der sorgenden Gemeinschaften spielt eine große Rolle. Eine

sorgende Gesellschaft ist eine, die die Verantwortung für den anderen nicht

delegiert, sondern sie in der Mitte der Gesellschaft ansiedelt, in den Familien,

Nachbarschaften, Vereinen und Kirchengemeinden. Seniorinnen und Senioren

stehen nicht mehr am Rande, sondern rücken als Diskussionspartner und Ratgeber

in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Was eine Gesellschaft des langen Lebens braucht, ist eine ernsthafte Alterskultur

und individuell eine Lebenskunst des Alterns (ars senescendi). Nicht

altern zu wollen, heißt sich dem Prozess des Lebens zuverweigern. Diese psychische

Lebenseinstellung des Anti-Aging, der Ablehnung des eigenen Alterns,

haben Psychiater als Krankheit identifiziert. Bildung im Alter lässt sich als Ermutigung

verstehen, den Prozess des Alterns – mit seinen Gewinnen und Verlusten,

seinen Chancen und Grenzen – fundamental zu bejahen und bis in die

letzte Lebensphase hinein zu fördern.

Seit der Antike gilt Lernen als ein Schlüsselwort erfüllten Alterns. Seit den

1960er Jahren hat die Gerontologie empirisch nachweisen können, dass Menschen

bis ins hohe Alter lernfähig und Bildungsaktivitäten für die Realisierung


10 Geleitwort

von Lebensqualität im Altervon hohem Nutzen sind. Zu den zentralen Aufgaben

gehört es, die Entwicklungvon Möglichkeiten bewussten Alterns anzuregen und

zu unterstützen. Es gilt, das Selbstbild und die Selbstwahrnehmung der Älteren

im Sinne einer Pro-Aging-Perspektive zu stärken, damit Menschen zu ihrem Alter

stehen und es mit allem, was es mit sich bringt, bejahen können. Der Altersprozess

mit seinen vielschichtigen Fragenstellungen wird dabei selbstzueinem

zentralen Inhalt von Bildung.

Dazu gehört die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Begrenztheit

und Endlichkeit, und zwar nicht erst am Ende des Lebens. Werdas Thema

Sterblichkeit einfach in die sogenannte vierte Lebensphase verschiebt, tut sich

selbst nichts Gutes. Zugleich gilt es, neue Möglichkeiten der Selbst- und Weltgestaltung

zu entdecken. Wernoch ein Drittel des Lebens vor sich hat, will nicht

nur über Seniorenresidenzen und Pflegedienste nachdenken, sich mit Testament

und Patientenverfügung auseinandersetzen, sondern auch Energie schöpfen für

eine neue, spannende und herausfordernde Lebensphase. Die Autorin sensibilisiert

für diese Potenziale, sieht esals Aufgabe kirchlicher Altenarbeit, einzelne

Bereiche der Person noch stärker zur Verwirklichung zu bringen, andere

Bereiche überhaupt erst lebendig werden zu lassen. Und sie macht deutlich, wie

Menschen im höheren Alter als reife und erfahrene Gesprächspartner, als

Mentoren und Ratgeber im Kontakt der Generationen zunehmend gefragt sind.

Ob alles offen ist, man »im Alter neu werden (kann)« – wie die Evangelische

Kirche in Deutschland eine Denkschrift zum Altern titelt (2010), ob Potenziale

zur Kreativität verwirklicht werden können, entscheidet allerdings – das macht

die Autorin deutlich – nicht das Individuum allein. Die objektiv gegebenen Lebensbedingungen,

vor allem Bildungsressourcen, materielle Ressourcen,soziale

Netzwerk-Ressourcen sind ebenso zu betrachten wie kollektive Altersbilder,

die sich förderlich oder hinderlich auswirken können. Die Autorin fordert

kirchliche Altenbildung auf, diese Bilder genau zu hinterfragen. Und sie ermutigt,

querständig zu denken. Die Chancen von Mentoring zeigen in beeindruckender

Weise, zu welchen schöpferischen Leistungen ältere Menschen fähig sind, wenn

sie entsprechende gesellschaftliche und kulturelle Impulse erhalten. Etwas

Neues zu probieren, mit Mentoring eineganz neue Note zu setzen – auch dies ist

ein Kreativitätspotenzial. Das Buch enthält Züge eines Gutachtens, andem sich

kirchliche Altenbildung orientieren kann. Die Beispiele aus der eigenen Praxis

zeugen davon und machen das Buch ebenfalls lesenswert.


1 Einleitung

Offiziell wird im Zusammenhang mit dem Ende des Erwerbslebens zumeist vom

›wohlverdienten Ruhestand‹ gesprochen; der beginnende Rentenbezug wird als

ein Lohn für die Lebensleistung angesehen. Tatsächlich gehen viele Menschen

voller positiver Erwartungenauf diesen neuen Lebensabschnitt zu. Für sie steht

die Verminderung von Stress und Fremdbestimmung im Vordergrund; sie freuen

sich darauf,mehr Zeit für sich selbst undanderezuhaben. Sie nehmen sich vor zu

reisen, eventuell auch ein Engagement aufzunehmen bzw. auszubauen. 1

Andere hingegen verbinden die Phase der Entberuflichung primär mit

Verlust und Hilflosigkeit. 2 Ihnen wird bewusst, dass die Mehrzahl der persönlichen

Beziehungen letztlich an die Arbeit gebunden war; 3 die Anforderung, ein

soziales Netzwerk im Alter aufzubauen und für sich selbst ein neues Rollenverständnis

zu definieren, überfordert sie. Als krisenhaft erleben diese Zeit v. a.

Personen, die bereits während der Zeit ihres Berufslebens wirtschaftliche Desintegrationsprozesse

erfahren haben. Für sie steigt die Gefahr einer gesellschaftlichen

Exklusion in besonderer Weise.

Derlei Betrachtungen führen zu der Überlegung, welche Herausforderungen,

aber auch Chancen mit der alternden Gesellschafteinhergehen. Wiekönnen

angesichts der beschriebenen Ambivalenz das Empowerment und das eigenverantwortliche

Handeln von Älteren bestmöglich unterstütztwerden?Wie kann

1

Vgl. Matthias Dannenmann, Die Begleitung älterer Menschen durch Bildung, Gemeindeaufbau

und Seelsorge. Ein wachsender Auftrag christlicher Gemeinden in einer älter

werdenden Gesellschaft, Berlin 2009, 2, 34, 68; vgl. Horst Roos, 6. Altern aus unterschiedlichen

Blickwinkeln betrachtet, in: Martin Ehrhardt/Lothar Hoffmann/Horst Roos (Hg.),

Altenarbeit weiterdenken. Theorien – Konzepte – Praxis, Stuttgart 2014, 49–54: 49.

2

Vgl. Hans-Jürgen Glinka/Dorothea Frank/Rebecca Hoffmann, Transformation der Erkenntnisse

in die professionelle Handlungspraxis, in: Dorothea Frank/Hans-Jürgen Glinka

(Hg.), Biografische Übergänge: Die biografische Passage der Entberuflichung, Hamburg

2013, 285–296: 286 ff.

3

Vgl. Roos, Blickwinkel, 49–54: 50ff.


26 1Einleitung

es gelingen, lebenslanges Lernen und persönliche Weiterentwicklung im Alter

umfassend zufördern? Verantwortliche imKontext kirchlicher Altenbildung

stehen diesbezüglich vor großen Herausforderungen. Einerseits sind sie seitens

der aktiven Seniorinnen und Senioren mit einer ständig steigenden Erwartungshaltung

konfrontiert: Kirche, in früheren Zeiten als unhinterfragter

Bezugspunkt angesehen, hat in den vergangenen Jahren verstärkt Konkurrenz

bekommen; die klassischen Zielgruppen kirchlicher Bildung werden v.a. aus

kommerziellen Gründen starkumworben. Andererseits steigt die Zahl derer, die

im Alter von sozialer Exklusion bedroht sind.

Welchen Beitrag kann kirchliche Bildung für undmit Ältere(n)unter diesen

Vorgaben leisten, um die vielfältigen Kompetenzen älterer Menschen sichtbar

zu machen? Wie kann es ihr gelingen, Lebensbewältigungsstrategien i. S. e. Pro-

Agings zu vermitteln, die dem gängigen Streben nach Perfektion und Jugendlichkeit,

auch im Alter, entgegenstehen? Wie kann durch kirchliche Altenbildung

Beteiligungsgerechtigkeit begünstigt, wie das intergenerationelle Miteinander

gefördert werden?Und: Kann sieeinen Beitrag leisten gegen den sozialen

Ausschluss und die Vereinsamung benachteiligter älterer Menschen – etwa

durch das Angebot an sie, sich im Rahmen von Mentoring-Projekten einzubringen?

Derlei Fragen sollen in nachstehender Arbeit untersucht werden. Hierzu

erfolgt im ersten Teil zunächst eine theoretische Hinführung zum Thema. Es

werden im ersten Kapitel die Zuschreibungen des Alters aus gerontologischer

Sicht kritisch nachgezeichnet; zentral hierbei ist die differenzierte Auseinandersetzung

mit dem Aktivbild des Alterns. Nach einem hinführenden Einblickin

historische Entwicklungen und in die Ausdifferenzierung der späteren Lebensphasen

in ein drittes und viertes Lebensalter werden relevante Theorien zum

Altern sowie Modelle zu Aktivität und Kontinuität diskutiert. Im Rahmen der

Erörterung kontroverser Positionen zum entpflichteten Ruhestand in der BRD

und zum productive aging in den USA werden nach und nach die mit dem Kontext

der Alterszuschreibung ›aktiv‹ verknüpften Ambivalenzen aufgezeigt.

Im theologischen Kapitel wird nach biblischen Bildernvon Altern und Sterben

gefragt. Anhand von ausgewählten Darstellungen des Alterns werden Denktraditionen

wie der alttestamentliche Tun-Ergehens-Zusammenhang oder die neutestamentliche

Dimension der Hoffnung erörtert. Darauf aufbauend findet über

die kritische Auseinandersetzung mit dem Pro- bzw. Anti-Aging sowie mit der

Fragmentarität menschlichen Lebens eine systematisch-theologische Annäherung

an die Grundlagen einer Kultur der Endlichkeit und einer ars senescendi

statt.

Im Folgekapitel wird eine erwachsenenbildnerische Perspektive eingenommen.

Es wird gefragt nach den Bedingungen für die Teilhabe und das Engagement

Älterer, auch im hohen Alter. Anhand des Spannungsfelds von Aktivierung

versus Responsibilisierung, der kontroversen Diskussion von Monetarisierung


1Einleitung 27

sowie der Gleichzeitigkeit von altem und neuem Engagement wird die Mehrdimensionalität

des Engagements im Alter wissenschaftlich erörtert. Einen besonderenSchwerpunkt

bildet dabei das Engagementinder Pflege.Abschließend

findet sich eine kritische Diskussion zum Einfluss der digitalen Medien auf die

soziale Teilhabe im Alter – auch unter der Prämisse von Gendergerechtigkeit.

Das letzte Kapitel des Theorieteils nähert sich der Thematik des Alterns

schließlich aus beratungswissenschaftlicher Sicht: Nach grundlegenden Diskussionen

zu Lernen und Kompetenzerwerb wird in die Analyse von Beratungs-

Geschehen mithilfe der Referenztheorie der Synergetik eingeführt. Das Beratungsformat

des Mentoring wird eingeführt und innewohnende Chancen zur

Weiterentwicklung, aber auch implizite Ambivalenzen aufgezeigt. Anschließend

werden ausgewählte Mentoring-Projekte im Rahmen von bürgerschaftlichem

Engagement in Bezug auf die Ermöglichung von Teilhabe (von Älteren) kritisch

betrachtet. – Während die drei erstgewählten Perspektiven des Theorieteils im

Hinblick auf das formulierte Forschungsinteresse im Kontext kirchlicher Altenbildung

quasi selbsterklärend sind, wird an dieser Stelle somit eine weitere

Sichtweise eingeflochten, die lösungsorientierte Perspektive der Beratungswissenschaft,

mithilfe derer nach Möglichkeiten des Transfersund der Erweiterung

der Potenziale im Alter gefragt wird.

Als Überleitung zum empirischen Teil werden aus dem theoretischen Teil

Gegensatzpaare extrahiert i. S. v. zentralen Spannungsfeldernund Ambivalenzen

im Kontext einer alternden Gesellschaft. Diese Spannungsfelder sind als zusammenfassende

Strukturierungsdimensionen im Hinblick auf den zweiten Teil

der Studie zu verstehen.

Aufbauend auf den Theorieteil wird im zweiten Teil der Arbeit der Bezug

zur Praxis hergestellt. Zunächst wird in einem ersten Schritt eine umfassende

Analyse kirchlicher Bildung für und mit Ältere(n) vorgenommen: Es werden

zentrale, gegenwärtige Rahmenbedingungen und Herausforderungen herausgearbeitet;

darauf aufbauend werden Visionen und Perspektiven zur Weiterentwicklung

entfaltet.

Hieran schließt sich, zweitens, eine qualitative Dokumentenanalyse unter

Einbezug der im Vorfeldtheoriegeleitet entwickelten Gegensatzpaare an. Diesen

Spannungspolen folgend werden ausgewählte Veröffentlichungen zur kirchlichen

Seniorenarbeit, Evaluationsberichte sowie unternehmensinterne Richtlinien

der Evangelischen Heimstiftung dahingehend analysiert, welche Impulse

von ihnen für die Entwicklung einer alterssensiblen Kultur ausgehen und in

welcher Weise sie an der gesellschaftlichen Debatte zu Fragen des Alterns mitwirken.

Ziel hierbei ist, diesbezügliche Tendenzen in Kirche, Diakonie und Gesellschaft

zuidentifizieren.

In einem dritten Schritt wird schließlich das vom Büro für Chancengleichheit

der ELKW initiierte Mentoring-Angebot für Mitarbeitende inKirche und

Diakonie diskutiert: Ursprünglich im Jahr 2002 zur Förderung von Frauen


28 1Einleitung

konzipiert, wurde dieses seither beständig an neu aufkommende Trends und

Herausforderungen angepasst. Aufgrund der flexiblen Ausgestaltung dieses

Mentoring-Projektes wird es an dieser Stelle als Best-Practice-Projekt herangezogen

– mit Blick auf die Vision, Mentoring-Netzwerke im Bereich der kirchlichen

Altenbildung zu etablieren.

In drei Schritten erfolgt demnach ein sog. ›Blick in die Praxis‹. Aufbauend

auf dessen zentralen Ergebnissen findet sich das Plädoyer für eine veränderte

Perspektive auf die kirchliche Altenbildung: In Form einer Gesamtschau auf die

Arbeit werden Argumente entfaltet, weshalb Mentoring-Projekte, als ein bisher

nur wenig angewandtes Konzept, eine besondere Chance für die kirchliche Bildung

für und mit Ältere(n) darstellen.

Im dritten und abschließenden Teil der Arbeit werden Handlungsempfehlungen

für die Entwicklung und den Ausbau von Mentoring im Kontext kirchlicher

Altenbildung formuliert. In vierzehn Schritten wird die Vision entwickelt,

Mentoring-Projekte mit Älteren als Keimzellen für generationenübergreifende

Inklusions-Netzwerke zu gestalten – als Gegenentwurf zur Vereinzelung vieler

älterer Menschen. Hierdurch wird aufgezeigt, welches Potenzial dem Format des

Mentoring innewohnt und: welchen Beitrag es leisten kann zur Wandlungs- und

Innovationsfähigkeit von Kirche und zum Etablieren einer digitalisierten Zivilgesellschaft.


Teil 1 Theoretische

Hinführung


2 Alterszuschreibungen imWandel

2.1 Hinführung

2.1.1 Historischer Rückblick

Seit das Alter der Menschen chronologisch erfasst wurde, liegt der Anteil der über

60-Jährigen an der Bevölkerung zwischen 5und 10 Prozent. 4 Entsprechend

finden sich Diskurse zum Alter bereits in den ersten Schriftquellen der europäischen

Denkgeschichte. Dort wurden Denkmuster entwickelt, die z. T. bis heute

tradiert sind. So schwanken schon frühe literarische Abhandlungen zwischen

Alterslob und Altersklage, zwischen Verheißung und Verachtung. Der Prozess

des Alterns wird aus verschiedenen Blickwinkeln diskutiert und entsprechend

als Gewinn oder als Belastung für das jeweilige Umfeld bzw. die Gesellschaft

interpretiert. 5

Obwohl in allen Gesellschaften Menschen anzutreffen waren, die ein hohes

Alter erreichten, entstand das Alter als eigenständige Lebensphase »erst sukzessive

seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert aus dem Zusammenspiel soziodemografischer

und sozialpolitischer Entwicklungen.« 6 Dennoch umfasste jede

Gesellschaftssituation Junge und Alte, die zueinander in Austausch- und Hierarchiebeziehungen

standen. Entsprechend beschäftigten sich, Göckenjan zufolge,

Altersdiskurse in allen komplexen Gesellschaften mit der Entwicklung sozialer

Orientierungs- und Ordnungsmuster i.S. v. Codierungssystemen. Diese

4

Vgl. etwa Josef Ehmer, Sozialgeschichte des Alters, Frankfurt am Main 1990, 206.

5

Vgl. die Erwägung Ciceros (106 v. Chr.–43 v. Chr.): »Große Dinge vollbringt man nicht

durch körperliche Kraft, Behändigkeit und Schnelligkeit, sondern durch Planung, Geltung

und Entscheidung; daran pflegt man im Alter nicht nur nicht abzunehmen, sondern gar noch

zuzunehmen.«, zitiert a. a. O., oder, im Gegensatz hierzu, den von Gaius Plinius dem Jüngeren

(61 n. Chr.–113 n. Chr.) überlieferten Aphorismus: »Dies halte ich für das Schlimmste im

Alter – zu spüren, dass man in diesem Lebensabschnitt anderen zur Last fällt.«

6

Silke van Dyk, Soziologie des Alters, Bielefeld 2015, 17 f.


32 2Alterszuschreibungen im Wandel

Diskussionen wurden i. d. R. geführt von der, in der Generationenfolge, mittleren

Generation, »die – idealtypisch – ihre Autorität gegen die Älteren und die Jüngeren

zu verteidigen [hatte].« 7 Inhalte dieser Diskurse waren zum einen die

würdigende Betonung der durch das Alter repräsentierten, gesellschaftlich relevanten

Werte wie Kontinuität, Urteils- und Leitungsfähigkeit,zum anderen aber

auch die Charakterisierung des Alters als einer »reduzierten« Lebensphase, die

sich »wesentlich [den] beiden großen Themen Nachfolgedienlichkeit und Sterbevorbereitung

[zu widmen hatte].« 8 Somit bedingten letztlich der biologische

Prozess der Alterung und die Veränderungen bzgl. der chronologischen Ordnung

(bspw. die Geburt der Enkel- resp. der Urenkelgeneration) die Auseinandersetzung

mit relationalen Aspekten.

Etwa ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gewann das zuvor marginal

erscheinende hohe Alter mit Verbesserung der medizinischen Versorgung und

der Hygiene und dem damit einhergehenden Rückgang der Kindersterblichkeit

an Bedeutung. Für Göckenjan wandelten sich in diesem Zeitraum erstmals die

Erwartungen andie Leistungsfähigkeit der älteren Bevölkerung. Sichtbar wurde

dies für den Autor bspw. in Jacob Grimms (1785–1863) viel zitierter Akademierede,

in der der Redner die »Vorstellung eines müden, ohnmächtigen, harten,

unseligen Alters […] inein Bild von […] Mut und Arbeitslust« 9 umzuformen

versuchte. Grimms Haltung impliziert für Göckenjan eine »ausdrückliche Forderung

nach Lebenskontinuität« 10 und ist somit von gängigen, zuvor gekannten

Alterslob-Darstellungen zuunterscheiden.

Mit der sukzessiven Abschaffung spätfeudaler Abhängigkeitsverhältnisse

und der fortschreitenden Industrialisierung veränderte sich der gesellschaftspolitische

Diskurs bzgl. der Aktivität Älterer zunehmend. Das Alter wurde als

eine eigenständige Lebensphase begriffen, in der Menschen über ihre eigene,

individuelle Erwerbsfähigkeit definiert werden und der somit ein kollektives

Lebensrisiko innewohnt. Im Jahr 1891wurde hierauf seitensdes Staates mit der

Einführung der Bismarckschen Alten- und Invalidenversicherung reagiert –

einer sozialpolitischen Maßnahme, die die Risiken des Alters nicht in vollem

Umfang auffing, sondern die Betroffenen partiell »weiterhin auf die Pflicht zur

7

Gerd Göckenjan, Vom ›tätigen Leben‹ zum ›aktiven Alter‹: Alter und Alterszuschreibungen

im historischen Wandel, in: Silke van Dyk/Stephan Lessenich (Hg.), Die jungen Alten.

Analysen einer neuen Sozialfigur, Frankfurt am Main 2009, 235–255: 238.

8

A.a. O., 241.

9

Jacob Grimm, Rede auf Wilhelm Grimm und Rede über das Alter, Berlin 1864, 203, zitiert

a. a. O., 242.

10

Göckenjan, Alterszuschreibungen, 235–255: 242.


2.1 Hinführung 33

selbstverantwortlichenOrganisation ihres Lebens [verwies]« 11 und hierdurch das

Tätig-Sein noch stärker zu »Lebensmotiv und Statusrechtfertigung« 12 für die ältere

Generation werden ließ. 13

2.1.2 Die Ausdifferenzierung der späteren Lebensphasen in ein

drittes und viertes Lebensalter

In Zeiten des demografischen Wandels ist rückblickend ein vollständiger Bedeutungswechsel

der Alterszuschreibungen festzustellen. Im Zuge des Rückgangs

der Fertilität, der höheren Lebenserwartung und der frühen Entberuflichung

hat sich die Phase des Alters von einer zumeist kurzen, bedrückenden

Neige des Lebens in »einen großen, offenen Raum neuer Freiheit« 14 verwandelt –

einer Zeitspanne von mittlerweile bis zu dreißig Jahren, deren Beginn weiterhin

im Wesentlichen durch dieAusgliederung aus der Erwerbsphase definiert wird. 15

Entsprechend gewinnt das Thema ›Alter‹ zunehmend anBedeutung. Das

Verhältnis von jung zu alt verändert sich zugunsten der älteren Generation,

weltweit ist eine Transformation von Gesellschaften in »Gesellschaften des langen

Lebens« 16 beobachtbar. Die Mehrzahl der jüngeren Alten erfreut sich guter

Gesundheit. Sie werden als aktiv und produktiv charakterisiert und lehnen es

ab, wie alte Menschen behandelt zu werden. Dieses Phänomen wurde in soziologischen

Abhandlungen aufgegriffen 17 und erstmals von Laslett im Jahr 1989 als

sog. ›drittes Alter‹ bezeichnet. 18 Laslett grenzte sich mit dem Begriff des drit-

11

A.a. O., 244. So war das damalige Renteneintrittsalter mit 70 Jahren bspw. vergleichsweise

hoch angesetzt, ebenso wurden nur die aufgrund nachlassender Arbeitsproduktivität

gegen Ende des Lebens zu erwartenden Lohneinbußen versichert.

12

A.a. O., 243.

13

Ein Überblick über den historischen Diskurs bzw. über relevante sozial- und gesellschaftspolitische

Abhandlungen bzgl. des Wandels der Alterszuschreibungen vom ohnmächtigen

Alter hin zum aktiven Alter findet sich etwa a. a. O., 237–252.

14

Gerd Göckenjan/Hans-Joachim von Kondratowitz, Altern – Kampf um Deutungen und

um Lebensformen, in: Gerd Göckenjan/Hans-Joachim von Kondratowitz (Hg.), Alter und

Alltag, Frankfurt am Main 1988, 7–31: 14.

15

Vgl. Ehmer, Sozialgeschichte.

16

Horst Roos, 3. Drittes und viertes Lebensalter, in: Martin Ehrhardt/Lothar Hoffmann/

Horst Roos (Hg.), Altenarbeit weiterdenken. Theorien – Konzepte – Praxis, Stuttgart 2014,

26–31: 26.

17

Vgl. hierzu Silke van Dyk/Stephan Lessenich, ›Junge Alte‹: Vom Aufstieg und Wandel

einer Sozialfigur, in: Silke van Dyk/Stephan Lessenich (Hg.), Die jungen Alten. Analysen

einer neuen Sozialfigur, Frankfurt am Main 2009, 11–48: 25–29.

18

Vgl. Peter Laslett, Das dritte Alter. Historische Soziologie des Alterns, Weinheim und

Basel 1995, zitiert in: Roos, Lebensalter, 26–31: 26.


34 2Alterszuschreibungen im Wandel

ten Alters von der, zuvor gängigen, dreiteiligen Sicht auf den menschlichen Lebenslauf

ab – der Unterteilung in die Zeit der Kindheit, des Berufslebens und der

Rentenphase. Dabei wird das dritte Lebensalter definiert als eine Phase, die, im

Gegensatz zum zweiten Alter der Berufstätigkeit, ein Mehr an persönlicher Erfüllung,

an »qualitativer Zeit [bereitstellt, in der die Betroffenen] endlich [ihre]

ausschließlich persönlichen Ziele […] verwirklichen« 19 können. Im sog. vierten

Lebensalter, hingegen, werden die hinzu gewonnenen Spielräume des jungen

und gesunden Alters wieder eingeschränkt. Es setzt sich zunehmend die durch

Krankheit und Pflegebedürftigkeit charakterisierte Hochaltrigkeit durch.

Der Übergang vom dritten zum vierten Alter wird für gewöhnlich mit Beginn

des neuntenLebensjahrzehnts wahrgenommen. Zugleich betont Laslett, dass die

Übergänge zwischen den beschriebenen Lebensaltern weniger am kalendarischen

Alter, denn an funktionalen Aspekten festzumachen seien. So führen neu

im dritten Alter auftretende Verpflichtungen, wie bspw. die Aufnahme einer

geringfügigen Tätigkeit aufgrund einer zu gering bemessenen Rente oder die

Notwendigkeit, Angehörige zu pflegen, dazu, dass Angehörige des dritten Lebensalters,

aus soziologischer Perspektive, wieder in die Phase des zweiten Lebensalters

eingestuft werden. Ebenso ist es möglich, etwa aufgrund von Invalidität,

vom zweiten Alter direkt ins vierte Alter zuwechseln. 20

Kritisch gesehen wird die Unterscheidung von einem dritten und einem

vierten Lebensalter von Rieger. 21 Der Autor gibt zubedenken, dass das positive

Bild und die damit einhergehende gerontologische Aufbruchsstimmung bzgl. der

Gestaltungsmöglichkeiten des dritten Lebensalters letztlich eng mit der Betonung

des »Widerfahrnis- und Verlustcharakters« 22 des vierten Alters verknüpft

sind: »Die Ambivalenz zeigt sich also gerade in der konstruierten Unterscheidung

von jungen Alten und alten Alten.« 23 Ähnlich konstatieren van Dyk und Lessenich:

»Man könnte von einem ›Fahrstuhleffekt‹ ganz besonderer Art sprechen,

werden die klassischen, defizitorientierten Altersattribute doch einfach im Lebenslauf

nach ›oben‹ verschoben.« 24 Roos hingegen hält fest, die Ausdifferenzierung

in ein drittes und viertes Alter stoße in unserer Gesellschaft auf große

Resonanz.Sichtbar werde das Bewusstsein dafür, dass Menschen im Rentenalter

19

Laslett, Das dritte Alter, 277.

20

Vgl. a. a. O.; vgl. Roos, Lebensalter, 26–31: 26f.

21

Vgl. Hans-Martin Rieger, Altern anerkennen und gestalten. Ein Beitrag zu einer gerontologischen

Ethik, in: Forum Theologische Literaturzeitung ThLZ.F 22. Leipzig 2008, 10,

13.

22

A.a. O., 17.

23

A.a. O., 13.

24

Van Dyk/Lessenich, Junge Alte, 11–48: 26.


2.1 Hinführung 35

nicht durchweg hochaltrig seien, bspw. in ganz alltäglichen Formulierungen wie

»junger Ruhestand« oder »Generation 60 plus«. 25

2.1.3 Die Sozialfigur der ›jungen Alten‹ 26

Seit der Ausdifferenzierung der späteren Lebensphasen in ein drittes und viertes

Alter haben sich die Lebenslagen und Lebensformen, insbesondere der Angehörigen

des dritten Alters, erneut vervielfältigt. 27 Die Bedingungen des gesellschaftlichen

Wandels haben für einen erheblichen Teil der ›jungen Alten‹

einen Lebensstil des gesicherten Wohlstandes in einer, historisch gesehen, wohl

einmaligen Form hervorgebracht. Damit einhergehend entstand das Image der

›jungen Alten‹ als Konsumentinnen und Konsumenten des gesellschaftlichen

Reichtums. 28 Tatsächlich fordern die bei vielen Älteren wahrzunehmende Kaufkraft

und die dahinter zu vermutenden luxuriösen Renten die jüngere Generation

heraus. Das Klagen über die sog. Alterslast wird unterfüttert durch »die

sichtbare und unterstellte Maßlosigkeit des Ressourcenverbrauchs in einer

Rentner-Gesellschaft« 29 und durch das Bewusstsein,dass die Freiheiten, die sich

vielen Älteren heute bieten, letztlich durch »Wohlstandszuwachs, Sozialstaatlichkeit

und Transferzahlungen ermöglicht werden«. 30

Für Göckenjan lässt sich an der Sozialfigur der ›jungen Alten‹ die polarisierendeDiskussion

aufzeigen,die, dem Autor zufolge, allen Altersphasen bereits

seit den Anfängen der europäischen Denkgeschichte anhaftet – ein polarisierendes

Konzept, das, analog zu den eingangs beschriebenen Diskursstrategien

des Alterslobs und der Altersklage, neben die zentrale Mahnung, dem Alter Ehre

zu erweisen, die reziproke Aufforderung stellt, dass sich das Alter als der Ehre

würdig erweisen müsse. 31 Hinter diesen polarisierenden, für Göckenjan unmit-

25

Vgl. Roos, Lebensalter, 26–31: 27.

26

Vgl. van Dyk/Lessenich, Junge Alte, 11–48: 25 ff.

27

So weisen van Dyk/Lessenich darauf hin, dass mit Verabschiedung des Vorruhestandsgesetzes,

das zwischen 1984 und 1988 ein vorgezogenes Ausscheiden in den Ruhestand

ermöglichte, das dritte Lebensalter bspw. um die Diskursfigur der sog. »neuen Alten«

erweitert wurde – einer Bevölkerungsgruppe, deren Passivität zunächst im Vordergrund

stand. Die von dieser Regelung Betroffenen wurden zu Beginn in erster Linie als Problemträgerinnen

und –träger angesehen, »die nichts mit sich und Ihrem Ruhestand anfangen

[konnten].« (van Dyk/Lessenich, Junge Alte, 11–48: 26.)

28

A.a. O.

29

Göckenjan, Alterszuschreibungen, 235–255: 252.

30

A.a. O., 253.

31

Vgl. Gerd Göckenjan, Das Alter würdigen. Altersbilder und Bedeutungswandel des Alters,

Frankfurt am Main 2000, 14 f.


36 2Alterszuschreibungen im Wandel

telbar zusammengehörenden Haltungen, verbirgt sich, so der Autor, nicht Alterswirklichkeit,

sondern ein Deutungskonzept, ein Hinweis auf die »Richtig-

Falsch-Stereotypisierungen des Alters« 32 und auf die Mehrdimensionalität, innerhalb

derer sich die (heutige) Alternsforschung bewegt. 33

In den nachstehenden Kapiteln soll eine wissenschaftliche Auseinandersetzung

mit der hier skizzierten Ambivalenz erfolgen. Hierzu werden zunächst

die gängigen soziogerontologischen und gerontopsychologischen Theorien als

Analysekonzepte beschrieben und diskutiert werden. Eswird gefragt werden,

welche Altersbilder und -modelle sich hinter den jeweiligen Theorien verbergen.

Im Anschluss daran soll die Entwicklung der Vorstellung dessen, was ein positives,

aktives Altern ist, und die damit einhergehende Bedeutung für die Stellung

älterer Menschen in der Gesellschaft, nachgezeichnet und kritisch erörtert

werden.

2.2 Alternstheorien

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde insbesondere in den USA eine

Vielfalt soziogerontologischer und psychosozialer Studien über die ältere Generation

durchgeführt. Beständig wurden neue Theorien bzgl. des Verhaltens und

des Erlebens alter Menschen entwickelt. Dabei lautete die zentrale Frage, wie

es Ȋlteren Menschen gelingen kann, sich an die durch den angenommenen

gesellschaftlichen Funktionsverlust veränderte Altersrolle anzupassen.« 34 Der

Gegenstandsbereich dieser Studien war nicht auf den Lebensabschnitt des hohen

Alters beschränkt, er fokussierte vielmehr den Prozess des Älterwerdens, um ein

differenziertes Verständnis von Entwicklungs-Geschehen im Alter zu erlangen.

2.2.1 Das Defizitmodell des Alterns

Das Defizitmodell (auch: Defizitthese oder Defektmodell) entstandinden 1940er

Jahren. 35 Es hat seinen Ursprung in den USA und beeinflusste bis Ende der 60er

Jahre maßgeblich den Blick auf das Alter. 36 Basierend auf einem mechanistischen

32

A.a. O., 15.

33

Vgl. ebenso Göckenjan, Alterszuschreibungen, 235–255: 235–237.

34

Van Dyk/Lessenich, Junge Alte, 11–48: 14 f.

35

Vgl. David Wechsler, The measurement of adult intelligence, Baltimore 3 1944, zitiert in:

Martin Ehrhardt, 5. Alternstheorien, in: Martin Ehrhardt/Lothar Hoffmann/Horst Roos, Altenarbeit

weiterdenken. Theorien – Konzepte – Praxis, Stuttgart 2014, 41–48: 43.

36

Vgl. Ursula Lehr, Erfahrungswissen in der Zivilgesellschaft: Lebenserfahrung und Lebenswissen

in ihrer Bedeutung für Individuum, Gesellschaft und Kultur, in: Andreas Kruse


2.2 Alternstheorien 37

Weltbild, stellt es das Alter als überwiegend durch Defizite gekennzeichnet dar.

Es betont den mit dem Älterwerden einhergehenden, »zeitabhängigen, irreversiblen

und vorhersagbar-fortschreitenden Funktionsverlust« 37 .

Diese undifferenzierte Fokussierung auf die zunehmende Bedürftigkeit älterer

Menschen hat zur Folge, dass bzgl. des Alters die Unterstützungsnotwendigkeit

in den Vordergrund gerückt wird.Stark vernachlässigt hingegenwird der

Aspekt der Eigen- und Selbstständigkeit. Lehr zufolge wird dieser Theorie vorgeworfen,

dass von der Anzahl der Lebensjahreeiner Person auf deren Erlebensund

Verhaltensweisen sowie deren Fähigkeiten und Kompetenzen geschlossen

werde. Tatsächlich jedoch seien in ein und derselben Altersgruppe mitunter

erheblicheUnterschiede wahrzunehmen. Statt vorgegebener Altersnormen gelte

es vielmehr, Altersformen zu ergründen, so die Autorin. 38

Mittlerweile findet das Defizitmodell in der wissenschaftlichen Debatte

kaum noch Beachtung. Dennoch sind die entsprechenden Stereotypisierungenin

unserer Gesellschaft bis heute präsent. Sichtbar wird dies bspw. in gängigen

Altersbildern wie der Synonymsetzung des Alters mit Rigidität, mit linearem

Leistungsabfall, nachlassender Autonomie u.v.m. 39

2.2.2 Die Aktivitätstheorie

Im Zuge der oben skizzierten Diskussion bzgl. neuer Altersformen wurde das

»Altern [zunehmend] als Kompetenzgewinn analysiert und die Potenziale des

Alterns herausgestellt« 40 .Anfang der 60er Jahre entwickelte sich, basierend auf

der Vorstellung, dass nur der aktive alte Mensch zufrieden und glücklich sei,

die sog. Aktivitätstheorie. 41 Ein erfolgreiches, positives Altern steht, diesem

Ansatz zufolge, in engem Zusammenhang mit sozialen Aktivitäten und Interaktion.

Entsprechend erwachsen Lebenssinn und Identität für Ältere aus dem

Gefühl, gebraucht zu werden und sinnvollen Aufgaben nachzugehen. Eine zentrale

Bedeutung kommt dabei der Übereinstimmung persönlich gewünschterund

(Hg.), Potenziale im Altern. Chancen und Aufgaben für Individuum und Gesellschaft, Heidelberg

2010, 31–40: 36.

37

Mike Martin/Matthias Kliegel, Psychologische Grundlagen der Gerontologie (Grundriss

Gerontologie 3), Stuttgart 3 2010, 67.

38

Vgl. Lehr, Erfahrungswissen in der Zivilgesellschaft, 31–40: 36.

39

Vgl. Ehrhardt, Alternstheorien, 41–48: 43.

40

Lehr, Erfahrungswissen in der Zivilgesellschaft, 31–40: 36.

41

Vgl. Robert J. Havighurst/Bernice L. Neugarten/Sheldon S. Tobin, Disengagement and

Patterns of Aging, in: Bernice L. Neugarten (Hg.), Middle Age and Aging. AReader in Social

Psychology, Chicago 1968, 161–172; vgl. Rudolf Tartler, Das Alter in der modernen Gesellschaft,

Stuttgart 1961.


38 2Alterszuschreibungen im Wandel

tatsächlich verwirklichter sozialer Teilhabe zu. – Ziehen sich alte Menschen aus

ihren sozialen Rollen und Funktionen zurück, so wird dies daraufzurückgeführt,

dass sich diese durch die »ungerechtfertigte Zuschreibung unerwünschter Attribute«

42 seitens der Gesellschaft abgelehnt fühlen.

Kritisch gesehen wird an dieser Theorie deren »universalistischer Anspruch«

43 .Eswerde nicht bedacht, dass nicht alle einschränkenden Veränderungen

(wie Verrentung oder der Verlust familiärer Funktionen), die für ältere

Menschen mit der Abnahme sozialer Anerkennung verbunden seien, durch

neue Betätigungsfelder kompensiert werden könnten. 44 Im Zuge dessenwird der

Aktivitätstheorie eine unzureichende soziale Differenzierung vorgeworfen. Sie

orientiere sich, Dannenmann zufolge, vornehmlich an der Gruppe älterer Menschen

mit höherem Bildungsabschluss und höherem Intelligenzquotienten. 45

Ebenso werde das, insbesondere der Lebensphase des (hohen) Alters innwohnende,

Recht auf Passivität nicht benannt.

Die Aktivitätstheorie lässt das erfolgreiche Alter zum Muss werden. Hierin

zeigt sich der normative Charakter, der auch diesem Theoriekonstrukt innewohnt.

Individuelle biografische Elemente finden keine ausreichende Berücksichtigung.

Somit steht das Paradigma des aktiven Alters in weiten Teilen einer

Inklusion des hochaltrigen, vulnerablen Menschen in ein positives Altersbild

entgegen. 46

2.2.3 Die Disengagementtheorie

Anders als die Aktivitätstheorie, die auf Kontinuität im Lebenslauf setzt, zielt die

Disengagementtheorie 47 auf eine Zäsur zwischen Erwerbs- und Altersphase. »In

our theory, aging is an inevitable mutual withdrawal or disengagement, resulting

in decreased interaction between the aging person and others in the social systems

he belongs to.« 48 Dieses Analysekonzept beschreibt den Prozess des Alterns

42

Andreas Kruse/Hans-Werner Wahl, Zukunft Altern. Individuelle und gesellschaftliche

Weichenstellungen, Heidelberg 2010, 228.

43

Martin/Kliegel, Psychologische Grundlagen, 71.

44

Vgl. Ehrhardt, Alternstheorien, 41–48: 44.

45

Vgl. Dannenmann, Begleitung älterer Menschen, 39.

46

Vgl. Thomas Klie, Potenziale des Alters und Rollenangebote der Zivilgesellschaft, in:

Andreas Kruse (Hg.), Potenziale im Altern. Chancen und Aufgaben für Individuum und

Gesellschaft, Heidelberg 2010, 145–160: 152 f.; vgl. Rieger, Altern anerkennen, 29; vgl.

Ehrhardt, Alternstheorien, 41–48: 44.

47

Vgl. Elaine Cumming/William Henry, Growing Old. The Process of Disengagement, New

York 1961.

48

A.a. O., 14 f., zitiert in: van Dyk/Lessenich, Junge Alte, 11–48: 15.


2.2 Alternstheorien 39

als einen sowohl von der Gesellschaft erwarteten als auch von den Betroffenen

selbst bestimmten Rückzug aus sozialen Kontakten. Die Lebenszufriedenheit

und das Freiheitsempfinden Älterer korrelieren, diesem Ansatz zufolge, mit der

Entpflichtung von gesellschaftlichen Aufgaben und Normen. Der alternde

Mensch darf sich auf sich selbst konzentrieren und seine sozialen Aktivitäten

entsprechend einteilen – dies zur Vorbereitung auf die bevorstehende Gebrechlichkeit,

auf Sterben und Tod. 49

Dieser, ebenfalls in den 1960er Jahren entwickelte Ansatz, ist, so Kruseund

Wahl, als unmittelbarer Gegenentwurf zur »Idealisierung und Realitätsferne

des Aktivitätsansatzes« 50 zu verstehen. Gründe für das Aufkommen dieser

Theorie sind, den Autoren zufolge, wohl in den zur damaligen Zeit herrschenden

gesellschaftspolitischen Verhältnissen wie dem vergleichsweise niedrigen

Wohlstandsniveau zu suchen, die den »sozialen Rückzug als Reaktion auf eine

veränderte Lebenssituation im Alter […] deutlich näher legte«. 51 Aus heutiger

Sicht ist dieser Theorie zugutezuhalten, dass sie älteren Menschen, bspw. nach

einer einschneidenden Veränderung wie der Verwitwung, gewisse Formen des

sozialen Rückzugs aktiv zugesteht. Während beim Paradigma des aktiven Alterns

die Lebenszufriedenheit in einem unmittelbaren Zusammenhang mit sozialer

Aktivität undder erfolgreichen Substitution der Berufsrolle steht, wird hier

bezweifelt, dass die Lebenszufriedenheit Älterer – und somit erfolgreiches Altern

– ausschließlich vom Einnehmen adäquater gesellschaftlicher Rollen abhängt.

Als kritisch zu bewerten ist hingegen, dass durch die Disengagement-

Theorie negativ besetzte Bilder vom Alter zementiert werden,die Ältere generell

als hilfsbedürftig kennzeichnen. Die Theorie orientiert sich, in undifferenzierter

Weise, fast ausschließlich an der Phase des vierten Lebensalters. Diese einseitige

Fokussierung auf den Abbau lässt das Alter, in Anlehnung an das Defizitmodell,

als einen isolierten Lebensabschnitt erscheinen. Die der Aktivitätstheorie innewohnende

Deutung des Alters als ein Wandlungsprozess, der den Betroffenen

u. U. ungeahnte Wachstumsmöglichkeiten eröffnen kann, wird dagegen zu wenig

bedacht. 52 – Ungeachtet dessen wird der Disengagement-Ansatz den Theorien

des erfolgreichen Alterns zugeordnet. Während beim Defizitmodell der Fokus

eindimensional auf den Abbau von Ressourcen bzw. auf diedamit einhergehende

49

Vgl. Ehrhardt, Alternstheorien, 41–48: 44; vgl. Dannenmann, Begleitung älterer Menschen,

37 f.

50

Kruse/Wahl, Zukunft Altern, 231.

51

A.a. O., 233.

52

Vgl. Dannenmann, Begleitung älterer Menschen, 38; vgl. Rieger, Altern anerkennen, 29;

vgl. Ursula Nothelle-Wildfeuer, Arbeit und Ehrenamt. Beteiligungsgerechtigkeit im Alter, in:

Stephan Ernst (Hg.), Alter und Altern. Herausforderungen für die theologische Ethik, Freiburg

Schweiz 2016, 141–166: 145.


40 2Alterszuschreibungen im Wandel

»immer größer werdende Diskrepanz von individuellen Zielen der alternden

Person und zur Verfügung stehenden kompensatorischen [Möglichkeiten]« 53

gerichtet wird, hat die Disengagement-Theorie zum Ziel, – über den sozialen

Rückzug – Wege zu einer subjektiv angemessenen Lebenszufriedenheit aufzuzeigen.

2.2.4 Konzeptionen zur Aktivität und Kontinuität

2.2.4.1 Das Kontinuitätsmodell

Ausgehend von der Erkenntnis, dass sich keine der oben beschriebenen Theorien

des erfolgreichen Alterns in ihrer Ausschließlichkeit durchzusetzen vermochte,

wurde in den Folgejahren eine Vielzahl weitergehender Theoriemodelle zur

Lebenszufriedenheit im Alter entwickelt.

So geht die im Jahr 1989 von Robert Atchley entwickelte Kontinuitätstheorie

54 davon aus, dass die Lebenszufriedenheit im Alter steigt, je mehr die gegenwärtige

Lebenssituation der Lebenssituation früherer Jahre ähnelt. Dem

Individuum wird hierbei ein grundsätzliches Bedürfnis nach Kontinuität unterstellt.

Innere Kontinuität wird, soAtchley, gewährleistet durch das Weiterbestehen

von psychischen Einstellungen, Affekten, Emotionen und Stimmungen

sowie von persönlichen Erfahrungen, Neigungen und Fähigkeiten. Äußere

Kontinuität hingegen hängt von der Aufrechterhaltung der psychischen und

sozialen Umwelt, der vertrauten Umgebung, liebgewonnener Routinen, insbesondere

aber von der Interaktion mit nahestehenden Menschen ab.

Die individuellen Kontinuitätsmerkmale einer älteren Person werden als

wesentlich zu deren eigener Identität gehörend angesehen. Insofern richtet das

Kontinuitätsmodell den Fokus auf notwendige Anpassungsleistungen im Alter

und den damit einhergehenden Wandel bzgl. des sozialen Rollenverhaltens.

Dabei wird die subjektiv angemessene Lebenszufriedenheit eines Individuums

für Atchley, jenach spezifischer Situation, durch soziale Aktivität oder aber

durch den sozialen Rückzug hergestellt. Die Theorie integriert somit Aspekte

sowohl des Aktivitäts- als auch des Disengagementmodells. Dabei wird die

Veränderung sozialer Rollen imAlter differenziert betrachtet. »Je nach Schichtzugehörigkeit,

Bildungsstand, [jenach persönlichen] Präferenzen und Lebensstilen

[…] Gewohnheiten und Erwartungen [wird eine] höhere resp. geringere

Rollenaktivität als ›funktional‹ für erfolgreiches Altern angesehen.« 55

53

Martin/Kliegel, Psychologische Grundlagen, 67.

54

Vgl. Robert Atchley, Acontinuity theory of normal aging, in: The Gerontologist 29 (2),

Oxford 1989, 183–190; vgl. Kruse/Wahl, Zukunft Altern, 233f.; vgl. Ehrhardt, Alternstheorien,

41–48: 45; vgl. hierzu auch Martin/Kliegel, Psychologische Grundlagen, 71 f.

55

Kruse/Wahl, Zukunft Altern, 234.


2.2 Alternstheorien 41

2.2.4.2 Das SOK-Modell

Ebenfalls auf dem Prinzip der aktiven Herstellung von Individuum-Umwelt-

Passungen beruht die von Baltesund Baltesbeschriebene Theorie zur selektiven

Optimierung mit Kompensation, nachfolgendSOK-Modell genannt. 56 Analog zum

Konzept der Lebensspannenpsychologie 57 versteht dieses Modell die menschliche

Entwicklung als »einen lebenslangen Prozess der Veränderung und Stabilität

der menschlichen Person von der Geburt bis zum Tod« 58 .Injeder Lebensphase,

so Baltes und Baltes, erleben Menschen Gewinn, Stabilität und Verlust. Entsprechend

stellen Alter und Erfolg keinen Widerspruch dar, vielmehr bietet sich

auch dem älteren Menschen die Möglichkeit, regulativ auf die spezifischen

körperlichen und psychischen Herausforderungen, wie Veränderungen im Gesundheitszustand,

zu reagieren und sein Leben aktiv zu gestalten.

Das SOK-Modell geht davon aus, dass, obwohl die Leistungs- und Kapazitätsreserven

im Alter insgesamt abnehmen, bei älteren Personen – gemäß dem

Gewinn-, Stabilität-, Verlust-Prinzip – stets Ressourcen als Reserven verfügbar

bzw. erweiterbar sind. Letzteres kann durch bestimmte Strategien und Übungen

gelingen,die den drei grundlegenden Anpassungsprozessen der Selektion (i. S. e.

Auswahl realisierbarer Entwicklungsziele), der Optimierung (i.S. e. Erwerbens

oder Verbesserns zielrelevanter Handlungsweisen) und der Kompensation (i. S. e.

flexiblen Reagierens auf Verluste und der Suche nach geeignetenStrategien, um

ans Ziel zu gelangen) unterliegen. 59

Insofern integriert auch diese Theorie Aspekte sowohl des Aktivitäts- als

auch des Disengagementmodells. Psychophysische Einschränkungen im Alter

und damit einhergehende veränderte Bedürfnisse werden nicht geleugnet. Zugleich

jedoch wird mithilfe der Beschreibung eines aktiven Bewältigungsverhaltens

die Basis für eine selbstbestimmte, persönliche Weiterentwicklung im

Alter gelegt. Obwohl diese Theorie universell formuliert wurde und für jede

Lebensphase Gültigkeit besitzt, wird deren besondereRelevanz für das hohe Alter

hervorgehoben. In dieser Phase kann die gelungene Anwendung des SOK-Mo-

56

Vgl. Paul B. Baltes/Margret M. Baltes, Psychological perspectives on successful aging.

The model of selective optimization with compensation, in: Paul B. Baltes/Margret M. Baltes

(Hg.), Successful aging. Perspectives from the behavioral sciences, New York 1990, 1–34; vgl.

Martin/Kliegel, Psychologische Grundlagen, 72 ff.

57

Vgl. a. a. O., 61.

58

Martin/Kliegel, Psychologische Grundlagen, 61.

59

Als Beispiel für diese Strategie wird für gewöhnlich der Pianist Artur Rubinstein erwähnt,

der auf die Frage, wie er trotz seines fortgeschrittenen Alters sein künstlerisches

Niveau halten könne, antwortete, dass er zum ersten sein Repertoire einschränke (Selektion),

die Musikstücke zum zweiten besonders intensiv übe (Optimierung) und zum dritten einige

Kunstgriffe, wie das bewusste Reduzieren des Tempos vor schnellen Passagen, einsetze

(Kompensation).


42 2Alterszuschreibungen im Wandel

dells, trotz des offensichtlichen Verlusts an, vornehmlich biologischen, Kapazitätsreserven,

ein selbstwirksames, nur leicht eingeschränktes Leben ermöglichen.

2.3 Der Paradigmenwechsel vom individuellen

Blick hin zum aktivgesellschaftlichen

Anforderungsprofil an das Alter 60

Die bislang beschriebenen Theorien zum erfolgreichen Altern machen deutlich,

dass sich gelingendes aktives Altern aus vielerlei Perspektivenbetrachten lässt.

Den früheren Theorien wird heute, angesichts des demografischen Wandels, eine

überwiegend individuelle Sichtweise vorgeworfen. »Die Bedeutung ökonomischer,

politischer und sozialer Strukturen« 61 für das Altern würde zu wenig bedacht.

2.3.1 Lebensentwürfe des entpflichteten Ruhestands in der BRD in

den 1980er und frühen 1990er Jahren

2.3.1.1 Das Phänomen des ziellosen Aktivismus

Tatsächlich führte die Propagierung des Aktivitäts-Gedankens in der BRD der

1980er Jahre bei zahlreichen Angehörigen des dritten Lebensalters zunächst zu

einem diffusen, zumeist »ziellosen Aktivismus« 62 – einem Lebensstil, bei dem

die Betroffenen aus einer höchst individuellen Perspektive vorgeben, unentwegt

beschäftigt zu sein. Hinter einer solchen busy ethics bzw. Ethik des Beschäftigtseins

steht, so Ekerdt, weniger die tatsächliche Beschäftigung als vielmehr

die Simulation von Aktivität. Die Ethik des Beschäftigtseins unterstreicht, analog

zum protestantischen Arbeitsethos und Eigenständigkeits-Streben, die Tugend

eines aktiven Lebens und versucht auf diese Weise, die freie Zeit der nachberuflichen

Phase zu rechtfertigen. 63

60

Vgl. Stephan Lessenich, VomRentner zum Alterskraftunternehmer. Das Alter in der

Aktivgesellschaft. Bielefeld 2005, zitiert in: Klie, Potenziale des Alters, 145–160: 155.

61

Kruse/Wahl, Zukunft Altern, 228.

62

Peter Zeman, Altersbilder, Selbstreflexivität und die neue Kultur des Alter(n)s, in:

Deutsches Zentrum für Altersfragen (Hg.), Jahrbuch des DZA, Berlin 1996, 291–322: 308.

63

Vgl. David J. Ekerdt, Die Ethik des Beschäftigtseins. Zur moralischen Kontinuität zwischen

Arbeitsleben und Ruhestand, in: Silke van Dyk/Stephan Lessenich (Hg.), Die jungen

Alten. Analysen einer neuen Sozialfigur, Frankfurt am Main 2009, 69–84. Originalveröffentlichung:

David J. Ekerdt: The busy ethic. Moral continuity between work and retirement,

in: The Gerontologist 26 (3), Oxford 1986, 239–244.


Ute Catrin Bührer, Dr. phil., Jahrgang 1967, Bachelorstudium

der Sozialen Arbeit an der Evangelischen Hochschule

Ludwigsburg, Masterstudium der Berufs- und

organisationsbezogenen Beratungswissenschaft sowie

Promotionsstudium der Diakoniewissenschaft an der

Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Bildungs referentin

Stabsstelle Theologie & Ethik bei der Evangelischen

Heimstiftung in Stuttgart und Lehrbeauftragte im Studiengang

Soziale Arbeit an der Hochschule Esslingen.

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Satz: 3w+p, Rimpar

Druck und Binden: Hubert & Co., Göttingen

ISBN 978-3-374-07021-3 // eISBN (PDF) 978-3-374-07022-0

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