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Christoph Meyns | Georg Raatz: Was braucht die Gemeinde? (Leseprobe)

Für die seit rund zwanzig Jahren laufenden Veränderungsprozesse auf allen Ebenen der Kirche liegt der Fokus zunehmend auf Fragen der inhaltlichen Ausrichtung. Wie können die Aufgaben der Kirche unter diesen Herausforderungen weiterhin gut erfüllt werden? Welche ekklesiologischen, kirchen- und gemeindetheoretischen Konzepte erweisen sich für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert als glaubensfördernd? Und wie kann ein konstruktiv-kritisches Wechselspiel zwischen theologischer Theoriebildung und kirchlicher Organisationsentwicklung organisiert werden?  Auf Initiative der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) fand zu diesen Fragen eine Fachtagung statt, deren anregende Impulsreferate in diesem Band abgedruckt sind.

Für die seit rund zwanzig Jahren laufenden Veränderungsprozesse auf allen Ebenen der Kirche liegt der Fokus zunehmend auf Fragen der inhaltlichen Ausrichtung. Wie können die Aufgaben der Kirche unter diesen Herausforderungen weiterhin gut erfüllt werden?

Welche ekklesiologischen, kirchen- und gemeindetheoretischen Konzepte erweisen sich für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert als glaubensfördernd? Und wie kann ein konstruktiv-kritisches Wechselspiel zwischen theologischer Theoriebildung und kirchlicher Organisationsentwicklung organisiert werden? 

Auf Initiative der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) fand zu diesen Fragen eine Fachtagung statt, deren anregende Impulsreferate in diesem Band abgedruckt sind.

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Christoph Meyns / Georg Raatz (Hrsg.)

Was braucht die Gemeinde?

Zum Wechselspiel zwischen

kirchlichen Transformationsprozessen

und Ekklesiologie


Vorwort

Die seit rund zwanzig Jahren laufenden Veränderungsprozesse

auf allen Ebenen des kirchlichen Lebens nehmen

bestehende Herausforderungen wie den demographischen

Wandel, Mitgliederschwund, abnehmende Finanzkraft oder

den Fachkräftemangel auf und fragen nach möglichen Lösungen.

Wie lässt sich die Arbeit so gestalten, dass die Aufgaben

der Kirche unter sich ändernden Bedingungen erfüllt

werden können? Der Fokus bei entsprechenden Prozessen,

Strategien und Projekten liegt dabei zunehmend nicht mehr

auf der Optimierung organisatorischer Zusammenhänge,

sondern auf Fragen der inhaltlichen Ausrichtung und danach,

welche ekklesiologischen und kirchen- und gemeindetheoretischen

Konzepte sich für die evangelische Kirche im

21. Jahrhundert als angemessen und glaubensfördernd erweisen.

Wenngleich sich die Begleitung durch kircheninterne

oder kirchenexterne Organisations- und Gemeindeberatung,

Prozessbegleitung und Coachingangebote auf einem hohen

Professionalisierungsgrad bewegen, wird eine Herausforderung

immer deutlicher: Diese besteht darin, dass bei den laufenden

Diskussionen Grundkonzepte und Bilder von Kirche,

Gemeinde und Frömmigkeitspraxis implizit leitend sind und

die Richtung steuern. Folgende Fragen stellen sich:

– Wie können Entscheidungen in kirchlichen Transformationsprozessen

von ekklesiologischen, kirchen- und gemeindetheoretischen

Konzepten mitgetragen werden?

5


Vorwort

– Wie generiert die Ekklesiologie, Kirchen- und Gemeindetheorie

ihre Expertise über die Kirchengemeinde?

– Wie kann ein konstruktiv-kritisches Wechselspiel zwischen

theologischer Theoriebildung und kirchlicher Organisationsentwicklung

organisiert werden?

Die Vereinigte Evangelisch-Lutherische Kirche Deutschlands

(VELKD) hat mit einem Fachtag am 21. Januar 2021 dazu

angeregt, über diese Fragen in einen Austausch zwischen Vertreterinnen

und Vertretern aus Kirche und Wissenschaft zu

treten. Den weiteren Kontext bildete ein längerer Reflexionsprozess

innerhalb der VELKD zur Neukonzeption ihres

Gemeindekollegs. Aufgrund der Coronapandemie fand der

Fachtag in Form einer Videokonferenz statt. Unter den ca. 50

Teilnehmenden haben neben zahlreichen Verantwortlichen

aus Landeskirchenämtern und landeskirchlichen Einrichtungen

der Personalberatung und Organisationsentwicklung

akademische Theologinnen und Theologen, zahlreiche

Studierende, Vikarinnen und Vikare, Pfarrerinnen, Pfarrer

und kirchliche Mitarbeitende, Vertreterinnen und Vertreter

der mittleren und der bischöflichen Leitungsebene teilgenommen

und ihre je eigene spezifische Expertise und regional

unterschiedlichen Erfahrungen und Perspektiven eingebracht.

In einem ersten Block von Kurzimpulsen wurden von

Pastorin Eva Gotthold (Neukloster, Landeskirche Hannovers),

Pröpstin Britta Carstensen (Propstei Neustrelitz im Kirchenkreis

Mecklenburg der Nordkirche) und von Kirchenrat Dr.

Thomas Schlegel (Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche

in Mitteldeutschland) Selbstbeschreibungen der Kirche

aus der Perspektive der kirchgemeindlichen Ebene, der mittleren

und landeskirchlichen Ebene eingebracht. Die Leitfrage

lautete: „Was weiß die Kirche von der Gemeinde?“

6


Vorwort

In einem zweiten Slot von Impulsreferaten haben Prof. Dr.

Georg Lämmlin (Sozialwissenschaftliches Institut der EKD),

Prof. Dr. Eberhard Hauschildt (Theologische Fakultät der

Universität Bonn) und PD Dr. Frederike van Oorschot (Forschungsstätte

der Evangelischen Studiengemeinschaft e. V.)

unter der Leitfrage „Was und woher weiß die theologische

Ekklesiologie, Kirchen- und Gemeindetheorie von der Gemeinde?“

aktuelle empirisch-sozialwissenschaftliche und

kirchenentwicklungstheoretische Beobachtungen wie auch

konzeptionelle Ideen zu einer digitalen Ekklesiologie vorgetragen.

Wie kirchlich-praktische Erfahrungen und theologischwissenschaftliche

Kirchentheorie miteinander in ein wechselseitig

irritierendes und inspirierendes Gespräch kommen

können, wurde in Workshops ausprobiert, die von den Impulsgeberinnen

und -gebern geleitet wurden. Dabei ging es

um praktische und sozialwissenschaftliche Empirie der Kirchengemeinde,

um Kirchen- und Gemeindetheorie auf der

mittleren Ebene und schließlich um Gemeindebilder in den

Perspektiven von Landeskirchenämtern und der Debatte zur

Digitalisierung kirchlichen Lebens.

In einem dritten und letzten Slot von zwei Impulsreferaten

referierten OKR Dr. Georg Raatz (Amtsbereich der VELKD

im Kirchenamt der EKD) und PD Dr. Johannes Greifenstein

(Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität München)

unter der Leitfrage „Was erwarten die Kirche/Kirchengemeinde

und die Ekklesiologie, Kirchen- und Gemeindetheorie

voneinander und wie ist ein Wechselspiel organisierbar?“

zur Organisierbarkeit eines konstruktiven und kritischen

Wechselspiels zwischen kirchlicher Reflexionspraxis

und akademischer Theologie und zu wechselseitigen Erwartungen

von Kirchenpraxis und -theorie.

7


Vorwort

Die Aussprachen im Plenum zu den Impulsen wie auch

die Abschlussdiskussion haben bei den Teilnehmenden neben

der Relevanz der Sachthemen insbesondere das Anliegen

bestätigt, den Austausch zwischen Vertreterinnen und Vertretern

der Kirchen und akademischer Theologie über das

Verhältnis von Theologie und kirchlicher Praxis von Veränderungsprozessen

und über die Wechselwirkungsmechanismen

bei Kirchen- und Gemeindeentwicklungsprozessen zu

intensivieren.

Damit dieser Impuls nicht im Kreise der Teilnehmenden

bleibt, werden die Referate des Fachtages in diesem Band dokumentiert

und damit der interessierten Öffentlichkeit zur

Verfügung gestellt. Den Impulsen wird ein Essay von Landesbischof

Dr. Christoph Meyns vorangestellt, der aus der Perspektive

eines kirchenleitenden Amtes die Herausforderungen

skizziert, in deren Horizont auch das Thema und die Beiträge

des Fachtages einzuordnen sind.

Mit der Publikation ist die Hoffnung verbunden, dass der

Austausch zwischen akademischer Theologie und kirchlicher

Praxis von den Impulsen angeregt, auf verschiedenen Ebenen

und Foren intensiviert wird und im Kontext der VELKD eventuell

eine angemessene institutionelle Form findet.

Allen Impulsgeberinnen und -gebern gilt unser großer

Dank, ebenso allen Teilnehmenden für ihre Diskussionsbeiträge

und Anregungen, Frau Kerstin Pfeiffer von der Bildungsabteilung

des Kirchenamtes der EKD für das Hosting

der Videokonferenz und OKRin Henrike Müller vom Amtsbereich

der VELKD für die Moderation. Zu danken ist sodann

der Arbeitsgruppe, die die Tagung konzipiert und vorbereitet

hat. Ihr gehörten neben den Herausgebern Pfarrer Matthias

Ansorg (Gemeindedienst der EKM, Neudietendorf), Kirsten

Reimann (Soziologin an der Institutionsberatung der Nord-

8


kirche, Hamburg), Diakon Henning Schulze-Drude (Mitglied

der Kirchenleitung der VELKD, Hannover) und Pfarrer Harald

Welge (Mitglied der Kirchenleitung der VELKD, Braunschweig)

an. Für seine fachliche Beratung und Expertise ist die Arbeitsgruppe

auch Pfarrer Peter Burkowski (Geschäftsführer der

Führungsakademie für Kirche und Diakonie, Berlin) zu Dank

verpflichtet.

Der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig, ihrer Leiterin,

Dr. Annette Weidhas, und Mitarbeitenden sind wir schließlich

für Übernahme des Tagungsbandes in das Programm wie

auch für alle verlegerische Begleitung und Beratung dankbar.

Möge der Band der Realisierung dessen dienen, was Friedrich

Schleiermacher in seiner kurzen Darstellung des Theologischen

Studiums für das Zusammenwirken von Theologie

und Kirche mehr erhofft als diagnostiziert:

„Wie jene Kenntnisse nur durch das Interesse am Christenthum

zu dem Ganzen verknüpft werden, welches die Theologie

bildet; so kann auch nur durch die Aneignung jener

wissenschaftlichen Kenntnisse das Interesse am Christenthum

zu der zwekmäßigen Thätigkeit gedeihen, durch welche

die Kirche wirklich erhalten und weiter gebildet wird.“ (Einleitung

der 1. Auflage von 1811, § 8)

Landesbischof Dr. Christoph Meyns

und Oberkirchenrat Dr. Georg Raatz

Braunschweig/Hannover in der Passionszeit 2022

Vorwort

9


Inhalt

In ein Land, das ich dir zeigen will (1. Mose 12,1) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13

Gemeinde- und Kirchenleitungen stehen vor neuen

Herausforderungen

Christoph Meyns

Was braucht die Gemeinde? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25

Subjektive Wahrnehmungen und Antworten von der Basis

Eva Gotthold

Die Kirchengemeinde aus der Halbdistanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

(Ein-)Blick aus der pröpstlichen Praxis

Britta Carstensen

Der Dritte im Bunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47

Einblicke in die Arbeit eines Landeskirchenamtes

Thomas Schlegel

Schlüsselfaktoren für Gemeindeentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63

Empirische Beobachtungen und weiterführende Überlegungen

Georg Lämmlin

Kirche und Gemeinde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89

Fünf Schritte zu einer einfallsreichen Theologie

Eberhard Hauschildt

Gemeindebilder und Kirchenverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109

Zur (neu)eröffneten Debatte um Gemeinde und Ekklesiologie

im Licht digitalen kirchlichen Lebens

Frederike van Oorschot

11


Inhalt

Wie ist das Wechselspiel zwischen Kirche und Theologie

organisierbar? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127

Prolegomena zu einem komplexen Verhältnis

Georg Raatz

Erwartung und Erfüllung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161

Bemerkungen zur Konstellation, ,Kirchenpraxis und Kirchentheorie‘

Johannes Greifenstein

Autoren und Autorinnen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213

12


Christoph Meyns

In ein Land, das ich dir zeigen will

(1. Mose 12,1)

Gemeinde- und Kirchenleitungen stehen vor

neuen Herausforderungen

Im Laufe der vergangenen dreißig Jahre sahen sich gemeindeund

kirchenleitende Organe wiederholt gezwungen, den Umfang

der kirchlichen Arbeit an sinkende Ressourcen anzupassen.

Nach einer ersten Phase linearer Kürzungen von Sachmitteln

und Personalstellen in den 1990er Jahren lösten hohe

Kirchensteuerausfälle infolge der Senkung der Spitzensteuersätze

in der Einkommensteuer zwischen 1999 und 2007 eine

Welle von Strukturveränderungen aus: Kirchengemeinden,

Kirchenkreise und Landeskirchen schlossen sich zusammen;

Kindertagesstätten, diakonische Einrichtungen, Verwaltungsämter

und allgemeinkirchliche Arbeitsfelder wurden zu größeren

Organisationseinheiten verschmolzen; neue Formen

der Zusammenarbeit entstanden.

Mit den neuen Strukturen veränderten sich die Rollenanforderungen

an haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter. So sind etwa in der Ev.-Luth. Landeskirche

in Braunschweig alle 300 Kirchengemeinden seit

2015 rechtlich verbindlich in 45 Gestaltungsräumen zusammengefasst.

Ihnen sind drei bis sechs Pfarrerinnen und Pfarrer

zugeordnet, die gemeinsam das Pfarramt bilden. Über

Pfarrstellenbesetzungen, Seelsorgebezirke und funktionale

Zuordnungen entscheiden Verbandsversammlungen. Auch

Diakoninnen und Kirchenmusiker arbeiten zunehmend in

13


Christoph Meyns

regionaler Verantwortung. In der Folge mussten Aufgaben,

Verantwortlichkeiten und Entscheidungskompetenzen neu

bedacht, beschrieben, ausgehandelt und eingeübt werden,

ein langwieriger, mühsamer Prozess, der noch nicht überall

abgeschlossen ist.

Das Grundanliegen aller bisheriger Veränderungen bestand

darin, die kirchliche Arbeit effizienter zu organisieren,

um auf diese Weise die gewachsene Gestalt des kirchlichen Lebens

trotz sinkender Einnahmen so weit wie möglich zu erhalten.

Das ist nur teilweise gelungen. So erklärt sich der im

Vergleich zur Mitgliederentwicklung überdurchschnittliche

Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen seit 2001 dadurch,

dass seitdem einsparungsbedingt an weniger Orten weniger

Gottesdienste gefeiert werden. Im gleichen Zeitraum ging die

Zahl der Kinder- und Jugendgruppen und die der Kirchenchöre

um ein Drittel, die der Bläserkreise um ein Viertel zurück.

1 Das sind gravierende Einschnitte innerhalb nur einer

halben Generation.

Im Jahr 2019 veröffentlichte das Forschungszentrum Generationenverträge

der Universität Freiburg eine Studie mit

dem Titel „Kirche im Umbruch – Projektion 2060“. 2 Sie untersuchte

im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland

und der Deutschen Bischofskonferenz, was geschehen wird,

sollten sich bisherige Entwicklungen unverändert fortsetzen.

Für die evangelischen Landeskirchen prognostizierten die

Freiburger Sozialforscher einen Rückgang der Mitgliederzahl

1 Die Zahl der Mitglieder ging zwischen 2001 und 2019 um 22 Prozent zu -

rück, die der Gottesdienstbesucher um 34 Prozent. Vgl. die von der EKD

herausgegebenen „Äußerungen des kirchlichen Lebens für die Jahre 2001

und 2019 unter https://www.ekd.de/statistiken-ueber-die-aeusserungendes-kirchlichen-lebens-44432.htm,

Abruf am 7.8.2021.

2 https://www.ekd.de/kirche-im-umbruch-projektion-2060-45516.htm.

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In ein Land, das ich dir zeigen will (1. Mose 12,1)

zwischen 2017 und 2035 um etwa 22 Prozent und bis 2060 um

49 Prozent in Verbindung mit einem Absinken der Finanzkraft

um 26 bzw. 51 Prozent.

Damit sind die Grenzen dessen erreicht, was sich durch

den Abbau von Personalstellen, den Umbau von Strukturen,

veränderte Abläufe und die Neuordnung von Verantwortlichkeiten

erreichen lässt. Wir werden in den kommenden

Jahren und Jahrzehnten nicht umhinkommen, grundsätzlicher

als bisher Auftrag, Leitbilder, Ziele und Konzepte der

kirchlichen Arbeit in Auseinandersetzung mit den hinter

den sinkenden Mitgliederzahlen stehenden gesellschaftlichen

Trends zu durchdenken und von da ausgehend Aufgaben,

Abläufe, Strukturen sowie die Rollen haupt-, neben- und

ehrenamtlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neu zu

beschreiben. Tun wir das nicht, werden inhaltliche Prioritäten

nicht bezogen auf Umfeldbedingungen bewusst gesetzt,

sondern bleiben den Zufälligkeiten kirchenpolitischer Prozesse

und kurzfristigen pragmatischen Überlegungen überlassen.

Strukturen verlieren ihre Funktionalität. Hauptamtliche

Mitarbeitende geraten in eine Situation der Dauerüberforderung,

Ehrenamtliche verlieren die Lust zur Mitarbeit.

Im Hintergrund dessen, was Kirchengemeinden, übergemeindliche

Arbeitsfelder und kirchliche Verwaltungsämter

leisten, steht nach wie vor das traditionelle Bild der Kirche als

staatsanalog gedachter Institution mit dem Anspruch, zentrale

Instanz einer Lebens- und Weltanschauung von gesamtgesellschaftlicher

Relevanz zu sein, in Verbindung mit flächendeckender

Erreichbarkeit, Präsenz und Versorgung.

Wenn im Laufe der kommenden Jahrzehnte die Bedeutung

des christlichen Glaubens für das Leben des Einzelnen und

das Gewicht der Stimme der Kirche in der Öffentlichkeit weiter

abnimmt, verliert dieses Ideal jedoch zunehmend seine

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Christoph Meyns

Tragfähigkeit. Wir müssen uns damit auseinandersetzen,

was es bedeutet, als Minderheit in einem lebens- und weltanschaulich

pluralen Umfeld das Evangelium von Jesus Christus

in Wort und Tat zu bezeugen.

Dabei stehen wir jedoch über Begriffe wie „missionarische

Kirche“ oder „Diasporatheologie“ hinaus erst am Anfang.

Bisherige Konzepte und Projekte zum Gemeindeaufbau und

prozessorientierte Ansätze der Gemeindeentwicklung greifen

zu kurz, weil sie nur die Ebene der Ortsgemeinde im Blick

haben, nicht aber das kirchliche Leben als Ganzes in der Komplexität

verschiedener Sozial- und Organisationsformen. Im

besten Fall entstehen auf diese Weise lokale Insellösungen auf

Kosten anderer Orte ohne gesamtkirchliche Wirksamkeit. Es

bedarf vielmehr der Entwicklung von mittel- und langfristig

angelegten Strategien, die das kirchliche Leben in seiner Gesamtheit

in den Blick nehmen und auf breite Umsetzung angelegt

sind.

Das Impulspapier der EKD „Kirche der Freiheit“ 3 von 2006

war ein erster Versuch, in diese Richtung zu denken, zeigte jedoch

zugleich, wie schlecht gerüstet die Kirche für diese Aufgabe

ist. Es warb für eine Reform in Anlehnung an Vorstellungen

aus Marketing und Management, um auf diese Weise

die Bindung von Kirchenmitgliedern zu erhöhen, neue Mitglieder

zu gewinnen und so gegen den Trend zu wachsen. Die

sich daran anschließende kontroverse Diskussion zeigte jedoch,

dass eine markttheoretische Perspektive nicht geeignet

ist, die Wirklichkeit des kirchlichen Lebens angemessen zu

erfassen. Sie konstruiert nichtzutreffende Kausalzusammen-

3 Kirchenamt der EKD (Hrsg.), Kirche der Freiheit. Perspektiven für die

evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier der EKD. Hannover

2006.

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In ein Land, das ich dir zeigen will (1. Mose 12,1)

hänge und denkt zu kurzfristig, überschätzt deshalb vorhandene

Handlungsspielräume und vermutet sie zugleich an

der falschen Stelle. Entsprechende Handlungsempfehlungen

sind daher für eine inhaltliche Neuorientierung der kirchlichen

Arbeit nicht geeignet. 4

Zugleich machte der unreflektierte Import ökonomischer

Ansätze der neoklassischen Denkweise deutlich, wie wenig

die Theologie zu Fragen der Gestalt des kirchlichen Lebens in

Orientierung an Wesen und Auftrag der Kirche und in Auseinandersetzung

mit aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen

beizusteuern hatte. Inzwischen sind eine Reihe von

Veröffentlichungen erschienen, die das kirchentheoretische

Defizit aufarbeiten. 5 Bei allen Unterschieden im Einzelnen

verbindet die verschiedenen Modelle, dass sie die Kirche im

Rückgriff auf CA VII und in Aufnahme der soziologischen

Systemtheorie als Kommunikationsgeschehen beschreiben.

Dabei unterscheiden sie zwischen drei aufeinander bezogenen

Typen menschlicher Kommunikation, in denen sich das

kirchliche Leben vollzieht:

die Dimension des Glaubens im Sinne der religiösen

Kommunikation in Gottesdienst, Gebet, Kirchenmusik, sa-

4 Vgl. Christoph Meyns, Kirchenreform und betriebswirtschaftliches

Denken: Modelle – Erfahrungen – Alternativen, 2013.

5 Vgl. Hans-Richard Reuter, Der Begriff der Kirche in theologischer Sicht.

In: Gerhard Rau/Hans-Richard Reuter/Klaas Schlaich (Hrsg.),

Das Recht der Kirche. Band 1. Zur Theorie des Kirchenrechts, Gütersloh

1997, 23–75; Jan Hermelink/Gerhard Wegner (Hrsg.), Paradoxien

kirchlicher Organisation. Niklas Luhmanns frühe Kirchensoziologie und

die aktuelle Reform der evangelischen Kirche, Würzburg 2008; Isolde

Karle, Kirche im Reformstress, Gütersloh 2010; Jan Hermelink, Kirchliche

Organisation und das Jenseits des Glaubens. Eine praktisch-theologische

Theorie der evangelischen Kirche, Gütersloh 2011; Eberhard Hauschildt/Uta

Pohl-Patalong, Kirche, Gütersloh 2014.

17


Christoph Meyns

kraler Kunst, Architektur, Bildungshandeln und Diakonie,

teilweise in Verbindung mit anderen Funktionen,

die Dimension persönlicher Begegnungen und menschlicher

Beziehungen samt den damit verbundenen sozialen

Dynamiken,

die Dimension der Organisation im Sinne der kirchenrechtlich

geregelten, entscheidungsförmigen Kommunikation

über Mitgliedschaft, Programme, Strukturen, Personal

und Finanzen.

So viel ist deshalb inzwischen klar: Überlegungen zur

künftigen Ausrichtung der kirchlichen Arbeit müssen alle

drei Ebenen des kirchlichen Lebens sowohl in ihrer jeweiligen

Eigenlogik als auch in ihrem Zusammenwirken im Blick behalten.

Aus dieser Perspektive betrachtet bestünde das Ziel in

Konzepten für eine integrierte Kirchen- und Gemeindeentwicklung,

die die Vitalität und Stabilität des kirchlichen Lebens

unter sich verändernden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen

fördern. Davon sind wir jedoch derzeit noch weit

entfernt.

Einige Veröffentlichungen zeigen, in welche Richtung gedacht

werden müsste. So hat Niklas Luhmann bereits in den

1970er Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass religiöse

Kommunikation auf dichte dialogische Sozialbeziehungen

angewiesen ist und sich zugleich formalen Entscheidungen

über Mitgliedschaft, Strukturen, Personal und Finanzen entzieht,

mit paradoxen Folgen für das kirchliche Leitungshandeln.

6 Hans-Richard Reuter hat aufgezeigt, dass Fragen der

Ordnung des kirchlichen Lebens über die Vorstellung der Kir-

6 Niklas Luhmann, Die Organisierbarkeit von Religionen und Kirchen.

Gesellschaftliche Differenzierung. In: Schriften zur Organisation, Wiesbaden

3 2019 (1972), 3–54.

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In ein Land, das ich dir zeigen will (1. Mose 12,1)

che als Lebensgemeinschaft mit der Kirche als Glaubensgemeinschaft

vermittelt werden müssen. 7 Bei Anna Stöber lässt

sich nachlesen, wie Strategien aussehen müssten, die Inhalte,

Beziehungen und Organisationsformen synergetisch aufeinander

beziehen und wie stark dabei gemeinde- und kirchenleitende

Perspektiven gemeinsam zu bedenken sind. 8 Isolde

Karle hat die Ebene informeller Begegnungen als entscheidenden

Faktor der kirchlichen Arbeit herausgearbeitet. 9 Für

Jan Hermelink ist die Kirche eine Organisation zur öffentlichen

Inszenierung des Glaubens. 10 Uta Pohl-Patalong spricht

von der Kirche als Netzwerk kirchlicher Orte. 11

Inzwischen haben in vielen Landeskirchen Zukunftsprozesse

begonnen, um Themen der inhaltlichen Neuorientierung

in Auseinandersetzung mit den Prognosen der Freiburger

Studie zu bearbeiten. In Bayern geschieht das etwa unter

dem Stichwort „Profil und Konzentration“, im Rheinland

spricht man von „Kirche mit leichtem Gepäck“, in der Nordkirche

von „Horizonte“, in Braunschweig wird unter dem

Motto „Lebendige Kirche 2030“ diskutiert. Die von der Synode

7 Hans-Richard Reuter, Begriff der Kirche (s. Anm. 5).

8 Ausführlich dazu vgl. Anna Stöber, Kirche – gut beraten? Betrachtung

einer Kirchengemeinde aus betriebswirtschaftlicher und funktionalistisch-sys

temtheoretischer Perspektive, Heidelberg 2005; Martin Gössler/Thomas

Schweinschwaller, Spezifika von Nonprofit Organisationen

und deren Beratung, in: OrganisationsEntwicklung 27 (2008) 2,

48–56.

9 Isolde Karle, Religion – Interaktion – Organisation, in: Jan Hermelink/

Gerhard Wagner (Hrsg.), Paradoxien kirchlicher Organisation.

Niklas Luhmanns frühe Kirchensoziologie und die aktuelle Reform der

evangelischen Kirche, Würzburg 2008, 237–257.

10 Jan Hermelink, Kirchliche Organisation und das Jenseits des Glaubens.

11 Uta Pohl-Patalong, Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten. Ein

Zukunftsmodell, Göttingen 2 2006.

19


Christoph Meyns

der EKD im November 2020 verabschiedete Schrift „Hinaus

ins Weite – Kirche auf gutem Grund. Zwölf Leitsätze zur Zukunft

einer aufgeschlossenen Kirche“ benennt Seelsorge und

öffentliche Verantwortung als Grundaufgaben der Kirche,

beschreibt notwendige organisatorische Veränderungen und

Anregungen zur Neugestaltung des Mitgliedschaftsrechts

sowie Themenfelder einer künftigen Ausrichtung der Arbeit

wie z. B. Frömmigkeit, Mission, Digitalisierung, Kirchenentwicklung

oder Interkulturalität.

Mit all dem stehen wir jedoch erst am Anfang eines langen

Weges. Personalstellen und Finanzmittel linear zu kürzen,

gelingt innerhalb weniger Jahre. Strukturveränderungen

benötigen von ersten Diskussionen über die dazu notwendigen

Entscheidungen und ihre rechtliche Umsetzung

bis hin zur Eingewöhnung in die neuen Arbeitszusammenhänge

bis zu zehn Jahre. Mit den traditionellen Vorstellungen

vom Auftrag der Kirche, den Idealen des kirchlichen Lebens

und den damit verbundenen Rollenbeschreibungen

stehen tief verwurzelte, mit dem kulturellen Kontext verwobene

und bis ins Unbewusste reichende Prägungen auf dem

Prüfstand. Veränderungen auf dieser Ebene des kirchlichen

Lebens brauchen Jahrzehnte.

Dabei stellen sich eine Reihe schwieriger Fragen. Sie betreffen

zum einen die Situationsanalyse. So hat die Bindungskraft

gesellschaftlicher Institutionen insgesamt stark abgenommen.

Im Vergleich zu Parteien, Gewerkschaften und Vereinen

ist die evangelische Kirche relativ stabil. Dabei ist nicht

klar, was daran günstigen oder ungünstigen Rahmenbedingungen

geschuldet ist, was an der kirchlichen Arbeit dazu

beigetragen hat und deshalb bewahrt werden muss und was

in Reaktion auf sich verändernde Umfeldbedingungen in

welcher Weise angepasst werden sollte. Die Wahrnehmung

20


In ein Land, das ich dir zeigen will (1. Mose 12,1)

wird dadurch erschwert, dass die Kirche an generationsübergreifenden,

sich der einfachen Machbarkeit entziehenden

Prozessen der Identitäts-, Herzens- und Gewissensbildung

arbeitet. Ergebnisse zeigen sich oft erst nach Jahrzehnten und

Jahrhunderten. Wir sehen heute die Ergebnisse der Arbeit

von gestern. Hinzu kommt, dass neben Fragen der konzeptionellen

Ausrichtung solche der Vertrauensbildung, der Beziehungsgestaltung

und der persönlichen Motivation eine

wichtige Rolle spielen.

Zum anderen sind die Ziele der Veränderung über die Benennung

strategischer Themenfelder eines notwendigen

Wandels hinaus bisher noch nicht klar. Wie beschreiben wir

die wünschenswerte Zukunft in der Differenz zur Gegenwart?

Wenn der Heilige Geist über Nacht das kirchliche Leben

wie durch ein Wunder verändert hätte, was wäre dann konkret

anders? Und ist diese Zukunft es wert, dafür einen entsprechenden

Aufwand an Mühe, Geld, emotionaler Energie

und Lebenszeit zu treiben? Mit welchen Risiken und nicht

beabsichtigten Nebenwirkungen müssen wir rechnen?

Zugleich ist zu bedenken, dass Veränderungen nur dann

erfolgreich sind, wenn diejenigen, die sie umsetzen sollen,

sich auf eine gemeinsame Beschreibung einigen. Das sind in

der Regel nicht nur gemeinde- oder kirchenleitende Organe,

sondern auch haupt-, neben- und ehrenamtliche Mitarbeiterinnen

in Kirchengemeinden, Kindertagestätten, Schulen

und allgemeinkirchlichen Arbeitsfeldern. Es braucht also neben

kirchenleitenden Impulsen langwierige, alle Ebenen des

kirch-lichen Lebens übergreifende Diskussions- und Beteiligungsverfahren.

Das wichtigste Thema, das zur Bearbeitung ansteht,

scheint mir neben Auftragsverständnis, Zielen, und Arbeitskonzepten

auf der Ebene der geistlichen Dimension des

21


Christoph Meyns

kirchlichen Lebens zu liegen. Sichtbare Erfolge der kirchlichen

Arbeit beruhten in der Vergangenheit oft genug auf ihrem

Missbrauch für fremde Zwecke. Heute kann sich die Verkündigung

frei entfalten, scheint jedoch zugleich mehr oder

weniger resonanzlos zu verhallen. Das vergrößert die Spannung

zwischen Anspruch und Erfolg und weckt Zweifel an

der Macht des Wortes Gottes. Es liegt nahe, sich in der Folge

entweder resigniert mit kleinen Zahlen abzufinden oder in

Taten zu fliehen, die den Zweifel kompensieren sollen. Vor

diesem Hintergrund müssen wir uns davon freimachen, Gottes

Segen mit sichtbaren Phänomenen quantitativen Wachstums

zu identifizieren. Es gilt hineinzufinden in ein Vertrauen,

das die Gegenwart Gottes gegen den Augenschein von

Zahlen und Trends erglaubt und bereit ist, eine Haltung zu

kultivieren, die voraussetzt, dass die Liebe Gottes verborgen

inmitten der sichtbaren Armut des kirchlichen Lebens verborgen

am Werk ist. 12

Die anstehenden Zukunftsfragen lassen sich nicht kurzfristig

lösen. Tragfähige Antworten zu finden, wird Zeit und

Ressourcen brauchen. Neben Diskussions-, Entscheidungsund

Umsetzungsprozessen auf den verschiedenen Ebenen

der kirchlichen Praxis bedarf es dazu der begleitenden praktisch-theologischen

Reflexion. Dabei besteht das Problem aus

meiner Sicht darin, dass kirchentheoretische Ansätze bisher

kaum in der kirchlichen Leitungspraxis angekommen sind

und für die Weiterentwicklung der kirchlichen Arbeit fruchtbar

gemacht wurden. Auch stehen im Bereich der Beratungsdienste

zwar Formate zur Verfügung, die sich intensiv einer

der drei Dimensionen des kirchlichen Lebens widmen. So för-

12 Vgl. Christian Möller, Liebe und Planung. Hochgerechnete Volkskirche

und Geheimnis der Gemeinde, in: EK 20 (1987), 76–80.

22


In ein Land, das ich dir zeigen will (1. Mose 12,1)

dert die geistliche Begleitung spirituelle Haltungen und

Praktiken. Die Pastoralpsychologie arbeitet daran, die Kommunikations-

und Beziehungsfähigkeit kirchlicher Mitarbeitender

zu stärken. Die Gemeindeberatung fördert den professionellen

Umgang mit Themen der Organisations- und

Personalentwicklung. Aber es fehlen Formen, die alle drei

Ebenen des kirchlichen Lebens miteinander verbinden.

Kirchentheorie, kirchliches Leitungshandeln und Beratungspraxis

stehen unverbunden nebeneinander, anstatt

sich laufend gegenseitig zu befruchten und damit eine Spirale

wachsender Erkenntnis in Gang zu setzen. Damit besteht

die Gefahr, dass gemeinde- und kirchenleitende Organe ihre

Aufmerksamkeit auf Bereiche richten, die sich durch organisatorische

Entscheidungen beeinflussen lassen, ohne die

geistliche und interaktionale Dimension des kirchlichen Lebens

in ihrer jeweiligen Eigenlogik einzubeziehen. Im besten

Falle entfalten entsprechende Vorhaben keine Wirksamkeit,

im schlimmsten Falle richten sie Schaden an. Umgekehrt

bleibt die Kirchentheorie ohne Impulse aus der kirchlichen

Praxis auf dem bisher erreichten Stand stehen.

Es fehlen Orte, die als Katalysatoren die Verbindung zwischen

Theorie und Praxis fördern, zwischen verschiedenen

Ebenen des kirchlichen Lebens, zwischen Leitung, Beratung

und Theologie sowie zwischen der Theologie und anderen

Wissenschaften, nicht nur mit soziologischen, sondern auch

mit sozialpsychologischen, kulturwissenschaftlichen, biokybernetischen

oder ethnologischen Perspektiven. 13 Das Ziel

13 Vgl. Frederic Vester, Die Kunst vernetzt zu denken. Ideen und Werkzeuge

für einen neuen Umgang mit Komplexität; ein Bericht an den Club

of Rome, München 3 1999; Anna Minta, Glaubenssache(n). Editorial. Kritische

Berichte, in: Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften, 41

23


Christoph Meyns

bestünde darin, in Auseinandersetzung mit den sich verändernden

Umfeldbedingungen integrierte und auf nachhaltige,

gesamtkirchliche Wirksamkeit angelegte Handlungskonzepte

für eine inhaltliche Neuorientierung der kirchlichen

Arbeit zu entwickeln und in ihrer Erprobung zu begleiten.

Ich hoffe sehr, dass es gelingt, in den nächsten Jahren

Orte zu etablieren, die diese Aufgabe leisten und sie langfristig

strukturell abzusichern. Denn das ist nötig als Beitrag

für eine zukunftsfähige Gestalt des kirchlichen Lebens.

(2013) 2, 7–9; Juliane Stückrad, Vertrauen – Krise – Glaube. Bedeutung

von Kirche in ländlichen Räumen im Kirchenbezirk Vogtland, Kohren-

Sahlis 2021.

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Eva Gotthold

Was braucht die Gemeinde?

Subjektive Wahrnehmungen und Antworten

von der Basis

Ich freue mich über die Möglichkeit, im Rahmen dieses kurzen

Impulsreferates meine ersten Jahre im Pfarramt anhand

der Frage: Was braucht die Gemeinde? zu reflektieren.

Ich bin Eva Gotthold, seit Juni 2017 Pastorin der Kirchengemeinde

St. Marien in Buxtehude-Neukloster. Vergangenen

Sommer ist meine Zeit im Probedienst der Hannoverschen

Landeskirche zu Ende gegangen. Die Schwerpunkte meiner

Arbeit liegen im Aufbau der Singschule WunderWerk, im

Spiel mit den Möglichkeiten von Worten und Sprache und im

Vernetzen des gemeindlichen Handelns im öffentlichen Leben

der Dörfer.

Was braucht die Gemeinde? ist eine schöne und zugleich

zentrale Frage. Schön ist sie, weil sie beim Blick in die Weiten

des Kommenden intrinsische Motivation weckt. Zentral ist

sie, weil in der Kirche auf dem Dorf und in der Kirche im

Quartier nach wie vor enormes und zum Teil noch gar nicht

wachgeküsstes Potential steckt.

Die Frage „Was braucht die Gemeinde?” lässt sich auf zwei

Ebenen beantworten.

Sie lässt sich fassen als Frage: Was braucht die Gemeinde,

damit die Menschen in ihr und um sie herum ein möglichst

lebendiges, freies und fröhliches Leben und Glaubensleben

entfalten? Sie lässt sich aber auch fassen als die Frage: Welche

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Eva Gotthold

Begleitung, Unterstützung und Hilfe braucht Gemeinde, damit

sie ihren Auftrag, das Leben und Glaubensleben vor Ort

zu befördern, gut und selbständig ausführen kann? Innerhalb

dieses Impulsreferates möchte ich beide Ebenen aufeinander

beziehen.

Jede Beobachtung eines Individuums ist subjektiv und

jede Antwort auf eine Frage ist es auch. Trotzdem habe ich die

Subjektivität im Titel meines Referates betont: Was ich heute

beitrage, ist erfahrungsbasiert; die Antworten wurzeln in

konkreten Erfahrungen einer bestimmten Person an einem

bestimmten Ort.

Zudem nehme ich in meiner Arbeit die Spannungsfelder

stark wahr, in denen sich kirchliches Handeln bewegt. Gewachsene

kirchliche und durchaus auch gemeindliche Strukturen

haben sich verfestigt, sind aber in ihrer Starre zum Teil

nur wenig dazu geeignet, wendiges und spontan-situatives

Agieren zu befördern. Gleichzeitig sind es uralte und gewachsene

Glaubenserfahrungen, die durch die starren Strukturen

hindurch genau für Hier und Heute verflüssigt werden sollen.

Deswegen sind meine Erfahrungen und Antworten Erfahrungen

und Antworten im Dazwischen.

Ich mache meine Erfahrungen in den ersten Amtsjahren

den äußeren Bedingungen nach auf einer Insel der Seligen. St.

Marien ist eine Gemeinde mit ca. 2000 Mitgliedern, die sich

auf drei Dörfer verteilen. Die Gemeinde gehört zum Kirchenkreis

Buxtehude und ist noch dem Großraum Hamburg zuzurechnen.

Die S3 Hamburg-Stade fährt nahezu am Pfarrhaus

vorbei und macht Halt nur wenige Meter entfernt. Ich

arbeite in einem gut funktionierenden Team aus Haupt- und

Ehrenamtlichen, das inklusive aller lebens- und zeitbedingten

Schwankungen Freude am Tun und der Zusammenarbeit

hat und sich bisher von den zum Teil beunruhigend großen

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Was braucht die Gemeinde?

strukturellen Fragen der Zukunft von Gemeinde und Kirche

nicht die Laune hat verderben lassen.

Auf die Frage: Was braucht die Gemeinde, damit die Menschen

in ihr und um sie herum ein möglichst lebendiges,

freies und fröhliches Leben und Glaubensleben entfalten?

Darauf antworte ich nach drei Jahren an diesem Ort:

Gemeinde braucht Neugier. Neugier möchte mehr erfahren.

Wer sind die Menschen, die hier leben? Wie sieht ihr Alltag

aus, was tun sie gerne? Welche Kuriositäten hält dieses

Fleckchen Erde bereit? Was macht diesen Ort und diese Menschen

einzigartig und unverwechselbar? Was ist vorhanden

an gemeinschaftlichem Leben? Wie sieht es aus mit Kindergärten,

Schulen, Vereinen? Wo spielt sich das öffentliche Leben

eigentlich ab?

Gibt es Lücken? Wo fehlt etwas? Wo gibt es Probleme und

wo schlummern Ressourcen? Mit wem kann man Dinge zusammen

machen?

Gemeinde braucht Aufmerksamkeit. Der Schlüssel für gelingende

und erfüllte Gemeinschaft ist Beziehung. Beziehungspflege

geschieht oft im Kleinen, im Detail. Gelegenheit

dazu bietet sich eigentlich reichlich: bei jedem Gottesdienst,

bei jeder Kasualie, bei jeder Konferstunde, jeder Sitzung, jeder

Probe, jeder Begegnung. Aufmerksamkeit kann sich sowohl

in der Form als auch im Inhalt zeigen. Inhaltliche Aufmerksamkeit

ist für mich die Qualität, die sorgfältige, durchdachte

und zugewandte Vorbereitung und Ausführung eines Gottesdienstes,

einer Probe, einer Konferstunde. Sie zeigt, dass ich

mein Gegenüber ernst nehme.

Formale Aufmerksamkeit kann sich schon darin zeigen,

dass ich rechtzeitig vor Ort und dort ansprechbar bin. Präsent

bin an dem Ort, an dem ich arbeite. In der aufmerksamen

Pflege von Beziehungen realisiert sich ein Grundzug unseres

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Eva Gotthold

Auftrags: den Mitmenschen wahrzunehmen und anzusehen.

Sie ist die Basis für gelingende Kommunikation, vertrauensvolle

Zusammenarbeit und den Aufbau tragfähiger Netzwerke.

Gemeinde braucht Abenteuerlust. Als Christenmenschen

verwalten wir einen Schatz an geistlicher Tradition, praktischem

Lebenswissen und vielen, vielen Jahren Geistes- und

Kulturgeschichte. Der Inhalt unserer Schatzkiste hilft zum

guten Leben auch in unguten Zeiten, ist Grundlage des Lebensglücks,

schenkt Autonomie und Freiheit, legt uns nicht

auf unser Scheitern fest und fördert Lebensmut.

Unter Abenteuerlust verstehe ich die Aufgabe, die Schatzkiste

so im Dorf zu platzieren, dass man nicht umhinkommt,

sie zu öffnen, wenn man dran vorbeigeht.

Zur Abenteuerlust gehören für mich Experimentierfreude,

Freude an kreativem Denken und ein explorativer, aus

sich herausgehender Grundzug. Mit welchen Mitteln und

Medien die Kiste dann in Szene gesetzt wird, ist dabei meines

Erachtens zweitrangig, und abhängig von den Gaben und

Ressourcen vor Ort.

Diese Vorstellung von Gemeinde setzt ein hohes Maß von

Engagement bei den Mitarbeitenden, bei Haupt- und Ehrenamtlichen

vor Ort voraus. Neugier, Aufmerksamkeit und

Abenteuerlust sind Bestandteile einer Haltung: einer Grundhaltung,

die dazu bereit ist, eigene Begabungen und Kompetenzen

einzubringen, die offen ist für konzeptionelles Arbeiten,

das über die Wahrung des Bestandes hinausgeht und sich

am Erkunden von Neuland erfreut; einer Haltung, die riskiert,

sich Wagnissen auszusetzen und damit nicht nur dem

Gelingen, sondern auch dem Misslingen.

Solche Haltung impliziert die Bereitschaft, konkret Verantwortung

für eine soziale Größe zu übernehmen, und die

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Was braucht die Gemeinde?

Bereitschaft, den eigenen Lebensradius zu verlassen und Expeditionen

ins Leben des Sozialraumes zu wagen. Wo immer

ich solches Engagement wahrnehme, empfinde ich es als bereichernd

und beglückend gleichermaßen. Aber Neugier,

Aufmerksamkeit und Abenteuerlust sind keine Eigenschaften,

die von außen unmittelbar in eine Gemeinde implementiert

werden könnten.

Was bedeutet das für die zweite Fragerichtung, also für die

Frage, welche Begleitung und Unterstützung Gemeinden

von kirchenleitender Ebene zukommen kann? Was hilft Gemeinden

dabei, neugierig, aufmerksam und abenteuerlustig

zu sein?

Eine kleine Problemanzeige vorweg:

Diese Frage ist für mich wesentlich schwerer zu beantworten.

Nach drei Jahren im Pfarramt kann ich einigermaßen

konkret fassen, was eine Gemeinde braucht. Es fällt mir aber

schwer, ebenso konkret zu fassen, wie Kirchenleitung funktioniert.

Die Ebene des Kirchenkreises ist für mich im Alltag

präsent und greifbar. Aber schon ab der darüberliegenden

Sprengelebene wird es zunehmend abstrakt. Ich kann nicht

genau beschreiben, in welcher Relation sich ein Regionalbischof

zu einer Gemeinde befindet oder welche Kapazitäten er

hat, um vom Leben in einzelnen Gemeinden Kenntnis zu haben.

Wie das Gegenüber oder Miteinander eines geistlichen

Vizepräsidenten im Landeskirchenamt und einer Gemeinde

aussieht, kann ich noch weniger fassen. Wenn ich also formulieren

möchte, was für Gemeinde hilfreich wäre, habe ich

keinen klaren Adressaten vor Augen.

So erläutere ich an dieser Stelle anhand konkreter Situationen

drei Aspekte kirchenleitenden Handelns, das ich für

meine Arbeit und das Leben der Gemeinde als konstruktive

Unterstützung erfahren habe.

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Eva Gotthold

Bei der Entscheidung, ob ich mich nach dem Probedienst

auf die Stelle an St. Marien bewerbe oder mich bei freien Pfarrstellen

umsehe, war für mich der Hinweis des Superintendenten

ausschlaggebend, dass meine Stelle nicht, was zur Debatte

stand, umstrukturiert oder gekürzt wird. Das gibt mir

weiterhin die Möglichkeit, als Pfarrperson selbst mit Leben

zu füllen, was ich für Gemeinde als wichtig erkannt habe.

Neugierde, Aufmerksamkeit und Abenteuerlust in all ihren

Facetten brauchen nämlich – Zeit.

Hilfreich für eine Gemeinde sind aus meiner Sicht transparente

Stellenzuschnitte, in denen die Pfarrperson ihren

Auftrag realisieren und ihrem Begabungsprofil Gestalt verleihen

kann.

Aus der Abenteuerlust und Neugierde der St. Marien-Gemeinde

ist in den letzten Jahren eine kleine Singschule, das

WunderWerk, entstanden. Wir haben uns mit unserem Projekt

beim Fonds Missionarische Chancen beworben. Durch

die Formulierung eines Projektantrags waren wir gezwungen,

unsere Träume zu verschriftlichen, Chancen und Risiken

des Projekts zu durchdenken und Ziele zu benennen.

Diese formale Schwelle habe ich als sinnvolles Instrument

zur Selbstreflexion verstanden, und über die fachlichen und

ehrlich interessierten Rückfragen zum Antrag habe ich mich

gefreut. Der positive Bescheid hat dann bei allen Beteiligten

einen Motivationsschub freigesetzt, den bisher auch das Virus

nicht verschlingen konnte.

Zwei weitere Aspekte kirchenleitenden Handelns, das Gemeinde

unterstützt, kann ich an dieser Erfahrung fest machen:

Gemeinden hilft es, wenn sie nicht als kostenverschlingende

Auslaufmodelle, sondern als Orte mit Potential wahrgenommen

werden. Wenn ihnen zugetraut wird, innovative

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Was braucht die Gemeinde?

Konzepte für ihren Kontext und alternative Darstellungsformen

kirchlichen Lebens aus sich selbst heraus zu entwickeln.

Wenn ihnen zugetraut wird, erfahrbare und attraktive Form

von Kirche vor Ort zu sein. Und Gemeinden hilft es, wenn

man ihren Vorhaben Interesse entgegenbringt, mit ihnen auf

Augenhöhe ihre Projekte reflektiert und fachlich begleitet.

Alle drei Aspekte: klare Stellenzuschnitte, die einem Begabungsprofil

Raum geben, Vertrauen in das Potential der

Ge meinde und dienende Begleitung auf Augenhöhe fordern

Gemeinde im positiven Sinn heraus. Indem sie Lust machen,

die Verantwortung für den eigenen Ort oder die eigenen Orte

beim Schopf zu packen und Motivation freisetzen.

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Cover: Thomas Puschmann – fruehbeetgrafik.de – Leipzig

Satz: ARW-Satz, Leipzig

Druck und Binden: Hubert & Co., Göttingen

ISBN 978-3-374-07087-9// eISBN (PDF) 978-3-374-07088-6

www.eva-leipzig.de

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