05.07.2022 Aufrufe

Sepp Kahn, Vier Bauern an der Waterkant_135x210mm_2022 Leseprobe

  • Keine Tags gefunden...

Sie wollen auch ein ePaper? Erhöhen Sie die Reichweite Ihrer Titel.

YUMPU macht aus Druck-PDFs automatisch weboptimierte ePaper, die Google liebt.

Sepp Kahn

Sepp Kahn

Vier Bergbauern

an der

Waterkant an der

Vier Bauern

Waterkant

1


2


Sepp Kahn

Vier Bergbauern

an der

Waterkant

3


Alle Rechte vorbehalten

© 2022, Berenkamp

Wattens

www.berenkamp-verlag.at

ISBN 978-3-85093-421-3

Hergestellt mit freundlicher Unterstützung

Land Tirol Kulturabteilung

Alle Bilder © Sepp Kahn

shutterstock: S. 43

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

4


7 21. Juni

Wetter: heiß

8 Und das kam so!

10 23. Juni

Wetter: schwül

14 28. Juni

Wetter: regnerisch

19 5. September, Sonntag

Wetter: schön

20 Zwei Tage nach Mitte September

Wetter: passend

21 24. September

Wetter: brauchbar

25 Heute ist der 13. Oktober.

26 Also!

32 Heut’ ist Samstag, der 16. Oktober.

39 21. Oktober

48 19 h 38 ist’s geworden.

51 8. Oktober

Wetter: schön

71 6. Tag, Sonntag

Wetter: fast schön

83 Heute ist der 12. Dezember – ein Sonntag,

der dritterAdventsonntag

109 Mitte März haben wir jetzt schon;

der Frühling beginnt sich zu zeigen.

5


Wir vier Bauern und eine Frau an der Waterkant

6


21. Juni

Wetter: heiß

Ganz leicht kann das gehen, dass einen Tiroler Bergbauern

die Sehnsucht nach der Nordsee packt und

nicht mehr loslässt. Wie sich diese Sehnsucht bei mir

und drei sehr guten Freunden eingeschlichen hat, will ich heute

erzählen – und jeder Leser oder Zuhörer, auch weibliche, wird

die Wahrheit erfahren und nichts anderes als die Wahrheit. Und

das ist gut so!

7


Und das kam so!

Auf dem Küchenfensterbrett der Lärchenbergalm läutet

das Handy. Und weil die Alm die unsere ist und

ich das Geläute gehörte habe, drücke ich auf den

richtigen Knopf und gebe mich mit einem kernigen „Ja, hallo!“

zu erkennen. Stefan am anderen Ende der unsichtbar gewordenen

Leitung erklärt in aller Kürze, warum er mit mir reden wolle:

Bei seinen Schwiegereltern, meint er, weilen derzeit Gäste aus

Norddeutschland – genau gesagt, Leute aus Fredenbeck. Und

weil diese einen Ausflug auf eine echte Tiroler Alm machen wollen,

habe er ihnen unsere Lärchenbergalm empfohlen.

„Sehr gut“, denke ich zufrieden, „die sollen nur kommen!“

Stefan, mein Freund, der „Waldhofer“, bedauert, übermorgen

beim besten Willen keine Möglichkeit zu haben, dabei zu sein.

Stefan ist Lehrer an einer Höheren Technischen Lehranstalt und

muss zeitweise sogar arbeiten. Statt von ihm werden die Herrschaften

von seinen Schwiegereltern auf die Alm begleitet werden.

„Auch gut“, zuck’ ich die Schultern. Die Eltern seiner Frau

sind schon seit ewigen Zeiten entfernte Nachbarn von uns und

noch immer jederzeit willkommen. Die Gäste, führt Stefan noch

aus, seien zu sechst, weil die Eltern mit Tochter und Schwiegersohn

angerückt sind, und Letztere haben zwei Kinder, die sie

auch auf die Alm mitnehmen wollen.

„Gut, dann kommen eben acht Leute. Platz ist auf der Alm

genug.“ Ob das passe?, will Stefan zuletzt noch wissen. „Ja,

ich freu’ mich“, höre ich mich sagen, und das ist nicht gelogen.

Damit ist gesagt, was zu sagen war, wir können beruhigt das

Gespräch beenden. Stefan unterbricht die Verbindung, und ich

kümmere mich wieder um die Arbeit.

Ganz weit oben im Norden Deutschlands soll Fredenbeck liegen.

Mit Bayern hab’ ich und auch andere im Dorf schon öfter

zu tun gehabt, aber die von so weit oben – das sind doch Preußen.

Und Preußen – das sind doch ganz andere Menschen als

wir. Oder nicht? Die sind …, die sind so … ja, wie sind die denn

8


eigentlich? Übermorgen werde ich es erfahren. Die haben ganz

sicher auch einen anderen Dialekt. Möglicherweise können wir

uns gar nicht verständigen. Gottlob sind Sebastin und Maria

dabei, die das, was die Fremden von sich geben, in unser verständliches

Deutsch übersetzen können. Richtig neugierig bin

ich jetzt auf diese Leute.

î

Übermorgen werd’ ich ein bisschen früher aufstehen, damit

ich zu Mittag mit allem fertig bin. Der Kupferkessel wird glänzen,

die Käselaibe im Keller werden umgedreht und gesalzen

sein, staunen werden sie auch über den ausgekehrten Gang und

die saubere Küche. Übermorgen würde es auch wieder so weit

sein, Butter zu machen, aber … Käsen und Butterrühren, nein,

das macht nur Stress – also werd’ ich schon morgen buttern.

Weil ich dann aber weniger Rahm hab’, gibt’s halt auch nicht so

viel Butter wie sonst

So – was ist noch zu überlegen?

Um elf, hat Stefan gemeint, werden sie heroben auftauchen …

also werd’ ich, obwohl ich das noch heute und dann erst wieder

übermorgen machen wollte, morgen abends auf die Hochalm

gehen, den Hag ausmisten und schauen, ob das Wasser beim

Brunnen läuft, dann Rindviecher abzählen, ob alle 14 da sind.

Vormittags gehe ich nur bei Schlechtwetter hinauf. Bei Schönwetter

liegen die Jungtiere früh im Hag und ich kann nicht mehr

ausmisten. Extra aufjagen will ich sie dann auch nicht. Heiß

ist’s. Fast alle Tage werden Gewitter prophezeit, aber es kommt

keins. Regen würde passen.

Eigentlich ist’s interessant, dass man diese Leute aus dem

hohen Norden nie getroffen hat, obwohl sie schon jahrelang bei

unseren (etwas entfernten) Nachbarn Urlaub machen. Norddeutschland

– dort ist alles eben, da gibt’s keine richtigen Berge.

Die Gäste aus dem hohen Norden werden sich wundern und

ungläubig schauen da heroben. Direkt vor mir erhebt sich der

9


Steinbergstein, 2215 Meter hoch, weiter hinten der Lodron, seine

Höhe beträgt 1925 Meter. Hirsche, Gämsen, Murmeltiere fühlen

sich wohl hier heroben. Auf der gegenüberliegenden Talseite

des Windautals ragen auch Gipfel auf: das Gerstinger Joch zum

Beispiel oder der Tanzkogel; der eine bringt’s auf 2097, der andere

auf 2035 Meter.

Schön ist es schon auf dieser Welt. Und trotzdem gibt es Leute,

die mit mürrischem Gesicht durch die (Berg-)Welt schnaufen

und kaum den Mund zum Grüßen aufbringen. Um meine Stimmung

zu heben, beschließe ich, mir vor dem Melken noch einen

Kaffee zu gönnen.

ó

„Dort, wo die Alpenrosen blühen …“

wird Tirol in einem Lied besungen.

Blühen allderdings zu viele davon,

bekommt man weniger Zuschuss.

Unkraut wird nicht gefördert, sagen sie.

d

23. Juni

Wetter: schwül

Zwanzig vor elf ist es, und ich bin fertig mit der Arbeit.

Alles ist sauber gewaschen und gekehrt. Die Fremden

können kommen.

Zuerst kommen aber die zwei Geißen angerannt. Von oben

herunter seh’ ich sie springen. Oft weiß ich gar nicht, wo sie umgehen,

aber sie kommen jeden Tag. In den Stall, in den Schatten

wollen und dürfen sie. Und dann sehe ich sie heraufkommen,

die Leute aus dem hohen Norden.

Auf dem Weg vom Bach herauf nähern sie sich der Almhütte.

Ich halte mich zuerst noch bedeckt, spähe beim Fenster hinaus

10


und trete einen Schritt zurück. Wie Stefan angekündigt hat: Sebastian

und Maria, zwei Erwachsene – das werden die Eltern

sein – und zwei Junge, der Mann schiebt einen Kinderwagen,

und die junge Frau führt ein kleines Mädchen an der Hand.

Nun sind sie nur noch wenige Meter entfernt, und ich trete vor

die Hütte. Das Mädchen erscheint als Erste um die Ecke, staunt

mich verwundert an und tappt überrascht ein paar Schritte zurück.

Dann sind alle da.

Maria stellt ihre Gäste (die heute auch meine sein werden)

vor, und wir begrüßen uns alle gegenseitig. Nach anfänglicher

Befangenheit und inhaltsfreiem Gerede begeben wir uns in die

Hütte, die schon mehr als 200 Jahre steht und im Großen und

Ganzen auch so belassen worden ist. Nur zwischen „Esse“ und

Außenwand ist vor 80 Jahren eine zweiseitige Wand mit Tür

aufgezogen worden, wodurch ein separater, kleiner Raum entstanden

ist, der als Küche genützt wird. Die Kinderder Bub ist

nun auch dem Kinderwagen entstiegen – entdecken sofort den

Brunnen vor der Hütte und müssen extra hereingebeten werden.

Auch innen gibt es viel zu bestaunen und dann auch zu

besprechen. Weil sich die Gäste und ich mich redlich bemühen,

sprechen wir fast die gleiche Sprache. Damit hat sich das erste

Problem schon gelöst.

Die Flachländer sind begeistert und kommen aus dem Staunen

nicht heraus, das einfache Almleben da heroben und die

Bergwelt, die mich umgibt, faszinieren sie. In Niedersachsen, in

Fredenbeck, da stehen keine Berge, nicht einmal ein Hügel ist zu

finden, weil dort alles bretteleben ist. Die Kinder wollen wieder

hinaus zum Brunnen. Ja, Wasser zieht die Kleinen an. Die junge

Frau geht mit ihnen hinaus. Für den kleinen Buben braucht es

eine Aufsicht, wenn der Brunnen auch nicht groß und tief ist,

trotzdem …

Ein Stück weit sind sie mit dem Auto heraufgefahren. Wir haben

ihnen den Schlüssel geliehen. Ganz unten ist ein Schranken,

der kann offen, aber auch geschlossen sein. Manchmal wird er

offen gelassen, sodass dann Wanderer in Versuchung kommen,

11


mit dem Auto ein Stück heraufzufahren. Wenn dann beim Hinunterfahren

der Schranken aber geschlosssen und versperrt ist,

braucht es Geduld – die haben aber die wenigsten. Es hat sich

aber gezeigt, dass ganz sicher noch am selben Tag ein Autofahrer

mit Schlüssel kommt, der sich selbst und auch den Wartenden

durchfahren lässt.

d

Ein „Rahmmiasl“ koche ich nun. Rahm (Sahne), eine Prise

Salz und einige Löffel Mehl braucht man dazu. Und Feuer im

Herd. Dann muss man rühren. Zuletzt nicht mehr, damit am Boden

der Pfanne eine Kruste entsteht; wir wissen, dass sie wunderbar

schmeckt und sagen „Brinzen“ dazu. Auf dem „Rahmmiasl“

verteile ich dann noch großzügig Preiselbeermarmelade.

Den Nordischen sieht man schon beim Essen an, dass es ihnen

schmeckt – gar alles essen sie zusammen, obwohl sie diese Kost

400-ha-Bauern brauchen Riesenmaschinen.

12


nicht kennen. In Tirol weiß man, dass ein Bauer nicht (fr)isst,

was er nicht kennt. Gut geschmeckt hat es aber gar allen – mir

auch!

Daraufhin unterhalten wir uns. Die zwei Jungen sind auch

sozusagen Bauersleute, bewegen sich aber in ganz anderen Dimensionen.

400 Hektar bewirtschaften sie! Das meiste ist Ackerfläche

mit verschiedenen Fruchtfolgen. Hauptsächlich wird Mais

angebaut und große Mengen an (Industrie)Kartoffeln. „Dann

werdet ihr auch größere Maschinen im Einsatz haben als wir?“

„Ja“, bestätigt der Mann, „das haben wir.“ Er wirkt nicht

überheblich. 400 Hektar … gewaltig! Wir haben elf Hektar Feld.

Wir reden aber nicht nur über Landwirtschaft. Dänemark liegt

nahe, behaupten sie. „Und ihr lebt auch nicht weit vom Meer –

oder?“, frage ich. Ich frage viel, weil mich dieses fremde Land

und dessen Menschen zu interessieren beginnen. Nach Bayern

ist man ja schon ein paar Mal gekommen, aber so hoch hinauf in

den Norden …

Vom Wattenmeer ist die Rede und auch von Ebbe und Flut.

Wenn sich das Wasser zurückzieht, dann kann man hinausfahren

oder wandern; man muss aber wieder zurück sein, bevor

das Wasser wieder kommt. Für einen einfachen Bauern, der die

Sommermonate schon 30 Jahre auf der Alm verbringt, ist das

alles schwer vorstellbar. In die Ställe zu den Kühen, Kälbern,

Schweinen und Geißen schauen wir noch, auch in den Käsekeller.

Der Nachmittag vergeht schnell und zuletzt verabschieden

sich alle. Ich solle sie doch einmal besuchen kommen in Norddeutschland

– diese Einladung sprechen sie noch aus. Ja, ja,

interessant wäre es schon vielleicht, einmal etwas ganz anderes

zu sehen. Sie gehen jetzt zum Bach hinein, werden die Furt

durchwaten – derzeit rinnt wenig Wasser – und dann zum Auto

hinuntermarschieren und aus meinem Blickfeld verschwinden.

Erst jetzt wird mir bewusst: Diese sogenannten „Preußen“ sind

angenehme, normale Leute! Interessiert, freundlich, nicht überheblich.

Wie habe ich sie mir denn vorgestellt? Ich muss zugeben,

es eigentlich gar nicht zu wissen. Anders halt … Gefallen

13


hat es ihnen auf unserer Alm, das haben sie nicht vorgetäuscht.

Richtig zufrieden fühle ich mich. Nun werde ich die Melkmaschine

zusammenstellen und in einer halben Stunde die Kühe

melken.

H

Extrem gefährdet ist derzeit der Beruf der Pfarrersköchin.

Schuld daran sind die aussterbenden Pfarrer!

Sind wirklich allein sie es?

B

28. Juni

Wetter: regnerisch

In der Küche sitze ich, acht Uhr abends ist es. In mein Almtagebuch

(eigentlich ist es nur ein Heft), habe ich ein paar

Zeilen geschrieben. Viel hat sich nicht ereignet heute, gestern

und vorgestern auch nicht. Ein Kalb hat Durchfall gehabt,

ist aber schon wieder besser.

Plötzlich trifft mich ein Geistesblitz: Genau dort muss ich

hin! Nach Norddeutschland! Nach Fredenbeck! Alles anschauen

will ich, alles mit eigenen Augen sehen. Warum ist mir das nicht

gleich eingefallen? Mit Freunden und daheim habe ich schon

darüber geredet, dass es schön wäre, einmal eine andere Welt zu

sehen; aber das ist es dann auch schon gewesen. Aber jetzt werde

ich Ernst machen. Im Herbst, wenn ich von der Alm wieder

im Tal drunten bin, werde ich diese Reise unternehmen.

Zuerst muss ich mich allerdings genau informieren. Sebastian

und Maria werde ich befragen; sie kennen diese Leute schon

lange, haben sie schon im Norden besucht. Reist man da am besten

mit dem Auto, dem Zug oder gar mit dem Flugzeug? Nein,

fliegen wohl nicht. Also mit dem Auto so weit? Nein, auch nicht;

mit dem Zug wird wohl das Gescheiteste sein. Wie lange werde

14


ich bleiben? Mindestens eine ganze Woche haben sie gesagt, damit

man ein bisschen etwas sieht. Und einen Reiseführer werde

ich brauchen. Aber da frage ich am besten diese Leute, die mich

besucht haben; die können mir sicher gute Tipps geben oder

mich zeitweise sogar begleiten, damit ich nicht vom rechten

Weg abkomme. Aber allein? Nein, allein werde ich sicher nicht

fahren. Wumm!, macht es in meinem Kopf – ein zweiter Blitz hat

mich soeben getroffen: Die Kartenspieler werde ich mitnehmen!

Die Kartenspielrunde besteht aus vier Bauern (Altbauern),

die sich immer wieder zum Kartenspiel treffen; an den Sonntagen

nach der Messe oder auch abwechselnd bei einem daheim.

Simon, der „Hofbauer“, hat seine Landwirtschaft mitten

im Dorf Itter, die unsere liegt in „Schwendt“, Sebastian ist auch

nicht weit entfernt von uns – und Balthasar, der einzige richtige

Bergbauer unter uns, lebt hoch oben am Salvenberg. Wer dort

oben umfällt, rollt den ganzen Berg hinunter bis Hopfgarten.

Gleich morgen werde ich Sebastian und Maria anrufen. Und

natürlich auch meine Kollegen, ob sie im Herbst eine Woche Zeit

haben? Ob sie so etwas überhaupt interessiert? Ich hoffe, glaube

schon. Bei Simon und Sebastian bin ich mir fast sicher. Und Balthasar?

Ein paar Tage Zeit werde ich allen zum Überlegen geben

müssen. Voll Vorfreude geh’ ich zu Bett. Das wird ein Herbst

werden!

Neue Tage sind gekommen und wieder vergangen, die Zeit

verrinnt, und man merkt kaum, wie schnell das geht. Gegen

Ende Juli führen wir vertiefende Gespräche – den Herbstausflug

betreffend. Wolfgang und Annegret sind aus Fredenbeck wieder

nach Tirol zurückgekommen, haben bei Sebastian und Maria

logiert und den Geburtstag von Sebastian gefeiert. Wir treffen

uns diesmal drunten im Tal im „Steinberg-Haus“, in der Mitte

sozusagen. Sie brauchen nicht zu mir herauf- und ich nicht zu

ihnen hinausfahren. Auf die Mittagszeit haben wir unser Treffen

vereinbart, damit ich mir das Kochen auf der Alm sparen kann.

Die Almarbeit ist erledigt, und frohen Muts marschiere ich an

diesem sonnigen Tag ins Tal. Vor dem Steinberg-Haus suchen

15


wir einen schattigen Tisch im Freien. Noch etwas will ich ihnen

verraten, dann ist´s aber genug. Ich bin von der Alm mit

dem Almauto heruntergefahren und habe es bei der vorletzten

Kehre stehen gelassen. Auf der richtigen Straße soll man damit

nicht fahren, weil eine Nummerntafel weder die Vorder- noch

die Rückseite ziert. Den restlichen Kilometer habe ich dann zu

Fuß gehen wollen, nebenbei aber auch ein bisschen „Auto gestoppt“.

Auto ist kein einziges gekommen, aber ein Traktor hat

mich mitgenommen.

An dem schattigen Tisch werden wir kulinarisch verwöhnt,

wobei wir die Richtung aber schon zuvor durch einen Blick auf

die Speisekarte vorgegeben haben. Und neben dem Schauen,

Kauen und Trinken erstellen wir im Detail den Plan, wie vier

Bergbauern und leidenschaftliche Kartenspieler aus den Tiroler

Bergen an den Norden Deutschlands herangehen sollen.

Viele Fragen können gleich geklärt werden, sodass wir zuletzt

vergnügt auseinandergehen. Mein Auto muss ich dann

anschieben, weil der Startvorgang nur ein kurzes Krächzen bewirkt.

In weiser Voraussicht habe ist es aber so abgestellt, dass

die Schnauze nach unten gezeigt hat. Vielleicht hat meinem

„Panda“ die Talluft nicht gutgetan?

Liegt das ganz allgemein im Wesen der Frau – oder ist Annegret

einfach doch besser? Sie kitzelt aus dem Internet tatsächlich

ein noch besseres Angebot für die Bahnfahrt heraus – ein wahres

„Schnäppchen“ sozusagen. Schon zuvor hat sie ein Angebot

entdeckt, das uns Bauern als gut annehmbar erschien, aber jetzt

fahren wir um … – ich will den Preis gar nicht nennen, sonst

wollen alle nur noch Bahn fahren.

Von Kiefersfelden bis Hamburg werden wir mit der Deutschen

Bahn angeblich acht Stunden fahren. Ja, aber bitte, wie hat

Annegret so etwas berechnen können? Ein Lokführer wird mitfahren,

ein Schaffner, eine Getränkeverkäuferin, der Zug verbraucht

Strom, muss von Zeit zu Zeit geschmiert und geputzt

werden. Ich will mein restliches Dasein nicht als Mitschuldiger

leben, wenn die Deutsche Bahn deshalb in Konkurs gehen sollte.

16


Aber wahrscheinlich mache ich mir unnötige Gedanken. „Wenn

die Bahn weniger kostet, können wir im Norden oben mehr verbrauchen“,

stellt Simon trocken fest.

Einmal habe ich sogar schon geträumt von unserem Herbstabenteuer.

Da bin ich aber anständig ins Schwitzen gekommen!

Laufen haben wir müssen, richtig rennen, und trotzdem ist das

Wasser hinter uns immer näher gekommen. Dann bin ich auch

noch gestolpert, die anderen drei sind einfach weiter gelaufen.

Das Wasser hat mich schon umspült … in dem Moment bin ich

munter geworden, habe ein paar Sekunden gebraucht, bis ich

richtig begriffen habe. Zwei Monate sind es noch, bis unsere Reise

beginnt.

Weil aber eine Woche „gar nichts mehr ist“, wie man so sagt,

ist’s mittlerweile schon Mitte August. Allerhand hat sich getan

in den letzten Wochen auf der Alm. Vor zehn Tagen ist am

Steinberg-Stein das letzte Schneefleckerl vom letzten Winter geschmolzen,

die Moosbeeren (Heidelbeeren) sind reif geworden

und landen gelegentlich als Moosbeernocken auf meinem Teller.

Wanderer laufen den Berg hinauf und hinunter. Starker Regen

und starkes Gewitter machen uns zu schaffen, richten jedoch

und gottlob keine bleibenden Schäden an. Eine Russin, die mit

einem Deutschen eine Woche über Tiroler Berge wandert, hat

mir auf Russisch einen Gruß ins Tagebuch geschrieben, den ich

allerdings nicht lesen kann. Und die Kartenspieler sind auch da

gewesen. Geld habe ich verloren, an Erfahrung aber viel gewonnen.

Unser geplantes Abenteuer ist natürlich auch besprochen

worden. Den auf der Alm hergestellten Käse kann man sogar

schon essen, und Butter mach’ ich weitum sowieso die beste!

Kein Wunder, in der Umgebung erzeugt sonst ja niemand Butter.

Und immer wieder kommt mir unsere Reise in den Sinn. 52

Tage sind es noch …

Ein paar unheimliche Dinge geschehen heuer auf der Alm.

Auf der Hochalm ist ein Loch entdeckt worden – ja, ein Loch im

Boden hat sich aufgetan. Auf der freien Almwiese. Bekannte, die

zufällig dort hingeraten sind, haben mir davon berichtet. […]

17


23. Juni, Wetter: gleich wie gestern

Entfernte Nachbarn waren mit ihren Gästen aus Norddeutschland

bei mir auf der Lärchenbergalm. Gestaunt

haben sie über das einfache Almleben und die Bergwelt,

die mich umgibt. Bei ihnen schaue die Welt ganz anders

aus, verkündeten sie selbstbewusst. Sonst waren es aber

recht sympathische Leute. Vier Bauern sind allerdings

neugierig geworden und haben sich auf den Weg gemacht

dorthin, wo angeblich ein richtiger Bauer 300 Kühe im

Stall stehen hat und Pferdekutschen durchs Meer fahren.

Sepp Kahn, am 8. April 1952 in Hopfgarten im

Brixental geboren, lebt in Itter und verbringt

auch als Altbauer jeden Sommer auf seiner

Lärchenbergalm. Dort beginnt das Tagwerk

um halb sechs in der Früh, erst gegen sieben

Uhr am Abend ist Schluss. Trotzdem findet der

als Bauernliterat längst über die Landesgrenzen

bekannte Autor dort die Zeit und Ruhe,

seine Geschichten mit der Hand zu Papier zu

bringen.

ISBN: 978-3-85093-421-3

www.berenkamp-verlag.at

18

www.kraftplatzl.com

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!