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Jürgen Preimesberger

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ALPHA

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coole Drinks

unD bittere Pillen

ein schiffsarzt auf kreuzfahrten

– 1 –


Alle Rechte vorbehalten

Copyright © Berenkamp

2. Auflage 2022

Wattens

www.berenkamp.at

ISBN 978-3-85093-359-9

Alle Abbildungen, sofern nicht anders angegeben, vom Autor

Shutterstock: 115, 157, 111

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar

– 2 –


Jürgen Preimesberger

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ALPHA

coole Drinks

und bittere Pillen

ein Schiffsarzt auf kreuzfahrten

– 3 –


5

Vorwort

7

Berufliche Odyssee

11

Harter Schiffsalltag – trügerische Illussionen

31

„Sunrise of The Seas“

40

„Liberty of The Seas“

43

„MS Bremen“

53

„Endavour of The Seas“

65

„Hanseatic“

103

„MS Nautilus“

122

Noch einmal die „Nautilus“

135

Der Norden Europas

159

Reise um die Welt

199

Abschied vom Schiff und Beginn eines neuen Lebens an Land

223

Resümee eines Abenteuers

– 4 –


Es ist bereits das zweite Mal, dass ich mich kurzerhand

entscheide, literarisch tätig zu werden.

Langeweile während meiner Zeit im Bundesheer,

der Einstieg ins Berufsleben und meine einjährige

Weltreise, die mich sehr geprägt, mir sehr schöne, unvergessliche

Eindrücke und einzigartige Erfahrungen geschenkt

hat, sind damals Triebfedern gewesen. Aus keinen

anderen Gründen finde ich mich wieder vor meinem

Notebook ein.

Stets suche ich ein Ziel, eine Aufgabe, die mich erfüllt

und die ich konsequent verfolge. Eigenschaften, die

einiges über meine Persönlichkeit verraten. Meine fünfjährige

Zeit als Schiffsarzt neigt sich dem Ende entgegen,

wiederum steht ein neuer Abschnitt nach meinem Vagabundenleben

bevor, ein Traum in den Anfängen meiner

Studentenzeit ist Wirklichkeit geworden. Nun geht er zu

Ende, ein neuer Lebensabschnitt mit neuen Herausforderungen

und Zielen kommt auf mich zu.

Jürgen Preimesberger

– 5 –


– 6 –


1

BERUFLICHE ODYSSEE

Mehr oder weniger durch Zufall landete mein Lebenslauf auf dem Schreibtisch

einer amerikanischen Reederei. Zuvor war meine Karriere als Arzt

sehr konfus verlaufen, mein Lebenslauf mit einem Fleckerlteppich vergleichbar

gewesen – die Frage, wo ich mich in zehn Jahren in beruflicher Hinsicht

sehen würde, hätte ich nicht beantworten können. Der Einstieg ins Berufsleben als

Turnusarzt verlief gänzlich anders, als ich mir das vorgestellt hatte – geprägt von 60

bis 80 Wochenstunden unbefriedigender, größtenteils nicht ärztlicher Tätigkeit und

null Anerkennung. Zunehmend fiel es mir schwer, die spannende Zeit meiner Weltreise

hinter mir zu lassen, im normalbürgerlichen Alltag Fuß zu fassen. Ich schmiedete

bereits Pläne für weitere, größere Reisen nach der Turnusausbildung.

Doch es kam alles anders. Mit großer Erwartung fieberte ich dem letzten Tag

im Krankenhaus Bad Ischl entgegen, die Reisepläne waren längst geschmiedet, mein

Enthusiasmus unbeschreiblich groß. Zuvor hatte ich mich von Jessica getrennt, vielleicht

hätte uns eine gemeinsame Reise wieder zusammengebracht. Einen Tag, bevor

ich meinen Spind im Krankenhaus räumte, erhielt ich vom Herz-Kreislauf-Zentrum

in Bad Ischl das Angebot für eine einjährige Ausbildungsstelle im Fach Innere Medizin.

Mein Plan für eine längere Auszeit, um erneut auf Reisen zu gehen, stand

eigentlich schon fest, ich war gespalten, geschürt von meinem Umfeld, das mich in

die gegenteilige Richtung drängte. „Eine derartige Chance bekommst Du kein zweites

Mal, das darfst Du nicht sausen lassen. Die Reise läuft Dir nicht davon, Du hast ohnehin

schon sehr viel von der Welt gesehen“ – so die Antworten und Ratschläge, die

auf mich einprasselten.

Nach unzähligen schlaflosen Nächten entschied ich mich für die Ausbildungsstelle

im Herz-Kreislauf-Zentrum – eine Vernunftentscheidung, aber auch der Druck

meines Umfelds führte mich zu diesem Entschluss. Mein Herz hätte anders entschieden.

Anstatt der längeren Reiseauszeit ging es für zwei Wochen nach Ecuador und

auf die Galapagosinseln, wenig später trat ich meinen Dienst an. Das Ausbildungsjahr

verging im Flug, ich lernte in einem Umfeld von sehr netten Kollegen auf angenehme

Art und Weise medizinisch sehr viel. Bei jeder Gelegenheit flüchtete ich in die weite

Welt, um meinem verloren geglaubten Traum hinterherzujagen. Doch auch nach

diesem Jahr kam es anders. Ich lernte Karin kennen, es entwickelte sich eine langjährige

Beziehung. Karin war beruflich fest gebunden, auf gemeinsame Reisen zu gehen

unmöglich.

– 7 –


Mein beruflicher Werdegang führte mich in ein Rehazentrum, wo ich nach drei

Monaten kündigte, um eine Fixanstellung in einer Kuranstalt anzunehmen. Dort

fand ich wenig bis gar keine berufliche Herausforderung. Meine Gier nach Zufriedenheit

befriedigte ich mit unzähligen Wochenendbereitschaftsdiensten und hochgeschraubten

sportlichen Zielen (50 Berg- bzw. Schitouren). Kurzerhand bewarb ich

mich in Bad Reichenhall, die Wartezeit auf eine Stelle als Allgemeinmediziner war

lange, ich hatte nach anderen Lösungen suchen müssen. Mit gemischten Gefühlen, einer

Mischung aus Unsicherheit und Verlorenheit, absolvierte ich das Vorstellungsgespräch.

Durch das selbstsichere, typisch deutsche Auftreten des Klinikleiters – „Warum

wollen Sie nach Ihrem bisherigen Werdegang in eine Klinik zurück? Hier sind

Sie für 20 Patienten zuständig, schaffen Sie das? Sie müssen großen Einsatz zeigen,

in der Freizeit viel lesen, nur so werden Sie ein guter Arzt.“ – zutiefst verunsichert

verließ ich die Klinik. Die endgültige Entscheidung ließ lange auf sich warten. Der

Anruf über die Zusage erreichte mich, als wir im Haus meiner Großeltern die Kündigung

ihrer Mieter besprachen. Der Prozess der Entscheidungsfindung fiel mir erneut

extrem schwer. Es fehlte mir an Selbstvertrauen, in Panik rief ich Kollegen an in der

Hoffnung, so leichter zu einem Entschluss zu kommen.

Am nächsten Morgen sagte ich ab. Statt nach Reichenhall führte mich die Odyssee

zurück ins Rehazentrum. Nervlich war ich am Zenit, der Mangel an jeglichem

beruflichem Selbstvertrauen hatte mich zu dieser Entscheidung geführt. Meine Mutter

war zutiefst enttäuscht. Zurückblickend verstehe ich sie. Ich vergab die Chance,

mein Vorwissen, meine Fähigkeiten, die ich schon oft unter Beweis gestellt hatte,

mein Interesse und Wissen in der Medizin gebührend einzusetzen. Mit dieser Wahl

hatte ich mich sehr unter meinem Wert verkauft. Dies bewies sich in den folgenden

neun Monaten. Im Umfeld meiner zu Systemerhaltern geformten Kollegen ohne jegliche

medizinische Motivation stellte ich meine medizinische Kompetenz des Öfteren

unter Beweis. Es war Zeit, an diesem Schwachpunkt zu arbeiten, meine Fähigkeiten,

meinen Ehrgeiz, meine Ausdauer und mein Interesse an der Medizin gebührend

einzusetzen und meine Chancen zu nutzen. Trotz des Wunsches meiner Kollegen,

dass ich eine Fixanstellung bekommen sollte, entschied der ärztliche Leiter anders.

„Machen Sie Ihre Facharztausbildung fertig. Dann sind Sie jemand. Sie sind schon so

weit“, so seine Worte.

War nun der perfekte Zeitpunkt, um eine längere Reiseauszeit zu nehmen, gegebenenfalls

auch allein? Im „kuk“, meinem Stammlokal, kam ich mit einem Schulkollegen

aus dem Gymnasium, der seinen Lebensunterhalt als Kellner auf Kreuzfahrtschiffen

verdiente, mehr oder weniger durch Zufall ins Gespräch. Er weckte sogleich

mein Interesse, gab mir eine Bewerbungs-E-Mail-Adresse – und Tage später sendete

ich meinen Lebenslauf an die amerikanische Reederei in Miami.

Es vergingen Wochen. Dann erreichte mich der Anruf eines gewissen Prof. Sol

Edelstein. Es folgten mehrere Interviews, in denen ich meine Englischkenntnisse und

fachliche Kompetenz – über Skype musste ich mehrere medizinische Fälle lösen – unter

Beweis stellte. Einen Monat vor Ablauf meines Vertrags im Rehazentrum waren

alle Hürden geschafft. Ich erhielt jedoch wider Erwarten kein Jobangebot, sondern

folgendes Statement: „Sie haben alle Voraussetzungen bestens erfüllt, leider ist derzeit

keine Stelle vakant, wir halten Sie aber in Evidenz.“

Am ersten Tag meiner Arbeitslosigkeit beschloss ich, mit meinem Bruder einen

Kurztrip nach Albanien und in den Kosovo zu machen. Ursprünglich hatten wir uns

– 8 –


das Ziel gesetzt, jährlich eine gemeinsame Reise zu machen. Nach zwei versäumten

Jahren fand sich erstmals wieder eine passende Gelegenheit, diesem Grundsatz treu

zu sein.

In Tirana beantwortete ich neugierig einen Anruf einer mir bis dahin unbekannten

Nummer. Eine amerikanische Reederei bot mir einen viermonatigen Job

als Schiffsarzt in der Karibik an. Am nächsten Tag übersandten sie mir Flugticket

und Vertrag mit sehr lukrativen Bedingungen. In drei Tagen musste ich entscheiden

– also keine Zeit für unproduktives Grübeln: Ich sagte zu. Mein Bruder erfuhr als

Erster davon. Nach der Rückkehr aus Albanien setzte ich Karin in Kenntnis – Zeitpunkt

und Ort hätten unpassender nicht sein können. Verständlicherweise war ihre

Enttäuschung über mein tölpelhaftes, verletzendes Verhalten groß. Es blieben fünf

Tage, um daheim die Zelte abzubrechen, die fehlenden Dokumente zu besorgen und

Visaanträge zu erledigen.

Mit äußerst gemischten Gefühlen bestieg ich den Flieger nach Orlando/Florida.

Es erwarteten mich in vielerlei Hinsicht neue Herausforderungen. Gemeinsam mit

einer Südafrikanerin war ich für 4.000 Passagiere verantwortlich. Leben und Arbeiten

für vier Monate auf einem Schiff in einem Kulturkreis, der Schlagzeilen für

horrende Schadensummen bei lapidaren Fehlern schrieb. Ich hoffte, diese vier Monate

würden Klarheit in vielerlei Hinsicht in mein Leben bringen, meine Unruhe

besänftigen, klare Ziele deklarieren und mir helfen, mit der Monotonie des Alltags

Freundschaft zu schließen. Herzbrechend der Abschied von Karin. Sie versicherte

mir mit dem Argument, dass ich ganz tief in ihrem Herzen sei, diese vier Monate zu

überstehen. Nach fast zehnstündigem Flug stieg ich in Orlando aus dem Flieger; ein

Taxi brachte mich in mein Hotel. Es blieb kaum Zeit, durchzuatmen oder mich von

meiner Anreise zu erholen. Tags darauf würde ich zeitig in der Früh abgeholt werden.

– 9 –


– 10 –


2

HARTER SCHIFFSALLTAG –

TRÜGERISCHE ILLUSIONEN

Mit 20 anderen Teilnehmern aus allen Erdteilen werde ich über Verhaltens-

und Bordregeln unterrichtet. Ich durchlaufe eine Art „Brain Washing“

(Gehirnwäsche), das mir einen kleinen Vorgeschmack über das

Bordleben vermittelt. Fast schon bizarr die Verhaltensregeln auf amerikanischen

Kreuzfahrtschiffen, für Europäer völliges Neuland (Richtung weisen mit der ganzen

Hand statt mit dem Zeigefinger, aggressive Gastfreundschaft, Gästen muss alles ermöglicht

werden).

Nach drei Tagen Einführungsunterricht über „does and donts“ (Gebote und Verbote)

besteige ich in Port Canaveral den Ozeanriesen. Ich bin beeindruckt von der

Größe des Schiffs und seiner Ausstattung. Es wird Wochen dauern, mich zurechtzufinden

und zu orientieren. Das Medical Center ist bestens ausgestattet; es verfügt

über drei Intensivbetten mit Beatmungsmöglichkeit, ein komplettes Labor und

Röntgen. Unser Team besteht aus vier Schwestern, der Ärztin Anna, Südafrikanerin,

38 Jahre alt, und Gabriel, ebenfalls aus Südafrika, der ab der nächsten Woche seinen

wohlverdienten Urlaub antreten wird.

Hinter Gabriel liegt eine sehr anstrengende Zeit; akribisch hat er die Minuten,

die ihn vom Urlaubsantritt getrennt haben, gezählt. Die amerikanischen Schwestern,

deren Äußeres vollends dem Klischee der Amerikaner (Übergewicht!) entspricht,

haben ihn nicht akzeptiert. Erst nach sechs Wochen hat er seine Linie im Team gefunden,

um auf so wenig Widerstand wie nur möglich zu stoßen. Die Schwestern

beschreibt er folgendermaßen: „Sie sind arrogant und akzeptieren ausländische Ärzte

nicht.“ Den Anweisungen Gabriels haben sie nur wenig Folge geleistet, ihn als kompetenten

Arzt ständig in Frage gestellt oder kritisiert, medizinische Anweisungen, die

nicht mit amerikanischen Guidelines konform gewesen sind, nicht befolgt. Gabriel

macht auf mich einen netten Eindruck. Er ist bereits zweimal geschieden, hat zwei

erwachsene Kinder; das hohe Lohnniveau auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen hat

ihn auf die hohe See geführt.

Von Anna und von Gabi, einer in Österreich geborenen, seit ihrer frühen Kindheit

in Kanada lebenden Krankenschwester, die kurzzeitig für eine Woche eingesprungen

ist, erhalte ich wertvolle Tipps: „Freunde Dich mit den Schwestern an. Amerikaner

sind nicht sehr intelligent, aggressiv und sind erst zufrieden, wenn sie bekommen,

was sie wollen.“

Wenig später erteilt mir das Schicksal eine wichtige Lehre, um nicht zu sagen,

es etabliert ein wegweisendes Exempel für meinen weiteren Umgang mit der ame-

– 11 –


Intensivzimmer

rikanischen Klientel. Mein erster Patient erwartet mich im Untersuchungszimmer,

ein zweieinhalb Jahre altes Mädchen mit Urtikaria (allergischer Nesselausschlag), in

Begleitung ihrer Eltern. Sie drängen mich, Kortison zu geben. Angesichts des Alters

verabreiche ich jedoch das Antiallergikum Zyrtec. Sollte dies nicht wirken, so versichere

ich ihnen, würde ich auf Steroide zurückgreifen. Zwei Stunden später stehen

sie erzürnt und lautstark erneut im Medical Center: „Nichts hat geholfen. Schauen

Sie sich ihren Ausschlag an. Ich habe Ihnen gesagt, dass wir Steroide benötigen!“

Gabriel hat daraufhin das Ruder ergriffen, den Ausschlag fotografiert und gesagt,

es online an einen amerikanischen Spezialisten zu schicken, um den besten medizinischen

Ratschlag zu bekommen. Als ich mich wenig später bei ihm bedanke, meint

er nur: „Vergiss diese Menschen. Ich verabreiche ihnen, was sie wollen, auch wenn ich

medizinisch anders denke.“ Eine Lektion an meinem ersten Arbeitstag, die in diesen

Breiten nicht lehrreicher und wegweisender hätte sein können. Von nun an werde

ich die Einführungsworte meiner Kollegen stets im Hinterkopf behalten und ganz

dem Motto „Pass Dich an deren Wünsche an“ folgen. Vor mir liegt alles andere als

eine leichte Zeit. Mir ist bewusst, in den kommenden Monaten empathisch sehr viel

dazulernen und über gewissen Dingen stehen zu müssen.

In den ersten Tagen an Bord habe ich sehr viele Drills – Übungen in Notsituationen

bzw. Trainings über Verhaltensregeln. Unvorstellbar, wofür es Polizzen und

Guidelines gibt – tägliches Rasieren, keine Ringe außer Ehering, nur Steckohrringe,

keine offenen Haare, keine Armkettchen, keine Socken mit Herstellernamen etc. Die

Zeit dazwischen nütze ich, um mich im Medical Center einzuarbeiten, mich mit den

neuen Medikamenten vertraut zu machen und mein medizinisches Fachenglisch zu

verbessern.

– 12 –


Innerhalb des Teams obliegt die Herrschaft vollends Schwergewicht Petra, der

leitenden Schwester, die in den ersten Tagen ihre Obrigkeit gleich mehrmals unter

Beweis stellt. Ihr nächstes Opfer ist Eva, eine Schwester aus Schweden, die gerade

einmal ein paar Wochen an Bord ist. Beim gemeinsamen Abendessen in der Offizierskabine

verlautbart sie sehr treffend ihre Einstellung gegenüber der Kollegin: „Ich

mag sie nicht. Sie ist sehr inkompetent. Ich bin der Chef und werde dafür sorgen, dass

sie bei uns nicht alt wird.“ – Es dauert noch ganze zwei Wochen, bis Eva ersetzt wird

und die Heimreise ins mittlerweile winterliche Schweden antreten muss.

Mein Tagesablauf sieht folgendermaßen aus: Von acht bis elf Uhr habe ich Ordination,

anschließend Mittagessen bzw. Bereitschaft bis 15 Uhr, in der ich mich in meiner

Kabine entspanne. Von 15 bis 19 Uhr wiederum Ordination, nach dem Abendessen

halte ich mich im Gym auf, um meine Fitness zu erhalten. Den Pager habe ich stets

bei mir, da ich bis zum nächsten Tag Bereitschaft habe. Mir ist wichtig, mein gegenwärtiges

Leben zu strukturieren. Sport ist darin immer ein wesentlicher Bestandteil.

Den restlichen Abend verbringe ich lesend oder vor dem Fernseher in meiner Kabine.


Mittlerweile sind vier Wochen, gerade einmal ein Viertel meines Vertrags erfüllt.

Bezüglich der Tätigkeit eines Schiffsarztes, die Traumvorstellung jedes Medizinstudenten,

werde ich bereits nach kurzer Zeit eines Besseren belehrt.

Die Route unseres Schiffs ist mit der eines Linienbusses vergleichbar, der tagein,

tagaus dieselbe Strecke abklappert. Port Canaveral (Florida/USA)–Nassau (Bahamas)–Castaway

Cay (Privatinsel der Reederei)–Seetag–Port Canaveral. Port Canaveral,

unser Heimathafen, hat außer der NASA-Station absolut nichts zu bieten. Die

Kabine

– 13 –


Passagiere werden nach vier Tagen ein- bzw. ausgeschifft. Die wenigen Stunden Freizeit

nutze ich, um in die Stadt zu fahren, bei Wallmart oder Macys einzukaufen

und Karin, Thomas oder Mama anzurufen. Auch von den Bahamas, vor allem deren

Hauptstadt Nassau, werde ich sehr enttäuscht; meine Erwartungen werden keineswegs

erfüllt. Passagiere werden auf Luxusschiffen angekarrt und fallen wenig später

in großen Horden in den unzähligen Duty-free- und Designerläden ein. Alles ist auf

Massen- und Pauschaltourismus in typisch amerikanischem Stil ausgelegt, es fehlt

an jeglichem Karibikfeeling. Der Rest der Insel, vor allem reizvolle Strände, ist fest

in privater Hand, der Zugang nur gegen Gebühren durch Hotelanlagen möglich. Ein

Tag ist völlig ausreichend, um sich einen Eindruck von der Hauptinsel zu verschaffen.

Castaway Cay – die Privatinsel der Reederei aus mehreren Stränden, Verkaufsbuden

und von Lokomotiven gezogenen Strandzügen, die übergewichtige Amerikaner zur

nächsten Fastfoodbude bringen – verkörpert das Klischee der Amerikaner bilderbuchhaft.

Herumlaufende Comicfiguren tun ihr Übriges und erfreuen sich bei Kindern

großer Beliebtheit.

Im Medical Center habe ich mich gut ins Team integriert, die ersten Wochen

bin ich am Prüfstein gestanden und habe meine medizinischen Fähigkeiten unter

Beweis stellen müssen. Nie werde ich die abschließende Prüfung durch Petra, die

Oberschwester, vergessen. Sie konsultiert mich während einer ruhigen Ordination

mit der Bitte, einen Blick auf ihr rechtes Ohr zu machen. Ihr Trommelfell erinnert

mich an einen Patienten in meinem HNO-Praktikum an der Uni, der an einem Cholesteatom,

auf Deutsch „Perlgeschwülst“, erkrankt war und dem Befund meines Otoskops

nun sehr ähnlich ist. Selbstsicher und kurz entschlossen antworte ich mit Cho-

Karibikflair

– 14 –


lesteatom. Meine Antwort

ist richtig; beeindruckt und

sichtlich überrascht antwortet

Petra enthusiastisch: „Ich

bin sehr beeindruckt. Erst

ein zweiter HNO-Facharzt

konnte die richtige Diagnose

stellen.“ Von da an werde ich

medizinisch akzeptiert, weiters

beteuern sie bei einem

gemeinsamen Abendessen

ihre Zufriedenheit und betonen

meine umgängliche Art

– die Integration ins Team ist

geschafft.

Kleidervorschrift

Meine Arbeit im Medical Center widerspricht gänzlich dem Klischee eines

Schiffsarztes aus der Serie „Das Traumschiff“, der von Dinner zu Dinner stolpert und

Seekrankheit behandelt. Die Bandbreite an Fällen ist sehr weit gestreut und besteht

aus einer Mischung aus Allgemein- und Notarzt. Bis dato hat mich noch kein Passagier

wegen Seekrankheit konsultiert. Betroffene bedienen sich am Pillenautomaten

unseres Warteraums selbstständig. Bezüglich meiner Einstellung gegenüber Amerikanern

treffe ich einen Kompromiss, mit dem ich sehr gute Erfahrungen mache. Ich

entwickle mich zu einem unterhaltsamen, interessierten Zuhörer und gehe auf ihre

Winterlandschaft in der Heimat

– 15 –


Forderungen ein. Meinem Vorsatz, in emotionaler Intelligenz dazuzulernen, bin ich

in den vergangenen Wochen sicherlich nähergekommen.

Im tausende Kilometer entfernten Österreich hat der Winter Einzug gehalten,

mittlerweile ist dort der erste Schnee gefallen. Karin hat ihr Singledasein genutzt, um

sich auf ihre bevorstehende Ausbildung zu stürzen, außerdem stehen einige Städtereisen

auf ihrem Programm. Was mich bei meiner Rückkehr erwarten wird, muss ich

dem Schicksal überlassen. Einzig die Zeit wird mir diesbezüglich Antworten liefern

und die Weichen stellen.


Mit zunehmender Dauer wird mir klar, warum ich um ein Vielfaches mehr als

an Land verdiene. Das Schiffsleben ist im wahrsten Sinn des Wortes sehr eigen, abgeschlossen

von der Außenwelt, mit wenigen sozialen Kontakten, man ist auf sich

gestellt und durch strikte Regeln limitiert – in vielerlei Hinsicht mit einem Gefängnis

vergleichbar oder mit der Situation, wenn man im Krankenhaus Dauerdienst macht.

Es fehlt an jeglicher Lebensqualität, es gibt auch keine Bezugspersonen, um sich Frust

oder Ärgernis von der Seele zu reden. Die phasenweise beängstigende Enge und Isolation

der Kabine sowie überaus strikte Regeln neben langen Arbeitsstunden sind ein

zusätzlicher Stressfaktor.

Tage nach meiner Ankunft sucht mich der Staff-Kapitän, der Stellvertreter des

Kapitäns und Chef des gesamten Personals, während meiner Ordinationszeit auf und

fordert mich auf, mein Halskettchen zu entfernen, da dies nicht den Bekleidungsvorschriften

entspreche. Bei einem weiteren Verstoß würde ich verwarnt und möglicherweise

entlassen. Entlassungen und „written warnings“ (schriftliche Verweise) stehen

an der Tagesordnung und werden ohne langes Zögern ausgehändigt. Am Abend vor

der Ankunft in unserem Heimathafen Port Canaveral werden auf der Brücke mit

den jeweiligen Departmentleitern bei disziplinären Verstößen Sitzungen abgehalten.

Fällt der Beschluss, ein Crewmitglied hinauszuschmeißen, wird der oder die Betroffene

Stunden vor dem Einlaufen über die Entlassung telefonisch in Kenntnis gesetzt

mit der Aufforderung, die Koffer zu packen; sofort wird ein Security Guard vor der

Kabine stationiert, der den Betroffenen gleich nach dem Eintreffen zur Gangway eskortiert

– Bedingungen, die für ein Landleben unvorstellbar und menschenunwürdig

sind. Vielleicht funktioniert das Zusammenleben auf einem Schiff unter derart harten

Bedingungen nur unter Einhaltung strikter Regeln. Insgesamt sind Menschen aus

60 Nationen aus allen Erdteilen und unterschiedlichen Kulturen am Schiff angestellt.

Als Offizier habe ich das Privileg, eine komfortable Einzelkabine zu bewohnen;

der normale Angestellte haust nach einem 14-Stunden-Tag mit einem zweiten in einer

wenige Quadratmeter großen, mit einem Minifernseher ausgestatteten Kabine

ohne Bullauge unter Deck (das Schiff hat acht Meter Tiefgang). Das Bad teilt man

sich zu viert mit den Bewohnern der Nachbarkabine. Der Zugang zu Gästebereichen

ist außerhalb der Dienstzeit nur Offizieren gestattet. Nichtoffiziere müssen sich nach

Arbeitsende ausnahmslos im Crewbereich aufhalten. Allzu verständlich, dass bei vielen

die Nerven blank liegen, Emotionen frei werden und so mancher überreagiert

oder durchdreht. In der Galley (Küche) geraten eines Morgens ein Inder und ein

Pakistani in Streit. Letztendlich endet der Schlag mit einer Bratpfanne mit einem

gebrochenen indischen Nasenbein und einer klaffenden Rissquetschwunde. Die Zeit

– 16 –


is zum Einlaufen in Nassau hat der Pakistani im schiffseigenen Gefängnis verbracht.

In einer finalen Verwarnung resultiert der Wutausbruch eines chilenischen Kellners,

der auf die Kritik des Oberkellners ausschlägt und einen Stuhl umwirft.

Wird man von Bord verwiesen, ist man buchstäblich völlig auf sich gestellt und

seinem Schicksal überlassen. Gnädige Reedereien buchen einem vielleicht ein Flugticket

zu Crewpreisen, das man jedoch selbst berappen muss, bei anderen muss man

die Heimreise selbst organisieren. Für längere krankheitsbedingte Ausfälle herrscht

ebenfalls keinerlei Toleranz. Angestellte, die länger als fünf Tage arbeitsunfähig sind,

werden entlassen und erst nach vollständiger Genesung wieder eingestellt. Jeder

Neuankömmling muss für größere medizinische, schiffsexterne Behandlungen wie

Operationen anfangs selbst aufkommen. Erst nach einem mindestens acht Monate

bestehenden Arbeitsverhältnis übernimmt das die Reederei. Sich medizinischen

Eingriffen in seiner Heimat oder in einem Wunschkrankenhaus zu unterziehen, ist

nicht möglich. Reedereien haben Verträge mit günstigeren Krankenhäusern, im Fall

meiner Reederei mit einem Hospital in der Dominikanischen Republik, wo jedes

Crewmitglied, egal ob aus Russland oder dem tiefsten Afrika, behandelt wird. Allwöchentlich

werden Sitzungen zum Thema Crew-Wellness in Anwesenheit aller leitenden

Offiziere abgehalten, bei denen suspekte Krankenstände besprochen werden.

In steter Erinnerung wird mir der Fall eines seit Jahren im Enginebereich tätigen

Philippino bleiben, der das Medical-Center immer wieder wegen Kreuzschmerzen

konsultiert hat. Trotz zahlreicher auswärts angeforderter Zusatzuntersuchungen haben

wir kein Substrat für die Schwere seiner aktuellen Beschwerden detektieren können.

So wird spontan der Beschluss gefällt, ihn außerhalb der Arbeitszeit im Crew-

Working on cruise ships

– 17 –


ereich zu filmen – bei der Vielzahl der am ganzen Schiff stationierten Kameras

stellt dies keinerlei Problem dar. Bei der darauf folgenden Sitzung zeigen ihn die

aufgenommenen Bilder tanzend während einer Crewparty. Im nächsten Hafen hat

er das Schiff verlassen.

Ein weiteres Beispiel, eine im Service tätige Brasilianerin, die wegen rezidivierender

Sehnenscheidenentzündungen ihrer Arbeit des Öfteren ferngeblieben ist. Trotz

ausreichender Therapieversuche mit Schmerzmitteln und letztendlicher Ruhigstellung

der betroffenen Extremität hat sich nur schleichend wenig bis keine Besserung

eingestellt. Da sie ebenfalls schon länger als acht Monate am Schiff gearbeitet hat,

steht ihr ein operativer Eingriff zu, den sie aber kategorisch ablehnt. Da die Sehnenscheidenentzündung

nachweislich mit ihrer Tätigkeit als Kellnerin in Zusammenhang

zu bringen ist, wird ihr der ausständige Betrag von drei Monaten ihres Vertrags

ausbezahlt und sie vorzeitig nach Hause entlassen. Eine erneute Anstellung hat man

aber auch nach Ausheilung ihrer Beschwerden ausgeschlossen. Monate später treffe

ich sie zu meiner großen Verwunderung beim Einchecken in der Gangway. Sie beteuert,

sich auf ihren neuen Vertrag zu freuen und nun wieder beschwerdefrei zu sein.

In den Genuss, ihren Vertrag zu beginnen, ist sie jedoch nicht gekommen. Wie sich

wenig später herausstellt, ist der Reederei beim Recruiting ein Fehler unterlaufen –

noch am selben Tag ist sie zurück in ihre Heimat Brasilien geflogen.

Einer Thailänderin kostet ein Landgang während einer Krankmeldung in Nassau

ebenfalls den Job. Die Kreuzfahrtindustrie lebt nach strengen Regeln, das Angebot

an Arbeitskräften angesichts der lukrativeren Bezahlungen ist sehr groß, frei

werdende Stellen können problemlos bereits am nächsten Tag nachbesetzt werden.

Ein Leben auf hoher See ist in keinerlei Hinsicht mit dem an Land vergleichbar.

In Gesprächen mit Philippinos erhalte ich immer die gleiche Antwort. Sie arbeiten

am Schiff, bis sie sich in ihrer Heimat ein eigenes Gewerbe aufbauen, ihrer Familie

einen guten Lebensstandard und den Zugang zu einer guten Ausbildung finanzieren

können – aber keinen Tag länger.

Das Grundgehalt eines Kellners beträgt lächerliche 50 Dollar im Monat. Das Gehalt

wird durch das Trinkgeld der Gäste finanziert. Um die Einsatzfreude der Crew

zu erhöhen, werden innerhalb der gesamten Flotte Ratings in unterschiedlichen Bereichen

wie Gästezufriedenheit oder Verkaufsmenge von alkoholischen Getränken

erstellt und mit entsprechenden Bonuszahlungen honoriert.

Selbstverständlich steigen damit die Motivation und der Einsatz des Bordpersonals.

Vielleicht erfordern die Umstände, der eingeschränkte Lebensraum, die Vielzahl

unterschiedlicher Kulturen und Mentalitäten und der hohe Arbeitsdruck ein

derart strenges Regime.

Mit Misstrauen, großer Vorsicht und – zugegeben – einer gehörigen Portion

Angst bin ich an meine Arbeit als Schiffsarzt in amerikanischen Gefilden herangegangen.

Geprägt von Medienberichten über Unsummen, die Amerikaner in sehr grotesken,

für europäische Verhältnisse absolut unvorstellbaren Prozessen immer wieder

erwirtschaften, trete ich meinen Dienst an. Die erste Negativerfahrung in dieser

Hinsicht lässt nicht lange auf sich warten. Ein sympathischer, freundlicher und sehr

redseliger Amerikaner in den Fünfzigern konsultiert mich wegen Nackenschmerzen.

Beim Schwimmen im Meer sei er von einer Welle erfasst worden und am Strand mit

dem Kopf unsanft aufgeschlagen. Der Untersuchungsbefund zeigt eine leicht eingeschränkte

Beweglichkeit der Halswirbelsäule, jedoch keine neurologischen Ausfälle

– 18 –


oder Hinweise auf einen Halswirbelbruch oder Bandscheibenvorfall. Ich dokumentiere

alles akribisch, fertige ein Röntgen an, um eine Fraktur (Bruch) auszuschließen,

und komme zur Diagnose einer Halswirbelsäulenprellung. Die Therapie besteht

in einer symptomatischen Schmerztherapie bzw. temporären Ruhigstellung mittels

Halskrause. Zufrieden verlässt der Patient das Medical-Center und beteuert, in seinem

Jahre zurückliegenden Urlaub in Österreich vor allem an der dortigen Gastfreundschaft

und Freundlichkeit große Freude gefunden zu haben. Es vergehen Wochen,

dann erreicht mich der Anruf meines sehr wohlhabenden Chefs, Phil Edelstein,

Professor für Emergency Medicine, der sein Rentendasein mit der Einrichtung von

Medical-Centern bzw. Recruiting von qualifizierten Schiffsärzten auf Kreuzfahrtschiffen

aufbessert. Er fragt, ob mir der Fall eines Patienten nach einem Halswirbelsäulentrauma

ein Begriff sei. Wochen später sei der Passagier mit der Klage, von

mir inadäquat behandelt worden zu sein, an die Reederei herangetreten. In seinem

Beschwerdebrief schreibt er, ich hätte einen Halswirbelbruch bzw. Bandscheibenvorfall

übersehen und er hätte sich deshalb einer komplizierten Wirbelsäulenoperation

unterziehen müssen. „Mach Dir keine Sorgen! Seine Schreibweise deutet darauf hin,

dass er es auf eine freie Kreuzfahrt abgesehen hat. Ich werde die beweisenden Befunde

von ihm anfordern.“ – Mein erster Vorfall mit der „Sueing Society“ (Verklägergesellschaft)

in den USA, der mich unzählige schlaflose Nächte kostet. Angesichts der

freundlichen Art des Patienten habe ich mit Derartigem überhaupt nicht gerechnet.

Die Sache vorläuft im Sand. Mein Chef hat glücklicherweise Recht behalten.

Vorfälle dieser Art werden, wie sich in den nächsten Wochen unter Beweis stellt,

fester Bestandteil meiner Arbeit. Unvergesslich die lehrenden Worte von Phil: „Die

Amerikaner sind so. Man kann sie nicht ändern. Pass Dich an und dokumentier alles

akribisch genau.“

Diesbezüglich werde ich groteske, haarsträubende Erfahrungen machen. Amerikaner

scheinen keine Scheu bzw. nicht einen Funken Anstand zu haben und lassen

nichts unversucht, um schnell zu Geld zu kommen.

Nach einer Pediküre mit Fußmassage im Wellnessbereich findet sich eine stark

übergewichtige Amerikanerin im Medical-Center ein. Sie klagt über starke Schmerzen

im Mittelfußbereich und führt dies auf die Behandlung zurück. Mittlerweile

genervt und abgebrüht, antworte ich kurz entschlossen: „Die Schmerzen sind unmöglich

von der Massage, sondern vom Plattfuß. Ich empfehle Ihnen passende Einlagen.“

– „Ich habe derartige Probleme noch nie zuvor gehabt. Es ist definitiv von der

Massage. Ich werde die Reederei verklagen.“ Mit diesen Worten hat sie erzürnt unsere

Abteilung verlassen. Ob sie mit ihrer Forderung durchgekommen ist, werde ich leider

nie erfahren. Die Gier der Amerikaner kennt diesbezüglich keine Grenzen. Das

System hat viele Amerikaner zu habgierigen Monstern geformt, die ohne Rücksicht

auf Verluste jede Gelegenheit nutzen, um zu Geld zu kommen. Rechtsanwälte sind

kostenlos. Ihr Verdienst beträgt die Hälfte des Streitwerts. Als Kläger kann man somit

nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Für mich werden die Bilder von lauernden

Rechtsanwälten vor Krankenhäusern auf der Suche nach potenziellen Klienten

verständlich. Reedereien reagieren mit unzähligen Kameras und Sicherheitsbeamten.

Jahre später, auf einem anderen amerikanischen Kreuzfahrtschiff, wird dies Mirjana,

einer kroatischen Krankenschwester, den Job retten. Ein Patient findet sich nach

einer medizinischen Konsultation lautstark am Guest Relations Schalter ein mit der

Unterstellung, im Medical-Center $ 200 bar bezahlt zu haben. Barzahlungen werden

– 19 –


am Schiff nirgendwo getätigt, alles wird auf der Passagierkarte abgespeichert und am

Ende der Reise bezahlt. Videoaufnahmen widerlegen die Unterstellungen der Passagierin.

Umso überraschender die Worte, die nach der Beweislage über die Lippen der

Amerikanerin kommen: „Ich nehme alles zurück, da ich nicht möchte, dass wegen

mir jemand gekündigt wird.“ Selbst in derartigen Situationen darf man die Fassung

nicht verlieren. Sicher alles andere als leicht, trotzdem ist es nur vergeudete Energie.

Ein amerikanisches Ehepaar sucht meine Dienste mit der Forderung eines Brechmittels,

nachdem die Ehefrau irrtümlicherweise die doppelte Dosis an Amaryl

(Blutzuckermedikament) zu sich genommen hat. Nachdem die Blutprobe einen

Blutzuckerspiegel von 280 mg/dl bestätigt, versichere ich ihr, dass bezüglich einer

Unterzuckerung keinerlei Sorge bestehe und sie in zwei Stunden erneut messen soll.

Während meiner Unterweisung putze ich kurzzeitig meine Nase, habe aber keinerlei

Untersuchungskontakt mit der Patientin. Sichtlich unzufrieden hinsichtlich des

untersagten Brechmittels, verlassen beide den Untersuchungsraum. Stunden später

sucht mich der Leiter von Guest-Relations auf mit der Bitte um ein Gespräch unter

vier Augen. Die Patientin habe sich beschwert, dass ich während der Untersuchung

die Nase geputzt und mir anschließend die Hände nicht gewaschen hätte. Dies dürfe

kein weiteres Mal vorkommen, da es rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könne.


Der medizinische Alltag bringt täglich neue Herausforderungen und Überraschungen.

Entgegen der Meinung vieler, die den Beruf als Schiffsarzt in erster Linie

mit der Behandlung von Seekrankheit assoziieren (die ich bis dato, nach über fünf

Jahren Schiffserfahrung, kein einziges Mal behandelt habe), reicht das Behandlungsspektrum

von banalen Infekten, Frakturen, Schnittverletzungen bis zu Notfällen jeglicher

Art.

Ein amerikanisches Ehepaar konsultiert mich wegen eines juckenden Ausschlags

an beiden Beinen, der sie nachts keine Minute schlafen lässt, und behauptet, dies

durch das Vorhandensein von Bettwanzen in ihrer Kabine bekommen zu haben. Angesichts

der Tatsache, dass Kabinen täglich forensisch sauber gemacht werden, völlig

ausgeschlossen. Es bleibt bei einer medizinischen Konsultation – ob meine Behandlung

erfolgreich gewesen ist oder nicht, werde ich wohl nie erfahren. Wochen später

werden über das Hauptquartier der Reederei die medizinischen Unterlagen angefordert

und ich mit Fragen über die von mir durchgeführte Behandlung bombardiert.

Das Ehepaar hatte nach ihrer Rückkehr einen Rechtsanwalt konsultiert, die Dinge

sollten ihren – wie sich später herausstellt – gewohnten Verlauf nehmen. Vielleicht

ein lukratives Zusatzeinkommen ohne Risiko und Aufwand.

Auch der Begriff „Sexual harassment“ (sexuelle Belästigung) erfährt, wie sich in

folgender Begebenheit zeigt, eine neue Bedeutung. Um zwei Uhr früh werde ich von

der diensthabenden Schwester ins Medical Center beordert. Zu meiner großen Verwunderung

finde ich die halbe Belegschaft an Sicherheitsoffizieren, den Stellvertreter

des Kapitäns und eine lautstark, um nicht zu sagen hysterisch kreischende, ca. 20-jährige

Amerikanerin vor. Sie beteuert, auf der Tanzfläche in der Disco vergewaltigt

worden zu sein. Wie eine Vergewaltigung auf einer vollen Tanzfläche vonstattengehen

kann, ist mir ein großes Rätsel. In Fällen eines Sexualdelikts gibt es ein eigenes

Prozedere – neben der genauen Rekonstruktion mittels Kameraaufnahmen müssen

– 20 –


medizinische Schritte gesetzt werden. Ich erkläre der nicht zu beruhigenden Amerikanerin,

einen Scheidenabstrich vornehmen zu müssen, und dass sie als Prophylaxe

Tabletten gegen eine HIV-Infektion einnehmen müsse.

Angesichts dieser bevorstehenden Prozedur ändert sie schlagartig ihre Meinung,

zieht die geäußerten Beschuldigungen zurück und gibt zu Protokoll, lediglich am

Arm berührt worden zu sein.

Mittlerweile habe ich mich gut integriert, die kulturelle Hürde übersprungen und

an das Schiffsleben gewöhnt. Das medizinische Englisch habe ich in den Abendstunden

in meiner Kabine auf ein sehr gutes Niveau gebracht. In nur kurzer Zeit habe

ich meine Kinderschuhe zerrissen oder – besser gesagt – zerreißen müssen, um zu

überleben. Ein Lernprozess auf sehr unterschiedlichen Ebenen, der mir sehr viel abverlangt

und mich Kraft gekostet hat. Abends falle ich förmlich ins Bett. Angesichts

fehlender sozialer Kontakte und des eingeschränkten Lebensraums ist das Ziel, die

Aufgabe umso wichtiger.

So vergeht Zeit, man hat eine Ablenkung. Die Uhren ticken auf hoher See komplett

anders – eine Erfahrung, die ich mit zunehmender Dauer noch des Öfteren

machen werde. Tage können zu Wochen oder Monaten werden, man verliert jegliches

Zeitgefühl, es ist nicht selten, dass man keine Antwort auf die Frage findet, welchen

Tag der Kalender zeigt – Parallelen zu Inhaftierten, mit dem einzigen Unterschied,

dass man dies selbst gewählt hat.

Auch mir ist nach meinem Einstieg klar, diese vier Monate durchzuziehen. Der

Abschluss meines Vertrags wird mit einer zusätzlichen Prämie honoriert, was sicher

seine Berechtigung hat. Bezüglich meiner Zukunft nach diesen vier Monaten

bin ich mir aber noch völlig im Unklaren. Vielleicht mache ich meine angefangene

Facharztausbildung fertig oder genehmige mir die Auszeit, um meine ersehnte Reise

zu machen. Diesbezüglich wird die Zeit die Antworten liefern. Innerlich bin ich

bereits ruhiger und gelassener geworden. Die letzten Monate sind sehr konfus und

turbulent verlaufen. Medizinische Unzufriedenheit und Unterforderung haben mir

gefehlt. Mit dieser Entscheidung habe ich mir die Latte sehr hoch gelegt, mir aber

die Möglichkeit gegeben, mich weiterzuentwickeln und zu wachsen. Es ist besser, an

hohen Zielen zu scheitern, als sie unversucht zu lassen. Zu dieser Erkenntnis bin ich

nach meiner Absage in Reichenhall gekommen. Oft bin ich mir wie der größte Vollidiot

vorgekommen, der sich immer unter seinem Wert verkauft hat. Ich habe mir ein

Versprechen gegeben: Kein zweites Mal werde ich diesen Fehler machen.

Die Arroganz der Amerikaner regt mich nur mehr selten auf, ich habe mich auf sie

eingestellt, weiß, was sie von mir erwarten. Ich behandle sie wie nach einem Lutscher

schreiende Kleinkinder. Jede Behandlung verläuft stereotyp: „Wie geht es Ihnen? Genießen

Sie Ihre Kreuzfahrt? Es tut mir leid, dass Sie mich während Ihrer Kreuzfahrt

konsultieren müssen.“ Auch auf meine Frage, wie ihnen die Kreuzfahrt gefällt, erhalte

ich stereotyp die Antwort: Great! Good food! (Großartig! Exzellentes Essen!)

Nach einem Tag auf Castaway Key, der Privatinsel der Reederei, auf der ich auf

einem Buggy, ausgerüstet mit einer Notfalltasche und einem Walkie Talkie, für Notfälle

zuständig bin, klingelt kurz nach dem Ablegen das Telefon. Becky, diensthabende

Schwester: Ein Passagier klage über Atemnot – sie sei schon auf dem Weg zur

Kabine. Minuten später ertönt über Lautsprecher „Bright Star! Bright Star! Cabin

3346.“ – Alarmcode für einen medizinischen Notfall. Wir treffen in der Kabine auf

eine regungslose 72-jährige Patientin, die mehrmals erbrochen hat. Ich beginne […]

– 21 –


Kein Reisemarkt wächst so schnell wie die Hochsee-Kreuzfahrt. Unter

den schwimmenden Hochhäusern gibt es welche, die 5.000 Passagiere

und mehr über die Meere der Welt befördern. Alle Gäste müssen

sich wohlfühlen und bestens betreut werden. Dafür sind die Crew und

das Dienstleistungspersonal zuständig – auch Ärzte. Die medizinische

Verantwortung für die Passagiere trägt der diensthabende Schiffsarzt

allein, er ist rund um die Uhr für die Gesundheit aller Menschen an

Bord zuständig.

Der Österreicher Jürgen Preimesberger war sechs Jahre einer von ihnen.

In seinem Buch erzählt er vom völlig anderen Leben am Schiff.

Der Leser erfährt von den herrlichen Seiten der Kreuzfahrten, vom

Publikum, das Abenteuer erleben und unvergessliche Eindrücke gewinnen

will. Preimesberger schildert aber auch, welche großen medizinischen

Herausforderungen der Schiffsarzt allein bewältigen

muss. Notfälle stehen an der Tagesordnung: Herzinfarkte, Lungenentzündungen

und Lungenödeme sowie Knochenfrakturen waren für

Preimesberger „medizinischer Alltag“. Er wurde auch mit keinesfalls

alltäglichen Situationen konfrontiert: So war eine Passagierin wegen

eines Elefantenbisses zu behandeln, ein Angestellter wegen Leprakrankheit

und 160 Passagiere auf einmal, weil das Noro-Virus ausgebrochen

war.

Jürgen Preimesberger, 1973 in Bad Ischl/Oberösterreich geboren;

nach dem Medizinstudium Turnusarzt in Bad Ischl und Linz; ehrgeizig,

unternehmungslustig, zielstrebig und verantwortungsbewusst.

Expeditionsarzt, Zugarzt in der Transsibirischen Eisenbahn und sechs

Jahre lang Arzt auf verschiedenen Kreuzfahrtschiffen. Preimesberger

ist der am weitesten gereiste Arzt Österreichs. Er lebt und arbeitet

heute als Landarzt in Neumarkt am Wallersee.

ISBN: 978-3-85093-359-9

www.berenkamp-verlag.at

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www.kraftplatzl.com

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