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BIBER 07_22 Ansicht

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Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

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MIT SCHARF

SOMMER

2022

+

EDTSTADLER

IN ZAHLEN

+

TABU DEPRESSION

+

DANKE, POLEN!

+

SO MUSS SOMMER

DIE NULLERJAHRE HÄNGEN WIEDER IM SCHRANK


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3

minuten

mit

Mehmet

Uysal

Was wäre, wenn die Türken

nicht Kaffee, sondern Raki bei

der Belagerung dagelassen

hätten? Mehmet Uysal hat

mit “Otto Raki” einen Anis-

Schnaps geschaffen, der

Österreich und die Türkei in

einer Flasche zusammenbringt.

Interview: Nada El-Azar-Chekh

Foto: Zoe Opratko

BIBER: Was fasziniert dich kulturgeschichtlich

am Raki?

MEHMET UYSAL: Ich finde die Frage

spannend: Was wäre, wenn die Türken

bei der Belagerung Wiens nicht Kaffee,

sondern Raki hinterlassen hätten? Die

ganze Kultur hätte sich womöglich

anders entwickelt – statt Kaffeehäusern

wären vielleicht Raki-Häuser entstanden.

Raki ist im gesamten mediterranen

Raum wichtig. Araber und Israelis

nennen ihn Arak, die Griechen haben

Ouzo, die Franzosen haben Pastis,

Italiener haben Sambuca… Ich wollte

das Getränk meines Herkunftslandes

mit meiner jetzigen Heimat in einer Fla-

sche verbinden. Es ist österreichische

Schnapskultur in einer Flasche mit der

türkischen Raki-Kultur. Wir verwenden

Weißburgunder aus der Steiermark und

fügen keinen Zucker hinzu.

Manche Menschen stehen überhaupt

nicht auf Anis. Wie überzeugt man sie?

Bei Anis ist es wirklich so, dass man

ihn entweder liebt oder hasst. Deswegen

war es eines unserer Ziele,

einen Raki herzustellen, der jedem

schmeckt. Er ist fünffach destilliert und

daher sehr mild, außerdem haben wir

andere Gewürze beigegeben, welche

die Anisnote verfeinern. Wir wollten

ein angenehmes Geschmackserlebnis

schaffen, mit Orangenblüte, Kardamom,

Süßholz und anderen feinen Aromen.

Anis hat außerdem auch durchaus

medizinische Vorteile. Er ist gut für den

Magen, wurde lange Zeit auch in der

Zahnmedizin verwendet und gilt auch

noch als Aphrodisiakum. Raki ist also

ein Alleskönner.

Woher kommt der Name „Otto Raki“?

Ich habe in Wien Architektur studiert

und bin ein großer Fan von Otto

Wagner. Das Etikett ist bewusst ein

bisschen im Jugendstil gestaltet. Und

im Otto stecken auch die Ottomanen,

also die Osmanen. Es ist also ein doppeldeutiger

Name für den Raki.

Wie genießt man Raki denn am besten?

Viele meiner Freunde machen den Fehler,

den Raki wie einen Shot hinunterspülen

zu wollen. Nein, man muss ihn

langsam genießen! Klassisch trinkt man

Raki mit ein wenig Wasser verdünnt

und Eis. Dann wird der klare Schnaps

typisch milchig, weil die ätherischen

Öle aus dem Anis sich im Wasser nicht

auflösen. Je trüber der Raki, desto

mehr Anis ist drin. Das nennt man auch

Louche-Effekt. Der klassische Raki-Trinker

stellt uns auf jeden Fall die Frage:

Wie kann man den bloß in einen Cocktail

machen? Natürlich lieben wir es traditionell,

wo unsere Wurzeln sind – aber

Innovation muss auch sein. Wir haben

schon mit professionellen Barkeepern

zusammengearbeitet, die individuelle

Cocktails mit dem Raki kreieren.

Wer ist er? Mehmet Uysal (36)

Geboren in: Ankara, lebt seit 2006 in

Wien

Superpower: Kann gut Kaffeesud lesen

/ 3 MINUTEN / 3


3 3 MINUTEN MIT

MEHMET UYSAL

Der Macher von Otto Raki im Schnellinterview

über den Dächern Wiens.

8 IVANAS WELT

Ivana Cucujkić verbringt einen Sommer auf der

Terrasse der Schwiegermama, wie 2001.

POLITIKA

10 ABSCHIEDSBRIEF IM

TAGEBUCH

Suizid ist die vierthäufigste Todesursache

bei jungen Menschen. Wie Betroffene und

Angehörige damit leben.

16 „FRAU EDTSTADLER, WIE

VIELE WAFFEN BESITZEN

SIE?“

Biber fragt in Worten, die Verfassungs- und

EU-Ministerin Karoline Edtstadler antwortet in

Zahlen.

18 WEISSER TERROR

Ein Kommentar von Aleksandra Tulej

LIFE&STYLE

20 HOT GIRL SUMMER

LEBENSWEISHEITEN

Lifestyle-Queen Seyda Gün über den Fake-

Wettbewerb um den schönsten Sommer auf

Social Media.

22 BACK TO THE 00‘S

Unsere nostalgisch-lässige Modestrecke bringt

uns zurück in die 2000er-Jahre.

RAMBAZAMBA

30 „ER WUSSTE, DASS ICH

MINDERJÄHRIG BIN.“

Was will ein Mann Mitte Zwanzig von einer

Schülerin? Maria Lovrić-Anušić sucht eine

Antwort.

16

„FRAU EDTSTADLER, WIE VIELE

WAFFEN BESITZEN SIE?“

Karoline Edtstadler in unserem Interview

in Zahlen.

10

„ICH BIN

IMMER AM

WERDEN.“

Depressionen

und Suizid sind

immer noch ein

großes Tabu. Wie

gehen Betroffene

und Angehörige

damit um?

IN


36 WOHIN IN

NIEDERÖSTERREICH?

Fünf coole Ausflugstipps in Österreichs

größtes Bundesland.

38 SCHÖNER, BILLIGER,

SOPRON.

Aleksandra Tulej taucht in die Welt des

Dienstleistungstourismus an der ungarischen

Grenze ein.

22

HALT SOMMER

2022

38

SOMMER

OHNE

SORGEN

Das Revival

der Nullerjahre

NÄGEL UM

DEN HALBEN

PREIS

Aleksandra Tulej

hat sich in der

ungarischen Stadt

Sopron umgehört.

©Zoe Opratko, Mafalda Rakoš, Zoe Opratko, Cover: © Marko Meštrović

KARRIERE&KOHLE

44 MUSS MAN IM URLAUB

ERREICHBAR SEIN?

Šemsa Salioski gibt Tipps für Arbeitnehmer*innen

und solche, die es werden

wollen.

46 SELBERMACHER

Gorgy Walid hat im 1. Bezirk ein Geschäft, in

dem Hutträger*innen wirklich gut behütet sind.

TECHNIK

50 KRYPTO-KRISE UND

PANZER

Adam Bezeczky über den neuen „Panther“,

den Krypto-Börsencrash, und mehr.

OUT OF AUT

52 VOM BOMBENHAGEL INS

POLNISCHE DORF

Wie geht es ukrainischen Flüchtlingen in

Polen? Ein Lokalaugenschein von Justyna

Pikusa.

KULTURA

58 EINE SCHLECHTE ARABERIN

Kultur-Tipps für den Sommer, präsentiert von

Nada El-Azar-Chekh.

62 MEIN PENIS, MEINE

ENTSCHEIDUNG

Jad Turjman über sein bestes Teil, und warum

Integration bis unter die Gürtellinie geht.


Liebe Leser*innen,

die 1990er und 2000er sind, zumindest modetechnisch, zurück – und

das ist alles andere als „cringe“. Unsere große Fotostory träumt sich einen

„Sommer wie damals“ zurück – inklusive Denim-Look und Tangablitzer.

„Laissez-faire, lässig leger“ sagen wir und wünschen viel Spaß beim

Blättern. Die Strecke hat übrigens unser ehemaliger Fotochef Marko

Meštrović geschossen. Die nostalgischen Vibes gibt es ab S. 22.

Was haben wir in der Redaktion

diskutiert: Low-Rise-Jeans,

gezupfte Augenbrauen, Butterfly-Tops:

Hilfe, die 00er Jahre

sind zurück! Aber Entwarnung:

Neuer und cooler interpretiert,

wie in unserer Sommer-Modestrecke

ab S. 22

Aleksandra Tulej,

stv. Chefredakteurin

Die Nostalgie kommt nicht von ungefähr. Der Krieg, Corona, und die damit

verbundene Isolation haben vor allem jungen Menschen in den letzten

Jahren psychisch zugesetzt. Laut WHO sind Diagnosen von Depressionen,

Suchterkrankungen und Angststörungen gestiegen – Suizid ist zudem

die vierthäufigste Todesursache bei jungen Menschen. Nada El-Azar-

Chekh sprach mit Betroffenen und Angehörigen über das Leben mit bzw.

nach einem Suizidversuch und den Kampf um medizinische Betreuung.

Ab S. 10.

Die Verfassungs- und EU-Ministerin Karoline Edtstadler besitzt zehn

Ballkleider, eine Waffe und möchte erst mit 70 Jahren in Pension gehen.

Im „Interview in Zahlen“ verrät sie, wie viel Geld das teuerste Geschenk

an ihren Sohn gekostet hat, und wie oft Sie im Monat der „Ära Kurz“

nachtrauert. Ab S. 16.

Normalerweise ist wenig los, wenn biber-Stipendiatin Justyna Pikusa

ihre Oma und Tante in der polnischen Provinz besucht. Dieses Jahr ist

alles anders: Ukrainische Geflüchtete haben die Einwohnerzahl im Dorf

hochklettern lassen. Mit welchen Ängsten die geflüchteten Menschen

umgehen müssen, und welche Verschwörungstheorien kursieren, erfahrt

ihr ab S. 52.

Integration hat viele Facetten – auch welche, die unter die Gürtellinie

gehen. Unser Kolumnist Jad Turjman hat eine Lektion in Sachen

Genitalien gelernt. Was die Vorhaut mit der Integration in Österreich zu

tun hat, lest ihr in seinem ehrlichen Text auf S. 62.

Einen schönen Sommer und immer coole Drinks wünscht

die biber-Redaktion

© Zoe Opratko

6 / MIT SCHARF /


IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21,

Museumsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

HERAUSGEBER

Simon Kravagna

CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia-Tatić (karenziert)

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH Quartier 21,

Museumsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528 redaktion@dasbiber.at

marketing@dasbiber.at abo@dasbiber.at

WEBSITE: www.dasbiber.at

STV. CHEFREDAKTEURE:

Amar Rajković und Aleksandra Tulej

CHEFREPORTERIN:

Aleksandra Tulej

KULTUR:

Nada El-Azar-Chekh

FOTOCHEFIN:

Zoe Opratko

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

KOLUMNIST/IN:

Ivana Cucujkić-Panić, Jad Turjman

LEKTORAT: Florian Haderer

ÖAK GEPRÜFT laut Bericht über die Jahresprüfung im

2. HJ 2021:

Druckauflage 85.000 Stück

Verbreitete Auflage 80.700 Stück

Die Offenlegung gemäß §25 MedG ist unter www.dasbiber.at/

impressum abrufbar.

DRUCK: Mediaprint

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Adam Bezeczky, Nada El-Azar-Chekh, Maria Lovrić- Anušić, Justyna

Pikusa, Šemsa Salioski, Marko Meštrović, Mafalda Rakoš, Matthias

Nemmert, Markus Korenjak, Agnieszka Hołda-Myśliwiec

VERLAGSLEITUNG :

Aida Durić

MARKETING & ABO:

Şeyda Gün

REDAKTIONSHUND:

Casper

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

Erklärung zu gendergerechter Sprache:

In welcher Form bei den Texten gegendert wird, entscheiden

die jeweiligen Autoren und Autorinnen selbst: Somit bleibt die

Authentizität der Texte erhalten – wie immer „mit scharf“.

Eiskalte Erfrischung

gefällig?

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In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

Foto: Igor Minić

„URLAP“ ALL INCLUSIVE

Fahr’ma wieder runter. Heuer residiere ich auf Schwiegermutters

Terrasse. Turska kafa und Dorfgossip inklusive.

Wieder ganz normal Urlaub machen. Raus aus

Wien. Weg von Balkonien. Ab ans Meer. Ins Ausland.

Nach zwei Pandemiejahren sehnt man sich

nach dem Gewohnten. Cluburlaub, Charterflug,

Gyrosplatte. Und nach Heimaturlaub. So wie früher.

Ferien wie damals. Wo der letzte Schultag einen

langen Sommer im vlahischen Dorf voller Flirts

mit den süßen Dorfjungs (das sehr wahrscheinliche

Verwandtschaftsverhältnis muss man halt beinhart

verdrängen), Babas Fleischtomaten, Dedas oarge

Marille, Traktoraction und Dorfgossip einläutete.

Fahr‘ ma wieder runter.

URLAP IST, WENN MAN DEN

GRENZBEAMTEN SCHMIERT

Keine Notwendigkeit, die uns aus dem westlichen

Hamsterrad hetzt. Nein, keine Beerdigung oder

Hochzeit, die uns auf den roten Dorfteppich verpflichten.

Einfach nur die Sehnsucht nach der ultimativen

Überdosis Eskapismus. Flucht ins Früher,

ins bessere Damals. Als wir Kinder im rappelvollen

Kombi zwischen Mitbringsel-Duschgel, ausrangiertem

Herd und Provianttasche die nächsten

tausend Kilometer um den halben Sitzplatz rauften.

Als wir dem ungarischen Grenzbeamten einen

Zehner fürs Vordrängeln in den Pass schoben. Als

die erste Amtshandlung als Gastarbeiter im „Urlap“

der Gang zum Flatrate-Friseur war und berüchtigte

Dorf-Omis um uns Gastarbeitertöchter aka potenzielles

Heiratsmaterial für ihre Enkel buhlten.

KEIN SOMMER WIE DAMALS

Als jeder Tag erst im Morgengrauen mit Burek und

Joghurt auf der Terrasse der Gastarbeiter-Villa seinen

Ausklang fand. Ja, heuer fahren wir wieder

runter. Nur ist wenig noch wie damals. Der Traktor

rostet auf dem Nachbarhof. Omas Fleischtomaten

kaufen wir importiert im Supermarkt. Von Opas

Selbstgebranntem ist nur mehr eine halbe Colaflasche

übrig. Und diese wird streng rationiert. Niemand

mehr da, der die Tore zur Einfahrt weit aufsperrt

und sehnsüchtig auf den anrollenden Kombi

aus Wien wartet. Die Villa ging zum Schleuderpreis

an andere Gastarbeiter.

DER DORFJUNGE BLEIBT

Den süßen Dorfjungen, den gibt es noch. Meine

Sommerliebe 2001. (Ein Verwandtschaftsverhältnis

ist sehr wahrscheinlich ausgeschlossen. Sagten

sie uns.) Mit unseren beiden Kindern checken wir

dieses Jahr bei meiner Schwiegermutter ein. Wenn

wir den Grenzbeamten erfolgreich bestochen haben

und die Kühlbox bis auf die letzte Extrawurstsemmel

leergefuttert wurde. Wenn sich das dreihundertachtzigste

„sind wir schon da, wann sind

wir endlich da, er hat es mir genommen, ich muss

kaka, JETZT“ als dröhnendes Surren in den Schläfen

manifestiert, noch vor Nickelsdorf. – Jetzt weiß

ich auch, warum meine Eltern Nachtfahrten bevorzugten.

Alles vergeben. Vollstes Verständnis. Mit

meiner frischen Föhnfrisur zum Nulltarif setz ich

mich dann auf die Terrasse mit Blick auf die Donau

und Rumänien. Schwiegermutter serviert mir „turska

kafa“, der mich wahrscheinlich bis Urlaubsende

wachhalten wird. Und wenn ich Glück habe, treffe

ich auf eine alte Dorf-Omi, die mir den hottesten

Tratsch in Town erzählt. Urlap fast wie damals. ●

cucujkic@dasbiber.at, Instagram: @ivanaswelt

8 / MIT SCHARF /


NEMA PROBLEMA

TELENOVELA

Die Bundespräsidentschaftswahl rückt näher und viele junge

Menschen werden auf TikTok zum Wählen motiviert. Doch

viele von ihnen haben keine österreichische Staatsbürgerschaft.

Also dürfen sie gar nicht wählen. Deswegen fordert

die Arbeiterkammer: Wer hier geboren wurde und fünf Jahre

hier gelebt hat oder wer die Hälfte der Schulpflicht hier

absolviert hat, soll die Staatsbürgerschaft bekommen.

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NEUES AUS DEM LEBEN

DER FAMILIE PRAVDOVIĆ

Schon

lustig, dass jetzt

alle Politiker auf

TikTok sind!

Was meinst

du damit? Is doch

voll smart wegen

jungen Leuten

und so.

Hä?

Wir sind doch

hier geboren!

Ja, und für

wen?

Ja,

aber denk mal

drüber nach. Wir beide

dürfen gar nicht wählen.

Und wir sind nicht die

Einzigen!

Aber ohne

die österreichische

Staatsbürgerschaft

geht nix.

Ohaaa,

ja fix!

Schwör!

Und bei der

AK Wahl haben

endlich alle eine

Stimme!

Fotos: Zoe Opratko

Du bist zwar hier

geboren, aber ohne Staats ­

bürgerschaft darfst du den Bundespräsidenten,

das Parlament und die

Landtage nicht wählen. Deswegen will

die AK einen gerechten Zugang zur

Staatsbürgerschaft.

TIPP Arbeiterkammer:

Bei der AK Wahl haben ALLE Arbeitnehmer:innen eine Stimme –

unabhängig von der Staatsbürgerschaft. DU bestimmst, wer dich

in deiner AK Vollversammlung vertritt. Die nächste

Vollversammlung der AK Wien findet am 9.11.2022

statt. Die nächste AK Wahl ist 2024. Halt dich am

Laufenden! Mit deiner AK auf

TikTok: https://www.tiktok.com/@arbeiterkammer


„Ich bin halt

immer am Werden.“

Evelyn Shi in ihrer Wohnung in

Döbling. Die Jungpolitkerin erzählt

von ihrem Leben mit Borderline-

Persönlichkeitsstörung.

10 / POLITIKA /


Ob Politik und ihre psychische Erkrankung miteinander vereinbar

sind, will Clubvorsitzende der NEOS Döbling, Evelyn Shi,

nicht mehr aushandeln. In Wien mangelt es oftmals an einem

leichten Zugang zu medizinischer Betreuung. Davon erzählt

auch Nicole J., die kürzlich ihre Tochter an Suizid verlor.

Von Nada El-Azar-Chekh, Fotos: Mafalda Rakoš

Das Sofa war damals der einsamste Ort in meiner

Wohnung.“ Evelyn Shi zieht an ihrer Zigarette,

während ihre pechschwarze Mopsdame Emilia

verschlafen durch das Wohnzimmer tappst

und auf das erwähnte Möbelstück hüpft. Für gewöhnlich

war das Sofa der Platz, an dem sich die 27-Jährige mit

ihren Freund:innen aufgehalten hatte. Während des ersten

Lockdowns wurde es jedoch zum Zentrum ihrer Einsamkeit.

„Die erste Welle an Depressionen erlebte ich wahrscheinlich

schon mit 17. Da habe ich mich täglich in den Schlaf

geweint. In meinem Tagebuch habe ich Abschiedsbriefe verfasst.“

Anfang März 2022 unternahm Evelyn erstmals einen

Suizidversuch. Sie war zu dieser Zeit auf einem Seminar in

Frankreich. „Ich habe mich sehr dafür

geschämt, obwohl ich während meines

Die erste Welle an

Depressionen erlebte ich mit

17. Da habe ich mich täglich

in den Schlaf geweint.

Spitalsaufenthalts viel an mir gearbeitet

habe“, so Evelyn. Ihren Unterarm

ziert ein Tattoo mit dem Schriftzug

„Am Werden“. Dieses hat sie sich nach

ihrem Psychiatrieaufenthalt stechen

lassen und spielt auf einen Song ihrer

Freundin, der Musikerin Anna Mabo, an.

„Ich bin halt immer am Werden, es ist ein Prozess – und das

ist okay.“

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schlägt in einem

neuen Bericht Alarm: Alleine im ersten Pandemiejahr 2020

stieg die Zahl der Diagnosen von Depressionen, Suchterkrankungen

und Angststörungen um 25 Prozent. Weltweit

soll eine Milliarde Menschen von Depressionen betroffen

sein. Suizid wird zudem als die vierthäufigste Todesursache

bei Menschen zwischen 15 und 29 Jahren angeführt. Ewald

Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen

der Stadt Wien, teilt die Besorgnis. „Wir haben eine

Erhebung gemacht, in der 58 Prozent der jungen WienerInnen

zwischen 16 bis 34 Jahren angeben, dass sich ihre

psychische Situation während der Pandemie verschlechtert

hat. Im Unterschied zu den Älteren, wo es 39 Prozent sind“,

so Lochner. Eine große Rolle spielte dabei auch das Social

Distancing während der landesweiten Lockdowns.

ISOLATION ALS TREIBER

Ganze 50 Tage am Stück war Evelyn Shi während des ersten

Corona-Lockdowns im März 2020 in Isolation. Ein Jahr

später begann sie eine Therapie. Die Diagnose: Borderline-

Persönlichkeitsstörung. Typisch dafür sind unter anderem

starke Stimmungsschwankungen, Impulsivität, ein fehlendes

Selbstbild und die Tendenz zur Selbstverletzung, sowie

suizidale Gedanken. Neun verschiedene

Psychopharmaka nimmt Evelyn täglich

ein, um ihren Gemütszustand zu

regulieren. Ihre Impulsivität äußert sich

vor allem durch spontane Tattoos. Am

Handgelenk hat sie ihre Zimmernummer

aus ihrem letzten Psychiatrieaufenthalt

verewigt. Sie führt einen Stimmungskalender,

in dem sich deutlich die Höhen

und Tiefen abzeichnen, die sie im Laufe eines Monats durchlebt.

Ursachen für eine Borderline-Störung können vielfältig

sein. „Wenn ich an meine Beziehungen zurückdenke, fällt

mir auf, dass ich häufig extrem intensive, aber kurzlebige

Freundschaften hatte. Wann immer mir eine Sache nicht

gepasst hat, habe ich schnell den Kontakt abgebrochen. Ich

suche Fehler aber zuerst bei mir“, reflektiert Evelyn. So zog

sie auch in ihren Liebesbeziehungen häufig die Reißleine,

bevor es zu einem Ende kam. „Erst durch meine Therapie

ist mir bewusst geworden, wie lange ich schon Borderline

habe und dass dieses Verhalten da dazugehört“, erklärt die

Wienerin.

/ POLITIKA / 11


ERHÖHTES RISIKO

In einer Anfang März 2022 veröffentlichten Studie der

MedUni Wien und der Donau Universität Krems geht hervor,

dass 56% der SchülerInnen unter depressiven Symptomatiken

leiden, die Hälfte mit Angststörungen kämpft und ein

Viertel Schlafstörungen hat. „Entscheidend ist auch, dass 16

Prozent der SchülerInnen angaben, suizidale Gedanken zu

haben. Insgesamt ist es wichtig, dass man in diesem Bereich

entstigmatisiert. Das bedeutet, dass man die Möglichkeit bieten

muss, dass Betroffene darüber sprechen können, wenn

es ihnen nicht gut geht, und das möglichst niederschwellig“,

so Lochner, der unter anderem kaufmännischer Leiter der

Psychosozialen Dienste war. Europaweit kam es zu keinem

Anstieg der Suizide. „Aber die Zahl der Suizidversuche hat

massiv zugenommen. Und wir wissen, dass Menschen, die

einmal in ihrem Leben einen Suizidversuch unternommen

haben, ein vielfach höheres Risiko haben, es wieder zu tun.

Es kommt nun darauf an, dass wir diese Menschen besser in

das Behandlungssystem eingliedern“, sagt Ewald Lochner.

„Wir sehen, dass es Menschen gibt, die schon sehr manifest

erkrankt sind. Der Ruf nach Psychotherapie ist ein guter und

ein richtiger, aber man darf nicht vergessen, dass, wenn

jemand psychisch erkrankt ist, es einen Arzt oder eine Ärztin

braucht, um sich das anzuschauen und eine Therapiemöglichkeit

zu finden. Mit all den Problemen, die damit verbunden

sind.“ Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte ist bekanntlich

begrenzt.

Das Sofa war während der Covid-Isolation der einsamste Ort

in Evelyn Shis Wohnung.

RUF NACH VERÄNDERUNG

Dass man gerade in Wien nicht leicht an eine psychiatrische

Behandlung oder einen Therapieplatz kommt, weiß auch

Nicole J. zu gut. Ende April nahm sich ihre Tochter Vivi nach

einem langen Kampf mit Depressionen das Leben. Es war

nicht der erste Suizidversuch – sie wurde nur 25 Jahre alt.

Mit einer Freundin formulierte sie E-Mails an all die Stellen,

die nicht geholfen haben. „Anfangs dachte ich, das bringt

mir die Vivi jetzt auch nicht zurück. Aber vielleicht hilft das

anderen Menschen, die in einer ähnlichen Situation sind.

Alle waren extrem betroffen und waren sich einig, dass sich

etwas ändern müsse“, so die Mutter. Ähnlich wie bei Evelyn

Shi äußerten sich erste Anzeichen für eine Depression bei

ihrer Tochter bereits im Jugendalter. Vivi machte 2017, mit

18 Jahren, gerade die Matura an einer Wiener HTL, als es

ihr zunehmend schlechter ging. Sie wohnte zu dieser Zeit mit

ihrem damaligen Freund zusammen, die Beziehung wirkte

sich negativ auf ihre Psyche aus. Vor dem Schulabschluss

trennte sich das Paar, Vivi schaffte die Matura trotzdem.

„Erst später hat Vivi mir erzählt, dass sie in dieser Zeit schon

depressive Schübe hatte, bei denen sie nicht mehr aus dem

Bett gekommen war“, so Nicole J. im Telefoninterview.

Dem war nicht immer so. „Sie hatte früher ein super

gutes Selbstwertgefühl – durch die Depressionen war das

ganz kaputt. Manchmal sagte sie, dass sie vielleicht gar nicht

krank sei, sondern nur ein schlechter Mensch sei, dass sie

gar nichts könne und uns alle fertig machen würde“, erinnert

sich Nicole, die auch eine jüngere Tochter hat.

Auch Vivi wohnte während der Coronapandemie alleine.

Sie ging zu ihrer Hausärztin, um eine Überweisung für einen

Psychiater zu bekommen. „Die Hausärztin riet Vivi davon

ab, zu einem Psychiater zu gehen, da dies ohnehin viel zu

lange dauern würde. Sie stellte anhand von Vivis Zustand

Depressionen fest und verschrieb Psychopharmaka – dazu

war sie aufgrund gewisser Zusatzausbildungen auch befugt“,

erklärt Nicole. Eine Liste mit Einrichtungen, an die sich ihre

Tochter wenden konnte, bekam sie auch mit. „Wir haben

alles versucht – nirgendwo gab es einen freien Platz. Durch

die Medikamente schien es ihr, zumindest nach außen hin,

besser zu gehen.“

POLITIK UND PSYCHISCHE

ERKRANKUNG – GEHT DAS?

Ende des Jahres 2021 verstärkte sich in Evelyn Shi ein

gewisses Gefühl der Sinnlosigkeit, wie sie es beschreibt.

„Seit dem Covid-Ausbruch haben sich in Abständen drei

meiner Freunde das Leben genommen. Das schwingt immer

mit, wenn es mir schlecht geht.“ Die 27-Jährige ist in Wien

als Kind chinesischer Einwanderer auf die Welt gekommen

und hier aufgewachsen. Ihr Jus-Studium, das sie 2014

begonnen hat, ist momentan pausiert. Evelyn lebt in einer

Zweizimmerwohnung im Wiener Bezirk Döbling, wo sie für

die NEOS als Bezirksrätin tätig ist. Zudem ist sie Vorsitzende

der Jugendorganisation JUNOS. Die zahlreichen Goodies,

12 / POLITIKA /


kleine Fähnchen, Sticker und Flyer in ihrer Wohnung zeugen

von ihrem politischen Engagement. Über ihre Erfahrungen in

der geschlossenen Psychiatrie und das Leben mit Borderline-

Persönlichkeitsstörung schreibt sie offen auf Social Media.

Aber Politik und psychische Erkrankung – geht das überhaupt

zusammen? „Es gibt auch Menschen, die sich Sorgen

um mich machen und mir raten, nicht zu offen über meine

Probleme zu sprechen, da ich sonst später keine Arbeit

finden würde. Oder sie warnen mich davor, dass andere nur

noch das Thema psychische Gesundheit bei mir verorten.

Das Stigma ist immer noch sehr groß. Mir ist das eigentlich

sehr egal, ich finde es wichtiger, dass ich andere damit

erreiche“, erklärt die junge Politikerin. Die Resonanz auf ihre

Postings ist überwiegend positiv, sie bekommt viel Rückhalt

aus ihrem Umfeld. „Ich habe allerdings mitbekommen,

dass man darüber diskutierte, ob ich nicht meine politische

Funktion niederlegen sollte, beziehungsweise ausgetauscht

werden sollte, da ich zu labil sei. Das hat mich schon sehr

verletzt. So etwas muss ich doch selbst entscheiden können.

Niemand hat über diese Probleme mit mir persönlich gesprochen.

Andererseits sehe ich das auch als Problem in unserer

Gesellschaft“, so Evelyn Shi.

Sie nutzt ihre Plattform auch, um auf Missstände aufmerksam

zu machen, die ihr im Laufe der Zeit im Versorgungssystem

aufgefallen sind. „Es hat Monate gedauert, bis

ich einen Therapieplatz gefunden habe. Wenn es dir schlecht

geht, kannst du aber nicht Monate warten. Studierendenberatung

hatte ich auch probiert, aber die waren auch komplett

ausgebucht. Schlussendlich habe ich mich in private

Betreuung begeben“, so Evelyn. Nach ihrem Suizidversuch

bei jenem Seminar in Frankreich kehrte sie nach Wien zurück

und wohnte die ersten Tage zum Selbstschutz

abwechselnd bei verschiedenen

Freund:innen. Dann wollte sie sich doch

in die Psychiatrie einweisen lassen. „Sie

wollten aber mich nicht aufnehmen, da

meine Situation nicht ‚akut‘ gewesen

sei.“ Evelyn ging also wieder und rief

ihre Psychiaterin an, um die nächsten

Schritte zu besprechen. „Wie konnte es

sein, dass ich mir drei Tage zuvor das

Leben nehmen wollte und in der Psychiatrie

meine Situation als ‚nicht akut

genug‘ eingeordnet wurde? Nur weil es nicht in Österreich,

sondern in Frankreich passiert ist? Wenn ich damals alleine

gewesen wäre, hätte mir diese Ablehnung sicher schlimm

zugesetzt. Am Tag darauf war ich bei meiner Psychiaterin,

die dort anrief und ein Schreiben verfasste. Dann erst wurde

ich aufgenommen.“

MIT EINEM ZETTEL NACHHAUSE

GESCHICKT

„Die Angebote für Menschen mit psychischen Erkrankungen

sind in Wien in der Tat teilweise schwer zu erreichen“,

bestätigt auch Psychiatrie-Koordinator Ewald Lochner. „Wir

versuchen das besser zu machen, beispielsweise durch

kinder- und jugendpsychiatrische Ambulatorien, die ganz

Wie konnte es sein, dass

ich mir drei Tage zuvor das

Leben nehmen wollte und

in der Psychiatrie meine

Situation als ‚nicht akut

genug‘ eingeordnet wurde?

„Am Werden“ ist Evelyns Mantra auf ihrem Weg in

die Zukunft. Es ist eine Anspielung auf ein Lied der

Musikerin Anna Mabo.

niederschwellig sind.“ Eröffnet wurden

bereits zwei, ein drittes Ambulatorium

kommt im nächsten Jahr dazu. „Bis

2030 sind sechs Ambulatorien geplant.

Dort können sich Jugendliche und auch

Eltern schnell und niederschwellig Hilfe

holen.“ Um Hilfe leichter zugänglich zu

machen, brauche es aber nicht nur ein

erweitertes Angebot an Ambulatorien.

Es müssten dafür auch Widerstände bei

den Betroffenen und ihren Familien und

Communities abgebaut, psychische Erkrankung noch stärker

enttabuisiert und vor allem entstigmatisiert werden. „Wenn

Jugendliche aus Familien kommen, in denen psychische

Erkrankungen nicht nur kein Thema sind, sondern man sich

sogar dafür schämt, ist das natürlich ein Problem. Dort müssen

wir ansetzen und zeigen, dass psychische Erkrankungen

behandelbar wie jede andere Krankheit und keine Schwäche

sind“, so Lochner.

JEDE HILFE KAM ZU SPÄT

Vivi klagte wenige Monate vor ihrem Suizid noch über ein

Gefühl der Taubheit. „Ob das von den Depressionen kam

oder durch die Medikamente verursacht wurde, war nicht zu

ergründen. Die Hausärztin, die ihr die Medikamente ver-

/ POLITIKA / 13


Evelyn führt Tagebücher, seitdem sie zwölf Jahre alt war. Sie

beschreibt gerne schöne Tage und nutzt das Schreiben, um

ihre Gedanken zu verlangsamen. In der Vergangenheit schrieb

sie aber auch schon Abschiedsbriefe hinein.

schrieben hatte, wies sie weiterhin ab“,

erinnert sich ihre Mutter Nicole. „Bis

Weihnachten 2021 ging alles noch. Sie

war dringend auf der Suche nach einem

Job, da ihre Studienbeihilfe auslief und

sie weiterhin versichert sein wollte. Bei

der Jobsuche wusste sie aber nicht

mehr, was sie überhaupt in die Bewerbung

schreiben sollte. Im Jänner war es

dann ganz schlimm und Vivi ging zum

Psychosozialen Dienst – dort drückte

man ihr jedoch nur einen Zettel in die Hand. Danach ist sie

teilweise nur noch gelegen oder hatte auch Phasen, in denen

sie tausend Dinge auf einmal gemacht hat“, so Nicole J.

Im Kolping-Haus hat sie eine spezielle Beratung gefunden,

zu der Vivi alle zwei Wochen ging. So war sie zumindest in

geringem Ausmaß in Betreuung.

„Am Ende hat es mir gereicht und ich bin zu der Hausärztin

gefahren, um endlich die Überweisung für den Psychiater

und eine Krankschreibung für die Uni zu holen. Ich sagte, ich

gehe hier nicht weg, bis ich all dies bekomme. So geschah

es auch. Jedoch war es ständig so, dass ich überall, wo ich

anrief, zu hören bekam: Das können Sie gar nicht machen,

da Ihre Tochter über 18 ist. Aber die Vivi konnte einfach gar

nichts mehr und lag nur noch im Bett. Mir wurde geraten,

dass ich stattdessen die Rettung rufen soll. Aber da wäre

Am Ende hat es mir

gereicht und ich bin zu der

Hausärztin gefahren, um

endlich die Überweisung

für den Psychiater zu holen.

womöglich auch nicht viel passiert“, berichtet Nicole. So

offen sie über die Probleme mit ihrer Tochter spricht – in

ihrer Stimme liegt immer noch die bedrückende Schwere des

Verlusts. Knapp zwei Monate nach Vivis Suizid sucht Nicole

J. nicht mehr nach Antworten, wie es überhaupt so weit

kommen konnte. Übrig geblieben ist nur die Verzweiflung

über das vorangegangene Jahr, in der sie als Angehörige

einer schwer Depressiven unzureichend über ihre Möglichkeiten

aufgeklärt wurde.

„Was mich wahnsinnig gemacht hat, war dieser Informationsstau.

Wichtige Details habe ich nicht gewusst. Zum

Beispiel, wenn es Betroffenen nach einem Suizidversuch

‚besser‘ geht, ist die Gefahr für sie sogar oft am höchsten

– solche Dinge habe ich einfach nicht gewusst. Und das

habe ich auch nirgendwo gelesen. Das habe ich erst im

Nachhinein erfahren“, so J. Wenige Wochen vor Vivis Suizid

erfuhr sie, dass es auch Wartelistenplätze bei Therapeuten

gibt. „Wir haben uns auch auf die Liste setzen lassen. Kurz

nachdem Vivi Suizid verübte, wäre sie drangekommen. Wir

hatten davor ein Jahr lang herumtelefoniert und erfuhren

das erst viel zu spät. Beim Gynäkologen oder Hausarzt gibt

es doch auch keine Wartelisten. Entweder es gibt Termine

oder nicht. Wenn da jemand mit Depressionen am Telefon ist

und abgewiesen wird – so jemand versucht es danach doch

kaum mehr weiter.“

PFLEGEMANGEL AUCH IN DER

PSYCHIATRIE SPÜRBAR

Im März 2022 kündigten die Minister Mückstein, Plakolm und

Polaschek ein 13-Millionen-Euro-Hilfspaket

für die psychosoziale Betreuung von

Kindern und Jugendlichen an. Für Evelyn

Shi ist das immer noch viel zu wenig.

„Ich habe das Gefühl, dass die meisten

Politiker psychische Gesundheit als ein

Label verwenden, um hier zu sagen:

Wir kümmern uns darum. Aber wirklich

geschehen tut dann wenig. Es gehört so

viel mehr verbessert, von niederschwelliger

Prävention über Suizidprävention

bis hin zu Klinikaufenthalten.“ Shi selbst

hatte Zeit auf der geschlossenen Psychiatrie

verbracht und kann von ihren Erfahrungen berichten:

„Bei uns in der Klinik gab es Pfleger, die um 10 Uhr nachts

erfahren haben, dass sie am nächsten Tag einspringen

müssen, weil es zu wenig Pflegepersonal gab. Der Pflegemangel

geht Hand in Hand mit den Plätzen in der Psychiatrie.

Wenn du überarbeitetes und erschöpftes Personal hast, gibt

es keine gute Verbindung zu PatientInnen. Gereizte Pflegekräfte

reagieren schnell gereizt, was nicht nur für sie selbst,

sondern auch für die PatientInnen eine Belastung ist“, erklärt

die 27-Jährige.

Auch Psychiatrie-Koordinator Ewald Lochner sieht große

Lücken im 13-Millionen-Hilfspaket. „Das ist eine Showpolitik.

Für manche ist es sicher gut und richtig, wenn es um Entlastung

geht. Für diejenigen, die jetzt schon krank sind, wird

das keineswegs reichen. Mit diesen 13-Millionen werden

14 / POLITIKA /


HILFE IN KRISEN:

Für Menschen in Krisensituationen und deren

Angehörige gibt es eine Reihe von Anlaufstellen.

Unter suizid-praevention.gv.at findet man Notrufnummern

und Erste Hilfe bei Suizidgedanken.

KOSTENLOSE TELEFONISCHE HILFE:

• Psychiatrische Soforthilfe (0–24 Uhr):

01 / 313 30

• Kriseninterventionszentrum (Mo–Fr 10–17 Uhr):

01 / 406 95 95,

www.kriseninterventionszentrum.at

• Rat und Hilfe bei Suizidgefahr:

0810 / 97 71 55

• Sozialpsychiatrischer Notdienst:

01 / 310 87 79

• Telefonseelsorge (0–24 Uhr):

142

• Rat auf Draht (0–24 Uhr, für Kinder und Jugendliche):

147

• Sorgentelefon für Kinder, Jugendliche & Erwachsene

(Mo–Sa 14–18 Uhr): 0800 / 20 14 40

• Corona Sorgen-Hotline (Mo – So 8-20 Uhr):

01 / 4000 53000

• Gesprächs- und Verhaltenstipps: bittelebe.at

Das Einnehmen von Psychopharmaka ist für Evelyn

ein Teil ihres Alltags.

neue Strukturen aufgebaut, die nicht mit den bestehenden

verbunden werden. Das muss in die Gesundheitsversorgung

der Länder eingebunden sein. Die wenigen Ressourcen, die

es gibt, werden sonst nur noch weiter verstreut“, erklärt er.

Für die Zukunft wünscht er sich für Kinder, Jugendliche und

junge Erwachsene eine flächendeckende Versorgung mit

Ambulatorien, in denen sie niederschwellig und multiprofessionell

betreut werden. „Mein zweiter Wunsch ist, dass

wir in Wien ausreichend niedergelassene Fachärztinnen und

Fachärzte bekommen, die einen Kassenvertrag haben. Auch

hier formuliere ich einen klaren Appell, dass sich in dem System

der Kassenärzte und Wahlärzte etwas verändern muss.

Es muss einfach möglich sein, dass Eltern mit ihren Kindern

zum Kinder- und Jugendpsychiater gehen können und nicht

150 Euro für die Stunde bei einem Wahlarzt bezahlen“, so

Ewald Lochner.

Das Gesundheitsministerium reagiert auf die Kritik des

Psychiatrie-Koordinators wie folgt: „Bei den 13 Millionen Euro

handelt es sich um zusätzliche finanzielle Mittel des Bundes,

die als erste schnelle Hilfe für Pandemiefolgen aufgewendet

wurden. Dass es einen weiteren Ausbau der psychosozialen

Betreuung benötigt, steht für das BMSGPK außer Frage. Eine

Finanzierung muss in diesem Fall aber gemeinsam mit den

dafür zuständigen Bundesländern erfolgen. Dies muss ein

gemeinsames Ziel im Rahmen der Zielsteuerung Gesundheit

sein.“

MIT SCHULD UND SCHAM UMGEHEN

LERNEN

Evelyn Shi hat eine private Krankenversicherung abgeschlossen,

damit sie einen Teil ihrer Behandlungskosten zurückerhält.

„Nach meinem zweiten Suizidversuch, der auf dem

Nova Rock Festival passierte, hatte ich große Schuld- und

Schamgefühle. Ich dachte, ich bin einfach ein Wrack und

hab’s verkackt“, gibt sie zu. Bis dahin dachte Evelyn, dass

sie den ersten Suizidversuch gut verarbeitet hätte. Doch

der Impuls wieder zurück. Der nächste Schritt ist für sie, mit

suizidalen Gedanken umgehen zu lernen. Denn diese werden

immer wieder kommen. „Meine Therapeutin sagt, dass ein

Suizidversuch mit dem Gedanken an einen Suizid beginnt.

Ich muss lernen mir selber ein bisschen Zeit zu geben“, so

Evelyn. Sie betrachtet das Tattoo auf ihrem Unterarm. „Ich

bin eben noch am Werden.“ ●

/ POLITIKA / 15


Frau Edtstadler,

wie viele Waffen

besitzen Sie?

Wie oft haben

Sie in der eigenen

Partei Sexismus

erlebt?

Wie viel %

schätzen

Sie wird die

ÖVP bei den

nächsten

NR-Wahlen

erreichen?

Wie oft im

Monat trauern

Sie der Ära

„Kurz“ nach?

Interview in Zahlen: In der Politik

wird genug geredet. Biber fragt

in Worten, Verfassungs- und

EU-Ministerin Karoline Edtstadler

antwortet mit einer Zahl.

6

>30

1

Von Amar Rajković, Fotos: Zoe Opratko

Die Verfassungsministerin hat sich noch nie in Wien gefürchtet.

In der Woche landet Fleisch 3 Mal auf dem Teller der

41-jährigen Salzburgerin.

Wie viele

Ballkleider

besitzen Sie?

Wie oft essen

Sie Fleisch in

der Woche?

Wie viel % ihrer

Mitarbeiter

haben

Migrationsbackground?

Wie oft fahren

Sie mit dem

Rad im Monat?

Wie viele Flugmeilen

haben

Sie dieses Jahr

zurückgelegt?

10

3

22

0

30.000

16 / POLITIKA /


Wann waren

Sie das letzte

Mal auf der

„Kaufhaus

Österreich“

Homepage?

Mit wie vielen

Jahren wollen

Sie in Pension

gehen?

Wie viel

Euro hat

das teuerste

Geschenk an

Ihren Sohn

gekostet?

Wie viel Euro

geben Sie

monatlich für

Kosmetik aus?

Wie viele

Waffen

besitzen Sie?

Dezember

2020

70

2000

150

1

(Reise nach NY)

(Edtstadler ist Jägerin)

Edtstadler erinnert sich an sechs sexistische Vorfälle,

die sie in der eigenen Partei erlebt hat.

Die enge Vertraute von Sebastian Kurz denkt 1 Mal im Monat

an die gemeinsame Zeit mit dem Ex-Kanzler.

Wie viele

Minuten

brauchen Sie

morgens, um

sich fertigzumachen?

Wie oft haben

Sie sich in

Wien schon

gefürchtet?

Auf wie viel

Grad ist ihre

Klima anlage

gestellt?

Bis zu spätestens

welchem Jahr

wird Bosnien und

Herzegowina der

EU beitreten?

Bis zu

spätestens

welchem

Jahr wird die

Ukraine der EU

beitreten?

60

0

23

2030

2040

/ POLITIKA / 17


KOMMENTAR

WEISS, MÄNNLICH, TERRORIST

Von Aleksandra Tulej

Ein Mann erschießt in Kopenhagen drei Menschen. Der Angriff wird nicht als Terrortat

eingestuft. Die Schlagzeilen diverser Medien lassen nicht lange auf sich warten: Gesprochen

wird von einer „Gewalttat“, „Bluttat“, und „Tödlichen Schüssen“ . Der Täter: weiß,

männlich, psychisch krank. Bei dem Begriff „Terror“ entsteht in unseren Köpfen oft das

Bild eines islamistischen Attentäters. Daran Schuld sind vor allem wir Journalist:innen.

Anfang Juli erschießt ein 22-jähriger Däne

drei Menschen in einem Kopenhagener Einkaufszentrum.

„Es gibt keine Hinweise in

den Ermittlungen, Dokumenten oder Zeugenaussagen,

die belegen könnten, dass

es sich um Terror handelt“, so Chefinspekteur

Sören Thomassen dem Sender TV2

zufolge. Der mutmaßliche Täter habe wahllos

auf Menschen gefeuert. Laut der Polizei ist der

Tatverdächtige psychisch krank. Während die Behörden

ihre Arbeit machen, passiert mit der Berichterstattung

das Übliche. Wieder geht die Leier von vorne los: Der

Täter ist weiß, männlich, psychisch krank. Von Terror

und Distanzierungs-Aufrufen liest man nichts.

Das war Terror, und wird auch als solcher

bezeichnet. Hier war das Motiv allen schnell

glasklar, es war ein islamistisch-extremistisch

motiviertes Attentat. Es war keine

Rede von psychischen Problemen. Ich

frage mich an dieser Stelle, ob nach dieser

Begründung gesucht wird, wenn man nicht

schnell genug ein Motiv findet. Reicht denn

„Absicht, Menschen zu töten“ nicht als Motiv? Ich

kann diese „psychische Probleme“-Leier nicht mehr

hören. Niemand, der so eine Tat verübt, ist psychisch

stabil, wage ich einmal zu behaupten. Niemand, der

grundlos andere Menschen tötet, kann das rechtfertigen.

„MIT DEM GEWEHR ÜBER DER

SCHULTER“ SCHLAGZEILE ODER

LIEBESROMAN?

Das Motiv sei noch unklar. Mein erster Gedanke:

Welches Motiv kann denn bitte jemand haben, der mit

einem Gewehr wahllos auf Menschen schießt? Der

Duden definiert Terror als die „[systematische] Verbreitung

von Angst und Schrecken durch Gewaltaktionen

(besonders zur Erreichung politischer Ziele)“ bzw. einen

„gewalttätigen, auf Vernichtung, Zerstörung zielenden

Angriff“ Was war diese Tat denn, wenn kein Terror? Bei

Anschlägen mit islamistischem Hintergrund ziert sich

niemand davor, diesen auch als solchen zu bezeichnen.

Und auch zurecht. Islamistischer Terror ist Terror,

rechtsextremer Terror ist Terror. Terror ist Terror. Vor drei

Wochen wurde laut BVT ein Anschlag auf den Vienna

City Marathon vereitelt. So titelten einige österreichische

Medien „Dschihadisten-Mordplan verhindert,“ „Terror-

Katastrophe vereitelt“, „IS-Terror in Wien verhindert.“

Hier stimmt das Wording.

Die „Wiener Terrornacht“ vom 2 November 2020

wird uns auch ewig in trauriger Erinnerung bleiben.

Aleksandra Tulej ist stv. Chefredakteurin von biber, tulej@dasbiber.at

WER DEFINIERT „TERROR?“

Ein anderes Problem ist das Wording an sich. Vielleicht

liegt es auch an den Formulierungen der deutschen

Sprache, die gerne die passive Form verwendet. Genauso

stößt es mir nämlich sauer auf, wenn wieder die Rede

davon ist, dass eine „Frau vergewaltigt wurde.“, „Kinder

in den USA durch Schusswaffen getötet wurden.“ Sie

wurden nicht durch eine leblose Waffe getötet, ein

Mensch hat diese gesteuert und sie erschossen. Ein

Mann hat eine Frau vergewaltigt. Aktiv. Auch beim Thema

Femizide liest man vor allem in heimischen Medien

von „Beziehungsdramen“ und „Familientragödien.“

Bezeichnet die Taten doch als das, was sie sind: Mord.

Sprache schafft Wirklichkeit. Wir Journalist:innen tragen

hier eine unheimlich große Verantwortung, wir bestimmen

den Diskurs zu einem großen Teil mit. Es liegt in

unserer journalistischen Verantwortung, sie zu hinterfragen

und so den Diskurs mitzusteuern. Damit wir Taten

als das benennen, was sie sind. Ohne Verharmlosungen,

Umschreibungen und Framing. Genau wie jetzt die Opfer

in Kopenhagen nicht „durch tödliche Schüsse“ gestorben

sind. Sondern durch Terror.

© Zoe Opratko

18 / POLITIKA /


VERGANGENHEIT

ODER

ZUKUNFT?

EUROPA MUSS UMSTEIGEN.

FÜR DAS KLIMA,

FÜR DEN FRIEDEN,

FÜR DIE ZUKUNFT!

EUROPA.SPOE.AT

QR code scannen und immer up to date bleiben. Wir berichten live aus dem Europaparlament.


LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt

Von Şeyda Gün

MEINUNG

Hot Girl Summer

Lebensweisheiten

Es ist so weit: Der Sommer ist da.

So sehr ich den Sommer auch liebe,

freue ich mich auf einige Dinge gar

nicht: auf den enormen Schweißgeruch

in einer vollgestopften U-Bahn

etwa oder eine neue „Hot Girl

Summer“-Welle in den sozialen Medien.

Instagram fühlt sich immer über

den Sommer wie die ärgste Competition-Reality-Show

an. Aber bad News:

Am Ende des Sommers wird niemandem

ein Award verliehen, wer die

besten Looks oder den besten Urlaub

hatte. Daher sammelt eure Momente

über den Sommer für euch selbst.

Manchmal habe ich das Gefühl, wir

haben verlernt, wie es sich wirklich

leben lässt. Viel zu sehr fokussieren

wir uns auf Instagram oder TikTok-

Trends und vergessen dabei, Momente

zu genießen. Dabei sind es am

Ende des Tages die Erinnerungen, die

unser Gedächtnis prägen. Vielleicht

hatet ihr mich für diese Kolumne oder

verrollt beim Lesen eure Augen, aber

glaubt mir: Irgendwann werdet ihr mir

für diesen Rat dankbar sein. Ich küss

eure Augen liebste bibericas, genießt

eure Zeit. Xoxo Ş.

guen@dasbiber.at

SAMMELT MOMENTE

Die Lebensweisheiten aus meiner Kolumne

waren nicht umsonst: Falls ihr eure Momente

verewigen wollt, lohnt es sich, sich eine Polaroid

Kamera zuzulegen. Ich bin ein riesen Fan

davon, vielleicht werdet ihr es auch. Instax Mini

11 Sofortbildkamera könnt ihr euch bei Amazon

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Ship des Monats

BLAKE LIVELY UND

RYAN REYNOLDS

Ich shippe Blake Lively und Ryan Reynolds

seit Tag eins. Mashallah an diese

zwei Süßen.

Duft-Tipp

VALLAH, DIESER

DUFT IST 11/10

Meine Parfüm-Kollektion zu Hause

ist riesig und verzaubert gerne

meine Mitmenschen. Eines

meiner Lieblingsstücke ist von

Dolce&Gabbana, Garden. (Müller:

61,95 Euro) Gönnt euch Sisters,

bedanken könnt ihr euch später.

Farb-Tipp

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BRÄUNE

Sonnenöl – aber

nur mit UV-Schutz!

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Hawaiian Tropic

sorgt bei mir für

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lang anhaltende

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immer an den

Sonnenschutzfaktor

dabei denken.

Gibt’s zum

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20 / MIT SCHARF /


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SZENEN EINER EHE:

NIEDERÖSTERREICH

UND WIEN

Schon gewusst?

Niederösterreich

und Wien waren

früher einmal

„verheiratet“.

Warum und wie

diese Beziehung

vor 100 Jahren

endete, erfährt

man in einem

spannenden

Themenrundgang

in St. Pölten.

© Daniel Hinterramskogler

Mit dem sogenannten Trennungsgesetz

gingen Wien und Niederösterreich im

Jahr 1922, also vor genau 100 Jahren,

sozusagen getrennter Wege. Aus diesem

Anlass zeigt das Museum Niederösterreich

den Themenrundgang “Niederösterreich

& Wien. Szenen einer Ehe”. Es geht

um die Beziehung der Bundeshauptstadt

mit dem größten Bundesland, anhand

von spannenden Objekten aus dem

Österreichischen Staatsarchiv, bis hin

zu eigens für die Ausstellung kreierten

Stationen in Haus der Geschichte und

dem Haus für Natur. Mit 22 Exponaten

erforscht die Ausstellung die Beziehung

“vor” und “nach” dieser “Scheidung”.

BEZIEHUNGSSTATUS - KOMPLIZIERT.

Der wissenschaftliche Leiter vom Haus

der Geschichte in St. Pölten, Christian

Rapp, erklärt: “Auch wenn die Trennung

für Niederösterreich anfangs schwierig

war, so hat sie doch längerfristig dem

Land genützt. Aber bis heute bleiben

Wien und Niederösterreich eng verflochten.

Auch das zeigen wir mit unserem

Projekt.” Sowohl für Wiener*innen,

als auch für Niederösterreicher*innen

ist eine Menge Spannendes dabei. Mit

Audio-Aufnahmen und der kostenfrei

zum Download stehenden Museums-App

wird die Schau umso lebendiger. Auch

die Wichtigkeit des Nationalparks Donau-

Auen und des Wienerwalds für beide

Bundesländer wird beleuchtet. “Es ist

schon überraschend, dass ausgerechnet

das Lied ‘Wien, Wien, nur du allein!’ von

einem niederösterreichischen Landesbeamten

komponiert wurde. Für den

abschließenden Ausstellungsraum haben

wir aktuelle Statements zu den Beziehungen

zwischen Stadt und Land eingefangen”,

so Kuratorin Marion Krammer.

Die Schau „Szenen einer Ehe:

Niederösterreich und Wien“ ist

bis zum 5. Jänner 2023 zu sehen.

Mehr Informationen unter

www.museumnoe.at

EINE INFORMATION DES LANDES NIEDERÖSTERREICH


Laissez-faire.

Die 90er- und 2000er-Jahre

feiern ein Revival in der Modewelt.

Mit der Hüfthose geht die

Silhouette in die Tiefe. In tiefe

Abgründe – befürchten getriggerte

Modefans über dreißig. Die

neue Generation an Träger:innen

schreitet in mutiger Haltung auf

den Catwalk des Lebens und

zeigt den Teenies der 2000er-

Jahre, wie der breite Denim-Look

mit Tangablitzer heute funktioniert.

Ganz ohne cringe.

Fotos: Marko Meštrović

22 / / RAMBAZAMBA MIT SCHARF / /


Lässig leger.

/ / RAMBAZAMBA MIT SCHARF / / 23


Me first.

Endlich wieder lässig sein. Loslassen,

hängen lassen. Abhängen.

Alles locker. Denn das Leben lockt

(wieder). Der Sommer verspricht,

warm und entspannt zu werden.

Wer will da schon im Office hocken.

Schon gar nicht 40 Stunden oder

mehr. Nach zwei Pandemiejahren

voller Zoomparties soll mal gut

sein, sagen sie, die neuen Jungen.

Ein Stück Jugend ist verloren. Die

Zukunft lassen wir uns aber nicht

nehmen, zumindest „wollen wir sie

soweit wie möglichst selbst bestimmen.“

Me first, eben. Celina bringt

es auf den Punkt: „Im Leben ist

mir wichtig, dass ich bei mir selbst

immer an erster Stelle stehe. Die

Meinungen anderer Leute sind mir

nicht egal, aber wie ich über mich

selbst denke ist am allerwichtigsten,

deswegen übe ich so viel selflove

wie möglich aus.

24 / RAMBAZAMBA /


/ RAMBAZAMBA / 25


No waist & bad taste.

Hilfe, die Hüfthose ist wieder da.

Der Nabel blitzt auch unverfroren

hervor. Was bisher gut verpackt

in der geliebten High Waist Jeans

kaschiert wurde, macht sich mit dem

Comeback der Baggy Jeans wieder

Luft. Der Hosenbund wandert auf

Höhe der Hüfte, und diese wiederum

darf, Body-Positivity sei Dank,

üppig über dem Bund hängen. Skinny

Fashion bleibt in den 2000ern,

bei Christina Aguilera und ihrem

Arschgeweih, das sich heute noch

manches Tattoo-Opfa weglasern

lässt. Das reanimierte Schnittmuster

endet 2022 zum Glück genau über

dieser tätowierten Geschmacksverirrung.

Wir haben uns also auf ein

stilistisches Niveau ein gutes Stück

über dem Schambein geeinigt. Puh.

26 / RAMBAZAMBA /


Progressiv im

Denimlook.

Was für ein Trugschluss: Die Dickies

Skate Pants würden nie wieder aus

dem Schrank hervortauchen, und

der Stringtanga bleibe für immer als

nahtloses Nude-Modell unter den

Hüftknochen in der Hose versteckt.

Die neue Lockerheit korreliert mit

ihren jungen Träger:innen sehr gut.

Alles nicht so eng sehen. Qualitytime

mit Freunden werden Karriere

und Überstunden vorgezogen.

Leisten kann sich das die neue

Generation. Sie tut das, was wir Millennials

uns nicht so wirklich trauten.

Laut sein. Für die eigenen Interessen

einstehen. Toxischen Arbeitgebern

den Mittelfinger zeigen. Denn so neu

ist das Bedürfnis nach mehr Lebensqualität,

weniger Arbeit und einer

Cocktail-Hour um 15h jetzt nicht.

Genauso wie die Hüfthose und das

bauchfreie Spaghettitop im Missoni-

Lookalike mit Kringeloptik. Es kommt

nur in einer neuen Haltung daher.

Selbstverständlicher, nicht auf Knien

bettelnd. Und der Tanga guckt ganz

unvulgär, fast verspielt, hervor.

/ RAMBAZAMBA / 27


28 / RAMBAZAMBA /

Dinkelkeks-Generation

im Vormarsch.

Stößt einen erstmal vor den Kopf,

so viel selbstreflektiertes Handeln.

Letztlich sind das doch die Nachkommen

von Millennial-Eltern.

Jenen Helikoptereltern, die sich so

erpicht bedürfnisorientierte Erziehung,

Selbstliebe und Achtsamkeit

auf die Parenting-Fahne hefteten.

Das haben wir nun von unserem

frühkindlichen Förderungskram,

dem Babyschwimmen und den

zuckerfreien Dinkelkeksen: Lauter

mündige junge Erwachsene mit

Haltung und kniffligen Fragen an uns

(bissi) ältere. Blöd halt, dass die jetzt

nicht mehr ins System wollen. Ins

Office. In die Skinny Jeans. Freiheit

ist das neue Schwarz und sieht im

Boyfriendlook am besten aus. Natürlich

secondhand und nachhaltig:

„Meine Freunde und ich tauschen

Klamotten, die wir nicht tragen,

auch untereinander aus“, so Fiona

über ihren persönlichen Beitrag zum

Umweltschutz. Wir kramen mal im

Schrank der Vergangenheit und

siehe da, steht uns doch ganz gut,

dieses oversized Ding. Macht sich im

(Home-) Office auch ganz gut. Aber

noch viel besser auf der Wiese. Mit

Freunden, einer gekühlten Biolimo

aus der recycelten Glasflasche und

erfüllenden Gesprächen. Life to the

fullest. So soll Leben. So muss Sommer.

Wir wünschen euch schöne

Ferien und viel Heuwiesen-Vibes mit

der ersten Sommerliebe!


Fotos: Marko Meštrović

Assistenz: Mala Brandstötter

Produktion & Text: Ivana Cucujkić-Panić

Styling: Laura Magritzer, Liam Pfefferkorn

Make-Up: Max Artemis

Models: Vova, Romy, Rudi, Xaver, Jabu,

Celina (Das Deck), Fionah (Look Models),

Milo und Oriana

/ RAMBAZAMBA / 29


30 / RAMBAZAMBA /


„Ich hatte ein Hello Kitty

T-Shirt an. “

Flirts, Dates und Beziehungen zwischen minderjährigen Mädchen und Männern Mitte

Zwanzig sind keine Seltenheit. Aber: Was genau will ein 23-jähriger Mann von einer

16-jährigen Schülerin? Was unter dem Spruch „Alter ist nur eine Zahl“ verharmlost

wird, kann sich als bedenklich entpuppen, stellen junge Frauen im Nachhinein fest.

Von Maria Lovrić-Anušić, Collagen: Zoe Opratko

Na, du geile Sau!“, ruft der 26-jährige Marko

durch die Straße. Kurz darauf spürt die damals

15-jährige Anna seine Hand an ihrem Hintern.

Sie kennt ihn aus ihrem Heimatort und sie weiß

auch, dass er elf Jahre älter als sie ist. Total perplex und

versteinert vor Schock sieht sie ihn nur fassungslos an. „Er

wusste ganz genau, wie alt ich bin. Er kennt mich, seitdem

ich ein kleines Kind bin“, erzählt sie. Dumme Sprüche von

gleichaltrigen Jungs war sie damals schon gewohnt, aber

nicht von einem elf Jahre älteren Typen. „Ja was ist? Du

findest mich doch auch geil und bei der Shorts, die du trägst,

brauchst dich auch nicht wundern“, erwidert er auf ihren

fragenden Blick. „Ich fand ihn damals tatsächlich toll, aber

diese Situation war mir total unangenehm. Um nicht wie ein

Kind zu wirken, habe ich dann einfach über die Situation

gelacht.“ Heute ist Anna Mitte Zwanzig.

Anna ist nicht die Einzige, die in ihrer Teenagerzeit solche

Erfahrungen gesammelt hat. Ob auf Tik-Tok oder Instagram

– vor allem junge Frauen berichten über ihre Erfahrungen mit

älteren Männern, die sie sexuell nötigten. Erfahrungen aus

einem Alter, in dem ihnen vieles noch nicht bewusst war. Sie

fühlten sich damals geschmeichelt,

begehrt und wie etwas Besonderes.

Dass diese Beziehungen oft

einfach Grooming (s. Infobox), oder

Übergriffe waren, wurde ihnen viel

später klar. Auch das Instagram-

Medium „die Chefredaktion“ hat

einen Kommentar zu dem Thema

veröffentlicht. „Ich kenne mindestens

fünf Typen, die über 20 sind

Ob auf Tik-Tok oder Instagram

– vor allem junge Frauen

berichten über ihre Erfahrungen

mit älteren Männern, die sie

sexuell nötigten.

und deren Freundinnen noch zur Schule gehen. Typen, die

sich im Club 16-Jährige aufreißen“, heißt es in dem Beitrag.

In den Kommentaren finden sich unzählige Frauen, die

der Autorin zustimmen und von ihren eigenen Erfahrungen

erzählen.

Dieses Phänomen hat einen Namen: Hebephilie. Das

Präventionsnetzwerk „kein Täter werden“ gibt an, dass für

diese Männer der pubertierende Körper von Minderjährigen

ansprechend sein kann. Der Sexologe Wolfgang Kostenwein

vom österreichischen Institut für Sexualpädagogik und

Sexualtherapie erklärt allerdings, dass es auch andere und

sehr vielfältige Gründe für diese Neigung geben könne. Der

Reiz des Verbotenen ist stark, das Gefühl der Stärke, wenn

die Mädchen manipulierbar sind, und dass junge Mädchen

leichter zu beeindrucken sind, seien laut dem Sexologen

ebenso Triebkräfte. „Einer der häufigsten Gründe für diese

Zuneigung ist, dass die Person in sich verunsichert ist und

ein sexueller Kontakt mit einer Gleichaltrigen sozial überfordernd

wäre“, so Kostenwein. Gesetzlich darf man in Österreich

laut dem Bundesministerium für Justiz ab 13 Jahren

Sex mit jemandem haben, der nicht mehr als drei Jahre

älter ist. Sind beide Parteien schon

über 14, gibt es rechtlich gesehen

keine Grenzen. Wenn der Partner

erheblich älter ist, könnte er sich

trotzdem strafbar machen, sollte

die Freiwilligkeit bei den sexuellen

Handlungen nicht gegeben sein,

oder bewiesen werden, dass gezielt

die sexuelle Unreife ausgenutzt

wurde. Ein sexueller Missbrauch

/ RAMBAZAMBA / 31


einer Jugendlichen findet dann statt, wenn sie zu einer

sexuellen Handlung verleitet wurde – etwa durch Bezahlung.

Genau da scheidet sich die rechtliche von der psychologischen

Lage.

„ICH ZWINGE NIEMANDEN ZUM SEX!“

Der heute 28-jährige Toni hatte schon immer ein besseres

Verhältnis zu jüngeren Mädchen als zu Frauen in seinem

Alter. „Die Mädels in meinem Alter

verlangen immer so viel. Geld, Haus und

am besten ein Auto. Das hält doch keiner

aus“, erklärt er. Vor vier Jahren lernte

er die damals 15-jährige Louisa kennen.

Bis vor paar Monaten waren die beiden

auch noch ein Paar. Vier Jahre hat die

ungleiche Beziehung gedauert. „Sie war

damals einfach so süß, als ich sie kennengelernt

habe”, schwärmt er. Mit der

Zeit wurde sie ihm allerdings laut seinen

Aussagen etwas zu zickig. „Wahrscheinlich

wegen der Pubertät. Kaum werden

sie älter sind sie gleich ‘emanzipiert´“,

ergänzt Toni mit einem lauten Lachen.

Seine Grenze setzt er allerdings klar:

keine Mädchen unter 15 Jahren. „Außerdem

zwinge ich niemanden zum Sex

oder mach so eine Missbrauch-Scheiße“,

verteidigt er sich hastig. Zum Sex soll

es, wie er sagt, mit Louisa auch nicht

gekommen sein. Der 28-Jährige braucht

lediglich das Gefühl, der Starke zu sein,

und möchte gebraucht werden. Wenn

eine Frau alles beherrscht und sich um

sich selbst kümmern kann, fühlt er sich

nicht mehr männlich. Er steht auch auf

unterwürfige Frauen. Dass es diese auch

im Erwachsenenalter gibt, bestreitet er

zwar nicht, aber die sind ihm zu fake.

„Ich finde es einfach schön, wenn sie

wirklich zu mir aufsehen oder so schnell

mit den Augen funkeln, weil sie begeistert

sind.“

„GLAUBST DU, ICH BIN EIN

VERGEWALTIGER, ODER WAS?“

Der damals 16-jährigen Maja begegnete Tim in der U-Bahn.

Er sah deutlich älter als sie aus, und er war es auch. Sie fühlte

sich jedoch durch die Blicke des 23-Jährigen geschmeichelt.

„Das ist häufig so. Es gibt den jungen Mädchen ein

besonderes Gefühl, wenn ein älterer Mann sie gut findet.

Sie fühlen sich dann erwachsen“, erklärt Kostenwein. Beim

Aussteigen sprach er sie direkt an und sie verriet ihm sowohl

ihren Namen als auch ihr Alter. „Er war gar nicht schockiert

darüber, dass ich 16 war. Er hat‘s einfach so hingenommen.

Ich fühlte mich so erwachsen.“ Sie tauschten noch in der

U-Bahn-Station ihre Nummern aus und er beharrte darauf,

sich direkt an dem Tag noch zu treffen. „Wir sind eine Stunde

WAS IST GROOMING?

Das englische Wort Grooming

bedeutet auf Deutsch so viel wie

„Anbahnung“. Dabei geht es um

die sogenannte Pädokriminalität,

also das bewusste Annähern an

Kinder und Jugendliche. Dabei hat

der (meist männliche) Täter die

Intension, das Vertrauen des Opfers

zu gewinnen, um dann Manipulation

und Missbrauch auszuüben. Ein

sogenannter Groomer versetzt sein

Opfer in eine seelische und auch

körperliche Abhängigkeit.

Hilfe für Betroffene:

First Love Beratungsstellen:

firstlove.at/beratungsstellen

Rat auf Draht: 147

Wenn du selbst bereits erwachsen

bist und spürst, dass du nur an

Minderjährigen interessiert bist,

bist du nicht automatisch ein Täter.

Du kannst dir bei den folgenden

Stellen Beratung holen und helfen

lassen:

Männerberatung Wien:

+4316032828

Österreichisches Institut für Sexualpädagogik

und Sexual therapien:

+436769407507

später spazieren gegangen und waren in seinem Hof.“ Tim

wollte sie, nach zehn Minuten, schon in seine Wohnung

locken, erzählt die heute 24-Jährige. „Wir könnten eine Serie

schauen“, bot er ihr an. Er war aufdringlich. Maja war sich in

dem Moment sicher, dass es nicht richtig gewesen war, sich

mit ihm zu treffen. Sie fühlte sich immer unwohler. „Gott sei

Dank war ich nicht so leichtsinnig und bin in seine Wohnung

gegangen.“ Ihre Abneigung stieß ihm sichtlich sauer auf.

„Glaubst du, ich bin ein Vergewaltiger,

oder was?“, warf er ihr genervt vor. Laut

dem Sexologen wird gern ein Spiel der

Verführung und Manipulation gespielt,

um die Mädchen dazu zu bringen, mit

den jungen Männern mit zu kommen.

In Maja machte sich Angst breit

und sie setzte sich auf eine Bank. „Es

war so komisch, sein Gesichtsausdruck

änderte sich wie auf Knopfdruck.“ Er

stellte sich vor sie hin und berührte ihre

Oberschenkel. Verschreckt zog sie ihre

Beine weg und in der Sekunde packte er

ihr Gesicht und gab ihr einen Kuss auf

den Mund. „Es war mein erster Kuss und

ich habe mich so eklig gefühlt. Ich hätte

am liebsten losgeheult.“, erinnert sich

Maja. Er ließ sie los und fragte, ob alles in

Ordnung sei. Sie konnte nicht antworten

und war wie versteinert. Er versuchte

ihr noch ein paar Mal einen Kuss zu

geben, doch sie zog ihr Gesicht immer

geschickt weg. „Ich wollte einfach nur

nach Hause.“ Als sie ihm das sagte, wirkte

er aggressiver. „Ganz ehrlich, wenn

du nichts machen willst, dann verpiss

dich!“, schrie er sie an. „Hier spielt nicht

nur die Neigung zu Jugendlichen eine

Rolle, sondern auch unsere patriarchale

Struktur. Er hat nicht das bekommen,

was er wollte. Darum wurde er aggressiv“,

stellt Kostenwein fest. „Ich erinnere

mich noch, wie ich losgelaufen bin und

geweint habe. Er rief mir noch hinterher,

dass ich mich wie ein Kind verhalte.“

Heute kann Maja gar nicht verstehen, weshalb er ihr Alter

absolut nicht als problematisch empfand.

„DU SIEHST GAR NICHT AUS WIE 14.“

Sandra war gerade auf dem Weg nach Hause, als ein Mann

der damals 14-Jährigen den Weg versperrte. „Hallo ich heiße

Alex. Du siehst ur gut aus“, stellte er sich vor, während er sie

von oben bis unten musterte. „Ich bin erst 14. Ich muss los“,

erklärte sie ihm direkt. Es war ihr sofort unangenehm, da er

ihr auf den Körper starrte. In dem Alter hatte sie noch nicht

wirklich Interesse an Männern. Auch körperlich war sie ihrer

Meinung nach nicht ausgereift. „Hast du eine Schwester,

die älter ist, aber genauso aussieht wie du? Ich bin nämlich

schon 21.“ Sie schüttelte auf seine Frage hin nur den Kopf

32 / RAMBAZAMBA /


/ RAMBAZAMBA / 33


und versuchte, an ihm vorbeizugehen,

doch er spiegelte jeden

ihrer Schritte. „Willst du dich dann

nicht mal mit mir treffen? Du siehst

gar nicht aus wie 14.“ Er wusste,

dass es falsch war, sonst hätte er

nicht nach einer älteren Schwester

gefragt. Er ließ keinen Fluchtversuch

ihrerseits zu. „Ich sah keinen

Ausweg, außer einfach so schnell

wie möglich in die andere Richtung

zu rennen. Ich fühlte mich so bedrängt.“ Sie ist sich sicher,

dass sie definitiv nicht älter als 14 aussah. „Ich hatte ein

Hello-Kitty-Shirt an. Also bitte, er wusste ganz genau, was er

macht“, resümiert sie angewidert.

INKOMPETENZ KOMPENSIEREN

Was fast all diese Frauen gemeinsam haben, ist, dass sie

zum damaligen Zeitpunkt nicht verstanden haben, wie

moralisch verwerflich die Taten dieser Männer waren – auch

wenn es nach rechtlicher Lage in Ordnung gewesen wäre. Es

geht bei Minderjährigen stark um das Thema Consent. Das

Was fast all diese Frauen

gemeinsam haben, ist, dass

sie zum damaligen Zeitpunkt

nicht verstanden haben, wie

moralisch verwerflich die Taten

dieser Männer waren.

bedeutet die völlige Zustimmung

beider Partner, wenn es um sexuelle

Kontakte und deren Anbahnung

geht. Der Sexualpädagoge

Kostenwein wendet dazu aber ein:

„Consent ist ein Luxusgut. Denn

dafür muss man sich in der Situation

immer zu 100 Prozent sicher sein.“

Nur weil man vor dem Gesetz mit 14

entscheidungsfähig ist, bedeute das

nicht, dass man immer consentfähig

wäre. Das schaffen laut Kostenwein selbst viele Erwachsene

nicht. Es gibt aber nichts Schlimmeres, als sich benutzt und

ausgenutzt zu fühlen, und meistens geht es den Männern

eben nur darum, sich sexuelle Reize zu schaffen oder ihre

soziale Inkompetenz zu kompensieren. Darum: Auch wenn es

ein gutes Gefühl ist, wenn ein älterer Typ euch toll findet, ist

es unglaublich wichtig, dass ihr euch selbst immer die Frage

stellt: „Ist dieser Mann wirklich an mir interessiert oder will

er nur seinen eigenen Nutzen aus mir ziehen? Warum will er

keine Frau in seinem Alter?“ Mit diesem Bewusstsein könnt

ihr euch womöglich ein Trauma ersparen. ●

34 / RAMBAZAMBA /


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Mini-Urlaub vor der Haustüre:

5 coole Niederösterreich-Tipps

für den Sommer Seien wir uns ehrlich: In Wien ist es

im Sommer zu heiß. Wer dem Beton-

Dschungel entfliehen will, aber nicht

weit weg fahren möchte, wird in

Niederösterreich fündig. Ob Alpaka-

Wanderung, eine Entdeckungstour

in Carnuntum oder Tretbootfahren in

Laxenburg: Für jeden ist etwas dabei.

Von Justyna Pikusa

Wandern mit Alpakas

Im Naturpark Hohe Wand kannst du in den Sommerferien eine Alpakaoder

Lamawanderung buchen. Ja, richtig gehört. Du wanderst, das

Alpaka wandert mit. Wohin es geht, entscheidet aber dein vierbeiniger

Begleiter: Man sollte deshalb mindestens 1,5 h für einen Trip einplanen,

denn diese Tiere haben es nie eilig. Der Treffpunkt findet jeden

Mittwoch um 10:30 statt, ein Lama oder Alpaka als Begleitung für dich

kostet 15 Euro. Außerdem musst du noch den Eintritt in den Naturpark

bezahlen. (2,50 Euro)

https://www.naturpark-hohewand.at/

Asterix in Austria

Ganz Österreich bekommt immer größere Wolkenkratzer

und neue Wohnsiedlungen. Ganz Österreich? Nein!

Ein kleines Dorf leistet behaglich Widerstand. Was jetzt

kommt, kannst du dir denken: Du bist fasziniert von

der römischen Geschichte, und möchtest dich einen

Tag lang in das Leben eine/r antiken Römer/in hineinversetzen?

Dann besuche die Römerstadt Carnuntum.

Das Römerviertel hat täglich zwischen 9 und 17 Uhr

geöffnet. Ab dem 4. Juli sogar bis 18 Uhr. Für Jugendliche

von 15–18 Jahre kostet der Eintritt 10 Euro. Für

Erwachsene 12 Euro, für Kinder bis 14 Jahre 6 Euro.

Alle, die noch nicht 11 sind, zahlen gar nichts! Es gibt

auch ein ermäßigtes Ticket um 10 Euro für StudentInnen,

SeniorInnen, Menschen mit Behinderungen

sowie Präsenz- und Zivildiener. Außerdem kann man für

zusätzliche 3 Euro an einer Führung teilnehmen.

https://www.carnuntum.at/de

36 / RAMBAZAMBA /


Bootfahren wie

in Bridgerton

Das Schloss Laxenburg liegt nur 15 km

von Wien Oberlaa entfernt. Der Schlosspark

ist der größte Landschaftsgarten

Österreichs. Ein toller Ausflugsort für

RomantikerInnen, denn hier auf dem

Gelände befinden sich zwei Schlösser

im Barockstil. Außerdem kann man in

der idyllischen Schlossteich-Landschaft

Tretboot fahren und Rudern. Die Kulisse

erinnert an den allseits beliebten

Netflix-Hit „Bridgerton“ – tuschelnde

Ballgesellschaft exklusive.

Eine Tageseintrittskarte in den Schlosspark

kostet für SchülerInnen bis

18 Jahre mit Schülerausweis 1,70 Euro,

für Erwachsene 3 Euro. Der Schlosspark

hat täglich von 6:00 bis 20:30 geöffnet.

https://www.schloss-laxenburg.at/

© unsplash.com/ ka-long-li, Wikimedia Commons/Thaler Tamas, Wikimedia Commons/Henry Kellner, Niederösterreichische Landesausstellung, Brigitte Kobler/Stift Melk

Ruhig wie ein Mönch

Störche

abklappern

Das Stift Melk gehört aufgrund seiner großartigen Architektur im

Barockstil zum UNESCO-Weltkulturerbe. Seit eh und je leben auf

dem Gelände Mönche, die nach wie vor alte Kloster-Traditionen

pflegen. Kulturinteressierte können hier z.B. das Stiftsmuseum und

die Stiftsbibliothek besuchen. Fans der klassischen Musik finden

hier regelmäßig Konzerte. Bonus: In Kirchen ist es immer kühl.

Eine Besichtigung des Stifts kostet für Erwachsene 13 Euro – für

Schüler Innen, StudentInnen und Präsenzdiener 6,50 Euro (Ausweis

nicht vergessen!). Wer eine Führung möchte, muss zusätzlich

3 Euro draufzahlen. Besichtigungszeiten: 09:00-17:30 (letzter

Einlass erfolgt um 17:00 Uhr)

https://www.stiftmelk.at/de/stift-melk-fuehrungen.html

Warum sagt man eigentlich, dass der Klapperstorch die Kinder bringt?

Können diese Vögel wirklich bis zu 50 Stundenkilometer schnell fliegen?

Und warum klappern Storche überhaupt? Bei der Führung „Im Reich der

Störche“, die im Rahmen der diesjährigen NÖ-Landesausstellung „Marchfeld

Geheimnisse“ stattfindet, erfährst du alles über die Lebensweise von

„Meister Adebar“. In den March-Auen befindet sich die größte baumbrütende

Weißstorchen-Kolonie Mitteleuropas. Die Führung dauert ca. 45

Minuten und kostet 3,50 € pro Person. Mehr Infos findest du unter

www.noe-landesausstellung.at

/ RAMBAZAMBA / 37


SCHÖNER,

BILLIGER,

SOPRON

38 / RAMBAZAMBA /


Billiger zur Maniküre, günstiger Haare schneiden, eine weiße Zahnfüllung um den

halben Preis – und das nur eine Stunde von Wien entfernt: Die ungarische Grenzstadt

Sopron ist seit eh und je ein beliebtes Ziel für „Dienstleistungstourist:innen“

aus Österreich. Doch in den letzten zwei Jahren ist viel österreichische Kundschaft

weggefallen. Ein Lokalaugenschein.

Von Aleksandra Tulej, Fotos: Zoe Opratko

Dieser Text ist vorab im period. Magazin erschienen und im Rahmen

einer Kooperation von period. und biber entstanden

Der „Erzsébet Szalon“ ist an diesem Donnerstagmorgen

im Mai gut besucht. Im Friseurund

Schönheitssalon in der Erzsébet-Straße

2 in Sopron wird geschnitten, geföhnt und

getratscht, was das Zeug hält. Auch auf Deutsch. „Ich stelle

mich immer als Elisabeth vor, aber eigentlich bin ich ja die

Erzsébet“, lacht eine 85-jährige Dame, die gerade unter der

Friseurhaube wartet, bis ihre Dauerwelle fertig wird, dabei

gleichzeitig ihre frische Pediküre trocknen lässt und in einem

ungarischen Klatsch-Magazin blättert. Die Namensvetterin

der Straße und des Salons ist in Sopron geboren, aber

nach der Ungarn-Revolte 1956 nach Österreich gekommen.

Heute lebt die Pensionistin in Wien-Favoriten, wo sie früher

als Schneiderin gearbeitet hat. Ihre Dauerwelle, Maniküre

und Pediküre lässt sie aber nur hier in Ungarn machen. Bloß

zum Zahnarzt geht sie in Wien. Privat. „Das ist aber auch ein

Ungar. Dem vertrau ich.“ Frau Erzsébet hat hier in Sopron

Die Favoritnerin Elisabeth lässt sich in Sopron hübsch

machen.

seit zwanzig Jahren ein „kleines Häuschen gegen das Heimweh“,

in dem sie ein paar Tage im Monat verbringt. Hier sei

es ruhiger als in Wien, wie sie uns erklärt. Und günstiger,

zumindest die Schönheitsbehandlungen. Außerdem liegt ihr

die ungarische Politik mehr als die österreichische: „Ich weiß,

ihr mögt‘s den Orban alle ned. Aber der tut zumindest was

für seine Leute! Ich kann hier gratis mit den Bussen fahren

als Pensionistin, in Österreich kann ich das nicht.“ Nach dem

populistischen Politik-Plausch mit Frau Erzsébet ziehen wir

weiter. Die Stadt ist klein, aber zu entdecken gibt es mehr als

genug.

„IN ÖSTERREICH ZAHLE ICH

DAS DOPPELTE!“

Die ungarische Stadt Sopron, 70 Kilometer von Wien

entfernt, zählt etwa 60.000 Einwohner:innen und ist seit

eh und je eine beliebte Destination für Österreicher:innen,

die günstiger ihre weißen Zahnfüllungen machen, Haare

schneiden oder zur Maniküre oder Massage wollen.

All diese Dienstleistungen werden hier um einiges billiger

als in Österreich angeboten. Die Stadt hat sich längst an

die Österreicher:innen angepasst. In Euro kann man hier

genauso zahlen wie in Forint. (Anm.: 1 € sind 394,5 Forint)

Deutsch ist die inoffizielle zweite Amtssprache. Nicht nur

die Straßenschilder sind zweisprachig – auch die Ordinationen

werben um ihre österreichischen Patient:innen. Von

allen Seiten liest man auf Deutsch: „KRONEN MIT DIGITALER

TECHNOLOGIE IN NUR ZWEI STUNDEN“, „ZAHNRÖNTGEN

UND FÜLLUNGEN“, „BLEACHING 200 €“. Zahnkliniken und

Schönheitssalons gibt es hier wie Sand am Meer. Bevor man

einen Supermarkt findet, läuft man an gefühlt zwei Beauty-

Salons und drei Zahnarztpraxen vorbei.

Im Warteraum einer solchen Zahnarztpraxis kommen wir

mit einer blond gefärbten Frau um die 60 ins Gespräch. Sie

ist hier, da mit ihrem Zahnimplantat etwas nicht stimmt. „Na

sicher komm ich hierher. Ich fahr ja ned lange her aus Sankt

Pölten. Wer soll sich bei uns sowas leisten können?“, fragt

sie kopfschüttelnd. „Da würd ich ja auf über 30 Tausend Euro

kommen, bei all meinen Zahn-Gschichten. In Sopron zahl ich

nur die Hälfte!“ Ihren Namen will sie uns nicht verraten, eines

möchte die Niederösterreicherin allerdings loswerden: „Wenn

man ein paar Ausländer aus Österreich, naja, rausschmeißen

/ RAMBAZAMBA / 39


„Das letzte Mal, als ich hier war, gab es noch Schilling!“ – Hans, Franz und Peter sind zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in der

ungarischen Grenzstadt Sopron. Die Dinge haben sich kaum verändert.

würd, dann wäre es bei uns vielleicht billiger. Entschuldigen

Sie, dass ich das so sage.“ Was sie genau damit meint? „Na,

wenn Österreich sich nicht immer da einmischen würde, was

uns nix angeht! Dann hätten wir mehr Geld!“, begründet sie

ihren Zahnarzt-Ausflug ins, naja, Ausland. Geld bleibt ein

Thema, auch außerhalb der Zahnklinik.

„SEIT DER PANDEMIE IST EINIGES

AN KUNDSCHAFT AUS ÖSTERREICH

WEGGEFALLEN“

„Das letzte Mal, als ich hier war, gab es noch Schilling! Aber

günstiger war es immer, das war ein Traum“ erinnert sich

Herr Franz, der gemeinsam mit seinen Freunden Peter und

Hans mit dem Zug aus Wien angereist ist. Die drei wollen

sich „heute einen schönen Tag hier machen, ein bissi

schauen, was sich verändert hat.“ Franz erzählt, dass seine

Frau in den 90er Jahren in Sopron oft zur Fußpflege und

zum Friseur ging, und währenddessen ist er in der Stadt

herumspaziert – genau das haben die drei pensionierten

Freunde um die 80 heute auch vor. „So anders schaut‘s

ja gar nicht aus“, lautet ihr Anfangsfazit. Dennoch spürt

Sopron eine Veränderung, vor allem was das Wirtschaftliche

anbelangt. In den letzten zwei Jahren war es aus

bekannten Gründen schwierig, in andere Länder zu reisen.

40 / RAMBAZAMBA /


Das galt auch für jene, die nur für ein paar Stunden aus

Österreich nach Ungarn wollten.

Laut der WKO pendeln rund 42.600 Personen regelmäßig

wegen der Arbeit aus Ungarn nach Österreich. Die meisten

Pendler:innen arbeiten in Niederösterreich, gefolgt von der

Steiermark, dem Burgenland, Oberösterreich und Wien. Auch

die Pandemie zeigt hier ihre Spuren: „Im März 2020 kamen

plötzlich 22.000 Menschen weniger aus den Nachbarstaaten

nach Österreich als im Vormonat“, heißt es auf Nachfrage

beim Außenwirtschafts-Center Budapest. „Die Inanspruchnahme

persönlicher Dienstleistungen (v.a. Gesundheit und

Pflege) in Ungarn war 2020 und auch größtenteils 2021

kaum bis gar nicht möglich.“ Erst am 7. März 2022 sind in

Ungarn sämtliche COVID-Sonderregelungen gefallen.

„Seit der Pandemie ist einiges an Kundschaft aus Österreich

weggefallen. Vor Corona hatte ich viel mehr österreichische

Kundinnen. 30 % würde ich sagen, jetzt nur mehr

10 %“, erzählt die 30-jährige Ungarin Kitti, Inhaberin des

„Sweet Beauty“ Schönheitssalons. Einige Stammkundinnen

sind ihr dennoch erhalten geblieben. Zu den beliebtesten

Behandlungen der Österreicher:innen hier zählen Permanent-

Makeup und Wimpernverlängerungen. „Aber natürlich haben

die Leute jetzt weniger Geld, dann geben sie auch weniger

bei uns aus“, resümiert sie. Kitti hat sich vor zweieinhalb

Jahren selbständig gemacht, davor hat sie in einem bekannten,

großen Beauty-Center in Sopron gearbeitet, das von

vorwiegend österreichischer Kundschaft besucht wird. Dort

hat sie auch Deutsch gelernt. Für Kitti ist es nicht ungewöhnlich,

auf Deutsch angesprochen zu werden. „Wir sind hier

alle daran gewöhnt“, lacht sie. Als sie in dem Beauty-Center

angestellt war, hat sie um die 600 € im Monat verdient,

heute sind es über 2000 €. Davon bleibt ihr aber nach allen

Abgaben die Hälfte. Ob es sich für Kitti nicht mehr rentieren

würde, ihren Job in Österreich auszuführen? „Viele meiner

Freundinnen wohnen in Ungarn und pendeln nach Österreich,

aber ich wollte das nicht wegen der Entfernung. Natürlich

verdienen die mehr. Aber ich mag meinen kleinen Salon

hier, wir kommen schon zurecht“ wirkt sie nicht unzufrieden.

Seitens der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) heißt es

dazu:„Die Auslandsbeschäftigung von Ungar:innen, wie auch

die zeitweise oder permanente Auswanderung trugen neben

weiteren Entwicklungen dazu bei, dass es in Ungarn in den

letzten Jahren zu einem erheblichen Arbeitskräftemangel

gekommen ist.“

TRICKS WÄHREND DER PANDEMIE

Dennoch: Das Zahnarzt-Business scheint hier nach wie vor

zu boomen. Dr. Péter Csipkay, Zahnarzt bei „FAMILY DENT“

führt seit 30 Jahren seine Klinik, in der auch seine Tochter

praktiziert. Eine weiße Füllung kostet bei ihm 40 bis 60

€. Das führt Patient:innen aus Salzburg, Wien und Tirol in

sein Praxis. „Jetzt kommen weniger aus Österreich, da die

Menschen gerade nicht so finanziell planen können, wie

früher. Das ist aber nicht tragisch.“ Dr. Csipkay betont, dass

er genauso viele Patient:innen aus Österreich und Ungarn

hat, und er hier keine Unterschiede macht. Einige Leistungen

in der Praxis übernimmt auch die Österreichische Gesund-

Zahnarzt-Praxis und Kebab/Pizza-Restaurant in Personalunion.

Vor allem der Schönheitstourismus boomt in Sopron.

/ RAMBAZAMBA / 41


Darf‘s ein bisschen mehr Glitzer sein?

heitskasse – das sei vielen Patient:innen aber anfangs nicht

bewusst.

Auch Dr. Zsusanna Szekeres, die seit 30 Jahren in ihrer

Soproner Zahnarztpraxis tätig ist, hatte vor der Pandemie

mehr Patient:innen aus Österreich. Heute sind es zwar

weniger, aber dennoch um die zehn pro Woche. Während

der Hochphasen der Pandemie wurde es aber chaotisch.

„Viele waren sehr verwirrt. Wir haben Anrufe bekommen mit

immer denselben Fragen: Darf ich kommen? Muss ich dann

in Quarantäne? Viele Informationen waren aber falsch. Mit

einem speziellen Bescheid vom Bundeskanzleramt durfte

man auch während der Pandemie aus Österreich kommen,

das wussten viele aber nicht.“ (Anm.: Es handelt sich hier

um die Bestätigung über die unbedingte Notwendigkeit der

Inanspruchnahme einer medizinischen Leistung)

LEO-PRINT UND SOWJET-FLAIR

Was allerdings nicht unter eine „unbedingte Notwendigkeit“

fällt, aber dennoch genauso oft ein beliebtes Ziel der

Österreicher:innen ist, sind Maniküre und Pediküre. Wer

unterschiedliche Angebote vergleichen will, wird an diesem

besonderen Ort fündig: Das „Sopron Stadion Center“, ein

Kaufhaus, das architektonisch eindeutig in die Sowjet-Ära

einzuordnen ist, ist etwas schäbig und heruntergekommen –

und mehr als gut besucht. Hier reihen sich Beauty-, Friseurund

Massagesalons in einer Dichte aneinander, die man nicht

einmal in den belebtesten Einkaufsstraßen der europäischen

Metropolen findet. Zwischen Friseurumhängen im Leopardenmuster,

rosa Plüsch-Bezügen für die Pediküresessel und

sehr gephotoshoppten Plakaten von sehr weißen Zähnen

weiß man nicht, wohin man seinen Blick richten soll. Das

Kaufhaus mag äußerlich seine besten Jahre lange hinter sich

haben, aber das scheint die Schönheitswütigen hier nicht

abzuschrecken. Die Preise sind in all den Salons ähnlich. Eine

Pediküre kostet von 12-16€, eine Maniküre 9-13 €, lange

Haare färben inkl. Föhnen 13-15€. In Wien bezahlt man

für diese Dienstleistungen oft das Doppelte. Michelle aus

Oberpullendorf sitzt in einem der Nagelstudios im Sopron

Stadion Center gerade bei der Pediküre. Ihre Fußnägel

glänzen schwarz. „Ich zahle da 12 € für meine Nägel, das

ist nix! Mit dem Auto bin ich schnell hier, natürlich komm ich

dann hierher!“, erzählt die sympathische tätowierte Blondine.

„Aber während der Pandemie sind die Kosmetikerinnen hier

mit der Zeitung dagesessen, da hast du schon gemerkt, dass

weniger Kundschaft da war. Aber gut, wer sich nicht impfen

wollte, durfte halt nicht rüberfahren“, resümiert sie. Währenddessen

will eine Tochter im Teenager-Alter ihre Mutter

überreden, dass sie unbedingt eine Glitzer-Maniküre braucht.

Sie sprechen mit wienerischem Akzent. „Mama, schau, das

ist so viel billiger hier!“ Die Mutter studiert den Aushang mit

den Preisen und nickt zustimmend. Eine Tür weiter treffen

wir Martina und Sandra, beide um die 40, die heute hier

sind, um sich eine Massage zu gönnen. Eine halbe Stunde

Massage wird im Stadion Center schon für 15 € angeboten.

„Wir haben von Freunden gehört, dass das empfehlenswert

sein soll. Wir wollen es mal ausprobieren!“ Die beiden düsen

gleich weiter.

Wir kommen nicht umhin, uns zu fragen, ob das alles

nicht einen gewissen Ausbeute-Faktor mit sich bringt: In

Österreich verdienen, in Ungarn billig Nägel machen lassen.

„Warum? Wir profitieren doch davon, das war immer schon

so!“, erzählt László, der zwar nicht hier arbeitet, aber die

ganze Zeit über, als wir im Stadion Center sind, mit seiner

Friseurin plaudert. Er arbeitet seit 30 Jahren in Österreich.

„Meine Tochter ist auch Friseurin. Die erzählt auch davon,

dass ihr die österreichischen Kunden abgehen, die haben

Geld hergebracht.“ Sogar hier, an diesem nostalgischen Ort,

an dem die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, merkt man

die Auswirkungen der Pandemie. „Nur hoffentlich kommen

jetzt wieder mehr Österreicher zu uns. Früher war hier alles

voll!“

Jetzt wollen wir es auch selbst wissen. Nach einem langen

Tag voller Erzsébet Erlebnisse, Zahnklinikgeruch, Preisvergleichen,

voll Belauschen von Leuten und Sowjet-Shoppingcenter-Eindrücken

unterziehen wir uns dem Selbsttest:

eine Pediküre im Stadion Center. Glitzern soll es, befiehlt

die Fotografin. Die Saloninhaberin hat viel Kundschaft aus

Österreich – jetzt eine mehr. Das Endergebnis: eine Pediküre

mit blauem Glitzer-Shellac. Kostenpunkt: 17 €. Fazit: Kann

man machen. ●

42 / EMPOWERMENT / RAMBAZAMBA SPECIAL / /


IHRE IM FALL

DES FALLES-

APP.

Sie fahren weg, wir informieren. Jetzt kostenlos und bequem über den QR-Code oder den App-

Store die Auslandsservice-App downloaden und gut vorbereitet ins Ausland fahren. Registrieren

Sie sich vor Ihrer Reise für Ihre Reise. Wir informieren Sie über die aktuelle Lage in dem Land,

in dem Sie sich aufhalten, und helfen, sollten Sie Unterstützung brauchen.

– Ihr Außenministerium

24/7


KARRIERE & KOHLE

Para gut, alles gut

Von Šemsa Salioski

MEINUNG

Kein Urlaub für

Diasporaeltern

Sonnen neben dem Hotelpool auf Kreta

oder Roadtrips in Südfrankreich? Das

kennen meine und viele andere Diasporaeltern

aus der Arbeiterschicht nur aus

Filmen. Mein Vater saß bisher noch nie

in einem Flugzeug. Nur im Bus, Richtung

alte Heimat, Richtung Süden. 20

Stunden lang. Urlaub bleibt scheinbar

ewig ein Synonym dafür, den Geburtsort

besuchen zu müssen, obwohl der Trip

für sie alljährlich mit Stress verbunden

ist. Direkt nach der Ankunft wird bei

35°C am scheinbar nie fertig werdenden

Haus weitergearbeitet. Zwischendrin

wird meine Oma zu längst überfälligen

Untersuchungen gefahren. Hallo Schuldgefühle.

Bevor es abends endlich raus

geht, kommt unangekündigt Besuch, der

fürstlich bewirtet werden will. Außerdem

gibt es mindestens ein tränenreiches

Familiendrama wegen irgendeinem

Grundstück. Meine Generation lässt sich

„richtigen Urlaub“ jedoch nicht nehmen,

denn wir haben „unten“ keine Verpflichtungen

und auch sonst keine Angst vor

dem Unbekannten. Unser Englisch sitzt

und Smartphones zeigen uns alles, was

wir wissen müssen. Mein Vorschlag: Geld

sparen und zumindest einmal für die

Eltern einen Trip an einen für sie unbekannten

Ort organisieren, statt selbst

zum vierten Mal Partyurlaub in Barcelona

zu machen.

salioski@dasbiber.at

Lerntipp

Know Your Rights

MUSS MAN AUCH IM URLAUB

ERREICHBAR SEIN?

Nein. Laut Arbeitsrecht muss kein*e Arbeitnehmer*in dafür sorgen, in der

Urlaubszeit von Kolleg*innen oder Vorgesetzten kontaktiert werden zu

können. Wenn man selbst trotz Aufforderung nicht erreichbar ist, darf das

kein Kündigungsgrund sein. Arbeitgeber*innen müssen sich selbst darum

kümmern, dass der

Betrieb weiterläuft. Also,

einfach entspannt zum

Klingelton tanzen und das

Handy umdrehen, falls es

irgendwer doch wagen

sollte. Bei Nachrichten

ohne Scham höflich darauf

hinweisen, dass man

sich meldet, sobald man

wieder zurück ist.

Lernen mit Youtube & Co.

Du willst im Urlaub nicht verblöden

oder einfach dein Allgemeinwissen

aufbessern? Dann check auf jeden

Fall die deutschsprachige Online-Lernplattform

simpleclub.com ab. Themen

aus fünfzehn verschiedenen Gebieten

werden hierbei easy und umgangssprachlich

erklärt, darunter Politik,

Geschichte, Physik, Informatik und

Wirtschaft. In den unzähligen lustigen

Animationsvideos werden Fragen rund

um Aktien, Genetik, Revolutionen, EU-

Verordnungen, Programmierung oder

Massentierhaltung behandelt. The best

part: Die Lernvideos und die App in der

Basisversion sind kostenlos!

http://simpleclub.com

FOMO

(„FEAR OF MISSING OUT“)

WAR GESTERN!

Diesen Sommer gilt: It‘s a Hot Girl

Summer! Wir wollen aber bitte einfach

einen healthy & happy Summer.

Durch das berühmte Sommerloch

hast du mal wieder Zeit abzuschalten

und auf dich zu schauen! Die

VHS hilft dir dabei. Mit tausenden

Sommerangeboten kannst du für

deine mentale Gesundheit etwas

Gutes tun, deine Kreativität ausleben

& deinen Körper und Geist mit

Yoga und Co. in Einklang bringen.

Wenn du dir jetzt denkst „Dafür hab‘

ich kein Cash.“ – sei beruhigt, viele

der Sommerangebote im Freien sind

kostenlos! Schau gleich rein auf

www.vhs.at/sommer

© Zoe Opratko, unsplash.com/S‘well

44 / KARRIERE /


#deine

Stimme

für Gerechtigkeit am Arbeitsplatz

Die Arbeiterkammer ist

#deineStimme für Fairness und

gegen Ausbeutung am Arbeitsplatz.

AK.AT/DEINESTIMME


Selbermacher

„Gut Behütet“ ist

man in dem gleichnamigen

Geschäft im

1. Bezirk auf alle Fälle:

Wo leidenschaftliche

Hut-TrägerInnen Top-

Beratung erhalten.

Von Nada El-Azar-Chekh,

Fotos: Matthias Nemmert

Ohne

Zwang,

dafür mit

viel Herz

In seiner Heimat Irak war Gorgy Walid

Journalist und Filmemacher, der aus

dem Kriegsgebiet berichtete. 2015

flüchtete der modeaffine 37-Jährige vor

dem Regime im Irak nach Österreich und

hat hier seine Leidenschaft für Hüte in ein

eigenes Geschäft gesteckt. Zentral gelegen,

hinter dem Steffel im 1. Bezirk, liegt

der Shop “Gut Behütet“, der im Oktober

vergangenen Jahres seine Pforten öffnete.

Walid betreibt es gemeinsam mit Co-Inhaberin

Alexandra Pomper, die selbst schon

seit über 20 Jahren in der Branche tätig ist

und im Traditions-Hutgeschäft„ Oberwalder“

Gorgy als Stammkunden bedient hatte,

bevor die letzte Filiale auf der Mariahilfer

Straße coronabedingt schließen musste.

Die beiden lernten sich kennen, als Gorgy

noch ganz neu in Österreich war. „Damals

haben wir sogar noch Englisch miteinander

gesprochen“, so die Hut-Expertin.

FÜR ALLE ANLÄSSE UND

GESCHMÄCKER

„Mit Alexandra hat es sofort gefunkt“,

erzählt Walid, der seinen allerersten Hut

als Zehnjähriger noch im Irak aus Karton

gebastelt hat. „Dieser Hut hielt leider nur

bis zum nächsten Regen“, lacht der Inhaber.

Gemeinsam zogen die Geschäftspartner

den Shop ganz nach ihren Vorstellungen

auf.„ Gut Behütet“ führt ein vielfältiges

Sortiment für Damen und Herren, das ein

passendes Modell für jeden Anlass und

jede Jahreszeit enthält. Neben namhaften

Labels wie Kangol, Baily aus dem USamerikanischen

Pennsylvania und Marone

aus Italien, findet man vor allem Modelle

46 / KARRIERE /


von nachhaltig produzierenden, innovativen

Marken aus Österreich und Europa. Vom

Strohhut für den Sommerurlaub, einer

Kappe für den Alltag, Cowboy- und

Fischerhüten bis hin zu extravaganten

Modellen, die man nur auf einer Gala

tragen kann, ist für jeden Geschmack etwas

dabei. Die Kundschaft ist so vielfältig,

wie die Auswahl im Geschäft. Besonders

viele Stammkunden aus dem Oberwalder

sind zu„ Gut Behütet“ übergelaufen. Auch

kommen Musiker, die gerne einen Hut als

Markenzeichen auf der Bühne tragen.

HAUPTSACHE, ES PASST

Die Stärke von„ Gut Behütet“ liegt vor

allem in der Top-Beratung.„ Bei uns gibt

es keinen Zwang zum Kauf. Gerne lassen

wir unsere Kundschaft sich umschauen

und wir beraten alle wirklich offen und

ehrlich“, so Gorgy Walid. Ein Kunde, dem

das Modell nicht zu 100 Prozent steht,

wird so vermutlich ohne Hut das Geschäft

verlassen. Niemandem wird etwas

aufgedrängt. Bei manch einem braucht es

gar die Anprobe dutzender Modelle, bis eine

passende Kopfbedeckung gefunden ist. „Bei

einem Kunden aus der Schweiz hatte ich

schon die Hoffnung verloren – beim 30. Hut

klappte es aber“, verrät Alexandra Pomper.

Zwickt ein Hut, kann er auch im Geschäft

direkt nochmals mittels Dehnung angepasst

werden. Vor Ort bekommt man alle

wissenswerten Tipps und Tricks in Sachen

Pflege und Material. Besonders beliebt

waren in letzter Zeit bei Jugendlichen

sogenannte„ Bucket Hats“, (Fischerhüte)

die in den 80ern im Trend waren und nun

ein Retro-Revival erleben.

Gut Behütet

Rauhensteingasse 7, 1010 Wien

WKO-WIEN HILFT

Im Gründerservice der

WKO-Wien kann man bei

einem Beratungsgespräch

alle Fragen stellen, die die

Gründung eines Unternehmens

betreffen. Im Vorhinein

kann man sich auch

schon eigenständig online

informieren. Ob generelle

Tipps zur Selbstständigkeit,

rechtliche Voraussetzungen,

Amtswege oder

Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten:

Auf

der Website kommt man

mit wenigen Klicks zu allen

wichtigen Informationen.

wko.at/wien

www.gruenderservice.at

Die Selbermacher-Serie ist

eine redaktionelle Kooperation

von das biber mit der

Wirtschaftskammer Wien.

Du hast den Mut,

wir das

Sprungbrett

Tauch ein in die

Kommunikationswelt

Jetzt noch

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sichern!

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werbeakademie.at


„Drei Monatsgehälter

als Reserve bereithalten!“

man sich zum Beispiel mit zehn Euro

weniger leisten als vor ein paar Monaten.

Wie kommt es zur Inflation?

Bei der Inflation spielen Angebot und

Nachfrage eine entscheidende Rolle.

Aktuell ist es ein Zusammenwirken von

verschiedenen Ereignissen – wie der

Pandemie, Klimakrise und dem Krieg in

der Ukraine.

Wie kann man sich das genau vorstellen?

Einfach erklärt bedeutet das, dass das

Angebot an Waren knapper wird, die

Nachfrage gleichzeitig ansteigt bzw.

gleich bleibt, wodurch folglich die Preise

für diese Waren steigen. Ein Beispiel

dafür ist der Computer. Auf der einen

Seite konnten Firmen aufgrund von

Lieferschwierigkeiten bei Einzelteilen

während der Pandemie mit der Produktion

nicht nachkommen. Auf der anderen

Seite, wollten Konsument:innen allerdings

weiterhin diese Ware erwerben.

Das Produkt wurde knapp und deshalb

teurer.

Semra Pamuk ist Wissensvermittlerin im Flip – Erste

Financial Life Park. Dort bringt sie Kindern und

Jugendlichen alles rund ums Thema Geld und Finanzen

näher. Auch Inflation ist eines der wichtigsten Themen.

Von Maria Lovrić-Anušić, Foto: Markus Korenjak

BIBER: Immer mehr junge Menschen

machen sich momentan Sorgen und

möchten ihr Geld nicht mehr in der Bank

bewahren. Macht es Sinn jetzt zu investieren

und wie geht man das am besten

an?

SEMRA PAMUK: Sorgen ums Geld sind

berechtigt und individuell. Wichtig ist

deshalb, dass junge Menschen sich mit

ihren Finanzen auseinandersetzen und

sich informieren, wie sie ihr Geld sinnvoll

veranlagen können. In was genau man

investieren möchte, ist von Person zu

Person unterschiedlich. Dafür sollte man

sich direkt in der Bank beraten lassen.

Grundsätzlich sollten mindestens rund

drei Monatsgehälter als Reserve vorhanden

sein.

Was ist Inflation?

Die Inflation ist die Steigerung des allgemeinen

Preisniveaus. Das bedeutet, dass

unser Geld an Wert verliert. Jetzt kann

Wen betrifft die Inflation am stärksten?

Sie betrifft uns alle. Aber unterschiedlich

stark. Einkommensschwächere oder

Personen aus der Mittelschicht belastet

sie stärker. Allein beim Einkauf im

Supermarkt spürt man die Preiserhöhungen

mehr. Die obere Schicht muss sich

um diese essentiellen Ausgaben keine

großen Gedanken machen.

GIBT ES TIPPS, UM

SEIN GELD ZU SPAREN,

DA JETZT ALLES

TEURER WIRD?

1. Regelmäßig aufs Konto schauen

(mittels App oder Kontoauszug).

2. Checken, welche Einnahmen jeden

Monat reinkommen.

3. Kontrollieren, wie hoch die Fixkosten

im Monat sind und ob diese Ausgaben

notwendig und leistbar sind.

Z. B. nicht genutzte Fitnessstudioverträge

oder Abos kündigen.

4. Bei Einkäufen immer überlegen:

Brauche ich das wirklich oder will

ich es nur haben? Kann ich mir das

leisten?

48 / KARRIERE /


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Komm zur Klima-Tour!

Wiens Klima-Flotte ist in der ganzen Stadt unterwegs und kommt

direkt zu dir!

Bei den Stationen der Klima-Tour gibt es eine Mitmach-Ausstellung mit spannenden

Experimenten und Informationen über die großen Zusammenhänge der Klimakrise

und die Maßnahmen der Stadt. Unsere Expertinnen und Experten beantworten deine

Fragen zum Thema Klima und du bekommst Tipps für den Klimaschutz im Alltag!

Alle Termine findest du unter wien.gv.at/klimatour

wien.gv.at/klimatour


TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

MEINUNG

Krypto-Krise

Kryptowährungen sind in den

vergangenen Wochen dramatisch

abgestürzt. Schon

wird, von manchen zumindest,

süffisant vom Ende der digitalen

Währungen geschrieben.

Die großen Schwankungen

könnten aber auch als Wachstumsschmerzen

bezeichnet

werden – der Markt wächst und

verändert sich. Tatsächlich war

der Zeitpunkt noch zu früh, für

Kleinanleger groß einzusteigen.

Wir sollten uns aber merken:

Wenn Krypto verliert, verlieren

wir alle – durch das Aufkommen

des digitalen Zahlungsverkehrs

waren die etablierten

Player endlich genötigt worden,

den KundInnen mehr Service

zu bieten. Attraktives

Onlinebanking,

raschere Überweisungen

– das alles

geschah auf Druck

der Digitalisierung. Es

wäre also sehr schade,

wenn die Entwicklung

jetzt zu Ende wäre.

bezeczky@dasbiber.at

paprikap0w3r

SCHLECHTES

MARKETING

Krieg in der Ukraine hin oder her –

das deutsche Rüstungsunternehmen

Rheinmetall hat jetzt einen neuen

Kampfpanzer vorgestellt und ihn

„Panther“ genannt – genauso hat im

Zweiten Weltkrieg auch ein Panzer

der Wehrmacht geheißen. Man

fragt sich, ob

es schlechtes

Marketing oder

bewusste Provokation

war.

Game Pass Cloud Gaming:

das Ende der Konsole?

Microsoft baut das Spieleangebot im

Game Pass ständig weiter aus: Monatlich

kommen neue, coole Toptitel in die

Bibliothek. Der neuesten Meldung nach

wird das Thema Cloud Gaming weiter

an Fahrt aufnehmen: Alle Smart-TVs

von Samsung aus dem Jahr 2022 können

ab 30. Juni über die Xbox App auf

die Games in der Game-Pass-Bibliothek

zugreifen. Dies ist ein weiterer Schritt

in der Strategie von Microsoft, in der

Zukunft über 100 Milliarden von SpielerInnen

zu erreichen – ohne, dass diese

eine physische Xbox besitzen müssten.

Möglich wird dies durch Fortschritte in

der Datenübertragung und durch die

gestiegene Performance von Smart TVs.

Technik und Natur:

gemeinsam besser

Wenn Euch der Begriff „Agrivoltaik“ nichts sagt, müsst ihr

euch keine Sorgen machen. Das ist eine neue Form der

Stromerzeugung, die auch Elemente der Agrikultur, also der

Landwirtschaft, beinhaltet. Studien besagen, dass Bienenstöcke

auf Feldern mit Solarkraftwerken sehr guten Honig

liefern, wenn man die Pflanzen dort wild wachsen lässt. Ein

weiteres Beispiel sind Schafe,

die unter diesen Modulen grasen

– da dort keine Landwirtschaft

und keine Spritzmittel

eingesetzt werden, kommen

die Schafe an ein gesünderes

Futter – und dadurch produzieren

sie mehr Wolle.

© Marko Meštrović, Microsoft, Rheinmetall Defence, unsplash.com/art-rachen, unsplash.com/Judith Prins

50 / TECHNIK /


DOXXING: Hier geht es um die Veröffentlichung

von vertraulichen Informationen

über eine Person im Internet.

Meistens handelt es sich um den echten

Namen, die Adresse, der Arbeitsplatz,

die Telefonnummer oder die E-Mail-

Adresse.

PHISHING: Unter diesem Begriff versteht

man das Versenden von gefälschten

E-Mails, um zu Betrugszwecken

personenbezogene Daten herauszufinden

(die Mail ist der Köder und du bist

der Fisch, der anbeißen soll). Häufig

geht es um Bankkontodaten. In solchen

Mails steht, dass entweder Daten

eingegeben oder Dateien runtergeladen

werden müssen. Als Vorwand wird dem

Empfänger in diesen Mails häufig mit der

Löschung eines Profils gedroht, wenn

dies nicht getan wird.

„Ich habe mit 13 zum

Hacken begonnen.“

Egal ob Pädokriminelle oder Menschen, die Morddrohungen

an unschuldige Ärtz:innen versenden - die Cyber-Security-

Spezialistin „Nella“ findet im Netz jeden.

Von Maria Lovrić-Anušić

DATENLECK: Jeder hat schon mal

bei einem Unternehmen private Daten

hinterlassen. Bei einem Datenleck

werden genau diese öffentlich gestellt.

Das kann durch einen Hacker, aber auch

durch nicht ausreichende Schutzmaßnahmen

eines Unternehmens passieren.

Wenn diese veröffentlichten Passwörter,

E-Mail-Adressen und sonstigen persönlichen

Daten in die falschen Hände

geraten, können sie einen erheblichen

Schaden verursachen. Von Spam-Mails

bis hin zu Identitätsklau.

Foto: privat

BIBER: Welcher Fall hat dich bis jetzt am

meisten mitgenommen?

NELLA: Der Fall, an dem ich gerade

arbeite: Nature23. Da geht es um

einen selbsternannten Exorzisten, der

Mädchen mit seelischen Erkrankungen

missbraucht und vergewaltigt. Wir haben

den aber schon gehackt und gekriegt.

Generell konzentrieren wir uns auf Pädokriminalität.

Da geht es um verschiedene

Arten von sexueller Gewalt gegen Kinder.

In meinem Fall geht’s dann auch häufig

um Kinderpornografie.

Der Fall der oberösterreichische Ärztin

hat in Österreich hohe Wellen geschlagen.

Impfgegner hätten die Medizinerin

mit Todesdrohungen zum Schließen der

Ordination bewogen. Wie wurdest du auf

den Fall aufmerksam? (Nella fand in zwei

Stunden heraus, wer hinter den Drohungen

im Netz stand)

Normalerweise melden sich die Betroffenen

bei mir, beim gegebenen Fall wurde

ich von Followern darauf aufmerksam

gemacht. Es lag mir am Herzen, ihr zu

helfen. In einer Zeit, in der viele Straftaten

von Coronaleugnern getätigt werden,

darf man da nicht einfach wegschauen.

Wie stehst du zu der Arbeit, die die Polizei

im Bereich Cyberkriminalität leistet?

Die polizeiliche Expertise in Cyberkriminalität

steckt noch in Kinderschuhen.

Ein leidenschaftlicher Hacker ist zumeist

besser darin, Cyberkriminelle ausfindig

zu machen. Das ist logisch. Bei dem

genannten Fall wurde die Ärztin aber

nicht mal ernst genommen. Und das,

obwohl gerade in dieser Zeit unzählige

Straftaten von Coronaleugnern begangen

werden. Auch Morde. Im Herbst letzten

Jahres wurde ein 20-jähriger Tankstellenmitarbeiter

in Idar-Oberstein (Rheinland

Pfalz) erschossen, weil er den Täter

auf die Maskenpflicht hingewiesen hatte.

Morddrohungen sollten von der Polizei

immer ernst genommen werden.

Wieso hast du mit dem Hacken begonnen?

Das ist ein Lifestyle. Ich habe schon mit

13 begonnen. Am Anfang habe ich noch

anonym agiert, aber die Angst gedoxxt *

zu werden, war nervig. Jetzt bin ich

einfach öffentlich und biete dadurch

in meinem Betätigungsfeld weniger

Angriffsfläche. (* siehe Infobox)

Und was verbirgt sich hinter dem Begriff

„Hacktivist“, der in deiner Twitter-Bio

steht?

Da geht es ums Hacken mit aktivistischem

Hintergrund. Menschen, die Hilfe

im Zusammenhang mit Cyberkriminalität

brauchen, können sich bei mir melden

und ich kann ihnen dann direkt helfen.

Das läuft auch alles auf ehrenamtlicher

Basis.

Hast du Tipps, wie man sich als Privatperson

vor Cyberkriminalität schützen

kann?

Man sollte darauf achten, nicht überall

das gleiche Passwort, beziehungsweise

ein zu einfaches Passwort zu haben. Bei

Onlineshops würde ich niemals die echte

E-Mail angeben. Bei einem Datenleck

könnte genau die E-Mail missbraucht

werden mittels Spam- oder Erpressermails.

Einen hundertprozentigen Schutz

gibt es aber nicht.

/ TECHNIK / 51


Julia und ihr Sohn

Vsevolod sind aus der

Ukraine geflüchtet.

„Wir sind überrascht,

wie die Polen uns

aufgenommen haben“

52 / OUT OF AUT /


Polen hat mit Abstand die meisten

Menschen aus dem benachbarten

ukrainischen Kriegsgebiet

aufgenommen. Biber-Stipendiatin

Justyna Pikusa nutzte ihren

Heimatbesuch, um sich ein Bild

vom Zusammenleben zwischen

ukrainischen Vertriebenen und

Einheimischen in der Provinz zu

machen. Eine Recherche zwischen

Solidarität, Zukunftsängsten und

Verschwörungstheorien.

Von Justyna Pikusa, Fotos : Agnieszka Hołda-Myśliwiec

Wir dachten, zu uns

kommt der Krieg nicht.

Dann sah ich aber

die erste Rakete vor

unserem Fenster und wusste: Die Lage

ist ernst. Ich habe an erster Stelle an

meinen Sohn gedacht. Wenn ich geblieben

wäre, hätten wir nicht überlebt.“

Tanja sitzt mit acht anderen Geflüchteten

in der Feuerwehrwache des Dorfes Lisia

Góra in Südpolen. Sie spricht mit mir eine

Mischung aus Ukrainisch und Russisch,

was für ländliche Regionen typisch ist.

Die Feuerwache ist ein zweistöckiges

Gebäude mit einem Balkon. Auf dem

Balkon spielen die Jungs Tischtennis.

Unten sitzen die Feuerwehrmänner, oben

schlafen die Geflüchteten in einem Saal,

in dem nun Matratzen liegen. Im Vorraum

steht eine große Couch und an die Wand

ist ein Fernsehgerät montiert, in dem

gerade ein Film auf Russisch läuft. Ich

verstehe alles und kann mit ihnen reden,

ich habe ostslawische Sprachen am Institut

für Slawistik in Wien abgeschlossen.

In Lisia Góra leben rund 3200 EinwohnerInnen.

Das 90 Kilometer östlich

von Krakau gelegene Dorf hat sich in den

letzten Monaten verändert. Seit dem russischen

Angriff auf die Ukraine wohnen

100 Geflüchtete in dem Dorf. Ein Teil ist

Ukrainisch-polnische Freundschaft als Kinderkunst.

in Hotels und Pensionen untergebracht,

der andere in Privathäusern. Sogar eine

Ukrainisch sprechende Kassakraft soll es

beim örtlichen Greissler geben, munkelt

man unter den Einheimischen. Sie haben

die Vertriebenen größtenteils mit offenen

Armen empfangen.

„Wir waren überrascht, wie die Polen

uns aufgenommen haben. Sie haben uns

sogar eine Waschmaschine gekauft.“ In

der Ukraine war Tanja Kindergärtnerin,

hier in Polen kann sie ihrem Beruf weiterhin

nachgehen. Die Kinder der geflüchteten

Frauen gehen hier zur Schule:

„Die polnischen Kinder gehen sehr gut

mit unseren Kindern um, und sind sehr

freundlich zu ihnen. Ich habe deshalb

sogar geweint. Ich habe nicht einmal

geglaubt, dass sowas möglich ist, dass

uns fremde Leute einfach so aufnehmen.

Bei aller Dankbarkeit: Es ist unangenehm

auf Kosten von anderen leben zu

müssen. Wir fühlen uns manchmal wie

eine Last.“

Ihre Flucht aus der Heimat beschäftigt

Tanja bis heute. Sie erzählt mir, dass

der Evakuierungszug auf der Strecke

zwischen Donezk und Lozova von den

Russen beschossen wurde und eine

Schaffnerin gestorben ist. Trotzdem fuhr

der Zug weiter. „Wir wussten auch nicht,

wie lange die Fahrt dauern würde. Als wir

in Lviv (Ukraine) am Bahnhof ankamen,

war die Schlange zu den Zügen nach

Polen lang. Ein Bekannter von uns, der

Volontär ist, hat uns geholfen, einen

Platz im Zug zu bekommen. Wir haben

nur fünf Stunden am Bahnhof in Lviv verbracht.

Es war März, die Nächte waren

kalt, wahrscheinlich wurde ich vorgelassen,

damit mein Sohn nicht friert“,

erinnert sich Tanja.

/ OUT OF AUT / 53


Es ist hier ruhig. Das ist

das wichtigste. Wir sind

sehr dankbar, dass wir

hier leben dürfen.

leben dürfen.“ Anja plant nach Krakau zu

ziehen. Sie ist 27 und hat eine Ausbildung

als Bauingenieurin in der Ukraine

abgeschlossen, deshalb wird es für sie

kein Problem sein, Arbeit zu finden.

„Flüchtlinge leben auch in Einfamilienhäusern.

Zur Zeit der größten Welle

waren es um die 170-180 Menschen“,

erklärt mir der Bürgermeister von

Wierzchosławice, Andrzej Mróz. „Manche

sind für eine Nacht gekommen und

sind dann weitergezogen. Einige von

ihnen wollten das Hotel sogar selbst

bezahlen“, so Mróz. Er habe nicht damit

gerechnet, dass eine Journalistin in Wien

über „sein“ Dorf berichtet. Im Kulturzentrum

in Wierzchosławice bekämen die

Flüchtlinge drei Mal täglich eine Mahlzeit.

Mróz ist froh, dass es nicht nötig

war, in Polen größere Lager einzurichten:

„Flüchtlingslager sind eine reine

Katastrophe. Plötzlich bist du in einem

Raum mit Tausenden anderen. Das führt

zwangsläufig zu Konflikten. Außerdem

herrschen in Lagern meist strenge

Regeln. Hier können die Flüchtlinge halbwegs

frei und selbstbestimmt leben.“

In der Feuerwache werden auch Kindergeburtstage gefeiert.

LUXUSLEBEN IM

POLNISCHEN DORF?

Wierzchosławice liegt rund 30 km von

Lisia Góra entfernt und ist ein Dorf mit

ähnlicher Einwohnerzahl. Hier leben derzeit

30 Flüchtlinge in einem Kulturzentrum,

welches von der Landgemeinde zur

Verfügung gestellt wurde. Das Gebäude

verfügt über Zimmer, welche im Normalbetrieb

für ca. 30 bis 80 Euro pro Nacht

vermietet wurden. Das Gelände verfügt

über einen Park und Sportanlagen „Es

ist schön hier. Ich würde gerne bleiben.

Aber hier gibt es keine Arbeit für mich“,

sagt mir Anja aus Donezk. „Ist es hier

nicht langweilig?“, frage ich. „Überhaupt

nicht. Es ist ruhig. Das ist das wichtigste.

Wir sind sehr dankbar, dass wir hier

KEIN JOB IN DER PROVINZ

Zurück in der Feuerwache in Lisia Góra.

Julia ist 37 und mit ihrem Sohn aus

Ugledar geflüchtet. Die Stadt liegt zwischen

Donezk und Mariupol und wurde

weitgehend zerstört. Julia sah als einzigen

Ausweg die Flucht aus ihrer Heimat.

Jetzt lebt sie mit ihrem Sohn und ihren

Eltern in der Feuerwache Lisia Góras. Sie

ist glücklich, dass sie hier sicher sind.

Die ungewisse Jobsituation macht ihr

aber zunehmend zu schaffen. Julia ist

auf die Hilfe des Staates angewiesen. Ab

und zu erledigt sie einen Gelegenheitsjob

als Putzkraft, die ihr die Gemeinde

organisiert. Wenn sie zu Bewerbungsgesprächen

eingeladen wird, muss sie oft

ihre letzten Münzen zusammenkratzen,

um sich das Busticket leisten zu können.

Das Gleiche gilt für Ausflüge mit

ihrem Sohn in die nächstgelegene Stadt

Tarnów. Sie wünscht sich, sie würde auf

ihren eigenen Beinen stehen können.

Das Problem mit der Arbeitssuche haben

auch polnische BewohnerInnen: Es gibt

im Dorf kaum Arbeitsplätze.

Der drastische Bevölkerungszuwachs

aufgrund des Krieges im Nachbarland,

54 / OUT OF AUT /


stellt den polnischen Arbeitsmarkt vor

eine neue Herausforderung. Der Bürgermeister

von Wierzchosławice Mróz

dazu: „In der Stadt Rzeszów ist die

Bevölkerung um 50% gestiegen.“ Das sei

eine besondere Herausforderung für den

Arbeitsmarkt, da dieser wenige Arbeitsplätze

für Frauen bietet. Es gebe einen

Arbeitskraftmangel, aber nur in den

typischen Männerberufen wie z.B. Bauarbeiter.

Viele ukrainische Männer, die auf

polnischen Baustellen gearbeitet haben,

sind wieder zurückgegangen, um für ihr

Land zu kämpfen. Neue Männer kämen

kaum über die Grenze, so Mróz.

Mein allgemeiner Eindruck von der

Hilfsbereitschaft der polnischen Bevölkerung

ist sehr positiv, ich treffe aber auch

auf Ausnahmen, wie z.B. Herrn Janusz,

der neben einer Flüchtlingsunterkunft

wohnt und meint: „Der Krieg ist nur in

Donezk und im Donbass. Der Rest, das

sind alles ukrainische Inszenierungen

und ukrainische Kriegspropaganda. Die

Flüchtlinge, die hier leben, sind keine

echten Flüchtlinge. Sie nutzen die Chance,

um nach Europa zu kommen und auf

unsere Kosten zu leben“, echauffiert sich

der kahlköpfige Mann um die 40. Trotz

der Nähe hat er sich noch nie mit ihnen

persönlich unterhalten. Polnische Politiker

wie Korwin Mikke von der rechtspopulistischen

„KORWIN“ greifen russische

Propaganda auf und nutzen sie für ihre

politischen Zwecke.

Die Ukrainerin Tanja ist dem polnischen Volk sehr dankbar.

WIE WIRD UKRAINISCHEN GEFLÜCHTETEN GEHOLFEN?

Der polnische Staat fördert Familien,

welche Geflüchtete beherbergen,

mit ca. 9 Euro (Anm. 40zł)

pro Tag. Außerdem bekommt

jeder Geflüchtet einmalig ca. 65

Euro (300zł). Zusätzlich bekommen

die ukrainische Geflüchtete

dieselbe finanzielle Unterstützung

wie polnische Staatsbürger, das

bedeutet z.B. ca. 108 Euro (Anm.

500zł) Familienbeihilfe* pro Monat

und ein einmaliges Schulgeld zu

Schulbeginn.

Die UNICEF hat in Polen Schutzorte

sog. „Blue Dots“ eingerichtet, um

Frauen und Kinder auf der Flucht

vor Missbrauch und Menschenhandel

zu schützen. Diese Stellen

kooperieren mit den jeweiligen

Stadtgemeinden, sowie Vereinen

vor Ort, und bieten neben psychologischer

und juristischer Beratung,

auch Hilfe bei der Suche einer

Unterkunft an.

Private Initativen wie z.B. „Zwierzaki

z Dworca“ (Deutsch: Die Haustiere

vom Bahnhof) stellen ukrainischen

Haustierbesitzern Transportboxen,

Zubehör und Futter zur Verfügung.

Außerdem organisieren sich viele

HelferInnen in Social Media Gruppen

wie z.B. der Facebookgruppe

„Pomoc dla Ukrainy“ (Deutsch: Hilfe

für die Ukraine), welche aktuell aus

591 636 Mitgliedern besteht. In dieser

Gruppe werden u.a. kostenlose

Unterkünfte vermittelt.

/ OUT OF AUT / 55


Jetzt ist alles gut, ich

kann gratis leben, aber

was passiert, wenn

die Hilfe irgendwann

aufhört?

In ihrer Freizeit spielen die geflüchteten Jungs am liebsten Tischtennis.

ENDSTATION KRAKAU?

Um einen besseren Einblick in die jetzige

Situation im Transitort Krakau zu bekommen,

melde ich mich als Volontärin am

Krakauer Hauptbahnhof an und komme

ins Gespräch mit der Ukrainerin Iryna.

Sie lebt seit acht Jahren in Polen und

hilft ihren Landsleuten am Bahnhof, da

sie weiß, wie schwierig Anfänge in einem

fremden Land sind. Sie freut sich, dass

die Menschen, die jetzt nach Polen kommen,

nicht mehr mit so vielen bürokratischen

Hürden zu kämpfen haben, wie sie

damals: „Die Solidarität der polnischen

Bevölkerung nach den Ereignissen vom

24.02. war immens. Keiner von uns hat

das erwartet. Polnische Mütter haben

Kinderwägen vor den Bahnhof gestellt

für ukrainische Mütter, die ihre Kinderwägen

nicht hatten mitnehmen können.

Leute haben Hotel- oder AirBnB-Zimmer

bezahlt, damit Menschen einen Platz zum

Übernachten hatten“, schwärmt Iryna.

Vor dem Ticketschalter stehen die

Leute in der Schlange und ich komme

mit einer älteren Dame ins Gespräch, die

ein Ticket in die ukrainische Stadt Dnipro

kaufen möchte: „Ich will zurück. Ich halte

diese Unsicherheit nicht mehr aus. Jetzt

ist alles gut, ich kann gratis leben, aber

was passiert, wenn die Hilfe irgendwann

aufhört?“, fragt sie mich. Kurz vor der

Kasse macht sie jedoch einen Rückzieher.

Sie erinnert sich plötzlich an die

Bomben, während sie mir ihre Fluchtgeschichte

erzählt. „Meine ganze Welt

ist zusammengebrochen. Es gibt keinen

Ort mehr für mich in dieser Welt. Auch

wenn der Krieg jetzt aufhört, weiß keiner

wie lange es dauern wird, bis sich die

Wirtschaft erholt hat.“ Ältere Personen

tun sich mit der plötzlichen Umgebungsänderung

sehr schwer und wollen oft

zurück. Jedoch fangen viele langsam an,

das Ausmaß und die weitreichenden Folgen

dieser humanitären Katastrophe zu

realisieren. „Viele Produkte sind bei uns

in Dnipro nicht mehr erhältlich, wie z.B.

Salz, welches in der Donezk-Region produziert

wird. Die Preise steigen drastisch.

In Charkiw, wo meine Verwandten leben,

müssen die Menschen wieder Strom,

Wasser und Miete zahlen. Wofür zahlen,

wenn ihre Häuser zerstört wurden?“,

fragt sie.

An allen Orten, die ich besucht habe,

herrscht dieselbe Grundstimmung: die

Angst vor dem „Danach“. „Irgendwann

wird sich der polnische Staat die Hilfe

nicht mehr leisten können, und die

Bevölkerung wird auch von uns genug

haben“, befürchtet die ältere Dame,

die anonym bleiben möchte. „Andere

EU-Staaten sollten nicht nur Flüchtlinge

aufnehmen, sondern Polen finanziell

mehr unterstützen. Ich will nicht nach

Deutschland oder Frankreich ziehen

müssen, wenn es hier finanziell zu

schwierig wird. Die Sprache ist hier in

Polen ähnlich zur Ukrainischen“, so

die ältere Dame. Sowohl aufgrund der

geographischen – als auch der kulturellen

Nähe bevorzugt sie es, in Polen zu

leben. „Hier bin ich wenigstens näher an

meinem Heimatland.“ ●

56 / OUT OF AUT /



KULTURA NEWS

Klappe zu und Vorhang auf!

Von Nada El-Azar-Chekh

MEINUNG

Eine schlechte

Araberin

„Bitte schick mir unbedingt Fotos vom

Strand!“, schrieb ich einer Freundin kurz vor

ihrem Italien-Urlaub. Auf ihren Schnappschüssen

drei Streifen: Hellblauer Himmel

auf dunkelblauem Meer, auf beigem Sand.

Ein Ort, an den sich die meisten Menschen

am liebsten hinbeamen würden, wenn sie

könnten. In Wirklichkeit auch ich – wenn

da nur meine lästige Sonnenallergie nicht

wäre. All die 50+ Sonnencremes der Welt

könnten mich nicht unbeschadet durch

einen Strandtag bringen. Nesselausschlag,

Juckreiz und Quaddeln auf der Haut sind

meine ständigen Begleiter in den heißesten

Monaten. Eine Araberin mit olivfarbenem

Teint, dunkelbraunen Haaren und Augen –

mit Sonnenallergie? Darüber staunt sogar

manch ein Hautarzt – sofern er mir überhaupt

glaubt. Andere finden die Ironie zum

Schreien – ich sei ja eine schlechte Araberin,

wenn ich die Sonne nicht vertrage. So

wie meinem russischen Mann im Winter

doch nicht kalt sein kann. Höhö! Antihistaminika

und Cortisonsalbe sind meine Musthaves

für einen schöneren Sommer. Da

meine Flitterwochen kriegsbedingt ins Wasser

fielen, probieren wir es Ende Juli mal

mit Estland. Hoffentlich verwandle ich mich

dort nicht auch noch in mein Sommer-Alter-

Ego „Nessie“. Ja, es ist eine Anspielung auf

die Kreatur aus dem Loch Ness – nur eben

auch mit Nesselausschlag. Und ja, solche

Witze sind Teil meines Copings.

el-azar@dasbiber.at

Neïl Beloufa

Der preisgekrönte französisch-algerische

Künstler Neïl Beloufa zeigt in der Wiener

Secession erstmals eine Soloshow in Wien.

Die Schau „Pandemic Pandemonium“ zeigt

ausgewählte Video-Arbeiten, Skulpturen

und Installationen, die sich mit unterschiedlichen

Formen von Macht, Repräsentation

und Überwachung auseinandersetzen. Die

Grenzen zwischen Fakt und Fiktion können

dabei fließend sein.

„Pandemic Pandemonium“ ist bis zum

4. September in der Secession zu sehen.

Kultur-Tipp

KULTURSOMMER

IN GANZ WIEN

Der Kultursommer ist zurück! An

40 Standorten in ganz Wien sorgt ein

umfangreiches Programm aus Konzerten,

Tanz, Kabarett, Workshops,

Theater, Literatur, Performance, Musik

und vielem mehr für einen heißen

Sommer voller Events. In diesem Jahr

liegt ein besonderer Schwerpunkt auf

Künstler*innen mit Fluchterfahrung. Das

Eröffnungskonzert geben die Wiener

Symphoniker im Prater. Alle Infos unter:

www.kultursommer.wien

Von 1. Juli bis 14. August.

Buch-Tipp:

VLADIMIR

Julia May Jonas‘ Debütroman

„Vladimir“ erzählt von einer

Literaturprofessorin, deren

Ehemann John mehrere Affären

mit Studentinnen nachgesagt

werden. Im Auge des Sturms

einer „#MeToo“-Kampagne

gegen ihren Mann entwickelt die

Ich-Erzählerin eine Faszination für

den 40-jährigen Junior-Professor

Vladimir Vladinski an ihrer Universität.

Julia May Jonas gelingt aus

den Augen einer 58-jährigen Frau

ein scharfer Blick auf aktuelle

Themen wie Cancel Culture und

Sexualität.

Erschienen beim Blessing Verlag,

Hardcover, 24,95 Euro

© Christoph Liebentritt, Markus Rissle, Neil Beloufa, Blessing, Yako One

58 / KULTURA /


3 FRAGEN AN…

CHRISTINE STANDFEST

Die Dramaturgin des

Impulstanz Festivals

über Programmhighlights

und kostenlose

Angebote.

BIBER: Erstmals seit Beginn der Coronapandemie

scheint wieder Normalität in

den Kunstbetrieb gekommen zu sein.

Worauf freuen Sie sich besonders beim

kommenden Impulstanz?

CHRISTINE STANDFEST: Ich freue

mich besonders auf alle Stücke aus

der [8:tension] Young Choreographers’

Series mit Künstler*innen aus Zimbabwe,

Brasilien, Südafrika, den USA, Finnland,

der Schweiz, Ungarn, Deutschland

und Österreich. Manche, wie Davi

Pontes und Wallace Ferreira aus Rio de

Janeiro kommen überhaupt erst zum

zweiten Mal nach Europa, andere sind

weit gereist und leben schon länger ein

künstlerisches Expat-Leben zwischen

den Kontinenten oder innerhalb Europas.

Und klar spielen alle diese Lebensweisen

und vielfältigen bis hin zu durchaus konfliktträchtigen

Erfahrungen eine Rolle in

ihren Arbeiten, ob subtil und mit großer

Zartheit, oder über ein Eintauchen in die

Geschichte.

Auf welche Highlights darf man noch

gespannt sein?

Auch die Programme im Rahmen von „In

Other Words: A Future“ zu Fragen von

Zusammenleben auf und mit unserem

Planeten empfehle ich besonders – aber

das soll nicht heißen, dass nicht auch

alle anderen Stücke toll sind. Vielleicht

doch noch ein Augenmerk auf die 21

Österreicher*innen im Programm – wie

etwa Michael Turinsky, der mittels

Gin Tonic und anderer Treats unsere

Vorstellung von perfekten Körpern und

ihrer Mobilität einfach aushebelt. Und

wer mehr in die Geschichte von Tanz

und Pop in Wien eintauchen will, denen

sei Willi Dorners Begegnung mit dem

großartigen Mani Obeya, Tänzer, Musiker

und Sofa-Surfer Sänger schwer an die

Herzen gelegt! Oder House Dance bei

Farah Deen, oder Schrei X8 bei Akemi

Takey oder – warum nicht – noch einmal

TANZ mit Florentina Holzinger.

Welches Angebot gibt es kostenfrei beim

Impulstanz 2022?

Zusätzlich bietet ImPulsTanz bereits ab

5. Juli mit Public Moves insgesamt 128

kostenlose Outdoor-Klassen mit internationalen

renommierten Dozent*innen an

5 Standorten in Wien an. Das Kursangebot

reicht von Yoga über Line Dance bis

hin zu HipHop. Hier gilt: Jedes Alter und

Level ist willkommen! Und alle, die nach

dem Tanz- und Performanceprogramm

noch genügend Energie haben, laden

wir Sonntag bis Donnerstag bei freiem

Eintritt (Freitag & Samstag €8,- Eintritt)

zum abendlich wechselnden Musikprogramm

ins Burgtheater Vestibül ein, um

gemeinsam das Tanzbein zu schwingen

– mit Künstlerin W1ZE als Eröffnungsact

am 7. Juli. Schaut vorbei und lasst

uns gemeinsam den Festival-Sommer

genießen!

Das Impulstanz-Festival findet 2022

von 7. Juli – 7. August statt.

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/ KULTURA / 59


HAPPY BIRTHDAY,

NIEDERÖSTERREICH!

Österreichs größtes Bundesland

feiert heuer sein 100. Jubiläum -

das gehört ausgiebig gefeiert. Welche

Programmhighlights ihr nicht

verpassen dürft, erfahrt ihr hier.

Von Nada El-Azar-Chekh

RENDEZVOUS MIT DER SAMMLUNG

Die Landesgalerie Niederösterreich lädt zu einer Verabredung

mit der österreichischen Kunstgeschichte nach

1960 ein. Auf drei Stockwerken werden eindrucksvolle,

prominente, und auch weniger bekannte, Werke von

rund 130 Künstler*innen gezeigt. Von großformatigen

Gemälde, bis hin zu Skulpturen, ist aus den Schätzen

des Kunstdepots eine große Vielfalt an künstlerischen

Positionen dabei - von Ona B. bis Leo Zogmayer. Bis 5.

Mai 2023 zu sehen.

Landesgalerie Niederösterreich

Museumsplatz 1, 3500 Krems

EGON SCHIELE MUSEUM

Das Egon Schiele Museum in Tulln, der

Geburtsstadt des Ausnahmekünstlers,

lädt anlässlich zu 100 Jahre Niederösterreich

zu einem besonderen Einblick

in die Schatzkammer. Insgesamt 14

seltene Werke der Landessammlungen

Niederösterreich, wie die “Boote im

Hafen von Triest” oder “Sonnenblumen

I” werden gezeigt. Auch wird die

Biographie des 1918 verstorbenen

Expressionisten in der Schau “Egon

Schiele privat” beleuchtet. Bis 6.

November.

Egon Schiele Museum

Donaulände 28

3430 Tulln

Mehr Informationen unter: www.100jahrenoe.at

FOTOFESTIVAL

LA GACILLY-BADEN

PHOTO

Eine fotografische Hommage

an Niederösterreich: Zum 100.

Jubiläum zeigt das Fotofestival La

Gacilly-Baden Niederösterreich

in alten Postkarten, und widmet

heimischen Berufsfotograf*innen

eine eigene Schau, welche die

reiche Landschaft und die Natur

Niederösterreichs durch ihre Linse

zeigen. Das Open-Air-Festival

geht bis 16. Oktober.

Im ehem. Leopoldsbad

Brusattiplatz 3, 2500 Baden bei

Wien

© Landessammlungen Niederösterreich, Skokanitsch Fotografie

60 / KULTURA /


Legende

von

Morgen

Ayse „Rocket Kick“ Gülhan, Freestyle-Soccer Champion 2028.

Werde eine Legende von Morgen.

Fang heute in einem Verein an.

Entgeltliche Einschaltung


KOLUMNE

MEIN PENIS, MEINE ENTSCHEIDUNG

Ich weiß nicht, wie gerne du, liebe:r Leser:in,

dir Schwänze ansiehst. Ich jedenfalls tu es

nicht gern. Ich weiß, du willst jetzt sagen, die

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Aber

wenn diese Schönheit buchstäblich fast in

deinem Auge landet, wirst du anders darüber

denken.

Du wirst mich jetzt fragen, wo hast du

Schwänze unmittelbar vor Augen gehabt?

Ich sage dir: im Fußballverein. Und das war

mein erster Kulturschock in Österreich. Es war

ein Kulturschock des Grauens. Nach meinem

ersten Spiel im Fußballverein in der Unterliga

Salzburg gingen wir in die Umkleidekabine, um

den Sieg zu feiern. Und dort bin ich in ein Bad

des Unbehagens gesprungen. Die Spieler zogen sich komplett

aus, wie damals, als sie zur Welt gekommen sind. Mit

Bierflaschen in der Hand begannen sie, in die Luft zu springen

und zu singen. Ich saß wie angenagelt auf der Bank

und war hypnotisiert von dem unbeschnittenen, wedelnden

Penis des Spielers, der vor meinem Gesicht jubelnd

hüpfte. Ich merkte, dass mir ein kalter Schauer über den

Rücken lief. Ich stellte fest, dass alle anderen ebenfalls

unbeschnitten waren. Was für eine verworrene Situation!

Ich löste mich langsam aus der Erstarrung, packte meine

Sportsachen zusammen und verließ, ohne zu duschen, die

Umkleidekabine mit Herzklopfen.

HAST DU EINEN KLEINEN?

Ich bin normalerweise nicht g'schamig. In Syrien hätte

mich mein Umfeld für freizügig und derb gehalten. Aber ich

bin so sozialisiert, dass man sich nicht vor anderen nackt

auszieht. Man zeigt seine intimen Dinge anderen nicht.

Besonders nicht unter Männern. Und das ist ein ziemliches

Paradoxon. Denn in Syrien war es üblich, Hand in Hand

oder eingehängt mit einem Freund durch die Stadt zu spazieren,

oder dass ein Freund beim Film Anschauen seinen

Kopf auf meinen Schoß legt. Beim Begrüßen und Verabschieden

küssen sich Männer dreimal auf die Wangen und

Schultern. Aber nackt voreinander zu sein war ein Tabu. In

Österreich ist es umgekehrt. Männer berühren sich kaum.

Dafür wedeln sie gerne gemeinsam mit ihren Penissen.

turjman@dasbiber.at

Jad Turjman

ist Comedian, Buch-Autor

und Flüchtling aus Syrien.

In seiner Kolumne schreibt

er über sein Leben in

Österreich.

Mir ist das arabische Miteinander in dieser

Hinsicht jedenfalls lieber.

Am Anfang habe ich es vermieden, in die

Umkleidekabine zu gehen. Ich sagte meinen

Mitspielern, dass ich in der Nähe wohnte und

lieber zu Hause duschen wollte. Aber als wir

das erste Mal auswärts spielten, wollte ich

nicht schweißgebadet ins Auto steigen. So

entschied ich mich für einen Kompromiss. Ich

ging mit Unterhose unter die Dusche. Das war

die schnellste Dusche, die ich jemals hatte.

Und so behielt ich das anfangs bei, mit der

Unterhose zu duschen. Bis ein anderer Araber

dem Fußballverein beitrat. Er war aber schon

seit zwanzig Jahren hier und hatte keine Probleme

mehr damit, sich auszuziehen. Natürlich ging mein

Herz auf, als ich einen beschnittenen Penis sah. Es war, als

hätte ich meinen Bruder wiedergesehen. Ich meine hier

den Araber, nicht seinen Penis. In dem Augenblick stellte

ich fest, dass ich mich mit beschnittenen Schwänzen

identifizierte. Je weniger Vorhaut ein Mensch hat, desto

näher steht er meinem Herzen. Aber die Tatsache, dass er

auch nackt duschte, setzte mich zusätzlich unter Druck.

„Hast du nur ein Ei oder einen kleinen?“, fragte er in der

Dusche mit einem Blick auf meine Unterhose. „Scheiß dich

nicht an, es ist nur ein Penis.“ Ich gab nach. Beim nächsten

Mal zog ich mich entschlossen und konsequent aus und

erntete überraschte Blicke meiner Kollegen. Mittlerweile bin

ich ganz schmerzbefreit, was Nacktheit angeht. Aber als

neulich ein weiterer Syrer zum Verein kam, brachte er mich

zum Nachdenken. Denn er zeigte fast dieselbe Reaktion

wie ich damals. Als wir in der Dusche standen, wollte ihn

derselbe Freund darauf ansprechen, nicht in der Unterhose

duschen zu müssen: „Das ist der Integrations-Endgegner!“

Bei mir ging ein Impuls auf: „Das ist der Entfremdungs-

Endgegner. Hör bloß nicht auf ihn, mach nur, womit du dich

wohlfühlst“, sagte ich dem neuen Syrer, und stellte den

Wasserhahn bei dem anderen Freund auf arschkalt, als

Revanche.

Ich bin dafür, dass in der Verfassung verankert wird,

sich nicht nackt machen zu müssen. Jeder soll selbst

bestimmen, wo er sein Ding zeigt.

Robert Herbe

62 / MIT SCHARF /


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Fußball

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Ob Abkühlen im Freibad oder Sporteln an der Donau – Layla und Samer machen’s vor.

In Wien kannst du dich auch mit vielen kostenlosen Angeboten erfrischen und fit halten:

• Naturbadeplätze

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