Gedenkschrift zur achten Stolpersteinverlegung im Bruchsal am 22. Juni 2022
Für Holocaust-Opfer der Familien Wolf, Beck, Wertheimer, Ritter, Michael, Ellenbogen und Schmalz.
Für Holocaust-Opfer der Familien Wolf, Beck, Wertheimer, Ritter, Michael, Ellenbogen und Schmalz.
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Gedenkschrift
zur achten
Stolpersteinverlegung
in Bruchsal
am 22.6.2022
Stolpersteine
in Bruchsal
Inhaltsverzeichnis
1 Grußwort der Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick
2 Einführung in das Schülerprojekt Florian Jung
Die Opferbiographien
3 Sophie Wolf (1878-1967) Mia Müller, 8u
6 Melanie Wolf (1880-1949) Jennifer Gross, 8u
7 Berta Wolf (1886-1942) Adna Karic, 8u
9 Ludwig Wolf (1890-1957) und Kerem Demirbag, 8u, Florian Jung
Irma Wolf geb. Katz (1897-1991)
13 Liselotte Wolf (1928-2016) Toni Matenda, 8u
15 Ferdinand Wolf (1892-1942) und Osman Sahin, 8u, Florian Jung
Berta Wolf geb. Strauß (1900-1942)
19 Richard „René“ Wolf (1926-1981) Noah Kunze, 8v
23 Schweigen als latenter Schmerz Rolf Schmitt
24 Übersicht Familie Wolf Florian Jung
26 Herbert Beck (1922-1940) Jannick Rost, Torben Seehaus, 8v
29 Hanna Wertheimer geb. Merklinger (1870-1942) Johann Schäfer, 8s
31 Emanuel Wertheimer (1903-1942) Helen Kratz, 8s
36 Übersicht Familie Wertheimer Florian Jung
37 Siegfried Ritter (1871-1953) Niklas Gack, Ben Gutekunst, 8t
40 Übersicht Familie Ritter Florian Jung
41 Gustav Michael (1869-1944) Florian Jung
45 Sophie Ellenbogen geb. Würzweiler (1862-1940) Nawar Ismail, 8v
49 Anna Schmalz geb. Ellenbogen (1889-1956) Philip Zieher, 8v
52 Liesel Bär/Stein geb. Schmalz (1912-1985) Florian Jung, Rolf Schmitt
54 Walter Schmalz (1915-2004) Florian Jung
56 Übersicht Familie Ellenbogen Florian Jung
Anhang
57 Rückblick auf die siebente Bruchsaler Florian Jung
Stolpersteinverlegung am 8.6.2021
60 Unterstützung, Quellen, Literatur Florian Jung
Die Druckkosten dieser Broschüre wurden dankenswerterweise von der BürgerStiftung Bruchsal übernommen.
Grußwort der Oberbürgermeisterin
Zum mittlerweile achten Mal werden am 22. Juni 2022 in
Bruchsal Stolpersteine verlegt. Weit über hundert dieser
kleinen, in die Fußwege eingelassenen Tafeln erinnern in
Bruchsal inzwischen an die Opfer der Nationalsozialisten –
an zahlreiche jüdische Familien, an Menschen mit Behinderungen,
an einen regimekritischen SPD-Politiker, einen hingerichteten
polnischen Zwangsarbeiter und an die deutsche
Frau, die Mutter eines gemeinsamen Kindes wurde, was nach
NS-Unrecht als „Rassenschande“ drakonisch bestraft wurde.
Immer wieder zeigt sich bei der Beschäftigung mit diesen
Verbrechen, wie viele verschiedene Opfergruppen unter dem
brutalen Unterdrückungssystem haben leiden müssen.
„Mit den Stolpersteinen sind die Menschen plötzlich wieder
gegenwärtig“, sagt der Künstler Gunter Demnig über die Idee, die hinter seinem Projekt
steht, und dieses „wieder gegenwärtig“ ist ohne Zweifel eine ganz zentrale Botschaft. Die
Opfer des NS-Regimes von Neuem in unser Bewusstsein gerückt – gerade auch als Warnung
und Mahnung, dass Fanatismus und Rassismus immer und überall zur Bedrohung
der Menschenrechte werden können.
Eine aktuelle Umfrage zeigt: Fast 65 Prozent der Deutschen halten Antisemitismus für
ein mittlerweile weit verbreitetes Phänomen in allen Milieus und Gruppen unserer Gesellschaft.
Noch vor wenigen Jahren haben nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung dies so
gesehen. Das heißt: Zwei Drittel der repräsentativ Befragten sind der Ansicht, dass dieses
gravierende Problem für die Gesellschaft als Ganzes – und nicht allein für Menschen
jüdischen Glaubens! – in Deutschland zuletzt stark zugenommen hat.
Gerade auch angesichts solcher Entwicklungen sind Stolpersteine als Beiträge zu einem
dauerhaften Erinnern wichtig, das nicht in geschichtlichem Rückblick stehen bleibt, sondern
immer auch das bürgerschaftliche Bewusstsein für Ungerechtigkeit und Diskriminierung
in der Gegenwart stärkt. Allen, die sich auch in diesem Jahr wieder engagiert
und eingebracht und in diesem Sinne ein Zeichen gesetzt haben, danke ich sehr herzlich:
Allen Spendern, allen Organisatoren, allen Ideengebern, namentlich der BürgerStiftung
Bruchsal und der Bruchsaler Friedensinitiative. Herr Florian Jung, Lehrer am Justus-
Knecht-Gymnasium, hat auch diesmal mit seiner Projektgruppe aus Schülern der 8. Klasse
die Geschichte zahlreicher NS-Opfer recherchiert. Herrn Rolf Schmitt ist es wiederum
gelungen, zahlreiche Kontakte zu Nachfahren jüdischer Familien aufzubauen, die früher
in Bruchsal gelebt haben. Und immer wieder dürfen wir es auch erleben, dass die heutigen
Hausbesitzer an den Verlegestellen sich sehr zustimmend zu der Aktion äußern und selbst
aktiv nach dem Schicksal früherer Bewohner des Gebäudes fragen – eine besondere Form
der Auseinandersetzung mit Geschichte. Ihnen allen gebührt unser Dank.
Cornelia Petzold-Schick
1
Einführung in das Schülerprojekt
von Florian Jung, OStR am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal
Natürlich ist es richtig und wichtig, dass man an deutschen Schulen im Geschichtsunterricht
und an anderer Stelle die Verbrechen des Nationalsozialismus immer wieder thematisiert
und nicht nachlässt, die Jugend für alle Arten von Intoleranz, Ausgrenzung, aber
auch ganz konkret für Antisemitismus zu sensibilisieren. Im besten Fall kann man sie
stärken, derartigen Tendenzen nicht nur innerlich abweisend gegenüberzutreten, sondern
auch ablehnende Haltungen zu äußern. Doch wie kann es gelingen?
Es liegt auf der Hand und ist auch unter Fachdidaktikern unumstritten, dass emotionale
Zugänge die Wirkung des Sachwissens verstärken und dass theoretische oder allgemeine
Vorträge zu Antisemitismus eher wenig bewirken. Generationen von Schülern blieb beispielsweise
die Begegnung mit einem Zeitzeugen eindrücklich in Erinnerung. Der Zauber
liegt im Exemplarischen: Man kann mitdenken und mitfühlen, welche unmenschlichen
Umstände diesen speziellen Menschen geprägt haben. Aber die letzten Zeitzeugen sterben.
Jene Achtklässler des JKG, die das Projekt „Stolpersteine für Bruchsal“ besuchen, haben
eine andere Möglichkeit, sich exemplarisch und emotional einem konkreten Opfer
des Nationalsozialismus zu nähern: Mit Hilfe umfangreicher Aktenbestände, meist im
Generallandesarchiv Karlsruhe zu finden, werden Lebens- und Todesumstände nachvollziehbar
und plastisch. Zudem können sie feststellen, in welchem Haus Bruchsals die
betrachtete Person wohnte. Oft gelingt der Brückenschlag nicht nur zum Hier, sondern
auch zum Jetzt. Lassen sich Angehörige finden und sind diese zum Dialog mit uns bereit?
Verfügen diese über persönliche Informationen oder gar Fotografien? Haben sie vor,
zur Stolpersteinverlegung nach Bruchsal zu kommen? Die Reise in die Vergangenheit und
wieder zurück ist auf mehreren Ebenen lehrreich und oft spannend – für alle Beteiligten.
Schülerinnen und Schüler der Projektgruppe „Stolpersteine“ im Schuljahr 2021/2022. Foto: Florian Jung.
2
Biografie von Sophie Wolf (1878-1967)
Mia Müller, Klasse 8u
Sophie Wolf mit Großneffe Frédérik Wolf,
1959 in Bruchsal. Foto: Hélène Yaïche.
Sophie Wolf wurde am 29. November 1878 in
Östringen als Tochter des Handelsmanns Leopold
Wolf (1843-1907) und seiner Frau Karoline
geb. Münzesheimer (1851-1936) geboren.
Nach dem Umzug im Jahr 1882 nach Bruchsal,
in die Huttenstraße 4, wuchs sie mit drei älteren
und fünf jüngeren Geschwistern auf. In
Bruchsal lebten schon mehrere Geschwister
und weiterte Verwandte der Mutter. Sophie
Wolf war gelernte Schneiderin und unverheiratet.
Sie lebte mit ihren ebenfalls unverheirateten,
jüngeren Schwestern Melanie und Berta
und der alten Mutter zusammen im Elternhaus.
Ihre Schwester Melanie Wolf hatte im Elternhaus
ein angesehenes Nähgeschäft. Der Aufgabenkreis
von Sophie Wolf bestand in der
Führung des Haushalts. Nachmittags half sie
im Nähgeschäft ihrer Schwester aus. Berta war
Bürochefin in der Zigarrenfabrik der beiden
Brüder Ludwig und Ferdinand Wolf. Somit
konnten sich die drei Schwestern 1924 das
Geschäftshaus Kaiserstraße 38 in Bruchsal als
zusätzliche Altersversorgung kaufen. Rechtsanwalt Dr. May schrieb 1956 rückblickend:
„Frl. Wolf stammt aus einer angesehenen Bruchsaler Bürgerfamilie. Ihre Brüder waren als
Kaufleute in Bruchsal und Umgebung tätig. […] Im Hinblick auf diese gediegenen wirtschaftlichen
Verhältnisse innerhalb der Familie Wolf war auch für die Antragstellerin gesorgt. Sie
hatte Einnahmen aus den Rentenhäusern.“ Es ist überliefert, dass Sophie diese im Namen
ihrer Schwestern verwaltete.
Nach dem Tod ihrer Mutter 1936 erbten Sophie und ihre beiden ledigen Schwestern das
Elternhaus, die Einrichtung und den persönlichen Schmuck. Später wird beispielsweise
erwähnt, dass die Mutter anlässlich ihres 80. Geburtstags 1931 ein komplettes neues Silberbesteck
für 24 Personen angeschafft hatte. Im März 1939 wurden alle Juden gezwungen,
alle Edelmetallgegenstände nach Karlsruhe zur Pfandleihanstalt zu bringen. Berta
Wolf lieferte für die Schwestern unter anderem die silberne Tabakdose des Vaters, über
hundert Jahre alte, mit großen schwarzen Steinen besetzte Ohrringe der Mutter sowie silberne
Becher und Schalen ab, die die Mutter mit in die Ehe gebracht hatte und ursprünglich
religiösen Zwecken dienten. Sophies eigener Schmuck bestand aus einer goldenen
3
Halskette, zwei silbernen Halsketten und einer silbernen Handtasche. Jedoch bekamen sie
so gut wie nichts für den Schmuck. Aber es gab weitere, viel härtere finanzielle Einbußen:
Nach der Reichspogromnacht konnten sie nicht mehr arbeiten gehen und verkauften ihr
Rentenhaus in der Kaiserstraße am 6. Dezember 1938 an Kaiser’s Kaffee-Geschäft. Da die
Konten aber gesperrt wurden, konnten sie kein Geld abheben. In der Zeit vom 15. Dezember
1938 bis zum 17. November 1939 mussten die drei Schwestern an die Finanzkasse
Bruchsal 15.000 RM an Judenvermögensabgabe entrichten. (Sophie und Melanie jeweils
4750 RM, Berta 5500 RM).
Am 22. Oktober 1940 wurden Sophie und ihre ganze Familie unter Zurücklassung von
Hab und Gut zwangsweise ins Internierungslager nach Gurs, Frankreich, abgeschoben.
Sie verbrachte vier Jahre in Lagern. Von Gurs ging es am 21. Februar 1941 zusammen mit
ihren drei Schwestern Melanie und Berta Wolf, Helene Frank und dem Schwager Isaak
Frank zum Camp de Noé. Zwei Jahre später, am 21. August 1943, wurden Sophie und viele
ältere jüdische Frauen ins Hospice in Montauban gebracht. Sophie Wolf schrieb später:
„Dort waren wir zu je etwa 20 Frauen in einem Raum praktisch eingesperrt. […] Die Verpflegung
war miserabel und der ganze Lebenszuschnitt nicht besser als in Noé bzw. Gurs.“
Erst im August 1944, als Montauban befreit wurde, verbesserten sich die Bedingungen.
Der Direktor des Centre Hospitalier de Montauban bestätigte 1957, dass es den „deutschen
Insassen“ nicht erlaubt worden war, das Krankenhaus zu verlassen. Erst später wurde
die Maßnahme erleichtert und „diese Deutschen“ erhielten das gleiche Recht wie die
übrigen Bewohner des Altersheimes, die dreimal in der Woche während ein paar Stunden
ausgehen durften. Sophie zog mit ihrer Schwester Melanie am 20. Juni 1946 von Montauban
nach Blois. Sie kehrten am 23. November 1946 nach Bruchsal zurück.
Da ihr Elternhaus in der Huttenstraße 4 völlig zerstört war, wohnten Melanie und Sophie
Wolf in der Schönbornstraße 21 in Bruchsal. Später, im April 1947, lehnte Sophie eine
Beihilfe von 1000 RM ab, „da sie durch ihren Neffen geldliche Unterstützung gefunden hat.“
Jedoch war das Geld schon überwiesen. Auch Anfang Juni 1948 schrieb sie an das Landesamt:
„Wir brauchen zur Zeit keine Unterstützung.“ Jedoch benötigte sie etwa einen Monat
später und auch im Oktober eine Beihilfe, da sie wegen der Währungsumstellung kein
Bargeld mehr hatte. Am 18. Februar 1949 reichten Sophie und ihre Schwester Melanie einen
Wiedergutmachungsantrag ein, da beide arbeitsunfähig waren aufgrund ihres Alters
und in der Inhaftierung zugezogener Krankheiten. Jedoch wurde eine weitere Zahlung aus
dem Härtefallfonds abgelehnt, da die Nachweise für die Haft sowie die Vermögensverluste
usw. noch fehlten.
Sophie und Melanie waren in einer prekären Situation, denn zu den finanziellen Sorgen
kamen gesundheitliche. Bereits im März 1948 war Sophie Wolf für eine Woche im Krankenhaus
Bruchsal wegen Angina Pectoris. Wegen Herzinsuffizienz befand sich Sophie
vom 10. Juli bis zum 7. Oktober 1948 im Krankenhaus. Es kam später heraus, dass sie
an einer Herzverkalkung und einer fortgeschrittenen Herzmuskelentartung litt. Vom 11.
Januar bis 20. Februar 1949 befand sich die 70-Jährige im Krankenhaus wegen einer Herzmuskelschwäche
und chronischem Leberleiden. Ihre Schwester Melanie war noch wesentlich
kränker und starb im März 1949.
4
Im Juni 1950 wurde Sophie eine Mindestrente von 70 DM monatlich zugesprochen, wobei
sie davon kaum leben konnte. Nachweise für eine höhere Rente fehlten immer noch. Dies
änderte sich jedoch im April 1952 mit einer Erhöhung auf 98 DM. Ganz allmählich kamen
auch die Rückerstattungen der verlorenen Gebäude voran. Das Ruinengrundstück Kaiserstraße
38 wurde im Oktober 1951 zurückübertragen, dazu erhielt Sophie Wolf 2000 DM
Entschädigung, da das am 1. März 1945 zerstörte Gebäude freilich keine Erträge abwerfen
konnte. Mehr Glück hatte Sophie Wolf mit einem Haus in der Talstraße, das ihrem Bruder
Gustav seit 1913/14 gehört hatte. Kurz bevor dessen Witwe 1940 ausgewandert war, war
das Einfamilienhaus in den Besitz der drei Schwestern Wolf übergegangen. Das Finanzamt
hatte es 1942 enteignet und weiterverkauft. Die neue Eigentümerin musste es im April
1950 an Sophie zurückübertragen. Auch die Ruine des Elternhauses in der Huttenstraße
konnte Sophie Wolf zurückerhalten und mit Unterstützung ihres Neffen René Wolf 1961
wieder aufbauen. Die Anerkennung und Auszahlung aller Schadenersatzansprüche dauerte
lange Jahre, sodass Sophie Wolf wohl erst ab etwa 1960 ohne finanzielle Sorgen leben
konnte.
Sophie Wolf war Ende 1952 in die Schlossstraße 11 umgezogen, wo sie bis an ihr Lebensende
wohnen blieb. Glücklicherweise hatte sich auch ihr Gesundheitszustand stabilisiert.
Am 26. September 1967 starb Sophie Wolf in Bruchsal im Alter von 89 Jahren. Große Unterstützung
erhielt sie von ihrem Neffen Richard „René“ Wolf, der seine Tante Sophie über
viele Jahre zusammen mit seiner Familie regelmäßig besucht hatte und sich beispielsweise
auch beim Landesamt für Wiedergutmachung für sie eingesetzt hatte. Ihm hat Sophie Wolf
auch ihren Bruchsaler Besitz
vermacht – er war ihr einziger
Verwandter, der noch in
Europa lebte. Sophie Wolf
hat wie kein anderes Mitglied
der jüdischen Gemeinde
Bruchsals deren Blütezeit
und Niedergang miterlebt.
Kurz nachdem Sophie Wolf
1882, als Vierjährige, mit
ihren Eltern und ihren Geschwistern
nach Bruchsal
gezogen war, erreichte die
Zahl der Juden mit über 750
eine Höchstzahl, das machte
6,5% der Bruchsaler Bevölkerung
aus. Mit Sophie Wolf
starb 1967 das letzte Gemeindemitglied,
das nach
dem Holocaust wieder nach
Bruchsal zurückgekehrt war.
Sophie Wolf (links) und Melanie Wolf, um 1948 in Bruchsal.
Foto: Hélène Yaïche.
5
Biografie von Melanie Wolf (1880-1949)
von Jennifer Gross, Klasse 8u
Melanie Wolf wurde am 10. Mai 1880 in Östringen geboren. Sie war eines von insgesamt
neun Geschwistern und war das fünfte Kind von Leopold und Karoline Wolf. Melanie war
zwei Jahre alt, als ihre Familie von Östringen nach Bruchsal zog. Seither lebte sie im Haus
in der Huttenstraße 4 mit ihrer Familie.
Sie blieb unverheiratet und lebte bis zu ihrem 60. Lebensjahr mit ihren beiden Schwestern
Sophie und Berta zusammen. Ihre ältere Schwester, Sophie Wolf, gab 1957 zu Protokoll,
dass Melanie eine höhere Schuldbildung hatte. Nachdem sie die Schule verlassen hatte,
erlernte sie zuerst das Weißnähen und dann vier Jahre lang das Kleidermachen. Melanie
trat als Gesellin in ein großes Modehaus in Frankfurt/Main ein und besuchte gleichzeitig
Kurse auf der Zuschneide-Akademie. Danach legte sie dort ihre Abschlussprüfung ab und
bekam daraufhin den Meisterbrief. Danach eröffnete sie ihre eigene Damenschneiderei im
Familienwohnhaus Huttenstraße 4 in Bruchsal. Wahrscheinlich hatte Melanie ein Jahreseinkommen
von 7000 bis 9000 RM. 1957 konnte das Bürgermeisteramt die Umsätze und
Gewinnziffern nicht mehr ermitteln. Allerdings konnte festgestellt werden, dass es sich
um einen gut gehenden Betrieb gehandelt hatte mit vier bis fünf Beschäftigten. Von 1933
bis 1936 reduzierte sich der Betrieb aufgrund der antijüdischen Maßnahmen, und 1936
musste Melanie Wolf ihr Geschäft aufgeben. Die ehemalige Obermeisterin der Damenschneiderinnung,
Marie Lampert, bestätigte, dass Melanie eine Damenschneiderinnenmeisterprüfung
hatte und dass sie ihren letzten Lehrling 1937 zur Prüfung brachte.
Weitere Einschränkungen führten dazu, dass den Geschwistern Wolf immer mehr die Lebensgrundlage
entzogen wurde. Als die Schwestern am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert
wurden, mussten sie fast ihren gesamten Besitz zurücklassen. Dieser wurde später
aus dem Gedächtnis aufgelistet. Neben offensichtlich hochwertigen Möbeln fällt auf,
dass zum Inventar drei Singer-Nähmaschinen (darunter eine elektrische), eine Schreibmaschine,
wertvolle Teppiche und Ölgemälde, aber auch ein Fahrrad, ein gut sortierter
Weinkeller und Pelzmäntel gehörten. Aufhorchen lassen „drei Überseekoffer, 2 kleinere
Koffer aus Alu“: Somit kann davon ausgegangen werden, dass die Schwestern Wolf eine
Auswanderung planten. Gemeinsam mit ihrer Schwester Sophie wurde Melanie Wolf am
21. Februar 1941 von Gurs aus ins Lager Noé verlegt. Am 17. April 1943 wurde sie dann
nach Montauban verlegt. Sophie kam scheinbar vier Monate später nach. Sie waren insgesamt
vier Jahre lang im Lager und lebten ein Jahr lang in der Emigration in Blois. Sie
kehrten im November 1946 nach Bruchsal zurück.
Melanie hatte zusammen mit ihrer Schwester Sophie eine Wohnung in Bruchsal in der
Schönbornstraße 21. Melanie hatte jedoch Herzprobleme (Herzmuskelschwäche und perniziöse
Anämie) und war deshalb oft und jeweils für einen längeren Zeitraum im Krankenhaus.
Seit April 1947 bis zu ihrem Tod am 22. März 1949 war sie maximal vier Wochen
am Stück zu Hause, manchmal kam sie aber auch vier Monate lang nicht heim. Jeden
6
zweiten Tag erhielt sie dann Injektionen von
Novalgin und Kombetin sowie insgesamt
fast 30 Mal Bluttransfusionen. Die Allgemeine
Ortskrankenkasse verlangte vom
Landesamt für Wiedergutmachung im November
1948 die Kostenerstattung der Krankenhausbehandlung,
da die Erkrankung als
Folge der durchgemachten Leiden während
der politischen Verfolgung zu bezeichnen
sei. Die Antwort des Amtes war, dass sie die
Kosten nicht übernehmen wollen: „Rassische
Verfolgung und Schädigung muss Frl. Wolf
erst nachweisen, da bis heute nur allgemeine
und nur teilweise gültige Beweismittel hier
eingereicht wurden.“ Erst wenige Wochen vor ihrem Tod fand Dr. Otto Schmich, Leiter
des staatlichen Gesundheitsamts, deutliche Worte: „Melanie Wolf war bereits im Lager in
Behandlung wegen erheblicher Blutarmut, die der jüdische Lagerarzt mangels Diagnosemöglichkeit
nur vermutungsweise als perniciöse Anämie ansprach. […] Der Zusammenhang dieses
Leidens ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gegeben mit den erlittenen
Entbehrungen. Dieser Auffassung ist mit mir der Leiter der Inneren Abteilung im Krankenhaus
in Bruchsal.“
Das Landesamt brauchte bis 1954, um den Bescheid über eine Haftentschädigung für Melanie
Wolf zu erlassen. Ihre Schwester und Alleinerbin, Sophie Wolf, bekam davon nichts,
da nur Ehepartner, Kinder oder Eltern ein Recht auf Auszahlung hatten. Melanie und
Sophie Wolf haben zusammen ein Grab auf dem Jüdischen Friedhof in Bruchsal.
Biografie von Berta Wolf (1886-1942)
von Adna Karic, Klasse 8u
Berta Wolf wurde am 8. März 1886 in Bruchsal geboren und ist somit die jüngste Tochter
von Leopold Wolf und seiner Frau Karoline geb. Münzesheimer. Sie wuchs zusammen mit
vier älteren Schwestern, einem älteren Bruder und zwei jüngeren Brüdern in der Huttenstraße
4 in Bruchsal auf.
Sie ging in die Mädchenschule und danach in die Handelsschule. Ihr Vater Leopold starb
bereits, als sie 21 Jahre alt war. Berta blieb unverheiratet und lebte zusammen mit den
beiden älteren, ebenfalls unverheirateten Schwestern Sophie und Melanie und mit ihrer
Mutter, die 85 Jahre alt wurde und 1936 starb. Was sie bis 1920 beruflich gemacht hat,
ist unbekannt. Mit 34 Jahren begann sie im Büro der Tabakfabrik „Gebrüder Wolf “ als
Bürochefin. Diese Fabrik gehörte ihren beiden jüngeren Brüdern Ludwig und Ferdinand
Wolf, welche diese in Karlsdorf gekauft hatten. Berta Wolf wurde auch als Prokuristin
7
Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof Bruchsal.
Foto: Florian Jung.
Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof
Bruchsal. Foto: Florian Jung.
bezeichnet. Das heißt, sie durfte als Geschäftsführerin
eigenständig z. B. Käufe und Verkäufe im Namen der
Firma tätigen. Nach 1933 wurde ihr Gehalt reduziert,
da die Umsätze der Firma laufend zurückgingen. Zum
1. Januar 1939 wurde sie entlassen, da die Fabrik von
der Firma Kimling aus Graben gekauft wurde. Sie war
bei der ÖVA (Öffentliche Versicherungs-Anstalt des
Badischen Sparkassen- u. Giroverbandes) in Mannheim
lebensversichert. Die Versicherung wurde 1927
abgeschlossen, die Versicherungssumme betrug 10.000
RM. Am 31. August 1938 wurde das Versicherungsverhältnis
durch Rückkauf aufgelöst. Der Rückkaufswert
betrug 4.602 RM, doch sie konnte nie über das Geld
verfügen. Berta hatte aufgrund der Boykottmaßnahmen
offensichtlich keine ausreichenden Einnahmen
mehr. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass sie
im Testament der ältesten Schwester Hermine Hitz
am 18. August 1938 als Alleinerbin eingesetzt wurde,
oder sie hatte ein besonders gutes Verhältnis zu dieser
Schwester.
Ihre Schwester Hermine Hitz geb. Wolf war bereits 1909, im Alter von 34 Jahren, verwitwet
und hatte keine Kinder. Trotzdem zog sie nicht zu ihrer Mutter und den drei unverheirateten
Schwestern Sophie, Melanie und Berta ins Elternhaus zurück, sondern blieb
Inhaberin ihres 1902 eröffneten Schuhgeschäfts in der Kaiserstr. 43/45, wo sie auch eine
4-Zimmer-Wohnung hatte. Laut Adressbuch 1933/36 wohnte auch Gertrud Frank (1911-?),
die Tochter der fünften Schwester in Winnweiler/Pfalz, bei Hermine. Hermine zog nach
Geschäftsaufgabe 1937/38 in die Bismarckstraße 18. Nach ihrem Tod am 12. Januar 1940
wurde die teilweise sehr edle Wohnungseinrichtung im Hinterhaus der Huttenstraße 4
eingelagert. Später wurde ihre Wohnungseinrichtung zusammen mit allem anderen Besitz
der Wolfs vom Umzugsunternehmen Gogröf verladen und im Gasthaus zum Ochsen versteigert.
Nur ein Bücherschrank, ein Schreibtisch und zwei Stühle wurden nach dem Krieg
durch einen Bauern aus Forst an die überlebenden Schwestern zurückgegeben.
Berta Wolf wurde dann am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, zusammen mit acht
anderen Familienmitgliedern. Am 21. Februar 1941 transportierten sie Berta ins Camp
de Noé, dort blieb sie bis 3. August 1942. Angeblich wurde sie ins Camp de Recebedou
gebracht. Dort verbrachte sie wahrscheinlich, wenn überhaupt, nur wenige Tage. Danach
wurde sie nach Drancy transportiert. Vom Durchgangslager Drancy bei Paris ging die
Deportation mit dem Konvoi Nr. 18 dann nach Auschwitz. Der Güterzug mit 1007 Menschen
fuhr am 12. August 1942 ab. Die genaue Ankunft in Auschwitz ist unbekannt. Die
Fahrtzeit betrug etwa zwei Tage. Von den 1007 Menschen wurden 705 am Ankunftstag in
die Gaskammern gebracht und ermordet. 233 Männer und 62 Frauen wurden selektiert
8
und mussten Zwangsarbeit leisten. Berta Wolf war 56 Jahre und gehörte mit hoher Wahrscheinlichkeit
nicht zu den 62 selektierten Frauen. Sie wurde also sofort ermordet. Im
Oktober 1947 wurde sie vom Amtsgericht Bruchsal für tot erklärt. Der 31. August 1942,
24 Uhr, wurde als Todeszeitpunkt festgelegt. Nach 1945 wurde ihr Name auf dem Grabstein
der Eltern eingetragen, da sie kein Grab hat.
Biografien von Ludwig Wolf (1890-1957)
und Irma Wolf geb. Katz (1897-1991)
von Kerem Demirbag, Klasse 8u, und Florian Jung
Ludwig Wolf wurde am 30. Mai 1890 in Bruchsal geboren. Er war von den neun Kindern des
Ehepaars Leopold und Karoline Wolf das zweitjüngste und wuchs in der Huttenstraße 4 in
Bruchsal auf. Vom Schuljahr 1900/01 bis zum Schuljahr 1905/06 besuchte er die Realschule
Bruchsal, von der Sexta bis zur Untersekunda. Danach machte er eine Ausbildung zum
Kaufmann. Wann genau, wo und bei wem ist unbekannt. Allerdings scheint er in der Pfalz
gelebt zu haben, da er seinen Einjährigen Freiwilligen Militärdienst im Oktober 1910 bei
einem bayerischen Infanterieregiment in Landau/Pfalz antrat. Diese freiwillige Meldung
war für Absolventen höherer Schulen möglich und ersetzte den dreijährigen Militärdienst.
Vor Beginn des Ersten Weltkriegs lebte Ludwig Wolf in Bruchsal. Gleich zu Kriegsbeginn
wurde Ludwig Wolf vom Badischen Infanterieregiment 111 eingezogen und kämpfte in
Frankreich als Unteroffizier. Im Januar 1915 erlitt er in Ablain durch einen Gewehrschuss
am linken Bein eine leichtere Verwundung.
Nach seiner Genesung kam er in der Schlacht
an der Somme zum Einsatz. Am 6. August
1916 wurde er bei einen Mauereinsturz verschüttet
und zog sich so starke Quetschungen
an Kopf und rechtem Arm zu, dass er bis zum
November 1916 im Lazarett lag und danach
nicht mehr einsatzfähig war. Die Hirnverletzung
führte zwar zu einer Kriegsbeschädigung
von 80%, machte sich aber erst seit
etwa 1928/29 bemerkbar. Das Gehen wurde
immer schlechter, der Gang schwankend und
unsicher. Eine Untersuchung für das Versorgungsamt
Karlsruhe ergab 1937, dass massiver
Schwindel und Kopfschmerzen dazu gekommen
waren, außerdem sei er einige Male
hingefallen. Die Sprache habe nachgelassen,
das Sprechen sei schwerfällig geworden und er
9
Irma Wolf, 1946. Foto: Schweizerisches
Bundesarchiv. E 4264-1995/196.
habe manchmal einen Schleier vor den Augen. Es ist anzunehmen, dass man im November
1938 auf eine Verhaftung des 48-Jährigen aufgrund seiner Erkrankungen verzichtet
hat. Ein Aufenthalt in Dachau blieb ihm somit erspart, nicht aber die Deportation nach
Gurs am 22. Oktober 1940.
Trotz seiner Kriegsbeschädigung gründete Ludwig Wolf 1920 zusammen mit seinem
Bruder Ferdinand Wolf die Zigarrenfabrik „Gebrüder Wolf “, Schwester Berta wurde zur
Büroleiterin. Ludwig Wolf lebte bis zu seiner Verehelichung zusammen mit seinen Geschwistern
und seiner Mutter in der Huttenstraße 4 in Bruchsal. Am 11. Juni 1926 fand in
Schierstein bei Wiesbaden die Hochzeit mit Irma Katz statt.
Irma Katz wurde am 5. Oktober 1897 in
Schierstein als älteste Tochter von Karl Katz
(15.10.1869-02.04.1935) und dessen Ehefrau
Klara geb. Laupheimer (14.08.1875-
27.07.1943) geboren. Die Eltern hatten am
10. November 1896 in Bruchsal geheiratet.
Ein familiärer Bezug zu Bruchsal und
Umgebung konnte jedoch nicht herausgefunden
werden. Der Vater war in Wiesbaden-Frauenstein
geboren, die Mutter in
Anzeige 1901. Foto: alemannia-judaica.de
10
Fellheim/Allgäu. Irmas Eltern betrieben
ein Textilwarengeschäft in der Wilhelmstraße
44 in Schierstein, das nach dem Tod des Vaters von Irmas jüngeren, unverheirateten
Geschwistern Arthur Katz (09.10.1898-07.04.1942) und Martha Katz (14.08.1899-
29.10.1942) übernommen wurde. Mutter Klara wurde in Theresienstadt ermordet, Bruder
Arthur in Mauthausen und Schwester Martha in Auschwitz. Irma war die einzige Überlebende
ihrer Familie.
Das junge Ehepaar Irma und Ludwig Wolf zog in die Bergstraße 51 in Bruchsal in einen
Neubau. Im Nachbarhaus Bergstraße 53 wohnte Bruder Ferdinand Wolf mit seiner Familie,
und die beiden Zigarrenfabrikanten teilten sich auch ihren privaten Telefonanschluss
(Nr. 523). Liselotte, geboren am 4. Juli 1928 in Karlsruhe, war das einzige Kind von Irma
und Ludwig. Die beiden 1925 und 1927 abgeschlossenen Lebensversicherungen sollten
die Familie absichern. In den 1930ern kamen für Ludwig zu den gesundheitlichen Sorgen
noch die geschäftlichen. Die Zigarrenfabrik in Karlsdorf musste am 25. August 1938
verkauft werden, zwischen Dezember 1938 und Dezember 1939 mussten über 16.000
RM Judenvermögensabgabe geleistet werden, im März 1939 stand die Ablieferung aller
Gegenstände aus Edelmetall an. Die finanzielle Situation machte es im Winter 1938/39
notwendig, die Mietwohnung in der Bergstraße aufzugeben und ins Elternhaus in der
Huttenstraße umzuziehen, wo auch die drei unverheirateten Schwestern Sophie, Melanie
und Berta wohnten. Irma schrieb 1955: „Wir waren eine große Familie, besonders nach den
Ereignissen vom 10. November 1938 und wir besprachen natürlich alles zusammen. […] Ich
erinnere mich zum Beispiel sehr, sehr gut, als wir gezwungen wurden, unseren Radioapparat
abzugeben, morgens in der
Frühe 7 ½ Uhr an unserem
Versöhnungstag [Jom Kippur,
23.09.1939].“
Die Deportation am 22. Oktober
1940 traf die Familie
unvorbereitet und sie mussten
fast ihren ganzen Besitz
zurücklassen. Mit neun
Personen stellte die Familie
Wolf die größte Familiengruppe
unter den Bruchsaler
Deportierten und sicher
stützten sie sich gegenseitig.
In Gurs trennten sich die
Wege. Während die älteren
Schwestern im Februar 1941
ins Camp de Noé verbracht
Bericht von Irma Katz, 1952. Quelle: GLA Karlsruhe, 480 Nr. 8321.
wurden, kamen Ludwig,
Ferdinand und ihre Familien am 10. März 1941 ins Camp de Rivesaltes, das so genannte
Familienlager. Dort arbeitete Irma in der Krankenküche. Aufgrund seines schlechten Gesundheitszustands
wurde Ludwig Wolf am 12. Juli 1941 in das Krankenhaus St. Louis in
Perpignan eingeliefert und später, entweder am 11. April 1942 oder am 30. März 1944, in
das Krankenhaus St. Jean, die Hauptstelle der Krankenhäuser von Perpignan, weiterverlegt.
Der Präfekt des Departements Pyrénées-Orientales erläuterte später: „Die Insassen
der verschiedenen Lager meines Bezirks wurden in einem dieser beiden Krankenhäuser unter
Beaufsichtigung behandelt und kamen nach ihrer Gesundung wieder ins Lager zurück.“ Ludwig
Wolf scheint aufgrund seiner Lähmungen dauerhaft im Krankenhaus verblieben zu
sein. 1944 wurde erwähnt, er sei im „Pavillon der Unheilbaren“ untergebracht. Nach der
Befreiung konnte Ludwig Wolf am 11. Oktober 1944 ins Hopital-Hospice in Montauban
übersiedeln, wo er seine beiden Schwestern Sophie und Melanie wiedertraf. Ludwig Wolf
kam dann am 30. März 1946 in das Selfhelp-home „Maison le chapitre“ in Blois bei Paris.
Seine beiden Schwestern Sophie und Melanie folgten dorthin „mit Hilfe der amerikanischen
Verwandten“ (Sophie Wolf 1949). Nach der Rückkehr der beiden Schwestern nach
Bruchsal lebte Ludwig Wolf von 1947 bis zu seiner Auswanderung in die USA im Selfhelphome
in Plombieres-Les-Dijon.
Irma Wolf war bis zur gemeinsamen Auswanderung im Mai 1948 über sechs Jahre von
ihrem Mann getrennt. In einer mutigen Flucht rettete sie sich selbst und ihre seit Februar
1942 im Kinderheim Chateau de Couret bei Limoges wohnende Tochter am 27. September
1942 in die Schweiz. Die ersten Monate verbrachten die beiden in den Auffanglagern
und Flüchtlingsheimen Varembé und Charmilles in Genf, Rothöhe bei Oberburg und
11
Münchwilen. Im Januar 1943
äußerte sich die Polizeiabteilung
in Bern zu einer Liste von
20 Jüdinnen, unter denen man
auch Irma Wolf findet: „Diese
Flüchtlinge sind in letzter Zeit
illegal in die Schweiz gekommen.
Ihre Ausschaffung ist zurzeit
nicht tunlich. Die genannten 20
Flüchtlinge werden bis auf weiteres interniert, soweit sie Mittel besitzen auf eigene Kosten.“
Liselotte Wolf kam zu Pflegeeltern nach Kreuzlingen. Irma Wolf wurde am 4. März 1943
nach Neuhausen verlegt, am 10. Mai 1943 ins Interniertenheim Montana. Dort fiel sie
durch Pflichtbewusstsein auf und wurde zum 1. Juli 1943 ganz offiziell zur „Ersten Gruppenführerin“
ernannt. Damit verbunden waren 0,50 Franken Gehaltserhöhung am Tag.
Ihre nächste Station war in Waldhaus-Lenzerheide. Im Oktober 1944 wollte eine Schweizerin
„auf dem Scherrer“ in Heiterswil ein Kinderheim für zehn Kinder eröffnen und bat
explizit darum, Irma Wolf als Wirtschafterin einstellen zu dürfen. Nach einer weiteren
Station in Wartheim-Heiden kam Irma Wolf Ende 1946 nach Basel, wo sie im Jüdischen
Mädchenheim in Basel, Engelgasse 107, arbeitete.
Bereits im Oktober 1945 stellte Ludwig Wolf den Antrag, besuchsweise in die Schweiz
kommen zu dürfen. Die Behörde in Bern lehnte ab, da man fürchtete, Ludwig Wolf würde
nicht nach Frankreich zurückkehren. Liselotte konnte 1946 in die USA emigrieren, und
Irma Wolf durfte zwei Mal nach Paris reisen, um dort zusammen mit ihrem Mann Ludwig
persönlich die Auswanderung zur Tochter voranzutreiben. Ludwig musste aufgrund
seiner Erkrankungen die Hilfe eines Begleiters in Anspruch nehmen, um zum Treffpunkt
zu kommen. Im August 1948 reisten die beiden über Marseille nach New York. Liselotte
konnte ihre Eltern mit nach Baltimore nehmen. 1950 wohnte das Ehepaar Wolf im Levindale
Home in Baltimore. Ludwigs Gesundheitszustand verschlimmerte sich in den Folgejahren
dramatisch. Bereits 1953 war er
ständig auf den Rollstuhl angewiesen,
konnte nur noch zwei oder drei Schritte
gehen und musste sich von seiner Frau
pflegen lassen. Auf der linken Seite war
er vollständig gelähmt, aber auch rechtsseitig
stark eingeschränkt. Er verstarb
am 16. April 1957 im Alter von 67 Jahren.
Irma arbeitete wieder als Haushälterin.
Die Wiedergutmachungsverfahren
konnte sie um 1960 abschließen. Irma
Grabstein auf dem Friedhof Randallstown/MD/USA.
Foto: www.findagrave.com.
12
Aus: AUFBAU, Ausgabe vom 26.04.1957.
Wolf wurde 93 Jahre alt und starb am
1. August 1991 in Baltimore.
Biografie von Liselotte Bacharach geb.Wolf
(1928-2016)
von Toni Matenda, Klasse 8u
Liselotte Wolf wurde am 4. Juli 1928 in Karlsruhe geboren.
Sie war das einzige Kind ihrer Eltern Ludwig
und Irma Wolf. Ihre ersten zehn Jahre verbrachte sie
in der Bergstraße 51 in Bruchsal. Sie war wahrscheinlich
Schülerin in der ab 1935 an der Hebelschule eingerichteten
jüdischen Schulabteilung. Diese wurde am
10. November 1938 geschlossen, der Lehrer Wilhelm
Prager aus dem Unterricht heraus verhaftet. Einige
Zeit später wurde die jüdische Schule im Rabbinerhaus,
Huttenstraße 2, wiedereröffnet und lag somit
in direkter Nachbarschaft zu Liselottes Wohnung: Im
Winter 1938/39 war sie zusammen mit ihren Eltern
zu den Tanten Sophie, Melanie und Berta Wolf in die
Huttenstraße 4 gezogen. Ob Liselotte hier zur Schule
ging und, nach der Schließung, mit den anderen
Bruchsaler Kindern zur jüdischen Schule in Karlsruhe
fuhr, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Liselotte
wurde am 22. Oktober 1940 zusammen mit acht
Familienmitgliedern nach Gurs gebracht. Zusammen mit ihren Eltern, ihrem Cousin Richard
und dessen Eltern ging es am 10. März 1941 ins „Familienlager“ Rivesaltes. Am
16. Februar 1942 wurde sie von der O.S.E. im Kinderheim „Chateau de Couret“ bei Limoges
untergebracht. Ihre Mutter Irma konnte das Lager Rivesaltes illegal verlassen, Kontakt
zu ihrer Tochter aufnehmen und gemeinsam mit ihr in die Schweiz flüchten. Am
27. September 1942 kamen sie in Genf in der Schweiz an.
Liselotte verbrachte einige Zeit in verschiedenen Internierungslagern, zunächst im Auffanglager
Varembé, später in Münchwilen. Am 19. Januar 1943 stellte die Polizeiabteilung
in Bern fest, dass es dringend angezeigt sei, das Kind in einem privaten Haushalt unterzubringen.
Der Lagerkommandant vermerkt auf dem Antrag: „Nettes Kind“. Am 3. Februar
1943 kam Liselotte durch Vermittlung des „Schweizer Hilfswerks für Migrantenkinder“
zu Familie Michael Wieler in Kreuzlingen, Säntisstraße 6. Dort blieb sie bis 1946 und besuchte
die Handelsschule mit dem Ziel einer Auswanderung in die USA. Bereits im Mai
1945 war sie in Kontakt mit den Verwandten in den USA, um ein sogenanntes „Affidavit“
zu bekommen. Die Mutter Irma lebte und arbeitete in verschiedenen Lagern, beispielswiese
im September 1945 im Kinderheim „Auf dem Scherrer“ in Heiterswil (SG). Liselotte
wurde am 23. April 1946 von Familie Wieler in Kreuzlingen zu Mme. Odette Richez
in Genf (18 rue de Medecine) „umplaziert“, wie es die Zentralstelle des Schweizer Hilfs-
13
Liselotte Wolf, um 1933 in Bruchsal.
Foto: Brigitte und Gerhard Brändle,
Gerettete und ihre Retterinnen, S. 33.
Liselotte Wolf, 1945.
Foto: Schweizerisches
Bundesarchiv.
E 4264-1985/196.
Dossier Nr. 06728.
David Bacharach, 1938.
Foto: Rat-tat, St. John‘s
College, Annapolis/MD.
werks für Emigrantenkinder bezeichnete. Am 8. Juli 1946 ging es weiter nach Heiden
in das Kinderheim Wartheim, wo Irma inzwischen arbeitete. Dort war Liselotte endlich
wieder einmal für einige Wochen mit ihrer Mutter Irma zusammen.
Am 24. August 1946 emigrierte Liselotte Wolf von Marseille aus per Schiff in die USA.
Sie kam am 7. September 1946 in New York an. Als Beruf hatte die 18-Jährige „Studentin“
angegeben. Ihre erste Anlaufstelle in den USA war ihre Tante Johanna Wolf, die in
Rahway (New Jersey) wohnte. Als ihre Eltern 1948 in den USA ankamen, wohnte Liselotte
bereits in der Lyndhurst Ave. in Baltimore bei einem Cousin ihrer Mutter, Walter
Laupheimer (1910-1965) und seiner Familie. Auch Ludwig und Irma Wolf kamen für
etwa zwei Jahre bei ihm unter. Liselotte heiratete zwischen Juli 1948 und Juni 1950 den elf
Jahre älteren Dr. David Nathan Bacharach, der in Baltimore geboren und aufgewachsen
war, in Annapolis/Maryland Medizin studiert hatte und während des Zweiten Weltkriegs
als Oberleutnant des Sanitätscorps gedient hatte. Sein Vater David Nathan Bacharach sen.
(1876-1943) war Eigentümer eines erfolgreichen Sportgeschäfts in Baltimore. Zusammen
mit Irene Eva geb. Winternitz (1881-1955) hatte er neben David Nathan jun. vier weitere
Kinder: Ruth (1907-1964) wurde Lehrerin und blieb unverheiratet. Albert (1910-?)
wohnte 1964 in Levittown/PA. Carl (1921-1990) wurde Richter. Der Jüngste hieß Robert
Bacharach (1923-1972). Liselotte heiratete also in eine große Familie ein.
Liselotte Bacharach, die auch Lilo genannt wurde, hatte zusammen mit ihrem Mann zwei
Söhne, Richard und Steven. Stolz schickte Liselotte jedes Jahr neue Fotos der beiden Jungen
an ihre Tante Sophie Wolf nach Bruchsal. Die Familie wohnte über viele Jahre in
einem nördlichen Vorort von Baltimore. Ehemann David war Arzt und hatte sein Büro
im „Medical Arts Building“ in Baltimore, starb aber bereits 1982, im Alter von 65 Jahren.
Liselotte war also schon im Alter von 54 Jahren verwitwet. Ihre Mutter Irma überlebte
David um neun Jahre und starb 1991 im Alter von 93 Jahren, und sicher kümmerte sich
Liselotte um sie.
Für viele Jahre arbeitete Lilo Bacharach in der Pikesville Bücherei und war auch sehr
belesen. Außerdem unternahm sie viele und weite Reisen. Ihre Familie vergrößerte sich
14
um fünf Enkel und, bis zu ihrem Tod, vier Urenkel. Im Alter von 88 Jahren starb Liselotte
Bacharach am 16. September 2016 in Baltimore. Nach ihrem Tod erinnerten sich Freunde,
dass Lilo eine starke und freundliche Frau war, die die Bedeutung von Bildung und
Familie verkörperte. Sie habe immer ein offenes Haus gehabt und war herzlich zu den
Freunden ihrer Söhne. Ein anderer bezeichnete Lilo und David Bacharach als freundliche,
fürsorgliche und mitfühlende Menschen.
Biografien von Ferdinand Wolf (1892-1942)
und Berta „Bertel“ Wolf geb. Strauß (1900-1942)
von Osman Sahin, Klasse 8u, und Florian Jung
Ferdinand Wolf wurde am 24. März 1892 als jüngstes Kind von Leopold und Karoline
Wolf geboren. Mit dem zweitjüngsten, Ludwig, scheint Ferdinand ein enges Verhältnis
gehabt zu haben, da sie sehr viel gemeinsam oder parallel erlebten. Ein Jahr
nach seinem Bruder Ludwig ging Ferdinand auf die Realschule Bruchsal. Das war
die Vorgängerschule des heutigen
Justus-Knecht-Gymnasiums, die
aber in den Räumen des heutigen
Schönborn-Gymnasiums untergebracht
war. 1901/02 besuchte er die
Sexta, und es ist anzunehmen, dass
er die Schule nach der Mittleren
Reife (Untersekunda) 1907 verließ.
In diesem Jahr starb auch der Vater,
der Viehhändler Leopold Wolf.
Ferdinands 19 Jahre älterer Bruder
Gustav Wolf übernahm das sich im
Elternhaus Huttenstraße 4 befindliche
Geschäft. Gustav verlegte die
Viehhandlung um 1910/13, nach
seiner Eheschließung, in das Haus
Talstraße 12 in Bruchsal. Ferdinand
machte eine Ausbildung zum Kaufmann,
wann und wo genau ist nicht
mehr feststellbar. Im letzten Jahr vor
Beginn des Ersten Weltkriegs ging
er einer sozialversicherungspflichtigen
Arbeit nach, war also angestellt.
Im August 1914 gehörte Ferdinand
Wolf zu den ersten Soldaten.
15
Ferdinand und Bertel Wolf, um 1930 in Bruchsal.
Foto: Hélène Yaïche.
Zunächst kämpfte Ferdinand im Infanterie-Regiment 170, später im Infanterieregiment
111. Nach vier Jahren Kriegseinsatz geriet der Unteroffizier bei Bapaume am
23. August 1918 in Kriegsgefangenschaft. Diese verbrachte er in England. Erst nach
14 Monaten wurde er entlassen.
1920 gründete Ferdinand zusammen mit seinem Bruder Ludwig die Zigarrenfabrik
„Gebrüder Wolf “, die ihren Firmensitz im Elternhaus, Huttenstraße 4, hatte. Bereits im
Jahr 1925 verfügte die Firma über ein Telefon und ein Postscheckkonto.
Bis 1925 wohnte Ferdinand Wolf im Elternhaus zusammen mit seiner Mutter und seinen
Geschwistern. Am 4. Dezember 1925 verehelichte er sich mit Berta Strauß, die
im Familienkreis nur Bertel genannt wurde – vielleicht auch zur Unterscheidung von
Ferdinands Schwester Berta Wolf, die das Büro der Tabakfabrik leitete.
Bertel Wolf war am 13. Juni 1900 in Dinslaken als Tochter des Leopold Strauß und der
Saly Strauß geb. Stern zur Welt gekommen. Leopold Strauß (30.11.1861-15.06.1939)
war Lehrer und Rektor der Jüdischen Schule in Dinslaken sowie Kantor der dortigen
jüdischen Gemeinde. Zudem gehörte er dem Dinslakener Stadtrat seit 1920 an, unterrichtete
auch an der Handelsschule und engagierte sich im städtischen Wohlfahrtsausschuss.
Seine Frau Saly (05.04.1867-28.05.1934) hatte vier Kinder. Die Zwillinge Alfred
(1891-1944) und Siegfried (1891-1944) sowie Richard (1893-1916) wurden noch in
Battenberg geboren, wo der Vater seine erste Lehrerstelle hatte. Die Brüder Richard
und Alfred gründeten eine Rinderfutterfabrik in Essen und galten als wohlhabend.
Bertels alter Vater wurde am 10. November 1938 in Dinslaken brutal angegriffen und
musste ins Krankenhaus, seine Wohnung wurde zerstört. Er ist nicht nach Hause zurück
gegangen, sondern lebte fortan bei seinem Sohn Alfred in Essen. 1939 ist er dort
an Demenz gestorben. Bertels Brüder, die Schwägerinnen und deren Mütter sowie der
stehend 2.v.li.: Berta Wolf geb. Strauß; stehend 7.v.li.: evtl. Bruder Siegfried Strauß oder Bruder Alfred
Strauß; stehend 10.v.li.: Vater Leopold Strauß; sitzend 2.v.li.: Mutter Saly Strauß geb. Stern; sitzend 3.v.li.:
Großmutter Sophie Stern geb. Nördlinger (1827-1928) an ihrem 100. Geburtstag. Foto: Hélène Yaïche.
16
Neffe Richard Strauß (1926-1944) wurden 1943 nach Theresienstadt deportiert und
1944 in Auschwitz ermordet. Nur die Nichte Marianne (1923-1996) konnte sich der
Verhaftung entziehen und versteckt in Deutschland überleben. 1946 heiratete sie in
England Basil Ellenbogen. Ihre von Mark Roseman verfasste Biografie erschien 2000.
Die Eheschließung von Ludwig Wolf und
Bertel Strauß fand am 4. Dezember 1925
in Dinslaken statt. Woher sich die beiden
kannten, ist unklar. Der gemeinsame
Sohn Richard kam am 15. November
1926 in Bruchsal zur Welt und erhielt den
Zweitnamen Leopold nach seinen beiden
Großvätern. Zunächst wohnte das junge
Paar in unmittelbarer Nachbarschaft zu
Ferdinands Bruder Ludwig und dessen
Familie in der Bergstraße 53, und seit
etwa 1930 schließlich in der Wilderichstraße
23.
Die Zigarrenfabrik der Gebrüder Wolf
stand in Karlsdorf, Bahnhofstraße 269.
Auf dem 22 Ar großen Grundstück befand
sich nicht nur das Fabrikgebäude,
sondern auch ein Wohnhaus und ein
Hausgarten. Es spricht für intakte Familienstrukturen,
dass diese Anlage 1930
auf die Namen der beiden Ehefrauen der
Firmeninhaber, Irma und Bertel Wolf, erworben
wurde. Vorbesitzer war die Firma „Zigarrenfabriken Linz und Burgert GmbH“
in Graben. Nach Einschätzung der Industrie- und Handelskammer (1961) handelte es
sich um einen kleinen, aber soliden Betrieb, die Inhaber wurden als „fleißig“ bezeichnet.
In dem damals 2300 Einwohner zählenden Karlsdorf waren weitere fünf Firmen
vergleichbarer Größe vorhanden. Die Firma hatte vor 1933 über 100 Beschäftigte. Diese
stellten etwa 50.000 bis 60.000 Zigarren in der Woche her. Die Belegschaft bestand
im Wesentlichen aus Frauen. Im Hinterhaus des Gebäudes in der Huttenstraße 4 war
die Sortiererei untergebracht. Dort waren etwa fünf Arbeiter beschäftigt. Während der
Zeit der Tabakfermentation waren es zwölf bis 15 Arbeiter. Gegenüber, auf dem Gelände
der Schlosserei Braun, befand sich das Lager. Nach der nationalsozialistischen
Machtübernahme reduzierte sich die Zahl der Arbeiter und auch der Umsatz kontinuierlich
bis auf etwa 50%. Am 25. August 1938 wurde das Unternehmen an die Firma
Carl und Eugen Kimling aus Graben verkauft („arisiert“), musste aber nach dem Zweiten
Weltkrieg zurückerstattet werden.
Ferdinand Wolf beschäftigte sich neben der Führung der Firma auch noch mit Tabakhandel
und besaß größere Aktienpakete. Auch soll seine Wohnung „sehr feudal“ einge-
17
Ferdinand und Richard Wolf, um 1928 in Bruchsal.
Foto: Hélène Yaïche.
Briefkopf aus den 1930ern. Quelle: GLA Karlsruhe, 237 Zugang 1967-19 Nr. 2024.
richtet gewesen sein. Zur Absicherung seiner Familie schloss Ferdinand Wolf zwischen
1925 und 1928 drei Lebensversicherungen ab. Zwei davon kündigte er jedoch 1939,
weil er sich die Beiträge nicht mehr leisten konnte. Oberbürgermeister Bläsi schrieb
1956: „Die Inhaber der Firma Wolf waren in Bruchsal als angesehene Bürger und Kaufleute
geachtet. Beide Firmeninhaber genossen stets einen guten Ruf.“
Das hinderte die Gestapo nicht, Ferdinand Wolf vom 11. November bis 13. Dezember
1938 in Dachau zu inhaftieren. Weitere Maßnahmen wie die Judenvermögensabgabe
und die Reichsfluchtsteuer zwangen Ferdinand und Bertel Wolf dazu, ihre
Wohnung in der Wilderichstraße 23 im Winter 1938/39 aufzugeben und in die Huttenstraße
26 zu ziehen. Von dort wurden sie zusammen mit ihrem Sohn Richard
am 20. Oktober 1940 nach Gurs deportiert. Pfarrer Heuchemer zitierte in seinem
Buch eine Augenzeugin: „Eines Tages kam meine Verwandte zu mir herauf in den
3. Stock und sagte ganz erschüttert: „Sie holen die Wolfs ab.“ Wir gingen dann in den ersten
Stock hinunter und schauten hinter den Fenstervorhängen hinaus. Ich sah gerade noch,
wie Frau Wolf in einen Lastwagen steigen musste. Sie hatte nur eine kleine Pappschachtel
bei sich, sonst nichts. Ihr Mann und der Sohn Richard, damals 14 Jahre alt, müssen schon
im Lastwagen gewesen sein.“ Das für die jüdischen Inhaber auf unzugänglichen Sperrkonten
verwahrte Vermögen wurde im Januar 1942 von den Finanzämtern eingezogen.
Die Liste des Bruchsaler Finanzamts umfasst 70 Familien bzw. Einzelpersonen. Die drei
Familien Wolf (Ferdinand, Ludwig, drei Schwestern) waren zum Zeitpunkt der Deportation
mit zusammen 85.000 RM Vermögen die mit großem Abstand wohlhabendste
Familie. Üblicherweise lag das konfiszierte Vermögen zwischen 500 und 3000 RM pro
Familie. Und trotzdem: Bertel Wolf führte nichts als eine kleine Pappschachtel mit sich.
In Gurs wurden Ferdinand und Richard Wolf in der Männerabteilung (Ilot E) untergebracht,
während Bertel im „Ilot I“ wohnen musste. Der besorgte S. Verstandig, wohl
ein Bekannter der Wolfs, erhielt im Januar 1941 die Auskunft des Lagerleiters, dass alle
drei bei guter Gesundheit seien. Am 10. März 1941 wurden sie ins Camp de Rivesaltes
verlegt, später nach „Les Milles“. Aufschlussreich sind einige Passagen in den Lebenserinnerungen
der Nichte Marianne. Marianne schrieb, dass Bertel und Ferdinand die
Hoffnung auf eine Emigration hatten. Aber der entfernte Verwandte in New York, Fritz
18
Stern, konnte nicht zu einer Entscheidung gedrängt werden. Schwägerin Lore Strauß
schrieb im September 1941: „Wir waren ganz enttäuscht, dass es an den Passagegeldern
gescheitert war. Gerade Bertel und Ferdinand sind doch so zuverlässig, dass sie bestimmt
jeden Pfennig zurückzahlen würden, der für sie verauslagt worden wäre, wenn sie erst ans
Verdienen kämen.“
Die Deportation von Bertel und Ferdinand Wolf erfolgte über Drancy nach Auschwitz.
Sie waren im Transport Nr. 21, der genau 1000 Personen umfasste und am
19. August 1942 in Drancy abfuhr. 817 Personen wurden sofort nach ihrer Ankunft
vergast. Zum Arbeitseinsatz selektiert wurden 138 Männer und 45 Frauen. Es ist unwahrscheinlich,
dass der 50-jährige Ferdinand und die 42-jährige Berta Wolf unter diesen
waren.
Biografie von Richard „René“ Wolf (1926-1981)
von Noah Kunze, Klasse 8v
Richard Leopold Wolf wurde am 15. November 1926 in Bruchsal als Sohn von Berta
(Bertel) Wolf und Ferdinand Wolf geboren. Geschwister hatte er nicht. Als er sieben
Jahre alt war, besuchte er die Volksschule in Bruchsal und wechselte zu Ostern 1936
auf die Oberrealschule Bruchsal, die Vorgängerschule des Justus-Knecht-Gymnasiums.
Der Eintritt in diese weiterführende
Schule sei nur möglich gewesen, weil der
Vater Offizier im Ersten Weltkrieg gewesen
war. Diese Schule musste Richard aber am
10. November 1938 verlassen, da er jüdisch
war. Ende 1938 oder Anfang 1939 musste
er auf eine jüdische höhere Schule in Köln
wechseln. Aus Köln wurde er dann aber
Ende 1939 von der Gestapo ausgewiesen.
Richard kam nach Bruchsal zurück. Seine
Eltern wohnten inzwischen nicht mehr
in der Wilderichstraße 23, wo er aufgewachsen
war, sondern in einer kleineren
Wohnung in der Huttenstraße 26. Bis zum
Abtransport nach Gurs nahm er dann regelmäßig
Nachhilfestunden bei dem jüdischen
Lehrer Wilhelm Prager. Diese Nachhilfestunden
waren für ihn sehr wichtig, da
er später gerne Jura studiert hätte. Das war
aber dann nicht mehr möglich.
Schon mit 14 Jahren wurde er am 22. Oktober
1940 mit seiner ganzen Familie in das Richard Wolf, 1942. Foto: Dossier O.S.E.
19
Internierungslager Gurs verschleppt. Auf dem Transportweg nach Gurs versuchte
Richard zu fliehen, was ihm aber unglücklicherweise misslang. Deshalb wurde er
von der SS-Wachmannschaft brutal gehauen, unter anderem auch ins Gesicht bzw.
auf das linke Auge. Richard hatte ein Augenflimmern, Sternchensehen und einen
starken Bluterguss, außerdem sah er verschwommen. Dabei verlor er 60 bis 70 Prozent
seiner Sehkraft. Als er in Gurs angekommen war, wurde er zusammen mit seinem
Vater ins Männerlager gesteckt. Am 10. März 1941 wurde er mit seinen Eltern,
seiner zwei Jahre jüngeren Cousine Liselotte und deren Eltern ins „Familienlager“
Rivesaltes verbracht. Richard Wolf erinnerte sich später: „Am 1.6.1942 entfloh ich
aus dem KZ Rivesaltes und war bis zum 22.6.1942 in Freiheit. Am 23.6.42 wurde ich in
Marseille wieder aufgegriffen und nach ungefähr vierwöchiger Haft in Marseille nach
Rivesaltes zurückgebracht. Das genaue Datum meines Rücktransports kann ich nicht
mehr angeben, glaube jedoch versichern zu können, dass meine Ankunft in Rivesaltes
auf den 22. oder 23.7. fiel. Am 30.12.1943 floh ich aus diesem Lager und trat dem
Maquis bei.“ Richard schrieb an anderer Stelle, dass er nach einem Fluchtversuch
aus Les Milles von der Gestapo schwer misshandelt worden sei und dass ihm und
anderen eine „suppige Flüssigkeit“, vielleicht Öl, über den Arm gegossen worden sei.
Er hatte davon bis an sein Lebensende große Verbrennungsnarben an der Innenseite
des linken Arms. Die Narben an den Händen entstanden durch eine Art Reitpeitsche.
Offizielle französische Papiere können diese Flucht nicht bestätigen, sondern geben
an, dass Richard Wolf am 8. Juli 1941 nach Les Milles gekommen sei und dass sich
seine Spur dort am 20. März 1942 verloren habe. Aber auch diese Daten müssen
angezweifelt werden, da Ferdinand Wolf ein offizielles Dokument am 9. August 1942
unterschrieb, auf dem er zugunsten der „Union Générale des Israélites de France“
(Allgemeine Vereinigung der Juden in Frankreich) auf die Vormundschaft über
seinen Sohn verzichtete. Es müssen dramatische Stunden gewesen sein, da die Eltern
ihrem Abtransport nach Drancy am Folgetag entgegensahen. Die Bemerkung
Richards, seine Eltern nur für wenige Stunden noch einmal getroffen zu haben, kann
nicht verifiziert werden, steigert aber die Dramatik ins Unerträgliche. Seine Eltern
wurden nach Auschwitz weitertransportiert und kamen nicht mehr zurück. Richard
Wolf schrieb dazu später: „Bis zu diesem Zeitpunkt waren meine Eltern immer noch
in der Lage, für meine Ausbildung und mein Fortkommen zu sorgen.“
Die Jüdische Hilfsorganisation O.S.E. brachte Richard zunächst ins Hotel Bompard
in Marseille und im Herbst ins Chateau „Le Masgelier“, ein von der O.S.E. betriebenes
Kinderheim. Man versuchte, Richard im September 1942 in die USA zu schicken,
was aber nicht gelang. Auch eine Rettung in die Schweiz war nicht möglich, da
Richard 1943 bereits älter als 16 Jahre war. Von September 1943 bis Juni 1944 war er
im Heim der Hilfsorganisation „Amitié Chrétienne“ in Lastic-Rosans und arbeitete
bei Bauern. Am 6. Juni 1944 wurde er von dem Bauern denunziert, bei dem er als
Knecht arbeitete. An diesem Tag trat er der Resistance bei, sein Name änderte sich
von Richard in René. Er wurde dort zum Sprengstoffexperten und verhörte deutsche
20
Gefangene, kümmerte sich außerdem
um die Kasse. Seine Einheit
wurde später in die französische
Armee eingegliedert, kämpfte an
der Alpenfront und in Nordafrika.
Im April 1947 verließ er die Armee
auf eigenen Wunsch und zum Bedauern
seiner Vorgesetzten und erhielt
die französische Staatsbürgerschaft
aufgrund der Tatsache, dass
er mehr als fünf Jahre auf französichem
Boden gelebt hatte.
Damit stand der knapp 21-Jährige
alleine da – ohne Familie, ohne
Schulbildung, ohne Beruf, ohne
Geld. Und er war nach sieben Jahren
in Lagern und Militär körperlich
und seelisch erschöpft. Später
beschrieb er den Neubeginn so:
„Ende 1947 traf ich in Paris mit
Herrn Rudolf Kauffmann zusammen.
Herr Rudolf Kauffmann, der
frühere Mitinhaber der Firma Bernhard
Kauffmann Söhne in Bruchsal,
ist ein guter Bekannter meiner Eltern
gewesen. Als ich ihm schilderte, wie es meiner Familie ergangen war und dass
Richard Wolf, um 1944 in Frankreich. Foto: Hélène Yaïche.
ich nun völlig mittellos als junger Mann ohne eine geordnete Ausbildung und ohne
die französische Sprache zu beherrschen in Paris stünde und nicht ein noch aus wisse,
erklärte er mir, dass er mich in seiner Firma in Paris, nämlich in der Sibra, in ein Lehrverhältnis
nehmen wolle. Er erklärte mir, dass ich dort je nach Eignung Aufstiegsmöglichkeiten
hätte, dass ich aber selbstverständlich zunächst einmal mit allen anfallenden
Arbeiten als Lehrling vertraut gemacht werden müsste.“ Herr Kauffmann gestand
René Wolf auch etwas mehr als das Lehrlingsgehalt zu. „Er sah ein, dass ich von
irgendetwas leben musste, dass ich also ein Zimmer und die üblichen Mahlzeiten benötigte.“
Abends bildete sich René in Rechen-, Buchführungs-, Allgemeinbildungskursen
und der französischen Sprache weiter. Zudem hörte er an der Universität
Tours verschiedene Rechtskurse. Bei der Sibra („Société Industrielle de Brasseries“)
arbeitete René offensichtlich so erfolgreich, dass ihm Rudolf Kauffmann zum
1. Juni 1951 die Stelle des Geschäftsführers im Schwesterunternehmen, dem SaGeKo
(„Saarländischer Getränke-Kontor“), in Merzig/Saar anbot. Diese hatte die Generalvertretung
der Nieder-Yeutzer Brauerei inne. Parallel dazu meldete René am 12. Juli
1950 in Bruchsal seinen ersten Wohnsitz unter der Adresse seiner Tante Sophie Wolf
21
an, um in seiner Geburtsstadt beruflich
Fuß zu fassen, was jedoch
misslang. Mit der Abmeldung am
13. März 1953 gab er dieses Vorhaben
endgültig auf. Dafür wurde
er zusätzlich zu seiner Tätigkeit
bei SaGeKo Aufsichtsratsmitglied
in der Brauerei von Fontoy. 1958
gründete er die Firma Wolf und
Co. GmbH in Merzig, die sich dem
Vertrieb von Bedarfsartikeln für
die Ausstattung von Gaststätten
widmete. Bis zu seinem Tod leitete
er die Compagnie Comerciale
Européene als kaufmännischer
Direktor.
Am 26. September 1956 heiratete
René Wolf die aus Luxemburg
stammende 22-jährige Ruth Levy,
und nach ersten gemeinsamen
Richard „René“ Wolf, 1975. Foto: Hélène Yaïche.
Jahren in Merzig zog das junge
Paar 1958 nach Thionville in Lothringen. Die beiden Kinder Frédéric und Hélène
wurden 1958 und 1959 geboren. René war in jenen Jahren beruflich und privat stark
eingespannt, pendelte täglich zwischen Thionville und Merzig. Er hatte beruflich
auch oft in Paris zu tun. Außerdem kümmerte er sich um seinen Onkel Issak Frank
in Winnweiler und seine Tante Sophie Wolf in Bruchsal. Diese besuchte er regelmäßig
und unterstützte sie besonders bei ihren Wiedergutmachungsverfahren und
dem Wiederaufbau ihrer Immobilien.
Gesundheitlich hat sich René Wolf nie von den Entbehrungen des Lagerlebens erholt.
Er hatte dort ruhrähnliche Erkrankungen durchgemacht und litt seither häufig
unter einem Druckgefühl in der Magengegend, verbunden mit Brechreiz und
Durchfall, Schmerzen der Leber und Galle. Immer wieder auftretende, heftige Stirnkopfschmerzen
verursachten Herzschmerzen und Schwindelanfälle. Immer wieder
durchlebte er auch Momente der Lagerhaft in seinen Alpträumen. Und trotzdem
ist er seinen Kindern als positiver Mensch, warmherzig, hilfsbereit, großzügig und
mit ausgeprägtem Familiensinn in Erinnerung geblieben. Der Zufall wollte es,
dass René Wolf nur 60 km entfernt von seiner Geburtsstadt Bruchsal starb. Am
15. August 1981 waren René und seine Frau Ruth auf dem Heimweg von einem Italienurlaub,
als er plötzlich starke Bauchschmerzen bekam und deswegen einen Halt
im Krankenhaus von Baden-Baden einlegte. Nach mehreren Operationen und Komplikationen
verstarb er dort am 12. Dezember 1981. Richard René Wolf wurde nur
55 Jahre alt.
22
Schweigen als latenter Schmerz
von Rolf Schmitt
Erst nach einem Besuch in Bruchsal im Jahr 2019 fand Hélène Wolf die Kraft, den braunen
Ordner zu öffnen, der jahrzehntelang verschlossen im Büro des Familienhauses
stand. Erst dieser Besuch gab ihr, wie sie schrieb, die Stärke, „das Tor zur Besänftigung
zu öffnen“. Hieraus entstanden die Erinnerungen an ihren Vater René (Richard). Teile
dieses Manuskripts wurden nachstehend verwendet.
Hélène schreibt, ihr Vater habe nie von seiner Kinderzeit vor der Deportation nach Gurs
gesprochen. „Nie ein Wort. Er hat weder über seine Eltern erzählt, noch von seiner Familie,
geschweige denn von den vielen Onkel und Tanten, so dass diese für mich lange Zeit nur
Schatten waren. Mama erzählte, dass er am Anfang ihrer Ehe schwere Albträume hatte
und regelmäßig mitten in der Nacht aufwachte.“
Ihr Vater habe nie seine deutschen Wurzeln verleugnet, er war sogar stolz darauf. Er
wusste immer zwischen Nazis und Deutschland zu unterscheiden. Dies war wichtig für
ihn. „Wie hätte er sein Leben wieder aufbauen können, wenn er seine Wurzeln und obendrein
den Verlust seiner Eltern verleugnet hätte?“ Dies hat er auf seine Kinder übertragen,
die deutsch lernten und oft Bruchsal besuchten, aber nicht verstanden, wie er sich trotz
allem dort wohlfühlen konnte. Er sei nicht gläubig gewesen und folgte keiner religiösen
Tradition. Nur selten ging er in die Synagoge, erwartete dies aber von seinen Kindern.
Hélène schildert ihren Vater als geradlinigen Menschen. Seine wichtigsten Werte und
Eigenschaften seien gewesen: Ehrlichkeit, Pünktlichkeit, Respekt vor Staat und Gesetz,
Verantwortungsbewusstsein sowie Beharrlich- und Nachvollziehbarkeit. „Er war ein
großzügiger und hilfsbereiter Mensch, vom ihm habe ich den Sinn zum Einsatz bekommen,
dieses Drängen zu helfen und die Hand zu reichen“. Hélène lernte von ihm, das Leben von
seiner guten Seite zu sehen, das Glas halbvoll und nicht halbleer, „das ist wahrscheinlich
mein schönstes Erbe von ihm“. Sie sah ihn nur einmal weinen. Das war 1972, als die israelischen
Athleten in München ermordet wurden.
Mit seiner Frau teilte er die Freude an avantgardistischer Kunst und die Liebe für schöne
Teppiche – und den Spaß am Dame-Spiel, „Sonntag Nachmittag auf dem quadratischen
Tisch im kleinen Wohnzimmer. Da war er glücklich“. „Er konnte nicht schwimmen.
Er konnte nach dem Mittagessen ein kurzes Nickerchen machen und wieder zur Arbeit
gehen. Er war Tiefschläfer und schnarchte, dass die Wände wackelten“. Er aß gerne Austern,
obwohl sie nicht koscher waren, er liebte Sahnehering, den es immer zum Ende
der Kippur-Fastenzeit gab. „Es ist mir jetzt verständlicher, warum mein Vater mit seinem
täglichen Leben zufrieden war. Er war sich bewusst darüber, was ihn unter Umständen
erwartet hätte – und hat sich nie beklagt.“ Es wurde in der Familie Wolf wie in vielen
anderen jüdischen Familien über die Shoah geschwiegen: „Er hat darüber einfach nicht
erzählt. Wenn sein Schweigen so für ihn richtig war, dann ist das in Ordnung. Es ist aber
auch richtig, dass diese große Leere, die er durch sein Schweigen gelassen hat, ein latenter
Schmerz für seine Familie und deren Nachkommen ist.“
23
Familie Leopold Wolf
Leopold Wolf
* 12.04.1843 Östringen † 28.03.1907 Bruchsal
(Sohn v. Wolf Wolf (~1799 Östr.-?), Handelsm. in Östringen, und Henriette Herrmann (~1802-1865))
Handelsmann (1873) in Östringen; Viehhändler in Bruchsal; seit 1882 in Huttenstraße 4, Bruchsal
verh. 27.02.1873 Bruchsal
Karoline Münzesheimer * 13.05.1851 Stebbach † 16.10.1936 Bruchsal
(To. v. Lazarus Münzesheimer (~1813 Stebbach-1888 Br.) u. Sophie Stein (~1819 Freudental-1897 Br.))
9 Kinder:
1. Gustav Wolf * 04.12.1873 Östringen † 07.12.1937 Bruchsal
Viehhändler in Bruchsal; Talstr. 12, Bruchsal
verh. 30.06.1911 Philippsburg
Johanna Löb
* 29.08.1888 Philippsburg † 09.04.1969 Plainfield/NJ/USA
(Tochter v. Heinrich Löb (1855-1930), Handelsmann in Philippsburg, u. Frieda Klein (1860-1918))
02.1938 Auswanderung in USA, wohnhaft bei der Tochter in Rahway/New Jersey/USA
1 Kind:
a) Anneliese Wolf * 26.06.1913 Bruchsal † 22.04.2003 New York/USA
Abitur 1933 Oberrealschule Bruchsal; 16.02.1937 nach New York/USA; wohnhaft in Ocean/NJ/USA
verh. 27.12.1938 New York Ferdinand Thiel * 31.07.1902 Kordel (RP) † 01.1983 New York
kinderlos
2. Hermine Wolf * 26.05.1875 Östringen † 12.01.1940 Bruchsal
1902-1937 Inhaberin Schuhgeschäft Kaiserstr. 43/45; Bismarckstr. 18, Bruchsal (1940)
verh. 16.09.1902 Bruchsal
Abraham Hirtz gen. Adolf Hitz * 18.06.1859 Pleschen/Polen † 10.11.1909 Bruchsal
(Sohn von Morsche Günsche Hirtz (+ vor 1902), Schneider, und Gütel Slowiek (+ vor 1902))
Kaufmann in Bruchsal; Kaiserstr. 43, Bruchsal (1909); kinderlos
3. Helene Wolf * 26.11.1876 Östringen † 04.06.1951 Winnweiler
22.10.1940 Gurs; 20.02.1941 Camp de Noé; 16.06.1941 Les Milles; Rückkehr nach Winnweiler
verh. 18.10.1904 Bruchsal
Isaak Frank
* 19.10.1874 Dörrmoschel † 19.09.1963 Winnweiler
(Sohn von Bernhard Frank und Sara Sternberger)
Viehhändler; 22.10.1940 Gurs; 20.02.1941 Camp de Noé; 16.06.1941 Les Milles; Rückkehr Winnweiler
2 Kinder:
a) Selma Frank * 02.07.1905 Winnweiler † 1942/45 Treblinka
vh. 1. Ehe Friedrich Straß * 10.07.1905 Eppelsheim † 03.06.1938 San Cristobal/Arg.
wanderte 11.1937 nach Argentinien aus
2 Kinder: Werner Straß (1929-1942/45); Waltraude Straß (1930-1942/45)
vh. 2. Ehe 23.03.1939 Albert Straß * 26.11.1911 Eppelsheim † 1942/45 Treblinka
wohnh. in Dalsheim, dann Worms, dann Mainz; 30.09.1942 alle 7 nach Treblinka deportiert
3 Kinder: Martel Straß (1939-1942/45), Amon Straß (1940-1942/45), Jona Straß (1941-1942/45)
24
b) Gertrud Frank * 18.05.1911 Winnweiler †
Kaiserstr. 43/45 (1933-1936), Huttenstr. 4 (1939), Bruchsal; Auswanderung nach Argentinien
verh. 1937/38 Karl Löwenstein
4. Sophie Wolf * 29.11.1878 Östringen † 26.09.1967 Bruchsal
Huttenstr. 4, Bruchsal; 22.10.1940 Gurs; Rückkehr 23.11.1946; Schloßstr. 11, Br. (1967), unverheiratet
5. Melanie Wolf * 10.05.1880 Östringen † 22.03.1949 Bruchsal
Damenschneiderin; 22.10.1940 Gurs; Rückkehr 23.11.1946; Schönbornstr. 21, Br. (1949), unverheiratet
6. Wilhelm Wolf * 28.11.1883 Bruchsal † 13.12.1884 Bruchsal
7. Berta Wolf * 08.03.1886 Bruchsal † 08.1942 KZ Auschwitz
Büroleiterin; 22.10.1940 Gurs, 21.02.1941 Camp de Noé, 12.08.1942 Auschwitz, unverheiratet
8. Ludwig Wolf * 30.05.1890 Bruchsal † 16.04.1957 Baltimore/USA
Zigarrenfabrikant; Bergstraße 51, Bruchsal; 22.10.1940 Gurs; 10.03.1941 Rivesaltes; 05.1948 USA
verh. 11.06.1926 Schierstein bei Wiesbaden
Irma Katz
* 05.10.1897 Schierstein † 01.08.1991 Baltimore/USA
(To. v. Karl Katz (1869-1935), Textilkaufmann in Schierstein, und Klara Laupheimer (1875-1943))
22.10.1940 Deportation nach Gurs; 10.03.1941 Rivesaltes; 27.09.1942 Flucht Schweiz, 05.1948 USA
1 Kind:
a) Liselotte Wolf * 04.07.1928 Karlsruhe † 16.09.2016 Baltimore/USA
22.10.1940 Deportation nach Gurs; 10.03.1941 Rivesaltes; 27.09.1942 Flucht Schweiz; 08.1946 USA
vh. ~1949 Dr. David Nathan Bacharach * 05.06.1917 Baltimore/USA † 24.10.1982 Baltimore
(Sohn von David Bacharach (1876-1943), Kaufmann in Baltimore, und Irene Winternitz (1881-1955))
2 Ki.: Dr. Richard Bacharach vh. Dr. Ellen Volkman; Steven Bacharach vh. Sharon Botwinik (USA)
9. Ferdinand Wolf * 24.03.1892 Bruchsal † 08.1942 KZ Auschwitz
Zigarrenfabrikant; Wilderichstr. 23, Br.; 22.10.1940 Gurs; 10.03.1941 Rivesaltes; 19.08.1942 Auschwitz
verh. 04.12.1925 Dinslaken
Berta „Bertel“ Strauß * 13.06.1900 Dinslaken † 08.1942 KZ Auschwitz
(Tochter von Leopold Strauß (1861-1939), Lehrer in Dinslaken, und Rosalie Stern (1867-1934))
22.10.1940 Deportation nach Gurs; 10.03.1941 Rivesaltes; 19.08.1942 Auschwitz
1 Kind:
a) Richard Leopold „René“ Wolf * 15.11.1926 Bruchsal † 12.12.1981 Baden-Baden
22.10.1940 Deportation nach Gurs; nach 1945 wohnhaft in Merzig/Saar und Thionville, Frankreich
verh. 26.09.1956 Esch-sur-Alzette
Ruth Rosy Levy
* 22.05.1934 Esch-sur-Alzette † 18.05.1996 Paris
(Tochter von Paul Salomon Levy und Esther Germaine Lichtenstein)
2 Kinder: Frédérik Wolf (*1958), Paris; Hélène Wolf (*1959) vh. Patrick Yaïche, Paris
Ein Cousin der Geschwister Wolf war Gustav Wolf (1887 Östringen - 1947 Northfield). Das Werk des
Malers, Grafikers, Holzschneiders und Kunstlehrers wird seit 1994 in der Gustav-Wolf-Galerie in seiner
Heimatstadt Östringen gezeigt. (Abbildung Seite 53)
25
Biografie von Herbert Beck (1922-1940)
von Jannick Rost und Torben Seehaus, Klasse 8v
Auweg 5, früher Auweg 1, Bruchsal, um 1950. Foto: Ludwig Müller.
26
Herbert Beck wurde am
3. November 1922 in Bruchsal
geboren. Er war das zweitälteste
von vier Kindern und
seit seiner Geburt geistig behindert.
Ungewöhnlicherweise
war seine Taufe erst
am 10. Dezember 1922, über
einen Monat nach seiner Geburt.
Sein Vater Karl Valentin
Beck wurde am 9. August
1898 geboren und starb am
28. Dezember 1973. Als junger
Mann musste der Vater
als Soldat am Ersten Weltkrieg teilnehmen und wurde durch einen Lungenschuss verletzt.
Nach dem Ersten Weltkrieg arbeitete er in den 1920ern als Hilfspostschaffner, 1931 als
Arbeiter, 1933 bis 1938 als Dreher. Im Zweiten Weltkrieg war er in der Festungsflakabteilung
35 Bruchsal beschäftigt. Herberts Mutter Frieda Franziska Beck geb. Stadtmüller
wurde am 19. Januar 1900 geboren und starb am 5. März 1982. Herbert wuchs mit vielen
Verwandten auf, da seine Großeltern mütterlicherseits 13 Kinder hatten. Die Großeltern
waren Schuhmachermeister Andreas Stadtmüller (1867-1948) und Barbara Stadtmüller
geb. Kling (1874-1960). An sie und die Kinder wird heute im Schuhmacher-Rill-Museum
in der Klosterstraße 37 gedacht. Frieda Beck und Karl Beck kamen also beide aus alteingesessenen
Bruchsaler Familien. Sie heirateten am 5. Februar 1921 in der Peterskirche
in Bruchsal. Als Zweitgeborener hatte Herbert Beck eine ältere Schwester namens Maria
(1921-1982), einen jüngeren Bruder namens Gerhard (1924-1996) und eine jüngere
Schwester mit dem Namen Mathilde (*1938).
Die Familie wohnte in den 1920ern in der Rheinstraße 10 (heute Werner-von-Siemens-
Straße) und von etwa 1931 bis etwa 1960 im Auweg 1 zur Miete bei Familie Müller. Die
Hausnummer des Gebäudes wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Auweg 5 geändert.
Die Familie hatte vermutlich nicht viel Geld, wie man an den einfachen Berufen von Karl
Valentin Beck erkennen kann und an der Tatsache, dass sie im eigenen Schrebergarten
Gemüse anbauten. Für das Jahr 1939 ist seine monatliche Kriegsrente (wegen des Lungenschusses)
von 92,60 Mark und sein Verdienst von 120 Mark monatlich in der Festungsflakabteilung
35 Bruchsal belegt.
Herbert Beck lebte bis zu seinem 9. Lebensjahr zu Hause. In der Familie wurde mündlich
überliefert, dass Herbert ein problemloses Kind war. Er konnte sich frei bewegen und
wusste auch seinen Namen. Herbert Beck wurde am 28. April 1931 durch Veranlassung
des Ministeriums in der Anstalt Herten bei Rheinfelden aufgenommen. Begründung war
die Krankheitsform Nummer 3, deren Bedeutung heute ungeklärt ist. Herten war damals
ein Heim mit Schule für geistig behinderte Kinder. Das Erbgesundheitsgericht Bruchsal
hat mit dem Entscheid vom 11. April 1934 die Sterilisierung von Herbert Beck angeordnet.
Daraufhin holten seine Eltern ihn sofort aus der Anstalt Herten nach Hause, nämlich eine
Woche später, am 18. April 1934. Obwohl die Eltern einfache Leute waren, hatte der Vater
gegen die Sterilisierung Einspruch eingelegt. Dieses Verfahren wurde am 25. Mai 1934
vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe verhandelt. Das Gericht führte aus: „Der Erbkranke
muss den kleinen unschädlichen Eingriff, den das Gesetz im Interesse der Volksgemeinschaft
ihm auferlegt, unterziehen, damit weiteres Unheil verhütet wird, das aus seiner krankhaften
Anlage für etwaige Nachkommenschaft entstehen könnte, und damit müssen sich auch die
Angehörigen abfinden.“ Somit wurde das Urteil gegen den 11-Jährigen bestätigt und ans
Bruchsaler Gericht zurückverwiesen mit der Anfrage, ob man die Sterilisierung vorläufig
aussetzen könnte. Allerdings sind die Bruchsaler Akten verloren, daher weiß man nicht,
wie es ausging.
Herbert Beck wurde am 7. Juni 1939 in der Erziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache
Mosbach, Außenstelle Schwarzacher Hof, untergebracht. Auf Vorschlag des Gesundheitsamtes
und des Arbeitsamtes Bruchsal stellten die Eltern zuvor am 17. Februar
1939 den Antrag auf Unterbringung in der St. Josefsanstalt in Herten oder der Heil- und
Pflegeanstalt Mosbach. Sie erhofften sich eine Ausbildung zur Arbeit in der Gärtnerei oder
Landwirtschaft. Doktor Braun vom Gesundheitsamt Bruchsal schrieb nach seiner Untersuchung
am 18. April 1939, Herbert Beck sei „angeboren unheilbar schwachsinnig“. Er
schrieb allerdings auch, Herbert Beck würde keine Gefahr für sich und andere darstellen.
Fürsorgeobersekretär Dreher des Jugendamts schrieb dagegen am 3. Mai 1939, Herbert
Beck würde durch seine planlosen Handlungen im Elternhaus eine absolute Gefahr für
seine jüngste Schwester darstellen, welche zu dieser Zeit etwa sechs Monate alt war.
Frieda,
Mathilde,
Gerhard, Maria
und Karl Beck,
um 1942
in Bruchsal.
Foto:
Karl Ohler/
Gottfried Kluge.
27
Karl und Frieda Beck, um 1960.
Foto: Gottfried Kluge.
Die Pflegeanstalt Mosbach wurde im Sommer
1880 von mehreren sozial engagierten Bürgern
gegründet. Sie begannen die Arbeit mit
16 Jungen und Mädchen, hatten aber bereits
nach zehn Jahren schon 116 Kinder in Betreuung.
Bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs
stieg die Zahl der betreuten geistig Behinderten
auf 506. Die Arbeit in der Anstalt wurde durch
die Nazi-Ideologie immer schwieriger. Im Rahmen
der sogenannten „T4-Aktion“ sollten Menschen
mit Behinderung systematisch ermordet
werden. Daher wurden von September 1940 bis
Juli 1944 insgesamt 262 Heimbewohner und
Heimbewohnerinnen gewaltsam aus Mosbach
und Schwarzach abgeholt und ermordet. An
die Getöteten erinnert heute ein Gedenkstein
an der Johanneskirche in Mosbach. Anstaltsleiter
Pfarrer Robert Wilckens versuchte die
Todestransporte zu verhindern. Als die Busse
am 12. September 1940 in Mosbach eintrafen,
verhandelte er langwierig. Ergebnis war, dass
beim ersten Transport nur Bewohner des 15 km
entfernten Schwarzacher Hofes betroffen sein
sollten. Das Personal der Busse übernachtete in der Region. Am nachfolgenden Morgen
fuhren dann die Busse am Schwarzacher Hof vor und 75 männliche Bewohner der Anstalt
wurden mitgenommen, unter ihnen Herbert Beck.
Am 13. September 1940 kam es somit zu einer „Verlegung“ in die Tötungsanstalt Grafeneck
bei Gomadingen. Am gleichen Tag wurde Herbert Beck aufgrund seiner geistigen
Behinderung von den Nationalsozialisten ermordet. Er wurde nur 18 Jahre alt. Den
Eltern wurde allerdings mit einem standardisierten Brief ein ganz anderes Todesdatum
mitgeteilt, nämlich der 23. September 1940. Die Urne, die zynischerweise einfach nur irgendwelche
Asche enthielt, wurde am 23. Oktober in Bruchsal bestattet. Das Grab wurde
noch viele Jahre von Herberts Mutter gepflegt. Obwohl die Enkel ein sehr gutes Verhältnis
zu den Großeltern hatten und den Großvater als gütig, die Großmutter als herzlich, aber
doch strenger beschrieben, so wurde mit den Enkeln nie über Herbert und sein Schicksal
geredet. Dieses Verhalten war typisch für Familien, deren Angehörige zur Zeit des Nationalsozialismus
ermordet wurden.
„Pfleglingsliste“ der damaligen Erziehungs- und Pflegeanstalt für Geistesschwache, Mosbach
(heute Johannes-Diakonie), 1939. Quelle: Richard Lallathin.
28
Biografie von Hanna „Mina“ Wertheimer
geb. Merklinger (1870-1942)
von Johann Schäfer, Klasse 8s
Hanna Merklinger wurde am 18. August 1870 in
Bodersweier bei Kehl geboren. Ihr Vater Emanuel
Samuel Merklinger (1805-1875) heiratete
am 14. Februar 1861 die 34 Jahre jüngere Babette
Günzburger (1839-1907), nachdem seine
erste Frau Rebekka geb. Rödinger (1809-1856)
verstorben war. Mit Rebekka hatte Emanuel
Merklinger sieben Kinder; erwachsen wurden
Joseph (1843-1923), David (1847-1924) sowie
eventuell Babette (1845-?) und Maria (1850-?).
Aus der zweiten Ehe entstammten fünf Kinder,
von denen Hanna die jüngste war. Die erwachsenen
Geschwister waren Helena (1863-1962,
verh. Rosenberg), Max (1866-1925) und eventuell
Bertha (1867-?). Der Vater, der ein Leben
lang Handelsmann in Bodersweier war, starb
1875, als Hanna sechs Jahre alt war, im Alter
von siebzig Jahren. Er wurde auf dem Jüdischen Friedhof Freistett beigesetzt.
Am 3. März 1902 heiratete Hanna 32-jährig den gleichaltrigen, aus Gemmingen stammenden
und in Neidenstein ansässigen Schuhwarenhändler Maier Wertheimer (1870-
1920) in Bodersweier. Für Maier war dies die zweite Ehe. Seine erste Frau Hanchen
Wertheimer geb. Kaufmann war 1900 bereits mit 28 Jahren gestorben, nachdem sie
1898 ihr gemeinsames Kind Mathilde Wertheimer auf die Welt gebracht hatte. Hanna
zog das zweijährige Mädchen als Stiefmutter auf, und sie entwickelten ein gutes Verhältnis
zueinander. Ein Jahr später, am 17. Mai 1903, kam ihr einziger gemeinsamer
Sohn in Neidenstein zur Welt, Emanuel Wertheimer. Ab dann wird sie auch in offiziellen
Dokumenten Mina genannt. Die Schwiegermutter, Maiers Mutter Rosina, zog zu
ihnen nach Neidenstein und starb dort 1912 im Alter von 90 Jahren. Bereits 1920 starb
Maier Wertheimer im Alter von 50 Jahren. Nachdem die Stieftochter Mathilde 1927
Karl Kalonimus Mayer (1894-1942) heiratete und nach Hoffenheim zog, blieb Hanna
„Mina“ allein in Neidenstein zurück, da Sohn Emanuel bereits zwischen 1920 und
1927 nach Bruchsal verzogen war. Die Trauzeugen waren Mathildes Bruder Emanuel
und Karls Onkel Benjamin „Benni“ Heumann (1877-1948), ein Viehhändler, bei dem
Karl ebenfalls als Viehhändler angestellt war. Nachdem Benni Heumann ca. 1933/35
nach Argentinien ausgewandert war, machte sich Karl selbstständig und hatte keinen
großen Verdienst mehr. Zur Familie gehörten inzwischen die beiden Enkel, seit 1929
29
Haus von Fam. Maier Wertheimer in Neidenstein,
um 1945, im Hintergrund Ratsdiener
Heinrich Heller. Foto: Werner Diefenbacher.
Manfred (später Fred Raymes) und seit 1932 Heinz (später Menachem).
Familie Mayer wohnte zunächst gegenüber der Synagoge von Hoffenheim und zog
in den 1930ern in die Hausmeisterwohnung, die in das Synagogengebäude integriert
war. (heute: Neue Straße 2a). Fast jeden Samstag besuchten die Mayers Hanna Wertheimer
in Neidenstein. Sie gingen zu Fuß und für die Kinder Menachem und Manfred
war der Weg durch den Wald sehr weit. Sie nannten ihre Stiefgroßmutter einfach nur
„Oma“ und freuten sich immer, wenn sie sie besuchen durften. Vor den hohen Feiertagen
besuchten sie gemeinsam den jüdischen Friedhof von Waibstadt, wo seit 1920
Hanna Minas Mann, Maier Wertheimer, bestattet ist.
Auch nachdem Hanna am 28. April 1938 zu ihrem Sohn Emanuel, der schon seit den
1920ern wegen seiner Arbeit in Bruchsal lebte, in die Huttenstraße 2 nach Bruchsal
gezogen war, bekam sie noch Besuch von ihren Enkeln Manfred und Heinz. Die
zwei übernachteten auch am
20. September 1940 bei ihr,
als Bruchsal das erste Mal
bombardiert wurde. Auch die
Huttenstraße wurde getroffen.
Fred erinnerte sich später:
„Plötzlich hörten wir Bomben
fallen. Eine fiel ganz nahe am
Fenster des Zimmers vorbei, in
dem ich schlief. Die Detonation
schleuderte einen der Fensterläden
auf mein Bett, traf mich
aber nicht. Das waren die letzten
gemeinsamen Tage unseres
Lebens als Familie.“
Rabbinatsgebäude Huttenstraße 2, Bruchsal, nach dem
Bombenangriff vom 20.9.1940. Foto: Stadtarchiv Bruchsal.
Am 22. Oktober 1940 wurde Hanna Mina Wertheimer geb. Merklinger von der Gestapo
in der Huttenstraße gemeinsam mit ihrem Sohn abgeholt und ins Camp de Gurs in
Südfrankreich deportiert. Am Bahnhof Oloron-Ste.-Marie traf sie wieder mit Mathilde,
Karl, Manfred und Heinz zusammen.
Hanna Wertheimer starb am 26. Februar 1942 im Lager Gurs im Alter von 72 Jahren.
Ihr Grabstein hat die Nummer 562. Der Bruder von Karl Mayer, Moritz Mayer,
schrieb am 2. März 1942 an Manfred und Heinz, die schon vorher aus dem Lager in
ein Kinderheim in Sicherheit gebracht worden waren: „Ich kann auch meinen Jungens
die traurige Mitteilung machen, dass Eure liebe Großmutter diese Woche verschieden ist.
Es war für uns alle eine große Überraschung, ist aber durch Gottes Schicksal nichts zu
machen.“
Noch heute erinnert sich der inzwischen 90-jährige Enkel Heinz, heute Dr. Menachem
Mayer, sehr gerne an Hanna „Mina“ Wertheimer zurück. Ihnen war als Kinder
gar nicht bewusst, dass Mina eigentlich nicht ihre leibliche Großmutter war, und er
schrieb: „Oma Mina war meine einzige und liebende Großmutter.“
30
Biografie von Emanuel Wertheimer (1903-1942)
von Helen Kratz, Klasse 8s
Emanuel Wertheimer wurde am 17. Mai 1903 in Neidenstein geboren. Emanuels Mutter
war Mina Wertheimer geb. Merklinger (1870-1942), sein Vater Maier Wertheimer
(1879-1920). Emanuel Wertheimer erhielt seinen Namen nach seinem Großvater Emanuel
„Manasse“ Merklinger (1805-1873), Handelsmann in Bodersweier. Emanuel Wertheimer
hatte eine Halbschwester namens Mathilde Mayer geb. Wertheimer (1898-1942),
die aus Maier Wertheimers früherer Ehe mit Hanchen geb. Kaufmann (1872-1900)
stammte. Emanuel war unverheiratet und hatte keine Kinder. Er war einer der Trauzeugen
bei der Hochzeit seiner Halbschwester, sodass sich vermuten lässt, dass die beiden
Stiefgeschwister ein enges Verhältnis hatten. Als der Vater 1920 starb, war Emanuel erst
17 Jahre alt. Trotzdem übernahm er die traurige Aufgabe, aufs Rathaus von Neidenstein
zu gehen und den Tod des Vaters zu Protokoll zu geben. Als Beruf wird „Handlungsgehilfe“
angegeben. Zwischen 1920 und 1927 ist Emanuel nach Bruchsal umgezogen. Nach
den Bruchsaler Adressbüchern von 1928/30 und 1931/32 wohnte Emanuel in Bruchsal
in der Schlossstraße 2, die Berufsbezeichnung lautete Kaufmann. Auch 1933/36 blieb er
in der Schlossstraße 2 wohnen, arbeitete aber nun als Prokurist. Emanuel war bei einer
Familie Braun als Untermieter wohnhaft. Die Tochter Hildegard Schöning geb. Braun
und ihre Großmutter vermieteten drei Zimmer in der Schlossstraße 2. Hildegard schrieb
im Wiedergutmachungsverfahren über Emanuel Wertheimers Zeit bei der Familie und
seinen Beruf. Emanuel sei dort im Jahre 1927/28 eingezogen. Damals sei er noch Lehrling
gewesen. Nachdem Emanuel Wertheimer neun Jahre lang in der Schlossstraße 2
gewohnt hatte, heiratete Hildegard Schöning und zog nach Karlsruhe, sodass sie das
Vermieten aufgab. Daraufhin zog Emanuel in die Huttenstraße 2. Frau Hildegard Schöning
schrieb in ihrem Brief: „Herrn Wertheimer trafen wir ab und zu, er wohnte zuletzt in
der Huttenstraße. Dann wussten wir nichts mehr.“
1920 wurde eine erste, kleine Lebensversicherung abgeschlossen. Im Jahre 1929 scheint
Emanuel Wertheimer bereits relativ gut verdient zu haben, da er eine zweite Lebensversicherung
mit höherem Beitrag abschloss. Als Nutznießerin im Falle seines Todes gab er seine
Mutter Mina Wertheimer an. Sie war „offensichtlich als Sicherstellung der überlebenden
Mutter gedacht“ (Bescheid 1961). Auch bei der Rentenversicherung wurde 1920 der erste
Briefkopf der Herdfabrik Falk. Quelle: Jürgen Stude, Geschichte der Juden in Bruchsal, S. 156.
31
Beitrag bezahlt. 1928 wechselte er von der Beitragsklasse
B (4 Mark pro Monat) in die Beitragsklasse C
(8 Mark pro Monat).
Bei der Herdfabrik Falk arbeitete er sich bis zum
Prokuristen hoch. Sein damaliger Arbeitsgeber Josef
Falk gab später eine Erklärung über Emanuels
beruflichen Werdegang ab. Er sei vom Jahre 1921
bis zum Jahre 1938 in seiner Firma beschäftigt gewesen
und hatte als leitender Angestellter zuletzt
Prokura. Sein monatlicher Lohn belief sich zwischen
500 und 600 Reichsmark. Doch durch die
Arisierung von Josef Falks Unternehmen musste
Emanuel Wertheimer seine Stellung in der Herdfabrik
Falk aufgeben. Nachdem Emanuel entlassen
worden war, nahm er an einem Umschulungskurs
in Frankfurt teil.
Vor seiner Entlassung war Emanuel wohlhabend
und machte mit seinem verdienten Geld seinen
beiden Neffen Manfred (1929-2013) und Heinz
(*1932), den Söhnen seiner Schwester Mathilde
Mayer, öfters eine Freude. Frederick Raymes (der frühere Manfred Mayer) schrieb in
dem Buch “Aus Hoffenheim deportiert“, dass sein Onkel und seine Oma seinem jüngeren
Bruder Menachem (der frühere Heinz Mayer) und ihm nach den Besuchen oft
Kleidung geschenkt haben. Er erwähnte auch, sein Onkel hätte die Geburtstage von ihm
und seinem Bruder nie vergessen. Das Geschenk blieb immer das gleiche: eine große
Fünf-Mark-Münze. Emanuel Wertheimer besaß ein Auto, was zu jener Zeit etwas Besonderes
war. „Wir waren begeistert, wenn wir unsere Großmutter und Onkel Emanuel besuchen
durften. Er hatte ein Auto. Jeden Tag fuhr er damit nach Bruchsal zur Arbeit. Onkel
Emanuel fuhr uns zu unserem jüdischen Friedhof, der tief im Wald in der Nähe von Waibstadt
lag. Nach jüdischem Brauch besuchen Familienangehörige die Gräber ihrer Familie
jedes Jahr vor den hohen Feiertagen. Wir Kinder
saßen im Wagen, warteten auf die Erwachsenen
und fragten uns, was sie drüben, auf der anderen
Seite des Zauns, taten.“
Emanuel Wertheimers erste Deportation fand
am 11. November 1938 in das Konzentrationslager
Dachau statt. Dort wurde er am 26.
Dezember 1938 wieder entlassen. Zwei Jahre
später wurde Emanuel am 22. Oktober 1940
aus der Huttenstraße 2 in Bruchsal durch die
Mathilde und Karl Mayer, 1939. Fotos:
GLA Karlsruhe 377 Nr. 19037 und 19033.
Mathilde und Karl Mayer, 1927.
Foto: Dr. Menachem Mayer.
Gestapo deportiert. Emanuel und seine Mutter
sahen Mathilde, ihren Mann und die Neffen im
32
Gefangenenlager Gurs wieder. Er hatte seine Wohnungseinrichtung, Gold, Silber und
Schmucksachen, seine Konten und sein gesamtes Vermögen verloren. Emanuel und seine
Mutter waren in Gurs nicht beisammen, da Männer und Frauen getrennt inhaftiert
wurden. Die Neffen Manfred und Heinz Mayer verließen Gurs am 24. Februar 1941
und wurden in einem Kinderheim untergebracht. Am 10. März 1941 wurden die Stiefschwester
Mathilde Mayer und ihr Mann Karl Mayer ins Lager Rivesaltes gebracht, sodass
sie sich nie wieder sahen. Über die erhaltenen Briefe wissen wir einige Umstände
der Inhaftierung. Am 1. März 1941 schrieb Mathilde in ihrem ersten Brief an die Söhne:
„Oma ist noch in der Internen...“. Möglicherweise könnte hier die Krankenstation „Infermerie“
gemeint sein. In seiner Zeit in Gurs nahm Emanuel immer wieder Kontakt
zu seinen Neffen, aber auch zu seiner Stiefschwester in Rivesaltes auf. Mathilde schrieb
beispielsweise an ihre Söhne im August 1941: „Gestern hatte ich Post von Onkel aus Gurs.
Onkel liegt schon seit vier Wochen in der Infermerie. Ihm ist kochendes Gemüsewasser auf
den Fuß gefallen. Es muss doch immer etwas los sein.“ Am 12. März 1942 schrieb Emanuel
einen Brief aus Gurs an seine Neffen und berichtete vom Tod der Großmutter, welche
dort am 26. Februar 1942 im Alter von 72 Jahren gestorben war. Dieser Brief ist auf der
Folgeseite abgedruckt. Eine Bekannte, Betty Jacob geb. Würzweiler, kam am 1. Juli 1942
mit 200 anderen Juden von Gurs nach Rivesaltes. Sie berichtete, Emanuel sei täglich in
ihre Baracke gekommen zu einer geborenen Bodenheimer aus Bretten. „Er heizt die Kessel
dort in der Zusatzküche und es geht ihm gut.“
Emanuel wurde ins Sammellager Drancy und von dort aus am 12. August 1942 ins Konzentrationslager
Auschwitz deportiert. Er kam dort mit 1007 Juden an. Nach Selektionen
wurden 233 Männer und 62 Frauen in das Lager eingeliefert, die anderen 705 sofort
ermordet. Was mit dem 39-jährigen Emanuel Wertheimer geschah, muss für immer ungeklärt
bleiben. Er gilt als verschollen und wurde zum 8. Mai 1945 für tot erklärt. Seine
beiden Neffen sind die einzigen engen Verwandten von Emanuel, die überlebt haben. Sie
machten Entschädigungsansprüche für ihren verstorbenen Onkel geltend, doch der Antrag
wurde zurückgewiesen, da sie nur die Neffen des Emanuel Wertheimer waren und
somit nicht zum Kreis der „privilegierten Erben“ gehörten. Die Kapitalentschädigung
betrug letztlich 617,97 DM. Dieser Betrag wurde lediglich für die Lebensversicherung
ausgezahlt. Nachdem Frederick Raymes (Manfred Mayer) im Jahr 2013 verstarb, ist
Dr. Menachem Mayer (Heinz Mayer) der letzte lebende enge Angehörige des Emanuel
Wertheimer.
Manfred Mayer
(Frederick Raymes,
jeweils links) und
Heinz Mayer
(Dr. Menachem
Mayer, jeweils
rechts). Foto links:
1942 in Aspet,
Foto rechts: 2009.
Fotos: M. Mayer;
Claus Setzer.
33
Emanuel Wertheimer, Ilot F, Bar.(raque) 14, Camp de Gurs / Basses Pyrénées 12. III. 42
Mein lieber Manfred & Heinz!
Deinen so schönen & lieben Brief, l(ie)b(er) Manfred, habe ich erhalten und danke Dir bestens dafür.
Leider, leider konnte die l(ie)b(e) Oma solchen nicht mehr lesen. Denke Dir, die l(ie)b(e) Oma ist
nicht mehr bei uns. Ich habe in den letzten Wochen furchtbares durchgemacht und erleben müssen.
Aus diesem Grunde konnte ich Euch meine lieben Buben auch nicht schreiben. Wie hätten wir uns
mit Deinen l(ie)b(en) Eltern gefreut, wenn wir Dein Fest der Barmizwah hätten erleben können bzw.
zusammen hätte feiern können. Ich gratuliere Dir nachträglich besonders herzlich und wünsche Dir
alles erdenkbare Gute, beonders Gesundheit und bleibe brav und lass uns Freude mit Dir erleben,
34
besonders dass Deine l(ie)b(en) an
Dir Stütze haben.
Schreibe mir bitte bald wieder, denn
Du kannst Dir denken, dass mir
nicht sehr ums Schreiben ist. Aber
Post möchte ich doch gerne haben.
Ich bin ja jetzt so alleine hier. Sage
an Heinz auch besonders herzliche
Grüße und er soll mir auch
schreiben.
Für heute nun viele herzliche Grüße
& Küsse Euer Onkel Emanuel.
Wir sind umgezogen vom Ilot E ins
Ilot F. Meine neue Adresse ist oben.
Ein Geschenk für Dich l(ie)b(er)
Manfred wirst Du bei erster Gelegenheit
erhalten. Hoffentlich sehen
wir uns bald mal wieder.
Quelle:
Dr. Menachem Mayer.
35
Familie Maier Wertheimer
Maier Wertheimer * 16.02.1870 Gemmingen † 01.04.1920 Neidenstein
(Sohn v. Kusel Wertheimer (1815-1876), Handelsm. in Gemmingen, u. Rosina Frankenbacher (1822-1912))
Schuhwarenhändler in Neidenstein, Bahnhofstr. 34 (1900)
verh. 1. Ehe 13.05.1897 Neidenstein (Kinder 1 bis 2 aus dieser Ehe)
Hanchen Kaufmann * 18.08.1872 Neidenstein † 10.10.1900 Neidenstein
(Tochter v. Marx Kaufmann (1841-1909), Handelsm. in Neidenstein, u. Mathilde Richheimer (1840-1890))
verh. 2. Ehe 03.03.1902 Bodersweier (Kind 3 aus dieser Ehe)
Hanna „Mina“ Merklinger * 18.08.1870 Bodersweier † 26.02.1942 Gurs/Frankreich
(To. v. Emanuel Merklinger (1805-1873), Handelsm. in Bodersweier, u. Babette Günzburger (1839-1907))
1902-1938 in Neidenstein; 1938-1940 Huttenstr. 2, Bruchsal; 22.10.1940 Deportation nach Gurs
3 Kinder:
1. Mathilde Wertheimer * 18.06.1898 Neidenstein † 1942/45 Auschwitz
1898-1927 Neidenstein; 1927-1940 Hoffenheim; 1940 Gurs; 10.03.1941 Rivesaltes; 16.08.1942 Auschwitz
verh. 03.11.1927 Neidenstein
Karl Mayer * 29.09.1894 Frankfurt/M. † 1942/45 Auschwitz
(Sohn von Albert Aharon Mayer (1865-1927) und Klara Heumann (1862-1929))
Viehhändler in Hoffenheim, Kirchenstr. 10; 11.11.-08.12.1938 Dachau; 1940 Gurs; Rivesaltes; Auschwitz
2 Kinder:
a) Manfred Mayer „Fred Raymes“ * 06.02.1929 Hoffenheim † 08.06.2013 SarasotaC./FL/USA
Hoffenheim; Gurs; Aspet; Ingenieur; Los Angeles/USA, später in Florida/USA
verh. 28.08.1953 Los Angeles/USA
Diane Alice Fleischner * 14.02.1931 Wien † 13.11.1993 Long Island/USA
verh. Lydia * Insel St. Lucia / Karibik
2 Kinder (aus 1. Ehe): Suzie Michelle Raymes vh. Herr/Biagi (*1959); Carlton David Raymes (*1961)
b) Dr. Heinz Max „Menachem“ Mayer * 17.03.1932 Hoffenheim
Hoffenheim; Gurs; Aspet; Schweiz; 1948 Israel; im Kibbuz Schalbim, später in Jerusalem/Israel
verh. 23.10.1956 Israel
Chava Freidel van Cleef * 13.11.1936 Köln † 14.11.2009 Jerusalem/Israel
3 Kinder: Yehonathan Mayer (*1957); Michal Mayer vh. Tur-paz (*1959); Zvi Moshe Mayer (*1965)
2. Karl Wertheimer * 29.11.1899 Neidenstein † 28.07.1900 Neidenstein
3. Emanuel Max Wertheimer * 17.05.1903 Neidenstein † 1942/45 Auschwitz
Prokurist in Bruchsal; 11.11.-28.12.1938 Dachau; Gurs; 12.08.1942 Auschwitz; unverheiratet
Die beiden Brüder Frederick Raymes (Manfred Mayer) und Menachem (Heinz) Mayer veröffentlichten
2005 ihre Biografie unter dem Titel „Aus Hoffenheim deportiert. Der Weg zweier Brüder.“ Die Begegnung
der beiden Brüder mit ihrem Schicksal wurde 2009 unter dem Titel „Menachem und Fred“ verfilmt.
36
Biografie von Siegfried Ritter (1871-1953)
von Niklas Gack und Ben Gutekunst, Klasse 8t
Siegfried Ritter ist am 13. Dezember 1871 in Unter-Chodau in Böhmen geboren, das
damals zum Kaiserreich Österreich-Ungarn gehörte. 1847 lebten in dem kleinen Ort
699 Einwohner in 99 Häusern, darunter eine protestantische und fünf jüdische Familien.
Sicher waren es 1871 nicht viel mehr. Die Gesamtstadt Chodau hatte im Jahr 1900
fast 5400 Einwohner, wobei der überwiegende Teil von über 90% Deutschböhmen waren.
Der Anteil der Tschechen lag unter 5%. Die jüdische Gemeinde von Chodow hatte
kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nur noch etwa 50 Mitglieder. Einigen von
ihnen gelang die Flucht, aber die meisten starben während des Krieges. Die Deutschböhmen
wurden 1945 vertrieben und der Ort in Chodov umbenannt. Er liegt im äußersten
Nordwesten von Tschechien unweit von Karlovy Vary, dem früheren Karlsbad, und hat
heute 13.000 Einwohner.
Von der Familie Ritter konnte in Chodov keine Spur gefunden werden, da die Unterlagen
nicht vorhanden bzw. zugänglich sind. Von Siegfried Ritters Eltern sind somit
nur die Namen bekannt: David Ritter und Resi Hirsch. Ein Historiker in Chodov meint
allerdings ausschließen zu können, dass eine Familie Ritter noch nach 1890 im Ort
wohnte. Somit ist völlig unklar, wo und wie Siegfried Ritter die ersten 28 Jahre seines
Lebens verbrachte. 1899 ließ er sich zusammen mit seiner Frau Adele geb. Bandler in
Bruchsal nieder. Später gab er an, dass dies sein erster Wohnsitz in Nordbaden oder
Nordwürttemberg war. Da Adele am 23. März 1870 in Puschwitz geboren wurde und
dieser Ort nur 65 Kilometer östlich von Siegfried Ritters Geburtsort Chodau liegt, ist
anzunehmen, dass sich beide in Nordböhmen kennen lernten und vielleicht auch dort
heirateten. Puschwitz, das heutige Buskowice, hatte 1869 lediglich 1080 Einwohner und
im Jahre 1900 dann 1412 Einwohner. Heute leben in dem Ort nur noch 400 Menschen.
In Bruchsal wurde das einzige
bekannte Kind des Paares am
16. November 1900 geboren
und Erna genannt. Das kleine
Mädchen starb bereits im Alter
von acht Wochen, am 12. Januar
1901. Das Grab auf dem Jüdischen
Friedhof Bruchsal ist noch
heute erhalten. Da Siegfried Ritter
1949 in seinem Wiedergutmachungsantrag
angab, keine
Kinder zu haben, kann jedenfalls
davon ausgegangen werden, dass
es keine weiteren, später noch lebenden
Kinder gab.
Kaiserstr. 32 (links) bis 24 (rechts), Bruchsal. F.: Stadtarchiv Br.
37
Aufstellung des Besitzes, den Siegfried Ritter bei der Deportation nach Gurs
zurücklassen musste. Quelle : GLA Karlsruhe, 480 Nr. 4805/A.
In den Bruchsaler Adressbüchern wird Siegfried Ritter erstmals im Jahr 1900 genannt. Das
Ehepaar lebte in der Pfeilergasse 8, als Beruf des Siegfried Ritter wird Verkäufer genannt.
Vor 1904 erfolgte der Umzug in das Haus Kaiserstraße 28, am heutigen Schönbornplatz
gelegen. In diesem Haus befand sich das Geschäftslokal der Firma Ornstein & Schwarz,
und es ist anzunehmen, dass der nunmehr als Kaufmann bezeichnete Siegfried Ritter dort
arbeitete. 1907 jedenfalls lautete seine Berufsbezeichnung „Kleiderhändler“, 1910 wird das
Geschäft als „Herrenbekleidungsgeschäft“ tituliert und 1913/14 ist zu Siegfried Ritter vermerkt:
„Geschäftsführer der Firma Ornstein & Schwarz, Kaiserstraße 28.“ Während des
Ersten Weltkriegs verliert sich die Spur von Siegfried Ritter wieder etwas. Er ist jedenfalls
nicht als Teilnehmer im Ersten Weltkrieg in der sonst sehr gründlichen Auflistung von Josef
Münch genannt. Im Adressbuch für das Jahr 1920/21 lässt sich feststellen, dass die Firma
Ornstein & Schwarz nicht mehr in Bruchsal existierte und Siegfried Ritter ins Nachbarhaus
Kaiserstraße 30 umgezogen war. Inhaber dieses Hauses war Buchhändler Wilhelm Ott, dessen
Buchhandlung in diesem Haus unter dem Namen seines späteren Geschäftspartners
Braunbarth bis heute weitergeführt wird. Für Siegfried Ritter wird als Beruf wiederum allgemein
Kaufmann angegeben, seine Arbeitsstelle bleibt unklar. Es scheint beruflich nicht
mehr gut für ihn gelaufen zu sein, da er 1928/30 und 1931/32 nur noch als Handlungsgehilfe
geführt wird und 1934 als Sozialrentner bezeichnet wird.
Um 1933 waren Siegfried Ritter und seine Frau Adele in das Haus Huttenstraße 26 umgezogen.
Dort starb Adele Ritter am 20. Februar 1934. Sie ist wie Tochter Erna auf dem
Jüdischen Friedhof Bruchsal beigesetzt. Seinen letzten freiwillig gewählten Wohnsitz kann
38
Asile de Rabes in Cornil.
Foto: https://stolpersteine-konstanz.de/schatz_louis.html.
39
man in der Friedrichstraße 12 verorten, wo er gemäß Adressbuch von 1938 wohnte, beim
ebenfalls jüdischen Hausbesitzer und Kaufmann Siegfried Ullmann und dem jüdischen
Kaufmann Leo Barth. Zum Zeitpunkt der Jüdischen Volkszählung im Mai 1939 wohnte
Ritter dann in der Württemberger Straße 34 bei der jüdischen Familie Jordan. Innerhalb
kürzester Zeit musste der alleinstehende, fast 70-jährige Siegfried Ritter nochmals umziehen.
Als er zusammen mit den anderen Bruchsaler Juden am 22. Oktober 1940 nach Gurs
deportiert wurde, wird als Adresse das Ghettohaus Bismackstraße 3 angegeben, das im
Besitz der jüdischen Familie Maier war. Die Liste jener Dinge, die er am Deportationstag
in Bruchsal zurücklassen musste, zeigt deutlich, dass ihm bis zu jenem Tag nur noch
die nötigsten Einrichtungsgegenstände und Habseligkeiten geblieben waren. Seine geringe
monatliche Rente von 73 RM konnte er sich in den letzten Jahren durch Botengänge für
die Jüdische Kultusgemeinde um etwa 40 RM monatlich erhöhen. Siegfried Ritter war wohl
im Lebensstil sparsam: Nur so lässt sich erklären, dass sein Sparbuch bei der Bruchsaler
Sparkasse zum Zeitpunkt der Deportation 1300 RM ausgewiesen hat. Insgesamt wird 1942
durch das Finanzamt Bruchsal für ihn ein konfisziertes Vermögen von 1673 RM angegeben.
Damit rangiert er unter den 70 aufgeführten Bruchsaler Haushalten zwar unter den
ärmeren, war aber nicht gänzlich mittellos.
Von Gurs aus wurde Siegfried Ritter am 20. März 1941 ins Camp de Recebedou verbracht.
Am 6. Oktober 1942 wurde er ins Camp de Nexon transportiert. Dort war er bis zum
10. März 1943, also musste er insgesamt 28 Monate und 16 Tage Lagerhaft ertragen. Dann
konnte er in das „asile departemental de Rabes-par-Cornil“, ein 1905 gegründetes Altersheim,
ziehen, das seit 1942 ältere jüdische Flüchtlinge beherbergte. Am 15. Mai 1946 kam
Siegfried Ritter schließlich in das knapp 100 km westlich von Cornil gelegene Maison de
Repos in Basillac (Dordogne). Dieses war im Chateau de Goudeau untergebracht. Ritters
Aufenthalt wurde von der in Paris ansässigen „Organisation International pour les refugies“
finanziert. Am 14. März 1949 reichte Siegfried Ritter einen Wiedergutmachungsantrag in
Karlsruhe ein. Die Bearbeitung zog sich mehrere Jahre hin und war im Januar 1953 abgeschlossen.
Siegfried Ritter sollte 4200 DM als Entschädigung erhalten. Da Siegfried Ritter
auf ein Schreiben vom 21. Januar 1953 nicht reagiert hatte, in dem er um eine Kontonummer
gebeten wurde, wurde das Schreiben am 31. März 1953 erneuert. Dieses Schreiben
kam am 11. April 1953 ans Landesamt
zurück: Es ist darauf vermerkt,
dass Siegfried Ritter am 7. April 1953
gestorben ist. Er wurde 82 Jahre alt.
Von der ihm zustehenden Wiedergutmachung
hatte er nichts erhalten. Da
es keinen Erben gab, der an Siegfried
Ritters Stelle das Geld einforderte, ist
davon auszugehen, dass er keinerlei
Verwandte mehr hatte. Das Landesamt
stellte daraufhin das Verfahren
auf Wiedergutmachung ein.
Familie Siegfried Ritter
Siegfried Ritter * 13.12.1871 Unter-Chodau † 07.04.1953 Basillac / F
(Sohn von David Ritter und Resi Hirsch) Geburtsort heute: Chodov / Tschechien
1899 nach Bruchsal; Kaufmann; Kleiderhändler; Geschäftsführer; 22.10.1940 Gurs; Recebedou; Nexon
verh.
Adele Bandler * 23.03.1870 Puschwitz † 20.02.1934 Bruchsal
(Eltern unbekannt) Geburtsort heute: Buskovice / Tschechien; Pfeilergasse 8 (1900), Kaiserstr. 28 (1904-
1914), Kaiserstr. 30 (1920-1932), Huttenstr. 26 (1933-1934), Bruchsal; Grab 356, Jüd. Friedhof Bruchsal
1 Kind:
1. Erna Ritter * 16.11.1900 Bruchsal † 12.01.1901 Bruchsal
Grab 302, Jüd. Friedhof Bruchsal
Grabsteine von Adele Ritter und Erna Ritter
auf dem Jüdischen Friedhof Bruchsal.
Fotos: Florian Jung, Alex Calzareth.
40
Biografie von Gustav Michael (1869-1944)
von Florian Jung
Gustav Michael wurde am 16. Januar 1869 in Gondelsheim in eine kinderreiche Familie
hineingeboren. Sein Vater, der Bäckermeister Christian Michael (1813-1893), war zweimal
verheiratet, zunächst mit Elisabetha Walz (1815-1861), dann mit der 19 Jahre jüngeren
Wilhelmina Catharina Walz (1832-1895), und war der Vater von 21 Kindern, geboren zwischen
1841 und 1876. Mindestens elf starben im Kindesalter. So kam es, dass Gustav als
einziger Sohn aus der zweiten Ehe des Vaters neben fünf Brüdern (aus 1. Ehe) und vier
Schwestern (aus 2. Ehe) aufwuchs. Der älteste Bruder Johann Georg (1841-1901) wurde,
wie Generationen vor ihm schon, Bäckermeister und führte das elterliche Geschäft fort.
Die Familien Michael und Walz gehörten zu den alteingesessenen in Gondelsheim, und
Gustavs Urgroßvater Johann Friedrich Michael (1707-1790) war nicht nur Bäckermeister,
sondern auch Wirt des „Gasthaus zum Löwen“ und Schultheiß der Gemeinde.
Gustav Michaels Eltern wohnten von 1876 bis 1893 in der Kirchenstraße 38/37 in Gondelsheim
(heute Bahnhofstraße/Neibsheimer Straße), und er selbst erlernte den Beruf des
Metzgers. Es scheint so, als habe es nicht für alle ein Auskommen in dem Kraichgaudorf
gegeben, sodass Gustav Michael im elf Kilometer entfernten Bruchsal Fabrikarbeiter wurde.
In Bruchsal heiratete er dann am 14. August 1897 die ebenfalls evangelische und auch
aus Gondelsheim stammende Elisabetha Mohr (24.08.1870-18.11.1940). Die erste gemeinsame
Wohnung des Paars in Bruchsal hatte die Adresse Seilersbahn 24 (1897). In den
Gasthaus „Zur alten Sonne“, Schlossstraße 14, heute
Schlossstraße 12, Bruchsal, um 1933. Foto: privat.
41
Adressbüchern von 1900 bis 1910
wird der Metzger Gustav Michael
unter der Adresse Huttenstraße 5 genannt.
In diesem Mehrfamilienhaus
des Schlossers Leo Braun wohnten
neun Arbeiter- und Handwerkerfamilien
wohl ziemlich beengt. Fünf
Kinder kamen in dieser Zeit zur Welt:
Anna (20.05.1898-04.01.1959), Karl
Gustav (04.12.1900-30.12.1919), Elisabeth
(31.12.1901-18.02.1956), Frieda
(18.08.1905-21.07.1926) und Max
Wilhelm (07.05.1908-25.04.1944).
1912 ergab sich für Gustav Michael
die Möglichkeit, das Gasthaus „Zur
alten Sonne“ in der Schlossstraße
14 als Wirt zu übernehmen. Das als
Brauerei 1845 erbaute, zweistöckige
Quelle: Neue Bruchsaler Zeitung, 19. November 1940. Anwesen war seit 1900 im Besitz der
Bruchsaler Aktienbrauerei und ging zur Zeit des Ersten Weltkriegs an die im Nachbarhaus
wohnenden Kinobesitzer Widmaier und Wildermuth. Offenbar war es Gustav Michael
gelungen, die Wirtschaft erfolgreich zu führen, da er das Gebäude um 1922 erwarb. Die
für ihn sicher große Investition versuchte er wohl dadurch abzufedern, dass er die umfangreichen
rückwärtigen Gebäudeteile, die früher den Brauereibetrieb und Stallungen
beherbergten, an andere Betriebe vermietete: 1925 ist ein Spiel- und Papierwarengeschäft
(Inhaber: Willy Krämer) und ein Tabak- und Zigarrengeschäft (betrieben vom Schwiegersohn,
Ludwig Karch) nachgewiesen; vielleicht handelte es sich sogar um eine kleine
Zigarrenfabrik. Wie lange Gustav Michael selbst die Wirtschaft betrieb und wann er sie
an seine Tochter Anna Karch weitergab, ist schwer zu beurteilen. Vielleicht mag der Übergang
allmählich gewesen sein. Während im Adressbuch 1926/27 noch Gustav Michael als
„Metzger und Wirt“ genannt wird und Tochter Anna Karch mutmaßlich hauptsächlich im
Tabakwarengeschäft ihres Mannes arbeitete, so kann man aus dem Eintrag von 1928/30
schließen, dass Anna Karch für beides verantwortlich zeichnete: „Karch, Anna, zur Alten
Sonne, Tel. 320; Zigarren- und Rauchtabakhandlung, Tel. 320“. Gustav Michael führte seither
nur noch die Berufsbezeichnung „Metzger“, blieb aber Eigentümer des Gebäudes bis
zu seinem Tod.
In der Familie lagen – wie so oft – Freud und Leid nah beieinander. Sohn Karl hatte eine
Schlosserlehre absolviert und musste von Juli 1918 bis Kriegsende zur Feldartillerie. Er
starb viel zu früh, 1919, an einer Nierenentzündung. Im selben Jahr hatte die älteste Tochter
Anna geheiratet, und das älteste Enkelkind Willy Karch kam 1920 zur Welt. Willy lebte
zusammen mit seinen Eltern und Großeltern in der Schlossstraße 14. 1931 wurde die Ehe
von Anna und Ludwig Karch geschieden. Die zweite Tochter Elise verheiratete sich 1924
42
nach Steinen bei Lörrach mit
dem Schlossermeister Max
Müller. Dort wurden die drei
Enkel Hans, Karl und Rolf
geboren. Die dritte Tochter,
Frieda, heiratete 1925 den damals
in Bruchsal sehr bekannten
Tanzlehrer Peter Bellm.
Bald wurde die Enkelin Edith
geboren und die junge Familie
wohnte 1926/27 ebenfalls
in der Schlossstraße 14. Edith
verlor ihre Eltern jedoch
Quelle: Neue Bruchsaler Zeitung, Juni 1944.
jung: Mutter Frieda starb 1926,
Vater Peter 1937. Gustav Michaels jüngster Sohn Max wurde Kaufmann, vermählte sich
1933 mit Gertrud Haas und blieb in Bruchsal wohnhaft (Steinäckerweg 21). Er war jedoch
chronisch krank (Lungen-Tbc, chronisches Nierenleiden und Blutzersetzung), musste daher
im Zweiten Weltkrieg nicht Soldat werden und starb 1944 kinderlos.
Sicher war es ein großer Einschnitt für das alternde Ehepaar Elisabeth und Gustav Michael,
als sich die älteste Tochter Anna etwa 1933 abermals vermählte (mit Friedrich
Probst) und zusammen mit ihrem Sohn Willy zu ihrer Schwester Elise nach Steinen in
Südbaden zog. Die „Alte Sonne“ wurde 1933/36 an Karl Klahm verpachtet, der in den
rückwärtigen Gebäuden zusätzlich eine Autovermietung betrieb, und wahrscheinlich
von 1937 bis 1945 an Max Jäger. Nachdem Gustav Michaels Ehefrau Elisabeth nach 43
Ehejahren am 18. November 1940 im Bruchsaler Krankenhaus verstorben war, fehlte
ihm die Gefährtin sicherlich sehr, jedenfalls legt es der Text der Todesanzeige nahe. Der
inzwischen 71-jährige Gustav Michael musste nun alleine für sich sorgen. Seine beiden
noch lebenden Töchter waren in Südbaden, der Sohn Max in Bruchsal schwer krank. Im
Januar 1944 wurde behördenbekannt, dass Gustav Michael zunehmend dement wurde.
Amtsarzt Braun schrieb in seiner Begründung zur Aufnahme in der Heil- und Pflegeanstalt
Wiesloch: „Gustav Michael bewohnt in der ,Wirtschaft zur Alten Sonne‘ in Bruchsal
zwei Zimmer und haust hier für sich. Nach den polizeilichen Erhebungen benimmt er sich
seit einigen Wochen derart, dass er nicht mehr für zurechnungsfähig gehalten wird. Er
hat versucht, fremdes Eigentum zu verkaufen, lässt Tag und Nacht das elektrische Licht
brennen, beschimpft Mitbewohner im Hause auf übelste Weise, wurde gegen die 65-jährige
Frau, die ihm den Haushalt besorgte, sexuell aufdringlich, bedrohlich und schließlich
tätlich, sodass sie einfach wegblieb, er setzte kürzlich eine Heiratsanzeige von sich mit dieser
Frau ohne deren Wissen in die Zeitung. Er uriniert am Tage im Hof ohne Rücksicht auf
anwesende Personen. […] Er ist bei der Untersuchung in seinem Äußeren schmutzig und
unordentlich. Wie ein Augenschein ergibt, ist seine Wohnung unordentlich und unsauber.
Nach seinem ganzen Benehmen kann er auf die Dauer sich nicht allein überlassen bleiben.
M. ist hochgradig sehgeschwächt.“
43
Auf Veranlassung des Landratsamts wurde Gustav Michael am 24. Januar 1944 in die Pflegeund
Heilanstalt Wiesloch aufgenommen. Sohn Max Michael übernahm die erforderlichen
Behördengänge und die Hausverwaltung, übergab die Wohnung an Fliegergeschädigte
und trug auch einen Großteil der Unterbringungs- und Verpflegungskosten. Am 27. Januar
1944 wird in der Krankenakte in Wiesloch vermerkt: „Drängt auf Entlassung. Körperlich
noch verhältnismäßig rüstig und kräftig.“ Im März wird beschrieben, dass er sogar tagsüber,
auch ohne Medikamentengabe, viel schlafe und ruhiger geworden sei, teilweise aber noch
zornig und gereizt reagiere und wiederholt die Entlassung forderte. Am 25. Mai findet man
den letzten Eintrag: „Befinden hat sich in jeder Hinsicht gebessert.“ Am 5. Juni 1944 wurde
Gustav Michael „wegen Räumung der Anstalt [Wiesloch] in die Anstalt Hadamar verlegt.“
Die Mitteilung darüber an den am 25. April 1944 verstorbenen Sohn Max überkreuzte sich
wohl mit einem Brief des Schwiegersohns Max Müller aus Steinen vom 8. Juni. Darin wollte
er der Anstalt Wiesloch mitteilen, dass er nun sowohl für die Hausverwaltung als auch für
die rechtliche Betreuung des Schwiegervaters zuständig sei.
Von besonderem Interesse ist dabei ein Brief vom 17. Juni 1944, der laut Posteingangsstempel
am 20. Juni 1944 in Hadamar ankam. Müller schrieb: „Gleichzeitig ersuche ich um
gefl. Mitteilung bezüglich des Gesundheitszustandes von Michael Gustav und erlaube mir
die Anfrage, ob evtl. nach Beurteilung des behandelnden Arztes der Heilanstalt die Möglichkeit
besteht, den Pflegling in Kürze oder absehbarer Zeit nach Hause nehmen zu können. In
Erwartung Ihrer gesch. Rückäußerung bzgl. Gesundheitszustand wie geistige Verfassung des
Pfleglings, zeichnet Max Müller.“ Ob die Angehörigen bereits davon gehört hatten, dass
in Hadamar die sogenannte „dezentrale Euthanasie“ praktiziert wurde, indem man Patienten
verhungern ließ oder zu Tode spritzte? Heute liest man auf der Homepage von
Hadamar: „Die tägliche Selektion zur Ermordung wurde vom medizinischen Personal vor
Ort getroffen, der Mord selbst individuell durch das diensthabende Pflegepersonal ausgeführt.“
Mit ziemlicher Sicherheit kann daher davon ausgegangen werden, dass man mit
Gustav Michael keinen Zeugen der Vorgänge nach draußen entlassen wollte. Man hat dem
inzwischen verstorbenen Sohn Max Michael (!) daher mit einem auf 20. Juni datierten,
aber erst am Morgen des 21. Juni abgesendeten Telegramm mitgeteilt, dass der Patient am
20. Juni einen schweren Schlaganfall erlitten habe: „Er ist bewusstlos. Lebensgefahr ist nicht
ausgeschlossen. Besuch ist gestattet!“ Zu diesem Zeitpunkt war Gustav Michael bereits
tot. Er starb gemäß Krankenakte nämlich bereits um 4.30 Uhr. Max Müller reagierte am
22. Juni umgehend, indem er die Zusendung der Urne für ein Begräbnis in Bruchsal anforderte
und auch sofort bezahlte. Man kann vermuten, dass die Angehörigen Zweifel an den
Todesumständen hatten: „Ich bitte um Zusendung der Todesurkunde sowie Zustellung der
Rechnung und sonstiger Papiere an meine Anschrift nach Steinen, besonders bitte ich auch
um Mitteilung der Todesursache des Verblichenen.“ Immerhin erhielt Max Müller Antwort
(„Schlaganfall durch Hirnadernverkalkung“) und neben den Kleidern auch die goldene
Uhr und Uhrenkette des Gustav Michael übermittelt.
Nur wenige Wochen später erreichte die Familie in Steinen die Nachricht von einem weiteren
Todesfall: Willy Karch, Gustav Michaels ältester Enkel, war am 27. Juli 1944 in Lettland
durch einen Kopfschuss im Alter von 24 Jahren gefallen.
44
Biografie von Sophie Ellenbogen
geb. Würzweiler (1862-1940)
von Nawar Ismail, Klasse 8v
Sophie Ellenbogen wurde am 30. August 1862 unter dem Mädchennamen Würzweiler in
Hoffenheim geboren. Ihr Vater, Gumbel Würzweiler (1816-1892), der sich später Gustav
nannte, arbeitete als Handelsmann in Hoffenheim und stammte aus einer dort alteingesessenen
jüdischen Familie. Die Mutter Malchen geb. Würzburger (1825-1883), die auch
Male genannt wurde, stammte aus Rohrbach. Innerhalb von 20 Jahren, zwischen 1846
und 1866, hatte sie zwölf Kinder geboren, sechs Jungen und sechs Mädchen, wobei zwei
Mädchen klein starben. Sophie war das zweitjüngste Kind.
Gumbel „Gustav“ Würzweiler zog im Jahr 1873 von Hoffenheim nach Mannheim, zusammen
mit seiner Frau und zehn Kindern. Sophie war damals elf Jahre alt. In Mannheim
wohnte bereits Gustavs Schwester, Johanna Dreyfuss geb. Würzweiler (1825-1888), seit ihrer
Eheschließung 1854. Ein weiterer Bruder, Liebmann Würzweiler (1827-1900), war mit
seiner Frau und seinen sechs Kindern 1872 von Hoffenheim nach Mannheim gezogen.
Von den zehn erwachsenen Kindern von Gustav und Male Würzweiler lebten alle sechs
Söhne in Mannheim, gründeten dort Familien und sind dort begraben worden. Moses
„Max“ (1846-1929), Isaak (1848-1914), Israel „Isidor“ (1850-1922), Joseph (1855-1922),
Sigmund (1856-1943) und Abraham „Alfons“ (1859-1931). Die älteste Tochter Lina (1851-
1917) verheiratete sich 1880 in Mannheim und zog nach Eppingen. Die jüngste Tochter
Rosa (1866-1942) lebte wohl zunächst in Mannheim, später aber in Heidelberg. Über den
Verbleib von Frieda Würzweiler (1861-?) ist nichts bekannt.
Sophie heiratete den Kaufmann Jakob Ellenbogen am 2. August 1887, dann verließen sie
Mannheim und zogen nach Bruchsal. Damit verließen sie auch einen großen Verwandtenkreis
in Mannheim, aber es ist anzunehmen, dass regelmäßige Besuche stattfanden.
Der Ehemann Jakob Ellenbogen
wurde 1855 in Altdorf geboren.
Er war das jüngste Kind von
mindestens sechs Kindern des
Moses Ellenbogen und dessen
Frau Fanny geb. Braunschweig.
Der Vater war Branntweinhändler
und Schutzbürger in Altdorf.
Im Alter von 27 Jahren verlor
Jakob den Vater. Drei Jahre nach
dem Tod des Vaters ist die Mutter
ebenfalls gestorben. Drei der älteren
Geschwister Jakobs hatten
Friedrichstraße 28, Bruchsal. Foto: Stadtarchiv Bruchsal. in Bruchsal geheiratet: Im Jahre
45
1870 der Bruder Daniel Ellenbogen (1841-1920), 1873 die Schwester Sara Marx (1844-
1907) und 1878 der Bruder Urias „Elias“ Ellenbogen (1846-?). Von diesen Geschwistern
blieb Daniel in Bruchsal wohnhaft und betrieb ein Wäschegeschäft (Hoheneggerplatz 4).
Daniels sieben Kinder wurden zwischen 1871 und 1884 in Bruchsal geboren. Unter ihnen
befindet sich Dr. Julius Ellenbogen (1878-1961), Rechtsanwalt und Richter. Er gehörte von
1928 bis 1940 dem Oberrat der Israeliten Badens an und war deren letzter Vorsitzender
von 1938 bis zu seiner Deportation nach Gurs 1940. Bereits 1945 rief Julius Ellenbogen
den Oberrat wieder ins Leben und blieb bis zu seinem Tod dessen Präsident.
Jakob und Sophie Ellenbogen hatten gemeinsam zwei Kinder. Flora Ellenbogen und
Anna, später Schmalz. Flora wurde am 11. Mai 1888 um 23.30 Uhr in Bruchsal geboren,
starb aber nach 4 Tagen und 3 Stunden. Ihre Beerdigung fand auf dem Judenfriedhof in
Bruchsal statt. Anna Ellenbogen wurde am 5. September 1889 in Bruchsal geboren. Sie
wuchs somit als Einzelkind auf. In Bruchsal wohnte Familie Ellenbogen zunächst am Holzmarkt
8 (1888), dann in der Huttenstraße 3 (1894). In den Folgejahren übernahmen Jakob
und Sophie Ellenbogen die Kolonialwarenhandlung von Konrad Grab - wahrscheinlich
1896, dem Todesjahr von Grabs Ehefrau. Das Geschäft befand sich im Stadtzentrum
Bruchsals, im Haus Friedrichstraße 28. Es stand dort, wo heute die große Kreuzung vor
dem Kaufhaus Jost ist. Es gab in Bruchsal im Jahr 1897 unter der Rubrik „Colonialwarenhandlungen
und Spezereihandlungen“ 53 Eintragungen. Die Konkurrenz war also groß.
Sophie und Jakob Ellenbogen mit Tochter Anna Schmalz, um 1930 in Bruchsal. Foto: Miriam Guibbory.
46
Der zentrale Standort mag ein Vorteil bei der Vielzahl
dieser Geschäfte in Bruchsal gewesen sein,
denn die Firma hatte bereits 1904 einen Telefonanschluss
(Nr. 181), außerdem das Sortiment erweitert
auf „Mehl- und Futtermittelhandlung“.
1913/14 sind neben Jakob Ellenbogen unter der
Rubrik „Viktualien, Mehl und Landesprodukte“
13 Geschäfte genannt, neun haben jüdische Besitzer.
Bereits 1920 zog sich Jakob aus dem aktiven
Geschäft zurück und übergab seinen Laden an den
jüdischen Kaufmann Sigmund Edelschild. Dieser
Friedrichsheim in Gailingen, 1993.
führte das Geschäft unter dem Namen „Jakob Ellenbogen“
bis in die 1930er Jahre weiter. Auch nach der Arisierung lief das Geschäft unter
dem neuen Besitzer Otto Setz noch übergangsweise unter dem Namen Ellenbogen.
Sophie und Jakob Ellenbogen zogen in den Folgejahren mehrmals um, Jakob wurde fortan
als Privatier bezeichnet. 1920/21 wohnten sie in der Moltkestraße 19, nach wenigen Jahren
zogen sie in die Bismarckstraße 18 (1925). Nach drei Jahren sind sie wieder umgezogen in
die Bismarckstr. 28 (1926/27). Zwei Jahre später (1928/30) lebten Jakob und Sophie Ellenbogen
wieder in der Bismarckstraße 18, und zwischen 1931/32 und 1933/36 zogen sie in
die Wilderichstraße 9, wo sie in einer großen Wohnung zusammen mit ihrer verwitweten
Tochter Anna Schmalz und deren Kindern Liesel und Walter wohnten. Sicher hatten Sophie
und Jakob bei der Erziehung der beiden Enkel tatkräftig mitgewirkt. Anna hatte sich
1911 nach Offenburg verheiratet, aber Ehemann Rudolf Schmalz starb bereits 1916. Danach
kehrte Anna mit den beiden Kleinkindern nach Bruchsal zurück. Jakob Ellenbogen
soll sogar im Bekleidungsgeschäft seiner Tochter ausgeholfen haben, das diese etwa 1925
bis 1934 in der Friedrichstraße 17 betrieb.
Nach der Machtergreifung
Hitlers fiel die Familie
auseinander. Enkelin
Liesel wanderte 1934 zusammen
mit ihrem Verlobten
nach Palästina aus,
Tochter Anna folgte 1935,
Enkel Walter 1936. Dieser
konnte aber dort nicht
bleiben und kam noch im
selben Jahr zu den Großeltern
nach Bruchsal zurück.
Am 17. März 1937
Gedenkstele am Friedrichsheim in Gailingen, 2004. Sophie Ellenbogen
ist an dritter Stelle über dem Gedenktext aufgeführt. Fotos dieser Seite:
Dr. Joachim Hahn, www.alemannia-judaica.de/gailingen_synagoge.htm.
47
starb Jakob Ellenbogen im Alter von 82 Jahren. Da Enkel Walter inzwischen in die USA
auswandern wollte, wäre die mittlerweile 75-jährige Sophie Ellenbogen allein in Bruchsal
zurückgeblieben. In dieser Situation reiste die Enkelin Liesel aus Palästina nach Bruchsal,
um den Umzug ins Israelitische Altersheim nach Gailingen zu organisieren. Sie hatte auch
ihre damals zweijährige Tochter Miriam dabei, sodass Sophie Ellenbogen ihr einziges Urenkelkind
kennen lernen konnte.
Sophie Ellenbogen zog am 16. September 1937 im Friedrichsheim Gailingen ein. Im Juni
1938 kam auch ihre jüngste Schwester Rosa zusammen mit ihrem Mann Karl Siegmund
Kirchheimer (1864-1941) von Heidelberg aus in dieses Heim. So waren die beiden Schwestern
noch einmal für zweieinhalb Jahre zusammen. Am 22. Oktober 1940 wurden 108 der
meist sehr alten Bewohner nach Gurs deportiert, unter ihnen auch Sophie Ellenbogen.
Sicher war der Abschied von Schwester und Schwager grausam – wenn überhaupt Zeit
dazu war. Rosa und Karl Kirchheimer wurden an diesem Tag ins Jüdische Krankenhaus
Gailingen gebracht. Sie waren wohl nicht transportfähig. Sie zogen am 16. November 1940
nach Konstanz, wo Karl Kirchheimer bereits im Januar 1941 verstarb. Rosa musste noch
mehrere Heime durchlaufen und wurde 1942 in Sobibor ermordet.
Unter den 6500 Personen, die nach Gurs verbracht wurden, waren auch Sophie Ellenbogens
bis dahin in Mannheim wohnenden Verwandten: Die drei Schwägerinnen Johanna
Würzweiler geb. Kahn (1860-1949), Ernestine Würzweiler geb. Maas (1874-1951) und Eugenie
Würzweiler geb. Friedmann (1870-?) sowie die Nichte Luise Brück geb. Würzweiler
(1875-1960) und der Neffe Otto Würzweiler (1897-1942). Ob Sophie Ellenbogen diese alle
in Gurs wiedertraf, bevor sie am 30. November 1940 starb? Oder starb sie allein, ohne familiären
Beistand? Als der Enkel 1958 Wiedergutmachung für den Tod seiner Großmutter
geltend machen wollte, musste er feststellen, dass für den Tod keine Entschädigung vorgesehen
war, sondern nur für die Zeit in Haft. Da Sophie Ellenbogen bereits nach 39 Tagen
starb, erhielt die Familie 150 DM.
Grabsteine von Jakob Ellenbogen, Jüdischer Friedhof Bruchsal, und Sophie Ellenbogen, Lagerfriedhof Gurs.
Fotos: Florian Jung.
48
Biografie von Anna Schmalz geb. Ellenbogen
(1889-1956)
von Philip Zieher, Klasse 8v
Anna Schmalz geb. Ellenbogen
wurde am 5. September 1889
in Bruchsal in der Wohnung
ihrer Eltern Jakob Ellenbogen
(1855-1937) und Sophie Ellenbogen
(1862-1940) geboren. In
Bruchsal besuchte sie die Höhere
Töchterschule am Friedrichsplatz.
Anna heiratete am
22. Juni 1911 in Bruchsal, im Alter
von 22 Jahren, Jonas Rudolf
Schmalz. Dieser war 1878 als
Sohn des Handelsmanns Isaak
Schmalz in Grötzingen geboren Rudolf und Anna Schmalz, um 1915. Foto: Miriam Guibbory.
worden. Er war damit elf Jahre
älter als seine Frau und hatte beruflich schon einiges erreicht: Er war in Offenburg Mitinhaber
der Vereinigten Zigarrenfabriken Adolf Kahn. Sie bekamen zwei Kinder, Liesel
Schmalz am 19. Juli 1912 in Karlsruhe und Walter Schmalz am 4. Juni 1915 in Offenburg.
Die junge Familie wohnte in guten Verhältnissen in der Wilhelmstraße 6 in Offenburg. In
dieser Wohnung starb Rudolf Schmalz am 10. Dezember 1916 an einem Herzleiden. Annas
Vater Jakob Ellenbogen zeigte den Todesfall beim Standesamt Offenburg an. In diesem
Dokument wird als seine Adresse Augustastraße 6 in Offenburg angegeben, das war gleich
um die Ecke zur Wohnung der Familie Schmalz. Ob Jakob und Sophie Ellenbogen nach
Offenburg gezogen waren oder ob er nur dort war, um während der Krankheitsphase des
Schwiegersohns zu unterstützen, ist unklar. Anna Schmalz war damals erst 27 Jahre alt. Sie
bekam den Anteil ihres Mannes an der Zigarrenfabrik ausbezahlt. Walter Schmalz schrieb
später: „Es muss sich um einen namhaften Betrag gehandelt haben, denn meine Mutter hat
wiederholt erklärt, dass sie und die beiden Kinder gut von den Erträgnissen des hinterlassenen
Kapitals leben konnten.“
Am 11. August 1917 zog Anna Schmalz zusammen mit ihren Kindern nach Bruchsal und
wohnte zunächst etwa zehn Jahre lang in der Kaiserstraße 3. 1928 bis 1932 wird ihre Adresse
mit Moltkestraße 3 angegeben, im Adressbuch 1933/36 mit Wilderichstraße 9. Dort
wohnte sie zusammen mit ihren Eltern und ihren inzwischen erwachsenen Kindern in einer
gut eingerichteten Fünf- oder Sieben-Zimmer-Wohnung. Walter Schmalz schrieb später,
dass seine Mutter auch eine Hausangestellte beschäftigte. Die Wohnungseinrichtung
bestand aus Eichen- und Mahagonimöbeln, echten Perserteppichen und Brücken. Anna
49
Schmalz trauerte später besonders ihren Ölgemälden und Miniaturen nach, aber auch ihrem
Silberbesteck und Meißner Porzellan. All das musste in den 1930er Jahren weit unter
Wert verkauft werden.
Doch bereits 1923 hatte Anna Schmalz unverschuldet einen Großteil ihres Vermögens
eingebüßt. Walter Schmalz: „Durch die Inflation war meine Mutter jedoch gezwungen, sich
gegen den drohenden Kapitalverlust zu schützen. Sie gründete ein Herrenartikelgeschäft in
Bruchsal, Kaiserstraße 17.“ Dieses lässt sich erst 1931/32 im Adressbuch Bruchsals nachweisen
(„Schmalz, Anna, Modewaren“), soll aber bereits um 1924 gegründet worden sein.
Es hatte einen großen Verkaufsraum mit zwei Ausstellungsfenstern, eines war gerichtet
zur Friedrichstraße und das andere zur Huttenstraße. Für damalige Verhältnisse sei das
Geschäft sehr gut gegangen und gut sortiert gewesen. Dieses Geschäft brachte ihr ein genügendes
Einkommen, um ihre Kinder in höhere Schulen zu schicken und ihrem Sohn
Walter Schmalz eine kaufmännische Ausbildung zu geben, und es habe zudem auch die
Großeltern gut ernährt. Ihr Jahresumsatz war circa 25.000 RM. Dies wurde von mehreren
Seiten bestätigt. Allerdings sind die Angaben zur Anzahl der Beschäftigten unterschiedlich.
Während Anna Schmalz von mehreren Angestellten sprach, schrieb Paula Schleuse
geb. Kehrer, die von 1926 bis 1933 als Verkäuferin beschäftigt wurde, dass sie die einzige
Angestellte gewesen sei und allenfalls der Vater von Anna Schmalz, Jakob Ellenbogen, aushilfsweise
im Geschäft tätig war.
Im Jahre 1933 haben sich die Verhältnisse durch die judenfeindlichen Maßnahmen stark
geändert. Anna Schmalz war zum 1. März 1934 gezwungen ihr Geschäft aufzugeben. Sie
musste dazu einen Ausverkauf veranstalten und Warenlager und Ladeneinrichtung zu einem
Spottpreis verkaufen. Nach einem Nervenzusammenbruch beschloss Anna Schmalz, zu ihrer
Tochter Liesel nach Palästina auszuwandern. Sie fuhr von Bruchsal mit der Bahn nach
Triest und reiste dann per Schiff von dort nach Palästina. Sie nahm ihr Auswanderungsgut
in fünf großen Überseekoffern mit und kam am 29. April 1935 in Haifa an. Anna Schmalz
schrieb im Februar 1956 über ihre Jahre in Palästina: „Vor dieser Zeit war ich eine sehr gesunde,
gut gekleidete junge Frau. Ich musste gezwungenermaßen nach Palästina auswandern und
als Putzfrau mein Brot verdienen. Diese harte Arbeit
zehrte an meiner Gesundheit, aber das war noch nicht
alles. Dann bekam ich die schreckliche Nachricht, dass
meine liebe Mutter im Konzentrationslager in Gurs
umgebracht wurde. Ich wusste auch nicht, was man
mit meinem Sohn machte. Vor lauter Verzweiflung bin
ich bald gestorben, wurde immer kränker. Ich konnte
schon nicht mehr arbeiten. Nach Jahren habe ich
herausgefunden, dass mein Sohn in USA lebte. Von
Krankheit und Kummer bin ich vor meiner Zeit alt
geworden, und musste zu meinem Sohne nach USA
Wilhelmstraße 6, Offenburg, 2018.
Foto: www.googlemaps.com.
und falle ihm zur Last.“ Zu ergänzen wäre, dass sie
in diesen Jahren ihre kleine Enkelin Miriam bei sich
50
Anna Schmalz, 1934. Foto: www.archives.gov.il,
6704/35.
wohnen hatte. Diese war 1935 geboren worden.
Da Tochter Liesel und Schwiegersohn Paul Bär
hart in der Landwirtschaft arbeiteten und vergeblich
versuchten, sich so eine Existenz aufzubauen,
war das Kleinkind bis 1939 die meiste
Zeit bei seiner Oma Anna Schmalz.
Im Juni 1946 verließ Anna Schmalz ihren Wohnort
in Kiryath Bialik in Palästina und flog über
Paris in die USA, um in Laurelton (New York)
zu ihrem Sohn Walter und der Schwiegertochter
Edith zu ziehen. Eine Tante von Edith, Johanna
Berkman, war bei der Textilfirma Cohn, Hall,
Marx in New York angestellt und beschäftigte
die dann 57-jährige Anna Schmalz als Reise-Assistentin:
„Sie hat mit mir die Kundschaft besucht,
sie hat mich bei den Kaufverhandlungen unterstützt
und hat Ware vorgeführt. Frau Schmalz war
eine tüchtige und gewandte Hilfe. Frau Schmalz
hat mir oft versichert, dass sie gern ein Herrenartikelgeschäft
anfangen möchte. Aus finanziellen
Gründen war es ihr jedoch nicht möglich.“ Und Ediths Mutter, Johanna Reich, ergänzte:
„Frau Schmalz musste im Jahre 1953 ihre Reisetätigkeit aufgeben, weil Frau Berkman einen
anderen Posten übernahm. Frau Schmalz war nach 1953 bis kurz vor ihrem Tod nicht untätig,
weil ihr Nichtstun zuwider war. Sie beschäftigte sich als ,Babysitter‘. Sie passte auf Kinder auf
und sorgte für sie, wenn die Mütter nicht anwesend waren. Dadurch verdiente sie sich einige
Dollar.“ Ihre letzte Wohnung war in Queens, New York, 231-29, 125th Avenue.
Anna Schmalz verstarb im Alter von 67 Jahren am 23. April 1956 in New York im Queens
General Hospital, wo sie zuvor 10 Tage lang wegen einer Thrombose der Gehirngefäße
behandelt wurde. Bereits 1953 hatte sie sich für zwei Wochen im Krankenhaus aufgehalten:
„Für Behandlung von meinen Nerven und Herz und hohem Blutdruck; das habe ich mir
zugelegt, [von dem] was ich durchmachen musste in Deutschland. […] Ich bin immer unter
ärztlicher Behandlung zwei bis drei Mal pro Woche. […] Das habe ich alles den Nazis zu
verdanken.“ Auch die Kinder von Anna Schmalz teilten diese Einschätzung. 1958 gaben sie
als Krankheitsbild an: „Nerven, Herz, hoher Blutdruck, völlige körperliche und seelische Zerrüttung,
vorzeitig gealtert und gestorben.“ Die Ursachen für diese Erkrankungen: Auswanderung,
das Klima in Palästina und Mittellosigkeit. 1962 bezahlte das Amt für Wiedergutmachung
15.075 DM aufgrund der Beschränkungen, die Anna Schmalz in ihrem Geschäft
hatte an die Kinder und ein Jahr später weitere 19.440 DM zur vollständigen Abgeltung des
„Schadens an beruflichem Fortkommen“. Ein „Schaden an Gesundheit“ wurde vom Landesamt
für Wiedergutmachung im Falle der Anna Schmalz nicht gesehen. Sie selbst hatte
zu Lebzeiten ohnehin nichts erhalten.
51
Liesel Bär/Stein geb. Schmalz (1912-1985)
von Florian Jung und Rolf Schmitt
Liesel Schmalz wurde unter dem amtlich eingetragenen Namen
„Lisel Therese“ am 19. Juli 1912 in Karlsruhe geboren,
obwohl ihre Eltern Anna und Rudolf Schmalz beide in Offenburg
wohnhaft waren. Somit verbrachte Liesel ihre ersten Lebensjahre
in Offenburg. 1915 wurde der jüngere Bruder Walter
geboren, 1916 starb der Vater und 1917 erfolgte der Umzug
nach Bruchsal. Hier bekam die jung verwitwete Mutter Unterstützung
durch die Großeltern, Sophie und Jakob Ellenbogen.
Nach der Grundschulzeit an einer Bruchsaler Privatschule
trat Liesel nach Ostern 1922 in die Höhere Mädchenschule
Bruchsal am Friedrichsplatz ein. Unter der jüdischen Lehrerin
Dr. Jenny Dreyfuß begannen 40 Schülerinnen, unter ihnen die
ebenfalls jüdischen Mädchen Liesel Einstein, Liese Herzog,
Trude Katzauer, Lieselotte Kauffmann, Tilde Prager und Rosa
Stern. Als Liesel Schmalz die Schule zu Ostern 1927 verließ,
hatte dies auch mit schwachen Noten in Englisch, Französisch
und Rechnen zu tun. Ohnehin gehörten der Klasse im Folgejahr
nur noch 19 Schülerinnen an. Liesel besuchte dann für ein Jahr die Handelsschule
Bruchsal und war von Mai 1928 bis April
1930 Volontärin im Kaufhaus der Gebrüder
Ettlinger in Karlsruhe. Im Mai 1931 fand sie
dann eine Beschäftigung als Privatsekretärin
bei dem Firmeninhaber Edwin Rothschild
in Gailingen. Von Mai 1932 bis April 1933
arbeitete sie ebenfalls als Sekretärin beim
Möbelhändler Berthold Bloch in Konstanz.
Aufgrund des Boykotts jüdischer Geschäfte
nahm sich Herr Bloch das Leben.
Liesel musste nach Bruchsal zurückkehren
und konnte als Jüdin keine Arbeit finden.
Lore Jacobi, eine alte Freundin, schrieb später:
„Ich erinnere mich, dass die Antragstellerin
verzweifelt nach einer Anstellung und
Broterwerb suchte und dass sie unter der
Aussichtslosigkeit ihrer Bemühungen nervlich
außerordentlich gelitten hat. Es blieb ihr daher
nichts anderes übrig, als unter dem Druck der
Verhältnisse Deutschland zu verlassen.“
Liesel Schmalz, 1930. Foto: Miriam Guibbory.
52
Liesel Schmalz, 1925.
Foto: Habermann III. S. 150.
Paul Bär (1907-2006, rechts),
mit seiner Familie, von links:
Norbert Bär (1899-1978, Bruder),
Hermine Bär geb. Wolf
(1875-1975, Mutter),
Gustav Wolf (1887-1947, Onkel).
Siehe auch Seite 25.
Foto: Alex Calzareth.
Liesel Schmalz selbst beschrieb ihre Auswanderung so: „Als ich im März 1934 mich zur
Auswanderung entschlossen hatte, fuhr ich mit der Eisenbahn über Mailand nach Triest.
Ich fuhr dann auf der „Gerusalemme“ im April 1934 nach Haifa. Ich musste, da ich noch
kein Einwanderungszertifikat hatte, mir eine Karte für Hin- und Rückfahrt nehmen, weil
ich als „Tourist“ nach Palästina zwar kein Zertifikat brauchte, aber nachweisen musste, dass
meine Rückreise bezahlt ist. Bald nach der Ankunft heiratete ich meinen ersten Mann, der
mit einem gültigen Zertifikat eingewandert war. Dadurch wurde auch ich als Einwanderin
legalisiert und [konnte] mein Gepäck nachkommen lassen. So erhielt ich das einige Zeit vor
meiner Abreise schon vorbereitete Gepäck, nämlich eine Anzahl Kisten, in denen sich die
Einrichtung eines Schlafzimmers, einer Küche, meine Wäscheaussteuer, mein Silber und
dergl. befanden. Es waren nach meiner Erinnerung mindestens fünf Kisten.“
An anderer Stelle schreibt sie: „Mein erster Mann Paul hat in Palästina in Kirjath Bialik
vom transferierten Geld Grund und Boden zur Errichtung
einer Landwirtschaft auf Lebenszeit gepachtet. Wir haben
zusammen versucht, diesen landwirtschaftlichen Betrieb
aufzubauen. Es ist uns jedoch nicht gelungen, einen Ertrag
aus der Wirtschaft zu erzielen.“
Da beide vorher nie Landwirtschaft betrieben hatten, ruinierten
sie sich unter den ungewohnten klimatischen Verhältnissen
ihre Gesundheit. Arbeitstage begannen um 3.30
Uhr mit dem Melken der Kühe und hatten nicht selten 16
bis 18 Stunden. Die gemeinsame Tochter Miriam musste
durchgängig von der Großmutter Anna Schmalz betreut
werden. Liesel kam trotzdem im Herbst 1937 zusammen
mit ihrer Tochter Miriam nach Deutschland, um ihrer
Großmutter Sophie Ellenbogen bei der Übersiedlung von
Bruchsal nach Gailingen zu helfen und um ihre Schwiegermutter
Hermine Bär zu treffen. Etwa 1939 verließ die völlig
erschöpfte Liesel den Bauernhof und ihren Mann und arbeitete
bis etwa 1944 in der Textilfabrik ATA in Haifa.
53
Walter Stein, 1940 in Kfar Ata.
Foto: www.archives.gov.il, 6758/39.
Die Tochter von Miriam Bär, Limor Guibbory, schrieb uns.
Limor Sharian, die Tochter von Miriam Guibbory geb. Bär, schrieb uns:
Meine Mutter Miriam lebt derzeit in einem Hospiz in Arizona. Meine Großmutter [Liesel]
Meine Mutter Miriam lebt derzeit in einem Hospiz in Arizona. Meine Großmutter
und ihr Mann Paul lebten auf einem Bauernhof in Haifa, wo meine Mutter Miriam zur
[Liesel] und ihr Mann Paul lebten auf einem Bauernhof in Haifa, wo meine Mutter
Welt kam. Zwei Jahre später ließen sie sich scheiden. Liesel heiratete später einen österreichischen
Holocaust-Überlebenden namens Walter [Stein], der als Chefingenieur in einem
Miriam zur Welt kam. Zwei Jahre später ließen sie sich scheiden. Liesel heiratete später
einen österreichischen Holocaust-Überlebenden namens Walter [Stein], der als Chefingenieur
in einem Bekleidungslager namens ATA in Haifa arbeitete. In dieser Firma
Bekleidungslager namens ATA in Haifa arbeitete. In dieser Firma arbeiteten viele deutsche
Überlebende [des Holocaust], die in firmeneigenen Häusern lebten. Die beiden liebten das
arbeiteten viele deutsche Überlebende [des Holocaust], die in firmeneigenen Häusern
Kartenspiel Canasta und brachten mir das Spiel bei als ich 6 Jahre alt war, damit ich mit
lebten. Die beiden liebten das Kartenspiel Canasta und brachten mir das Spiel bei als
ihnen und ihren Freunden zusammen spielen konnte.
ich sechs Jahre alt war, damit ich mit ihnen und ihren Freunden zusammen spielen
Meine
konnte.
Großmutter Liesel liebte alles, was süß war, vor allem Schweizer und deutsche Schokolade,
Meine
und
Großmutter
bei jedem
Liesel
Besuch
liebte
hinterließ
alles, was
sie mir
süß
Bonbons
war, vor
auf
allem
meinem
schweizer
Kopfkissen.
und deutsche
Als
Schokolade,
meine Eltern
und
in
bei
die
jedem
Vereinigten
Besuch
Staaten
legte sie
zogen,
mir Bonbons
kam ich einmal
auf mein
im
Kopfkissen.
Jahr zu Besuch [zu
meiner
Als meine
Großmutter].
Eltern in die
Als
Vereinigten
ich 18 war, sah
Staaten
ich Europa
zogen, kam
zum
ich
ersten
einmal
Mal.
im
Liesel
Jahr
traf
zu Besuch
mich in
Deutschland
[zu meiner
und
Großmutter].
nahm mich
Als
mit
ich
nach
18
Bruchsal
war, sah
und
ich Europa
zeigte mir,
zum
wo
ersten
sie lebte
Mal.
und
Liesel
wo der
traf
Laden
mich
war.
in
Es
Deutschland
war eine sehr
und
schwierige
nahm mich
Zeit für
mit
sie,
nach
sie
Bruchsal
fühlte sich
und
sehr
zeigte
unwohl.
mir,
Ich
wo
weiß,
sie lebte
dass
sie
und
und
wo
ihr
der
Mann
Laden
Walter
war.
jedes
Es war
Jahr
eine
zu Arztbesuchen
sehr schwierige
in die
Zeit
Schweiz
für sie,
und
sie
nach
fühlte
Deutschland
sich sehr
fuhren,
unwohl.
da Walter
Ich weiß,
sich
dass
während
sie und
des
ihr
Krieges
Mann
in
Walter
Österreich
jedes
ein
Jahr
Bein
zu
verletzte.
Arztbesuchen in die
Liesel Schweiz starb und in ihren nach 70ern Deutschland [1985] an fuhren, einem da Schlaganfall Walter sich und während wurde des in Haifa Krieges beerdigt. in Österreich
Großmutter ein Bein Liesl verletzte. hatte immer das Gefühl, dass sie nicht nach Israel gehörte. Sie und
Meine
andere Liesel Überlebende starb in ihren verbrachten 70ern [1985] das an meiste einem ihrer Schlaganfall Zeit miteinander, und wurde ihr Hebräisch in Haifa beerdigt. war nicht
sehr Meine gut, Großmutter da sie meistens Liesel nur hatte Deutsch immer sprach. das Gefühl, Die Gegend dass sie in nicht Israel, nach wo sie Israel lebten, gehörte. wurde
„die Sie deutsche und andere Kolonie“ Überlebende genannt. verbrachten die meiste ihrer Zeit miteinander. Liesels
Liesels Hebräisch Bruder war Walter nicht emigrierte sehr gut, da zur sie gleichen meistens Zeit nur wie Deutsch Liesel sprach. nach Palästina Die Gegend und wanderte in Israel,
wo nach sie lebten, New York wurde aus. „die Ich deutsche bin in engem Kolonie“ Kontakt genannt. zu Walters Kindern und Enkelkin-
später
dern. Liesels Bruder Walter emigrierte zur gleichen Zeit wie Liesel nach Palästina und wanderte
dem später Englischen nach New von Rolf York Schmitt.) aus. Ich bin in engem Kontakt zu Walters Kindern und
(Aus
Enkelkindern.
(Aus dem Englischen von Rolf Schmitt.)
Walter Schmalz (1915-2004)
von Florian Jung
Bereits mit 18 Monaten war der am 4. Juni 1915 in Offenburg geborene Richard Walter
Julius Schmalz Halbwaise. Der „Walter“ gerufene Junge zog als Zweijähriger zusammen
mit seiner Mutter Anna Schmalz geb. Ellenbogen und seiner drei Jahre älteren Schwester
Liesel von Offenburg nach Bruchsal, wo er unter der Obhut seiner Mutter und seiner
Großeltern Sophie und Jakob Ellenbogen aufwuchs. Von 1921 bis 1925 besuchte er die
Volksschule und wechselte dann an die Oberrealschule Bruchsal. In alten Jahresberichten
der Schule wird Walter Schmalz im Schuljahr 1927/28 als Quintaner genannt. Während
des folgenden Schuljahres verließ er die Schule. Danach war er bei der Getreide- und
Futtermittelhandlung Gustav Herzog in Bruchsal in der kaufmännischen Lehre und bis
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Ende 1935 als Angestellter tätig. Als die Firma infolge judenfeindlicher Maßnahmen immer
mehr zu leiden hatte, wurde er entlassen.
Im Januar 1936 reiste Walter Schmalz als Besucher nach Palästina und wollte sich vor
Ort ein Einreisevisum verschaffen. Infolge der politischen Unruhen konnte er jedoch
keine Aufenthaltserlaubnis bekommen und kehrte nach Deutschland zurück. Von August
1936 bis Februar 1937 war er bei der Firma Joseph und Co. in Mannheim, Börsengebäude,
als kaufmännischer
Angestellter tätig und
von März 1937 bis September
1938 beim Wellpappenwerk in
Bruchsal. Im März 1937 starb
Walters Großvater Jakob Ellenbogen
in der gemeinsamen
Wohnung Wilderichstraße 9.
Bis die Großmutter Sophie Ellenbogen
im September 1937
ins Altersheim nach Gailingen
zog, wohnte Walter bei ihr.
Da Walter bereits den Plan
gefasst hatte, in die USA auszuwandern,
zog er übergangsweise
in die Bismarckstraße 3
zur Untermiete. Als nach der
Reichspogromnacht alle jüdischen
Männer verhaftet wurden,
tauchte Walter Schmalz
unter.
Am 6. Dezember 1938 bestieg
er in Bremen die „SS Bremen“
Robert, Edith und Walter Schmalz um 1980. Foto: facebook.
und kam am 13. Dezember 1938 in New York an, wo ihn seine Verlobte Edith Reich
erwartete. Diese wurde 1920 in Ludwigshafen geboren und war bereits im April 1938
zusammen mit ihren Eltern zu ihrer Schwester Marianne in die USA gekommen. Walter
und Edith heirateten kurz darauf, am 28. Januar 1939, in Brooklyn. Im Jahr 1940 wohnten
sie alle zusammen in einer kleinen Wohnung in Brooklyn: Walter und Edith Schmalz,
Ediths Eltern Oscar und Johanna Reich, sowie Ediths Schwester Marianne mit ihrem
Ehemann Julius Grad. Außerdem beherbergten sie noch einen 41-jährigen Ungarn als
Untermieter. In diesen Jahren konnte Walter nur Gelegenheitsarbeit als Laufbursche und
ungelernter Arbeiter finden. Später, bis in die 1960er Jahre hinein, hat er Staubsauger an
Privatkundschaft verkauft. Er wohnte in den ganzen Jahren zusammen mit seiner Frau
Edith in Laurelton im Staat New York, wo sie auch ihren Sohn und ihre Tochter großzogen.
Später zogen sie nach Kalifornien. Edith starb am 27. Oktober 1990, Walter am
2. Januar 2004, im Alter von 89 Jahren.
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Familie Jakob Ellenbogen
Jakob Ellenbogen
* 07.06.1855 Ettenheim-Altdorf † 17.03.1937 Bruchsal
(Sohn von Moses Ellenbogen (~1808-1882) und Fanny Braunschweig (1814-1885), Altdorf)
1888 Kaufmann in Bruchsal; Inhaber Kolonialwarenhandlung Friedrichstr. 28; seit ca. 1915/20 Privatier
verh. 02.08.1887 Mannheim
Sophie Würzweiler
* 30.08.1862 Hoffenheim † 30.11.1940 Gurs/F
(To. v. Gumbel/Gustav Würzweiler (1816-1892), Kaufm. in Mannheim, u. Amalie Würzburger (1828-1883))
1873-1887 in Mannheim; 16.09.1937 ins Altersheim Gailingen, 22.10.1940 Deportation nach Gurs
2 Kinder:
1. Flora Ellenbogen * 11.05.1888 Bruchsal † 15.05.1888 Bruchsal
2. Anna Ellenbogen * 05.09.1889 Bruchsal † 23.04.1956 Laurelton/NY/USA
1917 nach Bruchsal; Inhaberin Herrenmodengeschäft Bruchsal; 04.1935 Palästina; 06.1946 in USA
verh. 22.06.1911 Bruchsal
Jonas Rudolf Schmalz *09.11.1878 Grötzingen † 10.12.1916 Offenburg
(Sohn von Isaak Schmalz (1815-1903), Handelsmann in Grötzingen, und Theresia Maier (1837-1910))
1911 Zigarrenfabrikant in Offenburg
2 Kinder:
a) Liesel Therese Schmalz * 19.07.1912 Karlsruhe † 01.07.1985 Israel
Sekretärin; 04.1934 nach Palästina; Landwirtin, Textilarbeiterin, seit 1944 Hausfrau; in Kfar Ata, Israel
verh. 1934 Israel , geschieden 1939
Paul Sigmund Bär * 08.09.1907 Bruchsal † 31.12.2006 Israel
(Sohn von Max Bär (1870-1931), Textilkaufmann in Bruchsal, und Hermine Wolf (1875-1975))
01.1934 nach Palästina, zuerst Landwirt, dann Bankangestellter in Haifa; 2. Ehe Hanna Levi, 2 Ki: Judith, Uri
verh. 1940 Walter Stein * 20.07.1911 Wien † 19.08.2007 Haifa/Israel
(Sohn von Richard und Elga Stein)
22.08.1938 nach Palästina; seit 1938 beschäftigt bei Baumwollspinnerei ATA in Haifa, Textilvertreter
1 Kind (aus 1. Ehe): Miriam Bär (*1935 Haifa), Arizona/USA, verh. Amitzia Guibbory (1933-2006)
b) Richard Walter Julius Schmalz * 04.06.1915 Offenburg † 02.01.2004 Riverside/CA/USA
1936 nach Palästina; 12.1938 in USA; Staubsaugervertreter; wohnhaft in Laurelton/NY
verh. 28.01.1939 Brooklyn/USA
Edith Reich * 20. oder 21.04.1920 Ludwigshafen † 27.10.1990 Riverside/CA/USA
(Tochter v. Oscar Reich (1878-1945) u. Johanna Marx (*~1886-nach 1963), Ludwigshafen u. New York)
08.1938 in USA
2 Kinder: Tochter (*~1942) verh. Stanton/Lash; Robert Schmalz (*1947), Los Angeles/USA
links: Grabstein von Liesel Stein.
Neuer Friedhof Kiryat Ata/Israel.
Foto: www.billiongraves.com.
rechts: Grabstein Walter Schmalz.
Friedhof Cathedral City/CA/USA.
Foto: www.findagrave.com.
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Rückblick auf die siebente Bruchsaler
Stolpersteinverlegung am 8. Juni 2021
von Florian Jung
Im Vorfeld der Stolpersteinverlegung 2021 war aufgrund der Corona-Pandemie lange
unklar, in welchem Rahmen und mit welcher Personenzahl die Veranstaltung stattfinden
darf. Glücklicherweise lockerten sich die Beschränkungen vier Tage zuvor, und
es war erstmals in Bruchsal wieder möglich, 100 Personen im Freien zu versammeln.
Somit trafen sich nur direkt Involvierte: Organisatoren, Angehörige, Schülerinnen und
Schüler, Spender der Stolpersteine. Zum besonderen Höhepunkt wurde die Enthüllung
der Gedenktafel für den Kakteensammler Lazarus Straus (siehe Rückseite der Gedenkschrift)
am Haus Schlossstraße 3.
Bahnhofstraße 7 – Stolpersteine
für Hilde und Max Schloßberger.
Aus verschiedenen Regionen
Deutschlands waren die Nachkommen
von Hilde Schloßbergers
Schwester Dr. Elisabeth Herrmann
angereist. Foto: Florian Jung.
Franz-Bläsi-Straße 14 –
Stolperstein für Hugo
Katz. Der Künstler
Gunter Demnig verlegte
den Gedenkstein in den
Gehweg.
Foto: Walter Jung.
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Schlossstraße 5 –
Stolpersteine für Frieda
und Ernst Katz, Anny,
Leo und Eric Hahn, Ida
Tuteur. Eric Hahn lebt
heute 88-jährig in New
Jersey, konnte aber leider
pandemiebedingt nicht
nach Deutschland reisen.
Foto: Walter Jung.
Friedrichstraße 29 –
Stolpersteine für Rosa und
Alfred Baer. Die Bruchsaler
Klezmer-Formation Shtetl
Tov mit Christoph Lübbe
(Viola), Tobias Scheuer
(Akkordeon) und Heike
Scheuer (Klarinette und
Gesang) begleitete die
Zeremonie.
Foto: Walter Jung.
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Kaiserstraße 76 – Stolpersteine
für Elisabeth und Siegbert
Kann mit Werner, Eleonore und
Gisela. Rolf Schmitt trägt einen
Brief an Giselas Tochter Margo
(USA) vor, die erst vier Tage
vor der Verlegung kontaktiert
werden konnte.
Foto: Florian Jung.
Holzmarkt 30 – Stolperstein
für Mathilde Schloßberger.
Eine Schülerin las, unterstützt
von Thomas Adam,
die Inschrift des Stolpersteins
vor.
Foto: Florian Jung.
Gedenkfeier mit der Ansprache
der Oberbürgermeisterin,
Frau Cornelia Petzold-Schick,
im Atrium vor dem Bruchsaler
Bergfried. Florian Jung stellte
die Biografien der Opfer vor
und Angehörige ergriffen
das Wort.
Foto: Florian Jung.
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Unterstützung, Quellen und Literatur
Allgemein:
Rolf Schmitt (Bruchsal) – Recherche, Angehörigenkontakte, Organisation, Beratung.
Marlene Schlitz (Bruchsal) – Ortsfamilienbuch Bruchsal, Recherche.
Thomas Adam (Abteilung Kultur Bruchsal), Thomas Moos (Stadtarchiv Bruchsal).
Adressbücher der Stadt Bruchsal, 1865 bis heute; weitere lokalhistorische Literatur.
www.geni.com, www.familysearch.com, www.findagrave.com, www.alemannia-judaica.de und andere.
zu Familie Wolf:
Auskünfte von Hélène Yaïche (Paris), Werner Rasche (Winnweiler), Heidemarie Leins (Bretten),
Inge Naumann-Götting (Wiesbaden), Anne Prior (Dinslaken), Janine Wolfsdorff (Dinslaken),
Manfred Hennhöfer (GLA Karlsruhe).
Schweizerisches Bundesarchiv: E 4264-1985/196, Dossier Nr. 06728.
GLA Karlsruhe: 237 Zugang 1967-19_2024 und 2038; 243 Zugang 1993-75_270; 243 Zugang 2004-
125_1078, 1293, 1515, 4811, 4862 und 11164; 276-1_8810, 12631, 13381, 13400, 13769, 14039, 21515,
28161, 28585, 28897, 30552 und 31032; 344_4188; 417 Zugang 1999-71_912; 480_1105, 1522, 8055,
8321, 8462, 9282, 14294, 14752, 14903, 21212 und 34180; 456 C_859 und 920.
Yaïche, Hélène. Richard und Helene. Unveröffentlichtes Manuskript, 2020.
Roseman, Mark. In einem unbewachten Augenblick. Biografie zu Marianne Ellenbogen, 2002.
Brändle, Brigitte und Gerhard. Jüdische Kinder im Lager Gurs. Gerettete und ihre Retter*innen, 2020.
zu Herbert Beck:
Auskünfte von Gottfried und Marianne Kluge (Karlsruhe), Dr. Hans-Werner Scheuing (Neckargemünd),
Richard Lallathin (Mosbach), Marita Spitz (Herten).
GLA Karlsruhe: 344 I_32; 344 I_33; 539_52.
Scheuing, Hans Werner. „… als Menschenleben gegen Sachwerte gewogen wurden“, 2004.
zu Familie Wertheimer:
Auskünfte von Dr. Menachem Mayer (Jerusalem), Michael Heitz (Sinsheim), Werner Diefenbacher
(Neidenstein), Brigitte Streib (Neidenstein).
GLA Karlsruhe: 377_19033; 377_19037; 480_7470; 480_24740; 480_24741; 480_24743; 480_26604.
Raymes, Frederick/Mayer, Menachem. Aus Hoffenheim deportiert. Der Weg zweier jüd. Brüder, 2005.
www.familienforschung.bodersweier.de.
zu Siegfried Ritter:
Auskünfte von Miloš Bĕlohlávek (Chodov/Tschechien), Heidemarie Leins (Bretten).
GLA Karlsruhe: 480_4805/A.
zu Gustav Michael:
Auskünfte von Claudia Stul und Esther Abel (Gedenkstätte Hadamar).
Gedenkstätte Hadamar: Best. 12_K1149.
GLA Karlsruhe: 463 Wiesloch 1_17968.
Greder, Werner. D‘ Brusler Dorscht. Die Geschichte der Bruchsaler Gaststätten, 1997. S. 130ff.
zu Familie Ellenbogen/Schmalz:
Auskünfte von Miriam Guibbory (USA), Limor Sharian (USA), Alex Calzareth (USA), Aviad Ben
Izhak (Israel), Joachim Klose (Gailingen).
Israel State Archives (www.archives.gov.il): 6258/10 (Bär); 6704/35 (Schmalz); 6758/39 (Stein).
Staatsarchiv Freiburg: F 196-1_12023.
GLA Karlsruhe: 243 Zugang 2004-125_3651; 243 Zugang 2004-125_7784; 243 Zugang 2004-
125_10314; 276-1_7927; 480_20717; 480_23845; 480_24173.
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Die am 22.6.2022 verlegten Stolpersteine wurden gespendet
von: für: Ort:
Kim Brunner, Bruchsal Sophie Wolf Huttenstr. 4
Verena Süss, Bremen Melanie Wolf Huttenstr. 4
Ursula Mildenberger, Ulrike Schüler, u.a. Berta Wolf Huttenstr. 4
Spenden für Broschüren in Buchhandlungen Ludwig Wolf Bergstr. 51
Spenden zur Stolpersteinverlegung 2019 Irma Wolf Bergstr. 51
Beate Schneider, Bruchsal Liselotte Wolf Bergstr. 51
Petra und Jutta Schüttler, Bruchsal Ferdinand Wolf Wilderichstr. 23
Helga und Jürgen Groh, Bruchsal Berta „Bertel“ Wolf Wilderichstr. 23
Marianne Eisinger und Bernhard Watzl, Br. Richard „René“ Wolf Wilderichstr. 23
Ella und Ludwig Müller, Bruchsal Herbert Beck Auweg 5
Florian Link, Bruchsal Hanna Wertheimer Huttenstr. 2
Birgitta und Wolfgang Hege, Bruchsal, u. a. Emanuel Wertheimer Huttenstr. 2
BürgerStiftung Bruchsal Siegfried Ritter Friedrichstr. 12
Evang. Gesamtkirchengemeinde Bruchsal Gustav Michael Schlossstr. 12
Evang. Gesamtkirchengemeinde Bruchsal Sophie Ellenbogen Wilderichstr. 9
Evang. Gesamtkirchengemeinde Bruchsal Anna Schmalz Wilderichstr. 9
Evang. Gesamtkirchengemeinde Bruchsal Liesel Bär/Stein Wilderichstr. 9
Dr. Rolf Uebe, Bruchsal, u.a. Walter Schmalz Wilderichstr. 9
Die BürgerStiftung Bruchsal hat die wichtige Aufgabe übernommen,
auch künftig Mittel für weitere Stolpersteine einzuwerben.
Jeder Stein kostet 120 Euro – dieser Betrag kann
jederzeit zweckgebunden an die BürgerStiftung Bruchsal gespendet
werden und wird in vollem Umfang für dieses Projekt
eingesetzt. Jeder Spender erhält eine Einladung zur nächsten
Stolpersteinverlegung, daher bitte auch die postalische Adresse
beim Verwendungszweck vermerken.
Sparkasse Kraichgau, IBAN DE 7566 3500 3600 0777 7777
Volksbank Bruchsal-Bretten, IBAN DE 5666 3912 0000 0080 0600
Impressum
Herausgeber: Stadtverwaltung Bruchsal
Auflage: 500 Stück, 1. Auflage Juni 2022
Redaktion: Florian Jung, Rolf Schmitt, Bruchsal
Layout & Druck: KAROLUS Media, Bruchsal
Die Rechte für die Beiträge liegen bei den jeweiligen Autoren.
www.stolpersteine-bruchsal.de; www.bruchsal-gurs.de; www.geschichtshaus-badischer-juden.de
Für Johanna Straus wurde am 8.6.2021 ein Stolperstein vor ihrem früheren Haus Schlossstraße 3 verlegt.
Aus diesem Anlass wurde für ihren Ehemann, den Kaufmann und Kakteensammler Lazarus Straus,
im Beisein von Angehörigen aus Deutschland, der Schweiz und Australien eine Gedenktafel enthüllt.