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Schwarzer Rolli, Hornbrille

ISBN 978-3-86859-698-4

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Schwarzer

Rolli,

Hornbrille

Plädoyer für einen Wandel

in der Planungskultur

Karin Hartmann


4


5


Inhalt

Vorwort 9

Junge Frauen und junge Architektinnen 13

Atmosphäre in der Architektur 15

Strukturelle Benachteiligung 15

Bürostrukturen 19

Alternative Selbstständigkeit 20

Alte und neue Aufgaben 20

Mutter werden als Sollbruchstelle 23

Schublade Teilzeit 24

Kinderbetreuung am Limit 25

Individuelle Entscheidungen 26

Wahrnehmung weiblicher Architekturgeschichte 29

Eine Frage der Relevanz 30

Das Erbe und seine Wahrnehmung 33

Zurückdrängung 34

Sorge vor einem eigenen Genre 37

Architektinnen als Avantgarde 38

White Men as an Institution 41

Aufarbeitung 42

6


Schwarzer Rolli, Hornbrille 45

Vom Lone Genius zum Star 45

Insignien und Privilegien 48

Architektin und Frau 50

Individuelle Entscheidungen 53

Kulturwandel auf Sicht 53

Architektur lernen 57

Initiationsrituale 58

Lernen durch Nachahmung 59

Wandel in der Lehre 61

Berufung ohne Theorie 62

Entwerfen Frauen anders? 67

Das Homeoffice der Familie Poelzig 68

Care 70

Entwerfen ohne Kontext 73

Kritik an der Stadt heute 74

Jane Jacobs und Robert Moses 75

New York 77

Barcelona 77

Wien 78

Einflüsse aus Europa und der Welt 80

Öffentliche und private Räume 89

Der Raum, der bleibt 90

Orte für Mädchen und junge Frauen 92

Wahrnehmung schulen 94

Fachdiskurs in Selbstreflexion 101

Medien als Verstärker 102

Gegenbewegungen 104

Ausstellungen 107

Ambivalente Wettbewerbskultur 108

Auszeichnungsverfahren 110

Frauennetzwerke 110

Parallelstrukturen 111

Im Gespräch mit Afaina de Jong 117

Perspektive 127

Glossar 128

Endnoten 134

Literatur 148

Dank 155

Bildnachweis 156

Impressum 160

7


Junge Frauen

und junge Architektinnen

13—27

„Ich war keine Feministin.

Aber durch den Architekturberuf bin ich eine geworden.“ 1

Anna Heringer, Studio Anna Heringer

Studierende der Architektur erwarten nach ihrem Abschluss sehr

gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Die Branche boomt, gute Leute

sind gefragt. Mit großer Wahrscheinlichkeit können sie ihren Beruf

erfüllend ausüben, sich weiterentwickeln und in leitende Positionen

aufsteigen. Die Entwicklung zeigt jedoch, dass Absolventen in der

Architektur nach ihrem Berufseinstieg eine andere Entwicklung nehmen

als Absolventinnen – und dies bei gleicher Qualifikation. Seit

2006 Jahren schließen mehr Frauen als Männer das Architekturstudium

ab. Dennoch machen sie seltener Karriere und bleiben eher in

weisungsgebundenen Positionen. Sie verdienen weniger und werden

seltener befördert. In vielen Fällen wenden sie der Architektur im

Laufe ihrer Berufsbiografie ganz den Rücken zu. Alternativ entscheiden

sie sich für architekturnahe, aber bauferne Bereiche und arbeiten

in Fachmedien, Stiftungen, Verbänden oder im Mittelbau der

Lehre. Diese Entwicklung und Prognose zu Studienabgängerinnen

erhöhen die beruflichen Chancen für Absolventen. Die Kommilitoninnen

bilden statistisch keine große Konkurrenz, im Gegenteil:

Ihr perspektivischer Drop-out verbessert die Karriereaussichten

der Männer.

13


Warum? Schließlich ist die rechtliche Gleichstellung der Geschlechter

seit Langem vollzogen. Während die Frage der Unsichtbarkeit

von Architektinnen die Planung schon seit den 1970er Jahren

beschäftigt, sind die Auswirkungen noch immer die gleichen geblieben:

Architektinnen fassen weniger Fuß in ihrem Beruf oder bleiben

im Mittelfeld. Während es in den MINT-Fächern eigentlich darum

geht, Frauen zum Studium zu motivieren, scheint es in der Architektur

zusätzlich ein Problem zu sein, sie im Beruf zu halten.

eingetragene

Architektinnen

Absolventinnen

100%

60%

50%

40%

%

21%

23%

35%

0%

1995

2000

2005

18

2010

2015

2020

Abb. 1: Absolventinnen im Fach Architektur versus eingetragene

Architektinnen 1995–2020.

Quelle: Bundesarchitektenkammer/Statistisches Bundesamt H201/

Kaufmann/Ihsen/Villa Braslavsky 2018/Auswertung: Karin Hartmann/

Infografik: PAPINESKA

14


Atmosphäre in der Architektur

Entsprechend der Statistik der Bundesarchitektenkammer 2020

beträgt der Frauenanteil der angestellten oder selbstständigen eingetragenen

Architekten 35 Prozent. 2 Nur 28 Prozent der Professuren in

der Architektur sind von Frauen besetzt. Über die Hälfte der Architektinnen,

jedoch nur jeder vierte Architekt arbeitet in weisungsgebundenen

Positionen, sei es in Architektur- und Stadtplanungsbüros,

dem öffentlichen Dienst oder der gewerblichen Wirtschaft.

Auf der europäischen Ebene hat sich der Anteil von Architektinnen

in zehn Jahren erhöht. Laut der Sektorenstudie des Architects’

Council of Europe stieg die Anzahl der Architektinnen in Europa von

31 Prozent im Jahr 2010 auf 42 Prozent im Jahr 2020. Das ist eine

erstaunliche Entwicklung, die vor allem einem sehr hohen Anteil

von Architektinnen in Serbien, Kroatien, Schweden und Polen zu

verdanken ist. 3 Ein Prozent der Befragten bezeichnet sich als nonbinär

oder möchte zum Geschlecht keine Aussage machen. 4

Strukturelle Benachteiligung

Der Studie Frauen in der Architektur der Technischen Universität

München zufolge sind beide Geschlechter hochzufrieden mit ihrem

Studienentschluss und gehen in ihrem Fach auf. 5 Was geschieht

danach mit den gut ausgebildeten Hochschulabsolventinnen? Wie

immer wieder genannt trifft sie nach Ankunft im Beruf eine Art

Praxisschock. Vermutlich erleben sie, wie viele Benachteiligte in

anderen Fächern, bei ihrem Eintritt in den Arbeitsmarkt strukturelle

Diskriminierungen. Für Deutschland und Europa liegen kaum Daten

zum Ausmaß und zur Systematik struktureller Benachteiligung von

Frauen und marginalisierten Gruppen in der Architekturbranche vor.

In Nordamerika ist das Feld wesentlich weiter erschlossen. Während

in Deutschland das Ausmaß der Diskriminierung im Mainstream

allenfalls partiell angekommen ist, liegen für die Vereinigten Staaten

mit der Studie des American Institute of Architects (AIA) und Center

for WorkLife Law veröffentlicht im Januar 2022 endlich differenzierte

Daten zum Bias auf der Grundlage von Gender oder race/Ethnie

in der Architekturpraxis vor.

15


dieser Profession schwierig wird, Familie und Beruf zu vereinbaren.

Aktuell leben Frauen besser von ihrer Witwenrente als von der in

ihrer Lebenszeit erwirkten Rente für bezahlte Arbeit – vorausgesetzt,

ihre Ehe hat gehalten. 18 Dieser Trend wird in wenigen Jahren enden,

da die Erwerbstätigkeit von Frauen stark zugenommen hat, wie

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin in

ihrem Buch Es geht nur gemeinsam aufzeigt: Während die Erwerbsquote

von Frauen ab 1882 im Deutschen Reich und Westdeutschland

bis zur Wende zwischen 35 und 50 Prozent lag, stieg sie nach

1989 bis auf 72,8 Prozent an. Der Anteil der erwerbstätigen Frauen

hat sich also in gut 30 Jahren fast verdoppelt. 2018 unterscheidet

sie sich nur noch um 8 Prozent von der Erwerbsquote der Männer

mit 80,5 Prozent. Allmendinger fasst zusammen: „Während sich bei

Männern in Sachen Erwerbsarbeit in der Mitte des Lebens seit über

100 Jahren wenig geändert hat, haben Frauen ihr Leben massiv umgebaut.

Sie haben eine Erwerbsarbeit aufgenommen, unterstützen

ihre Familie finanziell und stärken die Wirtschaft maßgeblich.“ 19

Parallel dazu hat sich die Verteilung der Care-Arbeit kaum verändert.

Der Gender-Care-Gap liegt im Durchschnitt bei 52,4 Prozent.

Leben Kinder im Haus, erledigen Frauen 83,3 Prozent mehr unbezahlte

Sorgearbeit als ihr Partner, das entspricht einem täglichen

Zeitaufwand von 2,5 Stunden. 20 Der Wunsch nach beruflicher

Selbstverwirklichung nimmt zwar einen immer größeren Stellenwert

für junge Frauen ein – führt sie aber unmittelbar in die sogenannte

second shift 21 . Werden sie Mutter, übernehmen sie mit hoher Wahrscheinlichkeit

auch die mentale Verantwortung für alle Abläufe

in der Familie, die mental load 22 , de facto ein zweiter Job, der in

vielen Fällen direkt in die Erschöpfung führt.

Die familienpolitischen Anreize der Bundesregierung haben über

Jahrzehnte zwar die Institution der Ehe, jedoch nicht ihre Beteiligten

zu gleichen Teilen unterstützt. Das Ehegattensplitting, die

beitragsfreie Mitversicherung und Minijobs wurden vom Bundesministerium

für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in ihrer Studie

Mitten im Leben 2016 für die Familie als „existenzbedrohend“ und

für Frauen als „abhängigkeitsfördernd“ bezeichnet. 23 Denn trotz

22


allen guten Willens wird rund jede dritte Ehe in Deutschland geschieden.

Oder wie die Scheidungsanwältin Helene Klaar es kurzfasst:

„Für Männer ist die Scheidung ein finanzielles Problem, für

Frauen ein existenzielles.“ 24

So müsste ein Paar mit der Absicht, eine Familie zu gründen, die familienpolitischen

Anreize in vollem Bewusstsein und anlässlich jeder

Lebensentscheidung erneut ignorieren, um langfristig die „richtige“

Entscheidung für beide Ehegatten zu treffen, um Fehlanreize zu vermeiden,

die sich erst später auswirken. 25

Mutter werden als Sollbruchstelle

Aufgrund der geschilderten Rahmenbedingungen, sei es aus Sozialisierung,

Fachkultur oder Familienpolitik, spricht vieles dafür, dass

die Planung der Mutterschaft oder die Geburt des ersten Kindes

zur Sollbruchstelle in der Berufsbiografie von Architektinnen wird.

Zum einen ist die Architektur für Eltern mit Care-Aufgaben ob ihrer

Narrative eher unwirtlich, zum anderen haben sie, und hier insbesondere

Alleinerziehende, schlicht keine Zeit mehr für das aufwendige

Berufshobby Architektur. Diese Erkenntnis kommt im Laufe ihres

Arbeitslebens nicht überraschend, sondern scheint von Anfang an

impliziter Teil der Berufskultur zu sein: Laut einer Studie des Architects

Journal 2014 denken 88 Prozent der Frauen, Muttersein habe

einen negativen Einfluss auf die Karriere, auch 63 Prozent der Männer

vertreten diese Meinung. 26 Die genannte Studie des AIA kommt

bei der Untersuchung des maternal wall bias zu dem Ergebnis, dass

Mütter anders als erwartet die Architektur nicht wegen tatsächlicher

Unvereinbarkeit verlassen. Eine große Rolle spielt die Diskriminierung

aufgrund von Mutterschaft. Den Studienteilnehmer:innen

wurden zwei identische Lebensläufe von Frauen vorgelegt, einer

enthielt die Mitgliedschaft in einer Eltern-Lehrer-Organisation: „Die

Studie ermittelte ein sehr hohes Maß an Bias: Die Mutter wurde

mit einer 79 Prozent geringeren Wahrscheinlichkeit eingestellt, mit

nur halb so großer Wahrscheinlichkeit befördert, man bot ihr ein

durchschnittlich 11.000 US-Dollar geringeres Anfangsgehalt, und sie

musste höheren Leistungs- und Pünktlichkeitsstandards entsprechen.“

23


Abb. 5: Statement von Susanne Gross zur

Ausstellung „Frau Architekt“ in Nordrhein-

Westfalen im November 2020

Quelle: Claudia Dreyße

zugelassen war, dem weiblichen Geschlecht insgesamt jeglichen

Raumsinn abgesprochen hatte, so schien man nach den ersten handfesten

Beweisen für das Gegenteil eine Ausweitung der Berufstätigkeit

verhindern wollen.“ 60

Das liegt 100 Jahre zurück und ist ein Stück Zeitgeschichte. Doch

verschwand die dahinterliegende Systematik der institutionellen Diskriminierung

nicht. Noch Ende der 1990er Jahre begannen Privatuniversitäten

in den USA, die Aufnahmeanforderungen für junge

Männer zu senken, um ein Gleichgewicht zwischen den Geschlech-

36


tern aufrechtzuerhalten. 61 Da „zu viele“ Frauen auf den Studiengang

zugreifen wollten, sahen die Institutionen offenbar die Gefahr, an

Reputation zu verlieren.

Berufe und ganze Branchen werden weniger geschätzt und bezahlt,

sobald sie mehrheitlich von Frauen ausgeübt werden. Es bleibt spannend

zu beobachten, was diese Angst vor einer Feminisierung für

das Berufsbild des Architekten bedeutet, das sich zur Bewältigung

der Herausforderungen des Klimawandels grundlegend verändern

wird: Zum „Kümmern“ und „Sorgen“ um den Bestand sind einige

weiblich konnotierte Eigenschaften erforderlich.

Sorge vor einem eigenen Genre

Die Angst vor einer Feminisierung und einer damit einhergehenden

Abwertung ist in der Architektur stark verinnerlicht. So bezeichneten

und bezeichnen sich Architektinnen gerne als „Architekt“ und

vermeiden die weibliche Form. Nachdem sie 2004 den Pritzker-Preis

gewann, sagte Zaha Hadid: „Früher mochte ich es nicht, wenn man

mich als Architektin bezeichnete: Ich bin ein Architekt, nicht nur

eine Architektin.“ 62 Als die Ausstellung des Deutschen Architekturmuseum

„Frau Architekt“ 2020 in Nordrhein-Westfalen gezeigt werden

sollte, suchte man zur Ergänzung der vorgestellten historischen

Vorbilder Architektinnen aus der Region, die sich auf einer Tafel

mit ihrem Werk präsentieren konnten. Susanne Gross reichte kein

Werk ein, stattdessen den Kommentar: „Mein Ziel ist es – in diesem

Falle! – von meiner Weiblichkeit abzusehen, und mich ganz selbstvergessen

nur der Bauaufgabe zu widmen.“

Die Sorge davor, mit der weiblichen Architekturgeschichte verhalte

es sich ähnlich wie mit anderen Formen der Kunst, ist berechtigt:

Kommen Frauen hinzu, kann ein neues Genre entstehen. In Bezug

auf Literatur beschreibt die Journalistin Mareice Kaiser das

Phänomen: „Es gibt sogenannte Frauenbücher. Aber es gibt keine

Männerbücher. Frauenbücher sind für Frauen; Männerbücher sind

für Menschen.“ 63 In der Literaturbranche gab es viele Stimmen, die

einen Wandel forderten, mit Erfolg: Der Literaturmarkt inklusive

Auszeichnungen, Besprechungen und erscheinenden Titeln ist heute

37


ausbalancierter als noch vor wenigen Jahren. Heute trägt der Trend

zum Feminismus zu einem größeren Selbstbewusstsein und Selbstverständnis

bei, aber die Sorge vor einem eigenen Genre aufgrund des

Geschlechts ist weiter vorhanden. Dabei zeigt die Geschichte, dass die

„Norm“ immer ein Geschlecht hatte: das männliche Geschlecht.

Architektinnen als Avantgarde

Bevor die Berufsbezeichnung geschützt wurde, führte der fehlende

Zugang zur Ausbildung zu vielen Autodidaktinnen, die teils erfolgreich

ihren Beruf ausübten. 64 Doch wurde der fehlende Abschluss

zum Argument, sie fachlich weniger ernst zu nehmen. Hilde Heynen

hat mit der 2019 erschienenen Biografie Sibyl Moholy-Nagy. Kritikerin

der Moderne das Werk der Architekturkritikerin im deutschsprachigen

Raum wieder ans Licht geholt. Als Witwe von László

Moholy-Nagy begann sie in den 1950er Jahren neben ihrer Tätigkeit

am Institute of Design in Chicago eine Karriere als Architekturhistorikerin.

Als „reisende Beobachterin“ erforschte sie als eine der Ersten

die Qualität regionaler Architektur Nordamerikas. 65 Sibyl Moholy-

Nagy wandte sich wiederholt offen gegen die Entwicklung der

Abb. 6: Le Corbusier ließ sich nackt fotografieren, während

er die Wandbilder in E.1027 anbrachte.

Quelle: Fondation Le Corbusier/VG Bild-Kunst Bonn

38


Moderne: „In ihrer Kritik an den ‚Stars‘ der modernen Architektur,

Mies, Gropius, Le Corbusier – wies sie schon früh auf die Unhaltbarkeit

von deren Axiomen, und die von diesen ausgehende Bedrohung

urbaner Vitalität hin.“ 66 In einer Reihe mit ihren Kolleginnen

Jane Jacobs und Ada Louise Huxtable kritisierte sie den Trend zu

einem zunehmend funktionalistischen Städtebau als zu wenig am

Menschen orientiert. Trotz allen Erfolgs wurde ihr als Autodidaktin

oftmals die Fachlichkeit abgesprochen. 67 Obwohl sie viel publiziert

hatte, exzellent vernetzt war und einen Lehrstuhl am Pratt Institute

innehatte, geriet sie nach ihrem Tod in Vergessenheit. Die meisten

ihrer Bücher sind vergriffen. Insbesondere bei Sibyl Moholy-Nagy

ist eine Untersuchung zu den Gründen ihrer Rezeption aus Geschlechterperspektive

interessant. Da sie ein freies Leben führte und

am Image der „Meister“ kratzte, wurde sie möglicherweise besonders

sanktioniert. Sibyl Moholy-Nagy nimmt als vielseitige Stimme

der Architekturkritik des 20. Jahrhunderts noch nicht den ihr gebührenden

Platz in der Geschichte ein.

Eine weitere Unbill weiblicher Architekturgeschichte war, dass in

Gemeinschaft entstandene Werke männlichen Kollegen zugeschrieben

wurden – erst recht, wenn sie gut waren. Der Umgang von Le

Corbusier mit dem erwähnten Haus E.1027, von Eileen Gray 1929

an der französischen Atlantikküste erbaut, ging weit darüber hinaus.

Nach ihrem Auszug hatte Le Corbusier 1939 in E.1027 fünf große

Wandgemälde angebracht, publizierte sie und machte Führungen

in Grays Haus – ganz im Gegensatz zu seinem Credo, die Malerei

zerstöre die Wand. Im Ergebnis wird er wiederholt als Autor von

E.1027 genannt. Eileen Gray wurde erst 2000 offiziell als Architektin

des Hauses anerkannt. 68 Der Vorfall kann aus heutiger Sicht

als übergriffiger Versuch der Aneignung gewertet werden, die zum

Ziel hatte, Eileen Grays Autorenschaft zu tilgen. Le Corbusier ging

mit äußerster Aggression vor. Er habe ein „rasendes Verlangen, diese

Wände zu verdrecken“, schreibt Le Corbusier 1939. „Zehn Kompositionen

sind fertig, genug, um alles vollzuschmieren.“ 69 Er ließ sich

nackt beim Malen fotografieren. Seine Bilder enthielten sexuelle

Anspielungen. 70

39


von seiner Genialität überzeugen kann. Menschliche Beziehungen

bleiben Nebensache. Als seine Version nicht umgesetzt wird, sprengt

er sein Gebäude schließlich in die Luft. The Fountainhead ist ein

Plädoyer für den Individualismus. Die Figur Howard Roark versinnbildlicht

eine Reihe von Glaubenssätzen in der Architektur: das unbeirrte

Streben, die vollkommene Hingabe an das architektonische

Werk, der Glaube an die eigene Entwurfsqualität wider allen Gegenstimmen,

der Ruhm, der sich erst nach einem harten Leidensweg

einstellt, die Verschmelzung von Autor und Werk. Roark verkörperte

die radikale Verausgabung bis zur Sucht, aber auch die daraus entstehende

Anziehungskraft, der sich alles Private unterordnet.

Nachdem der Pritzker-Preis 1991 nur an Robert Venturi vergeben

wurde und daraufhin eine Debatte entbrannte, stellte der Journalist

Justin Davidson lakonisch fest: „Doch zeigt die Scott-Brown-Kontroverse

auch, wie schwer es ist, den Mythos des einsamen Schöpfers zu

entkräften, der durch Ayn Rands The Fountainhead populär wurde.“ 82

Auch Despina Stratigakos weist auf den enormen Einfluss von

Howard Roark auf Studierende hin: „Roark, ein ,brillanter‘ Architekt,

wird als heldenhaft-gewalttätig dargestellt, er fordert seine Rechte

mit männlicher Brutalität ein. […] Roark hatte die Latte wirklich

sehr hoch gelegt, und nach seiner Veröffentlichung genoss der

Roman jahrzehntelang unter Architekturstudenten Kultstatus.“ 83

Howard Roarks zeitgenössische Karikatur ist der Architekt Rodrigo

Tomás, der Protagonist aus dem Roman The Masterplan. Rodrigo

bietet sich gleich einem architektonisch-amerikanischen Traum die

Gelegenheit, in Afrika eine gesamte Stadt zu bauen. Doch der Traum

entpuppt sich als Illusion, in Wirklichkeit ist er die Marionette seines

übermächtigen Vaters, einer Ikone der Postmoderne. 84 Der Autor

Reinier de Graaf, Partner im Büro Office for Metropolitan Architecture,

bezeichnet den Roman als „satirische Version meiner Welt“.

Er führt weiter aus: „Er soll die Welt der internationalen Architektur

mit ihren guten und schlechten Seiten beschreiben. […] Das ist

kein Tagebuch, in dem ich eine Beichte ablege, wenn ich auch sagen

muss, dass sich gewisse Erfahrungen als nützlich erwiesen haben, als

es darum ging, die Szenen zu schreiben.“ 85 Tomás’ Antrieb, durch

46


das prestigeträchtige Projekt die Anerkennung seines Vaters und der

Kollegen im boys club zu erlangen, füllen den maßgeblichen Teil des

Romans. Auch in der Satire spielen Frauen keine Rolle.

Walter Gropius und Le Corbusier inszenierten sich in den 1920er

Jahren als Stars, zum System wurde dies jedoch erst in den neoliberalen

1980er und 1990er Jahren. Architekt:innen wie Frank O.

Gehry, Richard Meier, Rafael Moneo und Zaha Hadid stehen für eine

Architektur, die mit ihrem eigenen Namen als Marke verbunden ist.

Die dahinterstehenden großen Bürostrukturen treten nach außen

wenig in Erscheinung. Städte wie Herford „kauften“ sich einen

„Gehry“ und vermarkteten Werk und Autor.

Die #MeToo-Debatte kam 2017 zumindest in Nordamerika in der

Architektur an. Im Internet erschien die Shitty Architecture Men List,

eine Plattform, auf der Zugehörige der Branche anonym sexuelle

Übergriffe dokumentieren konnten. Die Initiatorin offenbart später

ihre Motive: „Wir wurden ausgebildet, Leiden als engstens mit der

Arbeit verbunden anzusehen. Deshalb ist es leicht, so etwas wie das

Belästigtwerden als Teil des erbrachten Opfers anzusehen.“ 86

Richard Meier nahm eine Auszeit, nachdem fünf Frauen ihn wegen

sexueller Belästigung angezeigt hatten. Die US-amerikanische Architekturkritikerin

Alexandra Lange stellte daraufhin das klassische

Architektenprofil als Teil des Star-Systems infrage: „Nun kann ich

deutlicher sehen, dass es eine Fiktion ist: dass ein einziger Mann

(oder Zaha) das alles macht. […]. Es ist wohl an der Zeit, dem Profil

des Architekten, so wie wir es heute kennen, ein Ende zu setzen.“ 87

Heute noch firmiert rund ein Viertel der 64 Büros des BauNetz-

Rankings unter dem Namen eines einzelnen Gründers oder Inhabers,

jedoch sind alternative Formen auf dem Vormarsch.

Es gibt Lebensläufe erfolgreicher Architekten, die der Entwicklung

vom mittellosen Anfänger bis zum Star folgten. Mary Pepchinski

weist darauf hin, dass im Hinblick auf diese Erfolgsgeschichten die

intersektionale Perspektive besonders interessant ist. „Solche Geschichten

gibt es über Architektinnen sehr selten“, sagt sie zur Anekdote

über Norman Foster, der als Student einmal Eis verkaufte, um

sich zu finanzieren. Während einige etablierte Architekten aus

47


Entwerfen Frauen

anders?

67—87

„There is nobody against this [plan] –

NOBODY, NOBODY, NOBODY,

but a bunch of, a bunch of MOTHERS!“ 131

Robert Moses, zit. nach Jane Jacobs

Die häufigste Frage, die auf Podiumsdiskussionen rund um Chancengleichheit

in der Architektur gestellt wird, ist: Entwerfen Frauen

eigentlich anders? Gibt es weibliche Architektur? Wie die Antwort

auch lautet, es schließen sich weitere Fragen an.

Wird verneint, entsteht die Frage der Rechtfertigung des Aufwands.

Wenn ohnehin schon eine hohe Qualität entsteht, ist es nicht gleich,

wer sie entwirft und baut? Lohnt es sich dafür, die Strukturen einer

traditionellen Branche zu ändern?

Wird die Frage bejaht, steht die Sorge vor einer Verstärkung der Geschlechterstereotype

im Raum. Führt das Wissen darum, dass Frauen

besser Kindergärten entwerfen, nicht eventuell dazu, dass sie auf

diese und ähnliche Aufgaben beschränkt werden?

Frage und Antworten implizieren, eine „Norm“ sei vorhanden, ein

Status quo, der durch neue, andere Formen oder Inhalte des Entwerfens

möglicherweise angetastet werde. Denn was bedeutet anders

entwerfen? Anders als wer oder was?

Chancengleichheit in der Architektur zu erreichen bedeutet, bei

gleicher Qualifikation für alle eine gleiche Zugänglichkeit zu Arbeitsmarkt

und Leitungspositionen zu ermöglichen. Beide antizipierten

67


Antworten lassen außen vor, dass die Ursachen für fehlende Gleichberechtigung

in der branchenüblichen Diskriminierung liegen und

blenden gänzlich die Perspektive der Diskriminierten aus. Insbesondere

der Rückzug auf eine Qualitätsdebatte ist verkürzt, denn was

ist Qualität? Und für wen?

Eine kluge Frau auf dem Festival „Women in Architecture“ in Berlin

2021 sagt zu dieser Frage, Menschen entwerfen anders, denn Menschen

leben unterschiedlich und bringen ihre jeweiligen Lebensperspektive

in den Entwurf ein. Wer das ganze Jahr zuhause arbeitet,

bezieht dies beim Entwerfen von Wohnbauten mit ein. Wer täglich

an mehreren Orten in der Stadt Dinge erledigen muss, entwickelt

andere Mobilitätskonzepte als ein:e Pendler:in. Die Annahme,

Planende können sich in jede Lebensrealität gleich hineindenken,

ist eine Überschätzung und gleichzeitig eine Überforderung. Aus

diesem Grund erzielen auch in der Architektur gemischte Teams aus

allen Erfahrungsfeldern die besten Leistungen.

Das Homeoffice der Familie Poelzig

Wie der Ausdruck der eigenen Lebensrealität im Entwurf aussehen

kann, wird am Grundriss des Hauses von Marlene Poelzig in Berlin

sichtbar. Die Architektin hatte das großzügige Wohnhaus inklusive

Architekturbüro am Berliner Grunewald 1930 für sich und ihre

Familie mit drei Kindern und mehreren Bediensteten entworfen. Der

Garten entstand hauptsächlich in Zusammenarbeit mit der Gartenarchitektin

Herta Hammerbacher. 132

Die Konzeption des Hauses weist einige Besonderheiten auf. Das

Große Atelier richtet sich mit einer großen Fensterfläche zu Vorgarten,

Garage und Straße. Die Außenräume zum Grunewald sind

zoniert nach verschiedenen Spielnutzungen: Rasenspielplatz, Kinderspielplatz,

Wasserbecken. An Küche und Speisekammer liegt das Kinderspielzimmer,

zum Garten öffnet es sich mit einer Badelandschaft

für die Kinder. Alle privaten Räume orientieren sich zum Grunewald,

bis auf eines: im Kleinen Atelier saß Marlene Poelzig. Von hier aus

hatte sie den Blick auf die gesamte Situation. Sie konnte alle Außenräume

einsehen, zu denen die Kinder Zugang hatten, und sah durch

68


Abb. 8: Grundriss des Hauses Marlene Poelzig

im Berliner Westend

Quelle: Scan Bauwelt 1930, Nr. 34

69


Entscheidungen macht. 162 Das spanische Wortspiel aus ciudad

(= Stadt) und cuidar (= sorgen) wird zusammengefügt zur ciudad

cuidadora, zur Stadt der Fürsorge. Architektinnen wie Tatjana Bilbao

nehmen unter anderem dieses Konzept zum Ausgangspunkt für die

Entwicklung des Hauses der Fürsorge, das allen Beziehungen nutzt,

indem es gemeinsame Fürsorge möglich macht. 163 In der Covid-19-

Pandemie untersuchte das Barcelona Laboratory for Urban Environmental

Justice mit Col·lectiu Punt 6, wie öffentliche Räume während

der Pandemie die Gesundheit und das Wohlbefinden erhöhen. 164

Die Illustratorin María del Mar Muriel entwickelte für das Projekt La

Ciudad Amable ein von Frauen initiiertes, zivilgesellschaftlich-partizipatives

Projekt zur Erhöhung der Lebensqualität in Sevilla, eine

Grafik, die für die ciudad cuidadora steht. 165

Wien

Wien ist bekannt für eine hohe Lebensqualität. Gleichzeitig ist Wien

die Modellstadt Europas in Bezug auf Gender Planning. 166 Dies geht

maßgeblich auf das Engagement der Stadtplanerin und Expertin

für feministische Stadtplanung Eva Kail zurück. Sie ist bei der Stadt

Wien seit den 1990er Jahren für die Umsetzung geschlechtergerechter

Planung zuständig. Eva Kails Ziel ist, dass sich eine Gleichstellungspolitik

auch im Stadtbild niederschlägt. 167 Über den langen

Zeitraum sind nicht nur viele gender-inklusive Räume entstanden.

Vor allem wurden Strategien entwickelt und verstetigt, Gender Planning

auf der Folie der Stadt der kurzen Wege zum Bestandteil aller

städtischen Planungsvorgänge zu machen. Da realisierte Projekte auf

ihre beabsichtigte Nutzung nachgehalten werden, haben 30 Jahre

praktische Erfahrung eine tiefe Wissensbasis geschaffen. 168 Dies sieht

man der Stadt an: Freiräume wie der Reumannplatz, von der Stadtbevölkerung

wegen seiner Orte für Mädchen auch Reumädchenplatz

genannt, oder der Bruno-Kreisky-Park machen erlebbar, wie qualitätsvolle

gender-inklusive Freiräume in der Praxis aussehen und

funktionieren. Die Seestadt Aspern, ein neuer Wohn- und Arbeitsort

in Wien, wurde von vorneherein unter Berücksichtigung der Geschlechterperspektive

gebaut. Die Straßen wurden vorrangig nach

78


Abb. 9: Die Stadt der Fürsorge –

La Ciudad Cuidadora

Quelle: María del Mar Muriel

79


84


85


86


87


Öffentliche

und private Räume

89—98

„Außerhalb von Filmen werden

die Bedürfnisse und Wünsche von Mädchen

und jungen Frauen in Architektur

und Planung fast gänzlich ignoriert.“ 175

Leslie Kern, Feminist City

In London kam es nach der Entführung und dem Mord an der Marketingleiterin

Sarah Everard 2021 zu öffentlichen Protesten. Initiativen

wie Reclaim These Streets 176 und Everyone’s Invited forderten

sichere öffentliche Räume für Frauen. Sie erhielten innerhalb kürzester

Zeit einen enormen Zulauf. Tausende Frauen schilderten ihre

Erlebnisse mit sexualisierter Gewalt und reklamierten die rape culture

im öffentlichen Raum. 177 Medien griffen das Thema vielfach auf und

starteten eigene Aufrufe. 178 Auch das ZEIT Magazin sammelte 50

Zitate von Joggerinnen: „Ich finde: Mir steht in der Öffentlichkeit

genauso viel Raum zu wie einem Mann. Ich gehöre genauso überall

hin“, sagt die 50-jährige Anna aus Hamburg. Eine anonyme Berlinerin

stellt fest, dass sie sich ihren Platz im öffentlichen Raum immer

wieder neu erkämpfen muss und es kein Bewusstsein dafür gebe:

„Niemand beschäftigt sich damit, wie man die Welt sicherer für uns

machen kann.“ 179 Bemerkenswert an der Bewegung nach dem Vorfall

in London und der entstandenen Öffentlichkeit ist, dass die Frauen

nicht nur ihre Erfahrungen als Opfer von sexualisierter Gewalt

89


schildern, sondern auch immer stärker ihre Wut darüber ausdrücken,

dass sie sich im öffentlichen Raum nicht frei bewegen können

– sie fühlen sich im Gegenteil selbst wie Freiwild behandelt.

Der Raum, der bleibt

Die App „Safe & the City“, entwickelt von der Londonerin Jillian

Kowalchuk für Großbritannien, soll Frauen helfen, einen sicheren

Weg durch die Stadt zu planen. 180 Tatsächlich erstellt die preisgekrönte

App die sicherste Route durch die Stadt, indem sie es möglich

macht, schlechte Erfahrungen von Nutzer:innen zu dokumentieren

und zu verorten. Im Ergebnis schlägt sie den Weg mit den wahrscheinlich

geringsten Belästigungen vor. So macht die App wie eine

Negativkarte die androzentrische Stadt sichtbar: Sie schwärzt die

Räume, die Frauen besser nicht benutzen. Somit wird aus den täglichen

negativen Erfahrungen vieler Frauen ein kartografisches Bild.

Unter dem Slogan „Kommen Sie sicher ans Ziel“ verspricht die App

nicht nur einen sicheren Weg, sondern auch, durch die Veröffentlichung

eigener Erfahrungen anderen zu helfen. Benutzerbewertungen

wie „Das ist so eine geniale Idee, dadurch fühlt es sich nun

sicher an, sich durch London zu bewegen“ werfen die Frage auf, wer

dafür verantwortlich ist, dass alle Bewohner:innen der Stadt diese

auch sicher benutzen können sollten. Während in vielen Internetforen

diskutiert wird, ob Hinterherpfeifen despektierlich ist, macht

diese App aus der konkreten Angst vor Belästigung und Gewalt im

öffentlichen Raum ein Geschäft. Die Nutzerinnen sind einfach erleichtert,

dass eine App ihr tägliches Problem mit wenig Aufwand

„löst“ und sie am öffentlichen Raum endlich besser teilhaben können.

Die Nutzerbewertungen offenbaren die Not der Nutzerinnen:

„Nachdem ich im letzten Jahr überfallen wurde und die Polizei mir

nicht half, habe ich nun das Gefühl, dass ich für die Menschen in

dieser Gegend zumindest den Nachhauseweg sicherer machen kann.

Ein geniales Stück Technik!“ 181

Im Ergebnis der Proteste in London sagte Boris Johnson zu, die Mittel

für Überwachungskameras und Beleuchtung zu verdoppeln. Dies

jedoch offenbar, ohne Forschungserkenntnisse mit einzubeziehen:

90


London gehört bereits zu einer der am meisten überwachten Städte

der Welt. Die Kameras führen dazu, Täter zu überführen, aber sie

verhindern die Taten nicht. Insofern ist dem Sicherheitsgefühl von

Frauen durch Kameras in keiner Weise gedient, wie eine Studie von

United Nations Women in England aufdeckte. 182 Das Versprechen,

die Stadt durch Kameras sicherer zu machen, verhält sich aus Sicht

der Betroffenen in etwa so wie ein in Aussicht gestellter Geburtsvorbereitungskurs

zu Verhütungsmitteln. Leslie Kern stellt heraus,

dass Frauen sich durch stadtplanerische Maßnahmen nur sicherer

fühlen, wenn andere Benachteiligungen auf sozialer, kultureller und

ökonomischer Ebene geringer werden: „[F]ear can never simply be

‚designed out‘.“ 183

In der Covid-19-Pandemie konnte man auf Marktplätzen gut beobachten,

wie Frauen mit Kindern an der Hand auswichen und in einem

regelrechten Zick-Zack über den Platz gingen. Noch weniger als

sonst wollten sie mit jemandem zusammenstoßen. Das dominante

Auftreten vieler männlicher Personen im öffentlichen Raum erinnert

Frauen jeden Tag daran, dass sie weniger an bestimmte Orte gehören:

Die Dichotomie öffentlicher und privater Räume, die Frauen

eher dem privaten Raum zuordnet, während Männer, aus der

Geschichte heraus „freie Bürger“, dem öffentlichen Raum zugeordnet

sind, ist bei jedem Spaziergang erlebbar. Kern weist darauf hin,

wie die Angst der Frauen der sozialen Kontrolle dient: „Sie limitiert

unseren Gebrauch von öffentlichen Räumen, beeinflusst unsere Entscheidungen

[…] und hält uns von Männern als Beschützern abhängig.“

184 Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Umwege, die Frauen

aus Angst nehmen müssen, sind weitgehend unbetrachtet. Auch für

sie selbst: Die unwirtliche Stadt hält sie davon ab, im Alltag kürzeste

Wege zur Erledigung ihrer Aufgaben zu nutzen.

Die Wut von Frauen über die eingeschränkte Nutzbarkeit eines

allgemeinen Guts wächst und wird an vielen Stellen sichtbar. Da

ihnen mehr zugehört wird, wird die neue Sicht- und Hörbarkeit

von Frauen und marginalisierten Gruppen das Kräfteverhältnis der

Gesellschaft ändern. Dies könnte sich perspektivisch auch räumlich

widerspiegeln.

91


114


Die neuen Akteur:innen setzen ihre Stimmen politisch ein. Der WAI

Think Tank und Architecture Lobby stellen Forderungen und haben

klare Vorstellungen von einer Veränderung der Branche. 220

Insofern hat sich die Selbstwirksamkeit der Arbeit von Architektinnen

und weiteren marginalisierten Gruppen innerhalb und außerhalb

des Fachdiskurses der Architektur maßgeblich geändert. Sie

bitten nicht um Teilhabe, sondern bilden eigene Netzwerke und gestalten

eigene Diskurse. Mittelfristig wird sich zeigen, ob sich beide

Diskurse zu einem verbinden oder ob sie sich als parallele Strukturen

verstetigen.

115


KARIN HARTMANN: Afaina, du beschäftigst dich als Architektin

mit deinem Werk und auch als Lehrende mit der Frage mangelnder

Diversität und ihren Auswirkungen. Warum, denkst du, ist

der Architekturberuf so sehr von Männern dominiert? Warum

verlassen Frauen – ob Schwarz, of Color, weiß oder indigen – die

Architektur, und warum sind sie in diesem Beruf unterrepräsentiert?

AFAINA DE JONG: Zunächst ist wichtig: Es ist ein generelles Problem,

das sich in der Gesellschaft in vielen Berufen zeigt. In der

Architektur ist aber seltsam daran, dass wir in den Hochschulen mit

einem Verhältnis von 50 zu 50 anfangen. Und wenn man zehn Jahre

nach dem Abschluss noch einmal hinsieht, sind nur 10 bis 20 Prozent

der Frauen im Beruf geblieben. In der Architektur passiert also

etwas Ungewöhnliches. Darüber habe ich schon mit so vielen Frauen

gesprochen. Ich denke, da kommen in gewisser Weise mehrere Dinge

zusammen. Einerseits wird immer viel davon gesprochen, dass es

Frauen möglich sein soll, Mutter zu sein und das mit ihrer Karriere

als Architektin zu vereinbaren. Das ist aufgrund der Arbeitskultur

aber manchmal schwierig. Auch möchten wir in einem Bereich

arbeiten, wo unsere Meinung geschätzt wird und wir ein gewisses

Maß von Handlungsfreiheit haben. Das sind Dinge, die vielleicht

fehlen. Die Fachkompetenz von Frauen beispielsweise wird häufig

infrage gestellt, von Kollegen oder Bauunternehmern oder Bauleitern.

Und das kann ziemlich demotivierend sein. Im Allgemeinen

geht es um ein Gefühl der Handlungsfreiheit, darum, einen Platz

zu finden, an dem man dazugehört, wo wir uns entfalten können.

Und wenn die Kultur am Arbeitsplatz keine ist, in der Frauen sich

entfalten können, dann werden sie natürlich weggehen. Was schade

ist, ich denke nämlich, dass die Architektur – eigentlich – der ideale

Beruf ist, in vielerlei Richtungen zu gehen.

Was meinst du damit?

Du kannst Autor:in werden, Designer:in, Analyst:in oder Wissenschaftler:in,

kannst für deine Karriere zwischen so vielen Richtungen

wählen. Deshalb möchte ich all jene, die in unserem Bereich tätig

118


sind, auch dringend auffordern zu erkennen, dass durch den Dropout

von Frauen und marginalisierten Gruppen viel Talent verloren

geht, was ich für ein wirklich großes Problem halte.

Was ist deine Vision, um die Situation im Bereich Architektur und

seiner Kultur zu verändern? Wie können wir das rückständige

System überwinden?

Das sollte auf mehreren Ebenen passieren. Zuerst: Es muss im Rahmen

der Ausbildung beginnen. Dort entwickeln wir diese Kultur, lange

und bis spät abends zu arbeiten, was grauenhaft ist. Die Arbeit im

Architekturbüro, bis in die Nacht, Deadlines – das gewöhnen wir uns

schon in der Hochschule an. Und diejenigen, die das Studium abschließen

und sich dann selbstständig machen, setzen diese Arbeitskultur

fort, doch auch die Büros haben sie sich zu eigen gemacht.

Wir sollten neu bestimmen, wie wir bei Architekturprojekten am

besten effektiv zusammenarbeiten, oder vielleicht nicht einmal effektiv.

Vielleicht aus einer Perspektive, in der wir füreinander sorgen.

Wie würde das aussehen? Wie würden wir dann unsere Woche einteilen,

und wie würde sich das auf die Büros übertragen? Zweitens:

Auch in der Ausbildung ist es schräg. Als ich studierte, gab es keine

Professorinnen, die mich unterrichtet hätten. Manchmal höre ich

Architektinnen sogar sagen: „Ja, das weiß ich nicht. Ich weiß nicht,

wo ich sie finden kann.“ Die Frauen. Oder die anderen. Doch es gibt

sie. Sie sind an den Hochschulen. Doch vielleicht sind sie nicht genau

dort da, sodass du nicht weißt, wie du sie erreichen kannst, und

vielleicht sind sie nicht interessiert an deinem Arbeitsumfeld, oder?

Weil dein Umfeld sie nicht einlädt oder anzieht – weil es so einseitig

ist, in seiner Perspektive so eindimensional. Deshalb denke ich auch,

dass Architekturbüros neu überlegen sollten, wie sie einige von den

neuen Talenten anziehen könnten, denn diese Leute sind ja da. Es ist

nicht so, dass sie nicht da wären. Wir müssen aktiv sein.

Dein Artikel in der Zeitschrift ARCH+ 221 hat die Form eines Briefes

an die amerikanische Feministin, Dichterin und Bürgerrechtlerin

Audre Lorde (1934–1992) und zitiert ihren berühmten Essay

119


Glossar

Bias

Die Studie des American Institute of

Architects/The Center for WorkLife Law

„The Elephant in the (Well-Designed)

Room“ untersucht die Bias innerhalb

der Architekturbranche und definiert

den Begriff wie folgt: „Eine einfache

Definition von Bias ist die, dass zwei

ansonsten gleiche Menschen aufgrund

ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen

Gruppe unterschiedlich behandelt

werden; tatsächlich wird Bias oft gemessen,

indem bei Menschen, denen

gleiche Lebensläufe gegeben wurden,

dokumentiert wird, wie Menschen

unterschiedlicher sozialer Gruppen

unterschiedlich behandelt werden.“

Dimensionen der

Diskriminierung

Die Forscherin und Gründerin des Center

for Intersectional Justice in Berlin

Dr. Emilia Roig spricht von vier Dimensionen

der Diskriminierung, die sich gegenseitig

bedingen und verstärken: die

individuelle, strukturelle, institutionelle

und historische Diskriminierung. Nach

Roig findet die individuelle Diskriminierung

in persönlichen Interaktionen

zwischen Menschen statt, zum Beispiel

durch offensichtlich sexistische oder

rassistische Beleidigungen. Strukturelle

Diskriminierung hingegen bildet das

128—133

128


Care

Der im Buch verwendete Begriff Care

orientiert sich an der von Joan C. Tronto und Berenice Fisher 1990 verfassten

Definition: „Im allgemeinsten Sinne ist Care eine unserer Spezies eigene Aktivität,

die alles einschließt, was wir tun, um unsere ,Welt‘ instand zu halten, weiterzuführen

und wieder instand zu setzen, damit wir in ihr so gut wie möglich leben können. Diese Welt beinhaltet unseren

Körper, unser Ich und unsere Umgebung,

die alle wir zu einem komplexen, lebenserhaltenen Netz zu verweben

suchen.“ 224 Skelett unserer Gesellschaft, zum Beispiel

durch Gesetze und Förderstruktu-

ren, die Diskriminierung aufrechterhalten.

Die institutionelle Diskriminierung

bezeichnet die Summe individueller

Personen in machtvollen Positionen,

Entscheidungen und Handlungen von

nen. Die historische Diskriminierung

zum Beispiel in öffentlichen Institutio-

zeigt hingegen auf, wie die vergangenen

Systeme die Gegenwart noch

geht eine Benachteiligung privilegierter

prägen. 225 Gemäß dieser Definition

Gruppen nicht über eine individuelle

Diskriminierung hinaus, da sie keine

systematischen Grundlagen hat und

somit auch keine entsprechenden Auswirkungen

haben kann.

129


Impressum

160

© 2022 by jovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt bei der Autorin.

Das Copyright für die Abbildungen liegt bei den Fotograf:innen/Inhaber:innen

der Bildrechte. Alle Rechte vorbehalten.

Gestaltung und Satz: PAPINESKA, Monika Grobel-Jaroschewski

Lithografie: Bild1Druck

Lektorat: Dr. Nicole Mahne

Übersetzung englischer Zitate: Uta Hasekamp

Gedruckt in der Europäischen Union auf Munken Print Cream 300 g/m²

und Munken Print White 115 g/m²

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

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ISBN 978-3-86859-967-1 (PDF)

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