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Berufsausbildung nach der Waganowa-Methoda

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Ballettausbildung

nach der

Waganowa-Methode

Judith Frege

Das Lehrbuch für

den klassischen Tanz

Ausbildungsjahre1bis1 bis 3

Henschel


Ballettausbildung

nach der

Waganowa-Methode


Judith Frege

Ballettausbildung

nach der

Waganowa-Methode

Das Lehrbuch für

den klassischen Tanz

Ausbildungsjahre 1 bis 3

Henschel


Wie dieses Lehrbuch aufgebaut ist

Das vorliegende Buch befasst sich mit den ersten drei Ausbildungsjahren, in denen die Basis

des klassischen Tanzes gelehrt wird.

Das 1. und 2. Ausbildungsjahr ist mit jeweiligen Lernzielen in die Stufen A, B und C

eingeteilt. Außerdem sind zum vereinfachten Einstieg in Stufe A die allerersten

10 Unterrichtsstunden als gesonderte Einheiten aufgeführt.

Für die Stufe A sind ca. 3 Monate vorgesehen. Für die Stufen B und C werden jeweils 3 bis

4 Monate eingeplant, abhängig von den Ferienzeiten der unterschiedlichen Schulen und

allem voran dem Leistungsniveau der Schülerschaft. Das 3. Ausbildungsjahr ist in Stufe A

und B eingeteilt.

Die Stoffpläne sollten lediglich als Leitlinien benutzt werden, denn am Ende wird sich jeder

Pädagoge und jede Pädagogin nach der jeweiligen Unterrichtssituation und den Möglichkeiten

der SchülerInnen richten müssen.

Sie können das Buch chronologisch durcharbeiten oder aber auch als Handbuch und

Nachschlagwerk benutzen.

Das Exercice auf Spitze für das 1. bis 3. Ausbildungsjahr ist als gesondertes Kapitel am Ende

des Buches aufgeführt.

Die aufgelisteten Lernziele richten sich nach dem hohen Niveau der Waganowa-Akademie

St. Petersburg. Sie dienen als Orientierungshilfe. Bitte gleichen Sie den Lernstoff dem

Leistungsniveau Ihrer jeweiligen SchülerInnen an. Sollten die SchülerInnen noch nicht so

weit sein, ist es sinnvoll, die eine oder andere Übung erst zu einem späteren Zeitpunkt in

das Übungsprogramm aufzunehmen.


Lernziele für das 1. Ausbildungsjahr 16

Stufe A 18

Stufe B 54

Stufe C 78

1. Ausbildungsjahr

Lernziele für das 2. Ausbildungsjahr 106

Stufe A 108

Stufe B 142

Stufe C 172

2. Ausbildungsjahr

Lernziele für das 3. Ausbildungsjahr 190

Stufe A 194

Stufe B 215

3. Ausbildungsjahr

Exercice auf Spitze 228

1. Ausbildungsjahr Stufe C 231

2. Ausbildungsjahr 237

3. Ausbildungsjahr 241

Exercice auf Spitze


Vorwort

6

Vorwort

Jede professionelle Tänzerin, jeder professionelle

Tänzer weiß, wie ein plié oder ein battement

tendu ausgeführt werden. Aber wie wird

klassischer Tanz erfolgreich unterrichtet, wie

aufgebaut und weiterentwickelt? Ich möchte

mit diesem Buch die Methodik und Didaktik

des klassischen Tanzes in einer ganzheitlichen,

anatomisch korrekten Art und Weise darlegen

sowie meine eigene künstlerische und

pädagogische Erfahrung einbringen.

Agrippina Jakovievna Waganowa (1879–1951),

eine Ballerina des berühmten Marijinsky-

Theaters in St. Petersburg, begann ihre erfolgreiche

Karriere als Ballettpädagogin im Jahr

1917. Geprägt von ihrem russischen Lehrer

Nikolai Legat und dem italienischen Tanzpädagogen

Enrico Cecchetti, entwickelte sie

die Methodik des klassischen Tanzes weiter

und manifestierte sie in ihrem Buch »Grundlagen

des Klassischen Tanzes«, das 1948

veröffentlicht wurde und bis heute als Standardwerk

gilt.

Waganowas achtjähriges Unterrichtskonzept

beinhaltet sorgfältig entwickelte Lehrpläne für

jedes Ausbildungsjahr. Das gesamte Bewegungsvokabular,

von der allerersten, einfachsten

Form der Umsetzung bis hin zur Perfektion

der Ausführung, wird Schritt für Schritt erlernt

und weiterentwickelt. Diese Vorgehensweise

ermöglicht es den BallettstudentInnen, die

einzelnen Bewegungselemente zu verstehen

und zu verinnerlichen, bevor sie den nächsten

Schwierigkeitsgrad anstreben. Auf diese Weise

werden sie nicht überfordert und können

sich mit der Zeit eine solide, saubere Technik

erarbeiten.

Die Waganowa Methode ist aber nicht allein

auf technische Perfektion fokussiert. Die Form

und Ausführung einzelner Bewegungen und

Posen folgen zwar vorgegebenen Regeln,

gleichzeitig spielt aber die persönliche künstlerische

Ausdruckskraft eine wichtige Rolle.

Die Schülerinnen und Schüler werden von

Beginn an als individuelle Künstler gefördert.

Entsprechend ihrer körperlichen Voraussetzungen,

ihrer Begabung sowie ihrer Persönlichkeit

werden sie geschult und auf ihrem langen Ausbildungsweg

begleitet.

Ich bin davon überzeugt, dass die Waganowa

Methode zu Recht bis heute weltweit die

erfolgreichste Lehrmethode des klassischen

Tanzes ist und unter Einbeziehung eines

modernen pädagogischen Ansatzes, wie in

diesem Buch beschrieben, auch in Zukunft

bleiben wird.

Der klassische Tanz gehört zu den schwierigsten

Formen des Tanzes. Unsere Aufgabe als

BallettpädagoInnen ist es, die SchülerInnen

auf diesem oft harten Weg zu unterstützen und

dabei all unser Wissen, unsere Erfahrung und

Hingabe für diese Kunstform zu vermitteln. Es

ist ein Privileg, eine wunderbare und erfüllende

Aufgabe – das sollten wir uns immer

wieder vor Augen führen.

Nach meiner langjährigen Bühnenkarriere

als Balletttänzerin wollte ich unterrichten,

mein Wissen und meine Liebe zum Tanz weitergeben.

Jedoch selbst zu tanzen und Tanz

zu unterrichten sind zwei verschiedene Paar

Schuhe. Grundlegende Kenntnisse der Tanzpädagogik

sowie Anatomie gehören zu unabdingbaren

Voraussetzungen, um den Beruf

einer BallettlehrerIn verantwortungsvoll


7 Vorwort

auszuüben. Ich studierte unter anderem

Methodik und Didaktik des klassischen Tanzes

bei renommierten TanzpädagogInnen im

In- und Ausland und befasse mich bis heute

intensiv mit Anatomie, Musiktheorie, Rhythmik,

Ernährungslehre, Erziehungswissenschaften

sowie mit Unterrichtsmethoden wie

dem Arbeiten mit Imagination im Training.

Aber auch Yoga und Pilates sind unschätzbare

Wegbegleiter für jede Tänzerin und jeden

Tänzer, sei es im Profi-, Ausbildungs- oder

Laienbereich.

Ich hoffe, dieses Buch gibt Ihnen, liebe Leserin

und lieber Leser, hilfreiche Unterstützung

sowie Inspiration für neue Ideen und Herangehensweisen

beim Lehren und Erlernen der

klassischen Balletttechnik.

Judith Frege

Judith Frege als junge Tänzerin


9 Grunglegendes zur Waganowa-Methodik

Grundlegendes zur Waganowa-Methodik

Die von Agrippina Waganowa entwickelte

Methodik, funktioniert wie ein Baukastensystem.

Jedes zu erlernende Element baut auf

dem Vorangegangenen auf. Schritt für Schritt,

langsam und stetig werden die Bewegungsabläufe

des Klassischen Tanzes gelehrt, ohne die

SchülerInnen zu überfordern.

Insbesondere im 1. Ausbildungsjahr werden

fast alle Übungen stufenweise erlernt. Das

heißt, sie werden heruntergebrochen und

in Segmenten unterrichtet. Somit kann jede

Bewegung, jede Haltung verinnerlicht werden,

bevor ein weiteres Element hinzukommt. Diese

Vorgehensweise mag manchmal mühselig

sein, aber die Geduld lohnt sich, denn nur mit

einer soliden und sicher ausgeführten Technik

ist es möglich, tänzerische Qualität auf höchstem

Niveau zu erlangen. Eine gute Technik ist

außerdem der beste Garant zur Vermeidung

von Verletzungen.

Im 1. Ausbildungsjahr wird jedes Bewegungselement

mit wenigen Ausnahmen in einer stets

gleichen Vorgehensweise gelehrt.

Zum Beispiel battement tendu simple

seitwärts:

1. zwei Hände zur Stange – aus der I. Position

tendu zur Seite in vier Zähl-Zeiten mit

Pause, dann schließen in vier Zeiten mit

Pause.

2. zwei Hände zur Stange – aus der I. Position

tendu zur Seite in vier Zähl-Zeiten

ohne Pause, dann schließen in vier Zeiten

ohne Pause.

3. zwei Hände zur Stange – aus der I. Position

zur Seite ausgeführt in zwei Zähl-Zeiten

je Bewegung mit Pausen.

4. zwei Hände zur Stange – aus der I. Position

zur Seite ausgeführt in zwei Zähl-

Zeiten je Bewegung ohne Pausen.

5. zwei Hände zur Stange – aus der I. Position

zur Seite ausgeführt in einer Zähl-Zeit

je Bewegung mit Pausen.

6. zwei Hände zur Stange – aus der I. Position

zur Seite ausgeführt in einer Zähl-Zeit

je Bewegung ohne Pausen.

7. zwei Hände zur Stange – aus der I. Position

zur Seite ausgeführt im Auftakt.

Sobald eine Bewegung, seitwärts ausgeführt,

zufriedenstellend gelingt, wird sie wie oben

beschrieben vorwärts und schließlich auch

rückwärts geübt.

Sobald eine Bewegung vorwärts, seitwärts und

rückwärts (en croix) ausgeführt werden kann,

verbindet man sie miteinander zu einer Übung.

Sobald eine Bewegung in der I. Position stabil

ist, wird sie auch in der V. Position ausgeführt.

Sobald eine Bewegung mit zwei Händen zur

Stange in alle Richtungen, en croix, und ohne

Pausen gelingt, wird sie mit einer Hand zur

Stange ausgeführt. In dem Fall zunächst wieder

in der I. Position und mit eingebauten

Pausen etc.

Achtung! Bewegungen bzw. Übungen, die

mit einer Hand zur Stange gelernt wurden,

sind in der Folge Bestandteil des Exercice

in der Mitte.


Grunglegendes zur Waganowa-Methodik

10

Im 1. Ausbildungsjahr bewegen wir Arme, Kopf,

Beine und Rumpf getrennt voneinander.

Mit der Einleitung einer Übung, der préparation,

wird der freie Arm über die I. Position zur

Seite in die II. Position geführt. Die Augen folgen

dabei der aktiven Hand. Sobald die Bewegung

der Beine beginnt, dreht der Kopf wieder

nach vorn. Während die Beine arbeiten, bleiben

Arm und Kopf in einer fixierten Position,

damit der Fokus auf der Beinarbeit liegt. Werden

hingegen die Arme bewegt, bleiben Beine

und Füße in einer fixierten Position.

Im 2. Ausbildungsjahr werden Arme und Kopf

in die Übung integriert: Sie werden mitgenommen

und zeitgleich mit den Beinen und dem

Rumpf bewegt.

Wiederholungen

Für den Aufbau der Muskulatur sind Wiederholungen

ein- und derselben Bewegung unerlässlich.

Speziell im 1. Ausbildungsjahr sollten

die Übungen möglichst viele Wiederholungen

der einzelnen Bewegungselemente beinhalten.

So ist es nach der Waganowa-Methode üblich,

beispielsweise sechs bis acht battement tendus

simple nacheinander in eine Richtung

ausführen zu lassen. Ebenso kann man drei

bis vier battement tendus ausführen, dann ein

demi-plié einbauen und schließlich die ganze

Folge noch einmal wiederholen lassen.

Zur Unterrichtsplanung

Ballettunterricht sollte:

1. systematisch

2. anatomisch korrekt

3. und zunächst sehr langsam durchgeführt

werden.

Der Aufbau einer Unterrichtsstunde folgt den

üblichen Regeln einer Trainingsstunde.

Dazu gehören:

• eine Aufwärmphase mit Bodenübungen etc.

sowie Übungen an der Stange

• ein Technikteil mit der Arbeit im Freien, dazu

gehören Sprünge und Drehungen etc.

• ein Cool Down mit Dehnungen und port de

bras am Schluss der Stunde

Es kommt immer auf die individuellen

Umstände an, wie schnell oder wie langsam

wir mit dem Unterrichtsstoff voranschreiten

können. Wenn Sie mit begabten Kindern

arbeiten, die täglich Ballettunterricht erhalten,

werden Sie mit der Waganowa Methode

rasch Erfolge erzielen können. Arbeiten Sie mit

Kindern in einer Laienschule, die nur ein- bis

zweimal die Woche Unterricht nehmen, benötigen

Sie zwar mehr Zeit, Ausdauer und Geduld,

aber auch in diesem Fall ist die Waganowa

Methode erfolgreich. Wenn Sie dem Lehrplan

folgen, verfügen Sie über einen idealen Aufbau

sei es für die professionelle Ausbildung oder

für eine Laienschule.

Man sollte es vermeiden, die Kinder länger als

nötig an der Stange zu halten und ihnen somit

gleich zu Anfang, Spaß und Freude am Ballettunterricht

zu nehmen. Bringen Sie Abwechslung

in Ihren Unterricht, indem zunächst nur

eine Übung an der Stange ausgeführt wird und

im Anschluss z.B. kleine Hüpfer im Kreis, Polkaschritte

oder Boden- und Dehnungsübungen


11 Grunglegendes zur Waganowa-Methodik

zum Auflockern folgen. Auf diese Weise wird

der Unterricht nicht langweilig, er bekommt

Dynamik und die SchülerInnen sind motiviert

und aufnahmebereit für eine zweite Übung an

der Stange.

In den ersten Unterrichtsstunden werden 10 bis

max. 15 Minuten an der Stange verbracht. Von

Unterricht zu Unterricht und mit zunehmendem

Fortschritt können die Stangenübungen ausgebaut

und die Lockerungsübungen verringert

werden. Es braucht eine gewisse Zeit, bis die

Kinder die notwendige Konzentrationsfähigkeit

entwickelt haben und in der Lage sind, mehrere

Übungen hintereinander und schließlich ein

ganzes Exercice an der Stange ohne Unterbrechungen

bewältigen zu können.

Was wir unbedingt beachten sollten

Der Körper eines Kindes ist vom 10. bis

12. Lebensjahr noch nicht ausgewachsen. Insbesondere

Hüftgelenke, Lendenwirbelbereich

und die Halswirbelsäule müssen mit äußerster

Vorsicht behandelt werden. Viele Kinder

haben anfangs zum Beispiel Schwierigkeiten

mit der Auswärtsdrehung im Hüftgelenk, dem

en dehors. Auch das Ausdrehen der Füße darf

nicht auf Kosten der Stabilität forciert werden.

Das schadet insbesondere den Kniegelenken

und bringt auch kein gutes en dehors.

Im Gegenteil, es besteht die Gefahr, dass das

Becken nach vorne kippt, was eine instabile

Körperhaltung zur Folge hat. Hier sind Geduld

und eine sorgfältige Beobachtung der körperlichen

Entwicklung eines jeden Schülers,

einer jeden Schülerin gefragt. Bodenübungen

und sanfte Dehnungen können die Flexibilität

in der Hüftmuskulatur fördern und somit die

Rotationsfähigkeit in der Hüfte optimieren.

Achtung! Korrektes Ausdrehen bzw. ein

gutes en dehors wird durch die Aufrichtung

des Rückens sowie des Beckens, von

der Hüfte und vom Innen-Oberschenkel

aus, muskulär entwickelt und nicht über

eine forcierte und übertrieben ausgedrehte

Stellung der Füße erreicht.

Aufwärmübungen

Zum Unterrichtseinstieg bringen dynamische

Aufwärmübungen den Blutkreislauf in

Schwung, regen den Stoffwechsel an, erhöhen

die Temperatur im Muskelgewebe und bereiten

Muskulatur, Sehnen und Bänder somit optimal

auf das Training vor. Auch die Konzentrationsfähigkeit

wird mit Hilfe geeigneter Übungen

gesteigert, zudem wird die Verletzungsgefahr

signifikant minimiert.

Hier einige Beispiele für dynamische

Aufwärmübungen:

• Laufschritte im Kreis oder auf der Diagonalen

und am Platz

• Hopser im Kreis oder am Platz

• im Stand Schwünge des Oberkörpers nach

vorn oder von einer Seite zur anderen in

Kombination mit kleinen Kniebeugen und

Armschwüngen

• Armkreisen und Armschwünge

• kleine chassé seitwärts und auch vorwärts

im Kreis, auch in Kombination mit

Armschwüngen

• Polka-Schritte


Grunglegendes zur Waganowa-Methodik

12

Dehnungen

Zu den unerlässlichen Übungen im Ballettunterricht

gehören Dehnungen.

Achtung: Für alle Formen der Dehnung

muss der Körper vorher aufgewärmt

werden, um Verletzungen wie z. B.

Muskelzerrungen zu vermeiden.

Dehnungen fördern die Beweglichkeit, sorgen

aber auch für eine Entspannung der Muskulatur.

Allerdings ist äußerste Vorsicht bei der

Ausführung geboten: Niemals übertreiben

oder gar eine Dehnung forcieren, indem von

außen, sei es durch Lehrer oder Mitschüler,

Druck ausgeübt wird. Langsames Herantasten

ist der Weg. Schmerz ist immer ein Alarmsignal

des Körpers und sollte niemals missachtet

werden. Ist während der Dehnung ein leichtes

Ziehen in den Muskeln zu spüren, sollte man

mindestens 30 Sekunden lang die Position

halten, bis der Dehnungsschmerz nachlässt

oder gar verschwindet. Erst nach ca. einer halben

Minute entspannt der Muskel und kann

nachgeben. Hilfreich ist es, zum Beispiel im

Spagat, ein Bein mit Hilfe eines Polsters, einer

Decke oder Kissen etc. abzustützen, sodass

die Muskulatur entspannt und gedehnt wird,

ohne dass es weh tut. Abgesehen vom Spagat

gibt es viele verschiedene Dehnungsübungen,

die äußerst effektiv sind. Statische Dehnungen

werden in der Regel nach dem Stangen-Exercice

gemacht. Dehnungen im Anschluss an

eine Unterrichtsstunde sind sinnvoll, um die

Muskulatur zu entspannen.

Neben der statischen Form der Dehnung wird

im Tanz auch immer in dynamischer Form, in

der Bewegung, gedehnt. Sämtliche Ballettübungen

beinhalten dynamische Dehnungen.

Eine Bemerkung zur Dehnung: Inspiriert durch

die Rhythmische Sportgymnastik sind heutzutage

sogenannte Überdehnungen im profesasionellen

Klassischen Tanz Standard. Dies ist

meiner Meinung nach, eine fragwürdige Entwicklung.

Selbstverständlich muss der Körper

einer Tänzerin und eines Tänzers sehr flexibel

und gut gedehnt sein, um die anspruchsvolle

Ballett-Technik mit hohen Beinen etc. ausführen

zu können. Durch eine Überdehnung

aber geht die ursprünglich so ästhetische wie

bezaubernde Linie des Körpers im Klassischen

Tanz, verloren, zum Beispiel in einer arabesque

penché. Abgesehen von der künstlerischen Veränderung

sind Überdehnungen für die Stabilität

des Körpers problematisch. Die tänzerische

Qualität leidet merklich, insbesondere bei großen

Sprüngen und Drehungen etc. Der menschliche

Körper wird durch Muskeln, Sehnen und

Bänder gehalten – werden diese übertrieben

gedehnt, verliert der Körper an Stabilität.

Achtung! Dehnungen sind zwingend notwendig

bei gleichzeitiger Stabilisierung

und Kräftigung der gesamten Muskulatur.

Überdehnungen sollten jedoch vermieden

werden!


13 Grunglegendes zur Waganowa-Methodik

Korrekturen

Wir unterscheiden zwischen drei verschiedenen

Formen der Korrektur:

1. Die allgemeine Korrektur, die sich an die

gesamte Klasse richtet.

2. Die individuelle Korrektur für die einzelne

Schülerin und den einzelnen Schüler.

3. Die manuelle Korrektur, bei der man die

Schülerin und den Schüler berührt, damit

eine Fehlhaltung punktgenau gespürt und

korrigiert werden kann.

Achtung! Bei der manuellen Korrektur ist

streng darauf zu achten, dass die Schülerinnen

und Schüler mit größtem Respekt

behandelt und berührt werden. Ich rate

dringend davon ab, beispielweise den Po

oder andere zur Intimsphäre gehörende

Körperteile zu berühren oder gar in den

Po zu zwicken. Heranwachsende nehmen

in der Pubertät ihren Körper sehr bewusst

wahr und sind in dieser Zeit besonders

sensibel und schamhaft. Werden sie dann

noch ungefragt an Stellen berührt, die

ihnen eventuell peinlich sind, so kann das

verletzend und einschüchternd wirken.

Allein um sich vor Verleumdung und

Vorwürfen zu schützen, muss jede

Pädagogin und jeder Pädagoge darauf

achten, dass Korrekturen niemals auch

nur annähernd als übergriffig eingestuft

werden könnten. Lehrende sollten

außerdem nie allein mit einer Schülerin

oder einem Schüler in einem Raum

arbeiten, die Anwesenheit einer dritten

Person ist ratsam.

(Übrigens: In alten Zeiten benutzten

»Tanzmeister« ein Stöckchen, nicht

allein um den Takt zu schlagen, sondern

auch für manuelle Korrekturen ohne

direkten Körperkontakt.)

Bei allen Formen der Korrektur braucht man

unendlich viel Geduld, Empathie und Fingerspitzengefühl.

Wie schnell kann eine Korrektur

verletzend wirken, wenn die falschen

Worte gewählt werden. Wie schnell kann man

Mut und Selbstbewusstsein zerstören, wenn

unbedacht Korrekturen in destruktiver Weise

geäußert werden. Dabei kann mit einer motivierenden

und konstruktiven Kritik, die verstanden

und angenommen werden kann viel

mehr erreicht werden. Die Schülerinnen und

Schüler haben sich uns anvertraut; dieses Vertrauen

dürfen wir niemals missbrauchen oder

geringschätzen.

Korrekturen, die mit Hilfe von Bildern kommuniziert

werden, erzielen einen wesentlich

größeren Lerneffekt als abstrakte Erklärungen.

Imaginationen haben eine direkte Auswirkung

auf die Gehirntätigkeit, das Nervensystem und

schließlich auch auf die Muskelarbeit.


Grunglegendes zur Waganowa-Methodik

14

Ein Beispiel:

Hochgezogene, angespannte Schultern sind

oft ein Problem. Eine Korrektur wie »Schultern

runterziehen« erzielt meistens kein zufriedenstellendes

Ergebnis, sondern löst eher eine

Gegenreaktion in der Muskulatur aus – sie verkrampft,

statt zu entspannen.

Füge ich meiner Korrektur ein Bild bzw. eine

Imagination hinzu, erhalten wir ein ganz anderes

Resultat:

• Stell dir vor, deine Schultern sind Eiskugeln,

die langsam schmelzen.

• Lass den Abstand von den Ohren zu den

Schultern immer länger werden.

• Spüre, wie Wasser über die Schultern und

Arme entlang nach unten tropft und alle

Verspannung mitnimmt.

• Die Schultern rutschen nach unten in die

Achseln.

• Lass die Haut um die Schultern herum

vollkommen weich werden.

Probieren Sie es an sich selbst aus und spüren

Sie in Ihre Schultern hinein. Können Sie einen

Unterschied in der körperlichen Reaktion

auf die abstrakte und die bildhafte Korrektur

beobachten? Sobald Sie von dem positiven

Effekt der Imagination überzeugt sind, werden

Sie viele geeignete Bilder für Korrekturen

finden.

Musik

Der bewusste Umgang mit Musik ist eine

Grundvoraussetzung für den Tanzunterricht.

Bewegung im Einklang mit Musik auszuführen

und eine Harmonie zwischen Tanz und Musik

zu schaffen, ist nur durch genaues Zuhören

möglich. Wenn Tanz die Musik sichtbar werden

lässt, erleben wir Kunst auf höchstem Niveau.

Wir sollten stets daran denken, dass zur tänzerischen

Qualität nicht allein technisches Können

gehört. Es ist die individuelle Ausstrahlung,

die künstlerische Ausdruckskraft und die

Musikalität, die einen Tänzer, eine Tänzerin,

zum Künstler, zur Künstlerin werden lassen.

Von der ersten Unterrichtsstunde an muss die

tänzerische Strahlkraft eines jeden Schülers,

einer jeden Schülerin erkannt, gefördert und

zum Klingen gebracht werden. Dazu müssen

wir Selbstvertrauen aufbauen und gleichzeitig

aber auch eine gewisse Demut vor der großartigen

Kunstform des Klassischen Tanzes sowie

der Musik lehren.

Hier einige Bilder:

• Lass die Musik durch Hände, Finger und den

gesamten Körper fließen.

• Die Musik führt die Bewegung.

• Versuche, die Bewegung zu singen.

• Die Bewegung wird vom Atem und von der

Musik getragen.


15 Grunglegendes zur Waganowa-Methodik

Musikalische Einteilung

Die meisten Übungen in diesem Buch bieten

eine musikalische Einteilung an, die in Achten

gezählt wird. Eine musikalische Phrase wird

in zweimal acht anstatt viermal vier Zählzeiten

eingeteilt. Das + steht für u n d. Die Armbewegung

allonger beispielsweise wird auf +

ausgeführt.

Achtung! Vermeiden Sie ständiges Mitzählen.

Wenn Übungen durchweg mit dem

Zählen der Takte begleitet werden, verlernen

die SchülerInnen das eigenständige

Hören der Musik. Sie verlassen sich gern

auf das Vorkauen einer musikalischen Einteilung

und der Bewegungsfolge, sollten

hingegen die Konzentrationsfähigkeit und

die Auffassungsgabe, das schnelle Erfassen

von Bewegungsabläufen, trainieren.

Unterrichtsatmosphäre

Die Atmosphäre in einer Unterrichtsstunde hat

große Auswirkungen auf den Lernerfolg. Sorgen

Sie im Unterricht für eine positive Arbeitsstimmung,

in der sich alle wohlfühlen können.

Als Lehrende sind wir Autoritätspersonen, die

ab und zu auch mal streng sein müssen, um

einen geordneten Unterricht durchführen zu

können. Die Schülerinnen und Schüler sollten

Respekt haben, aber auf keinen Fall Angst!

Eine misslungene Übung oder eine noch nicht

verstandene Bewegung sind kein Grund, den

Kopf hängen zu lassen oder gar aufzugeben.

Im Gegenteil, jedes Scheitern sollte dazu

ermuntern, einen neuen Versuch zu starten,

stärker zu werden und es irgendwann schließlich

zu schaffen. Vermitteln Sie Ihren Schützlingen,

dass Sie an jeden Einzelnen glauben.

Selbstverständlich verfügen in der Regel nur

wenige über eine außerordentliche tänzerische

Begabung, dessen ungeachtet sollte jede

Schülerin, jeder Schüler mit einem Erfolgserlebnis

nach Hause gehen dürfen.


1. Ausbildungsjahr

16


17

1. Ausbildungsjahr

Elinor Jagodnik


18

Lernziele für das 1. Ausbildungsjahr / Stufe A

Exercice an der Stange

Demi-plié

in der I. + II. + V. Position – zwei Hände zur Stange

sowie I. + II. Position eine Hand zur Stange + port de bras

Battement tendu simple

in der I. Position en croix zwei Hände zur Stange

in der I. Position en croix eine Hand zur Stange

in der V. Position en croix zwei Hände zur Stange

Battement tendu jeté

in der I. Position en croix zwei Hände zur Stange gegliedert

in der I. Position zur Seite eine Hand zur Stange

Demi rond de jambe par terre

in der I. Position en dehors + en dedans zwei Hände zur Stange

in der I. Position en dehors + en dedans eine Hand zur Stange

Cou-de-pied vor und rück angelegt zwei Hände zur Stange

Passé par terre zwei Hände und eine Hand zur Stange

Relevé mit zwei Händen zur Stange in der I. Position


19

Exercice in der Mitte

Demi-plié in der I. und II. Position

Battement tendu simple in der I. Position en croix

Demi rond de jambe par terre in der I. Position en dehors und en dedans

Allegro

Diverse Hüpfer, Sprünge am Platz in der VI. Position

Temps levé sauté in der I. und II. Position gegliedert mit plié auf 1

Schreiten auf der Diagonalen, Polka etc.

I. Port de bras, Vorübungen und allonger


Stufe A

20

Die ersten zehn Unterrichtsstunden sind gesondert aufgeführt,

um die Unterrichtsplanung für Anfängerklassen zu erleichtern.

1. Unterrichtsstunde

Worauf wir achten sollten:

Bevor die eigentliche Unterrichtsstunde beginnt, werden einige Verhaltensregeln mit den

Schülerinnen und Schülern besprochen.

Diese beruhen vor allem auf Achtsamkeit

• im Umgang mit dem Arbeitsraum, dem Ballettsaal (Sauberkeit, kein Kaugummi, kein

Essen etc.)

• gegenüber der Lehrerin bzw. dem Lehrer

• im Umgang mit Mitschülerinnen und Mitschülern

• in der äußeren Erscheinung (Kleidung und Haare etc.)

Im Anschluss an die Aufwärmübungen gehen wir zur Stange.

Exercice an der Stange

Wir beginnen mit der VI. Position.

In der VI. Position der Füße, die streng genommen

keine eigentliche Ballettposition ist,

werden die Füße parallel und geschlossen

aufgestellt. Die VI. Position wird in den Anfängerklassen

für das erste plié sowie für Trampolin-Sprünge

eingesetzt, da es in der VI. Position

leichter ist, den Körper zu kontrollieren als

in einer ausgedrehten Fußposition.

Abgesehen von der VI. Position werden in allen

Ballettpositionen die Beine und Füße von der

Hüfte und dem Innenoberschenkelmuskel aus

nach au ßen gedreht.

VI. Position der Füße. Beine und Füße sind in einer parallel

gehaltenen eng geschlossenen Position.


21 1. Unterrichtsstunde · Exercice an der Stange

Das richtige Stehen an der Stange

in der VI. Position der Füße, zwei Hände zur

Stange.

• Der Abstand zu den MitschülerInnen wird so

eingeteilt, dass jeder über ausreichend

Platz verfügt.

• Der Abstand zur Stange ist abhängig von der

Körperstatur.

• Zuerst das Standbein aufstellen, dann das

Spielbein dazu (Standbein – Spielbein).

• Der Abstand der Arme liegt ca. auf Augenbreite,

höchstens Schulterbreite.

• Die Stange wird richtig angefasst, ohne zu

klammern, Handgelenke zeigen nach unten.

• Die Arme sind leicht gebeugt, Ellenbogen

zeigen nach unten.

• Schultern sind entspannt, nach unten

fallend und geöffnet.

• Die Rippen dürfen nicht überstrecken oder

auffächern, sie bleiben weich, sodass der

Atem entspannt fließen und der Oberkörper

seine natürliche Position finden kann.

• Der Nacken bleibt lang, ohne zu überstrecken.

Der Scheitel sollte immer den

höchsten Punkt bilden. Hier ein hilfreiches

Bild: Ein unsichtbares Band zieht uns am

Scheitel nach oben. Oder: Wir tragen einen

Luftballon auf dem Kopf.

• Das Becken ist aufgerichtet. Die Vorstellung

Sitzbeinhöcker über die Fersen ziehen ist

sehr hilfreich, um die Verschraubung des

Beckens, die Verlängerung des Lendenwirbelbereichs

zu spüren. Die Beckenmuskulatur

sollte dabei nicht verkrampfen, also

nicht den Po »zusammenkneifen«, wie es in

früheren Zeiten verlangt wurde. Vielmehr

den Steiß nach unten Richtung Boden

ziehen oder sinken lassen, das führt

auto matisch zu einem guten Muskeltonus in

der Bauchdecke.

• Die Bauchdecke ist flach, ohne dass sie

Das richtige Stehen an der Stange

nach innen gedrückt wird. Der Bauchnabel

zieht zur Wirbelsäule.

• Die aufgerichtete Wirbelsäule wird vom

Becken getragen. Sie muss ihre natürliche

S-Form einnehmen können, Stabilität

erzeugen und gleichzeitig beweglich bleiben.

• Die Fußsohle bewusst im Boden spüren,

besonders Fußballen und Fersen. Alle Zehen

liegen entspannt und lang auf. Auch der

kleine Zeh schmiegt sich an den Boden, um

das nach innen Rollen des Fußes bzw.

Fußgewölbes zu vermeiden.

• Das Aufrichten bzw. Hochziehen des

Körpers erfolgt aus dem Fuß heraus, über

das Fußgelenk, die Rückseite der Beine, die

Innenoberschenkelmuskulatur, die Bauchdecke,

den Rücken – bis zum Scheitel. Das

Gefühl einer fließenden Energie, die nach

oben strebt, bringt Stabilität, ohne zu

versteifen. Auch die Verbindung vom Kopf

zum Becken sollte bewusst gefühlt werden.

1. Ausbildungsjahr


1. Ausbildungsjahr · Stufe A

22

Das korrekte Stehen an der Stange erfordert

viel Übung und Geduld. Wir wollen eine auf -

rechte Körperhaltung erreichen, die mühelos

eingenommen und gehalten werden kann,

ohne zu verkrampfen.

Die Grundpositionen der Füße

I. Position der Füße

Nach der VI. Position versuchen wir es in der

I. Position:

In einer ausgedrehten Position ist es schwieriger,

den Oberkörper gerade und in einer Linie

mit dem Becken zu halten, ohne ins Hohlkreuz

zu rutschen. Beine und Füße sind ausgedreht,

die Fersen berühren sich. Bei sogenannten

»Säbelbeinen« halten wir die Fersen so weit

auseinander, dass eine Streckung der Beine

und Knie möglich ist. Alle Zehen lang gestreckt

im Boden halten, Schultern sind geöffnet.

Nun ist es Zeit für eine erste Übung an der

Stange.

Das Auf- und Abrollen des Oberkörpers

Mit dieser Übung werden eine aufrechte Körperhaltung

und die Stabilität des Oberkörpers

durch kontrolliertes Auf- und Abrollen der

Wirbelsäule trainiert. Beim Abrollen wird

der Kopf bis ca. auf Höhe des Bauch nabels

gesenkt. Beim Aufrollen richtet sich der

Rücken Wirbel für Wirbel wieder auf. Der Kopf

wird dabei erst am Schluss angehoben. Einen

Moment nachspüren, um das aufrechte Stehen

und die Verschraubung des Beckens bewusst

zu fühlen. Der Kopf sollte sich leicht anfühlen,

Nacken und Schultern weich und entspannt.

Mit dieser Übung kann in jeder Unterrichtsstunde

das Exercice an der Stange beginnen.

Mit der Zeit kommen andere Übungselemente,

wie Seitbeugen, cambré etc. hinzu.

u Ausgangsposition: Füße in der VI. Pos. –

zwei Hände zur Stange

Musik: langsam, zweimal acht Zählzeiten

Préparation: 1 + 2 + 3 + 4

1 + 2 + 3 + 4 Oberkörper mit dem Kopf beginnend

nach vorne abrollen, Knie

leicht gebeugt

I. Position II. Position


23 1. Unterrichtsstunde · Exercice an der Stange

5 + 6 + 7 + 8 vom Bauchnabel aus Oberkörper

Wirbel für Wirbel wieder aufrichten,

bis die Knie gestreckt

sind, den Kopf erst zum Schluss

anheben

Nach Korrekturen die Übung

auch in der I. Pos. wiederholen

II. Position der Füße

Füße stehen in einer ausgedrehten Grätsche.

III. Position der Füße

Beine und Füße sind ausgedreht, die Außenseite

der Ferse des vorderen Fußes berührt das

Fußgewölbe des hinteren Fußes.

1. Ausbildungsjahr

Worauf wir achten sollten:

• Mit dem Aufrichten des Oberkörpers

auch die Knie hochziehen.

• Becken und Sitzbeinhöcker in einer

Linie mit den Fersen halten.

• Schultern entspannt und geöffnet

halten.

• Den Atem fließen lassen.

• Auf die Musik konzentrieren.

IV. Position der Füße

Die Ferse des vorderen Fußes steht genau

gegenüber dem Großzehengelenk des hinteren

Fußes in einer offenen ausgedrehten Position.

V. Position der Füße

Beine und Füße sind ausgedreht in einer eng

geschlossenen Position gehalten.

Im Anschluss zeigen und erklären wir die II.,

III., IV. und V. Position der Füße und die anatomischen

Zusammenhänge.

III. Position IV. Position V. Position


1. Ausbildungsjahr · Stufe A

24

Wir kommen nun zur zweiten Stangenübung.

Demi-plié

Demi-plié ist die wichtigste Bewegung im

Tanz. Wir beugen die Knie, während sich die

Fuß sohlen in den Boden drücken. Ein gutes

demi-plié zu erreichen, erfordert viel Übung

und Geduld. Mit der Zeit werden Bänder und

Muskeln des Fußes, insbesondere der Achillessehne,

gestärkt und vorsichtig gedehnt, um

das demi-plié zu vertiefen und Bewegungen

wie Sprünge etc. zu ermöglichen.

Aus dem tiefsten Punkt im demi-plié (Fersen

dürfen nicht vom Boden abheben) langsam in

die Streckung kommen.

Demi-plié in VI. und I. Position

u Ausgangsposition: Front zur Stange,

Hände in der vorbereitenden Position,

Füße in der VI. Pos.

Tempo: Langsamer 4/4-Takt

Préparation: 1 + 2 + 3 + 4 + Hände auf die

Stange legen

1 + 2 + 3 + 4 + langsam die Knie ins demi-plié

beugen

5 + 6 + 7 + 8 + langsam strecken

viermal wiederholen, dann die

Übung in der I. Pos. ausführen

Worauf wir achten sollten:

• Während des Beugens die Knie immer

in einer Linie mit den Zehen und Hüften

halten. In der I. Position ist der Grad des

Ausdrehens der Füße und Knie abhängig

von den jeweiligen körperlichen Voraussetzungen.

Es ist ratsam, Anfänger in

einer leicht diagonal gehaltenen I. Position

stehen zu lassen, um einen instabilen,

wackeligen Stand und somit Stress

für die Knie- und Fußgelenke zu vermeiden.

Mit der Zeit wird sich die Fähigkeit

zur Außenrotation der Hüften und Füße

entwickeln und optimieren.

• Im tiefsten Punkt des demi-plié wird die

ganze Fußsohle in den Boden gedrückt,

bevor langsam und kontinuierlich die

Beine gestreckt werden.

• Der Rücken und das Becken werden in

einer Linie gehalten. Für Anfänger ist es

besonders schwierig, in einer ausgedrehten

Position Rücken und Becken

gerade zu halten. Sie strecken gern den

Po nach hinten weg, weil sie glauben,

auf diese Weise das plié zu vertiefen.

Übung in der 1. Unterichtsstunde: demi-plié


25

1. Unterrichtsstunde · Exercice in der Mitte

Bilder erleichtern das Verstehen eines kontinuierlichen

Beugens und Streckens der Beine,

während die Knie nach außen drehen:

• An jedem Knie ist ein Bindfaden befestigt,

der nach außen zieht, während die Knie

gebeugt werden.

• Knie und Hüften öffnen sich zur Seite wie

ein Vorhang.

• Die Knie öffnen sich zur Seite wie eine

Schiebetür.

• Langsam ins plié gleiten und in die Streckung

kommen wie ein Aufzug, der nach

unten und dann wieder hochfährt, ohne zu

ruckeln.

• Mit dem Rücken langsam an einer imaginären

Wand entlang nach unten gleiten und

wieder hoch.

Die vorbereitende Position der Arme

Die vorbereitende Position der Arme ist eine

Grundposition, mit der so gut wie jede Übung

im Ballett beginnt und endet.

Die Arme werden von den Schultern aus nach

unten in einem großen Oval gehalten, ohne

dass sie den Körper berühren. Die Fingerspitzen

zeigen zueinander, ohne sich zu berühren.

Die Vorstellung, »ein großes Osterei zu tragen«,

ist dabei hilfreich.

1. Ausbildungsjahr

Exercice in der Mitte

Die Grundpositionen der Arme

Entspannte Schultern sind eine wichtige

Voraussetzung für korrekte Armhaltungen.

Die Erfahrung zeigt, dass auch in diesem

Fall Bilder effektiver sind als abstrakte

Korrekturen:

• Die Schultern sinken entspannt in die

Achseln.

• Die Schultern werden von den Hüften

getragen.

• Die Schultern schmelzen wie Eis Richtung

Schulterblätter.

• Die Schulterblätter sinken Richtung Becken.

• Das Brustbein öffnet sich und wird weich.

• Die Rippen sind weich und fließen nach

unten.

Die vorbereitende Position der Arme


Erfolgreich und umsichtig Ballett unterrichten

Die visionäre Ballettpädagogin Agrippina Waganowa legte mit »Die Grundlagen des

klassischen Tanzes« vor 100 Jahren ein zum Klassiker gewordenes Lehrwerk vor, welches

bis heute die Basis für eine achtjährige Ballettausbildung an den Schulen weltweit bildet.

Judith Frege hat Waganowas Methodik bis ins Detail aufgearbeitet und einer

modernen Unterrichtsform angepasst.

In zwei Bänden werden die Ausbildungsjahre 1–3 bzw. 4–8 mit ihren Lernzielen detailliert

und übersichtlich dargestellt, Bewegungen klar verständlich formuliert und illustriert, aufeinander

aufbauende Abläufe erläutert sowie wertvolle Übungen vorgestellt.

• praxisorientiert und ganzheitlich: die Waganowa-Methode in einem Lehrbuch für

das 21. Jahrhundert

• die Lernziele der Ausbildungsjahre systematisch aufgegliedert nach Stufen A, B, C

• mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen, Formulierungshilfen und Vorschlägen zur

musika lischen Begleitung

• mit Tipps für eine entspannte Unterrichtsatmosphäre und Hinweisen zur

konstruktiven Korrektur von Bewegungen

• mit 360 Bildern, Glossar und Register

Judith Frege war 25 Jahre als Balletttänzerin tätig und tanzte am Hamburg Ballett John

Neumeier, am Stuttgarter Ballett und an der Deutschen Oper Berlin. Sie ist diplomierte

Tanzpädagogin und erfahrene Spezialistin im Unterrichten der Waganowa-Methode. Im

Tanzloft Berlin bietet sie neben der Ballettausbildung von Kindern und Erwachsenen auch

zertifizierte Fachseminare in Tanzpädagogik an.

ISBN 978-3-89487-826-9

www.henschel-verlag.de

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