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Emscher 20 | 21+: Die neue Emscher kommt

ISBN 978-3-86859-748-6

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Emscher

20 21 +

Die neue Em s c h e r

ko m m t _

Sozial-ökolog i s c h e r

Umbau e i n e r

region a l e n

Stadtlan d s c h a f t

Herausgeber:

Uli Paetzel

Dieter Nellen

Stefan Siedentop


Inhalt

Uli Paetzel / Frank Dudda

Vorwort ....................................................................................................................................................................... 08

Uli Paetzel / Dieter Nellen / Stefan Siedentop

Editorial

Die neue Emscher kommt:

Sozial-ökologischer Umbau einer regionalen Stadtlandschaft ...................................... 14

Ruth Hanisch

Upgrade 21+ „Geschichte weiterbauen“:

Der Kreis wird geschlossen. Architekturentwurf zur Arrondierung und

Erweiterung der Hauptverwaltung der Emschergenossenschaft in Essen ........... 22

Geschichte und Struktur

Reiner Burger

Doppelte Transformation:

Vom montanindustriellen Abwasserkanal des 20. Jahrhunderts

zur blaugrünen urbanen Flusslandschaft 21+ ............................................................................... 30

Ullrich Sierau

Panta rhei –

Alles fließt, aber nichts darf den Bach runtergehen .............................................................. 40

Stefan Berger / Ute Eickelkamp

Fluss der Versöhnung?

Reflexionen zur Renaturierung der Emscher als Element

der Vergangenheitsbewältigung des Ruhrgebiets .................................................................... 46

Heinrich Theodor Grütter

Die Emscher im Bild:

Zwei Ausstellungen im Ruhr Museum und auf Zollverein .................................................... 50

Dieter Nellen / Stephan Treuke

Konzepte und Formate für die Emscher ........................................................................................... 54

Stefan Siedentop

Die neue Emscher:

Anstoß für die Modernisierung und Reskalierung der Infrastruktur

im Ruhrgebiet ......................................................................................................................................................... 62

Transformationen 20 | 21+

Peter Schrimpf / Michael Kalthoff

Wandel und Transformation:

Die prägende Kraft des Steinkohlenbergbaus für das Ruhrgebiet ............................... 74

Emanuel Grün

Transformation eines Wasserwirtschaftsunternehmens

für die Modellregion Emscher 21+.

Von der Beseitigung wasserwirtschaftlicher Notstände über

bergbau angepasste Entwässerungssysteme hin zu nachhaltigen

Lebensräumen ........................................................................................................................................................ 78

Burkhard Teichgräber

Strategien und Projekte für die Wasserwirtschaft eines Ballungsraumes

im 21. Jahrhundert .............................................................................................................................................. 84


Friedhelm Pothoff

Roadmap „Hochwasserschutz“ aus historischem Anlass .................................................... 92

Volker Lindner

Grüne Stadt –

Impulse für eine neue Stadtentwicklung im Netz der Emscher-Zuflüsse ............... 96

Dietwald Gruehn

Die Emscher-Revitalisierung:

Verbesserung der Ökosystem dienstleistungen durch

grün-blaue Infrastruktur im Ruhrgebiet .......................................................................................... 100

Frank Obenaus / Heiko Althoff

Wasserwirtschaft 4.0 –

Mit digitaler Technologie zu einem nachhaltigen Anlagebetrieb

im Rahmen blau-grüner Infrastruktur ............................................................................................... 104

Strategien zu einer neuen Stadt- und Flusslandschaft

Wolfram Höfer

Die vierte Emscher-Mündung –

Gestaltung von Landschaft in Zeiten des fortschreitenden

Klimawandels ........................................................................................................................................................ 120

Christian Gerten / Stefan Siedentop / Sabine Weck

Soziale Folgen des Emscher-Umbaus:

Besserstellung von sozial Benachteiligten oder Gentrifizierung? ............................... 130

David Lehmkuhl / Jörg-Peter Schräpler

Leben an der neuen Emscher.

Sozialer Wandel in einer urbanen Flusslandschaft .................................................................. 136

Nadine Gerner / Sebastian Birk

Revitalisierung von Süßwasser-Ökosystemen im EU-Projekt MERLIN .................. 140

Stephan Treuke

Grüne Transformationsprozesse in der Emscher-Region.

Ansätze einer wassersensiblen und klimagerechten Stadtund

Raumentwicklung ................................................................................................................................... 144

Ökonomischer, sozialer und kultureller Mehrwert

im Emscher-Raum

Delia Bösch

Von der Meidezone zur Open-Air-Galerie:

Tourismus im Ruhrgebiet .............................................................................................................................. 166

Vanessa Gaffron / Katharina Knüttel / Sören Petermann / Till Stefes

Aufwachsen an der Emscher.

Ungleiche Voraussetzungen für das subjektive Wohlbefinden

von Kindern und Jugendlichen? ............................................................................................................... 172

Susanne Moebus / Robynne Sutcliffe

Der Emscher-Umbau als Public-Health-Intervention

zur Verbesserung der Gesundheit ......................................................................................................... 176


Interventionen und ästhetischer Wandel

durch Kunst und Kultur

Bettina Jäger

Fit werden im Kopf und in den Waden.

Die Emscherkunst 2010 bis 2016 und ihre Fortführung

als Emscherkunstweg .................................................................................................................................... 184

Florian Matzner

Die Anti-Documenta im Pott .................................................................................................................... 192

Frank Maier-Solgk

Kunst und Natur im BernePark ................................................................................................................ 196

Dieter Nellen

Emscher als „Spiellandschaft“ der Ruhrtriennale ................................................................... 202

Pia Eiringhaus

Gegen den Strich:

Von alten Gewässern und neuer Ästhetik.

Industrienatur in der Flusslandschaft Emscher ....................................................................... 208

Regionale Perspektivprojekte:

Städtebau und Landschaftsgestaltung Emscher 21+

Oliver Volmerich

Neue Stadtlandschaft PHOENIX in Dortmund ........................................................................ 224

Susanne Linnebach

Emscher nordwärts“ und der Dortmunder Zukunftsgarten zur

Internationalen Gartenausstellung rund um die Kokerei Hansa ................................ 228

Gerd Aufmkolk Kommentar

Ein Zukunftsgarten an der Emscher .............................................................................................. 234

Martina Oldengott

Emscherland –

Ein Natur- und Wasser-Erlebnis-Park als IGA-Zukunftsgarten .................................. 238

Christoph Heidenreich / Christoph Prinz

Der Fluss mit „unseren Gärten“.

Zukunftsinsel mit Nordsternpark ......................................................................................................... 244

Ina Bimberg Kommentar

Architekturwettbewerb Zukunftsinsel mit Nordsternpark ......................................... 248

Martin Harter / Bernd Tischler

„Freiheit Emscher“ –

Strukturwandel im letzten „Industrie-Dschungel“ der Emscher-Zone .................. 250

Alexa Waldow-Stahm Kommentar

„Freiheit Emscher“ steht für Transformation ........................................................................ 254

Andreas Kipar Kommentar

Emscher 4.0 –

Ein blau-grünes Zentrum als Scharnier ...................................................................................... 258

Norbert Stratemeier

Emscher-Delta:

Ingenieurwissenschaftliche Leistungsdaten für die

wasserwirtschaftliche Neugestaltung in einer urbanen Region ................................. 260


Urbanität und Regionalität

Emscher-Kongress 2022 .............................................................................................................................. 268

Christa Reicher Keynote 1

Relevanz und Aktualität regionaler Zukunftspfade .......................................................... 270

Heinz Bude Keynote 2

Die urbane Differenz des Ruhrgebiets ......................................................................................... 272

Julian Petrin Keynote 3

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel .................................................................................................... 276

Formate und Allianzen international

Martina Oldengott

Internationale Gartenausstellung Metropole Ruhr 2027 .................................................. 280

Karola Geiß-Netthöfel Kommentar

Lösungsansätze für ein gutes Zusammenleben und

ausgeglichene Lebensverhältnisse ................................................................................................. 288

Dieter Nellen Vorbemerkung

Vom „Nationalpark der Industriekultur“ zur

„Industriellen Kulturlandschaft Ruhrgebiet“ ........................................................................... 290

Ursula Mehrfeld / Marita Pfeiffer

Industrielle Kulturlandschaft Ruhrgebiet ....................................................................................... 292

Emanuel Grün / Sven Lyko / Frank Obenaus

Internationale Betreiberpartnerschaften zur Lösung

globaler Wasserprobleme ........................................................................................................................... 296

Antje Stokman

Learning from:

Transformation urbaner Wasserlandschaften

im internationalen Vergleich .................................................................................................................... 300

Christoph Zöpel

Die Emscher:

Ein Transformationsprojekt von globaler Bedeutung .......................................................... 306

Die Emschergenossenschaft als regionale

Entwicklungsakteurin

Dieter Nellen / Friedhelm Pothoff

Fragen an Uli Paetzel ..................................................................................................................................... 312

Literaturnachweise ......................................................................................................................................... 322

Bildnachweise ...................................................................................................................................................... 324

Herausgeber ......................................................................................................................................................... 326

Impressum .............................................................................................................................................................. 327


6 Einleitung


Umbau des Klärwerks

Emschermündung

in Dinslaken

7


Vorwort

| Uli Paetzel, Frank Dudda

Zentraler Fluss des Ruhrgebiets

Der französische Philosoph Voltaire beschrieb in seiner Novelle Candide Westfalen

einst mit leichtem Augenzwinkern als das „herrlich, friedliche Paradies auf Erden“

und setzte sich dabei mit der Theorie der „besten aller Welten“ auseinander.

Alle Makel ließen sich demnach erklären. Vielleicht ließe sich das Schicksal unserer

Emscher als Schmutzwasserableitung ebenfalls mit ihrer Existenz und Lage als

zentraler Fluss des Ruhrgebiets begründen. Genau als das, als ein Fluss, wurde

die Emscher in den vergangenen Jahrzehnten allerdings kaum wahrgenommen.

Vielmehr bezeichnete man sie als Kloake, Köttelbecke oder Kanal.

Dieses Bild verändert sich nun. Die Emscher ist abwasserfrei. Das war

die Nachricht zum Jahresende 2021 mit einer Tragweite enormer Bedeutung für

die gesamte Region. Sie steht für Veränderung und für Aufbruch. Sie steht für die

Chance, blau-grünes Leben neu zu denken und zu entwickeln in einem industriell

geprägten Ballungsraum, der in Größe und Art in Europa seinesgleichen sucht.

Über 2,4 Millionen Menschen leben im Einzugsbereich der Emschergenossenschaft,

deren Geschichte am 14. Dezember 1899 begann. Ihrer Taufe,

und damit dem Zusammenschluss für Kommunen, Bergbau und Industrie unter

einem Dach, lag eine wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe zugrunde. Es

musste den Belastungen des Gewässers Einhalt geboten werden, um die aus

ihnen resultierenden Krankheiten wie Typhus und Cholera einzudämmen. Entsprechend

war der Bau eines offen geführten Schmutzwasserlaufes damals nicht

nur eine bautechnische Meisterleistung, sondern auch eine gesundheitspolitische

Notwendigkeit. Der Gestank, den der „Fluss“ saisonal aufkommen ließ, belastete

das Image der Region bis zuletzt.

Den Fluss und seine Nebenläufe den Menschen zurückgeben

Damit aber ist nun Schluss. Drei Jahrzehnte währte der technische Umbau der

Emscher. Ihm diente mit dem „Seseke“-Projekt im Gebiet des geschwisterlichen

Lippeverbandes eine landschaftliche Wandlung im Kleinen als vorlaufende Umsetzung.

Parallel veränderte sich auch das Revier. Von einem „Pulsschlag“ aus

Stahl redet kaum noch jemand, trotz der weiterhin hohen Bedeutung der Produktionsstandorte

insgesamt. Der Bergbau gehört nach der Schließung der letzten

Zeche in Bottrop Ende 2018 zwar noch zu einem Teil unserer Geschichte, prägt

aber nur noch in vereinzelten Wahrzeichen unsere Landschaft. Der Trend ist unverkennbar:

Die Emscher-Zone muss und will in weiten Teilen für etwas Neues

stehen, sie will geformt werden, um zukunftsfähig und eine Region der Möglichkeiten

für heutige und künftige Generationen zu sein.

Die Voraussetzungen dafür zu schaffen, das ist eine zentrale Aufgabe,

der wir uns als Emschergenossenschaft verschrieben haben. Wir engagieren

uns bei der sozial-ökologischen Transformation der Region. Wir haben

dafür durch die Vollendung dieses größten europäischen Infrastrukturprojekts

der vergangenen 30 Jahre die wesentliche Grundlage geschaffen. Nun geben wir

den Fluss und seine Nebenläufe den Menschen zurück. Die Voraussetzung für das

Ausbilden einer neuen Lebensqualität an den Gewässern zwischen Holzwickede

und Dinslaken/Voerde, also zwischen Quelle und Mündung, ist dabei die Fertigstellung

des unterirdischen und verrohrten Abwasserkanals. Dafür entstanden

begleitend vier dezentrale Kläranlagen und u.a. drei große Pumpwerke. 438 Kilometer

Abwasserkanäle wurden neu verlegt und Gewässer auf 170 Kilometern

bereits renaturiert.

Blau-grüne Zukunft mit Nachhaltigkeit und Klimaschutz

Daraus ergibt sich für die Emschergenossenschaft ein Botschaftenwechsel,

wenngleich wir bleiben, was wir sind: ein öffentlich-rechtliches Wasserwirtschaftsunternehmen,

das effizient Aufgaben für das Gemeinwohl der Menschen

8 Einleitung


unserer Region durch nachhaltige Verfahren erbringt und als Leitidee des eigenen

Handelns das Genossenschaftsprinzip lebt. Das ist unsere DNA! Aber aus ihr heraus

und in enger Zusammenarbeit mit unseren Mitgliedern und den Menschen,

die im Emscher-Gebiet leben, wollen wir die Zukunft gestalten und mit blaugrünem

Leben füllen. Wir schaffen durch weitere ökologische Verbesserungen am

Fluss neue Freizeiträume, in denen Natur erlebbar wird. Wir bauen unser eigenes

Wegenetz in enger Abstimmung mit unseren Partnern weiter aus – und helfen an

vielen Stellen auch als Dienstleister den Kommunen dabei, die Region lebenswerter

zu gestalten.

Dabei geht es zentral um Nachhaltigkeit und Klimaschutz. Seit

Jahren schon werden auf vielen Ebenen große Anstrengungen unternommen. Wir

sind den Menschen, der Region und der Veränderung selbst verpflichtet. Wir sind

Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge und stehen dafür ein, dass Verantwortung

zum Schutz des Klimas und der Umwelt zu übernehmen nicht nur ein Lippenbekenntnis

sein darf. Die Zukunftsinitiative „Klima.Werk“, die wir gemeinsam mit

den Kommunen gründeten, ist ein wichtiger Baustein dafür. Die Initiative setzt

eine Vision um und formt aus hochverdichteten „Pflasterlandschaften“ in Städten

und Gemeinden neue „Schwammstädte“. So begegnen wir planerisch den zunehmenden

Starkregenereignissen wie Hitzewellen auch an dieser Stelle wirksam

und schaffen zudem wertvolle blau-grüne Infrastruktur.

Die neue Ems c h e r

kommt un d w i r

freuen uns da r a u f .

Dr. Frank Dudda

Ratsvorsitzender Emschergenossenschaft,

Vorsitzender der Verbandsversammlung

im Regionalverband

Ruhr (RVR), Oberbürgermeister der

Stadt Herne

Prof. Dr. Uli Paetzel

Vorstandsvorsitzender von Emschergenossenschaft

und Lippeverband

sowie Präsident der DWA (Deutsche

Vereinigung für Wasserwirtschaft,

Abwasser und Abfall)

Der Oberlauf der Emscher und ihre Nebenläufe etwa sind in Dortmund

bereits seit 2010 auf einer Länge von 24 Kilometern abwasserfrei – und

heute renaturiert. Im Herbst 2015 konnten wir in diesem Bereich erstmals wieder

die Bachforelle nachweisen. Viel Neues entsteht an der Mündung in den Rhein bei

Dinslaken/Voerde. Zukünftig wird sich der Fluss rund 500 Meter weiter nördlich

in eine über 20 Hektar große Auenlandschaft ausbreiten, die einen natürlicheren

Austausch der Fische zwischen Emscher und Rhein ermöglicht. Die neue Mündung

wird einen von vielen ökologischen Schwerpunkten bilden – Orte, an denen

die Emscher genügend Platz haben wird, um sich frei zu entfalten. Unser Ziel

ist die Bildung von Auenlandschaften, die sich optisch idyllisch in die Landschaft

einfügen und sie aufwerten. Die Revitalisierung der Flusslandschaften bietet zudem

großartige Chancen zur Aufwertung der Quartiere und zur Steigerung der

Lebens- und der Gesundheitsqualität.

Strukturelle und städtebauliche Wandlung

Die Grundlage für diese strukturelle und städtebauliche Wandlung im Herzen des

Reviers bildet die Arbeit der Emschergenossenschaft, die ja deutlich umfassender

ist als nur die Abwasserbeseitigung nach der Maßgabe des Landeswassergesetzes.

Eine dieser Aufgaben hat seit dem 14./15. Juli 2021, also seit der Flutkatastrophe,

die Teile von Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz traf, zudem eine

völlig neue Wertigkeit in der Öffentlichkeit erhalten: der Hochwasserschutz. Dazu

zählt neben der traditionellen Polderbewirtschaftung besonders der Deichschutz.

Wir sind uns auch hier unserer verantwortungsvollen Rolle für den Schutz der Bevölkerung

in unserer Region bewusst und setzen Vorsorge in verlässlicher Partnerschaft

mit unseren Mitgliedern um.

Die neue blau-grüne Verbindung zwischen dem Rheinland und Westfalen

steuert also in den kommenden Jahren auf das zu, was Voltaire vielleicht

mit seiner Beschreibung Westfalens als das „Paradies auf Erden“ meinte. Für die

Flora und Fauna an den Ufern der lange geschundenen Emscher trifft dies mit

Sicherheit zu: Für sie ist das veränderte Emscherland garantiert und seit vielen

Jahrhunderten die beste aller Welten.

Die neue Emscher kommt und wir freuen uns darauf.

9


Emscher am Phoenix-See,

Dortmund-Hörde

10 Einleitung


11


Die neue Em s c h e r

ko m m t _

Sozial-ökolog i s c h e r

Umbau e i n e r

regio n a l e n

Stadtlan d s c h a f t

14 Einleitung


Editorial

Uli Paetzel, Dieter Nellen,

Stefan Siedentop

Emscher am Phoenix-See,

Dortmund-Hörde

ie Emscher durchfließt das nördliche Ruhrgebiet über eine Gesamtlänge

von 81 Kilometern. Ihre Quelle liegt in Holzwickede,

D

östlich von Dortmund, ihre Mündung in den Rhein – mehrmals verlegt und jetzt zu

einer mäandrierenden Auenlandschaft formiert – bei Dinslaken und Voerde am

westlichen Niederrhein.

Inzwischen gewinnt der Fluss nach seiner langen rabiaten Inanspruchnahme

für die industrielle Abwasserentsorgung eine naturnahe Gestalt zurück.

Er ist am Oberlauf aus seinem Betonkorsett befreit und führt kein verunreinigtes

Wasser mehr. Der Wasserlauf folgt mehr und mehr den eigenen Gesetzen, wird

langsamer, „natürlicher“ und anmutiger.

Über ein Kanalsystem (AKE – Abwasserkanal Emscher) im mittlerweile

bergsenkungsfreien Revier, wird nun das Abwasser aus Privathaushalten

und Gewerbebetrieben parallel zur Emscher unterirdisch geführt. Vier moderne

Kläranlagen in Dortmund-Deusen, Bottrop, Duisburg und Dinslaken reihen sich

wie an einer Perlenschnur entlang des gesundenden Flusses. Es sind funktionale

Meisterwerke der Ingenieurskunst ohne architektonische Dominanz.

Somit ist der hydrologische Teil dieser großmaßstäblichen Intervention

als nachholende Entwicklung fast abgeschlossen. Der im europäischen Vergleich

überfälligen Trennung von Fließ- und Abwasser folgen nun die ökologische

Aufwertung und landschaftliche Verknüpfung sowie die Schöpfung städtebaulicher

und stadtwirtschaftlicher Synergien.

Der große baulich-technische Eingriff mit oberirdischer Kanalisierung

und stellenweise untertägiger Verrohrung war zu Beginn des Industriezeitalters

eine Operation zugunsten von Hygiene, Gesundheit und Entsorgungseffizienz:

Die Fließgeschwindigkeit des abgeführten Schmutzwassers sollte

sich erhöhen, Schutz vor krankheitsfördernder Überflutung und Verunreinigung

bieten.

Die jüngste Intervention, der wasserwirtschaftlich-ökologische Emscher-Umbau,

hat Ende des 20. Jahrhunderts (1992) begonnen, beschert nun die

sogenannte Abwasserfreiheit und dürfte zum Ende dieses Jahrzehnts (2030) mit

allen Revitalisierungsmaßnahmen abgeschlossen sein. Das Ganze ist, ähnlich wie

die ingenieurtechnische Begradigung, Eindeichung und Betonierung vor einem

Jahrhundert, erneut eine Maßnahme im Zeichen des Anthropozäns, also der

raumgreifenden Umformung von Landschaft und Natur durch Menschenhand.

Parallel hat die Phase der städtebaulichen Konversion mit der Ausprägung

einer neuen Stadt- und Parklandschaft – besonders eindrucksvoll schon

in Dortmund-Hörde bei PHOENIX mit See und Park zu besichtigen – seit Längerem

begonnen. Sie wird nach Westen bis zur Mündung entlang der Emscher

voranschreiten.

Eine solche Transformation wurde noch in den 1980er Jahren von

verantwortlicher Seite wegen der zu hohen Kosten als nicht realisierbar darge

stellt. Doch der Rückzug des Bergbaus, sein ökonomischer, industrieller und

finanzieller Bedeutungsverlust, ermöglichte die räumliche, städtebauliche und

ökologische Neuformation in einem Raum mit 2,2 Millionen Menschen, für die die

Emscher lange Zeit neben den unbestrittenen Vorzügen des industriellen Wohlstandes

zugleich immer dessen ökologische und atmosphärischen Schattenseiten

bereithielt. Manchen gilt die revitalisierte Emscher inzwischen als „Fluss der

Versöhnung“, als „Element der Wiedergutmachung“ (Stefan Berger).

Die erhebliche Investition von über 5,5 Milliarden Euro tragen inzwischen

zu rund 80 Prozent die Anliegergemeinden, also die Allgemeinheit, und zum

kleineren Teil die gewerblichen Beitragszahler im Emscher-Raum. Angesichts der

konzeptionellen, finanziellen und baulichen Dimensionen wird von einer „Jahrhunderttransformation“,

von einem Prozess sowohl selbstinduzierter als auch rahmenrechtlich

verordneter Innovation gesprochen. Mit dieser hatte die Emschergenossenschaft

– 1899 als operatives „Entsorgungsorgan” des Bergbaus und

der Kommunen gegründet und seitdem von diesem Verbund mitgetragen –

15


Kreis Wesel

Gelsenkirchen

Oberhausen

Bottrop

Duisburg

Essen

Mülheim

a.d.Ruhr

0 10 km

zeit gleich zur Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park (1989–1999)

angefangen. Die IBA hatte sich aus demselben Geist von Aufbruch und Erneuerung

1988/89 auf Initiative der Landesregierung NRW zur „ökologischen und

ökonomischen Erneuerung des nördlichen Ruhrgebiets“ konstituiert und über eine

ganze Dekade als stimulierendes Element gegenüber den regionalen Akteuren

gewirkt. Folgerichtig gab es gerade in den Anfangsjahren einen regen Austausch

zwischen IBA und Emschergenossenschaft zum gegenseitigen Nutzen.

Die Emscher und ihre „Nebengewässer“

Der Jahrhundertumbau umfasst aber nicht nur das lineare Band der Emscher,

sondern genauso das – räumlich immer noch unterschätzte – System der

35 Neben- und Zuflüsse mit einer Gesamtlänge von ca. 328 Kilometern. Diese

16 Einleitung


Kreis

Recklinghausen

Herne

Dortmund

Kreis Unna

Bochum

Ennepe-

Ruhr-Kreis

0 10 km

Bäche bzw. Vorfluter gelten nach ihrer zumindest stellenweisen Revitalisierung

und räumlichen Öffnung zu Recht als städtebauliches, soziales und ökonomisches

Entwicklungs- und Begabungsgebiet für die Region. Rund ein Drittel davon ist

inzwischen ökologisch aufgewertet, der größere Teil folgt bis 2028.

Der Fluss und seine Zuflüsse verlieren ihre rein entsorgende Funktion,

die ab dann der unterirdische Kanal übernimmt. Die Trennung von Fluss- und

Abwasser schafft die Voraussetzung für die ökologische und städtebauliche Option

einer neuen blau-grünen Fluss- und Stadtlandschaft 21+ im Ruhrgebiet.

Das „Neue Emschertal“, bereits 2006 von der Emschergenossenschaft

als regionales Entwicklungsziel ausgerufen, holt damit landschaftlich gegenüber

den als attraktiver bewerteten Flussbändern der Ruhr im Süden und der

Lippe im Norden der Region auf. Die Disparitäten insbesondere zur Hellwegzone

17


Gesch i c h

und Struktur

Hof Emscher-Auen,

Dortmund-Mengede /

Castrop-Rauxel Ickern

28 Geschichte und Struktur


t

e

29


Doppelte Transformat i o n :

Vom montanindustrie l l e n

Abwasser k a n a l

des 20. Jahrhund e r t s

zur blau-grünen urb a n e n

Flusslandscha f t 2 1 +

30 Geschichte und Struktur


| Reiner Burger

links: Emscher in

Dortmund-Sölde, 1976

rechts: 2013

m Emschertal zeigte sich früher und dramatischer als andernorts:

Der Mensch ist zur größten Naturkraft geworden – lange

I

bevor dieses Phänomen mit dem Begriff Anthropozän beschrieben wurde. Denn

die Emscher, einst ein unbedeutendes Flüsschen, spielte bei der Entwicklung des

Ruhrgebiets zur größten Industrieregion Europas eine eminent wichtige Rolle. Ein

natürlicher, ländlicher Fluss wurde zunächst ohne jeden Plan zum technischen

Vorfluter für die offene Ableitung der Abwässer der rasch wachsenden Bevölkerung

im Ruhrgebiet. Auch die Grubenwässer der Bergwerke und das Abwasser

der Hüttenwerke leitete man in den träge mäandrierenden Fluss und seine

Nebenläufe. Wegen der weitflächigen Bergsenkungen wurden weite Stadtteile

regelmäßig mit übelriechendem Wasser überschwemmt. Seuchen grassierten.

Beim ersten Umbau begradigte die 1899 gegründete Emschergenossenschaft

den Fluss und seine Nebenläufe nach und nach, deichte die Gewässer

ein, befestigte sie mit Betonsohlschalen, machte die Emscher zur offenen Kloake.

Es war ein Eingriff von ungeheuerlicher Brutalität – und zugleich eine technische

und hygienepraktische Großtat. Als 1981 in Dortmund die Revitalisierung des Dellwiger

Bachs begann, war die Regulierung erst wenige Jahre beendet. Niemand

konnte damals ahnen, dass der kleine Bach am Beginn eines Prozesses ohne

Vorbild auf der Welt stehen sollte: die weit überwiegend aus Gebühren – also aus

eigener regionaler Kraft – finanzierte Transformation eines montanindustriellen

Abwasserkanals in eine blau-grüne, menschengemachte urbane „natürliche“, sich

auf einer Gesamtlänge von 350 Kilometern erstreckende Flusslandschaft, die

Emscher 3.0.

31


tete Emschertal. Rund 120 (Klein-)Gartenanlagen waren auf einen Schlag räumlich

vernetzt. Und landschaftlich reizvolle Transferräume zwischen Emscher und

Ruhr beförderten ökologische Vernetzung und Naherholung.

Auf dieser Grundlage wurden in Dortmund von 2001 bis 2004 die

planerischen Instrumente entsprechend kalibriert. Die Denkweisen bestimmten

den „Masterplan Umwelt“, der Flächennutzungsplan disponierte entsprechend

und auch die Festsetzungen des Landschaftsplanes (seinerzeit noch drei Teilpläne)

rezipierte den ökologischen Umbau der Flusslandschaft.

Die damit einhergehenden Planfeststellungsverfahren (der Phoenix-

See wurde z. B. als Talsperre planfestgestellt) konnten aufgrund der inhaltlichen

Einbindung in ein räumlich funktionales Gesamtkonzept neben den wasserwirtschaftlichen

Aspekten auch andere (etwa klimabezogene) Aufgaben einbeziehen

und hilfreiche Synergien entfalten.

Die Integration verschiedenster inhaltlicher Ziele lässt sich heute

sicherlich am besten am Phoenix-See nachvollziehen. Neben der ökologisch orientierten

Wiederherstellung von Landschaft ist mit dem See eine Hochwasserschutzeinrichtung

entstanden, die erst jüngst (2021) ihre – im wörtlichen Sinne

– Taufe durch die Aufnahme von 100.000 Kubikmetern Hochwasser erlebte. Rund

um den See ist eine anmutige Auenlandschaft entstanden wie auch ein attraktiver

urbaner Raum zum Wohnen und Arbeiten. Als Naherholungs-, Sport- und

Freizeitareal erfreut sich der See regionaler Beliebtheit.

ELP-Schemakarte -Projekte A4mono 05 12.pdf 1 20.04.16 19:14

Internationale Gartenbauausstellung 2027 an der Emscher

Aber auch andernorts hat die ökologische Umgestaltung der Emscher neue

Möglichkeiten und damit Perspektiven des Wandels eröffnet. So wird im Gefolge

der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) Metropole Ruhr 2027 im Nordwesten

der Stadt Dortmund ein bisher eher vernachlässigter Landschaftsraum

entlang der Emscher völlig neu strukturiert.

Dieser verbindet künftig einen Stadtraum, der vom Phoenix-See

über Phoenix-West und das Naturschutzgebiet Bolmke sowie über das ehemalige

Hoesch-Spundwand-Gelände (zukünftig „smart rhino“) bis in den zentralen Bereich

der IGA 2027 rund um die Kokerei Hansa und den Deusenberg reicht, und sich dann

noch bis zu den Hochwasserrückhaltebecken der Emscher-Auen im Dortmunder

Nordwesten im Übergang nach Castrop-Rauxel erstreckt. Hier bildet die Emscher

das Rückgrat für einen gewaltigen (Struktur-)Wandel von Stadt und Region.

Emscher Landschaftspark (ELP)

mit Emscher Park Radweg

44 Geschichte und Struktur


Sie ist damit für die Stadtentwicklung von zentralerer Bedeutung als die Ruhr,

die den Dortmunder Süden nur auf einer Uferlänge von 0,5 Kilometern tangiert.

Gern sprechen wir deshalb von der „Emscher-Metropole“ in unserer Stadt.

Ullrich Sierau war Umwelt- und

Planungsdezernent (1999–2009)

und danach Oberbürgermeister

der Stadt Dortmund (2009–2020)

sowie Vorsitzender des Genossenschaftsrates

der Emschergenossenschaft

(2014–2020).

Auf zu neuen Ufern: Neue Konzepte und Projekte für Hochwasserschutz,

Wohnungs- und Gewerbebau

Der gesamte Prozess hat in den letzten vier Dekaden die Region verändert,

Standorte qualifiziert, ökologische Potenziale gehoben, Lebensqualität verbessert,

Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven geschaffen. Obgleich das Ganze

(auch in Dortmund) noch nicht vollständig abgeschlossen ist, beeindruckt das

Ergebnis enorm.

Diese Erfolgsgeschichte ist ein stabiles Fundament, um weitere bzw.

neue Herausforderungen anzugehen. In den meisten Emscher-Kommunen sind

ambitionierte Projekte fertiggestellt oder befinden sich in der Umsetzung. Die

Emschergenossenschaft hat als kompetente Dienstleisterin und Akteurin die regionale

Klammer gebildet und den lokalen Projekten eine übergreifende regionale

Relevanz verliehen.

Hierfür war der Masterplan „Emscher-Zukunft“ von 2006 sehr hilfreich,

der neben den wasserwirtschaftlichen, hydraulischen, technischen, ökologischen

und biologischen Aspekten auch klimatische, städtebauliche und touristische

Themen gleichermaßen partizipativ wie „schwarmintelligent“ er- und

bearbeitet hat.

Die Zeit ist aber nun reif für eine Fortschreibung oder besser noch

für einen weiteren eigenständigen Masterplan(-prozess), der sich auf Grundlage

des Erreichten weiterhin um die Emscher und deren räumliches, städtebauliches

sowie gesellschaftliches Umfeld kümmert. So erfolgreich die bis heute geschaffenen

Strukturen etwa bei der Abwasserbeseitigung, bei der Trennung von Regenwasser

und Abwasser oder im Hochwasserschutz auch sind, so bestehen neue

Herausforderungen, denen sich die Emschergenossenschaft (und der Lippeverband)

sowie andere regionale Akteure stellen müssen. Die Starkregenereignisse

der letzten Jahre, die im Jahr 2021 aufgrund dramatischer Katastrophen neue

gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit erfahren haben, sollten Anlass

sein für weiterführende Konzepte und Projekte.

Die aktuelle Kanal- und Retentionsinfrastruktur der Emscher hat

die jüngsten Starkregenereignisse in der Region erfreulicherweise gut bewältigen

können. Doch es deutet sich an, dass noch stärkere Regenereignisse nicht

ohne Weiteres so erfolgreich bewältigt werden können. Insofern sind zusätzliche

Instrumente für den Umgang mit und die Bewirtschaftung von Regenwasser zu

entwickeln. Es muss noch intensiver als bisher an Konzepten für die Versickerung

von Regenwasser gearbeitet werden (Stichwort „Schwammstadt“), temporäre

Polderflächen müssen durch vertragliche Vereinbarungen mit Akteuren der Landwirtschaft

gesichert und vorgehalten werden.

Die Emscher hat sich zu einem attraktiven Standortfaktor sowohl

für Wohnungsneubau als auch für die Ansiedlung von Gewerbe entwickelt. Am

Flussufer bieten sich neu konzipierte Wohnquartiere und Gewerbegebiete als Innovationsmotoren

an, in denen neben den wasserwirtschaftlichen Fragestellungen

auch neue Bauformen (z. B. für Holzhaussiedlungen) oder auch neue urbane

Nutzungsmischungen entstehen können. Auch die Wiederherstellung nachhaltiger

Biodiversität muss Thema dieses neuen Masterplans sein. In Kooperation mit

der Land- und Forstwirtschaft können völlig neue Dimensionen der Landschaftsentwicklung

und des Artenschutzes erschlossen werden.

Angesichts der alle Lebensbereiche tangierenden und durchdringenden

Digitalisierung ist auch hier dringender Erörterungs- und Handlungsbedarf

gegeben.

Fazit: Transformation als Daueraufgabe

Alles fließt (Heraklit: Panta rhei), aber nichts (an Ideen, Optionen und Chancen)

darf den Bach runtergehen. Denn Transformation ist eine Daueraufgabe. Dank

des bisher Erreichten können im wahrsten Sinne des Wortes selbstbewusst neue

Ufer angesteuert werden. Was geschaffen wurde, braucht kontinuierliche Qualitätssicherung.

Künftige Herausforderungen müssen in bewährter und eingeübter,

aber auch kreativer Qualität angegangen werden. Inspiration und Motivation

können aus dem Ergebnis bisherigen Kümmerns und Schaffens erwachsen.

45


52 Geschichte und Struktur

Hochwasser der Berne,

Essen 1936


Ursprünglicher Lauf der

Emscher vor dem Einlauf

Phoenix, Dortmund-

Schüren 1913

Verlegung der

Emscher-Mündung,

Dinslaken 1948

Heinrich Theodor Grütter

ist Direktor des Ruhr Museums

und Mitglied des Vorstands

der Stiftung Zollverein.

Ziel war es, künstlerisch-dokumentarische Fotografien zu erhalten,

die zeigen, was die Emschergenossenschaft selbst nicht dokumentiert. Das sind

zum Beispiel die sozialen Folgen des Umbaus, aber auch eine Beschreibung der

Region, in der sich dieser Jahrhundertumbau vollzog. Angestrebt wurde explizit

eine Fotografie, die auch in einer fernen Zukunft noch verständlich ist. So wurden

der dokumentarische Stil und dokumentarische Erzählstrategien gesucht und

gefördert.

Präsentiert werden die sehr unterschiedlichen Fotografien in den

spektakulären Räumen der Bunker- und Trichterebene der Mischanlage auf der

Kokerei Zollverein, wobei die Ausstellungsräume den verschiedenen Formaten

und den unterschiedlichen Umfängen der jeweiligen Fotoserien zugutekommen.

Die zweite Ausstellung, Emscher-Ansichten. Bildgeschichte eines

Flusses, die das Ruhr Museum ab September 2022 in seinem großen Wechselausstellungsraum

auf der 12-Meter-Ebene der Kohlenwäsche Zollverein zeigt,

präsentiert vor allem die historischen und zeitgenössischen Aufnahmen aus dem

Archiv der Emschergenossenschaft. Dabei handelt es sich u.a. um Glasplatten

als Originale, Fotopanoramen und historische Fotomappen, die den Umbau der

Emscher seit Beginn des 20. Jahrhunderts eindrucksvoll dokumentieren.

Die Ausstellung erzählt dabei verschiedene Stationen der Flussgeschichte,

angefangen bei den durch die Industrialisierung geschaffenen Problemen,

den Abwassersümpfen, den chaotischen Zuständen bei der Entwässerung,

den desolaten hygienischen Zuständen im Ruhrgebiet über die Gründung der

Emschergenossenschaft 1899 hin zu ihren Problemlösungen: die Verlegung der

Emscher-Mündung in den Jahren 1906 und 1949, die Begradigung des Flusslaufes,

der Bau von Kläranlagen und Pumpwerken. Sie zeigt aber auch die Zerstörungen

im Zweiten Weltkrieg, die Beseitigung der Kriegsschäden durch den Einsatz von

Zwangsarbeitern, den Wiederaufbau und die Erneuerungen nach dem Krieg bis

hin zum Umbau des Emscher-Systems.

Flankiert wird die Fotoausstellung im Hauptraum von einem Prolog

und einem Epilog in den Seitenräumen. Zum einen präsentiert sie die ursprüngliche

Emscher, bevor diese zum Industriefluss wurde, anhand von Karten,

Stichen und Gemälden. Sie zeigt eine dünn besiedelte Auenlandschaft mit einer

großen Dichte an Wasserschlössern und -mühlen, die sich im wasserreichen

Emscherbruch in der Vormoderne entwickeln konnte und erst im 19. Jahrhundert

in kürzester Zeit zu einer der größten und am dichtesten besiedeltsten Industrielandschaften

wurde. Und die Ausstellung zeigt auf der anderen Seite den Umbau

des Emscher-Systems und seine Renaturierung mit aktuellem Fotomaterial der

Emschergenossenschaft aus den letzten Jahrzehnten, aber auch dem preisgekrönten

Filmprojekt Emscherskizzen von Christoph Hübner und Gabriele Voss-

Hübner.

Begleitet werden die beiden Ausstellungen von einem umfangreichen

Kulturprogramm, das die Stiftung Zollverein, das Ruhr Museum und die

Emschergenossenschaft das ganze Jahr 2022 über auf dem Welterbe veranstalten

und das neben einem umfangreichen Filmprogramm mit dokumentarischen

und künstlerischen Interventionen zur Emscher, Vorträgen und Diskussionen auch

Exkursionen zur und entlang der Emscher, etwa entlang des Emscherkunstwegs

oder in die Haldenlandschaft im Emscherbruch, umfasst.

53


62 Geschichte und Struktur


Die neue Emsc h e r :

Anstoß f ü r d i e

Modernisie r u n g

und Reskali e r u n g

der Infrastru k t u r

im Ruhrge b i e t

| Stefan Siedentop

Emscher und A 42

in Bottrop-Ebel

er Umbau der Emscher zu einem blau-grünen Landschaftsband

D quer durch das Ruhrgebiet ist zu Recht als Jahrhundertprojekt

bezeichnet worden. Das Vorhaben bedeutet weit mehr als nur eine Wiedergutmachung

in einem ökologisch lädierten Raum und für die Menschen, die hier leben.

Über seine materiellen Funktionen hinaus kommt dem revitalisierten Gewässer

auch ein symbolischer Gehalt zu, es steht für Fortschritt und Modernisierung

in ökonomischer, sozialer und ökologischer Hinsicht.

Das „neue Emschertal“ kann aber auch als ein Beitrag zur Stärkung

der regionalen Infrastruktur verstanden werden. Gemeinsam mit verkehrlichen

Großvorhaben wie dem Rhein-Ruhr-Express und dem Radschnellweg (RS 1) oder

regionalmaßstäblichen touristischen Formaten und Angeboten (wie der „Route

der Industriekultur“) lässt sich das Projekt im Kontext eines eingeleiteten Prozesses

der Modernisierung und Reskalierung der Infrastruktur des Ruhrgebiets

verorten. Mit Reskalierung ist hier gemeint, die für die Region so typische räumliche

Fragmentierung von Infrastrukturangeboten und die damit einhergehende

eingeschränkte metropolitane Netzwerkqualität mittels gesamträumlich integrierter

Systeme zu ergänzen.

Der Wert des Emscher-Umbaus geht aus dieser Perspektive weit

über seinen wasserwirtschaftlichen Nutzen und den Beitrag zur ökologischen Erneuerung

hinaus. Das Projekt zeigt zudem, wie Paradigmenwechsel durch kollektive

Lernprozesse möglich sind, galt doch ein Umbau des Emschers-Systems noch

Ende der 1980er Jahre als technisch kaum beherrschbar und nicht finanzierbar

(siehe den Beitrag von Rainer Burger in diesem Band).

Infrastruktur als Hemmschuh des Strukturwandels

Ein erfolgreicherer Strukturwandel des Ruhrgebiets wurde und wird auch durch

massive infrastrukturelle Mängel gehemmt. Ein Kernproblem sind dabei insuläre

Systeme, die einer einzelkommunalen Handlungslogik entspringen und vor allem

deshalb nicht oder nur eingeschränkt regional integriert sind bzw. werden können.

Die teilweise bestehende technische Inkompatibilität der Stadtbahnsysteme

der Ruhrgebietsstädte und ihre mangelnde regionale Netzeigenschaft sind nur

ein Beispiel. In kaum einer anderen europäischen Großregion dürfte anzutreffen

sein, dass Mittelstädte in Größenordnungen von bis zu 60.000 Einwohnern nicht

an das Bahnnetz angeschlossen sind (wie das beispielsweise in Herten oder Bergkamen

der Fall ist).

63


Emscher und

Rhein-Herne-Kanal,

Essen-Karnap

70 Geschichte und Struktur


71


Transform a

20 | 21 +

Berne an der

Grillostraße

in Essen-Mitte

72 Transformationen 20 | 21 +


t i o n e

n

73


Transformatio n e i n e s

Wasserwirtsch a f t s -

unternehme n s f ü r

die Modellre g i o n

Emsche r 2 1 +

Von der Beseitigung wasserwirtschaftlicher

Notstände über bergbauangepasste

Entwässerungssysteme hin zu nachhaltigen

Lebensräumen

| Emanuel Grün

Durchlass der Emscher

unter dem Rhein-Herne-

Kanal in Castrop-Rauxel

D

as Ruhrgebiet hat seit Beginn der Industrialisierung vor

200 Jahren einen permanenten Strukturwandel erlebt. Der

untertägige Abbau von Steinkohle verursachte neben direkten Eingriffen in das

lokale Wasserregime zunehmend massivere Bodensenkungen von bis zu 27 Metern.

Dies verstärkte die negativen Einflüsse auf den gesamten Wasserkreislauf, durch

die die Vorflut der Gewässer und auch die Abwasserableitung erheblich gestört

wurden. Die Bildung großer Rückstauflächen und -seen, vor allem an der Emscher,

war die Folge. Die dadurch verursachten hygienischen Missstände führten im

ausgehenden 19. Jahrhundert u.a. zu Choleraepidemien, Typhus und Mala ria. Zur

Beseitigung dieses wasserwirtschaftlichen Notstands wurde 1899 die Emschergenossenschaft

gegründet und mit der einsetzenden Nordwanderung des Bergbaus

folgte dann 1926 die Gründung des Lippeverbands.

Die gesetzlich festgeschriebenen Aufgaben dieser Wasserwirtschaftsverbände

waren und sind vor allem die Abwasserreinigung, die Vorflutsicherung

und die Grundwasserregulierung. Insbesondere durch die erheblichen

Einflüsse des Steinkohlenbergbaus mussten die wasserwirtschaftlichen Systeme

kontinuierlich angepasst werden, was die industrielle, gewerbliche und urbane

Entwicklung der Region erst ermöglichte. Aufgrund der dauerhaften Nutzung des

Siedlungsraumes spielten die Funktionalitäten der Abwasserableitung sowie die

des Hochwasserschutzes dabei eine entscheidende Rolle. Dieses Emscher-Entwässerungssystem

bestand aus technisch ausgebauten, begradigten und eingedeichten

Gewässern, die das Abwasser unmittelbar den Kläranlagen zuführten.

Am Ende dieses Systems wurde das Wasser der Emscher in der Flusskläranlage

Emscher-Mündung in Dinslaken behandelt, bevor es in den Rhein weitergeleitet

wurde. Dieses Entwässerungssystem war ebenso einfach wie leistungsfähig und

den sich ständig ändernden Topografien und Abflussbedingungen der damaligen

Zeit schnell und kostengünstig anpassbar.

78 Transformationen 20 | 21 +


79


84 Transformationen 20 | 21 +


Strategie n u n d

Projekte für d i e

Wasserwirtsc h a f t

eines Ballungs r a u m s

im 21. Jahrhu n d e r t

| Burkhard Teichgräber

Emscher an der Kläranlage

Dortmund-Deusen

m 20. Jahrhundert wurde die Emscher zweimal umgebaut. Wesentliche

Ziele des Umbaus galten der Erhaltung der Bewohnbar-

I

keit des Emscher-Gebiets und der Schaffung einer Entwässerungsinfrastruktur

für die Sicherstellung der industriellen Entwicklung. Mit Blick auf die Bereinigung

der hygienischen Situation für die Bevölkerung, die niedrigen resultierenden

Kosten und die Langlebigkeit dieses Systems kann es als nachhaltig für diese Zeit

angesehen werden. Die technischen Systeme der Ver- und Entsorgung dieses industriellen

Ballungsraumes wurden zu geowirksamen Faktoren und ersetzten die

ursprünglichen, naturbasierten ökologischen Regelkreise.

Als Folge des Strukturwandels Ende des 20. Jahrhunderts drohte

das Emscher-Gebiet als landesweit bedeutendes Wohn-, Wirtschafts- und

Dienstleistungszentrum den Anschluss an die Zukunft zu verlieren. Der Mangel

an Freiraum, an Stadt- und Lebensqualität verbunden mit den großen Umweltbelastungen

stellte sich als großer Standortnachteil für die notwendige ökonomische

und soziale Erneuerung dieser alten Industrielandschaft heraus. Der Wandel

drohte nicht voranzukommen. Als Antwort darauf wurde 1988 die Durchführung

der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park als eine Werkstatt für die

Zukunft alter Industriegebiete beschlossen (MSWV NW 1988).

Für die Wasserwirtschaft bedeutete dies, die vorhandene Entwässerungsinfrastruktur

so zu modernisieren und ergänzen, dass weiterhin die schadlose

Ableitung des gesamten Abflussspektrums gewährleistet war. Zusätzlich mussten

die Gewässer wieder ökologische Funktionen übernehmen und den Naturhaushalt

stärken. Zugleich sollten sie zu Leitstrukturen entwickelt und zu Erholungs- und Erlebnisräumen

für die Menschen werden.

Mit dem Rückzug des Bergbaus und damit auch dem Wegfall ungleichmäßig

verteilter Bergsenkungen (= Beschädigung/Zerstörung der Wasserinfrastruktur)

hatte sich die Chance zu einer beispiellosen Erneuerung der wasserwirtschaftlichen

Strategie in diesem Ballungsraum eröffnet. Insofern standen

am Anfang eine ganze Reihe von Fragen, die durch entsprechende Studien und

Gutachten bearbeitet wurden. Der größte Teil der Arbeit erfolgte bei der Umsetzung,

die von Anfang an als selbstlernender Prozess angelegt war. Zentrale

85


100 Transformationen 20 | 21 +


Die Emsc h e r -

Revitalisier u n g :

Verbesseru n g d e r

Ökosy s t e m -

dienstleis t u n g e n

durch grün - b l a u e

Infrastru k t u r

im Ruhrge b i e t

| Dietwald Gruehn

Emscher am Signal-Iduna-

Park in Dortmund

er 1991 begonnene Umbau der Emscher, wie er in den Beiträgen

D in diesem Band von R. Burger, S. Berger & U. Eickelkamp sowie

weiteren Autorinnen und Autoren beschrieben wird, folgt aus sachlogischen

Gründen weniger dem Prinzip der Renaturierung als vielmehr dem Prinzip der

Revitalisierung. Nicht nur aufgrund von Bergsenkungen und den damit entstandenen

Höhenverhältnissen, sondern auch aufgrund der dicht an die Emscher

he ranreichenden Bebauung war es in vielen Fällen nicht mehr möglich, den

ursprünglichen Verlauf der Emscher wiederherzustellen. Die Revitalisierung ist

im Vergleich zur Renaturierung weniger vergangenheitsorientiert, sondern eher

funktional ausgerichtet und beinhaltet damit die Möglichkeit, die Gestaltung des

Flussumbaus nicht nur besser an die bestehenden städtebaulichen Strukturen

anzupassen, sondern in bestimmten Abschnitten des Gewässerverlaufs auch

Vorränge für bestimmte ökologische Funktionen oder Ökosystemdienstleistungen

zu formulieren, festzulegen und durch Unterhaltungsmaßnahmen dauerhaft

zu sichern, die sich im Rahmen natürlicher Sukzession anders entwickeln würden.

Mit dem Prinzip der Revitalisierung geht also ein höheres Potenzial

für die Schaffung vielfältiger planerischer Lösungen einher, die in einem hochverdichteten

und durch Mehrfachnutzung charakterisierten Raum eher dem

jeweiligen Genius loci entsprechen oder ihn fördern dürften, als dies bei einer

ausschließlichen Orientierung an natürlichen Klimaxstadien zu erwarten wäre.

Mit anderen Worten: Die Revitalisierung ermöglicht in viel stärkerem Maße eine

multifunktionale Sichtweise, die der spezifischen Situation im Ruhrgebiet als

durchaus angemessen angesehen werden kann.

Was sind Ökosystemdienstleistungen?

Mit dem Millennium Ecosystem Assessment wurde der Begriff „Ecosystem services“

(deutsch: Ökosystemdienstleistungen, im Folgenden als ÖSD bezeichnet)

in die Umweltforschung eingeführt. Als ÖSD werden bestimmte Nutzen und/

oder Vorteile bezeichnet, die Ökosysteme den Menschen (kostenlos) gewähren.

Auch wenn die konkrete Abgrenzung der ÖSD zu Ökosystemfunktionen nicht

immer eindeutig und daher teilweise umstritten ist, vermag der Ansatz der ÖSD

101


114 Transformationen 20 | 21 +


Emscher an der Forsterbruchstraße

in Oberhausen-

Buschhausen

115


134 Strategien zu einer neuen Stadt- und Flusslandschaft


Ein wichtiges Anliegen muss es s e i n ,

die Vorteile dieser Entwicklu n g e n

allen Menschen, unabhä n g i g

von Einkommen und soziale r L a g e ,

zugänglich zu ma c h e n .

Christian Gerten hat

seinen Masterabschluss

im Studium der Raumplanung

an der TU

Dortmund gemacht

und ist Mitarbeiter

beim ILS.

Dr. Sabine Weck

ist stellvertretende

wissenschaftliche

Leiterin des

ILS und leitet die

Forschungsgruppe

„Sozialraum Stadt“.

Prof. Dr.-Ing. Stefan Siedentop

ist wissenschaftlicher Direktor

des ILS (Institut für Landes- und

Stadtentwicklungsforschung)

und Professor an der Fakultät

für Raumplanung der Techischen

Universität Dortmund.

Ein moderates – nicht flächenhaft, aber lokal-punktuell ausgebildetes

– Verdrängungspotenzial des Emscher-Umbaus ist insofern für die Zukunft

nicht auszuschließen. Die gängige Argumentation, dass es sich bei Neubauvorhaben

im Ruhrgebiet nicht um Gentrifizierung handeln könne, weil entsprechende

Projekte zumeist auf neu erschlossenen Flächen realisiert werden und niemand

tatsächlich verdrängt wird, kann diesbezüglich nur bedingt überzeugen. Aus einschlägigen

Forschungen sind Ausstrahlungseffekte auf angrenzende Quartiere

hinlänglich bekannt (new-build-gentrification). Neben Boden- und Mietpreissteigerungen

handelt es sich dabei auch um subtilere – symbolisch und emotional

vermittelte – Wirkungen, wie etwa Gefühle der ansässigen Bewohnerinnen und

Bewohner, „nicht mehr dazuzugehören“ und dass sich Entwicklungen „an andere

richten“. Auf dieser diskursiven/kommunikativen Ebene bestehen schon heute

Befürchtungen und Ängste der ansässigen Bewohnerinnen und Bewohner, die

politisch ernst genommen werden müssen.

Wichtig ist daher, die städtebaulichen und wohnungswirtschaftlichen

Entwicklungen mit geeigneten Sozialraumpolitiken und Kommunikationsstrategien

zu flankieren. Von zentraler Bedeutung ist hier die Kopplung der

Wohnraum- und Städtebauförderung mit den lokalen baulichen Entwicklungsmaßnahmen.

Sinnvoll erscheint ferner ein präventives Sozialraummonitoring,

das ein frühzeitiges politisches Eingreifen bei Erkennung sozial unausgewogener

Entwicklungen ermöglicht. Bei zunehmendem Wachstumsdruck durch

die bereits realisierten und geplanten Impulsprojekte kann der gewünschten

Stabilisierung der Quartiers- und Nachbarschaftsentwicklung eine unerwünschte

direkte oder indirekte Verdrängung von einkommensschwächeren Gruppen

folgen.

Zu guter Letzt: Die positiven Langfristeffekte des Emscher-Umbaus

sind unbestritten. Mit der Schaffung eines blau-grünen Bandes quer durch

das Ruhrgebiet wird eine ganze Region aufgewertet. Das Projekt lässt sich also

insofern als Beitrag zur Umweltgerechtigkeit verstehen, da eine industriell verwundete

Landschaft partielle Heilung findet. In städtebaulicher Hinsicht bietet

die „grüne Emscher“ gewaltige Chancen, deren Schöpfung in Gestalt von zahlreichen

neuen Quartiersprojekten schon im Gange ist. Ein wichtiges Anliegen

muss es sein, die Vorteile dieser Entwicklungen allen Menschen, unabhängig von

Einkommen und sozialer Lage, zugänglich zu machen. Mit einem vergleichsweise

entspannten Boden- und Immobilienmarkt bestehen für die Kommunen des

Ruhrgebiets gute Chancen, die Paradoxie von landschaftlicher Aufwertung und

Beiträgen zur ökologischen Nachhaltigkeit auf der einen Seite sowie sozialer

Ungerechtigkeit auf der anderen Seite aufzulösen, die bei ähnlichen Projekten

in den Metropolen des Westens anzutreffen ist. Das Emscher-Vorhaben kann

in Zukunft zeigen, dass der Makel „selektiver Nachhaltigkeit“ (Checker 2011,

S. 221) in der urbanen Freiraumentwicklung vermeidbar ist.

1 Ausgewertet wurden Daten zu Bodenrichtwerten (Boris NRW), zu Angebotsmieten (kalt) für Wohnungen (Wohnungsmiete:

RWI, ImmobilienScout24 2020) sowie zur Kaufkraft je Einwohner (RWI, microm 2020) im 3-km-Korridor der Emscher.

2 Auswertung von ImmobilienScout24-Angeboten, Bebauungsplänen und weiteren Dokumenten zu Neubauvorhaben im Emscher-

Korridor, unterstützt von Lisa Warnecke und Lorenz Gottwalles.

135


unten und rechts:

Revitalisierte Boye

in Bottrop

ökologische Erfolgsfaktoren zu identifizieren und damit bewährte Praktiken und

Prozesse für weitere Regionen einsetzbar zu machen. Die bestehenden Revitalisierungsprojekte

werden mit den Projektmitteln der EU erweitert und vernetzt und zu

europaweiten Vorbildern ausgebaut.

MERLIN sucht nach neuen Wegen für die Wiederherstellung der Süßwasser-Ökosysteme.

Generell erfordert die großflächige und flächendeckende Umsetzung

von Renaturierungen den Beitrag vieler Akteure. Verschiedene Branchen

können von Revitalisierungsmaßnahmen profitieren, zum Beispiel Landwirtschaft,

Trinkwassergewinnung und Versicherungen. MERLIN identifiziert innovative, systemische

und wirtschaftlich tragfähige Lösungen in den Bereichen Technologie,

Politik, Governance, Finanzen und Kommunikation und stößt somit transformative

Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft an.

MERLIN-Aktivitäten in der Emscher-Region

In Deutschland unterstützt MERLIN den bereits laufenden Emscher-Umbau

mit zusätzlichen Revitalisierungs- und Umweltbildungsmaßnahmen. Nachdem

der ehemalige Schmutzwasserlauf bereits mit großem Aufwand gereinigt und

naturnah umgestaltet wurde, trägt MERLIN nun zur weiteren Aufwertung des

Gewässerumfeldes bei. Ein Schwerpunkt liegt auf der Anlage und nachhaltigen

Nutzung von Blühwiesen im Umfeld von Gewässern. Dies erfordert eine effiziente

und wirtschaftliche Bewirtschaftung und Nutzung des Mahdgutes. Im Rahmen

von MERLIN wird die Einbindung von Interessensgruppen aus anderen relevanten

Bereichen bei der Instandhaltung, Bewirtschaftung und Pflege der revitalisierten

Die vielfältigen Leistu n g e n

von Süßwasser-Ökosyst e m e n ,

aber auch die Ressource Wa s s e r

an sich sind unentbehr l i c h

für zahlreiche Gesellsch a f t s -

und Wirtschaftssekto r e n .

142 Strategien zu einer neuen Stadt- und Flusslandschaft


Dr. Sebastian Birk ist wissenschaftlicher

Mitarbeiter

in der Abteilung Aquatische

Ökologie der Universität

Duisburg-Essen und koordiniert

das Gesamtprojekt

MERLIN mit Prof. Dr. Daniel

Hering.

Dr. Nadine Gerner leitet

bei Emschergenossenschaft

und Lippeverband

die Gruppe „Gewässer und

Güte“. Mit Dr. Mario Sommerhäuser

bearbeitet sie

die Emscher-Fallstudien

im EU-Projekt MERLIN.

Emschergewässer und Auenflächen erprobt. Ferner werden Programme für die

Umweltbildung und Citizen Science (Bürgerbeteiligung an wissenschaftlicher Umweltbeobachtung)

durchgeführt. Mit MERLIN werden gezielt Synergien zwischen

Wasserwirtschaft und Naturschutz gesucht und im Planungs- und Umsetzungsprozess

berücksichtigt. Mittels einer Erfolgskontrolle wird MERLIN den Umsetzungsprozess

und die Wirkung dieser Maßnahmen bewerten.

Die Emscher-Fallstudie hat im Rahmen von MERLIN das Programm

„Revitalisierung der Leipziger Auen“ als Tandempartner und wird hierfür im intensiven

Austausch mit dem Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung

(iDiv) in Leipzig sowie dem Sächsische Umweltministerium stehen.

Projektinformationen

Das von der EU im Rahmen des „Grünen Deals“ mit 21 Millionen Euro geförderte

Projekt MERLIN läuft von Oktober 2021 bis September 2025 und wird von Prof.

Dr. Daniel Hering und Dr. Sebastian Birk koordiniert. Beteiligt sind 44 Partner aus

ganz Europa, darunter Universitäten, Forschungsinstitute, Naturschutzorganisationen,

Wasserverbände sowie Akteure aus Wirtschaft, Verwaltung und Kommunen.

Die Hälfte der Projektmittel fließt in konkrete Revitalisierungsvorhaben in

den 17 Fallstudien des Projekts.

MERLIN – Mainstreaming Ecological Restoration of freshwaterrela

ted ecosystems in a Landscape context: INnovation, upscaling and transformation

(https://project-merlin.eu/).

143


Neue Emscher-Mündung

in Voerde/Dinslaken

148


149


Borbecker Mühlenbach:

Essen-Holsterhausen am

Ende des Mühlenbachtals

154 Strategien zu einer neuen Stadt- und Flusslandschaft


155


162 Strategien zu einer neuen Stadt- und Flusslandschaft


Borbecker Mühlenbach:

Essen-Borbeck, Bottroper

Straße, Mündung des

Borbecker Mühlenbachs

in die Berne

163


Interventionen und

ästhetischer Wandel durch

Kunst und

182 Interventionen und ästhetischer Wandel durch Kunst und Kultur


K u l t u r

BernePark in

Bottrop-Ebel

183


Emscherkunst 2013:

Between the Waters

(Marjetica Potrč und

Ooze Architects)

184 Interventionen und ästhetischer Wandel durch Kunst und Kultur


| Bettina Jäger

Fit we r d e n

im Kopf u n d

in den W a d e n

Die Emscherkunst 2010 bis 2016 und ihre

Fortführung als Emscherkunstweg

nvergesslich: der Gang zur Toilette. Die Künstlerin Marjetica

U Potrč und das Architekturbüro Ooze schufen für die Ausstellung

Emscherkunst 2010 eine Bedürfnisanstalt, wie es sie noch nie gab. Zwei gelbe

Toilettenhäuschen schwebten hoch über dem Abhang zum Fluss. Oben umsäuselte

ein frischer Wind die Mutigen, die ihre Hose herabließen. Durch die Spülung

landete – schwupps – alles in einer Pflanzenkläranlage und schließlich in einem

Garten. Das Kunstwerk Between the Waters brachte die damalige Funktion der

Emscher auf den Punkt: Abwasser sammeln, klären und der Natur wieder zuführen.

Beispielhaft zeigten sich hier aber auch die Qualitäten der Emscherkunst:

Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung. Und mitmachen durfte man auch.

Die Emscherkunst war von 2010 bis 2016 eine Freiluftschau, eine

documenta des Reviers – getragen von der Emschergenossenschaft, dem Regionalverband

Ruhr und Urbane Künste Ruhr, bezuschusst vom Land NRW. Alle

drei Jahre erlebten Bürger und Bürgerinnen das Spektakel umsonst und draußen.

2010 lockte die Schau als eine der großen Attraktionen des Kulturhauptstadtjahres

200.000 Menschen an. Im Jahr 2013 stieg die Zahl auf 255.000, 2016 dann

auf 260.000 Gäste. Wie die documenta dauerte die Emscherkunst jeweils um

die 100 Tage im Sommer. Auch wenn die ungleich berühmtere Schau in Kassel bis

zu einer Million Menschen anzieht, so gab es doch Ähnlichkeiten. Mit Ai Weiwei,

Nevin Aladağ oder Mark Dion versammelte Kurator Florian Matzner teils Künstler,

die auch die documenta geprägt hatten. Die Stimmung im Ruhrgebiet war

ähnlich gelöst, die Gäste gut gelaunt. Wenn das Wetter stimmte, umschwärmten

Hunderte von Besuchern und Besucherinnen ein Kunstwerk wie das Walking

House, das laufende Haus der Künstlergruppe N 55. Oft waren es Freundeskreise

oder Familien mit Kindern. Ein ungeheurer Erfolg. Aber wieso? Was waren die

Erfolgsfaktoren?

Die Freude an der Entdeckung

Erster Erfolgsfaktor: die Freude an der Entdeckung. Das Emscher-System war

verbotenes Land: keine Wohnbebauung, weil es stank; keine Wege, weil ein Absturz

in das betonierte Bett der vielen „Köttelbecken“ lebensgefährlich werden

konnte. Doch plötzlich durften sich die Künstler und Künstlerinnen am Ufer wie

Pionierpflanzen ausbreiten. Sie eigneten sich das teils industriell schlimm entstellte,

teils urwaldhaft zugewucherte oder auch mal überraschend attraktive

Emschertal an.

Was dann passierte, hatte schon Karl Ganser als Geschäftsführer

der Internationalen Bauausstellung (IBA) Emscher Park beschrieben: „Es macht

durchaus Sinn, kräftig mit Kunst zu markieren. So wird deutlich: Hier verändert

sich etwas, eine neue Zeit transformiert eine alte Landschaft in eine neue. […]

Die Zeichen der Kunst erregen Aufmerksamkeit, schaffen Respekt und setzen

neue Werte auf Areale, die in einer verbreiteten Einschätzung wertlos und somit

zum wohlfeilen Verbrauch freigegeben sind.“

185


| Florian Matzner

Die A n t i -

docum e n t a

im P o t t

nter dem Titel „Die besten hundert Tage von Bottrop“ hat die

U Kunstkritikerin Catrin Lorch im Feuilleton der Süddeutschen

Zeitung im Juli 2013 die Emscherkunst und ihre Rezeption bei der Bevölkerung vor

Ort im Ruhrgebiet wie folgt beschrieben: „Die Jugendlichen, die an diesem Nachmittag

vor dem vernagelten Fenster von ‚Johnny’s Starclub’ die Kunst genießen,

sind nämlich das Publikum, das sich alle wünschen – vom Direktor der Tate in

London bis zu den Leitern der Nationalgalerie, von Kunstvereinen, Ausstellungs-

192 Interventionen und ästhetischer Wandel durch Kunst und Kultur


Grüne Hauptstadt

Essen 2017, Kunstwerk

Warten auf den Fluss

(Observatorium)

hallen. Seit öffentliche Mittel schwinden und die Konkurrenz der gut ausgestatteten

Privatmuseen und der Ausstellungsräume von Banken und Versicherungskonzernen

mächtiger wird, ist Kunstvermittlung die entscheidende Größe. Und die

zeitgenössische Kunst scheint ja auch bereit zu sein, ist genauso politisch, wie die

Kuratoren erprobt sind im öffentlichen Raum. Und alle sagen, dass sie die Arbeit

an der gesellschaftlichen Peripherie als ureigenstes Terrain empfinden. Und verlassen

meist doch die pittoresken Brachen nach Ende der Ausstellung wie eine

Bühne. Dass hundert Tage Emscherkunst […] mehr hinterlassen, war bereits nach

der ersten Ausgabe im Jahr 2010 klar: Es gehört gewissermaßen zum Konzept, wo

man nicht nur als Triennale, sondern auch als Initiator von dauerhafter Kunst im

öffentlichen Raum auftritt. Zudem ist es eine Ansage, dass man der Selbstfindung

einer Region dient, die ihren Namen einer kanalisierten Kloake verdankt … Und

während sich die Bagger und Kräne durch die Landschaft fressen, um den abgezäunten

Kanal wieder frei zu legen, dreht die Emscherkunst an vielen Stellen die

Perspektive einer Ausstellung um …“

Kunst für jeden erfahrbar machen!

2010 – 2013 – 2016: Über mehr als sechs Jahre begleitete das Ausstellungsprojekt

der Emscherkunst den Transformationsprozess des offen liegenden Abwasserkanals

der Emscher und den damit verbundenen Strukturwandel im nördlichen

193


214 Interventionen und ästhetischer Wandel durch Kunst und Kultur


Zeche Zollverein,

Schacht 12, in Essen

215


Regionale

Perspektivp

Städtebau und

Landschaftsgestaltung

Emscher 21+

222 Regionale Perspektivprojekte


o j e k t

e

Phoenix-See, und Hörder

Bach in Dortmund-Hörde

223


264 Regionale Perspektivprojekte


Emscher am Phoenix-See

in Dortmund-Hörde

265


Phoenix-See,

Dortmund-Hörde

318 Interview


319


Impressum

© 2022 by jovis Verlag GmbH

Das Copyright für die Texte liegt bei den Autor*innen.

Das Copyright für die Abbildungen liegt bei den Fotograf*innen/Inhaber*innen

der Bildrechte.

Alle Rechte vorbehalten.

Umschlagmotiv: Oktober Design, Bochum

Hrsg. für die Emschergenossenschaft von:

Uli Paetzel, Dieter Nellen und Stefan Siedentop

Konzeption und Gesamtverantwortung: Dieter Nellen

Koordination: Friedhelm Pothoff, Stabsstelle Öffentlichkeitsarbeit

Emschergenossenschaft

Redaktion, Beratung und Begleitung:

• Ludger Claßen, Dieter Nellen

Emschergenossenschaft: Klaus Baumers (Bild), Caroline Baumgart (Geodienstleistungen),

Meike Beste (Projektassistenz), Verena Klos (Graphik, Gestaltung,

Bild), Anne-Kathrin Lappe, Andrea Rickers, Ilias Abawi (Lektorat)

Fotoessay: Henning Maier-Jantzen, Essen/Berlin

Lektorat: Miriam Seifert-Waibel

Gestaltung und Satz: Oktober Design, Bochum

Gedruckt in Deutschland

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Lützowstraße 33

10785 Berlin

www.jovis.de

jovis-Bücher sind weltweit im ausgewählten Buchhandel erhältlich. Informationen

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oder unter www.jovis.de.

ISBN 978-3-86859-748-6 (Softcover)

ISBN 978-3-86859-799-8 (E-PDF)

327

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