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Frankreich erleben - Vorschau Heft Nr.84

Heft 84 - Herbst 2022

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DAS UNABHÄNGIGE FRANKREICH-MAGAZIN Nr. 84 · Herbst 2022

BURGUND · PAYS DE LA LOIRE · NORDFRANKREICH · BAYEUX · BORDEAUX

Burgund

Guédelon: Sie haben

ihre Burg gebaut!

Pays de la Loire

Eine Oase der Harmonie

im Dienste der Fotografie

Nordfrankreich

Vom Kohlerevier zum

beliebten Tourismusziel

Picasso

Der Ausländer, den Frankreich

nicht akzeptieren wollte

Bordeaux

« Wir brauchen einen anderen,

einen wirkungsvolleren Weinbau »

Kultur Rosa Bonheur, eine faszinierende Persönlichkeit

Rezept Crème caramel au beurre salé

Produkt Magische Terre de Sommières

www.frankreicherleben.de

Deutschland 6,90 €

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EDITORIAL

Liebe

Leserin,

lieber Leser,

« Wahre Leidenschaften verleihen

Mut und damit Stärke. » Das sagte im

18. Jahrhundert der international

bekannte französische Schriftsteller

und Philosoph François-Marie Arouet

(1694-1778), besser bekannt unter dem Namen Voltaire.

Während der Vorbereitungen für diese Ausgabe spukte

mir eine vage Erinnerung an diesen Satz im Kopf herum.

Erst kurz vor Abschluss, beim Schreiben des Editorials,

gelang es mir, den genauen Wortlaut zu

finden. Ich hatte das Zitat vor einigen Jahren

in einem der kleinen schwarzen Notizbücher

notiert, von denen immer eines in meiner

Tasche steckt und Zeugnis über die zahlreichen

Begegnungen, Diskussionen oder schlicht

einen plötzlichen Gedanken ablegt …

An Leidenschaft und Mut fehlt es

den Frauen und Männern, die Sie auf

den folgenden Seiten kennenlernen,

in der Tat nicht. Alle beschlossen

zu einem bestimmten Zeitpunkt

ihres Lebens, auf ihre Bedürfnisse

zu hören, ihrer wahren

Passion nachzugeben und

auf diese Weise ihrem Leben

neuen Sinn zu verleihen. Dabei

ist fast allen gemeinsam, dass sie

zunächst Kritikern und Nörglern die

Stirn bieten mussten, Menschen, die

ihrer Initiative, ihrer Ambition oder ihren

Experimenten negativ gegenüberstanden.

nämlich

eine

Burg mit

Materialien

und Techniken aus

dem 13. Jahrhundert zu

bauen. Vielleicht erinnern

sich einige von Ihnen, dass wir bereits

2008 in Guédelon waren. Nun sind wir dorthin

zurückgekehrt, um zu sehen, was aus dem Projekt

geworden ist. Sie werden feststellen, dass der Fortschritt

mit ihrer Entschlossenheit mithalten kann!

Mut benötigen auch Kriegsreporter zweifellos, wenn

sie uns unverzichtbare Informationen aus Krisengebieten

liefern. Dieses Engagement würdigt die

Stadt Bayeux (Calvados). Mut brauchten auch

diejenigen, die im 19. Jahrhundert in Bordeaux

das « Monument des Jahrhunderts » bauten: die

berühmte Steinbrücke. Auch den Einwohnern

des Kohlereviers in der Region Nord-

Pas-de-Calais fehlt dieser Charakterzug

nicht, denn sie verwandelten diese

Gegend mit ihrer schwierigen industriellen

Vergangenheit in ein beliebtes

Touristenziel. Und was soll man über

die beiden außergewöhnlichen Künstler sagen,

Rosa Bonheur (1822-1899) und Pablo Picasso

(1881-1973), die in einer französischen Gesellschaft

lebten, die offenbar nicht bereit war,

ihren Nonkonformismus zu verstehen? Nicht

zuletzt lesen Sie über den Mut einer Frau, die

sich für Wissenschaft und Weinbau begeistert

und es gewagt hat, im (noch) sehr eingefahrenen

Weinbaugebiet Bordelais « anders zu denken » …

Wenn Sie die Geschichten dieser Menschen gelesen

haben, werden Sie mir zustimmen, wie sehr der Gedanke

von Voltaire auf sie zutrifft. Viel Spaß beim Lesen!

Im Departement Yonne, in Burgund, realisieren

Arbeiter seit 1997 ein « anderes »

Bauprojekt, eine ungeheure Herausforderung,

Agence VERTU

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Titelbild: die Burg in Guédelon (Yonne) im Sommer 2022.

Jean-Charles Albert

Chefredakteur

jc.albert@frankreicherleben.de

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 3


Bayeux · 66

Lens · 48

Guédelon · 22

Rennes

Nantes

Rouen

66 · Bayeux

PARIS

80 · Pauillac

32 · Bordeaux

Lille

48 · Lens

40 · Abbaye de l‘Épau

22 · Treigny

Tours

Dijon

Straßburg

Lyon

Frankreich heute

58 Rosa Bonheur

Eine grandiose Künstlerin und eine beeindruckende Frau

Die bemerkenswerte französische Künstlerin Rosa Bonheur

machte nie einen Hehl aus ihrem unstillbaren Drang nach Freiheit

und dem Wunsch, dem Akademismus der damaligen Zeit zu

entkommen. Sie verschaffte der Tiermalerei die Anerkennung als

Kunstgattung. In diesem Jahr würdigt man die Künstlerin anlässlich

ihres 200. Geburtstages mit einer bedeutenden Ausstellung.

66 Bayeux

Eine Stadt engagiert sich für Kriegsberichterstatter

Im Oktober wird in Bayeux zum 29. Mal der renommierte

Prix Bayeux des correspondants de guerre verliehen. Der

Preis zeichnet Journalisten aus der ganzen Welt aus,

die für die Berichterstattung aus Krisengebieten ihr Leben

riskieren. Die perfekte Gelegenheit, die Stadt unter

einem ganz anderen Blickwinkel zu entdecken.

Rosa Bonheur · 58

Rambouillet · 46

Montpellier

Toulouse

Marseille

72 Pablo Picasso

Teil 1: Der Ausländer, den Frankreich

nicht akzeptieren wollte

In dem ersten von zwei Artikeln, die sich Picasso widmen, stützen

wir uns auf erstaunliche Nachforschungen der französischen

Historikerin Annie Cohen-Solal. Sie erfahren mehr über einen

bisher unbekannten Picasso, der uns sehr berührt hat.

Wein · 80

Rezept · 92

Picasso · 72

Bordeaux · 32

Abbaye de l‘Épau · 40

Unterwegs in Frankreich

22 Burgund-Franche-Comté

Guédelon: Sie haben ihre Burg gebaut!

Im Norden von Burgund stellen sich Arbeiter seit 1997 der

ungeheuren Herausforderung, im 21. Jh. eine Burg mit

Materialien und Techniken des 13. Jh. zu bauen! Inzwischen

ist sie fast vollständig errichtet und eine der beliebtesten

touristischen Sehenswürdigkeiten der Region.

32 Nouvelle-Aquitaine

Bordeaux feiert seine älteste Brücke

In Bordeaux feiert man in diesem Jahr den 200. Jahrestag der

berühmten Steinbrücke, die 2002 als Monument historique klassifiziert

wurde. Entdecken Sie mit uns das historische Bauwerk (wieder),

das als architektonische Meisterleistung gilt und in den Herzen

der Menschen dieser Stadt einen besonderen Platz einnimmt.

40 Abbaye de l‘Épau

Eine Oase der Harmonie im Dienste der Fotografie

Zum zehnten Mal ist die Abbaye Royale de l’Épau – eines

der schönsten und besterhaltenen Klöster Frankreichs – der

Rahmen für eine Fotoausstellung von Format. Diese ist als

fotografischer Spaziergang durch die Klosteranlage konzipiert,

in dessen Verlauf groß- und kleinformatige Bilder in einem nicht

alltäglichen Umfeld mit dem Betrachter kommunizieren.

48 Nordfrankreich

Vom Kohlerevier zum beliebten Tourismusziel

Aus touristischer Sicht machte der Norden Frankreichs

noch vor zehn Jahren nur wenig von sich reden. Doch seit

das Kohlerevier Nord-Pas-de-Calais von der UNESCO in die

Welterbeliste aufgenommen wurde und der Pariser Louvre

im nicht weit von Lens entfernten Loos-en-Gohelle einen

« Ableger » eröffnete, hat sich das verändert. Lesen Sie selbst.

Art de vivre

80 Wein

« Wir brauchen einen anderen, einen

wirkungsvolleren Weinbau »

Claire Lurton, Eigentümerin des renommierten Weinguts

Château Haut-Bages Libéral, hat sich bereits vor mehr

als 15 Jahren von den klassischen Weinbaumethoden

distanziert und experimentiert seitdem mit neuen

Praktiken für den Anbau der Reben und den Ausbau des

Weines. Traum oder Realität? Was steckt dahinter?

92 Chantals Rezept

Crème caramel au beurre salé

94 Produkt

Terre de Sommières: ein Pulver, das Wunder bewirkt

Was hat es mit diesem seltsamen Pulver eigentlich auf sich, das

aus dem Boden des Ortes Sommières gewonnen und aufgrund

seiner Wirksamkeit als « Wundermittel » bezeichnet wird?

3 Editorial

6 On en parle

12 On lit

14 On lit en France

16 On regarde

18 On surfe

20 On écoute

79 Leserbriefe

88 Nachbestellungen

96 Guéwen a testé

98 Impressum

98 Vorschau

Frankreich erleben im Internet: www.frankreicherleben.de

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 5


ON EN PARLE

AGRONOMIE

WINDENERGIE

Krieg der Umfragen

Umfragen im großen Stil

über die Entwicklung der

Windenergie in Frankreich

wurden bisher immer

durch Projektträger

von Windkraftanlagen,

die naturgemäß

dieser Energie positiv

gegenüberstehen, in Auftrag gegeben. Nun hat allerdings das höchstoffizielle

IFOP-Institut (Institut Français d’Opinion Publique) eine Umfrage bei Bewohnern in

46 Gemeinden rund um den Windpark Montagne Sainte-Victoire (Var) durchgeführt,

dessen 22 Windräder seit einem Jahr in Betrieb sind. Dabei zeigt sich, dass Menschen,

die von einer derartigen Installation direkt betroffen sind, diese nur schwerlich

akzeptieren können. 71 % von ihnen sind der Ansicht, dass sie die schöne Landschaft

(die nicht zuletzt den Maler Cezanne zu vielen seiner Bilder inspirierte) verunstalten,

55 % gehen davon aus, dass sie die touristische Attraktivität der Region mindern. Die weit

überwiegende Mehrheit der Befragten (85 %) ist der Ansicht, dass Gemeinden, die durch

ein Vorhaben zur Errichtung von Windkraftanlagen betroffen sind, sich per Referendum

dagegen wehren können sollten. Diese Meinung wird in Frankreich mehr und mehr geteilt,

wobei die Regierung vorhat, bis 2028 6500 zusätzliche Windräder in Betrieb zu nehmen.

Umweltschutz durch esslustige Schafe

Frédéric Henriques, Schäfer im an der Mittelmeerküste

gelegenen Ort Vendres (Hérault), initiierte im vergangenen

Winter gemeinsam mit Winzern der Gegend ein

agrarwissenschaftliches Experiment, mit dem das

Ausbringen des Herbizids Glyphosat auf einer Rebfläche von

rund 600 ha vermieden werden konnte: Bis zum Austreiben

der Knospen Mitte März weideten seine Schafe jeden Tag

genüsslich zwischen den Rebstöcken. Das Ergebnis war

mehr als überzeugend: Die Winzer konstatierten nicht nur

eine effiziente und selektive Unkrautbekämpfung ohne

MUSEEN

Verlängerte Öffnungszeiten sind erfolgreich

Schäden an den Reben, sondern darüber hinaus trugen

die Exkremente der Tiere deutlich zur Verbesserung der

Bodenqualität bei. Die Winzer waren daher sehr zufrieden.

Die Schafe ebenfalls, allerdings mussten sie beim Austreiben

der ersten Knospen wieder andere Weideflächen aufsuchen.

In diesem Sommer weideten sie beispielsweise in Feldern

mit Melonen, die nicht mehr zum Verkauf geeignet waren.

Diese Frucht schmeckte den Schafen offensichtlich

ausgesprochen gut und hatte zudem den Vorteil,

dass aufgrund des hohen Wassergehalts von

Melonen mehrere Tausend Liter Wasser pro

Tag eingespart werden konnten.

Nach den durch die Coronaviruspandemie ausgelösten Lockdowns hinterfragte man in den

französischen Museen die Besucherfrequenz und suchte nach Möglichkeiten, um diese wieder

zu erhöhen. Einige Einrichtungen öffneten versuchsweise an bestimmten Tagen ihre Türen

erst später und verlängerten dafür die Öffnungszeiten am Abend. Dieser Ansatz erwies sich

als erfolgreich, was nicht zuletzt auch der Besucherzustrom anlässlich der Europäischen

Museumsnacht am 14. Mai bestätigte. Inzwischen setzen sich in Frankreich solche

Öffnungszeiten immer mehr durch. Das Musée du Louvre in Paris beschloss beispielsweise,

am Freitagabend die Türen ab sofort erst um 21.45 Uhr (statt bisher 18 Uhr) zu schließen.

In der Praxis müssen zwar noch einige Widerstände aufseiten der Gewerkschaften

ausgeräumt werden, dennoch wird sich diese Praxis wohl immer mehr verbreiten.

AUSGEFALLEN

« Mini-Austern » zum Aperitif

Die kleinsten Austern – 30 bis 45

Gramm, das sogenannte Kaliber

5 – wurden in Frankreich lange

Zeit verschmäht, da größere als

schmackhafter galten. Austernzüchter

warfen solche kleinen Exemplare

oftmals wieder ins Wasser zurück, da

sie diese trotz eines attraktiven Preises

(ca. 4,50 € für ein Dutzend) nicht

absetzen konnten. Seit einiger Zeit

werden die kleinen Meeresmuscheln

jedoch immer beliebter und vermehrt

im Rahmen eines Aperitifs angeboten:

Ob ganz nature, mit Zitrone oder

gar – wie ihre großen Schwestern –

mit Schalotten und Essig, finden Sie

sich nun zwischen Kirschtomaten,

Scheiben von Hartwurst und

Erdnüssen wieder. Gleichwohl setzt

dieser aktuelle « Trend » voraus, dass

man sich zuerst etwas Zeit nehmen

muss, um die Austern zu öffnen …

6 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 7


ON LIT EN FRANCE

ROMAN

Guerre

Louis-Ferdinand Céline, Gallimard,

190 Seiten, 19 €, ISBN 978-2072983221

Dieser Roman ist in Frankreich gut

bekannt, denn er macht seit seinem

Erscheinen vor einigen Monaten enorm von sich

reden. Dass das so ist, hat mehrere Gründe: Zunächst

entstand das Werk aus bislang unveröffentlichten

Manuskripten eines der umstrittensten Autoren

Frankreichs: Louis-Ferdinand Céline (1894-1961).

Er ist zwar zweifellos einer der herausragenden

französischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts,

stand jedoch aufgrund seiner Meinungen, seiner oft

niederträchtigen – vor allem zutiefst antisemitischen

– Texte in Verruf. Darüber hinaus hat die Geschichte

der Manuskripte selbst alles von einem Krimi. Céline

bewahrte diese nämlich in seiner Pariser Wohnung

auf, aus der sie 1944 verschwanden. Man vermutete,

sie seien gestohlen worden. Letzten Endes stellte

sich jedoch heraus, dass sie sich all die Jahre in

guten Händen befanden. Die Veröffentlichung

ist ein « verlegerischer Geniestreich » seltenen

Ausmaßes, denn es ist nach einhelliger Meinung ein

herausragender Text, den der Autor zeitlich zwischen

seinen bekannten Büchern Voyage au bout de la

nuit (Reise ans Ende der Nacht) und Mort à crédit (Tod

auf Kredit) schrieb. Guerre lässt den Leser das Werk

von Céline besser verstehen, denn er erfährt darin

mehr über die Erfahrungen des Autors an der Front

während des Ersten Weltkriegs und die daraus

resultierenden seelischen und körperlichen Traumata.

2023 sollen weitere bislang unveröffentlichte

Manuskripte veröffentlicht werden, die in diesem

Zusammenhang ebenfalls aufgetaucht sind. Laut

Experten, welche die Texte bereits einsehen konnten,

tragen die Werke dazu bei, nicht nur das derzeitige

Wissen über Céline, sondern über die französische

Literatur des 20. Jahrhunderts als solche zu erweitern.

Wir werden am Ball bleiben!

AUTOBIOGRAFISCHE ERZÄHLUNG

Journal de nage

Chantal Thomas, Seuil, 148 Seiten,

17 €, ISBN 978-2021504590

Unsere Auswahl an Büchern, über die man

zurzeit in Frankreich spricht

Die international bekannte französische Schriftstellerin,

Historikerin und Hochschullehrerin Chantal Thomas wurde im

vergangenen Jahr in die Académie française berufen. Damit ist

sie die zehnte Académicienne seit Gründung der ehrwürdigen

Institution im Jahr 1635, der diese Ehre zuteilwurde. Bei der Lektüre

des außergewöhnlichen und angenehm zu lesenden Buches

sagt man sich, dass die Académie française wirklich Glück hat,

sie zu ihren Mitgliedern zählen zu können. Chantal Thomas hat

eine unglaubliche Fähigkeit, die Welt zu beobachten und Dinge

in unserer Umwelt wahrzunehmen, die den Leser unweigerlich

ergriffen macht! Sie liebt die Freiheit, tritt für sie sein und genießt

sie seit ihrer Kindheit, vor allem, wenn sie die Möglichkeit hat, im

Meer zu baden. Da sie während der diversen Lockdowns auf dieses

anspruchslose Vergnügen verzichten musste, war das Glück umso

größer, als sie ab Juni 2021 wieder im Mittelmeer

schwimmen konnte. Davon berichtet sie in

diesem « Schwimm tagebuch »,

das alles andere als langweilig

ist, sondern bei Erscheinen

viele Franzosen berührte.

Die Autorin fordert uns darin

ganz einfach auf, auch von den

scheinbar einfachsten

Dingen in unserem

Leben jede Sekunde

zu genießen.

AUTOBIOGRAFISCHER ROMAN

Le jeune homme

Annie Ernaux, Gallimard, 38 Seiten, 8 €, ISBN 978-2072980084

Wie im Buch Das Ereignis (L’évènement), das wir Ihnen in der Rubrik

On lit vorstellen, gibt Annie Ernaux auch in ihrem aktuellsten Buch

sehr persönliche Dinge über sich preis. Und wiederum gelingt es ihr, uns durch die

Magie ihrer Worte und ihr Talent in Bann zu ziehen, indem sie uns ihre Geschichte

so erzählt, dass sie letztendlich allgemeingültig ist. Diesmal in Form eines sehr

kurzen (knapp 40 Seiten), aber ausgesprochen treffenden Romans. Mit viel Takt

und Gefühl, aber auch humorvoll und aufrichtig, erzählt Annie Ernaux von einer

Liebesbeziehung, die sie im Alter von 54 Jahren mit einem 30 Jahre jüngeren

Mann hatte. Mit einem jungen Mann, der ihr Leben zutiefst prägte und der, wie

sie es so passend ausdrückte, ihr Ouvreur du temps, ihr « Zeitöffner » war. Wie sie

im Buch brillant erläutert, wurde ihr durch diese Beziehung auch die Bedeutung

des Schreibens bewusst: Ob man nun liebt, um zu schreiben, oder schreibt, um zu

lieben: Das Leben hält viele Überraschungen bereit, die wir, so die Schriftstellerin,

ergreifen sollten. Erfreulich und lehrreich!

REISETAGEBUCH

Ma forteresse - Journal du Vercors

Antoine de Baecque, Paulsen, 288 Seiten,

19,90 €, ISBN 978-2375021477

Die großartige Hommage eines Geschichtswissenschaftlers

und Wanderers an diese Region in den französischen Alpen,

die er in seiner Jugend kreuz und quer durchstreifte. Das Buch

ist mehr als eine bezaubernde Beschreibung der Landschaft, durch die man

sofort Lust bekommt, diese zu entdecken. Das Reisetagebuch stellt gleichzeitig

eine Verbindung zwischen Orten und ihren Bewohnern her, sodass man die

Besonderheit und Stärke dieses Landstrichs begreift, der sich von anderen

unterscheidet. « Es geht darum, zu erleben, wie man mit den Füßen Geschichte

macht », schreibt der Autor. Eine ausgezeichnete Idee, über die sich nicht nur

Wanderer freuen!

ROMAN/SCIENCEFICTION

Le temps des grêlons

Olivier Mak-Bouchard, Le Tripode, 356 Seiten, 20 €, ISBN 978-2370553188

Nach dem Erfolg seines ersten Romans, Le dit du Mistral, der

2020 erschien, zieht uns der Provenzale Olivier Mak-Bouchard

erneut mit einer ganz unerwarteten Handlung in Bann, die sich

zwischen Märchen und Science-Fiction bewegt. Von einem Tag

auf den anderen herrscht überall auf der Erde sprachloses Erstaunen:

Fotoapparate halten keine Personen mehr fest. Man könnte meinen, das Universum

sei durch unsere Präsenz übersättigt und wolle sich gegen den Menschen auflehnen.

Ein Kind in der Provence beobachtet diese neue Welt, die so aus den Fugen geraten ist,

dass eine Realität entsteht, die sich niemand hätte vorstellen können. Ein Buch voller

Überraschungen, bei dem man nach dem Lesen der letzten Seite urplötzlich Lust

bekommt, wieder von vorne zu beginnen … Unglaublich spannend! Was für ein Talent!

Sie möchten Ihren französischen

Freunden ein deutsches Buch

empfehlen, das kürzlich auch in

Frankreich erschienen ist? Hier

kommt unser derzeitiger Coup de

cœur:

ROMANBIOGRAFIE

Les

vieux

garçons

Alain Claude

Sulzer, aus

dem Deutsch

übersetzt von

Jacqueline

Chambon,

Originaltitel:

Doppelleben,

Kiepenheuer & Witsch, 2022,

Chambon-Actes Sud, 216 Seiten,

22,20 €, ISBN 978-2330166243

Man kennt zwar den

renommierten französischen

Literaturpreis, der ihren Namen

trägt, aber was weiß man wirklich

über die Brüder Goncourt,

Edmond (1822-1896) und Jules

(1830-1870) Diese Frage versucht

der Schweizer Schriftsteller Alain

Claude Sulzer zu beantworten.

Nach vermutlich langen und

intensiven Recherchen beschloss

er daher, die packende und

lehrreiche Biografie der beiden

Brüder zu schreiben. Sie ist weit

von den bislang veröffentlichten,

« offiziellen » Porträts entfernt,

denn man entdeckt eine

lebendige, oft erstaunliche

Lebensbeschreibung, deren

Lektüre wirklich Spaß macht.

Damit « entstaubt » er sowohl

die Vorstellungen, die man

einerseits vom 19. Jahrhundert

in Frankreich hat – von einer

Zeit, die man sich meist als

sehr konservativ vorstellt – als

auch von zwei Phänomenen der

französischen Literatur, deren

Name in der ganzen Welt bekannt

ist. Zwei « Junggesellen » mit

einem zweifellos ungewöhnlichen

Schicksal!

14 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 15


ON ÉCOUTE

KLASSIK

CHANSON

Christophe Willem: Panorama

Christophe Willem siegte 2006 im Alter von nur 23 Jahren bei der

Castingshow Nouvelle Star. Das war der Startschuss für seine Karriere,

seitdem brachte er mehrere Erfolgsalben heraus und trat in so

renommierten Konzertsälen wie Bataclan, Olympia und Zenith auf. Das

hätte ihm zu Kopf steigen können. Doch das Gegenteil ist der Fall, denn

der inzwischen knapp 40-jährige, leicht ergraute Sänger zeichnet sich nach

wie vor durch einen natürlichen und aufrichtigen Charakter aus. Es scheint

sogar, als würde er – wie guter Wein – mit dem Alter immer besser. Und so

offenbart er sich auf dieser sehr persönlichen CD wie niemals zuvor. Ein Album

als Therapie vermutlich, aber nicht nur. Wenn Christophe Willem von sich, seinen

Freuden, seinem Kummer oder den « Phantomen der Vergangenheit » (Fantômes

du passé, einer der schönsten Titel des Albums) singt, erzählt er uns letzten Endes

Dinge über uns selbst, wie ein Freund, mit dem man zusammensitzt und diskutiert. Ein ungekünsteltes Album,

das oft ergriffen macht. « Ich hoffe, dass jedes meiner Chansons im Leben derer, die es anhören, widerhallt,

dass die Worte, die ich singe, ihnen zu mehr Stärke verhelfen », erklärte er beim Erscheinen der CD. Das ist

sehr einfühlsam von ihm, und wir können bestätigen, dass es gelungen ist! Ein echtes Juwel! Das Album ist ab

September im Handel erhältlich.

Wir machen Lust auf ARTE

Mit uns finden Sie Ihre persönlichen ARTE-Highlights

Florian Sempey: Figaro? Sì! Rossini

In der Welt der französischen Klassik, die nicht mit sehr vielen Überraschungen

aufwartet, ist die rasante und vielversprechende Karriere des Baritons Florian

Sempey eine der wenigen Ausnahmen der letzten Jahre. Er unternahm seine

ersten Schritte auf der Bühne der Opéra National in Bordeaux, einer Stadt, der

er nach wie vor treu bleibt. Mit nur 34 Jahren tritt er heute jedoch bereits in

den größten Konzertsälen der Welt auf. Für sein Debütrezital wählte er nicht

ohne Grund Rossini, denn es war « der erste Name eines Komponisten, den ich

in meinem Leben gehört habe, seine Büste thronte bei meinen Großeltern »,

wie er bei Erscheinen der CD erklärte. Ein sehr schönes Album des Sängers

mit einem sehr ausdrucksstarken Timbre. Darauf gelingt es Florian Sempey in

perfekter Weise, Präzision und Respekt der Partitur mit seiner Lebensfreude

und dem ihm eigenen kommunikativen Enthusiasmus zu verbinden. Es tut so

gut, einem Künstler zuzuhören, der offenbar beim Singen sehr glücklich ist.

CHANSON

20 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Pomme: Consolation

Die 1996 in Lyon geborene Claire Pommet – ihr Künstlername lautet Pomme

– gehört heute zu den großen Talenten des französischen Chansons. Im

Laufe ihrer Alben stellte die Künstlerin ihre Begabung unter Beweis und gab

gleichzeitig immer mehr von sich preis. Das Thema ihrer neuen CD Consolation

(Trost), ist ein Thema, das sie, wie sie erklärt, « zu Geschichten von Frauen

geführt hat, die mich berührten, hinter denen sich aber auch viel Tragik,

Traurigkeit und Ungerechtigkeit verbirgt ». Ein oft wehmütiges Album, das

dennoch voller Freude und Poesie ist: « Sag mir etwas, und selbst / Wenn du dich

nicht erinnerst / Werde ich mich für dich erinnern / Ich habe mir von all dem das

Schöne gemerkt » singt Pomme im sehr schönen Chanson Tombeau. Beim Zuhören

versteht man, wie wichtig es in unserem Leben ist, dass man in der Lage ist, « sich von

allem das Schöne zu merken. » Vielen Dank Pomme, dass du uns daran erinnerst!

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UNTERWEGS IN FRANKREICH Burgund-Franche-Comté / Yonne

Im Norden von Burgund, im Departement Yonne, zwischen Saint-Sauveur und

Saint-Amand, stellen sich rund 40 qualifizierte Arbeiter seit 1997 in einem ehemaligen

Steinbruch mitten im Wald einer ungeheuren Herausforderung: im

21. Jahrhundert eine Burg ausschließlich mit Materialien und Techniken des

13. Jahrhunderts zu bauen! 2008 haben wir die tapferen Bauleute bereits einmal

besucht. Damals begann das Gebäude gerade einmal Gestalt anzunehmen.

Inzwischen ist es praktisch vollständig errichtet, und der Ort hat sich zu

einer der beliebtesten touristischen Sehenswürdigkeiten der Region entwickelt.

Und alles ohne finanzielle Unterstützung oder Subventionen. Eine Baustelle,

die man immer wieder gerne besucht! Maryline Martin, Mitbegründerin

und Leiterin dieses unglaublichen Projekts erzählt uns von diesem großartigen

und vor allem menschlichen Abenteuer und von den Lehren, die man

aus einem solchen Unterfangen ziehen muss.

22 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 23


UNTERWEGS IN FRANKREICH Burgund-Franche-Comté / Yonne

Guten Tag, Maryline

Martin! Das letzte

Mal haben wir uns im

Sommer 2008 getroffen. Damals hatte das

« Abenteuer Guédelon » für Sie und einen Teil

Ihres Teams bereits seit knapp zehn Jahren begonnen,

dennoch waren Sie immer noch im vorbereitenden

Stadium, die eigentlichen Bauarbeiten befanden sich noch

in der Anfangsphase. Die Fundamente und die ersten Steine

der Burgtürme waren gelegt, man benötigte allerdings noch

viel Vorstellungsvermögen, um das Ausmaß Ihres Vorhabens

voll und ganz zu ermessen. Heute, vierzehn Jahre später, entdecken

wir eine stolze Burg, die nahezu fertig zu sein scheint!

Sie haben einen unglaublichen Weg zurückgelegt, bei dem die

Auseinandersetzung

mit dem

Faktor Zeit eine große

Rolle spielt!

Guten Tag! Stimmt, wir

haben in Gué de lon immer wieder

konstatiert, dass wir uns hier konkret

und auf eine ganz besondere Art mit der

Zeit auseinandersetzen. Es freut mich, dass Sie

das gespürt haben. Ich glaube in der Tat, dass die

Zeit bei unserer Arbeit ein echter Verbündeter ist und eine

fundamentale Bedeutung hat. Zeit ist in Guédelon ein

zentraler Faktor. Wir nehmen uns die notwendige Zeit,

um unsere Burg Stein für Stein zu bauen. Das Projekt

24 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 25


UNTERWEGS IN FRANKREICH Nouvelle-Aquitaine / Gironde

PONT DE PIERRE

In Bordeaux (Gironde) feiert man in diesem Jahr

den 200. Jahrestag eines der symbolträchtigsten

Monumente der Stadt, das 2002 als Monument

historique klassifiziert wurde: Die berühmte

Steinbrücke wurde am 1. Mai 1822 erstmals für

die Öffentlichkeit freigegeben. Wir nutzen die Gelegenheit,

Sie das historische Bauwerk (wieder)

entdecken zu lassen, das als architektonische

Meisterleistung gilt und in den Herzen der Menschen

dieser Stadt einen besonderen Platz einnimmt.

Bordeaux

feiert seine älteste Brücke

32 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 33


UNTERWEGS IN FRANKREICH Nouvelle-Aquitaine / Gironde

Jeder Besucher, der nach Bordeaux kommt und die

Garonne erblickt, bemerkt sofort, dass das Wasser

des Flusses eine erstaunliche, braune Farbe hat, und

stuft es demzufolge als « schmutzig » ein. Dem ist jedoch

nicht so, sondern die Wasserqualität verbessert sich sogar

von Jahr zu Jahr, wie man auch an der Unterwasserwelt sehen

kann. Die braune Farbe des Wassers erklärt sich dadurch,

dass das Flussbett sandig und die Strömung sehr

stark ist. Schließlich sind der Atlantik und mit ihm die

Gezeiten nicht weit entfernt. Die Kräfte von Ebbe und

Flut sind entlang des Flusses noch in einer Entfernung von

150 Kilometern zu spüren. Die Stadt Bordeaux, die ihren

Reichtum zum großen Teil ihrem « Mondhafen » verdankt

– der so genannt wird, weil er die Form einer Mondsichel

hat –, ist da keine Ausnahme: Das Wasser der Garonne ist

hier besonders bewegt, sodass es ein amüsanter Zeitvertreib

ist, vom Quai aus zu beobachten, wie sich an der Oberfläche

mal in die eine Richtung, mal in die andere Richtung

Strudel bilden. Bewegung und Farbe des Wassers haben

den Menschen in der Stadt früher Angst eingeflößt, der

Fluss galt lange Zeit als nur schwer zu überwinden. Seit

der Antike hatte Bordeaux daher mit dem Image einer

« unüberwindlichen Garonne » zu kämpfen. Irgendwann

nannte man den Fluss sogar Mer de Garonne, zumal er hier

eine Breite von über 500 Metern hat! Grund genug also,

Respekt einzuflößen. Wann immer möglich vermieden die

Menschen es, die Garonne zu überqueren. Und wenn es

denn gar nicht anders ging und sie sie an Bord eines kleinen

Bootes oder einer einfachen Fähre passieren mussten,

beteten sie während der Überfahrt, dass alles gut geht …

EIN KÜHNES PROJEKT

Mit der Entwicklung von Wirtschaft und Handel in

der Stadt drängte sich jedoch ab 1771 der Gedanke an eine

Brücke auf, welche die beiden Ufer verbindet. Zunächst

war allerdings keines der Projekte wirklich überzeugend,

da die Umsetzung immer als sehr gefährlich erschien.

Niemand wagte es, die Arbeiten in Angriff zu nehmen.

Der Architekt Jean-Rodolphe Perronnet (1708-1794) – der

immerhin die Pont de la Concorde in Paris gebaut hatte –

stufte 1775 den Bau einer Brücke in Bordeaux angesichts

der « schwierigen Bedingungen des Flusses » als « unmöglich

» ein. Erst als Bordeaux in die Hand von Napoleon I.

(1769-1821) fiel, wurde der Bau eines solchen Bauwerks

in Auftrag gegeben. Es sollte es dem Kaiser ermöglichen,

seine Truppen in den Süden Frankreichs zu holen, um

den Krieg gegen Spanien (1808-1814) zu führen. Für eine

schnellstmögliche Umsetzung des Vorhabens wurde eine

Holzkonstruktion ins Auge gefasst, der sich die Bordelesen

jedoch schnell widersetzten, da sie als nicht stabil

genug und damit nutzlos eingestuft wurde. Der Ingenieur

Claude Deschamps (1765-1843) schlug einen neuen Ansatz

mit 19 Bögen in einer Fachwerkkonstruktion vor, die

auf Brückenpfeilern aus Stein ruhten. Dieser Vorschlag

wurde am 30. Januar 1812 angenommen und ein entsprechendes

Dekret für den Bau der Brücke erlassen. Die

Grundsteinlegung fand im Dezember 1812 statt. Doch

die Arbeiten erwiesen sich als sehr kompliziert, zumal die

Garonne 1813 starkes Hochwasser führte, das die Fundamente

und Gerüste mehrerer Brückenpfeiler mitriss. Der

Versuch war vorerst gescheitert.

DIE KONSTRUKTION EINES

JAHRHUNDERTBAUWERKS

Reeder und Händler aus dem Bordelais hatten allerdings

aus nachvollziehbaren Gründen ein starkes Interesse

am Bau einer Brücke und gründeten 1817 die Compagnie

du pont de Bordeaux. Die Gesellschaft bot der Regierung

an, Kapital in Höhe von zwei Millionen Francs vom auf

6,5 Millionen Francs geschätzten Gesamtbudget für die

Errichtung des Bauwerks aufzubringen, damit die Arbeiten

fortgesetzt werden konnten. Als Gegenleistung verlangte

sie eine 99-jährige Konzession für den Betrieb und

die Erhebung einer Benutzungsgebühr. Die Regierung

nahm das Angebot an und fixierte die Bauzeit auf drei

Jahre. Gleichzeitig wurde das Projekt optimiert, indem

man nun gemauerte Brückenpfeiler und gusseiserne Bögen

vorsah. Claude Deschamps reduzierte schließlich die

Anzahl der Bögen auf 17. Die umfangreichen Bauarbeiten

– man sprach inzwischen von einem « Jahrhundertbauwerk

» – brachten vor Ort einige Neuerungen mit sich: So

setzte man für die Arbeiten zur Stabilisierung der Pfeiler

eine Taucherglocke nach englischem Vorbild ein, und aus

dem Schlamm der Garonne brannte man in Hafennähe

Ziegel, ein Material, das bis dato in der Region nicht

sehr verbreitet war. Gezeiten und Strömung verzögerten

die Arbeiten, der « letzte Stein » wurde symbolisch am 21.

August 1821 unter Ludwig XVIII. (1755-1824) gesetzt.

Zu dem Zeitpunkt war Napoleon I. bereits drei Monate

tot, sodass er niemals die Gelegenheit hatte, das Bauwerk

zu überqueren. Auch vom Gerücht, das im Übrigen noch

heute in den Köpfen der Bordelesen kursiert und demzufolge

die Anzahl der Brückenbögen (17) angeblich entsprechend

der Anzahl der Buchstaben des Namens « Napoleon

34 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 35


UNTERWEGS IN FRANKREICH Pays de la Loire / Sarthe

Abbaye de l’Épau

Eine Oase der Harmonie im Dienste der FotogRafie

Zum zehnten Mal in Folge bilden die Gebäude und der 13 Hektar große Park der nur wenige

Kilometer vom mittelalterlichen Zentrum der Stadt Le Mans (Sarthe) entfernten Abbaye

Royale de l’Épau – eines der schönsten und besterhaltenen Klöster Frankreichs – den Rah-

men für eine Fotoausstellung von Format. Sie findet noch bis Anfang November statt und

ist als fotografischer Spaziergang durch die Klosteranlage konzipiert: In Skriptorium, Park,

Wald, Gemüsegarten und einer Platanenallee kommunizieren groß- und kleinformatige Bil-

der in einem nicht alltäglichen Umfeld mit dem Betrachter.

40 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 41


UNTERWEGS IN FRANKREICH Pays de la Loire / Sarthe

Es ist bekannt, dass Klöster ganz besondere Orte sind,

die den Besucher oft « in eine andere Zeit » versetzen

und ihm sofort das Gefühl geben, « vom Rest

der Welt abgeschnitten » zu sein, da sie eine unglaubliche

Ruhe vermitteln und zum Nachdenken anregen. Die Abbaye

de l’Épau bildet da keine Ausnahme. Obwohl sie nur

wenige Kilometer vom belebten Stadtzentrum von Mans

und sogar nur wenige Hundert Meter von Hochhäusern

und viel befahrenen Straßen entfernt ist, findet man sich

dort in einer wohltuenden Oase des Friedens wieder, die

man nicht erwartet hätte. Die Zisterzienserabtei mit ihrer

mehr als 800-jährigen bewegten Geschichte liegt mitten

im hübschen Tal des ruhigen Flusses Huisne. Die Wälder

der Gemeinde Changé, die von den Bewohnern für die

zahlreichen Spazierwege geschätzt werden, sind wie ein

Schutzwall gegen Tumult und Umtrieb der Umgebung.

Gegründet wurde die Abtei 1229 durch Berengaria

von Navarra (1163-1230), der Witwe eines Mannes, der

nicht nur König von England, sondern auch Herzog der

Normandie sowie Graf von Anjou, Maine und Touraine

war: der berühmte Richard Löwenherz (1157-1199). Noch

heute stellt die Abbaye de l’Épau eines der schönsten

Beispiele der Zisterzienserarchitektur in Frankreich dar.

Dabei wäre sie in ihrer langen Vergangenheit mehrmals

um ein Haar ausgelöscht worden, vor allem während des

Hundertjährigen Krieges, als ein Großteil der Gebäude

bei einem Brand zerstört wurde, den die Bewohner von

Le Mans selbst gelegt hatten, um zu verhindern, dass

sich feindliche Truppen dort niederlassen. Von 1440 bis

1444 wurde das Kloster dann aber glücklicherweise wieder

renoviert, bevor es zunächst während der Revolution

und später dann während des Zweiten Weltkriegs erneut

starke Schäden davontrug. Seit 1958 gehört die Abtei dem

Gezeigt werden unter anderem die Fotoserie von Pauline

Daniel mit dem Titel Sous la peau, die sich mit dem Kampf

gegen die Verschwendung von Lebensmitteln beschäftigt (linke

Seite), sowie die Reihe In situ von Eric Pillot, der wilde Tiere

festgehalten hat, die in den kommenden Jahren vermutlich

nur noch in Zoos überleben werden (diese Seite).

42 · Frankreich erleben · Herbst 2022


UNTERWEGS IN FRANKREICH Hauts-de-France / Nord-Pas-de-Calais

ordfrankreich

om Kohlerevier zum beliebten Tourismusziel

48 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 49


UNTERWEGS IN FRANKREICH Hauts-de-France / Nord-Pas-de-Calais

Vorherige Doppelseite: die Terrils 9-9bis in Oignies, eine der herausragendsten

Stätten des ehemaligen Kohlebeckens. Hier wurde noch bis 1990 Kohle abgebaut.

Diese Seite: die Zwillings-Kohlehalden in Loos-en-Gohelle und ein Luftbild der Terrils

84, 101 und 205 in Billy-Montigny. Anlässlich der Klassifizierung als Weltkulturerbe

wurden alle Kohlehalden des Kohlereviers aus der Luft fotografiert.

Aus touristischer Sicht machte der Norden Frankreichs noch vor

zehn Jahren nur wenig von sich reden. Beim Thema Reisen im

Hexagon dachte man vorwiegend an Ziele wie die Côte d’Azur,

die Bretagne oder Paris, die regelmäßig die Listen der beliebtesten

Tourismusdestinationen anführten. Bis dann im Jahr 2012

zwei Ereignisse diese Denkweise veränderten: Zunächst wurde

das Kohlerevier Nord-Pas-de-Calais von der UNESCO in die

Welterbeliste aufgenommen. Das war damals eine kleine Revolution!

Doch damit nicht genug, denn das größte Museum der

Welt, der Louvre, eröffnete in der Nähe der beiden höchsten Haldengipfel

Europas, der berühmten Jumeaux, im nicht weit von

Lens entfernten Loos-en-Gohelle, einen « Ableger ». Seitdem ist

es der einst vergessenen Gegend Frankreichs gelungen, sich stetig

weiterzuentwickeln und das vorhandene Industrie- und Arbeitererbe

in eine gesuchte Tourismusdestination zu verwandeln.

Ein Besuch dort drängte sich also auf!

Viele von uns erinnern sich daran,

was sie am 21. Juli 1969

machten, am Tag, als der erste

Mensch den Mond betrat. Oder am 11.

September 2001, dem Tag der Attentate

in New York. In der Region Hautsde-France,

vor allem im Departement

Nord-Pas-de-Calais rund um die Städte

Valenciennes, Lens und Douai, ist für

viele dagegen der 30. Juni 2012 ein solch

herausragendes Datum, das sie nicht

vergessen werden. An jenem Tag kündigte

nämlich die anlässlich einer Sondersitzung

in Sankt Petersburg versammelte

UNESCO-Kommission an,

das nordfranzösische Kohlebecken als

« dynamische, lebendige Kulturlandschaft

» in die Welterbeliste aufzunehmen.

Für die Bewohner dort war das

mehr als « nur » eine verwaltungstechnische

Entscheidung auf internationaler Ebene, es war vor

allem eine Auszeichnung der geleisteten Anstrengungen,

die bei den Menschen tiefe Freude hervorrief: Zehn Jahre

voller hartnäckiger Arbeit waren notwendig gewesen, um

die Klassifizierung zu beantragen und sich für sie einzusetzen.

Allein die Unterlagen für die Präsentation gegenüber

der UNESCO wogen mehr als zehn Kilo. Darüber hinaus

entstand aber auch eine riesige Hoffnung auf eine weitere,

langersehnte Anerkennung, nämlich die Anerkennung als

ernst zu nehmender Akteur in Sachen Tourismus. Am 30.

Juni 2012 war das kleine Bergbaugebiet also von einem Tag

auf den anderen ein Weltkulturerbe geworden, gleichrangig

mit « Weltwundern » wie den Pyramiden von Ägypten

und der Chinesischen Mauer: der kleine, 120 Kilometer

lange und etwa 12 Kilometer breite Streifen, dessen geologische

Spezifität ein ausgedehntes Kohlevorkommen ist,

das sich über das Departement Nord-Pas-de-Calais hinaus

nach Belgien, ins Ruhrgebiet und noch weiter erstreckt

und in dem sich Stollen in einer Länge von mehr als

100 000 Kilometern befinden. Die Menschen waren erfreut

und Hoffnung keimte auf, dass sich damit das Image

des kleinen Winkels, der lange Zeit von Touristen links

liegen gelassen worden war, nun endlich ändern würde.

Denn ja, dieser kleine Winkel im Norden Frankreichs hatte

genug Potenzial, um Besucher in Erstaunen zu versetzen!

Wie sich heute zeigt, war der Optimismus nicht vergebens,

sondern führte dazu, dass – angetrieben von einem

unglaublichen Elan – in nur zehn Jahren einige touristische

Prunkstücke entstanden sind.

Die wundersame Verwandlung

der « schwarzen Berge »

Wenn man sich dem Bergbaurevier Nord-Pas-de-

Calais nähert – vor allem aus der Richtung von Lens –,

stechen einem zuallererst riesige Hügel ins Auge, die

man schon von Weitem erblickt: die « schwarzen Berge »

oder « schwarzen Pyramiden », wie sie hier genannt werden.

Ihre beeindruckende Präsenz lässt sich schon alleine

durch ihre Anzahl erklären: In der gesamten Region

50 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 51


FRANKREICH HEUTE Kultur

Rosa Bonheur

Eine grandiose Künstlerin und eine beeindruckende Frau

Feministin, unabhängig, nonkonformistisch: Alle

diese Ausdrücke beschreiben die bemerkenswerte

französische Künstlerin Rosa Bonheur

(1822-1899). Wie Georges Sand (1804-1876) oder

später Colette (1873-1954) in der Welt der Literatur

machte sie nie einen Hehl aus ihrem unstillbaren

Drang nach Freiheit und dem Wunsch,

dem Akademismus der damaligen Zeit zu entkommen.

Und das Ganze noch dazu in Männerhosen,

in einer Zeit, in der Frauen ein solches

Kleidungsstück nur mit einer besonderen Genehmigung

tragen durften! Sie war die Erste, die

der Tiermalerei die Anerkennung als Kunstgattung

der gegenständlichen Malerei verschaffte.

Um den 200. Geburtstag dieser Frau mit einer

faszinierenden Persönlichkeit gebührend zu feiern,

organisierte man in ihrer Heimatstadt Bordeaux

eine bedeutende Ausstellung ihrer Werke,

die im Anschluss in Paris zu sehen sein wird. Bei

dieser Gelegenheit kann man eine erstaunlicherweise

selbst in Frankreich vielfach unbekannte

Künstlerin entdecken, die im 19. Jahrhundert auf

der ganzen Welt gefeiert wurde und deren wegbereitendes

Engagement in Sachen Feminismus

und Ökologie selbst heute noch verwirren kann.

Linke Seite: Tête de chien, 1869.

Oben: Porträt von Rosa Bonheur, 1857, Edouard-

Louis Dubufe (1819-1883) und Rosa Bonheur (den

Kopf des Rindes malte Rosa Bonheur selbst).

Man hat heutzutage schon nahezu vergessen,

dass es Zeiten gab, in denen es für Frauen absolut

keine Selbstverständlichkeit war, eine

Hose zu tragen. Laut einer Verordnung vom 7. November

1800, die in der Folge durch den von Napoleon 1804 eingeführten

Code civil bestätigt wurde, galt in Frankreich

damals « jede Frau, die eine Hose trägt » als « verkleidet »

und musste von der Polizei festgenommen werden. Ausnahmen

galten nur während des Karnevals oder mit einer

« Sondergenehmigung », die teilweise aus gesundheitlichen

Gründen ausgestellt wurde. Derselbe Code civil

stufte im Übrigen verheiratete Frauen als zweitrangig und

der Autorität des Mannes unterstellt ein. Sie konnten weder

einen Vertrag unterzeichnen, noch ihr Hab und Gut

selbst verwalten. Kurz: Sofern man nur den kleinsten

Wunsch nach Freiheit und Emanzipation verspürte, war

es wirklich kein Spaß, im 19. Jahrhundert in Frankreich

als Frau geboren worden zu sein.

Die « Erlaubnis zur Verkleidung »

Vor diesem Hintergrund ist man zwangsläufig erstaunt

– vielleicht sogar ergriffen! –, wenn man heutzutage

Fotos oder Porträts von Rosa Bonheur sieht.

Die Künstlerin schien weit davon entfernt zu sein, die

Gebräuche der patriarchalischen Gesellschaft, in der

sie lebte, zu respektieren, denn sie scheute nicht davor

zurück, sich mutig mit einem halblangen Bubikopf zu

zeigen, was bei Frauen der damaligen Zeit bereits eine

absolute Seltenheit war. In der Hand oder im Mund hielt

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 59


FRANKREICH HEUTE Gesellschaft

BAYEUX

Eine Stadt engagiert sich

für Kriegsberichterstatter

wenn es darum geht, die Welt mit frei zugänglichen Informationen

aus Kriegsgebieten zu versorgen. Abgesehen

von Brancheninsidern wissen nur wenige, dass Bayeux als

erste befreite Stadt Frankreichs nicht nur eine Gedächtnisstätte

für Reporter besitzt, die bei der Ausübung ihres

Berufes getötet wurden, sondern dass die Stadt 1994,

anlässlich des 50. Jahrestages der Landung der Alliierten

in der Normandie, ein alljährlich stattfindendes Ereignis

ins Leben rief, in dessen Rahmen der Prix Bayeux des

correspondants de guerre verliehen wird. Auf diese Weise

will man den Kriegsjournalisten und ihrer Arbeit Anerkennung

zollen. Das Engagement erscheint uns auch

vor dem Hintergrund interessant, dass in diesem Jahr

ein Deutscher den Vorsitz der Jury hat: der international

renommierte Kriegsberichterstatter Thomas Dworzak. Er

wurde 1972 in Bayern geboren und berichtet seit Anfang

der 1990er-Jahre aus Krisengebieten auf der ganzen Welt.

Seit 2000 ist er Mitglied der bekannten Agentur Magnum

Photos, deren Vorsitz er von 2017 bis 2021 innehatte. Er

veröffentlicht regelmäßig in internationalen Medien wie

The New Yorker, Newsweek, The New York Times und Paris

Match. 2001 erhielt er für eine Reportage aus Tschetschenien

den World Press Photo Award. Heute lebt Thomas

Dworzak in Paris.

Vom 3. bis 9. Oktober 2022 ist die normannische Stadt Bayeux (Calvados) ein Treffpunkt für Kriegsberichterstatter,

in dessen Rahmen zum 29. Mal der renommierte Prix Bayeux des correspondants de guerre

verliehen wird. Der Preis wurde 1994 von der Stadt gemeinsam mit dem Departement Calvados und

der Region Normandie lanciert, um Journalisten aus der ganzen Welt zu würdigen, die für die Berichterstattung

aus Krisengebieten ihr Leben riskieren. Über die Verleihung der Trophäen in den vier Kategorien

(Printmedien, Radio, Fernsehen und Fotografie) hinaus, will die Veranstaltung gleichzeitig ein Forum

für den Austausch mit der Öffentlichkeit bieten. In der ganzen Stadt finden daher in dieser Zeit

zahlreiche Treffen, Debatten und Ausstellungen statt. Die perfekte Gelegenheit, einen ganz anderen

Aspekt von Bayeux zu entdecken.

Treue Leser von Frankreich erleben wissen nur zu gut,

dass wir unserer Neugier für Frankreich besonders

gern durch Reportagen Ausdruck verleihen, die

nichts mit einer « Postkartenidylle » oder klassischen touristischen

Klischees gemeinsam haben. Immer wieder stellen

wir fest, dass in Frankreich unzählige Initiativen existieren

– von denen viele selbst bei Franzosen relativ unbekannt

sind –, durch die man dieses Land auf eine etwas

andere, differenziertere Art kennenlernen kann. Ein Beispiel

dafür ist die charmante Stadt Bayeux in der Normandie:

Ohne Frage können Sie sich einen Eindruck von ihr

verschaffen, indem Sie « ganz einfach » durch ihre gepflasterten

Gassen mit den typischen Fachwerkhäusern flanieren,

die großartige Kathedrale besichtigen oder den beeindruckenden,

berühmten Wandteppich aus dem 11. Jahrhundert

bewundern, der Teil des UNESCO-Weltkulturerbes

ist und dessen Restaurierung wir im Übrigen im letzten

Jahr einen Artikel gewidmet haben (Der Wandteppich von

Bayeux soll wieder in altem Glanz erstrahlen, Frankreich erleben

Nr. 80, Frühjahr 2021). Eine solche Besichtigung bietet

in der Tat die Möglichkeit, unzählige Dinge zu entdecken

und einen angenehmen Aufenthalt zu verleben.

Unser jüngster Besuch in Bayeux hatte jedoch das Ziel,

Ihnen die Stadt unter einem ganz anderen, einem « engagierteren

» Blickwinkel vorzustellen, einem Blickwinkel

nämlich, der gerade aufgrund der derzeitigen Ereignisse

sehr aktuell ist. Der Krieg in der Ukraine erinnert uns

täglich daran, wie unverzichtbar Kriegsreporter sind,

Thomas Dworzak, Sie wurden 1972

in Kötzing geboren. Wie kamen Sie

als « bayerisches Kind » zu dem Entschluss,

nicht nur Fotograf, sondern

gleich Kriegsfotograf zu werden?

Ich gebe zu, dass es sehr speziell

ist, wenn man Lust darauf

verspürt, den Krieg zu fotografieren.

Die Frage, wie es dazu kam, habe ich

mir oft gestellt und kann sie selbst heute

noch nicht wirklich beantworten. Ich stamme aus einer

Lehrerfamilie und hatte eine sehr glückliche und behütete

Kindheit – das Gegenteil also von der Welt, in der

ich mich als Fotograf und Kriegsberichterstatter bewege.

Zudem war ich weder ein besonders mutiges Kind noch

hatte ich eine Vorliebe für militärische Auseinandersetzungen.

Daher mag die Berufswahl umso seltsamer erscheinen.

Ich erinnere mich lediglich daran, dass mich die

Fotografie schon sehr früh angezogen hat, aber das ist bei

vielen Kindern der Fall. Vermutlich spielte die Reiselust

eine Rolle, denn schon früh verspürte ich eine Neugier

auf das « Anderswo », den Drang nach radikalen Veränderungen,

extremen Herausforderungen. Vielleicht auch

den Wunsch, zu provozieren. Möglicherweise wollte ich

mit meiner Tätigkeit mehr oder weniger unbewusst die

Schicksale einiger Familienmitglieder würdigen, wollte,

dass diese nicht in Vergessenheit geraten: Mein Großvater

mütterlicherseits starb im Krieg, ein Teil der Familie wurde

in die Tschechoslowakei deportiert … Wie gesagt, genau

weiß ich es nicht, mit großer Wahrscheinlichkeit hat

all das ein bisschen zu meiner « Berufung » beigetragen.

Im letzten Jahr blieb der Name eines Preisträgers in der Kategorie

Foto zum ersten Mal in der Geschichte dieses Preises aus

Sicherheitsgründen anonym. Es handelt sich um einen aus Rangun

stammenden Birmanen, der den Staatsstreich der birmanischen

Armee dokumentierte. Er berichtete bereits über zahlreiche soziale

Konflikte in Myanmar, seine Arbeiten wurden in so bekannten

Zeitungen und Zeitschriften wie GEO, National Geographic Magazine,

Stern, La Repubblica, New York Times und Wall Street Journal

veröffentlicht. Auf dem Plakat des Prix Bayeux ist eines seiner Fotos

abgebildet. Es zeigt Demonstranten, die sich am 28. März 2021 in

Rangun mit selbst gebastelten Waffen gegen Sicherheitskräfte – die

allerdings scharfe Munition in ihren Waffen hatten – zur Wehr setzten.

Auf jeden Fall sind Sie ein sogenannter Autodidakt: Nachdem

Sie das Abitur bestanden hatten, beschlossen Sie, ohne fotografische

Ausbildung oder entsprechende Kontakte loszuziehen. Sie

gingen unter anderem ins ehemalige Jugoslawien, wo gerade

Krieg herrschte …

Genau. Das war mit Sicherheit nicht sehr vernünftig.

Für mich war es aber wie ein « Ruf », ich verspürte das Bedürfnis,

dorthin zu gehen. Zunächst versuchte ich, so gut

es ging zurechtzukommen. So schickte ich unter anderem

einige Fotos an die taz, in der Hoffnung, auf diese Weise

in der Welt der Kriegsfotografie Fuß fassen zu können.

Meiner Erinnerung nach wurde jedoch keines davon veröffentlicht.

Bereits einige Jahre zuvor hatten Sie in Frankreich entdeckt,

dass Fotografieren ein Beruf sein kann, dass es sogar ein Modell

gibt, das sich unter Umständen wirtschaftlich rechnen

66 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 67


FRANKREICH HEUTE Kultur / Serie

Pablo Picasso

Teil 1: Der Ausländer, den Frankreich nicht akzeptieren wollte

Im ersten von zwei Artikeln, die sich Picasso widmen, stützen

wir uns auf erstaunliche Nachforschungen der französischen

Historikerin Annie Cohen-Solal, die auch zu einer

vor Kurzem in Paris zu Ende gegangenen Ausstellung geführt

haben. Sie erfahren mehr über einen unbekannten

Picasso, der uns sehr berührt hat. Über einen Mann, der 40

Jahre lang von den französischen Behörden als ungebetener

Gast wahrgenommen – und polizeilich registriert! –

wurde, als Ausländer, als eine « extrem links » stehende Person,

mit einem für die Gesellschaft potenziell gefährlichen

Gedankengut. So unglaublich es heute auch erscheinen

mag, aber als der damals bereits weltberühmte Künstler

die französische Staatsbürgerschaft beantragte, wurde dieser

Antrag abgelehnt …

Die anerkannte Historikerin, Universitätsprofessorin und Forscherin

konnte es selbst nicht glauben: Als sie 2014 mit umfangreichen

Forschungen über Pablo Picasso begann, die sechs Jahre

dauern sollten, war sie nicht darauf gefasst, über den bekannten Künstler

hinaus einen, wie sie schreibt, « Verdächtigen » kennenzulernen, « einen

Ausländer », der im Oktober 1900 « zum ersten Mal nach Paris kommt,

von der Pariser Polizei registriert wird und dies zeit seines Lebens bleibt ».

Auf der Basis ihrer Recherchen publizierte die Historikerin ein beeindruckendes,

über 700 Seiten umfassendes Werk. Legt man es aus der Hand,

ist man zwangsläufig ebenso überrascht, wie sie es war. Schließlich glaubte

man, das Leben Picassos zu kennen. Doch weit gefehlt! Was man liest, ist

so aufschlussreich über die geringe Wertschätzung, die Frankreich dem

Maler entgegenbrachte – und das ist noch milde ausgedrückt! –, dass

einem davon kalte Schauer über den Rücken laufen. Picasso, der sich als

spanischer Republikaner bedroht fühlte und anlässlich der Ausstellung in

München im Jahr 1937 sogar als « entarteter Künstler » bezeichnet wurde,

hoffte lange Zeit, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten. Nicht

nur, dass Frankreich ihm diese nicht zuerkannte, obwohl er bereits weltweit

renommiert war, man setzte ihm darüber hinaus unablässig zu, häufte

Berichte, Befragungen, Nachforschungen und Korrespondenz über ihn

und sein Umfeld an. Die traurige Geschichte ist die unglaubliche Geschichte

des kolossalen Versagens der französischen Administration. Ein

Linke Seite: Besucher der Ausstellung Picasso l'étranger im Musée

de l’Histoire et de l’Immigration vor einem Werk Picassos.

Oben: Porträt von Picasso im Atelier in der Rue Schoelcher, Paris,

um 1915/16, vermutlich von Georges de Zayas (1898-1967).

Zum Kontext dieser Serie

2023 werden Frankreich und viele andere

Länder den 50. Todestag von Pablo Picasso

(1881-1973) begehen. Aus diesem Anlass

erschien es uns interessant, uns etwas

vom « klassischen » Porträt des Künstlers

zu entfernen, wie man es oft in den Medien

finden kann. Denn allzu oft beschränken

sich die Berichte über Picassos Leben

darauf, ihn als « einen der größten Künstler

unserer Zeit » zu loben. Sicher ist er das.

Diese Beschreibung wird aber der Person

des Malers nicht gerecht, denn es gibt noch

andere Facetten in seinem Leben, die zu

einem umfassenden Bild dazugehören.

Obwohl man das Gefühl hat, über Picasso

sei bereits alles – oder fast alles – gesagt

und geschrieben worden, wurden in

jüngster Zeit Arbeiten veröffentlicht, die mit

dem Thema differenzierter umgehen. Sie

sind in unseren Augen hilfreich, den großen

Maler, den Menschen und sein Leben aus

einer anderen Perspektive zu betrachten.

72 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 73


ART DE VIVRE Wein

Claire Lurton,

Eigentümerin von Château Haut-Bages

Libéral (Pauillac, Grand Cru Classé)

80 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 81


ART DE VIVRE Rezept

Vor Kurzem leitete mir die Redaktion die Nachricht unserer

Leserin Angelika Wiedmaier weiter, über die ich mich beson-

ders gefreut habe (siehe Rubrik Leserbriefe auf Seite 79).

Liebe Angelika, ich gestehe, dass es mir genauso geht wie Ihnen:

Wenn ich in der Bretagne bin, kann ich dem traditionellen Dessert,

der Crème caramel au beurre salé, nicht widerstehen. Es ist wirklich ein

Genuss! Insofern teile ich heute mit Vergnügen dieses leckere Rezept

mit Ihnen und allen anderen Lesern. Ich persönlich übergieße die

Crème caramel nicht mit einer « normalen » Karamellsauce, sondern

bereite dafür vorab eine Karamellsauce mit gesalzener Butter zu,

wie sie in der Bretagne auch als Ersatz für Marmelade oder andere

Brotaufstriche verwendet wird. Sie wird besonders cremig, sodass man

mit ihr die Crème caramel gut überziehen kann. Die Karamellsauce,

die sich wie Marmelade in einem Glasgefäß aufbewahren lässt, eignet

sich auch sehr gut zum Füllen von Crêpes. Sie erhalten diesmal also

gleich zwei Rezepte in einem. Auf diese Weise können Sie die Breta-

gne ein bisschen zu sich nach Hause holen! Bonne dégustation!

Crème caramel

au beurre salé

1) Sauce caramel au beurre salé: für 1 Marmeladenglas / Zubereitung: etwa 20 Minuten • 2) Crème caramel au beurre salé:

für 4 bis 6 Portionsgläschen (je nach Größe) Zubereitungszeit: etwa 15 Minuten (+ etwa 1 Stunde zum Abkühlen)

1) Sauce caramel au beurre salé

Zutaten:

350 g Zucker

100 g leicht gesalzene Butter*

300 g flüssige Sahne*

Zubereitung:

• Flüssige Sahne in einem

Topf langsam erwärmen.

• Etwa 1/3 des Zuckers in einem

zweiten Topf ohne Zugabe von

Flüssigkeit schmelzen lassen.

Dabei darauf achten, dass er nicht

verbrennt. Den Rest des Zuckers

nach und nach unter langsamem

Rühren zugeben. Der Zucker muss

allmählich schmelzen, ohne die

Farbe zu verändern. Wenn der

gesamte Zucker geschmolzen ist

und beginnt, eine goldgelbe Farbe

anzunehmen, die gesalzene Butter

zugeben. So lange rühren, bis eine

homogene Mischung entstanden ist.

• Die warme flüssige Sahne zugeben

und verrühren. Bei einer Temperatur

von 107° C wird Karamell perfekt

cremig. Daher sollten Sie nach

Möglichkeit die Temperatur überwachen

und sobald diese erreicht

ist, die Sauce in das Glas füllen.

• Abkühlen lassen und mit einem

Deckel verschließen. Der entstandene

Karamell wird beim

Abkühlen fest. Man kann ihn

kalt oder warm genießen. In ein

heißes Wasserbad gestellt, wird

der Karamell wieder flüssig.

2) Crème caramel au beurre salé

Zutaten:

330 g flüssige Sahne*

2 g gelbes Pektin, ersatzweise

ein anderes Geliermittel

(das pflanzliche Geliermittel

Agar-Agar aus Algen

eignet sich ebenfalls gut)

40 g Zucker

3 Eigelb

1 Vanilleschote

Etwas von der zuvor zubereiteten

Karamellsauce

aus gesalzener Butter

Zubereitung:

• Vanilleschote der Länge nach aufschneiden

und das Mark mit einem

Messer herauskratzen. Schote und

Mark zusammen mit der flüssigen

Sahne in einen Topf geben und

zum Kochen bringen. Zucker und

Geliermittel (Pektin oder Agar-

Agar) zugeben, dabei kontinuierlich

mit einem Holzlöffel umrühren.

• Von der Kochstelle nehmen, Vanilleschote

herausnehmen, Eigelbe

einrühren, gut vermischen.

• Die Mischung in die Gläschen

verteilen, abkühlen lassen

und etwa eine Stunde in den

Kühlschrank stellen.

• Vor dem Servieren etwas von

der noch cremigen Karamellsauce

mit gesalzener Butter

in jedes Gläschen geben.

* Hinweis: Wenn Sie die Gelegenheit

haben, französische Produkte zu kaufen,

nehmen Sie als Butter « Beurre demisel

» und als Sahne « Crème fleurette »

oder « Crème fraîche liquide ».

92 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 93


ART DE VIVRE Produkt

Serie: Typisch französische Produkte (34)

Terre de Sommières

Ein natürliches Pulver, das Wunder bewirkt

Sommières ist ein friedliches, kleines Örtchen im Departement

Gard, in der Region Okzitanien, rund 30

Kilometer von Nîmes und Montpellier entfernt.

Dort lächeln die Einwohner, wenn Touristen staunend entdecken,

welch wunderbare Eigenschaften das berühmte

Produkt hat, das aus dem Boden des Ortes stammt: die

Terre de Sommières. Dabei kostet ein Beutel des Pulvers, das

man im Übrigen in ganz Frankreich in Drogerien, Bioläden

und Supermärkten (Abteilung Reinigungsprodukte)

erhält, nur ein paar Euro. Man muss wissen, dass die Terre

de Sommières in Sommières ein regelrechtes Kultprodukt

ist. Seit dem 19. Jahrhundert trifft man sie in fast allen

Haushalten an, wo sie erfolgreich andere Reinigungsprodukte

und chemische Mittel, die üblicherweise für die Fleckenentfernung

verwendet werden, ersetzt hat. Grund genug

also, dass man auf die feine, tonhaltige « Erde aus

Sommières » stolz ist, genauso stolz wie auf die Landschaft

in der Umgebung, die beispielsweise Claude Berri dazu inspirierte,

hier Mitte der 1980er-Jahre seinen berühmten

Film Jean de Florette mit Yves Montand, Daniel Auteuil

und Gérard Depardieu zu drehen. Oder so stolz wie auf das

mittelalterliche Stadtzentrum, die berühmte Pont Tibère

aus dem 1. Jahrhundert, über die man den Fluss Vidourle

überquert, nicht zu vergessen natürlich die Weine der

AOC Sommières. Doch was hat es mit diesem seltsamen

Pulver eigentlich auf sich, das jeder, der es einmal getestet

hat, aufgrund seiner Wirksamkeit als « Wundermittel » bezeichnet?

Zunächst eine Feststellung: Man muss es mit eigenen

Augen gesehen haben, um es zu glauben, aber die Terre

de Sommières hat in der Tat alles von einem « Wunder-

Reinigungsmittel »! Einige Gramm dieses beigen, ockerfarbenen

oder grünen Tonpulvers – die Farbe hängt vom

Ort ab, an dem es abgebaut wird – auf einen hartnäckigen

Fleck gestreut reichen aus, damit dieser nach einer gewissen

Wartezeit (je nach Fleck einige Minuten bis ein paar

Stunden) und nach dem Entfernen des Pulvers « einfach

so » verschwunden ist. Noch dazu ganz ohne Reiben, als

sei er « absorbiert worden »! Besonders gut funktioniert das

bei hartnäckigen, oft fetthaltigen Flecken wie Öl, Butter,

Schmiere oder Blut. Dies zu sehen, ist in der Tat magisch

… Umso mehr, als dass dies nicht die einzige Eigenschaft

der Terre de Sommières ist. Denn sie kann zudem

auf den verschiedensten Oberflächen angewendet werden

(Fliesen, Teppichboden, Vorhänge, Sofas, Kleidungsstücke

…) bis hin zu so empfindlichen Materialien wie Glattund

Wildleder. Ränder entstehen dabei keine. Und als ob

die Entfernung von Flecken nicht ausreichen würde, die

Terre de Sommières neutralisiert zudem noch sehr effizient

unangenehme Gerüche wie Hunde- oder Katzenurin.

Fazit: Es handelt sich dabei um ein unentbehrliches Reinigungsmittel,

das man unbedingt im Haus haben sollte.

Französische Großmütter – und nicht nur aus Sommières

– werden Ihnen bestätigen, dass dieses 100 % natürliche

und ökologische Pulver ein kleines « Zaubermittel » ist,

das weder für Menschen oder Tiere noch für die Umwelt

eine Gefahr darstellt.

Diejenigen, die uns kennen, werden sich denken

können, dass wir in der Redaktion neugierig werden und

mehr darüber wissen möchten, wenn die Wirksamkeit eines

Produktes derart gelobt wird. Also haben wir uns in

alte Chemieunterlagen und Fachliteratur über Mineralogie

vertieft, um zu verstehen, was dieses kleine « Wunder »

auslöst. Die erste Feststellung: Terre de Sommières ist im

Grunde ein Name für das tonartige Mineral Montmorillonit,

das – ohne nun zu sehr ins Detail zu gehen – aus

Aluminium, Kalzium, Magnesium, Silizium, Sauerstoff

und Wasserstoff besteht. Es gibt davon noch andere

Vorkommen auf unserem Globus, unter anderem in den

Vereinigten Staaten – in Utah, Wyoming und Texas –

oder in Marokko, wo die Terre de Sommières Savon de

Fez genannt wird. Das erste Vorkommen in Frankreich,

das bereits vor demjenigen in Sommières entdeckt wurde,

befindet sich in Montmorillon (Vienne).

Die zweite Feststellung: Zu den bemerkenswertesten

Eigenschaften gehören das Absorptionsvermögen und das

Aufquellen beim Kontakt mit Wasser. Das Pulver kann bis

zu 80 % seines Gewichts an Wasser aufnehmen und ist daher

verständlicherweise in vielen Bereichen äußerst hilfreich,

nicht nur was die Trockenreinigung im Haushalt angeht. In

der Landwirtschaft wird es unter anderem eingesetzt, um

die Bewässerung zu reduzieren, in der Körperpflege ist es

in der Zusammensetzung von Trockenshampoos enthalten,

die Industrie benutzt es als Hilfsmittel zum Filtern und

die pharmazeutische Industrie als Bestandteil von Mitteln

gegen Magenschmerzen. In Frankreich prüft man derzeit

einen möglichen Einsatz zum Füllen unterirdischer Depots

mit hoch radioaktiven Abfällen in Bure (Meuse).

In dieser Serie werden Produkte vorgestellt,

die sich in fast jedem französischen Haushalt

befinden oder die für viele Franzosen kleine

Nationalheiligtümer sind. In den letzten

Ausgaben sind erschienen: Hollywood- und

Malabar-Kaugummis (Nr. 51), Petit Suisse

(Nr. 52), Orangina (Nr. 53), Duralex-Gläser

(Nr. 54), Messer (Nr. 55), L’école des loisirs

(Nr. 56), Sophie la girafe (Nr. 57), Eau de Javel

(Nr. 58), Bol à prénom (Nr. 59), Bistrostuhl

Bei unseren Nachforschungen hat eine Information

unsere Aufmerksamkeit ganz besonders gefesselt: Vor

nicht allzu langer Zeit haben Forscher neue Montmorillonit-Vorkommen

entdeckt … und zwar auf dem Mars! Dies

macht die Terre de Sommières noch ein wenig sympathischer

und den Stolz der Bewohner von Sommières auf ihr

erstaunliches Tonpulver mit Sicherheit noch ein bisschen

größer!

« Drucker » (Nr. 60), der gelbe Briefkasten der Tierbau » (Nr. 74), Savon de Marseille (Nr. 75),

Post (Nr. 61), Papier d’Arménie (Nr. 62), Salz La das gelbe Ölzeug von Guy Cotten (Nr. 76), die

Baleine (Nr. 63), Literatursammlung La Pléiade Künstlerfarben Lefranc Bourgeois (Nr. 77), der

(Nr. 64), Zitronenpresse aus Glas von Luminarc Parapluie de Cherbourg (Nr. 78), der Briefkasten

(Nr. 65), Boules Quies (Nr. 66), Ricard aux plantes « Made in Alsace » für Frankreichfans (Nr. 79),

fraîches (Nr. 67), Eau de Châteldon (Nr. 68), Le Meteor, die größte der kleinen Brauereien

Livre de Poche (Nr. 69), Gemüsepassiergerät Frankreichs (Nr. 80), Chanel N°5, die

Moulinex (Nr. 70), Herbes de Provence (Nr. berühmteste Nummer in der Welt der Düfte

71), Cacolac (Nr. 72), L’Image d’Épinal (Nr. 73), (Nr. 81) und Lunii, « der Geschichtenerzähler »

La Hulotte, « das meistgelesene Magazin im (Nr. 82) und der Senf Louit Frères (Nr. 83).

94 · Frankreich erleben · Herbst 2022

Frankreich erleben · Herbst 2022 · 95


GUÉWEN A TESTÉ

Lassen Sie sich von

uns überraschen!

… die (letzte)

elektronische

Zeitansage

Um was handelte es sich genau?

Die elektronische Zeitansage, in Frankreich

Horloge parlante genannt, war ein kostenpflichtiger

Telefondienst (1,50 €), bei dem man

unter der Nummer 3699 täglich rund um die

Uhr die in Frankreich offiziell gültige Uhrzeit

abfragen konnte. Das Ganze zudem äußerst

präzise. Die Ansage wurde « sprechende

Uhr » genannt, weil die exakte Uhrzeit von

einer (synthetischen) Stimme nach einem

immer gleichen Schema angekündigt wurde:

« Beim vierten Zeitzeichen ist es 10 Uhr, 21

Minuten und 40 Sekunden … ». Neugierige

können sich unter folgendem Link anhören,

wie das geklungen hat: https://syrte.

obspm.fr/spip/IMG/mp3/hp1991_f.mp3

Warum spreche ich in der Vergangenheit?

Der Dienst, der fast 90 Jahre in Betrieb war,

wurde am 1. Juli urplötzlich eingestellt. Der

Netzbetreiber Orange sprach von einer « regelmäßig

und deutlich sinkenden » Zahl der

Anrufe, die schließlich zur Einstellung der

Zeitansage geführt hat, obwohl die Horloge

parlante zum « industriellen Erbe » Frankreichs

zählte. Doch die Zahlen sprechen für sich:

Während es in den 1990er-Jahren noch mehr

als eine Million Anrufe pro Jahr waren, lag

die Zahl inzwischen nur noch bei einigen Zehntausend.

Inwiefern gehörte diese Zeitansage zum

französischen industriellen Erbe?

Die Horloge parlante war immerhin das erste automatisierte

System dieser Art auf der Welt. Sie wurde am 14. Februar

1933 eingeweiht und befand sich im Erdgeschoss des

Pariser Observatoriums. Gleich am Starttag kam es mit

140 000 Anrufen zu einem denkwürdigen « Stau » in den

Leitungen. Das Funktionsprinzip war damals dasselbe wie

beim Tonfilm. Die Ansage der Stunden, Minuten und Sekunden

wurde durch eine männliche Stimme gesprochen,

(auf 90 verschiedene Tonstreifen) aufgenommen, die mit

der Anzeige Au quatrième top, il sera exactement … verknüpft

waren. Das Gerät wurde durch einen Elektromotor

betrieben, der wiederum durch ein Pendel gesteuert wurde.

Hat sich das System weiterentwickelt?

Ja. Die Technologie wurde immer wieder modernisiert,

die letzte bedeutende Neuerung fand 1991 statt. Dabei

verschwand das Wort exactement aus der Ansage, und

die synthetische Stimme war abwechselnd die einer

Frau und die eines Mannes. Eine echte Revolution!

Warum trauern die Franzosen

(bereits) der Zeitansage nach?

Wenn Sie Franzosen nach der Horloge parlante fragen,

werden Sie feststellen, dass zumindest die über Vierzigjährigen

mit einer rührenden Sehnsucht von ihr sprechen.

Die Sehnsucht nach einer Zeit, als man noch Telefone

benutzte, die eine Wählscheibe und ein Kabel hatten!

Damals gab es keine andere Möglichkeit als diesen

Dienst, wenn man seine Armbanduhr genau stellen wollte.

Viele erinnern sich noch daran, wie sie als Kinder die

Nummer anriefen – oftmals im Geheimen, ohne Wissen

der Eltern –, nur um einmal das zu hören, was man sich

damals als eine der ersten « Roboterstimmen » vorstellte.

Es ging also um weit mehr, als um die genaue Uhrzeit,

es ging um eine Art imaginäre Welt … Die Ingenieure,

die für die Horloge parlante verantwortlich waren, halten

trotz der Abschaffung der Zeitansage aus symbolischen

Gründen den (kostenlosen) Zugang zur genauen Uhrzeit

per Internet aufrecht: www.heurelegalefrancaise.fr

Ist Frankreich trotzdem noch ein

bisschen « Herrscher über die Zeit »?

Was die Zeit angeht, so spielt Frankreich auch nach der

Abschaffung der elektronischen Zeitansage weiterhin

eine wichtige Rolle. Das offizielle « internationale Büro

für Maß und Gewicht » hat seinen Sitz nach wie vor

in Sèvres, einem Vorort von Paris. Dieser Institution

obliegt die große Verantwortung, die koordinierte

Weltzeit (UTC) zu bestimmen. Dies erfolgt auf der

Basis von rund 450 Uhren und etwa zehn Frequenznormalen,

die an mehr als 80 Orten auf der Welt verteilt

sind. Insofern hat Frankreich auch ohne die Horloge

parlante die Sicherheit, in gewisser Weise noch immer

ein wenig « Herrscher über die Zeit » zu sein …

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Liebe Leserinnen und Leser,

in Situationen wie der jüngeren Vergangenheit

tun Aktivitäten wie Lesen und eventuell sogar

die Vorbereitung des nächsten Frankreichurlaubs

mehr denn je gut.

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96 · Frankreich erleben · Herbst 2022

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