15.08.2022 Aufrufe

FOCUS-MONEY-34-2022_Vorschau

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

FocusMoney Cover


Alle FOCUS-Titel to go.

focus-shop.de

JETZT

E-PAPER LESEN:


moneyeditorial

EDITORIAL

FRANK MERTGEN

stellv. Chefredakteur

FOCUS-MONEY

Target Deutschland

Gas, Gas, Gas. Alles dreht sich in Deutschland um den

Gaspreis, aus bekannten Gründen. Ökonomischer Horror

kann aber auch aus einer anderen Ecke kommen.

Bekanntlich wählt Italien am 25. September und unverändert

stehen die Zeichen auf Sieg für eine rechte Koalition aus „Brüdern

Italiens“, Lega und der Forza Italia des früheren Ministerpräsidenten

Silvio Berlusconi.

Vermutlich haben Sie schon länger nichts mehr von den

Target-2-Salden gehört, jenem Verrechnungssystem, über das

die grenzüberschreitenden Zahlungen zwischen der Europäischen

Zentralbank (EZB) und den nationalen Zentralbanken

des Euro-Systems wie der Bundesbank laufen. Die Salden geben

dabei die Forderungen und Verbindlichkeiten an, die bei

den nationalen Notenbanken entstehen. Der bekannte Vermögensverwalter

Jens Ehrhardt wies vergangene Woche

darauf hin, dass die Target-Verbindlichkeiten Italiens einen

neuen Rekord erreicht haben, mit einer Höhe von fast 600 Milliarden

Euro. Das sind 100 Milliarden Euro mehr als der deutsche

Bundeshaushalt.

Diese Summe muss man jetzt mit der Programmatik der

„Brüder Italiens“ zusammenbringen. Die peilen den Austritt

des Stiefel-Staats aus der EU nach dem schlechten britischen

Brexit-Vorbild nicht mehr offiziell an, aber sie haben den Italexit

schon im Programm gehabt und können durchaus glaubhaft

damit drohen. Dann begänne das große Zittern. Die 600

Milliarden Euro sind dann nicht mehr irgendein Posten, der

sich insgesamt auf der Ebene des gesamten Euro-Systems ausgleicht.

Das „wäre aus der Sicht der EZB und ihrer Eigentümer

eine UNBESICHERTE (meine Betonung), in Euro denominierte

Forderung gegenüber einer ausländischen Zentralbank,

welche ordnungsgemäß nur durch die Übertragung entsprechend

werthaltiger Aktiva aufgelöst werden könnte“, wie die

Privatbank Warburg analysiert.

Selbst wenn die Italiener, besser ihre Notenbank, solches zur

Verfügung hätten, scheint unvorstellbar, dass diese Aktiva der

EZB übertragen würden. Muss die Forderung abgeschrieben

werden, hätte Deutschland davon mehr als ein Viertel zu tragen,

also mehr als150 Milliarden Euro. Über so hohe Reserven

und Grundkapital verfügt nicht einmal die Bundesbank.

Dann muss der Steuerzahler unmittelbar im Fall einer Rekapitalisierung

einspringen oder der Bundesfinanzminister

muss endlose Jahre auf Notenbankgewinne verzichten, bis der

Verlust der Bundesbank ausgeglichen ist. Dafür gibt es sogar

eine historische Blaupause aus den frühen siebziger Jahren,

als eine Neubewertung ihrer Devisenreserven der Bundesbank

einen Riesenverlust eingebrockt hatte.

So könnte eine neue rechte italienische Regierung eine schöne

Drohkulisse aufbauen und damit jegliche EU-Finanzregeln

aufweichen, mehr gemeinsame Schuldenaufnahme durchsetzen

und bei der EZB in ihrem neuen Bondkaufprogramm schöne

Regeln für Italien erwirken. Im Europa-Wahlprogramm

2019 der „Brüder Italiens“ stand bereits, es sei nötig, die Notenbank

radikal im Sinne Italiens umzubauen. Insgesamt

„spricht die Partei davon, dass europäische Ressourcen genutzt

werden sollen, um die italienische Wirtschaft wieder aufzubauen“,

analysiert Warburg. Und damit meint sie nicht, das

Geld aus dem EU-Programm „Next Generation“ abzurufen,

mit dem gerade Italien jetzt und in den kommenden Jahren

besonders großzügig bedacht wird.

Am 25. September werden wir also auf die genaue Höhe der

ab Oktober fälligen Gasumlage schauen – und auf die Wahl in

Italien.

Ab dieser Ausgabe finden Sie einen neuen Hefteinstieg mit aktuellen

Meldungen, bewährte Formate wie „Hit & Shit“ haben

wir dort integriert (ab S. 6). Als neues Format gibt es dort

auch die neue Rubrik „Das kaufe ich jetzt“ meines Kollegen

Andreas Körner, den Sie unter anderem auch von „Andis Börsenbarometer“

(S. 98) kennen. Klar, dass er als Finanzredakteur

im Umfeld immer wieder gefragt wird, was er denn kaufen

würde. In dem neuen Format stellt er Investments vor, die

er mit bestem Gewissen Familie und Freunden empfehlen

kann und auch selbst kaufen würde. Die geltenden Regula -

rien werden dabei natürlich stets einge halten (S. 7).

Ihr

Aus aktuellem Anlass!

Lesen Sie FOCUS-MONEY bequem zu Hause

Liebe Leserinnen und Leser,

die Inflation steigt auf lange nicht mehr erreichte Werte, in

Amerika wie in Europa. Bange blicken die Börsianer auf die

Notenbanken: Wird die in großen Schritten verschärfte Geldpolitik

eine Rezession auslösen und die Gewinnschätzungen für die

Unternehmen unter Druck bringen? Mein Tipp: Sie erfahren alles

Wichtige in FOCUS-MONEY. Den portofreien Kombi-Bezug (Print und

Digital) für 1 Jahr erhalten Sie zum Vorzugspreis von nur 210,60 €* (statt

275,40 € – Sie sparen 24 %) und sichern sich einmalig eine 120-€-Prämie

als Dankeschön. Wie das geht? Bestellen Sie einfach auf

www.focus-abo.de/money-editorial

das exklusive Angebot für FOCUS-MONEY-Leser und erhalten Sie

FOCUS-MONEY innerhalb von zwei Wochen portofrei nach Hause geliefert.

Die Digital ausgabe lesen Sie als einer der Ersten einen Tag früher – dienstags

ab 8.00 Uhr. Wenn Sie FOCUS-MONEY nach Bezug wieder im Handel kaufen

möchten: Ein Anruf genügt, und das Abo ist beendet.

FOCUS-MONEY 34/2022

*inkl. MwSt. und Versand. Sie haben ein gesetzliches Widerrufsrecht

3


moneyinhalt

moneykompakt

6 Week: BMW-Anteilseigner Stefan

Quandt geht mit Ex-US-Präsident

Donald Trump hart ins Gericht

7 Week: Weshalb Goldproduzent

Newmont ein Kauf ist

8 Inflation: Warum Entspannung bei

der Preisentwicklung folgen sollte

9 Steuerentlastung: Wie sich die

Pläne zum Grundfreibetrag und

Kindergeld auswirken

98 Andis Börsenbarometer: Was die

Magnetwirkung der großen

Zahlen für Anleger bedeutet

17. AUGUST 2022 www.money.de

10

Versteckte Vervielfacher

Der US-Trader Mark Minervini entwickelte

die SEPA-Strategie (Specific Entry Point

Analysis). FOCUS-MONEY hat nachgerechnet

und empfiehlt aus einem Kreis von

14 Aktien besonders 10 meist unbekannte

Perlen, die das Zeug für hohe Börsengewinne

mitbringen

moneytitel

10 Titel: Mit der Minervini-Methode

reich werden – FOCUS-MONEY

zeigt, wie es geht

14 Titel-Analyse: FOCUS-MONEY

stellt sieben der Analysegewinner

genauer vor – Namen, die Sie

wohl noch nie gehört haben

19 Chartsignal: Biontech könnte

nach oben ausbrechen

19 Börsenwissen: Jackson Hole

moneymarkets

20 Interview: Philipp Vorndran über

Inflation, die Abhängigkeit von

China und Fehler der Anleger

24 Zeitarbeit: Bei diesen Aktien

locken günstige Bewertungen

27 Alternative Energie: Vier Perlen

für ein nachhaltiges Portfolio

30 Interview: Ewald Nowotny,

Ex-EZB-Ratsmitglied, über

Rezessionsgefahren und Aktienmärkte

33 Kolumne: Ken Fisher über die

Midterm-Wahlen in den USA und

ihren Einfluss auf die Märkte

34 Banken: Bei welchen europäischen

Bankaktien risikofreudige

Anleger einsteigen können

38 Wasserstoff: Mit welchen Aktien

Investoren auf der grünen

Wasserstoffwelle reiten können

42 Rüstungsaktien: Goldene

Zeiten für Militärausrüster – drei

besonders starke Profiteure

46 Apple: Die Aktie klettert von

einem Allzeithoch zum nächsten

48 Ewiges Leben: FOCUS-MONEY

stellt drei Unternehmen vor,

die das Leben verlängern

könnten

51 KSB: Der Pumpenspezialist

profitiert von der Energiewirtschaft

56 Anleihen: Mit welchen Anleihen-

ETFs Anleger auch in schwierigen

Zeiten Profite einstreichen

60 Nachhaltigkeit: Neue EU-Richtlinien

verlangen nachhaltige

Anlageberatung. Worauf Anleger

achten sollten

63 Musterdepots: Warum neue

Probleme bei den Lieferketten

auftreten könnten und wie die

Experten darauf reagieren

4 Titelfotos: Adobe Stock, Bloomberg

Fotos: Adobe Stock (2), W. Heider-Sawall (1), Shutterstock (1) FOCUS-MONEY 34/2022


64

Den Hebel nutzen

Im letzten Teil der Zertifikate-Serie

erklärt FOCUS-MONEY die Welt der

gehebelten Produkte. Welche Risiken

und Chancen Anleger vorfinden

64 Hebelzertifikate: Diversifizieren,

absichern, investieren – was Anleger

beim Hebeln berücksichtigen

müssen. Plus: Experten-Interview

moneydigital

52 Social Trends: Musk verkauft

Tesla-Aktien; die meistgesuchten

Aktien der Woche; Spartipps für

den Sommerurlaub

53 Analyse: Wohnungskonzern

Vonovia mit Erholungspotenzial

dswanlegerschutz

69 Zukunftsfinanzierungsgesetz:

Warum Finanzminister Christian

Lindner auf dem richtigen Weg ist

und was er noch verbessern muss

moneyservice

70 E-Mobilität: Was die THG-Quote

ist und wie Autohalter mehr als

400 Euro im Jahr einstreichen

72 Studie: Welche Anbieter bei

Rechtsschutzversicherungen am

fairsten sind

76 Betriebliche Altersversorgung:

FOCUS-MONEY nimmt die

Anbieter unter die Lupe – im

großen Fairness-Check

moneyanalyse

81 Fonds

82 Deutsche Aktien

90 Internationale Aktien

96 ETFs

97 Zertifikate

moneyrubriken

3 Editorial

80 Leserbriefe – Impressum

98 Termine

46

Innovationsschmiede

Apple

Kommt das iCar? Es könnte die

nächste Innovation des Konzerns sein.

Sicher dürfte sein: Apple wird mit

seinem Aktienrückkaufprogramm

weitermachen. Und wie!

70

Kohle für das E-Auto

Der Handel mit Treibhausgasminderungsquoten

(THG) boomt.

FOCUS-MONEY zeigt, welche

Prämienmodelle vorteilhaft sind

20

„Hier in Europa wäre ein Wirtschaftsabschwung

ein riesiges Problem“

PHILIPP VORNDRAN, KAPITALMARKTSTRATEGE BEI FLOSSBACH

VON STORCH

Illustrationen: VectorStock

Composing: FOCUS-MONEY

5


VERVIELFA

moneytitel

TITEL

VERSTECKTE

An der Börse reich werden – wer will das nicht? Die gute Nachricht: Es funktioniert!

Der Beweis? 33 500 Prozent binnen fünf Jahren! FOCUS-MONEY findet mit der Minervini-

Methode potenzielle Kursraketen, von denen Sie noch nie gehört haben

10

Fotos: Depositphotos, Michael Benabib FOCUS-MONEY 34/2022


ERFOLGREICH TRADEN:

„Handeln wie ein Market Wizard“,

Mark Minervini, Finanzbuchverlag

(28 Euro)

Ich bin nicht

scharf darauf, der

Erste auf der Party

zu sein, aber ich

möchte sichergehen,

dass auch

wirklich eine

Party stattfindet“

MARK MINERVINI,

AKTIENTRADER,

TECHNISCHER ANALYST,

BUCHAUTOR

CHER

von MARC BÄCHLE, JENS MASUHR

und MARTINA SIMON

Die Deutschen timen sich zu

Tode“, klagt Philipp Vorndran,

Kapitalmarktstratege

beim Vermögensmanager

Flossbach & Storch. Sein

dringlicher Rat: „Jeder Tag

ist Kauftag.“ Stimmt. Zumindest für jene,

die fürs Alter vorsorgen und die Inflation

schlagen wollen. Wer dagegen als Trader

an der Börse reich werden will, tickt anders.

So wie Mark Minervini. Der 37-Jährige ist

einer der erfolgreichsten Händler an der

Wall Street, Buchautor („Handeln wie ein

Market Wizard“) und Erfinder des Handelssystems

SEPA (Specific Entry Point Analysis).

Mit ihm spürt Minervini Superperformer-Aktien

auf – Werte, die sich in kurzer

Zeit vervielfachen. Pures Glück kann bei einer

Langfrist-Betrachtung (1994 bis 2000)

ausgeschlossen werden: Die Performance

lag im Schnitt bei 220 Prozent pro Jahr –

eine Gesamtrendite von 33 500 Prozent!

14 geheime Kursraketen. Grund: Minervini

weiß genau, wann er ein- und aussteigen

muss. Mehr noch. Ein Blick in den

Zauberkasten des „Magiers“ liefert die Antworten

auf die brennendsten Fragen: Was

sind die Merkmale künftiger Vervielfacher?

Wo und wie werden erste Anzeichen eines

großen Trends sichtbar? Wie funktioniert

das perfekte Timing? FOCUS-MONEY testet

die Minervini-Methode und findet exklusiv

14 Kursraketen, von denen Sie noch nie gehört

haben (siehe Tabelle Seite 12 und ab

Seite 14). Zehn mögen wir besonders!

FOCUS-MONEY 34/2022

11


moneymarkets

INTERVIEW

Energiekrise

ist ein Europa-

Problem“

Philipp Vorndran, Kapitalmarktstratege bei

Flossbach von Storch, spricht über die

Ängste vor Rezession und Inflation, die

Abhängigkeit Europas von China und

einen Fehler vieler deutscher Anleger

von TIM HOLZAPFEL und MARIO LOCHNER

Die Kurse steigen wieder. Müssen Anleger gerade deshalb

besonders vorsichtig sein, um in keine Falle zu tappen?

Philipp Vorndran: Warum ist das eine Falle? Wir bewegen

uns heute nicht mehr in einer nominalen Welt

wie in den vergangenen 20, 30 Jahren, der Zeit der Globalisierung

und niedriger Inflationsraten, sondern in

einer realen. Eines ist doch klar: Wenn wir Inflationsraten

zwischen sieben und acht Prozent haben, muss

irgendwer die Preise anheben können. Es sollte also

niemanden überraschen, dass Umsätze und Gewinne

guter Unternehmen steigen – inflationsbedingt. Nur

wird das nicht immer ausreichen, um das Vermögen

der Anleger zu erhalten.

20 Foto: W. Heider-Sawall/FOCUS-MONEY

FOCUS-MONEY 34/2022


FOCUS-MONEY 34/2022

PHILIPP VORNDRAN:

Der Kapitalmarktexperte

warnt Anleger davor, sich

zu sehr auf den deutschen

oder europäischen

Aktienmarkt zu konzentrieren.

„Global investieren“,

lautet das Credo

Vita

Philipp Vorndran

BWL-Studium in Würzburg,

im Anschluss

mehrere Jahre Portfolio-

Manager und Leiter im

Bereich Derivate beim

Schweizer Vermögensverwalter

Julius Bär

Von 1997 bis 2008

globaler Chefstratege

bei Credit Suisse Asset

Management sowie CEO

von Credit Suisse Asset

Management Deutschland

Seit 2009 Kapitalmarktstratege

bei Flossbach

von Storch

Viele hatten Angst vor der Berichtssaison. Bislang

sehen wir aber eher positive Überraschungen.

Woran liegt das?

Vorndran: Zum einen ist die Erwartungshaltung

sehr gemäßigt. Zum anderen ist

der Anstieg nominaler Umsatz- und Gewinnzahlen

nichts Neues. Die Gewinne in

den USA haben sich seit dem Zweiten Weltkrieg

fast konstant alle zehn Jahre verdoppelt.

Im Grunde ist die aktuelle Berichtssaison

ein Vorgeschmack auf das, was in den

nächsten Jahren vor uns liegen dürfte –

zwar nicht bei allen Unternehmen, aber

vor allem bei denjenigen, die die Inflation

weitergeben können.

Manche behaupten, die böse Überraschung in

Form einer Rezession komme noch – eben nur

mit Verzögerung.

Vorndran: Auch da muss man genau

hinschauen und zwischen den Begriffen

„nominal“ und „real“ unterscheiden. Eine

Rezession wird oft an der realen Wirtschaftsentwicklung

gemessen. Wenn die

Inflation stärker wächst als die Wirtschaft,

dann haben wir eine Rezession. Vor allem

jüngere Generationen müssen sich da erst

noch hineindenken, weil sie solche Zeiten

bislang noch nicht erlebt haben. Eine reale

Rezession muss nicht mit einer Umsatzund

Gewinnrezession verbunden sein.

Dann sind wir schon aus dem Gröbsten raus?

Vorndran: Das weiß niemand. Wir wissen

auch nicht, ob Putin morgen Frieden

schließen möchte. Es gibt so viele Unbekannte,

die sich nicht prognostizieren lassen.

Sehr wahrscheinlich ist, dass uns die

Inflation noch die nächsten Jahre begleiten

wird, weil sie auch von strukturellen Ursachen

wie der Dekarbonisierung, der Demografie

und der Deglobalisierung getragen

wird. Aber ob ein politisches oder wirtschaftliches

Ereignis in den nächsten zwölf

Monaten noch einmal alles durcheinanderwirbelt,

weiß niemand. Investoren sollten

deshalb immer in größeren Zeiträumen

denken.

Es gibt Szenarien, die eine Inflationsrate von

über zehn Prozent einschließen. Wie schätzen

Sie das ein?

Vorndran: Vermutlich sehen wir derzeit

den Höhepunkt. Um eine deutlich stärkere

Inflation oder gar eine Hyperinflation an

die Wand zu malen, fehlt mir die Fantasie.

Andersherum werden wir in den kommenden

Jahren vermutlich auch keine Raten

sehen, die nahe dem Inflationsziel der Notenbanken

liegen. Ich denke, drei bis fünf

Prozent dürften in den nächsten zehn Jahren

realistisch sein. In dieser Größenordnung

müssen also die Renditen liegen, um

ein Vermögen zu erhalten – das ist ziemlich

knackig! Und: Wir haben im Euro-Raum

eine Inflation von acht Prozent und einen

Notenbankzinssatz von null Prozent. Das

hat mit Inflationsbekämpfung wenig zu

tun. Wir sind nicht die USA mit Lohnsteigerungen

von durchschnittlich sechs Prozent.

Hier in Europa wäre ein Wirtschaftsabschwung

ein riesiges Problem.

Apropos USA: Muss die Fed ihre Zinserhöhungen

beenden, um Aktien freien Lauf zu lassen?

Vorndran: Es gibt Untersuchungen, die

zeigen, dass der S&P-500 an den Tagen, an

denen die Fed ihre Zinserhöhungen angekündigt

hat, um teilweise zehn Prozent

steigt. Das zeigt also eher eine gewisse Erleichterung.

Meiner Meinung nach werden

die Aktienmärkte stärker zwischen Unternehmensgruppen

differenzieren: Auf der

einen Seite gibt es solche, die in der Lage

sind, über ihr Geschäftsmodell von der Inflation

zu profitieren. Auf der anderen Seite

gibt es diejenigen, die keine Chance

haben zu reagieren. Die laufen dann möglicherweise

Gefahr, dass ihr Produkt für ein

paar Quartale oder sogar Jahre komplett

durchfällt.

Für Unternehmen spielt da ja vor allem die Preissetzungsmacht

eine große Rolle. Was genau hat

es damit auf sich?

Vorndran: Wenn ein Unternehmen ein

Produkt verkauft, das für die Wertschöpfungskette

notwendig ist und das es als einziges

Unternehmen anbietet, dann verfügt

es über unlimitierte Preissetzungsmacht.

Das Unternehmen kann also schnell reagieren

und die Preise bei einer sich verändernden

Nachfrage an die Konsumenten

weiterreichen. Das ist aktuell recht einfach,

weil ohnehin erwartet wird, dass die Preise

steigen. Außerdem profitieren Unternehmen,

deren Geschäftsmodell direkt an

die Preise gekettet ist.

Zum Beispiel?

Vorndran: Das ist etwa bei Kreditkartenunternehmen

der Fall, weil sie einen bestimmten

Prozentsatz des Umsatzes der

Karte erhalten. Diese Konzerne sind hinsichtlich

ihres Umsatzes und ihres Gewinns

also automatisch am Inflations-

21


moneymarkets

WASSERSTOFF

HOFFNUNGS-BEGRIFF

WASSERSTOFF: Betankung

geht schneller als Aufladen

von Elektroautos

Grüner Stoff

als Renditekick

Wasserstoff spielt in Zukunft eine zentrale Rolle

als saubere Energiequelle. Anleger haben die

Wahl zwischen Blue Chips mit H 2 -Fantasie

und ausgewählten Nischenplayern, die

bereits größere Produktumsätze erzielen

von STEFAN RIEDEL

Vierzig Kilogramm Wasserstoff rauschen in einer Stunde

durch den Zapfhahn und betanken vier Lkws. Die

gespeicherte Energie entspricht in etwa der Menge

von 400 Litern Dieseltreibstoff. Europas leistungsstärkste

Wasserstoff-Tanke für Lkws hat der österreichische Lebensmittel-Einzelhändler

Mpreis in Auftrag gegeben. Linde hat

das Projekt durchgeführt und im Juni abgeschlossen. Seit

Jahren baut der deutsch-britische Gasekonzern sein Wasserstoffgeschäft

konsequent aus. Kooperationen wie die mit Airbus,

wo bis 2035 das erste Passagierflugzeug mit Wasserstoffantrieb

geplant ist, spielen hier eine Schlüsselrolle.

Zukunftsmarkt. Wasserstoff kann vielfältig eingesetzt werden

– als Fahrzeugantrieb, als Speicher von Energie und Kohlendioxid

und in der industriellen Produktion, etwa beim

emissionsarmen Stahlkochen. Um die globalen Klimaschutzziele

zu erreichen, führt langfristig kein Weg an Wasserstofftechnologien

vorbei. Dabei geht es um grünen Wasserstoff,

der mit erneuerbaren Energien produziert wird. Bei

der Wasserstoffproduktion selbst sind Brennstoffzellen und

Elektrolyseure die Schlüsseltechnologie. Mit den Elektrolyseuren

wird die elektrochemische Spaltung von Wasser in

Wasserstoff und Sauerstoff umgesetzt. Nach einer Studie von

Global Markets Insights soll der globale Umsatz mit Elektrolyseuren

zwischen 2021 und 2030 von fünf Milliarden auf

65 Milliarden US-Dollar zulegen. Die globale Marktgröße für

die Wasserstoffproduktion wurde für 2020 auf rund 120 Milliarden

US-Dollar geschätzt. Dieses Volumen soll bis 2028

um jährlich fünf bis sechs Prozent wachsen.

Betrachtet man die aktuellen Investitionsvolumina, steckt

Wasserstoff aber noch in den Kinderschuhen (siehe Infogra-

38 Illustration: VectorStock

FOCUS-MONEY 34/2022

Hurra! Ihre Datei wurde hochgeladen und ist bereit für die Veröffentlichung.

Erfolgreich gespeichert!

Leider ist etwas schief gelaufen!