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Dietrich Korsch | Johannes Schilling (Hrsg.): Geistesgegenwart (Leseprobe)

»Spiritualität« ist ein Schlüsselwort in religiösen Diskursen geworden. Allerdings ist es weitgehend unbestimmt und beliebig, was darunter verstanden werden soll. Darum ist es in Theologie und Kirche auch unentschieden, wie mit dem Phänomen umzugehen ist. Das vorliegende Buch versteht Spiritualität von der Gegenwart des Geistes Gottes her, wie er im Menschen wirkt – und ihn in seiner individuellen Menschlichkeit bestimmt. Dadurch wird der Begriff genau bestimmt und es tritt seine Verwandtschaft mit dem zutage, was in der evangelischen Tradition Frömmigkeit genannt wird. Man kann dann erkennen: Spiritualität ist in der theologischen Praxis immer schon da; darum kann sie auch gebildet werden. Wie das in der theologischen Ausbildung und in der pfarramtlichen Praxis geschehen kann, zeigen die empirischen, historischen und systematischen Beiträge dieses Buches aus der Sicht von Kirchenleitung und Universitätstheologie.

»Spiritualität« ist ein Schlüsselwort in religiösen Diskursen geworden. Allerdings ist es weitgehend unbestimmt und beliebig, was darunter verstanden werden soll. Darum ist es in Theologie und Kirche auch unentschieden, wie mit dem Phänomen umzugehen ist. Das vorliegende Buch versteht Spiritualität von der Gegenwart des Geistes Gottes her, wie er im Menschen wirkt – und ihn in seiner individuellen Menschlichkeit bestimmt. Dadurch wird der Begriff genau bestimmt und es tritt seine Verwandtschaft mit dem zutage, was in der evangelischen Tradition Frömmigkeit genannt wird.
Man kann dann erkennen: Spiritualität ist in der theologischen Praxis immer schon da; darum kann sie auch gebildet werden. Wie das in der theologischen Ausbildung und in der pfarramtlichen Praxis geschehen kann, zeigen die empirischen, historischen und systematischen Beiträge dieses Buches aus der Sicht von Kirchenleitung und Universitätstheologie.

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autem erat inanis et vacua et tenebrae super faciem

abyssi et spiritus Dei ferebatur super aquas . dixitqu

Deus fiat lux et facta est lux . et vidit Deus lucem quo

esset bona et divisit lucem ac tenebras . appellavitqu

lucem diem et tenebras noctem factumque est vesper

et mane dies unus . dixit quoque Deus fiat firmamentum

in medio aquarum et dividat aquas ab aquis . et feci

Deus firmamentum divisitque aquas quae erant su

firmamento ab his quae erant super firmamentum e

factum est ita . vocavitque Deus firmamentum caelum

et factum est vespere et mane dies secundus . dixi

vero Deus congregentur aquae quae sub caelo sunt i

locum unum et appareat arida factumque est ita . e

vocavit Deus aridam terram congregationesqu

aquarum appellavit maria et vidit Deus quod esse

bonum . et ait germinet terra herbam virentem e

facientem semen et lignum pomiferum faciens fructum

iuxta genus suum cuius semen in semet ipso sit supe

terram et factum est ita . et protulit terra herbam

Geistesgegenwart

Spiritualität in der theologischen

Ausbildung und im Pfarramt

Dietrich Korsch

Johannes Schilling (Hrsg.)


Vorwort

Spiritualität – Phänomen und Begriff

»Spiritualität« ist heute ein häufig gebrauchtes Wort von beträchtlichem

Charme. Als spirituell werden Phänomene bezeichnet,

die weder doktrinal geregelt noch institutionell eingefangen

werden können. In gewisser Weise ist der Ausdruck

Erbe des Begriffs der Religion, der inzwischen häufig der Kritik

unterworfen wird, gegenüber dogmatischer Bestimmtheit

oder kirchlicher Verfügung nicht widerständig genug zu sein.

Doch der Charme des Begriffs der Spiritualität ist zugleich

sein Problem – nämlich die bewusst gesuchte Unbestimmtheit.

Diese sorgt dafür, dass so manche moralische Haltung

oder rituelle Handlung als spirituell ausgegeben wird, die

sich aus gutgemeinten Absichten oder unmittelbarem Empfinden

speist, für die man geistliche Unterstützung sucht,

ohne auf einen kontinuierlichen Lebenszusammenhang und

seinen Grund eingestellt zu sein. Momente frommen Ausdrucks

werden so unversehens und unkritisch zu Elementen

wesentlicher Bestimmung von Religion. Spiritualität gewinnt

dann rasch und unwillkürlich eine substantielle Härte, verbunden

mit dem Aufbau eigener spiritueller Zirkel von erheblicher

Sozialkohärenz und den nachfolgenden Ab- und

Ausgrenzungen anderer „Spiritualitäten“ – wenn es nicht zu

einem Rückzug in neuerliche Unbestimmtheit kommt.

Die theologische Ausbildung hat an diesen Tendenzen

variabel gelebter Spiritualität selbstverständlich teil. Die

5


Vorwort

Vielfalt religiöser Lebensformen wahrzunehmen, sich in ihrem

Geflecht zu orientieren und auf dasselbe einzuwirken,

darin besteht ja eine Pointe der theologischen Ausbildung an

den Universitäten und in den Studienseminaren, sowohl im

Blick auf das Pfarramt als auch auf die Tätigkeit in den Schulen.

In diesem Sinn wird „Spiritualität“ zum Gegenstand von

Studium, Vikariat und Referendariat. Die theologische Ausbildung

ist aber unvollständig, wenn sie nicht auch zugleich

die individuelle Religiosität der künftig Berufstätigen wahrnimmt,

ihr zur Artikulation verhilft und sie der Reflexion

unterzieht. Insofern ist „Spiritualität“ auch ein Medium der

Ausbildung.

Dieser kleine Band nimmt sich der damit beschriebenen

Doppelstellung an. Er versucht eine Begriffsbildung in praktischer

Absicht. Darum nimmt er empirische Wahrnehmungen

von gelebter Frömmigkeit, also Spiritualität, bei den Betroffenen

in Universität und Seminaren auf. Die Ausbildung

ist selbst als Raum der Artikulation von Spiritualität zu verstehen

– und die Ausbildung wird fehlgeleitet, wenn sie diesen

Aspekt nicht methodisch wahrzunehmen bereit und in

der Lage ist. Die Selbstwahrnehmungen und Selbstdeutungen

der jungen Menschen im Studium sind nicht unerheblich

für das Verständnis der Theologie als Wissenschaft. Zugleich

steckt schon in den unerlässlichen wie unvermeidlichen

Selbstdeutungen eine Bewegung der Reflexion, die auf

das Verstehen des Erlebten zielt, zumal in der Betrachtungsund

Beurteilungslage des Studiums und der praktischen Ausbildung.

Für diese begriffliche Arbeit bietet der hier vorliegende

Band den Gedanken an, dass sich das Phänomen der

Spiritualität vom Geist her erschließen lässt.

Gottes Geist bildet den Ausgangspunkt der Begriffsbestimmung

von Spiritualität, darin systematisch die etymolo-

6


Vorwort

gischen Wurzeln des Ausdrucks ernstnehmend. Gottes Geist

ist es dann aber auch, von dem aus der individuelle Glaube

als Geistphänomen zugänglich wird; so, wie der Glaube das

Selbstsein der Individuen betrifft und wie er ihren sozial vermittelten

Weltumgang formatiert. Denn die Einheit des Geistes

kommt gerade in der Vielfalt seiner lebensgeschichtlichen

Auslegungen zum Zuge; diese, nicht eine einfältige Einheit,

sind seine wirkliche Gestalt. Zugleich ergibt sich von

Gottes Geist her auch die Bestimmung des objektiven Geistes

frommer Gemeinschaften, also der Kirche in ihren verschiedenen

Spielarten. Denn die geschichtlichen Formen, in denen

Spiritualität sich äußert, stehen, vom Geist geleitet, in sich in

einem Zusammenhang und im Verhältnis zu anderen Gemeinschaften;

und das lässt sich auch verstehen. Schließlich

erweist sich der Geist als kompetenter Hinweis auf Bewegungen

im Feld des religiösen Pluralismus. Sofern zwischen seiner

gestaltenden Kraft und ihrem Niederschlag in individuellen

und sozialen Gestaltungen unterschieden wird, lässt er

sich über die Grenzen bestehender frommer Gemeinschaften

hinaus wahrnehmen und hochschätzen. Gottes Geist also ist

es, der es vermag, das Vertrauen auf Gott und eine aus diesem

Glauben hervorgehende Lebenstüchtigkeit zu verbinden,

also Menschen „fromm“ zu machen. Spiritualität ist, so gesehen,

der Name, unter dem sich die Gestaltwerdung des Glaubens

vollzieht. Spiritualität ist der Sache nach von Frömmigkeit

nicht verschieden.

Dass die Beiträge dieses Buches historische, systematische

und empirische Zugänge einander gegenüberstellen und

miteinander in Beziehung setzen, verweist einerseits auf die

Unmöglichkeit, das Phänomen der Spiritualität nur von einer

Seite anzugehen. Andererseits bleibt, wie wir selbst es wissen

und wie jede Lektüre es bestätigt, das Spannungsfeld zwi-

7


Vorwort

schen Begriff, Anschauung und historischen Gegebenheiten

offen – und mag als Impuls zu weiterer hermeneutischer Rechenschaft

über Spiritualität angesehen werden.

Die hier versammelten Texte gehen auf einen Gesprächskreis

zurück, zu dem sich, ohne institutionellen Auftrag und

ohne strategische Zielsetzung, Menschen aus Universität

und Kirche 2020 in Leipzig getroffen haben. Einiges wurde

dort vorgetragen, anderes ist, Anregungen aufnehmend und

Ergänzungen suchend, hinzugekommen. Die bleibende Vielfalt

und Unterschiedlichkeit der Beiträge spiegelt die Herkünfte

der Verfasserinnen und Verfasser; sie möchte als Einladung

verstanden werden, sich auf dem Feld von Spiritualität

weiter theoretisch orientierend und praktisch gestaltend

zu betätigen.

Kassel und Kiel, 1. März 2022

Dietrich Korsch und Johannes Schilling

8


Inhalt

I Spiritualität verstehen

Johannes Schilling

Was bedeutet eigentlich „fromm“?

Sehr vorläufige Bemerkungen zu einem religiösen Schlüsselwort

und einer menschlichen Lebensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11

Dietrich Korsch

Spiritualität als Geistesgegenwart

Eine hermeneutische Skizze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33

II Spiritualität in theologischer Lebenspraxis ausdrücken

Regina Sommer

Fromme Theologiestudierende?

Befunde aus der Begleitung von Studierenden durch

die Landeskirche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53

Adelheid Ruck-Schröder

Spiritualität im Vikariat?

Ein Blick aus der Erfahrung der zweiten Ausbildungsphase . . . . . . 65

Kristina Kühnbaum-Schmidt

Spiritualität und Pfarramt

Wie fromm müssen Pfarrer und Pfarrerinnen sein? . . . . . . . . . . . . . . 95

Martin Evang / Ilsabe Alpermann

Verbindlich fromm im Zwischenraum

Drei kleine Fallstudien zur Spiritualität jenseits des

hauptamtlichen Verkündigungsdienstes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109

9


III Spiritualität in theologischer Bildung gestalten

Jürgen Kampmann

„Spiritualität“

Thema und Modus theologischer Lehre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135

Bernhard Dressler

Spiritualität in bildungstheoretischer Betrachtung

Einige unsystematische Beobachtungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163

IV Spiritualität als Leitfaden

Dietrich Korsch

Gebildete Spiritualität

Ein kleines Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183

Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189


Johannes Schilling

Was bedeutet eigentlich „fromm“?

Sehr vorläufige Bemerkungen zu einem religiösen

Schlüsselwort und einer menschlichen Lebensweise

1

Der Begriff „Spiritualität“ hat Konjunktur. Er ist seit einigen

Jahren im deutschen Sprachraum in ein gewisses Konkurrenz-

oder auch Komplementärverhältnis zu „Religiosität“

und „Frömmigkeit“ getreten. 1 Die Abgrenzung der Begriffe

(und wahrscheinlich mehr noch der Sachverhalte, die sie bezeichnen

sollen) voneinander ist dabei durchaus unklar, ebenso

unklar wie die jeweiligen Bedeutungen von „Spiritualität“

und „Frömmigkeit“. Der Dictionnaire de Spiritualité ist seit

1932/1937 ein (katholisches) Grundlagenwerk der Forschung

und für dieselbe. Im Bereich der romanischen Sprachen gehören

die Ableitungen bzw. Vulgarisierungen des lateinischen

„spiritualis“ zur Alltags- ebenso wie zur Fachsprache.

In der deutschen Sprache aber verhält es sich anders –

„fromm“ 2 und „spiritualis“ sind etymologisch nicht verwandt.

1 Vgl. dazu Lucian Hölscher, Geschichte der protestantischen Frömmigkeit

in Deutschland. München 2005; Ders., Frömmigkeit oder die Innenausstattung

der Seele. Dass ein frommer Mensch religiös sein muss, ist nicht

ausgemacht, in: Zeitzeichen 8/4, 2007, 22–25; Martin H. Jung, Frömmigkeit

und Theologie bei Philipp Melanchthon. Das Gebet im Leben und in

der Lehre des Reformators. Tübingen 1998 (Beiträge zur historischen Theologie

102), 2–6; Thomas Schönfuß, Fromm und frei. Geistlich leben. Leipzig

2015 (Theologie für die Gemeinde III/3).

2 Dieser Beitrag verfolgt ausschließlich die Bedeutung von „fromm“; er

11


Johannes Schilling

Es kommt hinzu, dass bestimmte Begriffe an ihre historischen

Kontexte gebunden sind – Geschichte und Sprachgeschichte

stehen in einem reziproken Verhältnis zueinander;

nicht alle Wörter bedeuten zu allen Zeiten das gleiche, und

was einmal positiv besetzt war, kann durch kontingente Entwicklungen

oder auch durch Missbrauch in der späteren Geschichte

negativ besetzt oder unbrauchbar geworden sein. 3

Außerdem gilt, dass auch die evangelische Theologie bis in

das 19. Jahrhundert „lateinisch schreibende Theologie“ gewesen

ist. „Vermutlich ist Schleiermacher der erste evangelische

Theologe (!)“, meinte Kähler, „dessen Sprache im Entscheidenden

nicht mehr ins Lateinische zurückübersetzt

werden kann.“ 4 Nicht zu verkennen sei zudem, dass „bei allen

diesen Wörtern, die sozusagen auf einen Ǵemütszustand

des Menschen blicken, … daß uns von ihrem vollen Verständnis

auch dann, wenn wir sie noch uneingeschränkt gebrauchen,

dennoch eine tiefe Kluft trennt: die Subjektivierung,

der sie seit dem Pietismus vor allem unterworfen sind“ 5 .

Nun gebrauchen wir mehr als ein halbes Jahrhundert

nach Kählers Vortrag „fromm“ nicht mehr uneingeschränkt,

sondern wenn überhaupt, sehr eingeschränkt. Wer oder was

handelt nicht von „Frömmigkeit“. Dies ist und wäre ein anderer Gegenstand.

– Zum theologischen Grundbegriff wird „Frömmigkeit“ bei Friedrich

Schleiermacher. Vgl. dazu Christian Albrecht, Schleiermachers Theorie

der Frömmigkeit. Berlin etc. 1994 (Schleiermacher-Archiv 2).

3 Ernst Kähler hat dieses Verhältnis auf dem Theologentag 1958 einmal

zum Thema gemacht: Der Niederschlag kirchengeschichtlicher Bewegungen

in der deutschen Sprache, in: Das Problem der Sprache in Theologie

und Kirche … Hrsg. von Wilhelm Schneemelcher. Berlin 1959, 68–84.

4 A. a. O., 73 f.

5 A. a. O., 80.

12


Was bedeutet eigentlich „fromm“?

ist denn fromm? Und wie verhalten sich die Bezeichnung und

das Bezeichnete zueinander? Die belebte Natur, Pflanzen und

Tiere, sind nach unserem Sprachgebrauch nicht fromm 6 , Sachen

sind es auch nicht. Allenfalls könnte man von einem

Buch sagen, es sei ein frommes Buch. Aber eine solche Bezeichnung

wäre weder für den Gegenstand als solchen noch

für die Heilige Schrift oder auch für ein Gesangbuch sinnvoll.

Die sind nicht fromm. Gott aber kann, nicht nur von Martin

Luther 7 und Johann Heermann, als „frommer Gott“ angeredet

werden 8 ; andererseits können Menschen – aber eben anders

– fromm sein – und sind es, Gott sei Dank, auch.

Ein erfreuliches Beispiel für diese Gegebenheit bot ein Gespräch

zwischen dem Kirchenpräsidenten der Evangelischen

Kirche in Hessen und Nassau, Volker Jung, und dem Familienunternehmer

Friedhelm Loh, Mitglied einer Freien evangelischen

Gemeinde, das in der Heiligabendausgabe 2021 der

Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde. Gegen

Ende des Gesprächs verwies Jung auf das Verhältnis zwischen

Organisation und Botschaft der Kirche: „An der Form

hängt es am Ende nicht, sondern es geht darum, die gute Botschaft

[von der Liebe Gottes zu allen Menschen] in diese Welt

6 Vgl. aber Meyers Großes Konversationslexikon 6. Aufl. 1905–1909, Bd. 7, Sp.

166: „Nur noch selten wird das Wort fromm in der Bedeutung: harmlos,

unschuldig von gewissen Tieren (z. B. Pferd, Lamm) sowie in der ältern

Bedeutung: tapfer (z. B. ein frommer Landsknecht) gebraucht.“

7 Luther spricht in einer Predigt 1518 von Christus als „unserm fromen trewen

Gott“ (WA 1, 267,21) und in einer anderen 1521 von Gott als „güttig

lieb frumm vater“ (WA 7, 257,28).

8 Johann Heermann (1585–1647), O Gott, du frommer Gott; EG 495. Sein

Frommsein wird durch die folgenden Verse im einzelnen expliziert – Vgl.

dazu Christine Jahn, Liederkunde zum Evangelischen Gesangbuch Heft

24. Göttingen 2018, 88–95.

13


Johannes Schilling

weiterzutragen. So muss man das eigentlich sagen. Das klingt

jetzt ein bisschen fromm … LOH: Macht nichts, wir sind ja

von Herzen und aus Überzeugung fromm.“ 9

2

Das ist eine sympathische und irgendwie ermutigende Aussage.

In der Regel aber ist „fromm“ negativ besetzt, wie man

etwa aus Begriffen wie „lammfromm“ ersehen kann. Als ob

Frommsein Naivsein bedeute, die Aufgabe von Selbstbestimmung

voraussetze und Eigenständigkeit durch Herdentrieb

ersetzt werde. 10

Am ehesten kennt man den Begriff „fromm“ noch aus

dem vierfach alliterierenden Spruch „Frisch fromm fröhlich

frei“, der als solcher nicht von Friedrich Ludwig Jahn stammt,

aber doch der Idee nach auf ihn zurückgeht. In seiner Schrift

„Deutsches Volkstum“ stellt Jahn die – rhetorische – Frage

„Religion sollte bloß als ein frommgläubiges Kinderspiel geduldet

werden? Und der Religion äußere Stellvertreterin und

öffentliche Anwaltin, die K i r c h e, nur als ein altfränkisches

Staatsgerät der Merkwürdigkeit wegen annoch [bis hierher]

beibehalten, als leidliches Schauspiel gestattet und als ungefährliches

Spielzeug vergönnt?“ 11 , um dann nach den Vor-

9 „Unternehmertum ist nicht per se gottlos“. FAZ 300, 24.12.2021, 30.

10 Zahlreiche Beispiele für diese Einschätzung bietet Kirsten Krull, Lieber

Gott, mach mich fromm … Zum Wort und Konzept „fromm“ im Wandel

der Zeit, Umea o 2004 (Skrifter fra o n moderna spra o k 14).

11 Friedrich Ludwig Jahn, Deutsches Volkstum. Mit einem Vorwort von Gerhard

Fricke. Leipzig 1936 (Reclams Universal-Bibliothek 2638–2640), 91 f. –

Vgl. auch dens., Ehrenrettung des „Fromm“. In: Friedrich Ludwig Jahns

14


Was bedeutet eigentlich „fromm“?

bemerkungen seine eigenen Ideen über die Kirche, ihre Gebäude,

Güter und Einkünfte, Handlungen, Bücher, Geistlichkeit

sowie „Deutschheit und Urchristentum“ zu entfalten. In

einem letzten Absatz „Frömmigkeit der Deutschen“ zitiert

Jahn aus Johann August Eberhards 1807/08 erschienenem Werk

„Der Geist des Urchristentums“ 12 – da geht es aber um Frömmigkeit

und nicht um „fromm“. Nach Eberhards Deutung

wäre „fromm“ als Ausdruck eines „schwärmelnde[n] Pietismus“

zu verstehen, 13 also – wie auch Johann Christoph Adelung

bereits eine Generation zuvor bemerkt hatte - schon damals

negativ konnotiert. In dieser Bedeutung hat ihm Wilhelm

Busch in seiner Bildergeschichte „Die fromme Helene“,

zuerst 1872 erschienen, Ausdruck gegeben; sie erzählt, ausdrücklich

klischeehaft und erkennbar antiklerikal, von einer

durchaus unfrommen Person und ihrem entsprechenden Lebenswandel

und elendem Ende.

Insgesamt also schlechte Voraussetzungen für einen irgendwie

positiven oder wenigstens neutralen Gebrauch, geschweige

denn für eine Rehabilitierung von fromm.

Werke. Neu hrsg. … von Karl Euler. Zweiter Band. Zweite Hälfte. Hof 1887,

924–926. Danach gilt Jahn fromm als „Inbegriff aller sittlichen Thatkraft,

aller Willensstimmung, als Pflichttreue und Voransein.“ – Vgl. auch den

Artikel „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ (Wahlspruch) in Wikipedia.

12 Johann August Eberhard, Der Geist des Urchristentums, Halle 1807–1808.

13 Jahn (s. Anm. 11), 110. – Das Original: Johann August Eberhard, Der Geist

des Urchristentums III. Hrsg. von Walter Sparn. Hildesheim Zürich New

York 2002 (Ndr. der Ausgabe Halle 1808), 379 f.

15


Johannes Schilling

3

Was bedeutet „fromm“ in deutscher Sprache? Die Geschichte

des Wortes kann hier nicht im einzelnen nachgezeichnet werden.

Das Grimm’sche Wörterbuch, das Schatzhaus der deutschen

Sprache, das in vielen Fällen hinreichende Aufschlüsse

gibt, lässt den Benutzer und Leser in diesem Falle ziemlich

ratlos zurück. Ihm kann man mindestens entnehmen, dass

das Wort „fromm“ im Deutschen vielfältige Bedeutungen

hat. Im Vergleich mit dem Lateinischen steht es für „probus“,

„utilis“, „bonus“ und „pius“. Anfangs gibt es keinen Zusammenhang

mit dem Bereich von Religion. Erst im Lauf der

Sprachentwicklung wird dieser berührt: „die geistliche richtung

der sprache legte endlich den vorzug der gottesfurcht,

pietas als der vornehmsten tugend in das wort.“ Fromm bedeutet

also zunächst „brav, tüchtig, tapfer“, kommt gelegentlich

in der Bedeutung „nützlich“ vor, häufiger allerdings

in der von „gut“ (iustus, bonus, dikaios, agathos). 14 Matthias

Lexers Mittelhochdeutschem Handwörterbuch kann man

ähnliche Bedeutungsäquivalenzen entnehmen: „vrum / vrom“

bedeutet danach in Bezug auf Personen „tüchtig, brav, ehrbar,

gut, trefflich, angesehn, vornehm, wacker, tapfer“, gelegentlich

auch „gottgefällig“; und auch Sachen können in der

Zeit des Mittel- und Frühneuhochdeutschen noch „vrum“

sein, wenn sie „tüchtig, ausgiebig, wirksam, bedeutend“, „förderlich,

nützlich, brauchbar“ sind. 15

Im Hinblick auf Personen differenziert sich die Bedeutung:

Einerseits bedeutet „vrum“ rechtschaffen, ehrbar, angesehen,

andererseits treu, aufrecht, redlich. In diesem Sinne

14 Vgl. die Belege im Deutschen Wörterbuch (online).

15 Matthias Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterbuch 3, 549.

16


Was bedeutet eigentlich „fromm“?

kann dann zwischen einer Haltung gegenüber Gott bzw.

Menschen (den „Seinen“, der Familie, Angehörigen) unterschieden

werden. „Fromm“ ist jemand, wenn er treu und aufrecht

gegen Gott ist, Gott gehorsam, gottesfürchtig, ihm

glaubt und vertraut. Schon im 16. Jahrhundert gibt es Komposita,

die sowohl zu negativer als auch zu positiver Bezeichnung

dienen: „steinfrom“ werde als nach außen überaus

abwertend gebraucht 16 ; „herzfromm“ dagegen begegnet in

einem Kölner Gesangbuch von 1582 als Bezeichnung für tiefgläubige

Menschen. 17

Auch in Epitaphien findet man den Begriff gelegentlich;

so etwa in einem solchen von 1628. Die beigeordneten Adjektive

entsprechen dem genannten Befund, lassen diese Bezeichnung

aber vor allem als tüchtig erscheinen: „Von Obentraut

Hans Michael Bestattet ist an dieser Stell. Ein auffricht

teutscher Edelman Fromm, redlich, tapffer, lobesahm. Keck,

freudig, treu, klug, unverzagt Welches Ihn zu hohen Ehren

bracht.“ 18 Und von einer ungefähr zur gleichen Zeit verstorbenen

Frau heißt es in ihrer Grabinschrift:

„Sehr köstlich, edel, hoch, die Perlen sind zu achten / Nach welchen in

dem Meer die Menschen emsig trachten / Ein tugendsames Weib dennoch

viel edler ist, / Wie im Buch Salomo ein jeder klährlich list. /

Wann eine edle Perl sich etwa thut verlieren / So pfleget man daher

nicht wenig Klag zu führen, / Wann ein fromm Weibes Bild durchn

16 Frühneuhochdeutsches Wörterbuch s.v. stein 1 (ohne Nachweis).

17 „Hierum zu° dir hertzfromme leut || Sich werden fu° gen glegner zeit, || Vnd

dich in no e ten ru° ffen an“; vgl. Frühneuhochdeutsches Wörterbuch s. v.

herzfrom. Aventinus (1477–1534) schreibt über Noah: „Noah, so ein spigl

und ebenpild aller êrberkait, ain herzfrumer, got- und leutsäliger man [...]

was“; ebd.

18 DI 36, Stadt Hannover, Nr. 292† (Sabine Wehking), in: www.inschriften.

net, urn: nbn:de:0238-di036g006k0029203.

17


Johannes Schilling

Tod verlohren scheint, / Der ehlich sie geliebt vielmehr sich kränckt

und weint.“ 19

Johann Christoph Adelungs „Grammatisch-kritisches Wörterbuch

der Hochdeutschen Mundart“ (1774–1786, 2. Aufl.

1793–1801) bemerkt in der Goethezeit, dass das Wort „von den

ältesten Zeiten an, in einem vielfachen Verstande gebraucht

worden“ sei. Nach dem Notieren der seinerzeit veralteten Bedeutungen

fährt es fort:

„4) Abgeneigt, andern Böses oder Schaden zuzufügen, in der Sprache

des täglichen Umganges. Ein frommes Pferd. Das Thier ist sehr

fromm. Es ist so fromm, wie ein Lamm. Ein frommes Schaf nennt

man im gemeinen Leben einen Menschen, der aus Einfalt niemanden

Böses thut. 5) Wohl gesittet, artig, am häufigsten von Kindern. Ein

frommes Kind. Die Kinder sind fromm gewesen, haben sich fromm

aufgeführt. 6) Rechtschaffen, fertig seine Pflichten gegen andere willig

zu erfüllen; eine im Hochdeutschen ungewöhnlich gewordene

Bedeutung, ob sie gleich in der Deutschen Bibel nicht selten ist.“ 20

Weiterhin bedeute es „unschuldig“, „mitleidig, gütig“, vor allem

aber

„Gottesfürchtig, der alle seine Handlungen zur Ehre des von ihm er -

kannten Gottes einrichtet, und in dieser Gesinnung gegründet. Ein

frommer Mann. Ein frommes Leben führen. Den Frommen wird kein

Gutes mangeln, Ps. 84,12; und so in andern Stellen mehr. Er that es aus

frommen Eifer, nicht frommem, welches um der vielen m willen den

Wohlklang beleidigen würde. Ein frommer Gedanke. Ein frommer

Wunsch. Ein frommer Betrug, da man sich oder andere aus frommer

Absicht hintergehet. In den neuern Zeiten sind die so genannten Pietisten

bey dem großen Haufen unter dem Nahmen der Frommen

bekannt geworden, und seit dieser Zeit hat dieses Wort, als ein Haupt-

19 Grabstein für Maria Elisabeth Fugmann (1616–1642). DI 85, Halle/Saale,

Nr. 492 † (Franz Jäger), in: www.inschriften.net, urn: nbn:de:0238-di085l00

4k0049206. – Der biblische Bezug auf Sprüche 31 ist dort nicht erkannt.

20 https://woerterbuchnetz.de/?sigle-Adelung&lemid=B00863#1.

18


Was bedeutet eigentlich „fromm“?

wort gebraucht, einen verächtlichen Nebenbegriff bekommen, in -

dem man darunter oft nur einen Heuchler verstehet.“ 21

Man möchte zunächst meinen, die Suche nach „fromm“ sei

bei den Pietisten besonders ergiebig. Aber diese Vermutung

erweist sich als trügerisch. In der pietistischen Dogmatik von

Johann Anastasius Freylinghausen finden sich keine entsprechenden

Ausführungen 22 , und auch die wissenschaftliche

Literatur lässt einen hier im Regen stehen. 23 Was zuvor

„fromm“ geheißen hatte, wurde nunmehr als „gottselig“ 24

be zeichnet.

Bei dem Hamburger Musiker und Musikgelehrten Johann

Mattheson (1681–1764) findet man in seiner „Behauptung der

himmlischen Musik“ (1761) den Begriff „Herz-fromm“, den

er wie folgt erläutert:

„Drittens wolle man sich gefallen lassen, daß, in redlicher Absicht auf

das unmittelbare Lob Gottes, ein Herz-frommer Christ die paulinischen

Verbindungs-vollen Worte: Gott wird alles in allem seyn, 1 Cor. 15.

zu seinem ewigen, viel begreifenden [umfassenden] Denkspruche führe,

und festiglich glaube, auch andere solches zu glauben nach Vermögen

aufmuntere, daß wir Erben der Seligkeit, in Gleichheit mit

den Engeln, und wohl darüber, an Gott alles und jedes haben werden,

was wir nur, zu seinen Ehren absonderlich, suchen und wünschen

mögen: nichts ausgeschlossen!“ 25

21 Ebd. Zitiert nach der 2. Auflage.

22 Johann Anastasius Freylinghausen, Grundlegung der Theologie. Mit

einer Einleitung hrsg. von Matthias Paul. Hildesheim/Zürich/New York

2005 (Nachdruck der Ausgaben Halle 1703).

23 August Langen, Der Wortschatz des deutschen Pietismus. Tübingen 1954

2. Aufl. 1968 verzeichnet das Lemma „fromm“ im Register nicht.

24 Vgl. den reichhaltigen Artikel im Deutschen Wörterbuch der Brüder

Grimm, s. v.

25 Johann Mattheson, Behauptung der himmlischen Musik aus den Gründen

der Vernunft, Kirchen-Lehre und heiligen Schrift. Im Neusatz her-

19


Dietrich Korsch

Spiritualität als Geistesgegenwart

Eine hermeneutische Skizze

„Spiritualität“ dürfte zu den am meisten strapazierten, aber

auch im höchsten Grade unbestimmten Begriffen der aktuellen

religionskulturellen Debatten gehören. Diesen Begriff als

hermeneutisches Raster für religiöse Praxis zu verwenden,

verlangt nach einer vernünftigen Rekonstruktion seines Gehaltes.

Dazu sind zwei Aufgaben zu lösen. Einmal muss ein

geschichtliches Verständnis des Begriffs erarbeitet werden,

das heißt: eine systematisch verwertbare Begriffsgeschichte.

Sodann muss es darum gehen, die Struktur des Begriffs zu ermitteln,

die sich der zur Verfügung stehenden Mittel philosophischer

Analyse bedient – hier werden sie einer Theorie der

Subjektivität entnommen. 1

1 Zur Geschichte des Begriffs „Spiritualität“

Es gehört zu den Eigenarten der Begriffsgeschichte, dass die

historischen Kontexte verschiedene Aspekte eines Begriffs in

den Vordergrund rücken. Zugleich jedoch bleibt ein Zusammenhang

erhalten, der, aus gegenwärtiger Sicht, den struk-

1 Ich nehme in diesem Beitrag Gedanken und Formulierungen auf, die

zuerst auf italienisch erschienen sind, präzisiere und beziehe sie auf den

hier zu untersuchenden Kontext: Dietrich Korsch, Spiritualità ecumenica.

33


Dietrich Korsch

turellen Reichtum eines Begriffs ausmacht. Solches lässt sich

auch für den Begriff der Spiritualität beobachten. In vermehrten

Gebrauch gekommen ist er – parallel übrigens zum modernen

Begriff der Ökumene, die es mit einem Umgang mit

religiöser Vielfalt zu tun hat – gegen Ende des 19. und zu Beginn

des 20. Jahrhunderts. Doch um diesen Aufstieg zu verstehen,

bedarf es des Rückblicks auf die Strukturen, die in ihm

geschichtlich hervorgehoben wurden. 2

Die Herkunft des Begriffs verweist darauf, dass spiritus im

religiösen Gebrauch vom griechischen pneuma herkommt,

wie die Wirklichkeit Christi in den Glaubenden bei Paulus

ausgedrückt wird (Röm 8). Damit ist klar, dass es beim Phänomen

der Spiritualität um eine starke theologische Bestimmtheit

geht: Das pneuma kommt von Gott, ja ist Gott

selbst in der Person des Geistes. Bei Pelagius freilich, im

4. Jahrhundert, findet sich ein anderer Akzent hervorgehoben:

Der spiritus De ist eben tatsächlich im Menschen tätig,

und insofern muss der Mensch auch mit ihm umgehen, das

heißt: die göttliche Wirksamkeit in die Wirklichkeit seiner

eigenen Lebensführung umsetzen. Spiritualitas wird damit

zu einer anthropologischen Aufgabe im menschlichen Leben

und Verhalten. Eine dritte Dimension entfaltet sich seit dem

12. Jahrhundert im Bereich des Rechtes: Spiritualitas ist die

Eigenart all dessen, was zur Kirche gehört und der weltlichen

Rechtsprechung entzogen ist. Man kann das den institutionellen

As pekt nennen. Diese drei Eckpunkte, der

Un progetto di ricerca, in: Studi ecumenici 36, 3/4: La storia a servizio

dell’ecumenismo: Per i 70 anni di Michele Cassese, Venezia 2018, 687–712.

2 Ich folge hier zusammenfassend den dichten und genauen Beschreibungen

von Simon Peng-Keller, Zur Herkunft des Spiritualitätsbegriffs, in:

Spiritual Care 3, 2014, 36–47; dort auch eine Bibliographie.

34


Sprititualität als Geistesgegenwart

theologische, der anthropologische und der institutionelle,

bilden gewissermaßen das hermeneutische Dreieck, mit dessen

Hilfe die entscheidenden Aspekte des Begriffs der Spiritualität

entfaltet und die historisch auftretenden Gebrauchsweisen

kritisiert werden können.

Als einen großen Einschnitt in die abendländische Religionsgeschichte

muss man die Reformation ansehen. Sie hat

sich nicht nur in der Entstehung evangelischer Kirchen ausgewirkt,

sondern auch das intellektuelle und emotionale Leben

in anderen Konfessionen bereichert. Darum kann man

die Akzente, die etwa in Frankreich durch Mme. Guyot (1648–

1717) und den Bischof François Fénelon (1651–1715) auf das Leben

der inneren Frömmigkeit gesetzt werden, gar nicht ohne

den Hintergrund der Reformation verstehen. Allerdings wird

dann auch einsichtig, inwiefern dieser Gebrauch von spiritualité

der kirchlichen Kritik unterworfen und als Ausdruck

eines Quietismus verurteilt wurde, der sich der kirchlichen

Normierung frommen Lebens entzieht.

Die antidogmatische Pointe des Begriffs, die sich mit dem

Anspruch auf subjektive Authentizität verbindet, stellte

dann weiterhin das Einfallstor für die Begriffsveränderungen

dar, wie sie sich im 19. Jahrhundert ausgebildet haben. Hier

kommen verschiedene, durchaus auch politisch und weltanschaulich

motivierte Einflüsse zum Tragen. Der antidoktrinale

Aspekt etwa findet sich im Amerika des 19. Jahrhunderts

nach dem inneramerikanischen Bürgerkrieg hervorgehoben;

der Dichter Walt Whitman (1819-1892) kann dafür als Zeuge

gelten. Zu einem weltanschaulich sehr zweifelhaften, gleichwohl

wirksamen Gebrauch kommt es im Spiritismus etwa

Helene Blavatskys (1831-1891); daran ist strukturell interessant

das Interesse an der Überschreitung der Grenzen von

Geist und Körper. Auch wenn man spiritistische Praktiken

35


Dietrich Korsch

für Unfug halten muss, so rührt das Interesse an ihnen doch

von der Absicht her, nach einer durch und durch geistigen Bestimmung

der Wirklichkeit insgesamt zu suchen. Wesentlich

nachvollziehbarer ist die – höchst einflussreiche – Verwendung

des Begriffs, wie sie im Neo-Hinduismus Swami Vivekanandas

(1863–1902) propagiert wurde. Auch hier ist die Absicht

deutlich zu erkennen: Dem westlich-kapitalistischen

Materialismus soll eine östlich-friedliche Spiritualität gegenübergestellt

werden; auch hier mit dem Anspruch auf eine religiöse

Bestimmung der gesamten Lebenswelt.

Wie man sieht, ändern sich die Kontexte, in denen verschiedene

Bestimmungen des Begriffs von Spiritualität geltend

gemacht werden. Doch kann diese Einsicht nicht von der

Beobachtung ablenken, dass die entscheidenden Elemente,

auf welche die Konzepte Wert legen, durchaus verwandt sind.

Stets geht es (1) um eine aus dem Geistigen oder Inneren heraus

durchzuführende Bestimmung der Lebensführung. Die

Herkunft dieser Bestimmung ist dabei mit dem Anspruch auf

unbedingte Geltung versehen; was im „Spirituellen“ wurzelt,

ist fraglos wertvoll und verlangt danach, befolgt zu werden.

Damit ist (2) verbunden, dass diese Bestimmung sich tatsächlich

in der Lebensführung verwirklicht. Dadurch soll der Vermutung

widerstanden werden, das „Spirituelle“ sei nur ein

unwirklicher Schein über einer ansonsten materiell begründeten

Lebenswelt. Schließlich ist (3) zu beachten, dass die inhaltlichen

Bestimmungen des „Spirituellen“ sich nicht nur

voneinander unterscheiden, sondern sich der Sache nach

möglicherweise ausschließen. Das schränkt jedoch nicht ein,

dass die jeweiligen Konzepte – insbesondere aufgrund ihres

Erfolges in der Lebensführung – nach Anerkennung verlangen.

Solange und soweit auf diese praktischen Resultate geschaut

wird, können verschiedenen Spiritualitäten durchaus

36


Sprititualität als Geistesgegenwart

nebeneinander bestehen, weil sie dieselbe Funktion der Bestimmung

des Lebens erfüllen.

Ganz offensichtlich sind die drei Eckpunkte von „Spiritualität“,

die sich aus der Begriffsgeschichte ergeben haben,

stets und wie von selbst im Blick, auch wenn sich die einzelnen

Kontexte des Begriffsgebrauchs gar nicht um ihre eigene

Herkunft kümmern, nämlich (1) religiöse Unbedingtheit,

(2) anthropologische Wirksamkeit, (3) institutionelle Vermitteltheit.

Daher kann man den Versuch unternehmen, diese

drei kategorialen Hinsichten als hermeneutisch-kritische Betrachtungsweisen

des Phänomens „Spiritualität“ zu gebrauchen;

es muss sich dann im einzelnen zeigen, inwiefern der

hermeneutische Rahmen zu erweitern oder zu korrigieren

ist.

2 Zur Struktur der Begriffs „Spiritualität“ 3

Die Absicht der hermeneutischen Brauchbarkeit veranlasst

nun dazu, sich auch um eine strukturelle Bestimmung des

Begriffs zu bemühen. Dabei lassen sich Mittel verwenden, wie

sie die philosophische Analyse von Subjektivität bereitstellt.

Grundsätzlich geht es darum, die anthropologische Differenzeinheit

von Leib und Seele zur religiösen Bestimmung

des Menschen in seinen historisch-institutionellen Kontex-

3 Eine den nachfolgenden Überlegungen verwandte, ausführlichere Theorie

der Spiritualität findet sich in den grundlegenden Eingangspassagen

des Handbuchbeitrags von Eilert Herms, Die Spiritualität des ordinierten

Amtes, in: Peter Zimmerling (Hrsg.), Handbuch Evangelische Spiritualität,

Bd. 2: Theologie, Göttingen 2018, 483–509, auf den Seiten 484–494. Auch

Herms versteht Spiritualität als „anthropologische Konstante“, zu der

„christliche Spiritualität“ ins Verhältnis tritt.

37


Regina Sommer

Fromme Theologiestudierende?

Befunde aus der Begleitung von Studierenden

durch die Landeskirche

1 Einstieg: Fromme Theologiestudierende?!

Pfarrkonferenz im Februar 2020 in Kassel. Vorgestellt werden

die Ergebnisse der sog. Freiburger Studie. 1 Wenn die Entwicklung

so weitergeht, wird die evangelische Kirche 2060

nur noch halb so viele Mitglieder haben. Nicht allein die demographische

Entwicklung ist dafür verantwortlich, sondern

auch die Tatsache, dass die 25- bis 35-Jährigen vermehrt

aus der Kirche austreten. Dass die Auswirkungen der Corona-

Pandemie die Prognosen zur finanziellen Entwicklung der

Kirchen nochmals deutlich verschärfen würden, ist damals –

kurz vor dem ersten Lockdown – noch nicht im Blick.

Ich bin für einen Beitrag zum geistlichen Umgang mit

den ernüchternden Ergebnissen der Studie angefragt. Zwei

(ehemalige) Theologiestudierende begleiten mich dabei. Beide

haben im Dezember bereits das 1. Theologische Examen abgelegt

und wollen im Herbst mit dem Vikariat beginnen. Auf

meine Anfrage, ob sie ihre Sicht und ihren geistlichen Umgang

mit den Freiburger Prognosen in Bezug auf ihre anstehende

pastorale Tätigkeit in der Kirche vorstellen würden,

waren beide gleich bereit, mitzumachen.

1 https://www.ekd.de/kirche-im-umbruch-projektion-2060-45516.htm (letzter

Aufruf: 4.7.21)

53


Regina Sommer

Die eine, ich nenne sie Maria Müller, kommt aus einer

missionarisch geprägten Gemeinde. Lange hat sie gehadert,

ob die Landeskirche der richtige Kontext für ihr christliches

Engagement ist. „Muss ich mich als Pfarrerin verstellen?

Kann ich meinen Glauben, kann ich das, wo ich hinwill, als

Christin in dieser Welt, mit den Gemeindegliedern vor Ort

teilen?“, das sind Fragen, die sie seit Beginn ihres Studiums

begleiten. Eine Tagung zum Thema „Fresh X – Neue Formen

von Kirche“, die wir gemeinsam im Rahmen der Studierendenbegleitung

vorbereitet und gestaltet haben, hat ihre Hoffnung

gestärkt, dass auch in der Evangelischen Kirche von

Kurhessen-Waldeck Platz für verschiedene Formen religiöser

Praxis und auch für ihre Anliegen ist. Im Rahmen der Kasseler

Pfarrkonferenz hält sie ein erstaunlich souveränes Plädoyer.

Sie ermutigt die Pfarrkolleginnen und -kollegen dazu,

sich auf den Ursprung und Grund unseres Glaubens, Jesus

Christus, zu besinnen und die Prognosen der Freiburger Studie

als Anstoß zum Aufbruch zu begreifen, als Chance, die

frohe Botschaft von der Menschenfreundlichkeit Gottes noch

einmal anders als in den geprägten Formen zum Ausdruck

und zu den Menschen zu bringen. Sie freue sich auf ihre Zeit

als Vikarin und Pfarrerin und darauf, das Evangelium auf unterschiedlichen

Wegen zu kommunizieren.

Der andere, ich nenne ihn Florian Fellner, ist volkskirchlich

distanziert geprägt. Er berichtet, dass er sich in kirchlichen

Kontexten lange fremd gefühlt habe und dass er daran

zweifelte, ob er der Richtige für den Pfarrberuf ist. „Reicht

mein Glaube aus? Bin ich fromm genug für den Pfarrberuf?“

Diese Fragen haben ihn umgetrieben. Das Gemeindepraktikum

war für ihn eine entscheidende Phase, in der er gemerkt

hat, dass er sich zutrauen kann, Pfarrer zu werden. Bezogen

auf die Ergebnisse der Freiburger Studie sagt er in der

54


Fromme Theologiestudierende?

Pfarrkonferenz, dass die prognostizierten Entwicklungen für

ihn nichts Neues seien. Er kenne Kirche nicht anders, als dass

sie im Rückbau begriffen sei. Er habe den Eindruck, dass es

ihm deswegen leichter falle, diese Entwicklung zu akzeptieren

und als Chance zur Veränderung zu begreifen. Die Entscheidung,

in der heutigen Zeit Theologie zu studieren und

eventuell den Pfarrberuf anzustreben, setze Gottvertrauen

voraus und ebenso die Lust daran, Kirche unter veränderten

Bedingungen mitzugestalten. Daran wolle er sich gerne beteiligen.

Warum ich das erzähle? Einige Aspekte zum Thema

„Fromme Theologiestudierende“ lassen sich daran verdeutlichen:

(1) Die beiden Studierenden bzw. frisch Examinierten fühlen

sich offenbar für „Geistliches“ zuständig. Sie haben natürlich

Respekt davor, erfahrenen Pfarrerinnen und Pfarrern im

Rahmen der Pfarrkonferenz etwas zu einer geistlichen Haltung

mitzuteilen. Aber sie halten meine Anfrage nicht für abwegig.

Die geistliche Dimension gehört für sie zu den Erwartungen

an Pfarrer und Pfarrerinnen. Sie wissen oder ahnen,

dass das Pfarramt ein „geistliches Amt“ ist, in dem sie einerseits

Menschen in einer christlichen Lebensgestaltung begleiten,

mit ihnen beten, die Bibel auslegen, sie segnen, und andererseits

für sich selbst eine religiöse Praxis pflegen werden. 2

(2) Ein zweiter Aspekt: Am Beispiel der beiden Studierenden

zeigt sich: Theologiestudierende sind verschieden. Sie

kommen aus unterschiedlichen Herkünften und mit verschiedener

religiöser oder spiritueller Vorerfahrung in das

Studium. Sie sind unterschiedlich religiös sozialisiert. Aus

2 Vgl. Ulrike Wagner-Rau, Auf der Schwelle. Das Pfarramt im Prozess kirchlichen

Wandels, Stuttgart 2009, 134–136.

55


Regina Sommer

meiner Erfahrung lassen sich drei Typen religiöser Sozialisation

oder Vorerfahrung unterscheiden: 3

a) Viele der Studierenden sind volkskirchlich verbunden

aufgewachsen, sind durch Kindergottesdienst, Konfirmandenzeit,

Jugendarbeit geprägt, sind später selbst Teamer in

der Jugendarbeit gewesen. Manche sind auch über die Kirchenmusik,

durch Posaunenchor, Gospelchor oder durch das

Orgelspiel mit der Gemeinde und der christlichen Botschaft

stärker in Berührung gekommen. Sie kommen mit dem

Wunsch, Pfarrerin oder Pfarrer zu werden, in das Studium

und haben unterschiedliche Erfahrungen mit religiöser oder

spiritueller Praxis, z. B. in der Kirchengemeinde, bei Freizeiten

oder auf Kirchentagen, gesammelt.

b) Einige der Studierenden kommen aus dem Umfeld einer

missionarisch orientierten Gemeinde- und Jugendarbeit

wie dem EC oder dem CVJM, manche auch aus charismatisch

oder freikirchlich geprägten Gemeinden. Sie pflegen eine intensive

Praxis des Glaubens, sind es gewohnt, Andachten zu

gestalten und anderen etwas von ihrem Glauben mitzuteilen.

Die volkskirchliche Glaubenspraxis erscheint ihnen oft als

defizitär, wenig lebendig und entschieden genug.

c) Wieder andere sind konfessionslos oder kirchlich distanziert

aufgewachsen. Sie sind über den Religionsunterricht,

über philosophische und ethische Themen, über individuelle

Begegnungen und Kontakte zum Theologiestudium

gekommen. Sie studieren Theologie aus religiösem Interesse,

weil sie die Themen und Fragen des Studiums ansprechen

3 Vgl. dazu auch Jochen Cornelius-Bundschuh, Auf der Schwelle beten

lernen!, Zur geistlichen Bildung in der theologischen Ausbildung, in:

Regina Sommer/Julia Koll (Hrsg.), Schwellenkunde. Einsichten und Aussichten

für den Pfarrberuf im 21. Jahrhundert, Stuttgart 2021, 141–153.

56


Fromme Theologiestudierende?

und sie die Breite und Vielfalt der Perspektiven im Theologiestudium

schätzen. Einer eigenen religiösen oder spirituellen

Praxis nähern sie sich erst an. Insofern sind sie auch noch

nicht sicher, ob sie in das Vikariat oder in den Pfarrberuf gehen

werden.

Leider gibt es nach meiner Kenntnis keine valide empirische

Studie zur Verteilung dieser Typen bzw. überhaupt zur

religiösen Herkunft der Theologiestudierenden. Hinsichtlich

der Verteilung schätze ich es – bezogen auf die Studierenden

auf unserer landeskirchlichen Liste – so ein, dass Typ a) ca.

50 % der Studierenden umfasst, Typ b) und c) jeweils 20-25 %.

Insofern kann man sagen, dass – anders als vielfach behauptet

– der größte Teil der Studierenden weiterhin landeskirchlich

oder freikirchlich sozialisiert ist, also schon mit Erfahrungen

einer religiösen Praxis in das Studium kommt.

(3) Ein dritter Aspekt: Maria Müller und Florian Fellner

aus meinem Anfangsbeispiel haben beide im Studium einen

Weg der Auseinandersetzung mit ihrer Berufsperspektive

durchlaufen. Leitend war dabei die Frage nach der persönlichen

Eignung für den Pfarrberuf. „Passt dieser Beruf zu mir

und meinem Frömmigkeitsprofil? Kann ich den Beruf mit

meiner Glaubenspraxis und -haltung vereinbaren? Bin ich

fromm genug? Wie überzeugt muss ich sein?“ – Das sind Fragen,

die Theologiestudierende oft schon vor Beginn des Studiums

umtreiben und die sie bei den Informationsveranstaltungen,

die die Landeskirchen für Studieninteressierte anbieten,

stellen. Und diese Fragen sind mit der Aufnahme des

Studiums und auch im Vikariat nicht erledigt. Für diese Fragen

und Zweifel sind Gesprächspartner und -partnerinnen,

sind Räume und Phasen in der theologischen Ausbildung

notwendig, mit und in denen diese Themen besprochen und

geklärt werden können.

57


Regina Sommer

2 „Die Theologiestudierenden werden

immer frömmer …“ !?

Öfter einmal hört man von Hochschullehrenden, auch von

kirchenleitenden Menschen, dass die Theologiestudierenden

immer frömmer würden. Was meint das und stimmt das? Die

Aussage ist ja nicht als Kompliment gemeint, sondern impliziert

die Sorge, dass Theologiestudierende es nicht lernen

könnten, in eine wissenschaftlich reflektierte Distanz zu ihren

eigenen Glaubensüberzeugungen zu treten. In der Tat

wäre das der Ausverkauf des Theologiestudiums, wenn man

so aus ihm herauskäme, wie man in es hineingegangen ist.

Theologie zu studieren, heißt eigene Glaubensüberzeugungen

zu riskieren, seine persönliche Glaubenspraxis zur Diskussion

zu stellen und sich dabei zu verändern, sich zu entwickeln

und weiterzudenken. Theologie studieren, das bedeutet

eine Einübung darin, die Perspektiven zu wechseln

und Verständnis für unterschiedliche Frömmigkeitsstile zu

entwickeln. An der Warnung pietistischer Kreise, dass man

im Studium den Glauben verliere, ist etwas dran, insofern

sich der Glaube während des Studiums durch wissenschaftliche

Reflexion, Perspektivenwechsel und Distanznahme zur

eigenen Überzeugung notwendigerweise verändert.

Ich kann den Eindruck nicht teilen, dass die Theologiestudierenden

immer frömmer würden. Die meisten verändern

sich im Studium, entwickeln eine weite Perspektive, und

das ist gut so. Eindrücke und Aussagen, dass die Theologiestudierenden

immer frömmer würden, müssten aus meiner

Sicht ein Ansporn sein, das Theologiestudium so zu gestalten,

dass „wissenschaftlicher Geist“ und „kirchliches Interesse“,

akademische und geistliche Bildung miteinander zur Geltung

kommen.

58


Adelheid Ruck-Schröder

Spiritualität im Vikariat?

Ein Blick aus der Erfahrung der

zweiten Ausbildungsphase

Einleitung

Das Thema „Spiritualität“ 1 hat eine neue Würdigung in der

Pfarrbildung erfahren, und zwar nicht nur im Theologiestudium,

sondern auch in der zweiten Ausbildungsphase. Sabine

Hermisson konstatiert in ihrer Studie über spirituelle Kompetenz

2 geradezu ein „Ausbildungsdesiderat“. In vielen Predigerseminaren

hat praktizierte „Spiritualität“ indes nicht

selten einen traditionellen Ort, etwa in Gestalt einer je unterschiedlich

ausgeprägten Andachtskultur. Im Zuge des gewachsenen

gesellschaftlichen und kirchlichen Interesses an

„Spiritualität“ wird diese in der Ausbildung auch zum Gegenstand

auch von Reflexion. „Wie fromm muss eine Pfarrerin,

ein Pfarrer sein?“, fragen Vikarinnen und Vikare und

1 Der Begriff „Spiritualität“ wird in diesem Beitrag im Wechsel mit anderen

Wendungen („Formen geistlichen Lebens“, Ausdrucksformen von Frömmigkeit

usw.) verwendet. Er ist der im Kontext des Vikariates in den letzten

Jahren weithin benutzte Ausdruck, wahrscheinlich weil er ein offenes

Konzept markiert und nicht an bestimmte Formen gebunden ist. Zur

Geschichte und Verwendung des Begriffs im Bereich theologischer Ausbildung

vgl. Sabine Hermisson, Spirituelle Kompetenz. Eine qualitativempirische

Studie zu Spiritualität in der Ausbildung zum Pfarrberuf,

Arbeiten zur Religionspädagogik, Bd. 60, Göttingen 2016, 19–48.

2 A. a. O., 13.

65


Adelheid Ruck-Schröder

rufen damit eine Reihe von pastoraltheologisch virulenten

Fragen im Vikariat auf: die Frage nach der personalen Dimension

im Pfarrberuf, 3 nach dem Verhältnis persönlicher

Glaubenspraxis und beruflichem geistlichem Leben, 4 nach

Authentizität im Pfarrberuf, nach Gemeinschaft und Individualität

in der Kirche, nach Tradition und Innovation, aber

auch nach der Dimension von Transzendenz für das pastorale

Selbstverständnis.

Während manche Landeskirchen Spiritualität als Ressource

pastoraler Identität etwa gegen ein drohendes Burnout

im Pfarrberuf identifiziert haben und diese im Studium,

spätestens im Vikariat stärken möchten, üben andere eine bewusste

Zurückhaltung, Spiritualität formal in der Ausbildung

zu verankern. Neben niedrigschwelligen Zugängen, die

eine erste Begegnung mit Ausdrucksformen des Glaubens

und deren Reflexion ermöglichen möchten, steht die Einübung

in klassische klösterliche Formen von Frömmigkeit.

Insgesamt reichen die Formate im Vikariat von freiwilligen

Angeboten bis zu Pflichtmodulen. Neben kompetenzorientierten

Ansätzen und Lernformaten stehen informelle Zugänge:

Vikare probieren einfach aus und praktizieren ihre

Frömmigkeit, allein oder mit anderen, oder sie lassen das alles

eben auch bewusst bleiben. Bei alledem sind die Stichworte

„Spiritualität“, aber auch „Frömmigkeit“ Reizworte in

Vikarskursen. Das bloße Aufrufen dieser Stichwörter im Blick

3 Vgl. Ulrike Wagner-Rau, Die personale Dimension im Pfarrberuf. Eine

pastoraltheologische Perspektive, in: Bernd Schröder (Hrsg.), Pfarrer oder

Pfarrerin werden und sein. Herausforderungen für Beruf und theologische

Bildung in Studium, Vikariat und Fortbildung, Leipzig 2020, 113–126.

4 Vgl. Ulrike Wagner-Rau, Geistliche Fundierung als Mitte des Pfarrberufs?,

in: epd Dokumentation 30/2019: Der Pfarrberuf. Profil und Zukunft,

27–33.

66


Spiritualität im Vikariat?

auf den Pfarrberuf oder die Rolle als Vikar oder Vikarin löst

blitzschnell Reaktionen höchsten Interesses oder prompter

Abgrenzung aus.

Im Folgenden greife ich Erfahrungen mit „Spiritualität“

in Praxis und Reflexion im Predigerseminar Loccum auf,

werfe dann einen Blick in andere Ausbildungskonzepte und

formuliere am Ende Herausforderungen für den Umgang

mit „Spiritualität“ in der zweiten Ausbildungsphase.

1 Erfahrungen mit „Spiritualität“

im Predigerseminar Loccum

1.1 Drei Beobachtungen

und eine durch die Coronakrise bedingte Vorbemerkung

Durch die Coronakrise bedingte Vorbemerkung

Die Corona-Pandemie seit 2020 hat Einschnitte in allen Bereichen

der Ausbildung mit sich gebracht. Auch der Bereich der

Spiritualität ist davon betroffen. Die analoge „Kurswoche

Spiritualität“ in den Klöstern Bursfelde oder Wülfinghausen

sind der Coronakrise ebenso zum Opfer gefallen wie das freiwillige

Angebot geistlicher Vorbereitungstage auf die Ordination

und wurden durch digitale Impulse ersetzt. Auch die

Feierkultur und das kollegiale Ausprobieren von Andachtsformen

im Alltag des Predigerseminars leiden seit der Corona-Krise.

Vikare experimentieren während digitaler Studienwochen

zwar auch mit Andachten und Möglichkeiten digitalen

Abendmahls. Dieser Bereich lebt aber in besonderer

Weise von physisch erfahrbaren Orten und Atmosphären.

Zum Teil ergreifen Vikare und Vikarinnen Eigeninitiative,

um trotz digitaler Kurswochen freiwillige analoge Formate

67


Adelheid Ruck-Schröder

unter Beachtung der Hygieneregeln umsetzen zu können. So

hat eine Gruppe zum Abschluss ihres Vikariates einen Gottesdienst

„auf der Schwelle“ entwickelt und im kleinen Kreis

analog gefeiert. Auch die für alle Interessierten digital zur

Verfügung gestellten Impulse zur geistlichen Vorbereitungstagung

auf die Ordination wurde von einigen Vikaren und

Vikarinnen in eigener Regie in physischer Präsenz durchgeführt.

Wir haben diese Initiativen von Seiten des Predigerseminars

so weit wie möglich unterstützt. In der anhaltenden

Situation unter Corona-Bedingungen machen wir als Studienleitung

eine interessante Beobachtung: Das Maß an Eigeninitiative

und selbstverantworteter Arbeit wird im Vikariat

durch die Einschränkung bisheriger Ausbildungsformate in

gewisser Weise geradezu gefördert. Darüber hinaus scheint

sich der Bereich der Schwellenrituale (Einführungs-, Abschluss-

und Ordinationsgottesdienste) als unverzichtbare

Formen religiöser Praxis in physischer Präsenz im Kontext

der Pfarrbildung zu erweisen, während so gut wie alle anderen

Lehr-Lern-Formate digital transformiert werden. Die folgenden

Eindrücke beziehen sich insgesamt auf Lehr-Lernsettings

in physischer Präsenz, wie sie vor der Corona-Krise praktiziert

wurden und nach Möglichkeit wieder aufgenommen

werden.

1.1.1 Sich Annähern und Ausprobieren: Spiritualität

zwischen Angebot und Selbststeuerung

Szene eins: Vikare und Vikarinnen diskutieren zu Beginn einer

Kurswoche „Pastorale Identität“, ob sie im Verlauf der

Woche einen Gottesdienst, eine Andacht o. ä. feiern möchten.

Ort und Form sind offen, draußen im Wald, am Steinhuder

Meer oder im Kloster, alles ist möglich. Im Verlauf der Studienwoche

steht dafür Zeit zur Verfügung. Die Gruppe befindet

68


Spiritualität im Vikariat?

sich noch am Anfang im Vikariat. „Lasst uns die Zeit lieber

zum Diskutieren nutzen“, sagen einige. Die Zurückhaltung

ist mit Händen zu greifen. Ein Vikar meldet sich zu Wort: „Ich

hätte schon Lust. Würde gern ein einfaches Abendmahl mit

Euch feiern. Etwas ausprobieren.“ Erst hinterher erfahre ich,

dass seine Oma in der Nacht zuvor verstorben war. „Okay.

Wenn du das vorbereitest, kommen wir.“ Am Ende treffen wir

uns am Abend im Kapitelsaal im Kloster. Nur Kerzen erhellen

Kreuzgang und Kapitelsaal. Der Vikar hat mit einem Kollegen

alles vorbereitet. Einen Tisch besorgt, um den sich alle versammeln,

ihn gedeckt. Die ganze Liturgie ist auf ein Minimum

konzentriert. „Darf man das, Frau Ruck-Schröder?“,

wollten sie im Vorfeld wissen. „Probieren Sie es aus!“ Es wurde

eine eindrückliche Abendmahlsfeier. Der Kurs hat sich geistlich

auf den Weg gemacht.

Fazit: Spiritualität braucht Gelegenheit, sich sichtbar und

in konkreten Formen zu entfalten und gleichsam „aufzuwachen“.

Ausbildung hat die Funktion, dies zu ermöglichen. Es

braucht aber auch die Initiative der Vikarinnen und Vikare,

Formen religiöser Praxis im geschützten Raum zu probieren.

Auch die Reflexion darüber muss mit Augenmaß betrieben

werden, damit nicht jedes Praktizieren geistlichen Lebens unmittelbar

in das Fahrwasser der Bewertung gerät.

1.1.2 Spiritualität in der Ausbildung:

ein stellvertretender Auslöser für Konflikte

Szene zwei: Ein Vikar schildert mir in einem Ausbildungsentwicklungsgespräch

am Ende des Vikariates: Spiritualität im

Predigerseminar hätte er sich gewünscht, aber nicht erlebt. Er

hätte sich viel mehr Geistliches gewünscht. Aber dafür würde

man ja lächerlich gemacht im Kurs. Er hätte das enttäuscht

aufgegeben. Ich war überrascht, weil dieser Vikar im Kurs be-

69


Adelheid Ruck-Schröder

liebt, gut vernetzt und gesellig war. Ich habe diese unausgesprochene

Sehnsucht bei ihm nicht wahrgenommen. Es gibt

eine Scham, über Glaubenspraxis und das Bedürfnis nach spiritueller

Gemeinschaft zu sprechen.

Fazit: Spiritualität ist ein intimes Thema. Im Vikariat

braucht es Schutzräume, sie zu entfalten, aber auch die Freiheit,

sich entziehen zu können. Im besten Fall lernen Vikare

und Vikarinnen, ihr Interesse an religiöser Praxis und Gemeinschaft

zu artikulieren, üben aber gleichzeitig Toleranz

gegenüber anderen Haltungen bis hin zur Ablehnung.

1.1.3 Spiritualität zwischen Erwartung und Zuschreibung

Szene drei: „Welche Form von Spiritualität wünschen Sie sich

eigentlich im Predigerseminar oder in der Gemeinde?“, frage

ich eine Vikarin während eines Besuchs in ihrer Vikariatsgemeinde.

„Ich glaube, die Form, die ich ansprechend finde,

interessiert niemanden. Es sind nämlich die traditionellen

Formen, die ich toll finde. Auch wenn das viele nicht von mir

vermuten. Richtige Stundengebete, die Komplet, das habe ich

in Rostock erlebt. So was spricht mich an. Aber damit stehe ich

vermutlich allein. Moderne Gottesdienste finden hier in der

Gemeinde zwar alle toll, die Bude ist dann rappelvoll. Mir gefällt

was Anderes aber besser.“

Fazit: Vikarinnen sind nicht selten anders, als wir meinen.

Unterschiedliche Frömmigkeitsstile und Geschmäcker werden

sichtbar. Spiritualität gibt es in der Ausbildung nur im

Plural.

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Umschlag: makena plangrafik, Leipzig

Satz: ARW-Satz, Leipzig

Druck und Binden: Hubert & Co., Göttingen

ISBN 978-3-374-07097-8 // eISBN (PDF) 978-3-374-07098-5

www.eva-leipzig.de

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