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Sarah Jäger | Eberhard Martin Pausch (Hrsg.): Kampf der Kulturen und gerechter Frieden (Leseprobe)

1996 erschien Samuel P. Huntingtons Buch »Der Kampf der Kulturen«. Im Deutschen sind die Begriffe »Kultur« und »Zivilisation« fast deckungsgleich. Huntington vertritt vor diesem Hintergrund drei Hauptthesen: (1) Kultur zählt. (2) Jede Kultur hat eine eigene, unverwechselbare Identität. (3) Wenn Kulturen aufeinanderprallen, ist der Friede gefährdet. Aber gibt es wirklich die je eigenen, unverwechselbaren Identitäten von Kulturen? Das wäre eine Form von »Essentialismus«. Im Gegenteil scheint die Welt ein Gewebe von inter- und transkulturellen Beziehungen zu sein. Daher lässt sich Frieden jedenfalls dann gewinnen oder bewahren, wenn diese Beziehungen auf der Grundlage von multilateralen Gesprächen (Dialogen oder Polylogen) gepflegt werden.

1996 erschien Samuel P. Huntingtons Buch »Der Kampf der Kulturen«. Im Deutschen sind die Begriffe »Kultur« und »Zivilisation« fast deckungsgleich. Huntington vertritt vor diesem Hintergrund drei Hauptthesen: (1) Kultur zählt. (2) Jede Kultur hat eine eigene, unverwechselbare Identität. (3) Wenn Kulturen aufeinanderprallen, ist der Friede gefährdet. Aber gibt es wirklich die je eigenen, unverwechselbaren Identitäten von Kulturen? Das wäre eine Form von »Essentialismus«. Im Gegenteil scheint die Welt ein Gewebe von inter- und transkulturellen Beziehungen zu sein. Daher lässt sich Frieden jedenfalls dann gewinnen oder bewahren, wenn diese Beziehungen auf der Grundlage von multilateralen Gesprächen (Dialogen oder Polylogen) gepflegt werden.

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Sarah Jäger | Eberhard Pausch (Hrsg.)

Kampf der Kulturen

und gerechter Frieden

Samuel Huntingtons These zwischen

Identitätspolitik und Friedensethik


Inhalt

Einleitung ................................................ 7

Wolfgang Prawitz

Begrüßung zur Tagung »Kampf der Kulturen« – Kultur, Religion und

Identität (5./6. Oktober 2021) ................................. 19

Eberhard Martin Pausch

»Kampf der Kulturen« und Identitätspolitik

Plädoyer für eine Kultur der fruchtbaren Differenzen ............... 23

Eva Senghaas-Knobloch

Kulturelle Konfliktdynamiken der Globalisierung und friedenspolitische

Herausforderungen

Eine Auseinandersetzung mit den Thesen von Samuel P. Huntington ... 35

Sarah Jäger

Anerkennung kultureller Diversität

Ressourcen und Hoffnungshorizonte evangelischer Friedensethik ...... 55

Annette Weidhas

Eine neue Welt?

Kampf der Kulturen und Identitäten ............................ 67

Sylvie Thonak

Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen

Einige Konsequenzen aus der Friedensdenkschrift der EKD .......... 81

Christopher Daase

Der »Kampf der Kulturen« und die Friedenspolitik im 21. Jahrhundert .. 99

Lukas Bormann

Hellenismus – Judentum

Die Vielfalt der Kulturen zur Zeit des Urchristentums ............... 107

Ursula Büttner

»Kampf der Kulturen« in der Weimarer Republik?

Soziale und kulturelle Konflikte als politische Faktoren ............. 125


6 Inhalt

Ulrike Auga

Wissenschaftliche Konstruktionen des Hinduismus, des Buddhismus und

der Weltreligionen

Ein Beitrag zur Dekolonisierung und Desidentifizierung der

Religionswissenschaft ....................................... 141

Autorinnen und Autoren ..................................... 159


Einleitung

Die vorliegende Publikation verdankt sich einem doppelten »Jubiläum«: Denn

1996 erschien das Buch »Kampf der Kulturen« des renommierten US-amerikanischen

Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington (1927–2008) und löste

schon unmittelbar nach seinem Erscheinen eine großeDebatte aus. Dieseweitete

sich nach den Terrorannschlägen des 11. September 2001 in New York und

Washington erst recht aus und wurde immer hitziger und komplexer. 20

bzw. 25 Jahre nach diesen Ereignissen entschied die Evangelische Akademie

Frankfurt, in einer Studientagung eine Re-Lektüredes Buches vorzunehmen und

diese zugleich auf den aktuellen Stand des friedensethischen und friedenspolitischen

Diskurses zu beziehen. Die Systematische Theologin Frau Jun.-Prof. Dr.

Sarah Jäger von der Friedrich-Schiller-Universität Jena war gerne bereit, die

Tagung fachlich und organisatorisch mit vorzubereiten. Sowar es ein Team aus

drei Personen, das die Studientagung am 5./6. Oktober 2021 durchführte: Prof.

Sarah Jäger und seitens der Evangelischen Akademie Frankfurt Annette Lorenz

und Dr. Eberhard Martin Pausch.

VonAnfang an war dabei im Blick, dieinhaltlichen Impulse und Erträge der

beiden Tage gegebenenfalls auch in schriftlicher Form zu veröffentlichen. Dies

schien den Veranstalterinnen und Veranstalternumso sinnvoller und nötiger, als

unter den Bedingungen der Covid-19-Pandemie die Möglichkeiten der Präsenzbeteiligung

ander Tagung ohnehin eingeschränkt waren und es andererseits

höchst wünschenswert schien, den Tagungsinhalten eine möglichst große Breitenwirkung

und Nachhaltigkeit zusichern. Hierfür bot sich die Möglichkeit der

Publikation in einem renommierten Verlag – der Evangelischen Verlagsanstalt

Leipzig (EVA) – an. Und wir danken Frau Dr. Annette Weidhas sehr, dass sie

dieses Ziel mit uns gemeinsam konsequent verfolgte und dann auch umsetzte.

Für die Finanzierung dieses Anliegens leistete dieEvangelische Militärseelsorge

über die Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD) einen erheblichen

Beitrag, für den wir außerordentlich dankbar sind.

Schließlich gilt unser großer Dank Johannes Müller für die engagierte Unterstützung

bei der redaktionellen Bearbeitung der Texte.


8 Einleitung

Die einzelnen Beiträge der Tagung und die mit ihnen verbundenen Podiumsgespräche

beleuchteten das komplexe Thema aus sehr unterschiedlichen

Perspektiven und ermöglichen nunmehr eine aktuelle und facettenreiche Re-

Lektüre und Neu-Reflexionder Thesen Samuel P. Huntingtons – im Hinblick auf

die wesentlichen Einsichten gegenwärtigerevangelischer Friedensethik, wie sie

sich in der 2007 veröffentlichten Friedensdenkschrift des Rates der Evangelischen

Kirche inDeutschland (EKD) 1 spiegeln. In dieser Denkschrift finden

kulturelle Aspekte und Faktoren die ihnen gebührende Beachtung. Denn aus

welchen Gründen Kriege in der Gegenwart aber auch immer entstehen mögen,

kulturelle Verschiedenheit ist ohne Zweifel ein Faktor, der sich identitätspolitisch

in ihnen auswirken und konkretisieren kann. Um Kriege zu verhindern, einzudämmen

oder zu beenden, um im Gegenzug und darüber hinaus einen gerechten

Frieden dauerhaft stiften zu können, müssen viele (und keineswegs

triviale) Voraussetzungen erfüllt sein. Die Denkschrift stellt die Grammatik

dieser Voraussetzungen zusammenfassend dar. Vereinfachend kann man sagen:

Diese Schrift hat einen friedensethischen Leitbegriff. Sie vertritt zwei sehr

wichtige Prinzipien. Und sie versteht Frieden als einen Prozess, der sich wesentlich

in vier Dimensionen entwickelt.

· Der friedensethische Leitbegriff ist im ökumenischen Diskurs in der Gegenwart

der Begriff des gerechten Friedens. Er ist der zentrale Terminus in der

aktuellen Friedensdenkschrift. Die klassische Lehre vom gerechten Krieg,

die anderthalb Jahrtausende lang die christlicheFriedensethik bestimmt hat,

lassen wir hinter uns und denken den Frieden von seiner wesenhaften

Verbundenheit mit (Völker⌥)Recht und (sozialer) Gerechtigkeit her. Denn

Frieden, sosehen wir das heute, ist etwas ganz anderes als Kriegsverhinderung

oder Kriegsführung mit der Intention des Friedens. Biblische Begriffe

wie Schalom und Eirene machendas deutlich. Frieden meint mehr und ist der

Sache nach umfassender, tiefer und reicher als die bloße Abwesenheit von

Krieg. Er ist seinem Wesen nach zutiefst verbunden mit Recht und Gerechtigkeit.

Er wurzelt in Vertrauen und führt zu Sicherheit, wohlgeordneten

Zuständen, trägt auch zur Überwindung von Not und Unfreiheit bei. Und er

verweist symbolisch sogar auf das Heil, auf das Menschen hoffen und das

ihnen nach christlichem Verständnis in Jesus Christus zuteilwird. Vonihm

sagt das Neue Testament deshalb: »Er ist unser Friede« (Epheser 2,14).

· Die Friedensdenkschrift vertritt zwei wesentliche friedensethische Prinzipien:

a) Zivil geht vor militärisch, b) Prävention geht vor Intervention. Aus

1

Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen. Eine Denkschrift des Rates der

Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2007. Diese Schrift ist auch im Jahr

2022 noch der gültige Referenzpunkt evangelischer Friedensethik im Raum der EKD –

unbeschadet einiger Korrekturen und Ergänzungen, die durch die weltpolitischen

Veränderungen der vergangenen zwei Jahrzehnte notwendig geworden sind.


Einleitung 9

Grundsatz a) folgt, dass militärischeMaßnahmen wenn überhaupt, dann nur

als »ultima ratio« in einem friedensethischen und friedenspolitischen Gesamtkonzept

verortet werden können, in dem zivile Maßnahmen (Diplomatie,

wirtschaftliche Aufbau- und Entwicklungshilfe, medizinische Versorgung,

Arbeit ziviler Friedensdienste usw.) den Handlungsprimat haben.

Aus Grundsatz b) folgt, dass vorausschauendes Handeln, langfristige Planung,

aber auch sorgfältige Wahrnehmung von politischen Veränderungen

und Entwicklungen notwendig sind, um kurzatmiges, oft hilflos intervenierendes

Handeln in Krisensituationen vermeiden zu können. Dies gilt

umso mehr, wenn »Interventionen« oft eindimensional militärisch durchgeführt

werden, wie dies der problematische Begriff der sog. »humanitären

Intervention« belegt.

· Schließlich charakterisiert die Denkschrift Frieden als einen Prozess, der

mindestens vier wesentliche Dimensionen hat: (1) Schutz vor (physischer oder

psychischer) Gewalt, (2) Förderung von Freiheit im Sinne der Gewährleistung

von demokratischen Grundrechten und staatsbürgerlichen Beteiligungsmöglichkeiten,

(3) Abbau von materieller/sozialer Not wie Hunger,

Durst, Obdachlosigkeit usw., (4) Anerkennung kulturellerVielfalt. Diesevier

Dimensionen fungieren in gewisser Weise als »Prüfinstanzen« dafür, ob ein

Friedensprozess sich in einem bestimmten gesellschaftlichen und staatlichen

Rahmen verwirklicht. Dabei ist im Ganzen von einer Gleichursprünglichkeit

und Interdependenz der vier Dimensionen auszugehen. Es lässt sich

also keine von ihnen aus den anderen vollständig herleiten.

Folgende im Rahmen der Studientagung gehaltene Vorträge sind in Form von

wissenschaftlich aufbereiteten Texten in diesem Band vertreten:

Wolfgang Prawitz, Pfarrer und Vizepräses der Synode der Evangelischen

Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Synodaler der Evangelischen Kirche in

Deutschland (EKD) und Vorsitzender des Arbeitskreises »Frieden und Konflikt«

der Evangelischen Akademie Frankfurt, begrüßte die analog und digital »versammelten«Gäste

und führte in die Tagung ein. Er wies dabei unter anderem auf

die Kundgebungen der Synoden der EKD und der EKHN zur Friedensthematik

aus dem Jahr 2019 hin, die in der Publikation der Evangelischen Akademie

Frankfurt »Kontinent der Zukunft« 2 noch einmal abgedruckt wurden. Prawitz

hinterfragte kritisch die Mentalität von Nationen, Staaten, Kulturen und Religionen,

sich selbst auf Kosten von oder zu Lasten anderer an die erste Stelle zu

setzen (»America first«). In diesem Zusammenhang sei Huntingtons Buch von

1996 zu beachten; es sei wichtig, dass es auf der Tagung multiperspektivisch

beleuchtetwerde. Erstaunlich sei die Koinzidenz der Zeitpunkte: Das Erscheinen

2

EberhardMartin Pausch (Hrsg.), Kontinent der Zukunft. Friede für Afrika – nachhaltig

und gerecht, Bielefeld 2021, dort 65–76, 101–111.


10 Einleitung

des Buches falle zeitlich mit der erstmaligen Machtergreifung der Taliban in

Afghanistan zusammen, die jetzige Re-Lektüre 25 Jahre später korrespondiere

mit deren Rückkehr an die Macht. Das von Huntington beleuchtete Neben- und

Gegeneinander von Kulturen in einer komplexen globalen Lage in Relation zur

Frage des Sicherheitsgefüges dieser Welt zu setzen, bedeute, »ein wichtiges

Thema zum richtigen Zeitpunkt« aufzugreifen.

Eberhard Martin Pausch, Pfarrer und Studienleiter der Evangelischen

AkademieFrankfurt, skizziertWerk undWirkung HuntingtonsimLicht derbis

heute maßgeblichen Friedensdenkschrift der EKD aus dem Jahr 2007 (siehe

oben). Pausch zufolge sind Huntingtons Thesen nach wie vor relevant. Ob man

ihnen zustimmen oder sie ablehnen mag, man müsse sich jedenfalls mit ihnen

auseinandersetzen. Dabei ließen sich hinsichtlich seiner Analysen und Prognosen

Urteile und Fehlurteile unterscheiden. Manche Entwicklungen habe er

sehr präzise vorausgesehen, etwa das Erstarken des Islamismus inder Türkei

oder die Zunahme von Abwehrbereitschaft gegenüber Migration und Einwanderungsbestrebungen

invielen Ländern des Westens. Auch seine These, dass

die Welt der Staaten zunehmend inden Hintergrund treten werde gegenüber

einer Welt zahlreicher Kulturen, erweise sich großenteils als plausibel. Seine

Einschätzung des Islams als»Religion desSchwertes« stellehingegen ehereine

Hypothek als eine Hilfe dar, wenn man den Islam in seiner ganzen Vielgestaltigkeit

wahrzunehmen versuche. Pausch weist explizit darauf hin, dass

Huntingtonden Kulturbegriffüber den Identitätsbegriff definiert.Damit ergäbe

sicheineerstaunlicheBrücke zu den gegenwärtigen (nichtunproblematischen)

identitätspolitischen Diskussionen. Jedoch behaupte Huntington nicht, dass der

»ClashofCivilizations«notwendigaus derPluralität der Kulturen folgen werde.

Im Gegenteil empfehle er die »Enthaltung von Interventionen« inanderen

Kulturkreisen, umden Weltfrieden zusichern. Im Licht der EKD-Friedensdenkschrift

zeige sich überdies, dass Dialoge oder Polyloge der Kulturen und

Religionen eine lebendige und realistische Alternative zum »Kampf der Kulturen«

darstellen – dass aber diese Polyloge nur dann friedensförderlich sein

würden, wenn sie auch eine fruchtbare Streitkultur einschließen.

Eva Senghaas-Knobloch, Arbeitssoziologin, Politologin und Friedensforscherin,

setzt sich in ihrem Beitrag kritisch mit HuntingtonsBuch auseinander, indem

sie zunächst in ebenso knapper wie präziser Weise dessenArgumentationsgang

rekonstruiert und dann an drei zentralen Punkten Widerspruch anmeldet. Die

drei Einwände gegen Huntingtons Analyse betreffen erstens dessen mangelnde

Wahrnehmung der globalen sozialen Ungerechtigkeiten, zweitens dessen gravierende

Unterschätzung der weltweit auch innerhalb der von ihm unterschiedenen

Kulturkreise bzw. Zivilisationen vorhandenen Diversitäten und schließlich

die unzureichende Entfaltung realistischer friedenspolitischer Perspektiven für

die gegenwärtige Weltgesellschaft. Die globalen sozialen Ungerechtigkeiten

entstehen, soSenghaas-Knobloch, aufgrund von Machtasymmetrien, die zu er-


Einleitung 11

heblichen Teilen aus der kolonialistischen Vergangenheit resultieren und durch

die Vereinten Nationen niemals aufgefangen bzw. ausbalanciertwerden konnten.

Die Länderdes globalen Südens leiden aber nicht nur unter Armut, sondern auch

unter der »Übergriffigkeit und Doppelmoral« des sogenannten »Westens«, die

sich oft unter dem Anspruch der Entwicklungspolitik verbergen. Die Autorin

belegt das anhand von Beispielen aus der Arbeitswelt wie der Einschränkung von

Gewerkschaftsrechten, mangelndem Arbeitsschutz und sozial prekären Beschäftigungsverhältnissen.

Die Welt insgesamt sei gekennzeichnet durch Veränderungs-

und Ausdifferenzierungsprozesse, Diversität entstehe innerhalb von

Kulturen, aber auch durch deren Vermischung. Die weltweiten Migrationsprozesse

befördern die globale Vielfalt und machen sie unhintergehbar – dies habe

Huntington Mitte der 1990er Jahre nur unzureichend erkannt. Das dritte substanzielle

Argument von Eva Senghaas-Knobloch betrifftdie Notwendigkeiteiner

effektiven Friedenspolitik. Diese müsste sich um den Gedanken gemeinsamer

Sicherheit drehen, sie müsste auf friedenspolitischen Lernprozessen aufbauen,

sie müsste den Rahmen der 17 »Sustainable Development Goals« der Vereinten

Nationen aufnehmen und sich dort auf Ziel 16 (»Frieden und Resilienz«) fokussieren.Schließlich

müsste die Politik klarer undentschlossener als bisher die

Erkenntnisse der Friedenswissenschafternst nehmen und in das eigene Handeln

integrieren. So ließe sich plausibel machen, dass es nicht um »westliche Werte«

geht, sondern um weltweit bedeutsame politische und soziale Innovationen, »[…]

die einer Kultur des gerechten Friedens förderlich sind«.

Die Theologin Sarah Jäger beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der Anerkennung

kultureller Diversität. Dabei setzt sie an den in der Friedensdenkschrift

unterschiedenen vier Dimensionen des gerechten Friedens an und entfaltet,

welche Herausforderungen in der Dimension der Anerkennung kultureller

Verschiedenheit stecken. So berge gerade der Terminus der »Anerkennung«

immer auch die Gefahr in sich, eine Dichotomie zwischen »uns« und den »anderen«

einzuziehen und die eigenen oder die anderen Kulturen essentialistisch

festzuschreiben, damit aber koloniale Verflechtungen und Abhängigkeiten fortzusetzen.

Dieser Denkweise stellt die Verfasserin ein Kulturverständnis in Aufnahme

von Gedanken des Philosophen Wolfgang Welsch entgegen, das Kultur

auch als Aneignung, Inkorporation und Umdeutung versteht. Für einen konstruktiven

Umgang mit Pluralität wird Vertrauen als eine Ressource von

(evangelischer) Friedensethik eingeführt, die dann mit Blick auf die tugendethischen

Visionen des katholischen Befreiungstheologen Leonardo Boff näher

beleuchtetwird. Vertrauen sei kostbar, es stelle immer ein Wagnis dar und könne

etwa durch gesetzliche Regelungen gar nicht oder nur zum Teil ersetzt werden.

Dieser Wagnischarakter gelte in besonderer Weise für vertrauensbildende

Maßnahmen zur Friedensförderung oder -sicherung. Hier seien es im Besonderen

die Praktiken des Vermittelns und Aushandelns, die Vertrauen wachsen lassen.

Solche Praktiken nehme auch LeonardoBoff in den Blick, wenn er seine Visionen


12 Einleitung

des Zusammenlebensskizziert. Gerade die Erwartung des ReichesGottes, so die

Argumentation der Verfasserin, schaffe einen Horizont für die Arbeit am Frieden

und das Einlassen aufeinander in einer pluralen (Welt⌥)Gesellschaft.

Die Theologin und Geschäftsführerin der Evangelischen Verlagsanstalt, Annette

Weidhas,stellt Huntingtons Kernthese, es gebe eine neue Weltordnung, die

sich als Kampf der Kulturen und Identitäten ergebe, kritisch auf den Prüfstand.

Zu Recht zwar habe Huntington die These Fukuyamasvom »Ende der Geschichte«

als zu optimistisch bestritten. Insbesonderesei die Gegenwart weder als friedlich

noch als rational noch als demokratieaffin zu beschreiben. Im Gegenteil sei die

Welt reichlich konfliktiv, die Irrationalitäten breiteten sich aus und die Zustimmung

zur Staatsform der Demokratie stehe für viele Staaten mehr denn je in

Frage. Keineswegs aber habe sich Huntingtons Prophezeiung erfüllt, dass die

Welt sich nunmehr als System von sieben bis neun großen Kulturkreisen konfiguriere.

Dies liege auch daran, dass Huntington, wie auch andere Kritiker betonen,

die Kulturkreise essentialistisch denke. Seine Kulturtheorie sei daher zu

schlicht und schematisch, um die Komplexität und Differenziertheit der Welt

abbilden zu können. Auch zeige die Empirie, dass mit Waffengewalt ausgetragene

Konflikte sich eher um Machtfragen oder um finanzielle Vorteile drehten als um

Kultur- oder Religionsidentitäten. Die Identitätsaspekte seien allerdings innerhalb

von Staaten oder Gesellschaften zu beachten. Auf der rechten Seite des

politischen Spektrums stellten sie sich oft als Nationalismus dar, auf der linken

Seite gebe es »Frauen-, LGBTQIA + – und postkolonialistische Gruppierungen«, die

um Einfluss kämpften und Andersdenkende attackierten. Im Anschluss an Ingolf

Ulrich Dalferth konstatiert Weidhas eine »Krise der öffentlichen Vernunft«, die

sich aus der aktuellen Identitätspolitik ergebe. Die menschlichen Identitäten

seien aber stets multipel, und die Welt sei durch Diversität gekennzeichnet, so

dass alles darauf ankomme, auf der Grundlage guter Unterscheidungen weiterführende

Dialoge zu pflegen. Huntingtons Vision einer multipolaren Welt habe

sich nichterfüllt, vielmehr gebe es angesichtspolitischer Tendenzen in Russland

und China eher die Gefahr einer Rückkehr des »Kalten Krieges«. Die friedensethische

Leitidee des »gerechten Friedens« lasse sich vor diesem Hintergrund

jedenfalls nicht allein durch Maßnahmen ziviler Konfliktbearbeitung umsetzen.

Eine entscheidende Antwort auf die gegenwärtige Identitätspolitik könne aber

theologisch auf der Grundlage gegeben werden, dass die menschliche Identität

ihren Ursprung undihr Ziel in GottesHand habe. Dies sei ein Identitätsangebot,

das niemanden ausschließe.

Sylvia Thonak, evangelische Theologin, bezieht sich in ihrem Text ebenfalls

zunächst auf die Friedensdenkschriftder EKD aus dem Jahr 2007. Sie nähert sich

diesem Werk, indem sie skizziert, wie das Genus »Denkschrift« sich von autoritären

Bischofsworten oder wissenschaftlichen Monographien abgrenzt: Es

handle sich um ein von einem pluralismusfähigen, interdisziplinären Expertengremium

erstelltes Dokument, dessen Wirkungskraft allein auf der Macht


Einleitung 13

seiner Argumente beruhe. In einem zweiten Schritt zeigt die Autorin auf, dass die

Argumentation der Friedensdenkschrift vom Gedanken und Leitbegriff des

»gerechten Friedens« ausgeht. Das bedeute eine Absage an die klassische Auffassung,

es könne gerechte Kriege geben. Von dieser Grundlage her birgt die

Denkschrift reichlich »kritisches und prophetisches Potenzial«, meint die Verfasserin

und belegt dies anhand einer Reihe von Beispielen. So sehe die Denkschrift

sog. »humanitäre Interventionen« sehr kritisch und lehne den Gedanken

eines »Krieges gegen den Terrorismus« ebenso ab wie die Praxis bewaffneter

Militäreinsätze der NATO ohne ein Mandat der Vereinten Nationen. Grundsätzlich

gelte: »Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten«, und militärische

Maßnahmen müssten Bestandteil einer kohärenten Friedenspolitik unter dem

Primat des Zivilen bleiben. In einem vierten Gedankenschritt rekonstruiert

Thonakdie friedensethische Diskussion während der sog.»Friedenssynode« der

EKD, die 2019 in Dresden stattfand. Die EKD zeige sich bei diesem Anlass gespalten

zwischenradikalpazifistischen Auffassungen und solchen Positionen,die

auf der Linie der Denkschriftzwar den Primat des Zivilen einforderten, aber den

Einsatz militärischer Mittel als »ultima ratio« nicht ausschlössen. Im Spannungsfeld

einer solchen Debatte stehe naturgemäß die evangelische Militärseelsorge,

der die Verfasserin den fünften und letzten Abschnitt ihres Textes

widmet. Sie unterbreitet darin einige »Reformvorschläge« für den Bereich der

Militärseelsorge. Dieser brauche dringend demokratischere bzw. synodale

Strukturelemente, und es bedürfe künftig vor allem auch einer »vernetzten gemeinsamen

Seelsorge für alle Felder der Friedensarbeit«. Andernfalls werde der

Gedankedes Primats des Zivilen nicht ernst genommen. Auch biete die Arbeit der

Militärseelsorge die Chance, »interkulturelle und interreligiöse Begegnungs- und

Bildungsräume« zu öffnen. Letzteres könnte zur Prävention eines denkbaren

»Clash of Civilizations« gewinnbringend beitragen.

Der Politikwissenschaftler Christopher Daase vom Leibniz-Institut Hessische

Stiftung Friedens- und Konfliktforschung fragt in seinem Beitrag nach Möglichkeiten

einer Friedenspolitik im 21. Jahrhundert, konkret nach dem gescheiterten

Afghanistaneinsatz. Am Beginn seines Essays steht eine politikwissenschaftliche

Verortung Samuel Huntingtons, da sich dieser nicht verstehen

lasse ohne Kenntnis seines zeitgeschichtlichen Kontextes und besonders der

Theorien, von denen er sich abgrenzt, wie etwa Francis Fukuyamas Prognose

eines »Endes der Geschichte«. Huntington weise Kultur und Identität eine zentrale

Rolle zu und unterstelle den voneinander zu unterscheidenden Kulturen

zugleich einen unmittelbaren Machtwillen. Daraus ziehe Huntington dann aber

den Schluss einer zurückhaltenden Außen- und Sicherheitspolitik des Westens:

Von militärischen Interventionen in anderen Kulturkreisen sei ausdrücklich

abzuraten. Für die gegenwärtige westliche Friedens- und Sicherheitspolitik

entfaltet Daase die These eines »liberalen Triumphalismus«, also einer rücksichtslosen

Durchsetzung liberaler Wertvorstellungen. Diese Politik sei ge-


14 Einleitung

scheitert, so Daase, dies zeige sich insbesondere im Abzug westlicher Truppen

aus Afghanistan. Das ScheiterninAfghanistanhabe sich früh abgezeichnet, etwa

bei den misslungenen Versuchen des Aufbaus eines stabilen und legitimen

Staatswesens oder des afghanischen Sicherheitssektors. Für zukünftige Interventionen

zum Wiederaufbau von Bürgerkriegsgesellschaften seien ein realistisches

Erwartungsmanagement sowie eine klare Zielbestimmung und eine

durchdachte Strategie zentral. VonHuntington nun ließe sich lernen, dass militärische

Maßnahmen in der Außen- und Sicherheitspolitik von anderen Nationen

als Zwang erlebt werden könnten und daher zukünftig eine gute Abstimmung

zwischen militärischen und zivilen Mitteln von großer Bedeutung sei.

Ein Panel der Tagung vom 5./6. Oktober 2021 hatte die Aufgabe, die These

vom »Kampf der Kulturen« anhand zweier historischer Beispiele zu beleuchten. In

der Geschichte gab es immer wieder Zeiten, in denen nicht nur innerhalb einzelner

Gesellschaften eine Pluralität von Kulturen existierte, sondern diese sich

auch überkreuzten und mischten. Teilweise standen dabei Kulturen friedlich

nebeneinander, teilweise ergänzten und bereicherten sie sich gegenseitig, teilweise

standen sie auch im Konfliktmiteinander, undmitunter wurden Konflikte

in multikulturellen Gesellschaften auch gewaltsam ausgetragen. Die Tagung

untersuchte exemplarisch die Zeit des Hellenismus, besonders im Umfeld des

Urchristentums, und die Situation in der Weimarer Republik (1919–1933), die

von Anfang an von Spannungen, Unruhen und gewalttätigen Auseinandersetzungen

geprägt war, welche mindestens auch kulturelle Ursachen oder jedenfalls

Ausprägungen hatten.

Der Marburger Neutestamentler Lukas Bormann stellt in seinem Beitrag

anhand von Beispielen dieVielfalt der Kulturen zur Zeit des Urchristentums dar.

Den historischen Hintergrund dafür biete der »Hellenismus«, also diejenige

Epoche, die laut Johann Gustav Droysen mit der Expansion der griechisch-makedonischen

Herrschaft durch Alexander den Großen über den östlichen Mittelmeerraum,

das Zweistromland und bis weit hinein nach Indien begann. Der

Hellenismus sei aber nicht nur eine Machtkonstellation, sondern auch eine

kulturelle Lebensform, für die die Begegnung und Vermischung von Ethnien,

Religionen und Kulturen kennzeichnend ist. Dabei komme dem griechischen

Menschen- und Weltbild eine herausgehobene Rolle zu, und die griechische

Sprache verbreitete sich in vereinfachter Form (»Koine«) im gesamten Mittelmeerraum.

Bereits die von Alexander initiierte »Hochzeit von Susa« mache die

Absicht deutlich, Völker und Kulturen miteinander zu verbinden. Eine Statue, die

Alexander als Pharao zeigt, symbolisiere diesen Synkretismus augenfällig. Das

lange Zeit unter fremder Herrschaft stehende Judentum stehe vor der Aufgabe,

die ihm eigene religiöse Eigenart in einer Zeit zu bewahren, in der die Kulturen in

seinem Lebensraum und Umfeldsich mischten. So gebe es etwa jüdische Männer,

die »Hellenisten« genannt wurden,weil sie mitten in ihrem Volk die griechische

Lebensweise angenommen hätten. Bei sportlichen Wettkämpfen, die nackt aus-


Einleitung 15

getragenwurden, versuchten sie, ihre beschnittenen Penisse zu verbergen. Noch

der Apostel Paulus wisse davon und kritisiere diese Versuche ebenso wie die

umgekehrte Forderung, dass unbeschnittene Jesusanhänger sich beschneiden

lassen müssten. Als das Christentum im Römischen Reich aufkam, sei es zunächst

eine jüdische Sondergruppe gewesen, die sich durch ein belief-ritual package

aus Taufe, Abendmahl und Christusbekenntnis vom Judentum abhob. Der

Pluralismus der Kulturen zur Zeit des Hellenismus sei ohne Zweifel spannungsreich

gewesen, doch sei es damals nicht in Huntingtons Sinn zu einem

»Kampf der Kulturen« gekommen. Vielmehr blieben innerethnische Konflikte

und Elitekonkurrenzen sowie Elitekriterien Bormann zufolge weitaus charakteristischer

für die Epoche, an deren Ende die Ausbreitung des Christentums im

Mittelmeerraum und in Europa begann.

Die zweite historische Tiefenbohrung legt die Hamburger Professorin Ursula

Büttner für die Zeit der Weimarer Republik vor. Sie arbeitet mit einem kulturgeschichtlichen

Ansatz, um so die Motive und mentalen Voraussetzungen für

politisches Handeln und Verhalten zuergründen. Dazu nimmt sie auch strukturelle

Rahmenbedingungen in den Blick.Auch wenn sie sich in ihrer Darstellung

vor allem auf Spannungen und Brüche als Ausdruck eines Streites umdie Modernisierung

von Staat und Gesellschaftfokussiert, ließ sich doch für die Zeit der

Weimarer Republik auch eine Reihe von gesellschaftlichen Gemeinsamkeiten

feststellen. Ideologische Konkurrenz und Spaltung standen schon am Anfang der

Republik, so Büttner. Dabei mussten durchaus auch reaktionäre Eliten in ihren

Machtpositionen gehalten werden, doch sei es wissenschaftlich unklar, welche

anderen Handlungsmöglichkeiten wirklich bestanden, gerade angesichts der

gewaltsamen Umsturzversuche von rechts und links. Büttner betont sodann die

hohen sozialen und kulturellen Kosten der Inflation, die auch das sozialmoralische

Orientierungssystem aus den Fugen geraten ließen. Auch nach 1923

wirkten die kulturellen Gegensätze seit dem Kaiserreich weiter, etwa bei der

Bewertung der deutschen Revolution, der parlamentarischen Demokratie und

zum vorangegangenen Krieg. Für die Weimarer Republik nennt Büttner wichtige

Modernisierungsleistungen, wie die Weimarer Verfassung, die Fundamente für

einen modernen Sozialstaat oder die Gleichberechtigung der Frau. In der Kultur

schließlich zeigte sich der Modernisierungswille am deutlichsten und entsprechend

groß war auch der Widerstanddagegen. Dies galt in besonderer Weise für

die sog. »Massenkultur«, die gerade von der Bildungselite zum Teil als »undeutsch«

kritisiert wurde. Dies bot,sozeigt Büttner am Ende ihres Aufsatzes, der

NSADP Möglichkeiten, letztlich erfolgreiche Angriffe auf die junge Demokratie

zu inszenieren.

Einen interessanten Aspekt bot die Diskussion zwischen der Theologin Ulrike

Auga (Universität Hamburg) und dem Pädagogen Meron Mendel (Bildungsstätte

Anne Frank). Sie griff explizit die durchgängig während der Tagung

präsente Frage auf, inwiefern Identitätspolitik hinter der These vom »Kampf der


16 Einleitung

Kulturen« steht und ob sie in den gegenwärtigen Diskursen ein geeigneter

Kompass für uns sein kann oder eher auf Abwege führt. Da Samuel P. Huntington

den Kulturbegriff über den Begriff »Identität« definiert und diese wiederum essentialistisch

auffasst, wird hier ein ganz zentraler Gesichtspunkt zum Thema.

Meron Mendel hatte auf Ulrike Augas ausführlichen Vortrag spontan geantwortet,

insofern kann in diesem Band nur der Vortrag publiziert werden. 3 Die

gesamte Diskussion ist – wie alle anderen Teile der Tagung – auf dem Youtube-

Kanal der Evangelischen Akademie Frankfurt (https://www.youtube.com/c/

EvangelischeAkademieFrankfurt) zugänglich. Die Kritik des kulturellen und

identitätspolitischen Essentialismus stellte im Rahmen der Tagung einen Konvergenzpunkt

dar, auf den sich eine ganze Reiheder Vortragenden verständigen

konnten. Mit Jürgen Habermas ließe sich folglich sagen: »Es stimmt nicht, dass

der kritisierte andereimGehäuse seiner Kultur oder im Kontext seiner Herkunft

und Sozialisation gewissermaßen gefangen ist. Verschiedene Kulturen bilden

keine füreinander undurchdringlich abgeschotteten Universen, und sie prägen

auch keine gegeneinander unbeweglichen ›Identitäten‹.« 4

Die Religions- und Kulturwissenschaftlerin Ulrike Auga setzt sich in ihrem

Beitrag intensiv mit der Frage nach Identität, insbesondere mit Blick auf religiöse

Zugehörigkeit, auseinander, die nach ihrem Dafürhalten den Ausführungen

Huntingtons zugrunde liegen. Huntington sei, so Auga, in die »Identitätsfalle«

(Amartya Sen) getappt, statt von festen Identitätskategorien müsse eher von

fluiden Zugehörigkeiten gesprochen werden.

Auch Huntingtons Geschichtsbild problematisiert Auga. DerBeitrag zeichnet

das Aufkommen des Identitätskonzeptes, seine Verankerung in rechten wie

linken Diskursen nach und zeigt einen Ausweg in der Erläuterung der Funktionsweise

der intersektionalen Kategorien – diese werden nicht als »Identitäten«,

sondern als Wissenskategorien verstanden, dies gelte auch für Religion. Dazu

bringt Auga wissenskritische Ansätze (wie José Esteban Muñoz) mit post- und

dekolonialen Stimmen (wieAmartya Sen oder Tomoko Masuzawa) ins Gespräch.

Nach einer Schilderung der Etablierung der Kategorie Religion analysiert Auga

insbesondere die »Erfindung« des Hinduismus und Buddhismus als Teil von

Identitätskonstruktionen, die sich auch auf Religion richtet. Am Ende ihres

Beitrages stellt Auga Alternativen zum Identitätsbegriff in der Gestalt von Sub-

3

4

Zur Problematik gegenwärtiger identitätspolitischer Debatten vgl. auch das u. a. von

Meron Mendel herausgegebene Buch: Meron Mendel/Eva Berendsen/Saba-Nur Che

ema (Hrsg.), Trigger-Warnung: Identitätspolitik zwischen Abwehr, Abschottung und

Allianzen, Berlin 2019.

Jürgen Habermas, »Es gibt keine unbeweglichen Identitäten«. Gespräch mit Jürgen

Habermas, in: Philosophie Magazin Sonderausgabe 19 »Kritische Theorie«, Berlin Herbst

2021/Winter 2022, 10–17, dort 16.


Einleitung 17

jektformation, Handlungsmacht und »menschlichem Blühen« jenseits von

»Identität« auch im Kontext von »Religion« vor.

Spätestens seit im Februar 2022 die Supermacht Russland einen völkerrechtswidrigen

Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, ist deutlich, dass Kriege

auch im 21. Jahrhundert nicht ausschließlich aus kulturellen Gründen geführt

werden. Denn worin wären wesentliche oder gar unüberbrückbare kulturelle

Unterschiede oder Gegensätze zwischen diesen beiden Staaten zu sehen, die ja

über viele Jahrzehnte als Teile der Sowjetunion miteinander verbunden waren

und die immer noch weitgehend eine gemeinsame – nämlich die russische –

Sprache in allen Schwierigkeiten und Ambivalenzen teilen? Kriege haben also

offenbar zahlreiche und höchst unterschiedliche, darunter machtpolitische,

ökonomische und manchmal sogar irrationale, paranoide Gründe.Jedenfalls aber

haben sie stets katastrophale humanitäre und ökologische Folgen. Der Soziologe

Niklas Luhmann (1927–1998) definierte Kriege der Gegenwart inseinem 1997

erschienenen letzten großen Hauptwerk daher sogar überwiegend als »ökologische

Katastrophen ohne Sieger und Verlierer«. In einem solchen Kontext verliere

auch der Begriff der »nationalen Identität« jegliche Plausibilität und erweise sich

als eine »transitorische Semantik« 5 .Dabei hatte Luhmann schon die auch mit

nationalistischen Argumenten geführten, militärisch ausgetragenen Konflikte

der 1990er Jahre auf dem Balkan im Blick. Das heißt, seine Äußerungen waren

durchaus erfahrungsgesättigt und keineswegs realitätsfern. In einer Sprache, die

der Systemtheorie Luhmanns fremd ist, könnte man vielleicht sagen: Wenn die

elementare Menschlichkeit auf dem Spiel steht und der Natur eine irreversible

Zerstörung droht, dann dürfen nationale Gesichtspunkte kein Gewicht mehr

haben.

Gewiss ist: Kriege und Konflikte haben auch im 21.Jahrhundert vielfältigste

Ursachen und Voraussetzungen, und ebenso facetten- und voraussetzungsreich

ist daher die Schaffung und Stiftung von Frieden. Die eingangs in dieser Einleitung

skizzierte Grammatik der EKD-Friedensdenkschrift sollte vor diesem

Hintergrund, um einem Hinweis von Eva Senghaas-Knobloch zu folgen, um die

17 »Sustainable Development Goals« (SDGs) der Vereinten Nationen erweitert

werden mit allen Herausforderungen ihrer Umsetzung. Sie benennen Regeln, die

gerade in ihrem Zusammenspiel friedensförderlich sind. Auch für die Goals gilt,

so wie für die oben benanntenvier Dimensionen des gerechten Friedens, dass sie

als gleichursprünglich und interdependent gedacht werden müssen. Sie sind

sozusagen die »Rahmen-Grammatik«, innerhalb derer die (im engeren Sinne des

Wortes) friedensethischen Regeln als »Binnen-Grammatik« aufgefasst werden

können.

5

Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1997, Bd. II, 1053–

1055.


18 Einleitung

»Kultur« aber bezeichnet im Rahmen der SDGs gleichermaßen ein »Herzstück«

wie auch ein relevantes Querschnittsthema der SDGs. 6 Es berührt und betrifft

viele der 17 Nachhaltigkeitsziele. Sofern diese Ziele die vier unterschiedenen

friedensethischen Dimensionen von Friedensprozessen als Binnen-Grammatik

umfassen, zeigt sich, dass »Kultur« ein wesentlicher Faktor ist, der bei der Initiierung

und Durchführung von Friedensprozessen berücksichtigt werden muss.

Werden »Frieden wahren, fördern und erneuern« 7 will, der muss daher auch

Kultur wahren, fördern und erneuern. Da es aber Kultur in der globalisierten

Weltgesellschaft nur im Plural von Kulturen gibt, muss eben dieser Plural der

Kulturen in seiner faktischen Komplexität, Interdependenz und lebendigen

Dynamik gesehen und gewürdigt werden. Dazu kann die christliche Einsicht

beitragen, dass die Identität aller Menschen als Fundament von Kultur und

Kulturen eine von Gott geschenkte ist. Wenn aber Gott Ursprung und Ziel unserer

menschlichen Identität(en) ist, dann können Menschen aus seinem Frieden leben

und einen »Kampf der Kulturen« vermeiden. Das würde wiederum eine Möglichkeitsbedingung

für einen »gerechten Frieden« in der globalisierten Welt

darstellen.

Jena /Frankfurt am Main, Ostern 2022

Prof. Dr. Sarah Jäger /Dr. Eberhard Martin Pausch

6

7

Jyoti Hosagrahar, Kultur: Ein Herzstück der Sustainable Development Goals, URL:

https://www.unesco.at/querschnittsthemen/article/kultur-ein-herzstueck-der-sustai

nable-development-goals (Stand: 09. 03.2022).

Dies ist eine Anspielung auf die Friedensdenkschriftdes Rates der EKD, die im Jahr 1981

und somit noch zu Zeiten des Kalten Krieges erschienen war. Auch einige der Grundsätze

aus dieser Denkschrift sind noch keineswegs überholt, etwa die Einsicht, jeder Gottesdienst

der Christenheit könne und müsse »zum Frieden bilden«.


Begrüßung zur Tagung »Kampf der

Kulturen« –Kultur, Religion und

Identität (5./6. Oktober 2021)

Wolfgang Prawitz

»Auf Erden erschrecken uns

• Kriege, Bürgerkriege und Terrorismus,

• eine erneut drohende Spirale des Wettrüstens,

• die Bedrängung und Verfolgung von Menschen auf Grund ihrer Religionszugehörigkeit

oder Weltanschauung, ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder

ihrer sexuellen Orientierung,

• zunehmender Nationalismus und eine Haltung des ›meine Nation /meine

Kultur /meine Religion zuerst‹,

• wirtschaftliches Handeln und Strukturen von Wirtschaftssystemen,die nicht

dem Leben, sondern der Anhäufung von Reichtum dienen und in Kauf

nehmen, dass Menschen ihrer Lebensgrundlage beraubt werden,

• die Ausbeutung der Natur und die Gefährdung des Klimas.

Angesichts dessen rufen wir, Kirchensynode und Kirchenleitung der EKHN,zum

Innehalten und zur Umkehr auf. Wir stellen uns in die Tradition der Ersten

Ökumenischen Vollversammlung in Amsterdam 1948 undsagen ›Krieg darf nach

Gottes Willen nicht sein! 1 ‹»

Liebe Teilnehmerinnenund Teilnehmer der zweitägigen Hybridveranstaltung der

Theologischen Fakultät der Universität Jena und der Evangelischen Akademie

Frankfurt, liebe Mitwirkende, bei denenich mich jetzt schon ganz herzlich für Ihr

Engagement bedanken möchte, und liebe Veranstaltungsleitung, Frau Prof. Dr.

Sarah Jäger, Anette Lorenz und Dr. Eberhard Pausch, ich habe diese Worte aus

dem Friedensethischen Impulspapier der Kirchenleitung und des Kirchensynodalvorstands

der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau deshalb an

1

Impulspapier der Kirchenleitung und der Zwölften Synode der Evangelischen Kirche in

Hessen und Nassau (EKHN): »Kirche des gerechten Friedens werden«, von der Synode

beschlossen am 28. 11.2019, hier zitiert nach: Eberhard Martin Pausch (Hrsg.), Kontinent

der Zukunft: Friede für Afrika – nachhaltig und gerecht, Bielefeld 2021, 103f.


20 Wolfgang Prawitz

den Anfang gestellt, weil insbesondere der vierte Punkt des Erschreckens,

nämlich der zunehmende Nationalismus und die Haltung des »meine Nation /

meine Kultur /meine Religion zuerst« (nach dem problematischen Vorbild des

ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump: »America first!«), direkt zum Thema

von Huntingtons Buch »Clash of Civilisations« 2 führt.

Das Friedensengagement in der evangelischen Kirche ist groß. Ich selbst

hatte die Freude, an der Gestaltung von Texten der Friedenssynode der Evangelischen

Kirche in Deutschland (EKD) 2019 in Dresden und eben auch als

Mitglied des Kirchensynodalvorstands an dem Friedensethischen Impulspapier

der EKHN, das unsere Synode ebenfalls 2019 entgegengenommen und beschlossen

hat, mitzuarbeiten.

Und ich freue mich besonders auch als Vorsitzender des Arbeitskreises

Frieden und Konflikt der Evangelischen Akademie Frankfurt, dass die Durchführung

dieser hybriden Veranstaltung im Schatten der Covid-19-Pandemie

möglich wurde und sie – ausgehend von Huntingtons Fragestellungen und

Thesen und insbesondere auch von deren Rezeptionsgeschichte – für heute die

drängenden Fragen nach den Friedensbedingungen der Gegenwart aufgreiftund

– wie es in der Ankündigung so treffend heißt – »multiperspektivisch diskutieren«

wird.

Eberhard Pausch, der für die Veranstaltung zuständige Studienleiter, hatte

von Anfang an die Möglichkeit einer Publikation der Tagungsbeiträge im Blick,

und ich bin froh, dass Frau Dr. Annette Weidhas von der Evangelischen Verlagsanstalt(EVA),

die auch selbst an dieser Tagung mit einem Vortrag beteiligt ist,

hierfür »grünes Licht« gegeben hat. Dafür herzlichen Dank!

Der Förderverein der Evangelischen Akademie Frankfurt unterstützt die

Studientagung finanziell und natürlich auch ideell. Auch dafür ein herzliches

Dankeschön.

»Clash of Civilisations« – der Begriff meint wörtlich das »Aufeinanderprallen«

von Kulturen. In der deutschen Übersetzung »Kampf der Kulturen« wird das

gewaltsame Aufeinandertreffen besonders betont. Meine Lektüre von Huntingtons

Buch zeigt mir darin weniger die Behauptung, es werde notwendigzueinem

gewaltsamen Kampf der Kulturen kommen, auch nicht die These einer Überlegenheit

einer bestimmten Kultur im Vergleichmit anderen. Aber sehr wohl wirft

die Lektüre bei mir die Frage auf, wie sich das Neben- und auch das Gegeneinander

von Kulturen auf das Sicherheitsgefüge unserer Welt auswirkt. In der

Ankündigung zu dieser Veranstaltung wurde auf die heftige Debatte zu Huntingtons

Buch insbesondere unmittelbar nach den Terroranschlägen vom

11. September 2001 hingewiesen. Im Oktober 2021, nach der erneuten MachtübernahmeinAfghanistandurch

die Taliban – ziemlich genau 25 Jahre nach der

2

Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im

21. Jahrhundert, München/Wien 1996.


Begrüßung zur Tagung »Kampf der Kulturen« 21

ersten Eroberung Kabuls durch die Taliban – mithin auch 25 Jahre nach Erscheinen

von HuntingtonsBuch stellt sich diese Frage mit unverminderter – oder

muss man sogar sagen: mit erheblich gesteigerter? – Dringlichkeit.

Ich kann mich der Einschätzung von Herrn Pausch im Vorfeldder Tagung nur

anschließen: Mit dieser Veranstaltung und mit diesen Referentinnen und Referenten

wird »ein wichtiges Thema zum richtigen Zeitpunkt« aufgegriffen.

Und so wünsche ich uns allen gute Diskussionen, wesentliche Erkenntnisse

und neue Impulse für unser friedensethisches Engagement.

Frankfurt am Main, 5. Oktober 2021

Wolfgang Prawitz


»Kampf der Kulturen« 1 und

Identitätspolitik

Plädoyer für eine Kultur der fruchtbaren Differenzen

Eberhard Martin Pausch

1996, vor 25 Jahren, erschiendas Buch »Kampf der Kulturen« 2 des renommierten

US-amerikanischen Politikwissenschaftlers Samuel P. Huntington (1927–2008)

und löste schon unmittelbar nach seinem Erscheinen eine große Debatte aus.

Diese weitete sich nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 in New

York und Washington erst recht aus und wurde immer hitziger und komplexer.

Vielleicht ist esnach einem Vierteljahrhundert an der Zeit, die Diskussion noch

einmal mit etwas Abstand zu betrachten.

1. Die Folgen des 11. September 2001

Nach »Nine-Eleven« stellte sich für viele die Frage: Hat jetzt unwiderruflich der

»Clash of Civilizations« (wörtlich: Zusammenprall der Zivilisationen, sinngemäß:

»Kampf der Kulturen« 3 )begonnen? Ist damit Huntington Recht zugeben, der in

einem1993 in derZeitschrift »ForeignAffairs« erschienenen Aufsatz und seinem

1996erschienenen umfangreichen Buchprognostizierthatte, die »Resurgenz«(=

1

2

3

Samuel P. Huntington, Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im

21. Jahrhundert, München/Wien 1996.

Bereits drei Jahre zuvor, 1993, hatte Huntington in der Zeitschrift»Foreign Affairs« einen

Aufsatz publiziert, in dessen Titel das Thema mit einem Fragezeichen versehen war:

»Clash of Civilizations?«, vgl. Huntington, Kampf der Kulturen (s. Anm. 1), a. a. O., 11.

Der Übersetzer des Buches, Holger Fliessbach, wies in einer an das Vorwort des Autors

anschließenden Vorbemerkung darauf hin, dass eine von ihm angestrebte konsistente

Übersetzung des Begriffs »civilization« mit »Zivilisation« und des Begriffs »culture« mit

»Kultur« nicht durchgehalten werden konnte, da beide Begriffe sich im Amerikanischen

und im Deutschen geradezu gegenläufig, aber auch dies nicht eindeutig, überschneiden

(vgl. Fliessbach,in: Huntington,Kampf der Kulturen, a. a.O., 14). Dies ist zu bedenken,

wenn das Thema in deutscher Sprache erörtert wird.


24 Eberhard Martin Pausch

der Wiederaufstieg, das neuerliche Erstarken) 4 des Islams führe möglicherweise

oder sogar wahrscheinlich zu einem »Kampf der Kulturen« mit dem westlichen

Kulturkreis?Die einen, die »Falken«, sagten: Ja,das ist so – und der Westen muss

deshalb möglichst stark und geeint in diese Auseinandersetzung hineingehenund

sich dabei auch militärisch behaupten. Die anderen, die »Tauben«, versicherten,

keineswegs stehe »derIslam«für Krieg und Gewalt,diesgelte nur füreine kleine

Minderheit von Terroristen. Deshalb komme esverstärkt darauf an, den »Dialog

der Kulturen und Religionen« zu fördern.

Werhat nun Recht – die Falken oder dieTauben?Für die Falken spricht: Die

Taliban, Al Kaida und der »Islamische Staat« (IS) waren und sind höchst gefährlich

und auch keine zu vernachlässigenden Minderheiten. Mit dem IS lässt

sich nicht friedlich diskutieren, er musste militärisch bezwungen werden. Auch

damit war sein mörderisches Wirken leider noch nicht beendet,wie terroristische

Aktivitäten invielen Ländern der Welt bis zur Gegenwart beweisen. Dass nach

dem Abzug der westlichen Truppen aus Afghanistan die Taliban dort schonEnde

August 2021 wieder das Land einschließlich der Hauptstadt Kabul unter Kontrolle

haben würden,haben wohl die Wenigsten vorhergesehen. Es belegt aber die

religiös motivierte Entschlossenheit, die militärische Stärke und die nachhaltige

Vernetzung der Taliban innerhalb weiter Teile der afghanischen Gesellschaft. Für

die Tauben spricht hingegen: Die Invasion der USA im Irak im Jahr 2003 war

völkerrechtlich zweifelhaft, sachlich nicht hinreichend begründet und hatte alles

andere als friedliche und demokratische Folgen. Auch in Afghanistan wie in

vielen anderen Ländern des »islamischen Kulturkreises« lässt sich ein freiheitlich-demokratisches

System nicht mit militärischer Gewalt und »von außen«

einführen. Demokratie und Frieden kann man nicht verordnen und erzwingen.

Die Aufgabe des Dialogs stellt sich vielmehr anallen Orten und zu allen Zeiten

immer wieder neu – zumindest aber kommt es darauf an, Dialoge zu versuchen

und zu wagen. Und gewaltsame Lösungen sind in jedem Falle eine ethisch

fragwürdige »ultima ratio«.

2. Huntingtons Analysen: Urteile und Fehlurteile

In manchen, nicht in allen Hinsichten erwiesen Huntingtons Voraussagen sich

als hellsichtig und zutreffend. Sokonstatierte er, dass islamistische Terroristen

sich wohl vor allem aus der technischen Intelligenzrekrutieren würden – genau

dies traf für MohammedAtta und die anderen Attentäter des 11.September 2001

zu. 5 Seine Warnungen vor dem Erstarken von Anti-Einwanderungsparteien haben

sich erfüllt: Die in Deutschland heute erfolgreiche AfD ist weitaus gefährli-

4

5

Zu diesem Begriff vgl. Huntington, Kampf der Kulturen (s. Anm. 1), a. a. O., 168 ff.

A.a. O., 79, 299.


»Kampf der Kulturen« und Identitätspolitik 25

cher als die Partei der »Republikaner« in den 1990er Jahren. Und ob sich in

Frankreich Emmanuel Macron dauerhaft gegen Marine Le Pen wird behaupten

können undinden USA Donald TrumpsPräsidentschafteine einmalige Episode

bleiben wird, ist noch lange nicht entschieden. Auch Huntingtons Prognoseeines

Erstarkensdes politischen Islamismus in der Türkei hat sich bestätigt: VonÖzal

über Erbakan hin zu Erdogan führt eine klare, bedrohliche, antidemokratische

Linie. Andererseits hat der Politikwissenschaftler sich im Blick auf den ehemaligen

serbischen Staatschef Slobodan Milošević geirrt. Diesen 1995/96 als

»Friedensstifter« zu bezeichnen 6 ,war eine absolute Fehleinschätzung, wie man

schon damals hätte wissenkönnen. Im Blick auf den Kosovokriegwurde er 1999

noch während seiner Amtsausübung von einem Kriegsverbrechertribunal wegen

Völkermordes angeklagt. DerProzess kam nur deshalb zu keinem Ende,weil der

Angeklagte noch vor der Urteilsentscheidung im Jahr 2006 verstarb.

Wesentlich gravierender sind andere Bewertungen und Fehlurteile Huntingtons,

die teilweise auf mangelnder Sachkenntnis beruhen. Dass er den Islam

insgesamt als »Religion des Schwertes« 7 kennzeichnet, wird diesem sicherlich im

Blick auf seine Geschichte und seine vielfältigen Erscheinungsweisen nur bedingt

gerecht. Eine grob beleidigende Fehleinschätzung und Herabwürdigung

erlaubt Huntington sich im Blick auf den Kontinent Afrika: Dieser habe »nichts«

zum »Wiederaufbau Europas« (wann? nach 1945? nach 1989?) beigetragen »[…]

und speit stattdessen Heerscharen von entwurzelten Menschen aus«. 8 Solche

Semantik und Rhetorik sind selbst ein Beitrag zum »Kampf der Kulturen« und

verkennen sowohl die Grausamkeit der Sklaverei- und Kolonialgeschichte 9 ,die

den Kontinent Afrika geschwächt und arm gemacht haben, als auch die Notlage

der auf der Flucht vor Hunger, Gewalt und den Folgen des Klimawandels befindlichen

Menschen. 10 Auch der den Afrikanerinnen und Afrikanern immer

noch und immer wieder fast überall begegnende Rassismus wird hier nicht ins

Kalkül gezogen. Bei einer gerechten Einschätzung müsste man mindestens all

diese Faktoren mitberücksichtigen.

6

7

8

9

10

A.a. O., 489 f.

A.a. O., 429 ff.

A.a. O., 521.

Vgl. Asfa-Wossen Asserate, Die neue Völkerwanderung: WerEuropa bewahren will,

muss Afrika retten, Berlin 4 2017, 47.

Fairerweise muss man sagen, dass die Fluchtbewegungen der Jahre 1995/96 weder in

ihrer Veranlassung noch in ihrer Dynamik noch in ihren Ausmaßen mit den Fluchtbewegungen

der 2020er Jahre vergleichbar sind. Aber das Leid und Elend der derzeit mehr

als 100 Millionen weltweit auf der Flucht befindlichen Menschen, von denen viele

Afrikanerinnen und Afrikaner sind, lässt die von Huntington seinerzeit gewählte Formulierung

jedenfalls im Nachhinein als außerordentlich unglücklich erscheinen.


26 Eberhard Martin Pausch

Interessant ist allerdings, dass man Huntington keineswegs zu den »Falken«

rechnen kann. So lehnt er in »Kampf der Kulturen« etwa jede Art von Intervention

in anderen Kulturkreisen strikt ab. Seine Begründung weicht von der Linie einer

»Responsibility to protect« (R2P) ab, wenn er einen Universalismus der Menschenrechtsdurchsetzung

verneint. Er rät stattdessen ausdrücklich zum »Prinzip

der Enthaltung« 11 .Das galt dann, ganz konsequent, auch 2003 für den Irakkrieg,

den die Bush-Administration gegen zahlreiche internationale Appelle und Widerstände

durchsetzte. Anders als etwa der heutige US-Präsident Joe Biden

plädierte Huntington seinerzeit an der Seite von Bernie Sanders für die Nicht-

Einmischung im Irak – und sollte, historisch betrachtet, Recht behalten.

3. Kultur und Identität –ein notwendiger

Zusammenhang

Aus heutiger Perspektive kann man Huntingtons Werk noch einmal anders lesen

und interpretieren. Auch wenn der englische und deutsche Titelden Blick auf die

Kulturen/Kulturkreise und Zivilisationen richten, geht es in dem Buch, wenn

man seine Tiefengrammatik beachtet, um das, was heute Identitätspolitik 12 heißt.

Diese ist bekanntlich aktueller und brisanter denn je. Unter der berechtigten

Überschrift: »Black lives matter!« 13 kommt es leider auch zu überzogenen, pro-

11

12

13

Huntington, Kampf der Kulturen, a.a. O., 514, 522. Das Argument des Politikwissenschaftlers

bezieht sich ausdrücklich auf Interventionsenthaltungen im Blick auf »andere

Kulturkreise«. Konkret: »Der Westen« solle nicht in islamisch regierten Ländern intervenieren.

Auch dieser Begriff ist keineswegs so klar und eindeutig, wie es prima vista scheinen

mag. Wasist gemeint, wenn von »Identitätspolitik« die Rede ist, und wie grenzt sie sich

ab gegenüber einer »Identitätsbewegung« (die wiederum keine »Identitäre Bewegung«

meint) und einer »Identitätsideologie«? Im Allgemeinen bezeichnet man gegenwärtig als

»Identitätspolitik« die politischen Lebensäußerungen von Gruppen innerhalb einer Gesellschaft,

die sich selbst als benachteiligte Minderheit verstehen und ihre Identität

oftmals an körperlichen Merkmalen festmachen (Hautfarbe, Geschlecht, sexuelle Orientierung).

Diese Gruppen fordern dann von der Mehrheitsgesellschaft Anerkennung,

Rechte, Mitsprache usw. ein. Sofern diese politischen Forderungen einen ideologischen

Charakter annehmen, kann man von einer »Identitätsideologie« sprechen.

Nach der Ermordung des Afroamerikaners George Floyd im Frühjahr 2020 etablierte

sich unter diesem Motto weltweit eine Protestbewegung gegen den in vielen Gesellschaften

der Gegenwart präsenten Rassismus.


»Kampf der Kulturen« und Identitätspolitik 27

blematischen Entwicklungen wie der »Cancel culture«-Bewegung. 14 Ist das ein

Zufall? Wohl kaum.

Huntington betont zwar markant: »Kultur zählt« (»culture Counts«). 15 Aber

was für ihn wirklich zählt, wird in den unmittelbar an diese These anschließenden

Ausführungen deutlich: Es geht ihm nämlich um die »Identität der Kulturen«,

also nicht um die Kulturen an sich. »Das zentrale Thema dieses Buches

lautet: Kultur und die Identität von Kulturen, auf höchster Ebene also die Identität

von Kulturkreisen, prägen heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster

von Kohärenz, Desintegration und Konflikt.« 16 Die Grundfrage der Völker und

Nationen lautet nach Huntington: »Wersind wir?« 17 Das ist unzweifelhaft die

Frage nach der Identität. 18 Für Logiker anders als für Historiker und Politikwissenschaftler

eine recht einfache Frage. Denn Identität besagt im logischen

Sinne: Aist gleich A. 19 Mit der Identität ist aber immer auch die Differenz verbunden:

Aist ungleich B. Wenn dem so ist, was ist dann bzw. was wäre dann

»Identitätspolitik«? Eine Politik, die Aals Aerkennbar werden lässt? Eine Politik,

die Agleich Asein lässt und sorgfältig von Bunterscheidet? Eine Politik, die Aals

Aidentifiziert und keine Gemeinsamkeiten 20 mit Berkennen kann?Eine Politik,

14

15

16

17

18

19

20

Unter »Cancel Culture« verstehe ich hier eine Bewegung (eigentlich gerade keine

»Kultur«, sondern eine Unkultur), die politisch anders denkenden Personen der Gegenwart

das Rederecht abspricht und die Werke von Personen der Vergangenheit »abkanzelt«,

indem sie in diesen vorfindliche, aus heutiger Sicht problematische Äußerungen

zum Anlass nimmt, den Gedanken dieser Personen Wert und Bedeutung

abzusprechen. Ohne Zweifel gibt es (etwa) in den Werken von Immanuel Kant (1724–

1804) Äußerungen, die aus heutiger Sicht als »rassistisch« bezeichnet werden müssen –

aber ist deswegen das ganze denkerische Werk Kants zu verurteilen?

Huntington, Kampf der Kulturen, a. a. O., 18.

A.a. O., 19.

A.a. O., 21, 194.

Es fragt sich an dieser Stelle natürlich, was im Kern die Identität einer Kultur, einer

Zivilisation oder eines Kulturkreises ausmacht. Gibt es eine derartige, eindeutig ermittelbare

Identität überhaupt? Dass dem so sei oder sein müsse, folgt jedenfalls noch

nicht daraus, dass Vertreterinnen und Vertreter einer Kultur sich eine solche Identität

zuschreiben.

Damit ist die Relation der Selbigkeit gemeint, nicht eine bloße Tautologie. Darin ist Martin

Heidegger zuzustimmen. Daraus muss man aber nicht seine Schlussfolgerung ziehen,

dass es im Satz von der Identität um das Sein des Seienden gehe. Vgl. Martin Heidegger,

Identität und Differenz, Pfullingen 6 1978, 10, 12.

Gemeinsamkeiten zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen

festzustellen und wertzuschätzen, ist alles andere als eine entbehrliche Aufgabe. Denn

trotz aller Unterschiede haben wir Menschen in allen wesentlichen Hinsichten sehr viel

gemeinsam. »When it comes to the things that matter most, we have so much more in


28 Eberhard Martin Pausch

die Aaufwertet, ohne dabei Binden Blick zu nehmen?Oder einePolitik, die das

einstmals abgewertete Aauf Kosten und zu Lasten von Baufwertet? Gegen die

erste unddie zweite Variante wäre ethisch nichts einzuwenden. Gegen diedritte,

vierte und fünfte schon. Jedenfalls dann, wenn man von einer gleichen Würde

aller Menschenausgeht, die in Artikel 1,1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik

Deutschland als »unantastbar« bezeichnet wird und die nach christlichem Verständnis

in der Gottebenbildlichkeit aller Menschen begründet ist.

Die menschliche Geschichte sei eineGeschichtevon Klassenkämpfen, meinte

Karl Marx (1818–1883) und ihm folgend der Kommunismus. 21 Die menschliche

Geschichte sei als Kampf zwischen Rassen zudeuten, meinten und meinen

Rechtsextremisten auch heute noch. Huntingtons These lautet: Die menschliche

Geschichte handelt von der Identität und Rivalität von Kulturen. 22 Dabei fasst er

den Kulturbegriff durchaus weit: Nationalitätszugehörigkeit (symbolisiert durch

»Flaggen«), Religion (symbolisiert durch »Kreuz« und »Halbmond«) 23 ,Sprache,

Geschichte, Wertvorstellungen, Sitten und Gebräuche seien darunter zu fassen. 24

Leider entsagt auch Huntington dabei nicht gänzlich dem Konzept der »Rasse(n)«,

das bei ihm zwar keine vorrangige Rolle spielt, aber doch im Umkreis der Kulturfaktoren

erwähnt wird und offenbar – und sei es auch in homöopathischer

Dosis – die Identität von Kulturen mit ausmacht. 25 Diesen Kritikpunkt kann man

dem Werk und dem Autor aus heutiger Sicht nicht ersparen. Andere möglicherweise

kulturprägende Faktoren wie Klassenzugehörigkeit (»Arbeiterkultur«),

Ideen und Ideologien spielen dafür bei ihm aber keine Rolle. Auch das kann

man hinterfragen.

4. Die »Identitätsfalle«

21

22

23

24

25

Eine sehr grundsätzliche und ausführliche Auseinandersetzung mit Huntingtons

These führte der Wirtschaftsnobelpeisträger von 1998, dem 2020 auch der

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels zuerkannt wurde, Amartya Sen. Becommon

than what separates us […]« (Kamala Harris, The Truths We Hold: An American

Journey, Vintage 2021, 45).

Karl Marx/Friedrich Engels, Das Kommunistische Manifest [1848]. Eine moderne

Edition, mit einer Einleitung von Eric Hobsbawm, Hamburg 1999, 44.

Huntington, Kampf der Kulturen, a. a. O., 49.

A.a. O., 18.

Man kann diese Elemente im Sinne Huntingtons vielleicht als kulturprägende Faktoren

bezeichnen: Nationalität, Religion, Sprache, Geschichte, Werte, Sitten und Gebräuche.

Allerdings kommt es darauf an, die Elemente nicht additiv zu betrachten, sondern als

Faktoren einer Identität, die sich jeweils in bestimmter Weise konstellieren können.

Huntington, Kampf der Kulturen, a. a. O., 52.


»Kampf der Kulturen« und Identitätspolitik 29

merkenswert ist an seiner kritischen Analyseunter anderem, dass er den engen,

intrinsischen Zusammenhang der Begriffe »Kultur« und »Identität« wahrnimmt,

weshalb er von einer »Identitätsfalle« 26 spricht, in dieHuntington getappt sei. Sen

argumentiert im Einzelnen wie folgt:

– HuntingtonsEinteilung der Welt in gleichsam distinkte »Kulturkreise« stelle

eine grobe Vereinfachung dar und sei empirischnicht haltbar. Sen illustriert

dies unter anderem an dem ihm besonders gut bekannten »indischen Kulturkreis«

bzw. der »hinduistischen Welt«. Sein Heimatland Indien und die in

ihm präsente Kultur seien außerordentlich vielfältig und auch religiös keineswegs

eindeutig bestimmbar. Insbesondere lebten dort auch mehr als

145 Millionen Muslime, weshalbdie Redevon einer »hinduistischen Kultur«

nicht zutreffend sein könne. 27

– Auch gebe es nahezu überall auf der Welt eine Vielzahl von »Identitäten«

innerhalb von Gesellschaften und »Kulturkreisen«, Identitätenexistierten in

der Gegenwart nahezu irreduzibel plural. 28 Ein Mensch kann zugleich

Deutscher, Europäer, Christ, SPD-Mitglied, heterosexuell, Verfechter der

Rechte von Schwulenund Lesben, Liebhaber klassischer Musik undFan von

Popmusik sein (usw.). 29

– Die Religionszugehörigkeit mache überdies nur einen Teil der Identität von

Personen oder Gruppen aus – was Huntington allerdings niemals bestritten,

sondern ausdrücklich behauptet hat. 30

– Schließlich gebe es auch die Möglichkeit, sich seine Identität zu »wählen«. Die

Freiheit der Identitätswahl sei zwar durch bestimmte äußere Faktoren begrenzt,

aber sie sei grundsätzlich gegeben. 31

Dies alles schließt nach Sens Auffassung die Notwendigkeit ein, kulturelle

Vielfalt sowohl anzuerkennen als auch zu fördern. 32 Und zwar auch – logischerweise

– kulturelle Vielfalt innerhalb von Kulturkreisen. Dass gewaltbereiter

religiöser Fundamentalismus dem entgegensteht, darin sind Huntington und Sen

sich einig. 33

26

27

28

29

30

31

32

33

Amartya Sen, Die Identitätsfalle: Warum es keinen Krieg der Kulturen gibt, München

4 2020.

A.a. O., 26, 60–62.

A.a. O., 8, 32, 39, 43, 59, 177.

Auch Intersektionalität als multiple Vulnerabilität basiert ja auf der Tatsache, dass

Menschen in pluralen Identitäten existieren und eben deshalb mehrfach verwundbar

sind.

Sen, Die Identitätsfalle (s. Anm. 26), a. a. O., 39, 72ff, 80.

A.a. O., 24, 39.

A.a. O., 20, 161.

A.a. O., 91 ff, 111–113 (u. ö.).


30 Eberhard Martin Pausch

5. Engagement für den Weltfrieden

Zu einer ausgewogenen und gerechten Beurteilung von Huntingtons Werk gehört

es, darauf hinzuweisen, dass für ihn die Erhaltung des Weltfriedens das vorrangige

Ziel war. Und dieser Frieden schien aus seiner Sicht in der neuen,

multipolaren und multikulturellen Welt nach dem Ende des Kalten Krieges allzu

ungesichert zu sein. Ein »Ende der Geschichte« (Francis Fukuyama) hatte er

ebenso wenig im Blick wie eine harmonische Welt ohne Bedrohungen und

Konflikte. In einer globalisierten Welt, in der es um die Identitätsfrage geht, ist

der Friede gefährdet. Dem wollte er mit seinen Analysen, Thesen und Prognosen

etwas entgegensetzen.

Eine Unvermeidlichkeit des »Zusammenprallens der Kulturen«, also ein

historischer Determinismus oder Fatalismus, lässt sich aus seinem Buch allerdings

nicht herauslesen. Dass eine fatalistische Huntington-Interpretation 34 dem

Dschihad-Terrorismus auf der einen Seite und dem nationalistischen Rechtspopulismus

und -extremismus auf der anderen Seite in höchstem Maße zuträglich

ist, steht außer Frage. Eben deshalb stehen wir vor der Aufgabe, die Globalisierung

politisch zu gestalten und den Dialog der Kulturen und Religionen konstruktiv

zu führen. Der Dialog der Kulturen und die Kultur des Dialogs sind

Eckpfeiler des Weltfriedens. Mit anderen Worten:Die Tauben haben zwar Recht,

aber den Frieden gewinnen werden sie nur, wenn sie »ohne Falsch« sind und

zugleich klug wie die Schlangen (Matthäus10, Vers 16). Auch das ist eine Frage

der Identität – und nicht die einfachste. Wie sie vielleicht – im Ansatz – beantwortet

werden kann, sollen die folgenden Überlegungen skizzieren.

Die Friedensdenkschrift der Evangelischen Kirche in Deutschland 35 hält

kulturelle Aspekte für außerordentlich friedensrelevant. Denn in der Denkschrift

wird Frieden als ein Prozess verstanden, der wesentlich vier Dimensionen umfasst:

(1) Schutz vor (physischer oder psychischer) Gewalt, (2) Förderung von

Freiheit im Sinne der Gewährleistung von demokratischen Grundrechten und

staatsbürgerlichen Beteiligungsmöglichkeiten, (3) Abbau von materieller/sozialer

Not wie Hunger, Durst, Obdachlosigkeit usw., (4) Ermöglichung/Förderung/

Anerkennung kultureller Vielfalt. Die Denkschrift nennt Huntington und sein

Buch zwar nicht namentlich, aber es ist sehr deutlich, dass sie sich an vielen

Stellen auf seine Thesen zum Zusammenhang von Frieden und Kultur bezieht.

34

35

Für die fatalistische Lesart vgl. exemplarisch wiederum Amartya Sen, Die Welt teilen:

Sechs Lektionen in Gerechtigkeit, München 2020, 84f, 88, 90, 106 f.

Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen. Eine Denkschrift des Rates der

Evangelischen Kirche in Deutschland, Gütersloh 2 2007.


»Kampf der Kulturen« und Identitätspolitik 31

Vondaher plädiert die Denkschrift für »Ermöglichung« 36 und »Förderung« 37

von kultureller Vielfalt und spricht mehrfach von deren »Anerkennung« 38 .Eine

Kritik an der Denkschrift lautet, die Begriffe »Ermöglichung« und »Förderung«

würden insgesamt zugunsten einer bloßen »Anerkennung« zurückgenommen. 39

Das trifft aber nicht den Kern der Sache. Zum einen wird in der Überschrift von

Kapitel 3.1.4 von »Ermöglichung« geredet – dieser Begriff hat daher größeres

Gewicht. Zum anderen ist die Rede von »Anerkennung« (im Anschluss an Axel

Honneth) sicherlich nicht als schlichtes Hinnehmen, als »bloße Duldung« zu

verstehen, sondern als ein konstruktiv-expansiver und insofern friedensbildender

Prozess. 40

Ein weiterer Kritikpunkt an der EKD-Friedensdenkschrift 41 lautet, sie unterschätze

oder verschweige gar die Möglichkeit und Notwendigkeit einer

fruchtbaren Streitkultur als Element von Kultur überhaupt. Das lässt sich jedoch

sehr leicht am Text selbst widerlegen, wie exemplarisch folgende Passagen

zeigen:

»(48) Die evangelischeKirche bemühtsichauf allen Ebenen, den Dialogzwischen den

Religionenund Kulturenzufördernund zu ihm beizutragen. […](49)[…]Interreligiöse

Begegnungen sollten am Leitgedanken des produktiven Umgangs mit Differenzen

orientiert sein. Es kommtdarauf an, nicht nurdas Anderssein derjeweilsAnderen zu

akzeptieren, sondern eineStreitkultur zu entwickeln, in derKonflikte in konstruktiver

Weise ausgesprochen, ausgetragen und ausgehalten werden können.« 42

36

37

38

39

40

41

42

A.a. O., 64 f(Kapitel 3.1.4).

A.a. O., 54 (Kapitel 2.5.2, Ziffer 80).

A.a. O., 56 (Kapitel 2.5.2, Ziffer 84), 83 f(Kapitel 4.1.1, Ziffer 129), 124 (Schluss, Ziffer

195).

Silke Betscher, »Postkoloniale Perspektiven auf die ›Anerkennung kultureller Vielfalt

und Identität‹ als Dimension des gerechten Friedens«, in: Sarah Jäger/André Munzinger

(Hrsg.), Kulturelle Vielfalt als Dimension des gerechten Friedens. Grundsatzfragen

Bd. 4, Wiesbaden 2019, 85–110, dort 86. Frau Betschers in diesem Zusammenhang

ebenfalls vertretene These, die »kulturelle Dimension« des gerechten Friedens sei

von dessen drei anderen Dimensionen »entkoppelt« (a. a. O., 87), ist nicht plausibel begründet.

Denn aus einer Unterscheidung von Dimensionen folgt nicht, dass diese voneinander

»entkoppelt« seien.

Auch Niklas Luhmann verweist auf die Notwendigkeit der »Anerkennung kultureller

Diversität« in modernen Gesellschaften (Niklas Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft,

Bd. 1, Frankfurt a. M. 1997, 151). Das ist im Rahmen seines soziologischen Ansatzes

ohnehin zwingend, da er von einer Differenz von Identität und Differenz aus denkt,

im Gegensatz zu identitätsphilosophischen Konzepten, die sich mit einem Pluralismus

der Kulturen grundsätzlich eher schwertun müssen.

Betscher, »Postkoloniale Perspektiven« (s. Anm. 39), a. a. O., 105.

Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen (s. Anm. 35), a. a. O., 35 f.


32 Eberhard Martin Pausch

»(52) […] Dies schließt die Kenntnis der eigenen Wurzeln, Respekt vor dem Anderen

und Fremden und die Entwicklung einer fruchtbaren und fairen Streitkultur ein.

Erziehung und Bildung zum Frieden ist eine lebenslange Aufgabe.« 43

»(84) […]Unter denheutigen Bedingungen gesellschaftlicher undkultureller Pluralität

sind Bemühungen um eine gleichberechtigte Koexistenz unabdingbar. Hierzu bedarf

es der Entwicklung gemeinsam anerkannter Regeln des Dialogs und einer konstruktiven

Konfliktkultur.« 44

6. Für eine Kultur der Differenzen

Die eben zitierten friedensethisch relevanten Aussagen beruhen auf grundsätzlichen

kulturtheoretischen Überlegungen, die in der einige Jahre zuvor erschienenenEKD-Denkschrift»Räume

der Begegnung« (2002) entwickelt wurden.

Diese Denkschrift fokussiert sich auf den Begriff der »Kultur« und fordert – in

expliziter Bezugnahme auf Huntingtons Thesen – einen »Kampf um Kultur«

anstelle eines »Kampfes der Kulturen«. 45 Kultur realisiere sich, so die Denkschrift,

nur ineinem Plural der Kulturen, weil menschliche Selbstthematisierungen

plural und nicht abschließbar seien. Daher brauche es eine »Kultur der

Differenzen«. Um diese Differenzkultur auf der Basis wechselseitiger Anerkennung

global zu etablieren,

»[…] können die Weltreligionen durch eine Fortsetzung und Intensivierung ihres

Dialoges einen wesentlichen Beitrag leisten. Sein Ziel besteht darin, dem religiös

begründeten Kampf zwischen Kulturen die Legitimation zu entziehen. Der erste

Grundsatz einer Kultur der Differenzen liegt in dem Verzicht auf Gewalt als Mittel zur

Durchsetzung der eigenen kulturellen oder religiösen Überzeugungen. In Analogie

zur Religionsfreiheit könnte man von Kulturfreiheit sprechen. Eine Kultur der Anerkennung

wäre blind und zum Scheitern verurteilt, wenn sie nicht von der Entwicklung

einer Streitkultur begleitet würde.« 46

Eine in anspruchsvoller Weise gedachte Identität von Religionen und Kulturen

kann daher nur imHorizont einer Kultur der Differenzen gedacht werden, die

eine grundsätzlich gewaltfreie undpotentiell fruchtbare Streitkultureinschließt.

43

44

45

46

A.a. O., 38.

A.a. O., 56.

Räume der Begegnung: Religion und Kultur in evangelischer Perspektive. Eine Denkschrift

der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Vereinigung Evangelischer Freikirchen,

Gütersloh 2002, bes. 60–68.

A.a. O., 65.


»Kampf der Kulturen« und Identitätspolitik 33

HuntingtonsHinweise auf den irreduziblen Zusammenhang von Kultur,Religion

und Identität sind daher vollkommen berechtigt.

Silke Betscher hat demgegenüber die weitreichende These formuliert, ein

gerechter Friede sei »[…]unter den Bedingungen des globalen Kapitalismus nicht

möglich, da dieser auf der ökonomischen und politischen Vorherrschaft des

globalen Nordens und Ausbeutung des globalen Südens basiert, welche als

›Entwicklung‹ der Länder des globalen Südens kulturalisiert und legitimiert

wird«. 47 Betschers These ist sehr pauschal gehalten und dadurch außerordentlich

angreifbar. Sie berücksichtigt nicht, dass der gerechte Friede in der Denkschrift

nicht als ein Zustand, sondern als Leitbildund Prozess verstanden wird,zudem

wesentlich der »Abbau von materieller/sozialer Not wie Hunger, Durst, Obdachlosigkeit

usw.« und somit die Bekämpfung und Abschaffung von globaler

Ausbeutung gehört. Auf einekurzeFormel gebracht: It’snot (only) the culture! It’s

(also) the economy, stupid! 48

An dieser Stelle sei ausdrücklich auf die in den vergangenen Jahren weithin

beachtete These von Andreas Reckwitz hingewiesen, die besagt, die gegenwärtige

Gesellschaft müsse als »Gesellschaft der Singularitäten« verstanden werden. 49

Reckwitz argumentiert, das soziale Signum der Gegenwart sei die Umorientierung

vom Allgemeinen auf das Besondere, vom Generellen auf das Singuläre.

Dies zeige sich in der postindustriellen Ökonomie, in der Arbeitswelt, im Kulturbereich,

in der Vielfalt der Lebensstile und im Feld der Politik. Im Bereich der

Politik ist für ihn der enge Zusammenhang von Kulturaspekten und Identitätsfrage

offensichtlich. 50 Die Notwendigkeit der »Förderung kulturellerVielfalt und

kultureller Ressourcen« 51 steht für ihn außer Frage, und die Probleme und Gefahren

des »Kulturessenzialismus« exemplifiziert er ausführlich unter anderem

am religiösen Fundamentalismus und am »Rechtspopulismus« 52 .Hier ist nicht

der Ort, ausführlicher auf diese interessante soziologische Theorie einzugehen.

Es mag genügen, darauf hinzuweisen, dass sie in vielerlei Hinsicht in den Ergebnissen

mit den hier vorgelegten Überlegungen konvergiert.

Die bisherige Rede vom notwendigen »Dialog der Religionen und Kulturen«

ist allerdings noch in einer weiteren Hinsicht nicht weitreichend genug gedacht

und entwickelt. Sie ist zu erweitern zum Gedanken eines umfassenden »Poly-

47

48

49

50

51

52

Betscher, »Postkoloniale Perspektiven« (s. Anm. 39), a. a. O., 106.

In der Variation eines Wahlkampfslogans des früheren US-Präsidenten Bill Clinton.

Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten: Zum Strukturwandel der Moderne,

Berlin 3 2020.

A.a. O., 371–428.

A.a. O., 380.

A.a. O., 394–428.


34 Eberhard Martin Pausch

logs« 53 ,der wiederum eingebettet sein muss in eine globale Rechts- und Weltfriedensordnung.

Deren Leitbild kann und sollte die Vision eines »gerechten

Friedens« sein. Dieses Leitbild hat seine ökumenische Tragfähigkeit schon seit

längerem bewiesen. Vielleicht ist es darüber hinaus ja nicht nur interreligiös

vermittelbar, sondern auch anschlussfähig an säkulare Vorstellungen darüber,wie

Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Welt gestiftet werden können. Das mag nach

einer kühnen Hoffnung klingen, aber eine Kultur der Differenzen bietet Raum für

die friedliche Entfaltung von Identität(en). Eine solche Kultur ist daher die realistische

Alternative zu einem »ClashofCivilizations«. Sie zu fördern,ist nicht nur

Aufgabe und Herausforderung für die christliche Religion. Denn nicht nur für

Christenmenschen gilt: »Wer den Frieden will, muss den Frieden vorbereiten.« 54

53

54

Ein »Polylog« ist ein Gesprächsnetzwerk zwischen mehr als zwei oder drei Gesprächspartnern,

also ein multilaterales Gespräch, das einer multikulturellen Weltordnung mit

inter- und transkulturellen Kommunikationsbewegungen angemessener sein dürfte als

bloße »Dialoge« oder »Trialoge«.

Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen (s. Anm. 35), a. a. O., 9, 124.


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Satz: 3w+p, Rimpar

Druck und Binden: Hubert & Co., Göttingen

ISBN 978-3-374-07217-0 // eISBN (PDF) 978-3-374-07218-7

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