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CHRONIK_VIGAUN

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Einband Bild vorne Hl. Dionysius im Tympanon der Pfarrkirche

Bild hinten Kurzentrum Vigaun

Taugl-Wasserfall oberhalb der Römerbrücke

Gestaltung Horst Peter Neubacher, Golling

Vorsatz und Nachsatz

aus dem Franciszäischen Kataster, der ersten maßstabgetreuen Vermessungsaufnahme des

Landes Salzburg aus 1830

Danke allen Vigaunerinnen und Vigaunern, die durch Texte und Bilder zum Zustandekommen dieses Buches beigetragen haben.

Dank auch allen anderen der insgesamt 40 Autoren, ohne die dieses bunte Bild unseres Dorfes nicht entstanden wäre.

Herausgegeben von der Gemeinde Vigaun

Redaktion

Michael Neureiter

Michael Steinberger

Alois Tonweber

Copyright Gemeinde Vigaun, 1990

Satz Fotosatz Rizner, Salzburg

Druck Druckhaus Nonntal, Salzburg

Gedruckt auf Eurotrend 100 g der Hallein Papier

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INHALT

Die Urkunde der Wappenverleihung

Inhalt 4-5

Verbundenheit vertiefen! Walter Schörghofer 6

VIELFALTIGE NATUR

Naturraum zwischen Schlenken und Salzach Alois Tonweber 8

Das Höhlensystem im Schlenkengebiet Alois Tonweber 12

Die Taugl Alois Tonweber 16

Der Bergsturz Vigaun Christian Uhlir 19

Anvertraute Natur

Die Gemeindejagd Stefan Pichler 25

Die Imker Josef Gruber 31

Flurnamen von Vigaun und Umgebung Ferdinand Schönleitner 32

RÜCKBLICK AUF 1200 JAHRE UND MEHR

Die Schlenkendurchgangshöhle:

Die ältesten menschlichen Zeugnisse im Land Karl Mais 40

Vigaun in ur- und frühgeschichtlicher Zeit Fritz Moosleitner 50

Die Anfänge: Der Name „Vigaun" und seine erste Erwähnung Heinz Dopsch 52

Vigaun in Mittelalter und Neuzeit Alfred Stefan Weiß 66

Vigauner Sagen Alois Tonweber 109

Unsere Kirchen - Geschichte und Kunst Franz Ortner 111

Die Entwicklung des Schulwesens Alois Tonweber 150

Die „Nebenschule Rengerberg" Alois Tonweber 164

Unsere Gemeinde in den letzten 100 Jahren Michael Steinberger und Andreas Wallmann 172

Die Gemeindevertretungen seit 1945 192

Ehrenbürger und Ehrenringträger der Gemeinde Vigaun 195

DIE ALTEN HÖFE UND HÄUSER VON VIGAUN

Die bäuerliche Hauslandschaft Kurt Conrad 196

Die Grundherrschaften bis zur Grundentlastung 1848 Heinrich Schwab 204

Von Vigaun l bis Rengerberg 43

Heinrich Schwab

Vigaun 206

St. Margarethen 223

Riedl 227

Rengerberg 231

Vigauner Kleindenkmäler

149,163,200,201,235,241,267,279, XXIV

4


VIGAUN HEUTE

Perspektiven für Vigaun Walter Schörghofer und Alois Huber 244

Eine Gemeinde im Wandel Günther Poppinger 245

Die Vigauner Bevölkerung 1990 246

Von der Land- und Forstwirtschaft Martin Mitterwallner 247

Die Landjugend Georg Fagerer und Andreas Göllner 249

Eine dynamische Wirtschaft Rupert Schörghofer 252

Ein Fremdenverkehr der Qualität Raimund Egger 253

Das Kurzentrum Vigaun - Heilbad vor den Toren Salzburgs Helmut Schober 260

Die katholische Pfarrgemeinde Michael Neureiter 268

Der Kirchenchor Johann Rainer 275

Die katholische Jungschar und Jugend Franziska Neureiter 276

Vielfältige Bildung

Unser Kindergarten Alois Tonweber 278

Unsere Volksschule heute Alois Tonweber 280

Öffentliche Bücherei Rupert Lehenauer 281

Erwachsenenbildung Alois Tonweber 282

Das Heimatmuseum Josef Neureiter 284

Vigauner Heimatdichter

Leopold Mailänder

Johann Rainer

Hannelore Unterrainer

149

203,243,293

277

Musikalisches Vigaun

Die Musikschule Josef Grabner 288

Die Trachtenmusikkapelle Siegfried Schaber 289

Vigauner Musikgruppen 294

Der Fabelvogel von Vigaun Ferdinand Joly 300

Unsere Feuerwehr Rupert Trinker 301

Brauchtum und Tradition

Die Historischen Prangerschützen Josef Egger 306

Die Vigauner Festschützen Sebastian Rettenbacher 311

Der Trachtenverein „D'Schmittenstoana" Adi Unterberger 314

Kameradschaft Vigaun Andreas Wallmann 317

Freizeit und Sport

Unser Sportverein Michael Steinberger 320

Der Union-Ringerverein Vigaun Manfred Paulitsch 322

Die Sektion Damenturnen Josefine Ramsauer 326

Das Tischtennismodell Tennengau Alois Tonweber 327

Der 1. Vigauner Eisschützenverein Franz Wanka 328

Das andere Vigaun: Begunje in der Oberkrain Michael Neureiter 330

Autoren...

... und Bilder

333

335

Farbtafeln I-IV nach 57, V-VIII nach 97,

IX-XII nach 114, XIII-XVI nach 143,

XVII-XX nach 255,

XXI-XXIV nach 295

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Verbundenheit vertiefen!

„Ich habe es sehr eilig, habe wenig Zeit!" Das ist eine

Redensart, die viele von uns im hektischen Leben oft

gebrauchen. Ja, die Zeit ist kostbar geworden, doch im Leben

des einzelnen Menschen und in der Gemeinschaft gibt es

Abschnitte, die zur besinnlichen Einkehr und damit zum

Überdenken des bisher Geleisteten und Erlebten einladen.

Die Zeit ist kostbar, aber ohne sie gäbe es keine

Vergangenheit und keine Zukunft, keine Weisheit und keine

Hoffnung.

Dieses Buch soll dem Leser Aufschluß geben, wie sich unser

Dorf durch Jahrhunderte zu dem entwickelt hat, wie wir es

heute erleben. Und es möge beitragen, daß die Verbundenheit

der hier Geborenen zum Heimatort nicht erlischt, bei den

zugezogenen Vigaunern Verbundenheit wächst und bei

unseren Gästen Verbundenheit geweckt wird.

Sehen wir dieses Buch aber auch als Dank an unsere

Vorfahren, die in mühevoller Arbeit den Grundstein für unser

Gemeinwesen gelegt haben, und als Auftrag an uns, die wir

heute die Verantwortung tragen, das Geschaffene zu erhalten.

Persönlich darf ich allen herzlich danken, die zum Entstehen

des Vigauner Buches beigetragen haben.

Bürgermeister

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7


VIELFÄLTIGE NATUR

NATURRAUM ZWISCHEN SCHLENKEN UND SALZACH

von Alois Tonweber

Geographischer Überblick

Das Gemeindegebiet von Vigaun, politischer Bezirk Hallein,

liegt südöstlich der Stadt Hallein und umfaßt die Katastralgemeinden

Vigaun und Rengerberg.

Die Gesamtfläche des Gemeindegebietes beträgt 17,55 km²;

hievon entfallen auf Vigaun 6,20 km² und auf den Renger-berg

11,35 km².

Das Gemeindegebiet umfaßt die Ortschaften Vigaun (Sitz der

Gemeinde), St. Margarethen, Riedl und Rengerberg. In der

West-Ostrichtung hat das Gemeindegebiet eine größte

Ausdehnung von 7,5 km² und reicht vom Sattel des

Schmittensteins bis zur Salzach. In der Nord-Südrichtung

beträgt die Ausdehnung rund zwei Kilometer.

Der Ortskern liegt 469 m über dem Meere, der tiefste Punkt

des Gemeindegebietes 455 m, der höchste Punkt, der Gipfel

des Schlenkens, 1649 m über Normalnull.

Im Westen grenzt die Gemeinde von der Tauglmündung flußabwärts

in einer Länge von knapp einem Kilometer an die

Salzach. Die Grenze verläuft dann weiter nordwärts bis zum

Nordende des „Riedls" und biegt dann nach Osten ab.

8


Der Wiesentümpel des Egg-Bauern ist das einzige Vigauner Gewässer im

Kleingewässerkataster der Salzburger Landesregierung. Unter den Tieren

und Pflanzen des Tümpels befinden sich relativ viele geschützte Arten.

Der Mäander des „Ledererbaches" in St.

Margarethen. Der Bach bildet hier

übrigens die Gemeindegrenze zwischen

Vigaun (östlich) und Hallein (westlich).

An der Wasserscheide zwischen Spumbach, Mörtelbach

und der Taugl zieht sich dann die Grenze ostwärts über

den Gipfel des Schlenkens bis zum Sattel unterhalb des

Schmittensteins. Von hier aus verläuft die Gemeindegrenze

südlich des „Kasbachgrabens" bis zur Taugl. Bei

der Einmündung des Kasbaches in die Taugl biegt die

Gemeindegrenze rechtwinkelig nach Westen ab und

verläuft an der Südgrenze des Raumes entlang der Taugl

bis zu deren Einmündung in die Salzach.

An Vigaun grenzen im Westen Hallein, im Norden Adnet

und Krispl, im Osten St. Koloman und im Süden Kuchl

als Nachbargemeinden an.

Der westliche Teil des Gemeindegebietes stellt einen

ebenen Talboden dar und liegt in der Flußniederung der

Salzach. Überragt wird er vom mächtigen Kalkstock des

Göllmassivs (Hoher Göll, 2523 m) und dem Roßfeld

(1536 m).

Der weitaus größere östliche Teil des Gemeindegebietes

gehört der Landschaftsgliederung nach zur Osterhorn-

gruppe und trägt in den höheren Regionen

Mittelgebirgscharakter mit Wäldern und Almböden.

Geologischer Aufbau des Gemeindegebietes

- Der tiefer gelegene Talboden und St. Margarethen:

Schon im Pliozän1 hat sich der Lauf der Salzach nach

Westen verschoben. Ursache dafür ist höchstwahrscheinlich

die starke Schuttführung der ostseitigen

Nebenflüsse, wie des Tauglbaches. Dadurch

bildeten sich in diesem Gebiet postglaziale alluviale

Sedimente.²

- Der höher gelegene Talboden zwischen Vigaun

und der Taugl:

Beim Austritt der Taugl ins Salzachtal bildeten sich

ein spätglazialer Schwemmkegel, der von einer

Moräne 3 überlagert und am Rande des schwindenden

Salzachgletschers abgelagert wurde. Am Fuß dieser

Moräne ist noch ein jüngerer

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Taugl-Schwemmkegel vorhanden, dessen Spitze

bei der Römerbrücke liegt und der, allmählich an

Höhe verlierend, in die Terrassenfläche von

Vigaun übergeht.

- Der „ Riedl" (Südteil des Adneter Riedls):

Hier handelt es sich wahrscheinlich um einen

Rest des interglazialen „Gollinger Sees" der Riß-

Würm-Zeit 4 , der sich als senkrecht abfallender

„ Nagelfluh" 5 besonders bei

St. Margarethen („Bruderloch") zeigt und ein

bevorzugter prähistorischer Siedlungsplatz war.

- Das Gebiet des „Tauglwaldes":

Man nimmt an, daß ein Bergrutsch von südlich

der Raspenhöhe auf die beiden Terrassen der

postglazialen Talauffüllung dazu führte, daß

sich etwas nördlich dieses Gebietes die Salzach

nach Osten bewegte, übrigens die einzige

Stelle im Tennengauer Salzachtal.

- Das östliche Gemeindegebiet des Rengerbergs

oberhalb des Riedls:

Dieser Teil ist aus Jurakalken 6 aufgebaut, die sich

in bänderförmigen, komplizierten Schollen aus

Oberalm-, Schrambach- und Roßfeldschichten

zusammensetzen.

Die Wälder

des Gemeindegebiets gehören zum mittleren

Wuchsbezirk des nördlichen randalpinen Fichten-

Tannen-Buchenwaldgebietes. In mittleren Lagen ist hier

von Natur aus der Fichten-Tannen-Buchenwald vorherrschend,

wobei insbesonders in tiefergelegenen

Gräben und Klammstrecken, wie etwa an der Taugl,

Elemente des Schluchtwaldes deutlich ausgeprägt sind.

Man findet dann verbreitet Bergahorn, Esche und

Grauerle, in Unterlaufbereichen, z. B. an der Taugl,

sowie an der Salzach auch verbreitet Weidengebüsche.

Der Simonbauern-Graben

ist wohl ein Relikt aus der

Eiszeit, in der auch unser

Gemeindegebiet vom

Gletscher bedeckt war.

Am l. August 1984 wurde

bei Leitungsarbeiten auf

dem Grund des Duldingbauern

am Riedl dieser

Findling aufgefunden.

Der Nagelfluh der Riedl-

Wand zwischen St.

Margarethen und Kellerbauer.

Die für die Randalpen auf Kalk typische

Schlußwaldgesellschaft auf durchschnittlichen Standorten

ist jedoch der erwähnte Fichten-Tannen-Buchenwald,

wobei die Tanne in der Regel im Altbestand noch

häufiger auftritt, in Folge des seit Ende des Zweiten

Weltkrieges in besonderem Maße verstärkten Wildverbisses

in der natürlichen Verjüngung stark zurückgedrängt

wurde und bereichsweise überhaupt fehlt.

Während in tieferen Lagen auf günstigen Standorten

auch Edellaubhölzer wie Wildkirsche und Winterlinde

beigemischt sein können, treten an der oberen

Waldgrenze Latschengebüsche auf. Von Natur aus

können im gesamten Bereich, je nach

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Bestandesentwicklung, Bodenzustand und lokalklimatischen

Bedingungen auch verschiedene „Nebenbaumarten"

wie Eberesche und Birke vorkommen. 7

Rengerberger Impression

„Die Wiesen waren gemäht, überall lagen Heuhaufen,

wie Tupfen auf den Hängen, im Hintergrund schattete

ein dunkler Fichtenwald. Die Berghänge in der Runde

im Licht der untergehenden Sonne, tiefgrüne Schatten

und goldfarbene Fluren, lange samtgrüne Heuzeilen

unterteilten die Flächen, und das Licht fiel durch die

Fichten und vergoldete die Ränder." (Raffaela Toledo

am Ende des Zweiten Weltkrieges)

ANMERKUNGEN:

1 Pliozän = jüngste Abteilung der geologischen Formation des

Teritär.

Mit dem Teritär begann vor etwa 7 0 Millionen Jahren das

Känozoikum

(Erdneuzeit).

2 postglazial = nacheiszeitlich

alluvial (Alluvium) = nicht mehr gebräuchlicher Name der

jüngsten Abteilung der geologischen Formation der

Erdneuzeit im Quartär, des Holozän (vor etwa 50.000

Jahren).

Sedimente = abgelagerte Lockermaterialien (Geröll, Schutt,

Gesteine).

3 Moräne = vom Gletscher der Eiszeit verfrachteter und

abgelagerter Schutt, landschaftsbildend.

4 interglazial = zwischeneiszeitlich

„Gollinger See": Nach dem Abschmelzen des

Salzachgletschers bildete sich ein See, der vom Salzburger

Becken (Stammbecken) bis etwa nach Golling reichte (vor

etwa 20-30.000 Jahren).

5 Nagelfluh = Sediment (Ablagerungs-)gestein; abgerundete,

durch

eisenhaltige, kalkige, kieselige Bindemittel verkittete, kleine

Gesteins

trümmer; auch unter dem Namen „Konglomerat" bekannt.

6 Jura = Mittlere Abteilung der geologischen Formation des

Mesozoikums

(Erdmittelalters), vor etwa 180-135 Millionen Jahren. Die

Juragesteine bestehen zumeist aus schichtartigen Kalken

und sind vor allem in der Umgebung des Dürrnberges, in

der Osterhorn- und Schafberggruppe zu finden.

7 Laut freundlicher Auskunft von Dipl.-Ing. Hermann

Hinterstoisser vom Amt der Salzburger Landesregierung,

Naturschutz.

LITERATUR:

Erich Seefeldner, Salzburg und seine Landschaften, eine

geographische Landeskunde, Salzburg 1961.

Walter Del-Negro, Geologie des Landes Salzburg,

Schriftenreihe des Landespressebüros, Serie

„Sonderpublikationen", Nr. 45, Salzburg 1983

Weintrauben (südseitig in St. Margarethen) und Mehlbeeren

(vom Mehlbeerbaum beim Wurzerbauern am

Rengerberg) sind eher ungewohnte Früchte in unseren

Breiten - ein Zeichen für die vielfältige Natur Vigauns.

Auch Vigaun hat seinen Gletscherschliff: an der Straße

in den inneren Rengerberg kurz vor dem Pertheilbach,

der Grenze zwischen äußerem und innerem Rengerberg,

eine imposante Erinnerung an eisige Zeiten.

11


DAS HÖHLENSYSTEM IM SCHLENKENGEBIET

von Alois Tonweber

Im gesamten Schlenkengebiet befinden sich ca. 25

Höhlen, von denen hier nur die größten und bedeutendsten

erwähnt werden können.

Höhlen können nur dann entstehen, wenn das Gestein

geeignet ist, zu verkarsten. Dies trifft auch für diesen

Bereich zu, der hier ziemlich einheitlich aus Oberalmkalk

und oberjurassischen Hornsteinkalken 1 besteht. Der

Kohlensäuregehalt der Niederschläge wirkt kalkzersetzend.

Man findet hier vorwiegend zwei Höhlenhorizonte, der

untere ist meist aktiv wasserführend, der obere meist

inaktiv. Manche der wasserführenden Höhlen werden

zur Trinkwasserversorgung verwendet.

Zoologisch bemerkenswert ist in den Höhlen das

Vorkommen von Zackeneulen, Spannern, Weberknechten

und Gelsen. Interessant sind auch die verschiedenen

Fledermausarten. Vorherrschend ist die

kleine Hufeisennase, aber auch die Mausohr-Fledermaus

kommt hier vor. Die Tiere sind sehr ortstreu und kehren

jeden Winter zu ihrem Winterschlaf in dieselbe Höhle

zurück, was durch Beringungen nachgewiesen werden

konnte.

Die nun beschriebenen Höhlen wurden alle vom

„Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg" erforscht

und vermessen:

Archerhöhle (740 m)

Von Vigaun aus liegt am Fahrweg zur ehemaligen

Volksschule Rengerberg das „Archengut". Am Beginn

der Quellwasserleitung des Archengutes befindet sich

ein Gesteinsniederbruch, der den eingestürzten Höhlenvorraum

bildet. Oberhalb ist noch ein schmaler Spalt

frei, durch den der Zugang erfolgt. Anfänglich recht

nieder und eng unter einem Felsblock hindurch, erreicht

man nach 35 m eine Erweiterung. Hier nimmt auch die

Raumhöhe zu. Die anfangs nach Nord-Nordost gerichtete

Höhle wendet sich nun etwas nach Nordwesten

und endet in einer Kluft. Rechts führt nach einer

Wandstufe noch ein Gang aufwärts und endet verstürzt,

105 m vom Eingang entfernt.

Im Inneren der Höhle befinden sich Bruchmaterial,

Schotter, Lehm, Tropfsteine und ein aktiver Wasserlauf.

Die Archerhöhle wurde im Jahre 1930 entdeckt.

Dreischachteishöhle (1420 m)

Im Latschenfeld unterhalb des Schmittensteins gelegen.

Vom Sattel zwischen Schlenken und Schmittenstein

führt ein markierter Pfad hinunter zu den Schlenkenalmen.

Vom Pfad über die Geröllhalde ins Nigelkar

hinabziehend, erreicht man in einer ebenen Blöße die in

die Tiefe gähnenden Schächte. Es sind drei beieinanderliegende

Schachtöffnungen. Bei Schacht 1

erfolgt der Einstieg über eine 3-5 m tiefe Wandstufe,

nach der sich die drei Schächte auf einer Schnee- und

Eissohle vereinigen. Im verstürzten Schachtboden

wurden Tierknochen gefunden. Die Begehung der

Höhle ist nur mit Strickleiter möglich. Die Dreischachteishöhle

wurde 1931 erforscht.

Eisenloch („Lengfeldkeller")

Es liegt auf dem Weg vom Broswirt zur ehemaligen

Schule Rengerberg unterhalb des Steinbruches. Der

Eingang ist ca. 2 m hoch. Nach 12m erreicht man eine

Wasseransammlung, die in eine enge Spalte abfließt.

Geradeaus kann man durch eine lehmige Engstelle 30m

weiter zur „Teufelsküche" (kleine Halle) vordringen.

Diese Höhle diente ehemals als Keller und war mit einer

Tür versperrt.

Gutortenbrandhöhle (810 m)

Der Zustieg erfolgt von St. Koloman über den „Hohen

Steg" aus. Die Taugl wird hier nach Norden

überschritten. Nach ca. 300 m führt der Weg vorbei

über dem „Hennerloch" auf eine Bergwiese des

Hauslehens. Man trifft zuerst auf ein trockenes Bachbett

und dann auf den schachtartigen Abstieg in die Höhle.

Der Eingang befindet sich am Grunde eines 8 m tiefen

und 6 m breiten Einsturztrichters. Die Höhle verläuft in

12


Selbst den Vigaunerinnen und Vigaunern sind die Höhlen im Schlenken viel zuwenig bekannt: Das Eisenloch

birgt eine Halle, die als „Teufelsküche" bezeichnet wird.

nordöstlicher Richtung anfangs bis 3 m hoch in einer

Bruchspalte, dann als oft kaum l m niederes, sich

stellenweise auf 5 bis 10 m verbreiterndes Gerinne mit

angeschwemmten Lehm- und Schotterablagerungen und

endet nach ungefähr 160 m Länge in einer gegen Süden

biegenden, 10m hohen Spaltkluft. Nach Passieren einer

Wasserstelle gelangt man in eine tiefer liegende Fortsetzung,

in der eine schmale Kluft über einen Schotterkessel

hinweg zu einer Tropfsteinkammer führt. Von hier zieht

sich der nach Osten führende, äußerst enge „Klappacherschluf"

2 hinunter. Aus einem größeren, 9 m

langen Raum führt ein gut begehbarer Gang 10 m in

eine Seehalle, die auf ca. 10 m Länge und 2 bis 3 m

Tiefe mit Wasser gefüllt ist. Steigt man jetzt 4 m in einen

Schotterkessel hinab, so kann nordwärts durch den

„Rattenschluf", die „Hachlkammer", die „Lehmhalle" und

weiters durch den „Blockschluf" und den „Schlazgang"

das vorläufige Ende erreicht werden.

Die Höhle gehört nach ihrer Art zu den „Kluft- und

Schichterosionshöhlen" 3 und besteht aus Deckensturzmaterial,

Schotter, Lehm, Schlaz und im tagfernsten

Gebiet aus einem aktiven Wasserlauf. Sie wurde von

Einheimischen entdeckt und schon 1911 erforscht.

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Hennerhöhle (Hennerloch) (685 m)

Ebenfalls über den Hohen Steg gelangt man am rechten

Tauglufer zum Eingang der Höhle. Sie verläuft fast

geradlinig nach Nordwesten, einer tektonischen

Bruchlinie folgend. Durch den 2 m hohen Eingang betritt

man zunächst die durch einen Versturz unter einer

Querkluft in zwei Teile gesonderte 50 m lange und bis

10 m breite Vorhalle, an die zum Teil enge, übereinanderliegende,

ausgewaschene Spaltgänge anschließen.

Sie erweitern sich mehrfach zu hohen, bis 10

m breiten Hallen, deren Grund von tiefen Wasserbecken

erfüllt ist und deren Wände nach oben zu hohen

Schloten auslaufen. Durch Erosion aus den Wänden

herausgearbeitete, bis 15 cm starke Hornsteinbänder

durchziehen die ganze Höhle und bilden öfters

treppenförmige Absätze, über die der Höhlenbach in

Kaskaden herabfällt. Nach etwa 400 m gerader Länge

wird der nach der letzten Seehalle sich fortsetzende

Spaltgang eng und unschliefbar. Das Hennerloch ist eine

Bruchfugenhöhle und wurde 1911 erforscht.

Lettenloch und Luegloch (840 m)

Beide Höhlen sind Klufthöhlen, liegen im

„Kasbachgraben" und sind über den Hohen Steg aus zu

erreichen. Von hier zieht sich nach Nordwesten gegen

das „Hauslehengut" fast eben zur Tauglklamm ein Weg,

der sich bald im Wald verliert. Etwa 80 m nach einer

deutlichen Wandbildung zeigt sich ein abwärtsführender

Graben, an dessen oberem Ende sich die beiden Höhlen

befinden. In der Felswand, die den steilen Graben

abschließt, öffnen sich die beiden Höhleneingänge

nebeneinander.

Der linke Eingang führt in das „Lettenloch" 4 , in eine 40

m lange und ebenso breite Riesenhalle mit ansteigendem,

von Bruchblöcken bedecktem Boden. Im Hintergrund

entspringt ein Bächlein.

Rechts führt ein enger Eingang in das „Luegloch", einem

anfangs nach Nordwesten, dann nach Südwesten

ziehenden Erosionsgang von etwa 280 m Länge, der

sich in der vorderen Hälfte an mehreren Stellen zu

kleinen Domen (Hallen) erweitert. Der Boden ist hier

ebenfalls mit Bruchblöcken bedeckt. Dann wird der Gang

klammartig eng und beschreibt wiederholt scharfe

Biegungen. Lehmige Ablagerungen bedecken hier den

Boden bis zu einem 9 m tiefen Schacht. Jenseits einer

weiter anschließenden Halle schließt der Gang durch

Verengung, ein hier herabstürzendes Wasser

verschwindet in den Spalten. Wer jedoch eine „Dusche"

nicht scheut, übersteigt den Wasserfall.

Hier gelangt man wieder in einen größeren Höhlenteil,

der in Hauptrichtung weiterläuft. Dieser Teil ist noch

unerforscht. Erforscht wurde die Höhle 1957, angeblich

soll sie bis in die Gaißau hinüberreichen.

Reitlloch (Emmahöhle)

Der Zugang erfolgt vom Reitlbauern in den

Kasbachgraben. Bei der Weggabelung noch wenige

Meter dem rechten Weg folgend und dann steil 10 bis

15 Meter rechts abwärts zum 60 cm hohen

Höhleneingang. Anfangs trifft man auf einen niederen,

bis 4 m breiten horizontalen Gang mit mehreren

Wasseransammlungen. Durch ein enges Fenster ist eine

Fortsetzung sichtbar. Herrliche Tropfsteingebilde mit

bizarren Formen, märchenhaft schön, bieten sich dem

Besucher.

Die Höhle verläuft bei etwa 200 m Länge fast geradlinig

in nordwestlicher Richtung und endet vor einem

Wasserfall tief im Berginnern. Sie ist eine aktive

Wasserhöhle, daher das unheimlich wirkende Rauschen

und Brausen schon beim Betreten der Höhle.

Versturzhöhle

Ungefähr 50 m vom Schlenkenkreuz entfernt; 1/2 m

hoher Eingang, sehr eng und nur 10 m lang.

ANMERKUNGEN:

1 Oberjura = mittlere Abteilung des Mesozoikums

(Erdmittelalter).

2 Klappacherschluf = nach seinem Entdecker so

benannt.

3 Schichterosion = Abtragung in Schichten durch die

Kraft des Wassers, dadurch Entstehung von Klüften.

4 Letten = Lehm; dem Lettenloch wird seit alter Zeit für

verschiedene Wirtschaftszwecke Lehm entnommen.

LITERATUR:

Gustave Abel, Salzburger Höhlen, Salzburg 1963.

Gustave Abel, Höhlen im Bereich des Rengerberges am

Schlenken,

Mitteilungen des Landesvereines für Höhlenkunde,

Salzburg. Naturwissenschaftliche Arbeitsgemeinschaft am

Haus der Natur in

Salzburg unter der Leitung von Prof. Dr. Eberhard

Stüber, Die

naturwissenschaftliche Erforschung des Landes

Salzburg, Stand 1963. Josef Neureiter, Wanderführer

Vigaun und Umgebung, herausgegeben vom

Verkehrsverein Vigaun.

14


15


DIE TAUGL

von Alois Tonweber

Südöstlich des Gemeindegebietes von Vigaun verbirgt

sich unterhalb des Schmittensteins, Schlenkens und

Rengerberges eine der längsten und völlig unzugänglich

erscheinenden Klammen Österreichs, die „Tauglklamm".

Sie hat ihren Namen vom Tauglbach, der am Westhang

des Gruberhornes in der Osterhorngruppe entspringt und

an der Gemeindegrenze zwischen Kuchl und Vigaun in

die Salzach mündet.

„Taugl" geht auf das althochdeutsche Wort „tougan" (=

heimlich) und das mittelhochdeutsche Wort „tougen" (=

verborgen, wunderbar) zurück. Tatsächlich merkt man,

vom Salzachtal den Höhenzug Richtung St. Koloman

überschreitend, nichts von diesem Gewässer, das man in

so einem ausgebildeten Schluchtsystem erwarten würde.

Die Länge des Tauglbaches vom „Tauglgrund" bis zur

Mündung beträgt 11 km, davon entfallen allein acht

Kilometer auf die Klammstrecke. Der Höhenunterschied

von der Tauglquelle bis zur Salzachmündung beträgt fast

400 m, die Klamm beginnt etwa 700 m außerhalb des

Tauglgrundes, ist 30 und mehr Meter tief und endet ca.

50 m unterhalb der „Römerbrücke" in Vigaun.

Das Wasser der Taugl zerschnitt im Laufe der Zeit

mächtige Felsbänke. Die senkrechten, oft überhängenden

Felswände nähern sich auf weiten Strecken

bis auf wenige Meter, und die über dem Abgrund sich

verflechtenden Baumkronen dämpfen das Licht zu einem

immerwährenden Dämmern.

Die Tauglklamm ist beliebtes Ziel von Wildwasserfahrern

und wird bei geringster Wasserführung im Spätsommer

und im Spätherbst von trainierten und mit den Tücken

der Schlucht vertrauten Touristen sogar durchwandert.

Selbstverständlich kann ein solches Unternehmen nur bei

stabiler Wetterlage und mit angemessener Ausrüstung in

Angriff genommen werden.

Gab es früher viele Stege über die Taugl, so sind heute

nur mehr der Hohe Steg und der Schmalecksteg

(baufällig!) erhalten. Nicht mehr vorhanden sind der

Lambertsteg und der Hundsteinsteg.

Zur Bedeutung der Taugl 1

Die Taugl ist eines der wenigen größeren Fließgewässer

Salzburgs, das von seinen Quellen bis in den Mündungsbereich

von technischen Verbauungen, insbesondere

Uferlängsverbauungen und Kanalisation

16


des Bettes, weitgehend unberührt geblieben ist. Gewisse

Beeinträchtigungen bestehen natürlich im Bereich von

Brückenbauwerken.

Einzigartig für Salzburg ist die Akkumulationsstrecke an

der unteren Taugl, westlich der Römerbrücke, wo der

Tauglbach nach einer Schluchtstrecke ins Salzachtal

hinausfließt:

Dieses sogenannte Tauglgries stellt ein bis zu 100 m

breites Bachbett dar, in dem der Tauglbach noch hinund

herpendeln kann und sich verzweigend Furkationen

ausbilden. Die großflächigen Schotterflächen sind teils

völlig vegetationsfrei, teils mit Vegetation

unterschiedlicher Sukzessionsstadien bewachsen. Das

Tauglgries bildet eine natürliche Versickerungs- und

Grundwasseranreicherungsstrecke. Der Tauglbach

erreicht nur bei höheren Wasserständen den

Mündungsbereich in die Salzach oberirdisch.

Derartige Bäche mit großen Schotterflächen sind

insbesondere in den Tallagen durch die intensive

Siedlungstätigkeit und andere Nutzungen bereits extrem

selten geworden.

Von vielen Seiten nur als Ödland und „Gstätten"

betrachtet und für illegale Müll- und

Bauschuttablagerungen mißbraucht, sind

Wildflußlandschaften mit großen

Geschiebeakkumulationsflächen als Biotope in

Mitteleuropa heute bereits extrem selten und

Lebensräume durchwegs höchstgefährdeter

Gemeinschaften von Lebewesen.

Von der Tierwelt an der Taugl 2

Von der Taugl können exemplarisch seltene Vorkommen

von Käfern, Heuschrecken und Vögeln hervorgehoben

werden:

Käfer:

- Flachstirniger Breithüften-Dornhalskäfer

Diese stark gefährdete Art der Roten Liste ist ein

Bewohner natürlicher Flußauen. Die Art wurde durch

Remigius Geiser 1988 erstmals für Salzburg im

Tauglgries nachgewiesen.

- Ziegelroter Zartkäfer

Diese Rote-Liste-Art, die 1988 von R. Geiser im

Tauglgries festgestellt wurde, ist ein halbunterirdisch

lebender Sandbewohner.

17


Die Blauflügelige Ödlandschrecke wurde 1989

im Tauglgries nachgewiesen, nachdem sie zuvor

mehr als zwanzig Jahre im Land Salzburg als

verschollen gegolten hatte.

Der Tauglgries ist nach dem Abschnitt vom Tauglboden bis zur

Strubklamm und der Schluchtstrecke zwischen Strubklamm und

Römerbrücke der dritte Abschnitt des Gebirgsflusses.

- Dicker Breithals-Ameisenkäfer

Wurde von R. Geiser 1989 erstmals für Salzburg im

Tauglgries nachgewiesen. Die Art scheint in der Roten

Liste Bayerns als vom Aussterben bedroht auf, was

sicherlich auch für Salzburg zutrifft. Die Art benötigt

primäre Wildflußauen tieferer Lagen. Da die Art sehr

anspruchsvoll ist, kann sie auch keine Sekundärstandorte,

wie z. B. Kiesgruben, als Ersatzlebensräume

besiedeln.

Heuschrecken:

- Philippis Grashüpfer:

1989 Erstnachweis für Salzburg an der Taugl. Die Art

lebt auf Geröllflächen der Alpenflüsse und ist bis jetzt im

Land Salzburg nur an der Taugl nachgewiesen worden

(R. Geiser). Art der Roten Liste: durch Zerstörung ihrer

Lebensräume in Österreich gefährdet.

- Blauflügelige Ödlandschrecke:

Die für Salzburg bereits als verschollen geltende Art

wurde 1989 von Inge Illich ebenfalls auf den

Alluvionsflächen der Taugl gefunden. Diese sehr

trockenheitsliebende Art wurde zuletzt 1965 auf dem

Rainberg nachgewiesen, sie gehört zu den größten

Heuschreckenarten im Land Salzburg.

Vogel:

- Flußregenpfeifer:

Unter den Vögeln ist v. a. das Vorkommen des gefährdeten

Flußregenfpeifers, eines typischen Brutvogels

der Schotterbänke natürlicher Flußlandschaften, hervorzuheben

(Mitteilung Elisabeth Geiser). Die Art ist in

Salzburg heute außer an der Taugl nur mehr auf

Sekundärstandorten anzutreffen, an denen sie, mangels

natürlicher Dynamik, meist nur ein vorübergehendes

Dasein fristet.

ANMERKUNGEN

1 Aus einer Stellungnahme der Landesumweltanwaltschaft

2 Ebda.

LITERATUR:

Arthur Spiegler, Die Taugl. Landschaft und

Landschaftsgeschichte, Hydrographie und Karst,

philosophische Dissertation (Wien, 1971),

Hans Matz, Schluchten, Klammen, Wasserfälle, Urlandschaften

Europas, Wien und München, 1986.

18


DER BERGSTURZ VIGAUN

von Christian Uhlir

Westlich der alten Salzachuferterrasse von Vigaun

befindet sich in der Faistelau das mit dichtem Wald

bedeckte Trümmerfeld eines Bergsturzes, der zwischen

Raspenhöhe und Abtswaldkogel abging. Die erste

Beschreibung stammt von E. Richter aus 1882 mit

seinem Aufsatz: „Ein alter Bergsturz im Salzachtal".

Die Faistelau als Standort des römischen

Cuculae (Kuchl)?

Die im Vergleich zum Talboden der Salzach

unregelmäßige Oberfläche der Faistelau (Tauglwald) mit

bis zu 5 m hohen Hügeln, Hügelreihen, Gruben und

Vertiefungen führte zu der Annahme, daß es sich dabei

um den Standort des römischen Cuculae handle.

Genährt wurde diese Vorstellung durch Grabungsfunde

(meist nicht bestätigt) und einer alten Sage, in der es

heißt: „Wo jetzt Figaun und der Faistelauer Waldsteht,

stand einst eine große Heidenstadt, welche in Folge

eines Erdbebens verschüttet worden ist. Um die Stadt

floß ein großes Wasser." (Prinzinger)

Der im vorigen Jahrhundert in Vigaun tätige Pfarrherr v.

Lama stellte mit seinem Hilfspriester A. Brennsteiner

Anfang der sechziger Jahre viele Nachforschungen an:

„Er glaubte, für den Sprengel die Ehre in Anspruch

nehmen zu müssen, daß derselbe schon zur Zeit der

Römerherrschaft die erste christliche Gemeinde und

nach deren Sturz die älteste christliche Seelsorge des

Thaies sei" (Prinzinger).Beim Bau der Gebirgsbahn 1874

wurden Hügel, die Verteidigungswälle des Kastells sein

sollten abgetragen oder angeschnitten, dabei kam aber

nur das Trümmerwerk des Bergsturzes zutage (Richter).

Zuletzt wurde 1983 in der Faistelau nahe der alten

Straße nach Vigaun unter Landesarchäologe E.

Penninger vom Keltenmuseun Hallein nach einer „Basilika"

gegraben. Das gefundene Säulenbruchstück und die

Mauerreste sind keiner Kulturstufe zuzuordnen.

Lageskizze von E. Richter, 1882.

Das bedeutenste Argument dagegen ist der Standort

selbst. Für den Fall, daß der Bergsturz nach der

Römerzeit niederging, ist es höchst unwahrscheinlich,

daß die Römer ein Kastell mit Siedlung an einen Ort

abseits der wichtigsten Verkehrsader hinab in das

Überschwemmungsgebiet der Salzach und der Taugl

gestellt hätten. Besäße der Bergsturz prähistorisches

Alter, so hätten die Römer das Trümmerfeld zumindest

teilweise eingeebnet und man könnte schon auf Grund

des unterschiedlichen Bewuchses den Ort der Siedlung

erkennen.

19


Geographische und geologische Übersicht

Das im Tennengau gelegene Gemeindegebiet von

Vigaun nimmt rechts der Salzach den ganzen Talboden

ein und dehnt sich noch einige Kilometer in Richtung

Osterhorngruppe aus. Das Salzachtal hat bei Vigaun

eine Breite von ca. 3 km und gehört zum Salzburger

Becken, das fjordartig in die Nördlichen Kalkalpen greift.

Der Talboden mit einem Gefalle von 0.16%, auf dessen

Schottersohle der Fluß vor der Regulierung hin und her

pendelte (mäandrierte), ist abgesehen von der Faistelau

und alten Salzachuferterrassen weitgehend eben. Alte

Flußläufe sind durch die Bewirtschaftung des Aubodens

kaum noch zu erkennen. Im Osten wird das Salzachtal

von der sanften Mittelgebirgslandschaft der Osterhorngruppe

begleitet (Schlenken 1649 m). Dieses Gebiet ist

weniger dicht besiedelt als das Salzachtal, aber

landwirtschaftlich intensiv genutzt. Im Westen steigt die

Talflanke sehr steil, gerade noch nicht felsbildend (bis zu

45°), bis auf ca 900 m (Raspenhöhe 894 m) an, und

geht dann in den stark bewaldeten, und in der Höhe

almbedeckten Rücken der Roßfeldgruppe über (Roßfeld

1536m). Auffallend sind noch der große Schwemmfächer

der Taugl im Süden von Vigaun, der die Salzach

nach Westen drängt, die sich ca 30 m über den

Talboden erhebenden Eisrandterrasse, der Riedl, im

Osten von Vigaun und die alte Uferterrasse, auf der die

Kirche von Vigaun steht.

In klimatischer Hinsicht nimmt der Tennengau eine

Mittelstellung zwischen den inneralpinen Landschaften

und dem Alpenvorland ein. Jedoch herrscht auf Grund

der NNW-Richtung im Salzachtal das atlantische Klima

vor. Die Niederschlagsmenge nimmt infolge der trichterförmigen

Verengung des Tales gebirgseinwärts zu (Seefeidner).

Die Entwässerung der Talflanken erfolgt wegen der

Verkarstung der anstehenden Gesteine größtenteils

unterirdisch in den Schotterkörper des Talbodens. Der

Tauglbach versickert ca. 200 m oberhalb der Autobahnbrücke

im Talschutt und erreicht nur bei Hochwasser

die Salzach. Im Talboden gelangen Niederschläge

direkt ins Grundwasser.

Die oben beschriebenen Oberflächenformen begründen

sich im geologischen Bau des Untergrundes und dem

20


Widerstand, den die Gesteine der Erosion (Abtragung

durch fließendes Wasser und strömendes Eis) entgegensetzen.

Die zu den Nördlichen Kalkalpen gehörenden

Gesteine sind Meeresablagerungen, die

mehrere hundert Kilometer im Süden, am Südrand des

mesozoischen Mittelmeeres (vor 284-65 mill. Jahren,

Zeitalter der Saurier) entstanden sind. Durch

raumverengende Gebirgsbildungsvorgänge wurden in der

Kreidezeit (vor 110-70 mill. Jahren) die Gesteine der

heutigen Kalkalpen von der Unterlage abgetrennt und

nach Norden verfrachtet. Dabei wurden sie gefaltet, in

sogenannte Decken und Schuppen zerlegt und

dachziegelförmig gestapelt. Bei einer späteren Gebirgsbildungsphase

im Alttertiär (vor 40 mio. Jahren) wurde

das fertige Deckengebäude als einheitlicher Block nochmals

nach Norden bis über das Alpenvorland geschoben

und in die heutige Lage gebracht.

Nach und nach wurden bei diesen Vorgängen die

Sedimentgesteine (Meeresablagerungen) der Kalkalpen

aus dem Meer gehoben. Das anfänglich nur wenige

hundert Meter aus dem Meer herausragende Festland

wurde durch Verwitterung (Erosion) zergliedert und damit

die Grundlage für das heutige Relief geschaffen. Die

Verwitterung setzt besonders stark an die durch die

Gebirgsbildung und Ferntransport geschaffenen Bruchlinien

und Bewegungsebenen (Störungen) an. In den

letzten 5 mill. Jahren wurde durch den aktiven Aufstieg

der Alpen die heutige Gebirgskette von Genua bis Wien

geschaffen. Mit der Bildung dieser Gebirgskette wurde

einerseits eine scharfe klimatische Trennung zwischen

Mitteleuropa und Südeuropa geschaffen, andererseits

verlandeten durch den Abtragungsschutt des jungen

Gebirges die angrenzenden Meeresbecken (Alpenvorland,

Wiener Becken, Poebene usw.).

Zur Geologie des Gemeindegebietes

Unser Gebiet liegt am Westrand der Osterhorndecke, sie

hat einen ausgeprägten Muldenbau (Großfalten, deren

Oberteil abgetragen wurde) (Plöchinger). Gut zu

erkennen ist dieser Bau an den Oberalmerschichten, die

fast überall am Osthang des Salzachtales anzutreffen

sind. Die Neigung dieser Schichten ist durchwegs

hangparallel, also flach gegen Westen oder Südwesten.

Sie tauchen von Osten her in die Salzachschotter ein und

steigen auf der anderen Talseite (bei Kuchl zu sehen)

meist steiler mit entgegengesetzter Neigung wieder aus

den Salzachschottern heraus. Westlich von Vigaun

stehen die später entstandenen, also über den Oberalmerschichten

liegenden Schrambachschichten und

Roßf eldschichten an, mit einer flachen bis steilen

Schichtneigung nach Osten bis Südosten. Dieser Muldenbau

wird zerteilt durch die talparallele Salzachstörung,

eine Reihe von Staffelbrüchen am Osthang (am Westrand

vermutet) mit zum Tal absinkenden Schollen und

wenigen, quer zum Salzachtal laufenden Störungen

(Verschiebungsbahnen).

Durch den Muldenbau der Osterhorndecke und die

Staffelbrüche an der Ostseite (und Westseite) des

Salzachtales, wurden die leichter zerstörbaren Mergel und

Sandsteine in eine tiefere Lage

(1) Salzachschotter, Sand , Konglomerate und Seeton

(2) Untere Roßfeldschichten: untere Kreidezeit, dunkelgrauer

massiger Sandstein abwechselnd mit hellgrauen

l cm bis 2 m Mergelschieferlagen (Baustein)

(3) Schrambachschichten: untere Kreidezeit, gelblichgraue

bis hellgraue, schiefrige Mergel bis 1-2 dm dicke

Mergelbänke (Zementmergel, Fa. Leube)

(4) Oberalmerschichten: oberster Jura, hellgraue, 1-2 dm dicke

Mergelkalkbänke mit schwarzgrauen Hornsteinlagen (Bau- und

Zierstein)

21


gebracht. Im Quartär (vor 1.8 mill. – 10.000 Jahre,

Eiszeitalter) vertieften die Gletscher das bereits

vorgeformte Tal (in das Eis eingelagerte Felsblöcke,

Steine und Sand trugen den Untergrund schleifend und

schrammend ab). Die Eisoberfläche lag beim

Höchststand ca. 1000m über dem heutigen Talboden,

und die Zungen des Salzachgletschers reichten bis

Oberndorf. Die Eisrandterrassen entstanden beim

Abschmelzen des Gletschers. Dabei bildeten sich seitlich

kleine Seen, die mit der Schotterfracht der Bäche

aufgefüllt wurden und durch kalkreiche Wässer zu

Konglomerat verfestigt wurden (z. B. am Riedl). Nach

dem Rückzug der Gletscher in den Hochalpinen Bereich

hinterließen sie einen Eissee und überstellte Talflanken

(vorwiegend an der Westseite). Der feste Untergrund lag

bei Vigaun ca 350 m unter dem heutigen Talboden

(erkundet durch eine Tiefbohrung der ÖMV beim

Kurzentrum). Dieser See von der Größe des Gardasees

wurde durch die von den Flüssen und Bächen

transportierten Schotter, Sande und Schwebestoffe vor

allem von Süden her zugeschüttet. Er war bereits vor

15000 Jahren weitgehend verlandet. Am Ende des

Quartärs gab es vor 15000 Jahren und vor 13500

Jahren aufgrund von Klimaschwankungen inneralpine

Gletschervorstöße. Beim Abschmelzen schwemmte das

Schmelzwasser den Talboden auf breiter Front aus, und

hinterließ zu beiden Seiten die alten Uferterrassen. Nun

wird es Zeit für den Bergsturz.

Das Bergsturzereignis

Bergstürze sind wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche

kaum vorhersehbar. Man kann zwar in gefährdeten

Gebieten mit modernen Meßmethoden Felsbewegungen

feststellen, der Zeitpunkt des Abganges läßt sich jedoch

damit nicht bestimmen, da Bergstürze oft mit Erdbeben,

langen Regenperioden oder Meteoritenfällen (selten)

einhergehen können.

Welches in unserem Fall das auslösende Ereignis war,

ist heute nicht mehr zu beurteilen.

Nun zum Ort des Geschehens: Auf Grund des

verschiedenen mechanischen Verhaltens der im

Abrißbereich anstehenden Gesteine (Mergel der Roßfeld-

und Schrambachschichten -Sandstein und Mergelschiefer

der Roßfeldschichten) lassen sich zwei unterschiedliche

Hangbewegungen erkennen. Einerseits die

durch langsames Herausbrechen von kleineren Felspartien

entstandene Nische (Kieferwand) links neben der

Raspenhöhe, deren Schutt den Schwemmkegel von

Gamp aufbaut, andererseits südlich davon die durch ein

einmaliges Abrutschen entstandene Abrißkannte des

Bergsturzes, deren Felsmassen die Faistelau bedecken.

Die Übersteilung der westlichen Talflanke durch den

Salzachtalgletscher ist der Hauptgrund für die

Hangbewegungen, gibt aber keine Aussage darüber,

warum es zwischen Raspenhöhe und Abtswaldkogel zum

Abgang kam. Bei genauer Betrachtung des Abrißbereiches

(siehe dreidimendionale Darstellung) lassen

sich Faktoren finden, die den Abgang an dieser Stelle

begünstigen. Eine quer zum Salzachtal laufende Störung

mit Klüften parallel dazu hat die Mergel im Bereich der

Nische stark zerrüttet. Die dort anstehenden Mergel

verwittern sehr schnell und zerfallen durch Lösung des

Kalkgehalts zu Lehm. Dies begünstigt bei längeren

Regenperioden oder während der Scheeschmelze

Murenabgänge, die den Verwitterungsschutt zu Tal

bringen.

Die Schichtgrenze zu den Sandsteinen der Roßfeldschichten

befindet sich etwa 50 m südlich der Nische.

Bei der Faltung der Osterhorndecke kam es im

Grenzbereich zwischen den weichen, plastischen Mergeln

und den spröden Sandsteinen zu erhöhten Spannungen,

die in Form von Zerbrechungen (Rissen und Klüften)

abgebaut wurden. Durch die gute Wasserwegigkeit

(offene Klüfte) kam es zur Lösung des Kalkgehalts in den

Mergeln und Mergelschiefern unter und zwischen den

Sandsteinlagen und damit zur Bildung von Gleitflächen in

Form von Lehmschichten. Die Sandsteine weisen eine

fast hangparallele Schichtneigung nach Südosten auf.

22


Dreidimensionale Darstellung

des Bergsturzgeländes.

Die Bewegungsbahn ist ohne

Wald dargestellt.

Dies begünstigt Felsgleitungen entlang der Schichtflächen

(Grenzflächen zwischen Sandstein und Mergel)und ein

weiteres Öffnen der Klüfte.

Beim großen Bergsturz wurden in einem Zuge ca. 4 Millionen

Kubikmeter Felsmassen zu Tal befördert. Auf der

anfangs 40° steilen Bewegungsbahn erreichten die

Schuttmassen mit bis zu 500 m 3 großen Blöcken eine

Geschwindigkeit von ca. 60 km/h. Mit dieser Geschwindigkeit

erreichte der Schuttstrom den Talboden,

überrollte diesen, fächerte dabei zu doppelter Breite auf

und kam erst an der Uferterrasse von Vigaun zum

Stillstand. Die Bergsturzmassen legten innerhalb einer

Minute eine Höhe von 450 m und einen Weg von 2200

m zurück und verwüsteten ca. 100 Hektar Aulandschaft,

die mit einer 5-10 m dicken Trümmerschicht bedeckt

wurde. Die Salzach wurde zu einem See aufgestaut, bis

sie sich an der heutigen Stelle einen Durchbruch schaffte.

Die Großblöcke zerfielen mit der Zeit, und es blieben die

jetzt waldbedeckten Hügel und Hügelreihen

(Tomalandschaft) der Faistelau.

Der Ablagerungsbereich des Bergsturzes ist noch fast zur

Gänze unverändert erhalten. Von Osten haben Bauern

wenige Hektar mühsam in teilweise von Steinmauern

begrenzte Weiden umgewandelt. Im Süden wurde ein

weiterer Hektar durch Tauglhochwässer abgetragen.

Über den genauen Zeitpunkt des Abgangs gibt es noch

keine genauen Ergebnisse, er läßt sich jedoch einschränken.

Der Bergsturz ist auf jeden Fall jünger als

die Uferterrasse von Vigaun, an die er anbrandete, und

da in Chroniken bis jetzt noch keine Angaben über das

Ereignis gefunden wurden, muß er älter sein als 800

Jahre. Zur weiteren Einschränkung müssen noch eine

Reihe von geologischen und archäologischen Daten gesammelt

werden.

Nach dem Bergsturz blieb ein relativ stabiler Hang,

Nachbrüche im Abrißbereich gab und gibt es nur in

geringem Ausmaß. Die Abrißnische neben der Raspenhöhe

wird weiter einbrechen und Material für Murenabgänge

liefern.

VERWENDETE LITERATUR:

Richter, E. (1882): Ein alter Bergsturz im Salzachtal. -

Zeitschrift d. deutschen u. österr. AV, Jhg. 1882, Bd.

XIII, S. 260-265, Wien (Verl. d. deut. u. österr. AV)

Plöchinger, B. (1980): Die Nördlichen Kalkalpen. - In: R.

Oberhauser (Red.), Der geologische Aufbau

Österreichs, S. 218-262, Wien (Springer Verlag)

Prinzinger, A. (1879): Die Eisenbahn und die alten

Verkehrswege. -Mitt. d. Ges. f. Salzb. Landesk., Bd.

XIX, S. 96-119, Salzburg (Verl.Ges.)

Seefeldner, E. (1961): Salzburg und seine Landschaften. - Mitt.

d. Ges.f. Salzb. Landesk., Ergänzungsbd. 2, S. 433,

438, Salzburg (Das Bergland-Buch)

23


An den Bergsturz Vigaun

erinnern heute noch die

Hügel im Tauglwald: Hier

beim Trattnerbauern.

Ein Blick über Vigaun zum

Abtswald: Hier ereignete sich

binnen weniger Minuten der große

Bergsturz.

24


ANVERTRAUTE NATUR

DIE GEMEINDEJAGD

von Stefan Pichler

Entstehung der Jagdgebiete

Neben den im Grundeigentum der Genossenschaften

stehenden Wäldern finden wir schon frühzeitig Wälder

im Privatbesitz einzelner Personen, und schon die ersten

Volksrechte enthalten Strafbestimmungen über ihre

Verletzung: Nach damaligen Grundsätzen war niemand

berechtigt, gegen den Willen des Eigentümers seinen

Grund und Boden zu betreten. Mit dem Eigentum eines

Waldes stand dem Besitzer auch die Jagd zu.

Herzog Theodebert (717-724) schenkte dem Kloster der

hl. Ehrentraud am Nonnberg die Jagd in den Wäldern

und Alpen vom Gaißberg bis Stegen a. d. Lammer, die

vier Alpen Schmittenstein, Schlenken, Trattberg, Alpbichl

und die Alpe Seewald. In diesem Gebiet werden die

Orte Hintersee, Faistenau, Lidaun und Ebenau erwähnt.

Nur der Adel und die Freien, sofern sie Waldbesitzer

waren, konnten die Jagd ausüben. Außer dem Besitz

eines Waldgebietes war zur Ausübung der Jagd nichts

weiter erforderlich (z. B.: Jagdkarte, Waffenpaß . . .).

Den Geistlichen war die Ausübung der Jagd aus Standesrücksichten

verwehrt.

Die Ausdehnung der Bannforste und die Doktrin der

Juristen des 16. Jahrhunderts, welche die herrenlosen

Sachen - zu denen auch das Wild gehörte - dem Landesherrn

zusprach, haben bewirkt, daß die Landesherren

neben der Beaufsichtigung der Jagd, die ihnen aufgrund

ihrer Staatsgewalt zustand, auch die Ausübung derselben

als ein mit der Landeshoheit verbundenes Recht in

Anspruch nahmen und somit ein Jagdregal behaupteten.

Durch das Jagdpatent vom 7. März 1849 wurde das

Jagdregal und somit das Jagdrecht auf fremdem Grund

und Boden aufgehoben, das Jagdrecht wurde als ein

Bestandteil des Grundeigentümers erklärt. Um eine

rücksichtslose Ausnützung des Jagdrechtes zu

verhindern, wurde eine Trennung von Jagdrecht und

Jagdausübungsberechtigung mit gewissen Einschränkungen

notwendig. Es wurden Mindestgrößen bestimmt und

Abschuß-wie Schonzeiten eingeführt.

Grundbesitzer, die nicht die ausreichende Größe

aufweisen konnten, hatten kein Jagdausübungsrecht. Es

entstanden somit die Genossenschafts- und

„Gemeindejagden" , welche von einer oder mehreren

Personen gepachtet werden konnten. Die Vigauner

Gemeindejagd hat ein Ausmaß von 1584 Hektar.

1939 wurde das Landesjagdgesetz vom deutschen

Jagdgesetz abgelöst, welches einheitlich für das gesamte

Deutsche Reich galt. Die Größe des Jagdgebietes wurde

von 115 ha auf 300 ha angehoben, somit waren viele

Kleinjagden - darunter auch der Tauglwald - keine

Jagden mehr. Für das Gemeindejagdgebiet Vigaun galt

in diesem Fall die Gemeindegrenze Salzach-Tauglbach

als Jagdgrenze. Es wurde auch u. a. der zahlenmäßige

Abschuß des Schalenwildes, welcher von der Behörde

überwacht wurde, eingeführt.

Mit Ende des Zweiten Weltkrieges endete das deutsche

Jagdgesetz, und es wurde wieder das Landesjagdgesetz

eingeführt, welches jedoch bald novelliert wurde. Zur Zeit

wird das Salzburger Jagdgesetz 1977 angewendet.

Jagdleiter der Gemeindejagd

Es läßt sich nicht mehr feststellen, wer in der ersten Zeit

die Jagd leitete. Folgende Jagdleiter kann man noch der

Reihe nach verfolgen (meist jeweils von 1. 1. bis 31.

12.): Josef Moldan, Brauereibesitzer und Gastwirt in

Hallein, 1890-1904, Georg Irnberger, Steinhausbauer

(Langgasse), vermutlich 1905-1908, Mathias Göllner,

25


Der Winter 1928/1929 war so kalt, daß die Salzach

zugefroren war, man konnte ohne Bedenken die Salzach

überqueren. Der Rehbestand im Abtswald war wesentlich

höher als in Vigaun, auf der „Schattseite" ist es viel kälter

als auf der „Sonnseite", und so kam es, daß viele Rehe

über die zugefrorene Salzach kamen. Sie fanden leere

Einstände vor und füllten somit einige Gebiete auf.

1930 konnten 26 Rehe erlegt werden.

Ein Rehkitz zu erlegen, war für jeden Weidmann

verpönt. Erst auf Grund der Vorschreibungen durch die

Bezirksverwaltungsbehörde sieht man sich dazu

gezwungen.

Da in den letzten 13 Jahren sehr stark in den Rehbestand

eingegriffen wurde, ist das Rehwild wesentlich

weniger geworden.

Hinterhochbrunnbauer Andreas Schörghofer war in den

zwanziger Jahren Jagdleiter der Gemeindejagd Vigaun.

Rengerbauer, vermutlich 1909-1916, Andreas Schörghofer,

Hinterhochbrunnbauer (vulgo „Stingl"), vermutlich

1917-1925, Mathias Lehenauer, Lengfeldbauer, 1925-

1951, Mathias Lienbacher, Wurzerbauer, 1952-1976

und Johann Quechenberger, Winterbichlbauer, ab

1976.

Die traditionelle „Andreasjagd" wurde unter Jagdleiter

Andreas Schörghofer, Hinterhochbrunnbauer, als Namenstagsjagd

zu Ehren des Jagdleiters eingeführt und

wird auch jetzt noch jährlich durchgeführt.

Abschüsse

Da der Bestand vom Rehwild in der Zeit um 1927

gering war, waren die sieben erlegten Rehböcke schon

die obere Grenze. Man kann nicht mehr erfahren, wie

hoch der Gaißenabschuß war.

Abschüsse mit einem „besonderen

Weidmannsheil"

In den 30er Jahren erlegte der Golleggbauer Josef Eibl

bei der „Schlenkenjagd" im Dirstegkaser einen Biber.

Die Nachfrage ergab, daß dieser dem Pfarrer von Krispl

entflohen war. Der Biber wurde präpariert, man konnte

ihn lange Zeit im Haus der Natur in Salzburg bewundern.

26


1952 erlegte Matthias Putz am „Weinleit Riedl" einen

6er Hirsch.

Andreas Bernegger v. Obergadorten erlegte 1960 im

„Tennerwinkl" einen Rehbock, der als Bezirksbester

bewertet wurde und in Salzburg unter den Landesbesten

den zweiten Platz einnahm.

Pankraz Pichler, Jägermeierbauer, erlegte im „Hinteren

Riedl" am Schlenken 1988 das erste Murmeltier - einen

Bär - nach dem Aussetzen.

Ein Rackelhahn

Stefan Brandauer v. Winterbichl erlegte 1935 einen

Auerhahn im „Äußeren Schlenkwald". Obwohl das Auerwild

jährlich vor Beginn der Schußzeit beobachtet

werden kann, konnte seit 1935 kein Auerhahn mehr

erlegt werden.

1987 erlegte Mathias Hagn jun. beim Ansitz auf einen

Dachs beim Wieserlehenbauer einen Keiler. Seit Menschengedenken

wurde in Vigaun kein Wildschwein

erlegt.

1976 war am Schlenken ein Rackelhahn zu beobachten,

der die „Menschenscheue" verloren hatte.

Das Rackelwild ist äußerst selten. Es ist in der Regel eine

Kreuzung zwischen einer Auerhenne und einem Birkhahn,

seltener zwischen einer Birkhenne und einem

Auerhahn. Es kommt nur in Gebieten vor, wo beide

Arten in nahe beisammenliegenden Balzplätzen im

gleichen Zeitraum balzen. Der Rackelhahn hat eine

Größe zwischen einem Birk- und einem Auerhahn.

Durch seine Rauflust und sein überfallartiges Auftreten

auf den Balzplätzen stört der Rackelhahn den Verlauf der

Balz und somit die Fortpflanzung des Birkwildes.

Der Rackelhahn vom Schlenken wurde in Adnet-Spumberg

verendet aufgefunden.

Aussetzen von Fasan und Murmeltier

Noch anfangs der 40er Jahre war das Vorhandensein

des Fasans und in den 50er Jahren das von Rebhuhnketten

in Vigaun eine Selbstverständlichkeit.

Durch das Vernichten der „lebenden Zäune" und immer

kleiner werdende Anbauflächen von Getreide und Kartoffel,

welche zu den wichtigsten Lebensräumen dieser

Wildarten gehören, erlosch dieses Flugwild gänzlich.

1956 entschloß sich Johann Schnöll, den Fasan wieder

einzubürgern: Die Jagdleitung besorgte aus Groß-

Enzersdorf Fasaneier. Johann Schnöll besorgte Fasaneier

aus Oberalm (Blüml) und legte alle unter brütende Haus-

27


hühner. Unter seiner Pflege und Obhut und unter

Mithilfe seiner Frau wurden die Küken aufgezogen.

Die Jagdleitung entschloß sich, ein kleines Voller am

Waldrand des Winterbichlbauern zu bauen. Johann

Quechenberger holte Jungfasane vom Flachgau, die

gemeinsam mit den Fasanen von Schnöll im Voller unter

Mithilfe von Pauline Quechenberger und einiger

Jagdkameraden großgezogen wurden, bis sie beim

„Hauserbrandl" und später auch am „Weinleit-Riedl"

ausgesetzt werden konnten.

Nach Rücksprache mit den Nachbarrevierinhabern

wurde eine Hegegemeinschaft gegründet, welche die

Jagden Golling, Kuchl, Tauglwald, Hallein (Gamp-

Burgfried), Adnet und Vigaun einschloß. Als Obmann

wurde Herbert Ebner aus Hallein gewählt.

Nach anfänglichem Erfolg mußte man feststellen, daß

trotz Schonung und Fütterung auf Dauer das

Gemeindejagdgebiet Vigaun für den Fasan nicht mehr

geeignet ist und deshalb dieses Vorhaben scheiterte.

1983 und 1984 versuchte Josef Pichler den Fasan einzubürgern.

Er kaufte im Burgenland und im Flachgau in

größerer Zahl Kücken, die unter Mithilfe einiger

Jagdkameraden in einem

Zu den Vigauner Jägern gehört auch unser ältester

Mitbürger, Rupert Klabacher (Gadorten).

Die Jäger vor dem Gasthaus „Neuwirt".

Volier im „Hammertal" großgezogen und ausgesetzt

wurden. Wie schon Jahre vorher scheiterte auch dieser

Versuch.

Nach diesen zwei erfolglosen Versuchen entschloß sich

„Jaga", wie Josef Pichler genannt wird, Murmeltiere am

Schlenken auszusetzen. Nach Einholung einer Bewilligung

des Grundbesitzers der „Niglkaralm" und nach

Ansuchen an die Landesregierung besorgte er fünf

Murmeltiere, die er unter Mithilfe einiger Jagdkameraden

1985 aussetzte.

Schon nach einigen Tagen wurden die „Mankei" nicht

mehr gesehen - und so glaubte man, daß auch dieses

Vorhaben gescheitert war. Erst nach einigen Wochen

wurden die Tiere im „Hinteren Riedl" wieder entdeckt,

und schon im Folgejahr konnte man fünf „Affen" (wie

die Jungtiere genannt werden) feststellen.

Zur „Blutauffrischung" setzen 1988 Fredl Frank (v. Fallnhauserbauern

in St. Margarethen) und Kaspar

Steinberger, Trattnerbauer, vier Affen und Josef Weiß,

Klabachbauer in der Langgasse, eine „Katze" (weibl.

Tier) aus. Nun ist man sicher, daß dieses Vorhaben ein

Erfolg ist, da man ständig zwei Kolonien beobachten

kann.

28


Die Bekämpfung der Tollwut

Die Tollwut ist eine akute, fast immer tödlich

verlaufende, virusbedingte Infektionskrankheit aller

Säugetiere und des Menschen. Es ist die am längsten

bekannte Infektionskrankheit, sie wurde schon 2300 v.

Chr. beschrieben. Es handelt sich um den Erreger mit

dem weitesten Wirtsspektrum: Der Erreger ist ein

sogenannter Rhabdovirus, er wird mit dem Speichel

infizierter Tiere ausgeschieden. Die Übertragung von

Tier zu Tier und auf den Menschen erfolgt in der Regel

duch Biß. Eine weitere Ansteckungsmöglichkeit ist die

Infizierung bereits bestehender, tiefer Wunden mit

infektösem Speichel. Die Inkubationszeit beträgt 14 bis

60 Tage und wird beeinflußt durch die Entfernung der

Infektionsstelle vom Gehirn.

Nach mündlicher Überlieferung waren in den 30er

Jahren, wie auch in anderen Jagden, die Füchse in der

Gemeindejagd Vigaun von der Tollwut befallen. Die

Seuche dauerte damals ca. sieben Jahre.

Ca. 40 Jahre später kam diese Krankheit über Polen,

DDR, Norddeutschland, Vorarlberg und Bayern nach

Salzburg und so auch in unser Jagdgebiet. Auch diesmal

erlosch diese Seuche erst nach ca. sieben Jahren, jedoch

nicht in der näheren und weiteren Umgebung.

Nach langen Versuchen wurde ein Präparat entwickelt,

das gegen diese auch für den Menschen gefährliche

Krankheit eingesetzt werden kann.

Es handelt sich hier um die sogenannten „Tübinger

Fertigköder" mit Impfstoff und Tetrazyklin. Die

dunkelbraunen Presslinge bestehen aus Fischmehl, Fett

und dazwischen die Impfstoffkapsel, die lebendes

verändertes Tollwutvirus enthält. Das Tetrazyklin dient

als Markierungssubstanz, welches später bei erlegten

Füchsen, die zur Bundesanstalt für Tierseuchenbekämpfung

eingesendet werden müssen, festgestellt

wird. Die Impfaktion wurde im Herbst 1989 und im

Frühjahr 1990 auf Anordnung der Salzburger Landesregierung

von der Jägerschaft durchgeführt, die Kosten

der Impfköder übernahm die Salzburger Landesregierung.

Wilderer

Gegenüber manch anderen Jagden war das Wildertum in

Vigaun nicht so stark ausgeprägt, jedoch ist auch Vigaun

nicht ganz verschont geblieben:

In den 30er Jahren fiel im Bereich der „Wurzer Köpfin"

ein Schuß. Matthias Bernegger, Obergadortenbauer, verfolgte

daraufhin einen Wilderer bis zum Haus. Als er in

die Wohnung eintrat, kam der Wilderer rußgeschwärzt

unter dem Tisch hervor. Er behauptete daß er gerade

beim „Ofenkehren" sei und deshalb so schwarz sei. Der

Wilderer wurde angezeigt und war lange Zeit in

Untersuchungshaft. Da er jedoch immer wieder seine

Unschuld beteuerte und bei seiner Aussage blieb, er habe

den Ofen gekehrt, konnte er mangels Beweisen nicht

verurteilt werden.

1945 hörte der spätere Jagdleiter und Wurzenbauer

Matthias Lienbacher einen Schuß im Gebiet des

„Niglkar". Er hielt Nachschau und sah, wie ein Wilderer

(er erkannte ihn auch gleich) ein Reh wegtrug.

Lienbacher lief zum Schlenkenwald, um dem Wilderer

den Weg abzuschneiden. Er kam jedoch zu spät und

verfolgte ihn deshalb weiter, bis er in Rufnähe kam.

Lienbacher schrie den Wilderer mit „Halt" an, dieser ließ

das Reh fallen, versteckte sich hinter einem Baum und

hielt den Lauf des Gewehres in Richtung Lienbacher.

Nun schrie Lienbacher den Wilderer mit seinem Namen

an und rief ihm zu, er sollte das Reh liegen lassen und

nach Hause gehen. Der Wilderer nahm jedoch das Reh

wieder zu sich und flüchtete nach Hause. Lienbacher

meldete diesen Fall dem Jagdleiter Matthias Lehenauer,

Lengfeldbauer, der den Wilderer bei der Behörde

meldete.

Die gemeinste Art zu wildern ist wohl der dritte

geschilderte Fall: 1963 stellte ein Wilderer eine Schlinge

(oder mehrere?) aus Draht, leider hatte dieses Vorhaben

auch Erfolg. Eine Rehgaiß verfing sich in der Falle und

mußte elend zugrunde gehen. Dieser Fall konnte trotz

intensiver Nachforschung nicht geklärt werden.

29


Jäger mit Jagdleiter

Johann Quechenberger

(Winterbichl)

nach der „Andreasjagd"

1989.

Vigauner Jäger am

Schlenken mit Jagdleiter

Mathias Lienbacher

(Wurzer).

30


DIE IMKER

von Josef Gruber

Ein kleiner, aber überaus aktiver Verein ist in Vigaun der

Imkerverein. Die Wichtigkeit des Imkers und seine

Tätigkeit werden von vielen Mitmenschen noch immer

nicht richtig verstanden: Und doch ist gerade dem Imker,

der in seiner Pflege und seiner Sorge um das Wohl der

Biene bemüht ist, ein großer Anteil zur Erhaltung unserer

Umwelt zu verdanken!

In Vigaun haben sich die Imker schon im Jahre 1924 zu

einem Verein zusammengeschlossen. Doch gab es auch

schon vor dieser Zeit Imker, die beim Landesverband

gemeldet waren, etwa Josef Putz, Ursula Rettenbacher,

Matthias Bernegger und Matthias Lehenauer.

Seit Gründung des Vereines 1924 gibt es ab 1940

genauere Aufzeichnungen:

In diesem Jahr waren 23 Vereinsmitglieder mit

insgesamt 153 Völkern gemeldet. Die Mitgliederzahl

stieg bis zum Jahr 1943 auf 29.

Im weiteren Verlauf wurde der Verein durch die

Obmänner Blasius Ramsauer (ab 1940), Josef Pichler

(1952-1960), Blasius Ramsauer (1960-1963) und Josef

Wallmann (1963-1983) vertreten.

Seit 1983 ist Josef Gruber Obmann und Gesundheitswart

des Vereines. Unter seiner Leitung findet jährlich

die Landeshauptversammlung statt. Auch dem Patron

der Imker, dem hl. Ambrosius, wird mit einer Messe und

anschließendem gemütlichen Beisammensein gedankt.

Im Jahr 1989 gab es in Vigaun 26 Imker mit insgesamt

264 Völkern. Diese Zahl sei deshalb festgehalten, weil

unsere Biene durch eine Milbe stark gefährdet ist:

Diese Milbe, genannt „Varroa", wurde 1970 aus Asien

eingeschleppt, und verbreitete sich in Europa sehr

schnell. Seit ungefähr drei Jahren gibt es die Varroa

auch in Österreich. Im Süden und Osten unseres

Bundesgebietes gab es deshalb bereits Ausfälle bis zu

50%. Da dies aber für die Landwirtschaft verheerende

Folgen hätte, versucht man die Bienenvölker durch

Behandlungen zu erhalten.

Nach bisherigen Erfahrungen ist es gelungen der Milbe

Einhalt zu gebieten, und so den Fortbestand der Biene zu

erhalten, die doch so wichtig ist in unserem Kreislauf der

Natur.

Denn ohne die Biene wäre es um unsere wertvolle Tierund

Pflanzenwelt sehr schlecht bestellt.

31


FLURNAMEN VON VIGAUN UND UMGEBUNG

von Ferdinand Schönleitner

Die Ortsgemeinde Vigaun hat sich trotz einschneidender

Veränderungen in jüngster Zeit, wie der häufigen

Verbauung wertvoller Grünflächen und des gigantischen

Anwachsens des Verkehrsaufkommens sowie der damit

verbundenen Verschlechterung der Luftqualität, den

Charakter eines lebendigen Dorfes und eine gewisse

Bodenständigkeit erhalten können. Dadurch sind die

Siedlungsstätten und Fluren doch einigermaßen von der

hektischen Weiterentwicklung verschont geblieben und

in diesem Zusammenhang auch die Siedlungs- und

Flurformen.

Wenn auch früher viele Berufe, besonders die der

Handwerker und Bauern, die Zusammengehörigkeit von

Wohn- und Arbeitsstätte schätzten, so ist dies heute nur

noch den Bauersleuten vorbehalten. Die Lage des

Bauernhofes zum Arbeitsbereich, das sind Äcker,

Wiesen, Weiden und Wälder, wird von den Siedlungsund

Flurformen des ländlichen Raumes bestimmt. Die

Beziehung des Menschen zur Natur ist aber vielfach

durch die Übertechnisierung in der Landwirtschaft

verloren gegangen. Die Arbeit des Bauern ist überwiegend

Nebenerwerb geworden. Sie ermöglichen sich

dadurch den Ankauf von landwirtschaftlichen Maschinen

für ihren Betrieb.

Nun zu den Flurformen: Wir unterscheiden drei große

Gruppen: Blockfluren, Gewannfluren und Waldhufenfluren.

Aus diesen entwickelten sich im Laufe der Zeit zahlreiche

Mischformen. Auf unserem Siedlungsboden scheint die

Blockflur, bei der das Ackerland in unterschiedlich große

Blöcke aufgeteilt wird, seit altersher vorherrschend zu

sein. Die Ackerparzellen bestehen aus regelmäßigen

Quadraten, Recht- und Vielecken und kommen nur in

Dorf- und Weilersiedlungen vor. Die mittelalterlichen

Streusiedlungen der Rodungsgebiete unserer Heimat

weisen beispielsweise die weiterentwickelte Einödblockflur

auf.

Die Gewannflur mit parallel angelegten, streif

einförmigen, schmalen Ackerflächen ist die klassische

Flurform hochmittelalterlicher Sammelsiedlungen des

Voralpenraumes. Durch Erbteilungen wurden die

Ackerparzellen häufig zersplittert oder aus Gründen der

Wirtschaftlichkeit eine Kommassierung (Flurbereinigung,

Grundstückszusammenlegung} durchgeführt. So

entstanden blockartige Streifenfluren.

Schließlich wäre noch die Waldhufenflur zu erwähnen,

die die gesamte Wirtschaft eines Bauern mit Gehöft,

Garten und Acker umfaßt. Diese Flurform ist in den

Grenzwäldern gegen Böhmen anzutreffen (Rodungsflur,

auf einer zwischen sechs und 16 ha großen „Hufe"

errichtet).

Mein Onkel, Matthias Klabacher, zuletzt Schulleiter in

Neuberg bei Filzmoos, „durchforstete" für eine Prüfungsarbeit

in jahrelanger, mühevoller Arbeit das gesamte

Gemeindegebiet von Vigaun: das Dorf Vigaun und die

Ortschaften Margarethen, Langgasse und Riedl (Aigen)

sowie den Rengerberg. Seine vor dem Zweiten Weltkrieg

verfaßten Unterlagen überließ er mir, und ich möchte

einen interessanten Teil davon wiedergeben.

Großflurnamen

Bei den Flurnamen sind die urkundlichen Belege äußerst

spärlich, und man ist daher auf die Aussage der Leute,

also der ortsüblichen Bezeichnung angewiesen. Aus

diesem Grunde ist die mundartliche Aussprache

maßgebender, da das schriftdeutsche Wort meist fehlt.

Aubühel: Bühel in der Au von ahd. aw-puhil.

Palfenfeld: ein Feld, das durch kleine Felsabstürze abgegrenzt

ist; vom urgerm. oder kelt. pal = Fels.

Barmstein: nach Hörburger früher Babensteine genannt,

vom PN. Pabo, vergl. auch Babenberg und Pabing. Nach

der Aussprache (Plural) erklärt Fiala aus mit. und mhd.

balm = nackter Fels, der aus dem Walde aufragt. In

erweiterter Bedeutung: aus rom. barme = nackter Fels,

der aus dem Wald oder einer Grünflur aufragt.

Bockbühel: nach Aussage des Besitzers ein Bühel, auf

dem die Ziegen weiden. Nach Fiala richtig von Bock -

oder nach einem Bockort im übertragenen Sinne

„schwieriger zu bearbeiten".

Bodenfeld: ein ebenes Feld, das sich auf einem

Hochboden oder auf dem Talboden befindet.

32


Blaikfeld, Plaikfeld: nach mhd. bleike, bleke, eine Stelle

an einem Abhang, wo die Erde abgerutscht ist und das

Gestein herausschaut.

Pretstein: In der Flur sind Steinblößen, die platten- oder

brettähnlich aus dem Boden hervorragen. Von breit

kommt diese Bezeichnung sicher nicht, dama. „broat"

gesprochen wird, daher eher von der langen

brettähnlichen Gestalt der herausschauenden Steine.

Bühelfeld : ebenes Feld oberhalb eines Bühels; also eine

Lagebezeichnung.

Pürgel: Nach der Schreibung im Urbar handelt es sich

um eine Baulichkeit. Auf Grund der ma. Aussprache

„das Pürgel" ist das Wort von einem kleinen Berg

abgeleitet. Auf der Hochfläche des Rückens sind noch

Teile einer trockenen Mauer zu erkennen. In tieferen

Erdschichten stößt man auf eine Schicht mit

Holzkohlenstückchen. Vielleicht könnte man auch

Scherben finden.

Tal: ahd. teile, tula = Mulde, eine Vertiefung im Gelände.

Der Taur: „Der Taur mit einem Orth an Vigaun". Nach

Fiala ist Taur ein Bergpaß. In diesem Falle spottweise

eine kleine Straßensteile in der Ebene.

Dawerchn: ein steiles Feld, bei dem mit der Arbeit oben

begonnen wird. Fiala entwickelt das Wort aus da-hinab,

d. i. abhin arbeiten. Es tritt hier eine Längung der

betonten Silbe o ein, das hin (. . .), fällt ab, oder ein Feld,

das ein Tagwerk groß ist; sinnvoller vielleicht eine Flur,

die ein Tagwerken = einen Tag lang währende Arbeit

benötigte. Es dürfte aber die erste Deutung zutreffend

sein. Trogrand: ein Feld, das den Rand des Troges bildet,

also eine rundliche Leite.

Ebenacker: ein Acker auf dem ebenen Fleck im Hang,

der auf einem Terrassenansatz liegt.

Gampbühel: Bühel im Feld. Wahrscheinlich aus rom.

camp = Feld, Wiese.

Garney : Gurney. Diese Ortschaft und Großflur liegt an

der sehr gewundenen Flußterrasse der Salzach; aus rom'.

cornali(s) = Kornelkirsche (F. Hörburger).

Göll: nach Fiala von gölch = jäh aufsteigend. Zur Zeit

noch nicht gesichert gedeutet, obwohl Fialas bair.

Deutung bisher unwidersprochen blieb.

Grubenfeld: Feld in einer breiten Talsenke oder Feld

bei einer Schottergrube. Beide Formen sind hier belegt.

Guggenfeld: Der Name stammt wahrscheinlich von der

aussichtsreichen Lage, daher dürften wohl andere

Bedeutungen hier nicht in Betracht kommen. Das Feld

besitzt ein Bergbauer. Ober-, Mitter-, Unterland: Land =

Ackerland, Grundstück. Damit wird die Dreiteilung eines

sanft ansteigenden

Grundstücks bezeichnet. Eine Feldgasse trennt jeweils

zwei Teile.

Unterlangenberg: Teilflur von Langenberg. Das „Unter"

bezieht sich hier auf die salzachabwärts gelegene Flur.

Leitenfeld: von mhd. lite = Leite oder sanfter Berghang.

Leitenfleck: ein ebener Fleck im sanft geneigten Ackerland.

Loch: ein Feld, das in einen Graben führt.

Ofenloch: nach Hörburger bedeutet Ofen Felsenkluft,

Felsenhöhle. Wie der Name selbst sagt, ist bei diesem

Feld eine Höhle in der Nähe.

Rengerböml: Rengerberg stammt von dem Gutsnamen

Renger (Hörburger) und -böml ist die Verkleinerung zu

mhd. bodem = Boden, Grund (Fiala); ein kleiner, ebener

Fleck. Schmalzkar: eine schüsseiförmige Mulde im

Gebirge, die gutes Wachstum verspricht.

Schmittenstein: Felskopf mit amboßartiger Form; nach

Fiala alt Wiland-schmitten-.

Starnenge: starren kommt aus älterem „storren" = vorspringender

Berg oder Hügel in der Flur. Das Feld endet

zwischen zwei solchen Hügeln, deshalb der enge Boden

zwischen den starren.

Sunkfeld: in einer Bodenvertiefung liegendes Feld; nach

mhd. sinkel = Vertiefung.

Wandfeld: bei einer Felswand gelegenes Feld.

Wiegenfeld: Feld in einer wiegenartigen, sanften Vertiefung

im Gelände.

Krispl: nach Fiala aus lat. crispulus, eine Bezeichnung für

Krauskopf. Der Name des Berges dürfte auf den Ort

übergegangen sein; zu mhd. kruspel, krospel „Knorpel"

= knorriges Baumwerk (F. Hörburger).

Hagengebirge: nach Hörburger hatte das Gebirge bis ins

18. Jh. keinen Namen; später hat man es

wahrscheinlich nach dem „Hagenbauer" am Fuße des

Gebirges benannt. Hagen ist ein altdeutscher

Personenname.

Tennengebirge: nach Hörburger „Gebirge von der Form

einer Tenne", d. i. ein ebener Boden, auf dem

gedroschen wird. Spumberg: auch als Spumbachberg

geschrieben. Weinleiten: Vom Weinbau in dieser Gegend

ist nichts überliefert, daher ist die Erklärung nach Fiala

doch möglich, daß die vielen Weinnamen im Gebirge

und teils auch im Flachland eine Doppelform zu wunne,

wune = Weide, sind. Es könnte aber auch ein Gelddienst

von dieser Flur zur Dotierung für den Messewein in der

Kirche namenbildend sein.

Rodungsnamen

Brandfeld: durch Brandrodung gewonnenes Land; -feld

33


Block- und Streifenflurtypen im Land Salzburg (nach Adalbert Klaar).

kommt in Vigaun oft als sehr sanft geneigtes oder ebenes

Gelände ohne Getriedeanbau vor. Es könnte auch auf ein

Feld beim Wald, der Brand heißt, hinweisen.

Schatzreit: nach Fiala Schattseitreit = Rodung auf dem

Gelände der Schattenseite.

Ein Feldmaß heißt auch Schatz (1 Joch = 9 Schatz); wäre

aber vielleicht doch ein Weinberg-Maß-? Das Feldmaß

„Schatz" ist im Salzburgischen ebenfalls nicht zu belegen,

daher dürfte doch die erste Deutung richtig sein.

Reuthwiesen: von riuten = ausstocken und urbar

machen; mhd. riuti = Reuth oder Rodung.

Anbaunamen

Für den Anbau vorbereiteter Böden müßte sehr früh

schneefreies Gelände sein, um den Anbau tätigen zu

können (Fiala).

Ackerl: kleines Feld. Unter Acker versteht man bei uns

den besten Boden.

Auflängfeld: Feld auf der Läng oder nach Fiala ein

Grundstück, mit dem eine besondere Auflage (zinsliche

Entrichtung) verbunden ist. Da aber nichts davon

überliefert ist, besteht keine Wahrscheinlichkeit auf

Richtigkeit.

34


Bärenacker: nach Fiala mhd. bar, bar = unaufhörlich,

was immer Ackerboden (mit Fruchtwechsel und Tratte)

bleibt. Da es auf dem Rengerberg bei vielen Lehen einen

Bärenacker gibt, ist eine Ableitung vom Personennamen

poro oder pero nicht zutreffend; ebenso wäre bei den mit

Bär (Ber) gebildeten Namen, ahd. ber = Zuchteber

sinnwidrig. Point: von ahd. biunda, biunt, d. i. ein

eingehegtes Grundstück für Anbauzwecke.

Kapellenfeld: Ackerfeld bei der Kapellen. Kastenfeld: ein

Feld bei dem Getreidekasten (Troadkasten).

Tägnischpoint: undeutbar, wenn nicht ein Personenname

Tagnisch zur Namensbildung Anlaß gab. Trattberg:

nach Hörburger Tratte = Weide, Viehtrift nach

Bodenumbruch.

Einfang: Aus dem Frei- oder Waldland eingefangenes

Grundstück, das mit einem Zaun umgeben und zum

Schutz vor dem Wild eingefangen wird.

Faistlau: Es ist anzunehmen, daß es sich um früheres Augelände

handelt, das heute zu fruchtbarem Weideland

geworden ist.

Prinzinger schreibt:

„Faistelau vom Eigennamen Faist, Faistl; nicht von der

Beschaffenheit einer faisten Au (Faista, Faistenau)."

Volkssprache ist: „Foastlau".

Der Name ist verschwunden (heute nicht mehr belegt).

Gamp: vom mit. campo = Feld, ebene Fläche.

Grummetöbm: Ein Stück Grund, der besser ist als eine

Ötz, jedoch nur zweimal gemäht werden kann.

Gschloßfeld: Ein Feld - Ackerland - das von Ötzen und

Büheln eingeschlossen ist.

Haferpoint: eingehegtes Grundstück, das hauptsächlich

zum Haferanbau benützt wird.

Hasenbühel: von gehäsig, hasen = fein, glatt, abgeholzt;

im Gegensatz zum Rauhenbühel, der noch mit Bäumen

bewachsen ist.

Himmelfeld: Die Volksphantasie hat für frei- und hochliegende

Fluren gerne den Namen „im Himmel,

Himmelreich oder Himmelfeld" geprägt.

Hochfeld: eine Lagebezeichnung, die im Verhältnis zu

den anderen umliegenden Gründen steht.

Hofangerfeld: Ein Anger ist stets ein gegen Viehtrieb

eingehegtes Grundstück, das als Grasland, bzw.

Obstgarten verwendet wird; also jenes Feld, das an den

Hofanger anschließt. Holzfeld: grenzt an einen Wald.

Langfeld: Die besondere Längserstreckung wird damit

gekennzeichnet.

Metzenfleckl: Zur Ausaat wird bei dieser kleinen Flur nur

ein Metzen (= 61,5 1) Getreide gebraucht.

Mittensteinfeld: In der Mitte dieser Flur ragt ein

Steinblock hervor.

Neubrüchl: früher nur als Wiesenland gebraucht, jetzt

davon ein Teil als Acker verwendet.

Schachenpoint: an einem Waldstreifen gelegene Beunde

von ahd. scahho.

Schwarzfeld: besteht aus kleinen Hügeln und dient zur

Viehötz. Vielleicht waren einst Köhlerstätten dort, da

heute noch das Erdreich an verschiedenen Stellen nach

Kohlen, also dunkel aussieht.

Steinpoint: eine steinige Beunde.

Stöei: rund ein halbes Joch (1 Joch = 57,546 a)großer

Acker, der etwas erhöht beim Walde liegt; also ein

kleiner Terrassenansatz, im Volksmund ein Stellchen

genannt.

Waldfeld: Feld am Waldrand oder Feld auf einer Lichtung

im Walde.

Beide Formen kommen hier vor.

Zipf: als Zipfel wird ein schmales Ende einer Flur gerne

bezeichnet.

Wasser- und Sumpfnamen

Kendel: ist eine Wasserrinne; aus mhd. kanel, kenel;

entlehnt aus dem mit. cannula.

Kendlfeld: ein Feld, das an einer Wasserrinne liegt oder

durch das eine solche führt.

Chempfpoint: ein durch Gräben abgesonderter

Weideplatz oder Feld. Diese Gräben heißen

Kempgräben. Wahrscheinlich zusammenhängend mit

dem mit. campo = Feld. Der Name existiert heute nicht

mehr.

Tauglgstöttn: Gstöttn heißt mhd. Gestade = Ufer der

Taugl. Triebenpach: zu mhd. trübe.

Trogfeld: Feld, in dem ein offener Brunnen mit

Wassertrog zur Viehtränke steht.

Flußfeld: ein Feld in dem sich Quellen befinden; zu mhd.

Vluz = empordrängendes Wasser.

Gleuberpeunt: nach Fiala zu mhd. Kleiben, kleb = nasser

Grund.

Hammertal: zu mhd. ham = Tümpel, Ufer des Tümpels,

auch abgestuftes Tal. Dieses Tal ist der Abfluß eines

Sumpfes. Hirschlack: eine Lache, die zur Hischtränke

dient. Lack = Waldflecken mit offenem Tümpel,

Wasserlache. Für kleinere Wasseransammlungen wird

häufig Lache, bairisch Lacke mit lat. lacus gebraucht.

Madlwasserfeld: nach Fiala ist Madlwasser ein sehr

langsam fließendes Wasser. Eine kleine, nie versiegende

Quelle befindet sich in der Nähe.

35


Mosel: ist ein Feld mit saurem Gras, ein kleines Moos mit

der Bedeutung Sumpfland.

Schlungfeld: vielleicht zu Schluche, umgedeutet zu

Schlunge, das sind versumpfte Abzugsgräben. Nach Fiala

zu Schling; altes, angedeutetes sliwing zu Personenname

Sliu(wes).

Waldnamen

Astenstein; von aewist (ouwisto)-stein = Hürde,

Umzäunung; ein sehr sonnig gelegener Waldrücken, auf

dem eine Frühweide liegt.

Eiblköpfl: Bergköpfl, das heute noch mit Eiben

bewachsen ist. Eibenbestände sind in der Gemeinde

Vigaun (Roßhag und Rengerberg) keine Seltenheit; von

ahd. iba = Eibe. Fiala bezeichnet iba eigentlich als

Laubholz.

Knoglwald: Wald, in dem kleine Felskuppeln stehen; von

nok = bewaldeter Felsbuckel.

Kohlstatthölzl: Holz ist hier gebraucht für Wald, in dem

früher eine Kohlstätte war.

Louchlandl: von ahd. loch, mhd. lohe. In Vigaun sind das

Felder, die noch in den Wald hineinreichen.

Mausöbm : ungedeutetes Mais = Holzschlag.

Niglkar: eine verwachsene Alm; nach Fiala von Ziegen

oder Wild verbissenes Nadelholz - Igelboschen, d. i.

latschenartiges Zwergholz.

Obstwald: der am höchsten gelegene Wald. Raspenhöhe:

ein Abrutschgelände, worauf sich ein großer, schwerer

Wald hält. Nach Fiala zu ahd. hraspa, d. i. Gebüsch, also

eine Höhe, die mit Gebüsch überwachsen ist; könnte

auch vom Personennamen Raspo abgeleitet werden.

Dieser ist jedoch nicht belegt.

Schlenggenwald: Wald am Fuße des Schlenggen.

Schmaz: bedeutet so viel wie Holzriese im Walde.

Waidach: ein mit Weiden bestandenes Gebiet; -ach ist

Sammelsilbe, wie Lindach, Erlach usw.

Pflanzen- und Tiernamen

Pflanzen

Prembleuten: von mhd. breme = Brombeergestrüpp.

Dickenbam: Flur, in der ein dicker Weidenstrunk mit

beachtlichem Alter steht.

Lindenfeld: eine Linde steht in der Flur.

Masl: ein Wald; nach der Aussprache des hellen a kann

man

Anläßlich eines Kaiserjubiläums wurde der Ahorn beim

Bahnübergang Vigaun gepflanzt. Mit den Linden auf den

Dorfplätzen in Vigaun und St. Margarethen und dem

Mehlbeerbaum am Rengerberg zählt er zu den

markantestesten Bäumen der Gemeinde.

es nicht von Mais = Holzschlag ableiten. Es stammt

vielmehr von Masholda mazzal, massalter = Feldahorn.

Sendererbüchl: ein Bühel, der mit Sendel, Senderer =

Erika, Besenheide bewachsen ist.

Tännland: diese Fluren sind nicht eben, daher wird der

Name wohl von Tanne abzuleiten sein.

36


Tiere

Göglgarten: zu Gogel = Schaf; Garten ist umzäuntes

Gebiet, also eine umzäunte Schafweide.

Hühnerbühel und Hühnergraben: zu Huhn, Henne,

Hühner oder zu mhd. hiune = Hüne; in der Nähe

hallstatt-zeitlicher Kulturschichten, die Fiala bei der

Begehung fand, daher andere Ableitung.

Rehfleck: Fleck, den die Rehe gerne aufsuchen. Nach

Fiala auch zu ahd. hreo, mhd. re = Leichnam,

Grabhügel, eine Stelle, wo jemand begraben liegt.

Roßfeld: Pferdeweide im Almgelände; bei -feld als

Almname ist weniger ein trogartiges Kargebiet gemeint,

sondern eine sanft abdachende Berglehne. Vergleiche

die fjeld in Skandinavien.

Schellenberg: die häufig vorkommenden Schellenberge

werden zu Unrecht oft als Schelchenberge und aus dem

Namen des im Nibelungenlied genannten Scheich

(männl. Elch) erklärt, der schon früh ausgestorben ist. Bei

der Vielzahl der Schellenberge bei uns müßte es ihn

seinerzeit in Überfülle gegeben haben. Schellenberge gibt

es auch im Hochgebirge, wo sich das Elchwild, ein Tier

der Sumpfniederungen, mit Sicherheit nie aufgehalten

hat. Vielmehr gehört der Name zu Schell, ahd. scelo =

Hengst. Die Schellenberge waren also Weideplätze,

Anger der Schele (Schellhengste), mhd. schel.

Schlangenbühel: ein Bühel, wo viele Kreuzottern vorkommen.

Vogeltenn: Tannen, bei denen Vogelfang betrieben

wurde, entweder mit leichten Ruten oder Netzen.

Vielleicht waren es auch Futterplätze für das Vogelwild.

Wolfgrub: Grube des Wolfes oder Fanggruben für Wölfe

oder anderes Wild, die bis in spätere Zeit vorhanden

waren.

Flurnamen nach Personen oder

Grundherrschaft und Verschiedenes

Ainau: nach Fiala zum Personennamen Ago, Agin, daher

Au des Agin.

Bruderloch: Felshöhle, die ein Einsiedler, frommer

Bruder, bewohnte.

Hertlpeunt: vom Personennamen Hartel, Peunt des

Härtel.

Trautenstatt: nach Fiala vom Personennamen Truto,

Trutin, also Wohnstätte des Truto.

Rämslpeunt: nach Fiala zu Personennamen Ramo,

Rämsl ist eine Koseform.

Backstatt (Bachstatt): von Bach ist jedoch keine Rede;

unter bac wird auch der Gerichtsstein (bach) mitunter

verstanden; ein erhöhter Stein, an dem Recht

gesprochen oder Opfer gebracht wurden. In der Flur ist

noch eine Grube sichtbar. Möglicherweise

wurde der Stein später gesprengt und fortgeschafft und

auf diese Weise entstand die Einsenkung.

Bannwald: ein unter besonderem Rechtsschutz

stehendes

Waldgebiet.

Freiboden: Wald mit vielen großen Lichtungen,

besonders

auf dem Rengerberg des öfteren zu beobachten.

Nach Fiala ein Gelände der hochfürstl. Frey, in der

Weiderechte vergeben wurden, d. h. von den

umwohnenden Urbarsleuten eine gewisse Anzahl von

Tieren auf die Weide getrieben werden durften. Heute ist

allerdings dieses Gebiet unter mehreren Besitzern

aufgeteilt.

Ötzmauernfeld: ist ein Feld an der Ötzmauer; nach Fiala

liegt die Ötzmauer oder der Otzhag immer außerhalb der

bebauten Fluren. Die Ötz innerhalb dieser Mauern oder

des

Zaunes ist ein Ausbruch (extractum) aus der allgemeinen

Freiötz. Dies bedeutet eine Änderung alten

Gemeinrechtes.

Wimberg: Widmberg = widum = Pfarrhof, demnach zu

einer

Kirche oder dem Pfarrhof gehörig; kirchliche

Grundherrschaft.

Wallmannsiedl: von mhd. sedel = Wohnsitz, Siedlung

oder Sitz des Wal(d)mannes.

Verschiedene Bezeichnungen

Mühlanger: Grasgarten, in dessen Nähe sich eine Mühle

befindet.

Radimacherfeld: ein Feld, das an die Siedlung des

Mühlradmachers grenzt.

Salzleck: der Ort, wo eine Salzlecke für das Weidevieh

steht. Schrögholzhüttenfeld: schrög = Zaun; Feld, in dem

die Hütte steht, in der die Zaunlatten untergebracht sind.

Teilstanterfeld: ein Feld, in dem ein Brunnenverteiler

situiert ist; Stander = Ständer = Steher.

Das Viereckerte: Das Viereckige bezeichnet hier das

Quadrat und nicht das Rechteck, eine Flur mit

quadratischer Form; rom. quadransflur?

Lahnstreifen: Bezeichnung einer Flur, die in einem

periodischen Lawinengang liegt.

Pämbhofnergassen: siehe Pabenhofen.

Bahnfeld: neu gebildeter Flurname für ein Feld an der

Eisenbahn.

Gangsteigfeld: Feld, durch das ein Weg führte.

Langgasse: eine Gasse, die ohne Richtungsänderung ca.

1,5 km lang ist. Diesen Namen trägt eine kleine

Ortschaft, die an dieser Straße (Langgassen) liegt. Die

genannte Gasse ist ein Überrest der alten Römerstraße,

die durch das Gemeindegebiet von Vigaun führt.

Stiegl: ein Brett zur Erleichterung beim Übersteigen

eines Zaunes.

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Flurnamen von A bis Z

Ackerl Barmstein Kapellenfeld Taur der Ebenacker Gleuberpeunt

Ainau Plaikfeld Kastenfeld Tauglgstöttn Eiblköpfl Göglgarten

Anbau Bockbühel Kendel Dawerchn Einfang Göll

Astenstein Bodenfeld Kendlfeld Teilstanterfeld Grubenfeld

Aubühel Point Chempfpeunt Tennengebirge Faistlau Grummetöbm

Auflängfeld Bühelfeld Knoglwald Dickenbaumfeld Flußfeld Gschloßfeld

Pürgel Kohlstatthölzl Trattberg Freiboden Guggenfeld

Backstad, Bachstatt Brandfeld Krispl Trautenstatt

Bahnfeld Prembläuten Triebenbach Gamp Haferpeunt

Palfenfeld Pretstein Tägnischpeunt Trogfeld Gampbühel Hagengebirge

Bannwald Bruderloch Tal Trogrand Gansteigfeld Hammertal

Bärenacker Tännland Garney Härtlpeunt

38


Hasenbühel Langgasse Mösel Rehfleck Schmaz Viereckte, das

Himmelfeld Lahnstreifen Mühlanger Rengerböml Schmittenstein Vogltenn

Hirschlack Leitenfeld Reuthwiesen Schrögholzhüttenfeld

Hochfeld Leitenfleck Neubrüchl Roßfeld Schwarzfeld Waidach

Hofangerfeld Lindenfeld Niglkar Senderbühelfeld Waldfeld

Holzfeld Loch Salzleck Spumberg Wallmannsiedl

Hühnergraben Louchkandl Obstwald Schachenpeunt Starnenge Wandfeld

Hühnerbühel Ofenloch Schatzreit Steinpeunt Weinleiten

Madlwasserfeld Ötzmauernfeld Schellenberg Stiegl Wiegenfeld

Oberland Masl Schlangenbühel Stöei Wimberg

Mitterland Mausöbm Radlmacherfeld Schlenggenwald Sunkfeld Wolfgrub

Unterland Metzenfleckl Rämslpeunt Schlungfeld

Langfeld Mittensteinfeld Raspenhöhe Schmalzkar Unterlangenberg Zipf

ABKÜRZUNGEN

ahd.

kelt.

lat.

mhd.

mit.

rom.

urgerm.

althochdeutsch

keltisch

lateinisch

mittelhochdeutsch

mittellateinisch

romanisch

Urgermanisch

VERWENDETE LITERATUR

Beitl, Richard / Deutsche Volkskunde, Deutsche

Buchgemeinschaft G.m.b.H., Berlin 1933

Buchinger, Josef / Der Bauer in der Kultur- und

Wirtschaftsgeschichte Österreichs, Österreichischer

Bundesverlag, Wien 1952

Faltner, Leopold / Mayregg, Georg / Salzburger Heimatkunde,

mit Ortsnamenerklärungen von Franz Hörburger, Salzburg,

Pustet 1927

Haidenthaler, Paulus / Haus- und Flurnamen, Salzburger

Volksbildung, Berichte und Mitteilungen des

Salzburger Bildungswerkes, Salzburg, Folge 35,

Dezember 1969

Hörburger, Franz / Salzburger Ortsnamenbuch, bearbeitet von

Ingo Reiffenstein und Leopold Ziller, Gesellschaft für

Salzburger Landeskunde, Salzburg 1982

Klaar, Adalbert / Die Siedlungsformen von Salzburg, Leipzig,

Hirzel 1939

Klabacher, Matthias / Die Flur- und Siedlungsnamen der

Gemeinde Vigaun, Prüfungsarbeit (masch.). Ergänzt und auf

den neuesten Stand gebracht von Karl Fiala.

Ringlschwendtner, Max / Ein historischer Pirschgang durch das

Vigauner Revier, Verlag und Jahr unbekannt.

Stenzel, Gerhard / Das Dorf in Österreich, Kremayr und

Scheriau, Wien 1985

Wolfram, Richard / Österreichischer Volkskundeatlas, 6.

Lieferung /1. Teil, Historische Flurnamen von Elisabeth

Tomasi, Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, Wien 1978

39


RÜCKBLICK AUF 1200 JAHRE UND MEHR

DIE SCHLENKENDURCHGANGSHÖHLE:

DIE ÄLTESTEN MENSCHLICHEN ZEUGNISSE IM LAND

von Karl Mais

Zu den verborgenen Besonderheiten des Vigauner

Gebietes zählt die Schlenkendurchgangshöhle, die unter

dem Grat liegt, der vom Schlenkengipfel zum

Schmittenstein hinüberzieht.

Sie besitzt zwei Tagöffnungen, die sich in ca. 1560 m

Seehöhe gegen Norden zur Gaißau hin und gegen Süden

zur Taugl hin öffnen. Von der Südseite zieht ein Gang,

der Bärengang, rund 30 m weit gerade nach Norden,

knickt dann etwas um und weitet sich in eine ca. 40 m

lange und ca. 15m breite Halle, die Blockhalle, von der

man zum Nordeingang hinaussteigen kann. Die

Gesamtlänge ist mit etwas über 120 m anzugeben.

Fortsetzungen gibt es bis auf einen kluftgebundenen

unbedeutenden Seitenteil keine. Das Muttergestein der

Höhle stammt aus dem oberen Jura, es ist im unteren

Teil Oberalmerkalk und im oberen aufgehenden Profil

bankiger Barmsteinkalk.

Die Besonderheit der Höhle liegt demnach nicht in der

Größe, auch nicht in einer sensationellen Pracht und

Herrlichkeit, die vielen bekannten Höhlen zukommt,

sondern in einer Reihe von kleinen, aber bemerkenswerten

Tatsachen: So liegt etwa die Höhle nicht nur im

Gebiet der Gemeinde Vigaun allein, sondern auch in dem

der Gemeinde Krispl. Die Höhle ist aber vor allem eine

bedeutende Fundstelle von jungeiszeitlichen Ablagerungen,

in denen sich Reste der damaligen Tier- und

Pflanzenwelt, besonders des Höhlenbären, sowie

kulturelle Hinterlassenschaften des damaligen Menschen

erhalten haben.

Die Höhle im Schlenkengrat ist aber auch ein letzter Rest

unterirdischer Wasserwege, die das Gebiet vor der Eintief

ung der Taugl und des Mörtelbaches entwässert haben,

von deren ehemaliger Landoberfläche noch am besten

die kuppige Oberfläche des Trattberges zeugt.

Wegen dieser und noch anderer Besonderheiten ist die

Höhle zum Naturdenkmal erklärt worden und war für

viele Jahre Ziel eingehender höhlenkundlicher

Forschungen. Die Höhle bedarf wegen ihrer

Besonderheiten auch eines besonderen Schutzes vor

Zerstörungen, Veränderungen, aber auch anderen

Beeinflussungen.

Die Entdeckung

Viele Höhlen sind den Bewohnern einer Gegend schon

lange bekannt, ehe sie „entdeckt" werden. Ähnlich, aber

nicht ganz so, war es bei der Höhle im Schlenkengrat.

Während der traditionellen Herbstjagd in der Taugl war

die Jagdgesellschaft im November 1926 oder 1928

einem Fuchs auf der Spur. Im leichten Neuschnee ließ er

sich gut verfolgen. An einer Felswand führte die Fährte

entlang und zog dann zwischen Blockwerk in den Berg

hinein. Da der Fuchs nicht hervorkommen wollte,

versuchten die Jäger, das Blockwerk wegzuräumen,

waren schließlich erfolgreich und gelangten in eine

Höhle, durch die das Füchslein bereits durchmarschiert

und in die Gaißau verschwunden war.

Als die Mitglieder des angesehenen Salzburger

Höhlenvereins im September 1934 eine Tauglkundfahrt

unternahmen, erfuhren sie durch den Jäger Palfinger von

dieser Höhle und machten sich sogleich dorthin auf.

Gleich beim ersten Besuch entdeckten Ernst Heger und

der unermüdliche Obmann des Vereins, Ing. Walter

Czoenig, beim prüfenden Durchsuchen der erdigen

Ablagerungen die ersten Knochen vom Höhlenbären.

Noch im selben Jahr folgten weitere Forschungsfahrten,

bei denen es zu den ersten Grabungen kam,

40


Die Schlenkendurchgangshöhle: oben im Schnitt durch den Schlenkengrat, unten im Grundriß: in der Nordhälfte der

Hallenteil (die Blockhalle) mit vorwiegend Verbruchmaterial als oberflächigem Bodenbelag, in der Südhälfte der

Gangteil (Bärengang) mit meist erdig-lehmigen Sedimenten als oberflächigem Bodenbelag. Nach Gustave Abel

(1934) umgezeichnet von Karl Mais.

41


und bei denen auch ein trefflicher Plan von Gustave Abel

gezeichnet und von ihm auch Fotos in bewährter

Teamarbeit angefertigt wurden.

In den folgenden Jahren kam es nun zu informativen

Besuchen durch verschiedene Mitglieder des

Höhlenvereins. Etwa von Th. Rullmann, der verschiedene

Knochen aufsammelte, oder von Gustave

Abel, der mehrfach eingehende Temperaturbeobachtungen

machte. Berichte über Befahrungen liegen im

Katasterarchiv des Höhlenvereins u. a. aus den Jahren

1942, 1945, 1949 und 1951 vor.

Die Unterschutzstellung

Bereits in den 30er Jahren hat die Absicht bestanden,

die Höhle nach den Bestimmungen des noch recht

neuen Bundesgesetzes zum Schutz von Naturhöhlen aus

dem Jahre 1928 unter Schutz zu stellen und weitere

Grabungen durchzuführen. Die traurige finanzielle

Situation in der Zwischenkriegszeit, der Tod von Prof.

Georg Kyrie, der vom und für das Bundesdenkmalamt

die Schutzangelegenheiten mit seinem Speläologischen

Institut betreute, ließen jedoch keine weiteren Schritte in

dieser Richtung zu. In der nach 1938 einsetzenden

Neuordnung der Höhlenforschung im „Deutschen Reich"

kam es trotz oder wegen grundsätzlicher

Reorganisationen nur zu Konzepten, die weder für den

Schutz noch für weitere Forschungen dieser Höhle etwas

beitrugen.

Als nach 1945 die Höhlenforschung in Salzburg mit zum

Teil jungen Mitgliedern genauso erfolgreich weiterging

wie vor und während (!!) des Krieges, bemühten sich älter

gewordene Mitglieder des Höhlenvereins um die

Angelegenheiten des Höhlenschutzes und die

Weiterführung begonnener Forschungen. In diesem

Sinne regte im Jahre 1955 der Verein durch seinen

damaligen Obmann Gustave Abel die Unterschutzstellung

wieder an. Das Bundesdenkmalamt holte von Prof.

Ehrenberg aus Wien, der mit Gustave Abel aus Salzburg

die Höhle besucht hatte, ein Gutachten über die

Schutzwürdigkeit ein. Doch wurde damals das Verfahren

zur Schutzstellung nicht eingeleitet, da keine unmittelbare

Gefährdung für den Bestand der Höhle vorhanden war.

Zu Beginn der 60er Jahre waren offensichtlich unbefugte

Grabungen der Anlaß, den seinerzeitigen Schutzantrag

weiter zu verfolgen. Die Vorarbeiten wurden rasch

wieder aufgenommen. Hiezu gehörte eine genaue

Lageeinmessung der Höhle, für die ein für damalige

Verhältnisse sehr langer Vermessungszug vom

Schlenkengipfel den Grat entlang bis zur Höhle geführt

werden mußte. Als Vermessungsgerät stand damals das

„Xavermeter" zur Verfügung, das vom

Vermessungsingenieur und erfolgreichen Erforscher der

Tantalhöhle Franz Xaver Koppelwallner für die speziellen

Bedürfnisse der Höhlenvermessung konstruiert und

gebaut worden war. Mit diesem Gerät, das leider ein

Prototyp geblieben ist, war es möglich, in einem

Visurgang sowohl Richtung als auch Neigung des

Polygonzuges präzise zu erfassen. Das robuste Meßgerät

hatte eine Innenbeleuchtung und war für den rauhen

Höhleneinsatz wirklich ideal geeignet, ausgelaufene

Batterien zerstörten es bedauerlicherweise.

Durch diese Außenvermessung und die gleichzeitig

erfolgte Vermessung der Höhle am 4. Oktober 1964

konnte die genaue Lage der Höhle in den Grundstücks-

Katasterblättern festgestellt und eingezeichnet werden.

Demnach gehört der nördliche Teil der Höhle zur KG

Krispl und steht im Eigentum der „Agrargemeinschaft

Zisterbergalpe". Der südliche Teil gehört zur KG

Rengerberg, als Eigentümer scheint „Die gemeinschaftliche

Schlenken-Alpe" mit ihren sechs Miteigentümern

von Rengerberg und Spumberg auf.

Nach dem Abschluß der Vorarbeiten hat das

Bundesdenkmalamt mit Bescheid vom 10. September

1965 die Höhle zum Naturdenkmal erklärt. Seit damals

unterliegen alle weiteren Forschungen, aber auch alle

Befahrungen, Besuche der Höhle, Veränderungen und

Zerstörungen, selbstverständlich auch Grabungen und

Aufsammlungen der Zustimmung der Behörde.

Unabhängig von dieser muß auch eine entsprechende

Zustimmung vom „Höhleneigentümer" eingeholt werden.

Mit der Stellung unter Denkmalschutz waren somit

schwere Beschränkungen zum Schutz der Höhle

verhängt. Für die Eigentümer bedeutete dies aber keine

Einschränkung der normalen almwirtschaftlichen

Nutzung oberhalb der Höhle.

Diese Beschränkungen ließen bzw. lassen eine Kontrolle

über eine geschützte Höhle zu. Durch die nötigen

Bewilligungen für Begehungen, Aufsammlungen,

Grabungen u. ä. ergab sich eine umfassende Chronik der

Geschehnisse in der Höhle. Doppel- oder Konkurrenzarbeiten

waren zu vermeiden und Angaben über den

Stand der Forschungen in der Höhle zu geben.

Außerdem informierte das Bundesdenkmalamt stets auch

den Landesverein für Höhlenkunde in Salzburg über die

vereinsfremden Forschungsaktivitäten. So lassen sich die

genannten Beschränkungen nicht nur als Schutzmaßnahmen,

sondern auch als „Informationsmittler"

ansehen.

42


Alle wichtigen Daten über die Höhle, wie Namen, Lage,

Eigentümer, Bescheide. Raumbeschreibung, Lage-

Parzellenplan. Höhlenplan und Höhlenfotos, sowie

Ergänzungen über die Ergebnisse behördlich bekannter

Forschungen in der Höhle und darüber erschienene

Veröffentlichungen wurden in der Höhlenbucheinlage für

die „Schlenkendurchgangshöhle" vom Bundesdenkmalarnt

zusammengestellt, weitergeführt und den

Gemeinden Krispl und Vigaun sowie der BH Hallein zur

allgemeinen Einsichtnahme übermittelt.

Heute ist der Höhlenschutz nicht mehr Bundessache,

sondern seit 1974 eine Angelegenheit des Landes. Die

Schutzbestimmungen mit ihren Beschränkungen sind

jedoch auch nach dem ..Salzburger Höhlengesetz" aus

dem Jahr 1985 für alle zu Naturdenkmälern erklärten

Höhlen, die jetzt als.. besonders geschützte Höhlen"

bezeichnet werden, aufrecht.

Die Grabungen...

Die ersten Grabungen setzten praktisch im Herbst 1934

mit den ersten Arbeiten der Höhlenforscher ein. Die

erdigen Höhlenablagerungen und die Nischen des

Bärenganges ließen die Hoffnung aufkommen, daß dort

einmal der urgeschichtliche Mensch geweilt habe. Vor

allem waren es Martin Hell, der später Landesarchäologe

von Salzburg wurde und der bereits damals in

verschiedenen Höhlen Salzburgs nach derartigen

Hinterlassenschaften gesucht hatte, dann aber Gustave

Abel. Alfons Bergthaller und Theo Rullmann, um nur

einige zu nennen, die sich daran machten, in der Höhle

Suchschnitte anzulegen und die Ablagerungen zu

erforschen.

An drei günstigen Stellen, nahe dem Südeingang, am

Ende des geraden Bärenganges und am Beginn der

Halle, wurden Profilgruben abgetieft. Sie brachten

reichlich Knochenmaterial vom Höhlenbären ans

Tageslicht, nicht jedoch die erhofften Werkzeuge oder

Feuerstellen des Urmenschen, aber auch keine anderen

Zeugnisse einer menschlichen Besiedlung.

Als in den 60er Jahren Spuren unbefugte Grabungen

festzustellen waren, kam es einerseits zur Unterschutzstellung,

andererseits zur Einleitung von Grabungen

zur Sicherung von Befunden und Material. Die erste

Grabung sollte der Erfassung von Mächtigkeit und

Schichtfolge der Ablagerungen dienen, sie konnte vom

7. bis 15. August 1965 durchgeführt werden.

Die lokale Organisation des Unternehmens hatte Gustave

Abel übernommen, der nicht nur Höhle und Gegend,

sondern auch viele der Bewohner von den früheren

Forschungsfahrten und Begehungen her gut kannte. Für

die fachliche Abwicklung sorgten Univ.-Prof. Kurt

Ehrenberg, der bereits seit den 20er Jahren Bärenhöhlen

erforschte und im Jahr zuvor eine langjährige Grabungskampagne

in den Grundlseer Bergen abgeschlossen

hatte, und Karl Mais. Einige Kameraden und Freunde

konnten sie zur Mitarbeit gewinnen. Von Salzburg aus

waren dies u. a. Paul Jäger. Herr Lechner und Frau

Gscheider, von Wien Werner Hengstberger.

Das Ergebnis der ersten Grabungswoche war durchaus

bemerkenswert: Unter sterilen Lagen folgten bis zum

gewachsenen Boden erdige Ablagerungen mit

zahlreichen Höhlenbärenknochen, die vielfach nur als

Bruchstücke und sehr selten ganz, d. h. unzerbrochen,

vorlagen.

Werkzeuge des eiszeitlichen Menschen tauchen zwar

auch bei diesen neuerlichen Grabung nicht auf, doch

hatten sich seit den 30er Jahren die fachlichen Interessen

bei Höhlengrabungen entsprechend gewandelt. Während

ehemals die schönen Funde im Vordergrund standen,

waren jetzt die Befunde wichtiger, die aus Bruchstücken

und Fundsituationen erhoben werden konnten, denen

meist große Aussagekraft zukommt. Eine Fortsetzung der

Arbeiten erschien daher geboten. Die dabei immer

wieder auftauchenden Fragen und Funde ließen ein

Weiterführen der Grabungen bis 1984 sinnvoll

erscheinen.

In der Mitarbeiterliste sind fast 200 verschiedene

Personen erfaßt, die jeweils mehrere Tage hindurch an

den Arbeiten teilgenommen haben. Zahlreiche Helfer

sind jedoch noch hinzuzuzählen, die nur gelegentlich,

tageweise mitgeholfen haben und der Aufnahme in die

Liste entgangen sind. Die Teilnahme an einer Grabung

war für jeden einzelnen Mitarbeiter auch bei schlechtem

Wetter eine erfüllte, schöne Zeit, die für viele auch einen

anstrengenden und denkwürdigen Urlaub im Dienste der

Höhlenforschung dargestellt hat.

...und Grabungsstellen:

Die 1964 anlaufenden Grabungen setzten zuerst an den

bereits im Jahre 1934 von Abel und Hell untersuchten

Stellen ein. Dort waren die Schichten ja bereits „gestört",

und dort war es vertretbar, rasch in die Tiefe abzugraben

und die Profile aufzunehmen. Rund um die Profilgruben

konnten dann, je nach den Erfordernissen der Grabung,

weitere Flächen in einem Meterraster angelegt und

ausgeweitet werden.

43


Zur Hauptgrabungsstelle entwickelte sich die Profilgrube

II. am Knick des Ganges gegen die Halle. Dort konnte

auf einer beachtlich großen Fläche bis zum gewachsenen

Boden abgegraben werden.

An der Profilgrube I. in der Halle war ein großes Querprofil

und eine weitere Flächengrabung vorgesehen. Dies

mußte jedoch nach Wassereinbrüchen, die immer wieder

den starken sommerlichen Regenfällen folgten, aufgegeben

werden. Ein Profilgraben nahe dem Südeingang

konnte wegen wiederholter Überflutung ebenfalls nicht

abgeschlossen werden. An einem weiter in der Höhle

gelegenen Quergraben konnte das Gangprofil schließlich

ohne derartige Störungen bis an den gewachsenen

Boden freigelegt werden. In der Halle, am halben Weg

zum Nordeingang, gelang es, ein weiteres Querprofil zu

er-graben, obwohl die Arbeit auch dort mehrfach durch

das Wasser stark behindert war.

Die Grabungsstellen waren in einen Referenzraster von

1x1 Meter großen Quadranten eingebunden, die jeweils

auftretenden Schichten entsprechend berücksichtigt. Die

Grabungsflächen wurden, wenn an ihnen keine

unterschiedlichen Lagen festzustellen waren, jeweils um

10 cm tiefer gelegt. Bei der Grabung war genaugenommen

nicht von einem „Graben" mit Krampen und

Schaufeln die Rede, auch von keinem „Wühlen", sondern

es wurden alle Fundstücke und größeren Steine mit

kleinen messerartigen Geräten sorgfältig freigelegt und

erst dann geborgen. Die Funde waren dann auch

lagemäßig festzuhalten, zu zeichnen und zu dokumentieren.

Das abgegrabene erdige, meist aber auch klebrige

und lehmige Abraummaterial mußte in Kübeln von den

Grabungsstellen weg getragen und dann nochmals sorgfältig

durchsucht werden. Bei dieser Sichtung fielen

immer wieder wertvolle Funde an, meist waren es zwar

nur kleine Knochen und Bruchstücke, aber mehrfach

auch ortsfremde Gesteinsstückchen, die möglicherweise

durch den Menschen in die Höhle eingebracht worden

waren.

Neben der „Blockhalle“ wird die Schlenkendurchgangshöhle

vom „Bärengang“ geprägt – hier im Bild. Die

ältesten Spuren vom Menschen im Land Salzburg

wurden in dieser Höhle gefunden.

Aus finanziellen Gründen standen in den zwanzig Grabungsjahren

von 1965 bis 1984 zuerst nur eine, später

rund zwei Wochen zur Arbeit zur Verfügung, wobei zu

Beginn und am Ende erschreckend viel Arbeitszeit auf die

Freilegung und Wiederabdeckung der Grabungsstellen

anfiel. Dies war leider unumgänglich, da praktisch jeder

Zeitungsbericht über die Grabungen wilde Besuche der

Höhle mit sich brachte, bei denen auch die

Grabungsflächen ordentlich zerstört wurden.

Neben der „Blockhalle" wird die Schlenkendurchgangshöhle

vom ..Bärengang" geprägt-hier im Bild. Die

ältesten Spuren vom Menschen in: Land Salzburg

wurden in dieser Höhle gefunden.

Die notwendigen An- und Abtransports konnten

anfänglich mit Hilfe einer Tragtiereinheit des

Bundesheeres durchgeführt

44


Als Standquartier diente bereits ab 1965 die Halleiner

Hütte der Gruppe Hallein des TVN ..Die Naturfreunde",

die in dieser Zeit eine Wandlung von der kleinen

schmucken Hütte zu einem stattlichen Haus durchgemacht

hat. und deren Betreuung von der Gschwandtner-Mami

bis schließlich zu Amalie und Franz

Reithofer wechselte.

Begleitende Untersuchungen

Die Arbeiten in der Höhle waren jedoch nicht nur auf die

Grabung selbst und die dabei zu erwartenden Funde

ausgerichtet, sondern dem fächerübergreifenden,

speläologischen Interesse der Grabungsleitung entsprechend

auch auf andere Untersuchungen. So etwa

auch auf die Erfassung des Höhlenklimas, um den

heutigen Temperaturverlauf kennenzulernen und daraus

Hinweise auf die klimatischen Bedingungen jener Zeit zu

erhalten, in der die Höhlenbären unsere Gegend

besiedelt hatten. Es konnten aber auch Beobachtungen

über die Bildung von Kondenswasser und seine

Auswirkung auf die Höhlenwände gemacht werden.

Durch den Luftstrom, der durch die Höhle streicht,

kommt es zur Bildung von Kondenswasser, das sich an

den Wandpartien niederschlägt und durch seine lösende

Kraft die zahlreichen, kaum sichtbaren Klüfte im

Muttergestein korrosiv heraus „präpariert“ und der Höhle

so eine ganz besondere Eigenart verleiht.

Der nördliche Eingang der Schlenkendurchgangshöhle.

werden. Da aber die Kostenbeteiligungen an derartigen

Übungseinsätzen immer höher wurden, nahmen es die

Mitarbeiter schließlich idealistisch auf sich, die nötigen

Werkzeuge und Geräte, den Stromgenerator und die

Beleuchtung selbst zur Höhle zu tragen, die Tragtierkosten

zu sparen und dafür länger zu graben.

In den erdigen Ablagerungen, die ihre Entstehung

weitgehend der „Lebenstätigkeit" der Höhlenbären

(Dungmassen, Kadaver u. a.) verdanken, haben sich

zahlreiche Pollen und Sporen von Pflanzen erhalten,

ausdenen ein Pflanzenbild der Höhlenbärenzeit, das

weitgehend dem pflanzlichen Nahrungsspektrum der

Bären entspricht, rekonstruiert werden kann. Dabei war

deutlich zu sehen, daß die Bären heute einen entsprechenden

Lebensraum nur in einigen hundert Metern

tieferen Lagen finden könnten und demzufolge zur

Höhlenbärenzeit das Klima viel besser gewesen sein

muß, als dies derzeit der Fall ist. Es ist anzunehmen, daß

die Baumgrenze weiter oben gelegen ist, die

Vegetationszeit länger und die Winter kürzer waren als

heute.

Auch den Steinen in den Ablagerungen wurde

entsprechende Aufmerksamkeit gezollt. Art und

Zugehörigkeit, Form. Größe und Oberflächengestaltung

wurden festgestellt und daraus Transportwege, Abrollungsmechanismen

und die chemische Beanspruchung

festgestellt. Solche Untersuchungen hat Rudolf Vogeltanz

durchgeführt, der heute als Landesgeologe von Salzburg

tätig ist.

45


Eiszeitliche Tierwelt

Das bekannteste Tier des ausgehenden Eiszeitalters ist

neben dem Mammut der Höhlenbär, der Höhlen

bewohnt hat und mit der letzten Eiszeit ausgestorben ist.

Neben ihm sind eher selten Reste anderer Tiere der

sogenannten Begleitfauna anzutreffen; der Höhlenbär

dominiert.

Der Höhlenbär gehört zwar zur Gruppe der Braunbären,

ein gar arges Raubtier war er jedoch nicht. Bis zu einem

Drittel größer als die heute lebenden Braunbären war er

dadurch ein eher behäbiger Zeitgenosse. Dies geht aus

den Körpermaßen und den flacheren Gelenkflächen in

Vorder- und Hintertatze hervor. Seine Nahrung bestand

selten aus dem Fleisch seiner kleineren und flinkeren

Begleitfauna, sondern hauptsächlich aus Kräutern und

anderen Pflanzen, was aus den Resten seiner Losung

hervorgeht, die sich in den Sedimenten als Pollen und

Sporen der Futterpflanzen erhalten haben. Auch beim

heutigen Braunbären spielt pflanzliche Nahrung eine

große Rolle. Entsprechend dieser vom Frühjahr bis zum

frühen Herbst verfügbaren Nahrung paßte sich der

Höhlenbär an diese sich ändernde Lebensweise durch

das Anlegen eines Fettkörpers in der Schulterregion an,

seine Vorderextremitäten benötigten durch diese stärkere

Belastung auch eine Verstärkung. Als weitere Anpassung

an die pflanzliche Ernährung haben sich die Kauflächen

der Backenzähne vergrößert und gefältelt. Die anderen

Zähne konnten jedoch nicht auf die geänderte Futterwahl

umgestellt werden. Die mächtigen Eckzähne weisen

immer wieder starke Schliffspuren auf, die ein Zeichen

für das Fressen von Gräsern sind: Die Halme haben sich

beim Abreißen elastisch um die Eckzahne gelegt, sind

dann durch diese durchgeglitten und haben im Laufe der

Zeit Schliffspuren hinterlassen.

Höhlenbären-Oberkieferfragment mit hinterstem Backenzahn:

seniler Zahn wie Knochen total verrundet und

geglättet. 1 1/4 der natürlichen Größe.

Zur Zeit der Höhlenbären herrschte in den Höhlen ein

günstigeres „Wohnklima" als außerhalb. Die Bären lebten

dort in wahrscheinlich größeren Familienverbänden und

verbrachten dort auf jeden Fall den Winter, in dem auch

die etwa rattengroßen Jungen zur Welt kamen. Im

Frühjahr und Sommer „weideten" die Bären auf den

saftigen Wiesen und an den Waldrändern der Umgebung

der Höhle. In klimatisch sehr günstigen Gebieten

verbrachten sie die Sommerzeit im Freien. Wie aus den

Knochenresten zu erkennen ist, war die Schlenkendurchgangshöhle

das ganze Jahr über bewohnt, auch im

Sommer. Knochen und Zähne praktisch aller Altersstufen

liegen vor. Neugeborene, milchzähnige Bärenkinder,

halbwüchsige Jungbären, erwachsene Tiere und schließlich

auch alte, ja senile Bären sind lückenlos vertreten.

Eine große Anzahl von Jungtieren verendete im ersten

Winter. Sie standen im Sommer voll im Zahnwechsel und

hatten mit den Milchzähnen, den hervorbrechenden

Zähnen und den noch nicht voll funktionsfähigen

Dauerzähnen große Probleme bei der

Nahrungsaufnahme. Daher überlebte eine große Anzahl

der schlechter ernährten Tiere nicht das erste

Lebensjahr.

Während das reiche Fundgut an Höhlenbärenresten eine

Fülle von Angaben über sein Leben, seine

Lebensgewohnheiten, auch seine Krankheiten -so wurde

etwa ein Knochen¬tumor gefunden, der in einer

Stirnhöhle entstanden sein dürfte - gestattet, sind nur

wenige Fundstücke der Begleitfauna vorhanden.

Trotzdem sind es zehn Schneckenarten und 34

Wirbeltierarten. Mit dieser Faunenliste gehört die

Schlenkendurchgangshöhle zu den bedeutenden eiszeitlichen

Fundstellen Österreichs.

Bei den Wirbeltieren gelang der Nachweis von Frosch,

dreier Vogelarten (Alpendohle, Wachtelkönig und

Misteldrossel), Spitzmäusen. Maulwurf, Fledermäusen

(von denen Mopsfledermaus und Großes Mausohr zu

nennen sind), Nagetieren wie Hamster, Murmeltier,

Mäusen (Schermaus, Mühlmäusen, Schneemaus u. a.],

dann Hasen, Raubtieren wie Wolf, Braunbär - der

gleichzeitig mit den Höhlenbären gelebt hat -, Marder,

Großes Wiesel, Höhlenlöwe und Paarhufer, von diesen

Hirsch, Reh, Garns und Steinbock. Die aufgezählten

Tierarten sind nicht alle dem Jungpleistozän

zuzurechnen. Von Fledermäusen, Nagern, Hirsch und

Reh sind sowohl fossile, subfossile als auch rezente

Knochen vorhanden.

Hamster und Höhlenlöwe sind von den oben genannten

Tieren besonders erwähnenswert, da sie schon lange

nicht mehr in Salzburg heimisch sind. Vom Hamster

konnten Schädel. Unterkiefer, Langknochen, Rippen u.

46


a. in ansehnlicher Anzahl gefunden werden. Hinweise

auf sogenannte Hamsterburgen, wie man unterirdische

Baue nennt, ergaben sich nicht. Die Hamsterknochen

stammen von einer Form, die deutlich größer als die

normale war. Die normale Hamsterform tritt heute noch

im Osten Österreichs auf Lind bewohnt dort

steppenartige Gebiete. Das Vorkommen des Hamsters

im bereits alpinen Schlenkenbereich ist ein klarer Beweis

dafür, daß zur „Höhlenbärenzeit" ein besseres Klima

geherrscht hat, als diese heute der Fall ist.

Schlagfläche, Schlagkante und Schlagbuckel sowie

einwandfrei retuschierten seitlichen Kanten. Die Farbe ist

rötlichbraun. Es könnte aus rötlichen Schichten

stammen, die in den tieferen Regionen der Gaißau

aufgeschlossen sind.

Knochenreste vom Höhlenlöwen tauchten zwar selten,

aber immer wieder auf. Meist waren es nur einzelne

Stücke aus den Tatzen, aber auch Schwanzwirbel und ein

einzelner Unterkiefer konnten gefunden werden. Durch

seine sehr stark abgeschliffenen Zähne war er sehr

auffällig und stammt von einem recht alten Tiger. Der

Höhlenlöwe hatte etwa die Größe der heutigen Löwen

und Tiger. Ob er wie ein Löwe oder aber wie ein Tiger

ausgesehen hat, ist nicht zu sagen, da einerseits im

Skelett kaum Unterschiede vorhanden sind und

andererseits eiszeitliche Löwe-Tiger Darstellungen aus

den eiszeitlichen „Bilderhöhlen" auch keine endgültigen

Schlüsse zulassen. Aus diesem Grunde spricht man

vielfach nicht vom Höhlenlöwen, sondern von der

Höhlengroßkatze.

Menschliche Besiedlung vor 40.000 Jahren

Bei den Grabungen wurde auf alle Hinweise und Reste

einer menschlichen Hinterlassenschaft oder Tätigkeit

sorgfältig geachtet. Mit derartigen Funden konnte nicht

unbedingt gerechnet werden, doch bestand die

begründete Hoffnung darauf. Die Grabungsstellen waren

bereits von Martin Hell und Gustave Abel an den

günstigsten Stellen der Höhle eingerichtet worden,

lieferten jedoch bei unseren Arbeiten keine Feuerstelle,

sondern lediglich vereinzelte Holzkohlenflitterchen. aus

denen sich keine weiteren Schlüsse ziehen lassen.

Ortsfremdes Steinmaterial oder gar Stein Werkzeuge

waren zu Beginn der Grabungen auch nicht zu finden.

Schließlich kamen doch kleine Gesteinsstücke zum

Vorschein, die eindeutig ortsfremd und als Werkzeuge

anzusprechen waren. 1967 war dies ein nur rund 30 Mal

20 mm messendes stark verkieseltes Kalkstück, das nicht

aus der näheren oder weiteren Umgebung der Höhle

herstammte und obendrein eindeutig einen klingenartigen

Abschlag mit Randretuschen darstellte.

Das 1970 in der Schlenkendurchgangshöhle gefundene

Werkzeug eines Neandertalers in natürlicher Größe.

Nach dem Urteil der Prähistoriker Richard Pittioni. der

den kulturellen Funden alpiner Bärenhöhlen immer eine

besondere Aufmerksamkeit gewidmet hatte, und

Friedrich Berg, der an den Grabungen in der Schlenkendurchgangshöhle

immer wieder gerne teilgenommen hat,

besitzt dieses Stück eine typisch mousterienartige Form,

die wohl ein Neandertaler dem Stein gegeben hat. von

dem jedoch bisher keine Knochenfunde gemacht werden

konnten.

In den folgenden Jahren kamen weitere ortsfremde

Gesteinsstücke zum Vorschein, manche mit eindeutigen

Bearbeitungsspuren, andere mit fraglichen Formen und

Retuschen. Damit war die Hoffnung zur Tatsache

geworden: Der eiszeitliche Mensch hielt sich in der

Schlenkendurchgangshöhle als Zeitgenosse der

1970 folgte ein weiteres, ebenso gutes, eindeutig

ortsfremdes und bearbeitetes Stück. Es war rund 64 mm

lang und etwas über 37 mm breit, mit deutlicher

47


Höhlenbären auf. Ein weiterer Nachweis für die

menschliche Besiedlung alpiner Hochlagen in Österreich

war erbracht.

Neben den Stein Werkzeugen traten verschiedenartige

Knochen-und Zahnstücke auf, die möglicherweise oder

sogar wahrscheinlich vom Menschen bearbeitet oder zur

Arbeit verwendet worden waren. Eine ganze Reihe von

Knochen hatte starke Verrundungen, Glättungen, deren

Entstehung nicht auf natürliche Weise zu erklären ist.

Andere Stücke wiesen Kerben. Schnitt- und

Schlagmarken sowie Lochungen auf. Diese konnten an

verschiedenen Skelettelementen gefunden werden, etwa

an Langknochen, vielfach an Wirbeln. Warum und wozu

die Lochungen gemacht worden sind, ist offen.

Möglicherweise dienten sie zum Durchziehen einer

Schnur, um die Stücke als Schmuck , als Amulett oder

Auszeichnung zu tragen. Besonders bei den Wirbeln

können magische Vorstellungen zur Herstellung der

Lochungen geführt haben, wie dies von verschiedenen

Naturvölkern bekannt ist.

Die prähistorischen Fundstücke ordnen sich nicht direkt

einer der altsteinzeitlichen Kulturstufen unter, sondern

werden nach der Bearbeitungsart der Steinwerkzeuge

„mousterienartig" bezeichnet. Sie sind aber dadurch als

typisch für das sogenannte alpine Paläolithikum

anzusehen. Zur zeitlichen Einstufung wurde eine absolute

Altersbestimung der Bärenknochen nach der

Radiokohlenstoffmenge (C-14) gemacht, die ein Alter

von mindestens 42.600 Jahren ergeben hat. Da dieser

Wert aber an der Nachweisgrenze dieser Methode

gelegen ist, könnten die Bärenknochen und damit die

Kulturreste auch noch älter sein. Untersuchungen mit

neueren, weiter in die zeitliche Tiefe reichenden

Methoden stehen aus.

Wenn man die urgeschichtlichen Funde aus der

Schlenkendurchgangshöhle betrachtet, ist das

Fundinventar trotz seiner Bedeutung spärlich. Es ist zu

erkennen, daß der Mensch nicht ständig in der Höhle

gelebt, sondern sie nur gelegentlich aufgesucht hat. Die

Artefakte stammen auch nicht von einer engbegrenzten

Fundstelle oder Fundschichte, sondern wurden an

verschiedenen Stellen und in verschiedenen Tiefen

gefunden, daraus ist anzunehmen, daß der Mensch

immer wieder zur Höhle kam und dort eine Rast machte.

vielleicht Jagd auf den Bären unternahm oder auch

Zuflucht vor Unwetter suchte. Wo aber seine

Wohnhöhlen lagen, ist nicht bekannt. Sie befanden sich

sicher in tieferen Bereichen der Taugl oder auch weiter

weg im Salzachtal. Ob diese Höhlen heute noch

bestehen, ist fraglich, da die Gletscher der letzten Eiszeit

sie mit Moränematerial vollständig verschüttet, aber auch

ausgeräumt oder gar zerstört haben können.

Zur Entstehung der Höhle

Wenn man die Höhle im Schlenkengrat betrachtet, muß

man feststellen, daß ihre große Halle und der ansehnliche

Gangteil den letzten Rest eines Höhlensystems darstellen,

welches in den Oberalmer- und Barmsteinkalken entwickelt

war, bevor es zur Eintiefung der Täler und der

damit einherschreitenden Zerstörung dieses Höhlensystems

kam. Von der ehemaligen Landoberfläche ist

oberhalb der Höhle auch nichts mehr erhalten, es wird

ihr höchstens die Kuppenlandschaft des Trattberggebietes

entsprechen.

Mit der Eintiefung des Salzachtales und der Bildung der

zur Salzach gerichteten Seitentäler ist es zur Zerschneidung

der Landschaft gekommen und dadurch zur Zerstörung

des ehemaligen Entwässerungssystems, zu

dessen unterirdischem Teil das „Schlenkenhöhlensystem"

gezählt hat. Seit dieser Zeit ist das Höhlensystem immer

mehr durch die Talbildungen zerstört worden und ist

heute nur mehr als wenige Meter lange Durchgangshöhle

erhalten. Sicher waren verschiedenartige Sedimente in

diesen Höhlenräumen ab- und

Ein Höhlenbären-Wirbel mit Lochung, einer Spur vom

Menschen. Kurt Ehrenberg vermutet sogar Beziehungen

zum magisch-kultischen Bereich. (Etwa 4/5% der

natürlichen Größe.)

48


umgelagert worden. Bei den Ausgrabungen konnten

jedoch keine Ablagerungen gefunden werden, die älter

als die des Jungpleistozäns waren. Der gewachsenen

Höhlensohle lagen nur einige Zentimeter mächtige

sterile, lehmige Schichten auf, ober denen dann die

Höhlenbärenschichten lagen. Daraus kann geschlossen

werden, daß die Höhle praktisch leer war, als die

Höhlenbären mit der Besiedelung begannen. Es dürfte

damals nur der Südeingang offen gestanden sein, der

Nordeingang war wahrscheinlich durch einen Versturz

unpassierbar, der Luftzug fehlte und die Höhle hat einen

entsprechenden Lebensraum geboten.

Zur Bedeutung der Höhle

Die Schlenkendurchgangshöhle stellt den Rest eines

ehemals großen und heute fast vollkommen zerstörten

Höhlensystems dar, welches vor der Eintiefung der

Salzach und der anderen Flußsysteme für die

unterirdische Entwässerung eines Gebietes gesorgt hat,

von dem nichts mehr erhalten ist.

Die mächtigen Ablagerungen, die stellenweise bis auf

eine Profiltiefe von mehr als 3,5 m bis zum gewachsenen

Fels abgegraben werden konnten, haben Reste einer

reichen Tierwelt des Jungpleistozäns, der letzten

Zwischeneiszeit, freigegeben, in der der Höhlenbär

vorgeherrscht hat.

Die nachgewiesenen Tierarten, die Pflanzenreste (Pollen

und Sporen aus den erdigen Ablagerungen) sowie die

Tatsache, daß die Höhle ganzjährig vom Höhlenbären

bewohnt war, deuten auf ein entsprechend günstigeres

Klima hin, bei dem die Baumgrenze um rund 400 m

höher gelegen sein dürfte, als dies heute der Fall ist.

Gemeinsam mit den Knochen des Höhlenbären konnten

in den Ablagerungen der Höhle Steinwerkzeuge und

Knochengeräte gefunden werden, die davon zeugen, daß

der Mensch das „alpinen Paläolithikums", der

Neandertaler, im Bereich der Taugl vor mehr als 40.000

Jahren gelebt und gejagt hat.

Die Schlenkendurchgangshöhle diente noch im 20. Jahrhundert

als Zufluchtsort: Wie die Salzburger Künstlerin

Raffaela Toledo berichtet, versteckte sie sich mit ihrer

Familie (Schmeisser) in der Zeit des Nationalsozialismus

in der Höhle, weil ein unbekannter Uniformierter auf

dem Rengerberg unterwegs war. Wie sich dann

herausstellte, war nicht die Familie der 1910 in Laufen

geborenen Jüdin das Ziel des Uniformträgers, sondern

ein gewisser „Uhrmacher-Franzi". Die Familie

Schmeisser war in jenen Jahren im Zuhaus des

Hinterhochbrunnbauern in Miete (Toledo: „Die Bauern

waren großartig zu uns!"), 1945 begann Raffaela Toledo

am Schlenken zu malen (siehe ihre „Rengerberger

Impression" auf Seite 14!).

49


VIGAUN IN UR- UND FRÜHGESCHICHTLICHER ZEIT

von Fritz Moosleitner

Die Funde aus der im Gemeindegebiet von Vigaun

gelegenen Schlenkendurchgangshöhle stellen die ältesten

Zeugnisse menschlicher Anwesenheit im Lande Salzburg

dar. Hingegen liegen aus den nachfolgenden Epochen

bis hin zum Einsetzen schriftlicher Überlieferung bisher

nur sehr wenige Bodenfunde vor, die nur ein sehr

lückenhaftes Bild der Entwicklung des Ortes vermitteln.

Nach dem Abklingen der letzten Eiszeit und dem

Rückzug der Gletscher vor rund 12.000 Jahren

durchstreiften kleine Gruppen von Jägern das Salzburger

Becken und drangen in die inneralpinen Gebiete vor. In

Halbhöhlen oder unter Felsdächern haben sie ihre

Spuren hinterlassen. so z. B. in der Zigeunerhöhle bei

Elsbethen. Das Bruder loch bei St. Margarethen hat in

dieser Epoche vermutlich als Raststation gedient, bisher

sind noch keine archäologischen Forschungen

durchgeführt worden, die Aufschluß geben könnten.

Der Übergang vom Jägerdasein zum Bauerntum, zur

Nahrungsproduktion durch Viehzucht und Ackerbau,

erfolgte in unserem Gebiet vor ca. 7000 Jahren.

Dadurch wurde eine sesshafte Lebensweise ermöglicht,

der Mensch war nicht mehr vom Nahrungsangebot der

Natur abhängig. Erst von diesem Zeitpunkt an ist mit

einer dauernden Anwesenheit des Menschen im

Salzachtal zu rechnen. Natürlich geschützte Felshöhen

und Inselberge bildeten bevorzugte Siedlungsplätze, so z.

B. der Rainberg und der Hellbrunnerberg m der Stadt

Salzburg. Der Dürrnberg wurde in dieser Periode, der

Jüngeren Steinzeit (ca. 5000-1800 v. Chr.), wegen der

salzhaltigen Quellen häufig aufgesucht. Aus Vigaun

fehlen bisher noch gesicherte Funde aus dieser Periode.

Erst aus der nachfolgenden Bronzezeit (ca. 1800-750 v.

Chr.) liegen Siedlungsnachweise vor.

Beim Bau der Autobahn wurde 1969 am Fuße des

Adneter Riedls rund 200 m südlich des Bruderloches

eine Kulturschicht angeschnitten, die zahlreiche

Keramikbruchstücke der frühen Bronzezeit enthielt. Eine

Höhensiedlung der Bronzezeit hat der frühere Landesarchäologe

Martin Hell 1950 auf dem sog. Rehrlpalfen

entdeckt und archäologisch erforscht. Diese Fundstelle

liegt am linken, südseitigen Ufer der Taugl, damit knapp

außerhalb der Gemeindegrenze von Vigaun. Die allseitig

steil abfallende Felshöhle des Rehrlpalfens bot nur für

wenige Hütten Platz. Die Grabungen förderten zahlreiche

Der Rehrlpalfen auf der Kuchler Seite der Taugl, auf dem

sich in der Bronzezeit und in der Jüngeren Eisenzeit eine

Höhensiedlung befand.

Keramikbruchstücke zutage, die zum Teil mit zerriebener

Kupferschlacke gernagert sind. Die Schlacke ist bei der

Verarbeitung oder Veredelung von Rohkupfer aus den

Bergbaugebieten im heutigen Pongau angefallen.

Die Kupfervorkommen in den Salzburger Gebirgsgauen

verliehen unserem Gebiet in der Bronzezeit große

Bedeutung, von hier aus wurden weite Bereiche

Mitteleuropas mit Kupfer versorgt. Das Kupfer bildete in

dieser Zeit - mit etwas Zinn zu Bronze legiert - den

wichtigsten Rohstoff für die Herstellung von

Werkzeugen, Geräten, Waffen und Schmuck. Die

bedeutendsten Kupfervorkommen liegen im Bereich von

Bischofshofen, Mühlbach und St. Johann. Schon in der

späten Jungsteinzeit, im 3. Jährt, v. Chr., setzte die

Gewinnung von Kupfer ein, die Blüte des

Kupferbergbaues fällt in die Bronzezeit. Ein wichtiges

Zeugnis für den bronzezeitlichen Kupferhandel entlang

der Salzach wurde in Vigaun aufgefunden. In einer

50


Schottergrube traten mindestens sechs große Kupfergußkuchen

mit einem Gewicht von durchschnittlich sechs

Kilogramm zutage. Eine noch im zähflüssigen Zustand

eingetiefte Rille sollte das Zerteilen der Gußkuchen

erleichtern. Vermutlich hat ein Händler seine Ware vor

einer drohenden Gefahr der Erde anvertraut und kam

nicht mehr dazu, seinen Besitz wieder zu heben.

In der Eisenzeit (ca. 750-15 v. Chr.) siedelte das Volk der

Kelten in unserem Gebiet. Der Dürrnberg bei Hallein

entwickelte sich in dieser Periode zu einem bedeutenden

industriellen Zentrum mit weitreichenden Handelskontakten.

Die Grundlage dafür bildete das Salz, das ab

600 v. Chr. bergmännisch gewonnen worden ist.

Keltische Siedlungsreste fanden sich auch am Rehrlpalfen

sowie am Fuß des Adneter Riedls bei St. Margarethen.

Um 15 v. Chr. wurde das keltische Königreich Noricum,

zu dem auch unser Gebiet gehörte, auf friedlichem Wege

in das Römerreich eingegliedert.

Auf der bis dahin unbesiedelten Schotterebene zwischen

den Salzburger Stadtbergen legten die Römer eine Stadt

an, die den Namen Juvavum trug. Diese Stadt war in das

Netz der römischen Reichsstraßen eingebunden. Die

Trasse jener Römerstraße, die von Juvavum aus nach

Süden Richtung Italien führte, deckte sich im Ortsbereich

von Vigaun etwa mit jener der mittelalterlichen und

frühneuzeitlichen Poststraße. Die Römerbrücke über die

Taugl stammt zwar nicht aus römischer Zeit, sondern ist

erst um 1600 errichtet worden; die Römerstraße hat

jedoch zweifellos an derselben Stelle die Taugl

überbrückt.

Entlang der Römerstraßen waren in durchschnittlich 20-

25 km Entfernung Raststationen eingerichtet. Antike

Straßenkarten verzeichnen 14 Meilen von Juvavum

(Salzburg) entfernt die Station „Cucullae". Die

ausgedehnten Überreste dieser römischen Straßenstation

ca. einen Kilometer südlich des Georgenberges sind

bisher nicht archäologisch erforscht. Im Ortsnamen

„Kuchl" lebt die antike Bezeichnung weiter; aber auch im

Namen der Gugilanalm unter dem Schmittenstein im

Tauglboden, die in den ältesten Quellen als Cuculana-

Alm („Kuchler Alm") bezeichnet wird. Auch der Name

Vigaun - Vigun bzw. Figunas in den ältesten Quellen - ist

römischen Ursprungs, er leitet sich von „vicus" - Gehöft,

Dorf - mit einer im Romanischen vergrößernden

Nachsilbe „on" ab, und wäre damit mit „Großdorf" zu

übersetzen.

Grundrißskizze der festgestellten Mauerreste angefertigt.

Die Lage der Fundstelle ist aber wieder in Vergessenheit

geraten. Eine vor wenigen Jahren durchgeführte

archäologische Erkundung im Tauglwald blieb ergebnislos.

Wie der Lebensbeschreibung des hl. Severin zu

entnehmen ist, war in spätrömischer Zeit, im 5. Jh. n.

Chr., die Bevölkerung unseres Gebietes weitgehend

christianisiert. Dieser Heilige weilte um 460 auch in

Cucullae (Kuchl) und hat hier ein Kerzenwunder

vollbracht. Eine moderne Statue des hl. Severin an der

Tauglbrücke soll an dessen Aufenthalt in unserem Gebiet

erinnern.

Hl. Severin von Hans Fächer, 1954.

Die spätrömische Siedlung Cucullae ist auf dem

Georgenberg bei Kuchl zu suchen, Baureste jener

frühchristlichen Kirche, in der der Heilige gepredigt und

Wunder gewirkt hat, konnten 1964 unter dem Fußboden

der Kirche auf dem Georgenberg aufgefunden werden.

Zweifeilos bestand zu dieser Zeit auch in Vigaun bereits

ein Gotteshaus. Dessen Lage ist - ebenso wie jene der

Siedlung - bisher noch unbekannt.

ANMERKUNG:

Die Funde aus der Schlenkendurchgangshöhle werden im Haus

der Natur in Salzburg aufbewahrt, die Scherbenfunde vom

Adneter Riedl sowie die Kupfergußkuchen aus Vigaun befinden

sich im Keltenmuseum Hallein. Die Funde vom Rehrlpalfen

besitzt das Salzburger Museum C.A.

Die genaue Lage von „Großdorf" konnte bisher nicht

geklärt werden. Zwar hat man um die Mitte des vorigen

Jahrhunderts im „Faistelauer Wald" Gebäudereste

entdeckt, die vermutlich aus römischer Zeit stammen.

Das aufgedeckte Steinmaterial wurde für Wasserschutzbauten

verwendet, man hat jedoch eine

51


DIE ANFÄNGE:

DER NAME „VIGAUN" UND SEINE ERSTE ERWÄHNUNG

von Heinz Dopsch

Im ältesten Salzburger Güterverzeichnis, der 790 niedergeschriebenen

Notitia Arnonis, wird unter den Kirchen

des Salzburger Bischofs auch jene in Vigaun (ad Fuginas)

an-geführt. 1 Vom Zeitpunkt der Niederschrift her

gesehen ist es tatsächlich die erste Erwähnung des Ortes.

Einem weiteren Güterverzeichnis der Salzburger Kirche,

den 798 angelegten „kurzen Aufzeichnungen" (Breves

Notitiae) ist jedoch zu entnehmen, daß Vigaun schon ein

halbes Jahrhundert früher unter dem Bayernherzog Odilo

(736/737-748) als Ort bestanden hat. 2 Die damit

verbundenen Fragen nach dem Alter von Vigaun, nach

der Entstehung und Bedeutung des Ortsnamens und

nach der Rechtsstellung der 790 genannten Kirche in

Vigaun sollen in Verbindung mit dem historischen

Umfeld kurz dargestellt werden.

Kelten, Romanen und Baiern

Das erste bekannte Volk, das in unserem Raum nicht nur

durch Bodenfunde sondern auch durch schriftliche

Quellen namentlich bezeugt ist, waren die Kelten. Die

Illyrer, die angeblich schon vor den Kelten auch das

Gebiet von Salzburg besiedelten, spuken zwar noch

immer in den Schulbüchern herum, sind aber tatsächlich

nie hierher gekommen. Der Zeitpunkt der keltischen

Besiedlung des Ostalpenraumes wird heute schon im

7./8. Jahrhundert v. Chr. angesetzt. Unter den Kelten

erreichte vor allem der Salzbergbau am Dürrnberg eine

hohe Blüte. In Verbindung damit entstanden auch

keltische Siedlungen im Salzachtal, die meist auf

geschützten Höhen angelegt wurden. Dazu zählten der

Georgenberg bei Kuchl, der Hellbrunnerberg, der einen

keltischen Fürstensitz trug, sowie der Rainberg und der

Kapuzinerberg im Stadtgebiet von Salzburg. 3

Seit dem 2. Jahrhundert vor Chr. bestanden zwischen

dem keltischen Königreich Noricum und der

aufstrebenden Großmacht Rom enge wirtschaftliche

Kontakte und auch politisch eine gute Nachbarschaft. Als

im Jahre 15 v. Chr. Noricum von römischen Truppen

besetzt und damit dem römischen Reich einverleibt

wurde, gab es offenbar - im Gegensatz zum

benachbarten Rätien - keine größeren Kampfhandlungen.

Nur der im Pinzgau ansässige Stamm der

Ambisonten dürfte energischen Widerstand geleistet

haben. Unter Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.) wurde

Noricum als römische Provinz eingerichtet. Als

Nachfolger der hochgelegenen, wehrhaften Keltensiedlungen

entstanden neue Ortschaften in den Talniederungen,

wo die Bevölkerung besser kontrolliert

werden konnte. Am bedeutendsten war Juvavum, das

römische Salzburg, das von Kaiser Claudius die Rechte

einer Municipalstadt erhielt. 4 Damit verfügte Juvavum

über eine eigene, weitgehend autonome Verwaltung und

einen Stadtbezirk, der wesentlich größer war als das

heutige Land Salzburg.

In den fünf Jahrhunderten römischer Herrschaft wurde

die bodenständige keltische Bevölkerung in Sprache,

Tracht und Lebensformen weitgehend romanisiert.

Damit verbunden war auch ein Wechsel der Identität,

obwohl sich römische Familien aus dem „Mutterland"

Italien fast ausschließlich in der Stadt Juvavum und auch

dort nur in verhältnismäßig geringer Zahl niederließen.

Der allmähliche Wandel der Provinzbevölkerung von

Kelten zu Romanen kommt auch in den schriftlichen

Quellen des frühen Mittelalters zum Ausdruck. Die

Romanen werden dort meist als Walchen bezeichnet,

einem Namen, der noch heute in dem uns vertrauten

Begriff der „Welschen" fortlebt. Die Bezeichnung

Walchen ist aber vom keltischen Volk der Volcae

Tectosages, die von keinem geringeren als Julius Cäsar

genannt werden, abgeleitet. 5 So wie dieser keltische

Stamm durch die Jahrhunderte römischer Herrschaft

völlig romanisiert und schließlich sogar namengebend für

die Romanen (Walchen) wurde, betrachtete man auch die

bodenständige Bevölkerung des Salzburger Gebietes am

Ende des 5. Jahrhunderts durchaus als romanisch.

Zeitgenössische Darstellungen auf Grabsteinen zeigen

uns freilich, daß diese Keltoromanen gewisse Eigenheiten

in der Tracht, wie die „norische Haube" der Frauen, aber

auch in ihrer Physiognomie bewahrt hatten.

Die Lebensbeschreibung des h l. Severin, der um 470

nach Juvavum (Salzburg) und Cucullis (Kuchl) kam 6 , wirft

schlagartig Licht auf diesen Raum in der Endphase

römischer Herrschaft. Bedroht von den ständigen

Einfallen germanischer Stämme, vor allem der

Alamannen, hatte sich die Provinzialbevölkerung wieder

auf jene schützenden Höhen zurückgezogen, die sie am

Beginn der römischen Herrschaft verlassen mußte. Die

stattlichen römischen Gutshöfe (uillae rusticae) waren

längst aufgegeben und das Land konnte nur noch im

Umkreis der schützenden Mauern von wehrhaften

Siedlungen bestellt werden. 7 Der christliche Glaube, der

sich auch in den ländlichen Siedlungen

52


durchgesetzt hatte, konnte sich trotz dieser Bedrohungen

behaupten. In Juvavum ist neben der Gemeindekirche

sogar ein Kloster bezeugt.

Das Wirken des hl.Severin hatte den Zusammenbruch

der römischen Herrschaft in Ufernoricum (südlich der

Donau) noch um einige Jahrzehnte hinausgezögert.

Selbst der Sturz des letzten Kaisers, Romulus Augustulus,

durch den germanischen Heerführer Odovakar im Jahre

476 hatte keineswegs die große Wende herbeigeführt,

wie sie in den meisten Geschichtsbüchern dargestellt

wird. Erst nach dem Tode Severins (t 482) wurde die

Situation unhaltbar. Als König Odovakar 488 den Befehl

gab, daß die bedrohte Bevölkerung von Ufernoricum im

Schutze römischer Truppen das Land verlassen und

„heim ins Reich" nach Italien ziehen sollte, haben nicht

alle dieser Anordnung Folge geleistet. Namhafte Teile

der keltoromanischen Bevölke¬rung sind - teils in

kleineren, verstreuten Gruppen, teils in geschlossenen

Siedlungsgebieten - im Lande zurückgeblieben und im 6.

Jahrhundert unter die Herrschaft der Baiern gelangt.

Gerade das südliche Salzburger Becken von Golling bis

zur Stadt Salzburg bildete nach dem Befund der

Ortsnamen aber auch nach den Berichten der

schriftlichen Quellen ein relativ geschlossenes Rückzugsgebiet

der romanischen Bevölkerung. Man hat es, nicht

ganz zu unrecht, geradezu als die „Salzburger Romania"

bezeichnet. 8

Im 6.und 7. Jahrhundert wurden das Alpenvorland

südlich der Donau bis in den Salzburger Raum aber auch

einzelne inneralpine Beckenlandschaften, wie der fruchtbare

„Gerstenboden" von Saalfelden, von den Baiern

besiedelt. Über die Herkunft dieses Stammes ist

Jahrhund-erte hindurch gerätselt worden. Es hat kaum

ein Gebiet zwischen dem Schwarzen Meer und

Skandinavien gegeben, aus dem man die Baiern nicht in

ihre Heimat zwischen Donau und Alpen einwandern ließ.

Neben den spärlichen Schriftquellen - die Baiern werden

551 in der Gotengeschichte des Jordanes erstmals

genannt - haben in den letzten Jahren vor allem die

Ergebnisse der Archäologie zur Klärung dieser Frage

beigetragen. Der Name Baiuwaren (Baioarii) bedeutet

soviel wie „Männer aus Böhmen". Tatsächlich dürften

noch vor dem Ende der römischen Herrschaft um die

Mitte des 5. Jahrhunderts Männer elbgermanischer

Herkunft aus dem südböhmischen Raum an die Donau

gezogen und dort als Söldner in römische Dienste

getreten sein. Da sie die Besatzung der wichtigen

Kastelle an der Donau stellten und nach dem Ende der

römischen Herrschaft diese Schlüsselpositionen in ihrer

Hand hatten, konnten sie, obwohl eher gering an Zahl,

zum namengebenden Kern des neuen Stammes werden.

Neben ihnen waren Splitter anderer germanischer Völker

wie der Alamannen, Langobarden, Ostgoten und

Thüringer, aber auch

Das Bruderloch spielte möglicherweise im ausgehenden

5. Jahrhundert eine Rolle als Zufluchtsort.

Reste der bodenständigen romanischen Bevölkerung an

der Stammesbildung (Ethnogenese) der Baiern beteiligt. 9

Schon bei den ersten Nennungen in den schriftlichen

Quellen standen die Baiern unter der Herrschaft der

Agilolfinger, die von den fränkischen Königen aus dem

Geschlecht der Merowinger zu Herzogen eingesetzt

worden waren. Mit den geschlossenen Gruppen

romanischer Bevölkerung, die sich auch nach der

bairischen Besiedlung zu halten vermochten, scheint es

zu einer friedlichen Koexistenz gekommen zu sein. Die

Baiern konnten von ihnen vieles lernen: Töpferei,

Weinbau, Salzgewinnung und

53


Almwirtschaft, aber auch Schriftkultur, Urkundenwesen

und nicht zuletzt das Christentum wurde von ihnen an

ihre neuen Herren vermittelt. 10 Diese Entwicklung läßt

sich gerade in der weiteren Umgebung von Vigaun, im

südlichen Salzburger Bekken, an etlichen Zeugnissen

ablesen.

Der Name „Vigaun": „Grossdorf"

Die ältesten bairischen Ortsnamen sind durch die

Endsilben -mg und -heim (-harn) gekennzeichnet. Sie

finden sich nördlich der Stadt Salzburg in auffallender

Dichte. 11 Es genügt auf Beispiele wie Itzling, Anthering

und Eching, Siezenheim und Surheim, Baierham und

Seeham hinzuweisen. Südlich von Salzburg fehlen

derartige Namen vollkommen. Der einzige frühbairische

Ortsname ist Puch, das auf eine alte, schon um 700

genannte Buche als Grenzbaum zurückgeht. 12 Dafür

weist das südliche Salzburger Becken eine auffallende

Dichte romanischer und vorromanischer Ortsnamen auf,

deren Bedeutung oft ganz einfach zu erklären ist. 13

So geht Gamp (bei Hallein) auf ein lateinisches campus

(Feld) zurück, dem Ortsnamen Gfalls (bei Elsbethen) liegt

ein romanisches caballus (Pferd) zugrunde, und die

Ortsnamen Gois von lat. collis (Hügel) und Muntigl von

monticulus (kleiner Berg) im Norden von Salzburg deuten

auf Geländeformen hin. Der Name Rif kommt von lat.

ripa (Ufer) und die Orte Ober-undNiederalm sind nach

den Almbächen benannt, denen zwar ein vorrömischer

Wortstamm zugrunde liegt, der aber im Lateinischen als

albina (die Weiße, Schäumende) auf den bewegten Lauf

dieser Bäche hinwies. Der Name Torren hat sich bis

heute als torrente (Wildbach) im Italienischen erhalten.

Am interessantesten ist zweifellos der Ortsname Wals,

der in den ältesten Salzburger Güterverzeichnissen als

uicus Romaniscus (romanisches Dorf) erscheint. Er wurde

als Walchwis (zusammengesetzt aus Walchen für die

Romanen und weiks/wihs für Dorf) ins Deutsche übertragen

und dann zu Wals kontrahiert. Der Ortsname

Wals hat also ebenso wie der danach benannte

Walserberg - entgegen immer wieder aufgestellten

falschen Behauptungen - nichts mit der Ansiedlung von

Waisern zu tun, die niemals in dieses Gebiet gekommen

sind. 14

Von den Sprachforschern wird besonders auf jene

Ortsnamen hingewiesen, in denen der romanische

Fremdakzent erhalten blieb, wie bei Torren, Marzöll und

Garnei. Da sie im Deutschen die Betonung der

Ausgangssprache behalten haben, sind sie frühestens im

11. Jahrhundert eingedeutscht worden. Es blieb also im

südlichen Salzburger Becken und damit in der Umgebung

von Vigaun bis über die Jahrtausendwende hinaus eine

romanische Vulgärsprache lebendig, wie sie heute noch

südlich der Alpen in Form des Ladinischen,

des Rätoromanischen und des Furlanischen gesprochen

wird. 15

Überblickt man das vielfältige Bild der romanischen

Ortsnamen im südlichen Salzburger Becken, dann

springt die Vielzahl von Namen ins Auge, die mit „G"

beginnt: Grödig, Glas, Gfalls, Gamp, Gois usw. Bei allen

diesen Namen wurde das romanische oder vorrömische

C im Anlaut durch G ersetzt (romanische Lenisierung).

Ein ähnlicher Vorgang ist auch im Wortinneren bei

Namen wie Morzg, Muntigl, Gnigl und Vigaun

festzustellen. Das bedeutet, daß diese Worte die zweite

Lautverschiebung nicht mitgemacht haben und erst im 8.

Jahrhundert oder später eingedeutscht wurden. Eine

gewichtige Ausnahme bildet jedoch das historische

Zentrum des Raumes, Kuchl. Bei diesem Ortsnamen, der

auf Cucullis (Kapuze) zurückgeht, blieb ebenso wie bei

Crethica (Grödig) das C im Anlaut erhalten. Daraus geht

hervor, daß die Baiern schon im 6. oder 7. Jahrhundert

das politische Zentrum Kuchl in Besitz genommen

haben, während die benachbarte Kuchler Alm (alpis

Cuculana), die noch heute Gugelan Alm heißt, davon

ebensowenig betroffen wurde wie die umliegenden

Orte. 16

Die Vorstellung vom südlichen Salzburger Becken als

einem durch Mauern zwischen dem Untersberg und

Juvavum gesicherten romanischen Siedlungsgebiet, in

dem die Baiern nicht Fuß zu fassen vermochten, ist daher

sicher verfehlt. Die Baiern begnügten sich als neue Herrn

vielmehr, mit Juvavum, das unter völligem Bruch mit der

romanischen Tradition in Salzburg umbenannt wurde,

und mit Kuchl die politischen Zentren in Besitz zu

nehmen. Ansonsten aber konnte die keltoromanische

Bevölkerung in diesem Gebiet auch ihre Lebensformen,

ihren Besitz und ihre Sozialstruktur mit einem eigenen

Adel bewahren.

Auch der Ortsname Vigaun darf eine gewisse

Sonderstellung in Anspruch nehmen. Neben dem

bairischen Marzöll bei Reichenhall, das auf den

romanischen Personennamen Marciolus zurückgeht, ist

es der einzige romanische Ortsname für ein altes Dorf.

Die in den ältesten Salzburger Güterverzeichnissen

belegten Formen Fuginas (Notitia Arnonis, wohl

verschrieben für Figunas) und Figün (Breves Notitiae) sind

vom romanischen Wort *vicone abzuleiten, das soviel wie

„Großdorf" bedeutet. Aus dem lateini-schen Wort uicus

(Gehöft, Dorf) wurde mit dem romanischen

vergrößernden Suffix -on- das Wort uicone (Großdorf)

gebildet. Daraus entstand mit der Übertragung ins

Deutsche (noch vor 748) die Form Figün und durch die

bairische Diphthongierung der heute übliche Name

Vigaun. Aus der ursprünglichen Bedeutung des

Ortsnamens, „Großdorf", geht hervor, daß Vigaun schon

im 6. und 7. Jahrhundert im Vergleich

54


zu den benachbarten Siedlungen ein stattlicher Ort

gewesen sein muß. 17 Im Gegensatz zu Wals, das von den

Baiern als „Romanendorf" (uicus .Roman iscus,)

bezeichnet wurde, haben in Vigaun die ansässigen

Romanen ihre Siedlung selbst „Großdorf" (*vicone)

genannt.

Die ersten Nennungen in den ältesten

Salzburger Güterverzeichnissen

Tassilo III. (748-788), der letzte Baiernherzog aus dem

Geschlecht der Agilolfinger, hatte - seit er großjährig war

und allein in Baiern regierte (757) - eine durchaus

eigenständige, königsgleiche Herrschaft entfaltet. In

seinem Vetter, dem Frankenkönig Karl dem Großen,

erwuchs ihm jedoch ein übermächtiger Gegner. Nach

dem Sturz des Langobardenkönigs Desiderius (774), des

Schwiegervaters von Tassilo, und der Unterwerfung des

Herzogs Arichis von Benevent (787) war Baiern das

nächste Ziel von Karls Großmachtpolitik. Vergeblich

versuchte Tassilo durch seine Gesandten, Bischof Arn

von Salzburg und Abt Hunrich von Mondsee, einen

friedlichen Ausgleich zu erreichen. Als Karl der Große

noch im Jahr 787 mit Heeresmacht gegen Baiern

vorrückte, sah sich Tassilo vom bairischen Adel im Stich

gelassen und mußte sich kampflos unterwerfen. 18

Im folgenden Jahr vollzog sich auf der Reichsversammlung

zu Ingelheim am Rhein sein endgültiger

Sturz. Da die Anklagen, er habe den bairischen Adel

gegen Karl aufgewiegelt und ein Bündnis mit den

Awaren als Reichsfeinden geschlossen, nicht für ein

Todesurteil ausreichten, mußten die Ankläger auf ein

Verbrechen zurückgreifen, das Tassilo III. 25 Jahre

vorher begangen hatte. Der junge Herzog war 763 mit

seinen Truppen von jenem Feldzug entwichen, den sein

Onkel Pippin damals gegen Aquitanien führte. Dieser

„harisliz" diente nun als Rechtsgrund, um Tassilo III.

formell zum Tode zu verurteilen und damit den im

bairischen Stammesrecht (Lex Baiuvariorum) verankerten

Anspruch der Agilolfinger auf die Herrschaft über Baiern

zu beseitigen. Karl hat seinen Vetter Tassilo samt Frau

und Kindern dann großmütig zu lebenslanger Klosterhaft

begnadigt. Wann und in welchem Kloster der letzte

Herzog aus agilolfingischem Stamm sein Leben

beschlossen hat, meldet keine Quelle mehr. 19

Die Salzburger Kirche hatte sich seit ihren Anfängen

unter dem hl. Rupert (696) der besonderen Förderung

durch das Herzogshaus der Agilolfinger erfreut. Die

reichen Schenkungen der Herzoge, die Salzburg binnen

weniger Jahrzehnte zum reichsten unter den bairischen

Bistümern machten, schienen mit der Verurteilung und

dem Sturz Tassilos III. ernstlich bedroht. Karl der Große

betonte anläßlich der Bestätigung jener Besitzungen,

die Tassilo III. 777 zur Ausstattung der Abtei

Kremsmünster verwendet hatte, daß diese Güter „durch

die Schenkung des genannten Tassilo keineswegs fest

und unwiderruflich dem Kloster gehören können..". 20 Der

um die Güter seiner Kirche besorgte Bischof Arn von

Salzburg gab deshalb noch im Jahr von Tassilos Sturz

(788) den Auftrag, ein Güterverzeichnis anzulegen. Nach

dem Auftraggeber wird es als Notitia Arnonis bezeichnet.

Das Schwergewicht wurde dabei auf jene Besitzungen

gelegt, die von den Agilolfingern selbst und deren

unmittelbaren Gefolgsleuten an die Salzburger Kirche

geschenkt worden waren; sie schienen in dieser Situation

besonders bedroht.

Bischof Arn betont am Ende des Verzeichnisses selbst,

daß er „diese Sammelnotiz (notitia) mit Zustimmung und

Erlaubnis des allerfrömmsten Königs Karl in demselben

Jahr, als dieser Baiern unter seine unmittelbare

Herrschaft nahm", erstellen ließ. Bis zum Abschluß der

Arbeit und der endgültigen Niederschrift nach dem Diktat

des Diakons Benedikt verging offenbar ein längerer

Zeitraum, da das älteste erhaltene Exemplar der Notitia

Arnonis, eine Pergamentrolle des 12. Jahrhunderts aus

der Abtei St.Peter in Salzburg, ursprünglich mit der

Überschrift „Im Jahre 790 zusammengestellt" versehen

war. 21 Die Entstehungszeit des ältesten Salzburger

Güterverzeichnisses, der Notitia Arnonis, fällt damit in

die Jahre 788-790. Damals wurde auch der Ortsname

Vigaun in der Form ad Fuginas erstmals

niedergeschrieben. Mit der Bestätigung des gesamten

Salzburger Kirchenbesitzes, die Karl der Große noch im

Dezember 790 erteilte, hatte Bischof Arn jenes Ziel

erreicht, dem die Anlage des ältesten Güterverzeichnisses

dienen sollte.

Anläßlich der Erhebung Salzburgs zum Erzbistum im

Jahre 798 ließ Erzbischof Arn ein zweites Güterverzeichnis

anlegen, das nicht nur die einst bedrohten

Schenkungsgüter der Agilolfinger und ihrer Gefolgsleute,

sondern alle Besitzungen der Salzburger Kirche, woher

immer sie auch stammten, erfassen sollte. Diese „Kurzen

Aufzeichnungen" (Breves Notitiae) sind zwar ein

Jahrzehnt jünger als die Notitia Arnonis, behandeln aber

ebenso wie das ältere Güterverzeichnis die Entstehung

des gesamten Kirchenbesitzes seit den Anfängen unter

dem hl. Rupert (696). Da sie die Existenz des Ortes

Vigaun schon unter der Regierung des Herzogs Odilo

(736/37-748) und damit ein halbes Jahrhundert vor der

Niederschrift der Notitia Arnonis bezeugen, gilt es, zuerst

auf diese Nennung einzugehen. 22

Das Kernstück der Breves Notitiae bildet der Bericht über

den Streit um die Maximilianszelle im Ort Pongau, ein

Kloster im heutigen Bischofshofen, dem Aufzeichnungen

zugrundeliegen,

55


Die erste Nennung von Vigaun in den

„Breves Notitiae" zwischen 741 und 748:

Der edle Santulus übergibt seine

Besitzungen in Vigaun an die

Maximilianszene. Der Name „Santulus"

kommt in der 6. Zeile dieses Ausschnittes

vor, „figun" in der 8. Zeile.

die unter Bischof Virgil (746/47-784) angefertigt wurden

(Libellus Virgilii). 23 Darin wird zunächst die Gründung des

Klosters in den Jahren 711/12 genauer beschrieben.

Zwei Brüder aus einer in Oberalm ansässigen

Adelsfamilie (genealogia de Albina), die in engen

Kontakten zum Herzogshaus stand, waren beim Jagen

und Goldwaschen in das dichte Waldgebiet des Pongaus

vorgedrungen. Dort stießen sie in einigen aufeinanderfolgenden

Nächten auf brennende Kerzen und nahmen

einen süßen Geruch wahr. Offenbar hatte in dieser

abgeschiedenen Gegend ein Kult, der von der

provinzialrömischen Bevölkerung zu Ehren des hl.

Maximilian gepflogen wurde, die stürmischen Jahrhunderte

der Völkerwanderung überdauert. 24

Der hl. Rupert, den die Brüder von ihrer Entdeckung

benachrichtigten, ließ dort mit Zustimmung des

Baiernherzogs Theodo ein kleines Kloster erbauen, das

als erster Stützpunkt für die Missionierung jener Slawen

gedacht war, die in der Umgebung siedelten. Neben

Rupert und dem Herzog übergaben auch die beiden

Brüder reichen Besitz, der nicht im Pongau, sondern in

Oberalm lag, an die Maximilianszelle. Daraus ergab sich

ein besonderes Naheverhältnis des jungen Klosters zur

romanischen Adelssippe von Oberalm, die als Mitgründer

Ansprüche auf die Ausstattungsgüter stellte.

Um 720 fiel jedoch die Maximilianszelle einem Vorstoß

benachbarter Slawen, die „grausame Heiden"

(crudelissimi pagani) waren, zum Opfer. Herzog Odilo

(736-748), der selbst aus Schwaben stammte und die

Vorgeschichte nicht kannte, verlieh die Ausstattungsgüter

in Oberalm samt der zerstörten Maximilianszelle seinem

Kaplan Ursus. Dieser war ein Mitglied der Adelssippe aus

Oberalm und ein enger Vertrauter des Herzogs, den er

740/41 ins fränkische Exil begleitet hatte. Der Ire Virgil

jedoch, der wohl nach dem Willen des Frankenkönigs

Pippin 746/47 zum Leiter der Salzburger Kirche bestellt

wurde, nahm sofort den Kampf um das Kloster und seine

Ausstattungsgüter auf. Daraus entstand ein heftiger

Konflikt mit dem Herzog und der von ihm begünstigten

romanischen Adelsfamilie in Oberalm, der bis zum Tode

Odilos 748 nicht beigelegt wurde. 25

Die Initiative des Kaplans Ursus und seiner Verwandten

hatte jedoch dazu geführt, daß die zerstörte

Maximilianszelle wieder aufgebaut wurde. Herzog Odilo

selbst und zahlreiche Adelige, besonders die Romanen

aus Oberalm, übergaben dem Kloster reichen

Grundbesitz. Die Breves Notitiae berichten in einem

eigenen Abschnitt: „Das sind die Güter, die adelige

56


Männer zur Zeit des Herzogs Odilo an die

Maximilianszelle übergeben haben". Gegen Ende der

relativ langen Liste heißt es dann: „Santulus, ein adeliger

Mann, übergab eben-dort, was er an Eigenbesitz in Wals

und zu Vigaun hatte, an Gott und den hl. Maximilian"

(Santulus virnobilisdedit ibidem quidquid proprietatis

habuit in Vico Romcmisco et ad Figün deo et sancto

Maximiliano). 26 Da die Wiederrichtung der Maximilianszelle

erst nach der Rück-kehr Odilos aus dem fränkischen

Exil erfolgte, ist die erste Nennung von Vigaun in die

Jahre 741-748 zu setzen. Wahrscheinlich läßt sich dieser

Zeitraum sogar auf 743-748 eingrenzen.

Gerne wüßten wir, wer jener Edle namens Santulus war,

der als erster Grundherr in Vigaun erscheint. Da er

offenbar nicht zu den Spitzen des bairischen Adels zählte,

liegen über ihn keine anderen Nachrichten vor. Einige

Beobachtungen vermögen jedoch weiterzuhelfen.

Santulus ist ein eher seltener, typisch romanischer Name.

Da zwar Romanen relativ früh begannen, bairische oder

biblische Namen zu führen, die Baiern aber als neue

Herren romanische Namen durchwegs ablehnten, war

Santulus selbst sicher ein Romane. Wals, wo er Besitz

hatte, war geradezu ein Zentrum adeliger Besitzungen,

vorwiegend von Romanen. Unter anderem waren hier

auch die Brüder Boso und Johannes, Gründer der

Klöster Gars am Inn und Zell am See (Bisontio),

begütert. 27 Außerdem berichten die Breves Notitiae noch

von einer zweiten, späteren Schenkung in Vigaun:

„Angelus, ein Priester und adeliger Mann, übergab von

seinem Eigenbesitz im Ort genannt Vigaun (in loco dicto

Figün) an denselben Bischofssitz (Salzburg). 28 Wieder ist

es, wie der Name beweist, ein adeliger Romane, diesmal

ein Priester, der Besitz in Vigaun an Salzburg schenkt.

Bei aller gebotenen Vorsicht wird man daraus schließen

können, daß jene romanischen Adeligen, die in Vigaun

begütert waren, besonders der erstgenannte Grundherr

Santulus, der an die „Familienstiftung" Maximilianszelle

schenkte, zur romanischen Adelssippe von Oberalm oder

zumindest zu deren Umkreis zählten.

Im ältesten Salzburger Güterverzeichnis, der Notitia

Arnonis, wird Vigaun in der Liste der insgesamt 67

bischöflichen Eigenkirchen (ecclesiae parrochiales) an

achter Stelle genannt. Es heißt dort: „Zu Vigaun nur eine

Kirche" (Ad Fuginas ecclesia tantum). 29 Diese

Formulierung nimmt darauf Bezug, daß die Kirche von

Vigaun offenbar über keine entsprechende Ausstattung

mit Grundbesitz verfügte. Für alle anderen Kirchen wird

sonst das Ausstattungsgut (territorium) vermerkt oder die

In den Breves Notitiae ist von

Vigaun noch bei einer weiteren

Schenkung die Rede: Ein Priester

und adeliger Mann namens

Angelus schenkt seinen Besitz „in

loco dicto figun" an den

Bischofssitz. Ang(e)l(u)s in der 6.,

figun in der 7. Zeile des Ausschnittes

aus den Breves Notitiae.

Auf der nächsten Seite ein Ausschnitt

aus dem ältesten Salzburger

Güterverzeichnis, der Notitia

Arnonis, das um 788-790 angelegt

wurde: „Ad fuginas eccl(esia)

tantu(m)" („Zu Vigaun nur eine

Kirche") ist der erste Beleg für eine

Kirche in Vigaun. Im Ausschnitt ist

er in der Mittelspalte in der

sechsten Zeile von oben zu finden.

57


I Zwischen Schlenken und Salzach erstreckt sich das Gebiet uon Vigaun, nach Oberalm die flächenmäßig

zweitkleinste Gemeinde des Tennengaus. Im Blick vom Winterstall auf der gegenüberliegenden Seite der Salzach.

Der Mäander der Feuchtwiese beim Hötlbachgut am Riedl und die Taugl vor dem Austritt in den Tauglgries; zwei

Beispiele für die Vielfalt der Natur in unserer Gemeinde.

58


II Dos „Blasse Knabenkraut" ist In ganz Mitteleuropa

selten und gefährdet, im Niglkar am Schlenken ist einer

seiner wenigen Standorte (links oben). Rechts oben der

Mehlbeerbaum beim Wurzerbauern am Rengerberg, ein

Rosengewächs.

Im Bild auf der Seite 111 die Pfarrkirche vom Dorfplatz

aus.

Links unten die Römerbrücke (siehe Seite 70-73), rechts

unten zwei Kupfergußkuchen aus dem Depotfund von Vigaun

- ein Hinweis auf den bronzezeitlichen

Kupferhandel entlang der Salzach (Seite 53-54).

59


60


IV Das Tympanon der Pfarrkirche mit der Jahreszahl 1488 und dem Steinmetzzeichen, Der hl. Dionysius wird hier

mit nur einem Kopf dargestellt. (Volksmund: „Weil sie für den Kopf keinen Platz mehr hatten, haben sie ihn ihm in

die Hand gegeben.")

Auf den Bildern unten zwei der insgesamt sieben geheimnisvollen Köpfe, die der aufmerksame Besucher in der

Pfarrkirche entdecken kann (siehe Seite 116}.

61


62


genaue Größe des Grundbesitzes von ein bis sechs Hufen

(mansus) angegeben. Nur in St. Georgen bei Salzburg, im

bayerischen Lauterbach und in Vigaun fehlt ein

entsprechender Hinweis. Sicher wäre es verfehlt, daraus

voreilige Schlüsse zu ziehen, auch wenn es auffällt, daß in

Vigaun, Grödig und Anif drei Kirchen des 8. Jahrhunderts

auf relativ engem Raum beisammen liegen. Dabei

hat zweifellos die Kontinuität des spätantiken Christentums

bei den Romanen, die eigene Kirchen in Puch und

Oberalm errichteten 30 , eine wichtige Rolle gespielt.

Zu Mißverständnissen gab und gibt bis heute die

Bezeichnung „ecclesiae parrochiates", mit der die

Kirchenliste der Notitia Amonis überschrieben ist, Anlaß.

Seit dem 12. Jahrhundert wurden anstelle der älteren

Begriffe plebs und piebanus (plebesanus) für die Pfarre

und den Pfarrer die Bezeichnungen parochia und

parochianus üblich. Darauf gestützt wurden die 67

„ecclesiae parochiales" der Breves Notitiae immer wieder

als Pfarren gedeutet und auch von „Urpfarren"

gesprochen. Im 8. Jahrhundert bezeichnete jedoch das

Wort parochia nicht die Pfarre, die es damals noch gar

nicht gab. sondern das Bistum. Aus der Lebensbeschreibung

des hl. Bonifatius erfahren wir, daß er 739

das Herzogtum Baiem in vier parochias, nämlich die

Bistümer Salzburg, Passau, Freising und Regensburg

einteilte. Dementsprechend bezeichnet der Begriff

ecclesiae parochiales jene Kirchen, die zur Ausstattung

(Mensa] des Bistums gehörten und damit direkt dem

Bischof unterstanden. Vigaun war damit eine der 67

bischöflichen Eigenkirchen, die in der Notitia Arnonis

ausgewiesen sind, während die zahlreichen Eigen-kirchen

des Herzogs und des Adels, wie sie z, B. für Kuchl und

Puch anzunehmen sind, natürlich nicht aufscheinen, 31

Zur Errichtung eines einheitlichen Pfarrnetzes, dessen

besondere Kennzeichen der Pfarrsprengel und der

Pfarrzehent waren, ist es erst seit der Jahrtausendwende

unter dem Einfluß der Kirchenreform gekommen.

Gerade das Beispiel Vigaun zeigt, daß zwischen den

bischöflichen Eigenkirchen des 8. Jahrhunderts, die in

der Notitia Amonis genannt werden, und den späteren

Pfarrkirchen überhaupt kein unmittelbarer Zusammenhang

bestand. Zur Mutterpfarre Smatrix ecclesia) - die

Bezeichnung „Urpfarre". die in keiner Quelle vorkommt,

ist gelehrter Unsinn - wurde der zentrale Ort Kuchl

bestimmt, der in der Notitia Arnonis gar nicht aufscheint,

da die Kirche damals Eigentum des Herzogs war. 32 Die

Notitia-Kirche von Vigaun und ihre Nachfolgebauten

waren hingegen nur eine unbedeutende Tochterkirche

der Mutterpfarre Kuchl. Es sollten viele Jahrhunderte

vergehen, bis der uralte Kirchenort Vigaun, das

„Großdorf" des 8. Jahrhunderts, wenigstens den Rang

eines Vikariats erhielt und schließlich 1858 zur

selbständigen Pfarre wurde.

ANMERKUNGEN

1 Salzburger Urkundenbuch (= SUB) Bd. I, ed. Willibald

Hauthaler (Salzburg 1910), S. 11 ZI. 14.

2 SUB II, A 11 ZI. 8 f. Die Edition der Breves Notitiae im

Anhang zum II. Band des Salzburger Urkundenbuchs

(Salzburg 1916) ist der älteren Edition in SUB I. S. 17-52,

vorzuziehen.

3 Zu den Kelten vgl. allgemein Ludwig Pauli (Red.), Die

Kelten Mitteleuropa. Kultur-Kunst-Wirtschaft, Katalog der

1. Salzburgs Landesausstellung (Salzburg 1980); Ernst

Penninger, Die Vorgeschichte, in: Geschichte Salzburgs-

Stadt und Land Bd. I, hg. von Heinz Dopsch (Salzburg 2.

Aufl.1983),S.51-74.

4 Norbert Heger, Salzburg in römischer Zeit. Jahresschrift

des Salzburger Museums C. A. 19 (1973); Derselbe, Die

Römerzeit, in Geschichte Salzburgs I (wie Anm. 3), S. 75-

91.

5 Julius Caesar, De bello Gallico VI, 24; Vgl. dazu Ernst

Schwarz, Baiern und Walchen, in: Zeitschrift für

bayerische Landesgeschichte 33 (1970). S. 915 ff.

6 Eugippius, Das Leben des hl. Severin. Lateinisch und

Deutsch von Rudolf Noll, Schriften und Quellen der Alten

Welt 11 (Berlin-Ost 1963, 2. Aufl. Passau 1981). Zur

Person Severins vgl. Friedrich Lotter, Severinus von

Noricum. Legende und historische Wirklichkeit,

Monographien zur Geschichte des Mittelalters 12

(Stuttgart 1976); Rudolf Noll, Die Vita sancti Severini im

Lichte der neueren Forschung. Anzeiger der

Österreichischen Akademie der Wissenschaften 112

(1975), S. 61-75.

7 Heger, Salzburg in römischer Zeit (wie Anm. 4). S. 157

ff.

8 Schwarz. Baiern und Walchen (wie Anm. 5), S. 898 ff.;

Friedrich Prinz, Salzburg und die Frage der Kontinuität

zwischen Antike und Mittelalter, in: Mitteilungen der

Gesellschaft für Salzburger Landeskunde (= MGSL) 115

(1975), S. 19ff.; Dieter Messner (Hg.), Das Romanische in

den Ostalpen, Sitzungsberichte der Österreichischen

Akademie der Wissenschaften 442 (1984). Franz

Hörburger, Salzburger Ortsnamenbuch, bearb. von Ingo

Reiffenstein und Leopold Ziller, MGSL Erg.Bd. 9 (1982).

S. 33ff.; Ingo Reiffenstein. Baiern und Romanen im

Salzburggau (im Druck für die Schriftenreihe der Arge-

Alp).

9 Hermann Dannheimer/Heinz Dopsch (Hg.). Die

Bajuwaren. Ausstellungskatalog Rosenheim-Mattsee

(München/Salzburg 1988): Zu den schriftlichen Quellen

Kurt Reindel, Die Bajuwaren. Quellen, Hypothesen.

Tatsachen, in: Deutsches Archiv zur Erforschung des

Mittelalters 37 (1981), S. 451-473; Derselbe,

Grundlegung, in: Handbuch der bayerischen

Geschichte, hg. von Max Spindler, Bd.I [2. Aufl.

München 1981), S. 99 ff.

10 Heinz Dopsch, Zum Anteil der Romanen und ihrer Kultur

an der Stammesbildung der Bajuwaren, in: Die Bajuwaren

(wie Anm, 9), S. 47-54; Herwig Wolfram, Die Geburt

Mitteleuropas. Geschichte Österreichs vor seiner

Entstehung (Wien 1987), S. 335 ff.

11 Hörburger. Ortsnamenbuch (wie Anm. 8). S. 63-84; Vgl.

dazu die Karte „Besiedlung im Spiegel der Ortsnamen'' bei

Fritz Moosleitner, Die Merowingerzeit, in: Geschichte

Salzburgs l (wie Anm. 3), S.110/111.

63


64


12 Breves Notitiae, SUB l A 3, ZI. 10f.: ...usque fagum

stantem in medio campo in australi parte ipsorum,

quod wlgo dicitur haganpuocha...

13 Franz Hörburger, Die romanischen und vorrömischen

Ortsnamen des Landes Salzburg, in: MGSL 107 (1967).

S. 1-48; Derselbe, Salzburger Ortsnamenbuch (wie Anm.

8). S. 33 ff.; Reiffenstein, Baiern und Romanen (wie Anm.

8}.

14 Zum Ortsnamen Wals vgl. Hörburger. Salzburger

Ortsnamenbuch (wie Anm. 8), S. 40 f. Zuletzt hat Peter

Sack, Die Berchtesgadener Namen im Licht neuer

Erkenntnisse zur Besiedelung des Alpenraumes, in:

Berchtesgadener Schriftenreihe Nr. 2 (München 1980),

den völlig mißglückten Versuch unternommen. den

Walserberg und auch Wals auf eine angebliche

Einwanderung von Walsern aus dem Schweizer Kanton

Wallis zurückzuführen.

15 Schwarz, Baiern und Walchen (wie Anm. 5), S. 878f.;

Hörburger, Salzburger Ortsnamenbuch (wie Anm 8). S.

35 f. Beide Autoren weisen jedoch auf den Sonderfall

Vigáun hin, wo ein endbetonter Ortsname schon im

8. Jahrhundert (vor 748) ins Althochdeutsche

übernommen wurde.

16 Schwarz, Baiern und Walchen (wie Anm. 5}. S. 886 und

Karte; Reiffenstein, Baiern und Romanen (wie Anm. 8),

mit Karte: Dopsch, Romanen (wie Anm. 10), S. 48 ff. (mit

Karten).

17 Schwarz, Baiern und Walchen (wie Anm. 5). S. 878, 899,

904, 911; Hörburger, Ortsnamenbuch (wie Anm. 8),

S. 34. 44; Reiffenstein, Baiern und Romanen (wie Anm.

8).

18 Peter Classen, Bayern und die politischen Mächte im

Zeitalter Karls des Großen und Tassilos III., in: Die

Anfänge des Klosters Kremsmünster, red. v. Siegfried

Haider, Mitteilungen des Oberösterreichischen

Landesarchivs, Erg.Bd. 2 (Linz 1978), S. 169-187;

Herwig Wolfram, Tassilo III. und Karl der Große - Das

Ende der Agilolfinger. in: Bajuwaren-Katalog (wie Anm.

9}, S. 160 ff.

19 Lothar Kolmer. Zur Kommendation und Absetzung

Tassilos III., in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte

43 (1980), S. 291-327: Walter Laske. Die

Mönchung Herzog Tassilos III. und das Schicksal seiner

Angehörigen, in: Die Anfänge des Klosters

Kremsmünster (wie Anm. 18). S. 189-197.

20 Herwig Wolfram, Die Gründungsurkunde Kremsmünsters,

in. Die Anfänge des Klosters Kremsmünster (wie Anm.

18), S. 51-82, bes. S. 81.

21 SUB I, S. 4, dazu die Abbildung S. 2 und die

Vorbemerkung von Willibald Hauthaler S. 3; Zur Notitia

Arnonis vgl. Herwig Wolfram, Die Notitia Arnonis und

ähnliche Formen der Rechtssicherung im

nachagilolfingischen Bayern, in: Vorträge und

Forschungen 23 (1977), S. 115-130; Fritz Losek, Notitia

Arnonis und Breves Notitiae. Die Salzburger

Güterverzeichnisse aus der Zeit um 800. Sprachlichhistorische

Einleitung, Text und Übersetzung, in: MGSL

130 (1990), S. 5-191.

22 Zu den Breves Notitiae vgl. Alphons Lhotsky,

Quellenkunde zur mittelalterlichen Geschichte Österreichs,

Mitteilungen des Instituts für österreichische

Geschichtsforschung Erg.Bd. 19 (1963). S. 152 f;

Losek, Notitia Arnonis (wie Anm. 21).

23 Herwig Wolfram, Libellus Virgilii. Ein quellenkritisches

Problem der ältesten Salzburger Güterverzeichnisse, in:

Vorträge und Forschungen 20 (Sigmaringen 1977), S.

177-214.

24 Eine Kontinuität des Kults vermutete bereits Friedrich

Prinz, Frühes Mönchtum im Frankenreich (München

1965), S. 403 f. Mittlerweile wurde durch die Ergebnisse

der Ausgrabungen von Andreas Lippert im Bereich des

Pestfriedhofs in Bischofshofen auch eine beschränkte

Kontinuität der Besiedlung in diesem Bereich

wahrscheinlich gemacht.

25 Zur Gründung und zur Frühgeschichte der Maximilianszelle

vgl. SUB I, S. 15 f. und SUB II. A4 f. und A 8 ff.;

Christine Janotta, Die Entwicklung von Kirche und

Siedlung in Bischofshofen. in: MGSL 117 (1977), S. 73-

88; Heinz Dopsch, Bischofshofen im Mittelalter und in der

frühen Neuzeit, in: Bischofshofen-5000 Jahre Geschichte

und Kultur, red v. Roswitha Moosleitner (Bischofshofen

1984), S. 57-101, bes. S. 61 ff.

26 SUB II A 11, ZI. 8 f.

27 SUB I, S. 7 f.

28 SUB II A 14, ZI. 16 f.

29 SUB I, S. 11 ZI. 13.

30 Dazu Wolfram, Libellus Virgilii (wie Anm. 23) und

Dopsch, Bischofshofen (wie Anm. 25).

31 Zu den bischöflichen Eigenkirchen vgl. Romuald

Bauerreiß, Altbayerische „ecclesiae parrochiales" der

Karolingerzeit und der „Phapho“, in: Festschrift Michael

Schmaus (München 1957). S. 899-908; Heinz Dopsch,

Von der bayerischen Besiedlung zur Landesherrschaft der

Salzburger Erzbischöfe, in: Heimatbuch des Landkreises

Traunstein. hg. von Christian Soika (Traunstein 1990),

S. 59-98, bes. S. 70 f.; Eine Übersichtskarte über die 67

bischöflichen Eigenkirchen bei Heinz Dopsch, Die Zeit der

Karolinger und Ottonen. in: Geschichte Salzburgs I (wie

Anm. 3). S. 170/171.

32 Zum Problem der Entstehung eines Pfarrnetzes vgl. Karl

Amon, Eigenkirche und Salzburger Mission, in: Siedlung,

Macht und Wirtschaft. Festschrift Fritz Posch (Graz 1981),

S. 319-333; Derselbe, Vom Archipresbyterat zur

„Urpfarre". Das Landesarchipresbyterat als Ursprung der

Pfarre in der alten Diözese Salzburg, in: Forschungen zur

Landes- und Kirchengeschichte. Festschrift Helmut J.

Mezler-Andelberg (Graz 1988). S. 21-36; Dopsch,

bayerische Besiedlung (wie Anm. 31); Derselbe, Grödig im

Mittelalter und der frühen Neuzeit, in: Grödig. Aus der

Geschichte eines alten Siedlungsraumes am Untersberg

(Grödig 1990), S. 45 ff.

65


VIGAUN IN MITTELALTER UND NEUZEIT

von Alfred Stefan Weiß

„In ältesten Zeiten bedeutungsvoller..."?

Die Kirchensiedlung Vigaun mit ihrer ursprünglich rein

bäuerlichen Bevölkerung, etwas abseits von der Salzach,

von Bahn und Durchzugsverkehr gelegen, ist im Verlaufe

ihrer Geschichte durch den sich auch in zwei Sakralbauten

ausdrückenden bedeutenden Einfluß der Kirche

und durch die Grundherrschaft des Benediktiner-

Frauenkonventes Nonnberg entscheidend geprägt

worden. Diese Annahme findet sich im Gemeindewappen

von Vigaun bestätigt, wo neben dem hl.

Dionysius als Kirchenpatron des Dorfes zusätzlich die

drei dem Wappen des Stiftes Nonnberg entlehnten

goldenen Kugeln bildlich dargestellt werden.

Die angebliche „Römerstadt" im Tauglwald

„Es war im Attergaw ein Statt Cucullae genandt / (zwar

dise Statt die Alten Saltzburgischen Chronicken nicht ins

Attergaw /sonder drey Meil oberhalb Saltzburg/auch alte

Schrifften bey S. Peter zwischen dem Gaißberg vnd dem

Lueg / allem Ansehen nach dermalen der Lerch - vnd

Aichwald Faistelau / wie es die zerfallene Stainhauffen

und Gassen allda / auch nechst daran gelegene Marckt

Kuchl guten Glauben geben.)" 3

Wenn die politische Gemeinde Vigaun mit ihren

Ortschaften Rengerberg, Riedl, St. Margarethen und

Vigaun mit einer Gesamtfläche von 1.755 ha ihre

Bedeutung erst im 20. Jahrhundert nicht zuletzt durch

die Errichtung des Kurzentrums vermehren und ihre

Einwohnerzahl verdoppeln konnte - so zählte Vigaun

beispielsweise 1910 lediglich 802 Einwohner, heute

hingegen bevölkern mehr als doppelt so viele Menschen

diese Tennengauer Gemeinde 1 -, so muß dennoch auch

die für das 19. Jahrhundert getroffene Aussage in einem

Feuilleton der Salzburger Zeitung, daß „Figaun (...) gewiß

in den ältesten Zeiten bedeutungsvoller als im Mittelalter

und in der Gegenwart (war) " 2 als pauschalierend und bei

genauerer Untersuchung sogar als unrichtig

zurückgewiesen werden.

Selbstverständlich konnte Vigaun nicht die Bedeutung

eines Marktes wie Kuchl oder Golling erlangen oder sich

gar mit der Stadt Hallein messen, deren räumliche Nähe,

wie die Betrachtung zeigen wird, für das ländliche Dorf

nicht immer von Vorteil war. Diese Tatsache zu

berücksichtigen, ist eine der Aufgaben des Historikers.

Unter Beachtung dieser Überlegung sollen jene Bereiche

der Ortsgeschichte, die - berechtigter- oder unberechtigterweise

- mit der Römer- bzw. Völkerwanderungszeit

in Zusammenhang gebracht werden, an

den Anfang gestellt und sachthematisch behandelt

werden. Konkret sollen die „Römerstadt" im „Faistelauer

Wald", das „Bruderloch" und die „Römerbrücke"

Beachtung finden. Daran anschließend werden die

wichtigsten Aspekte der Kirchen-, Sozial- und Ortsgeschichte

chronologisch eingehender dargestellt. Als

Abschluß ist noch ein Blick auf die stiefmütterliche

Behandlung des Dorfes in der sogenannten Reiseliteratur

vorgesehen.

In den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts wurde die

Frage nach der Vergangenheit des Tauglwaldes einmal

mehr aktuell: Oberschulrat Josef Neureiter fand 1983 im

Tauglwald ein Fragment einer Säule aus Adneter Marmor

(heute im Adneter Marmormuseum). Das Material ist

Adneter „blinder Scheck".

66


Wie aus dem Zitat hervorgeht, nahm schon der

Salzburger Beamte und Chronist Franz Dückher nach

Mitte des 17. Jahrhunderts an, daß die „Statt Cucullae"

im Faistelauer Wald zu finden sei, der Beamte und

Schriftsteller Benedikt Pillwein hingegen sprach von im

Wald gelegenen Gräber- oder Heidenhügeln. 4 Spätestens

heute wissen wir, daß sich die Phantasie unserer

Vorgänger vor allem an der erstaunlichen Bodenformation

des Tauglwaldes, die bereits im vorigen Jahrhundert

als Trümmerfeld eines Bergsturzes von der

Raspenhöhe identifiziert wurde, entzündete.

Unterstützt durch die Sagenbildung konnte sich immerhin

über mehrere Jahrhunderte die Annahme halten, daß im

Tauglwald die Reste einer antiken römischen Stadt im

Boden der Erde schlummern. Wie entwickelte sich nun

diese nur durch phantastisch anmutende Konstruktionen

aufrechtzuerhaltende Ansicht?

Zunächst kann angenommen werden, daß die Gegend

um Vigaun bereits lange vor ihrem ersten Auftauchen in

den Quellen besiedelt worden ist, worauf sowohl die

Interpretation des Ortsnamens als auch die Lage der

alten Römerstraße schließen lassen. Diese Straße führte

aus Richtung Kuchl kommend durch den Tauglwald und

das Bachbett der Taugl, das häufig trocken lag und zur

Sicherung und Erleichterung des ungefährlichen

Passierens gewissermaßen „gepflastert" gewesen sein

könnte, nach dem Dorf Vigaun. Die Übergänge

befanden sich bei der später so bezeichneten „Tauglmauth",

wo noch im 18. Jahrhundert Maut eingehoben

wurde und in deren unmittelbarer Nachbarschaft auch die

Richtstätte lag, sowie bei der Römerfurt in der Nähe der

heutigen Autobahn. Nach schweren Regengüssen und

während der Zeit der Schneeschmelze ist die Taugl

wahrscheinlich an der Stelle der heutigen „Römerbrücke",

wo möglicherweise schon in frühester Zeit eine

Brücke stand, passiert worden, um sodann über St.

Margarethen die Gegend von Hallein und das offene

Gelände zu erreichen. Der Rechtsanwalt und Heimatforscher

August Prinzinger äußerte sich dazu in folgender

Weise: „Die Birg-, Kuler- und Langgasse mit der

Teufelsbrücke hatten demnach offenbar die Bestimmung,

den Verkehr der Hauptstraße, worein die Langgasse bei

den letzten Häusern Vigauns wieder einmündete, für den

Fall eines Hochwassers der Taugl aufzunehmen, in

welchem Falle die Furthen bei Vigaun und Tauglmauth

nicht gangbar waren." 5

Nach Mitte des neunzehnten Jahrhunderts entbrannte

eine hitzige, nicht ohne Bosheiten geführte Diskussion

um die Lage von Cucullae zwischen dem Professor der

Geschichte in Metten, P. Rupert Mittermüller O.S.B.,

und dem weithin bekannten Staatsbeamten, Schriftsteller

und Historiker Joseph Ernst Ritter von Koch-Sternfeld. 6

Mittermüller berief sich auf die eigenartige

Waldformation, auf die alte Sage über die Existenz einer

Stadt im Faistelauer Wald sowie den Liedtext „Um die

Stadt Vigunium (= Vigaun) fließt ein großes Wasser

„rum" (= die Salzach und das Hochwasser der Taugl) und

die Spuren der ehemaligen römischen Militärstraße.

Einen Felssturz von der jenseitig gelegenen Raspenhöhe

schloß er als Ursache der eigentümlichen Bodengestaltung

des Forstes kategorisch aus. Das Fehlen entsprechender

Bauüberreste erklärte er dadurch, daß das

Salinenamt in Hallein sowie die Bauern der näheren

Umgebung die Ruinen als günstigen „Steinbruch" genützt

hätten. Mehrere Grabungen, unter anderem durch den

Altertumsforscher Pfleger Andreas Seethaler und Bergrat

Mathias Mielichhofer, hätten erstaunliche Funde ans

Tageslicht gebracht. Es war die Rede von einer

römischen Basilika, einer unterirdischen Grotte, Steinsärgen,

Urnen mit Tränenfläschchen u.s.w. Der einzig

mögliche Schluß, der nun aus den Hypothesen des

Geschichtsprofessors gezogen werden konnte, war

folgender: „Kurz, der Georgshügel (bei Kuchl) entbehrt

aller jener Vortheile und Eigenschaften, Spuren und

Ueberreste, die das einstige Dasein des römischen

Castells vermuthen lassen, und die wir von der Faistelau

rühmen können." 7

Der historisch interessierte Kunstmaler und Architekt

Georg Pezolt schlug in dieselbe Kerbe. Bereits 1850

veröffentlichte er in der Salzburger Zeitung einen Artikel,

wo er zur Rettung salzburgischer Altertümer aufrief und

in diesem Zusammenhang auch die Ruinen im Tauglwald

erwähnte. 8 Gemeinsam mit dem Vikar und späteren

Pfarrer von Vigaun, Ferdinand Ritter von Lama, trug er

zur Verbreitung der Idee einer versunkenen Stadt im

Faistelauer Wald bei. Ritter von Lama, der sehr an der

Erforschung der Geschichte seiner Seelsorgestation

Interesse nahm und mehrmals römische Münzfunde dem

Salzburger Museum Carolino Augusteum übergeben

hatte, war ähnlich wie Pezolt mit viel Eifer und vor allem

mit einem hohen Maß an Einbildungs- und Vorstellungskraft

bei der Sache. Ohne stichhaltige Argumente

vorweisen zu können, bediente sich auch Pfarrer Lama in

einer aus dem Jahr 1860 erhaltenen Handschrift

polemischer Seitenhiebe in Richtung seiner Gegner.

„Jeder Unbefangene muß in der Niederlage des gewaltig

ergrim(m)ten besiegten Herrn von Koch auf ein Neues

für die Ansicht des P. Rupert Mittermüller gewon(n)en

werden." 9 Die kommenden Jahrzehnte mit ihren neuen

Ergebnissen brachten diese Annahme aber endgültig zu

Fall!

Der hart angegriffene Ritter von Koch-Sternfeld bewies

in der Folgezeit, daß auch er trotz seines hohen Alters

seine Gegner noch immer mit wohlgezielten Worten

anzugreifen wußte.

67


Er sprach von „archäologischem Humbug" und von den

in der Faistelau „erträumten Herrlichkeiten" 10 ; die

Auffassung Mittermüllers und Pezolts konnte nach der

Veröffentlichung der Entgegnung dieses angesehenen

Lokalhistorikers kaum mehr ernsthaft vertreten werden,

da sich Koch-Sternfeld zusätzlich auf zahlreiche eigene

Vorarbeiten stützen konnte. Pezolt kam derart in

Mißkredit - vor allem durch das sture Festhalten an der

Entdeckung einer angeblich römischen Basilika -, sodaß

noch der Benediktiner P. Anselm Ebner zu Ende des 19.

Jahrhunderts in seiner handschriftlichen Kunsttopographie

des Dekanates Hallein von den Funden in der

Faistelau von Georg Pezolts Erdichtung und

„Mystification" 11 zu berichten wußte. Die be¬deutenden

Geldopfer, die Ritter von Lama und sein Hilfspriester P.

Ambros Prennsteiner für Grabungen nach Altertümern

gebracht hatten, wurden durch ihre Ergebnislosigkeit und

vor allem durch den bereits von Pezolt heiß ersehnten

Bahnbau 1873 von Innsbruck nach Salzburg (Giselabahn)

zunichte gemacht. Pezolt wollte noch „die beim Bau (...)

beschäftigten Ingenieurs aufmerksam machen, daß bei

Abgrabungen etwaige noch verborgene Schätze früherer

Zeiten mit besonderer liebevoller Vorsicht behandelt

werden.“ l2 Weder Koch-Sternfeld - er starb 1866 - noch

Pfarrer Lama (gestorben 1867) erlebten den Beginn der

Aushubarbeiten für die Streckenführung der Bahn durch

den Tauglwald.

Waren bereits die gesicherten Funde der früheren

Grabungen enttäuschend gewesen - es wurde lediglich

ein Gebäuderest sowie ein dazugehöriger Fensterstock im

Winkel zwischen Taugl und Salzach gefunden, in

welchem man die Spuren einer Mühle vermutete 13 -, so

brachte die Bahntrassierung weitere negative Ergebnisse

mit sich. Bei den Arbeiten wurden zahlreiche Hügel des

Waldes durchschnitten, doch konnten keine Spuren einer

früheren Siedlungstätigkeit nachgewiesen werden. Im

Gegenteil: Die Hypothese des Bergsturzes erhärtete sich

noch. Der Straßenbau in den dreißiger Jahren unseres

Jahrhunderts brachte wiederum neue eindrucksvolle

Aufschlüsse mit sich; im Interesse einer guten

Linienführung wurden die teils hohen Hügel abgetragen

bzw. ebenfalls durchschnitten. Der 1975 verstorbene

Salzburger Archäologe Martin Hell berichtete in der

Salzburger Chronik über den Fortgang der

Straßenanlegung. „Und hier zeigt sich ein überraschender

Anblick. (...) (E)s müssen da vorerst vier

haushohe Hügel auf eine Länge von etwa 300 Meter

durchgegraben werden, welche Arbeiten gerade in

vollem Gange sind. (...)Es sind diese nichts anderes als

gewaltige Anhäufungen von Schutt und Felstrümmern,

aus Mergelschiefer und Kalksandsteinen. (...)Die neuen

Beobachtungen können also jene aus dem Jahre 1873

nur bestätigen." 14

Will sich heute der interessierte Laie selbst ein Urteil über

die Existenz einer römischen Stadt im Faistelauer Wald

bilden, so wird es ihm ähnlich wie August Prinzinger vor

bereits mehr als einhundert Jahren ergehen: ,Ich

durchstreifte den Wald mehrmal nach kreuz und quer,

war aber nicht im Stande, irgend die Spur von

Gebäuden, Grotten oder Wällen zu entdecken. " 15

Zu der Thematik der „römischen Altertümer" gehörend,

sei auch noch kurz darauf verwiesen, daß im Brandwald

bei St. Margarethen im Jahr 1855 durch einen Sturm

mehrere Tannen gefällt wurden, wodurch Gebäudereste

zum Vorschein kamen. Da die Vorstellung einer

Römerstadt im Tauglwald immer präsent war, schwankte

die Deutung zunächst zwischen einem römischen

Landhaus und einer mittelalterlichen Burgruine.

Anläßlich der Grabungsarbeiten im Jahr 1934 konnte

endgültig geklärt werden, daß es sich bei der Ruine um

einen ehemaligen Vogelherd handelte, der um 1500

erbaut und gegen Beginn des 18. Jahrhunderts wieder

aufgegeben worden sein dürfte. Dieses Gebäude diente

zur Beförderung des Vogelfanges und soll dem Stift

Nonnberg gehört haben. Auch in diesem Fall erfüllte sich

die Hoffnung des begeisterten Lokalhistorikers Ritter von

Lama nach einer zumindest mittelalterlichen

Vergangenheit des Gebäudekomplexes in keinster

Weise. 16

Das Bruderloch und seine wechselvolle

Geschichte

In einer großen Höhle am Südwestabhang des aus

Konglomerat bestehenden Vigauner Riedls, oberhalb des

Halleiner Burgfrieds, befindet sich das sogenannte

Bruderloch. Noch vor wenigen Jahren war diese

christliche Andachtsstätte nur von Waldesstille umgeben

und lud zum Verweilen ein, heute wird bedauerlicherweise

der Besucher durch die Abgaswolken der motorisierten

Verkehrsteilnehmer und durch den ohrenbetäubenden

Lärm der nahe gelegenen Autobahn in

seiner Beschaulichkeit empfindlich gestört.

Am Fuße des Treppenaufgangs zum Bruderloch ließ der

Fremdenverkehrsverein Vigaun ein Hinweisschild

anbringen, das folgenden Text trägt: „Bruderloch.

Zweitälteste christliche Glaubensstätte des Landes. Um

477 flüchteten Christen aus Salzburg vor den

germanischen Herulern zum hl. Severin und feierten hier

Gottesdienste. Später bewohnten fromme Waldbrüder

die Höhle und noch heute trifft man sich hierzu

Maiandachten." Obwohl nicht die Verwendung der

68


Bruderhöhle als christliche Kultstätte in Frage gestellt

werden soll, so muß dennoch vom momentanen

Forschungsstand ausgehend die Flucht der christlichen

Gemeinde aus Salzburg vor den anstürmenden Herulern

in den Bereich der Legende bzw. Sage 17 verwiesen

werden. Um dies zu zeigen, muß etwas weiter ausgeholt

werden.

In der lokalgeschichtlichen Literatur wird der frühchristliche

Charakter der „Katakomben" im Mönchsberg

zu Salzburg vehement verteidigt und bereits seit langer

Zeit vertreten. Eine in der sogenannten Maximuskapelle

zu Anfang des 16. Jahrhunderts angebrachte Inschrift

besagt, daß im Jahr 477 der Ruthenenkönig Odoaker,

Gepiden, Goten, Ungarn und Heruler den seligen

Maximus sowie fünfzig seiner treuen Gefährten, die sich

in der besagten Höhle verborgen hielten, auf Grund ihres

Glaubens in den Tod stürzten. 18 Der hl. Severin, der

vorübergehend in Kuchl weilte, hätte seinen geistlichen

Bruder zweimal vor den heranstürmenden Feinden

gewarnt, doch dieser sei standhaft in Iuvavum (Salzburg)

geblieben. Die restlichen Glaubensgefährten seien nach

dem Martyrium des Maximus nach Kuchl zu ihrem neuen

Beschützer geflüchtet. Dieses verschobene

Geschichtsbild, wahrscheinlich ein Werk Salzburger

Humanisten, läßt sich auf Abschreibefehler aus der Vita

Severini zurückführen. Dort heißt es in Kapitel 24 der

deutschen Wiedergabe: „Später beorderte der Mann

Gottes auf Grund gewohnter göttlicher Erleuchtung zu

den Bewohnern einer Stadt namens loviaco (mehr als

zwanzig Meilen von Batavis (= Passau) entfernt) einen

Kirchensänger namens Moderatus mit dem Auftrag, alle

sollten unverzüglich ihren Wohnsitz verlassen; falls sie

seine Befehle mißachteten, würden sie bald umkommen."

Auch nach wiederholter Aufforderung verließen die

Bewohner der Siedlung, unter ihnen der Presbyter

Maximianus, ihren Wohnsitz nicht, sodaß es zu den

folgenden Ereignissen kommen konnte. „In dieser Nacht

machten die Heruler unerwartet einen Überfall,

verwüsteten die Stadt, führten die meisten in die

Gefangenschaft ab und hängten den erwähnten

Presbyter an den Galgen." 19 Eine Flucht zum hl. Severin

kann also sicherlich nicht stattgefunden haben, da ja

nicht luvavum (Salzburg), sondern loviaco nach den

Angaben in der Lebensbeschreibung des Heiligen durch

seinen Schüler Eugippius von den Herulern angegriffen

wurde. Ob Severin nun tatsächlich das „Bruderloch"

aufsuchte und bereits im fünften nachchristlichen

Jahrhundert ebendort Gottesdienste gefeiert wurden, läßt

sich hier nicht klären. Jedenfalls verfügen wir über keinen

zwingenden Quellenbeleg, der dies mit einiger Sicherheit

vermuten ließe. Da aber Kuchl nicht allzu weit entfernt

war, stellt es zumindest keine Unmöglichkeit dar, daß die

Höhle schon in frühester Zeit vielleicht auch für

christliche Zwecke genutzt wurde.

Diese geräumige und zur Kapelle ausgestaltete Taghöhle,

die mit frommen Bildern geschmückt bzw. verziert ist,

fand ihre erste urkundliche Erwähnung im Jahr 1556; In

einer von Erzbischof Michael von Kuenburg ausgestellten

Urkunde, die die Grenzen zwischen dem Landgericht

Golling und dem Stadtgericht Hallein neu regelte, werden

unter anderem auch die „Bruderlöcher" als Grenzmarkierung

genannt. 20 Gesichert ist auch, daß die Höhle

einmal besiedelt war, wofür etliche im Felsen eingestemmte

Löcher, die als Halterung für eingezogene

Balken gedient haben dürften, und versinterte, schwarze

Verkrustungen einer ehemaligen Feuerstelle sowie sehr

alte Fundstücke Zeugnis ablegen. Ebenso fallen kleinere

Vertiefungen im Felsen ins Auge, die als Trittmöglichkeiten

zu einer höher gelegenen Nische, wo sich

eine vor Tieren geschützte Lagerstatt anlegen ließ,

gedeutet werden könnten. In späterer Zeit wurde das

Bruderloch angeblich von sieben Brüdern, die den

natürlichen, horizontalen Felsspalt vergrößert hätten,

bewohnt, wovon auch die Bezeichnung „Bruderloch"

stammen könnte. Endgültig läßt sich heute nicht mehr

klären, ob die Höhle hauptsächlich als durch die

vorgelagerte Bewaldung versteckte Zuflucht oder als

Waldbrüderbehausung Verwendung fand.

Tatsache hingegen ist, daß dieser Andachtsort im

September 1899 aus unbekannter Ursache völlig ausbrannte.

Mehrere Wohltäter bemühten sich, die Kapelle

wieder in den ehemaligen Zustand zu versetzen und noch

im selben Jahr konnte sie neu eingeweiht werden. 21 Im

Oktober 1940, also während der nationalsozialistischen

Herrschaft mit ihrer Blut- und Boden-Ideologie, wurden

schließlich die Höhlen „Bruderloch" und „Klause" zum

Naturdenkmal erklärt 22 , ohne jedoch die forstwirtschaftliche

Nutzung in der näheren Umgebung entscheidend

zu beeinträchtigen.

Obwohl das zweite Bruderloch, die Klausnerhöhle bei St.

Margarethen, keine lange geschichtliche Tradition

aufweisen kann, soll es an dieser Stelle behandelt

werden. Während des Zweiten Weltkrieges bot die Höhle

einigen Menschen Schutz vor Fliegerangriffen, da man

ihrem Eingang eine Ziegelmauer vorgesetzt hatte, um

den Luftdruck zu brechen. Die schwer zugängliche,

sieben Meter lange, wenige Meter breite und zwei Meter

hohe Höhle ist heute leer und unbewohnt. Im

vergangenen Jahrhundert hauste darin ein gewisser Karl

Geis(s)ler, ein ehemaliger Zimmermann und vermutlich

ein Verwandter eines hohen geistlichen Würdenträgers in

Salzburg, der gelegentlich vornehme Herrschaften in

seiner Höhle empfing. Die Versuche, diesen alten Mann

im Salzburger Altenheim unterzubringen, schlugen

mehrmals fehl, da der „Sonderling" immer wieder in

seine Klause zurückkehrte. Die allseits bekannte

69


Das Bruderloch (oben) wurde in den

letzten Jahren in einer beispielhaften

Initiative von Christen aus St.

Margarethen und Burgfried wiederhergestellt.

Immer wieder finden hier

Andachten statt - wenn auch die nahe

Tauernautobahn sehr stört.

Die Klausnerhöhle (rechts) befindet

sich in der Wand oberhalb des

nördlichen Ortsendes von St.

Margarethen.

70


Heimatforscherin Nora Watteck beschreibt mit

einfühlsamen Worten das Leben Geis(s)lers

folgendermaßen: „Da sich über diesen Menschen noch

eine lebende Überlieferung erhalten hat, kann man ihr

Dinge entnehmen, die man in Archivalien (oft) umsonst

sucht, nämlich das Bild des Alltags. Man hört, wie ein

vermögensloser Mensch, der nicht arbeitet und in keiner

Gemeinschaft mit einer Familie lebt, die ihn miternährt,

sein Leben fristet, indem er alle drei bis vier Tage

Speisereste einsammeln geht. (...)

Viele Buben der Umgebung suchten diesen

Felsenbewohner auf, um mit ihm zu „dischkerieren " (=

diskutieren, sprechen), meistens aber, um ihm einen

Streich zu spielen. So hatten sie ihm einmal seinen

Kaminabzug, der den Rauch von seiner Feuerstelle in der

Höhle ableitete, mit Papier verstopft, worauf sie vom

schimpfenden Einsiedler verjagt wurden. Nach solchen

Besuchen bei ihm mußten sich die Buben bei ihrer

Heimkehr vorerst ganz umziehen, da sie stets Flöhe mit

nach Hause brachten. Denn seine mit Laub gefüllte

Pritsche habe von Flöhen gewimmelt, so wie auch er

selbst. Er trug einen Bart. Gesicht wie Hände waren

durch das offene Feuer in seinem niederen Felsschlauch

stets schwärzlich geräuchert. (...) Im Winter verdingte er

sich öfters als Kleinkinderaufsicht, um durch einige

Stunden Aufenthalt in einer geheizten Stube sich etwas

aufzuwärmen. In seinen letzten Jahren soll er sich

während der kältesten Jahreszeit beim Hofwirt in St.

Margarethen aufgehalten haben.

Er starb allein und unbemerkt in seiner kalten Höhle. Erst

als er einige Zeit nicht zu sehen war, hielt man

Nachschau und fand ihn tot auf seiner Laublagerstätte

liegen. Mag Karl Geissler auch nicht im strengen Sinn als

Klausner gelten, weil er sich nicht an die vielen

vorgeschriebenen Betstunden hielt, durch sein

unbemerktes Sterben in der Felsenhöhle rückt er in ihre

Reihe. " 23

Vom dritten „Bruderloch" schließlich, das in der sogenannten"

Einauerwand" liegt, ist lediglich bekannt, daß es

einmal von einem Einsiedler, angeblich ein Flickschuster,

bewohnt gewesen sein soll.

Die Römer- oder Teufelsbrücke

über die Taugl

Einige wenige Kilometer südlich vom Dorf Vigaun findet

man die vom Verkehr nur wenig berührte Römerbrücke,

die rundbogenartig den in einer Felsenklamm eingeengten

Tauglbach grandios überspannt. Der sich noch

kurz vor der Brücke ergießende Wasserfall sowie die

bedrückende Enge der Klamm verleihen dem von

Menschenhand geschaffenen Übergang einen Hauch

von Romantik, aber auch von Gefährlichkeit.

Dieses Bauwerk ist auch Gegenstand der volkstümlichen

Sagenbildung, was bereits durch die ältere Bezeichnung

„Teufelsbrücke" angedeutet wird. 24 Daß dieser alte

Brückenbau sowohl vom historischen als auch

kunsthistorischen Standpunkt erhaltenswert erscheint,

beweist auch seine Aufnahme in das Dehio-Handbuch, in

welchem die beachtenswertesten Kunstdenkmäler Österreichs

verzeichnet und beschrieben werden. 25

Die Kenntnis vom Verlauf der Römerstraße im Gebiet

der Taugl verleitete im späten 19. Jahrhundert dazu, daß

man diese Brücke mit einem antiken Bauwerk in

Verbindung brachte. Die Bezeichnung „Römerbrücke"

wurde üblich. Ob aber die Straße nach dem Süden in

römischer Zeit exakt an dieser Stelle oder etwas weiter

westlich über die Taugl führte, mag dahingestellt bleiben;

ein brückenartiger Übergang dürfte aber auf jeden Fall

existiert haben.

Die heutige Bausubstanz ist nun mehr als 370 Jahre alt,

wurde 1613 errichtet und ist keineswegs eine „sicher

römische Arbeit", wie dies noch Sebastian Wimmer Ende

des vergangenen Jahrhunderts annahm. 26 Wie aus den

Hofkammerakten des Pfleggerichtes Golling hervorgeht,

dürfte bereits kurz nach Mitte des 15. Jahrhunderts eine -

wahrscheinlich - Steinkonstruktion die Taugl überbrückt

haben. Spätestens 1585 fiel diese Brücke dann dem

Hochwasser zum Opfer, wofür die Errichtung einer

Holzklause (= eine Wehr bzw. Schleuse zur Aufstauung

eines (Gebirgs)baches zum Holzflößen) mitverantwortlich

war.

Noch 1530 war die „Taukl" als Freibach bezeichnet

worden, d.h. es konnte Holz ohne Unterstützung durch

„Clauswasser" getriftet werden. 1578 wurde jedoch die

„Klausherstellung" in der Nähe der Tauglbrücke befohlen,

um nach Öffnung der Klausentore das Holz mit Hilfe der

durch die Schluchten und Klammen brausenden Wassermassen

schneller und mit geringerem Schaden triften zu

können. Die Triftzeit begann mit der Frühjahrsschneeschmelze

und dauerte normalerweise bis Ende Juli, im

Herbst von Mitte September bis zum Wintereintritt. Die

bedeutendsten und schönsten Waldungen des Taugleinzugsgebietes

waren landesfürstlich und der Saline

Hallein vorbehalten. Das Holz wurde in den Einwurfsorten

im Unterkasbachgraben, beim Hauslehen-, Bendl-,

Unterbrückl -und Lengfeldgut „angewässert", zusätzlich

beim Kolmannsbach, beim Hohen Steg und beim

Kneilbach. Ausgeländet wurde das Triftholz schließlich im

„Halleiner-Rechen", bei der Tauglmühle und unterhalb

derselben. Nach der Ausländung mußte sodann zuerst die

Triftgebühr hinterlegt werden, bevor das Holz abgeholt

werden konnte. 27

71


72


Die Zerstörung der Brücke läßt sich archivalisch durch

ein Bittschreiben der Gerichtsgemeinde Golling an den

damaligen Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau aus

dem Jahr 1597 beweisen. Die „ganze Gerichtsgemain

der Pfleg Golling" ersuchte um ein Hilfsgeld zur

Errichtung einer neuen Brücke. „(...) nachdem ob der

Stadt Haalein zu St. Dioni-sien (Vigaun) über das Wasser

der Tauggl so in regenwetter und güssen plötzlich

anläufft und unversehens groß würde, also das man vil

zeit im jähr weder mit fahrn noch reiten sicherlich nit wol

dadurch körnen kann, ob menschen-gedenkhen, an

einen bequemen ort eine guete wol und stark gesözte,

gewölbt star nern Pruggen in der landstrassgstandten,

doch ist solche, durch machung in dem graben einer

holzklausen (dl aber vor nit gewesen) in dem gewässer

und güssen zerrissen und sie weckhgetragen worden,

welche sonsten außer dessen, etwa in ewigkheit

beständig blieben wer (...). " 28

Damit verdient die „Taugglprügge", wie sie in den

Quellen genannt wird, erwiesenermaßen die Bezeichnung

„Römerbrücke" nur mehr in Hinblick auf ihre

Bauart. Bereits 1585 war an der Stelle der weggerissenen

Brücke eine Holzkonstruktion errichtet

worden, die jedoch nur wenige Jahre klaglos in Anspruch

genommen werden konnte. Der Erneuerungsbau aus

Lärchenholz von 1597, dessen Kosten - 120 Gulden -

durch Zolleinnahmen teilweise hereingebracht werden

sollten, befand sich sechzehn Jahre später wiederum in

einem derart desolaten Zustand, daß dieser nur unter

Lebensgefahr passiert werden konnte.

Auf Grund der Klagen des Pflegers in Golling erklärten

sich neunzehn Rotten des Gerichtsbezirkes bereit, die

nicht geringen Kosten für den Neubau einer Steinbrücke

zu übernehmen. Verständlicherweise scheute man den

hohen Aufwand, da Ende des 16. bzw. Anfang des 17.

Jahrhunderts die Passanten den Umweg über die

Teufelsbrücke nur dann auf sich nahmen, wenn sie der

Wasserstand der Taugl dazu zwang. In einer Art „Bauverhandlung"

an Ort und Stelle schlossen die Vertreter

der Rotten mit den Bauausführenden einen zwölf Punkte

umfassenden Vertrag (Geding). Einige Aspekte der

Vereinbarung seien hier exemplarisch angeführt:

„Fürnemblich und erstlichen solln Meister Andre

Maurermaister, Georg Reindl, Hanns Prunner, die

Pruggen über die Tauggl von Holzwerch gemacht und

alle erfaullt abwerfen, -zum andern solln si anstath

derselbig ein von Nagelstuckh gewölbte pruggen hinüber

richten und machen, -drittens solle die pruggen gegen

Golling werts, zur einfahr 18 schuech in die prallen (ca.

5,3 m), damit einer mit ainen vierroßigen Wagen die

reider, wol gehaben mag: in mitts der prugg, da dieselb

am engnstn ist, solle sie sambt den

prustmeyrln 14 schuech in die praitn (ca. 4,1 m) haben.

(...) - zum achten solln sy die eisenkheul zum verzwickhen

selbs hergeben, der obrigkait in augenschein bringen,

damit man sieht, wie viel man verpraucht hat, irem

anzaign nach miessen si der kheul 18 haben, ain p. 5 kr

(= Kreuzer). (...) - zum ailften solln die maister alle

paumaterialia von stain, sant, khalch und alles was man

dazue bedarf, in suma nichts ausgenommen, hergeben

und auf ire Kosten ausrichten. - zum zwölften. Da inen

den maistem inn werenderarbeit, viel oder wenig wurde

mislingen, soll es die gemain keineswegs entgellten.

Sowol solln si di pruggen immer jar und tag zu erpaun

schuldig sein, bey Verpfändung aller irer haab und

guetter und solln für hier-uor verstandtne arbeit, inen den

maistem durch die undtherthanen 190 fl. (= Gulden)

bezallt und richtig gemacht werden. " 29

Bei der „Römerbrücke", die vermutlich älteste Brücke im

Bundesland Salzburg, handelt es sich um ein echtes

Gewölbe, welches man über einer hölzernen Tragkonstruktion

aufrichtete. Nach dem Abriß der Tauglmühle

verlor auch die Teufelsbrücke etwas von ihrer

faszinierenden Anziehungskraft, die sie noch Mitte des

neunzehnten Jahrhunderts auf den Wanderer Pater

Joanes Ev. Gries vom Konvent des Erzstiftes St. Peter

ausgeübt hatte, der die Taugl euphorisch als

smaragdgrüne Quelle im dunklen Schoß einer Marmorkluft

darzustellen wußte. 30

Zu Beginn unseres Jahrhunderts mußte sich auch der

Salzburger Landtag mit der Teufelsbrücke beschäftigen,

da die Gemeinde Vigaun eine Petition an denselben um

eine Subvention aus dem Landesfonds für Zwecke der

Umlegung der Gemeindestraße vom Klabachgut bis zur

Römerbrücke richtete. Die Sanierungsarbeiten konnten

Ende 1904 als abgeschlossen betrachtet werden und

verursachten - zusammen mit der Umlegung der

Gemeindestraße - eine Gesamtkostensumme von 6.100

Kronen. Da die Gemeinde Vigaun bedingt durch ihre

angespannte finanzielle Situation nicht in der Lage war,

diesen Geldbetrag aufzubringen, bewilligte die

Landesregierung eintausend, das k.k. Ministerium für

Kultus und Unterricht auf Anregung der k.k.

Zentralkommission für Kunst und historische Denkmale

in Wien weitere 3.000 Kronen. Zu dieser Zeit glaubte

man noch vielfach, daß der Brückenbau der Römerzeit

zuzuschreiben sei (z. B. in den Kreisen der

Landesregierung). 31 Ohne das altertümliche Aussehen

der Brücke zu beeinträchtigen, wurde aber auch den

Sicherheitsanforderungen Rechnung getragen und

„durch das beiderseitige starke Brückengeländer die

Gefahr, daß Roß und Wagen einmal in die Taugl

hinabstürzen könnten, für immer beseitigt". 32

73


Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde die Gemeindestraße vom Klabachgut zur Römerbrücke umgelegt und die

Stirnmauer erhöht. Im Bild das „Project" für diese Maßnahme.

Auf Seite 71 die Brücke vor dieser Maßnahme. Rechts die „Tauglmühle".

74


Ausgewählte Aspekte der Ortsentwicklung,

Kirchen- und Sozialgeschichte

Es wird den Leser vielleicht verwundern, daß der Autor

die Ortsentwicklung in einen sehr engen sachthematischen

Zusammenhang mit der Kirchengeschichte bringt.

Dazu sei erklärend erwähnt, daß im ländlichen Dorf

Vigaun die Entwicklung von der bereits archivalisch früh

faßbaren Kirche ihren Ausgang nahm. Das Leben spielte

sich unter Aufsicht der Kirche ab, und diese beeinflußte

die sozialen Strukturen und Beziehungs-gefüge der

Dorfbewohner. Zugleich darf auch nicht übersehen

werden, daß das Frauenkloster Nonnberg über einen

langen Zeitraum der größte und damit bedeutendste

Grundherr war. Wechselseitige Einflüsse lassen sich

feststellen, und wenn sich auch die Vigauner in keiner

Zeitepoche gegen die priesterliche Seelsorge auflehnten,

so gab es doch immer wieder ernsthafte Auseinandersetzungen,

die aber letztlich geregelt werden konnten. In

diesem Sinn war es auch gewissermaßen ein

respektvolles Kompliment, als der Vikar Joseph Anton

Waldmann in seinem „Seelsorgs-Berichte für das 1ste

Semester 1824/25" mit aufrichtiger Überzeugung

festhalten konnte, daß die Erwachsenen als auch die

Kinder fleißig den Gottesdienst besuchen und daß

Mißbräuche in religiöser Hinsicht in seinem Vikariat

nicht aufkommen. 33

Von den ersten Quellen bis zum Ausgang des

Mittelalters - die Grundherrschaft Nonnbergs

Nach der frühen Erwähnung des Ortes und seiner Kirche

in den Salzburger Güterverzeichnissen aus der Zeit um

800 fehlt für die folgenden Jahrhunderte ein weiterer

Quellenbeleg. Als Folge der Ungarneinfälle könnte im

10. Jahrhundert auch die Kirche und die Siedlung in

Vigaun in Mitleidenschaft gezogen bzw. zerstört worden

sein. Kurzzeitig galt die Gräfin Hemma von Gurk, die

zahlreiche Kirchen und Kapellen stiftete, als Wiederherstellerin

des Kirchenbaues (um 1040), doch konnte

diese Annahme nicht ernsthaft aufrechterhalten werden.

Kritisch meint dazu der Benediktiner P. Anselm Ebner:

„Die Abschrift einer Non(n)berger-Urkunde (...), daß die

selige Hem(m)a „ Campos Hadrianos" iuxta Fuginas" (=

die hadrianischen Felder nahe bei Vigaun) an Non(n)berg

schenkt, ist fingiert, da G. Pezolt diese Abschrift erst bei

P. Bernard von Viecht sah, als letzterer bereits 4 Jahre

im Grabe lag. Zu Non(n)berg, München, Viecht (...) weiß

man nichts von einer solchen Urkunde. " 34

Aus dem frühen zwölften Jahrhundert schließlich verfügen

wir über eine gesicherte Erwähnung zumindest des

Ortes Vigaun, von einem Sakralbau verkünden die

Quellen hingegen nichts.

Erzbischof Konrad I. verlieh 1117 zu Friesach auf Bitten

der Äbtissin des Benediktiner-Frauenstiftes Nonnberg,

Diemut HL, die Vogtei über dieses Kloster dem

Markgrafen Otakar IV. von der Steiermark, schenkte

dem Kloster einen Acker bei den Weingärten in Arnsdorf

in Niederösterreich und bestätigte eine Reihe in der

Urkunde aufgeführter Besitzungen, wozu auch Vigaun

mit seinen Rotten zählte („Figun cum viculis suis"). 35

Nachdem Konrad I. bereits seiner Schwester Diemut das

Besitztum bestätigt hatte, stellte er ihrer Nachfolgerin

Wirad 1144 erneut eine Urkunde aus, die die erwähnten

Schenkungen zum Gegenstand hatte („Vigune cum

viculis suis"). 36 Trotz einer großen Anzahl von

Besitzungen dürften die Einkünfte Nonnbergs aber nicht

übermäßig groß gewesen sein. Da die Bischöfe und

Erzbischöfe von Salzburg bis ins 12. Jahrhundert

zugleich auch die Eigenklosterherren von Nonnberg

waren, scheinen die klösterlichen Besitzrechte auch in

dem unter Bischof Arn angelegten Güterverzeichnis der

Salzburger Kirche, in der sogenannten Notitia Arnonis,

auf. Im 14. Jahrhundert, als das Nonnberger Urbar

abgefaßt wurde, befanden sich annähernd alle diese

Besitzungen noch unter Aufsicht des Klosters. 37

Das Frauenkloster auf dem Nonnberg war also seit f

rühester Zeit Grundherr in und um Vigaun. Zum

Zeitpunkt der Bauernbefreiung 1848 und Ablöse der

Grundherrschaft scheinen daneben zusätzlich noch das

Stift St. Peter, das Bürgerspital St. Blasius in Salzburg

oder beispielsweise die Kirche in St. Margarethen als

Grundbesitzer kleineren Umfangs auf. In früheren Zeiten

war auch der Erzbischof Grundherr in Vigaun gewesen.

Die Besitzerlisten und Grundherren der einzelnen Häuser

und Bauerngüter zeichnete dankenswerterweise Pfarrer

Max Ringlschwendtner in den dreißiger Jahren auf,

wobei er sich in seiner kurzen Häuser- und

Familiengeschichte auf die Vorarbeiten seines Vorgängers

in der Seelsorge, Pfarrer Simon Rettenpacher,

stützen konnte. 38

Bevor nun auf das Urbar aus dem 14. Jahrhundert näher

eingegangen wird, muß zunächst die Frage nach der

Bedeutung der Grundherrschaft gestellt und zugleich

auch abgeklärt werden, welche Leiheformen grundsätzlich

möglich waren: Der Stand des freien Bauern, der

also keinem Grundherrn dienstpflichtig und noch im 12.

Jahrhundert eine beachtliche Rolle zu spielen fähig war,

verschwand völlig bis zum Ende des Mittelalters. Die

zunehmende Bedrohung durch Kriege, die steigenden

Anforderungen des Kriegsdienstes sowie die damit

verbundenen Kosten der militärischen Ausrüstung, aber

auch die Willkürmaßnahmen mancher Adeliger waren

maßgebliche Gründe, daß viele Bauern freiwillig auf ihre

75


Freiheit verzichteten und sich einem geistlichen oder

weltlichen Grundherrn unterwarfen. Gelegentlich trugen

auch wirtschaftliche Schwierigkeiten zu der Entscheidung

bei, sich als Zinspflichtige beispielsweise an das Kloster

Nonnberg zu übergeben.

Das im 11. Jahrhundert einsetzende Bevölkerungswachstum

führte zu einer neuen Rodungs- und

Kolonisationswelle. Den dringend benötigten Grund und

Boden konnten junge Bauernsöhne aber nur von

geistlichen bzw. weltlichen Grundherren erhalten, denen

sie von nun an Abgaben leisten mußten. Im allgemeinen

ging der Bauer von waldumstandenen Siedlungsinseln

aus an die äußerst schwere Rodungsarbeit, wobei

bäuerliche Gemeinschaften einander Hilfe leisteten. Dem

Rodungsbauern wurden - sozusagen als Starthilfe -

unentgeltlich Baumaterial, Saatgut, Gerätschaften und

Vieh zur Verfügung gestellt, außerdem brauchte er

längere Zeit keine Pacht zu zahlen. In Notzeiten, bei

Unwetterschäden, Seuchen oder Brandunglück bewahrte

ihn der Grundherr vor drohender Armut und Hunger.

Nach Möglichkeit wurden zuerst gute Böden in günstiger

Lage kultiviert, danach legte man sogenannte

„Schwaigen" in mittleren Hanglagen an, wo die

Bauernfamilien meist nur mehr Viehzucht betreiben

konnten.

Mit der Auflösung der grundherrlichen Eigenbetriebe

waren für den Grundherrn nicht mehr der persönlich

geleistete Dienst sondern die Zinse und Abgaben der

Hintersassen von wesentlicher Bedeutung. Allmählich

entstand ein einheitlicher Bauernstand, welcher sich mit

Ende des 13. Jahrhunderts als wirtschaftlich besonders

günstig gestellt präsentierte. Durch die schriftliche

Fixierung der Dienstleistungen blieben die Abgaben

gleich, die Erträge der meisten Güter konnten durch eine

verbesserte Agrartechnik und Viehhaltung in der Regel

spürbar gesteigert werden. Die Natural- und / oder

Gelddienste waren üblicherweise „zu Georgi" (= 23.

April) und „zu Martini" (=11. November) fällig und

wurden auch als Zins, Gült oder Gilt bezeichnet. Die

Naturalabgaben richteten sich verständlicherweise nach

der Produktionsart des Bauerngutes und umfaßten

Getreide (Roggen, Korn, Hafer), Kraut, Rüben, Erbsen,

Roßbohnen, Mohn etc. Im Gegensatz dazu hatten

Schwaigen hauptsächlich tierische Naturalabgaben als

Pacht und Grundsteuer zu leisten, wobei eine

durchschnittliche Schwaige über zwölf Kühe oder fünfmal

soviele Mutterschafe mit Lämmern verfügen konnte. Der

Nonnberger „Swaighof" in Vigaun diente beispielsweise

„300 cház", wobei jeder Käse die „fronchost" (=

festgesetzter Preis für eine Naturalabgabe an die

grundherrliche Küche) wert sein sollte. Das

Durchschnittsgewicht eines Dienstkäses wurde mit ein bis

zwei Pfund veranschlagt; im Nonnberger Amt Vigaun

legte man dieses mit 1 1/2 Pfund fest, um

im 17. und 18. Jahrhundert die Geldablöse der

Käsedienste nach Gewicht besser berechnen zu

können. 39 Wie aus dem Beispiel ersichtlich wird,

wandelte der Grundherr im Verlauf der Jahrhunderte die

Naturaldienste teilweise oder gänzlich in Geldleistungen

um, der Abgabenpflichtige konnte seine Erzeugnisse

nunmehr frei verkaufen. 40

Sämtliche Grundbesitztümer der Abtei Nonnberg waren

in viele und zugleich kleinräumige Ämter gegliedert. Das

vorliegende Urbar verzeichnet nicht weniger als zwanzig

Amter (officia). In diesem „officium" Vigaun wurde nun

die Urbarverwaltung von Amtleuten ausgeübt, die

Gerichtsbarkeit hingegen war Angelegenheit des Vogtes

der Äbtissin (seit 1334 übte der Erzbischof die

Vogteirechte aus).

Das Schachtengut gehört zu den vielen Vigauner

Bauerngütern, deren Grundherrschaft das Stift Nonnberg

war. Beim alten Haus handelt es sich um einen

Tennengauer Einhof (bezeichnet 1739) mit Katzenfirst

und freistehendem gemauertem Backofen.

76


Die Pachtdauer kannte drei Stufen: Die ungünstigste

Leiheform war die sogenannte Freistift, bei welcher eine

Pachtkündigung zu gewohnheitsrechtlich fixierten

Terminen möglich war. Hatte ein Bauer hingegen ein

Gut zu Leibgeding, so war er auf Lebenszeit der einzig

berechtigte Pächter dieser Liegenschaft. Um eine gute

Bewirtschaftung durch den Grundholden zu gewährleisten,

setzte sich ab dem Spätmittelalter immer mehr

die Erbleihe durch, was in der Folge zu einem

generationenlangen Verweilen der bäuerlichen Familien

auf den Höfen der Vorfahren führte. 41 Der Erbhof war

Mitte des 17. Jahrhunderts auch im Amt Vigaun weit

verbreitet, wie die entsprechende Güterbeschreibung aus

dem Jahr 1652 deutlich vor Augen führt. 42 Die Anlait,

eine Erbschafts- und Grunderwerbssteuer - ca. 5% des

Schätzwertes - sowie die Dienste mußten natürlich weiter

entrichtet werden.

gentlich auch mit diplomatischen Aufgaben betraut

wurden, Teile der Burg Radeck, das Landgericht

Hallwang und die Vogteien zu Elixhausen, Pebering, Glas

und Vigaun an Erzbischof Friedrich III. (1315-1338).

„(...) auch alle unser vogtay, di wir gehabt haben ze (...)

Vygaun mit allem recht und gewonheit, als wirsi und

unser vordem herpracht haben und mit allem di(e)nst, ez

sein pfenning, habern, haw(e), huener und ayer eder

ander di(e)nst mit stew(e)er mit gerichte (...) verchauffet

und geantwurtt haben unserm gena(e)digen herren

ertzbischolf Fridreichen von Salzburch und seinem

gotshous (...)." 46 Eine Erwähnung fand dieses

Rechtsgeschäft auch in einer 1335 ausgestellten

Urkunde, mit welcher der Erzbischof verschiedene

Gottesdienste im Dom stiftete und unter anderem die

Vogtei Vigaun zur Entschädigung der erzbischöflichen

Mensa, aus der der Unterhalt des Landesfürsten

bestritten wurde, vorsah. 47

Das Nonnberger Urbar aus dem zweiten Viertel des 14.

Jahrhunderts, das die Güter der Grundherrschaft und die Verständlicherweise hatte der Landesherr Interesse

darauf lastenden Dienstverpflichtungen auflistete, daran, die Schutzvogtei an sich zu ziehen, denn diese

beschrieb auch die Abgaben des Amtes Vigaun. Großteils

handelte es sich dabei um Käse-und Hühnerdienste. So

Politik erweiterte einerseits seinen Machtanspruch und

vermehrte andererseits seine Besteuerungsrechte. Der

mußte „Chunrat der Arczt (...) von dem gut genant ehemalige Direktor des Salzburger Landesarchivs, Franz

Chersuel 50 chaz" abliefern. Ringlschwendtner vermutet,

daß die Vigauner mit diesem „Chunrat" bereits vor mehr

als 650 Jahren einen „Arzt" in ihren Reihen hatten,

schränkt aber zugleich ein, es könne sich keineswegs um

einen hochgelehrten Herrn gehandelt haben. 43 Daneben

gab es auch unterschiedlich hohe Geld- und Holzabgaben,

beispielsweise dienten die Brüder Heinrich der

Mair und Chunrat von dem Gut in „Pawenhofen" (= St.

Margarethen) „16 fluder witt" (ein „Fluderwid" ist ein

Fuder Holz bestehend aus acht Holztrümmern, wie sie

zur Anfertigung von Flößen Verwendung fanden). Neben

der Kirche befand sich der Nonnberger Zehentstadel, der

Pagitz, meint zu diesem Problemkreis. „Vor 1200 wurde

der Besitz des Hochstiftes Salzburg und der anderen

Stifte von den weltlichen Großen bevogtet. Diese Vogtei

über das Kirchengut war als Institution zum Schutz und

zur Verteidigung des Kirchengutes bestimmt gewesen,

zugleich besaß der Vogt die gerichtsherrliche Gewalt über

die Untertanen. Der Hauptvogt konnte die Vogtei an

Untervögte zu Lehen vergeben, die in manchen Fällen

das ihnen anvertraute Amt zur Bedrückung der Bauern

mißbrauchten. Die Vögte waren auch beim Stifttaiding (=

Tag, an dem der Grundherr mit den Bauern über die

Besitzeinführung verhandelte) gegenwärtig, und sie

1939 der Straßenverbreiterung zum Opfer fiel, „in versuchten immer wieder, sich in die An- und Abstiftung

welchem man jährlich den Zehent (...) von Vigaun und der Bauern einzumengen." 48 Der Erzbischof konnte im

Pämbhofen führen tut. Das Zehentgetreide von den Amt Vigaun von nun an eine zweijährliche Vogtsteuer

Hablingerhöfen und Ahausen daselbs herum bis auf den einnehmen, die zum Herbsttermin fällig war, und

Pöchtlhof legen die Nunnbergischen Fuhrknechte bei zusätzlich die Gerichtsagenden durch einen Vertreter

schönem Wetter auf dem Feld auf (welches Auflegen ausüben. Wie bereits erwähnt wurde, hatte Erzbischof

beiläufig zu morgens 6 Uhr anfängt) und führen solches Konrad I. zu Beginn des 12. Jahrhunderts die Vogtei

nach Salzburg in den Nunnbergischen Meyerstadl. " 44 über das Kloster Nonnberg, zu dessen Urbarbesitz das

Amt Vigaun zählte, dem Markgrafen Otakar IV. von der

1273 kam es zur nochmaligen Bestätigung der Steiermark übergeben. Danach ging sie auf die

Besitzungen des Klosters Nonnberg. Papst Gregor X.

beurkundete im Mai dieses Jahres namentlich die Rechte,

Freiheiten und Besitzansprüche des Benediktinerinnen-

Babenberger und anschließend auf die Habsburger über,

wurde zum Streitobjekt zwischen Erzbischof Rudolf von

Hoheneck (1284-1290) und Herzog Albrecht L, aber

Konventes, darunter auch diejenigen in und um Vigaun. 45 schließlich dem Herzog zugesprochen. Da die

Annähernd 60 Jahre später (1334) verkauften die Brüder

Ruger und Heinrich von Radeck, die als Salzburger und

Passauer Ministerialen unter den Salzburger Dienstmannen

eine wichtige Stellung bekleideten und gele-

Habsburger in den folgenden Jahrzehnten jedoch nur

wenig Interesse an der beinahe ertragslosen Vogtei

zeigten, bestellten die Äbtissinnen von Nonnberg unter

Mitwirkung der Erzbischöfe bisweilen Untervögte. 49

77


Das Duldinggut am Riedl hatte (ausnahmsweise) als

Grundherrschaft nicht das Stift Nonnberg, sondern das

Salzburger Bürgerspital. Vor dem alten Haus die

Brunnenhütte mit dem 25 m tiefen Brunnen.

War bisher fast ausschließlich von Vigaun die Rede, so

soll auch der Ortsteil St. Margarethen natürlich nicht

völlig vernachlässigt werden. Bereits nach 1131 übergab

der Hochstiftsministeriale Hiltibrant de Pabinhouin (=

Baumhofen, der frühere und heute nicht mehr

gebräuchliche Name für das Dorf St. Margarethen,

Baumhofen wahrscheinlich nach dem Personennamen

Pabo) vor seinem Eintritt in das Kloster St. Peter dem

Abt verschiedene Güter. 50 Keineswegs erwiesen ist

jedoch, wie gelegentlich behauptet wird, daß der

möglicherweise namengebende „Bauernadelige" Pabo

seinen Wohnsitz in einer Burg am Riedl gehabt hat,

bevor er sich ins klösterliche Leben zurückzog. Grabungen

konnten am Riedl bisher nur einen Vogelherd

eindeutig nachweisen. Um 1259 scheint dann ein gewisser

Livpoldus de Pebenhoven als Zeuge in einem

Rechtsgeschäft auf. 51 Bereits ein Jahr zuvor hatten die

erzbischöflichen Ministerialen Kuno und Otto von Gutrat

auf Bitte des Klosters Nonnberg demselben die Güter

„Holenpach" (in Vigaun) und die Wiese „Pabenhoven" zu

ihrem und dem Seelenheil ihrer Verwandten

abgetreten. 52 Der Gebietsstand des Klosters im späteren

Amt Vigaun hatte sich wieder etwas vergrößert. Ab dem

15. Jahrhundert treten sodann immer häufiger

Bewohner („Ansässige") Baumhofens und Vigauns in

Urkunden als Rechtspartner bzw. als Zeugen auf. Die

einzelnen Belege können hier aber nicht gesondert

berücksichtigt werden. Es sei lediglich ein Beispiel aus

dem frühen 16. Jahrhundert angeführt. So gelobten „

Wolf gang Nechl und Leonhart Dürführ d. Z. des

Erwirdigen gotshauß sandMargrethen zu Pabenhofen

vnderhalb Vigawn in Kuchler Pfarr zechpröbst" dem

Kloster Nonnberg, von dem erkauften, aus dem Kendlgut

zu St. Margarethen gebrochenen, Haus jährlich 32

Pfennige zu dienen. 53 Auch die Urbaramtmänner zu

Vigaun wurden gelegentlich „aktenkundig".

Der Bau der Kirchen...

Zu den für die Kirchengeschiche Vigauns wichtigsten

Beurkundungen zählt ein Rechtsvergleich aus dem Jahr

1444, mit welchem sich Nikolaus Hampel, Bürger in

Salzburg, mit den Kirchpröbsten von „Kuchel, S. Nicla,

Vigawn und Pabenhouen" bezüglich der Forderungen an

das Gut „Taugkelholcz", das bereits 1422 an Hampels

Vater verkauft worden war und unter anderem ein halbes

Pfund Pfennige, vier Hühner und 60 Eier abzuliefern

hatte, einigte. 54 Neben dem Rechtsinhalt ist vor allem

aber bedeutsam, daß „Niclas Puechberger Peter Staindel

zechpröbst S. Dyonisen zw Vigawn, Hanns von Chondel

Niclas Haller zechpröbst S. Margreten Kirichen zw

Pabenhouen" aufgeführt wurden, womit wir spätestens

ab diesem Zeitpunkt einen Quellenbeleg für die

gemeinsame Existenz der beiden heutigen Dorfkirchen

haben. Die Filialkirche zur hl. Margaretha war bereits

wenige Jahre zuvor - 1437 - als „Sand Margretten in

Pabenhofen " in den Quellen aufgeschienen und soll der

Legende nach einer reichen Weißwarenhändlerswitwe in

Hallein ihre Entstehung verdanken. Für die glückliche

Ankunft eines Schiffes in Venedig, beladen mit ihr

gehörenden Waren, gelobte sie angeblich einen

Kirchenbau. Dieser gotische Bau mit der alten Umfriedungsmauer

dürfte in die erste Hälfte des 15.

Jahrhunderts zu datieren und an der Stelle eines viel

älteren errichtet worden sein; das genaue Alter der

Kirche läßt sich heute leider nicht mehr ermitteln.

Ähnlich ergeht es uns mit der Altersangabe der

Pfarrkirche (seit 1858) zum hl. Dionysius: Zwar wird

„Sand Dyonisen zu Figaeun" um die Mitte des 14.

Jahrhunderts in einer Salzburger Bürgerspitalurkunde

namentlich genannt - die Kirche erhielt von Adelheit

78


der Witingerin 30 Pfennige -, doch dürfte nach Dürlinger

spätestens seit dem 13. Jahrhundert erneut ein

Gotteshaus in Vigaun bestanden haben. 55 Die spätgotische

dreischiffige Hallenkirche, die heute der Betrachter

vor sich sieht, wurde in den Jahren 1488 bis

1516 neu erbaut. Ein Vorgängerbau könnte in den

1480er Jahren großteils niedergerissen bzw. wie viele

andere Kirchen der damaligen Zeit eventuell durch eine

Feuersbrunst zerstört worden sein. Ein in Anbetracht der

Seelenzahl zu klein dimensionierter Friedhof ist mit Ende

des 15. bzw. Anfang des 16. Jahrhunderts belegbar.

Über die Finanzierung des Kirchenbaues meldet die

traditionelle Überlieferung folgendes: „Die reichen

Lederer vom Gries (Ortsteil Burgfried in Hallein) hätten

sich um diesen Bau besonders bemüht. (...)Am Boden

der Kirche sieht man noch ihre Grabsteine. ( . J Diese

edlen Männer kamen aber mit dem Bau nur bis zur Höhe

von 13 Schuhe, dann seien ihnen die Mittel

ausgegangen. Dann sei der Kirchenbau unter Beihilfe des

Erzbischofs Leonhard (von) Keutschach (1495-1519)

fortgesetzt und vollendet worden. Die Jahrzahl

1519(1516?) am Gewölbe deutet das Vollendungsjahr

an. Daß die Geldmittel nicht im Überfluß vorhanden

waren, zeigen die Gewölbe der Seitenschiffe, wo die

Rippen fehlen, sowie die Einfachheit der Brüstung bei

der Emporekirche, wo jedes Ornament fehlt. " 56 Nach

der Ansicht von Pfarrer Max Ringlschwendtner dürften

aber auch die Klöster Nonnberg und St. Peter sowie

wohlhabende Bauern einen entsprechenden Beitrag zur

Fertigstellung des Gotteshauses geleistet haben. Da das

Jahr 1488 den Baubeginn markiert - über dem

Kirchenportal ist die Jahrzahl eingemeißelt -, konnte vor

zwei Jahren auch das 500-jährige Jubiläum der

„Grundsteinlegung" begangen werden.

Es bleibt noch festzuhalten, daß in der erwähnten

Urkunde von 1444 neben „S. Nicla enthalbn des wasser

in Kuchler pfarr", „S. Steffan zw Adnaten" auch „S.

Dyonisen zw Vigaun" und „S. Margreten Kirichen zw

Pabenhouen " als Filialen von Kuchl aufscheinen. Vigaun

wurde in der Folgezeit von den Pfarrgeistlichen Kuchls

pastoriert; erst um 1550 „erhielten die Kreuztrachten

„unter der Tauggl" Vigaun und Adnet einen eigenen

Priester, zu Adnet wohnend, welcher den pfarr-l(ichen)

Gottesdienst (...) in beiden Kirchen abwechselnd zu

halten hatte, wobei Vigaun freilich manchmal übergangen

wurde. " 57 Über das Patronat aber wurde weder

bei der Bereitstellung eines Seelsorgers für Adnet und

Vigaun noch bei der Errichtung des späteren Vikariates

Vigaun (1716) etwas Näheres bestimmt, obwohl der

Filialbezirk von der domkapitularischen Pfarre Kuchl

abgetrennt wurde. Da jedoch das Domkapitel keine

schriftlichen Einwendungen vorzubringen hatte, wurden

die Vikare ausschließlich vom fürsterzbischöflichen

Konsistorium bestellt.

... und ein Sturz Oswalds von Wolkenstein?

Im frühen 15. Jahrhundert spielte sich in Vigaun

angeblich eine Episode ab, die auch von literaturhistorischem

Interesse ist. Der berühmtgewordene Tiroler

Adelige und Dichter Oswaldvon Wolkenstein (1377-

1445), dessen Leben und politische Handlungen an

Hand von historischen Quellen und autobiographischen

Äußerungen in seinen Liedern einigermaßen erfaßt

werden können, soll eine unangenehme Erfahrung mit

dem Tauglbach gemacht haben. Wie die Biographen des

Dichters meinen, unternahm dieser im Herbst und

Winter 1424 eine Ungarnreise in politischer Mission,

doch ließen bereits die Umstände der Hinreise keinen

guten Ausgang dafür erwarten. Der Abenteurer Oswald

ritt demnach bei naßkaltem Wetter und hatte das Pech,

bei Vigaun in den breiten Tauglbach zu stürzen. Als

möglicher Beleg für dieses Ereignis sei die entsprechende

Stelle aus dem Lied „ Wie uil ich sing und lichte"

angeführt: „Des bin ich worden innen, /do ich gen

Ungern rait, /noch uon derselben minne/kom ich in

grosses laid./in wasser, weiter, wegen/„husch" lert ich

maierol/und was auch nach belegen; /der tauggel ward

ich vol, /Das ist ain wasser sumpern/von hohen klopfen

gross, / darin viel ich mit pumpern, / des gouggels mich

verdross. /ich wett umb all die stainer,/poliert durch edel

dach, /ob doch aus hundert ainer/plib, gauggelt er mir

nach." 58

Dem Leser wird auffallen, daß sich dieser Liedtext

Oswalds keineswegs eindeutig interpretieren läßt, da er

zuviele Übersetzungsschwierigkeiten aufwirft. Dies ist

auch der Grund dafür, warum die Interpreten dieser

Textstelle sowohl einen Sturz in den Tauglbach im

Salzburgischen als auch die Schilderung einer lebensgefährlichen

Prügelei in Ungarn herauslesen konnten.

Zusätzlich bleibt zu bedenken, daß sich der Autor

möglicherweise der dichterischen Freiheit bedient hat.

Oder anders ausgedrückt: „Wie Oswald die verschiedenen

Todesgefahren darstellt, das entspricht freilich

kaum der Ernsthaftigkeit eines geistlichen Liedes, das

ist zum größten Teil Slapstick. Und doch: jede dieser

Slapstick-Episoden hat einen Kern an biographischer

Realität. Vorsichtiger formuliert: kann einen Kern an

biographischer Realität haben." 59

79


Die frühe Neuzeit (bis ca. 1800) - bäuerliche

Arbeit

Ein unfreiwilliges Bad in der Taugl mag der

spätmittelalterliche Tiroler Minnesänger Oswald von

Wolkenstein genommen haben-. 1377 in Südtirol

geboren, war er abenteuerlustig, kam in ganz Europa

herum und war ein temperamentvoller Lyriker und

Musiker. Oswald verstarb 1455 auf der Burg Hauenstein,

seine Grabplatte befindet sich im Kreuzgang von Brixen,

Die Bewohner des Dorfes lebten im Mittelalter und in

der frühen Neuzeit fast ausschließlich von der landwirtschaftlichen

Arbeit, deren Methoden sich erst im vergangenen

Jahrhundert änderten. Auch das Abhängigkeitsverhältnis

des Bauern zum Grundherrn, die

Grundherrschaft, die lange Zeit als gottgewollte Ordnung

angesehen wurde, blieb bis 1848 bestehen.

Um 1780 hatten im Pfleggericht Golling, das in Rotten

unterteilt war, 500 ganze Höfe, 230 halbe und 147

Viertelhöfe ihren Bestand. 60 Wie auch aus den Urbaren

des Amtes Vigaun ersichtlich ist, überwogen bei den

Produkten der Feldbewirtschaftung naturgemäß das

Brotgetreide („Korn, Waiz") mit drei Fünftel der agrarisch

genutzten Gesamtanbaufläche des Erzbistums Salzburg

und der „Haabern", der im Landesdurchschnitt Ende des

18. Jahrhunderts nur etwa auf einem Drittel der

fruchtbaren Ackererde wuchs. In Vigaun hingeigen

wurde dieses Futtergetreide - zumindest um 1830 - als

einzelne Hauptfrucht zum überwiegenden Teil angebaut.

Neben dem klassischen Dreifeldersystem wurde im

Salzburger Becken ebenso wie in den Alpentälern die

sogenannte „Egartenwirtschaft" betrieben, worunter man

die süddeutsche Form der Feldgraswirtschaft zu verstehen

hat. Überwiegende Wiesen- und Grünlandnutzung

wechselte mit der Umwidmung einzelner Teile zum

Anbau von Getreide (in späterer Zeit auch Kartoffelaussaat),

war vor allem in den klimatisch bedingten Viehzuchtgebieten

verbreitet und diente vornehmlich zur

Eigenversorgunng. In der Regel nutzte der Bauer die

Egärten ein, gelegentlich zwei Jahre für den Fruchtbau,

um in den folgenden Jahren - die Dauer hing von der

Bodenqualität ab -das Acker- in Wiesenland

umzuwandeln.

Die Getreideerträge waren mit der zwei- bis ca.

fünffachen Menge des Saatgutes nur etwa halb so groß

wie heute. Der Kulturaufwand dürfte vorsichtigen

Schätzungen zufolge zwischen 50 und 70% des

Bruttoertrages ausgemacht haben; wenn man zusätzlich

bedenkt, daß vom verbleibenden kümmerlichen Roheinkommen

noch die Urbarrialabgaben bestritten werden

mußten, so wird verständlich, daß der Großteil der

bäuerlichen Bevölkerung ein eher bescheidenes Leben

führen mußte. In diesem Zusammenhang erstaunt die

Reiseschilderung des Naturforschers und Schriftstellers

Jcoseph August Schultes doch ein wenig, der zu Beginn

des 19. Jahrhunderts auch an Vigaun vorbeizog und

diese Gegend mit überschwenglich schwärmerischen

Worten zu schildern wußte:

80


„Unser Bothe führte uns einen anmuthigen Weg durch

Auen und Wiesen am linken Ufer der Salza hinab nach

Hallein. Wir behielten den Markt Küchel (Cucullae der

Alten) zur Rechten, und zogen an einzelnen Bauernhöfen

vorüber, die ebenso sehr von dem Wohlstande ihrer

Besitzer zeugten, als ihre Wiesen und Aecker und

Obstgärten von ihrem Fleisse und ihrer Betriebsamkeit.

Die lebendigen Zäune, die ihre Fluren umkränzten, die

goldenen Aepfel in den Obstgärten, unter deren

süsserLast die Aeste sich zur Erde bogen, die purpurnen

Keime der jungen Saat, die auf den fruchtbaren

schwarzen Ackerfeldern im Sonnenstrahle schillerten, (...)

die lachenden Hügel, die das weite Salzathal umsäumten,

die heiteren lichtgrünen Auen, alles um uns wehte eine

Anmuth, die wir auf einer Wanderung in den Gärten der

Hesperiden nicht froher hätten athmen können." 61

Nebenerwerb und Armenwesen

Schufen wiederholte Mißernten - vor allem in den Jahren

1770 bis 1772 - auf der einen Seite Versorgungsprobleme,

so konnten die Hofbesitzer auf der anderen

Seite von den Preissteigerungen für ihre Produkte

profitieren. Zugegebenermaßen war die Lage der in der

Landwirtschaft tätigen Bevölkerungsgruppe gesicherter

als jene der im Handwerk Beschäftigen. Über Wohlstand

verfügte jedoch nur eine verschwindende Anzahl von

Bauern, sodaß die Beschreibung Schultes aus heutiger

Sicht als zu romantisierend und realitätsfern eingestuft

werden muß. Zusätzlich sollte man auch nicht übersehen,

daß ärmere Bauernfamilien aus Vigaun an der Erzeugung

von „Halleiner Strumpf und Salzburger Schuh"

wesentlich beteiligt waren. Die Baumwollverarbeitung in

Hallein, die im späten 17. Jahrhundert einen

außerordentlichen Aufschwung nahm und auf die

Pfleggerichte Golling, Werfen, Glanegg, Abtenau und

Thalgau übergriff, beschäftigte „viele tausend Hände".

Die Erzeugung der Produkte (Socken, Jacken, Handschuhe,

Fäustlinge etc.) erfolgte im mehrstufigen Verlagssystem,

wobei es in der Verantwortung des „Verlegers"

lag, die Rohstoffe zu besorgen; die Arbeitsausführung

hingegen geschah hauptsächlich in Heimarbeit. Zumeist

war dieser Zuerwerb mit den Bergwerksbetrieben

verknüpft, doch auch die Frauen Vigauns wollten sich mit

Spinnarbeiten ein kleines Zusatzeinkommen sichern.

Leider fehlen uns genaue und zuverlässige Zahlenangaben

über die Anzahl der Beschäftigten aus dem Dorf

Vigaun.

Die Qualitätsprodukte aus Hallein, die einen weitreichenden

und guten Ruf hatten, konnten von den

Händlern bei den Messen in München, Augsburg, Leipzig

und Stuttgart mit Gewinn abgesetzt werden. Wie

bisweilen aber kritisiert wurde, machten

ausschließlich die Verleger und Händler das wahre

Geschäft mit den Baumwollwaren, der Verdienst der

Lohnarbeiter hingegen war eher bescheiden. Die

Spinnerinnen erhielten für ein Pfund weißes Garn bloß

ca. 15 bis 30 Kreuzer, für ein „blaues Pfund" zwischen

20 und 30 Kreuzer Spinnerlohn. Ende des 18. Jahrhunderts

schließlich geriet dieser Zweig der ländlichen

Hausindustrie durch ausländische Konkurrenzunternehmen

und Einfuhrverbote in ernsthafte Absatzschwierigkeiten,

was allmählich zum Ruin des Halleiner

Wollverlages führte. Eine bedeutende Möglichkeit der

bäuerlichen Nebenerwerbs-tätigkeit war damit verloren

gegangen. 62

Ein weiteres Problem, das sich auch in Vigaun bisweilen

zeigte, war die „Verstückung" von Gütern zu Hofeinheiten,

die ohne Zusatzeinkommen nicht mehr

existenzfähig waren. Trotz der landesfürstlichen Einschränkungen

vom Jahr 1782 63 gelang es nicht, diesem

Verfahren einen wirksamen Einhalt zu gebieten. Aber

nicht nur rein bäuerlicher Gutsbesitz wurde verstückt.

Noch 1793 ersuchte der Mesner von Vigaun, Joseph

Lienbacher, der nur über ein geringes Einkommen

verfügen konnte, um eine Verkaufsbewilligung für ein

Häuschen aus dem „Kasbachgütl" (Tischlerhaus), das zum

Besitztum des Klosters Nonnberg gehörte. Dieser

Holzbau mit „Gartl" sollte verstückt werden, da es sich

beim „Kasbachgütl" ohnedies um ein größeres Haus mit

dazugehörendem Stall handelte und der zusätzliche Bau

scheinbar leicht entbehrt werden konnte. In den meisten

Fällen hatte sich nun der Urbarverwalter des Stiftes

Nonnberg in Hallein vom Augenschein der jeweiligen

Güter zu überzeugen, um sodann dem Frauenkloster

darüber Bericht erstatten zu können. 64

In der frühen Neuzeit zeigte sich wiederholt, daß die

Bewohner Vigauns, die Angesessenen, welche die

„Landgemeinde" bildeten, nicht allzu reichlich mit

materiellen Gütern ausgestattet waren. Finanzielle

Schwierigkeiten hatten sich schon im Spätmittelalter

beim Bau der Kirche ergeben und traten im frühen 17.

Jahrhundert bei der Neuerrichtung der Römerbrücke

noch stärker hervor. Kaum jemand konnte sich „stille"

Reserven für Notzeiten anlegen. Sicherlich war dies ein

Los, das nicht nur die Vigauner traf!

Generell hatte die „Landgemeinde" im 18. Jahrhundert

fünf größere Aufgabenbereiche zu erfüllen, wobei die

Führung der Gemeinen Anlags-Kasse besonders

wesentlich war, denn zur Ausführung ihrer Angelegenheiten

mußte die „Gemeinde" von ihren Mitgliedern diese

Steuer einheben, deren Höhe sich nach der Notwendigkeit

und Dringlichkeit richtete. Weiters war für die

Veröffentlichung der Befehle der Zentralstellen und des

Pfleggerichtes Golling zu sorgen bzw. waren entsprechende

Durchführungsbestimmungen zu erlassen.

81


Der „Landgemeinde" stand ferner das Petitionsrecht zu,

und ihre Vertreter waren für die Ausstellung des

Heiratskonsensus für Unangesessene zuständig.

Als teure Pflicht erwies sich meist die Regelung des

Armenwesens. Pesteinbrüche und andere Krankheiten,

Unglücks und Todesfälle sowie fortgeschrittenes Alter

führten häufig zu Existenzschwierigkeiten, denen

zumindest halbwegs effizient begegnet werden mußte.

Schon in der „Ordnung und anweißung wie ain pfleger

zu Golling, dessen landrichter oder gerichts-schreiber, das

land- oder ehehaft thäding des hochfürstl. landgerichts

daselbst besützen und halten solle" aus dem Jahr 1694

wurde in besonderer Weise der Witwen und Waisen

gedacht, damit ihre „freihalten, recht und gerechtigkeiten

geschützt, geschirmbt, gesichert und ruheiglich erhalten

werde, wie landsrecht ist". 65 Durch dieses „Landrecht"

wurde auch das allgemeine Zusammenleben geregelt.

Um das Bettelwesen besser in den Griff zu bekommen,

sollten aufklärerischen Tendenzen zufolge alle Arme

wenigstens einmal im Jahr vor einer Kommission aus

Beamten des Pfleggerichtes Golling und Vertretern der

„Landgemeinde" erscheinen. Da es in Vigaun auch Ende

des 18. Jahrhunderts noch kein eigenes Armen- bzw.

Bruderhaus wie beispielsweise in Golling (1776) oder

Kuchl (1786) gab (erst in späterer Zeit fanden im

heutigen Heimatmuseum, dem ehemaligen „Mesnerhäusl",

einige Ortsarme Aufnahme), dessen Finanzierung

Um eine frühe Teilung handelt es

sich bei Vizdum und Donigl: Sie

erfolgte bereits vor 1542. Besonders

interessant ist bei dieser

Hofteilung, daß die beiden alten

Bauern häuser aneinandergebaut

sind: Vorne (rechts) das alte Vitzthum;

links das alte Doniglhaus.

Angelegenheit der Dorfbewohner gewesen wäre, mußten

die Sozialfälle in die „Einlage" gegeben werden. Man

überprüfte die tatsächliche Bedürftigkeit des Armen und

im Fall eines positiven Bescheides wurde er einem

Bauern zur Kost zugewiesen. Ein innergerichtlicher

Finanzausgleich aus der Gemeinen Anlags-Kasse oder

aus einer eigenen Almosenkasse schützte die

Quartiergeber vor einer übermäßigen Belastung. Der

Zeitgenosse Franz Michael Vierthaler charakterisierte

dieses System, das noch bis in unser Jahrhundert

Verwendung fand, mit folgenden Worten: „In jedem

Gerichte werden genaue Verzeichnisse über die Armen

und ihr Alterund ihre Gebrechen geführt; und diesen

gemäß, die Vertheilung derselben durch die Rotten und

Höfe vorgenommen. Kinder und Greise, ohne andere

Gebrechen außer jenen ihres Alters werden leichte;

Kranke, Preßhafte und Blödsinnige schwere Anlieger

genannt. Ein Schwerer wird zwei, oder nach Umständen

auch drei Leichten gleich geschätzt. " Abschließend

urteilte er wohlwollend: „Auf diese Art wird die (...)

Nächstenliebe ausgeübt, ohne daß der Begüterte über

Zudringlichkeit und Last, der Arme über Härte und

Hülflosigkeit klagen darf. Der Gewinn der Menschheit ist

dabei ungemein groß, obschon er wie so manches stille

Gute nicht sogleich in die Augen fällt." 66 Diese

idealistische Interpretation Vierthalers ist von seiner

bürgerlichen Abstammung her erklärbar und übersieht

sehr deutlich die menschliche Tragödie der vielfach

unerwünschten Einleger.

82


Medizinische Versorgung

Ließ sich Armut noch als Problem einer Minderheit

ansehen, so betraf die medizinische (Unter)versorgung

die Gesamtheit der Dorfbewohner. Gerade hier zeigte

sich aber der Widerwille der bäuerlichen Bevölkerung

gegen Neuerungen und Änderungen in voller Stärke.

Man berief sich bei Krankheiten lieber auf übernatürliche

Ursachen und magische Vorstellungen, gelobte für die

Gesundung eine Wallfahrt oder fügte sich in das

gottgewollte Schicksal. Sentimentalitäten und humane

emotionale Rücksichten konnte sich die Gesellschaft

jedoch nicht leisten. Die tief empfundene Religiosität und

Kirchlichkeit ist zum Teil auf die alltäglich erlebbaren

Umstände eines kurzen, dafür aber umso härteren

Lebens rückführbar. Ende des 18. Jahrhunderts bemühte

sich schließlich der Salzburger Erzbischof Hieronymus

Graf Colloredo, mit Hilfe der Geistlichkeit Reformen im

Gesundheitswesen durchzusetzen. Da die Priester meist

einen enormen Einfluß auf die ländliche Bevölkerung

nehmen konnten, sollten diese von der Kanzel aus immer

wieder aufklärend wirken. Bedauerlicherweise riefen

deren gutgemeinte Worte häufig jedoch nur Gelächter

hervor. Für Vigaun lassen sich nun zwei Bereiche der

problematischen Gesundheitsfürsorge quellenmäßig

belegen. So wurde von obrigkeitlicher Seite geklagt, daß

sich im Gerichtsbezirk Golling die große Zahl der

„Kretinen und Fexen" noch vermehren würde. 67 Dieser

weit verbreitete Kretinismus mit seinen schlimmen

Folgen hatte mehrere Hauptursachen, wobei die Gefahr

der Inzucht - beim „Fensterln" wurde sicherlich nicht

nach der blutmäßigen Abstammung gefragt! -, der

ständige Jodmangel und die vielfach schwerwiegenden

Schädelverletzungen durch die groben Hände der

ungeübten Hebammen im Vordergrund standen. Meist

fristete der „Läpp", der bisweilen schon durch seine

mongoloiden Gesichtszüge auffiel, ein kümmerliches

Dasein als Einleger. 68

Um die hohe Säuglingssterblichkeit und die Lebensgefahr

für die werdenden Mütter eindämmen zu können, sollten

im Pfleggericht Golling unter Erzbischof Colloredo (1772

-1803) auch fünf unterrichtete Hebammen beschäftigt

werden. Eine Geburtshelferin sollte abwechselnd in

Vigaun und Adnet ihrer Tätigkeit nachgehen. Die

Wirklichkeit sah jedoch noch 1801 völlig anders aus.

„Gegenwärtig ist aber nur zu Kuchl eine (Hebamme)

angestellt, nämlich Zezilia Eggschlagerin, die aber von

der Gemeinde aus Vorliebe für quacksalbernde Weiber,

in deren Händen das hiesige Hebammenwesen ist, wenig

Vertrauen besitzt, und selbe ihrer beschränkten

Kenntniße, und ihrer Zaghaftigkeit wegen auch nicht

sehr zu verdienen scheint." Aus diesem Grund mußte sich

häufig der „Chirurg" von Kuchl auch in den

Nachbarorten mit der Geburtshilfe abgeben. Bereits zu

Beginn des Jahres 1800 hatten aber die

„Gerichtsausschüsse unter der Taukel" ohnedies folgende

Meinung vertreten: „ Vigaun und Adnet sind der Stadt

Hällin nahe liegende Orte von welcher die betreffende

Gemeinde im Nothfall allzeit eintweder den dort

befindlichen Herrn Stadt-Physikus oder kündige

Hebam(m)en beruffen kön(n)en, ohne das sie Noth haben

eine eigene Hebame mit grossen Kosten zu unterhalten,

da sie selbst wohl verständige und in der Entbündungs

Ku(e)nst sehr kündige Weiber in ihren Gegenden

haben." 69

„Höchste Preise"

Konnte sich Vigaun auf der einen Seite durch die leicht

erreichbare Stadt Hallein die „so unnöthige ! Auslage"

ersparen, so hatte die Bevölkerung auf der anderen Seite

eben durch diese Nähe auch finanzielle Einbußen in Kauf

zu nehmen. Bezeichnend ist in diesem Fall die Bitte des

Vikars Johann Baptist Raacher, der 1793 nur für wenige

Wochen die Seelsorgetätigkeit in Vigaun ausübte, um

Versetzung nach Kleinarl. Da alle Möbel des

Vikariathauses verkauft worden waren, erklärte er, daß er

nicht in der Lage sei, „die nothwendige Gerätschaften,

als Kästen, Tische, Bethstätte, Stühle etc. für mehrere

Personen, denen er daselbst bedürftig, als an einem Ort,

wo dergleichen Haus(gerätschaften) nur in höchstem

Preise zu bekom(m)en sind, anzuschaffen." Zusätzlich

hätte er dem altgedienten Vikar jährlich 50 Gulden

zahlen und auch die Brennholzkosten selbst übernehmen

müssen. Der neue Vikar schätzte die diesbezüglichen

Aufwendungen in Kleinarl nur auf ca. die Hälfte.

Offenherzig gab er zu, er könne sich das Leben in

Vigaun nicht leisten und außerdem, so argumentierte er,

was uns heute doch zum Schmunzeln verleitet, „könne er

(in Kleinarl) besonders leicht seine Lieblings- und

Gesundheitsspeise als Milch, Butter, Honig, Läm(m)erund

Kitzfleisch, und die edelsten Fische bekom(m)en."

Seiner Bitte brachte man im Konsistorium Verständnis

entgegen, da man auch der Aussage, „zu Vigaun stehen

alle Viktualien im höchsten Preise, und seyen oft, wegen

Nähe der Stadt Hallein, ums theure Geld nicht zu bekom(m)en"

70 zustimmen mußte. Obwohl vor allem die

Bauern von den gestiegenen Nahrungsmittelpreisen

profitieren konnten, finden sich dennoch wiederholt

Bitten um Aufschub der Fälligkeit bzw. Nichtbezahlung

der Anlait, die beim Erwerb eines Gutes durch Kauf,

Tausch oder Erbschaft - meist betrug sie 5% des

geschätzten Wertes der Liegenschaft - an die Grundherrschaft

zu entrichten war. So erscheint nunmehr auch

das Ersuchen des Fahnenträgers des Vikariates Vigaun

von 1795, der um ein jährliches Gehalt wenigstens im

Ausmaß von einem Gulden und zwölf Kreuzern als

83


Entgelt für das Fahnentragen bei den Bruderschaftsumgängen

(seit 1724) und Wallfahrten bat, in einem

neuen Licht. 71 Armut hatte also durchaus in der frühen

Neuzeit unter anderem ein ländlich(-agrarisches) Gesicht.

Kirchliche Reformen

Innerkirchlich-organisatorische Schwierigkeiten bestimmten

die Zeit des 16. und 17. Jahrhunderts in

religiöser Hinsicht. Nach dem Konzil von Trient (1545-

1563) waren vor allem die Salzburger Provinzialkonzilien

von 1569,1573 und 1576 auch für den hier

besprochenen geographischen Raum von allgemeiner

Bedeutung. So klagte der Pfarrer von Kuchl anläßlich der

Vorbereitung der Konzilsmaterie für 1569 neben

protestantisierenden Tendenzen außerdem darüber, daß

die Messen und das Begräbnis in den Filialen gefährdet

seien, weil der Unterhalt der Gesellpriester (in Kuchl

wurden dafür jeweils zwanzig Gulden veranschlagt) nicht

mehr als gesichert angesehen werden könne. Der

Unterhalt der Kooperatoren hingegen sollte durch

Kollekte weiterhin aufgebracht werden. Zu den

Weihnachts- und Ostersammlungen für den Pfarrer

leisteten nur mehr wenige einen Beitrag. Auch das

Beichtgeld betrug lediglich die lächerliche Summe von

ein bis zwei Pfennige. 72 Eine ähnliche Problemstellung

dürfen wir auch für Vigaun vermuten. Um Mißstände

rasch zu entdecken bzw. beseitigen zu können, schienen

Visitationen das geeignete Mittel zu sein. Wie aus dem

diesbezüglichen Bericht des Dekanates Hallein Mitte des

17. Jahrhunderts hervorgeht, war man bei diesen

„Überprüfungen" durchaus kleinlich. Nach einer

Beschreibung der Einrichtung der Vigauner Kirche und

Angabe des Vermögens (631 Gulden), wurden die

bestehenden „Unzulänglichkeiten" aufgedeckt. So

kritisierte man das Durcheinander in der Sakristei und die

eigentlich unwesentliche Tatsache, daß auf dem Friedhof

das Kreuz ohne Abbild des Gekreuzigten errichtet

worden war. Das St. Margarethen Kirchlein, dessen

Kapital sich auf 186 Gulden belief, wurde ebenfalls

visitiert und auch dort hielt man drei Kritikpunkte fest. 73

Vermeinte man von obrigkeitlich-katholischer Seite

überall und jederzeit den Keim des Protestantismus

ersticken bzw. „austreiben" zu müssen - es sei nur an die

unfreiwilligen Protestantenauswanderungen erinnert -, so

glaubte auch die Bevölkerung, das Recht und die Pflicht

zu haben, ihre bisweilen vom richtigen Weg abgewichenen

Seelsorger maßregeln zu können. In diesem

Sinne scheuten sich die Vigauner nicht, noch im Jahr

1805 heftige Klagen gegen ihren Vikar Franz de Paula

Liedl vorzubringen. Der Dechant von Hallein, der die

Anschuldigungen zu untersuchen hatte, legte dem

Beschuldigten 21 Fragen vor, die dieser zu beantworten

hatte. Die Ergebnisse dieser Befragung wurden schriftlich

festgehalten. Einige Vorwürfe seien hier auszugsweise

wiedergegeben. „Ob es wahrseye, daß er für einen

Bittgang in eine andere Kirche 2 fl Ganggeld ab 1 Stund

Entfernung über das Opfer verlange, und 4 fl wegen 2

Stunden Entfernung? (...) Aus welchem Grunde er bey

denen Bruderschaftsämtern oder Messen das Opfer

bezohen oder verlangt habe?(...) Ob nicht auch ein Knab

von 8 Jahren ohne Sacramenten verstorben seye? (...)

Ob er sich auch nicht unanständiger Reden bey

Verweigerung des abspeisen er-

Auch der Opferstock in St. Margarethen soll vom

„Zauberer-Jackl" und seiner Mutter, der Hexe Barbara

Koller, bestohlen worden sein.

84


laubt habe?" 74 Der 66 Jahre alte Vikar verteidigte sich

sehr erfolgreich; außerdem dürften die Anschuldigungen

doch etwas übertrieben gewesen sein, da sich Liedl

immerhin noch sieben weitere Jahre bis zu seinem Tod

1812 als Seelsorger in Vigaun halten konnte. Seine

Grabplatte befindet sich noch heute an der Außenseite

der Kirchenmauer und zwar in der Nähe des Portales.

Aberglaube und Hexen

Trotz gegenreformatorischer Maßnahmen breitete sich

im 17. Jahrhundert die lutherische Lehre auch in

Salzburg immer weiter aus. Die besorgten Dekane,

Pfarrer und Vikare wußten aber zusätzlich über ein

erschreckendes Ausmaß an Aberglauben, der sich beim Als Zeugen wurden auch die Zechpröbste der

Volk einnistete, zu berichten. Nach Ansicht des in Vigaun bestohlenen Kirchen vorgeladen. Hanns Liederer,

lebenden Kirchenhistorikers Franz Ortner war dieser Zechprobst der St. Dionysius-Kirche, gab zu Protokoll,

zerstörerische Aberglauben „ohne Zweifel das daß er in den Kirchenstöcken Vogelleim entdeckt habe.

schwerwiegendste Problem jener Zeit, das in Den Geldabgang schätzte er auf annähernd 40 Kreuzer.

Teufelsfurcht und im Hexenwahn gipfelte. Diese heillose Georg Schaffer, Zechprobst des St. Margarethener

Erkrankung des religiösen Empfindens erreichte in Gotteshauses, berichtete, daß sich für gewöhnlich acht

Salzburg im sogenannten Zauberer-Jackl-Prozeß (...) bis neun Gulden in den Opferstöcken befunden hätten.

einen späten und grausamen Höhepunkt, der das ganze 1674 habe das Spendengeld aber nur mehr die geringe

Land in den Sog irrationaler Ängste und Leidenschaften Summe von ca. zwei Gulden ausgemacht, dafür wären

stürzte." 75 Anzeigen in diesem Prozeß weisen außerdem jedoch das Geld und der Stock mit Vogelleim beschmutzt

auf eine Mystifizierung bedrückender, die Eigenwirtschaft gewesen. Die Delinquentin wurde von den einvernommenen

Personen übereinstimmend als bettelndes

schädigende Vorgänge hin. Anklagen wegen Verzauberung

von Vieh und Mensch, Wettermachen, Wein- und und „böses Weib" charakterisiert, der Zauberei anfangs

Milchverderben und Vernichtung der Ernte durch Zauberkundige

sind Ausdruck der primären Lebenssorgen der wurde sie von Golling nach Salzburg überführt, wo sie

jedoch noch nicht offen beschuldigt. Im März 1675

bäuerlichen Bevölkerung. Diese unbegründete Furcht vor schließlich nach der „peinlichen Befragung", bei welcher

übernatürlichen Kräften bedrohte auch im kleinen Dorf sie den damals üblichen Foltermethoden ausgesetzt

Vigaun die Einheit von bäuerlicher Arbeit und wurde, folgende Verbrechen gestand: Opferstockdiebstähle,

Verzauberung von Mensch und Vieh,

kirchlichem Leben, schuf eine Atmosphäre des

gegenseitigen Mißtrauens und förderte die böswillige Teufelsverschwörung, Hexentanzbesuch, Hostienschändung,

Wetterzauber und Teufelsbesuch mit Teu-

Denunziation.

felsbuhlschaft. Mögen dem aufgeklärten Menschen von

heute diese Anschuldigungen auch lächerlich erscheinen,

so war man Ende des 17. Jahrhunderts vom Hexenwahn

geradezu besessen, und viele aus dem Milieu der Armen

und Außenseiter mußten sinnlos ihr Leben lassen.

Anfang August 1675 wurde Barbara Koller schließlich

durch Erdrosselung und anschließende Verbrennung in

Gegenwart der gaffenden Menge öffentlich hingerichtet.

76 Die Salzburger Schriftstellerin Hilga Leitner hat

sich erst jüngst in ihrem Roman „Im Zeichen des Feuers"

Möglicherweise gingen zwei „Hexen" in Vigaun ihren

„Machenschaften" nach. Von den insgesamt 133

Hingerichteten (1675-1681) wurden immerhin fünf

Malefikanten im Pfleggericht Golling verhaftet. Die wohl

bekannteste und berühmteste Hexe, Barbara Koller, die

Mutter des legendären Zauberer-Jackls, wurde zu Beginn

des Jahres 1675 gefangengenommen. Sie wurde

beschuldigt, gemeinsam mit ihrem Sohn und weiteren

Helfern unter anderem zahlreiche Opferstockdiebstähle

begangen zu haben. Bei ihrer Einvernahme gestand sie,

auch aus den Opferstöcken der Vigauner und der St.

Margarethener Kirche jeweils 40 Kreuzer entwendet zu

haben. Den eigentlichen Diebstahl habe aber ihr Sohn

begangen, der das Münzgeld mit weichen Hölzern

(Gerten) oder Fischbein aus den Stöcken erfolgreich zu

entwenden versucht hatte. Sie sei lediglich in der Nähe

der Kirchentür gestanden, habe auf vorbeikommende

Leute geachtet und ihren Sohn Jackl mit einem

vorgetäuschten Hustenanfall vor der Entdeckung

bewahrt.

Der 15jährige Paul Kaltenbacher, der an den verschiedenen

Gaunereien beteiligt war, scherzte mit dem

Hund Barbaras vor der Kirche, um die eventuellen

Kirchenbesucher abzulenken. Barbara Koller war zum

Zeitpunkt ihrer Verhaftung 50 Jahre alt, wahrscheinlich

aus Werfen gebürtig, verwitwet und von Beruf

„Schinderin". Dieser damals „ehrlose" Beruf verurteilte

sie zu einem Leben außerhalb der Gesellschaft, wo man

am Dorfrand Tierkadaver begrub oder weiterverwertete,

sich zusätzlich mit Medizin und einem Naturwissen

beschäftigte, das im Verdacht der Zauberei stand. Angeblich

hatte sie sich in der Abdeckerei im Tauglwald

zwischen Kuchl und Vigaun aufgehalten.

in literarischer Form mit dem Leben und Sterben dieser

„Hexe" auseinandergesetzt, um der Nachwelt ein

mahnendes Denkmal zusetzen.

Zweieinhalb Jahre später, im Februar 1678, fiel die erst

18 Jahre alte Rosina Kasperin (Kalspergerin) aus

Glanegg bei Salzburg den Gerichtsschergen in die

Hände. Sie wurde in

85


technisch organisierte Hexenbekämpfung bereits

erhebliche Kosten verursacht hatte. In einer beinahe

pogromartigen Vernichtung der Armen hatten immerhin

- wie bereits erwähnt - 133 Menschen ihr Leben

verloren, wobei der jüngste Malefikant im zarten Alter

von zehn Jahren mit dem Todesurteil bestraft, die älteste

Malefikantin hingegen noch mit ca. 80 Jahren dem

Feuer übergeben wurde.

Vikariatserhebung 1716

Die wiederhergestellte Einheit von bäuerlichem und

kirchlichem Leben, eine neue Phase des gegenseitigen

Vertrauens, drückte sich in den gemeinsamen Anstrengungen

zur Vikariatserhebung 1716 aus. 78 Im

frühen 18. Jahrhundert wurden lediglich vier Vikariatserhebungen

vorgenommen, neben Vigaun noch Ebenau

(1702), Flachau (1722) und Tweng (1727). 79 Wie aus

den Akten des Konsistorialarchivs in Salzburg hervorgeht,

wollten sowohl die Zechpröbste der St.

Dionysius-Kirche als auch die Ansässigen ständig einen

Geistlichen in Vigaun haben. Ein umfangreicher und

ausführlicher Briefverkehr mit Erzbischof Franz Anton

Graf Harrach (1709-1727) setzte ein. An möglichen

Einkünften wurden ca. 330 Gulden als Unterhaltsleistung

für einen Seelsorger in Vigaun errechnet, das „Samblung

und Stocksgelt" betrug in den Jahren 1714 bis 1716

durchschnittlich zwischen 114 und 126 Gulden.

Die heilige Dreifaltigkeit schmückt die „Sammeltafel", die

Berechtigte Sorgen machte sich die opferwillige

früher zu den Tafelsammlungen verwendet wurde. Auch

Gemeinde auch um die künftige Wohnung des Vikars

sie gehörten zu den Aufgaben der Zechpröpste.

und versprach, eine größere Geldsumme zur Errichtung

bzw. zum Ankauf eines Vikariatshauses beizutragen.

Salzburg verhaftet, dürfte sich aber bis zum Zeitpunkt

Anfang Dezember 1716 war dieser Bau bereits den

ihrer Gefangennahme häufig in Vigaun aufgehalten

Bedürfnissen angepaßt und noch im gleichen Monat,

haben. Bettelnd zog sie in der Gegend um Salzburg

zwei Tage vor Weihnachten, wurde mit

umher, und bei ihrer Aufgreifung fand man ein

Konsistorialdekret das Vikariat als errichtet erklärt und

sogenanntes „Galgmannerl" in ihrem Besitz, eine kleine

Mathias Seeleithner zum ersten Vikar bestellt. Obwohl

Figur mit menschlichen Zügen, die von Abergläubigen

Vigaun zu Adnet „mehr im Verhältnis der Gleichstellung

am Körper getragen wurde, um vor Krankheiten

als der Unterordnung (gestanden war), daß man die

geschützt zu sein. Da die junge Frau zugab, mit diesen

Seelsorge von a. 1550 Adnet-Vigaun hätte nennen

puppenartigen Figuren Handel getrieben zu haben, geriet

sollen " 80 , legten sowohl der Vikar von Adnet als auch

sie rasch in den Verdacht, eine Hexe zu sein. Unter der

der Pfarrer von Kuchl dem Ansinnen der Vigauner große

Folter gestand sie, mit Hilfe dieser „Männchen" zaubern

Hindernisse in den Weg. Das Konsistorium jedoch setzte

zu können, was ausreichte, um sie auf den

sich über diese Einwände hinweg und bestimmte den

Scheiterhaufen zu bringen. Gemeinsam mit weiteren

Umfang des neuen Vikariates, der durch den alten

Verurteilten, unter diesen Gertraud Faistmanin, die

Filialbezirk vorgegeben war. Erst in den Jahren 1783 bis

Rosina Kalspergerin die Herstellung der „Galgmannerl"

1803 wurden mehrfach Auspfarrungen nach St.

gelehrt haben soll, wurde auch sie am 12. März 1678

Koloman, Hallein und Kuchl beantragt, aber nur teilweise

mittels Erdrosselung und nachfolgender Verbrennung

bewilligt. Jene sechzehn Häuser, die um „Ueberpfarrung"

hingerichtet. 77

nach St. Koloman eingereicht hatten,

In den 1680er Jahren schließlich ließ Erzbischof Max

Gandolph Graf Kuenburg die Verfolgung des Zauberer-

Jackls einstellen, da die bürokratisch und verwaltungs-

86


konnten schließlich nach lebhaften und turbulenten

Verhandlungen ausgepfarrt werden, wobei dem Vigauner

Vikar allerdings eine jährliche Entschädigungssumme von

16 Gulden zustand. Mehrmals verlangten die Bewohner

Burgfrieds die Zuteilung nach Hallein, ohne jedoch damit

Erfolg zu haben. Nach mehr als einhundertjähriger

Bemühung erreichten sie im Mai 1898, daß ein großer

Teil von Burgfried von Vigaun abgetrennt und nach

Hallein ausgepfarrt wurde. Dieser Entwicklung war

bereits 1895 das Gesetz vom 17. September dieses

Jahres betreffend die Vereinigung der Ortsgemeinden

Burgfried und Taxach mit der Stadtgemeinde Hallein

vorausgegangen. 81

Hilfspriester wurden im Vikariat Vigaun seit dem Jahr

1726 fast ununterbrochen beschäftigt und mußten von

den Einkünften des jeweiligen Vikars miterhalten werden.

Interessant ist, daß Joseph Mohr, der Dichter des

Weihnachtsliedes „Stille Nacht, Heilige Nacht", 1821 als

Koadjutor in Vigaun weilte. 82 Bis 1860 hatten bereits 92

Seelsorger als Hilfspriester in Vigaun fungiert. Da der

Sustentations- oder Erhaltungsbeitrag für den Koadjutor

das Budget des Vikars doch stark beanspruchte - das

Vikariat war nur für einen Priester gestiftet worden -,

reichte 1840 Vikar Ferdinand Ritter von Lama ein

Gesuch um eine gesetzliche Unterstützung ein. Nach

längerer Diskussion seitens der zuständigen Stellen sah

man die evidente Notwendigkeit des gesicherten

Sustentationsbeitrages ein und wies diesen seit 1842

folgend periodenweise aus dem Salzburger

Religionsfonds an. 83

Wie aus der „Beschreibung des ganzen

Vermoegensstandes der sam(m)entlichen Milden-Orte

von der Hauptstadt Salzburg und dem ganzen Lande

MDCCXCV" hervorgeht, besaß das Vikariatgotteshaus

Ende des 18. Jahrhunderts ein Gesamtvermögen von

knapp über 5.000 Gulden, das bis zum Jahr 1800 noch

auf 5.726 Gulden anwuchs. Die Filialkirche St.

Margarethen näherte sich stetig der 3.000 Guldengrenze

und die Dreifaltigkeitsbruderschaft, auf die noch näher

eingegangen wird, wies einen Vermögensstand von

annähernd 1.900 Gulden aus. 84 Aufschlußreich ist auch

ein Blick auf die jährlichen „Ertragniße" der

Vikariatsstelle Vigaun, die für das Jahr 1793 aufgelistet

wurden. Zu den Einkünften aus der Rubrik „pfarrliche

Gottesdienste" zählten 20 Roraten (ä 40 Kreuzer), 42

Seelengottesdienste (ä 1 Gulden), 6 Hochzeitsämter (ä 1

Gulden) oder beispielsweise 463 Messen (ä 30 Kreuzer).

Daneben fielen noch Stiftungs-, Besoldungs- und

Opfergelder an (z.B. die „Einnahm der österlichen

Beichtzedeln" 10 Gulden). Die „Stollgefälle" („auf

Hochzeit, Sponsalien, Copulationen, Tauf- und Todtenschein,

dann sam(m)entl. Verkündungen" 24 Gulden) und

geringe Diensteinnahmen (die „Haabersam(m)lung"

betr(ä)g(t) jährlich von 35 Metzen a 36 x (= Kreuzer)" 21

Gulden)

Ein Zeichen der Volksfrömmigkeit ist die Gedenktafel an

den Müller Johann Schnall an der Römerbrücke.

87


undeten zusätzlich das Gesamteinkommen ab, das die

Summe von 762 Gulden ausmachte. 85 Diese

Aufzeichnungen waren vor allem bei Freiwerdung der

Vikariatsstelle von besonderem Interesse, um sowohl

dem Konsistorium als auch den Bewerbern einen

Überblick über die Arbeitsleistung und die finanzielle

Situation zu verschaffen. Da auch Ende des 18.

Jahrhunderts in Salzburg ein Mangel an qualifizierten

Priestern bestand, und es sicherlich nicht immer einfach

war, ausreichend geeignete Kanditaten für die Seelsorge

zu finden, wußten die aufgeklärten Mitglieder des

Konsistoriums bisweilen den rationalen mit dem

rationellen Standpunkt zu verbinden. So sollte auf

Vorschlag des Dechants von Hallein der „alte und in der

Seelsorge verdiente Priester" Vikar Andrä Kaspar

Greiner, der 1786 sein Amt in Vigaun niederlegte, im

Pfarrhof Kuchl wohnen, da er dort eine gute Verpflegung

sowie medizinische Betreuung genießen konnte und -

typisch für die Aufklärungszeit - „(b)ey dem gegenwärtigen

Mangel der Priestern auf solche Weise vielleicht der

Herr Pfarrer nicht mehr als einen Herrn Koadjutor

vonnöthen haben dürfte. " 86

Bemerkenswert ist, daß auch das Vikariat Vigaun

gelegentlich von der Priesternot betroffen war, doch

wußten sich die resoluten Gemeindemitglieder sehr wohl

zu helfen. Der Konsistorialrat und Generalvisitator

Zacharias Lang hielt seine Eindrücke zu diesem Problem

1794 fest: „Einige Gemeindemänner von Vigaun

drangen bey mir sehr nachdrücklich, und beynahe mit

einer Art Ungestüm(m)igkeit darauf, daß, da die

Ernen(n)ung eines Vikars noch auf einige Zeit verschoben

bleiben dürfte, und die Gemeinde ohnehin einen zweiten

Priester schon lange entbehren mußte, so ein zweiter

Hilfpriester wenigstens irzt bis zur Wiederbesetzung des

Vikariats dahin abgeordnet werden möchte; indem sie

ihn nicht länger mehr entbehren können. " 87 Ein

Eingreifen des Konsistorialrates war nicht mehr

notwendig, da bereits kurz nach der Vorsprache der

Gemeindemänner Leopold Holzer zum neuen Vikar

bestellt wurde und sein Seelsorgeamt immerhin bis 1798

ausübte.

Volksfrömmigkeit

Bäuerliche Arbeit, christliche Lebensweise und

Brauchtum waren wohl die bedeutendsten Schwerpunkte

im Jahresablauf der ländlichen Bevölkerung. Eine

Verbundenheit, die sich auch noch bei den Robotdiensten

bei den Kirchenrenovierungen oder -umbauten

(so beispielsweise 1789 oder 1899) in Taten ausdrückte.

Neben der Errichtung des Vikariates manifestierte sich

die barocke Volksfrömmigkeit der Vigauner zusätzlich in

der Bitte um Zulassung der heiligen Skapulierbruderschaft.

Der Vikar, der die Mitglieder seiner Kirchengemeinde

bereits gut kannte, meinte kritisierend, daß er ihnen ihre

Devotion zu der hl. Maria nur dann glauben könnte,

wenn die Bittsteller „ nit alljärlich die heil. Frauenabendt

für Ordinari schier bis zu einfallender Nacht mit laut und

grober Arbeit zubringen thäten. " 88 Das Konsistorium in

Salzburg verweigerte die Bewilligung mit Hinweis auf das

Bestehen dieser Bruderschaft in Hallein. Bereits ein Jahr

später, 1724, war ein Gesuch um Errichtung der heiligen

Dreifaltigkeitsbruderschaft, für welche eine Dotation von

350 Gulden vorgesehen war, erfolgreicher. Nachdem am

1. September 1724 die päpstliche Zustimmung schriftlich

erfolgte, hatte auch das Konsistorium keine Vorbehalte

mehr und empfahl, die Statuten der Bruderschaft

gleichen Namens in der Priesterhauskirche in Salzburg zu

übernehmen. Die Bruderschaft zur Allerheiligsten Dreifaltigkeit

wurde in den Jahren von 1700 bis 1802 insgesamt

in vierzehn Orten gegründet, so z.B. in

Dorfwerfen, Uttendorf, Saalbach, Seekirchen, Lessach,

Anif, Abtenau etc. 89 Wie schon im späteren Mittelalter so

bildeten die Bruderschaften mit ihrem religiösen

Gemeinschaftssinn oft auch noch im 18. Jahrhundert die

finanzielle Grundlage einer Pfarrgemeinde beim Armen-,

Schul- und Unterstützungswesen sowie beim Neu- bzw.

Erweiterungsbau von Kirchen. Diese sozial-caritative

Aufgabe wird auch im päpstlichen Breve angedeutet, wo

es heißt, daß die Mitglieder Arme beherbergen und „den

Bedrängten, Mühseligen und Kranken, vörderst den

Gefangenen, so weit sich eines jeden Vemögen erstreckt,

mit zuläßigem Rath und That an die Hand zu gehen,

oder Hülfe leisten" sollten. 90 Eine große Anziehungskraft

übten diese christlichen Gesinnungsgemeinschaften auch

durch die Verheißung der Sündenvergebung aus.

„Erstlich haben sie vollkommenen Ablaß und Verzeihung

aller ihrer Sünden an dem Tage ihres Eintritts oder

Einschreibung in diese Bruderschaft, wie imgleichen

hernach alle Jahre am Sonntag der Allerheiligsten und

unzertheilten Dreifaltigkeit, als ihrem Haupt-Fest; endlich

zur Zeit ihres Absterbens, wann sie doch jedes Mahl die

in dem päpstlichen Breve hiezu erforderlichen Werke

fleißig verrichten." 91 Neben vier weiteren „mindern oder

kleinern" Festtagen wurden außerdem die Prozessionen

und Bruderschaftsumgänge, die die Mitglieder am Tag

des Hauptfestes sowie jeden dritten Sonntag im Monat

abhielten, feierlich begangen. Die Mitgliederzahl der

Dreifaltigkeitsbruderschaft in Vigaun war durchaus beachtlich,

denn um 1880 zählte die Vereinigung 996

Pfarrangehörige, d.h. daß ein Großteil der Dorfbewohner

der Bruderschaft beigetreten war. Das Vermögen - 1460

Gulden - war zum überwiegenden Teil in öffentlichen

Fonds oder bei Privaten angelegt; als Jahresbudget wurde

eine Summe von 177 Gulden veranschlagt, und als

jeweiliger Vorstand („Obmann") fungierte der Vikar bzw.

ab 1858 der Pfarrer. 92

88


Der letzte regierende Fürsterzbischof, Hieronymus Graf

Colloredo, ging als aufgeklärter Landesherr und geistlicher

Oberhirte gegen die barocke Ausprägung des

christlichen Glaubens in entschiedener Weise vor. In

seinem berühmten Hirtenbrief von 1782 wetterte er

gegen kirchliche Mißstände mannigfacher Art und schuf

damit die Grundlage für einschneidende Veränderungen,

die vor allem von der ländlichen Bevölkerung jedoch

vielfach nicht akzeptiert wurden. Obwohl Colloredo auch

harte Kritik an den Priestern übte und der Hoffnung

Ausdruck verlieh, daß „Gott (…) jede christliche

Gemeinde vor einem Seelsorger (behüten wolle), der sein

Amt nur mechanisch, handwerksmäßig und aus Noth

treibt, schon zufrieden ist, den Augen und Ohren etwas

vorgemacht zu haben, seine Pfrunde nur als ein Mittel

zum bequemen Leben und zum Vermögensammeln

ansiehet, der seine Tage im Dienste des Bauches oder

des Mammons verleben will, und vergessen hat; daß

seine Herde nicht zu seinem Dienste, sondern er zum

Dienste der Herde da ist!" 93 , blieben ihm das Verständnis

und die Zustimmung für seine Maßnahmen versagt.

Auch in Vigaun verhielt es sich nicht anders! 1785

wurden in der Filialkirche St. Margarethen die üblichen

Messen an Sonn- und Feiertagen abgestellt, eine

Vorgehensweise, die Protest hervorrief. Zusätzlich ließ

Erzbischof Colloredo die Kreuzgänge nach Maria Plain

verbieten, wo man eine mehrpfündige Wachskerze

opferte und die bereits während der Pestzeiten gelobt

worden war. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts

pilgerten die Wallfahrer des Vikariates Vigaun auch auf

den Dürrnberg, wo es angeblich zu mehreren Gebetserhörungen

gekommen war, nach Kuchl, nach

Georgenberg oder nach St. Margarethen. Die beliebte

Wallfahrt zur St. Margarethenkirche wurde vor allem an

den sogenannten drei „Engerlingfeiertagen" (St. Georgs-,

St. Heinrichs- und St. Margarethentag) mit Kreuzvölkern

aus der gesamten Pfarre Kuchl durchgeführt, wo die

Landbevölkerung den Schutz ihrer Felder vor Schädlingen

erflehte. Die Frühmesse mußte an diesen Tagen

der Geistliche von Adnet, das Hochamt der Kuchler

Pfarrer feiern und die Predigt der Vikar aus Vigaun

halten. 94 Nach dem Verbot des Kreuzganges nach Maria

Plain gingen die Wallfahrer ohne Begleitung eines

Priesters zu dieser Marienverehrungsstätte. Da es jedoch

ein Anliegen der Vigauner war, den von den Vorfahren

gestifteten Kreuzgang nicht in Vergessenheit geraten zu

lassen, richteten sie mehrmals eindringliche Bittschriften

an das Konsistorium mit Hinweis auf die ihrer Meinung

nach ohnedies geringe Anzahl jährlicher Wallfahrten.

Aber erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde

neuerlich die Bewilligung

Bittgänge gehören auch heute

zum pfarrlichen Leben im

Jahreskreis: Hier einer der

drei Bittgänge nach St. Margarethen

an den „Bittagen" vor

Christi Himmelfahrt.

89


Die Titelseite des Bruderschaftsbüchls der

1724 gegründeten Vigauner Dreifaltigkeitsbruderschaft,

das erste Druckwerk

speziell für Vigaun?

90


zur Abhaltung eines Bittganges unter Leitung des Vikars

erteilt. 95

Auch das vielfach geübte Wetterläuten und -schießen, das

die Leute auf dem Feld und im Haus auf die drohende

Unwettergefahr aufmerksam machen sollte, wurde 1785

von obrigkeitlicher Seite stark eingeschränkt. In der

entsprechenden Verordnung, die das Gespür für die

bewahrende Mentalität der Landbevölkerung gänzlich

vermissen läßt, heißt es wörtlich: „Soll in Zukunft bey

einem aufsteigenden Hochgewitter mehr nicht, als ein

kurzes dreimaliges Glockenzeichen, eben so wie man zu

dem englischen Gruß zu la(e)uten pflegt, gegeben, und

das na(e)mliche Zeichen, sobald das Gewitter uoru(e)ber

gegangen ist, wiederholet werden. " 96 Bei Zuwiderhandlung

drohte eine höhere Geldstrafe, die der

jeweiligen Gemeindearmenkasse zufloß. Für das

Wetterläuten war in der Regel der Mesner zuständig, der

sich an heißen und schwülen Sommertagen als genauer

Beobachter auszeichnen konnte. Solange ein Gewitter

andauerte, mußte er wachsam sein, „um bey einem

etwaigen Unglu(e)cksfalle durch Anschlagung der

Glocken, oder auf eine andere Art die umliegenden Orte

aufmerksam machen und zur Hilfe rufen zu können". 97

Da das Einkommen des Mesners auf dem Land eher

gering ausfiel, sollte ihnen für ihre Tätigkeit auch das

sogenannte Wetterläutgeld ausgefolgt werden. 1807

verweigerte man den Mesnern zu Vigaun (l Gulden) und

zu St. Margarethen (2 Gulden) kurzfristig diese jährliche

finanzielle Zuwendung, erst im folgenden Jahr wurde die

„gnädigste Verleihung" erneut bewilligt. Daß das

Wetterläuten nicht gänzlich ungefährlich war, bewiesen

die zahlreichen Unfälle, die sich dabei ereigneten; das

Verbot Erzbischof Colloredos vom Jahr 1785 konnte

vom k.k. Kreisamt 1817 aus diesem Grund nur bestätigt

werden. 98 Auch in Vigaun entging man nur knapp einer

gefährlichen Situation. Am Maria Himmelfahrtsfest 1802

schlug der Blitz in die erst 1791 ausgebesserte

Turmspitze ein, „fuhr zu der 1727 aufgestellten Orgel,

welche er zertrümmerte und Zin(n)pfeifen davon biszum

Speisgitter schleuderte." Die nötigen Zug- und

Handlangerarbeiten bei der wiederum fälligen Reparatur

wurden wie schon so häufig freiwillig von den

Gemeindemitgliedern geleistet. Auch nach Jahrhunderten

war die Einheit bäuerliches und kirchliches Leben

noch nicht brüchig geworden.

Vigaun im 19. Jahrhundert –

der Ort gewinnt an Bedeutung

Zählte Vigaun in seinen heutigen Grenzen im Mittelalter

nur einige wenige hundert Einwohner, so wuchs die

Bevölkerung bis 1990 auf annähernd 1800 Ortsansässige

an. Für die Frühzeit fehlen uns verläßliche

Daten gänzlich, erst mit Ende des 18. Jahrhunderts

lassen sich konkrete Zahlen anführen.

So wurde die Volkszahl des Pfleggerichtes Golling um

1795 mit 7163 „Seelen" angegeben, wovon 1229 im

Vikariat Vigaun ihren Wohnsitz hatten. Der Ort selbst

zählte natürlich wesentlich weniger Ansässige und dürfte

ähnlich wie das gesamte Erzbistum Salzburg zwischen

1795 und 1805 durch politische Wirren und kriegerische

Auseinandersetzungen einen Bevölkerungsrückgang

erlitten haben (im Dekanat Hallein betrug diese Einbuße

ca 3,7% oder 760 Personen). 10 ° Eingehender befaßte

sich der Topograph Weilmeyr mit den einzelnen

Ortsteilen, der seine Ergebnisse im „Topographischen

Lexikon vom Salzach-Kreise" auflistete, welches 1812,

also während der bayerischen Herrschaft, erschien.

Vigaun charakterisierte er als Vikariatsdorf mit 350

Seelen und 72 Häusern, „Aign" im Vikariat Vigaun

zählte 86 Seelen und 19 zertreut liegende Häuser, Riedl

113 Seelen und 18 Wohngebäude, Baumhofen 60

Seelen in ebenfalls zerstreut liegenden Bauernhäusern,

die Ortschaft Rengerberg hingegen bewohnten 189

Seelen in 42 Häusern. Der Weiler „Burgfrieden" mit

seinen 689 Einwohnern war nur im Bereich der

Seelsorge teilweise an Vigaun angegliedert, was

gelegentlich zu Schwierigkeiten führte, da Kinder in

Hallein und nicht in Vigaun getauft wurden, wodurch das

Taufregister nicht korrekt geführt werden konnte bzw.

Taufgebühren ungerechtfertigterweise nach Hallein

abflößen. 101

Die Kirchengemeinde Vigaun beschrieb Weilmeyr

folgendermaßen: „Das Vikariat, das sich u(e)ber die

Ortschaften Aign, Baumhofen, einen Theil von

Burgfried, Rengenberg und Riedl erstreckt, zählt 1200

Seelen, darunter 506 m. und 485 w. Kommunikanten,

steht unter dem Dekanate Hallein und ist in dem Bezirke

des R.A. Golling (...). Daselbst ist auch eine Schule." 102

Kriege und Kämpfe in unmittelbarer Nähe,

Kontributionen sowie Einquartierungen - 1810 hielten

sich immerhin sechs Kompanien des 2200 Mann

umfassenden 57. Linien-Infanterie-Regimentes der französischen

Armee in Hallein, Adnet und Vigaun auf 103 -

erschwerten eine Bevölkerungszunahme im frühen 19.

Jahrhundert. 1817 siedelten 707 Menschen in 151

Wohn- und Wirtschaftsgebäuden auf dem Gebietsstand

der späteren Gemeinde Vigaun, 1843 waren es ca. 730.

Danach stagnierte die Bevölkerungsentwicklung, es kam

sogar zu einem nicht unerheblichen Rückgang (1870

610 Einwohner, 1890 632 Einwohner - Aigen 64, St.

Margarethen 73, Rengerberg 212, Vigaun 283). Erst

nach der Jahrhundertwende konnte wieder ein Zuwachs

verzeichnet werden, die Bevölkerungszahl nahm bis zum

Jahr 1990 um mehr als das Doppelte zu, wobei die

größte Steigerungsrate in den letzten dreißig Jahren zu

verzeichnen war. 104

91


Auf der Karte des

Berchtesgadener Landes

„Das Landt und Frei Stifft

Berchtolsgaden mit den

anstossenden Grenzen"

um 1620 sind „Tauggl

Fl(uss)", „S. Dionis" und

„S. Margreth" zu finden.

An der Taug! sind zwei

Brücken eingezeichnet,

auf der Kuchler Seite auch

der Galgen.

92


Nach dem fünffachen Regierungswechsel in den Jahren

1803 bis 1816 kehrte in Salzburg erneut Ruhe ein.

Durch die Degradierung des Landes zum fünften Kreis

der „Provinz Oberösterreich und Salzburg" mußte das

Randgebiet zu Bayern unter der Herrschaft der Habsburger

nunmehr für mehrere Jahrzehnte das kümmerliche

Schattendasein einer bedeutungslos gewordenen

Provinz führen. Diese unfreiwillige Idylle war am Land

noch stärker ausgeprägt als in der Stadt. Das Leben in

Vigaun ging seinen gewohnten Gang und wurde

weiterhin durch Arbeit, kirchliche Seelsorge und

Schicksalsschläge bestimmt. So starben beispielsweise

noch 1816 viele Bewohner des Dorfes in jugendlichem

Alter. Im Vikariat Vigaun standen in diesem Jahr 49

großteils ehelichen Geburten 40 Todesfälle gegenüber,

wobei die Kindersterblichkeit immerhin 17 Opfer

gefordert hatte. Bestimmte Krankheiten traten mit

Ausnahme gelegentlicher Fieberepedemien kaum gehäuft

auf, auch die gefürchteten Blattern bekam man

allmählich in den Griff. Vigaun hatte noch immer keine

eigene Hebamme, doch konnte man die Unterstützung

der Geburtshelferinnen in Hallein oder in Kuchl erbitten.

105

Auch in religiöser Hinsicht ereignete sich im frühen 19.

Jahrhundert zunächst nichts Ungewöhnliches, die

Pfarrerhebung in der zweiten Hälfte dieses Zeitabschnittes

(1858) hingegen stellte lediglich die

Anerkennung der gewachsenen Bedeutung des Seelsorgegebietes

dar. Wie aus dem Bericht des Vikars Mitte

der 1820er Jahre an die kirchliche Oberbehörde zu

entnehmen ist, waren keine wesentlichen Beschwerden

zu verzeichnen, selbst der ungeliebte deutsche Kirchengesang

bei den Gottesdiensten ließ sich friedlich

durchsetzen. „Schwarze Schafe" gab es im Dekanat nur

wenige, und so wurden bloß zwei Männer namentlich

beschuldigt, gegen die Lehren der katholischen Kirche zu

verstoßen. Einem ehemaligen Gutsbesitzer wurde

vorgeworfen, seit drei Jahren der Kirche und den

heiligen Sakramenten ferngeblieben zu sein, ein anderer

sollte seit zwölf Jahren in Trennung von seiner Frau

leben, die in der Stadt Salzburg eine eigene Wohnung

unterhielt. Um diese „Mißstände" abzustellen, übte man

sowohl von geistlicher als auch von privater Seite

moralischen Druck aus. 106

Grundentlastung 1848

Einschneidender als die bisher geschilderten Ereignisse

waren sicherlich die Veränderungen in der Besitzstruktur,

die das Revolutionsjahr 1848 auslöste. - Zunächst muß

aber ein Blick auf das versteuerbare Vermögen, auf das

landwirtschaftliche Kapital, geworfen werden, wie dieses

in Vigaun im Stichjahr 1830 verteilt war. Als wichtigste

Quelle stehen uns dafür die Mappen des sogenannten

„Franciszäischen Katasters"

zur Verfügung, die im Salzburger Landesarchiv

aufbewahrt werden. Bereits mit Entschluß vom 23.

Dezember 1817 verfügte Kaiser Franz I. die Anlage eines

genauen Steuerkatasters, der auch nach ihm benannt

wurde. Auf der Grundlage einer umfassenden Landestriangulierung

erfolgte im Jahr 1830 die erste maßstabsgetreue

Vermessungsaufnahme des Landes Salzburg.

Für den Historiker ist auch bedeutend, daß diese

Mappen den Zustand des Landes noch vor den verändernden

Eingriffen der Industrialisierung und der

umfassenden Verkehrserschließung wiedergeben. Als

administrative Neuerung brachte das Vermessungswerk

die Errichtung der Katastralgemeinde. 107 Neben einer

definitiven Grenzbeschreibung des Ortes Vigaun, der zum

Steuerbezirk Golling zählte, wurden in das „Protocoll der

Catastral Vermessung" auch die verschiedenen

Grundherrschaften und eine Auflistung der 147 Gebäude

bzw. Häuser mit ihrem Verwendungszweck als Wohnund/oder

Wirtschaftsgebäude aufgenommen. 108

Besonders wesentlich und interessant ist jedoch, daß

erstmals auf den Zustand der Landwirtschaft in der

Steuergemeinde Vigaun näher eingegangen wurde. So

fanden sich dort neben den üblichen Bodennutzungsarten

wie Äcker und Wiesen auch noch Waldungen und

wenige Hutweiden. Noch um das Jahr 1800 konnten die

Bauern des Taugltales zusätzlich den 1758 Meter hohen

Trattberg als „Freyalpe" in Anspruch nehmen, „auf

welcher 58 Käsen (= Almhütten) sich befinden, und

wohin 80 Bauern mit ihrem Melkviehe auffahren, und

noch mehrere andere Bauern ihr Rindvieh, und ihre

Pferde zum freyen Weidgenuße treiben". 109 Den

stundenlangen und beschwerlichen Anmarsch nahm man

dafür gerne in Kauf.

An Hauptfrüchten baute man Hafer, Weizen und Korn

an sowie als Nachfrüchte Kartoffeln, weiße Rüben und

Kraut in geringer Quantität. Den Kartoffelanbau

versuchte bereits die erzbischöfliche Regierung Ende des

18. Jahrhunderts in verstärktem Maß zu propagieren,

doch da man den „Erdapfel" vielfach als Schweinefutter

ansah, konnte die Aussaat nur unwesentlich vermehrt

werden. Obwohl diese Frucht auch bei der

Katastererhebung 1830 noch in keiner prozentuell

faßbaren Größenordnung vorkam 110 , fand man es in

Vigaun bedeutsam, auf diesen Anbau gesondert

hinzuweisen. Die Frage nach den Absatzmärkten der

landwirtschaftlichen Produkte mußte hingegen negativ

beantwortet werden: „Die hiesige Gemeinde hat

höchstens nur in gesegneten Jahren an Hafer zum

Verkauf etwas übrig, - und erklärt: daß Sie bisher noch

nie in der glücklichen Lage war, etwas von ihren übrigen

erzeugten Produkten zum Verkaufe losschlagen zu

dürfen." An Nutzvieh wurde ein Bestand von ca. 180

Kühen, 30-40 Kälbern und

93


20 Schafen ausgewiesen, als Zugvieh listete man 18

Pferde und fünf Ochsen auf. Grundbesitzer, die jedoch

über kein eigenes Zugvieh verfügen konnten, mußten

dieses bei Nachbarn oder in anderen Ortsteilen ausleihen

bzw. „mieten", wobei die Kosten pro Zugtag für Pferde

zwei Gulden CMWW (= Conventions-Münze Wiener

Währung) und für Ochsen ein Gulden 40 Kreuzer

CMWW betrugen. 111 Bis zum Jahr 1851 vergrößerte sich

die Anzahl des Großviehs auf 556 und die des Kleinviehs

auf 940 Stück. Auch die Pferdezucht war im Taugltal

keineswegs unbedeutend; es wurden annähernd

einhundert Pferde gehalten und der Durchschnittspreis

dafür betrug nach 1860 ca. 300 Gulden. 112

In der Gegend um Hallein kam es sogar zu Mißstimmigkeiten,

da angeblich „irrthu(e)mliche Begriffe"

über den Zweck der Volksbewaffnung verbreitet wurden.

So schimpfte ein Nationalgardist aus Salzburg, daß man

in den Ortschaften in der Nähe Halleins „die la(e)pische

Idee unter den Landbewohnern zu verbreiten suchte, daß

die Nationalgarden, wenn sie einmal einexerciert sind,

zum Kriegsdienste verwendet und in das Milita(e)r

eingereiht werden. (...) Bei dem biederen Sinn unseres

Landbewohners fu(e)r alles Gute, istes zu bedauern, daß

diejenigen, welche durch ihre Stellung oder Bildung

berufen sind, auf das Volk aufkla(e)rend zu wirken, es in

ihrer na(e)chsten Na(e)he unterlassen, solche irr-

Obwohl in der Steuergemeinde Vigaun ein Mangel an

Taglöhnern herrschte, verdienten männliche

Handarbeiter zusätzlich zu den Naturalleistungen lediglich

20 Kreuzer täglich. Die Arbeit der Frauen wurde noch

schlechter entlohnt, ihnen bezahlte man nur 16 Kreuzer

pro Tag. Aber auch die Lage der Bauern war durch die

vielfachen steuerlichen Abgaben beeinträchtigt, die ihre

Erträge schmälerten. „Die Lasten die auf unsern

Gründen haften, sind folgende: 1.) Die landesherrl.

Steuern 2.) die Stiften und andre Natural-Giebigkeiten

3.)der Zehent an das Kapitel und Stift Nonnberg in

Salzburg 4.) die Erhaltung der Armen im Orte selbst in

Naturalien 5.) die Gemeinde Umlagen 6.) Bei dem

Antritte einer neuen Grundherrschaft, - bey Uebergaben,

- muß die (...) Anlait an die Grundherrschaft entrichtet

werden." 113 Es versteht sich von selbst, daß man

zumindest einem Teil dieser Abgaben entkommen wollte.

Die Ereignisse des Revolutionsjahres 1848 schufen dafür

die notwendigen Voraussetzungen. Sogar der erklärte

Revolutionsgegner und Schriftsteller Matthias Koch

kritisierte noch in den 1840er Jahren die

unangemessene steuerliche Belastung der Hofbesitzer.

Bezugnehmend auf die Verhältnisse im „Gollinger-

Bezirke" meinte er: „Ueberall beinahe findet sich, daß die

Gemeindelasten beträchtlich sind und die Besteuerten

stark in Anspruch nehmen. Uebrigens sind es nicht die

landesfürstlichen, sondern die gutsherrlichen Abgaben,

welche die Bauernwirthschaften nicht emporkommen

lassen. Diese sind auch hier bis zur Hälfte ihres Werthes

und wie überall von alter Zeit her verschuldet. " 114

Im März 1848 stürzte eine breite konstitutionelle Bewegung

den ungeliebten Staatskanzler Metternich.

Bereits Mitte des Monats mußte Kaiser Ferdinand die

Pressefreiheit und die Bildung von Nationalgarden

gewähren sowie eine Konstitution versprechen. Die

Wiener Ereignisse verbreiteten sich auch in Salzburg in

Windeseile. Die Bevölkerung ertrug die neue Last des

Nationalgardendienstes, wodurch die Ordnung und

Sicherheit garantiert werden sollte, willig, jedoch scheinbar

ohne allzu große Begeisterung.

Mit der Grundentlastung 1848 endete auch die

Grundherrschaft des Stifts Nonnberg in Vigaun, an die

im Gemeindewappen die drei goldenen Kugeln erinnern.

94


thu(e)mliche Geru(e)chte oder eitle Zwistigkeiten durch

Belehrung ungefa(e)hrlich zu machen." 115

Die gegen vermeintliche innere und äußere Gefahren

gegründeten Nationalgarden stießen bei der ländlichen

Bevölkerung, die Ruhe und Ordnung als ihre Pflicht

ansah, auf wenig Interesse. Wesentlich bedeutsamer für

den einzelnen Bauer war die Grundentlastung, eine

bleibende Errungenschaft des Revolutionsjahres, welche

die Verhältnisse der im Agrarbereich tätigen Mehrheit

gänzlich neu gestaltete. Obwohl die Revolution niedergeschlagen

werden konnte, setzte die Regierung die

Bauernbefreiung fort. Mit der Ministerial-Verordnung

vom 4. Oktober 1849 wurden die Durchführungsbestimmungen

zur Grundentlastung im Kronland

Salzburg näher erläutert. Zur Umsetzung dieser

Verordnung errichtete man die k.k. Grundentlastungskommission,

die in Salzburg in 23 Bezirksunterabteilungen

gegliedert war. Nur zu einem geringen Teil

wurden die eigentlichen Urbarial-, Zehent- und

vogtherrlichen Rechte entschädigungslos gestrichen, die

übrigen Ansprüche waren im zwanzigfachen Jahreswert

abzulösen, wobei als Berechnungsgrundlage die eher

niedrig gehaltenen Sätze des stabilen Grundsteuer-

Katasters bzw. der Urbarial- und Zehentfassionen

Gültigkeit hatten. Den so ermittelten Geldwert zerlegte

man in drei gleiche Teile: ein Drittel hatte der ehemalige

Grundherr gewissermaßen als Gegenleistung für seine

nunmehr entfallenden Pflichten zu streichen; ein Drittel

mußte vom Zinspflichtigen innerhalb von 20 Jahren

bezahlt werden; das letzte Drittel schließlich hatte das

Land in einem Zeitraum von 40 Jahren aufzubringen.

Die erwiesenermaßen hohen Viehpreise der fünfziger

Jahre erleichterten den Vigauner Bauern die Begleichung

der übernommenen Schulden. Die Jahrhunderte

andauernde Verbindung zum dominierenden Grundbesitzer

Nonnberg war damit endgültig gelöst. Auch die

Abgaben an die Vikariatskirche Vigaun und an die

Filialkirche St. Margarethen wurden großteils beseitigt;

die Grundentlastungskapitalien dieser geistlichen Stiftungen

bzw. Körperschaften machten jedoch lediglich

einen Minimalbetrag von unter 100 Gulden aus. 116 Der

Wert der Naturaliensammlung - im zehnjährigen

Durchschnitt ca. 36 bayerische Metzen, die der Seelsorger

in eigener Person von Hof zu Hof gehend

einsammeln mußte - betrug aber noch 1857 20 Gulden

34 Kreuzer CMWW. 117 Insgesamt betrachtet harrte der

Zustand der Landwirtschaft im Kronland Salzburg um

1850 jedoch noch vieler Verbesserungen. Neben dem

geringen Potential an arbeitenden Menschen, der

kostspieligen Erhaltung der Dienstboten und den vielen

Feiertagen wurde zusätzlich „der gänzliche Mangel an

aufmunternden rationellen Beispielen und Belehrungen

zur Verbesserung der Bewirthschaftung des Bodens" 118

entsprechend kritisiert.

Errichtung der Gemeinde 1849

Auf Grund des „Provisorischen Gemeindegesetzes" vom

17. März 1849 kam es auf dem Land zur Errichtung von

155 Gemeinden, wozu auch Vigaun mit seiner heutigen

Grenzziehung zählte. Durch den Wegfall der bisherigen

Grundherrschaften sollten den Gemeinden auch viele

ehemals obrigkeitliche Rechte eingeräumt werden. Zwar

wurden noch die Gemeindevertretungen gewählt, doch

dann „legte sich der Rauhreif des Neoabsolutismus auf

den Habsburgerstaat". 119 Gemeindevorstand Mathias

Wintersteller, die beiden Gemeinderäte Josef Ziller und

Johann Georg Weiß sowie die neun Mitglieder des

Ausschusses, dem auch der Schulmeister und Vikar

Lama angehörten, amtierten weiterhin als Hilfsorgane

der staatlichen Verwaltung. Die Gemeindevertretung

bestand verständlicherweise zum größten Teil aus

Bauern. Von den 729 Ortsbewohnern waren 1850 nur

121 oder 16,6% tatsächlich wahlberechtigt, zur Wahl

erschienen jedoch lediglich 79 Vigauner (die

Wahlbeteiligung betrug also nur minimale 65,3%). 120 In

der Übergangsphase vom Absolutismus zur

konstitutionellen Ära wurden schließlich im Herbst 1860

die Gemeindevertretungsorgane durch einen Urnengang

neu bestimmt. Der Bauer Anton Schieferer übernahm

nunmehr das Amt des Vorstandes, Blasius Frank und

Georg Schörghofer fungierten als Gemeinderäte. Nach

der Ansicht des k. k. Bezirksamtes waren sämtliche Gewählte

in politischer Hinsicht „von sehr gemässigt

liberaler Gesinnung u(nd) loyal". 121

Sozial- und Gesundheitswesen

Zu den Gemeindeagenden zählte auch die problematische

Armenversorgung. Da Armut ein ständiger

Begleiter der kleinen Leute war, mußten legistische

Maßnahmen getroffen werden, um diese soziale

Herausforderung in den Griff zu bekommen. Mit dem

Gesetz betreffend die Regelung der Heimatverhältnisse

von 1863 und mit dem sogenannten Armengesetz vom

30. Dezember 1874 wurde den Gemeinden die Pflicht

auferlegt, „die Verabreichung des nothwendigen

Unterhaltes und die Verpflegung im Falle der

Erkrankung" 122 zu gewährleisten. Zuvor betreuten die

Pfarrarmeninstitute, die überall im Land seit 1827

verpflichtend zu errichten waren, diese Sozialfälle.

Selbstverständlich gab es auch in Vigaun eine derartige

Institution, die beispielsweise 1841 einen Mann und elf

Frauen mit der Summe von 384 österreichischen Gulden

beteilte. Für „Irre" standen zwei Häuser zur vollen

Betreuung zur Verfügung, doch wurden zu diesem

Zeitpunkt die vorhandenen Plätze nicht benötigt. Auch

der allgemeine Bezirks-Armenfonds

95


konnte eine eventuell benötigte finanzielle Aushilfe

gewähren. In den späten 1880er Jahren wurden

zusätzlich die Dienstbotenkrankenkassen im Land

Salzburg errichtet, die einzige Form einer

Pflichtversicherung im ländlichen Bereich, wobei die

Beitragszahlung zwischen Dienstgeber und Arbeitnehmer

im Verhältnis 1:3 geteilt war. Da sich der Klerus in

besonderer Weise für dieses „Salzburger Modell"

engagierte, gelang es trotz vielfacher Schwierigkeiten,

diese Kasse in allen Gemeinden zu installieren. Noch im

Jahr 1905 wurden in mehreren Tennengauer Gemeinden

- so auch in Vigaun -anläßlich des 75-jährigen

Geburtstages Kaiser Franz Josephs I. Elementar- und

Unterstützungsfonds gegründet. Der Zweck dieser

wohltätigen Vereine war, „bei Eintritt von

Elementarereignissen, insbesondere von

Überschwemmungen, an die von solchen Ereignissen

Betroffenen Unterstützungen zu verabfolgen, weil die in

derartigen Fällen vom Staate beigestellten Geldmittel zur

notwendigen Hilfe und Unterstützung nicht ausreichen,

im Falle aber, als nur einzelne Güter von

Elementarereignissen heimgesucht werden, eine

staatliche Notstands-Aktion überhaupt nicht eingeleitet

wird". 123 Bei Brandunglück hingegen versprach der

Brandschaden-Versicherungs Verein „Tännengau", der

seinen Sitz im Markt Golling hatte, einen gewissen

Schutz. 124

In gesundheitlicher Hinsicht bildete Vigaun eine

Ausnahme im Land Salzburg. Noch nach 1840 zeigte

sich der k.k. Kreisarzt und Direktor des medizinischchirurgischen

Studiums, Dr. Carl Ozlberger, über den

keineswegs günstigen Gesundheitszustand der Bewohner

des Salzburger Kreises besorgt. Als schädigende Einflüsse

für das Leben des einzelnen erachtete er das rauhe

Klima, die anstrengenden Arbeiten des Landmannes, die

vorherrschende Unreinlichkeit, die schwere und sehr

fette Kost - in der Regel wurden mehr Mehl- als

Fleischspeisen konsumiert -, den übermäßigen Bier- und

Branntweingenuß sowie die engen und dumpfen

Wohnungen des Landvolkes. Der medizinische Laie

Pfarrer Lama äußerte sich in der zweiten Hälfte des

vorigen Jahrhunderts zum Thema Gesundheit und Alter

der Vigauner aber folgendermaßen: „Übrigens hat die

Gegend, besonders wo die Vikariatskirche liegt, eine

äußerst gesunde Lage. Der trockene Sandboden der

Anhöhe und der frische Luftzug hindert das Auftreten

von ansteckenden Krankheiten und Seuchen, selbst die

gewöhnlichen Krankheiten, als Blattern, Nervenfieber,

Typhus, Scharlach dehnen sich selten über mehr als ein

Haus aus. Das gilt ebenso von den höher gelegenen

Wohnungen im Riedl und Rengerberg; darum trifft man

hier nicht selten Menschen von sehr hohen (sie!) Alter

von 70, 80, 90 und selbst 100 Jahren an." 125 Im November

1898 forderte aber dann doch die „Diphtheritis"

ihre Opfer. Pfarrer Johann Gruber berichtet in der von

ihm begonnenen Pfarrchronik von Vigaun, daß manche

Erwachsene und zahlreiche Kinder ernsthaft erkrankten.

Sogar die Schule mußte von Dezember bis Anfang März

geschlossen bleiben, da einige Kinder an den Folgen

dieser bakteriellen Infektion verstarben. 126

Pfarrerhebung 1858

Mit der Erhebung des Vikariates Vigaun zur Pfarre im

Jahr 1858 fand die kirchliche Entwicklung ihren

Abschluß. Obwohl der Prozeß der Pfarrerhebungen des

19. Jahrhunderts eine allgemeine Erscheinung in der

Erzdiözese Salzburg war - allein 1858 wurde das

Pfarrnetz um zwölf Pfarren erweitert - und in den

ausführenden Händen der Erzbischöfe lag 127 , gewann

dadurch auch das Dorf Vigaun an Bedeutung und

Prestige. Der gebührende Rang einer Pfarre wurde dem

„alten" Vikariat durch den hohen Ministerialerlaß vom 7.

Jänner 1858 zugesprochen. Dem bereits mehrfach

erwähnten Ferdinand Ritter von Lama, der seit 1839 die

Stelle des Vikars versah, wurde die Ehre zuteil, als erster

Pfarrer in die Geschichte Vigauns einzugehen. Mit dieser

Erhöhung war zusätzlich eine Aufbesserung des Gehaltes

für den Priester aus dem Religionsfonds vorgesehen,

sodaß Pfarrer Lama in den Genuß bestimmter Pfründe

kommen konnte. Vom Einkommen, welches 1858

vorläufig mit 573 Gulden und 16 Kreuzern angegeben

wurde, konnten nach § 192 des Taxgesetzes von 1840

für den Pfründner 300 und für jeden Hilfspriester

überdies nochmals 200 Gulden als taxfreie Gebühr in

Abzug gebracht werden. Trotz dieser klaren Besteuerungsgrundlage

gab es mehrmals Schwierigkeiten

mit der k.k. Staatsbuchhaltung in Salzburg. 128

Pfarrer Lama zeigte sich aber nicht nur um das Wohl

seiner Kirchengemeinde besorgt, sondern war nebenbei

an der Erforschung der Geschichte der näheren

Umgebung besonders interessiert. Wenn seine Methoden

und Ergebnisse auch heute nicht mehr der Kritik

standhalten können, so muß doch zumindest sein

Engagement gewürdigt werden. Schon 1864 äußerte

sich die Salzburger Zeitung zu seiner Person: „Wer sich

über die Denkwürdigkeiten und geschichtlichen Daten

Figaun's sammt Umgebung interessiert, der wolle sich an

der dortigen Pfarrherrn Ritter v. Lama wenden, welcher

mit der größten Freundlichkeit zu Diensten steht." 129

Am 20. November 1867 verstarb Pfarrer Lama, der

immerhin 28 Jahre die Vigauner priesterlich betreut

hatte. Testamentarisch stiftete er mit seinem nicht

unerheblichen Privatvermögen ein Beneficium zu St.

Margarethen, wodurch altersschwachen, in der Seelsorge

ergrauten Priestern eine Unterkunft für ihren

96


Lebensabend geboten hätte werden sollen. Laut Gesetz

war diese letzte Verfügung aber nicht ganz unproblematisch,

da die Pfarrkirche Vigaun, der

Armenfonds der Gemeinde und die Verwandten je ein

Drittel des Vermögens hätten verlangen können. Obwohl

es in den folgenden Jahren nicht zur Errichtung des

Beneficiums kam, wurde das vorhandene Geld dennoch

sinnvoll genützt. 1903 betrug die Kassabarschaft lediglich

871 Kronen, 17.400 Kronen hingegen waren in

öffentlichen Fonds angelegt und mehr als 35.000

Kronen an Privatschuldner verliehen.

Durch die Geldentwertung wurde auch dieser Fonds

schwer in Mitleidenschaft gezogen bzw. ruiniert, das

restliche „Vermögen" betrug nur mehr 7 Schillinge und

20 Groschen. 130

Nach dem Tod von Ritter von Lama mußte das Amt des

Pfarrers neu bestellt werden. Wie aus der Kompetenten-

Tabelle hervorgeht, interessierten sich neun Bewerber für

die Pfarre Vigaun. Schließlich entsprachen sowohl das

erzbischöfliche Ordinariat als auch die Landesregierung

der Bitte Joseph Menhardts, Pfarrer in Hüttau. Menhardt

war der älteste Bewerber, 1808 in Steyr in

Oberösterreich geboren, sehr erfahren in der Seelsorge

und eifrig im Schuldienst. Seinen Lebenswandel

bezeichnete man als tadellos. Da er an einem Fußleiden

litt, war die gebirgige Pfarre Hüttau im Fritztal nicht der

geeignete Platz für ihn. Auch seine vorgesetzte Stelle sah

diese Sachlage in ähnlichem Licht: „(S)o ist doppelt

wünschenswerth, daß er auf eine(n) minder

anstrengende(n) Posten im Flachlande versetzt werde.

" 131 Bis 1879 kümmerte sich Pfarrer Menhardt

gewissenhaft um seine neue Pfarre; das letzte Dezennium

seines Lebens verbrachte er aber in seinem Geburtsort

Steyr, wo er 1886 im Alter von 78 Jahren verstarb.

Bei Prozessionen mitgetragen wurde auch die bekleidete

und mit Naturhaar ausgestattete Madonna aus dem 18.

Jahrhundert (heute in der Pfarrkirche im linken

Seitenschiff).

Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts

Diese wenigen Jahre verliefen nicht minder ereignislos.

Ende November 1897 wurde wiederum die

Gemeinderatswahl durchgeführt und die eprobten

Männer in ihren Ämtern bestätigt. Gemeindevorstand

Simon Schaber vertrat zusätzlich von 1896 bis 1902 als

Landtagsabgeordneter die Interessen der Tennengauer

Landgemeinden im Landtag. 132 Nachdem bereits 1891

im benachbarten Hallein der erste gewissermaßen

„unpolitische" katholische Arbeiterverein durch den

Ortsseelsorger gegründet worden war, schritt man im Juli

1898 auch im Dorf Vigaun zur Gründung dieses

„Bollwerkes" gegen die Sozialdemokraten, „nachdem

durch hochw. Hr. Coop. die Vorarbeiten mit vielem

Fleißegemacht worden waren", 133 Da Politik

satzungsgemäß nicht erlaubt war, verwundert es nicht

weiter, daß sich die Vereinsmitglieder eher folgsam und

passiv verhielten.

Knapp an der Jahrhundertwende wurde von den

Gläubigen auch der Wunsch geäußert, die Renovierung

der Kirche in Angriff zu nehmen. In besonderer Weise

erwies sich Kaspar Neureiter, ehemals Bauer zu

Kleinbrettstein, als Wohltäter der Pfarrkirche. Die von

ihm angeregte Sammlung brachte ein Ergebnis von

ungefähr 3.000 Gulden, wodurch die Kosten großteils

gedeckt waren. Die Bauern leisteten zusätzlich die schon

traditionellen Robotdienste. 134 Drückte sich das

gewachsene Selbstbewußtsein

97


98


VI Das Langhaus der Vigauner Pfarrkirche ist eine dreischiffige, vierjochige Halle. Der Chor ist zweijochig,

netzrippen-gewölbt und mit 1519 bezeichnet und geht in das Netzrippengewölbe des südlichen, gleich hohen

Seitenschiffs über.

Bilder auf der nächsten Seite VII: Links oben die Kanzel: Marmorkanzelkorb auf sechseckiger Säule, polychromiertes

Reliefwappen des Erzbischofs Johann Jakob von Kuen Belasy, bezeichnet 1567. Das Sakristeiportal (Bild rechts

oben) im ersten nördlichen Chorjoch ist mehrfach gekehlt und gestäbt. Links unten das Kruzifix der Totenkapelle,

rechts unten das Altarblatt des linken Seitenaltars: Die Taufe Christi von Georg Beham, 1597 (Seite 118).

99


100


VIII Die Bildtafeln im nördlichen Seitenschiff zeigen die Kreuzabnahme und die Grablegung und stammen aus dem

Ende des 16. Jahrhunderts. Sie dürften Teil eines Flügelaltars gewesen sein: Auf der Rückseite der Tafeln sind der hl.

Martin beziehungsweise die Stigmatisation des hl. Franz von Assisi dargestellt (Seite 119).

101


der Gemeindemitglieder durch die in Angriff genommene

Kirchenerneuerung und -verschönerung aus, so läßt sich

die gesteigerte wirtschaftliche Bedeutung des Ortes am

Gewerbeschematismus ablesen. So gingen in den späten

1890er Jahren in Vigaun immerhin 5 Gastwirte, 4 bis 5

„Händler", 2 bis 3 Käseerzeuger, 1 Essighersteller, 1

Schmied, 1 Schneider, 3 bis 4 Schuster, 1 bis 2 Tischler,

1 Viehhändler sowie 1 Wagner ihrem Gewerbe nach. 135

Den Bemühungen des Gemeindeausschusses war es zu

verdanken, daß Vigaun im November 1901 auch

Anschluß an das Schienennetz fand.

Das k. k. Eisenbahn-Ministerium ließ die Haltestelle

„Vigaun-St. Colomann" errichten und sechs Züge sollten

künftig dort halten. In der Zeitung gab man sich

optimistisch, was den materiellen Nutzen dieser

Bahnstation betraf: „Daß sich die Haltestelle rentieren

werde, kann man daraus schließen, daß

gleich in den ersten 2 Tagen der Kartenverkauf 10 fl.

=20 K betrug. " 136

Vigaun in „Reiseberichten" des 18. und 19.

Jahrhunderts

Nachdem Natur und Landschaft jahrhundertelang kaum

beachtet worden waren, stießen sie seit dem letzten

Viertel des 18. Jahrhunderts auch beim gebildeten

Salzburger auf zunehmendes Interesse. Obwohl sich

Vigaun zu dieser Zeit lediglich als ein Dorf mit stark

ausgeprägtem landwirtschaftlichen Charakter präsentierte,

das bei den Händlern, Kaufleuten und anderen

Reisenden wenig Beachtung fand, lassen sich doch

sporadisch Bemerkungen über den Ort in den

Reiseberichten bzw. Topographien

In derselben Nische, in der das Jahr über die

bekleidete Madonna aufgestellt ist, befindet

sich in den Kartagen das „Hl. Grab": Es ist,

wie in unserer Gegend üblich, mit von hinten

beleuchteten und mit gefärbtem Wasser

gefüllten Glaskugeln verziert. Oberhalb des

Grabes Szenen aus dem Leiden des Herrn,

unter der Altartischplatte die Darstellung des

Hinabsteigens in das Reich des Todes.

102


nachweisen. Häufig gaben sich die Autoren mit der

Nennung der Anzahl der Einwohner, einiger

geschichtlicher Daten und der wirtschaftlichen Grundlagen

bereits zufrieden. 137

Nur wenige kritisierten die überhöhten Preise in der

nächsten Umgebung der Märkte Golling und Kuchl oder

den zunehmenden „Kleiderluxus und andere erkünstelte

Bedürfnisse". 138 Die Mentalität der Dorf- und

Marktbewohner zu erfassen, erachtete man als wichtiger.

So versuchte beispielsweise der Journalist und

Topograph Lorenz Hübner die Ansässigen des Pfleggerichtes

Golling pauschalierend zu kennzeichnen. „Der

Charakter der Einwohner dieses Pfleggerichts na(e)hert

sich, je na(e)her man dem Gebirge kommt, schon mehr

jenem der Gebirgsbewohner, ob er gleich auch noch

einigen Anstrich von der Zuru(e)ckhaltung und dem

Mißtrauen der Flachla(e)nder, welche nahe an großen

Sta(e)dten wohnen, an sich tra(e)gt. Das Volk ist im

ganzen lustig, und fro(e)hlich, obgleich gro(e)ßten Theils

zum Aberglauben geneigt. Die Kleidung fa(e)ngt schon

von Kirchspiele zu Kirchspiele an sich etwas zu

a(e)ndern 139 , und die Bewohner von mehr abgelegenen

Gegenden zeichnen sich darin vorzu(e)glich aus. Die

beliebtesten Belustigungen sind Scheibenschießen, Kegelund

Kartenspiele. " 140

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts charakterisierte man

den Landmann auch noch mit sichtlichem Respekt, wie

aus den „Briefen eines reisenden Franzosen" hervorgeht.

„Viele der hiesigen Bauern tragen noch lange Ba(e)rte

und den Hals und die Brust zu jeder Jahreszeit offen.

Diese ist dann von der Sonne und der Luft gebra(e)unt

und meistens stark beharrt. In einiger Entfernung sehn

sie schrecklich aus; aber in der Na(e)he macht sie ihr

freundlicher Blick

und das unverhehlbare Gepra(e)ge der Redlichkeit willkommen.

" 141

Zu den Naturerscheinungen, die man der Erwähnung für

würdig befand, zählten das Taugltal und -bach sowie der

schöne Nadelwald Faistelau. 142 Schon um 1845 wurde

die Empfehlung ausgesprochen, die Straße von Hallein

nach Kuchl zu befahren, um den schattenspendenden

dichten Wald intensiver durchstreifen zu können. Immer

wieder riefen auch die kultivierten Felder die

Bewunderung und das Staunen des Betrachters hervor,

der seine Eindrücke bisweilen in romantisierender Form

zu Papier brachte. 143 Ähnlich „liebliche" Beschreibungen

lassen sich nebenbei auch für St. Margarethen anführen.

Noch nach 1880 fand Sebastian Wimmer folgende

Charakterisierung für angemessen: „Dieses Dörflein liegt

reizend mit seinen zwischen Obstbäumen halbversteckten

Häusern am Fuße des bewaldeten Höhenrücken(s), des

Riedls. Die kleine alte Kirche mit schlankem Spitzthurme,

einer an der Außenseite angebrachten Marmorkanzel und

einem hübschen Portale steht auf einer künstlichen

Terrasse, die mit einer niedrigen Mauer eingefaßt ist. " 144

Diese wenn auch nur kurzen Beschreibungen des Ortes

und seiner Besonderheiten waren zumindest geeignet,

das Interesse der Reisenden zu wecken und bereiteten

bereits den Weg hin zum Sommerfremdenverkehrsort

mittlerer Bedeutung. Nach der Errichtung der Haltestelle

Vigaun konnten sodann zu Beginn unseres Jahrhunderts

dem ortsunkundigen Wanderer schließlich noch folgende

Spaziergänge besonders nahegelegt werden: „Zum stillen

Kirchlein von Margarethen und zum uralten Vigaun mit

gothischer Kirche aus 1488; zur Römersbrücke an der

Tauglmühle oder durch den steinbesäten Tauglwald

gegen Kuchl. " 145

ANMERKUNGEN

1 Tennengau vor 75 Jahren. Einwohnerzahl des Bezirkes in

dieser Zeitspanne fast verdoppelt, in: Gästezeitung

Tennengau 11 (1988) Nr. 216.

2 Figaun und das Tauglthal, in: Salzburger Zeitung 1864 Nr.

149.

3 F. Dückher von Hasslau zu Winkl, Saltzburgische Chronica

1666. Mit einem Nachwort von R. Wagner (Nachdruck

Graz 1979), S. 22.

4 B. Pillwein, Das Herzogthum Salzburg oder der Salzburger

Kreis. Ein Originalwerk (Linz 1839) (= Geschichte,

Geographie und Statistik des Erzherzogthums Oesterreich

ob der Enns und des Herzogthums Salzburg Bd. 5), S.

231.

5 A. Prinzinger, Die Eisenbahn und die alten Verkehrswege.

Teil 4 (Kuchl-Georgenberg), in: Mitteilungen der

Gesellschaft für Salzburger Landeskunde (= MGSL) 21

(1881), S. 3-6 (hier S. 6); H.Widmann, Geschichte

Salzburgs. Bd. l (Gotha 1907) (= Allgemei-

ne Staatengeschichte. 3. Abt. Deutsche Landesgeschichten

Bd. 9/ 1), S. 31.

6 Vgl. für die folgende Darstellung R. Mittermüller, Die Lage

von Cucullä, in: Jahres-Bericht des vaterländischen

Museums Carolino Augusteum der Landes-Hauptstadt

Salzburg für das Jahr 1858,

S. 61-71; J. E. Ritter von Koch-Sternfeld, Ein Ausflug

über Salzburg in die wunderschöne Landschaft bis zum

Passe Lueg und die Lage von Cucullä noch einmal!, in:

Ebd. 1859, S. 56-64.

7 Mittermüller, Lage von Cucullä (wie Anm. 6), S. 70.

8 Zur Rettung salzburgischer Alterthümer, in: Salzburger

Zeitung 1850 Nr. 294-296.

9 F. Ritter von Lama, Historisch statistische Nachweisung

über die Seelsorgs Station Figaun und deren

Nebenstiftungen

(Vigaun

1860), o.Pag., KonsistorialarchivSalzburg (= KÄS), 6/105

Vigaun Historica.

10 Koch-Sternfeld, Ausflug über Salzburg (wie Anm. 6), S. 57

u. 64

103


Aus dem Jahr 1948 stammt ein Aquarell von Ludwig Randacher, das das Dorf Vigaun gegen den Schwarzerberg und

das Tennengebirge hin zeigt.

11 A. Ebner, Das Decanat Hallein (1890-1897) (= Campus

Sanctus Bd. 12), Vigaun S. 36, Bibliothek Sankt Peter

Salzburg.

12 Alterthümer (wie Anm. 8) Nr. 295.

13 S. Wimmer, Hallein und Umgebung (Hallein 1883), S.

129; Heimatkunde vor 50 Jahren, in: Pfarrblatt des

Dekanates Hallein 2 (1932) Nr. 10.

14 Der Bergrutsch am (sic!) Tauglwald, in: Salzburger Chronik

1935 Nr. 206.

15 Prinzinger, Verkehrswege (wie Anm. 5), Teil 3 (Die

Faistelau und Kuchl-Georgenberg), in: MGSL 19 (1879), S.

105.

16 F. Narobe, Die Ruine im Brandwald bei St. Margarethen,

in: MGSL 74 (1934), S. 182-184; Fundberichte aus

Österreich 2 (1935-1938), S. 45; Ebner, Decanat Hallein

(wie Anm. 11), S. 30.

17 F. Zillner, Salzburger Sagen, in: MGSL 2 (1862), S. 73

(Bruderlochsage).

18 R. Moll, Die Anfänge des Christentums, in: Geschichte

Salzburgs.Stadt und Land. Hrsg. von H. Dopsch und H.

Spatzenegger. Bd. l/l. 2. verb. Aufl. (Salzburg 1983), S.

98f.

19 Eugippius, Das Leben des Heiligen Severin. Lateinisch und

Deutsch. Übersetzt von R. Noll (Berlin 1963) (= Schriften

und Quellen der Alten Welt Bd. 11), S. 90f.

20 N. Watteck, Einsiedler. Inklusen, Eremiten, Klausner und

Waldbrüder im Salzburgischen (Salzburg 1972), S. 113-

118 (hier S. 114); Wimmer, Hallein (wie Anm. 13), S.

128.

21 Einweihung des „Bruderloches", in: Volksfreund 1899 Nr.

20.

22 Verordnungs- und Amtsblatt für den Reichsgau Salzburg.

Hrsg. vom Reichsstatthalter für den Reichsgau Salzburg.

Jg. 1940 St. 30 Nr. 112.

23 Watteck, Einsiedler (wie Anm. 20), S. 116-118; Das

Bruderloch und die Klausnerhöhle bei St. Margarethen in

Vigaun, in Pfarrblatt des Dekanates Hallein 2 (1932) Nr. 7.

24 H. Wallmann, Zwölf Salzburger Sagen, in: MGSL 4

(1864), S. 247 (Die Teufelsbrücke bei der Tauglmühle).

25 Salzburg, Stadt und Land. Bearb. von B. Euler u.a. (Wien

1986) (= Dehio-Handbuch. Die Kunstdenkmäler

Österreichs), S. 469.

26 Wimmer, Hallein (wie Anm. 13), S. 130.

27 Das Triften auf der Taugl, in: Gästezeitung Tennengau 6

(1982) Nr.121; vgl. auch allgemein E. Koller,

Forstgeschiche des Landes Salzburg (Salzburg 1975).

28 Zit. nach A. Frank, Die Teufelsbrücke bei der (sic!) Vigaun

über die Taugl, in: Salzburger Volksblatt 1909 Nr. 294;

Die „Römer- oder Teufelsbrücke" in der Taugl (Manuskript

o.O und o.J.),

104


S. 2; Salzburger Landesarchiv (= SLA). Hofkammer

Golling 1614.

29 SLA, Frank Ortsgeschichten (Vigaun, Teufelsbrücke); P.

Buberl, Die Denkmale des politischen Bezirkes Hallein

(Wien-Augsburg-Köln 1927) (= Österreichische

Kunsttopographie Bd. 20), S. 275.

30 Die Römerbrücke in der Tauglmühle, in: Gästezeitung

Tennengau 5 (l980) Nr. 84.

31 Umfangreiches Aktenmaterial (1902-1904) zur

Ausgestaltung der Römerbrücke findet sich im SLA, BH

Hallein, Vigaun Römerbrücke; Verhandlungen des

Salzburger Landtages. Bd. 42 (1904)

Nr. 341, ad Nr. 341; Die Römerbrücke bei Hallein, in:

Salzburger Tagblatt 1903 Nr. 69.

32 Die Römerbrücke bei Taugl, in: Salzburger Zeitung 1904

Nr. 284.

33 KAS, 6/107 Vigaun Varia Pastoralia.

34 Ebner, Decanat Hallein (wie Anm. 11), S. 27; Wimmer,

Hallein (wie Anm. 13), S. 128. Vgl. allgemein zu diesem

Kapitel auch F.Ortner, Salzburger Kirchengeschichte. Von

den Anfängen bis zur Gegenwart (Salzburg 1988); F. V.

Zillner, Salzburgische Dörfer im Mittelalter, in: MGSL 32

(1892), S. 159-202.

35 Salzburger Urkundenbuch (= SUB). Bearb. von W.

Hauthaler und F. Martin. Bd. II (Salzburg 1916) Nr. 119;

F. Esterl, Chronik des adeligen Benediktiner-Frauen-Stiftes

Nonnberg in Salzburg (Salzburg 1841), S. 22 und Nr. 1.

36 SUB II Nr. 232; Esterl, Chronik (wie Anm. 35), Nr. 2.

37 H. Dopsch, Klöster und Stifte, in: Geschichte Salzburgs.

Stadt und Land. Hrsg. von H. Dopsch und H.

Spatzenegger. Bd. 1/2 (Salzburg 1983), S. 1013f;

Widmann, Geschichte Salzburgs (wie Anm. 5), S. 251f.

38 SLA, Franciszäischer Kataster Vigaun (Protokoll der

Catastral Vermessung); M. Ringlschwendtner, Die Häuser

von Vigaun, in: Pfarrblatt Salzburg-Umgebung, Flachgau

und Tennengau (= PFSFT) 4 (1934) Nr. 8 - 6 (1936) Nr.

12.

39 A. Doppier und W. Hauthaler, Urbar des Benedictinnen-

Stiftes Nonnberg, in: MGSL 23 (1883), S. 49; H. Klein,

Über Schwaigen im Salzburgischen, in: Beiträge zur

Siedlungs-, Verfassungs- und Wirtschaftsgeschichte von

Salzburg. Festschrift H. Klein (Salzburg 1965) (= MGSL

Ergänzungsbd. 5), S. 294.

40 Vgl. das Nonnberger Urbar des Amtes Vigaun aus dem 18.

Jhdt. - SLA, Urbar 458 n - oder auch die Hofmeistereiurbare

des 17. Jhdts. aus dem Pfleggericht Golling - SLA,

Urbar 70 und 71.

41 H. Dopsch, Die soziale Entwicklung, in: Geschichte

Salzburgs (wie Anm. 18), S. 414-418; G. Stadier,

Rodungsleistungen und Besitzverhältnisse unserer

bäuerlichen Vorfahren, in: Unser Salzburg (Salzburg

1985), S. 110-114.

42 SLA, Urbar 458 i.

43 Doppier, Urbar (wie Anm. 38), S. 49; Ringlschwendtner,

Häuser (wie Anm. 38), in: PFSFT 5 (1935) Nr. 12.

44 Zit. nach Ringlschwendtner, Häuser (wie Anm. 38), in:

PFSFT 4 (1934) Nr. 12; Wanderführer Vigaun und

Umgebung. Bearb. von S. Neureiter (Vigaun o.J.), S. 6.

45 A. Doppier und H. Widmann, Urkunden und Regesten

des Benedictinerinnen-Stiftes Nonnberg in Salzburg.

Sonderdruck der MGSL 35 (1895) - 48 (1908) Nr. 28.

46 SUB IV Nr. 347; F. Martin, Die Regesten der Erzbischöfe

und des Domkapitels von Salzburg 1247-1343. Bd. 3

(Salzburg 1934) Nr. 933.

47 SUB IV Nr. 349; Martin, Regesten (wie Anm. 46) Nr.952.

48 F. Pagitz, Die rechtliche Stellung der Salzburger Bauern im

Mittelalter und in der frühen Neuzeit, in: Die Ehre Erbhof.

Analyse einer jungen Tradition. Hrsg. von A. Dworsky und

H. Schider (Salzburg-Wien 1980), S. 23.

49 Dopsch, Soziale Entwicklung (wie Anm. 41), S. 378f;

Ders., Klöster und Stifte (wie Anm. 37), S. 1015; H. Klein,

Die bäuerlichen Eigenleute des Erzstiftes Salzburg im

späteren Mittelalter, in: Festschrift Klein (wie Anm. 39), S.

224; F. Martin, Die kirchliche Vogtei im Erzstifte

Salzburg, in: MGSL 46 (1906), S. 374-377.

50 SUB I Nr. 179.

51 Ebd. Nr. 667.

52 Doppier, Urkunden Nonnberg (wie Anm. 45) Nr. 14.

53 Ebd. Nr. 474.

54 A. Doppier, Auszüge aus den Original-Urkunden des

fürsterzbischöfl. Consistorial-Archives zu Salzburg, in:

MGSL 13 (1873) Nr. 110 und MGSL 14 (1874) Nr. 190.

55 Buberl, Denkmale (wie Anm. 29), S. 46 und 261; (J.

Dürlinger), Historisch-statistisches Handbuch der

Erzdiöcese Salzburg in ihren heutigen Grenzen. Bd. l

(Salzburg 1862), S. 537f.

56 Unsere Pfarrkirche, in: Pfarrblatt des Dekanates Hallein 3

(1933) Nr. 1.

57 Dürlinger, Handbuch Erzdiöcese (wie Anm. 55), S. 538; K.

F.Hermann, Erläuterungen zum Historischen Atlas der

österreichischen Alpenländer. Hrsg. von der österr.

Akademie der Wissenschaften. Abt. H/Teil 9 (Salzburg

1957), S. 98; vgl. auch Lama, Seelsorgs Station Figaun

(wie Anm. 9).

58 Auf diesen unfreiwilligen Sturz machte mich

freundlicherweise Herr Michael Veits aus Salzburg

aufmerksam. Zit. nach A. Schwob,

Oswald von Wolkenstein. Eine Biographie. 2. Aufl. (Bozen

1977) (= Schriftenreihe des Südtiroler Kulturinstitutes Bd.

4), S. 181f.

59 D. Kühn, Ich Wolkenstein. Eine Biographie (Frankfurt

1988),S. 410-412 (hier S. 412); K. Baasch und H.

Nürnberger, Oswald von Wolkenstein (Reinbek bei

Hamburg 1986) (= Rowohlts Monographien Bd. 360), S.

100.

60 (F. Th. von Kleimayrn), Nachrichten vom Zustande der

Gegenden und Stadt Juvavia...(Salzburg 1784), S. 419.

61 J. A. Schultes, Reise auf den Glockner an Kärthens,

Salzburgs und Tyrols Gränze und durch Salzburg und

Berchtesgaden. Teil 3 (Wien 1804), S. 179f; E.

Bruckmüller und G. Ammerer, Die Land- und

Forstwirtschaft in der frühen Neuzeit, in: Geschichte

Salzburgs. Stadt und Land. Hrsg. von H. Dopsch und H.

Spatzenegger. Bd. II/3 (im Druck); G. Ammerer, Beiträge

zur Salzburger Landwirtschaft in der Zeit der Aufklärung

(Manuskript), S. 2.

62 G. Ammerer, „Alles was sich rührt, beschäftigt sich mit

Baumwolle stricken". Bemerkungen zum Halleiner

Wollverlag im 17. und 18. Jahrhundert, in: Salzburg

Archiv2 (1986), S. 173-177; E. Penninger

und G. Stadier, Hallein. Ursprung und Geschichte der

Salinenstadt (Salzburg 1970), S. 46f; Fr. Moosleitner,

Hallein - Portrait einer Kleinstadt. Bilddokumente zur Bauund

Kulturgeschichte der Salinenstadt. 2. verbesserte Aufl.

(Salzburg 1989), S. 170-172; vgl. auch SLA, Churf. u. k.k.

österr. Regierung 47/7.

105


63 J. Th. Zauner (Hrsg.), Auszug der wichtigsten hochfürstlichen

Salzburgischen Landesgesetze zum

gemeinnützigen Gebrauch nach alphabetischer Ordnung.

Bd. l (Salzburg 1785), S. 313- 318; Archivaliensammlung

des Salzburger Museums Carolino Augusteum,

Schwarze Groß 897.

64 SLA, Churf. u. k.k. österr. Regierung 23/5

(Verstückungen Vigaun).

65 H. Siegel und K. Tomaschek, Die Salzburgischen Taidinge

(Wien 1870) (= Österreichische Weisthümer Bd. 1), S.

143-150. Zur Problematik der „Landgemeinde" vgl. F.

Koller, Die Landgemeinde im Erzstift Salzburg, in: Die

ländliche Gemeinde. II commune rurale.

Historikertagung in Bad Ragaz 16.-18.10.1985 (Bozen

1988) (= Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft

Alpenländer), S. 85-99.

66 Fr. M. Vierthaler, Meine Wanderungen durch

Salzburg, Berchtesgaden und Oesterreich. Teil l (Wien

1816), S. 196, 198.

67 SLA, Churf. u. k.k. österr. Regierung 12/13.

68 N. Watteck, Lappen, Fexen und Sonderlinge in Salzburg,

in: MGSL 118(1978), S. 230.

69 SLA, Churf. u. k.k. österr. Regierung 12/13.

70 KAS, 6/107 Vigaun Personalia, Folge der Vikare und

Pfarrer.

71 KÄS, 6/106 Vigaun Varia Oeconomica.

72 G.B. Winkler, Die nachtridentinischen Synoden im Reich.

Salzburger Provinzialkonzilien 1569,1573,1576(Wien-

Köln-Graz 1988), S. 112.

73 SLA, Handschriften 153 (Visitatio Decanatus Hällinensis

peracta 1653).

74 KAS, 6/106 Vigaun Varia Oeconomica.

75 Ortner, Salzburger Kirchengeschichte (wie Anm. 34), S.

111.

76 H. Nagl, Der Zauberer-Jackl-Prozeß. Hexenprozesse im

Erzstift Salzburg 1675-1690, in: MGSL 112/113

(1972/73), S. 422-440, 530; E. Baumgartner, Der

Zaubererjackl. Die Anfänge des

großen Salzburger Zauberprozesses nach den Akten des

Pfleggerichtes Golling dargestellt (Salzburg 1930), S. 7f.

77 Nagl, Zauber-Jackl-Prozeß (wie Anm. 76), S. 529; Die

Hexe von Vigaun, in: Salzburger Volksblatt 1931 Nr. 33;

SLA, Hofratsprotokolle 1678 Bd. l, Folio 198f.

78 Zur Vikariatserhebung vgl. KÄS, 6/105 Vigaun Historica;

6/107 Vigaun Personalia, Folge der Vikare und Pfarrer;

Lama, Seelsorgs Station Figaun (wie Anm. 9); Dürlinger,

Handbuch Erzdiöcese (wie Anm. 55), S. 538-541;

Hermann, Erläuterungen (wie Anm. 57), S. 97f.

79 Ortner, Salzburger Kirchengeschichte (wie Anm. 34), S.

129.

80 Dürlinger, Handbuch Erzdiöcese (wie Anm. 55), S. 540.

81 Landes-Gesetz- und Verordnungsblatt für das Herzogthum

Salzburg. Hrsg. vom Salzburger Landtag. Jg. 1895 St. 26

Nr. 32; Chr. Gärtner, Die Entstehung der

Bezirkshauptmannschaft Hallein, in: 80 Jahre

Bezirkshauptmannschaft Hallein 1896-1976 (Salzburg

1976) (= Salzburg Dokumentationen H. 10), S. 7.

82 Ringlschwendtner, Häuser (wie Anm. 38), in: PFSFT 5

(1935) Nr. 2.

83 Lama, Seelsorgs Station Figaun (wie Anm. 9); Dürlinger,

Handbuch Erzdiöcese (wie Anm. 55), S. 540f.

84 SLA, Geheimes Archiv 14/39 und 14/46 - Beschreibung

des Vermögensstandes der milden Orte 1795 und 1800.

85 KAS, 6/107 Vigaun Personalia, Folge der Vikare und

Pfarrer.

86 Ebd.

87 Ebd.

88 Zit. nach Dürlinger, Handbuch Erzdiöcese (wie Anm. 55),

S. 544; KAS, 6/107 Vigaun Pastoralia, Bruderschaften.

89 Chr. Greinz, Das sociale Wirken der katholischen Kirche in

der Erzdiöcese Salzburg (Wien 1898) (= Das sociale

Wirken der katholischen Kirche in Österreich Bd. 5), S.

75. Ortner, Salzburger Kirchengeschiche (wie Anm. 34),

S. 128f; Verzeichnis der Regeln, Ablässe und Andachten

der löblichen

90 Ortner, Salzburger Kirchengeschiche (wie Anm. 34), S.

128f; Verzeichnis der Regeln, Ablässe und Andachten der

löblichen Bruderschaft, welche unter dem Titel der

allerheiligsten Dreyfaltigkeit in dem lobwürdigen

Gotteshause S.S. Dionysii und Blasii zu Vigaun im Jahre

Christi 1724 ordentlich aufgerichtet worden (Salzburg

1831), S. 6 und 12.

91 Verzeichnis der Regeln der Bruderschaft (wie Anm. 90), S.

8.

92 Vereinswesen in Salzburg. Skizze über die Entwicklung

desselben. Nebst einer statistischen Zusammenstellung der

Vereine des Landes Salzburg (Salzburg 1881), S. VIII.

93 Dieser Hirtenbrief wurde zuletzt abgedruckt bei P.

Hersche(Bearb.), Der aufgeklärte Reformkatholizismus in

Österreich (Bern-Frankfurt 1976) (= Quellen zur Neueren

Geschichte H. 33), S. 45-102 (hier

S. 87f); Ortner, Salzburger Kirchengeschichte (wie Anm.

34), S. 130-133.

94 Dürlinger, Handbuch Ercdiöcese (wie Anm. 55), S. 546;

G. Stadler, Von der Kavalierstour zum Sozialtourismus.

Kulturgeschichte des Salzburger Fremdenverkehrs (Salzburg

1975), S. 33-35; Lama, Seelsorgs Station Figaun (wie

Anm. 9); J. Neuhardt, Wallfahrten im

Erzbistum Salzburg (München-Zürich 1982), S. 83.

95 KAS, 6/107 Vigaun Pastoralia, Bruderschaften.

96 Zauner, Auszug Landesgesetze (wie Anm. 63), Bd. 2

(Salzburg 1787), S. 423-427 (hier S. 423). Ähnliche

Verhältnisse lassen sich auch im benachbarten Ausland,

so in der Fürstpropstei Berchtesgaden, nachweisen - vgl.

Pfarrarchiv Berchtesgaden, Kassette 89 (freundlicher

Hinweis von Fr. Cand.phil. Sabine Falk,

Salzburg).

97 Zauner, Auszug Landesgesetze (wie Anm. 96), S. 425.

98 SLA, Churf. u. k.k. österr. Regierung 9/176; K. Adrian,

Wind und Wetter im Glauben und Brauchtum unseres

Volkes, in: MGSL 84/85 (1944/45), S. 7-10.

99 Ebner, Decanat Hallein (wie Anm. 11), S. 29; Was die

alten Akten von unserem Kirchturm erzählen, in: PFSFT 5

(1935) Nr. 6.

100 L. Huebner, Beschreibung des Erzstiftes und

Reichsfuersthenthums Salzburg in Hinsicht auf

Topographie und Statistik. Bd. l (Salzburg

1796, Faksimile 1983), S. 326; H. Bastgen, Eine amtliche

Berichterstattung über den Diözesanstand in dem

Erzbistum Salzburg im Jahre 1806, in: MGSL 52 (1912),

S. 87.

101 Fr. X. Weilmeyr, Topographisches Lexikon vom Salzach-

Kreise (Salzburg 1812), Bd. l, S. 20, 79, 132f; Bd. 2, S.

159, 161, 346; KAS, 6/107 Vigaun Varia Pastoralia.

102 Weilmeyr, Topographisches Lexikon (wie Anm. 101), Bd.

2, S. 346.

103 A. Ritter von Schallhammer, Kriegerische Ereignisse

im Herzogthume Salzburg in den Jahren 1800, 1805

und 1809 (Salzburg 1853), S.52.

106


104 50 Jahre Landtag. 1861-1911 (Salzburg 1911), S. 12; K.

Klein, Bevölkerung und Siedlung, in: Geschichte Salzburgs.

Stadt und Land. Hrsg. von H. Dopsch und H.

Spatzenegger. Bd. II/2 (Salzburg 1988), S. 1346f; A.

Grundbichler, Vigaun - meine Heimat (Manuskript um

1985/86), S. 7; Vollständiges Ortschaften-Verzeichnis der

im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder nach

den Ergebnissen der Volkszählung vom 31. Dezember

1890 (Wien 1892), S. 72.

105 SLA, Gen. Komm. Salzach-Kreis, Hallein B 26/48.

106 KAS, 6/107 Vigaun Varia Pastoralia.

107 Fr. Koller, Das Salzburger Landesarchiv (Salzburg 1987)

(= Schriftenreihe des Salzburger Landesarchivs Bd. 4), S.

172f; E. Richter, Gemarkungen und Steuergemeinden im

Lande Salzburg, in: Archiv für österreichische Geschichte

94 (1907), S. 63-82.

108 SLA, Franciszäischer Kataster Vigaun.

109 Huebner, Beschreibung Erzstift (wie Anm. 100), S. 327.

110 Bruckmüller-Ammerer, Land- und Forstwirtschaft (wie

Anm. 61); Ammerer, Landwirtschaft (wie Anm. 61), S.

15f.

111 SLA, Franciszäischer Kataster Vigaun.

112 SLA, Landesregierungs-Akten 1850-1860 XIV N 1;

Figaun und das Tauglthal (wie Anm. 2) Nr. 148.

113 SLA, Franciszäischer Kataster Vigaun.

114 M. Koch, Reise in Oberösterreich und Salzburg auf der

Route von Linz nach Salzburg, Fusch, Gastein und Ischl.

Mit einem historischen Anhang, Abbildungen und

statistischen Tabellen (Wien 1846), S. 251.

115 Die Nationalgarde auf dem Lande, in: Juvavia 1848 Nr.

18; H. Haas, Vormärz, Revolution und Neoabsolutismus,

in: Geschichte Salzburgs (wie Anm. 104), S. 692f.

116 Haas, Vormärz (wie Anm. 115), S. 709f; 50 Jahre

Landtag (wie Anm. 104), S. 490-492; I. Planitzer-Kocher,

Die Bauernbefreiung 1848 in der Habsburgermonarchie

unter besonderer Berücksichtigung von Salzburg.

Hausarbeit aus Geschichte (masch.) (Salzburg

1981), S. 84-119, 124f (mit vielen weiteren

Literaturhinweisen); SLA, Landesregierungs-Akten 1850-

1860 XX 2.

117 Lama, Seelsorgs Station Figaun (wie Anm. 9); Dürlinger,

Handbuch Erzdiöcese (wie Anm. 55), S. 541.

118 Das Kronland Salzburg vom geschichtlichen,

topographisch-statistischen und landwirtschaftlichen

Standpunkte (Salzburg 1851), S. 81-95 (hier S. 85).

119 Haas, Vormärz (wie Anm. 115), S. 701; Derselbe, „Die

Grundfeste des freien Staates ist die freie Gemeinde".

Salzburger Erfahrungen zur Gemeindeautonomie 1864-

1868, in: MGSL 126 (1986), S. 555-568.

120 SLA, Landesregierungs-Akten 1850-1860 XIX A l und

XIX A14.

121 SLA, Landeshauptmannschaft 1860/61 XV 2.

122 Reichs-Gesetz-Blatt für das Kaiserthum Oesterreich Jg.

1863 St. 105 § 24; E. Mayer, Sozialhilfe in Salzburg.

Gesetzgebung und Praxis in der Zeit der ausgehenden

Monarchie, in: Jahrbuch der

Universität Salzburg 1979-1981, S. 52-72; zu den

Maßnahmen im 18. und 19. Jahrhundert vgl. in jüngster

Zeit auch A. S. Weiß, Armen- und Krankenpflege in

Salzburg unter Erzbischof Hieronymus Graf Colloredo, in:

Salzburg Archiv 6 (1988), S. 73-94;

Derselbe, „Wer aber ein Herz hat..." Geschichte und

Organisation der Wohlfahrtspflege in Golling, in:

Ortschronik von Golling. Hrsg.

von R. Hoffmann und E. Urbanek (1991).

12350 Jahre Landtag (wie Anm. 104), S. 446-455, 469-476

(hier S. 454); F. Steinkellner, Georg Lienbacher. Salzburger

Abgeordneter zwischen Konservatismus, Liberalismus und

Nationalismus 1870-1896 (Wien-Salzburg 1984) (=

Veröffentlichungen des Internationalen Forschungszentrums

für Grundfragen der Wissenschaft NF Bd. 17), S. 94-99;

J. E. Tettinek, Die Armen-, Versorgungs- und

Heilanstalten im Herzogthume Salzburg (Salzburg

1850), S. 186; H. Haas, Arbeiterschaft und

Arbeiterbewegung, in: Geschichte Salzburgs (wie Anm.

104), S. 954-959; SLA, Pflegg. Golling 1819/50 XIV

(Statistik).

124 Statuten für den wechselseitigen Brandschaden-

Versicherungsverein „Tännengau" (Hallein-Salzburg 1894).

125 Zit. nach: Die Pest in Vigaun und der Ursprung der

Wallfahrt nach Maria Plain, in: Pfarrblatt des Dekanates

Hallein 2 (1932) Nr. 4; C. Ozlberger, Physischmedizinische

Beschreibung des Herzogthums

Salzburg, in: Medicinische Jahrbücher des k.k.

österreichischen Staates 49/50 (1844), S. 357f; Kronland

Salzburg (wie Anm. 118), S. 93f.

126 Pfarrarchiv Vigaun (= PA V), Pfarrchronik, S. 18; zum

Krankheitsbild vgl. D. Knop, Von Pest bis Aids. Die

Infektionskrankheiten und ihre Geschichte (Teningen

1988), S. 78t.

127 Ortner, Salzburger Kirchengeschichte (wie Anm. 34), S.

148f.

128 SLA, Landesregierungs-Akten 1850 -1860 XIG 67; KÄS,

6/105 Vigaun Historica; Dürlinger, Handbuch Erzdiöcese

(wie Anm. 55), S. 538; Lama, Seelsorgs Station Figaun

(wie Anm. 9).

129 Figaun und das Tauglthal (wie Anm. 2) Nr. 150.

130 KAS, 6/107 Vigaun Stiftung, Ferdinand v. Lama'sche

Beneficium; SLA, Landesregierungs-Akten 1860/69 XIG

24; Ringlschwendtner, Häuser (wie Anm. 38), in: PFSFT 5

(1935) Nr. 4.

131 SLA, Landesregierungs-Akten 1860/69 XIG 26;

Ringlschwendtner, Häuser (wie Anm. 38), in: PFSFT 5

(1935) Nr. 5.

132 50 Jahre Landtag (wie Anm. 104), S. 50; PAV,

Pfarrchronik, S. 6.

133 PAV, Pfarrchronik, S. 13; Haas, Arbeiterschaft (wie Anm.

123), S. 983f.

134 PAV, Pfarrchronik, S. 18 und o.Pag.

135 Salzburgischer Geschäfts-, Volks- und Amtskalender für das

Jahr 1895, S. 93; 1899, S. 106 und 1900, S. 114.

136 Von unserer Haltestelle, in: Salzburger Chronik 1901 Nr.

264; Haltestelle Vigaun, in: Volksfreund 1901 Nr. 45.

137 Z.B. Pillwein, Herzogthum Salzburg (wie Anm. 4), S. 223f,

230f.

138 Koch, Reise (wie Anm. 114), S. 249-251.

139 Vgl. dazu die verschiedenen Trachtendarstellungen des

ausgehenden 18. Jhdts. bei Fr. Prodinger und R. R.

Heinisch, Gewand und Stand. Kostüm- und Trachtenbilder

der Kuenburg-Sammlung (Salzburg-Wien 1983).

140 Huebner, Beschreibung Erzstift (wie Anm. 100), S. 328.

141 K(aspar) R(iespeck), Briefe eines reisenden Franzosen

u(e)ber Deutschland an seinen Bruder zu Paris. 2. verb.

Aufl. Bd. l (o.O. 1784), S. 153.

142 Figaun und das Tauglthal (wie Anm. 2) Nr. 148;

Rettenbacher, Römerbrücke (wie Anm. 30); F. C.

Weidmann, Touristen-Handbuch auf Ausflügen und

Wanderungen in Salzburg und den

Hochthälern Pongau's, Lungau's und Pinzgau's. Bd. l (Wien

1845), S. 162.

107


143 Schultes, Reise auf den Glockner (wie Anm. 61), S. 179f;

Fr. A. von Braune, Salzburg und Berchtesgaden. Ein

Taschenbuch für Reisende und Naturfreunde. Neue

Ausgabe (Wien 1829), S. 140.

144 Wimmer, Hallein (wie Anm. 13), S. 127.

145 Salzburg. Stadt und Land (Salzburg 1902), S. 64.

108


VIGAUNER SAGEN

von Alois Tonweber

Die Gegend von Vigaun ist reich an Naturschönheiten.

Das Zauberreich der Wälder, Fluren, Wiesen, Berge, aber

auch von alten Bauwerken, regte schon zu alten Zeiten

die Phantasie der Menschen an. So entstanden

überirdische Wesen und Erscheinungen. Ob es sich um

den Teufel, feenhafte Wesen, Heilige oder Wundertätige

handelte - derlei Gedankengut erhielt sich in

geheimnisvollen Geschichten und Sagen bis heute. Unser

Vigaun ist reich an solchen Sagen.

Von den ersten Christen im Tennengau

Nahe dem Ort Vigaun zeigt man im Felsen das

sogenannte Bruderloch. Von dieser Höhle berichtet man

folgendes: Als der heilige Severin in der wilden Zeit der

Völkerwanderung um 477 n. Chr. vorübergehend in

Kuchl weilte, sandte er zweimal einen Boten zu seinem

geistlichen Bruder, dem heiligen Maximus, nach

Salzburg, um diesen vor den heranstürmenden Herulern 1

zu warnen. Doch Maximus blieb in Juvavum 2 und verbarg

sich in jener Höhle im Mönchsberg, die heute die

„Katakomben" oder die Maximuskapelle genannt wird.

Sein Aufenthaltsort wurde verraten und er wurde samt

seinen Glaubensgefährten zu Tode gemartert.

Die übriggebliebenen Christen aber flüchteten zu ihrem

Beschützer Severin. Sie feierten im Bruderloch ihre

Gottesdienste, und noch heute ist auf der linken Seite der

Höhle ein Steinsitz zu sehen, von dem aus der Priester zu

den Gläubigen sprach. Die Höhle wurde später von

frommen Einsiedlern, den „Waldbrüdern", als Wohnung

benutzt, und daher rührt ihr Name.

Die große Glocke in Vigaun

Das Geläute zu Vigaun erregte einstmals wegen seines

Wohlklanges den Neid der Nachbarschaft. Man setzte es

beim fürsterzbischöflichen Hof in Salzburg durch, daß die

Glocke abgenommen und mit vier Rossen fortgeführt

wurde. Man konnte sie aber nur bis Langwies bringen,

weil plötzlich Wagen wie Pferde festgebannt schienen

und nicht mehr vom Platz konnten. Das galt den Leuten

als Wink des Himmels. Die Vigauner spannten ein paar

Ochslein vor den Wagen und brachten die Glocke unter

dem Jubel der Bevölkerung ohne die mindeste

Anstrengung wieder zurück. Zum Andenken an dieses

wundersame Ereignis bauten die Vigauner in Langwies

eine Kapelle, in welcher der geschilderte Vorfall in einem

Bild verewigt wurde.

Als der Teufel zur Hochzeit aufspielte

In der Kirche zu Vigaun hing ein altes Bild, das eine

Hochzeit darstellt. An einem Tisch saß mitten unter den

Musikanten der Teufel und spielte eifrig mit. Die Sage

berichtet darüber folgendes: Ein Bauer hielt einst

Hochzeit, wobei es gar lustig herging. Da aber am

anderen Tag ein hoher Feiertag war, sollten nach altem

Brauch um Mitternacht Tanz und Spiel ihr Ende finden.

Als es zwölf Uhr schlug, wollte die ganze Gesellschaft

aufbrechen. Da trat einer der Gäste zu den Musikanten,

gab ihnen zehn Gulden und sagte: „Spielt mir noch einen

lustigen Tanz auf, daß der Teufel auch eine Freude hat!"

Darauf begannen die Musikanten wieder zu blasen und zu

fiedeln. Doch als die Gäste den Tanz beendet hatten,

saßen auf einmal sieben Musikanten um den Tisch,

obwohl es doch bisher nur sechs waren! Als man den

neuen Musikanten näher betrachtete, gewahrte man an

ihm Bocksfüße und Hörner. Laut aufschreiend lief alles

auseinander. Der Teufel aber sprang auf, packte den

Mann, der den letzten Tanz gezahlt hatte, und fuhr mit

ihm zum Fenster hinaus.

Der Teufel im Vigauner Wald

Nächst der Bahnstation Vigaun führt die Bundesstraße

durch einen schönen, dichten Wald. 3 In alter Zeit war

diese Gegend sehr verrufen, und wer nicht unbedingt

diesen Steig zu nehmen hatte, wählte lieber einen

Umweg, denn im Vigauner Wald trieb der Teufel in

höchsteigener Person sein Unwesen! Er fügte zwar

niemand ernsthaft Böses zu, doch sprang er, Qualm und

Feuer speiend, vor den Menschen über die Straße, so

daß viele darüber vor Angst und Schrecken erkrankten.

Die Leute in der Umgebung drängten und baten nun so

lange, bis sich einige Priester entschlossen, den Satan zu

bannen. Mit Weihrauch und frommen Gebeten rückten

sie ihm zu Leibe, mußten aber samt und sonders wieder

abziehen, da sie selbst nicht frei von Sünde waren.

Schließlich fand sich aber ein Priester, der sein ganzes

Leben hindurch untadelig gewesen war und der dem

Teufelsspuk ein Ende machen wollte. Er bereitete sich

durch Fasten und Gebete gar wohl vor und schritt dann

ans Werk.

Diesmal erging es dem Teufel schlecht. Er fühlte, daß er

diesem Priester weichen mußte und verlegte sich deshalb

aufs Verhan-

109


deln. Er bat zuerst, sich in einen Grashalm begeben zu

dürfen, und da ihm dies verweigert wurde, wollte er

seinen Aufenthalt auf einer unzugänglichen Bergspitze

nehmen. Der Geistliche entgegnete jedoch, daß seines

Bleibens unter freiem Himmel nicht mehr wäre.

Schließlich flehte er, man möge ihn in die Tiefe einer

nahen Lache fahren lassen. Der Priester schlug ihm auch

das ab und fuhr mit seiner Beschwörung so lange fort,

bis der Teufel das Vergebliche seines Widerstandes

einsah, durch die Luft entflog und sich mitten im

Tennengebirge niederließ.

Die Teufelsbrücke in der Taugl

Wo der Tauglbach zwischen Vigaun und Kuchl ins

Salzachtal tritt, hat er eine tiefe, wildschäumende Klamm

ausgewaschen. Diese wird von einer uralten Steinbrücke

überspannt; sie heißt im Volksmund die „Römerbrücke".

Lange Zeit schlug jeder Mensch, der darüber schritt, ein

Kreuz, denn man sagte, daß der leibhaftige Satan bei der

Errichtung dieses Bauwerkes seine Hand im Spiel gehabt

hätte.

Dies ging so zu: Vor langen Jahren lebte in der Taugl

eine Müllerin, welche einen Pakt mit dem Teufel

geschlossen hatte. Dieser verpflichtete sich, über den

Tauglbach eine Brücke zu schlagen, die Müllerin aber

mußte versprechen, dem Satan ihr Kind zu opfern, das

sie unter dem Herzen trug, falls die Brücke vor der

Geburt des Kindes fertig sein sollte. Als nun das Kind das

Licht der Welt erblickte, war der kühne Bau vollendet,

nur ein einziger Stein wäre noch einzufügen gewesen - er

fehlt noch heutzutage im Gewölbe.

Damit hatte der Teufel das Spiel aber verloren und mußte

mit langer Nase abziehen. Um aber doch nicht ganz

ohne Lohn die Höllenfahrt anzutreten, rief er

zornschnaubend: „Da mir das Kind entgangen ist, soll

das Erste mir gehören, was über die Brücke geht!" Das

hörte die Müllerin, und, schlau wie sie war, jagte sie ihren

großen Hauskater darüber. Den packte der Teufel und

fuhr mit ihm in jene Klamm, in deren Tiefe heute noch

die Taugl tosend ihren Lauf nimmt. Voll Zorn schleuderte

er den letzten Stein in die tiefe Schlucht. Noch heute ist

der Schlußstein, der „Teufelstein", im klaren Wasser zu

sehen.

Die Heidenstadt im Faistelauer Wald

Da, wo jetzt Figaun und besonders der Faistelauer Wald

stehen, stand einst eine große Heidenstadt, welche durch

Erdbeben gänzlich verschüttet worden ist. Ein alter

Spruch sagt noch: Die Stadt Figaun benetzen zwei Flüsse

(nämlich die Salzach und Taugl).

Erbauer der Kirche zu St. Margarethen (bei

Figaun)

Die Kirche von St. Margarethen ließ eine

Weißwarenhändlerswitwe aus Hallein infolge eines

Gelübdes erbauen. Sie versprach, wenn ihre

Baumwollballen ohne Unglück von der Levante 4 über das

Meer nach Hause gebracht würden, eine schöne Kirche

zu erbauen und jährliche Zinsgelder und Güten zu stiften.

Die Waren kamen unversehrt an, und die Krämersfrau

hielt ihr Gelübde und erbaute die Kirche zu St.

Margarethen.

In Hallein gab es einst reiche Weißwarenhändler und

Strumpfwirker. Noch jetzt bestehen auf dem

Eisenkrämerhause zu Hallein (Goldgasse Nr. 127) Gilten

für die Kirche St. Margarethen bei Figaun. 5

ANMERKUNGEN

1 Heruler = Ostgermanisches Volk

2 Juvavum = Name der Stadt Salzburg zur Römerzeit

3 schöner, dichter Wald = Faistelau oder Tauglwald

4 Levante = italienischer Name für Gebiete um das östliche

Mittelmeer, mit denen die italienischen Stadtrepubliken im

Mittelalter Handel betrieben haben.

5 Figaun = Schreibweise Vigauns im Mittelalter

VERWENDETE LITERATUR:

Josef Brettenthaler und Matthias Laireiter, Das Salzburger

Sagenbuch, Salzburg 1962.

Heinrich Wallmann, Zwölf Salzburger Sagen, in: Mitteilungen

der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde (MGSL) 4

(1864), S. 247-249.

110


UNSERE KIRCHEN-

GESCHICHTE UND KUNST

von Franz Ortner

Wer von Hallein in Richtung Kuchl unterwegs ist, sieht

aus weiter Entfernung den markanten Kirchturm von

Vigaun. In früheren Zeiten war sein Aussehen allein

schon deshalb auffällig, weil der gotische Pyramidenhelm

um einiges höher als heute war. Der ganze Turm hatte

dadurch ein ziemlich unproportioniertes Aussehen.

Zudem war der Turmspitz in der Mitte leicht geknickt.

Fast 200 Jahre lang hatte man Probleme mit diesem

„schiefen Turm von Vigaun", bis im Jahre 1935 der

eigenartige Mangel endlich behoben werden konnte.

Nähert man sich dem Dorf, so erblickt man das zweite

Vigauner Gotteshaus, die St. Margarethen Kirche. Auf

erhöhter Hanglage überragt es den heute gleichnamigen

Ortsteil, der früher Pabenhofen und später Baumhofen

geheißen hat.

In diesen beiden Kirchen spiegelt sich die Geschichte

Vigauns und seiner Umgebung wieder. Sie sind nicht nur

Zeugen vergangener Tage. Als Gotteshäuser waren diese

Kirchen immer auch Mitte der jeweiligen Gegenwart des

weitverzweigten Dorfes. An ihnen wurde bis heute

gebaut, umgebaut, erneuert und verändert, je nach dem

Empfinden der Zeit und ihrer Menschen. So haben diese

Kirchen gleichsam als Weggefährten der Bevölkerung

auch die Richtung in die Zukunft gewiesen.

Die Pfarre Vigaun

Am 7. Jänner 1858 war Vigaun durch einen kaiserlichen

Ministerialerlaß in den Rang einer eigenen Pfarrei

erhoben worden. Erster selbständiger Pfarrer wurde der

damalige Vikar Ferdinand Ritter von Lama, der aus

einem Geschlecht des Tiroler Kleinadels stammte, das

sich auch von und zu Büchsenhausen nannte. Mit der

Pfarrerhebung mußte auch das Seelsorgsgebiet genau

umschrieben werden. Es erstreckte sich damals auf ein

sehr großes Gebiet: im Osten grenzte die Pfarre an St.

Koloman, im Süden an Kuchl. Die Grenze bildete die

Taugl mit der „Römerbrücke". Gegen die Stadt Hallein

war ursprünglich die Salzach und im Norden der

Almbach mit dem Gries in Burgfried die Grenzlinie.

Nachdem die bis dahin selbständige Gemeinde Burgfried

Die Filialkirche St. Margarethen vom Riedl her gesehen.

1896 zur Stadt Hallein gekommen war, mußte auch der

seelsorgliche Zuständigkeitsbereich neu festgelegt

werden. Diesbezügliche Bestrebungen hatte es ja schon

lange gegeben. Mit 1. Mai 1898 kam der untere Teil

Burgfrieds an die Stadtpfarre Hallein 1 , die heute auch

den größten Teil dieses rasch wachsenden Stadtteils

seelsorglich betreut. Die nördliche Pfarrgrenze bildet

seither das sogenannte Ledererbachl, die Westgrenze die

Eisenbahntrasse in Burgfried. Der weite Vigauner

Pfarrbezirk - größer als die politische Gemeinde - weist

auch heute noch eine Berggegend auf, wie sie nicht

einmal jede Gebirgspfarre hat: er dehnt sich vom

Kasbach, zwischen dem Schlenken und Schmittenstein

zum Hohen Steg hin, über den ganzen Rengerberg aus.

Gerade diese Bergregion wies noch um die Mitte des 19.

Jahrhunderts mehr Pfarrangehörige auf als die der

Pfarrkirche näher gelegenen Ortsteile. In statistischer

Hinsicht nahm sich dies im Jahre 1858 wie folgt aus:

111


Langgasse: 27 Häuser mit 112 Einwohnern

Aigen: 20 -"- 84 -"-

Baumhofen: 16 76 (=St. Margarethen)

Rengerberg: 43 201

Burgfried: 73 524

Vigaun(Ort): 45 215

In diesen 224 Häusern lebten um die Mitte des vorigen

Jahrhunderts 1.212 Katholiken. 2

Heute zählt die Pfarre ca. 1.800 Katholiken, wobei im

Jahre 1988 im Gebiet der politischen Gemeinde Vigaun

1.637 Pfarrangehörige ihren Wohnsitz hatten.

Reihenfolge der Pfarrer 3

1858-1867 Ferdinand Ritter von Lama

1868-1879 Joseph Menhardt

1879-1884 Peter Metzger

1885-1896 Anton Lienbacher

1896-1907 Johann Gruber

1907-1925 Simon Rettenbacher

1926-1931 Dr. Leopold Ziller

1931-1949 Max Ringlschwendtner

1949-1963 Karl Rammler

1963-1965 Bruno Klingenmaier

1965- Franz Brunauer

Das Vikariat (1716-1858)

Vor seiner Pfarrerhebung war Vigaun 142 Jahre

hindurch ein Vikariat mit einem eigenen Seelsorger, der

zeitweilig auch durch Hilfspriester (Kooperatoren)

unterstützt wurde. Nachdem im August 1716 die

damaligen Zechpröpste, d. h. die Vermögensverwalter

der Kirche, Hans Egger, Konrad Lienpacher und acht

weitere Bauern im Namen der „Kreuztracht Vigaun" um

einen eigenen Priester angesucht hatten, wurde das

Vikariat mit einem Dekret des erzbischöflichen

Konsistoriums am 22. Dezember 1716 errichtet und

Matthias Seeleithner als erster Vikar angestellt. Die

Mutterpfarre Kuchl, aus der das neue Vikariat herausgebrochen

worden war, und noch weniger das Vikariat

Adnet waren von dieser Entscheidung begeistert. Beide

versuchten die Vigauner Ambitionen sogar zu

verhindern. Aber die Vigauner konnten die

Unterhaltskosten für einen eigenen Priester aufbringen

und ihm ein Wohnhaus zur Verfügung stellen. Es war

dies das Haus des Handwerkers Veit Kholler im

Dorfzentrum, das die Gemeinde gekauft und zum

Vikariatshause (heute Pfarrhof) umbauen ließ. 4

Reihenfolge der Vikare 5

1716 Matthias Seeleithner

1722 Joseph Scheiblprandtner

1730 Sebastian Gißi

1739 Nikolaus Graßmayr

1752 Joh. Jakob Egedacher

1761 Joachim Hofer

1762 Franz Joseph Atzinger

1768 Aegyd Mühlfellner

1775 Martin Räß

1780 Andreas Caspar Greiner

1786 Joh. Bened. Mühlthaler

1793 Johann Raacher

1793 Thaddä Lactanz Prex

1794 Leopold Holzner

1798 Joseph Stauder

1801 Franz Liedl

1812 Johann Cajetan Schmid

1823 Joseph Anton Waldmann

1827 Joseph Mödlinger

1839 Ferdinand Ritter von Lama

Unter den Kooperatoren, die in Vigaun zur

Unterstützung des jeweiligen Vikars ihren Dienst

versahen, findet sich auch der berühmte Dichter des

weltbekannten Liedes „Stille Nacht". Joseph Mohr wirkte

hier einige Monate des Jahres 1821, kam dann 1822

nach Adnet, nachdem er zuvor 1819 in Kuchl und 1820

in Golling gewesen war. 6

Vikariat Adnet (Vigaun)

Bevor Vigaun im Jahre 1716 einen eigenen Priester

bekommen hatte, bildete es zusammen mit dem

Nachbarort Adnet 166 Jahre hindurch ein gemeinsames

Vikariat (1550-1716) der Mutterpfarre Kuchl. Der Vikar

„unter der Taugl", wie er aus der Kuchler Sicht

bezeichnet wurde, war Untergebener des dortigen

Pfarrherrn. Er hatte das große Gebiet der heutigen

Pfarren Adnet, Vigaun und Krispl seelsorglich mit allen

Verpflichtungen allein zu betreuen. Seinen Wohnort

nahm er in Adnet; er hatte aber fast gleichrangige

Seelsorgsdienste auch in Vigaun zu verrichten:

Gottesdienste an Sonn- und Feiertagen mit Predigt -

sowohl in Adnet als auch in Vigaun; an Wochentagen

wurden die Gottesdienste anscheinend abwechselnd

einmal in Adnet, das andere Mal in Vigaun gehalten. 7

Adnet hatte eindeutig den Vikariatsvorrang, Vigaun

wurde deshalb bisweilen übergangen. Es gab nämlich zur

Zeit der Reformation und Gegenreformation kaum

Hilfspriester, auch sonst herrschte Priestermangel. Da-

112


Mit der Errichtung des

Vikariats Vigaun begann

auch die eigene Matrikenführung:

Die erste

Eintragung in den Vigauner

Taufmatriken stammt uom

22. Februar 1717 und

besagt, daß an diesem Tag

Anna Maria Haidinger vom

Vigauner Vikar Matthias

Seeleithner getauft wurde.

Ihre Eltern waren der

Zimmermann Jo(h)annes

Haidinger und seine Frau

Apollonia,

geb.

Hehenwarter vom Gries in

Burgfried, Patin Magdalena

Rainer(in).

113


durch hatte der Adneter Vikar an Sonn- und Feiertagen

doch einiges zu tun. Er mußte „binieren", d. h. zwei oder

mehr Gottesdienste mit Predigt halten, was damals in

unserer Diözese nicht allgemein üblich war. Um die

Sakramente rechtzeitig zu spenden, bediente er sich der

damals schnellsten Fortbewegungsmöglichkeit. Zu Pferde

„pendelte" er zwischen Adnet und Vigaun hin und her.

Die Situation besserte sich erst dann, als es im Zuge der

Reformen des Konzils von Trient (1545-1563) zu einer

gediegeneren Ausbildung der Kleriker gekommen war

und in Salzburg selbst ein Priesterseminar errichtet

werden konnte. Wenn auch die Vigauner Matrikenbücher

erst mit der Errichtung des selbständigen Vikariates

Vigaun nach 1716 beginnen, so wurden das Sakrament

der Taufe und die anderen Sakramente doch in der

Vigauner Kirche gespendet. Die Toten mußte man nicht

in den Pfarrfriedhof nach Kuchl oder nach Adnet

bringen, sie durften im damals sehr kleinen Ortsfriedhof

bestattet werden. Dies scheint in Vigaun schon so lange

(spätestens seit 1480) 8 üblich gewesen zu sein, daß

diesbezügliche Urkunden, aus denen eine

Begräbniserlaubnis hervorginge, gar nicht mehr

vorhanden sind oder wegen der alten Praxis nie vorgelegt

zu werden brauchten.

Vigaun - eine Filiale von Kuchl

Die längste Zeitspanne im Verlauf ihrer Geschichte

waren die Vigauner Gotteshäuser nur Filialkirchen der

Mutterpfarre Kuchl. Diese war zu Anfang des 13.

Jahrhunderts errichtet worden und vom damaligen

Erzbischof Eberhard II. von Regensberg (1200-1246)

dann im Jahre 1244 dem Salzburger Domkapitel

übertragen worden (Inkorporation). Ihr Seelsorgsgebiet

umfaßte praktisch das ganze „Kuchltal", nämlich das

Gebiet der heutigen Pfarren Kuchl, Adnet, Vigaun, St.

Koloman, Golling und Krispl, reichte somit von Hallein

bis zum Stegenwald-Wirt im Paß Lueg. Vor dem Jahre

1550, ab dem Adnet-Vigaun durch den „ Vikar unter der

Taugl" betreut werden mußte, wurden alle seelsorglichen

Verpflichtungen von der Kuchler Geistlichkeit verrichtet.

In dieser Zeit des Spätmittelalters, im 14. und 15. Jahrhundert,

versorgten die Geistlichen vom Kuchler Pfarrhof

aus neben der Hauptkirche im Marktorte selbst noch

folgende Filialgotteshäuser: Golling, St. Florian in der

Gollinger Burg, St. Nikolaus in Torren, Scheffau, St.

Georgenberg, Vigaun, St. Margarethen, Adnet, St.

Koloman und Krispl. Damals war es gleichsam zu einem

„Bauboom" von Kirchen, zu Um-, Erweiterungs- und

sogar zu Neubauten der Gotteshäuser wie etwa in Vigaun

um das Jahr 1488 gekommen. All diese Bauten gingen

zumeist auf Vorgängerkirchen zurück, wobei die alten

Türme (wie in Vigaun) in die Neubauten integriert

wurden.

Überlieferte schriftlichen Quellen aus jenen

Jahrhunderten und weiter zurück werden nun aber

immer spärlicher. Nur weniges hat sich bis heute

erhalten.

Vigauns Kirchen in alten Urkunden

In einer wichtigen Urkunde des Jahres 1444 scheinen

beide Vigauner Gotteshäuser als Filialkirchen von Kuchl

auf. In einem Streit um das Gut Taugklholz, das leider

heute nicht mehr identifiziert und lokalisiert werden

kann, vergleicht sich ein Salzburger Bürger namens

Nikolaus Hampel mit den Kirchenpröpsten (Zechpröpste

= Vermögensverwalter) von Kuchl, St. Nikolaus, Vigaun,

St. Margarethen und Adnet in Bezug auf die

Forderungen an das Gut Tauglholz. In der damaligen

Schreibweise, die auch die Sprechweise war, liest man

bezüglich Vigaun folgendes: „...Niclas Puechperger Peter

Staindel zechbröbst S. Dyonisen zw Vigawn Hanns von

Chondel Niclas Haller zechbröbst S. Margreten kirichen

zw Pabenhouen...". Diese Zechpöpste und andere hatten

laut Vertragsurkunde nun ihre Abgaben und Dienste im

Ausmaß von 6 Schilling (Pfennige) minus 10 Pfennig an

das Gut Tauglholz und nicht mehr an die oben

erwähnten Kirchen zu leisten. 9 Dies mußten sie nämlich

zuvor tun, als seit dem „Pfingstag" ^Donnerstag), dem

29. Jänner 1422, dasTauglholz-Gut von„Margaret die

Lechnerin, Magdalena Gilgen des Smalczlein Hausfrau,

und Barbara M. Chunrad Pillungs Hausfrau , der

Margaret Töchter" ihr Gut „Tawkelholz im Kuchler

Gericht" an den Salzburger Bürger Heinrich Hampel

verkauft worden war. 10

Vorgänger der heutigen Pfarrkirche

Die soeben erwähnten schriftlichen Nachrichten aus dem

Jahre 1444 können sich nur auf den Vorgängerbau der

heutigen Vigauner Kirche beziehen, der in den achtziger

Jahren desselben Jahrhunderts einem Neubau weichen

mußte, der wiederum erst im Jahre 1559 fertig gestellt

werden konnte. Knapp hundert Jahre früher, nämlich im

Jahre 1347, wird zum ersten Mal die Vorgängerin der

heutigen Pfarrkirche in einer Urkunde erwähnt. Vielleicht

befand sich damals gerade der Turm mit einer kleinen

Kirche in Bau. Ihre Außenmaße dürften etwa bis zur

heutigen Kanzel und bis zur ersten Stufe vor den

Kommunionschranken in der Größenordnung der

gewölbten Empore im Mittelteil und einer Breite

innerhalb der heutigen Säulenreihen gereicht haben. Der

Dachfirst dieser Kirche war unterhalb der heutigen

Schallöcher und des Turmgesimses, sodaß die ganze

Anlage sicher ein gut proportioniertes Aussehen abgab.

Es war eine einschiffige gotische Kirche mit einer damals

114


115


116


117


XII Auf der ersten dieser vier Farbseiten die Kreuzigungsgruppe

im südlichen Seitenschiff, ein Aquarell

„Vigaun" von Martin Hell, die angebaute Wendeltreppe

der Pfarrkirche und das Bruderschaftsbild.

Auf der vorangehenden Doppelseite Teile eines Vigauner

Flügelaltars um 1500, die sich im Salzburger Museum

Carolino Augusteum befinden. Auf der (geschlossenen)

Werktagsseite die Verkündigung durch den Engel an

Maria, auf der (geöffneten) Feiertagsseite die heiligen

Dionysius und Sebastian.

Diese Seite: Der Grabstein des Leonhard Schiling in der

Totenkapelle, der spätgotische Taufstein und das Kreuzigungsbild

an der Empore.

118


üblichen markanten Westturmanlage. An der Ostseite des

massiven Turmes erkennt man noch heute im Bereich

des Kirchendachstuhles die damalige Gesimsschräge aus

Konglomerat, welche die Dachkonstruktion des

ursprünglich einschiffigen Langhauses getragen hatte.

Erst darüber befand sich das steinerne Kaffgesims des

Turmes. In der Mitte der vorgebauten (alten und neuen)

Westmauer des jetzigen Langhauses findet sich noch eine

Nische vor, in die ein gut sichtbares Kreuz (50x50cm) tief

in die Konglomeratquadern eingemeißelt ist. Dieser alte

Turm ist entsprechend der damaligen Konstruktionsweise

massiv, nach oben hin verjüngt gebaut, jedenfalls 150 bis

200 Jahre älter als die heutige Kirche.

Einer Urkunde zufolge spendete nämlich im Jahre 1347

eine Frau" Adelheit, die Witingerin", dem Gotteshaus zu

„Sand Dyonisen zu Figaeun" eine Gült (Gilt=eine Art

Hypothekardarlehen) von 30 Pfennig (=1 Schilling

Pfennig). 11

Weiter zurück als bis zum Jahre 1347 läßt sich die

vermutlich zweite Kirche, d. h. der Vorgängerbau des

heutigen Gotteshauses, mangels schriftlicher Quellen

nicht mehr verfolgen. Erhalten blieb aus dieser Zeit nur

der Turm. Nach den Formen der spitzbogigen

Turmeingänge und aus der sonst wuchtigen,

konservativen Bauweise könnte man schließen, daß er

schon in gotischer Zeit, an der Wende vom 13. zum 14.

Jahrhundert gebaut worden sein könnte. Als im Jahre

1117 Erzbischof Konrad I. Vigaun mit all seinen

Ortsteilen dem Kloster Nonnberg übergab, wird in der

Schenkungsurkunde keine Kirche erwähnt. 12

Ecclesia ad Fuginas (788/790)

Vom Jahre 1347 weiter zurück bis zur ersten Erwähnung

einer Kirche in Vigaun im Jahre 788/790 - für diesen

Zeitraum von über 550 Jahren haben wir leider keinerlei

Nachrichten. Wieviele Kirchen - wahrscheinlich nur

bescheidene Holzkirchlein-hier gestanden und wo sie sich

genau befunden haben, wissen wir nicht; jedenfalls

solange nicht, bis Grabungen neue Forschungsergebnisse

zu Tage fördern.

Umso kostbarer ist die Erwähnung einer Kirche in

Vigaun in der berühmten Notitia Arnonis, die Karl der

Große im Dezember 790 für den Salzburger Bischof Arn

bestätigt hatte. Diese Urkunde zählt alle Kirchen auf, die

sich im Besitz des Salzburger Bischofs befanden, nicht

aber die Gotteshäuser adeliger Familien wie etwa jene in

Adnet u. a. Die Vigaun betreffende Stelle lautet: „Ad

Fuginas eccl. (esia) tantum ", 13 In Vigaun gehörte

demnach nur die Kirche zum bischöflichen

Besitz; der Bischof hatte hier über das Gotteshaus die

alleinige Entscheidungsbefugnis.

Wann diese im Jahre 788/790 erwähnte Kirche erbaut

worden ist und wie lange sie Bestand hatte, wissen wir

nicht. In den Stürmen der Magyaren, (Ungarn)invasionen

und Feldzüge bis 955 dürften wohl fast alle Kirchen

zerstört worden sein. Ob bereits zu Zeiten des Hl.

Rupert, um 700, eine Kirche für Vigaun anzunehmen ist,

wie es die örtliche Überlieferung tradiert haben will, läßt

sich nicht eindeutig erweisen. Am ehesten können wir

noch auf ein Gotteshaus schließen, wenn in den Breves

Notitiae um 800 in Bezug auf das Jahr 748 von einem

Edlen namens Santulus die Rede ist, und darin Vigaun

erstmals Erwähnung findet. Santulus, ein „vir nobilis"

schenkte seinen Besitz bei „Figun" der St.

Maximilianszelle (in Bischofshofen). An einer anderen

Stelle, allerdings für die Zeit um 788 ist abermals ein

Priester (Presbyter) namens Angelus in einem Ort,

genannt Figun erwähnt, der seine Güter der Salzburger

Kirche schenkte. 14

Haben wir für diese frühe Zeit einen eindeutigen

Quellenbeleg für ein Gotteshaus in Vigaun, so wissen wir

nicht, wem es tatsächlich geweiht war. Gute Gründe

sprechen aber für die Annahme, daß sehr bald auch der

hl. Dionysius in dieser ersten Kirche Vigauns verehrt

worden sein könnte. Immerhin war dieser fränkische

Nationalheilige auch eine Art „Hausheiliger" der

bayerischen Adeligen.

Die Kirchenpatrone:

Eine kopflose Figur am Kirchenportal

Im spitzbogigen Marmorportal der Kirche findet der

aufmerksame Betrachter eine künstlerische Rarität:

Nähert man sich vom Dorfplatz kommend dem

Haupteingang zur Kirche, ist man zunächst überrascht

von der seltsamen Darstellung einer Relieffigur, die ihr

eigenes Haupt in den Händen trägt. So mancher ist dann

geneigt anzunehmen, ein unerfahrener Künstler habe

sich in den Proportionen des spitz nach oben laufenden

Türabschlusses (Tympanon) so gänzlich vertan, daß ihm

nichts anderes mehr übrig blieb, als der Figur den Kopf

in die Hand zu legen.

Das war aber ganz gar nicht der Fall. Denn es handelt

sich hier um das Meisterstück eines erfahrenen Künstlers.

Der damalige - leider unbekannte - Künstler aus der Zunft

der Steinmetze kannte genau die weitverbreitete Legende

um den hl. Dionysius. Deshalb konnte er ihn auch so

eindrucksvoll darstellen. Stolz über sein Werk versah er

es sogar mit seinem Steinmetzzeichen.

119


Es ist im Torabschluß rechts von der Jahreszahl 1488 zu

sehen:

Deshalb wurde im Mittelalter so großer Wert auf die

schöne und kostspielige Ausgestaltung der Kircheneingänge

gelegt. Das Portal bedeutete im biblischen Sinne

„Pforte des Lebens"; durch sie verließ man gleichsam die

Welt und trat in das Heiligtum.

Das Jahr 1488 muß aber nicht - wie vielfach

angenommen - als das Jahr des Baubeginns der heutigen

Kirche angesehen werden. Die Seitenschiffe der Kirche

dürften sich damals bereits im Bau befunden haben.

Wahrscheinlich deutet die Zahl auf eine Ablaßverleihung

im Jahr der Fertigstellung des Portals hin.

Diesbezügliche eindeutige Belege und auch die

Weiheurkunden der Kirche sind leider verloren

gegangen. Es war aber damals allgemein üblich, für den

Baufortschritt Ablässe zu verleihen, wie sie auch für

andere Tennengauer Kirchen überliefert sind (Hallein,

Abtenau u. a. ). Jeder, der das Gotteshaus besuchte, die

vorgeschriebenen Gebete verrichtete und eine Spende

reichte, nahm gleichsam am Heiligungswerk persönlich

teil, wie wenn er selbst durch seiner Hände Arbeit am

Kirchenbau mitgeholfen hätte. So bestimmte etwa

Helena, die Frau des Halleiner Pflegers Wenzeslaus

Maschauer am 15. Jänner 1518 testamentarisch an

erster Stelle eine großzügige Spende für den Vigauner

Kirchenbau. Von der 1519 verstorbenen Wohltäterin

heißt es in der erwähnten Urkunde: „Item gen sannd

Dionisien hat Sy geschafft zween reinisch Gulden ". Der

Rheinische Goldgulden war damals die oberste

Münzeinheit im Reich. Zwei Gulden entsprachen 480

Pfennig bisheriger Währung und hatten etwa den Wert

eines Kilogramms Silber. Auch St. Anna in Hallein und

die Dürrnberger Kirche wurden von der Frau des Pflegers

in ihrem letzten Willen mit je zwei Gulden bedacht. 15

Das beeindruckende Portal mit der Darstellung des Hl.

Dionysius, des Patrons der Kirche, sollte jeden

Vorbeikommenden zum Eintritt einladen.

Der Hl. Dionysius: Geschichte und Legende

„Er trägt seinen Kopf bereits in den Händen!" Diese alte

sprichwörtliche Redensart hat ihren Ursprung in den

Bildwerken vom heiligen Dionysius, der einer der

berühmten 14 Nothelfer ist und in der mittelalterlichen

Frömmigkeit eine hohe Verehrung erfuhr. Dionysius

bedeutet im Griechischen „der Gott Geweihte". Sein Fest

feiert die Kirche am 9. Oktober. Im Französischen lautet

sein weitverbreiteter und wohlkingender Name Denis.

St. Denis (hl. Dionysius) war nach der Legende der erste

Bischof von Paris. Nach ihm ist die nordwestliche

Vorstadt von Paris Saint-Denis benannt; dort hat er auch

sein Grab in der berühmten Abteikirche von St. Denis.

Nach dem Bericht des Hl. Gregor von Tours in der

„Historia Francorum" zu Anfang des 9. Jahrhunderts war

Dionysius der erste Bischof von Paris. Er stützt sich dabei

auf das frühe Zeugnis aus der „Vita Genovefae" um das

Jahr 520. Mit sechs anderen Bischöfen soll Dionysius

vom heiligen Papst Fabian um das Jahr 250 von Rom

nach Gallien gesandt worden sein. In der damaligen Zeit

der Christenverfolgung sei dann Dionysius mit den

Priestern Rusticus und dem Diakon Eleutherius am

Montmartre, dem Berg der Märtyrer von Paris,

enthauptet worden. Etwa 6 km vom Hinrichtungsort

entfernt habe man den entseelten Leichnam bestattet.

Die bekannte Dionysiuslegende läßt ihn diesen Weg

selbst mit seinem abgeschlagenen Kopf in den Händen

gehen. Im Jahre 624 wurde dann an der besagten Stelle

die berühmte Abtei St. Denis errichtet. Von seinem Grab

wurden alsbald zahlreiche wunderbare Begebenheiten

berichtet.

Zu Anfang des 9. Jahrhunderts kam es bereits zur

oftmaligen Verwechslung des Hl. Dionysius von Paris mit

dem legendären Dionysius Areopagitas, einem

angeblichen Schüler des hl. Paulus. Der Reliquienschrein

des gelehrten Areopagiten soll im Jahre 827 nach St.

Denis gekommen sein. Seit damals werden beide sowohl

in der West-wie auch in der Ostkirche verehrt. Die

Kombination und oftmalige Verwechslung dieser beiden

Heiligengestalten wirkte sich später auch auf die

künstlerische Darstellung aus: oft ist das Heiligenattribut

ein abgeschlagenes Haupt, das auf einem Buche liegt.

120


Als Vigauner Kirchenpatron ist der Hl. Dionysius, der

erste Bischof von Paris, anzusehen, den der Künstler so

überaus beeindruckend am Kirchenportal darstellte.

Dionysius, der Nothelfer

Im heutigen Bundesland Salzburg ist nur die Vigauner

Kirche dem Hl. Dionysius als Kirchenpatron geweiht. 16

Dieses seltsame Faktum läßt zumindest auf einen frühen

Kirchenbau schließen. Die Heiligenverehrung war um das

Jahr 800 schon weit verbreitet. Zu den frühchristlichen

römischen Heiligen kommen neue hinzu. Das südliche

Bayern erwies sich hier als ein Schnittpunkt dreier

Richtungen: einer südlichen mit römischen, einer westlichen

mit fränkischen und einer einheimischen mit den

Bistums- und Traditionsheiligen. Als fränkischer Heiliger

hatte der hl. Martin einen gewissen Vorzug. Sein Fest,

der 11. November, galt seit jeher als Zehent- und

Zinstag. Nach Westen, ins Fränkische, weist auch der

große Heilige der Merowinger und Karolinger, nämlich

St. Dionysius, der besonders auch vom altbayerischen

Hochadelsgeschlecht der Huosi in den Klosterstiftungen

von Schlehdorf und Schäftlarn bevorzugt wurde.

Bereits 780-800 werden Dionysiusreliquien in Schäftlarn

erwähnt. 17

Dionysius war sozusagen der „Hausheilige" des bayerischen

Adels. Immerhin wurden die Bayern u. a. auch von

fränkischen Missionaren wie dem Hl. Rupert missioniert.

Und bei den Franken galt Dionysius als Nationalheiliger.

Daß seine Reliquien im 8. Jahrhundert von Paris nach

Regensburg übertragen wurden, ist zwar nur eine

fromme Legende. Aber seine Verehrung fand damals

immer größere Verbreitung, sodaß man um den Besitz

seiner Reliquien wetteiferte. So besaß auch das Erzbistum

Salzburg in der Klosterkirche von St. Peter eine Reliquie

des hl. Dionysius, wie eine Urkunde in der ersten Hälfte

des 9. Jahrhunderts festhält. 18

Dionysius ist heute noch einer der Nationalheiligen und

Hauptpatrone Frankreichs. Seit dem Mittelalter wurde er

ein immer populärerer Heiliger und zählte sodann zu den

14 Nothelfern. Er war der besondere „Nothelfer gegen

das Kophweh". Auch bei Tollwut des Viehs wurde er

angerufen. In kriegerischen Auseinandersetzungen nahm

man bei ihm Zuflucht. So ist er auch heute noch der

Patron der Schützenkompagnien. 19

Der Grundriß der

Pfarrkirche zum hl.

Dionysius in Vigaun.

121


Dionysius am alten Flügelaltar

In der zweiten gemauerten Kirche Vigauns, d. h. im

Vorgängerbau der heutigen Kirche, befand sich

wahrscheinlich schon ein gotischer Flügelaltar aus dem

15. Jahrhundert, der im Kirchenneubau nur noch kurze

Zeit in Verwendung stand. Er dürfte erst nach

Fertigstellung des gesamten Langhauses im Jahre 1559

in der oberen Sakristei deponiert worden sein.

Nach mittelalterlicher Bauweise führte man zuerst die

Mauern der Seitenschiffe und des Chors rund um den

Vorgängerbau auf. Diese Arbeiten waren im Jahre 1519

abgeschlossen. Erst hernach riß man die so umbaute

Kirche im Innern ab und brach Öffnungen aus. In Vigaun

mußte man aber den gesamten Vorgängerbau bis auf die

Empore abreißen und führte sodann die großen Säulen

des Langhauses auf. So entstand eine beeindruckende

Hallenkirche. Nun mußte auch die ganze Dachkonstruktion

höher gezogen werden. Für eine

notwendige Erhöhung des Turmes und der Schallöcher -

wie wir dies für andere Kirchenanlagen festellen können -

fehlte dann wahrscheinlich das Geld.

Im Jahre 1613 findet sich der erwähnte kombinierte

Flügelaltar nicht mehr in der Kirche 20 ; verwahrt in der

Sakristei wurde er im Jahre 1874 an das Salzburger

Museum Carolino Augusteum übergeben. 21 Der

Mittelschrein dieses gotischen Altares enthielt die ca.

70cm hohe Gruppe der „Hl. Anna Selbdritt" auf einem

Sockel, d. h. die hl. Anna sitzt auf einem Thron unter

einem Baldachin und trägt das nackte Christuskind auf

dem rechten, die bekleidete Maria als kleines Mädchen

mit offenem Haar auf dem linken Knie. Die großen

Altarflügel (39,5x 135cm)enthielten innen die HU.

Dionysius und Sebastian in ganzer Figur auf Goldgrund.

An den Außenflügeln des Altares waren ein

Verkündigungsengel und Maria am Betpulte in der

Darstellung einer Halle mit gelbrot gemustertem Pflaster

und rotem Gitter im Hintergrund zu sehen. 22

Altarweihe 1638 ?

Am Hauptportal der Vigauner Kirche findet man unter

der markanten figuralen Darstellung des Hl. Dionysius

die Zeichen: G. 1638 W. Erst in diesem Jahr scheint ein

neuer Hochaltar geweiht und vollständig den liturgischen

Vorschriften des Konzils von Trient mit der Errichtung

eines Tabernakels in der Altarmitte angepaßt worden zu

sein. Bislang wurde für dieses Jahr nur eine

Restaurierung vermutet. 23 Aus den Kirchenrechnungen

geht hervor, daß die Anschaffung eines neuen

Hochaltares im Jahre 1635 begann, wobei ein G. W. ( =

Georg Wald), der Kirchenwirt von Vigaun, dafür

wahrscheinlich die finanziellen Mittel aufbrachte.

Bis dahin hatte der Altarraum vermutlich noch ein sehr

ärmliches Aussehen. Der Hauptaltar schien überhaupt

noch nicht geweiht worden zu sein. Es soll sich dort nur

eine transportable marmorne Altarplatte (heute:am

linken Seitenaltar oder in St. Margarethen?) befunden

haben. „Expaupertate ecclesiae" d. h. aus Armut der

Kirche war der Altar noch nicht den vorgeschriebenen

liturgischen Erneuerungen des Trienter Konzils angepaßt,

wie die Gemeinde dem Visitator im Jahre 1613

berichtete. Damals äußerte man auch Zweifel, ob die

neue Kirche jemals geweiht worden sei.

Das hochwürdigste Sakrament wurde in einer

„marmornen Tabernakelvorrichtung" an der rechten

Seite des Altares, an der Wand fixiert, aufbewahrt. An

der linken Seite stand ein marmorner Taufstein, der sich

auch heute noch in der Kirche (am linken Seitenaltar)

befindet.

Tatsächlich kam im Zuge der letzten Kirchenrenovierung

1974 ein Teil jener alten Tabernakelvorrichtung wieder

zum Vorschein. Sie befindet sich freigelegt in der rechten

Chorwand des Altares, im Blick auf den Altar links. Vom

Altar aus gesehen war die rechte Seite immer die

sogenannte „Evangelienseite". Nach den alten liturgischen

Vorschriften mußte demnach auf der Evangelienseite

das sogenannte „Sakramentshäuschen" stehen. Es

diente zur Aufbewahrung der Krankenkommunion und

der heiligen Öle für das Sakrament der Krankensalbung

(früher: „Letzte Ölung" genannt). Kunstvolle Sakramentshäuschen

konnten sich nur reichere Kirchen leisten. In

armen Landkirchen waren meist nur sogenannte

„Armarien", Wandnischen mit Eisengittern, in denen das

Sakrament aufbewahrt wurde. Eine solche Vorrichtung

besaß Vigaun noch in den ersten Jahrzehnten des 17.

Jahrhunderts. 1635 scheint dann der erste Hochaltartabernakel

angeschafft worden zu sein.

Eine „Ewiglichtampel" konnten sich die Vigauner bis

dahin auch nicht leisten; denn dies wurde ihnen im Jahre

1617 durch ein ausdrückliches Dekret angeordnet. 24 So

geschah es auch: die alte Wandtabernakelnische wurde

nun in eine Vorrichtung zur Aufstellung des „Ewigen

Lichtes" umfunktioniert; das Eisengitter konnte belassen

werden. Und - was sonst in den Salzburger Kirchen

nirgendwo sich noch findet - kam dann bei der erwähnten

Kirchenrenovierung des Jahres 1974 auch zum

Vorschein: diese Ewiglicht-Vorrichtung in der kleinen

Wandnische wurde anscheinend sogar mit einem

Rauchabzugsloch in die Sakristei hinein versehen.

122


Im Zuge der vermutlichen Altarweihe und Aufstellung

eines Hochaltartabernakels im Jahre 1638 scheint

Vigaun auch zu seinem zweiten Kirchenpatron gekommen

zu sein. Nachdem die Verehrung des Hl.

Dionysius in der Zeit der Reformation und Gegenreformation

schon etwas verblaßt war, dürfte die Kirche

ihren zweiten Schutzpatron erhalten haben. Dieser

Vorgang stellt nichts Ungewöhnliches dar und ist auch

bei anderen Kirchen festzustellen. Vigauns grundherrschaftliche

Verhältnisse zu Nonnberg und zum Stift

St. Peter in Salzburg mag dabei eine Rolle gespielt

haben: Die St. Petrische Pfarre Abtenau ist dem Hl.

Blasius geweiht, ebenso die ehemalige Bürgerspitalskirche

in Salzburg.

Der Hl. Blasius: Zweitpatron der Kirche

Zu den berühmten und hochverehrten 14 Nothelfern

zählt auch der Hl. Blasius. Sein Fest wird am 3. Februar,

dem Tag nach Maria Lichtmess, gefeiert. Beide Bauernfeiertage

spielten im Alltagskalender eine maßgebliche

Rolle. Sie waren sogenannte „Lostage": an Maria Lichtmess

fand der alljährliche Dienstbotenwechsel statt. Jeder

neue Dienstbote erhielt einen Laib Brot zum Einstand.

Auch die Vermögensverwalter der Kirchen, die sogenannten

„Zechpröbste", überließen an diesem Tage

ihren Nachfolgern Amt und Würde. Am Blasiustag

dagegen wurden die Habseligkeiten der Dienstboten

durch den Brauch des „Kastenfahrens" zum neuen

Arbeitsplatz gebracht.

Blasius bedeutet im Griechischen:der Lispelnde, Stammelnde,

der Krummbeinige. Er war Bischof von Sebaste

am Halys in Kleinasien (heute: Siwas in der östlichen

Türkei). Nach verschiedenen legendenhaften Versionen

lebte Blasius in einer Berghöhle in vertrautem Umgang

mit wilden Tieren. Der kleinasiatische Statthalter

Agrikolaos ließ ihn aber aufspüren, mit eisernen

Kämmen martern und schließlich enthaupten. Dies

geschah unter Kaiser Licinius um das Jahr 316. Im

Kerker soll Blasius u. a. einem Knaben, den eine

Fischgräte dem Erstickungstod nahe gebracht hatte,

geheilt haben. Ferner soll er, wie die Legende berichtet,

bewirkt haben, daß eine arme Frau ihr durch einen Wolf

geraubtes Hausschwein wieder zurückerhielt. Zum Dank

dafür habe die Frau dem inhaftierten Blasius Fleisch, Brot

und eine Kerze in den Kerker gebracht. Bischof Blasius

habe daraufhin mit der alljährlichen Erneuerung dieses

Kerzenopfers einen Segen verbunden.

Der heilige Blasius wurde im Orient schon im 6.

Jahrhundert als Patron gegen Halsleiden verehrt, im

Abendland dagegen erst sei dem 9. Jahrhundert, als

seine Reliquien nach Tarent, Mainz, Trier, Paris und

nach St. Blasien im Schwarzwald gekommen waren.

Der bekannte Blasiussegen entstand vermutlich erst im

16. Jahrhundert. Er wird am Festtag des Heiligen

gespendet. Dabei hält der Priester zwei geweihte Kerzen

in Form des Andreaskreuzes vor den Hals der Knienden

und spricht das Segensgebet.

In der Kunst wurde der Hl. Blasius auf Grund der ihm

zugeschriebenen Wundertaten ganz verschieden dargestellt:

als Bischof mit brennender Kerze bzw. zwei

einander überkreuzender Kerzen in der Hand, oder mit

einer eisernen Hachel (Kamm), mit Tieren oder mit

einem Schweinskopf in den Händen.

Am Vigauner barocken Hochaltar steht an der rechten

Seite die lebensgroße Statue des Hl. Blasius als Bischof

nach einer alten Vorlage, nach der er eine gedrehte

Kerze (=Wachsstock) in der Hand hält.

Blasius, der Nothelfer der Bauern

Der überaus volkstümliche Heilige wurde von der

bäuerlichen Bevölkerung besonders im 15./16.

Jahrhundert und in der späteren Barockzeit des 18.

Jahrhunderts verehrt. Seine Hilfe war bei Halsleiden, bei

Husten und Kröpf gewachsen, sowie bei Blutungen,

Blasenkrankheiten (Name!), eiternden Geschwüren,

Koliken, Krankheiten der Kinder, der gefürchteten Pest,

bei Zahnweh, aber auch bei quälenden Gewissensbissen

stets gefragt. So wurde der Hl. Blasius ein vielseitiger

Nothelfer: er war Patron der Ärzte, der Bäcker, der

Maurer, Steinmetze, Schuster, Hutmacher, Wachszieher

(=Kerzenmacher), der Weber, Wollhändler, Windmüller

und vor allem der Musikanten. Als Viehpatron schützt er

die Haustiere, besonders die Pferde. Blasius wurde auch

als Wetterheiliger verehrt. Nach dem bäuerlichen Jahreskalender

bringt der Blasiustag das Winterende, aber auch

Gefahren durch den Wind. Es ist der Wetterstichtag, der

die kommende Witterung des Frühjahres vorausnimmt.

Heftigen Wind nannte man in der bäuerlichen

Umgangssprache „den Blasius".

In früheren Zeiten wurde deshalb „der Blasiustag" festlich

begangen: man opferte Kerzen und ließ Blasiuswein,

Blasiusbrot, Blasiuswasser u. a. m. segnen. 25

Die Pfarrkirche:

ihre Kunst und ihre Geschichte

Das heutige Gotteshaus ist - wie bereits erwähntvermutlich

der dritte Kirchenbau an dieser Stelle. 26 Es

wurde um das Jahr 1488

123


- etwa zur selben Zeit und wahrscheinlich von denselben

Baumeistern wie die Kirche von Kuchl - errichtet 27 und

überrascht den Besucher als einzige spätgotische

Hallenkirche des Tennengaues. Die ansehnliche

dreischiffige Kirche löste den kleinen einschiffigen

Vorgängerbau ab, wobei der markante und massive

Westturm unverändert stehen blieb. 28

Eintritt: Spuren der Gotik

Vom Dorfplatz kommend betritt man die Kirche durch

das schöne spätgotische Südportal mit dem beachtlichen

Tympanonrelief, das den Kirchenpatron, den Hl.

Dionysius, mit dem Haupt in den Händen darstellt (die

alte Jahreszahl 1488 und daneben das

Steinmetzzeichen). Die Türöffnung weist einen geraden

Sturz, in den Ecken reich profilierte Konsolen und spitzbogig,

abgeschrägtes Gewände aus rotem Adneter

Marmor auf. Über dem glatten Sockel befinden sich zwei

in Stufen gesetzte starke Rundstäbe mit zwei breiten

Hohlkehlen.

Die Menschen des Mittelalters verliehen ihrer Vorstellung

von Gott und der Kirche im steinernen Bauwerk, im

Kirchenportal und in mächtigen Türmen anschauliche

Gestalt. Das Gotteshaus als Bauwerk war gleichsam

sichtbarer, im Schauen und Staunen lesbarer Ausdruck

der Glaubenslehre der Kirche, die sich als eine

Heilsgemeinschaft der von Jesus Christus Erlösten

verstand. Eine Kirche war somit auch ein Zeichen der

Frohbotschaft des Evangeliums vom Tode und der

Auferstehung Jesu.

Wer durch das Kirchenportal schreitet und nach uraltem

katholischen Brauch sich mit dem geweihten Wasser

bekreuzigt, berührt zu linker Hand eine konsolenförmige

gotische Weihwasserschale, die vermutlich bereits im

Vorgängerbau der heutigen Kirche vorhanden gewesen

ist. Sie scheint ursprünglich an der Wendeltreppe zur

Empore eingemauert gewesen zu sein. Eine zweite

größere Schale aus der selben Zeit, ebenso aus rotem

Adneter Marmor, befindet sich heute außerhalb der

Kirche, eingemauert in den Strebepfeiler an der Tür zur

Totenkapelle. Beide Werke sind gute Steinmetzarbeiten

des frühen 15. Jahrhunderts.

Erster Blick ins Kircheninnere

Der weite und hohe Raum beeindruckt durch seine

lichtvolle Helle. Dies wurde nur möglich, nachdem man

einige Fenster, die teils zugemauert und mit

dunkelfarbigen Scheiben versehen waren, nach 1867

wieder öffnete und 1971 neu verglaste. Die Kirche ist

innen 29,3m lang, 16,7m breit, 11m hoch und bietet

ca. 500 Menschen Platz. Durch eine behutsame und

stilgerechte Renovierung unter Pfarrer Franz Brunauer

wurde zuletzt 1967 das Gotteshaus den liturgischen

Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-

1965) angepaßt und 1974 durch den Kirchenrestaurator

Ernst Fuchs aus Mayrhofen im Zillertal grundlegend

restauriert. Der Spendeneifer der Bevölkerung und viele

freiwillige Helfer deckten fast zur Gänze die Kosten. Von

den heimischen Tischler- und Zimmermeistern Matthias

und Rupert Schörghofer wurden neue Kirchenbänke u.

a. m. gefertigt und durch Wilfried Brandl 1986 mit einer

Bankheizung versehen. Eine Marmortafel beim

Eingangsportal hält die Jahreszahlen bisheriger

Renovierungen seit dem 19. Jahrhundert fest: 1833,

1899, 1953, 1974.

Langhaus und Chor (Altarraum)

Schon in älteren Zeugnissen wird diese Kirche als „eine

der schönsten gothischen Kirchen im Kuchlthale"

gerühmt. 29

Prächtig im Raumeindruck ist das Vigauner Gotteshaus

eine dreischiffige, auf starken Rundpfeilern ruhende

Hallenkirche. Das breite Mittelschiff ist nur geringfügig

höher als die zwei schmalen Seitenschiffe. Hier besteht

eine enge Verwandschaft zwischen der Mutterpfarre

Kuchl und Vigaun:nur diese beiden Kirchen etwa aus

derselben Zeit der achziger Jahre des 15. Jahrhunderts

sind dreischiffige Anlagen mit den gleichen erweiterten

Chören und eingebauter Sakristei. Es sind im Tennengau

die beiden reifsten und vollkommensten Kirchenschöpfungen

jener Jahre.

Wenn wir unseren Blick nach oben richten, bemerken

wir im Mittelschiff das kunstvolle spätgotische

Rippenwerk, das am stumpfspitzbogigen Tonnengewölbe

angebracht ist, eingeschnitten von je vier spitzbogigen

Stichkappen. Durch die hallenartige Vereinigung von

Hauptchor und südlichem Seitenschiffchor ohne Stütze

kommt hier eine etwas unregelmäßige, aber überaus

interessante Häufung von Rauten im Netzgewölbe

zustande. Gerade diese Asymetrie in den beiden Altarräumen

wirkt besonders reizvoll. An den

Kreuzungspunkten der profilierten Rippen sind insgesamt

28 kleine bemalte Wappenschildchen angebrachten der

Mittellinie die Wappen des Erzstiftes Salzburg, des

Bistums Chiemsee und des Bischofs Christoph II. Schlattl

(1558-1589) von Chiemsee, des Stiftes St. Peter und des

Abtes (=ein T) Peter Benedikt Obergassser (1553-1577),

des Stiftes Nonnberg (= drei Kugeln) und der Äbtissin

Anna VII. von Paumann (1552-1571) mit einem weißen

Kreuz auf rotem Grund, ferner das der Salzburger

Dompropstei, dann drei Schilde mit den Monogrammen

124


WW, PW, SW (wohl Mitgliedern der Vigauner

Kirchenwirt-Familie Walder), weiters IS, WR, wobei es

sich um Hausmarken von Vigauner Bauern handeln

könnte. 30 Sie alle dürften finanzielle Mittel zur

Fertigstellung des Kirchenbaues, vor allem des Langhauses

bis zum Jahre 1559, bereitgestellt haben.

Um den kostspieligen Bau überhaupt weiterzuführen, ist

schon Erzbischof Leonhard von Keutschach (1495-1519)

der armen, rein bäuerlichen Landgemeinde zu Hilfe

gekommen. Sein Wappen - die bekannte Keutschacher

Rübe - ist im spätgotischen Netzgewölbe des Chores

(Altarraum) gut sichtbar angebracht. Da die Mittel nicht

reichten, wurde nur noch der südliche Seitenschiffchor

mit Steinrippenabschlüssen versehen, während auf das

Netzgewölbe in den Seitenschiffen verzichtet werden

mußte. Sie weisen nur ein einfaches Kreuzgewölbe auf.

Der Chor (Altarraum), im Jahre 1519 fertiggestellt, ist

gleich breit und hoch wie das Mittelschiff und hat einen

3/8 Schluß. Der Boden ist vom zweiten Joch an um zwei

Stufen erhöht. An der linken Seite befindet sich eine

schöne gotische Sakristeitür in spitzbogiger roter

Marmorrahmung. Das abgeschrägte Torgewände ist über

dem glatten Sockel durch zwei Rundstäbe und einem

Kantstab profiliert und dazwischen mit zwei Hohlkehlen

versehen. Die schwere Eichentür wurde mit

gehämmerten Eisenplatten verkleidet und trägt ein

gewaltiges Schloß.

Im rechten Seitenschiffchor sind hinter dem Altare noch

die beiden schmalen, jedoch zugemauerten Chorfenster

zu bemerken. Eines davon zeigt das einfache

Kleeblattmaßwerk des ursprünglichen Fensters. An den

Steinrippen des Gewölbeabschlußes sind vier Schildchen

mit den Zahlen 1. 5.19 (oder in Spiegelschrift 1516) zu

sehen; im vierten hat sich der bislang unbekannte Meister

mit seinem Steinmetzzeichen verewigt.

Grabplatten und merkwürdige Gesichter,

Taufstein und Kanzel

Wer den ersten Rundgang durch die Kirche absolviert

hat, den harmonischen Kirchenraum auf sich einwirken

ließ und sich nun wieder im Mittelgang einfindet, bemerkt

vor der ersten Stufe des Altarraumes im roten

marmornen Fußboden einige mit gotischen

Schriftzeichen versehene Platten:

Nach einer Ortsüberlieferung waren hier - im Altarraum

der alten Kirche, die bis zur heutigen Kanzel reichte - die

vier Lederer bestattet. Sie sollen den Kirchenneubau

veranlaßt haben. Infolge der Besiedelung des Rengerberges

vom 11. bis zum 13. Jahrhundert wäre die alte

Kirche zu klein geworden. So hätten sich - der Baulegende

nach - vier reiche Lederermeister,

Im Mittelschiff liegen die

Grabplatten von Lienhart Elich

und seiner Frau Katherina

(1480, links) und Jörg Sturm

(1519).

125


die am Gries (Ledererbachl) in Burgfried wohnten,

entschlossen, einen neuen Kirchenbau aufzuführen. Sie

wären aber mit den Mauern nur 13 Schuh (=etwa 4m)

hoch gekommen. Dann sei ihnen das Geld ausgegangen.

Der damalige Erzbischof Leonhard von Keutschach habe

daraufhin den Bau in die Hand genommen und ihn mit

finanzieller Hilfe der Klöster Nonnberg, St. Peter u. a.,

wie bereits angeführt, vollendet.

Im Fußboden der Kirche finden sich tatsächlich drei und

in der Totenkapelle einer der alten Lederer-Grabsteine

mit schönen Hausmarken im Schild: Urban Klingner

(gest. 152l) 31 , Lienhard Euch (1480) 32 , Jörg Sturm

(1519) 33 , und Lienhard Schiling (1506). 34 Letzterer findet

sich aufgestellt an einer Wand in der Totenkapelle.

Weitere Marmorplatten weisen auf Priestergrabsteine

1515, 1761 und 1779 u. a. hin. 35

Gewölbte Westempore

Zu den ältesten Bauteilen der heutigen Kirche - einzelne

Elemente stammen wahrscheinlich noch aus der Zeit des

Turmbaues um 1300 - ist die spätgotische Westempore

zu zählen. Sie umfaßte - nach der Erweiterung über das

Mittelstück hinaus - ursprünglich die Breite aller drei

Schiffe. In das südliche Seitenschiff wurde im 18.

Jahrhundert die „Arme Seelenkapelle" (heute: Totenkapelle)

eingebaut. Der Mittelteil der Empore öffnet sich

zum Hochaltar hin gegen Osten in einem großen

Halbkreisbogen. Er weist ein sehr schönes gotisches

Sterngewölbe mit birnförmig profilierten Rippen aus

rotem Marmor und runden Schlußsteinen auf. Die

Rippen schneiden erst kurz über dem Boden in halb-

Auch die Ehefrauen der Lederer sind auf den Grabplatten

angeführt; dies läßt den Schluß zu, daß auch sie in

Vigaun bestattet worden sind. Zwei der reichen Lederer

scheinen unverheiratet gewesen zu sein.

Der aufmerksame Betrachter wird an der

Emporebrüstung auf 4 Konsolenenden interessante

Männer- und auch Frauengesichter entdecken. Ein

weiteres Gesicht ist gut sichtbar, eingemauert im

Emporepfeiler am Aufgang zur Wendeltreppe. Schwerer

auffindbar ist das Gesicht an der Nordostecke des linken

Seitenschiffes (linker Seitenaltar). Als Träger des

halbrunden Postaments der Rippen entpuppt sich ein

skulpiertes bartloses Gesicht. Eine weitere ausdruckstarke

Gesichtsdarstellung dürfte erst im Zuge der letzten

Kirchenrenovierung 1974 wiederum zum Vorschein

gekommen sein: das große bärtige Gesicht befindet sich

im Altarraum, als Konsolenträger ganz oben am

Halbrundpfeiler neben der Sakristeitür. Von den

insgesamt 7 Kopf-Gesichtsdarstellungen wären demnach

vier den Lederer-Männern und drei den Frauen

zuzuordnen, wie auch den Grabsteinen zu entnehmen ist.

Aus der Zeit um 1500 stammt auch der schöne Taufstein

am linken Seitenaltar: aus rotem Marmor gefertigt weist

der Säulenfuß und auch das Becken schmal und breit

gedrehte Kannelüren auf. Die Kanzel aus rotem Adneter

Marmor wird von einer sechseckigen Säule getragen. Die

gute Steinmetzarbeit wurde im Jahre 1567 angefertigt

und der Kirche durch Erzbischof Johann Jakob von

Kuen-Belasy (1560-1586) zum Geschenk gemacht.

Deshalb trägt sie auch ein Relief mit dem vielfarbigen

Wappen des Spenders und die Inschrift: "Joannes

Jacobus Dei Gratia Archiepiscopus Ecclesiae

Saltzburgensis Apostolicae Sedis Legatus Anno Domini

MDLXVII". Die barocke Schallhaube darüber stammt

allerdings erst aus dem Jahre 1707.

Den angesetzten Treppenturm gibt es neben den

Vigauner Kirchen auch bei der Peterskapelle in Hallein.

126


unde Dienste ein. Gegenüber der geraden Steintreppe

findet sich der rundbogige Einlaß zur steinernen

Wendeltreppe auf die Empore und von dort durch ein

ebenso rundbogiges Türchen auf den Dachboden und in

den Turm. Gerade diese Treppe, eingebaut in einen

halbrunden Außenturm ist eine Eigenheit der beiden

Vigauner Kirchen. Das Türmchen ist an den Hauptturm

angebaut, mit Sockel, drei Luken, Hohlkehlgesims und

halbrundem Schindelkegeldach versehen. Einen ganz

ähnlichen Treppenturm finden wir auch in der St.

Margarethen Kirche, ansonsten im Salzburgischen nur

noch beim alten Peterskirchlein in Hallein (neben der

Stadtpfarrkirche), die dem Alter nach den Vigauner

Türmchen ein Vorbild gewesen sein könnte. Im

benachbarten Bayern besitzt einzig die Kirche in Asten

bei Tittmoning eine solche platzsparende Vorrichtung. 36

Barockisierung im 17./18. Jahrhundert

Nach unserem ersten Rundgang durch die Spätgotik der

Pfarrkirche setzen wir im Barock fort. Ende des 17.

Jahrhunderts kam die unvermeidliche Barockisierung fast

aller Kirchen. Damals hatten die Menschen ihren

„Geschmack" an der Gotik verloren. Es mußte so gut wie

alles „modernisiert" werden. Als erste büßten die Fenster

ihre gotische Form ein, wurden z. T. zugemauert und mit

Farbglas versehen. Die dadurch eher düster wirkende

Vigauner Kirche wurde erst 1867/1872 wiederum

regotisiert, damit mehr Licht und Helle ins Kircheninnere

strömen konnte. Vollends gelungen ist dies erst durch die

neuen Thermoscheiben der Firma Eßl aus Salzburg im

Jahre 197l. 37 Nach den Fenstern wurden die Altäre

barockisiert. So kam es dann nach und nach zur

Anschaffung der heutigen Ausstattung des Gotteshauses.

Wie in St. Margarethen waren hier vor allem Mitglieder

von Halleiner Künstlerfamilien beschäftigt, die sich auch

in den Kirchen von Oberalm, Puch, Kuchl, Golling u. a.

hervorgetan hatten. 38

Der Hochaltar

Im Jahre 1635 wurde mit einem neuen Aufbau

begonnen. 39 Der heutige, überaus glücklich restaurierte

Barockaltar vom Portaltypus mit reichem Aufbau und

Zierwerk stammt aus dem Jahre 1675 und ist das Werk

des Halleiner Kunsttischlers Lorenz Lasacher. Auf drei

Stufen steht ein hölzerner Altartisch. Darauf befindet sich

ein sehr großer, ganz vergoldeter Tabernakel aus dem

Jahre 1690 vom Kuchler Tischler Hanns Pfister, ein

Kuppelbau mit vier gewundenen Säulchen und

Traubengehänge; auf den Seitenpostamenten zwei

anbetende Engel; oben darauf das Lamm Gottes auf

einem Buche.

Im Hauptteil sehen wir ein großes rechteckiges Altarbild.

Es stellt die Kreuzigung Christi, die Schacher, Maria,

Maria Magdalena, Johannes und einige Krieger dar. Das

Aufsatzbild zeigt Gottvater mit der Taube, umgeben von

Engeln. Beide Gemälde sind mittelgute Arbeiten des

Halleiner Malers Ferdinand Mayrhofer aus dem Jahre

1675. 40

Neben den Säulen des Altaraufbaues stehen die

lebensgroßen Statuen der Kirchenpatrone: links der Hl.

Dionysius mit dem Attribut seines abgeschlagenen

Hauptes (hier also mit zwei Köpfen) und rechts der Hl.

Blasius mit gedrehter Wachskerze. Darüber die Statuen:

Hl. Martin mit dem Bettler und rechts der Hl. Franz von

Assisi. Sie stammen aus der Meisterhand des

Berchtesgadener Bildhauers Franz Kheimhofer (1675). 41

Im Altarraum finden sich noch folgende Statuen aus der

Barockzeit: links auf einer Holzkonsole eine Pieta-

Gruppe (um 1700), Mutter Gottes mit dem Kind (um

1638), der Schmerzensmann und die Statue der

Schmerzhaften Mutter Gottes, einer Arbeit des Halleiners

Johann Georg Mohr um 1700.

127


Ein interessantes Bild aus 1750 findet sich direkt über

der Sakristeitür: Es zeigt die Hl. Dreifaltigkeit. Vor ihr

knien vier Mitglieder einer Bruderschaft in gelben

Habiten. Hier handelt es sich um das Bruderschaftsbild

jener Vigauner Vereinigung, die sich im Jahre 1724 als

„Bruderschaft zur Verehrung der Allerheiligsten

Dreifaltigkeit" zusammengeschlossen hatte. Die „Dreifaltigkeitsbruderschaft"

beging ihr Hauptfest am ersten

Sonntag nach Pfingsten, dem Dreifaltigkeits-sonntag, an

dem bis heute alljährlich ein Hochamt mit anschließender

Prozession stattfindet.

Der rechte Seitenaltar

Dieser pseudogotische und filigran gearbeitete Altar zu

Ehren der Hl. Familie wurde erst im Jahre 1906

aufgestellt und ist in künstlerischer Hinsicht eher wertlos.

Der Altaraufbau stammt von Vinzents Pezzei, die Statuen

der Hll. Florian und Sebastian vom Südtiroler Bildhauer

Tabella.

Früher stand hier der barocke St. Josefs-Altar aus dem

Jahre 1706. Er wurde zunächst der St. Petrus Claver-

Sodalität in Salzburg überlassen und kam später an die

St. Josefs Missionsanstalt nach Brixen/Südtirol. Bis ins

16. Jahrhundert hinein könnte an dieser Stelle - wie

schon erwähnt - der spätgotische Vigauner Flügelaltar

gestanden haben, der im Jahre 1874 an das Salzburger

Museum Carolino Augusteum übergeben worden ist.

Der linke Seitenaltar

Dieser Altar hat bereits eine bewegte Geschichte hinter

sich und birgt schon seit langem eine kunstgeschichtliche

Kostbarkeit aus dem Jahre 1597. Das Altarbild ist

signiert: "Georg Behem Monacensis 1597". Es handelt

sich hier um jenen Georg Beham (Böhm) aus München,

einen Schüler des Melchior Bocksberger, der im Jahre

1593 sein Probestück machte und zum Hofmaler

ernannt wurde, aber bereits 1604 verstorben ist. Beham

arbeitete auch für die Bürgerspitalskirche St. Blasius in

Salzburg. Das Tafelbild in Vigaun ist das einzige signierte

Ölgemälde des seltenen Münchner Meisters. 42

Das Bild (177x134, 5cm) zeigt in heller Farbe die Taufe

Christi. Im Mittelgrund fallen, unter teils in türkischer

Tracht gekleidete Personen, drei auf, die in

zeitgenössischer Kleidung erscheinen und aus dem Bild

den Betrachter fixieren. In ihnen werden Mitglieder der

Trompeterfamilie Schroffenauer vermutet, weil einer von

ihnen eine Tuba unter dem Arm trägt. Andererseits läßt

der rötliche Bart auch auf eine Zugehörigkeit

zur Familie der Raitenauer schließen, aus der Erzbischof

Wolf Dietrich stammte.

Dieses Bild war nie das Hochaltarbild in Vigaun, wie

verschiedentlich behauptet worden ist. Auch stand es

nicht in der St. Margarethenkirche, wie uns das

Visitationsprotokoll vom Jahre 1613 erweist. 43 Das

berühmte Taufbild von Georg Beham kam erst während

des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) etwa um

1640/43 nach Vigaun und wurde am linken Seitenaltar

aufgestellt, sodaß aus diesem ehemaligen „Kreuzaltar"

später der St. Johannes Altar wurde. In den Jahren

1688/1693 und endgültig 1701 wurde dieser Altar

wegen Baufälligkeit gründlich saniert. Sein heutiges

Aussehen erhielt er erst durch einen neuen marmorierten

Holztabernakel im Jahre 1732 und durch Arbeiten des

Kuchler Tischlers Johann Pfister. 44

Im Jahre 1876 wurde das berühmte Taufbild wiederum

aus dem Altar genommen und durch ein Gemälde von

Anton Eggl ersetzt. Dieses neue Altarbild stellte Christus

als Richter dar. Das Beham-Bild ist sodann mit zwei

anderen doppelseitig bemalten hölzernen Tafelbildern zu

einer Art Flügelaltarkonstruktion vereint und im Jahre

1912 an der Südwand des rechten Seitenschiffes angebracht

worden. 45 Dort blieben sie bis zur

Kirchenrenovierung 1953. Dann kehrte das Beham-Bild

wieder an seinen angestammten Platz zurück, während

die beiden Seitenflügel nun an der Wand des nördichen

Seitenschiffes befestigt wurden. Diese Holztafeln vom

Ende des 16. Jahrhunderts zeigen die Kreuzabnahme

und Grablegung Christi. Heute befindet sich an der

Südwand des rechten Seitenschiffes ein mächtiges Kreuz

mit den Figuren Maria und Johannes, Arbeiten aus dem

Jahre 1682. Dieses „Hängekreuz" war bis 1953 am

Gewölbe zwischen Langhaus und Altarraum

(Triumpfbogen) befestigt; darunter war im Rosenkranz

jene Madonnenstatue angebracht, die heute die

Emporewand ziert.

Im linken Seitenschiff befindet sich in einer Wandnische

noch ein weiteres Altärchen mit den bekleideten, mit

Naturhaar ausgestatteten Holzfiguren der Madonna mit

dem Kinde (späte Arbeiten des 18. Jahrhunderts).

An der Emporebrüstung das Bruderschaftskreuz (oben

Gottvater und die Taube), das im Jahre 1725 durch

Simon Fries aus Salzburg schön gearbeitet worden ist.

Die Kreuzweg-Tafeln wurden im Jahre 1900 durch

Johann Baptist Schmalzl aus St. Ulrich im

Grödnertal/Südtirol geschnitzt. 46

128


Die „Werktagsseite" (im zugeklappten Zustand) der beiden ursprünglich sicherlich zu einem Flügelaltar gehörenden

Holztafeln, die jetzt an der Wand des nördlichen Seitenschiffs der Pfarrkirche hängen: der hl. Martin (links) und der

hl. Franz uon Assisi, wie er die Wundmale des Herrn empfängt.

129


Kirchenäußeres

Ein Gang um die Kirche läßt uns noch die Spuren der

Fensterumbauten und das im Jahre 1701 zugemauerte

Nordportal erkennen. Die auffallend vielen Vertiefungen

in der Mauer sind sogenannte „Tramlöcher". Sie dienten

bei Ausbesserungsarbeiten u. a. zur Aufstellung der

Holzgerüste und zur „Atmung des Gesteins". Das

Gotteshaus, aus unverputzten Konglomeratquadern

erbaut, hat einen umlaufenden, oben abgeschrägten

Sockel und ein gotisches Hohlkehlgesimse. Auch im

Äußeren wirkt diese Kirche anziehend und interessant.

Ihre Mauern werden von 14, dreimal abgestuften und mit

Marmorplatten 47 abgedeckten Strebepfeilern gestützt, die

den Druck der Gewölbe abfangen.

Das Baumaterial für die beiden Vigauner Kirchen wurde

in der näheren Umgebung - aus der Taugl und dem

Tauglwald - bezogen. Marmor kam aus der

Nachbargemeinde Adnet. Für die Konglomeratquadern

aus „St. Margarethener Nagelfluh" gab es einen

Steinbruch in der Nähe des „Bruderloches" in St.

Margarethen und entlang des Adneter Riedls vermutlich

eine Aushubstelle im Bereich des heutigen Restaurants

Kellerbauer. 48

Vom südlichen Haupteingang des Friedhofes gewinnt

man einen schönen Blick auf die alte Sonnenuhr aus

dem Jahre 1765 (renoviert 1983), das große Holzkruzifix

im dritten Jochfeld und auf den Hl. Dionysius im

Tympanon des Eingangsportals.

Der Kirchturm

Der „schiefe Turm von Vigaun" war lange Zeit ein

Kuriosum im Tennengau. Erst im Jahre 1935 konnte

dieser gefährliche Mangel endgültig behoben werden

(Jahreszahl am Turmhelm).

In der Tat hat dieser Kirchturm eine bewegte Geschichte.

In seiner massiven Bauweise hat er aber alle Stürme der

Zeit überstanden. Er ist der älteste Teil der Kirchenanlage

und dürfte in seinen Fundamenten noch aus dem

späteren 13. oder frühen 14. Jahrhundert stammen 49

und mit der alten nur einschiffigen Kirche eine

harmonische Einheit gebildet haben.

Die Marmornische im Presbyterium der Pfarrkirche links,

die bis ins 17. Jahrhundert als Wandtabernakel

(Sakramentshäuschen) gedient haben dürfte. Das

Rauchabzugsloch ist ein Hinweis, daß sie dann als Ewig-

Licht-Nische verwendet wurde.

Ursprünglich war das Erdturmgeschoß dreiseitig geöffnet,

sodaß der Turm auf mächtigen Eckpfeilern ruht. Hier

sieht man noch das schöne gotische Sterngewölbe mit

den heute freigelegten Marmorrippen. Der Nordeinlaß ist

vermauert; darin eingebaut wurde eine barocke Pieta-

Gruppe mit dem alten Kriegerdenkmal. Die neue

Gedenkstätte befindet sich seit 1953 am Dorfplatz mit

einer Figurengruppe des berühmten Halleiner Künstlers

Jakob Adlhart.

Das Problem des „schiefen Turms"

Die größten Probleme hatte der Vigauner Kirchturm mit

seinem gotischen Pyramidenhelm. Im Jahre 1789 war

dieser bereits so schadhaft, daß er sich zum erstenmal

neigte und bei Sturmgewittern gefährlich „ächzte".

Damals meinte man, man müsse den Helm ganz

abtragen, weil er in seiner Auflage im Gemäuer zu wenig

verankert wäre. „Das arme Vikariat" könne sich aber die

Kosten dafür nicht leisten , meinten der Pfleger von

Golling und der Pfarrer von Kuchl. 50 Da der Turmhelm

am Gemäuer zu geringen Halt hatte und in der Mitte um

3 Schuh (=ca Im) bereits gebogen war, wurde

angeordnet, sofort den Helm bis zu diesem „Knick"

abzutragen. 51

130


Mit der Arbeit wurde der Halleiner Zimmermeister Josef

Schöndorfer (Schendorfer) beauftragt, der auch ein

kostengünstiges Anbot erstellt hatte: Der Turmhelm sollte

um 12 Schuh (=ca 4m) gekürzt und ab der Mitte mit

einer Blindlaterne und Spitze versehen werden. Eine

andere Variante sah statt der Spitze eine barocke

Zwiebelkonstruktion vor. 52

Nach einem Lokalaugenschein durch den Salzburger

Hofbauverwalter Wolfgang Hagenauer entstanden

langwierige Streitverhandlungen, da Hagenauer

seinerseits einen Neubau des ganzen Spitzhelmes

vorschlug und dafür seinen Rißplan vorlegte.

Darüberhinaus unterbot er mit seinem neuen Anbot den

Kostenvoranschlag Schöndorfers. 53 Der Streit währte

über ein Jahr, während der Turmhelm bis zur Mitte

bereits abgetragen und nur notdürftig abgedeckt worden

war. Schlußendlich entschied am 15. September 1790

das Salzburger erzbischöfliche

Konsistorium: Josef Schöndorfer solle den Turmhelm,

versehen mit einer Blindlaterne und Spitz - wie es seine

Rißzeichnung im April 1789 zeigt - aufführen.

Ob Zimmermeister Josef Schöndorfer dann diesen Plan

auch tatsächlich zur Ausführung brachte, ist aus den

Akten leider nicht mehr ersichtlich. Und wenn er dem

Konsistorialbefehl Folge leistete, dann hatte diese

interessante und ansehnliche Kirchturmkonstruktion nur

12 Jahre Bestand.

Am 11. Juli 1802 um 20.45 Uhr fuhr ein mächtiger

Blitz in die Wetterfahne des Turmspitzes, sprang auf die

Zifferblätter der Uhr über und von dort zurück in das

Orgelgehäuse im Kirchenraum. Der Schaden an der

Orgel war beträchtlich. Eine neue Mauracher-Orgel

konnte sich die Pfarre erst 1865 leisten (letzte

Restauration 1980). Einen ebenso großen Schaden

richtete der Luftdruck des gewaltigen Donnerschlages an:

131


es auch, die Vigauner von der Notwendigkeit zu

überzeugen, am Turm einen Blitzableiter anzubringen.

Sie wollten aber auch Kreuz und Kugel vergolden lassen.

Es wurde ihnen aber nur die Verwendung einer gelben

Farbe gestattet.

Es dauerte nicht lange, da begann sich der Turmhelm

abermals zu neigen. Im Jahre 1833 wurde er durch

Einzug neuen Gebälks im Innern verspreizt.

Auch diese Konstruktion hielt nicht lange. Sie war nur

durch sogenannte „Klampfen" (geschmiedete

Eisenklammern) befestigt. Alsbald begann sich der

Turmhelm neuerlich gefährlich zu neigen. Da entschloß

sich Pfarrer Max Ringlschwendtner und die Gemeinde zu

einer Radikalsanierung. Der Pyramidenspitz wurde zur

Gänze abgetragen und im Jahre 1935 ein neuer aufgesetzt.

Die Arbeiten dauerten nur vom 15. bis 20. Juli und

wurden durch den Zimmermeister Josef Neureiter aus

Kuchl und dem Baupolier Anton Wellinger aus Golling

ausgeführt. 55 Der neue Pyramidenspitz ist um 5m kürzer

als sein „schiefer Vorgänger" und gibt der ganzen

Kirchenanlage eine bessere Optik.

Vielleicht trug der Vigauner Kirchturm zwischen 1789 bis

1802 einen Turmhelm in einer dieser Formen? Die

Skizzen eines Laternenaufsatzes oder eines Zwiebelturms

stammen vom Halleiner Tischlermeister Schöndorfer.

Er deckte die Holzschindeln am Turmhelm vollständig ab

und riß vermutlich die Laternenkonstruktion aus ihrer

Verankerung, sodaß sie zu Boden stürzte. 54

Nun war man wieder soweit wie im Jahre 1789. Auf den

noch unbeschädigten halben Turmhelm wurde der Spitz

in der früheren Höhe von 72 Schuh (=ca 23m)

aufgesetzt. So bekam der Vigauner Kirchturm nun wieder

sein unproportioniertes Aussehen mit der zu langen

Pyramidenspitze. Im Jahre 1803 gelang

Der neue Vigauner Turmhelm im Juli 1935.

132


Die Glockenweihe durch Weihbischof Johannes Filzer 1927.

Die Glocken

Der Kirchturm beherbergt eine der ältesten Glocken des

Bundeslandes Salzburg. Seit nahezu 500 Jahren kündet

die große Glocke den Vigaunern Freud und Leid. Ihre

Tragringe haben gegossene bärtige Masken. Sie ist mit

der Jahreszahl 1500 und einer Umschrift in gotischen

Minuskeln verziert: omnes sancti intercedite pro

nobis+iesvs+maria+hans reicher. „Alle Heiligen bittet für

uns"; Hans Reicher hat der Glocke ein Gewicht von

1.232 kg und einen Durchmesser von 1,18 m gegeben.

Ihr schöner Klang (Ton G) - so erzählt eine hübsche

Ortssage - soll einst den Neid der umliegenden

Gemeinden und vorallem einiger geistlicher Herren in

Salzburg erregt haben: der erzbischöfliche Hof habe die

große Glocke in die Residenzstadt bringen wollen. Aber

vier Pferde konnten sie

nicht über „Langwies" hinausziehen. Ein Vigauner Bauer

führte sie dann mit seinem kleinen Öchslein ohne

Anstrengung und im Triumphe wieder ins Dorf zurück. 56

Aus Dankbarkeit hätten die Vigauner dann die

Langwieser-Kapelle errichtet, in welcher die obige

Begebenheit bildlich dargestellt gewesen sein soll. 57

Die Glocken in den Weltkriegen

Einzig die große Vigauner Glocke hat alle Stürme

überlebt, wäre aber beinahe durch einen unverzeihlichen

Irrtum eingeschmolzen worden.

Am 2 2. Juli 1916 mußten zwei Glocken der Pfarrkirche

und eine von St. Margarethen von den Türmen

genommen, nach Kuchl

133


geführt und dem Militär übergeben werden. Die zwei

größten Glocken wurden ihres hohen Alters wegen(

gegossen um 1500) noch verschont. Die mittlere aus

dem Jahre 1503 bekam 1918 einen Sprung und wurde

umgegossen. Neue Glocken kamen erst 10 Jahre später:

am Ostermontag, dem 18. April 1927 wurden sie durch

den Salzburger Weihbischof Johannes Filzer geweiht:

Marienglocke (500 kg), Dionysius und Blasius (300 kg)

und die Josephsglocke (200 kg). 58

Diese Glocken ereilte im Zweiten Weltkrieg das Schicksal

ihrer Vorgänger. Am 23. Jänner 1942 wurden drei vom

Kirchturm genommen und in Brixlegg/Tirol

eingeschmolzen. Nur die große Glocke und ein St.

Margerethener Glöcklein aus dem Jahre 1666 durften

zunächst verbleiben.

Dann hätte beinahe auch die altehrwürdige Vigauner

Glocke das Schicksal ihrer Schwestern ereilt. Über 400

Jahre hing sie bis dahin im Glockenstuhl. Nun wäre sie

fast dem Übereifer einer Behörde zum Opfer gefallen:

Am 10. Juli 1942 mußte die Große vom Turm

genommen werden. Zum ersten Mal verließ sie so ihren

hohen Sitz und kam nach Salzburg. Nach Protest und

Interventionen wurde der Irrtum aufgeklärt. Am 18. September

kam die Glocke wieder nach Vigaun zurück und

wurde noch am selben Tag zu ihrem angestammten

Platze aufgezogen. 59

Glockenweihe 1950

Das neue Geläute stellte die Wiener Glockengießerei

Josef Pfunder her. Am Pfingstmontag, dem 29. Mai,

fand durch den Salzburger Domdechant Etter die

feierliche Weihe statt; die zweitgrößte Glocke (549 kg) ist

wie ihre Vorgängerin der Mutter Gottes gewidmet mit

der Inschrift: Ave Maria gratia plena dominus tecum.

Nach uraltem Brauch wurde der Glocke bei der Weihe

auch eine Patin gegeben: Anna Hagn. St. Floriane et

Sebastiane orate pro nobis lautet die Umschrift auf der

zweiten Glocke mit 370 kg; Patin war Maria Steiner.

Schließlich ist das kleinste Glöcklein (213 kg) dem Hl.

Joseph geweiht: Sancte Joseph adjuva morientes.

Johanna Widl fungierte als Patin. 60 Im Jahre 1964

konnte das schöne Geläute zusammen mit der Turmuhr

elektrifiziert werden.

Die große Glocke der Pfarrkirche von Vigaun ist eine der

ältesten im ganzen Land. Die lateinische Umschrift: „Alle

Heiligen, verbürgt euch für uns. Jesus. Maria. Hans

Reicher 1500".

134


St. Margarethen

Die Vigauner Pfarrkirche hat in unmittelbarer Nähe eine

in künstlerischer Hinsicht überaus reizvolle Filialkirche.

Der Bau dieses Gotteshauses erklärt sich nicht nur aus

edlem Spendergeist; er wird vor allem durch die religiöse

Zugkraft der hochverehrten Bauernpatronin, der Hl.

Margareta verständlich.

In der religiösen Vorstellungswelt des Spätmittelalters

wurden Kirchen nicht als Selbstzweck errichtet; auch

vermachte man Schenkungen nicht etwa dem Gebäude

eines Gotteshauses, sondern immer zu Ehren des

Kirchenpatrons und zur Verschönerung seines

Heiligtums. Damals signierten Künstler noch nicht ihre

Werke, sie schufen zur Ehre Gottes und frommen

Erbauung der Menschen. So finden wir in der mit

Marmor so reich ausgestatteten St. Margarethen Kirche

kein einziges Steinmetzzeichen (nur eine kleine Rose und

ein zierliches Gesicht im Blütenkranz entdeckte man im

Zuge der Restaurierung 1976 am ehemals vermauerten

Südportal, heute Sakristeitür innen).

Gleich wie in der Vigauner Pfarrkirche ist in St.

Margarethen über dem Eingangsportal ein berühmtes

gotisches Tympanonrelief aus weiß-rot gesprenkeltem

Adneter Marmor, polychromiert mit zarten Farben. Das

schöne Hochrelief stellt die Hl. Margareta mit Krone dar,

zu ihren Füßen ein Drache. So wie Margareta aus dem

Griechischen übersetzt „die Perle" bedeutet, so ist die St.

Margarethen Kirche in der Tat ein Schmuckstück unter

den Tennengauer Gotteshäusern. Urkundlich erstmals im

Jahre 1444 erwähnt 61 wird dieser Ortsteil heute nach ihr

benannt. Früher hieß er Baumhofen und in der

Anfangszeit seit 1437 Pabenhofen. 62

Die Hl. Margareta: Geschichte und Legende

Der Legende nach wurde Margareta von ihrem

heidnischen Vater verstoßen, in der Diokletianischen

Christenverfolgung um das Jahr 307 wegen ihrer Treue

zum Glauben und zur Jungfräulichkeit schrecklich

gemartert und schließlich enthauptet. Deshalb wird sie

zumeist dargestellt als Siegerin über einen Drachen

(=Teufel) mit einem Kranz in der Hand. Die Krone auf

ihrem Haupte ist das Symbol des Sieges. Ihrem Namen -

„die Perle" - entsprechend wird sie oft auch mit einem

Perlenkranz dargestellt, bisweilen auch mit einer Fackel

und einem Kamm, den Werkzeugen ihres Märtyrertodes.

Margareta, Patronin der Bauern

Margareta zählt zu den hochverehrtesten der 14

Nothelfer. Ihr Fest ist bei uns am 20. Juli, während sie

im Orient als Hl. Marina am 17. Juli gefeiert wird. Der

20. Juli war früher ein wichtiger bäuerlicher Lostag:Nach

altdeutschem Recht mußte an ihrem Festtag der

bäuerliche Pachtzins gezahlt werden. Der Margaretentag

war aber auch ein wichtiger Wetterstichtag:

„Margaretenregen kann erst nach einem Monat sich

legen", heißt eine alte Bauernregel. Margareta gilt seit

dem Mittelalter als die eigentliche Patronin des

„Nährstandes", d. h. der Bauern und wird als

Kulturpatronin für die Fruchtbarkeit der Felder verehrt.

Sie sollte alles „böse und schädigende Ungeziffer", d. h.

vorallem den Befall der Felder durch Engerlinge

verhindern.

Engerlinge sind die weißlichen Larven des Maikäfers, die

durch Abbeißen der Wurzeln die Planzen zum Absterben

bringen und daher äußerst schädlich wirken. Früher

rückte man ihnen durch reichliche Bewässerung zu

Leibe. Man bekämpfte sie aber auch dadurch, daß man

die Felder zur Mittagszeit, wenn diese Schädlinge an die

Oberfläche kamen, mit breiten Vorrichtungen walzte.

Die Heilige Margareta von Antiochien in Pisidien

(westlich von Konia in der Türkei) wurde im Orient schon

früh als eine sogenannte Megalomartyrin, als eine

Großmärtyrerin verehrt. Um Margareta oder auch

Margarita genannt, die im Orient den wohlkingenden

Namen Marina hat, bildete sich im Laufe der Zeit ein

ganzer Kranz von Legenden. Im Abendland verbreitete

sich ihre Verehrung seit dem 7. Jahrhundert. Im

späteren Mittelalter wurde sie zu einer der

volkstümlichsten heiligen Frauengestalten: „Barbara mit

dem Turm, Margareta mit dem Wurm und St. Katharina

mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl" wurde zu

einem Volksspruch, mit dessen Hilfe man diese

Frauengestalten und ihre Heiligenattribute leicht im

Gedächtnis behalten konnte.

Margareta ist auch die Nothelferin der unfruchtbaren

Ehefrauen, der Gebärenden, der Jungfrauen. Bei

schweren Verletzungen und entstellenden

Gesichtskrankheiten vertraute man auf die

Fürsprachekraft der Heiligen. 63 Wurden in der Vigauner

Kirche die männlichen Schutzheiligen des bäuerlichen

Gemeinwohls verehrt, so war St. Margarethen gleichsam

die frauliche Ergänzung: Es war das Heiligtum der

weiblichen Nothelfer des Bauernstandes.

Der Zulauf zur St. Margarethenkirche aus nah und fern

muß immer so groß gewesen sein, daß man eigens eine

marmorne Predigtkanzel unter das schützende Vordach

der Kirche baute. Auf seiner erhöhten Hanglage war das

schmucke Kirchlein schon von Weitem sichtbar und lud

zur besinnlichen Einkehr. Es barg bis ins 17. Jahr-

135


hundert 64 eine der ältesten Kalksteinstatuen Salzburgs:

Die um 1400 entstandene Statue der Hl. Margareta.

Schon damals dürfte sie bereits ein Torso gewesen sein,

später in Verwahrung genommen, wurde sie schließlich

im Jahre 1930 vom Lande Salzburg angekauft. In

kunstgeschichtlicher Hinsicht wird sie folgendermaßen

beschrieben: „62 cm hoch; der Kopf fehlt, auch die

rechte Hand ist abgebrochen. In der linken Hand hält sie

ein geschlossenes Gebetbuch, zu ihren Füßen liegt der

kleine Drache, dessen Kopf abgebrochen ist. Starke S-

Krümmung, schwache Spuren von Bemalung. Die

Rückenpartie ist vollkommen durchgearbeitet, interessant

die Stilisierung des Haares. Gute Arbeit des 14.

Jahrhunderts..." 65 Die Kunsthistorikerin Roswitha

Juffinger meint dagegen, daß die Figur etwas später um

1400 entstanden ist. 66

aufbringen können. Es ist wahrscheinlich die erste Kirche

an dieser Stelle, einfach in ihrem Äußeren, aber ganz

einheitlich im gotischen Stile, würdig der im Mittelalter

und in der Barockzeit hochverehrten Bauernpatronin,

der Hl. Margareta. Die wenigen neugotischen Zutaten

wie etwa das Emporefenster mit Rosette aus dem Jahre

1909 u. a. fallen dabei nicht besonders ins Gewicht.

Nach einer Legende soll das Kirchlein von einer reichen

Weißwarenhändlerswitwe aus Hallein erbaut worden

sein. Sie hätte den Kirchenbau „verlobt", nachdem ihr

Schiff, das mit einer wichtigen Fracht beladen war, aus

dem Orient glücklich den Hafen Venedig erreichte. 68

Und in der Tat wurde bei diesem Kirchenbau mit teurem

Marmor, der Dank einer geglückten Restaurierung 1977

wieder frei gelegt werden konnte, nicht gespart.

Die St. Margarethen Kirche

Das Gotteshaus hatte das besondere Glück, noch vor

dem allgemeinen Kirchenbauboom 67 zu Ende des 15.

Jahrhunderts errichtet worden zu sein. So dürfen wir

annehmen, daß hierher beträchtliche finanzielle Mittel

geflossen sein müssen, die eine arme Landgemeinde wie

Vigaun zur damaligen Zeit nicht hätte

Kirchenäußeres

Die schöne einschiffige gotische Kirche vom Anfang des

15. Jahrhunderts mit den dreimal abgestuften und in

unterschiedlichen Abständen gesetzten Strebepfeilern ist

ganz aus Konglomeratquadern erbaut. Das Langhaus

vermittelt einen einheitlichen Gesamteindruck.

Der Grundriß der Filialkirche

zur hl. Margaretha in

St. Margarethen bei Vigaun

136


Die „Vigauner Margarethe" ist eine

Steingußstatue. Sie ist ca. 62cm

hoch, die rechte Hand ist wie der

Kopf des zu ihren Füßen liegenden

Drachens abgeschlagen, der Kopf

fehlt. Anläßlich des Jubiläums „500

Jahre Pfarrkirche Vigaun" im Jahre

1988 ließ die Gemeinde einen Abguß

der Statue herstellen, die heute der

Salzburger Residenzgalerie gehört.

Die Kopie soll in der Kirche von St.

Margarethen aufgestellt werden - wo

sich das Original ursprünglich

befunden haben wird.

137


Der niedrige Anbau mit drei Stützpfeilern und

Schindelpultdach an der Nordseite diente als Sakristei.

An der Südseite wurde im Jahre 1909 die heutige

Sakristei angebaut. Das ehemals an dieser Stelle

vermauerte, schön gearbeitete Marmorsüdportal findet

heute als Sakristeitür Verwendung. Daneben befindet

sich ein Charakteristikum der Vigauner Kirchen: das

angebaute Stiegenhaus in der Form eines halbrunden

Türmchens mit Sockel, gekehltem Gesimse und halbem

Schindelkegeldach. 69 Innen führt eine Wendeltreppe aus

Marmorstufen zur Empore, zur Orgel und zum kleinen

Dachreiterturm.

Vorhalle und Kanzel

Wegen der vielen Wallfahrer und Kirchenbesucher hat

sich das Gotteshaus an den kirchlichen Hochfesten und

besonders an den „von der gesammten Pfarre Kuchl

verlobten drei Engerlingfeiertagen " immer als zu klein

erwiesen. Deshalb wurde in der ganzen Breite der

Westfront ein auf vier Holzsäulen ruhendes Schutzdach

mit tonnenförmigem Brettergewölbe und einfacher

ornamentaler Malerei verziert, errichtet. Die Vorhalle in

dieser Form wurde erstmals zu Ende des 17.

Jahrhunderts aufgestellt. Die „Engerlingfeiertage":

Georgs-Heinrich- und Margaretentag = 23. April, 15.

(nun 13. Juli) und 20. Juli wurden schon seit

„urdenklichen Zeiten" besonders festlich begangen, wie

der Vigauner Vikar Josef Scheiblprandtner im Jahre

1726 berichtet: Kreuzvölker, d. h. Pilgergruppen aus der

ganzen Kuchler Pfarr würden insbesondere am St.

Margareten Tag (=20. Juli) kommen, „wo das Frühamt

der Geistliche von Adnet, das Hochamt der von Kuchl

und die Predigt der von Vigaun halten muß". 70 An den

erwähnten Engerlingtagen fand die Predigt vor der

Kirche statt. Dazu diente die angebaute Kanzel aus rotem

Adneter Marmor 71 in der Vorhalle, die von den

Kreuztrachten aus Vigaun, Kuchl, Adnet und St.

Koloman im Jahre 1679 erwünscht und hernach

aufgestellt wurde.

Das gotische Portal

In der Mitte des offenen Vordaches kann man das

überaus beeindruckende, aus der Mitte des 15.

Jahrhunderts stammende, spitzbogig gotische Portal aus

rotem, weißgesprenkeltem Adneter Marmor bestaunen:

das abgeschrägte Gewände ist über dem glatten, oben

gekehltem Sockel profiliert. Es weist drei starke, in

Stufen gestellte Stäbe auf, dazwischen befinden sich drei

Hohlkehlen. Der Türausschnitt schließt mit der

eigenartigen Lösung eines flachen Kleeblattbogens mit

beiderseits je einer Volute. Darüber befindet sich ein

gerader Fries mit einer krautigen

Wellenranke in flachem Relief und einem Zinnenband.

Im kunstvollen Tympanon erkennen wir das bereits

eingangs beschriebene, schöne Hochrelief mit der Hl.

Margareta.

Kircheninneres

Über dem alten Fußboden aus roten Marmorplatten

öffnet sich dem Eintretenden der Blick auf das

einschiffige Langhaus und den um zwei Stufen erhöhten

Chor (Altarraum). Das Kirchlein ist gut proportioniert

20,5 m lang, 8,5 m breit und 12m hoch. Der

einheitliche, hohe und helle Raum hat eine gotische

Wandgliederung. Den inneren Strebepfeilern sind runde

Dienste mit vorspringenden Sockeln und einfachen

Ringkapitälen vorgestellt. Auf ihnen ruhen die beiderseits

gekehlten marmornen Rippen des schönen

Sterngewölbes auf. Sie werden durch runde Schlußsteine

abgeschlossen. Darauf wurden die Jahreszahlen der

Kirchenrenovierungen aufgemalt: 1597, 1643, 1671,

1804, 1909. Der heutige stilvolle Gesamteindruck wurde

durch den Spendeneifer der Bevölkerung bei der letzten

Kirchenrenovierung unter Pfarrer Franz Brunauer

1976/1977 erzielt. Wie bei der Pfarrkirche waren auch

hier die heimischen Handwerksbetriebe Rupert

Schörghofer, der St. Margarethener Zimmermeister

Johann Frank und zahlreiche Helfer bei der Sanierung

und Restaurierung tätig.

Aus gotischer Zeit stammt auch der schöne Weihwasserstein

aus gesprenkeltem Adneter Marmor: ein

zehnseitiges kanneliertes Becken auf einer kurzen

ebenfalls zehnseitig kannelierten Säule.

Barockisierung der Kirche

Salzburgs berühmtester Barockfürst, Erzbischof Wolf

Dietrich (1587-1612, gest. 1617), nahm sich des bereits

zu verfallen drohenden Kirchleins an und ließ es im Jahre

1597 renovieren. Rechts vom Altare steht ein ovaler

Holzschild mit seinem Wappen und der Umschrift: „Fürst

Wolf Dietrich hat dies kirchlein gnäd. anno 1597 renov.

lassen".

Zu dieser Zeit hatte das Gotteshaus drei Altäre: Der

Hochaltar war der Hl. Margareta geweiht; auf seiner

Rückseite befand sich eine Salvatordarstellung (= Jesu

Haupt am Schweißtuche Veronikas). Der rechte

Seitenaltar war der Gottesmutter, der linke den Hll.

Gervasius und Benedikt geweiht. Der Friedhof war nicht

konsekriert 73 , deshalb konnten auch keine Beerdigungen

vorgenommen werden. Das Salvatorbild hinter dem

Hochaltar wurde noch im Jahre 1652 restauriert. Im

Zuge der Barockisierung der Vigauner Kirche, bekam

138


St. Margarethen zunächst im Jahre 1724 den alten

Vigauner Hochaltar, d. h. jenen Altar, auf dem die

Kreuzigung zu sehen war, geschenkt.

Die alten gotischen Einrichtungen waren nun nicht mehr

nach dem Geschmack der Menschen, und alles mußte

„modernisiert", d. h. barockisiert werden. Die St.

Margarethener suchten deshalb im Jahre 1724 um die

Aufstellung eines neuen Altares an. Der Kuchler Pfarrer

sprach sich vehement dagegen aus; es wäre zu

kostspielig und überdies würden in der Kirche das ganze

Jahr hindurch nur sechs bis sieben Gottesdienste

gehalten. Der Altar wurde daraufhin nicht bewilligt, kam

aber in den folgenden Jahren wegen der Hartnäckigkeit

der Bittsteller trotzdem zur Ausführung.

Eine ganze Reihe bedeutender Künstler, die bereits auch

in anderen Tennengauer Kirchen ihr Können unter

Beweis gestellt hatten, arbeiteten nun seit 1725 in St.

Magarethen. In erster Linie ist der berühmte Halleiner

Bildhauer Johann Georg Mohr zu nennen, dann der

Kunsttischler Josef Krimpacher aus Hallein, der Gollinger

Maler Wilhelm Ignaz Lamberti, der Salzburger Bildhauer

Johann Georg Mayr, der Halleiner Maler Josef

Prandstetter, der Maler Josef Franz Högler aus Oberalm,

der Kuchler Tischler Johann Pfister und der Bildhauer

Johann Georgross aus Hallein. 74

Im Jahre 1731 fanden die St. Margarethener auch an

den Seitenaltären keinen Gefallen mehr. Sie wurden dem

bereits damals fertiggestellten Hochaltare angeglichen.

Im selben Jahre mauerte man auch im Altarraum das

mittlere Fenster zu, von dem nur noch die äußeren

spitzbogigen Konturen und Maßwerkreste zu sehen sind.

Der Hochaltar

Der freistehende Altar hat auf drei Holzstufen eine

einfache Mensa (Altartisch). Der ganze Aufbau wurde

vom Halleiner Tischler Josef Krimpacher noch im Jahre

1725 fertiggestellt. 75 Das schöne Altarbild soll noch aus

der Vigauner Kirche stammen; es stellt die Kreuzigung

Christi mit vielen Figuren dar, eine gute Arbeit vom Ende

des 16. Jahrhunderts (um 1597 ?). Im Altaraufsatzbild:

Gottvater mit der Weltkugel, Taube und Engeln; an der

Rückseite auf Blech: Kopf Christi am Schweißtuche

(restauriert 1652).

Der Schild mit dem Wappen Erzbischof Wolf Dietrichs

von Raitenau rechts vom Hochaltar in der Filialkirche St.

Margarethen erinnert an die Renovierung 1597.

Die Statuen, welche 1909 neu gefaßt wurden, stehen auf

Postamenten zwischen Säulenpaaren: die schwungvoll

gearbeiteten Statuen der Hl. Margareta und jene der Hl.

Magdalena. Am Aufsatz die kleineren Figuren des Hl.

Michael, der Hl. Katharina und der Hl. Barbara. Hier

handelt es sich um sehr gute Arbeiten des Halleiner

Bildhauers Johann Georg Mohr aus dem Jahre 1725.

Der schmucke marmorierte Holztabernakel wurde 1750

erworben.

Rechter Seitenaltar

Auch für die kleineren Seitenaltäre besorgte Johann

Krimpacher den Aufbau:

139


Dieser Altar ist der heiligen Nothelferin Katharina

geweiht. Die Holzskulpturen stellen Johannes den Täufer

und Johannes den Evangelisten dar. Es sind Arbeiten aus

dem Jahre 1731 vom Halleiner Bildhauer Johann Georg

Ross. 76 Das schöne Standkruzifix ist eine gute Arbeit des

Jahres 1731.

Linker Seitenaltar

Er enthält ein interessantes Bild: Einen betenden Bauern,

Rinder, Pferde und die Kirchen von St. Margarethen und

Vigaun; darüber der Hl. Leonhard mit zwei Engeln. Es

wurde von Anton Eggl gemalt und zeigt die idyllische

Landschaft dieses Gebietes, wie sie der Künstler im Jahre

1841 gesehen hat. Im Aufsatzbild ist die H l. B a r b a r

a zu sehen (1731). Die Statuen zeigen die H11.

Sebastian und Rochus. Aus dem Jahre 1634 stammt die

Hl. Margareta mit der Inschrift: „Margaretha Perneggerin

zum Hällein hat dise zwey bilder allhieher machen

lassen... 1634". 77

Die sechseckige Holzkanzel, verziert mit geschnitzten und

vergoldeten Akanthusranken und Fruchtgehängen,

stammt aus dem Jahre 1707 und wurde 1909 neu

gefaßt; an der Brüstung die auf Holz gemalten

ausgeschnittenen Figuren der vier Evangelisten mit ihren

Symbolen.

Vom Gewölbe hängt das große Holzkruzifix aus dem

Jahre 1643 herab. Ein größeres Bild im Langhaus stellt

den Hl. Florian dar. Es ist eine alte Kopie des

Seitenaltarbildes von Rottmayr in Maria Bühel. Auf einer

Holzkonsole im Altarraum erkennt man eine Abbildung

der „Mutter Gottes von Altötting". Die 14

Kreuzwegstationen wurden 1848 von Anton Eggl

gemalt.

Im Blick auf das Eingangsportal ist die hölzerne

Westempore aus dem Jahre 1707 mit den

ausgeschnittenen Figuren Christi und der 12 Apostel.

Eine Berührung mit dem großen Weihwasserstein führt

uns wieder zurück in die hohe Zeit der Gotik mit dem

künstlerisch interessanten Eingangsportal.

Wie ein kleiner gotischer Dachreiter erscheint uns das

viereckige, ganz mit Schindeln verkleidete, hölzerne

Giebeltürmchen mit seinem achtseitigen Pyramidenhelm,

vergoldetem Knauf und Kreuz. Durch Blitzschlag wurde

es am 22. Juli des Jahres 1968 arg in Mitleidenschaft

gezogen.

Sowohl Kirchendach als auch Türmchen wurden mit

Lärchenschindeln vom heimischen Zimmermeister

Rupert Schörghofer neu eingedeckt. 78

Türmchen und Glocken

In diesem Türmchen waren seit dem 17. Jahrhundert

stets zwei kleine Glocken:die ältere wurde 1682

umgegossen, blieb aber anscheinend weiterhin schadhaft.

Die Kleinere ist der Muttergottes geweiht und trägt die

Umschrift: Johann Eisenberger in Saltzburg goss mich

anno 1666 Jahr. Wie die große Glocke in Vigaun hat

auch diese die zwei Weltkriege überstanden. Ihre beiden

Vorgänger waren beim Kirchenbrand 1642

geschmolzen.

Die größere St. Margarethener Glocke (337kg) aus dem

Jahre 1908 wurde wie die Glocken der Pfarrkirche am

22. Juli 1916 abgenommen, nach Kuchl gebracht und

dem Militär übergeben. Das 1927 geweihte Glöcklein ist

im Jahre 1942 abermals abgenommen und eingeschmolzen

worden. Nur die Muttergottesglocke aus

dem Jahre 1666 mit ihrem silberhellen Klang durfte

bleiben. Aber auch sie hätte beinahe das Schicksal

vollständiger Zerstörung ereilt: als die Pfarre Hallein

durch den großen Kirchenbrand im Jahre 1943 das

ganze schöne Geläute verlor, ersuchte der damalige

Dechant Hermann Oberwallner um leihweise Überlassung

des St. Margarethener Glöckleins. Nur kurze Zeit

sollte es die Salinenstädter erfreuen. Denn am 26.

September 1945 stürzte der Turm der Halleiner Pfarrkirche

in sich zusammen und begrub auch die St.

Margarethener Muttergottesglocke unter seinen Trümmern.

Jedermann glaubte, das Glöcklein sei endgültig

verloren. Als die riesigen Schutthaufen des Turmes weggeräumt

wurden, kam auf einmal das Glöcklein zum Vorschein

und zwar vollständig unversehrt. 79 Es kehrte nach

St. Margarethen zurück.

Die zweite Glocke wurde 1950 geweiht und trägt die

Umschrift: Der hl. Barbara für die Gefallenen der beiden

Weltkriege. Glockenpatin ist Regina Hinterlechner. 80

Vigauns Gotteshäuser sind drei durch Jahrhunderte

verehrten heiligen Nothelfern geweiht: Dionysius, Blasius

und Margareta. Ein glücklicher Zufall wollte es, daß

gerade am St. Barbaratag, dem 4. Dezember 1976, eine

Bohrgesellschaft in St. Margarethen an einer

beachtlichen Heilquelle fündig wurde. Die Barbaratherme

von Vigaun schließt nun gleichsam den Kreis jener

wichtigen Einrichtungen des Kurortes, die Geist und

Körper gesund erhalten mögen.

140


Mit der Muttergottesglocke im Türmchen von St.

Margarethen gibt es in Vigaun eine zweite kostbare

Glocke. Sie war von 1943 bis 1945 in Hallein auf

„Aushilfe" und konnte nach dem Einsturz des

ausgebrannten Halleiner Kirchturms unversehrt nach St.

Margarethen zurückgebracht werden.

ANMERKUNGEN

1 PAV (Pfarrarchiv Vigaun): Pfarrchronik zum Jahr 1898.

2 KAS (Konsistorialarchiv Salzburg): 6/105 Historica;

Auspfändungen von Vigaun nach St. Koloman, Hallein und von

Kuchl nach Vigaun 1783-1849. Damals war Vigaun noch ein

Vikariat, das 1716 errichtet worden war. Am 4. Juli 1785

wurden 16 Häuser im sogenannten Tauglboden nach St.

Koloman ausgepfarrt. 1784 verlangten 9 Häuser des

Burgfrieds die Zuteilung nach Hallein. Im Jahre 1803 wollte

der ganze Burgfried zur Stadtpfarre Hallein, 1849 suchten

darum 28 Häuser an. Obwohl gerade dieser Pfarrbezirk näher

bei Hallein liegt, wurden bis 1898 sämtliche Ansuchen vom

erzbischöflichen Konsistorium abgewiesen. Vgl. auch Dürlinger,

Josef: Historisch-statistisches Handbuch der Erzdiözese

Salzburg in ihren heutigen Grenzen. Salzburg 1862 (5. Heft,

Dekanat Hallein), S. 538 f.

3 KAS: 6/107 Personalia; PAV: Pfarrchronik 1897 ff.

4 KAS: 6/105 Historica; Errichtung des Vikariates 1716.

5 KAS: 6/107 Personalia; Folge der Vikare etc. 1722 ff. Vgl.

auch Dürlinger, Hist. stat. Handbuch (wie Anm. 2), S. 540.

6 PAV: Pfarrchronik; Aufzählung der Hilfspriester-Liste der

Kooperatoren durch Pfarrer Max Ringelschwendtner. Liste

auch, IN: Pfarrblatt Salzburg-Umgebung, Flachgau

Tennengau 1934 ff.

7 KAS: 11/79 Generalvisitationsprotokoll 1613, fol. 300r-

301v. DieVisitation der Vigauner Kirchen fand am 14.

November statt.

8 Vgl. Hermann, Karl Friedrich, Die Seelsorgestationen der

Erzdiözese Salzburg, Wien 1961 (Austria sacra 1/II/6), S.

97.

9 KAS: D 190 (Originalurkunde); vgl. Text bei Doppier Adam,

Auszüge aus den Original ' Jrkünden des

fürsterzbischöflichen Consistorial-Archives zu Salzburg

(1441-1460), IN: MGSLK 14 (1874), S. 15, Nr. 190 (29.

September, „S. Michelstag 1444").

10 KAS: D 110 (Originalurkunde); Text bei Doppier, Adam,

Auszüge (wie Anm. 9), IN: MGSLK 13 (1873), S. 79f., Nr.

110; („1422 (29. Jänner) Pfincztag vor dem frawntag zu der

liechtmesse").

11 Nach einer Bürgerspitalsurkunde 1437; vgl. Buberl, Paul,

Die Denkmale des politischen Bezirkes Hallein, Wien 1927

(= Österreichische Kunsttopographie Bd. XX), S. 261. Diese

Urkunde konnte ich leider bisher nicht mehr ausfindig

machen.

12 SUB (=Salzburger Urkundenbuch, bearb. von Willibald

Hauthaler und Franz Martin) II (Salzburg 1916), S. 187f. ,

Nr. 119 vom 9. Juni 1117 (wahrscheinlich eine

Vordatierung; richtiger um das Jahr 1140).

13 SUBI. ,S. 11.

14 SUB I. , S. 32; S. 37. Breves Notitiae X. und XIV.

15 Pfarrarchiv Hallein, Urkunde Nr. 558; Text gedr. bei

Greinz, Christian, Die Urkunden des Stadtpfarrarchives in

Hallein (III. Teil), IN: MGSLK 53 (1913), S. 147.

16 Vgl. Reitlechner, Gregor, Patrocinien-Buch, Salzburg

1901.; Derselbe, Die heiligen Patrone der Kirchen und

Kapellen in der Erzdiözese Salzburg, Salzburg 1895.; Zarl,

Josef, Patrozinienbuch der Kirchen und Meßkapellen der

Erzdiözese Salzburg, Salzburg 1987.; Mitterer, K. A. , Die

Patrozinien der Diözese Salzburg unter besonderer

Berücksichtigung der Heiligenverehrung im 8. und 9.

Jahrhundert, Salzburg 1990 (Phil. Diss. ungedr.), S. 149.

17 Vgl. Bauerreiss, Romuald, Kirchengeschichte Bayerns, St.

Ottilien 1974, Bd. I. , S. 128; 130.

18 SUB I. , S. 575; Verzeichnis von Reliquien, die in den

Altären der Klosterkirche von St. Peter beigesetzt wurden;

nach den Traditionen von St. Peter um das Jahr 845/847.

19 Kötting, Bernhard, Dionysius von Paris, IN: LThK 3, Sp.

408. Wimmer Otto, Handbuch der Namen und Heiligen,

Innsbruck 21959, S. 171. Schnitzler, Theodor, Die Heiligen

im Jahr des Herrn. Ihre Feste und Gedenktage, Freiburg

31980, S. 348f.

20 KAS: 11/79 Generalvisitationsprotokoll 1613, fol. 300r-

301v.

21 PAV: Inventarbuch

141


22 Tietze, Hans, Kunstsammlungen der Stadt Salzburg.

Österreichische Kunsttopographie XVI., Wien 1919,5.

153f. Abbildungen des Altares und der Seitenflügel, Fig.

197, 198, 199.

23 Vgl. Buberl und Franz Martin, OKT XX. , S. 266.

24 KAS: 11/79 Generalvisitationsprotokoll 1613, fol. 300r-

Dekret vom 6. Oktober 1617 für den Pfarrer in Kuchl,

300v;

fol. 307r-307v.

25 Gugitz, Gustav, Fest-und Brauchtumskalender, Wien 1955,

S. 15.; LThK 2. Sp. 525. Wimmer, Otto, Handbuch (wie

Anm. 19), S.148f. ferner die Monographie: St. Blasius

unser Schutzpatron, Münster 1946.

26 Buberl, Paulfwie Anm. 11), ÖKT XX (1927), S. 261 ff.

Dehio-Handbuch, Stadt und Land Salzburg, Wien 1986, S.

467f.

27 Vgl. Telsnig, Eleonore/Lamprecht, Die Landkirchen

Salzburgs des 15. und 16. Jahrhunderts, Innsbruck 1951

(Phil. Diss. ungedr.), S.68„ 74.

28 Vgl. dazu „Ausblick auf die Entwicklung des Einzelwestturms

in der Gotik", IN: Koch, Rudolf, Die Entwicklung der

romanischen Westturmanlage in Österreich, Wien 1986

(Phil. Diss. ungedr.), S. 148ff. SLA: HS 958.

29 Vgl. Dürlinger, Joseph, Hist. stat. Handbuch (wie Anm. 2),

S. 541f.

30 PAV: Inventarbuch; Buberl, P., ÖKT XX. (wie Anm. 11), S.

266f.

31 Am Fußboden des Langhauses: in der Mitte Dreipaß um

Schild mit Hausmarke. Inschrift in gotischer Minuskel: Hie

ligt pegraben Urban Klingner ledrer am gries der gestorben

ist am erichtag nach allerheiligndag anno dorn. MCCCCC

hundert und in dem XXI iar, dem got genadig sei amen.

Auch ligt hie pegraben Barbra sein hausfraw die gestorben

ist am kodem(b)er (=Quatember) freyttag vor

weinachdn MCCCCC im XIII iar. Auch ligt hie

pegraben Dorothe die des urban Klingner hausfraw

gewesen ist, die gestorben ist am erichtag nach

Marci(?)tag ano MCCCCXX iar der got genedig sey amen.

32 Im rechten Seitenschiff; in der Mitte Schild mit Hausmarke

in Vierpaß: Hie ligt begraben lienhart Euch purger zum

Hellein der gestorben ist nach xpi gepurd MCCCC und im

Lxxx iar an sand luczein tag. Darunter: Auch ligt hie

katherina die sein hawsfraw gewesen ist und ist gestorben

am heyligen aufferttag anno dni MCCCC und im LII iar.

den got genedig sey.

33 Ebenfalls im rechten Seitenschiff; in der Mitte Schild mit

Hausmarke in Vierpaß. Darüber fünfzeilige Inschrift in