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Sanfte Stadt

ISBN 978-3-86859-747-9

ISBN 978-3-86859-747-9

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Sanfte

Stadt

Planungsideen für

den urbanen Alltag

David Sim


9 Vorwort

12

von Jan Gehl

15

Vorwort

Einführung

Vom Leben zwischen

Gebäuden zur

sanften Stadt

23

29

Nachbarn sein

Blöcke als Bausteine

Vor Ort leben in einer

verstädternden Welt

Umschließung

Verbunden

Schichtung

Das Potenzial des Erdgeschosses

Größere Elemente unterbringen und den

menschlichen Maßstab beibehalten

Was ein geschlossener Block

leisten kann


103

107

Die Zeit deines Lebens

Fortbewegung und

Vorankommen

in einer überfüllten und

segregierten Welt

155

161

Leben schichten

Mit dem Wetter leben

in Zeiten des Klimawandels

Im Freien leben lernen

219

225

Sanftes ist schwer zu

brechen

Neun Kriterien

für lebenswerte urbane

Dichte

Die menschliche Dimension

Den Außenbereich ins

1. Vielfalt an gebauten Formen

der Mobilität

Haus holen: Natürliches Licht

2. Vielfalt der Freiräume

Fußläufige Gebäude

und Belüftung

3. Flexibilität

Straßen bauen

Fenster und Türen

4. Menschlicher Maßstab

Über das Zufußgehen

Die unmittelbare Außenwelt

5. Fußläufigkeit

Das Radfahren integrieren

Das eigene Wetter schaffen

6. Gefühl von Kontrolle und

Die Natur in die Stadt bringen

Identität

7. Angenehmes Mikroklima

8. Geringerer CO 2

-Fußabdruck

9. Größere Artenvielfalt

247

Sanfte Städte in harten

Zeiten

253

Anmerkungen


Vorwort

von Jan Gehl

1933 traf sich eine exklusive Gruppe europäischer Architekten und

Stadtplaner in Athen zur Unterzeichnung der CIAM-Charta, die die

Stadtplanung grundlegend veränderte. Diese oft als Charta von Athen

bezeichneten Leitsätze bezogen sich auf die Zukunft von Architektur

und Städten und empfahlen im Wesentlichen, die verschiedenen städtischen

Funktionen ab sofort sorgfältig zu trennen: Wohnen, Arbeiten,

Freizeit und Verkehr waren stets voneinander abzusondern. Dieser

Ansatz wurde – wenig überraschend – als funktionalistisch bezeichnet

und die gesamte Bewegung als Modernismus. In den folgenden

Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts entwickelten sich diese Ideen nicht

nur zu den Leitprinzipien für Architektur und Stadtplanung, sondern

dominierten auch weltweit. Insbesondere nach 1960, als auf

der ganzen Welt die rasche Verstädterung einsetzte, waren sie gänzlich

vorherrschend. Der traditionelle Schwerpunkt verlagerte sich. Es

galt nicht mehr der traditionelle Ansatz, Städte um die Räume von

Menschen zu bauen, der Fokus lag nun auf von Restflächen umgebenen

Gebäuden. Überall setzten sich die modernistischen Vorstellungen

von frei stehenden, monofunktionalen Gebäuden durch, die

von vage definierten Niemandsländern umgeben waren. Insgesamt

repräsentierten diese neuen Prinzipien den radikalsten Kurswechsel

in der Geschichte menschlicher Siedlungen. Im großen Ganzen

wurde nie richtig bewertet, ob diese Veränderungen für die Menschen

wirklich nützlich waren. Tatsächlich haben sie für die Menschheit

nicht funktioniert, wie die weit verbreitete Unzufriedenheit mit dieser

Siedlungsart bekundet.

1998 wurde zu einer neuen Konferenz der europäischen Stadtplaner

nach Athen eingeladen. Auf Grundlage der Erfahrungen aus

den 65 Jahren seit der letzten Konferenz wurde eine neue Charta von

Athen erarbeitet, die hauptsächlich besagt, dass Wohnen, Arbeiten,

Erholung und Kommunikation niemals getrennt werden dürfen. Eine

völlige Kehrtwende!

Anscheinend mussten erst 65 Jahre vergehen und zahlreiche modernistische

Stadtviertel entstehen, um zu diesen Schlussfolgerungen zu

gelangen. Allerdings hatte sich als Reaktion auf die technokratische

Modernismus-Bewegung seit einigen Jahren allmählich die Gegenbewegung

„Städte für Menschen“ gebildet.

Aus den Schriften und Forschungen zu diesem Thema ragen die

Arbeit von Jane Jacobs in New York und ihr berühmtes Buch The

Death and Life of Great American Cities von 1961 heraus. Jane Jacobs

hat viele der Probleme der modernistischen Stadtplanung hervorragend

beschrieben. Sie begann, neue Richtlinien zu formulieren: Schauen Sie

9


nach komplexen neuen Techniken zu suchen, sollten wir einfache, kleine, technologiearme,

kostengünstige, menschenorientierte und sanfte Lösungen anstreben,

die das Stadtleben leichter, attraktiver und angenehmer machen. Sanfter ist vielleicht

smarter.

Dieses Buch enthält Überlegungen zu einigen grundlegenden Aspekten der

urbanen Form und der Stadtgestaltung, die zu nachhaltigeren und anpassungs ­

fähigeren Gemeinschaften und einem gesünderen und glücklicheren Leben der

dort wohnenden Menschen beitragen können. Jedes der drei Hauptkapitel befasst

sich mit einer der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. Zwischen den

einzelnen Kapiteln erörtert jeweils ein kurzer Essay einen der Leitgedanken zum

Erhalt der Lebensqualität im städtischen Umfeld.

Das erste Kapitel, „Blöcke als Bausteine: Vor Ort leben in einer verstädternden

Welt“, nimmt die Herausforderung der Urbanisierung an, indem es aufzeigt, wie

sich Dichte und Vielfalt am selben Ort vereinen lassen, um möglichst lokal leben zu

können. Im zweiten Kapitel, „Fortbewegung und Vorankommen in einer überfüllten

und segregierten Welt“, werden die baulich-räumlichen und sozialen Fragen im

Zusammenhang mit der Bewegung der Menschen behandelt, die unmittelbar vor

der Haustür beginnt. In Kapitel drei, „Mit dem Wetter leben in Zeiten des Klimawandels“,

geht es darum, die in Innenräumen lebenden Menschen besser mit dem

Außenleben zu verbinden, um das Bewusstsein für die Natur zu schärfen und den

Umgang mit ihr zu erleichtern.

Alle Kapitel führen in kleinen, einfachen Schritten vom Vertrauten (Zuhause

und Arbeitsplatz) zum weniger Vertrauten (dem Viertel, der Stadt und der Welt).

Ihr gemeinsamer Nenner ist, die Dichte und Vielfalt des Alltags so zu gestalten,

dass Bequemlichkeit, Zweckmäßigkeit, Geselligkeit und Gemeinschaft im täglichen

Leben möglich sind.

Das Buch zieht seine Inspirationen aus einer nordischen, auf den Menschen ausgerichteten

Planungstradition. 1971veröffentlichte Jan Gehl das Buch Livet mellem

husene (Leben zwischen Häusern), während seine Frau Ingrid Gehl das Buch Bomiljø

(Die Psychologie des Wohnens) herausgab. 3 Beide Veröffentlichungen fielen in eine

Zeit des Umbruchs in der Stadtplanung und repräsentieren einen Paradigmenwechsel

im Verständnis des Menschen und seiner gebauten Umwelt. Jan und Ingrid Gehl

schufen einen interdisziplinären Ansatz, der dem menschlichen Leben Vorrang vor

der gebauten Form einräumt.

Zur gleichen Zeit entstand in Dänemark eine neue Form des Städtebaus, die

sogenannte Tæt-lav (dicht-niedrig), eine architektonische Bewegung, die ein

Gleichgewicht zwischen den individuellen und den gemeinsamen Bedürfnissen von

Bewohnern herstellte. Dieser „dritte Weg“ kombinierte die im großmaßstäblichen

Wohnungsbau eingesetzten industriellen Produktionstechniken mit typologischen

Details von Einfamilienhäusern.

Die frühen Tæt-lav-Projekte reduzierten den Maßstab radikal und schufen Orte

mit dorfähnlichen Mustern, in denen die einzelnen Bauten deutlich erkennbar waren.

Die Häuser unterschieden sich dabei durch kleine, aber bedeutsame Details wie

eine eigene Eingangstür und einen zugehörigen Garten. Ebenso wurde auf identifizierbare

Gemeinschaftsbereiche geachtet, die das nachbarschaftliche Zusammenleben

fördern sollten. Die Tæt-lav-Bewegung feierte sowohl die Individualität als

auch die Gemeinschaft. Dieser wichtige Sowohl-als-auch-Aspekt von privat und

gemeinschaftlich berücksichtigt zwei scheinbar widersprüchliche Seiten des Men-

18 Sanfte Stadt


Mit dem Wetter leben

Fortbewegung und

Vorankommen

Blöcke als Bausteine / Vor Ort leben

Die sanfte Stadt ergreift die Gelegenheit,

sich mit der Erde, den

Menschen und dem Ort auseinanderzusetzen.

Die Menschen

sind eingeladen, in ihrem eigenen

Tempo eine Beziehung zu ihrer

Umgebung aufzunehmen, sich

von ihrem Zuhause und ihrem

Arbeitsplatz aus schrittweise nach

draußen in ihre Nachbarschaft

und in das weitere Umfeld zu

bewegen

schen: das Bedürfnis nach Individualität und das Bedürfnis nach Geselligkeit. Die

Grundsätze in diesem Buch beruhen auf den Werten der Tæt-lav-Bewegung und

aktualisieren sie für die dichten, gemischt genutzten städtischen Umgebungen des

21. Jahrhunderts.

Zeitgleich mit Tæt lav wurden in Dänemark Straßen und öffentliche Räume

zu Fußgängerzonen umgestaltet, angefangen mit der berühmten Strøget in Kopenhagen.

Zumindest für eine kurze Zeit boten diese Fußgängerbereiche eine nachhaltigere

und geselligere Alternative zu den überdachten Einkaufszentren außerhalb

der Stadt. Als Reaktion auf die Ölkrise von 1973/74 leisteten die dänischen

Städte und Gemeinden zudem Pionierarbeit für das Fahrrad als ernstzunehmendes

Verkehrsmittel. Die urbane Verkehrsinfrastruktur machte das Radfahren für alle

sicherer, indem es als wichtiger Teil des täglichen Lebens im städtischen Kontext

belassen wurde.

In den späten 1970er und 1980er Jahren kehrte Dänemark der von modernistischen

Planern weltweit propagierten Beseitigung älterer Stadtviertel den Rücken

und wandte sich einem vorsichtigeren, durchdachten lokalen Ansatz zu. Die tradi-

Einführung 19


01.

02.

03.

24 Sanfte Stadt


„Nachbarschaft ist kein Ort;

Nachbarschaft ist eine Einstellung.“

Nachbarschaftsszenen:

01. Mexiko-Stadt, Mexiko

02. Kopenhagen, Dänemark

03. Stockholm, Schweden

Wenn es um den Lebensraum des Menschen geht, um Städte und

Gemeinden, um urbane Gestaltung oder die Schaffung von Orten, dann

ist der Begriff Nachbar stets hilfreich. Sobald man an einen Nachbarn

denkt, fällt einem ein anderer Mensch ein. Dabei handelt es sich nicht

um ein vages Planungskonzept oder irgendein städtisches Phänomen,

sondern um eine lebende Person, jemanden wie du, aber anders. Nachbar

ist weder ein Fachterminus noch der Jargon von Planern, sondern

ein einfaches Wort, das jeder kennt und versteht. Im engsten Sinne meint

Nachbar die Person von nebenan, im weitesten die ganze Menschheit.

Nachbarschaft ist ein Beziehungsstatus. Das menschliche Umfeld

besteht vor allem aus Beziehungen: zwischen den Menschen und der

Erde, zwischen Menschen und Orten sowie der Menschen untereinander.

In der Beziehung zwischen Mensch und Erde haben wir unwirtliche

Orte und raue Klimazonen bewohnbar gemacht. Das Zusammenleben mit

anderen ermöglichte uns, gemeinsam zu agieren und zu arbeiten – und

damit zu organisieren, Handel zu treiben, zu produzieren und zu lernen.

Indem wir diese verschiedenen Beziehungen kultivierten, kontrollierten

und sogar manipulierten, konnten wir nicht nur überleben, sondern auch

Gesellschaften und Kulturen erschaffen und oftmals (aber gewiss nicht

immer) eine bessere Lebensqualität erzielen. Gelungene Nachbarschaft

brachte uns Aufschwung und Blüte und ein längeres, erfüllteres Leben.

Natürlich ist es nicht immer einfach, Nachbarn zu sein. Menschen

haben unterschiedliche Ansichten und Bedürfnisse, Werte und Verhaltensweisen.

Die Vorteile eines gemeinsamen Standorts können sich ebenso

leicht zu Problemen entwickeln wie ein Überangebot zu Abfall, Energie zu

Schadstoffausstoß, Mobilität zu Verkehrsstau, Zusammenarbeit zu Ausbeutung

und Zusammenleben zu Konflikten führt.

Dennoch ist der Begriff Nachbar in unserer sich rasch verstädternden

Welt aktueller denn je. Überall auf der Welt verdichten sich die Städte

nicht nur, sie werden auch vielfältiger. Genau diese Vielfalt und die Unterschiede

sind es, die neue Möglichkeiten schaffen. Am einfachsten lässt

sich alles, was die Gesellschaft zu bieten hat, nutzen, wenn man Nachbarn

hat, enge Nachbarn.

Nachbarn sein 25


Penthouse

Gemeinsames

Treppenhaus

Öffentliche Vorderseite

Verbundene Bauten

Geschichtetes Gebäude

Aktives Erdgeschoss

30 Sanfte Stadt


Dach optimal nutzen

Für eine zunehmende Verdichtung sprechen viele Gründe. Angesichts

einer rasanten Verstädterung und schwindender Ressourcen

müssen wir die vorhandene Infrastruktur effizienter nutzen,

mit den vorhandenen Grundlagen besser umgehen – insbesondere

mit dem zur Verfügung stehenden Raum – und dafür sorgen,

dass das, was wir bauen, mehr für uns leistet. Doch beschert uns

höhere Dichte allein noch kein besseres Leben. Nur weil gestapelte

Flächen räumlich nutzbarer sind, sind sie nicht unbedingt

von Vorteil.

Wahre urbane Qualität entsteht durch Dichte und Vielfalt von

Gebäudetypen und Nutzungen am selben Ort. Meiner Meinung

nach können die unterschiedlichsten, selbst gegensätzliche

Nutzungen und Nutzer nebeneinander bestehen und von den

Annehmlichkeiten eines gemeinsamen Standorts profitieren, wenn

das städtische Umfeld einer guten Nachbarschaft förderlich ist.

Private Rückseite

Umschließung

Innenhof

Blöcke als Bausteine 31


01.

02.

03.

04.

05.

05. 06.

01. Kopenhagen, Dänemark Der gemeinsame Mittelpunkt eines

gemeinschaftlichen Außenraums zwischen einer großen, aber

begrenzten Gruppe von Nachbarn – ein Ort für Begegnungen und

Beziehungen auf kontrolliertem, neutralem Boden

03. Kopenhagen Ein geschütztes Mikroklima zwischen den Gebäuden,

in dem Grün gedeihen kann und Platz für gemeinsame

Möbel und Spielgeräte vorhanden ist

05. Kopenhagen Ein zugänglicher, sicherer Ort mit sauberer Luft

zum Aufhängen von Wäsche

02. Kopenhagen Ein ausgedehnter, leicht zugänglicher Garten im

Hinterhof mit Spielkameraden – sicher vor dem Verkehr und gut

überwacht

04. Kopenhagen Ein sicherer Ort, um Spielzeug (und andere persönliche

Gegenstände) über Nacht draußen zu lassen

06. Tübingen, Deutschland Ein gemeinsamer Mittelpunkt für

verschiedene Menschen (in unterschiedlichen Gebäuden und

Eigentumsverhältnissen) dank des gemeinsamen Innenhofs

38 Sanfte Stadt


Das Potenzial kleinerer Häuserblöcke:

Donnybrook Quarter, London, England

Das soziale Wohnungsbauprojekt Donnybrook

Quarter ist ein Beispiel einer niedrigen, hochverdichteten

Bebauung, die kostengünstig und zugleich exklusiv

ist. Zwei neue Straßen unterteilen das Grund stück

und lassen kleinere Blöcke entstehen. Diese schaffen

nicht nur neuen öffentlichen Raum, indem sich eine

der Straßen zu einem Platz aufweitet, sondern auch

verbesserte fußläufige Verbindungen. Außerdem er ­

geben sie mehr Straßenränder und erreichen so die

erforderliche Dichte mit nur zwei- und dreigeschossigen

Gebäuden. Die niedrigen Höhen ermöglichen die

Unterbringung von Einzelhäusern mit eigener Haustür

und ummauertem Gartenhof, die in einer einfachen

und erschwinglichen Bauweise errichtet sind.

Hier im Donnybrook Quarter liefern kleinmaßstäbliche

Blöcke und einzelne Bauteile eine kompakte

und zugleich sensible Lösung für das Stadtleben und

beweisen, dass menschliches Maß und Privatsphäre

auch bei höherer Dichte möglich sind.

Straße

Grundstück

Rand

Ursprünglicher Grundstücksrand

Foto: Morley von Sternberg

Zunahme der Grundstücksränder durch die Unterteilung

in kleinere Blöcke

Blöcke als Bausteine 39


01.

02. 03.

Grünflächen oder Gärten. Im Rahmen eines Stadterneuerungsprojekts

für diesen Block wurden die Mauern und die

meisten Außengebäude entfernt und die Höfe zusätzlich

bepflanzt. Es ist ein frühes Beispiel des Programms zur

Begrünung von Innenhöfen, das die Stadt Kopenhagen

zur Verbesserung des innerstädtischen Lebens aufgelegt

hat. Für die Aufwertung des Gebäudebestands in Kopenhagen

ist dieses Programm entscheidend.

Wie bei anderen städtischen Blöcken schaffen die

Vorder- und Rückseiten der Gebäude zwei verschiedene

Welten: außen, zur Straße hin, findet das öffentliche

Leben statt, innen, im Hof, das private Leben. Jedes

Gebäude richtet sich mit Fenstern und einer eigenen

Haustür oder einem eigenen Durchgang zur Straße.

So entsteht der Eindruck, dass das Leben im Inneren

in irgendeiner Weise mit der Straße verbunden ist und

ein reges Kommen und Gehen herrscht.

Eingänge zum Innenhof

Es führen mehrere Eingänge in das Innere des Blocks:

eigene Hintertüren oder gemeinsame Treppenhäuser

sowie mit Toren oder Türen verschlossene Durchgänge

zwischen den Gebäuden. Der gemeinsame Innenhof ist

gewöhnlich nicht verschlossen und öffentlich zugänglich.

Allerdings spiegelt die sehr klare räumliche Ordnung

eine gewisse soziale Kontrolle wider, die von

allen Gästen respektiert werden sollte.

Unterschiedliche Ebenen des Außenraums

Im Rahmen des Stadterneuerungsprogramms wurde

der Innenhof für die Wohnungen im Erdgeschoss um

kleine, ausschließlich private Räume erweitert. Im

Innenhof existieren zwei weitere unterschiedliche Ebenen

des Außenraums. Eine umfasst die alten einzelnen

Höfe, die den Gebäuden am nächsten liegen und teilweise

erhalten geblieben sind, jetzt aber mehr Grün

aufweisen. Die andere weist in der Mitte eine große,

gemeinschaftliche Grünfläche auf. Jede dieser Ebenen

lädt zu unterschiedlichen Aktivitäten und Verhalten ein.

Die gemeinschaftliche Grünfläche bietet genügend

Platz für Gruppenaktivitäten wie geselliges Beisammensein

oder Spiele sowie für gemeinsam genutzte Geräte

(wie Grill und Sandkasten) und Möbel. An diesem

Ort können sich die Bewohner des Blocks auf einem

für sie neutralen oder gemeinsamen Boden treffen. Da

es sich um einen privaten, gemeinschaftlich genutzten

Raum handelt, repräsentiert er die gemeinsamen

Interessen der Nachbarn, die sich das Eigentum teilen.

Um inumquatius, od et pos nostibusdae volum acium et as is dolor

42 Sanfte Stadt


Privater Bereich

Gemeinsam genutzter Privatbereich

Gemeinschaftlicher Bereich

Eine Blockbebauung in Christianshavn mit

einer ausgedehnten Gemeinschaftsfläche

in der Mitte, umgeben von gemeinschaftlich

genutzten Gärten und einigen kleinen

Privatbereichen entlang des Gebäuderands

Bewohner, deren Hausfronten verschiedenen Straßen

zugewandt sind und die zuvor vielleicht nicht wussten,

dass sie Nachbarn sind, können sich in diesem

Innenraum begegnen. Ein kleines, aber durchdachtes

Detail ist die gemeinsame Toilette. Sie ist sehr sinnvoll

bei Gruppenveranstaltungen oder für Kinder, die

draußen spielen und sich so den Weg ins Haus sparen

können. Die Sauberkeit der Toilette spiegelt den Grad

der gemeinsamen Verantwortung wider.

Auch die älteren Einzelhöfe sind Gemeinschaftsflächen,

werden aber von einer kleineren Gruppe von

Bewohnern genutzt. Sie zeigen gewöhnlich eine stärkeres

Maß an Identität als die gemeinschaftliche Grünfläche

in der Mitte. Diese Gemeinschaftshöfe sind Orte, an

denen Spielzeug, Fahrräder oder Kinderwagen abgestellt

werden können. In diesen Bereichen sind Outdoor-Projekte

möglich und die Bewohner dürfen ihre

Materialien und Werkzeuge über Nacht draußen lassen.

Gemeinschaftlich genutzte Außenmöbel können

von den Bewohnern auch für die Bewirtung eigener

Gäste eingesetzt werden.

Die rein privaten Gärten, Terrassen oder Balkone

schirmen die Bewohner im Erdgeschoss von den Aktivitäten

im Innenhof ab. In diesen unmittelbar mit den

Innenräumen verbundenen, nutzbaren Bereichen können

sich die Bewohner entspannen, Wäsche aufhängen

und persönliche Gegenstände aufbewahren. Diese

Außenräume machen die Wohnungen im Erdgeschoss

attraktiver. Die erhöhte Terrasse oder ein Balkon stärken

die Privatsphäre.

Neben den drei unterschiedlichen Außenräumen

trägt auch die Positionierung der alten und neuen

Nebengebäude, einschließlich der Fahrradschuppen

und Lagerbehälter, zur räumlichen Komplexität des

Innenhofs bei. Letztere sind nicht nur von praktischem

Nutzen, sondern unterteilen den Hof auch optisch in

kleinere Räume. Dadurch entstehen zusätzliche nutzbare

Ecken und eine gewisse Intimität in den Räumen.

Sie gewährleisten, dass nicht alles auf einmal sichtbar

ist, und fordern stets zum Entdecken auf.

Vor allem jüngeren Kindern bietet dieser komplexe

Innenhof eine reiche Auswahl an Spielmöglichkeiten.

Unterschiedliche Bereiche für diverse Spiele und Altersgruppen

sind erreichbar, ohne das Grundstück verlassen

oder eine verkehrsreiche Straße überqueren zu müssen.

01. Verschiedene Bauten jeweils mit einem rückseitigen eigenen

kleinen Garten

02. Gemeinsamer Spielbereich in der Mitte des Blocks

03. Gemeinschaftlicher Hinterhof

Blöcke als Bausteine 43


Die Baugruppen:

Das Modell Baugemeinschaft

Weitsichtige deutsche Planer haben vorausgesagt,

dass für die kommende Generation junger Menschen

Immobilien von Bauträgern nicht mehr erschwinglich

sein werden. In den letzten 15 Jahren haben deutsche

Städte wie Freiburg im Breisgau, Tübingen, Hamburg

und Berlin gemeinschaftliche Bauprogramme

für sogenannte Baugemeinschaften oder Baugruppen

entwickelt. Dabei handelt es sich um ein Modell, bei

dem die zukünftigen Eigentümer zu Bauherren werden.

Die individuelle, parzellenweise Bebauung ermöglicht

einen vielfältigen, hochwertigen und erschwinglichen

Gebäudebestand. Das Konzept der Baugemeinschaft

vereint die einzelnen privaten Wünsche der Bewohner

mit den gemeinschaftlichen und sozialen Bedürfnissen.

Städtische Wohnhäuser entsprechen nur selten den

Anforderungen einer aktiven und wachsenden Familie.

Die einzige Möglichkeit, ein Haus nach eigenen

Vorstellungen zu realisieren, bedeutet, ein Grundstück

außerhalb der Stadt zu finden und ein Einfamilienhaus

zu bauen. Die Planung eines eigenen Hauses im

urbanen Umfeld ist oft nur Wohlhabenden vorbehalten.

Neubauwohnungen bieten zwar einige Wahlmöglichkeiten,

aber diese beschränken sich auf Details wie

die Fliesen im Badezimmer und die Küchenschränke.

Die Vorstellung, den Entwurf eines eigenen Hauses in

der Stadt selbst mitgestalten zu können, einschließlich

Größe, Grundriss, Heizsystem und Dämmung, ist deshalb

höchst interessant.

Die Grundstücke der Baugemeinschaft werden

von der Gemeinde überplant und in kleine Parzellen

unterteilt, die anschließend zu einem festen Marktpreis

zum Verkauf angeboten werden. Interessierte

Käufer erhalten von der Gemeinde ein Programm mit

Angaben zu den Höhenbegrenzungen, der zulässigen

Bebauungsdichte, dem Einbeziehen von Nichtwohnfunktionen

wie Arbeitsplätzen, den Wohnungstypen, der

Mischung von Besitzverhältnissen und den Standards

für Dämmung, erneuerbare Materialien und Umweltfreundlichkeit.

Allgemein scheinen sich Privatpersonen

viel stärker für Innovationen im Wohnungsbau zu

interessieren als marktorientierte Bauträger.

Die Baugemeinschaft bietet ein anderes Investitionsmodell

als herkömmliche spekulative Bauvorhaben.

Für den Hypothekengeber besteht ein geringeres

Risiko, da die Käufer von Anfang an bekannt sind. Ihre

Wohngebäude der Baugemeinschaft in Tübingen, Deutschland

Namen, Adressen und Sicherheiten liegen vor. Selbst

der Ausstieg von ein oder zwei Personen oder der Verlust

ihres Arbeitsplatzes gefährdet nicht das Projekt.

Diese maßgeschneiderten Lösungen können 40 Prozent

günstiger ausfallen als herkömmliche standardisierte

Wohnbauten, da der Bauträger keinen Gewinn erzielt. 9

Einige Ausgaben entfallen, weil die Baugemeinschaft

als Bauträgerin fungiert und keine Marketingkosten

entstehen, da alles bereits zu Beginn des Projekts verkauft

wird. Die künftigen Bewohner investieren häufig

in hochwertigere Materialien und Ausstattungen und in

bessere technische Lösungen, was wiederum die Wartungs-

und Betriebskosten senkt. Es ist unwahrscheinlich,

dass ein Bauträger mit nur kurzfristigem Interesse

solche Entscheidungen treffen würde.

In diesen Projekten herrscht von Anfang an Nachbarschaftsgeist.

Im Grunde wählen die Mitglieder einer

Baugemeinschaft ihre Nachbarn selbst aus. Während

der Planungs- und Bauphase lernen sie sich gegenseitig

kennen und können das Projekt verlassen, wenn sie

sich überwerfen. Nach der Fertigstellung des Gebäudes

sind sie gut miteinander bekannt und das tägliche

Zusammenleben kann beginnen. Die nach dem Modell

der Baugemeinschaft hergestellten Bauten sind besser

auf die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Bewohner

abgestimmt. Auch kümmern sich die Anwohner eher

um ihr eigenes Gebäude und fühlen sich mit ihm verbunden,

was eine stabile Gemeinschaft fördert. Da

sie sich langfristig an das Projekt binden, investieren

sie auch bereitwilliger in ihre Umgebung. Das Modell

wird inzwischen in anderen europäischen Ländern und

sogar in Australien getestet.

58 Sanfte Stadt


Eine Gesellschaft besteht aus verschiedenen Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Mitteln und Träumen

Die Stadt schlägt einen parzellenbezogenen Plan vor, der viele Einzelprojekte zulässt

Die Baugemeinschaft: Jede Gruppe arbeitet zusammen, um den Entwurf und den Zeitplan

für ihr eigenes Projekt zu entwickeln

Das Ergebnis ist ein vielfältiges Stadtbild mit einer starken Identität und Gebäuden,

die auf ihre Nutzer zugeschnitten sind

Blöcke als Bausteine 59


XS

Das kleinste aktive Erdgeschoss besitzt eine Tiefe von 25 bis 60 Zentimetern,

also die Maße eines Regals oder Schranks. Diese Größe

ist für sehr kleine Geschäfte gedacht, bei denen sich der Eigentümer

oder Verkäufer im Freien aufhält. Die Abmessungen sind ausreichend

für das Lagern von Waren und eine Auslage. Eine bewusst platzierte

Einbaubank könnte ebenfalls als aktiver Rand gelten.

XS 25–60 Zentimeter

S 1–2 Meter

S

Bei einem 1 bis 2 Meter tiefen Raum kann sich der Händler oder Ladeninhaber

im Innern aufhalten, wobei die Kunden draußen bleiben. Sie

können durch eine Öffnung in der Wand bedient werden. Ein solcher

Raum eignet sich für einen Kaffeestand, eine Schuh reparaturwerkstatt

oder einen Zeitungskiosk. Hierbei wird die Straße als Verkaufsfläche

genutzt, da die Kunden auf dem Bürgersteig um etwas anstehen.

Häufig werden die Waren auch im Freien zur Schau gestellt. Kleine

Einheiten dieser Art sind nützlich, um größere, weniger aktive Erdgeschossnutzungen

wie Supermärkte oder Parkhäuser zu ergänzen.

M

Eine mittelgroße Einheit mit einer Tiefe von 4 bis 6 Metern bietet

Raum für einen kleinen Laden oder ein Büro mit Platz für Kunden im

Inneren. Sie befindet sich häufig in der vorderen Hälfte des Gebäudes,

zur Straße hin, und kann verschiedene kleine Geschäfte, Werkstätten

oder Büros beherbergen.

M 4–6 Meter

L 10–12 Meter

L

Ein großer Raum füllt die gesamte Tiefe und Breite des Erdgeschosses

eines Gebäudes aus. Der öffentliche Bereich, etwa die Verkaufsfläche

oder der Essbereich eines Restaurants, kann sich bis in den hinteren

Bereich erstrecken. Alternativ lassen sich die Räumlichkeiten auch in

Zonen unterteilen. Dabei befindet sich der Verkaufsbereich im vorderen

Teil, Lager und andere Einrichtungen liegen in der (dunkleren) Mitte

und die Küche, das Büro und der Personalbereich im hinteren, ruhigeren

Bereich. Für manche Einzelhandelsgeschäfte werden „schmale

Fronten und tiefe Grundrisse“ bevorzugt, nebeneinander angeordnet

führt diese Form zu einer dichten und vielfältigen Ladenzeile.

70 Sanfte Stadt


XS Die kleinsten Abmessungen ermöglichen das Lagern und Darbieten von Waren

XS Belgrad, Serbien Bei einem Straßenladen

aus einer dünnen Schicht von Schränken können

Ladenbesitzer wie Kunden auf dem Bürgersteig

stehen

S Bei der nächstkleineren Einheit kann der Händler drinnen sein, während die Kunden

draußen bleiben

S Tokio, Japan Lediglich ein paar Meter ermöglichen

die Existenz dieses Geschäfts. Beachtenswert

sind die winzige Bar auf der Fensterbank und der

Klapptisch

M Die kleinen Räumlichkeiten zeigen nur zur Straßenseite des Gebäudes

M Kopenhagen, Dänemark Einseitige Ladeneinheiten

können mit ihren breiteren Fronten mehr

Leben in die Straße bringen

L Die mittelgroßen Räumlichkeiten reichen von der Vorder- bis zur Rückseite des Gebäudes

Blöcke als Bausteine 71


Die Bedeutung von Nebenflächen

Nebenräume – Keller, Dachböden und rückwärtige Anbauten – sowie Nebengebäude

wie Garagen und Fahrradschuppen bieten langfristig Raum für Wachstum

und Veränderungen.

Kurz- bis mittelfristig können Dachböden, Keller und Nebengebäude dazu beitragen,

viele praktische Nebennutzungen unterzubringen, zum Beispiel saisonale

Lagerräume, Gemeinschaftseinrichtungen wie Waschküchen, Hobbyräume und

geschützte Fahrradabstellflächen. Diese wichtigen Funktionen finden sich oft nur

in einem vorstädtischen Kontext.

Mittelfristig stellen diese einfachen Gebäude oder Flächen erschwingliche

Räumlichkeiten für kleine Unternehmen dar. Die schlichten Räume ermöglichen

es neuen Betrieben, sich in etablierten und beliebten Gebieten mit vielen Nachbarn

und potenziellem Kundenstamm anzusiedeln.

Das an die Straße angebundene Untergeschoss kann ein neu eröffnetes Geschäft

enthalten, während ein Nebengebäude in einem ruhigen Innenhof für eine Werkstatt

oder für das Büro eines Start-ups infrage kommt. Nichtwohnnutzungen in

einem Wohngebiet tragen zur Anpassungsfähigkeit eines Viertels bei, indem sie die

Bevölkerung diversifizieren und Aktivität zu unterschiedlichen Tageszeiten fördern.

Langfristig können diese Nebenflächen an Bedeutung gewinnen, wenn der

Standort in der Nachbarschaft beliebter wird. Es besteht auch die Möglichkeit, zu

investieren und sie in Wohn- und Arbeitsräume umzuwandeln. Ehemalige Waschhäuser,

Stallungen, Garagen und Dachböden werden so zu attraktiven Wohnungen

aufgewertet. Umgebaute Marställe und Loftwohnungen sind bekannte Beispiele für

die Umnutzung von Nebenräumen.

01.

01. Kopenhagen, Dänemark Die

Attraktivität dieses ehemaligen

Nebengebäudes in einem

Hof wurde im Laufe der Zeit

erkannt – ein kleines Haus in

einem ruhigen, geschützten Hof

mit direkter Anbindung an die

Annehmlichkeiten der Stadt

02./03. Breitenrain, Bern, Schweiz

Zu hochwertigem Büroraum

aufgewertete Nebengebäude in

einem ruhigen Hof sorgen tagsüber

für ein lebendiges Wohngebiet

Dachgeschosse, Untergeschosse, rückwärtige Erweiterungen und Nebengebäude bieten langfristig

Raum für Wachstum und neue Nutzungen

04. Kopenhagen, Dänemark

An vielen Orten der Stadt

entstanden aus ehemaligen

Dach geschossen zum Wäschetrocknen

Wohnungen mit

außergewöhnlichen Aussichten

und Lichtverhältnissen

80 Sanfte Stadt


02.

03.

04.

Blöcke als Bausteine 81


Hinaufgehen

Direkt hineingehen

Hindurchgehen

Breitere Bürgersteige

Mittelstreifen

108 Blød by

Bordsteinerweiterungen


Verkehrsstau und räumliche Trennung hängen miteinander

zusammen, da die mit der Trennung verbundene räumliche

Ausbreitung mehr Platz erfordert und dies wiederum zu einem

größeren Verkehrsaufkommen führt. Die von den Modernisten

geplante Stadt mit ihren separaten Zonen und Funktionen

erzeugt einen riesigen Bedarf an Verkehrsmitteln, um in den

Genuss aller Vorzüge des städtischen Lebens zu gelangen.

Gleichzeitig ruft die räumliche Trennung auch eine soziale

Kluft hervor, weil unterschiedliche Menschen und Aktivitäten

an völlig verschiedenen Orten angesiedelt sind. Die

zonierte Stadt bewirkt nicht nur einen beschwerlichen Alltag,

sondern stellt auch eine soziale Herausforderung dar,

da sich (ethnisch, wirtschaftlich, beruflich und altersmäßig)

unterschiedliche Gruppen von Menschen nicht auf natürliche

Weise begegnen können.

Städtische Mobilität bedeutet auch soziale Mobilität. Das

Sich-Fortbewegen verbindet nicht nur mit dem jeweiligen

Ziel, sondern auch mit den Orten und Menschen, denen

man unterwegs begegnet.

Direkt hineingehen

Durchgehender Bürgersteig

Fahrradweg

Mittelstreifen

Fahrradweg

Bürgersteig als Haltestelle

Fortbewegung und Vorankommen 109


Die menschliche Dimension

der Mobilität

Unabhängig davon, wie gut die verschiedenen Aktivitäten vor Ort integriert

sind, besteht in jedem städtischen System ein Bedarf an weiteren Mobilitätsoptionen.

Das fängt bei den kleinsten Wegen an, den Wegen von innen nach außen –

vom Wohnzimmer zum Balkon, von der Wohnungstür zur Straße, von der Küche

zum Innenhof. Diese scheinbar unbedeutenden Bewegungen sind wesentlich für

ein bequemes und angenehmes Leben. Man könnte dies als System der fußläufigen

Gebäude bezeichnen: Diese ermöglichen es, in weniger als einer Minute vom

Schlafzimmer, dem Badezimmer oder dem Balkon zum Bäcker, zum Radweg oder

zur Bushaltestelle zu gelangen.

Städtische Mobilität umfasst Fußgänger, Radfahrer, Scooter und öffentliche

Verkehrsmittel ebenso wie Personenkraftwagen und alle Arten von Dienstleistungsund

Lieferfahrzeugen. Auf dieser Ebene wird Mobilität zumeist im Hinblick auf die

jeweiligen Vorteile der verschiedenen technischen und infrastrukturellen Systeme

diskutiert, ihre Kapazität, Geschwindigkeit und den Verkehrsfluss. Es gibt jedoch

noch eine weitere Ebene der Mobilität, die sich mit der Schnittstelle zwischen der

Beförderungsart und den Menschen befasst sowie der Frage, wie sich Mobilitätssysteme,

unabhängig von ihrer Größe und Komplexität, in den kleinen Maßstab

einer Wohnstraße integrieren lassen. Wie bei den fußläufigen Gebäuden ist auch

das Leben im Stadtviertel von kleinen Bewegungen bestimmt, um die Straße zu

überqueren, das Fahrrad auf den Radweg zu schieben oder auf den Bus zu warten.

All diese kleinen Bewegungen, die verschiedene Mobilitätsformen nutzen, bieten

Gelegenheiten für Begegnungen – sie laden dazu ein, mit anderen Menschen in

Kontakt zu treten.

01. Basel, Schweiz Eine Langstrecken-

Stadtbahn verlangsamt ihr

Tempo im Stadtzentrum auf das

der Menschen. Die Schienen

geben den Fußgängern Sicherheit

und sie fühlen sich wohl in

der Nähe der sauberen elektrischen

Straßenbahnen, die viel

leiser als Busse sind. Beachtenswert

sind das geparkte Fahrrad

und das schlafende Baby

02. Tokio, Japan Nutzer aller

Altersgruppen interagieren mit

verschiedenen Formen der

Mobilität

03. Freiburg i. Br., Deutschland

Öffentliche Verkehrsmittel

bieten unzählige Möglichkeiten,

Menschen zu treffen, die

anders sind als man selbst

Die menschliche Dimension der

Mobilität beginnt im Gebäude,

und sie stellt eine nahtlose Verbindung

zwischen den verschiedenen

Alltagssituationen her

110 Sanfte Stadt


01.

02. 03.

Dies ist die menschliche Dimension der städtischen Mobilität. Sich fortzubewegen

gehört unabdingbar zum täglichen Leben, während es beim Vorankommen darum

geht, sich weiterzuentwickeln, das Leben voranzubringen und mit den Menschen

in unserem Umfeld Kontakt aufzunehmen und sich wohlzufühlen. Fußläufigkeit

kann soziales Miteinander schaffen. Wir müssen erkennen, dass Fußläufigkeit jeden

einzelnen Schritt und jede bauliche Beziehung, jedes Gebäude, in dem Menschen

leben und arbeiten, und selbst den kleinsten Raum, in dem sich Menschen bewegen,

beinhaltet.

Fortbewegung und Vorankommen 111


Die Bordsteinerweiterung

Straßenecken sind Mittelpunkte im Stadtviertel. Diese kleinen, lokalen Konzentrationspunkte,

an denen sich Wege kreuzen, offenbaren viele Möglichkeiten.

Straßenecken können Treffpunkte sein oder einfach nur eine Gelegenheit zum

Stehenbleiben, Durchatmen und Beobachten des Umfelds. Angesichts der vielen

Fußgänger, die sich in verschiedene Richtungen bewegen oder auf das Überqueren

warten, stellen Straßenecken und Kreuzungen ein Problem dar.

Eine Bordsteinerweiterung an der Straßenecke ist für einige dieser Herausforderungen

eine einfache, doch höchst effektive Lösung. Durch die Erweiterung des

Bürgersteigs zur Kreuzung hin wird der Raum ausgewogener verteilt. Es entsteht

mehr Platz für wartende Fußgänger und ihre Bewegungen, eine bessere Übersicht

zur eigenen Orientierung und Raum für lokale Aktivitäten, die dem sozialen oder

kommerziellen Potenzial der Ecke entsprechen. Die Bordsteinerweiterung dämmt

gefährliches Fahrverhalten an der Kreuzung ein und macht zugleich die Fußwege

kürzer und sicherer. Sie stellt Raum für Stadtmobiliar zur Verfügung, das an einer

stark befahrenen Durchgangsstraße für eine kleine Ruhepause sorgt, und für Bepflanzungen,

die das „harte“ Straßenbild auflockern.

01.

Bordsteinerweiterungen teilen

die Straße neu auf zugunsten

der langsameren und sanfteren

Aspekte des öffentlichen Lebens.

Fußgänger werden gegenüber

Fahrzeugen bevorzugt

01./02. Lyon, Frankreich Bordsteinerweiterungen

an den

Gebäudeecken erleichtern das

Überqueren der Straße und

schaffen Platz für Bereiche mit

Stühlen und Tischen ähnlich den

Parklets

03./04. Mar del Plata, Argentinien

Bei diesem Pilotprojekt werden

die Bordsteine an den Gebäudeecken

nur mit Farbe und

temporären Pollern erweitert.

Stadtmobiliar und Pflanzgefäße

auf dem ehemaligen Autobereich

laden zum Anhalten,

Verweilen und Sitzen ein. Fotos:

Municipalidad de Mar del Plata

05./06. Buenos Aires, Argentinien

Aufgemalte Bordsteinerweiterungen

erleichtern das Überqueren

der Straße und laden

zum Verweilen ein

126 Sanfte Stadt


02.

03. 04.

05. 06.

Fortbewegung und Vorankommen 127


Zeit

Besonders interessant ist beim „Linearen Barcelona“

der Zeitaspekt. Der Ansatz erkennt die Bedeutung einer

Beschleunigung der baulichen Entwicklung an und

erleichtert daher die Planung und die Bauausführung.

Auch den Vorteilen einer schrittweisen Entwicklung

über die Jahre wird Rechnung getragen, die mit dem

Leben der dort wohnenden Menschen in Einklang steht.

Kurzfristig erleichtert das „Lineare Barcelona“

den Einstieg in das Projekt. Durch die eindeutige

Festlegung der Grenzen besteht die Gewissheit, dass

ein größeres oder höheres Gebäude nicht genehmigt

wird und der Grundstückseigentümer oder Bauträger

sogleich anfangen kann. Diese Grenzen geben den

Nachbarn auch die Sicherheit, dass sie vor einer ungeordneten

oder willkürlichen Bebauung außerhalb der

festgelegten Zonen geschützt sind. Damit erübrigen

sich Einsprüche gegen Bauanträge. Dank des einfachen

und übersichtlichen einseitigen Regelwerks kann

der Bauherr sehr gut nachvollziehen, was möglich ist.

Da Projekte, die diese Anforderungen erfüllen, zügig

durch das Planungssystem geleitet werden, können sie

schneller beginnen.

Im Gegensatz zu Megaprojekten mit ausschließlich

Neubeuten, die ein genaues Timing erfordern

und enorme Störungen verursachen, entsteht das

„Lineare Barcelona“ Stück für Stück über viele Jahre.

Die Gemeinschaft im Umkreis funktioniert weiterhin

mehr oder weniger normal, passt sich jeweils den Veränderungen,

der neuen Bevölkerung und den neuen

Aktivitäten an und nimmt sie auf. Jedes Projekt hat

seinen eigenen Zeitplan, und ob es früher oder später

fertig wird, wirkt sich nicht auf das Ganze aus. Hierin

liegt eine gewisse Zeittoleranz.

Das „Lineare Barcelona“ ist insofern genial, als

es auf Vorhandenem aufbaut und dadurch der Stadt

hilft, mehr zu leisten und die vorhandenen Ressourcen

besser einzusetzen. Es erweitert die Stadt, ohne

die existierenden, inhärenten Qualitäten zu zerstören

oder zu beschädigen, und ermöglicht eine schrittweise

Entwicklung im Laufe der Zeit. In dieser höheren

Dichte koexistieren neue Gebäude mit den alten. Dies

ist nicht nur eine Frage unterschiedlicher Ästhetiken

oder architektonischer Maßstäbe. Vielmehr geht es

auch um das Nebeneinander verschiedener Aktivitäten

und Menschen, neuer und alter, öffentlicher und

privater, Seite an Seite in derselben Straße.

Die Studie Transforming Australian Cities hat eine

menschliche Note, denn sie nennt Menschen pro

Hektar und nicht Gebäudedichten. Sie anerkennt die

menschliche Dimension, weil sie kleinere, schrittweise

Entwicklungen vorsieht. Die Bewohner können so die

Vorteile während des Entstehens erfahren. Es entstehen

nicht nur Gebäude im menschlichen Maßstab, auch

der Wandel erfolgt im menschlichen Tempo.

Obwohl der Maßstab und die Struktur von Barcelona

inspiriert sein könnten, zeigt sich in den inneren

Vororten von Melbourne eine neue Architektur, eine

regionstypische urbane Ausdrucksweise, die einzigartig

ist und zu ihrem Ort gehört.

Diese Art eines Bebauungsmodells ist für viele andere

Teile der Welt von Bedeutung und veranschaulicht,

dass eine hohe Dichte auch ohne Hochhäuser erreichbar

ist und dass eine höhere Dichte mehr Menschen

eine bessere Lebensqualität bieten kann.

Melbournes neue regionstypische Stadtarchitektur

146 Sanfte Stadt


Das Modell „Lineares Barcelona“

Bestand mit verkehrsschwachen Straßen, die von einem qualitätsvollen öffentlichen Nahverkehr bedient werden

Kurz- und mittelfristig lassen sich Straßen mit Bäumen, Fahrradwegen und Möbeln aufwerten und erste Neubauten neben den alten errichten.

Für die vorhandenen Gebäude können neue Nutzungen gefunden werden

Mittel- bis langfristig kann der Gebäudebestand ersetzt, verdichtet und diversifiziert werden, und zwar in einem Tempo,

bei dem die lokalen Unternehmen und die Bewohner Teil der Entwicklung sein können. Mit wachsender Bevölkerung

können die öffentlichen Nahverkehrsmittel häufiger verkehren

Fortbewegung und Vorankommen 147


158 Sanfte Stadt

Der Querschnitt eines Pariser Hauses um 1850 zeigt den in jedem Geschoss unterschiedlichen wirtschaftlichen Status

der Mieter (Edmund Texier, Tableau de Paris [Paris 1852])


die funktionale, soziale und wirtschaftliche Vielfalt, die ein Gebäude

beherbergen kann.

Der Zeichner artikuliert die Schwächen der Gesellschaft, indem

er das Innenleben der Stadt und die wirtschaftliche Kluft aufzeigt. Für

diese Illustration gibt es jedoch auch eine andere Lesart. Was zählt, ist

die gemeinsame Adresse dieser unterschiedlichen Menschen. Sie alle

leben unter demselben Dach. Sobald sie ihre Wohnungstür verlassen,

sind sie Nachbarn, und sobald sie auf die Straße treten, gehören sie

der gleichen Gemeinschaft an und haben Zugang zu den Vorzügen der

Stadt in ihrer Nähe.

Wenn ein Gebäude diese Vielfalt aufnehmen kann, dann erst recht

ein Block, weil sich das Muster wiederholt. Daher können Menschen mit

multiplen Fähigkeiten, Bedürfnissen, finanziellen Mitteln und Hintergründen

und in diversen Lebensabschnitten als Nachbarn zusammenleben.

Bereits lange vor dem Modernismus scheinen die meisten formalen Planungen

sich darin zu wiederholen, die bauliche Umwelt ordnen zu wollen,

was meistens mit der Trennung von unterschiedlichen Menschen und

Nutzungen einhergeht. Im Gegensatz zu den Personen in der französischen

Zeichnung wohnen heute Menschen mit ungleichen Einkommensverhältnissen

kilometerweit voneinander entfernt.

Existiert eine Parallele zwischen dem Naturwald und der traditionellen

Stadt oder Gemeinde? Ebenso wie der Wald nicht nur eine

große Ansammlung von Bäumen ist, ist die Stadt nicht nur eine große

Ansammlung von Gebäuden. In beiden Fällen ist das Ganze größer als

die Summe der Einzelteile. Wenn die Stadt gut funktioniert, kann sie

auch ein symbiotisches und nachhaltiges System sein, das eine große

Lebensvielfalt beherbergt.

So wie Bäume können auch Gebäude spezifische und verschiedene

Schichten aufweisen – die Erdgeschossebene ist die geschäftigste und

konzentrierteste, danach kommen die relativ ruhigen mittleren Geschosse

und schließlich der besondere Ort im Dachgeschoss, wo das Gebäude

wie die Baumkronen auf den Himmel trifft. Sind die abgetrennten Zonen

der modernistischen Planung, die Sozialwohnungen, die bewachten

Wohnviertel, die Gewerbegebiete und die Einkaufszentren das urbane

Äquivalent zum Forst?

Wie das Leben im Wald ist auch das urbane Leben stets im Wandel

begriffen. Die durch räumliches Schichten und Nebeneinanderstellen

bewirkte lokale Komplexität verhilft der Stadt, sich den ständig verändernden

Lebensbedingungen anzupassen und sie einzuverleiben.

Leben schichten 159


01.

02.

03.

05.

Lösungen, die Licht, Luft und Lärm der urbanen Umgebung filtern:

01. Barcelona, Spanien

02. Lyon, Frankreich

03. Basel, Schweiz

04. Melbourne, Australien

04.

05. Freiburg i. Br., Deutschland

174 Sanfte Stadt


Ein praktischer und flexibler Filter:

Die Edinburgher Haustür

Die traditionelle Eingangstür in Edinburgh, Schottland,

kombiniert eine schwere äußere Haustür mit

einer leichteren Innentür aus Glas. Dazwischen fungiert

ein Windfang als komplexer klimatischer Filter,

der auf die unterschiedlichen täglichen Bedürfnisse

der Nutzer reagieren kann. Ein thermischer Puffer

aus zwei Türen bewirkt eine bessere Isolierung und

weniger Wärmeverluste beim Betreten und Verlassen

in der kalten Jahreszeit.

Der Windfang kann auch Kleidung und Utensilien

für draußen aufnehmen, zum Beispiel Regenmäntel,

Gummistiefel und Regenschirme, die in regenreichen

Gebieten üblich sind.

Durch ein Oberlicht über der Haustür gelangt natürliches

Licht in den Windfang, selbst bei geschlossener

Tür. Die innere Glastür kann gemustertes oder opakes

Glas oder auch einen Vorhang als Sichtschutz aufweisen.

Die beiden Türen, eine Lampe und der Vorhang bieten

verschiedene Ebenen der Verbindung zur Straße. Die

vielfältigen Kombinationsmöglichkeiten der Öffnung

von Türen und Vorhang und auch das ein- oder ausgeschaltete

Licht beeinflussen das Verhalten auf der

Straße. Sowohl die Haustür als auch die Glastür können

weit geöffnet, ganz geschlossen, leicht angelehnt,

verriegelt oder entriegelt sein und signalisieren so den

Grad der Offenheit für Geselligkeit.

Der Ausdruck von Offenheit erhöht auch das Sicherheitsempfinden,

weil vor allem in der Nacht eine Straße

sicherer anmutet, wenn Licht brennt und die Türen

offen sind. Ebenso kann ein beleuchteter Windfang den

Eindruck erwecken, dass das Haus bewohnt ist, und

so die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs verringern.

Mit dem Wetter leben 175


01.

Attraktive und nützliche Freiräume

Für die Gestaltung attraktiver und praktischer Freiräume

in dieser so nah am Meer gelegenen Region ist

das Mikroklima ein zentraler Aspekt. Doch gewährleistet

der Masterplan darüber hinaus auch ein breites

Spektrum an Raumerfahrungen, mit unterschiedlichen

Räumen und Außenbereichen, von ganz privat und

intim bis zu öffentlich.

Der öffentliche Raum hat einen großen Anteil am

Erfolg von Bo01, von den größeren Parks im Stadtgebiet

bis zu den vielen kleinen Plätzen in der Nachbarschaft.

Bo01 ist vom öffentlichen Raum regelrecht eingerahmt.

Im Westen liegen das Meer und die Uferpromenade

(Sundspromenaden) sowie der grüne Erholungspark

Daniaparken und im Osten der Ankarparken mit seinem

Kanal zum Meer. Diese zwei wichtigen öffentlichen

Seiten bedeuten, dass es keine unerwünschte Rückseite

gibt. In beiden Bereichen herrscht ein anderes Mikroklima.

Die Uferpromenade bietet eine weite Aussicht,

die viele Menschen anlockt, um die Abendsonne zu

sehen. Hier weht zuweilen ein starker Seewind, der die

Aktivitäten bei bestimmten Wetterlagen einschränkt.

Der Park am Kanal ist eher windstill, hat ein berechenbareres

Klima und ist ein ruhigerer und entspannterer

Ort. Diese beiden Räume ergänzen sich gegenseitig,

und ihre inhärenten Unterschiede bieten den Bewohnern

die Wahl, wo sie sich lieber aufhalten möchten.

01. Die Ansicht der Sundspromenaden zeigt die Aneinanderreihung

einzelner Gebäude zu einer Straße. Collage: Sotaro Miyatake

02.–04. Auffallend ist, dass die Bewohner ihre Türen offenstehen

lassen und ihre persönlichen Gegenstände auf der Straße

ausbreiten. Dies zeugt von einer Freiluftkultur und einem gewissen

Vertrauen, das wir eher mit einem alten Dorf als mit einer

relativ neuen urbanen Siedlung assoziieren würden

05. Eine Pergola in einem der kleinen öffentlichen Bereiche

02.

03.

198 Sanfte Stadt


Eine grüne Nachbarschaft

Bei Bo01 enthielt der Plan einen sogenannten

Grünflächenfaktor, der die Vorteile von Elementen

zur Förderung der Artenvielfalt berücksichtigt. So wie

jedes Grundstück einen anderen Gebäudearchitekten

hatte, so hatte auch jedes Grundstück einen anderen

Landschaftsarchitekten, um vielfältige Lösungen zu

gewährleisten. Die Bauherren und ihre Planer verwendeten

für jeden Standort ein Punktesystem, das

eine Vielzahl von Lösungen für den Grünbedarf in

der Umgebung ihrer Gebäude ermöglichte. Punkte

erhielten große Bäume und Sträucher, Grünflächen

und Pflanzbeete, Begrünungen von Mauern, etwa mit

Schling- und Kletterpflanzen, und Dächern, etwa mit

Sedum, sowie Wasserflächen wie Teiche und andere

Wasserspiele. Die Liste umfasste 35 umfangreiche

Umweltmaßnahmen, von denen mindestens 10 in

jedem Wohnhof umzusetzen waren.

Grüne Punkte wurden außerdem vergeben für

Vogelnistkästen an den Wohnungen und einen Fledermauskasten

auf jedem Grundstück, die Verwilderung

eines Teils des Hofgartens, das Anpflanzen von 50

einheimischen Wildblumenarten, Gründächer und für

Systeme zum Auffangen und Wiederverwenden von

Regenwasser. Dieser Grünflächenfaktor soll gegebenenfalls

auch in der Stadt Malmö angewendet werden.

Ähnliche Grünflächenfaktoren kamen in deutschen

Städten wie Berlin und Seattle in den USA zum Tragen.

Immer mehr Städte erwägen ein solches Vorgehen,

um dem Bedarf an Grünflächen und Artenvielfalt auf

dynamischere Weise zu begegnen.

04. 05.

Mit dem Wetter leben 199


01.

02.

03.

04. 05.

06. 07.

220 Sanfte Stadt


01. Kopenhagen, Dänemark Ohne

Zäune oder Mauern öffnet sich

dieser Schulhof vollständig zu

einem öffentlichen Platz

02. Paris, Frankreich Stände

der Bouquinisten bevölkern

die schweren Schutzmauern

entlang der Seine und sorgen

für Arbeitsplätze, Kultur und

Unterhaltung

03. Barcelona, Spanien Offizielle

Informationskampagne

zur Förderung eines besseren

Verhaltens an öffentlichen

Orten

04. New York, USA Der große,

gemeinsam genutzte Tisch in

einem Café ermöglicht spontane

Interaktion

05. Paris, Frankreich Auf einer

durchlässigen Kiesfläche

und unter einem Blätterdach

ermöglichen bewegliche Stühle

unbegrenzte Sitzmöglichkeiten

06. Kopenhagen, Dänemark

Hybrides Reisen – mit dem

Kurierfahrrad im Vorortzug

07. Tokio, Japan Großeltern und

Enkelkinder nutzen die Vorteile

einer Fußgängerzone

Was lässt menschliche Siedlungen fortbestehen? Wie konnte Rom

den Untergang des Römischen Reiches überleben und anderthalb

Jahrtausende später die Hauptstadt eines modernen Italiens sein?

Dresden und Hiroshima wurden durch Bombenangriffe zerstört und

einzig aus Staub und Erinnerungen zu neuem Leben erweckt. Warum

gelingt es dagegen vielen neu geplanten Städten nicht, zu florieren?

Wird aus Brasília jemals ein Rio oder aus Canberra ein Sydney?

Gleichzeitig erweisen sich Favelas als anpassungsfähig und

sind viel lebendiger als stark subventionierte, geplante Wohnbauprojekte.

Einige informelle Siedlungen, die ohne Architekten, Planer

oder Subventionen auf den minderwertigsten Grundstücken entstanden,

haben über raschend nachhaltige, integrative und enge Gemeinschaften

geschaffen, die auf die sich wandelnden Bedürfnisse ihrer

Bewohner reagieren.

Um unseren Lebensraum zu verbessern, müssen wir uns mit den

Heraus forderungen unseres Umfelds befassen; um ihnen gerecht zu

werden, müssen wir sie bereitwillig annehmen. Wir brauchen eine

engere Verbindung zur Welt um uns herum. Das Errichten einer Mauer

löst nicht das Problem auf der anderen Seite. In vielerlei Hinsicht verschärft

es dieses nur. Stattdessen müssen wir Beziehungen aufbauen.

Angesichts des Klimawandels, der Segregation, der Verkehrsstaus und

der raschen Verstädterung bedarf es besserer Beziehungen zur Erde,

zu den Mitmenschen und Orten. Weder der Bau alleinstehender, in

den Himmel ragender klimatisierter Gebäude oder bewachter Wohnviertel

noch mehr Straßen und autonome Autos werden uns mit den

globalen Herausforderungen oder miteinander verbinden, um diese

Herausforderungen letztlich gemeinsam angehen zu können.

Die Stadt oder die Gemeinde ist ein System von Beziehungen,

ein gemeinsamer Standort mehrerer, sich überschneidender Systeme

unterschiedlicher Beziehungen – öffentliche und private, gemeinschaftliche

und individuelle, formelle und informelle. Wie die natürlichen

Schichten im Wald verbinden die vielfältigen, untereinander verknüpften

Beziehungen verschiedene Phänomene miteinander und erhöhen

die Resilienz des Ganzen.

Sanftes ist schwer zu brechen 221


7. Angenehmes Mikroklima

Der physische Komfort eines guten Mikroklimas

ist besonders für das öffentliche Leben wichtig, da er

zum Gehen, Radfahren und zum Aufenthalt im Freien

ermuntert. Dies schließt auch die Nutzung öffentlicher

Verkehrsmittel mit ein, da sie ebenfalls mit Fußwegen

und Wartezeiten im Freien verbunden ist. Wie bereits

beim zweiten Kriterium zum Leben im Freien erwähnt,

kann der Aufenthalt in den Zwischenbereichen der

Gebäude die für das Stadtleben typischen beengten

Lebensbedingungen ausgleichen.

Mit der angestrebten Wechselwirkung von gebauter

Form und Mikroklima soll das Wetter gemildert,

aber nicht geleugnet oder verändert werden. Vielmehr

werden Extreme herausgefiltert. Entsprechend dem

Motto „wettergerechte Kleidung“ sollen Menschen mit

ihrem Klima in Einklang kommen, indem es ihnen nähergebracht

wird. Dies geht mit einer geringeren Abhängigkeit

von Heizungs- und Kühlungssystemen einher.

Um eine lebendigere Nachbarschaft zu bilden und

ein nachhaltigeres Verhalten, insbesondere aktive Mobilität,

zu fördern, sollte das angenehme Mikroklima

direkt vor der Haustür beginnen. Dies ist der Ort, an

dem der Spaziergang oder Weg zur Bushaltestelle (oder

zu einem anderen Ziel) seinen Ausgang nimmt oder

an dem sogar gewartet wird. Es reicht nicht aus, ein

angenehmes Klima nur in außergewöhnlichen Bereichen

zu schaffen, es ist die gesamte urbane Form einzubeziehen.

Jan Gehl stellt häufig fest, dass die meisten

älteren Stadtviertel diese Qualität aufweisen.

Eine urbane Form mit einheitlich niedrigeren

Gebäudehöhen schafft nahezu immer ein besseres

Mikroklima, weil hohe Strukturen als Ursache von

Turbulenzen fehlen. Höhere Gebäude fangen häufig

stärkere und kältere Winde ab und leiten sie auf den

Boden, wodurch die Zwischenräume ungemütlich,

zugig und dem Wind ausgesetzt sind. Außerdem werfen

hohe Gebäude längere Schatten, sodass die Orte

dunkel und kalt bleiben.

Gebäude mit aerodynamischen Dachformen wie

Schräg-, Walm-, Rund- oder Mansardendach können

stärkere Winde vom Boden wegleiten und die Sonne

in die Zwischenräume einfallen lassen.

Wenn sonnige Gebäuderänder und Windschutz

kombiniert werden, zum Beispiel in Innenhöfen, entstehen

angenehme Plätzchen, die sich auch in der

kälteren Jahreszeit für einen Aufenthalt im Freien eignen.

Interessanterweise können geschlossene Räume

wie Innenhöfe auch in heißeren Klimazonen nützlich

sein, da sie sowohl Schatten spenden als auch für die

kälteren Nächte als Wärmespeicher dienen. Halbgeschlossene

Räume wie zurückgesetzte Balkone haben

eine längere Saison.

Kleine Details wie Öffnungen können für die mikroklimatische

Erfahrung von Bedeutung sein. Fenstertüren

und niederländische Türen oder Stalltüren können

einen ganzen Raum in einen Balkon verwandeln und

240 Sanfte Stadt


die Menschen innen mit der frischen Luft und dem

Leben draußen verbinden.

Regen sollte kein Hindernis für die tägliche Fortbewegung

im Stadtviertel sein. Verschiedene bauliche

Maßnahmen ermöglichen die Bewegung und

den Aufenthalt im Freien auch bei Nässe. Diese Art

von Schutzbauten umfasst Auskragungen, Vordächer,

Markisen und großzügige Dachvorsprünge entlang des

Gebäuderandes sowie größere Lösungen wie Kolonnaden,

Arkaden und überdachte Gehwege.

Das mit einer gebauten Form geschaffene,

angenehme Mikroklima ermöglicht einen

längeren Aufenthalt im Freien.

Worauf zu achten ist:

• Gleichbleibende mikroklimatische

Bedingungen in einem Raum

• Schutz vor starken Winden und Vermeiden

von Turbulenzen

• Sonneneinstrahlung und Vermeiden von

Schatten (oder das Gegenteil, abhängig

vom lokalen Klima)

• Aerodynamische Dachform

• Geschützte oder umschlossene

Außenbereiche

• Nützliche Öffnungen

• Regenschutz an Rändern

Neun Kriterien für lebenswerte urbane Dichte 241


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S. 125/01, 02; S. 128/01−03; S. 132, 133/01−04; S. 135/02; S. 149/Mitte; S. 150/3. Bild

von oben; S. 165/01, 02; S. 166/03; S. 183 oben; S. 206/02; S. 209/03, 04; S. 198. Birgitte

Svarre: S. 38/01, 02; S. 166/01, 02, 04. Julia Day: S. 220/04

Das Gesamtkonzept des Buches, das Layout, der Umschlag, alle Illustrationen und die Diagramme

wurden vom Autor entworfen, mit Ausnahme des Diagramms unten auf Seite 101,

das auf die Idee von Kristian Villadsen zurückgeht. Marie Boye Thomsen hat diese Komponenten

zu einem publizierbaren Buch zusammengestellt. Mein Dank geht an Pia Jablonsky,

die mir bei so mancher kniffliger Wortwahl beratend zur Seite stand.

Übersetzung: Joanna Zajac-Heinken, Köln

Lektorat: Ute Rummel, Aschau im Chiemgau

Projektmanagement Verlag: Theresa Hartherz, ovis, Berlin

Satz: Bild1Druck, Berlin

Lithografie: Bild1Druck, Berlin

Gedruckt in der Europäischen Union

Projektteam Gehl

Projektmanagement: Birgitte Svarre

Grafikerin: Marie Boye Thomsen

Architekt: Scott Przibella

Koordination Grafiken und Vektorgrafiken: Martin Nelson

Wissenschaftliche Mitarbeit: Camilla Siggard-Andersen

Studentische Mitarbeit: Elena Balabanska, Arianna Bavuso, Anne Louise Brath Severinsen,

Samuel Csader, Mads Kjær, Anna Lindgaard Jensen

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

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