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FINE - Das Weinmagazin - 58. Ausgabe - 03/2022

FINE DAS WEINMAGAZIN, 58. AUSGABE - 03/2022 SCHLOSS GOBELSBURG TRADITION UND WEITBLICK IM KAMPTAL EDITORIAL Von Dynastien und Revolutionen CHARTA Die FINE-Weinbewertung KAMPTAL Österreichs Wein-K2: Gipfelsturm mit Urgestein KAMPTAL Schloss Gobelsburg: Michael Moosbruggers Visionen BORDEAUX Château Cheval Blanc: Im Galopp zum Öko-Status BORDEAUX Château Lassègue: Weinbau nach Maß BORDEAUX Château Duhart-Milon: Zurück ans Licht DAS GROSSE DUTZEND Château du Tertre: Stilsicher statt modisch LOIRE Clos de la Coulée de Serrant: Pionier der Biodynamie PROVENCE Domaine de Trévallon: Künstlerglück BURGUND Domaine Comte Georges de Vogüé: Geduldsproben TASTING Größen der Côte d’Or aus den Jahren 1996 bis 2010 SÜDFRANKREICH Chant des Cigales: Rosige Aussichten für Chandon TASTING 100 deutsche Spitzen-Spätburgunder von 2019 WORTWECHSEL Warum das deutsche Rotweinwunder kein Wunder ist WEIN & ZEIT Die Anfänge des deutschen Rotweinwunders DIE PIGOTT-KOLUMNE Verblüffende Pinots Noirs aus dem Elsass WEIN & SPEISEN Jürgen Dollase isst in Erno’s Bistro in Frankfurt TOSKANA Ca’ Marcanda: Angelo Gaja in der Maremma KATALONIEN Purgatori: Ein Zukunftslabor von Familia Torres GENIESSEN Kein Sakrileg: Feine Weine zum Sauerkraut TASTING Pomerol für die Langstrecke: L’Eglise-Clinet NAHE Cornelius Dönnhoff: Wanderer zwischen den Welten ABGANG Der Vater des Geheimrats

FINE DAS WEINMAGAZIN, 58. AUSGABE - 03/2022
SCHLOSS GOBELSBURG
TRADITION UND WEITBLICK IM KAMPTAL

EDITORIAL Von Dynastien und Revolutionen
CHARTA Die FINE-Weinbewertung
KAMPTAL Österreichs Wein-K2: Gipfelsturm mit Urgestein
KAMPTAL Schloss Gobelsburg: Michael Moosbruggers Visionen
BORDEAUX Château Cheval Blanc: Im Galopp zum Öko-Status
BORDEAUX Château Lassègue: Weinbau nach Maß
BORDEAUX Château Duhart-Milon: Zurück ans Licht
DAS GROSSE DUTZEND Château du Tertre: Stilsicher statt modisch
LOIRE Clos de la Coulée de Serrant: Pionier der Biodynamie
PROVENCE Domaine de Trévallon: Künstlerglück
BURGUND Domaine Comte Georges de Vogüé: Geduldsproben
TASTING Größen der Côte d’Or aus den Jahren 1996 bis 2010
SÜDFRANKREICH Chant des Cigales: Rosige Aussichten für Chandon
TASTING 100 deutsche Spitzen-Spätburgunder von 2019
WORTWECHSEL Warum das deutsche Rotweinwunder kein Wunder ist
WEIN & ZEIT Die Anfänge des deutschen Rotweinwunders
DIE PIGOTT-KOLUMNE Verblüffende Pinots Noirs aus dem Elsass
WEIN & SPEISEN Jürgen Dollase isst in Erno’s Bistro in Frankfurt
TOSKANA Ca’ Marcanda: Angelo Gaja in der Maremma
KATALONIEN Purgatori: Ein Zukunftslabor von Familia Torres
GENIESSEN Kein Sakrileg: Feine Weine zum Sauerkraut
TASTING Pomerol für die Langstrecke: L’Eglise-Clinet
NAHE Cornelius Dönnhoff: Wanderer zwischen den Welten
ABGANG Der Vater des Geheimrats

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4 197772 520006 03

SCHLOSS GOBELSBURG

TRADITION UND WEITBLICK IM KAMPTAL

Bordeaux Burgund 100 deutsche Pinots Noirs Nahe Große Vertikale

Château Cheval Blanc Domaine Comte Spätburgunder List 2019 – Der Weltenwanderer 49 Jahrgänge

wird zum Bio-Gut Georges de Vogüé heimischer Rotwein im Allzeithoch Cornelius Dönnhoff Château L’Eglise-Clinet


FINE

CHÂTEAU CHEVAL BLANC 26

CHÂTEAU LASSÈGUE 34

CHÂTEAU DUHART-MILON 40

CLOS DE LA COULÉE DE SERRANT 50

DOMAINE DE TRÉVALLON 56

DOMAINE

COMTE GEORGES DE VOGÜÉ 62

GAJA IN DER MAREMMA 112 CORNELIUS DÖNNHOFF 136

6 FINE 3 | 2022 INHALT


DAS WEINMAGAZIN 3|2022

SPÄTBURGUNDER LIST 2019 78

GRÖSSEN DER CÔTE D’OR 70

VERKOSTUNG L’EGLISE-CLINET 126

SCHLOSS GOBELSBURG 14

9 FINE EDITORIAL _________________ Von Dynastien und Revolutionen

11 FINE CHARTA ____________________ Die FINE-Weinbewertung

12 FINE KAMPTAL ___________________ Österreichs Wein-K2: Gipfelsturm mit Urgestein

14 FINE KAMPTAL ___________________ Schloss Gobelsburg: Michael Moosbruggers Visionen

26 FINE BORDEAUX _________________ Château Cheval Blanc: Im Galopp zum Öko-Status

34 FINE BORDEAUX _________________ Château Lassègue: Weinbau nach Maß

40 FINE BORDEAUX _________________ Château Duhart-Milon: Zurück ans Licht

46 FINE DAS GROSSE DUTZEND ___ Château du Tertre: Stilsicher statt modisch

50 FINE LOIRE _______________________ Clos de la Coulée de Serrant: Pionier der Biodynamie

56 FINE PROVENCE _________________ Domaine de Trévallon: Künstlerglück

62 FINE BURGUND __________________ Domaine Comte Georges de Vogüé: Geduldsproben

70 FINE TASTING ____________________ Größen der Côte d’Or aus den Jahren 1996 bis 2010

74 FINE SÜDFRANKREICH __________ Chant des Cigales: Rosige Aussichten für Chandon

78 FINE TASTING ____________________ 100 deutsche Spitzen-Spätburgunder von 2019

94 FINE WORTWECHSEL ____________ Warum das deutsche Rotweinwunder kein Wunder ist

96 FINE WEIN & ZEIT ________________ Die Anfänge des deutschen Rotweinwunders

102 FINE DIE PIGOTT-KOLUMNE _____ Verblüffende Pinots Noirs aus dem Elsass

106 FINE WEIN & SPEISEN ___________ Jürgen Dollase isst in Erno’s Bistro in Frankfurt

112 FINE TOSKANA __________________ Ca’ Marcanda: Angelo Gaja in der Maremma

118 FINE KATALONIEN _______________ Purgatori: Ein Zukunftslabor von Familia Torres

124 FINE GENIESSEN ________________ Kein Sakrileg: Feine Weine zum Sauerkraut

126 FINE TASTING ____________________ Pomerol für die Langstrecke: L’Eglise-Clinet

136 FINE NAHE _______________________ Cornelius Dönnhoff: Wanderer zwischen den Welten

146 FINE ABGANG ___________________ Der Vater des Geheimrats

INHALT

FINE 3 | 2022 7


KAMPTAL:

GIPFELSTURM

Das Kamptal, in Niederösterreich zwischen Kremstal und Weinviertel gelegen, hat in den

vergangenen Jahrzehnten eine so auffällige Entwicklung genommen, dass Weinfreunde

es Österreichs K2 nennen (als Mount Everest gilt ihnen die Wachau).

Seinen Namen verdankt es dem Fluss Kamp,

an dessen Unterlauf das Anbaugebiet liegt,

mit rund 3900 Hektar Rebfläche eines der

größeren des Landes. Die vor kalten Winden

geschützten Südhänge werden großenteils von

Löss dominiert, zudem finden sich in den Hügeln

des Kamptals mineralstoffreiche Urgesteine wie

Granit, Gneis und Glimmerschiefer mit vulkanischen

Bestandteilen. Das Kamptal liegt etwas tiefer als die

Wachau im Westen, daher ist die durchschnittliche

Jahrestemperatur rund ein Grad höher. Klimatische

Dynamik entsteht durch die Begegnung von Wärme

aus der heißen Pannonischen Ebene und kühlen

nächtlichen Winden aus dem nördlich angrenzenden

Waldviertel. Die Temperaturunterschiede zwischen

Tag und Nacht steigern auch die Lebendigkeit und

Spannung in den Weinen. Bei den Rebsorten stehen

Riesling und Grüner Veltliner im Mittelpunkt;

daneben hat sich im weißen Bereich Chardonnay,

im roten Zweigelt und Pinot Noir etabliert.

Das Zentrum des Kamptals bildet das Städtchen

Langenlois mit seiner jahrhundertealten

12 FINE 3 | 2022 KAMPTAL


MIT URGESTEIN

Weinbautradition und berühmten Lagen wie dem

Zöbinger Heiligenstein, dessen ganz besonderen

Boden ein Wüstensandstein mit vulkanischen

Bestandteilen aus der Perm-Zeit vor 270 Millionen

Jahren bildet. Zu den bekannten und als Erste

Lagen klassifizierten Weinbergen zählen auch die

Langenloiser Ried Spiegel und die für ihre Grünen

Veltliner geschätzte Ried Lamm in Kammern. Wer

sich einen Überblick über das Kamptal und dessen

Weine verschaffen möchte, dem sei ein Besuch

im Loisium in Langenlois empfohlen, einem

futuristischen Hotel mit Vinothek, Restaurant und

Weinmuseum.

Langenlois ist eng verbunden mit Spitzenwinzern

wie Willi Bründlmayer, der die Weine aus

dem Kamptal international bekannt gemacht hat.

Wichtige Impulse kommen heute aus dem nahe

gelegenen Schloss Gobelsburg, das schon im elften

Jahrhundert den Donauraum dominierte. Michael

Moosbrugger hat das traditionsreiche Schlossgut zu

neuem Leben erweckt und zurück an die Spitze im

Gebiet geführt. Außerdem prägt Moosbrugger seine

Branche landesweit seit 15 Jahren als Obmann der

Österreichischen Traditionsweingüter (ÖTW), der

Entsprechung zum Verband Deutscher Prädikatsweingüter

VDP. So ist es nur natürlich, wenn wir die

Beschäftigung mit Österreichs Weinbau, die sich in

den kommenden FINE-Ausgaben fortsetzen wird,

auf den nächsten Seiten mit einem Porträt dieses

meinungsfreudigen Ausnahmekönners beginnen.

KAMPTAL FINE 3 | 2022 13


IM GALOPP

CHÂTEAU CHEVAL BLANC IN SAINT-ÉMILION WAR

DANK GEWAGTER IDEEN ZUM MYTHOS

GEDIEHEN. NUN WANDELT ES

SICH ATEMBERAUBEND

SCHNELL ZU EINEM

ÖKOLOGISCHEN

MUSTERGUT,

OHNE DIE

LEGENDÄRE

QUALITÄT

SEINER WEINE

ZU GEFÄHRDEN

Von BIRTE JANTZEN

Fotos LEIF CARLSSON und ARNE LANDWEHR

26 FINE 3 | 2022 BORDEAUX


INS GRÜNE

Auf den ersten Blick sieht alles ganz klassisch nach Bordeaux aus. Ein Meer

von Reben, ein sandfarbenes Herrenhaus aus dem 19. Jahrhundert mit grauem

Schieferdach und einem Türmchen, spitz wie ein aufgestelltes Katzenohr, ein

vom Star architekten Christian de Portzamparc entworfener Beton-Weinkeller

in geschwungenen Formen mit wundervoll begrünter Dachterrasse, eine Vinothek

mit den edelsten Jahrgängen aus der Geschichte des Weinguts. Aber dann

folgt der zweite Blick: Blühen da etwa Obstbäume mitten zwischen den Reben?

Und seit wann gibt es vor dem Château einen Teich mit Ruderboot?

Wer seit fünf Jahren nicht mehr auf Cheval Blanc

gewesen ist, kann ins Staunen kommen. Im Galopp

verabschiedet sich das legendäre Spitzengut in

Saint-Émilion gerade von der Agronomie des 20. Jahrhunderts

und erkundet neue Wege, den Weinbau grüner, nachhaltiger,

resilienter zu gestalten – weg von der Monokultur, hin zu einem

gesamtheitlich landwirtschaftlichen Modell. Das mag erst einmal

nach biodynamischen Prinzipien klingen oder auch nach

einer neuen Marketingstrategie. Es ist aber keins von beiden,

vielmehr handelt es sich um Agrar ökologie. »Wir nennen es

Landwirtschaft des Lebendigen«, sagt schmunzelnd Pierre-

Olivier Clouet, der technische Direktor des Gutes. Er ist bekannt

dafür, den Weinbau sachlich und bodenständig zu betreiben,

Rudolf Steiner zählt gewiss nicht zu seinen Lieblingsautoren.

Spätestens da fragt man sich im Stillen: Wofür steht Cheval

Blanc denn nun wirklich?

BORDEAUX

FINE 3 | 2022 27


ZURÜCK

INS LICHT

EIN CHÂTEAU OHNE SCHLOSS, ABER ALS GRAND CRU KLASSIFIZIERT,

IM ÄUSSERSTEN WINKEL VON PAUILLAC GELEGEN, ABER EIN NACHBAR

VON CHÂTEAU LAFITE – UNTER DEN SPITZENWEINEN DES BORDELAIS

WAR CHÂTEAU DUHART-MILON LANGE EIN ASCHENPUTTEL. HEUTE

WEIST DIE NEUE LEITUNG DER DOMAINES BARONS DE ROTHSCHILD

(LAFITE) DEM GUT SEINEN VERDIENTEN PLATZ IN DER ERSTEN REIHE ZU,

DAS IN DER KLIMAKRISE BESONDERE STÄRKEN ZEIGT

Von STEFAN PEGATZKY

Fotos JOHANNES GRAU

40 FINE 3 | 2022 BORDEAUX


Milon ist ein eigenartiger Ort – kaum 30 Häuser, die sich um eine einzelne frei stehende

Pinie scharen. Fast alle Einwohner haben mit Wein zu tun, auch wenn es hier kein einziges

Weingut mehr gibt; in das letzte ist eine Craftbeer-Brauerei gezogen. Nichts an diesem

Dorf, das man diplomatisch als schmucklos beschreiben könnte, vermittelt das Gefühl, an

einem Hotspot der Weinwelt zu stehen. Doch folgte man aus der Ortsmitte dem namenlosen

Gässchen direkt nach Osten, erreichte man nach gut 600 Metern Château Lafite,

nähme man die Rue de Lalande nach Südosten, käme man nach etwa der doppelten

Strecke zu Château Mouton-Rothschild.

Dass Milon jedem ernsthaften Weinkenner

ein Begriff ist, verdankt es den Weinen, die

nach ihm benannt wurden: neben zahlreichen

heute verschwundenen Crus Bourgeois wie

den Châteaux La Fleur Milon oder Grand-Duroc-

Milon vor allem dem als Grand Cru der 5. Kategorie

klassifizierten Château Clerc Milon und dem einzigen

Quatrième Grand Cru Classé der Appellation

Pauillac, Château Duhart-Milon. Wem diese Namen

nichts sagen, der wird spätestens beim Hinweis

auf die Besitzer hellhörig: Gehört Clerc Milon der

Baronne Philippine de Rothschild, Eigentümerin von

Château Mouton-Rothschild, so zählt Duhart-Milon

ebenso wie Château Lafite zu den Domaines Barons

de Rothschild (DBR). So glanzlos der Ort auch ist,

schmücken seine Weine dennoch die Portfolios des

höchsten Bordelaiser Weinadels.

Davon weiß niemand besser zu erzählen als Eric

Kohler, der sowohl bei Lafite als auch beim benachbarten

Duhart-Milon technischer Direktor ist. Für

ihn verkörpert Duhart-Milon »die perfekte Balance«

zwischen Cabernet Sauvignon und Merlot in Pauillac.

Denn der Boden für den Cabernet besteht hier, wie

Kohler erläutert, »fast nur aus Kieseln und ist sehr

karg, während der von Lafite auch ein wenig Lehm

enthält. Der Merlot steht bei Lafite dagegen großenteils

auf Böden, die eigentlich zu warm für ihn sind,

im Grunde sind das Cabernet-Lagen. In den nördlichen

Lagen von Duhart-Milon gibt es dagegen

›echten‹ Merlot-Boden mit einem hohen Anteil

von Lehm und Kalk.« Darum habe der Wein von

Duhart-Milon mit etwa einem Drittel auch immer

einen höheren Merlot-Anteil.

Diese Eigenart von Duhart-Milon wird noch

deutlicher bei einer Fahrt durch den nördlichen Teil

von Pauillac und einem anschließenden Spaziergang

durch die Weinberge. Die Gegend nördlich des

Bächleins Chenal du Gaët bildet ein geschlossenes

Ganzes, abgegrenzt im Osten durch die Gironde und

im Westen durch die sandigen Hügel der Landes

mit ihrem dichten Koniferenbewuchs; im Norden

markiert die Sumpflandschaft des Jalle du Breuil

die Grenze zur Appellation Saint-Estèphe. Dieser

Sektor bringt die wohl dramatischsten Weine des

Médoc hervor, darunter gleich zwei Erste Gewächse.

Das liegt vor allem an den bis zu 30 Meter hohen

»croupes«, den Kieskuppen, die sich nach der Günz-

Eiszeit aus von der Gironde angeschwemmtem

Pyrenäen-Schotter gebildet haben: Diese Bodenformation

speichert Wärme und leitet Wasser gut

ab, ideal für den spät reifenden Cabernet Sauvignon.

Flüsschen und Kieshügel machen den

Nordteil der Appellation heterogen

Während die Landschaft im südlichen Teil von

Pauillac um Château Latour und die beiden Pichons

recht ebenmäßig ist, machen geologische Faltungen

und kleine Flussläufe sie im Norden heterogener.

Markant fallen hier die dominierenden Kieshügel

und -plateaus ins Auge, etwa die Parzelle Perot, mit

ihrer perfekten Südausrichtung und dem steilen

Hang so etwas wie das Herzstück von Lafite, oder

die südwestlich an Duhart-Milon anschließenden

Les Carruades, die erst 1845 in den Besitz von

Lafite kamen, aber dessen vielleicht kompletteste

Grundweine liefern. Auch Duhart verfügt über

einen solchen außergewöhnlichen Kieshügel um

die Parzelle Garrouil Nord, auf der einige der ältesten

Cabernet-Sauvignon-Reben des Gutes stehen.

Die große Bodenkarte der beiden Domänen

Lafite und Duhart-Milon in Eric Kohlers Büro auf

BORDEAUX

FINE 3 | 2022 41


DAS GROSSE DUTZEND

46 FINE 3 | 2022 DAS GROSSE DUTZEND


CHÂTEAU DU TERTRE

Von DIRK WÜRTZ

Fotos GUIDO BITTNER

DAS GROSSE DUTZEND FINE 3 | 2022 47


HIER ZÄHLT

DAS GROSSE

GANZE

NICOLAS JOLY VERTRAUT AUF DIE KRAFT DER NATUR

EBENSO WIE AUF DIE PRÄSENZ DER VERGANGENHEIT.

EINWÄNDE GEGEN DIESE WELTANSCHAUUNG KÖNNEN

DER VORKÄMPFER DER BIODYNAMIE UND SEINE TOCHTER

VIRGINIE EINFACH MIT IHREM LEGENDÄREN CHENIN

BLANC KONTERN: DER COULÉE DE SERRANT IST NICHT

NUR AN DER LOIRE EINE KATEGORIE FÜR SICH

Von KRISTINE BÄDER

Fotos LEIF CARLSSON

50 FINE 3 | 2022 LOIRE


Die Sonne brennt vom Himmel, zwischen den Reben flimmert die Luft. Es ist heiß an

der Loire, heiß im berühmten Clos de la Coulée de Serrant. Die Trauben für den wohl

bekanntesten Chenin Blanc der Welt sind noch fest und grün, aber die Ernte wird in

diesem Jahr früh beginnen. »Es hat sich viel verändert«, sagt Nicolas Joly, »früher haben

wir Anfang Oktober geerntet, heute lesen wir in der ersten Septemberwoche.« Die Veränderungen

des Klimas lassen sich auch mit Brennnesseltees und anderen Präparaten

nicht aufhalten.

Über Nicolas Joly gibt es viel zu lesen, und

irgendwie ähnelt sich alles ein wenig. Das

mag daran liegen, dass seine Idee vom Weinmachen

im Prinzip simpel ist – vielleicht die einzige,

die das immer wieder bemühte Credo von »die

Qualität beginnt im Rebberg« und »kontrolliertes

Nichtstun im Keller« konsequent umsetzt. Wissenschaft

und akribische Analyse sind nicht die Welt des

Endsiebzigers. »Wenn ich einen Wein probiere«, sagt

er, »geht es doch darum, ob er mich berührt. Wir

aber haben die Analyse so weit getrieben, dass wir

perfekte Weine haben, die komplett ohne Charme

sind. Solche Weine finde ich schrecklich langweilig.«

Immerhin zählt er in der Rückschau »zu viel Önologie

im Keller« zu den schwersten Fehlern aus der

Anfangszeit seines Weinmachens.

Als Weinmacher will sich der bekennende

Anthroposoph ohnehin nicht verstanden wissen.

Eher als Assistent der Natur, wie er es auf seine

Visitenkarten hat drucken lassen. Früher war Nicolas

Joly Investmentbanker mit einem Abschluss an der

Columbia-Universität und einem hoch dotierten Job

bei JP Morgan, erst in New York, später in London.

Mit 32 Jahren hatte er genug vom Bankgeschäft:

»Wir haben so viel Geld verdient, aber womit und

wofür?« Zurück an der Loire, im Château de la

Roche aux Moines, dem Anwesen seiner Familie,

begann er Wein zu machen. Die Rebberge gab es

LOIRE FINE 3 | 2022 51


KÜNSTLERGLÜCK

DER DOMAINE DE TRÉVALLON HAT ELOI DÜRRBACH

HÖCHSTEN RUHM VERSCHAFFT, INDEM ER MIT ALLEN

PROVENCE-KLISCHEES BRACH. DER KREATIVE ANSATZ

LAG IN DER FAMILIE – SEINE MUTTER WEBTE TEPPICHE

FÜR PICASSO, ZEICHNUNGEN DES VATERS ZIEREN DIE

ETIKETTEN DES GUTS. HEUTE FÜHRT ELOI DÜRRBACHS

TOCHTER OSTIANE DAS ERBE WEITER

Von BIRTE JANTZEN

Fotos JOHANNES GRAU

Das Kalksteinmassiv der Alpilles im Südosten Frankreichs zählt mit seinen teils

bizarr zerfurchten weißen Felsen zu den markantesten Gegenden des Landes.

Ebenso singulär ist die Domaine de Trévallon an den Hängen der Nordseite,

umgeben von Wald und Olivenhainen. Hier entsteht ein Wein, der gekonnt von

allen Provence-Klischees befreit worden ist und doch provenzalischer nicht

sein könnte – ein würdiges Denkmal für den 2021 mit 71 Jahren verstorbenen

Eloi Dürrbach. Der hat geschaff, was seinerzeit längst überfällig war: rote und

weiße Weine zu keltern, die dieses fantastische Terroir auf internationalem

Top-Niveau repräsentieren.

Mittlerweile haben die Weine von Trévallon Kultstatus

und werden nur noch auf Allokation verkauft. Zum

Bedauern so mancher Liebhaber ist und bleibt die

Produktion auf rund 55 000 Flaschen im Jahr begrenzt. Mehr

als die bestehenden 17 Hektar Reben zu pflanzen, lehnt die

Familie ab, denn auf Trévallon stehen zwei Dinge über allen

anderen: Respekt vor der Natur und Qualität ohne Kompromisse.

Wer sich mit Eloi Dürrbach unterhielt, ahnte rasch, dass

dessen Erfolgsgeschichte nicht ohne Hindernisse hatte verlaufen

können – Dürrbach war engagiert, ehrlich und sensibel,

aber auch dickköpfig, und er nahm kein Blatt vor den Mund,

womit er sich in Les Baux-de-Provence nicht nur Freunde

gemacht hat. Wein war für ihn ein Stück Kunsthandwerk, vergängliches

Abbild einer Natur, für die er sich sein Leben lang

einsetzte als unermüdliche Frontfigur einer Provence jenseits

der Massenrosés. Als Les Baux-de-Provence 1995 eine eigenständige

AOP wurde, bot man Dürrbach an, Vorsitzender der

neuen Appellation zu werden. Er lehnte ab. Kaum ein Jahr

später wurden die Regularien so abgeändert, dass nur ein einziges

Weingut sie nicht mehr erfüllen konnte: Trévallon. »Das

war damals sicher brutal für ihn«, sagt nachdenklich seine

56 FINE 3 | 2022 PROVENCE


PROVENCE

FINE 3 | 2022 57


GEDULDSPROBE

AUF HÖCHSTEM NIVEAU

WEHE, DIE FLASCHEN KOMMEN ZU FRÜH AUS

DEM KELLER! DIE GRANDS CRUS DER DOMAINE

COMTE GEORGES DE VOGÜÉ BRAUCHEN

JAHRZEHNTE, UM ZUGÄNGLICH ZU WERDEN.

DOCH SELBST HIER IN BURGUND WIRD DAS

WARTEN NUR SELTEN SO REICH BELOHNT

Von SIGI HISS

Fotos ARNE LANDWEHR

62 FINE 3 | 2022 BURGUND


Kellermeister Jean Lupatelli (l.)

und Verwalter Jean-Luc Pépin

BURGUND FINE 3 | 2022 63


78 FINE 3 | 2022 TASTING


SPÄTBURGUNDER

LIST 2019

TASTING FINE 3 | 2022 79


FINE TASTING | SPÄTBURGUNDER LIST 2019

SPÄTBURGUNDER

DAS NÄCHSTE LEVEL

Neuauflage in Rot: Hatten voriges Jahr das Handelshaus URSUS Wineries und FINE aus

deutschen Rieslingen die besten herausschmecken lassen, ging es im Hattenheimer

Kronenschlösschen diesmal um heimische Spätburgunder. Neben der Gelegenheit, den

aktuellen Qualitätsstand auszuloten, bot die dreitägige Blindprobe der Spätburgunder List

2019 mit 100 Spitzenweinen aus zehn Anbaugebieten auch Anlass zu grundsätzlichen

Betrachtungen von Geschichte, Stilistik und jüngster Entwicklung des hiesigen Pinot Noir

Von STEFAN PEGATZKY

Fotos GUIDO BITTNER und ARNE LANDWEHR

Es war eine Probe auf historischem Boden: Am 11. November 1470 hatte eine örtliche

Bruderschaft einige Parzellen mit Reben erhalten, unter anderem im Hattenheimer Proffen,

den die Stiftungsurkunde als »clebroitwyngart« bezeichnet. Diese Erläuterung »Klebrot-

Weingarten« ist nicht nur für Historiker interessant, denn Klebrot ist der alte rheinländische

Ausdruck für Spätburgunder – das macht das Dokument dieser Schenkung

zum ersten echten Nachweis der Rotweinrebe im Rheingau. 552 Jahre später, im August

2022, waren zwei Weine aus der Hattenheimer Hassel, zu der das Gewann Proffen gehört,

unter den Top 100 der deutschen Spätburgunder.

Eine lange Geschichte hat diese Rebsorte

also, die 2021 mit 11 602 Hektar Fläche in

Deutschland nach dem Riesling am weitesten

verbreitet war. Der Legende nach soll bereits Karl

der Große sie zum Anbau empfohlen haben; wahrscheinlicher

ist, dass sie im 14. Jahrhundert durch

Zisterziensermönche aus Burgund hierhergelangt

ist. Die Premiers und Grands Crus der dortigen

Côte d’Or bilden bis heute eine beständige Messlatte,

und mit der Ausbreitung des Pinot Noir in

andere europäische Regionen und nach Übersee

hat sich die Konkurrenz vervielfältigt. Seine

Bedeutung wird dem deutschen Spätburgunder

jedenfalls schon wegen des Produktionsvolumens

niemand absprechen, liegen wir doch international

nach Frankreich und den USA auf Platz drei.

Die bloße Menge ist bei ernsthaften Diskussionen

über Weine allerdings Nebensache, und so ging es

auch bei der außergewöhnlichen Probe zur Spätburgunder

List 2019 um ganz andere Fragen: Welches

Sortenprofil hat der deutsche Spätburgunder heute?

Drückt es sich analog zu Frankreich in erkennbar

unterschiedlichen Terroirs aus? Lassen sich hierzulande

nicht nur Spitzen-Rotweinwinzer benennen,

sondern auch Regionen, aus denen die besten Spätburgunder

kommen – und knüpfen deren Erzeuger

an Traditionen an, oder erfinden sie sich gerade neu?

Sortenprofil im Wandel

Genetisch bedingt enthält Pinot Noir beziehungsweise

Spätburgunder grundsätzlich wenig Anthocyane,

also Farbstoffe. Dieser naturgegebene Mangel

lässt sich allerdings durch die Wahl kleinbeeriger

Klone, niedrige Erntemengen und kellertechnische

Eingriffe bis zu einem gewissen Grad ausgleichen.

Obwohl auch Rotweine aus Burgund in den 70erund

80er-Jahren vor allem durch die Wahl hochproduktiver

Reben buchstäblich an Farbe verloren,

galten französische Pinots Noirs lange Zeit

im Vergleich zu Spätburgundern als tendenziell

dunkler. Das lag am Streben deutscher Rebzüchter

80 FINE 3 | 2022 TASTING


SPÄTBURGUNDER LIST 2019 | FINE TASTING

nach lockerbeerigen, ertragreichen Klonen sowie

am Verzicht hiesiger Kellermeister auf längere

Maischestandzeiten und, zumindest bis Mitte der

80er-Jahre, auf den Ausbau in kleinen Holzfässern –

eine Stilistik, wie sie als Modell der »Sortentypizität«

insbesondere die Qualitätsweinprüfungen seit

1971 prägte. Ein Kapitel für sich war daneben die

deutsche Spezialität, Spätburgunder-Moste als Weißherbste

auszubauen.

Eng verknüpft mit den Maßnahmen in Weinberg

und Keller sind Aromenprofil und Mundgefühl, die

sogenannte Textur. Seit Ann C. Nobles »Aromarad«

ist es beliebt, Rebsorten bestimmte Gerüche zuzuordnen.

Als »Leitaromen« des Spätburgunders

nennt etwa »Frenzels Weinschule« Himbeere, Sauerkirsche,

Herbstwald und Tomatenstaude. Das ist zur

ersten Orientierung hilfreich, genauer betrachtet

aber hängen diese Aromen von allerlei Faktoren

ab, die beim viel beschworenen Terroir anfangen

und mit der Wahl des Fasses längst nicht aufhören.

So hatte die oben beschriebene deutsche Machart

Weine hervorgebracht, an denen ein Mandelton

gerühmt wurde und deren Aromen mit Himbeersirup

beschrieben wurde. Nicht zuletzt ein gehöriger

Anteil Restsüße sicherte die Akzeptanz bei Verbrauchern,

die milde, bekömmliche und »nicht zu

herbe« Weine suchten.

Obwohl in Deutschland auch nach 1945 einzelne

Partisanen den klassischen Prinzipien der Rotweinbereitung

wie Maischegärung, trockenem Ausbau

oder Reifung im Holzfass die Treue gehalten hatten,

begann erst um 1980 die eigentliche Renaissance

der heimischen Spätburgunder-Kultur. Die kurz

zuvor gegründete Zeitschrift »Alles über Wein« veranstaltete

im August 1983 eine erste Probe trockener

deutscher Spätburgunder, an der sich immerhin

32 Güter aus sechs Anbaugebieten beteiligten. Wie

weit man damals noch von einem modernen Spätburgunder-Verständnis

entfernt war, belegt der

Siegerwein – eine 1979er trockene Beerenauslese

vom Walporzheimer Kräuterberg des Ahr-Rebellen

Alois Grimminger. Der Durchbruch kam erst ein

paar Jahre später, als Pioniere wie August Kesseler

im Rheingau, Robert Bauer in Württemberg und

Franz Keller in Baden Spätburgunder in Barriques

ausbauten: Auf die Renaissance des Rieslings folgte

der zweite Teil des deutschen Weinwunders.

Dabei wurde das kleine Holzfass zwar ein

Symbol der neuen Zeit, war aber beileibe nicht der

einzige Faktor. Standortwahl, französische Klone,

temperaturkontrollierte Gärung, französische Küfer:

Im intensiven Austausch mit dem Vorbild Burgund,

später auch mit Spitzenwinzern der Neuen Welt,

verwandelte sich der heimische Spätburgunder in

einen deutschen Pinot Noir. Spätestens als 2016 das

britische Weinmagazin »Decanter« zum Thema

»Pinot Noir: The world’s best (outside Burgundy)«

einen Spätburgunder Alte Reben vom Ahr-Gut Jean

Stodden auf den Titel setzte, konnte deutscher Rotwein

auch international als anerkannt gelten. Wer

freilich im heimischen Supermarkt eine Flasche Spätburgunder

erwirbt, kann ein unangenehmes Déjàvu

erleben: Die Gespenster der Vergangenheit sind

in vielen Kellereien putzmunter, sodass bis heute

von einem einheitlichen Spätburgunder-Profil in

Deutschland nicht die Rede sein kann.

Um die Vielfalt der deutschen Spätburgunder-

Ausprägungen etwas zu ordnen, hat die Önologie

verschiedene Klassifizierungen vorgeschlagen. So

unterscheidet Herbert Krebs vom Staatlichen Weinbauinstitut

Freiburg einen »Fruchttyp« und einen

»romanischen Typ«, wobei ersterer sich durch deutliche

Kirsch- und Brombeernoten bei sehr dezenten

Gerbstoffen und milder Säure auszeichne, während

letzterer deutlicher von Gerbstoffen und etwas

kräuterigen, herben Noten geprägt sei. In einer groß

angelegten Sensorikstudie hatten Gergely Szolnoki

und Torsten Proschwitz 2013 in Geisenheim drei

unterschiedliche Typen ausgemacht: den leichten,

fruchtigen Spätburgunder, geprägt von Primäraromen

roter Früchte wie Himbeere, Erdbeere

und Roter Johannisbeere, den mittelschweren Spätburgunder,

intensiver in Farbe, Aroma, Körper und

Tannin, mit mehr hellen als dunklen Früchten sowie

Noten von Leder und getoastetem Eichenholz, sowie

als dritten Typus tiefdunkle, reifere und komplexe

Weine mit kräftigem Körper, intensiven Aromen

und markanter Tanninstruktur. Hier herrschen im

Bukett dunkle Früchte und Tertiäraromen vor wie

Cassis, Schwarzkirsche, Trockenobst, Lakritz, Tabak,

Kaffee, Leder und vor allem getoastete Eiche.

Da das aktuelle Tasting Deutschlands 100 beste

trockene Spätburgunder des Jahrgangs 2019

umfassen sollte, erstaunt es nicht, dass die in

Hattenheim versammelten Weine ausnahmslos als

»romanische Typen« gelten konnten beziehungsweise

in die Gruppen zwei und drei der Geisenheimer

Gliederung fielen. Dabei ist der Einfluss

des Holzfasses im vergangenen Jahrzehnt spürbar

zurückgegangen, oder er wird von der neuen Winzergeneration

besser integriert. Das liegt einmal daran,

dass weniger Neuholz eingesetzt wird und statt der

klassischen burgundischen 228-Liter-Barriques auch

größere Gebinde zum Einsatz kommen oder gar

in Gefäßen aus Ton oder Zement ausgebaut wird –

ein Trend, der zuvor schon in Frankreich eingesetzt

hatte. Zudem zeigten manche Weine ausgesprochen

reduktive Noten, die von manchen Juroren auch

Inbegriff einer deutschen Rotweinlage:

der Höllenberg bei Assmannshausen

kritisch beurteilt wurden. Dabei gilt die Minimierung

von Sauerstoffeinwirkung bis zum Abstich als ein

wesentlicher Schritt hin zu möglichst puren, »durchlüfteten«

Weinen, die das entschiedene Gegenbild zu

den alkoholreichen, überextrahierten Pinots Noirs

der 1990er- und 2000er-Jahre bilden.

Auch dies ist in gewisser Weise eine Mode:

Gerade einmal vier Jahre ist es her, dass Andrew

Jefford im »Decanter« über »purity« als neues Ideal

für Winzer geschrieben hat, und Patrick Landanger,

Kellermeister beim burgundischen Spitzengut La

Pousse d’Or, hat 2015 für »Bourgogne Aujourd’hui«

konkret erzählt, wie diese Vorstellung die Winzerschaft

erreicht hat. Er habe den US-Weinkritiker

Allen Meadows gefragt, was für ihn den Unterschied

zwischen einem Wein von 92 und einem von 97

Punkten ausmache, und Meadows’ Antwort habe

gelautet: »La pureté, la droiture« (»die Reinheit, die

Aufrichtigkeit«). Das war eine Botschaft, die schnell

um die Welt ging und natürlich auch Deutschland

erreichte. Dem Ziel der »Reinheit«, von anderen

mit »größere Präzision« umschrieben, dienten möglichst

präzise Lesezeitpunkte, ermittelt mit Messsonden

am Boden und Drohnenüberwachung,

ebenso wie kellertechnische Innovationen: immer

ausgefeiltere Sortiertische, stufenlos einstellbare

Abbeer-Maschinen mit Entrappungsgraden von 100

bis null Prozent für eine mögliche Ganztraubenpressung,

schonende pneumatische Pressen und

digital steuerbare thermoregulierte Gärtanks. Solche

Entwicklungen haben bereits die Weine von Burgund

tiefgehend verändert, und ihre Auswirkungen waren

auch in der Hattenheimer Verkostung spürbar.

Auf der Suche nach dem Terroir

Besonders »reinen Wein« zu produzieren, war

schon immer ein Ziel der Winzer – sei es, um sich

von Fälschungen abzusetzen, sei es, um als irrig

angesehene Tendenzen rückgängig zu machen. Heute

wird das Narrativ des puren Weins bestimmt von dem,

was in ihm sichtbar werden soll: dem Terroir, dem er

entstammt. Folgt man der klassischen Definition von

Cornelis van Leeuwen und Gérard Seguin, umfasst

dieses Terroir »die Beziehung zwischen den Eigenschaften

eines landwirtschaftlichen Erzeugnisses

TASTING FINE 3 | 2022 81


DANIEL DECKERS

Foto: Privatbesitz

»AUF IHRE ART

PERFEKT«

DAS DEUTSCHE ROTWEINWUNDER –

VERSUCH EINER REKONSTRUKTION

Als der Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) im September 2002 eine neue

Kategorie von Spitzenweinen namens »Großes Gewächs« (GG) vorstellte, kam dies einer

kleinen Revolution gleich. Zwar hatten noch weit ins 20. Jahrhundert hinein Grands Crus

aus Deutschland international in hohem Ansehen gestanden. Doch waren die »Hocks« und

»Moselles«, die man in den Grandhotels der Welt, den Londoner Klubs oder an den Tafeln

der Reichen und Mächtigen serviert hatte, ausschließlich Weißweine und nur in Ausnahmefällen

geschmacklich trocken gewesen.

96 FINE 3 | 2022 WEIN & ZEIT


Abbildung: Nach dtv-Lexikon des deutschen Weins von Helmut Hochrain

Erst vor diesem Hintergrund ist zu ermessen,

was die Etablierung der Kategorie Großes

Gewächs bedeutete: Der VDP brach mit einer

jahrhundertealten Tradition, und das gleich dreifach.

Denn erstens konnte von nun an auch ein Wein

ohne oder mit nur wenig Restsüße den Anspruch

untermauern, deutsche Weißweine zählten zu den

besten der Welt. Zweitens sollte der Grand-Cru-

Status nicht länger zwingend mit der Rieslingtraube

verknüpft sein. Für die Erzeugung von GG sollten je

nach Region auch andere weiße Rebsorten infrage

kommen, in Franken etwa der Silvaner und in Baden

der Grau- und sogar der erst seit wenigen Jahren

geschätzte Weißburgunder. Über diesen kühnen

Ansagen verschwand die dritte Neuerung fast im

Kleingedruckten: Nicht nur Weißweine sollten den

Ruf der deutschen Winzerkunst in alle Welt tragen,

sondern auch trocken ausgebaute Rotweine.

Dieser Anspruch war zwar kühn, doch nicht vermessen,

daran bleibt 20 Jahre nach der ersten GG-

Präsentation in Berlin kein Zweifel – auch und gerade

hinsichtlich des Rotweins. Spätburgunder von der

Ahr, aus der Pfalz und aus Baden oder Lemberger

aus Württemberg erfahren längst über Deutschland

hinaus die Anerkennung, die sie verdienen. Dass es

so kommen würde, war 2002 aber nicht mehr als

eine Hoffnung. Denn um die Jahrhundertwende

war es kaum 20 Jahre her, dass einige wenige junge

Winzer gewagt hatten, sich die großen Rotweine

anderer Länder zum Vorbild zu nehmen.

Zu kurz gedacht: Ein Spätburgunder

ist nicht einfach ein Riesling in Rot

Nun sind zwei Jahrzehnte in der Welt des Weins

generell eine bescheidene Zeitspanne. Wie kurz

erst war sie für das Unterfangen, große Rotweine zu

erzeugen, wie sie in Deutschland nie zuvor gemacht

worden waren! Rotweinbereitung verlangt eben

nicht einfach andere Gärbehälter oder andere Hefen

als jene, die man für Weißweine braucht, auch wenn

diese Idee während der 70er- und 80er-Jahre in den

Köpfen vieler Winzer herumspukte. Ein charaktervoller

Spätburgunder oder ein körperreicher Lemberger

waren eben nicht Rieslinge in Rot, sondern

setzten ein önologisches Wissen und Können voraus,

das durch Erfahrung gewonnen werden musste und

in einem klassischen, für Weißweine bekannten

Betrieb schlicht nicht vorhanden war. Große

Unbekannte waren vor allem die Wirkungsweise

des biologischen Säureabbaus anstelle der gängigen

chemischen Entsäuerung des Mostes sowie der Sinn

des Einsatzes von kleinen Gebinden aus neuem

Holz anstelle großer Fässer während der Gärung

und Lagerung. Fraglich war aber auch, ob man farbstarke

Weine ohne technische Hilfsmittel wie Spiraloder

Plattenwärmetauscher zur Maischeerhitzung

erzeugen könne und wie sich die allgegenwärtigen

spanischen Deckrotweine überflüssig machen ließen,

mit denen deutsche Kellermeister routiniert einen

Mangel an Farbe, ein Zuwenig an Alkohol und das

Fehlen von Süße wegretuschierten.

2002 waren sich daher alle aufstrebenden Rotweinerzeuger

unter dem Dach des VDP nur in einem

sicher: Ihr Weg war noch lange nicht zu Ende. Sofern

es dafür eines Beweises bedurft hatte, lieferten ihn

die Güter bei der Premiere der neuen heimischen

Spitzenklasse in Berlin gleich mit: Nur zwei von

ihnen, Dr. Wehrheim aus Siebeldingen in der Pfalz

und Kühling-Gillot aus Bodenheim in Rheinhessen,

hatten überhaupt Spätburgunder-Flaschen mitgebracht

– und das, obwohl sich längst mehr als nur

eine Handvoll der annähernd 200 VDP-Mitglieder

auch mit Rotweinen einen Namen gemacht hatten.

Hier ist nicht der Platz, um die Evolution der

deutschen Rotweinszene in den beiden vergangenen

Jahrzehnten nachzuzeichnen. Gezeigt werden soll

nur, warum es nicht übertrieben ist, mit Blick auf

das Jahr 2002 von einer Revolution zu sprechen.

Oder um eine andere Metapher zu bemühen: Mit der

Präsentation der ersten GG kam eine Entwicklung

zum vorläufigen Abschluss, die man als das deutsche

Rotweinwunder bezeichnen kann.

»Die Nachfrage nach gebiets- und sortentypischen

aromatischen feinherben Rotweinen

ist beachtlich«, war im April 1987 im Vorspann

eines Beitrags über Rotweinmaischebehälter in

A

der Zeitschrift »Der deutsche Weinbau« zu lesen:

»Neuerdings triff man auch wieder mehr auf die

Meinung, dass solche Rotweine einen feinen Gerbsäuregeschmack

aufzeigen dürfen.« Woher dieser

Trend kam, wovon die neuen Rotweine sich absetzen

sollten und wo sie erzeugt wurden, war dem Artikel

nicht zu entnehmen. Sollten sie dem allgegenwärtigen

Amselfelder Paroli bieten oder anderen

»lieblichen« Weinen wie Lambrusco und Chianti,

mit denen die tonangebenden Kellereien die Supermarktregale

fluteten? Wollte man den dünnen, fast

durchgängig mit spanischen Deckweinen und/oder

Traubenlese Traubentransport Traubenannahme = 100%

RAPPEN Kämme 3–5%

1. ROTWEIN durch

VERGÄRUNG DER MAISCHE

CO2

H2O

B

C

D

MAISCHE-Gärtanks

4 Tage

Wirzwein

Vergärung im Holzfass

ROTWEINBEREITUNG

MAISCHE = (Saft, Kerne, Hülsen = 95–97%)

Maische nach Bedarf schwefeln

PRESSE

Nachgärung

biolog. Säureabbau

1. Abstich und Schwefelung Ausbauschönung 2. Abstich Klärfiltration

FLASCHENLAGER

Nachdruck

3. WEISSHERBST

TRESTER

KOHLENSÄURE

HEFE

E

AUFBEREITEN = Mahlen, Abbeeren

a) ohne

60° C sofort

2. ROTWEIN durch

MAISCHE-ERHITZUNG

b) mit

Standzeit

oder

Preßmost zur Gärung

WEIN & ZEIT XLIV

Die Maische zu erhitzen,

war eine gängige Praxis:

So lief um 1980 die

Rotweinbereitung ab

2 Std. bei 45° C

Gärung im Tank oder Fass

Flaschenabfüllung

halbautomatisch

CO2

WEIN & ZEIT FINE 3 | 2022 97


112 FINE 3 | 2022 TOSKANA

LOHN DER


AUSDAUER

CA’ MARCANDA IST

PIEMONTESISCH UND

HEISST SO VIEL WIE

»HAUS DER FEILSCHEREI«:

18 TREFFEN BRAUCHTE

ANGELO GAJA, UM SEIN

TOSKANISCHES GUT

DEN VORBESITZERN

ABZUHANDELN. VON DER

MÜHE PROFITIEREN AUCH

SEINE KINDER ROSANNA,

GAIA UND GIOVANNI,

INZWISCHEN SCHON

MIT DEM 20. JAHRGANG

Von RAINER SCHÄFER

Fotos ANDREAS HANTSCHKE

TOSKANA

FINE 3 | 2022 113


REBEN IM

WÜSTENHITZE IM SOMMER, EISIGE PYRENÄENWINDE IM

WINTER: WEIN BAU AN DEN AUSLÄUFERN DES FLUSSES SEGRE

WAR EINST DIE STRAF ARBEIT FÜR SÜNDIGE MÖNCHE. SEIT

1999 STELLT SICH FAMILIA TORRES IM GUT PURGATORI DEN

EXTREMEN HERAUSFORDERUNGEN DES NORD WESTLICHEN

KATALONIENS. DORT ENTSTEHEN MITTLERWEILE NICHT

NUR HERVOR RAGENDE ROTWEINE, ES DIENT ZUGLEICH ALS

ZUKUNFTS LABOR FÜR DEN WEINBAU VON MORGEN

Von STEFAN PEGATZKY

Fotos JOHANNES GRAU

118 FINE 3 | 2022 KATALONIEN


FEGEFEUER

Am tiefsten verwurzelt sind hier nicht die Rebstöcke. Nähert man sich dem Weingut

Purgatori von der Autopista del Nordeste, sieht man schnell, was in dieser Gegend bis

heute vorherrscht: Oliven. Kilometer an Kilometer reihen sich jahrhundertealte Anlagen,

gut 100 Hektar davon im Besitz der Familie Torres. »Wir produzieren zwei Virgen-Extra-

Öle von hier«, erklärt Miguel Torres Maczassek, der geschäftsführende Direktor von

Familia Torres, »das reinsortige El Silencio aus Arbequina-Oliven und dann vor allem

die Cuvée Purgatori, in der neben Arbequina auch die Sorten Picudo, Rojal und Farga

eine Rolle spielen. Beide sind wirklich gut.« Das ist etwas untertrieben, wie so vieles, was

der noch jugendlich wirkende Chef eines der größten Weingüter Spaniens sagt – bei der

NYIOOC World Olive Oil Competition 2022 sind El Silencio und Purgatori in die Liste

der besten Olivenöle der Welt aufgenommen worden.

Olivenöl war auch das wichtigste Produkt des

gut 870 Hektar umfassenden Agrarbetriebs

Mas de l’Aranyó in der katalanischen Provinz

Lleida, als ihn die Familie Torres 1999 übernahm.

Die letzten Reben hingegen waren 1987 gerodet

worden, dabei hatten die Weine aus dem Bezirk

(katalanisch: comarca) Les Garrigues gerade durch

die Gründung der Appellation Costers del Segre

den gesetzlich geschützten DO-Status bekommen.

Doch für das hiesige Olivenöl gab es bereits seit

1975 eine eigene DOP Les Garrigues – die erste für

spanisches Öl überhaupt. Kein Wunder, dass sich die

Eigentümerfamilie Figuerola i Ferrer aus Barcelona

ganz auf das grüne Gold konzentrieren wollte. Die

Idee von Torres aber war, erneut auf Wein zu setzen.

Das Projekt war, gelinde gesagt, ambitioniert.

Sicherlich war an dieser Stelle, wie archäologische

Fundstücke zeigen, schon vor Jahrtausenden Wein

angebaut worden. Die Landschaft um die alte

aragonesische Königsresidenz Lleida war Teil einer

natürlichen Binnensenke, der Depressió Central –

der Ausdruck beschreibt gut den fragwürdigen

Charme dieser Gegend zwischen den Pyrenäen

und ihren Ausläufern einerseits und den küstennahen

Gebirgsketten der Berge von Prades und

von Montsant andererseits. Der von den Pyrenäen

kommende und schließlich in den Ebro mündende

Fluss Segre teilt die Hochebene in einen nordwestlichen

und einen südöstlichen Bereich, doch nur

wenig abseits seiner fruchtbaren Ufer versteppen

ohne künstliche Bewässerung bereits die Böden.

Die Comarca Les Garrigues etwa, die im Süden ans

Priorat und im Osten an die Conca de Barberà grenzt,

KATALONIEN

FINE 3 | 2022 119


POMEROL FÜR DIE

49 JAHRGÄNGE L‘EGLISE-CLINET – GROSSE

Ein Erweckungserlebnis – so beschreibt Torsten Görke seine erste Begegnung mit einer

Flasche L’Eglise-Clinet. Lange Zeit hatte Wein ihm wenig bedeutet, obwohl er als Sohn

des so prominenten wie umstrittenen Sammlers und Händlers Hardy Rodenstock gewiss

genug Gelegenheiten zum Probieren gehabt hatte. Dieser ganz besondere Pomerol aber

ließ ihn aufmerken, und zwar derart nachhaltig, dass Görke schließlich Wein sogar zu

seinem Beruf machte: 2008 stieg er aus der Werbebranche aus und übernahm in Essen

den Weinhandel Bürgerheim.

Fotos ANDREAS HANTSCHKE

Die Macht, Biografien zu verändern, verdankt

Château L’Eglise-Clinet natürlich

wesentlich seinen vorzüglichen Böden und

einem Rebbestand, der zu einem Gutteil die Frostkatastrophe

von 1956 überlebt hat. Zur Spitze der

Region schloss es aber erst auf, als Denis Durantou

das kleine Familiengut nach Jahrzehnten der Verpachtung

selbst übernahm und 1983 seinen ersten

eigenen Jahrgang abfüllte. Der stille Perfektionist

erneuerte über die Jahre Keller wie Rebberge und

schaffe spätestens mit dem 1998er auch international

den Durchbruch. Rodenstock wiederum

hatte schon in den 80er-Jahren die Qualitäten des

126 FINE 3 | 2022 TASTING


LANGSTRECKE

GEGENWART UND REICHE ZUKUNFT

Châteaus erkannt. Da er wusste, dass die Winzer

von Pomerol ihre Weine traditionell weniger über

Bordeaux als direkt nach Paris oder Belgien verkauften,

schickte er einen Kontaktmann in Brüssels

Villenvierteln von Tür zu Tür, um nach alten Flaschen

von Pétrus und L’Eglise-Clinet zu fragen. Ebenfalls

zu den Bewunderern des Guts zählt der Kritiker

Robert Parker, dem die Jahrgänge 2005 und 2010

glatte 100 Punkte wert waren.

Wenn die Weine von L’Eglise-Clinet abgefüllt

werden, durchleben sie meist eine kurze Phase, die

Torsten Görke als »sehr sexy« beschreibt. Nach

diesem Zeitfenster aber verschließen sie sich in der

Regel und machen mit ihren massiven Tanninen fürs

Erste wenig Freude – doch wenn sie dann wiederkommen,

belohnen sie die Geduld oft jahrzehntelang.

Positive Ausnahmen waren etwa die Jahrgänge

2008 und 2012, die durchweg zugänglich geblieben

sind und immer noch viel versprechen, ebenso wie

der 1995er, Rodenstocks Hauswein: Den hat Torsten

Görke in einem Vierteljahrhundert mehr als 40-mal

probiert, »und er hat immer sehr gut geschmeckt«.

Eine vertikale L’Eglise-Clinet-Verkostung,

gespeist aus seinen privaten Beständen, hat Görke

seit Jahren geplant und doch immer wieder verschoben,

um eine günstige Gelegenheit abzupassen:

Zu gern hätte er bei diesem Anlass mit seinem Vater

und dem als genial, aber verschlossen geltenden

Winzer gemeinsam an einem Tisch gesessen. Doch

Rodenstock starb 2018, Denis Durantou 2020, und

so diente die jetzt vom FINE Club im Hotel Post in

Lech am Arlberg veranstaltete Probe zugleich dem

würdigen Gedenken. Eigentlich hätte zu den 49 Jahrgängen

seit 1955 sogar noch eine Doppelmagnum

des legendären 1949ers hinzukommen sollen. Aber

der Sammler, in dessen Keller sie liegt, musste wegen

der Corona-Pandemie zu Hause bleiben – und so

eine Flasche lässt selbst der großzügigste Spender

nicht in Abwesenheit entkorken.

TASTING FINE 3 | 2022 127


136 FINE 3 | 2022 NAHE

WANDERER


ZWISCHEN

DEN WELTEN

CORNELIUS DÖNNHOFF HAT SEIN WINZERHANDWERK

IN DEUTSCHLAND GELERNT UND AUF DER SÜDHALBKUGEL

DEN FLEXIBLEN UMGANG MIT HERAUSFORDERUNGEN.

DIESES KÖNNEN UND EINE IMPOSANTE SAMMLUNG VON

NAHE-LAGEN LASSEN SEIN BERÜHMTES FAMILIENGUT IN

OBERHAUSEN IMMER NOCH BESSER WERDEN

Von STEPHAN REINHARDT

Fotos RUI CAMILO

An Cornelius Dönnhoff heranzukommen, ist gar nicht so leicht – schon gar nicht, wenn es weniger um seine

Weine als um ihn selbst gehen soll. »Was gibt’s denn da zu schreiben?«, fragt er beim Gesprächstermin

immer noch entgeistert. Am selben Tisch des Familienguts in Oberhausen an der Nahe habe ich viele Jahre

mit seinem Vater Helmut die jeweils neuen Weine verkostet, auch wenn die längst schon Cornelius verantwortet

hatte. Erst den 2020er, seinen 14. eigenen Jahrgang, habe ich mit ihm selbst probiert – und zwar

nicht wie mit Helmut bis weit nach Mitternacht, sondern konzentriert binnen weniger Stunden.

Cornelius macht nicht viele Worte um seine Weine,

beantwortet Fragen präzise aus der Sicht des Praktikers,

nicht des Vermarkters. Unter einem guten Jahrgang versteht

er einen, dessen Herausforderungen er mit seinem Team

gemeistert hat. Ob der dann auch der Presse gefällt, will er

gar nicht wissen, und auch nicht, was sie über ihn persönlich

berichtet: »Ich habe noch nie etwas angeschaut, geschweige

denn durchgelesen, was über mich geschrieben steht. Ich will

das eigentlich gar nicht … Aber mein Gott, es gehört wohl

irgendwo dazu … Also hopp, meinetwegen!«

Da hatte schon der FINE-Verleger Ralf Frenzel angedroht,

beim Fototermin notfalls persönlich vorbeizukommen und

schmutzige Witze zu erzählen, falls Cornelius Dönnhoff nicht

wenigstens ab and an mal lächeln würde. Allzu unwillig posierte

der Winzer dann doch nicht, dennoch zeigen die Bilder nur

einen Teil der Wahrheit – ohne die Mannschaft des Guts, ohne

Cornelius Dönnhoffs Frau Anne oder die beiden ein und fünf

Jahre alten Kinder. Die Familie mag Cornelius Dönnhoff nicht

leichtfertig in seinen Beruf hineinziehen, hat solch eine Verquickung

doch seine eigene Jugend bestimmt. »Daheim«,

erinnert er sich, »das war immer nur Arbeit, Arbeit, Arbeit.«

Während seine Schulkameraden samstags ins Freibad »der

für uns großen Stadt Bad Kreuznach« entschwanden, musste

Cornelius Reben anbinden, Trauben lesen und sortieren, Weine

abfüllen, etikettieren oder Kartons packen. In der vermeintlichen

Glanz-und-Glimmerwelt seines in der Weinszene weltberühmten

Vaters durchlebte der Heranwachsende eine freudlose,

fast bleierne Zeit. Niemals wolle er Winzer werden und

den elterlichen Betrieb fortführen, dachte der 1980 geborene

Cornelius noch als Jugendlicher, ein solches Leben schien ihm

NAHE FINE 3 | 2022 137


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FINE 3 | 2022 145


FINEABGANG

DER VATER DES

GEHEIMRATS

Zwei Jahrzehnte ist es jetzt her, dass der Aufstieg des trockenen deutschen

Rieslings in der Einführung der Großen Gewächse gipfelte. Wie überall

hat auch hier der Erfolg viele Väter, und am bekanntesten sind natürlich

diejenigen, deren Namen auf den Etiketten stehen. Auf diese Art prominent ist

Norbert Holderrieth nie gewesen, aber wer ein bisschen über die hiesige Weingeschichte

weiß, kennt ihn dennoch als einen ganz Großen: Wir verdanken ihm

den Geheimrat »J« der Weingüter Wegeler.

Die Ahnen des gebürtigen Schwaben sollen bereits seit dem Dreißigjährigen

Krieg als Küfer zur Qualität im Keller der Grafen von Neipperg beigetragen haben,

so wird jedenfalls in der Familie gern erzählt. Norbert Holderrieth selbst lernte

in Weinsberg und Geisenheim, ehe er 1959 als Weinbauingenieur und Gutsverwalter

zu Wegeler in den Rheingau ging. Schon in den 70er-Jahren wollte

ihm die damals selbstverständliche Süße der Spätlesen nicht recht schmecken,

und 1983 wagte er die Revolution: Für den neuen Spitzen-Riesling verschnitt er

nach dem Vorbild großer Châteaux Weine aus den besten Oestricher und Rüdesheimer

Lagen, baute sie trocken aus und benannte das Ergebnis in Analogie zum

legendären Baron de L nach dem Gründer des Guts, Julius Wegeler. Bis heute

kann der Geheimrat »J« als Definition dessen gelten, was ein deutscher trockener

Riesling sein sollte.

Der Neuerer Holderrieth wirkte dabei nie wie ein verbissener Umstürzler

oder Kellertüftler, er hatte eine große positive Ausstrahlung und einen spitzbübischen

Humor. Nun ist er mit 87 Jahren gestorben. Die Erinnerung an ihn

wird bleiben, die Familientradition auch: Als Norbert Holderrieth 1998 nach

fast vier Jahrzehnten bei Wegeler in den Ruhestand ging, ist ihm dort sein Sohn

Andreas als Kellermeister nachgefolgt.

Ihr Ralf Frenzel

Verleger und Herausgeber

146 FINE 3 | 2022 ABGANG

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