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Österreichische Post AG; PZ 18Z041372 P; Biber Verlagsgesellschaft mbH, Museumsplatz 1, E 1.4, 1070 Wien

www.dasbiber.at

MIT SCHARF

SEPTEMBER

2022

+

HEINZ FISCHER SPIELT

FUSSBALL

+

MARCO POGO

IN ZAHLEN

+

HAUPTBERUF

VERSUCHSKANINCHEN

+

WIR KINDER

VOM STADTPARK

HEROIN, PROSTITUTION UND OBDACHLOSIGKEIT:

WIENS VERGESSENE JUGEND

+ + + WAHL-SPEZIAL: DIE BP-KANDIDATEN IM CHECK + + +


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3

minuten

mit

Derai Al Nuaimi (l.) und

Islam Abdelkader (r.)

RugBoom

Mit mehreren Kulturen

aufwachsen, die eigenen

Wurzeln feiern und dabei

ein Statement setzen.

Derai Al Nuaimi und Islam

Abdelkader wollen genau

das mit ihrer Marke „Rug-

Boom“ repräsentieren. Als

Wiedererkennungsmerkmal

dient ein Teppich.

Interview: Aleksandra Tulej

Foto: Zoe Opratko

BIBER: Euer Markenzeichen ist der

„Rug“, also der orientalische Teppich-

Print, den man auf euren T-Shirts,

Hoodies und Tote-Bags wiederfindet.

Warum gerade der Teppich? Was

repräsentiert er für euch?

DERAI: Ein orientalischer Teppich ist

ziemlich perfekt: Symmetrisch und hat

klare Kanten und Muster. Wir dachten

uns: Wir „damagen“ diesen Teppich

und machen ihn unperfekt. Wir nehmen

etwas Altertümliches und modernisieren

es – so wie Dinge auch mit der

Zeit nicht mehr so sind, wie sie einmal

waren. Aber der Ursprung ist trotzdem

da. Ein orientalischer Teppich ist etwas,

das überall auf der Welt vertreten ist:

von Saudi-Arabien bis zum Buckingham

Palace. Wir können uns gut mit diesem

Teppich identifizieren: Wir kommen

überall zurecht, wir fühlen uns international.

Aber trotzdem tragen wir unsere

Kultur in uns und verleugnen sie nicht.

Euer Slogan ist „Reclaim Culture.“ Was

heißt das für euch?

ISLAM: Wir leben in einer Zeit und

einer Gesellschaft, wo es nicht mehr

„die eine Kultur“ gibt. Leute wie wir,

die in mehreren Kulturen aufwachsen,

wollen nicht mehr in Schubladen

gesteckt werden und trotzdem unsere

Wurzeln stolz nach außen tragen. Wir

sagen: Reclaim Culture! Egal, woher du

kommst - kreier dir deine eigene Kultur.

Wo wird eure Kleidung produziert?

ISLAM: In Istanbul. Das vereint für

uns perfekt Orient und Okzident. Dort

kriegen wir die besten Stoffe her und

wir sind auch nah genug dran, dass wir

selbst die Produktionsstätten besuchen

können. Und natürlich kommt die wirtschaftliche

Komponente da auch dazu.

Für wen ist RugBoom? Seht ihr das

als kulturelle Aneignung, wenn eine

Person, die nicht aus dem arabischen

Kulturraum kommt, eure Sachen trägt?

DERAI: Nein. Es ist ein Teppich. Das

muss man nicht so zerdenken. Jeder

Mensch, der Kultur feiert, soll und kann

RugBoom tragen.

Worauf können wir uns in Zukunft von

euch freuen?

DERAI: Wir wollen unsere Core-Kollektion

ausbauen und dann je nach Saison

limitierte Kollektionen auf den Markt

bringen, bei denen wir mit verschiedenen

Künstlern und Künstlerinnen

zusammenarbeiten. Unser Ziel ist es,

dass niemand, der RugBoom mal gesehen

hat, je wieder einen orientalischen

Teppich ansehen kann, ohne ihn mit

RugBoom zu verbinden.

Wer sind sie? Derai Al Nuaimi (29), hat

irakische und Islam Abdelkader (28) hat

ägyptische Wurzeln.

Wo findet ihr RugBoom? Instagram:

rugboom, www.rugboom.com

/ 3 MINUTEN / 3


3 3 MINUTEN MIT

RUGBOOM

Die Designer der Marke mit dem Orientteppich

im Schnellinterview

8 IVANAS WELT

Ivana zwischen Bescheidenheit und Hybris.

POLITIKA

10 WAHL-SPECIAL

Wer wird Präsident? Alle Kandidaten der

Wahlen im Überblick.

16 „HERR WLAZNY, WIE

VIELE LEICHEN HABEN SIE

GESEHEN?“

Biber fragt in Worten, Spitzenkandidat der Bier-

Partei Dominik Wlazny antwortet mit einer Zahl.

18 HEINZ FISCHER

IM INTERVIEW

Der Ex-Bundespräsident über Witze mit Putin,

Rapid und Bosnier:innen als neue Volksgruppe.

22 „WIR HABEN NICHT

DIE WAHL.“

In Österreich leben und arbeiten, aber nicht

wählen dürfen? Unser Nicht-Wähler:innen-Talk.

24 CHRONIK EINES

HAFTBEFEHLS

Der Soziologe Kenan Güngör wird in der Türkei

wegen Präsidentenbeleidigung gesucht.

RAMBAZAMBA

26 KEIN PLATZ IM SYSTEM

Wiens minderjährige Drogenszene.

34 VERSUCHSKANINCHEN

Jonas verdient mehrere Zehntausend Euro

als Testobjekt.

LIFE&STYLE

38 TAGTRAUM VS. REALITY

Gossip-Girl Şeyda Gün hat sich Studieren ganz

anders vorgestellt.

18

„HERR FISCHER,

WAS HEISST

SLAY?“

Der Ex-Bundespräsident

hat für uns Jugendwörter

erraten und

Fußball gekickt.

16

„HERR WLAZNY, WIE VIELE

JUGO-WÖRTER KENNEN SIE?“

Marco Pogo in Zahlen.

IN


34 26

WIR KINDER

VOM STADTPARK

Zwischen Crystal

Meth und Babystrich:

Wiens Drogenszene

der Minderjährigen.

HALT SEPTEMBER

2022

HAUPTBERUF:

VERSUCHS-

OBJEKT

Ein anonymer

Medikamententester

packt über das

Geschäft mit der

Gesundheit aus.

© Lisa Leutner, Zoe Opratko, Thomas Süß, Cover: © Zoe Opratko

KARRIERE&KOHLE

42 SHOW SOME RESPECT

Leistungsfaul oder Overachiever? Šemsa

Salioski über Vorurteile gegen ältere

Studierende.

44 WINTER IS COMING

Wie Energie sparen im Winter? Agnes Zauner

von Global2000 hilft weiter.

46 SELBERMACHER

Sabrina Abrahams hat sich eine fabelhafte

Welt in ihrem „Wunderladen“ geschaffen.

TECHNIK

50 GOOGLE-ERDBEBEN-

WARNUNG FÜR

ÖSTERREICH

Adam Bezeczky präsentiert das Neueste aus

der Welt der Technik und Mobilität.

KULTURA

54 JE SUIS RUSHDIE

„Warum müssen kritische Stimmen in Sachen

Islam immer gefährlich leben?“ fragt sich Nada

El-Azar-Chekh

56 FEELING OF A DUMPLING

Schluss mit den Vorurteilen gegen asiatische

Menschen wollen die Gründer*innen des

Magazins „Perilla“ machen.

60 IN MEMORIAM

JAD TURJMAN

Karim El-Gawharys berührender Nachruf auf

den leider viel zu früh verstorbenen Autor und

biber-Kolumnisten.


Liebe Leser:innen,

Mitten in Wien existiert eine Szene derer, die durch alle sozialen Netze

gefallen sind: Heroin, Prostitution und Obdachlosigkeit gehören zu

ihrem Alltag, dabei sind sie teilweise erst 14 Jahre alt. „Die Kinder vom

Stadtpark“ sehen keine Zukunft und wollen auch nichts vom Ausstieg

wissen. Unsere Coverstory über ein Milieu, das gekonnt ignoriert wird,

könnt ihr ab S. 26 lesen.

Österreich hat die Wahl: Am 9 Oktober wählt die Republik den neuen

Bundespräsidenten. Wir haben für euch ab S. 10 die Kandidaten unter die

biber-Lupe genommen. Sieben Steckbriefe, die euch die Entscheidung

erleichtern sollen. So viel sei schon verraten: Migrant:innen und Frauen

schauen blöd aus der Wäsche. Die BP-Wahl 2022 ist so retro wie Marco

Pogos Matte.

Es ist ein Milieu, bei dem

weggeschaut wird: Die minderjährige

Drogen­und Stricher­

Szene in Wien. „Die Kinder vom

Stadtpark“ erzählen ehrlich

und unverblümt über ihr Leben

auf der Straße. Ab S.26

Aleksandra Tulej,

stv. Chefredakteurin

Apropos Pogo aka Dominik Wlazny. Im Interview in Zahlen erfährst du,

wie viele Leichen der Musiker und Arzt in seinem Leben gesehen hat, an

wie vielen Tagen er seine Sonnenbrille trägt, wie viele Gitarren er schon

verschrottet hat und wie viele Krügerl im Falle eines Sieges fließen würden.

Ab S. 16.

„Diggah“, „Slay“ und „Siuu“ – wir haben Heinz Fischer Jugendwörter

erraten lassen. Als 84-jähriger Ex-Präsident bricht Hei-Fi, wie einst

Fischers DJ-Name lautete, im biber-Interview eine Lanze für die Nicht-

Wähler:innen und setzt sich für die Rechte der bosnischen Volksgruppe

ein. Außerdem gibt der Rapid-Fan Fischer für das Interview seine Kicker-

Skills zum Besten. Ab S. 18.

Viel Spaß beim Lesen,

wünscht eure biber-Redaktion.

IN GEDENKEN AN JAD TURJMAN

Am 29 Juli ist unser Kolumnist Jad Turjman tödlich

verunglückt. Diese traurige Nachricht hat uns als

Redaktion tief erschüttert. Was bleibt, sind Jads Bücher,

Kolumnen und Texte, die für die Ewigkeit an sein Schaffen

und an ihn als Mensch erinnern. Ab S.60. könnt ihr

ein Nachwort seines Wegbegleiters und ORF-Nahost-

Korrespondenten Karim El-Gawhary nachlesen.

Lieber Jad,

Diese Ausgabe ist dir gewidmet.

Ruhe in Frieden,

deine Biber Redaktion

© Zoe Opratko, Robert Herbe

6 / MIT SCHARF /


IMPRESSUM

MEDIENINHABER:

Biber Verlagsgesellschaft mbH, Quartier 21,

Museumsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

HERAUSGEBER

Simon Kravagna

CHEFREDAKTEURIN:

Delna Antia-Tatić (karenziert)

STV. CHEFREDAKTEURE:

Amar Rajković und Aleksandra Tulej

GESCHÄFTSFÜHRUNG:

Wilfried Wiesinger

KONTAKT: biber Verlagsgesellschaft mbH Quartier 21,

Museumsplatz 1, E-1.4, 1070 Wien

Tel: +43/1/ 9577528 redaktion@dasbiber.at

marketing@dasbiber.at abo@dasbiber.at

WEBSITE: www.dasbiber.at

CHEFREPORTERIN:

Aleksandra Tulej

KULTUR:

Nada El-Azar-Chekh

FOTOCHEFIN:

Zoe Opratko

ART DIRECTOR: Dieter Auracher

KOLUMNIST/IN:

Ivana Cucujkić-Panić

LEKTORAT: Florian Haderer

REDAKTION & FOTOGRAFIE:

Adam Bezeczky, Nada El-Azar-Chekh, Šemsa Salioski, Emilija Ilić, Dennis

Miskić, Antonia Baumgartner, Celina Dinhopl, Franziska Liehl,Thomas

Süß

ÖAK GEPRÜFT laut Bericht über die Jahresprüfung im

1. HJ 2022:

Druckauflage 85.000 Stück

Verbreitete Auflage 80.701 Stück

Die Offenlegung gemäß §25 MedG ist unter www.dasbiber.at/

impressum abrufbar.

DRUCK: Mediaprint

VERLAGSLEITUNG :

Aida Durić

MARKETING & ABO:

Şeyda Gün

REDAKTIONSHUND:

Casper

BUSINESS DEVELOPMENT:

Andreas Wiesmüller

Erklärung zu gendergerechter Sprache:

In welcher Form bei den Texten gegendert wird, entscheiden

die jeweiligen Autoren und Autorinnen selbst: Somit bleibt die

Authentizität der Texte erhalten – wie immer „mit scharf“.

npo-fonds.at

Weil wir

gemeinsam

das Beste aus

uns herausholen.

Der NPO-Fonds unterstützt

gemeinnützige Organisationen.

Unsere Gesellschaft braucht

deren Engagement.

Bis 31.10.

Zuschuss

holen !

ENTGELTLICHE EINSCHALTUNG

Foto: © Lieve Boussauw / Jeunesse – Musikalische Jugend Österreichs

Mit dem NPO-Fonds konnten bisher bereits über 23.000 Vereine und Organisationen

aus den Bereichen Sport, Kunst und Kultur, Umweltschutz oder Soziales in der Corona-

Krise unterstützt werden.

Sichern Sie sich rasch und einfach Hilfe für Ihren Verein.

Holen Sie sich bis 31. Oktober einen Zuschuss für die Monate Jänner bis März 2022.

Alle Informationen dazu auf www.npo-fonds.at


In Ivanas WELT berichtet die biber-Redakteurin

Ivana Cucujkić über ihr daily life.

IVANAS WELT

Foto: Igor Minić

MOTIVEJŠN, KINDERLI!

Lehre beim Billa ist super. PS: Welteroberung ist auch eine Option.

„Ich glaub’ an mich. Ich bin einzigartig. Ich bin genug.

Ich bin klug. Ich mag mich. Ich kann alles meistern. Ich

schaffe das.“ Das ist nicht meine „Think positive“-App,

die mich jeden Morgen mental auf das Überleben des

bevorstehenden Tages einstimmt. Es ist eine Gruppe

Fünfjähriger, die ihrer Erzieherin Motivationssätze im

Chor nachpiepst.

ICH BIN OKAY. DU BIST OKAY.

Ich sitze im Gang vor der Kindergartengruppe meines

damals Einjährigen. Eingewöhnungsphase. Mutti soll

für eine halbe Stunde draußen Platz nehmen. Während

ich warte und Pläne für meine bald wiedergewonnene

Freiheit schmiede, schweifen meine Gedanken weg

vom Nachmittagsmartini. Hier werden gerade Kleinkinder

auf den bevorstehenden Schulbeginn vorbereitet.

Ruhig sitzen. Nicht Nasenbohren. Solche Sachen.

Und im Kollektiv Sätze über Selbstliebe wiederholen.

Das ist neu. Abc, Stift halten und Affirmationstraining.

Das Ernst-des-Lebens-Starterpack für Fünfjährige.

ICH BIN EH SUPER.

Wow. Das hätte ich auch gerne gehabt als Kind, als

Schülerin, als Studierende. Als Mutter! Jemand, der

einem sagt: Du schaffst alles, was du willst. Stattdessen

scrolle ich mich heute als vom Leben geschüttelte

und übermüdete schlechte Kopie meiner selbst durch

die Profile selbsternannter Life-Coaches und Motivations-Gurus

für meine Rückversicherung: Ich bin eh

leiwand, wie ich bin. Ich pack das. Ich brauch ja nur an

mich zu glauben.

Andere tun das verrückterweise. Viele Jahre durfte ich

im Rahmen eines Projektes als „Integrationsbotschafterin“

in österreichischen Schulen über mich erzählen.

Ein Referat über meinen Lebenslauf halten quasi. Für

mich ein Zeugnis unerfüllter Lebensträume und eine

Aneinanderreihung beruflicher Kompromisse.

MEHR VORBILDER AUS DEM JUGODORF. JETZT!

Für Sanja und Nevena, die mich nach einem Vortrag

ansprachen, anscheinend ein trotzdem erstrebenswerter

Weg, den sie sich plötzlich zu gehen trauten.

„Meine Eltern kommen aus dem Nebendorf deiner Eltern.

Das ist so cool. Und das kann man echt studieren?

Ich hab‘ da Chancen mit meiner Muttersprache?“

Anscheinend mind-blowing.

Sie waren überwältigt. Ich verwirrt. Da hangen achtzehnjährige

Girls an meinen Lippen und waren bereit,

ein Freiwilligenjahr in Neuseeland zu machen, bloß weil

ich ihnen von der Existenz dieser Möglichkeit erzählte.

Plötzlich war ich Vorbild. Ups. Was habe ich da angestellt.

TATA, ICH GEH‘ WELTREISE.

Hoffentlich verfluchten mich deren Eltern nicht, dass

die zukunftssichere Lehre beim Billa für ein Interrail-

Abenteuer quer durch Europa storniert wurde. Oder sie

sind vielleicht ganz dankbar, dass ihr Kind nun weiß,

dass es die Welt erobern kann, wenn es nur daran

glaubt und unterstützt wird. Von Vorbildern, Rolemodels,

Mentor:innen. Von Leuten, die ihnen eintrichtern:

“Ich glaub’ an mich. Ich bin einzigartig. Ich kann alles

meistern. Ich schaffe das.“

Die dreißig Minuten sind um. Mein Einjähriger wackelt

stolz durch die Türe. Generation Mindset bohrt selbstbewusst

in der Nase. Ich blicke optimistisch in die Zukunft.

cucujkic@dasbiber.at, Instagram: @ivanaswelt

8 / MIT SCHARF /


NEMA PROBLEMA

TELENOVELA

Bildung wird immer noch vererbt, Nachhilfe und Schulzeug

werden immer teurer. Berufsschulen für Lehrlinge werden

vernachlässigt, man redet nur über die Maturant:innen.

Schulen mit mehr Kindern aus einkommensschwachen Familien

oder sonst wie benachteiligte Kinder sollen mehr Geld/

Kind bekommen. Dann spart man sich die teure Nachhilfe.

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NEUES AUS DEM LEBEN

DER FAMILIE PRAVDOVIĆ

Sine, es

tut mir so leid, dass

du abbrechen musstest. Ich

wünschte, ich hätte mir die

Nachhilfe leisten können…

True! Dass es

alle schaffen können, wenn

sie sich nur genug anstrengen, ist

ein Märchen. Bildung wird hier

immer noch vererbt.

Ey hört

ihr das? Die fordern

strengere Noten, damit sie

Schulabbrecher als Lehrlinge

einstellen können. Checken die

nicht, dass man sich dann als

Versager fühlt? Das kanns

nicht sein he!

Ach Mama,

das hätte auch nix

gebracht bei den Lehrern.

Von denen kam null

Unterstützung.

Vallah, genauso ist

es. Ich fühl mich total

hilflos … als hätte ich null

Zukunftsperspektive.

Chill und

verzweifel nicht!

Mach einfach den

Berufsinteressenstest

der Jopsy App.

Danke euch,

ihr seid echt die

Besten!

Keine Sorge,

wir sind für

dich da!

Fotos: Zoe Opratko

Sine, schau

mal – hier kannst du

gleich den Test machen!

Du findest bestimmt das

Passende für dich!

TIPP Arbeiterkammer:

Die Welt ist ungerecht. Damit du trotzdem

deinen Traumjob findest: Mach den Berufsinteressenstest

der AK Jopsy App! Kostenlos

zum Herunterladen im Google Play oder

im App Store. Wir sind in der Zwischenzeit

#deineStimme für soziale #Gerechtigkeit.


AUSTRIA’S

NEXT

PRÄSIDENT?

DU HAST DIE WAHL –

WIR DIE FAKTEN

Wusstet ihr, dass der MFG-Kandidat sein Wohnzimmer zu einer Shisha-

Bar umfunktioniert hat? Oder Krone-Kolumnist Tassilo Wallentin auf

der Straße oft mit Arnold Schwarzenegger verwechselt wird? Der biber-

Kandidaten-Check hilft euch herauszufinden, wem ihr eure Stimme gebt.

SPOILER: Politik muss nicht immer ernst sein, nehmt es mit Humor!

Von Emilija Ilić, Antonia Baumgartner und Dennis Miskić

10 / POLITIKA /


ALEXANDER

VAN DER BELLEN

(parteilos)

WALTER

ROSENKRANZ

(FPÖ)

Alter

78 Jahre

Alter

60 Jahre

© Lukas Ilgner / Verlagsgruppe News / picturedesk.com, HELMUT FOHRINGER / APA / picturedesk.com

Sternzeichen

Großes Vorbild

Du solltest ihn

wählen, wenn…

Steinbock

Greta Thunberg

… dich Zigarettenqualm

nicht stört, du oft im

Unterricht einschläfst

und du jedes Jahr einen

neuen Baum pflanzt.

Er geht als Favorit ins Rennen:

Alexander Van der Bellen (VDB). „Sascha“ steht

für Beständigkeit, Konstanz und Langeweile.

Keiner rechnet damit, dass jemand anderer gewinnen

könnte (außer die Gegenkandidaten). Was außerdem

für ihn spricht: Obwohl wir Migrant*innen ab und zu

Probleme haben, unsere Heimat zu benennen, hat der

Hundepapa der niedlichen „Juli“ gleich vier: Tirol,

Wien, Österreich, Europa. Ob das Raucherzimmer in

der Hofburg auch dazu zählt, ist nicht überliefert.

Sternzeichen

Großes Vorbild

Du solltest ihn

wählen, wenn…

Löwe

Julius Sylvester

(Politiker und Jurist)

… dir die ganzen Dönerbuden

schon auf die

Nerven gehen, du am

liebsten in Österreich

Urlaub machst und

regelmäßig zu den

Schlagern von Andreas

Gabalier mitgrölst.

Rosenkranz soll laut FPÖ-Chef Kickl der „junge

und dynamische“ Kandidat sein, der für die

FPÖ ins Rennen geschickt wird. Fair enough,

mit 60 Jahren ist Rosenkranz 18 Jahre jünger als

VDB. Der leidenschaftliche Musiker und Burschenschafter

Walter ist wiedermal ein FPÖ-Kandidat des

„kleinen Mannes“. Er wurde 2019 zum Volksanwalt

gewählt, doch das Shisha rauchende Volk vertritt

er anscheinend nicht. Unsere Idee, ein Interview in

einer Shisha-Bar zu machen, wurde mit „sicher nicht“

abgelehnt.

/ POLITIKA / 11


MICHAEL

BRUNNER

(MFG)

GERALD

GROSZ

(parteilos)

Alter

Sternzeichen

Großes Vorbild

Du solltest ihn

wählen, wenn…

62 Jahre

Skorpion

Mahatma Ghandi

… du trotz schlimmster

Kopfschmerzen nie eine

Tablette nimmst, seit

Jahren auf den Tot-

Impfstoff wartest und

egal was die Mama sagt,

immer dagegenredest.

Alter

Sternzeichen

Großes Vorbild

Du solltest ihn

wählen, wenn…

45 Jahre

Wassermann

Donald Trump

… du egal, wo du bist,

gerne Selfies und

Videos machst, Donald

Trump richtig feierst

und lieber oe24 als

Netflix schaust.

Brunner ist zwar in Wien geboren, lebt aber

in Pressbaum. Seine Studienzeit verbrachte

er damit, sich Gesetzestexte für den Jus-

Abschluss in den Kopf zu hämmern. Und wie sich

das gelohnt hat. Er hat eine Rechtsanwaltskanzlei im

ersten Bezirk. Für seine Tochter hat er eine Shisha

gekauft (Da können Sie noch was lernen, Herr Rosenkranz),

die sie genüsslich im hauseigenen Opernkino

dampfen kann. Als Chef der Impfskeptiker*innen

machte er 2021 Schlagzeilen. Seine Partei „MFG“ sitzt

im oberösterreichischen Landtag – für die Hofburg

wird es knapp, außer Covid feiert ein Comeback.

Grosz ist als Steirer Bua in Graz auf die Welt

gekommen und lebt bis heute dort! Trotz

seiner Vergangenheit als Politiker in der FPÖ

und BZÖ tritt er bei der diesjährigen Wahl als unabhängiger

Kandidat an! Gerald Grosz weiß, wie soziale

Medien und Boulevard ticken! Wenn er sich nicht

gerade Schlammschlachten auf oe24 liefert, möchte

er Österreich vom politischen Chaos und der Systemkorruption

der Regierung befreien! Sein Wahlslogan

„Make Austria Grosz again!“ soll Österreich

wieder great machen! Ja, wir machen bewusst immer

Rufzeichen, denn Herr Grosz schreit ganz gerne in

die Kamera und beleidigt alle Menschen, die in der

Vergangenheit nicht BZÖ gewählt hätten.

© Neumayr Fotografie - Christian L / picturedesk.com

12 / POLITIKA /


DOMINIK WLAZNY

alias MARCO POGO

(Die Bierpartei)

TASSILO

WALLENTIN

(parteilos)

Alter

35 Jahre

Alter

48 Jahre

Sternzeichen

Steinbock

Sternzeichen

Steinbock

Großes Vorbild

Du solltest ihn

wählen, wenn…

Michael Häupl (weil auf

Oberschenkel tätowiert)

… du lieber Bier als

Wasser trinkst, sogar im

Club eine Sonnenbrille

trägst und im „Moshpit“

noch nie deinen Schuh

verloren hast.

Großes Vorbild

Du solltest ihn

wählen, wenn…

Arnold Schwarzenegger

… du lieber trainieren

gehst, statt mit Freund-

Innen zu chillen, immer

in Cash zahlst, nicht gut

beim Minigolf bist und

dir deine Initialen auf

jedes Hemd nähst.

© Andreas Tischler / picturedesk.com, EVA MANHART / APA / picturedesk.com

Marco Pogo ist der jüngste Kandidat, der

jemals bei einer österreichischen Bundespräsidentenwahl

angetreten ist. Er heißt gar

nicht „Pogo“, sondern Dominik Wlazny und möchte

nicht mehr ausschließlich mit Spaß und Bier im

selben Schluck erwähnt werden. Wlazny scheint ein

Mensch zu sein, der sich schnell langweilt: Zuerst

Arzt, dann Musiker und jetzt Bundespräsident? Falls

es dazu kommen sollte, werden die jubelnden Wlazny-Anhänger*innen

kein Bad im Bierbrunnen nehmen

können. Die ersten Wiener Bierbrunnen wurden

nämlich nach nur kurzer Zeit wieder entfernt. Mehr zu

Dominik Wlazny kannst du im Interview in Zahlen auf

S.22 nachlesen.

Tassilo Wallentin kommt aus einem wohlhabenden

Elternhaus. Sein Studium in Salzburg hat

ihn so verschreckt, dass er direkt nach Amerika

abgehauen ist. Dort wurde er in Chinatown gerne

auch mit Arnold Schwarzenegger verwechselt. Weit

weg von Unterrichtsvorbereitungen, studierte er Jus

und arbeitete später in einer Anwaltskanzlei. Tassilo

Wallentin sieht sich als Retter der Nation – er tritt an,

um das Land vor dem Sturz in den Abgrund zu retten.

So ähnlich wie der austro-kanadische Multimilliardär

und progressive Feminist Frank Stronach („Frauen

sind Menschen wie wir.“), der Wallentin eine Doppelseite

in der „Krone“ gönnt.

/ POLITIKA / 13


HEINRICH

STAUDINGER

(parteilos)

Alter

Sternzeichen

Großes Vorbild

Du solltest ihn

wählen, wenn…

69 Jahre

Widder

Nelson Mandela

du keine Yoga-Stunde

ausfallen lässt, T-shirts

mit “Make love, not

war” voller Stolz trägst

und ohne „Bubatz“

nicht mehr einschlafen

kannst.

Du kannst von den Kandidaten

nicht genug bekommen?

Wer von ihnen wohl THC legaliseren

möchte und bei Monopoly

am ehesten schummeln

würde?

Schau dir die Interviews auf

unserer Homepage

www.dasbiber.at an.

Heinich „Heini“ Staudinger kommt aus dem

Bezirk Vöcklabruck, wo er als Ältester von fünf

Geschwistern aufwuchs. Im Spirit der 68er-

Generation steht er vor allem für eines: Peace and

Love. Ganz gewiss ist der Waldviertler-Schuhfabrikant

ein „Selbermacher“ in jedem Sinn, der seine Kandidatur

und seinen Wahlkampf in die eigene Faust nimmt

und anderen Kandidaten das Bein stellen will. Diese

Attitude brachte ihn schon in unangenehme Situationen

mit der Finanzmarktaufsicht. Heini stellt das „gute

Leben“ über die Interessen von Großkonzernen - dazu

gehört auch die Pharmaindustrie. Mobilisieren kann der

„Schuhrebell“ jedenfalls: Ob für eine Impfdemo, oder

nun auch für seine Kandidatur als Präsident.

© GEA

14 / POLITIKA /


Bezahlte Anzeige

Ich wähl, wer für Österreich

in der Hofburg ist.

Nutze auch du deine Stimme bei der

Bundespräsidentenwahl am 9. Oktober!

Du hast am Wahltag keine Zeit? Beantrage deine Wahlkarte jetzt

im zuständigen Wahlreferat des Magistratischen Bezirksamtes:

Bis 5. Oktober schriftlich (z.B. online unter wien.gv.at/wahlen oder per E-Mail)

Bis 7. Oktober, 12 Uhr, persönlich (aber nicht telefonisch)

Im 2., 4., 6., 8., 9., und 19. Bezirk gibt es eigene Wahlreferate außerhalb des Bezirksamtes.

wien.gv.at/wahlen

01/4000-4001


Herr Wlazny,

wie viele Leichen

haben Sie schon

gesehen?

Interview in Zahlen: In der

Politik wird schon genug

geredet. Biber fragt in Worten,

Bundespräsidentschaftskandidat

Dominik Wlazny

antwortet mit einer Zahl.

Wie viele

Krügerl Bier

werden Sie

im Falle eines

Sieges nach

der Wahl

∞trinken?

Wie viele

Tage im Jahr

tragen Sie Ihre

Sonnenbrille?

300

Wie viele

Stunden

arbeiten Sie

während des

Wahlkampfes

täglich?

17,5

Von Celina Dinhopl und Amar Rajković, Fotos: Zoe Opratko

Dominik Wlazny alias Marco Pogo beurteilt die Arbeit des

Präsidenten Alexander Van der Bellen mit „Befriedigend“.

Im Gegensatz zu anderen Kandidaten möchte Wlazny die

Bundesregierung nicht entlassen: „Die sollen was hackln.“

Was ist Ihr

Rekord an

Live-Musik-

Auftritten in

einem Jahr?

Mit wie vielen

Jahren haben

Sie sich das

Häupl-Tattoo

stechen lassen?

Wie viele Jugo-

Wörter haben

Sie in petto?

Wie viele

Menschen

arbeiten

an Ihren

Wahlsprüchen?

Wie viele Interviews

wollten

Sie am liebsten

abbrechen?

100

29

3

4

1 *

(Švabo, kurac, jebem ti)

*dieses hier

16 / POLITIKA /


Wie oft werden

Sie täglich auf

der Straße angesprochen?

Wie viele

Querdenker-

Freund:innen

haben Sie?

Wie oft in

der Woche

müssen Sie im

Freundeskreis

medizinische

Fragen

beantworten?

Wie viele

Leichen haben

Sie schon

gesehen?

Wie viele

Gitarren haben

Sie schon

zu Schrott

geschlagen?

100

3

3

100

4

1 Mal am Tag schämt sich der Arzt, Musiker und Kabarettist

für die aktuelle Bundesregierung.

Wie es sich für einen Rockstar gehört, zerstörte der Lead-

Sänger der Band „Turbobier“ immerhin schon 4 Gitarren.

Ab spätestens

welchem Jahr

soll Cannabis

legalisiert

werden?

Wie hoch ist die

Wahrscheinlichkeit

(in %), dass

Sie als Bundespräsident

die

aktuelle Regierung

entlassen?

Wie oft haben

Sie es heute

bereut, in

die Politik

gegangen zu

sein?

Wie oft am

Tag schämen

Sie sich für die

österreichische

Regierung?

Welche Schulnote

würden Sie

Alexander van der

Bellen für seine

bisherige Arbeit

als BP geben?

2022

0

3

1

3

/ POLITIKA / 17


Interview mit

Ex-Präsident Heinz Fischer

„Das fragen Sie einen

84-Jährigen?“

18 / POLITIKA /


Wusstet ihr, dass Heinz Fischer ein Fan von

Rapid Wien ist, nie nach elf Uhr abends

schlafen geht und schon seit 50 Jahren

von seiner Frau die Haare geschnitten

bekommt? Wir wollten vom ehemaligen

Bundespräsidenten wissen, was er von den

Sanktionen gegen Russland hält, warum

so viele Menschen in Österreich vom

Wahlrecht ausgeschlossen sind und welche

Jugendwörter er kennt.

Von: Antonia Baumgartner, Fotos: Lisa Leutner

BIBER: Wie geht’s dem Heinz Fischer

eigentlich?

HEINZ FISCHER: Dem Heinz Fischer geht

es gut! Ich lese viel und habe auch mehr

Zeit für die Familie und meine Enkelkinder.

Als Bundespräsident musste ich

mit jeder Viertelstunde sparsam umgehen,

jetzt habe ich nicht mehr so einen

strengen Tagesablauf. Man muss auch

bedenken, dass ich 1938 geboren bin.

In meinem Alter habe ich nicht dasselbe

Durchhaltevermögen wie früher.

Wann haben Sie das letzte Mal ausgeschlafen?

Ich bin immer früh schlafen gegangen

und früh aufgestanden, sogar sonntags

und an Feiertagen. Schon als Student

war ich ein Frühaufsteher. Meine Freunde

haben mich immer ausgelacht, weil

sie ganz genau wussten: Nach 23:00 Uhr

ist mit dem Heinz Fischer nichts mehr

anzufangen (lacht).

aus London liefern lassen und die dann

abgespielt.

Das nächste Mal laden wir Sie zum

„biber“-Sommerfest ein und Sie können

Ihre Lieblingsplatten auflegen.

Heinz Fischer: (lacht) Eine ganze Nacht

hindurch spiele ich nicht, denn Sie wissen,

spätestens um 23:00 Uhr bin ich zu

Hause.

Sie meinten öfters, dass es Ihnen wichtig

sei, auch mit Diktatoren oder Autokraten

in den Dialog zu treten. Gilt dies auch für

Kriegsverbrecher wie Vladimir Putin?

Ich würde Kriegsverbrecher nicht nach

Österreich einladen. Genauso wenig

würde ich Vladimir Putin aus derzeitiger

Sicht für ein Treffen nach Österreich

bitten. Ich find es aber wichtig, Gespräche

mit ihm zu führen. Wenn wir Frieden

schaffen möchten und den Krieg überwinden

wollen, müssen wir miteinander

reden.

Es gibt ein Video von Ihnen aus dem

Jahr 2014, wo Sie vier Monate nach der

völkerrechtswidrigen Annexion der Krim

über Putins „Diktatur“-Witz lachen. Was

ist Ihre jetzige Meinung dazu?

Damals war die Situation eine ganz andere

als jetzt. Wenn ein Gast eine scherzhafte

Bemerkung machte, bin ich nicht

mit eisiger Miene dagesessen. Wenn

ich lachen musste, habe ich gelacht. Zu

einem Treffen mit Putin habe ich einmal

unabsichtlich das falsche Redemanuskript

mitgenommen. Ein wenig nervös

meinte ich zu seiner Sekretärin: „Ich

habe die Rede vertauscht und nun die

falschen Unterlagen vor mir liegen.“

Daraufhin hat sich Putin, der ja Deutsch

versteht, zu mir gedreht und geflüstert:

„Das ist dem Breschnew (ehemaliges

Staatsoberhaupt der Sowjetunion) auch

passiert, nur der hat es nicht bemerkt“.

Da musste ich schon schmunzeln. Vladimir

Putin kann, wenn er will, humorvoll

sein.

Unterstützen Sie die Sanktionen gegen

Russland?

Ich glaube, Europa musste reagieren.

Sie haben früher unter dem Namen

„DJHeiFi“ aufgelegt. Zu welcher Musik

haben Sie die Menge zum Tanzen

gebracht?

Ich war natürlich relativ altmodisch, was

meinen Musikgeschmack betrifft. Ich

habe gerne Platten von amerikanischen

Jazz- und Bluessängern aufgelegt. Viele

von ihnen waren aus den 30er und 40er

Jahren. Damals hat es diese Musik in

Österreich nicht gegeben. Ich habe

mir immer per Post diese Schallplatten

Heinz Fischer würde Vladimir Putin aus heutiger Sicht nicht zu einem Gespräch nach

Wien einladen

/ POLITIKA / 19


Die österreichische

Staatsbürgerschaft

muss man sich verdienen.

Ja. Nein.

Früher war alles

besser.

Ja. Nein.

Frauenquoten

führen zu mehr

Gleichberechtigung

im Beruf.

Ja. Nein.

Die Wehrpflicht

gehört abgeschafft.

Ja. Nein.

Können diese Augenbrauen lügen? Ex-Bundespräsident Heinz Fischer

Homosexuelle

Paare sollen Kinder

adoptieren dürfen.

Ja. Nein.

Es ist aber wichtig zu überprüfen, ob

das, was man sich von den Sanktionen

erhofft, wirklich erreicht wird und den

Erwartungen entspricht.

Viele Menschen leben schon seit Jahren

in Österreich, besitzen jedoch nicht die

österreichische Staatsbürgerschaft und

dürfen daher nicht wählen. Haben Sie

viele Freund:innen, die vom Wahlrecht

ausgeschlossen sind?

Ob ich Freunde habe, die nicht wählen

dürfen, kann ich so spontan nicht beantworten.

Aber es muss ein Ziel der Politik

sein, dass Menschen, die dauerhaft in

Österreich leben, Deutsch sprechen, hier

arbeiten und Steuern zahlen, auch politische

Rechte haben. Das gehört zu den

Grundgedanken der Demokratie. Auch

in meiner Zeit als Bundespräsident habe

ich darauf geachtet, dass ich in meinen

Reden nicht nur Österreicherinnen und

Österreicher anspreche, sondern alle,

die hier leben. Auch wenn manche nicht

die österreichische Staatsbürgerschaft

besitzen, sind sie unsere Mitbürger.

Laut dem Standard unterstützen sie das

Anliegen, dass Bosnier:innen als offizielle

Volksgruppe in Österreich anerkannt

werden soll. Warum ist Ihnen das wichtig?

Nachdem, soweit ich weiß, die

Bosnier:innen eine definierbare und

repräsentierte Volksgruppe in Österreich

sind, finde ich es notwendig, darüber

zu diskutieren und diese anzuerkennen.

Die Anerkennung einer Volksgruppe tut

Österreich nicht weh. Es hat nur positive

Auswirkungen, denn es stärkt das Zugehörigkeitsgefühl

und die Wertschätzung

gegenüber diesen Menschen.

Warum glauben Sie, fällt es vielen Menschen

in Österreich schwer, Verständnis

und Empathie für Geflüchtete zu empfinden?

Es ist ein Problem, dass viele kein Verständnis

für die Situation von Flüchtlingen

haben. Gerade wenn man sich die

Inhalte der Freiheitlichen Partei (FPÖ)

anschaut, merkt man, mit welcher

Härte sie Geflüchteten entgegentreten.

Ich denke, dass viele dieser negativen

Gefühle aus Unwissenheit entstehen. Es

gibt zahlreiche Länder, in denen Menschen

wirkliche Fluchtgründe haben und

zur Flucht gezwungen sind.

Der Langenscheidt-Verlag hat vor kurzem

das Voting für das Jugendwort des

Jahres 2022 freigegeben. Ich lese Ihnen

vier vor und Sie raten, was die Wörter

bedeuten.

Slay:

Das fragen Sie einen 84-Jährigen?

(lacht) Ich habe keine Ahnung.

Diggah:

Das heißt Graben oder? Ich denke,

das kommt vom Englischen „digging“/

graben. Das könnte jemand sein, der

die Wahrheit erforschen möchte?

Siuu:

Ich merke schon, ich kenne weniger

Jugendwörter als Vokabeln im Altgriechischen

(lacht). Aber ‚siuu‘ könnte

aus dem Chinesischen kommen.

Bodenlos:

Ich denke da sofort an den Satz eine

bodenlose Frechheit. Also eine mega

Frechheit.

1 von 4 hatten Sie richtig!

Im Fußball möchte ich nicht 1 zu 4 verlieren

(lacht).

20 / POLITIKA /


Fotos:

Fotos:

shutterstock

shutterstock

Name: Heinz Fischer

Geburtstag: 9.10.1938

damals: Österreichischer

Bundespräsident von

2004–2016

heute: Mitgründer des „Ban

Ki-Moon Centre“, Präsident

des Verbandes Österreichischer

Volkshochschulen,

Vorstand der Österreichisch–

Chinesischen Gesellschaft

Apropos: Sie sind ein großer Fußballfan.

Welchen Verein unterstützen Sie?

Trotz den vielen Niederlagen unterstütze

ich Rapid.

Und international?

International bin ich ein Fan von Arsenal

London.

In rund

50 Sprachen

Koe

menestyksiä

Zeit für Erfolgserlebnisse

…Finnisch, Arabisch, Französisch, Hebräisch,

Italienisch, Japanisch, Sanskrit, Thailändisch,

Tschechisch, Ukrainisch… und viele mehr!

Können Sie uns einen Fußballtrick zeigen?

Heinz Fischer steht auf, schwingt sein

Sakko über den Sessel und kickt los.

#meinerfolgserlebnis

www.vhs.at

Bildung

und Jugend


POLIT-TALK

„Wir haben nicht

die Wahl.“

Stell dir vor, es sind Wahlen und ganz Oberösterreich darf nicht hin. Cem, Maria,

Iva und Jan gehören zu den 1,4 Millionen Menschen, denen der Eintritt in die

Wahlkabine am 9. Oktober verwehrt bleibt. Zu unserem biber-Polit-Talk sind sie

herzlich eingeladen.

Von Emilija Ilić und Dennis Miskić, Fotos: Franziska Liehl

Das Gefühl zu haben, dass

meine Stimme egal ist, tut

mir weh. Es ist so, als wäre

es Österreich vollkommen

wurscht, ob ich hier bin oder nicht“,

erklärt uns die 24-jährige Iva. Die Wienerin

arbeitet in der Gastro und ist alleinerziehende

Mutter. Die Einkommenshürde

(siehe Infobox), die zu bewältigen ist,

um für die österreichische Staatsbürgerschaft

anzusuchen, ist für sie zu hoch:

„Finanziell ist es einfach nicht möglich,

Iva ist kroatische und deutsche

Staatsbürgerin

dass ich mir das Geld für die Staatsbürgerschaft

anspare“, so Iva, während

sie an dem Schlauch in der Shisha-Bar

„Faily‘s“ im 2. Bezirk zieht. Als kroatische

und deutsche Doppel-Staatsbürgerin ist

sie von der kommenden Bundespräsidentenwahl

als auch von Nationalratswahlen

in Österreich ausgeschlossen. Ja,

sie darf bei EU und Gemeinderatswahlen

ihre Stimme abgeben. Iva ist das als

politisch engagierte Person lange nicht

genug: „Mit längeren Wartezeiten oder

den zahlreichen Dokumenten, die wir

mehrfach nachreichen müssen, macht es

Österreich einem schwer.”

Die Lebenssituationen von Iva und

der drei anderen Talk-Teilnehmer:innen

könnten unterschiedlicher nicht sein.

Eines haben sie aber gemeinsam: Keiner

von ihnen hat die österreichische Staatsbürgerschaft.

Keiner darf den Bundespräsidenten

am 9. Oktober wählen. In

einem Land, in dem sie leben, arbeiten

und Steuern zahlen, ist ihre Stimme

nichts wert. Laut Migrationsexperten der

Österreichischen Akademie der Wissenschaften

(ÖAW) gilt das heimische

Staatsbürgerschaftsgesetz als eines

der restriktivsten weltweit. Die Zahl der

Österreicher:innen, die vom Wahlrecht

ausgeschlossen werden, wächst. Heuer

betrifft es schon 1,4 Millionen Menschen.

Vor 20 Jahren waren es weniger als die

Hälfte, rund 580.000. Wird in Zukunft

nur eine kleine Elite wählen dürfen? Oder

müssen sich die Nicht-Wähler:innen

mehr bemühen, um in diesem Land mitzubestimmen?

DAS HÖCHSTE GUT

Mit dem Kurs, den die türkis-grüne

Regierung fährt, ist vorerst keine Besserung

in Sicht. „Die österreichische

Staatsbürgerschaft ist ein hohes Gut und

darf nicht leichtfertig vergeben werden“,

Jan ist Pole

22 / POLITIKA /


heißt es seitens der ÖVP. Die Partei

beharrt weiterhin auf ihrem Standpunkt,

obwohl sie reichlich Kritik dafür erntet.

Jan betrachtet das Thema aus einem

anderen Blickwinkel. Er ist vor 26 Jahren

in Polen geboren und bald darauf nach

Österreich gezogen. „Ich habe eigentlich

keine Nachteile davon, außer dass ich

nicht wählen darf. Der Aufwand war es

mir bisher aber nicht wert, die Staatsbürgerschaft

zu beantragen.“ Für ihn ist

es sinnvoller, in Polen zu wählen. Dort

ist das politische Klima angespannter

als hierzulande. „Es zählt jede Stimme,

um die Entwicklung des Landes voranzutreiben“,

meint er. Auch wenn er den

Bundespräsidenten nicht wählen darf,

beschäftigt er sich trotzdem mit der

österreichischen Politik.

Maria hat die rumänische

Staatsbürgerschaft

„Ich habe das Gefühl, dass mein

Weg zur Staatsbürgerschaft noch so

weit weg ist. Je mehr ich mich mit ihr

auseinandersetze, desto unerreichbarer

scheint sie.“ Der 18-jährigen Maria fällt

es schwer, am Wahlsonntag zu Hause

zu bleiben. Wie soll sie während ihres

Studiums so viel arbeiten, dass sie die

Einkommensgrenze erreicht? In ihrer

Situation ist es derzeit unmöglich, die

Staatsbürgerschaft zu beantragen. Dass

die Informationen so schwer zugänglich

sind, frustriert sie am meisten. Ihren

rumänischen Pass möchte sie schon

lange ablegen. „Rumänien ist für mich

ein Land, das ich ein paar Mal besucht

habe, in dem ich vereinzelte Personen

habe, die mir nahestehen. Aber ich

verstehe nicht, warum ich dann dort die

Politik mitentscheiden soll. Es betrifft

mich nicht.“

WÄHLEN OHNE

STAATSBÜRGERSCHAFT?

Cem ist vor ungefähr vier Jahren nach

Österreich ausgewandert. Seine deutsche

Staatsbürgerschaft hindert ihn

daran, sich an allen relevanten politischen

Entscheidungen in Österreich zu

beteiligen. Der 30-Jährige hat sich hier

selbständig gemacht und ein Unternehmen

aufgebaut. Er wird von der Politik

ausgeschlossen, die direkte Auswirkungen

auf sein Unternehmen hat. Trotzdem

fühlt er sich von anderen Interessensvertretungen

gehört. „Ich fühle mich

von der Arbeiterkammer oder der WKO

ganz gut vertreten. Meine Nationalität ist

egal, sie vertreten auch die Rechte von

Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft.“

Bei Gemeinderatswahlen

und EU-Wahlen dürfen unsere vier Gäste

mitmachen, bundesweit jedoch nicht.

Alle vier sind sich einig: So wie das

Wahlrecht jetzt ist, kann es nicht bleiben.

Die ideale Lösung: das Wahlrecht an

den Wohnort koppeln und die Einkommensgrenze

abschaffen. Jan betont, wie

wichtig es sei, eine einheitliche Lösung

auf EU-Ebene zu finden. Iva und Cem

würden ihre Staatsbürgerschaften gerne

behalten UND in Österreich wählen

dürfen. „Politik hat immer einen direkten

Effekt auf uns. Das Gefühl zu haben,

nicht ausgeliefert zu sein, sondern mitentscheiden

zu dürfen, wäre schön“, seufzt

Iva. Ein Blick in die Gesprächsrunde zeigt

bedrückte Gesichter. ●

Cem ist deutscher Staatsbürger

INFOBOX

Auf der Plattform „www.

österreich.gv.at“ gibt es

folgende Informationen

hinsichtlich der Einkommensgrenze:

„Hinreichend gesicherter

Lebensunterhalt: Nachweis

fester und regelmäßiger

eigener Einkünfte

aus Erwerb, Einkommen,

gesetzlichen Unterhaltsansprüchen

oder Versicherungsleistungen

im Durchschnitt von 36

Monaten aus den letzten 6

Jahren vor dem Antragszeitpunkt,

wobei jedenfalls

die letzten geltend

gemachten sechs Monate

unmittelbar vor dem

Antragszeitpunkt liegen

müssen.“ Auf gut Deutsch:

Der/Die Antragsstellende

muss die letzten 6 Monate

vor dem Antrag einer fixen

Beschäftigung nachgegangen

sein. Weiters muss

er oder sie 3 der letzten 6

Jahre offiziell gearbeitet

haben. Die tatsächlich

benötigten Unterlagen

können erst aufgrund Ihrer

persönlichen Angaben

festgestellt werden.

/ POLITIKA / 23


CHRONIK EINES ANGEKÜNDIGTEN

HAFTBEFEHLS

Der Soziologe Kenan Güngör wird

vom türkischen Staat per Haftbefehl

gesucht. Warum eigentlich? Darüber

schreibt er in einem persönlichen

Kommentar exklusiv im biber.

Für alle, die sich kritisch über das antidemokratische

und repressive Erdoğanregime in der Türkei

oder dessen systematische Unterdrückung der

Kurden äußern, kann es sehr schnell eng werden.

Die Nachricht, dass der türkische Staat mich per Haftbefehl

sucht, hat mich daher weder schockiert noch überrascht.

Von einem Unrechtsregime ist das erwartbar. Überrascht

war ich allerdings, dass gleich zwei Anklagen, eine wurde

inzwischen aufgehoben, gegen mich vorlagen und sogar

als geheim eingestuft wurden. Eine wegen Beleidigung des

Präsidenten – der offensichtlich sehr schnell beleidigt ist.

Denn das Erdoğanregime hat bisher 160.000 Menschen

diesbezüglich verklagt. Der Zweite aufgrund angeblicher

Unterstützung einer Terrororganisation. Ein in der Türkei

inzwischen sehr inflationär gebrauchter Vorwand gegenüber

Menschen, die sich für die Rechte der Kurden einsetzen und

sich z.B. mit den kurdischen Kräften in Syrien solidarisieren.

Ja, mit jenen Kräften, welche die Terrororganisation Islamischer

Staat mit Unterstützung des Westens tapfer und mit

viel Blutzoll bekämpft haben und Erdoğan dafür kritisieren,

dass er mit den von ihm unterstützten islamistischen Terrororganisationen

versucht, die Kurden in Syrien niederzuschlagen.

Viele im Ausland lebende Erdoğan-Kritiker werden über

den konkreten Inhalt der Anklage absichtlich im Dunklen

gelassen, sodass sie nichtwissend in die Türkei einreisen

und festgenommen werden. Das war auch in meinem Fall so

beabsichtigt.

DEN ANGEKLAGTEN IM DUNKELN

LASSEN - KAFKA LÄSST GRÜSSEN

Ich bin die letzten sechs Jahre aufgrund einer möglichen

Verhaftung nicht in mein Heimatland gereist. Dieses Unwissen,

ob und was gegen einen vorliegt, ist auch machtstrategisch

ein Instrument, um Menschen bewusst in einer

ängstigenden Unsicherheit zum Schweigen zu bringen.

Nun ist mein Unwissen der Gewissheit gewichen, dass

man gesucht wird und man nicht schweigen darf. In einem

Rechtsstaat gilt die Unschuldsvermutung so lange, bis die

Anklage die Schuldigkeit bewiesen hat. In der Türkei gilt das

Gegenteil – du bist in den Augen des Staates schuldig bis

du deine Unschuld bewiesen hast, sofern das überhaupt

© Magdalena Possert

24 / POLITIKA /


möglich ist. Ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen, denn

ohne jegliche Kenntnis der Anklageschrift und der Gründe

ist es auch nicht möglich, eine Verteidigung vorzubereiten.

Diese kafkaeske Vorgehensweise zeigt die Willkür und das

systematische Unrecht im Rechtssystem.

WENN RECHT ZU UNRECHT WIRD…

Doch überall, wo Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand

zur Pflicht, sagte Bertold Brecht. Gerade in einer Zeit, wo

Hunderttausende unter diesem totalitären System leiden, in

den Gefängnissen darben, ihrer Existenzen, Freiheiten und

Identität beraubt werden und die meisten zum Schweigen

gebracht wurden, war es für mich wichtig, auf diese Missstände

hinzuweisen. Gegen repressive Systeme zu kämpfen

hat seinen Preis. Das bin ich mir stets bewusst gewesen und

bereit zu zahlen, wenn es sein muss. Auch wenn Kritiker in

Österreich vor der türkischen Zensur und Verfolgung nicht

ganz geschützt sind, bin ich doch in der glücklicheren Lage,

hier und nicht in der Türkei zu leben. Denn dort sind die Konsequenzen

um ein vielfaches zerstörerischer. Mein Ziel war

es, meine Bekanntheit dafür zu nutzen, um mit meinem Fall

die Stimme für jene zu erheben, die es selber nicht (mehr)

können.

LEBEN IN WIDERSPRÜCHLICHEN

WELTEN UND NORMALITÄTEN

Ein Teil der Menschen mit transnationalem Background lebt

in verschiedenen Welten mit völlig widersprüchlichen Realitäten,

Werten und Normalitätsannahmen. Es ist ein Switchen

von der einen in die andere Welt und stets eine Zerreißprobe.

So hältst du hier einen Vortrag über die Ethik, Integration

oder das Zusammenleben in einem gediegenen Rahmen und

erhältst parallel Nachrichten, dass Freunde bzw. Verwandte

festgenommen wurden oder viel Schlimmeres passiert ist.

Diese Risse und Widersprüchlichkeit in der Gleichzeitigkeit

kennen Menschen, die aus diktatorischen Regimen oder aus

Kriegsgebieten kommen, nur zu genau.

Ich kenne dies seit meiner Kindheit und hoffe, dass meine

Kinder keine weiteren 40 Jahre dafür kämpfen müssen,

damit alle Menschen in der Türkei endlich in Würde und

Freiheit leben können. Das Gefühl, dass es die hundertfache

Anstrengung braucht, um etwas aufzubauen und nur

ein Hundertstel, um alles wieder zu zerstören, ist leider das

Ungleichverhältnis zwischen den konstruktiven und destruktiven

Kräften. Im Wissen um die Verletzlichkeit zivilisatorischer

Errungenschaften müssen wir weiterhin dafür

einstehen und kämpfen. Denn wir sind nicht nur verantwortlich

für das was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht

tun. Das Leben ist kein Film und wir keine Zuschauer! ●

Kenan Güngör, 53, ist deutscher Soziologe und Politikberater. Anfang

August erfuhr der in Wien lebende Familienvater von seinem Anwalt, dass

er in der Türkei per Haftbefehl gesucht werde. Anklage: Präsidentenbeleidigung

und Terrorismus.

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WIR

KINDER

VOM

STADTPARK

Speed, Heroin, Crystal Meth, Prostitution und Obdachlosigkeit

gehören zu ihrem Alltag, dabei sind sie teilweise

erst 14 Jahre alt. Sie sind durch alle sozialen Netze gefallen,

ihre Zuflucht finden sie im Rausch: Wiens vergessene Kinder,

die von der Gesellschaft längst aufgegeben wurden und

selbst keine Zukunft mehr sehen.

Von Aleksandra Tulej und Dennis Miskić, Mitarbeit: Daria Abed-Navandi, Fotos: Zoe Opratko

26 / RAMBAZAMBA /


/ RAMBAZAMBA / 27


Willkommen am Abgrund“, begrüßt uns der

19-jährige Shiro lachend und herzlich, als würden wir in

seine Wohnung eintreten. Shiro Arme sind mit tiefen Narben

übersät. „Das ist vom Ritzen, nicht von Heroin. H ist Absturz.

Das da drüben ist der H-Brunnen, wo immer die Spritzen

rumliegen, der andere ist unser Piss-Gebüsch“, erfahren wir.

Wir begegnen Shiro und seinen Freunden im Wiener Stadtpark,

auf der Liegewiese gegenüber vom Kursalon Hübner,

schräg neben dem goldenen Johann-Strauss-Denkmal.

Neben spazierenden Familien und fotografierenden

Touristen fällt die Freundesgruppe auf den ersten Blick nicht

auf. Eine große Clique, die im Park

herumsitzt, lacht, Musik hört, billigen

Wein trinkt und vielleicht den einen

oder anderen Joint raucht. Für Jugendliche

in ihrem Alter nicht unbedingt

ungewöhnlich. Aber schnell wird klar:

Statt Joints gibt es Crystal Meth, statt

sorgloser Teenager-Gespräche werden

tiefe Traumata geteilt. „Wir alle leben

entweder auf der Straße oder haben so viel Stress zuhause,

dass wir freiwillig abhauen“, bekommen wir zu hören. Wie

Shiros Freund Charlie. „Ich habe mich gestern von zwei

Mädchen dazu überreden lassen, in einem Porno-Video

für OnlyFans mitzuspielen. Man hat eh nicht mein Gesicht

gesehen. Dafür habe ich dann ein Blech bekommen. Das war

das Einzige, das gezählt hat“, erzählt Charlie fast gleichgültig,

zuckt mit den Schultern und zieht an seiner Zigarette. Mit

Blech ist Heroin gemeint. Geraucht, nicht gespritzt. Dafür hat

er zu große Angst vor Nadeln.

„HEUTZUTAGE WIRD ÜBER

INSTAGRAM GEDEALT.“

Der Stadtpark und der Karlsplatz gehören seit jeher zu den

Hotspots der Wiener Drogenszene. Vor allem in den 80erund

90er-Jahren waren es berüchtigte Umschlagplätze.

Damals gab es noch so gut wie keine Substitutionsprogramme

und auch keine Hilfsangebote, wie heute (siehe Infobox).

Laut dem Drogenbericht des Sozialministeriums 2021

wurden im Jahr 2020 österreichweit 115 tödliche Überdosierungen

verifiziert. Die Karlsplatz-Räumung von 2010 hat

die Szene von der U-Bahn-Unterführung weg an andere Orte

hin verlagert. Zumindest augenscheinlich. Heutzutage wird

„sowieso meistens über Snapchat oder Instagram gedealt“,

Wir alle leben entweder auf

der Straße oder haben so

viel Stress zuhause, dass wir

freiwillig abhauen.

wie wir von den Jugendlichen erfahren. Auf Social Media

teilen sie selbst Fotos, auf denen man sie beim Drogenkonsum

sieht. Die Drogenszene auf TikTok und Instagram boomt

gerade. In bunten Videos zeigen sich zugedröhnte Jugendliche,

die verschiedene Substanzen durch die Nase ziehen

und mit ihren riesigen Pupillen angeben. Angst vor Konsequenzen

scheinen sie dabei nicht zu haben. Was früher

heimlich gemacht wurde, wird heute offen zur Schau gestellt.

Was ist hier jugendliche Faszination und Neugier - und was

lebensgefährlich? Wie kann das passieren, dass in der vermeintlich

lebenswertesten Stadt der Welt Jugendliche durch

alle sozialen Netze fallen?

In der Wiener Innenstadt, direkt neben Touri-Hotspots

und dem Trubel des Alltags, existiert seit Jahrzehnten ein

Milieu, bei dem die Gesellschaft lieber wegschaut. Wir

wollten wissen, wer diese Jugendlichen sind, die seit jeher

in Statistiken und Zahlen vorkommen, die, die eigentlich nie

eine richtige Chance hatten, für die im System kein Platz ist

und die von allen Seiten gemieden werden. Dabei sind die

meisten von ihnen nicht „selber Schuld“ daran, wie ihnen oft

vorgeworfen wird.

„Wenn was schiefgeht, sind wir eh nur der nächste tote

Junkie“, sagt Shiro. Während des Abends, den wir mit der

Clique im Stadtpark verbringen, fährt die Polizei mehrmals

an uns vorbei. Dass hier öffentlich

illegale Drogen konsumiert werden,

sehen sie entweder nicht, oder wollen

es nicht sehen. „Wie oft es im Zuge

des Streifendienstes zu routinemäßigen

Kontrollen kommt, können wir leider

nicht beantworten, da diese Zahlen

nicht dokumentiert werden“, heißt es

seitens LPD Wien. Und weiter: „Wenn

Jugendliche eine Straftat begehen, werden sowohl die Eltern

als auch das Jugendamt verständigt.“ Was passiert aber,

wenn ein 14-Jähriger mit Heroin erwischt wird? Ab 14 ist

man strafmündig, das heißt, man kann angezeigt werden. Es

werden auch die Eltern und das Jugendamt verständigt. Das

alles scheint die Clique im Stadtpark aber nicht zu stören.

DER WIENER „KINDER-STRICH“

„Die Polizei interessiert sich nicht für uns. Die freuen sich

einfach, wenn wir hier alle an einem Fleck sind. Vor allem,

was wollen die machen? Ich hatte eh schon mal eine Überdosis,

so mit Schaum vorm Mund und alles. Keine Ahnung,

wie ich das überlebt habe, im Krankenhaus war ich aber

nicht. Ich bin ja nicht versichert, ich habe kein Geld für

sowas“, erzählt Charlie.

Charlie ist 19 und lebt seit zwei Jahren auf der Straße. Er

schläft „mal hier, mal da.“ Mal auf einem Bahnhof, mal bei

Freunden. Charlies Mutter leidet an Schizophrenie, zuhause

hat sich niemand so richtig um ihn gekümmert. „Aber hey,

ich habe seit fünf Tagen kein Crystal mehr genommen! Mir

tut zwar alles weh, aber fünf Tage sind schon mal was“,

sagt Charlie glücklich. „Ich bin stolz auf dich“, entgegnet

ihm Shiro. Shiros Eltern wiederum sind beide verstorben,

er ist in einer betreuten Wohneinrichtung aufgewachsen.

28 / RAMBAZAMBA /


Die Polizei interessiert sich

nicht für uns. Die freuen

sich einfach, wenn wir hier

alle an einem Fleck sind.

/ RAMBAZAMBA / 29


„Die Betreuer wollen aber eh nur, dass man sich alle paar

Tage bei ihnen meldet.“ Er hatte nie einen richtigen Halt im

Leben, ist viel draußen auf der Straße abgehangen. Objektiv

gesehen hat und hätte es also Einrichtungen gegeben, die

die Jugendlichen auffangen sollten. Aber sie haben sich

nie abgeholt gefühlt. „Irgendwann ist man dann halt abgerutscht:

Speed, Benzos, Crystal. Und jetzt geht es ohne halt

nicht mehr“, erzählt er immer noch mit einem Halblachen.

Womit sie ihre Sucht und überhaupt ihr Leben finanzieren?

Wer zahlt ihre Handyrechnung? „Manche von uns bekommen

eh noch von der Wohngruppe Geld, oder irgendwie

anders, noch so halb durch die Eltern oder sonst wie. Keiner

von uns fragt danach. Aber es ist eh nie genug.“ Deshalb

muss es anders ablaufen.

„Entweder, du stellst dich auf die Gumpi und verkaufst

selber oder… naja“, Shiro zieht den Ärmel seines Pullovers

über seine Hand, beißt sich auf die Lippe und wird ernst.

Er war 14, als er das erste Mal „auf den Straßenstrich im

Zehnten“ ging. „Manchmal habe ich 40

€ verlangt für einen Blowjob, manchmal

50 € für Sex. Wenn die Typen ganz

grindig waren, auch mal 70 €“, erzählt

er. Dass er minderjährig war, wussten

seine Freier. Das ist immerhin fünf Jahre

her. Auch heute hat Shiro für seine 19

Jahre noch ein sehr kindliches Gesicht.

„Es waren auch ein paar Pädos dabei,

Genau hier hatte ich letzte

Woche eine Überdosis, ich

wurde dann mit der Rettung

ins Krankenhaus gefahren.

aber deshalb bin ich nie mit denen nachhause gegangen,

sondern nur ins Auto“, rechtfertigt er sich. „Das war richtig

schlimm, das war das Geld nicht wert, das war so eine grindige

Zeit.“ Damit habe er aber jetzt aufgehört, nach diesen

Erfahrungen hätte er mehrere Suizidversuche unternommen.

Sein Blick wandert herum.

„Du bist ja wieder da!“, schreit Shiro plötzlich. Unser Blick

wandert zu einem zierlichen jungen Mädchen mit schwarzen

Haaren, das sich der Gruppe nähert. Sie wird begrüßt und

umarmt. „Genau hier hatte ich letzte Woche eine Überdosis,

ich wurde dann mit der Rettung ins Krankenhaus gefahren“,

die 14-Jährige Yasmin* wedelt uns als Beweis fast schon

stolz mit ihrem weißen Krankenhaus-Bändchen entgegen,

das sie seit ihrer Entlassung aus dem AKH vorgestern mit

sich trägt. Eine Mischung an Benzodiazepinen, Alkohol und

Happy Caps (Anm.: legale „Stimmungsaufheller“) hat sie

letzte Woche in die Notaufnahme gebracht. Ihren Eltern hatte

sie erzählt, jemand hätte ihr etwas ins Getränk gemischt.

Geglaubt haben sie es aber nicht so

richtig.

Yasmin wohnt bei ihren Eltern und

geht zur Schule. Aber mit ihren Klassenkameraden

kann sie nicht viel anfangen.

Über Snapchat hatte sie einen

26-Jährigen kennengelernt, mit dem

sie das erste Mal MDMA konsumiert

hat. Der Rausch hat sie fasziniert, sie

„Wir sind hier wie eine Familie. Jeder hat hier Probleme, aber wir helfen uns gegenseitig.“

30 / RAMBAZAMBA /


Wir wissen eh, was

die Gesellschaft von

uns denkt. Wir sind

Abschaum.

wollte nicht mehr ohne. Irgendwie ist sie dann durch Freunde

an die Clique im Stadtpark geraten. „Wir sind hier wie eine

Familie. Jeder hat hier Probleme, aber wir helfen uns gegenseitig.

Außerdem hat hier immer irgendwer irgendwas zum

Ziehen oder so dabei. Es ist schon ein ziemlicher Absturz

hier, aber zumindest haben wir uns“, sagt Shiro und nimmt

Yasmins Hand. Plötzlich klingelt Yasmins Handy. „Shit, Leute,

meine Mutter ist hier! Sie sucht mich im ganzen Stadtpark.

Ich muss weg!“ Das Mädchen springt auf und rennt davon.

„Wenigstens sucht dich jemand“, murmeln die anderen.

Während wir mit der Gruppe zusammensitzen, werden

wir alle paar Minuten nach Wasser, Taschentüchern und

Zigaretten gefragt. Manche sitzen mit uns, manche torkeln

herum. Ein sehr zierliches Mädchen lehnt ihren Kopf immer

wieder auf unsere Schulter oder unseren Schoß, schaut

uns mit großen Augen an und fragt wiederholt, warum wir

hier sind. Das Gesagte dringt zu ihr nicht durch. Ein anderer

Junge nimmt einen Schluck aus einer Bierdose, übergibt sich

im nächsten Moment und nimmt dann wieder einen weiteren

Schluck von seinem Bier.

„WER WEISS, WIE ALT

WIR NOCH WERDEN“

In der Luft liegt ein Gefühl der Hoffnungslosigkeit. Ob sie

denn auch mal daran gedacht hätten, einen Entzug zu

machen oder sich an die Suchthilfe zu wenden? Es gibt in

Wien objektiv gesehen genug Hilfsangebote für Menschen

mit Suchtproblemen. Aber so einfach ist das nicht, vor allem,

wenn man kaum Unterstützung hat, und keinen Sinn darin

sieht. „Wozu? Schau, wir haben es nie anders gelernt. Wir

wissen eh, was die Gesellschaft von uns denkt. Wir sind

Abschaum.“ Ob sie Pläne für ihre Zukunft haben? Kollektives

Kopfschütteln. „Welche Zukunft? Wer weiß, wie alt wir noch

werden. Entweder wir sterben, bevor wir 20 sind, oder wir

werden wie diese grindigen Zombie-Junkies ohne Zähne am

Praterstern. Die, die immer so zittern. Eine andere Option

kann ich mir gerade nicht vorstellen“, zuckt Shiro mit den

Schultern. „Wobei es schon cool wäre, clean zu werden.

Aber wofür? Wir haben niemanden, der Zuhause auf uns

wartet und niemanden, der noch irgendwas von uns erwartet.“

Shiro spricht die Dinge so an, wie sie sind: Ehrlich und

unverblümt.

Shiro und Charlie lieben David Bowie und interessieren

sich für Filme. Die Geschichte von Christiane F. und der „Kinder

vom Bahnhof Zoo“ aus den 80ern kennen sie alle in- und

„Wofür sollen wir clean werden? Es erwartet niemand

irgendwas von uns“

auswendig. Christianes Geschichte hat erstmals auf den Drogenkonsum

bei Minderjährigen im deutschsprachigen Raum

aufmerksam gemacht und hat gleich Wellen geschlagen. Das

Buch wird bis heute an Schulen gelesen und im Unterricht

verwendet. Seit Erscheinung des Films sind mehr als vierzig

Jahre vergangen. Trotzdem kennt Shiro jedes Interview mit

Christiane F.: „Das ist ein Film, der uns repräsentiert. Da

hat jemand endlich mal mit solchen wie uns geredet, und

die haben einfach die Wahrheit gezeigt. Und wir sind jetzt

die Kinder vom Stadtpark.“ Die Amazon-Prime-Neuauflage

aus 2021 finden sie allerdings nicht mehr so gut, weil „dort

Drogen und das alles so glamourös dargestellt werden. Der

ganze Dreck wird da nicht abgebildet.“

Was müsste sich ändern, damit die Jugendlichen wieder

einen Sinn in ihrem Leben finden? „Schau, die meisten von

uns waren schon mehrmals im Krankenhaus. Überdosis,

Suizidversuch, Psychiatrie. Die klappern dort einfach nur alles

medizinische ab, ich verstehe eh, dass die auch nur ihren

Job machen. Aber keiner jemals fragt, wie es uns wirklich

geht und wie es so weit mit uns kommen konnte. Ich habe

einfach das Gefühl, dass wir eine Gruppe sind, von der die

Gesellschaft nichts wissen will“, entgegnet Shiro. Vor allem

aber mangelt es an Zugänglichkeit: Einen Psychotherapieplatz

zu bekommen, ist in Österreich sehr schwierig und

meist jenen Jugendlichen vorbehalten, deren Eltern es sich

leisten können. Für die Clique gibt es diese Option nicht. Der

/ RAMBAZAMBA / 31


Trauma, psychische Erkrankung, Armut, Perspektivenlosigkeit

– was ist der Grund für den Konsum, worin wurzelt

die Erkrankung? „Wir hören zu, beraten und helfen, wo wir

können. Das betrifft nicht nur den Konsum bzw. die Sucht,

sondern auch Themen wie Wohnen, Verpflegung, allgemeine

Gesundheit, Schulden, Ausbildung. Es gibt in Wien Support

auf vielen Ebenen – das beginnt ganz niederschwellig mit

den Kolleg:innen aus der mobilen sozialen Arbeit und Streetwork

und reicht bis zu den unterschiedlichen Angeboten im

Sucht- und Drogenhilfenetzwerk. Wichtig ist: Jemand muss

die Hilfe wollen, dann können die Unterstützungsmöglichkeiten

sehr individuell angepasst werden.“

„Wir haben die letzten zwei Jahre fast eingesperrt gelebt,

wer hält das aus?“

Zugang zu Drogenentzug und der damit verbundenen Therapie

hat sich aber vor allem in den letzten Jahren stark

gewandelt, heißt es seitens der Psychosozialen Dienste

Wien.

„Wir erleben, dass die Vorstellung der Suchtbehandlung

ziemlich veraltet und von Hollywood geprägt ist.“ so Ewald

Lochner, Koordinator für Psychiatrie, Sucht- und Drogenfragen

der Stadt Wien. „Grundsätzlich schauen wir vor

einer Behandlung, wie das Konsummuster aussieht – das

reicht von Probierkonsum bis hin

zu einer Suchterkrankung. Ein

problematischer Konsum liegt

dazwischen. Zusätzlich ist auch

die Substanz ein wichtiger Faktor.

Je nachdem werden die Therapiemöglichkeiten

angepasst.“ Ein

Entzug allein wird laut Lochner in

den wenigsten Fällen alle Probleme

lösen. „Und auch hier möchte

ich betonen, dass es längst nicht

mehr zeitgemäß ist, für Jahre an

einem abgelegenen Ort „clean

zu werden“. Wir müssen hinter

die Suchterkrankung schauen,

um den Menschen zu sehen“, so

Lochner.

HIER FINDEST DU HILFE, PRÄVENTION UND

INFORMATIONEN ZU DROGENKONSUM:

● Suchthilfe Wien: www.suchthilfe.wien,

Telefon: 01 400053800

● Verein Dialog: Suchtprävention und Früherkennung:

www.dialog-on.at

Hegelgasse 8/13, 1010 Wien,

Telefon: 01 205552500

● Kolping Haus: Sucht- und Drogenberatung für

Jugendliche und Angehörige

Paulanergasse 11, 1040 Wien,

Telefon: 01/ 581 53 03

„KETA, COLA, SPECK. EGAL WAS.

IRGENDWER HAT IMMER WAS DA.“

Ortswechsel zum Wiener Karlsplatz. Auch hier kommen

wir schnell mit einer Gruppe Jugendlicher ins Gespräch.

„Wir sind nicht wie die Junkies im Stadtpark!“, hält uns die

14-jährige Amelie gleich zu Beginn entgegen. Die Clique

hier trägt Klamotten von ASOS, Doc Martens und ist ganz in

Euphoria-Manier glitzernd und bunt geschminkt. „Aber klar,

wir treffen uns hier schon, um was zu nehmen. Nüchtern ist

hier keiner“, erzählt sie. Was hier konsumiert wird? „Keta,

Cola, Speck hauptsächlich“, (Anm.: Ketamin, Kokain, Speed)

bekommen wir zu hören. Wir kriegen den Eindruck, dass die

Szene hier sich etwas von der im Stadtpark unterscheidet.

Das erzählen uns auch die Jugendlichen. „Es geht hier ums

Betäuben. Wir haben die letzten zwei Jahre fast eingesperrt

mit unseren Eltern gelebt, wer hält das aus?“, sagt Anna.

Auch hier scheint es nicht nur um sorgloses Feiern zu gehen.

„Als die Pandemie begonnen hat, war ich zwölf Jahre alt

und bin an den Wochenenden mit meinen Eltern noch ins

Kino gegangen. Und jetzt bin ich auf einmal 14 und mich

interessieren ganz andere Dinge. Kommt mal mit, wir zeigen

euch unseren geheimen Spot, das ist hinter einem Büro, das

checkt keiner.“

Benzodiazepine, genannt Benzos, sind hier sehr beliebt.

Wie in der allseits beliebten US-amerikanischen Serie

Euphoria, die seit ihrer Erstausstrahlung im Jahr 2019 in der

Kritik steht, Drogenkonsum zu glorifizieren. „Euphoria ist

aber die erste Serie, die Drogen

und mentale Gesundheit in einem

anspricht. Das finde ich schon

cool“, erzählt uns die 15-Jährige

Celina. „Habt ihr Wasser?“,

werden wir gefühlt in jedem

zweiten Satz gefragt. Wir nicht,

aber dafür das Awareness-Team

AwA*. Sie sind hier am Karlsplatz

mobil unterwegs, leisten Aufklärung

und haben Müllsäcke, FFP2-

Masken, Infomaterial, Wasser,

Hygieneprodukte und andere

Dinge dabei, die sie bei Bedarf

an die Jugendlichen verteilen.

„Wir haben bemerkt, dass Heroin

und Benzos gerade stark beliebt

32 / RAMBAZAMBA /


sind. Das Problem ist, dass viele der Jugendlichen auch wenig

bis keine Ahnung haben, welche Substanzen sie auf gar keinen

Fall mischen dürfen“, bekommen wir vom Awareness-Team zu

hören.

So hören wir auch immer wieder von Celinas Clique,

dass sie Xanax mit Whisky runterspülen. „Für den Kick halt.“

Manche von ihnen bekommen Benzodiazepine verschrieben,

sie verkaufen sie aber an ihre Freunde weiter. Oder man geht

etwas „aufstellen“. Das Geld wird zusammengelegt. Aber wie

kommen so junge Menschen an harte Substanzen?

ERWISCHT MIT 100 GRAMM KOKAIN

Wir treffen Matthias, einen ehemaligen Dealer, in seiner Wohnung

in der Wiener Donaustadt. Der 24-jährige Wiener hat in

jungen Jahren begonnen, kleinere Mengen von illegalen Drogen

zu verkaufen, und hat dann Gefallen daran gefunden. Später

bestellte er im Darknet Pillen und über andere Dealer kam

er an größere Mengen Kokain und Gras. Oft auch mehrere Kilogramm.

Das Geschäft lief so lange, bis es nun mal nicht mehr

lief, erzählt er. Matthias wurde vor etwa einem halben Jahr

verhaftet und zu einer zweieinhalbjährigen Haftstrafe verurteilt.

Erwischt wurde er mit einem Kilogramm Gras, 100 Gramm

Kokain und etwa 200 Ecstasy-Tabletten und Benzos. Einen Teil

seiner Haft hat er abgesessen und ist jetzt auf Bewährung, mit

einem - wie er es nennt „Freundschaftsbändchen“-, also einer

Fußfessel, draußen. „Natürlich wird ein Dealer niemanden nach

dem Ausweis fragen. Aber wenn ich gemerkt habe, die Leute,

die zu mir kommen, sind entweder extrem jung oder einfach

schon zu kaputt, habe ich denen nichts mehr verkauft. Aber

dann finden die eben ganz schnell fünf andere, von denen sie

es kriegen.“

Es mag objektiv gesehen genug Hilfseinrichtungen, Streetwork

und Initiativen geben, die jungen Menschen wie Shiro,

Charlie und ihren Freunden helfen könnten, wieder auf die

„Gerade“ zu kommen. Objektiv gesehen. In der Praxis fehlt

es den Jugendlichen an Motivation, an Antrieb, und vor allem

einer Zukunft: Sie sehen keinen Sinn darin, sich Hilfe zu

holen. Wozu, wenn es immer schon so gewesen ist, sie von

Anfang an „aufgegeben“ wurden und sie quasi kein anderes

Leben kennen. Als wir mit ihnen im Stadtpark zusammensitzen,

werden immer wieder Lines auf einem Handy aufgelegt.

Charlie entschuldigt sich kurz aus unserem Gespräch. „Oha,

Crystal. Geil.“ Er war vor einer halben Stunde noch so stolz

darauf gewesen, fünf Tage kein Crystal Meth mehr konsumiert

zu haben. „Ist doch eh schon egal“, murmelt er und beugt sich

übers Handy. ●

ACHTUNG: Drogenkonsum kann langfristige Schäden auf deine

Gesundheit und Psyche haben. Es können schwere Schäden an

Leber, Nervensystem, Herz und Bauchspeicheldrüse entstehen.

Die geistige Leistungsfähigkeit sinkt, Gehirnzellen werden zerstört

und dein gesamter Körper leidet darunter. Das gilt auch für Alkohol.

Diese Reportage soll keinesfalls zum Konsum illegaler oder

berauschender Substanzen einladen.

Die Namen wurden zum Schutz der Personen geändert.

Das Coverfoto für diese Ausgabe wurde nachgestellt.

„Irgendwann ist man dann halt abgerutscht: Speed, Benzos,

Crystal. Und jetzt geht es ohne halt nicht mehr“

SAFER USE

In der Drugchecking-Einrichtung „Check it“

auf der Gumpendorferstraße 8 im sechsten

Bezirk in Wien kann man anonym und kostenlos

illegale Drogen abgeben und sie auf ihre

Inhaltsstoffe überprüfen lassen, oder sich zu

den Substanzen beraten lassen. Oftmals sind

in den Proben nämlich ganz unterschiedliche

Dosierungen und sogar andere Substanzen

enthalten. Das alles erfolgt komplett anonym,

es gibt kein Mindestalter, es werden weder

die Eltern noch die Polizei verständigt. Die

Mitarbeiter:innen haben Schweigepflicht. Die

Abgabe erfolgt nach Terminvereinbarung in

der Homebase, oder auch auf verschiedenen

Veranstaltungen und in Clubs, wo das Check-It-

Team unterwegs ist. „Check it“ ist eine Initiative

der Suchthilfe Wien.

Telefonberatung von „Check it“:

01 4000 53655

Instagram: checkit.wien

Montag 15 – 18 Uhr

Mittwoch 13 – 16 Uhr

Freitag 10 – 13 Uhr

/ RAMBAZAMBA / 33


HAUPTBERUF:

VERSUCHS OBJEKT

Für zwei Wochen ins Krankenhaus, obwohl man völlig gesund ist? Was, wenn man

dafür 5000 € angeboten bekommt? Jonas* ist Student, Mitte zwanzig und verdient

mehrere Zehntausend Euro im Jahr als Versuchskaninchen. Über Impfgegner:innen

bei Medikamentenstudien, die Risiken und das Geschäft mit der Gesundheit.

Interview: Nada El-Azar-Chekh, Illustrationen: Thomas Süß

34 / RAMBAZAMBA /


gelistet, welche Nebenwirkungen etwa

eine Maus mit der tausendfachen Dosis

bekommt. Wenn dann drinsteht, dass ein

Hund ein Hodenkarzinom davongetragen

hat, wird mir aber schon mulmig.

Gibt es gar keine Tabus?

Krebsmedikamente und Psychopharmaka

habe ich noch nie getestet. Und ich kenne

auch viele Menschen, die das nicht

machen würden.

BIBER: Wie lukrativ ist die regelmäßige

Teilnahme an medizinischen Studien?

JONAS: Seit 2021 habe ich relativ viele

dieser Studien gemacht, da die Uni

ohnehin im Distance Learning war und

ich mir dachte, ich kann ja auch trotzdem

weiter Geld verdienen, statt zuhause

am Laptop rumzusitzen. Ich möchte

keine genauen Angaben machen, aber

im vergangenen Jahr habe ich mehr als

24.000 Euro so verdient. Dazu muss ich

aber sagen, dass ich ein wenig getrickst

habe, um öfter an Studien teilnehmen zu

können. Davon würde ich jedem abraten,

denn man verliert ziemlich viel Blut

dabei.

Das entspricht schon einem ziemlich

guten Gehalt. Hast du jemals Nebenwirkungen

gespürt?

Sagen wir mal so: Ich hatte noch nie

unerwartete Nebenwirkungen. Man

bekommt stets Aufklärungsmaterial, in

dem alles aufgelistet ist, was passieren

kann: Schlimmstenfalls stirbt man, was

eine Probandenversicherung mit 15.000

Euro deckt. Im Falle einer Invalidität gibt

es eine halbe Million. Wenn man prinzipiell

ängstlich ist, ist das natürlich abschreckend.

Andererseits stehen auch Dinge

wie Herzinfarkt als mögliche Nebenwirkung

im Beipackzettel von gängig konsumierten

Mitteln wie Ibuprofen.

Ibuprofen ist aber ein gut erprobtes

Medikament. Wird dir bei den neuen

Präparaten, die noch nicht an Menschen

getestet wurden, nicht mulmig?

Bevor neue Präparate an Menschen

getestet werden, gibt es Tierversuche.

Im Aufklärungsmaterial ist ebenfalls auf-

Warum?

Bei Psychopharmaka ist die Angst,

Depressionen oder Verstimmungen zu

bekommen, natürlich verständlich. Und

Krebsmedikamente gelten einfach als

besonders starke Medikamente und der

Respekt davor ist sehr groß. Ich habe

einmal mit jemandem gesprochen, der

bestimmte Krebsmedikamente testete,

welche die Blutzellenproduktion anregen

sollen. Er hatte davon richtig heftige

Schmerzen im Rückenmark und würde

das nicht wiederholen.

Wie bist du darauf gekommen, an medizinischen

Studien teilzunehmen?

Mit 18 Jahren habe ich mich nach

unkomplizierten Möglichkeiten umgesehen,

Geld zu verdienen, und begonnen

Plasma zu spenden. In Deutschland, wo

ich damals lebte, darf man maximal 60

Mal im Jahr Plasma spenden. Das Institut,

bei dem ich gespendet habe, hatte

einmal eine Studie gestartet, bei der

man weit über 100 Mal im Jahr spenden

konnte. Da gab es also nicht direkt Geld

dafür, aber der Vorteil war eben, dass

man mit häufigen Spenden mehr Geld

verdienen konnte. Das war mein erster

Kontakt.

Wie ging es dann weiter?

Später habe ich im Internet ein Auftragsforschungsinstitut

in Berlin gefunden,

das eine Bettenstation außerhalb von

einem Krankenhaus hatte – mit Pflegepersonal,

Ärzten und eigenen Betten

Mit 18 Jahren habe ich

mich nach unkomplizierten

Möglichkeiten umgesehen,

Geld zu verdienen.

– und dort wurden nur klinische Studien

für Pharmaunternehmen durchgeführt.

Meine Bewerbung hatte ich dort zwar

hingeschickt, aber zunächst einmal

an keinen Studien teilgenommen. Erst

einige Zeit später bekam ich einen

Anruf, dass man für eine Studie in Berlin

dringend Probanden suchte. Die Studie

dauerte nicht einmal eine Woche und ich

musste Blutgerinnungshemmer einnehmen,

also nichts Wildes. Es wurde Blut

abgenommen, EKGs wurden gemacht

und so weiter. Dafür gab es über 2000

Euro. Ein Jahr später habe ich wieder an

einer anderen Studie teilgenommen, die

lief ungefähr zwei Wochen und es gab

5000 Euro dafür. Heute bewege ich mich

zwischen Deutschland, Österreich und

Belgien für die regelmäßige Studienteilnahme.

So viel Geld in so kurzer Zeit verdienen

zu können, ist natürlich gerade für einen

Studenten verlockend. Liegt das daran,

dass man zur Beobachtung auf der Station

behalten wird?

Genau, einerseits wird dir für eine gewisse

Zeit die Freiheit entzogen. Andererseits

geht’s da auch um Medikamente,

die noch nicht zugelassen sind. Dementsprechend

gibt es für das Risiko und den

Aufwand eine entsprechende finanzielle

Entschädigung.

/ RAMBAZAMBA / 35


An welchen Arten von Studien hast du

schon teilgenommen?

Ich mache eigentlich alles mit. Bis jetzt

habe ich viele Herz-Kreislauf-Studien

gemacht, aber auch für Diabetes, Alzheimer

und Nierenerkrankungen habe ich

Mittel getestet. Inklusive Blutverdünnern,

Blutgerinnungshemmern, Blutgerinnungsfaktoren…

aber so genau weiß ich

nicht mehr, was ich schon alles genommen

habe.

Gab es unangenehme Effekte?

Bei einer Studie, an der ich in Graz teilgenommen

hatte, wurde es unangenehm.

Ich nahm ein Medikament ein, das im

Blut wirkt, und bekam starkes Fieber und

Schmerzen. Die Ärzte gaben mir Paracetamol

und mir ging es nach einem Tag

wieder gut. Das waren allerdings auch

erwartbare Nebenwirkungen.

Kam es jemals zu einer Situation, in der

du dachtest, dass du lieber aufhören

solltest?

Ich habe an einer Studie teilgenommen,

bei der zum Schluss eine Lumbalpunktion

durchgeführt wurde. Sprich, jemand

steckt dir eine dicke Nadel zwischen die

Die Tests brauchen Probanden,

die Zeit haben und offen

für die Einnahme von medizinischen

Präparaten sind.

Lendenwirbel und nimmt eine Probe der

Nervenflüssigkeit. Dabei lag ich seitlich

mit meinem freigelegten Rücken zur

Ärztin, was eine ziemlich unbehagliche

Position für mich war. Wohl durch meine

eigene Verspannung klappte es nicht

beim ersten Mal und die Ärztin musste

die Nadel wieder herausziehen – ein

weiterer Versuch ging aber nicht mehr,

da ich bei jeder weiteren Berührung

sofort zusammengezuckt bin. Die Ärztin

war durchaus eine erfahrene Neurologin,

aber so etwas würde ich nie wieder

machen.

Welchen Menschen begegnest du bei

diesen Studien?

50 Prozent der Leute, denen ich begeg-

ne, sind Studenten. Das ist logisch, denn

diese Tests brauchen Probanden, die

Zeit haben und flexibel sind, und die in

gewisser Weise offen für die Einnahme

von medizinischen Präparaten sind. Dann

gibt es natürlich auch viele Arbeitslose,

die sich, ähnlich wie Studenten, auch

Zeit nehmen können. Auch Menschen,

die Schulden haben, sind dabei. Bei

den Arbeitslosen sind zugegeben viele

Weirdos dabei.

Inwiefern sind diese Leute „weird“?

Es sind erstaunlich viele Impfgegner

dabei – also Menschen, welche die

Corona-Impfung ablehnen, weil sie nicht

„wissen, was drin ist“. Die dann aber im

Umkehrschluss an einer Medikamentenstudie

teilnehmen!

Wie passt das zusammen? Liegt es

nur am Geld, das man für die Studien

bekommt?

Ich denke schon. Außerdem habe ich

den Eindruck, dass das Leute sind, die

sonst den ganzen Tag zuhause sitzen

und sich irgendwelchen komischen Telegram-Geschichten

hingeben. Vielleicht

sind sie einfach anfällig für Schwachsinn.

Ich treffe generell auch häufig auf

Menschen, die man in einem normalen

Arbeitskontext so nicht antreffen würde,

die sozial eher isoliert leben. Da gab es

schon einmal einen Junkie, der zwar

clean für die Studie war, mir aber von

seinem irren Crack-Konsum erzählte. Ich

kann mich auch gut an einen anderen

Probanden erinnern, der pausenlos

irgendwelchen Müll geredet hat – dass er

mit Aliens sprechen könnte und so weiter.

Er hat auch an richtig vielen Studien

teilgenommen und war den Testleitern

und anderen Probanden gegenüber

richtig eklig und penetrant. Er wirkte mitunter

fast schon psychotisch. Aber ich

bin kein Psychiater oder Psychologe. Alle

Probanden erfüllen natürlich körperlich

die Voraussetzungen für eine Teilnahme

– manche sind aber eben einfach

extrem weird. Natürlich sind auch viele

Doktoranden und sonstig unauffällige

Menschen dabei.

Es werden überwiegend Männer für die

Testung von neuen Präparaten gesucht.

Woran liegt das?

Ich bin kein Arzt, aber ein wichtiger

Faktor dafür ist sicherlich, dass Eizellen

bei Frauen einfach kaputt gehen, wenn

sie durch irgendwelche Präparate einen

Schaden bekommen. Bei Männern wird

Sperma jeden Tag neu produziert und

daher besteht in Sachen der Fruchtbarkeit

ein deutlich geringeres Risiko.

Wie reagiert dein Umfeld auf das, was

du machst?

Viele meiner Freunde und meine Familie

sind negativ eingestellt und raten mir

natürlich davon ab. Meiner Freundin

gefällt es auch nicht unbedingt, wenn

ich 20 Tage ins Krankenhaus gehe, keine

Frage. Aber es spielen da ihre eigenen

Ängste auch mit hinein. Es gibt schon ein

gewisses Stigma, ob ich es denn nötig

hätte, meine Gesundheit aufs Spiel zu

setzen.

Prominente Pharma-Skandale aus

der jüngeren Vergangenheit: Im Jahr

2016 kam bei einer klinischen Studie in

Frankreich ein Mann zu Tode, vier weitere

trugen nachhaltige Gehirnschäden

davon. Und 2006 entgingen in London

sechs Männer nur sehr knapp dem Tod,

während einer Antikörper-Studie…

Man muss sich des Risikos einfach

bewusst sein und damit leben können.

36 / RAMBAZAMBA /


Dasselbe deutsche Forschungsinstitut

aus London, bei dem die sechs Probanden

beinahe gestorben wären, hat

übrigens eine Zweigstelle in Berlin. Dort

habe ich auch schon an Tests teilgenommen.

Und im Falle der Studie in Frankreich

lag der Fehler bei der Aufsicht, die

trotz Veränderungen in den Laborwerten

nicht interveniert hat. Das sind erhebliche

Sicherheitsmängel, denen man

aus einem monetären Interesse nicht

nachgegangen ist. Die Studie wurde

einfach aus finanziellen Gründen nicht

abgebrochen.

fridaysforfuture.at

FRIDAYS FOR FUTURE

Austria

Sind solche Fälle nicht ein Grund zur

Sorge?

Schon. Aber theoretisch kann man

auch in ein Flugzeug steigen, das dann

abstürzt. Es gibt immer Risiken. Es gibt

Menschen, die nicht so technokratisch

an die Sache gehen und aus spirituellen

oder religiösen Gründen nicht in

ihre Körper eingreifen würden - weil sie

ein starkes Schamgefühl haben, oder

ein gewisses Gefühl der Würde nicht

verlieren wollen. Manche kommen nicht

damit klar, mal im Liegen in eine Flasche

pinkeln zu müssen oder zwei Venenverweilkanülen

im Arm zu haben, oder

eine Nadel in den Rücken zu kriegen.

Manchmal bekommt man auch für die

gesamte Dauer der Studie den übelsten

Krankenhausfraß vorgesetzt – zum

Beispiel bei der Forschungsstelle, wo

in London so viel passiert ist – und ich

muss dann zusehen, dass ich genügend

Protein in meinen Körper bekomme. Bei

der Kaffeeausgabe, wir dürfen nur koffeinfreien

trinken, lasse ich mir den Becher

fast komplett mit Milch auffüllen, damit

ich extra Eiweiß zu mir nehme. Ein vegan

lebender Proband hat während einer Studie

keine speziellen Speisen bekommen

und verlor ziemlich viel Gewicht über die

Laufzeit. Das ist die Kehrseite, die man

vielleicht nicht häufig genug anspricht.

DEMO

GEHEN

STATT

UNTER -

GEHEN.

Wie lange willst du an Studien teilnehmen?

Ich fühle mich absolut gesund und bin fit.

Solange das so bleibt und die Teilnahme

mit meiner Karriere vereinbar ist, werde

ich so weitermachen.

*Jonas heißt eigentlich anders und möchte

anonym bleiben.

Weltweiter

Klimastreik

23 . 09 . 2022


LIFE & STYLE

Mache mir die Welt,

wie sie mir gefällt

Von Şeyda Gün

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Der JUICY BOMB shiny

lipgloss von Essence darf

nicht im Täschchen für

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MEINUNG

Meine Tagträume

vs. Reality

Story time: Dass ich gerne in der Welt

meiner Tagträume lebe, ist kein großes

Geheimnis. Entweder passiert

es einfach so oder ich befinde mich

in einer Alltagssituation, der ich entkommen

möchte und ich beginne, vor

mich hinzuträumen. Vielleicht hängt

das Ganze auch von meinem Sternzeichen

ab – whatever. Bevor ich zu

studieren begonnen hatte, hatte ich

Tagträume darüber, dass ich mit meinen

Uni-Friends auf den Stufen des

Hauptgebäudes der Uni Wien Quality

Time haben würde, in etwa so wie Blair

Waldorf und Serena Van der Woodsen

bei Gossip Girl. Jedoch sah die Realität

dann für mich anders aus: Du besuchst

unterschiedliche Kurse mit unterschiedlichen

Leuten. Mit einigen versteht man

sich mehr, mit anderen weniger. Doch

das Prinzip ist gleich. Am Ende des

Semesters heißt es adieu und man hört

kaum mehr voneinander – mit einigen

Ausnahmen natürlich. Mein Traum einer

Uni-Clique hat sich zwar nicht verwirklicht,

dafür gibt es TV-Serien, die diese

Lücke füllen, wie Gossip Girl oder die

neue türkische Highschool-Serie „Duy

Beni“, die übrigens baba ist. Xoxo Ş.

guen@dasbiber.at

Its magic

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ADIEU

An manchen Tagen habe ich

Augenringe des Grauens. An diesen

Tagen zaubere ich diese mit der

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38 / LIFESTYLE /


© 2022 McDonald's.


Marceline Situ Mumpasi – Ältere Menschen und Familien nach der Flucht:

„Mein größter Wunsch wäre eine kleine

Wohnung für mich.“

Marceline Situ Mumpasi war 62 Jahre alt als sie ihr

Heimatland Kongo verließ und nach Österreich flüchtete.

Nach langer Trennung konnte sie ihren hier lebenden

Sohn wiederfinden. In Österreich ist sie als heute

76­Jährige nicht nur mit den Problemen einer Geflüchteten

in einem neuen Land konfrontiert, sondern auch

mit altersspezifischen Herausforderungen.

Text: Sonja Kittel, Foto: Maiko Sakurai

„SIE WOLLTEN MICH

TÖTEN, WENN ICH NICHT

ZAHLE“

„Ich heiße Marceline Situ Mumpasi und

wurde 1946 im Kongo geboren. Ich habe

dort in der Hauptstadt Kinshasa gelebt.

Meine Kinder sind aufgrund des Bürgerkriegs

und der unsicheren Lage im Land

geflüchtet, aber ich wollte bleiben. Ich

hatte dort eine Bierhandlung mit Restaurant

und Bar und ein gutes Auskommen.

2008 ist der Krieg wieder aufgeflammt

und es gab viele Bombenanschläge

und Gewalt. In Kinshasa gab es starke

40 / MIT SCHARF /


mafiöse Strukturen.

Gruppen von jungen

Männern waren

immer auf der Suche

nach Menschen, die

Geld haben, um sie

zu erpressen. Sie sind

auch zu mir gekommen

und haben mich

bedroht. Ich wollte

ihnen kein Geld geben, aber sie haben

gesagt, dass sie mich töten, wenn ich

nicht zahle.

Irgendwann ging es nicht mehr und

ich musste auch flüchten. Ich wusste,

dass mein Sohn in Europa ist, aber nicht

genau wo. Erst nach langer Suche habe

ich erfahren, dass er in Österreich lebt

und habe mich auch dorthin durchgeschlagen.

Die erste Zeit war sehr schwierig.

Ich hatte keine fixe Unterkunft und

habe immer woanders geschlafen. Dann

hat mich jemand nach Traiskirchen ins

Erstaufnahmezentrum gebracht.

BEZUGSPERSON AUS DEM

KONGO

Ich konnte die Sprache nicht und es war

mir nicht möglich mich verständlich zu

machen. Ich hatte niemanden, mit dem

ich sprechen konnte und das hat mich

sehr traurig gemacht. Ich habe dann eine

junge Frau kennengelernt, die auch aus

dem Kongo kam und gemeinsam mit

ihrer Mutter geflüchtet war. Sie wurde

eine ganz wichtige Bezugsperson und

hat mir geholfen meinen Sohn zu finden.

Mit ihr bin ich dann auch von Traiskirchen

in eine Flüchtlingsunterkunft in

Ottnang bei Vöcklabruck gegangen.

Die erste Zeit war sehr

schwierig. Ich hatte keine

fixe Unterkunft und

habe immer woanders

geschlafen.

„VOR 12 JAHREN KAM ICH

INS INTEGRATIONSHAUS“

Zu dieser Zeit ging es mir körperlich

schon schlecht. Es wurde Diabetes

festgestellt. Mein Sohn war in Wien

geblieben und hat sich darum gekümmert,

dass ich zurück zu ihm komme,

damit er mich bei Arztbesuchen begleiten

und übersetzen kann. Ich bin erst

bei der Diakonie untergekommen. Dort

war ich in einem Zimmer gemeinsam mit

einer Frau, die psychisch krank war. Sie

konnte nicht schlafen und ich hatte nie

Ruhe. Ich habe den Leiter der Einrichtung

gefragt, ob er etwas anderes für mich

finden kann und so bin ich vor 12 Jahren

ins Integrationshaus

gekommen.

Hier haben sie sich

wirklich sehr gut um

mich gekümmert und

mir bei allen Herausforderungen

geholfen,

wofür ich sehr

dankbar bin.

„ICH HÄTTE GERNE

DIE ÖSTERREICHISCHE

STAATSBÜRGERSCHAFT“

Mein größtes Problem nach meiner

Ankunft in Österreich war die Sprachbarriere.

Ich habe mich zurückgehalten

und bin möglichst ruhig geblieben. So

kam ich immerhin nie in Konflikt mit

anderen Menschen. Im Integrationshaus

habe ich mittlerweile zwei Deutschkurse

besucht und 2014 das A2 Deutschzertifikat

erreicht. Jetzt kann ich mich auch

schon ein bisschen mitteilen. Ich hätte

sehr gerne die österreichische Staatsbürgerschaft

und damit auch die Sicherheit,

dass ich hierbleiben kann. Momentan

habe ich nur subsidiären Schutz. Mein

Sohn hat die österreichische Staatsbürgerschaft

schon erhalten.

KÖRPERLICHE

BESCHWERDEN

Ich habe auch noch einen weiteren

Sohn, der mit seiner Frau und seinen

fünf Kindern in Paris lebt. Ich würde sie

gerne einmal zu mir einladen, aber ich

habe leider nicht genug Platz dafür. Ich

lebe hier in einem kleinen Zimmer. Die

Sanitäranlagen muss ich mir auf meinem

Stock mit anderen Personen teilen. Die

Toilette befindet ist gegenüber meines

Zimmers, aber als ältere Frau – ich bin

jetzt 76 Jahre alt, muss es manchmal

sehr schnell gehen und oft passiert es,

dass die Toilette besetzt ist. Ich hatte

schon mehrere Augenoperationen, beide

Knie sind operiert und ich habe Probleme

mit dem Rücken. Deshalb fällt es mir

sehr schwer mich zu bewegen. Ich bin

auf einen Rollator angewiesen und all

das macht das alltägliche Leben für mich

hier sehr mühsam. Mein größter Wunsch

wäre eine kleine Wohnung für mich mit

eigener Dusche, WC und kleiner Küche.

Das würde mir ein bisschen Selbstständigkeit

ermöglichen.“ ●

Sie sind vor Krieg und

Gewalt geflüchtet und

haben in Österreich ein

neues Leben begonnen.

In der mehrteiligen Porträtreihe

„Ältere Menschen

und Familien nach

der Flucht“ berichten

Menschen verschiedener

Generationen von altersspezifischen

Herausforderungen

nach der Flucht

und wie sie sich ihr Leben

in Österreich aufgebaut

haben. Wenn Sie Geflüchtete

ehrenamtlich unterstützen

wollen, finden Sie

hier Infos und Kontakte.

Alle bereits veröffentlichten

Porträts der aktuellen

Reihe sowie unsere

Porträtreihen der letzten

Jahre sind hier nachzuschauen:

www.hierangekommen.at

/ MIT SCHARF / 41


KARRIERE & KOHLE

Para gut, alles gut

Von Šemsa Salioski

MEINUNG

Uni ohne Zeitlimit

Im letzten Semester bin ich mit 27 oft die

Älteste im Seminarraum gewesen. „Weniger

Party und mehr Prüfungen!“, kam einmal

als Reaktion. Sobald ich droppe, dass das

mein zweiter Master ist und ich nebenbei

immer gearbeitet habe, werde ich aus der

Faulheitsschublade in die der Overachiever

gelegt. Meine Noten passen zwar zum

Label, aber nur da mich das Studium mehr

reizt als das, wofür ich mich mit 18 entschieden

habe. Erst mit Mitte 20 kannte

ich mich gut genug, um zu verstehen, dass

mein Wunsch im Bereich Entwicklungszusammenarbeit

bzw. für internationale

Organisationen wie die UNO zu arbeiten,

realisierbar ist. By the way - diesen September

ist es so weit. Das wäre mit dem

Publizistikstudium alleine nicht möglich

gewesen. Fast alle in meinem Umfeld sind

top unterwegs, aber waren ebenso „über

dem Zeitlimit“, was meiner Erfahrung nach

24 ist. Einige mussten nebenbei Vollzeit

arbeiten, andere haben Kinder bekommen.

Ich werde nie verstehen, dass man

als ältere*r Student*in abgewertet wird,

obwohl Bildung im zunehmenden Alter

ohnehin schwieriger ist. Zum Beispiel ist seit

2018 ein Erlass der Studiengebühr wegen

Berufstätigkeit nicht mehr möglich. Also:

Zeigt Respekt für Leute, denen das Studium

so wichtig ist, dass sie trotz gesellschaftlicher,

zeitlicher und finanzieller Erschwernisse

am Ball bleiben.

salioski@dasbiber.at

FOMO („FEAR OF MISSING OUT“)

WAR GESTERN!

Viele von uns haben im Sommer das gleiche Programm: Familienbesuch

am Selo. Die Freude ist groß, aber wie sieht es mit unseren Sprachkenntnissen

aus? Denkt ihr euch auch immer „Ja meine Sprachkenntnisse

sind babamäßig“, doch dann müsst ihr bei jedem dritten Wort

eure Mutter um Hilfe bitten? Same here! Deswegen setzen wir uns mit

Semesterbeginn in einen VHS-Sprachkurs. Es muss nicht immer eine

neue Sprache sein. Ihr könnt auch die eigene Mutter- oder Zweitsprache

auf ein neues Level bringen. Während der Woche der Wiener Volksbildung

könnt ihr vom 19. bis 23.09. verschiedene Schnupperkurse

ausprobieren & bekommt 10% Rabatt auf eure Kursbuchung.

Alle Infos gibt’s auf vhs.at/wochederwienervolksbildung.

MIT GLASSDOOR VORBEREITET

ZUM BEWERBUNGSGESPRÄCH

Glassdoor ist der weltweit führende Anbieter von Informationen über

Jobs und Unternehmen. Man findet neben den üblichen Stellenangeboten,

Gehaltsangaben und Angaben zu Sozialleistungen auch Arbeitgeberbewertungen

und sogar Fotos vom Arbeitsplatz und Fragenkataloge

aus Vorstellungsgesprächen von ehemaligen Mitarbeiter*innen. Also,

nicht verarschen lassen und unbedingt hier schlau machen, bevor es zum

Bewerbungsgespräch geht!

Mehr auf: https://www.glassdoor.at/

© Zoe Opratko, unsplash.com/Christina @ wocintechchat.com

42 / KARRIERE /


Warum ist Eiweiß für

Menschen mit chronischen

Wunden so wichtig

Die Antwort gibt das Pflegestudium

Bachelor of Science in Health Studies

an der FH Campus Wien.

#WissenSchafftPflege

Jetzt informieren auf fh-campuswien.ac.at


ENERGIE SPAREN –

GUT FÜRS GELDBÖRSERL UND FÜRS KLIMA

biber-Stipendiatin Celina Dinhopl

ist bereit für den Winter

Dieser Winter wird hart und teuer. Aber muss er auch wirklich

kalt werden? Wir haben mit Agnes Zauner, Geschäftsführerin von

Global2000, über wertvolle Spartipps gesprochen.

Von Celina Dinhopl

BIBER: Wie viel kann der Einzelverbraucher

wirklich zum Klimaschutz beitragen?

AGNES ZAUNER: Eines gebe ich vorweg:

Wenn Menschen mehr Energie sparen,

hilft das nicht nur dem eigenen Geldbörserl,

sondern auch dem Klima. Das geht

miteinander Hand in Hand. Man muss

aber auch sagen, dass es bei dem Energieverbrauch

nur zu einem kleinen Teil

um einzelne Haushalte geht, denn vor

allem die Wirtschaft ist verantwortlich.

Durch veraltete Dämm- und Heizsysteme

geht viel Energie und Geld zum Fenster

hinaus. Was kann man dagegen tun,

ohne große Kosten auf sich zu nehmen?

Am effizientesten wäre es, die Wohnungen

und Häuser komplett zu sanieren,

sodass kaum Energie entweicht, aber

das ist für die meisten nicht realistisch.

Natürlich kann man in Mietwohnungen

vieles nicht machen, was Eigenheime

können, dazu zählen unter anderem

technische Neuerungen. Da wird noch

mal deutlich, dass es nicht an Einzelpersonen

liegt, sondern an der Politik,

die veranlassen sollte, alle Wohnungen

sanieren zu lassen. Auch wird mal was

kaputt, da kann man beim Neukauf auf

echte Energielabel achten, denn mit effizienteren

Geräten spart man auf jeden

Fall mehr.

Was ist der größte Mythos beim Energiesparen?

Es ist vor allem eine Umstellung der

Gewohnheiten, denn die großen Hebel

betätigen die Politik und Wirtschaft.

Für jeden Einzelnen gilt aber trotzdem:

Schon kleine Schritte können sich auf

das Jahr hinweg auszahlen.

© Zoe Opratko, Thomas Zauner

44 / MIT SCHARF /


Richtiges Lüften

Anstatt die Heizung auf 30 Grad zu

stellen und durchgehend zu lüften (=kippen),

reichen 21 Grad und Stoßlüften (=

einmal kurz das Fenster aufreißen und

dann wieder schließen).

Die dauern zwar ein wenig länger, sparen

aber viel Energie. Früher hat man Kleidung

heißer gewaschen, weil die Waschmittel

noch nicht so gut waren. Heute

wirken die Waschmittel auch schon bei

30 Grad. Auch gilt: Geräte immer vollräumen

vor dem Einschalten!

Effizientes Heizen

Zu hohe Temperaturen im Schlafzimmer

stören sogar den Schlaf. Ohne Heizen -

aber mit einer dicken Decke - spart man

viel.

Elektronische Geräte ausstecken

Schon gewusst? Wenn man den Verbrauch

aller Stand-by Geräte Österreichs

zusammenrechnet, erhält man genauso

viel Energie wie ein Donaukraftwerk.

Daher ungenutzte Geräte ausstecken.

Eco-Programme nutzen

Bei modernen Waschmaschinen und

Geschirrspülern gibt es Eco-Programme.

Heißer Tipp für den Kühlschrank

Ein persönlicher Tipp von mir: den Kühlschrank

mit langhaltenden Getränken

wie Säften oder Bier voll einräumen. Die

Getränke speichern Kälte und sparen viel

Energie. Auch muss man den Kühlschrank

nur auf maximal 7 Grad hinunterkühlen.

Ökostrom statt fossiler Energie

Auf richtige Ökostromtarife wechseln.

Diese sparen viel an Energie und daraus

folgend Geld. Zu beachten ist aber, dass

es sich wirklich um echten Ökostrom

handelt und nicht um fossile Brennstoffe

und gekaufte CO2-Zertifikate (siehe

Infobox).

Agnes Zauner,

Gerschäftsführerin Global2000

CO2-Zertifikate erklärt: Eines

der wichtigsten Klimaziele

ist es, den CO2-Ausstoß zu

verringern. Daher wurde der

Emissionshandel eingeführt.

Dabei werden CO2-Zertifikate

von Staaten oder Unternehmen

gekauft, wodurch das Recht

erworben wird, eine gewisse

Menge an CO2 auszustoßen.

Stress in

der Lehre?

Das muss nicht sein!

Entgeltliche Einschaltung / © Adobe Stock

Probiere das gratis Lehrlingscoaching von „Lehre statt Leere“. Das Angebot

unterstützt bei allen Fragen und Herausforderungen rund um die Lehre. Du erhältst

individuelle Information, Beratung, Vernetzung oder Coaching. Kostenlos, vertraulich

und österreichweit. Weil ein guter Coach nicht nur im Sport wichtig ist!

Info-Line: 0800 220074 und www.lehre-statt-leere.at


Selbermacherin

Wunderladen-

Besitzerin

Sabrina

Abrahams

Mode, Schmuck,

Kaffee und verträumte

Dessert­

Variationen mit

englischem Flair gibt

es gleich hinter der

Karlskirche in Wien.

Von Nada El-Azar-Chekh,

Fotos: Franziska Liehl

Schon mit 12 Jahren wusste

Sabrina Abrahams, dass sie eines

Tages ein Kaffeehaus betreiben

will. Mit dem Modecafé „Wunderladen“ in

der Argentinier straße hat sie sich diesen

Traum im Jahr 2014 erfüllt. Der Name ist

Programm: Beim Betreten taucht man in

eine wunderbare, gemütliche Welt ein, wo

mit viel Liebe zum Detail nicht nur Kaffee,

sondern auch Mode und Schmuck angeboten

wird. Die Inspiration für das zauberhafte

Interieur holte sie sich von den klassischen

Kaffeehäusern, welche die 34-Jährige

während ihrer Zeit in England liebgewonnen

hat. Hauptsächlich findet man hier Produkte

von österreichischen Mode- und Schmuckdesignern,

denn Sabrina möchte lokale,

kleinere Labels unterstützen. „Es besteht

aber überhaupt kein Kaufzwang, man kann

hier genauso gut nur auf einen Kaffee

vorbeikommen oder im Sommer auf einen

Frozen Yogurt“, so die gebürtige Wienerin.

„Wunderladen’s Café Brûlée“ ist mit seiner

hauchzarten Karamellkruste aus braunem

Zucker eine Spezialität des Hauses. „Das ist

bei uns der Signature-Kaffee.“

Wunderbares

aus dem

Wunderladen

CREMIGSTER BIO-FROZEN-YOGHURT

MIT PUNSCHKRAPFEN

Während der Corona-Lockdowns musste

Sabrina kreativ werden. „Ich bin wirklich

sehr dankbar dafür, dass es Instagram gibt

und ich so auch mit den Stammkundinnen

und -kunden in Kontakt geblieben bin.“

Ihre Reaktionsfreudigkeit auf Social Media

wurde schon mehrfach gelobt. „Mir

sagen die Leute, es ist ein Wahnsinn, wie

schnell ich auf Anfragen antworte. Ich

kann halt nicht anders“, lacht sie. Der gute

Bezug zur Kundschaft gehört für sie als

46 / KARRIERE /


Lokalbesitzerin einfach dazu. Außerdem

gründete sie im vergangenen Jahr „Karl’s

Bio Frozen Yogurt“ und entwickelte ihre

eigene und besonders cremige Froyo-

Rezeptur, die sie in verträumten Variationen

mit österreichischen Desserts wie

Punschkrapfen, Vanillekipferln, Sachertorte

oder Mannerschnitten verfeinert.

„Vergangenes Jahr hatten Lokale acht

Monate lang geschlossen. Wenn sich das

ein Café leisten könnte, hätten doch alle

nur das halbe Jahr über offen. Das Eis gab

es deswegen auch als Option ‚to go‘“, so

die Geschäftsführerin. Ihre eigens dafür

angefertigte Frozen-Yoghurt-Eismaschine ist

der ganze Stolz im Wunderladen, die aber

auch viel Aufmerksamkeit braucht. „Wenn

ich schnell bin, dann habe ich die ganze

Maschine in einer Stunde und zwanzig

Minuten geputzt. Meine Arme sind davon

schön trainiert.“

Tea“, wie man ihn aus England kennt.

Passend dazu gibt es englische Klassiker

wie Clotted Cream, Scones und andere

Naschereien aus Großbritannien sowie

unlimitiert Tee zu einem fixen Preis. Woher

sie die authentischen Desserts bezieht?

„Das kann ich nicht verraten!“, grinst sie.

Wunderladen

Argentinierstraße 1, 1040 Wien

WKO-WIEN HILFT

Im Gründerservice der

WKO-Wien kann man bei

einem Beratungsgespräch

alle Fragen stellen, die die

Gründung eines Unternehmens

betreffen. Im Vorhinein

kann man sich auch

schon eigenständig online

informieren. Ob generelle

Tipps zur Selbstständigkeit,

rechtliche Voraussetzungen,

Amtswege oder

Finanzierungs- und Förderungsmöglichkeiten:

Auf

der Website kommt man

mit wenigen Klicks zu allen

wichtigen Informationen.

wko.at/wien

www.gruenderservice.at

AFTERNOON-TEA MIT SCONES

UND CO.

Die Froyo-Saison neigt sich im September

dem Ende zu – aber das ist noch lange kein

Grund zur Trauer, denn von Oktober bis

April gibt es den klassischen „Afternoon-

Schmuck, Uhren und viele andere modische

Accessoires gibt es im Wunderladen ebenso

zu kaufen wie tollen Kaffee und englische

Desserts.

Die Selbermacher-Serie ist

eine redaktionelle Kooperation

von das biber mit der

Wirtschaftskammer Wien.

© Halfpoint/stock.adobe.com

Online informieren!

W www.gruenderservice.at

VON DER IDEE

BIS ZUR GRÜNDUNG

» GRUENDERSERVICE.AT

Basis-Informationen und Tools zur Gründung

finden Sie auf unserer Webseite.


KEEPING UP

WITH IVO

Als wir Ivo Davidovski das

letzte Mal im Februar 2021

getroffen haben, war er

gerade mitten in seiner

Ausbildung. Nun ist der

29-Jährige fertig mit der

Lehre im Einzelhandel

mit Schwerpunkt

Lebensmittelhandel bei Spar

und schaut mit uns auf die

letzten zwei Jahre zurück:

über Corona, Irland und eine

Reise nach New York.

BIBER: Während deines letzten Lehrjahres

herrschte noch die Pandemie. Wie

hast du diese Zeit erlebt?

IVO DAVIDOVSKI: Um ehrlich zu sein,

habe ich keine schlechten Erfahrungen

während der Coronazeit gemacht.

Während der Pandemie ist mir jedoch

aufgefallen, dass einige Warengruppen

willkürlich aufgekauft wurden. Zuerst

war es Klopapier, dann Nudeln, irgendwann

waren es Fischkonserven und bis

vor kurzem war es die Butter. Meine

zusätzliche Aufgabe war daher, unserer

Kundschaft Sicherheit zu geben, dass es

weiterhin eine sichere Versorgung geben

wird.

Ivo hat die Lehre nach der

Matura bei Spar absolviert

Während deiner Lehrzeit hattest du auch

einen Auslandsaufenthalt in Belfast

(Nordirland). Wie war das?

Ja, wir waren alle dieses Jahr im Juli für

einen Monat in Belfast. Dort haben wir

die erste Wochenhälfte in der Schule

verbracht, um unsere Englischkenntnisse

zu verbessern, und die zweite Wochenhälfte

haben wir im Eurospar gearbeitet.

Dort konnte ich auch ein paar Unterschiede

zum Eurospar bei uns feststellen.

Beispielsweise wird in Belfast das

ganze Gemüse gekühlt und es gibt viel

mehr „Convenience Food“, also fertig

vorgekochtes Essen. Und es gibt keinen

Alkohol zum Verkauf, aber dafür Lotteriescheine

und Tabak – lustig oder?

Beim letzten Mal wusstest du noch nicht

ganz, wohin die Reise gehen soll – ob

Markt- oder Gebietsleiter. Wie geht es

jetzt für dich weiter?

Ich habe heuer die Stelle als stellvertre-

© Lisa Leutner

48 / KARRIERE /


tender Marktleiter im Meiselmarkt angeboten

bekommen und natürlich sofort angenommen.

Nach meiner Abschlussprüfung im September

geht´s für mich ans Eingemachte. Neben der

Ware bin ich zusammen mit unserem Marktleiter

auch für das ganze Personal zuständig. Bei 46

Mitarbeiter*innen ist das eine ziemliche Verantwortung.

Bevor du die neue Position übernimmst, wartet

noch eine New-York-Reise auf dich. Wie ist es

dazu gekommen und wer übernimmt die Kosten

dafür?

Spar wollte uns etwas Außergewöhnliches bieten

und hat uns eine Abschlussreise nach New

York City organisiert. Neben Organisation von

Flug und Hotel wurden auch die Kosten für uns

übernommen.

Und zum Abschluss: Was war dein Lieblingsmoment

während deiner Lehre?

Als ich das Angebot zum stellvertretenden

Marktleiter bekommen habe – das war mein

Gänsehaut-Moment. *lacht*

INT L

YOUTH

MEDIA

FESTIVAL

FACTS ZUR LEHRE NACH

DER MATURA:

Verkürzte Lehrzeit (2 Jahre)

Klare Perspektive (Führungsposition)

Ausbildung mit Auslandsaufenthalt

Während der Lehrzeit leiten die Lehrlinge

selbst eine Abteilung und lernen so

schon eigenständig Verantwortung zu

übernehmen

11.10.

15.10.

Wels, AT

+

youki.at


TECHNIK & MOBIL

Alt+F4 und der Tag gehört dir.

Von Adam Bezeczky

MEINUNG

Ein Sommer

wie damals

Der Urlaub ist vorbei, der Alltag

hat uns wieder. Und mich

beschleicht das Gefühl, dass dies

der letzte unbeschwerte Sommer

war. Die wirklichen Kosten unseres

verschwenderischen Lebensstils

werden uns einholen. Die Gaskrise

verdeutlicht, wie viel es wirklich

kostet, unsere Wohnungen zu

heizen und bis in die Küche mit

dem Auto zu fahren. Krisen sind

aber auch Chancen, sagen uns

immer alle Motivationsredner.

Deshalb gilt es, die nächsten

Schritte bewusst zu setzen. Wie

wäre es, keine Glas-Hochhäuser

mehr zu errichten, die klimatisiert

werden müssen, damit man drin

überleben kann? Wie wäre es, die

Ampelschaltungen in den Städten

sich einmal anzuschauen und das

aus den USA bekannte „turn right

on red“ zu erlauben? Es gäbe viele

kleine Schrauben, mit denen man

große Veränderungen bewirken

könnte. Jetzt gilt es, diese auch

umzusetzen, liebe Politik ...

bezeczky@dasbiber.at

paprikap0w3r

Google baut

Erdbeben warnung in

Österreich aus

Google hat im notorisch erdbebengefährdeten

Kalifornien

bereits 2020 ein Warnsystem ins

Leben gerufen. Dabei werden die

Beschleunigungsmesser, die in

den meisten Android-Smartphones

integriert sind, genutzt, um

seismische Wellen zu erkennen,

die auf ein mögliches Erdbeben

hindeuten. Seit Juli ist das

Warnsystem auch in Österreich

und elf anderen europäischen

Ländern (unter anderen Deutschland,

Schweiz, Frankreich und

Tschechien) sowie in Teilen

Afrikas und Asiens aktiv.

Landeplätze am

Mond ausgewählt

Die amerikanische Raumfahrtbehörde

NASA hat 13 mögliche

Landeplätze auf dem Südpol des

Mondes ausgewählt. Im Rahmen

des Artemis-Programms sollen

frühestens 2025 wieder Astronauten

auf dem erdnächsten Planeten

rumhüpfen. Die Mission soll dazu

dienen, eine ständig besetzte

Mondbasis zu errichten. Der

Südpol wurde deshalb ausgewählt,

weil man dort gefrorenes Mondeis

vermutet, mit dem man die lebenswichtige

Atemluft erzeugen kann.

Tunnelbohren mit

Plasmabohrer

Der öffentliche Verkehr muss weiter ausgebaut

werden. U-Bahnen sind in großen

Städten eine gute Einrichtung, um Autos zu

ersetzten. Doch der Bau war bisher immens

teuer und langwierig. Mit dem Rapid-Burrowing-Roboter

des US Start-Ups Earthgrid

soll das schneller gehen: Der Bohrkopf

besteht aus Plasmafackeln, die auf 27 000

Celsius erwärmt werden. Felsen werden

geschmolzen und stabilisieren beim Aushärten

den Tunnel. Mit dieser Methode soll

es möglich sein, einen Kilometer pro Tag zu

bohren - das würde den U-Bahnbau enorm

beschleunigen.

© Marko Mestrovic, Earthgrid, Google Inc, unsplash.com/Jayden Staines, NASA

50 / TECHNIK /


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MEINUNG

PLAYERIN ZWEITER KLASSE

Von Celina Dinhopl

Ich zocke relativ viel, würden manche sagen.

Nach der Arbeit noch ein bisschen entspannen

mit Skyrim oder The Sims ist für mich normal.

Am Wochenende spiele ich auch mal den ganzen

Tag. Und obwohl ich so gerne spiele, traue ich

mich nicht über den Singleplayermodus hinweg.

Alles, was den Kontakt zu fremden Personen

betrifft, beängstigt mich. Der Grund dafür: Die

Gamingszene ist echt sexistisch.

Als Frau* muss man sich zweimal überlegen,

ob man bei Multiplayer-Games, bei denen

die Teammitglieder durch Zufall zusammengesteckt

werden, per Sprachchat mit wildfremden

Mitspieler*innen kommunizieren will. Denn durch

die weibliche Stimme verrät man sich sofort. Oft

reicht es auch schon, einen weiblich klingenden

Usernamen zu tragen, und schon wird man

anders behandelt. Deswegen bleiben Voicechat,

Chatfunktionen und weibliche Charaktere und

Namen oft weg. Denn es ist schlichtweg normal,

aufgrund des Geschlechts beleidigt oder sexualisiert

zu werden.

ZEIG MAL BRÜSTE!

Kommentare wie „Zeig mal Brüste“, „Geh in die

Küche“, oder dass man hier als Frau* nichts

verloren habe, sind Standardsprüche. Man hört

auch viel zu oft, dass Frauen natürlicherweise

schlechter in kompetitiven Games wie Shootern

sind. Versteht mich nicht falsch, die Gaming-

Community ist zu jeder*m toxisch. Beim Zocken

kann sich immer der Ton verändern, auch bei

Einzelspieler*innen. In brenzligen Situationen

schreit der*die ruhigste Spieler*in auch einmal

den*die beste*n Freund*in an. Zu einem

gewissen Grad macht das auch Sinn: Steckt man

mit ganzem Herzblut drinnen, kann das Verlieren

frustrieren. Hängt das dann noch (vermeintlich)

von Mitspieler*innen ab, verstärkt das die Wut

aufeinander, vor allem bei Fremden. Ein Stückchen

Klischee spielt natürlich auch mit hinein:

Besonders schlechte Spieler*innen beleidigen

öfter, um sich selbst besser zu fühlen. Gute

Spieler*innen haben das oftmals nicht nötig.

Ähnlich ist es beim Sexismus. Studien lieferten

Ergebnisse dahingehend, dass schlechte

Spieler* ihre eigene Leistung damit kompensieren,

weibliche Spielerinnen* runterzumachen.

Vor allem jene, die besser spielen als sie. Auch

sexualisieren männliche Spieler* weibliche

Mitspielerinnen* besonders dann, wenn andere

Männer* dabei sind, um die eigene Heterosexualität

hervorzustreichen. Denn das ist männlich

und somit gut.

Ich finde es unfair, schon von Haus aus als

Player zweiter Klasse angesehen zu werden. Ist

es wirklich zu viel verlangt, nicht auch noch beim

Zocken auf das (wahrgenommene) Geschlecht

reduziert zu werden? Es ist wirklich schade, dass

Frauen* entweder gar nicht erst mit dem Zocken

beginnen oder durch neutrale Usernamen und

stummgestellte Chats dem Sexismus ausweichen

müssen. Außerdem gibt es wissenschaftlich

keine Beweise dafür, dass Frauen* grundsätzlich

schlechter spielen, nur mal zur Klarstellung.

Das, was es gibt, sind Vorurteile von männlichen

Spielern* über die Leistungsfähigkeit von Frauen*.

Aber sowas kennen wir ja nicht nur aus dem

Gaming, oder?

© Zoe Opratko

52 / MIT / TECHNIK SCHARF /


© Disney | Foto: Johan Persson

Original graphics designed by Dewynters, London

EIN MUSICAL VON

MICHAEL KUNZE & SYLVESTER LEVAY

REGIE: FRANCESCA ZAMBELLO

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KULTURA NEWS

Klappe zu und Vorhang auf!

Von Nada El-Azar-Chekh

MEINUNG

Je suis Rushdie

Vor gut einem Jahr veröffentlichte ich

nach der Enthauptung des Lehrers

Samuel Paty einen Kommentar, der ein

Plädoyer für Mohamed-Karikaturen war.

Denn eine Zeichnung kann und sollte

niemals in einem Mord enden. „Schreibe

nichts mehr über den Islam, sonst

endest du noch wie Salman Rushdie“,

lautete die Warnung meines Vaters

damals. Einige Reaktionen auf die

jüngste Messerattacke auf Rushdie im

August sorgten bei mir für Kopfschütteln:

Von angeblich „fehlenden Tatmotiven“

(Da war doch etwas von wegen Fatwa?)

bis hin zur Rechtfertigung der Attacke

wegen „Islamophobie“ war alles dabei.

Es ist immer noch erschreckend, wie

wenig über eine derartige Gewaltbereitschaft

in der islamischen Welt gegen

„Provokateure“ wie Rushdie diskutiert

wird – es mangelt wie häufig an Selbstkritik.

Mehrere Übersetzer von Rushdies

„Satanischen Versen“ wurden schon

ermordet – der Autor selbst lebte seit der

Bucherscheinung 1989 lange Zeit unter

Polizeischutz. Dabei hat die Mehrheit der

Fanatiker die „Satanischen Verse“ nicht

einmal gelesen. Auch zeitgenössische

Kritiker leben gefährlich: Lale Gül, Hamed

Abdel Samad, Seyran Ateş oder Abdel

Hakim Ourghi. Diese Menschen haben

alle etwas gemeinsam. Berechtigte Kritik

wird als islamophob verunglimpft und die

Kritiker selbst an den Pranger gestellt.

el-azar@dasbiber.at

Sonne

Die drei Freundinnen Nati, Bella und

Yesmin nehmen aus Spaß ein Video

auf, in denen sie in Hijabs twerken

und „Losing My Religion“ covern.

Das Video geht viral, insbesondere

bei der kurdischen Community in

Wien. Yesmin, die einzige Kurdin in

der Gruppe, distanziert sich immer mehr, während

ihre Freundinnen vom Fame getrieben weiter

in die fremde Community hineingezogen werden.

Die Katastrophe lässt nicht lange auf sich warten.

Kurdwin Ayubs Spielfilmdebüt wurde gleich mehrfach

ausgezeichnet, unter anderem als bester Erstlingsfilm

auf der Berlinale 2022.

Ab 9. September 2022 in den österreichischen

Kinos.

Ausstellungstipp

KOLLABORATIONEN

Die Frage nach der Zukunft des gesellschaftlichen

Zusammenlebens ist in

Krisenzeiten besonders virulent. Das

Mumok richtet in der Schau „Kollaborationen“

den Blick auf künstlerische

Kollektive und ihre Arbeit sowie auf

punktuelle Zusammenschlüsse in

der Kunstwelt. Die in der Ausstellung

gezeigten Arbeiten reflektieren die

Wechselwirkungen zwischen Kunst

und unterschiedlichen Einheiten in der

Gesellschaft, von der Paarbeziehung,

der Familie, bis hin zur Allverbundenheit.

Mit Werken von Marina Abramović

& Ulay, Valie Export, Yoko Ono, Heimo

Zobel und vielen mehr.

Bis 6. November 2022 zu sehen.

Buch-Tipp:

Camera

Obscura

Ob von Sehnsucht nach der Fremde

getrieben oder von ihr übermannt –

beides spiegelt sich in einer Erzählung

voller Widrigkeiten und Möglichkeiten,

die sich im Roman Camera Obscura

zwischen Kleinasien und dem Balkan

bewegt. Ein schiffbrüchiges Romaquartett

strandet in der dalmatischen

Kleinstadt Suha Vrata. Kurzerhand stellen

die Neuankömmlinge nicht nur das

pittoreske Örtchen auf den Kopf. Ihr

frischer Wind wird einen Stein ins Rollen

bringen, der den Leser / die Leserin

durch die Irrungen und Wirrungen der

menschlichen Seele bis hin zu einem

ungeahnten Verbundenheitsgefühl

führt. Fremde und Heimat aus einer

neuen Warte. Ein spannendes Romandebüt

von Thomas Örs Szabo.

Verlag Bibliothek der Provinz,

H ardcover, 28 Euro

© Christoph Liebentritt, Stadtkino Filmverleih, Ulay, Marina Abramović, Gerhard Gepp, SpielBAR Ensemble

54 / KULTURA /


3 FRAGEN AN…

DENISE TEIPEL

Denise Teipel (*1985) ist Co-

Leiterin des SpielBar Ensemble,

das es seit 2015 gibt. Für das

Projekt „Live – a deconstructed

performance“ schlüpfen sie und

Schauspielkollegin Christina

Maria Ablinger in die Rolle von

perfekten Influencerinnen, die

den Insta-Traum leben.

BIBER: Du hast einen Fake-Insta-Account

als dein Alter-Ego Nadine (@nadine_loves_it)

aufgebaut und dein Aussehen mit Filtern

stark verändert. Wie ging es dir mit diesem

neuen Selbstbild?

DENISE TEIPEL: Sehr eigenartig. Diese Filter sind ja schon

so konzipiert, dass man da irgendwie Gefallen dran findet.

Aber ich finde generell, dass es etwas Entmenschlichtes hat.

Die Selfies entsprechen einem Schönheitsideal in Richtung

Künstlichkeit und Übertreibung, fast schon in Richtung

Karikatur. Und ich habe im Prozess gemerkt, wie unglaublich

bearbeitet alles ist, was man auf Instagram sieht. Dafür

erkenne ich jetzt viel besser, wo geschummelt

wurde.

Was faszinierte euch so sehr an Influencern?

Sie sind gleichzeitig die Popstars und

Lachnummern unserer Zeit. Die meisten

Menschen finden sie irgendwie doof, folgen

ihnen aber trotzdem. Das finde ich sehr

spannend und das zeigt auch die Anziehung

und Attraktivität dieses Konzepts. Sie

sind Werbeflächen, Unterhaltungsplattform

und Informationsquelle, bündeln also viel,

was unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Die Proben wurden coronabedingt aufgeschoben.

Welche Rolle spielten die

Lockdowns für euer Influencer-Dasein auf

Instagram?

Wir haben die Figuren im Vorfeld auf Instagram

kreiert und ihre Accounts mit Content

befüllt. Instagram lebt durch ständiges

Füttern und durch die Verschiebungen

standen diese zwei Charaktere, Nadine und Céline, nun einfach

so behauptet da. Aber es kommt noch einiges, das dann in der

Live-Performance seinen Höhepunkt haben wird. Wir freuen

uns jedenfalls, dass diese zwei Charaktere nun endlich ihre

eigentliche Bestimmung erfüllen können.

Premiere: 30. September, 20 Uhr im Spektakel (Hamburgerstraße

14)

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W I D E R S T A N D

IM ZEICHEN DER

T E I G T A S C H E

Vom „chinesischen Virus“ über die Teigtascherlmafia bis hin zum Stereotyp der

unterwürfigen Asiatin: Die Gründer*innen des Magazins „Perilla“ haben genug von

Vorurteilen gegen ihre Community. Bei der diesjährigen Wienwoche rufen sie deshalb

andere dazu auf, gegen Rassismus und für mehr Sichtbarkeit zu schreiben. Über

Corona als Katalysator, fehlende Repräsentation und den Generationenumbruch.

Von Nada El-Azar-Chekh, Fotos: Franziska Liehl

56 / KULTURA /


Rassismus gegen asiatische Menschen ist, meiner

Meinung nach, so viel unsichtbarer, da es sehr

viel positiven Rassismus gegen sie gibt“, sagt Noo

Poravee. „Wir sind fleißig, still, brav... Deshalb wird es nicht

so ernst genommen und ist nicht so präsent. Das führt dazu,

dass es Außenstehenden nicht so bewusst ist, dass diese

Vorurteile eigentlich Schaden anrichten. Vieles wird unter

den Teppich gekehrt.“ Noo studierte Kultur- und Sozialanthropologie

und ist eine der Gründer*innen des Zines „Perilla“,

welches seit Oktober 2020 die Sichtbarmachung asiatischer

Menschen in Österreich zur Mission hat. „Perilla“ ist dabei die

Bezeichnung für eine Pflanze, die in verschiedenen asiatischen

Küchen verwendet wird und auch unter dem Namen

Shiso bekannt ist.

Im Innenhof des Restaurants „Asia Garten“ im 18. Bezirk

unterhalte ich mich mit den „Perillas“, wie sie sich nennen,

über ihr Projekt „Feeling of a Dumpling“, das bei der diesjährigen

Wienwoche anläuft. Außer Noo Poravee mit in der

Runde: Die chinesischstämmige Filmemacherin Weina Zhao,

die japanisch-österreichische Künstlerin Maiko Sakurai, die

koreanisch-deutsche Performerin Susanne Songi Griem und

der koreanischstämmige Musiker* Pete Prison IV. Sie alle

verbindet nicht nur das Magazin Perilla, sondern auch der

gemeinsame Wunsch, endlich die Probleme ansprechen zu

können, welche ihre Elterngeneration lange verschwiegen

hat. Für die Wienwoche starteten die Perillas einen Aufruf an

alle Menschen, die sich zur asiatischen Community zugehörig

fühlen, bei einer gemeinsamen Schreibsession über Themen

wie Rassismus, Identität und Vergangenheitsbewältigung zu

reflektieren. „Der anti-asiatische Rassismus, der zu Corona-

Zeiten begonnen hat, war ein großer Auslöser dafür, warum

Perilla sich gegründet hat. Vor allem auch, weil es noch viel

zu wenig Sichtbarkeit im künstlerisch-politischen Rahmen

gibt“, so Pete Prison IV. Noo Poravee pflichtet bei: „Es geht

nicht nur darum, auf anti-asiatischen Rassismus aufmerksam

zu machen. Das Magazin soll auch eine Plattform sein, um

Musiker* Pete Prison IV

ist eine Häflte des Wiener

Noise-Duos „Bosna“.

Für Noo Poravee war Schreiben

schon immer ein Ventil.

sich zu vernetzen. Bislang gab es in dieser Form keine Möglichkeit,

eine Community zu bilden.“

IN EINEN TOPF GEWORFEN

„Für die erste Generation gibt es ja Mai Ling‘“, so Pete Prison

IV. Das Kollektiv Mai Ling, das sich künstlerisch mit Diskriminierungsformen

asiatisch gelesener Menschen auseinandersetzt,

gibt es seit 2019. Der Name ist angelehnt an einen

1979 ausgestrahlten Sketch des bairischen Kabarettisten

Gerald Polt, in dem eine fiktive Frau namens Mai Ling vorgestellt

wird, inklusive aller gängigen, fernöstlichen Stereotypen:

Sie ist unterwürfig, reinlich, trägt einen japanischen Kimono,

obwohl sie aus Bangkok kommt, und kocht dabei traditionell

chinesisch. Die Ambiguität ihrer Herkunft unterstreicht, wie

Menschen aus asiatischen Ländern trotz kultureller Unterschiede

in einen Topf geworfen werden. „Bis es Mai Ling gab,

fehlte sowieso eine politisch organisierte Community. Kulturelle

oder religiöse Vereinigungen existierten zwar, aber ich

habe beispielsweise bei chinesischen Studierendenvereinigungen

gemerkt, dass sie sehr auf Kulturvermittlung, Freundschaft

und Party setzen, statt negative Aspekte unserer

Lebensrealität in Österreich anzusprechen“, so Weina Zhao.

„Nun sind wir Perillas alle schon aus der zweiten Generation,

und wollten uns auch zusammenfinden“, so Pete.

Bekannt ist der Musiker* einigen sicherlich als eine Hälfte

des Wiener Noise-Duos Bosna. Die Nummer 4 im Künstlernamen

ist eigentlich als Unglückszahl im ostasiatischen Raum

verbreitet – ähnlich wie hierzulande die Nummer 13. „Sitzreihen,

Stockwerke, Hausnummern gibt es mit der Nummer 4

nicht. Oft steht statt einer 4 der Buchstabe F, für ‚Floor‘, oder

es gibt keine Nummerierung“, erklärt Pete. Weina Zhao fügt

hinzu: „Das chinesische Zeichen für ‚Tod‘ wird gleich ausgesprochen

wie die Zahl 4, und in Japan, wo noch Kanji-Zeichen

in der Schrift verwendet werden, sehen die Zeichen auch

ähnlich aus.“

/ KULTURA / 57


all dem, was geschehen ist, politisch gar nicht mehr sicher

fühlen.“

Filmemacherin Weina Zhao

beklagt, wie sehr asiatische

Menschen im Film und

Journalismus noch immer fehlen.

BÖSE BLICKE

Zurück ins Jahr 2020: Ausgehend vom chinesischen Wuhan

verbreitet sich das neuartige Coronavirus rasch auf der ganzen

Welt. Der damalige US-Präsident Donald Trump sprach

medienwirksam über „das chinesische Virus“, das Covid-19

auslöst. Für die Künstlerin und Schmuckdesignerin Maiko

Sakurai, die eine japanische Mutter hat, war dies ein prägendes

Jahr. „Meine Mutter, die grundsätzlich immer von sich

behauptet hat, dass sie nie Rassismus in Österreich erlebt

hat, hat sich zum ersten Mal zu Coronazeiten dazu geäußert.

Sie meinte, man könne ja nicht einmal mehr in der U-Bahn

husten oder niesen, vor allem, wenn man so aussieht wie ich.

Das hat mich sehr überrascht. Ich dachte, endlich kommt von

ihr diese Feststellung!“ Kollektives Nicken bei den Perillas.

Weina Zhao, deren Eltern aus China mit ihr nach Österreich

migrierten, als sie drei Jahre alt war, bestätigt: „Bei

älteren Freundinnen meiner Mama ist es erstmals seit Covid

so gewesen, dass sie überhaupt darüber sprachen, wie sie

auf der Straße angefeindet werden. Ich kenne eigentlich keine

asiatisch gelesene Person, die nicht im ersten Coronajahr

Rassismus erlebt hat.“ Sie erzählt von Situationen, in denen

asiatischen Menschen auf der Straße ausgewichen wurde,

böse Blicke zugeworfen worden sind oder in ihrer Nähe die

Luft angehalten wurde. Zhao produzierte „Weiyena – Ein Heimatfilm“,

der im Jahr 2020 erschienen ist und sich mit ihrer

persönlichen Familiengeschichte auseinandersetzt. Für die

filmische Aufarbeitung der Migration ihrer Eltern aus Peking

nach Österreich sowie des Schicksals ihrer Großeltern, das

stark von traumatischen Erlebnissen während der Kulturrevolution

in China ab Mitte der 60er Jahre geprägt ist, wurde

ihr bei der diesjährigen Diagonale der Franz-Grabner Preis

für die beste dokumentarische Kinoarbeit verliehen. Weina

wurde nach der österreichischen Hauptstadt Wien benannt.

„Sie wollten in erster Linie eine bessere Zukunft für mich und

möchten gar nicht mehr zurück nach China, weil sie sich nach

„WIR MÖCHTEN EINEN DRAHT ZU

LEUTEN AUFBAUEN, DIE NICHT IN DER

KULTURSZENE SIND.“

Bevor Weina zu ihrem nächsten Termin aufbricht, überreicht

sie Susanne Songi Griem und Maiko Sakurai ein wenig Kleidung,

die sie nicht mehr benötigt. Die beiden nähen an einem

Textilobjekt, das während der Schreibsessions zu „Feeling of

a Dumpling“ ausgestellt werden soll. Was es genau wird, können

die beiden noch nicht verraten – außer, dass es gigantisch

sein wird. Die Schreibsessions werden eben hier, im Asia

Garten, stattfinden und werden musikalisch mit Improvisationen

von Pete Prison IV untermalt. „Wir kommen alle irgendwie

aus der Kulturszene und möchten unbedingt einen Draht

zu Leuten aufbauen, die es nicht sind. Eigentlich möchten wir

alles so niederschwellig halten, wie es nur geht“, so Pete. Der

Asia Garten als Austragungsort ist einerseits eine heimelige

Verbindung für viele Menschen, die in den Restaurants ihrer

Eltern aufgewachsen sind, und spielt andererseits wieder

auf die Causa Teigtascherlmafia an, die namensgebend für

das Projekt war. Im Sommer des Jahres 2019 machten die

Schlagzeilen einer illegalen Teigtaschenfabrik, die sechs Chinesen

in einer Wiener Wohnung betrieben hatten, die Runde.

Als Folge kontrollierte die Finanzpolizei gezielt asiatische

Lokale. „Wir wollten auch Tribut an die vielen Menschen aus

der ersten Generation zollen, die sich in der Gastronomie

etwas aufgebaut haben, weil es oft keine andere Möglichkeit

für sie gab, hier zu arbeiten“, so Maiko Sakurai.

DIE DIASPORA FEHLT – IM FILM, UND

AUCH IM JOURNALISMUS

Doch es gab auch Entwicklungen in den letzten Jahren, die

Maiko Sakurai konnte zuhause

lange nicht über Rassismus

sprechen. Dies hat sich seit

Corona geändert.

58 / KULTURA /


Susanne Songi Griem arbeitet

als Tänzerin seit letztem Jahr

regelmäßig mit Pete Prison IV.

man als gemeinhin positiv wahrnehmen kann. So haben etwa

Elemente aus der koreanischen Popkultur mit dem internationalen

Erfolg von Filmen und Serien wie „Parasite“ oder „Squid

Game“ sowie der steigenden Beliebtheit von K-Popbands wie

BTS oder Blackpink längst in der globalisierten Welt Eingang

gefunden. Nicht umsonst kocht man auf Tiktok jetzt Spaghetti

mit Gochujang-Paste, oder steht Schlange, wenn im Westen

Streetfoodlokale mit koreanischen Corn-Dogs und Tteokbokki

ihre Tore öffnen.

Für Weina Zhao als Filmemacherin gibt es trotzdem noch

einiges, was sich in der Repräsentation asiatischer Menschen

ändern muss. „Einerseits kommen diese koreanischen

Produktionen allmählich hier an, aber es ist für mich sehr

prägnant, dass asiatische Menschen sonst einfach fehlen, im

Sinne der diasporischen Darstellung. Im englischsprachigen

Raum hat man da begonnen, umzudenken, beziehungsweise

gibt es immer mehr diasporische Filmemacher, die ihre eigenen

Erfahrungen verarbeiten. ‚The Farewell‘ von Regisseurin

Lulu Wang, in der es um die Rückkehr einer Diaspora-Chinesin

aus den USA in das ihr völlig fremde China geht, ist ein

gutes Beispiel dafür. Auch im Journalismus wird überwiegend

über die asiatische Community geschrieben, anstatt dass

sie selbst zu Wort kommen. Und sie kommen oft auch nicht

weiter als Massagesalons und China-Restaurants – das ist das

Ergebnis einer langen Recherche und es gibt wirklich nichts

anderes.“ ●

Die Wienwoche findet vom 16.–25. September 2022 statt.

OPEN CALL:

Du fühlst dich zur asiatischen Diaspora

dazugehörig und möchtest an den Schreibsessions

teilnehmen? Dann registriere dich

bis 15. September unter

teigtaschenprotest@gmail.com

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Unser Kolumnist Jad Turjman ist am

29. Juli beim Bergsteigen tödlich

verunglückt.

Jad war ein Ausnahmeschriftsteller. Er

war ein Multi-Talent. Er verfasste Gedichte,

schrieb Romane, tüftelte an seinem

Stand-Up-Programm. Aja, Workshops

mit Jugendlichen hat er auch geleitet.

Er war Sozialarbeiter und Spaßvogel in

Personalunion. Mit seiner umtriebigen Art

berührte er viele Menschen. Unter ihnen

ist auch der ägyptisch-stämmige ORF-

Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary,

der den folgenden Nachruf verfasst hat.

© Christoph Liebentritt


In Memoriam

JAD TURJMAN

Ein Nachruf von Karim El-Gawhary.

Jad Turjman wird an dieser Stelle

keine scharfsinnige Kolumne

mehr schreiben, weder wie einst

als Flüchtling noch wie zuletzt als Neo-

Österreicher. Er ist am 29. Juli 2022 bei

einer Bergwanderung in den bayrischen

Alpen tödlich verunglückt.

Für mich war die Nachricht seines

Todes wie ein Schlag in die Magengrube.

Jad war ein „syrischer Hans-Dampf-inallen-österreichischen-Gassen“.

Das

macht den Schmerz über seinen Verlust

umso größer, der in der Frage kulminiert,

was hätte er noch alles angepackt?

Als er nach seiner Flucht aus

Damaskus 2015 zufällig in Österreich

landete, da ahnte noch niemand, was

für eine Bereicherung dieser junge

Mann sein würde: Österreich, Salzburg,

seine Freunde, sie alle haben ein Stück

Reichtum verloren, das ihnen vor sieben

Jahren zufällig geschenkt wurde, weil

jemand in seiner ursprünglichen Heimat

keinen Platz mehr hatte.

Wer schreibt schon innerhalb von

drei Jahren drei Bücher, in einer ihm

völlig neuen Sprache. Zunächst erzählte

er in „Wenn der Jasmin auswandert“

von seiner Flucht, zuletzt berichtete er in

„Wenn der Jasmin Wurzeln schlägt“, das

dieser Tage erscheint, von seinen österreichischen

Erfahrungen. Aber das war

ihm nicht genug. Er trat als Stand-up-

Comedian auf, gab unzählige Interviews

in österreichischen Medien und schrieb

Kolumnen, wie an dieser Stelle. Er war

einfach nicht zu bremsen.

Ich hatte ihn 2018 kennengelernt.

Wir wurden Freunde, trafen uns

gelegentlich in Österreich. Meist aber

schickten wir uns Handy-Nachrichten.

Er schickte Videos seiner ersten sehr

passablen Skifahr-Versuche, er wollte

einfach nichts auslassen. Es folgte ein

Foto von sich. Darauf trägt er ein weißes

T-Shirt mit der Aufschrift: „Herr Flüchtling“

und fragte: „Gefällt es dir, mein

Freund?“ Es ärgerte ihn immer wieder,

wenn er nur in der Kategorie „Flüchtling“

wahrgenommen wurde.

Aber er philosophierte auch über

seinen Erfolg: „Du bist jetzt eine kleine

Berühmtheit und kein Flüchtling mehr“,

zitierte er einen Fernsehredakteur. Die

Frage bedrückte ihn. Er wolle sich nicht

von den Menschen abheben, die dasselbe

Schicksal mit ihm teilten und die dafür

deklassiert würden.

Einmal fragte er mich, welchen Titel

er seinem neuen Stand-up-Comedy-

Programm geben solle. Am Ende wählte

er den Titel „Flüchtling Ihres Vertrauens“.

Dann schickte er eine wunderbare Szene

aus seinem Programm. „Um Klartext

zu reden“, sagt er, während er da in

weißem Hemd mit Mikrofon in der Hand

ganz allein auf der Bühne steht, „ich bin

nicht gekommen, weil es Krieg, Bombardierungen

und Verfolgung gab. Das kann

doch jeder. Ich bin geflüchtet, damit ich

den Österreichern die Arbeit wegnehme.“

Das Publikum lachte.

Bald danach schickte er mir den Text

einer Kolumne, die er verfasst hatte. „Ich

habe das Privileg, von zwei verschiedenen

Kulturen zu profitieren. Denn genau

diese Unterschiede machen das Leben

bunt und bereichernd. Je mehr Menschen

ich kennenlerne, die anders sind

als ich, umso schärfer wird mein Blick

auf die Wirklichkeit,“ schrieb er dort. Wie

immer brillant, hatte er einfach kurz mal

auch meine eigene Wirklichkeit zusammengefasst

und die so vieler anderer, die

unter dem Unwort „mit Migrationshintergrund“

zusammengefasst werden.

Im Februar 2021 schickte er mir

ein Video, das ihn beim Ski-Langlaufen

durch einen verschneiten Wald zeigt.

Sein Kommentar dazu: „Skifahren ist

abgehakt, her mit der Staatsbürgerschaft.“

Vier Monate später schickte er

die eingescannte Urkunde der Verleihung

dergleichen. „Ich habe die Staatsbürgerschaft

entwertet“, lautete seine ironische

Anmerkung dazu.

Am Ende wurde Jad vom Tod ausgebremst.

Man möchte sich gar nicht

ausdenken, was von ihm noch alles

ausgegangen wäre. Doch das Gefühl des

Gewinns, das er ein kurzes Stück seiner

Wegstrecke mit uns allen geteilt hat,

ist stärker. Wenn die Ägypter ihr Beileid

ausdrücken, sagen sie. „Al-Baqia fi Hayatak“

– zu Deutsch: „Möge das, was von

ihm übrig ist, in deinem Leben verweilen.“

Ich bin zuversichtlich, dass es so

sein wird, nicht nur bei mir, sondern auch

bei vielen anderen.

Der Jasmin ist ausgewandert, hat

Wurzeln geschlagen und nun ist er

fortgegangen. Aber sein Duft wird noch

lange in der Luft unserer Erinnerung

hängenbleiben. Jad Turjman wurde 32

Jahre alt. ●

Karim El-Gawhary ist Nahostkorrespondent

und Leiter des ORF-Büros in Kairo.

Er war ein Freund und Wegbegleiter

von Jad und schrieb das Vorwort für

seinen ersten Roman „Wenn der Jasmin

auswandert“.

/ NACHRUF / 61


Jad ist zwar nicht mehr hier, aber durch seine Texte wird er in der biber-Redaktion ewig leben. Hier wollen wir dir,

Jad, noch einmal die Ehre erweisen. Adieu, Selam, du gute Seele. Danke für all die lustigen Texte aus deiner Feder.

So wie folgenden von Oktober 2020, der uns immer in Erinnerung bleiben wird. Ruhe in Frieden.

ICH BIN EIN SYRER. ABER EIGENTLICH BIN ICH

ALBANER. ABER VIELLEICHT BIN ICH TÜRKE.

Vor einer Woche war ich mit Freunden bei

einem syrischen Bekannten und seiner Familie

zum Essen eingeladen. Nach dem üppigen

und bunten Abendessen servierte er uns eine

Nachspeise mit Mokka. Ich naschte ein kleines

Stück Baklava und eine langsam wachsende

Enttäuschung bahnte sich in meinem

Inneren an. Es schmeckte zu süß und fast faulig.

„Das hast du sicher beim Türken gekauft,

oder? Das ist keine Baklava! Wer noch keine

Baklava aus Damaskus gegessen hat, hat die

Hälfte seines Lebens verloren!”, protestierte

Von Jad Turjman,

im Oktober 2020

Griechen, Armenier, Somalier, Iraker und

Palästinenser. Ich habe mich mit dem Leben

dieser Menschen nie bewusst auseinandergesetzt.

Es schien mir, dass es niemanden

interessieren würde, über das Thema

Heimat, Exil oder Zugehörigkeit zu reden. Im

Nachhinein finde ich das schade. Aber auf

der anderen Seite erlebte ich in Damaskus

nie eine Integrationsdebatte oder überhebliche

Anpassungsanforderungen an eine

bestimmte Kultur. Damaskus und Syrien

waren ein Mosaik-Kunstwerk. Die Armenier

ich. Unser Gastgeber schaute mich kurz nachdenklich

an, lächelte spöttisch und sagte: „Ich habe diese Baklava

direkt aus Damaskus geschenkt bekommen.” Dann zeigte

er mir die Verpackung mit der Aufschrift eines Spezialitätengeschäftes

in Damaskus. Nach dem Abend blieb

mir eine Frage für einige Tage im Kopf hängen: Warum

hat der Heimatort für mich und für viele Menschen, die

ihre Heimat verlassen mussten, einen Stellenwert, der

fast ideal und heilig ist?

Als ich vor sechs Jahren nach Österreich kam,

dachte ich jeden Tag in der Früh an Damaskus. Ich litt

an einer Krankheit namens Sehnsucht. Ich wusste nicht,

dass ein Exilmensch so viel an seine Heimat, die man

ihm verboten hat, denken kann. Wenn mich damals

jemand gefragt hat: „Willst du zurück nach Syrien gehen,

wenn der Krieg vorbei ist?“, war meine Antwort eindeutig:

„Ja.“ Und jedes Mal, wenn ich mit meiner Familie

in Damaskus telefonierte, haben sie meine Wünsche

zurückzukehren heftig und verständnislos kritisiert: „Was

willst du da machen? Alle jungen Männer sehnen sich

danach auszuwandern und diese Hölle zu verlassen und

du willst zurück?”

Flucht und Migration sind eine uralte Realität, über

die unzählige Romane, Gedichte und Odysseen geschrieben

wurden. Als ich noch in Syrien lebte, traf ich täglich

auf Menschen mit Flucht- oder Migrationshintergrund.

Aus heutiger Sicht irritiert mich meine damals fehlende

Sensibilität und mein geringes Verständnis für diese

Menschen. Syrien, wie es die amerikanische Sozialanthropologin

Dawn Charry bezeichnet, ist ein Asylstaat.

In Syrien leben seit Generationen Circassianer, Albaner,

z. B. pflegen sorgfältig das Erlernen ihrer Sprache und

ihrer Traditionen und sie sind mittlerweile bewundernswerterweise

ein Teil von Syrien. Mein 98-jähriger Opa

hat mir bei unserem letzten Telefonat offenbart, dass

sein Großvater aus Albanien stammte. Er war im Ersten

Balkankrieg (1912/1913) nach Syrien geflohen. Und jetzt

lebe ich, sein Ururenkelkind, in Österreich und fühle mich

beheimatet. Vielleicht ist mein Uropa selbst aus Syrien

gewesen und wurde von den Osmanen zwangsweise

zum Krieg nach Europa mitgeschleppt? Immerhin war

Syrien 400 Jahre lang Teil des Osmanischen Reiches.

Wenn ich heute gefragt werde: „Willst du zurück

nach Syrien, wenn keine Gefahr mehr für dich besteht?“,

komme ich ins Zögern. Meine emotionale Verbindung mit

dem Land hat sich langsam abgeschwächt. Ich wüsste

nicht, was ich dort machen würde. Mein Leben ist jetzt in

Österreich. Meine Freunde, Arbeit und Zukunft sind da.

Ich denke, wenn ich wieder nach Syrien muss, wäre das

für mich eine erneute Flucht.

Ich weiß auch nicht, wie ich Heimat definieren kann.

Es gibt viele Sätze, die besagen, was Heimat ist. Ich bin

aber der Überzeugung, dass wir Heimat nicht mit einem

Aspekt, Wort oder Gefühl beschreiben können. Wenn ich

an Heimat denke, flimmern vor meinen Augen verschiedene

Bilder: meine Mutter, mein erstes Fahrrad, der Duft

von Jasmin; aber auch der See in Mattsee, mein österreichischer

Bruder Moritz und die deutsche Sprache.

Ich fühle mich weder wie ein Syrer noch wie ein

Österreicher. Vielleicht fühle ich beides. Keine Ahnung.

Aber ich fühle mich auf jeden Fall wie ein Erdbewohner

mit menschlichem Hintergrund.

Robert Herbe

62 / MIT SCHARF /


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